Julia Herzensbrecher Band 69

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  • Erscheinungstag 18.04.2026
  • Bandnummer 69
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540643
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Janelle Denison, Cathy McDavid, Tanya Michaels

JULIA Herzensbrecher BAND 69

Janelle Denison

PROLOG

Tyler Whitmore wusste sofort, dass das gefährliche Funkeln in den Augen seines Halbbruders Boyd nichts Gutes verhieß. Boyd hasste Tyler und nutzte seit ihrer Kindheit jede Gelegenheit, um ihn das spüren zu lassen.

Tyler ging an Boyd vorbei und wandte sich an seinen Stiefvater Landon Whitmore – den Mann, der ihn großgezogen hatte und ihn liebte wie seinen eigenen Sohn. Landon gehörte die Ranch, die er zusammen mit seinem leiblichen Sohn Boyd und Tyler, seinem Stiefsohn, führte. „Du wolltest mich sprechen, Landon?“

Das Gesicht des älteren Mannes strahlte Entschlossenheit aus. „Es tut mir leid, mein Junge, aber ich muss dein Reining-Unternehmen stoppen.“

Tyler war im ersten Moment sprachlos. Seit drei Jahren kümmerte er sich um Aufzucht, Training und Verkauf von Reining-Pferden auf Whitmore Acres. Das war eine neue Herausforderung für ihn gewesen, da die Ranch bisher nur Quarter Horses gezüchtet und Cutting-Veranstaltungen unter Boyds Leitung durchgeführt hatte. Das Reining-Unternehmen lief sehr gut, und Tyler verstand deshalb nicht, weshalb er es beenden sollte. „Aber Landon, ich …“

Der ältere Mann atmete tief durch und sah Tyler müde an. „Boyd ist der Meinung, wir würden durch dein Reining-Unternehmen viel Geld verlieren.“

„Das ist absoluter Unsinn!“, widersprach Tyler ärgerlich. „Wie können wir Geld verlieren, wenn ich mit dem Verkauf jedes meiner Pferde guten Profit mache?“

„Deine Kosten übersteigen leider den Profit, mein Junge.“ Landon wies auf die Bücher, die die Bilanz des Unternehmens aufwiesen. „Der Verlust ist höher als der Gewinn. Und allein durch das Cutting können wir nicht beide Unternehmen finanzieren.“

Tyler biss die Zähne zusammen und blickte hinüber zu Boyd, der in dem kleinen Büroraum lässig am Aktenschrank lehnte. Als Landon sich vor zwei Jahren zurückgezogen hatte, hatte er die Verantwortung über die Finanzen der Ranch Boyd übertragen. Tyler kannte dessen ausschweifenden Lebensstil nur zu gut – seine Trinkeskapaden, Spielsucht und Frauengeschichten –, und ihm war sofort klar, dass Boyd die durch das Reining erzielten Gewinne hinter Landons Rücken in seine eigene Tasche wandern ließ. Doch Tyler hatte keine Beweise dafür, da Boyd clever genug war, die Zahlen so zu seinen Gunsten zu manipulieren, dass man ihm nichts anhängen konnte.

„Vielleicht solltest du mal ein Auge auf denjenigen werfen, der die Finanzen regelt“, sagte Tyler deshalb aufgebracht.

„Du willst mir doch nicht etwas unterstellen, Brüderchen?“, fragte Boyd spöttisch.

Tyler erwiderte zornig seinen Blick. „Genau das will ich. Und zwar, dass du einen Großteil meiner Gewinne unterschlagen hast, um deine eigenen Verluste damit auszugleichen.“

Jetzt verfinsterte sich Boyds Miene. Er trat auf Tyler zu und sah ihn drohend an. „Das ist eine schlimme Anschuldigung und außerdem eine unverschämte Beleidigung.“

„Du bist wohl erst zufrieden, wenn du mich richtig fertiggemacht hast, stimmt’s?“, entgegnete Tyler zynisch. „Wenn du mir alles genommen hast, was mir im Leben wichtig ist.“

So ging das schon seit dreiundzwanzig Jahren. Schon seit ihrer Kindheit machte Boyd sich einen bösen Spaß daraus, Tyler Dinge, die ihm wichtig waren, wegzunehmen oder zu zerstören. Weshalb hätte es diesmal anders sein sollen? Und die Tatsache, dass Landon Boyd auch noch glaubte, machte Tyler umso wütender.

„Ich glaube, du nimmst die ganze Sache zu persönlich, Brüderchen“, entgegnete Boyd gelassen. „Was kann ich dafür, dass dein Reining-Unternehmen ein Flop ist? Schließlich können wir nicht zulassen, dass du damit die Ranch ruinierst, oder?“

Nun verlor Tyler vollends die Beherrschung, packte Boyd am Hemd und drückte ihn zornig gegen die Wand. Boyd wehrte sich jedoch nicht, sondern blickte Tyler nur spöttisch an, um vor Landon als der „saubere Junge“, dazustehen. Tyler merkte das sofort und wurde noch wütender. „Du verdammter Mistkerl! Du weißt genau, dass mein Reining-Unternehmen gut läuft!“

„Jetzt ist aber Schluss!“ Landon war aufgestanden und schob die beiden energisch auseinander. „Ein solches Benehmen dulde ich nicht, Tyler!“

Doch Tyler war nun so wütend, dass er sich nicht mehr zurückhalten konnte. „Das Reining-Unternehmen gehört mir!“, schrie er völlig außer sich. „Und ich denke nicht daran, es aufzugeben!“

Landons Gesicht wurde rot vor Zorn. „Dir wird nichts anderes übrig bleiben, Tyler. Ich verbiete dir, damit weiterzumachen, und damit basta!“

Tyler sah ihn sekundenlang fassungslos an, dann drehte er sich um und verließ den Raum. Boyd folgte Tyler hinaus auf die Veranda und grinste triumphierend.

„Was für ein Glück, dass Landon mich zu seinem Nachfolger gemacht hat und nicht dich! Du bist nichts weiter als ein verdammter Bastard, den unsere Mutter Landon aufgebürdet hat, als sie ihn verlassen hat. Diese Ranch wird niemals dir gehören, weil kein Tropfen Whitmore-Blut in deinen Adern fließt.“ Boyd verzog den Mund zu einem zynischen, boshaften Lächeln. „Was wird wohl die süße Brianne dazu sagen, wenn sie erfährt, dass du das Reining aufgeben musst und sie deshalb nie die Ranch bekommen wird, die sie so gern hätte?“

Boyds Worte trafen Tyler wie Messerstiche. Er wollte Boyd entgegenhalten, dass Brianne mit ihm, Tyler, zusammen war, weil sie ihn liebte, und nicht, weil sie es auf die Ranch abgesehen hätte. Doch er brachte einfach kein Wort hervor. Zu stark war der Schmerz, den Boyd und Landon ihm zugefügt hatten. Und das Schlimmste daran war, dass Boyd sogar noch recht hatte. Ohne das Reining-Unternehmen besaß Tyler nichts, was er Brianne hätte bieten können. Dem Mädchen, das er liebte und das er von dessen ständig betrunkenem Vater befreien wollte.

Doch Landon hatte sich entschieden – für Boyd und gegen ihn, Tyler. Und deshalb musste er Whitmore Acres verlassen. In einer knappen Stunde hatte er seine wenigen Sachen gepackt und verließ ohne ein weiteres Wort die Ranch. Er würde sich irgendwo Arbeit als Reining-Trainer suchen und Landon beweisen, dass er ihm, Tyler, unrecht getan hatte.

Erst sechs Wochen später hatte Tyler sich so weit beruhigt, dass er daran dachte, nach Hause zurückzukehren, um sich mit Landon zu versöhnen und Brianne zu sich zu holen. Boyd hatte zwar gesagt, dass sie ihn, Tyler, nur der Sicherheit wegen, die Whitmore Acres ihr bieten konnte, heiraten wollte, aber Tyler glaubte das nicht.

Das Schicksal sollte ihn jedoch eines Besseren belehren. Genau an dem Tag, als er nach Hause gehen wollte, vorher jedoch noch in die Stadt zum Tanken fahren musste, teilte ihm der Tankwart mit, dass Brianne Boyd heiraten würde. Tyler, der zwar überzeugt war, dass dies nicht stimmte, fuhr dennoch zum Standesamt, wo die Trauung stattfinden sollte. Und dann sah er das Unglaubliche: Schon von der Straßenecke aus war zu erkennen, wie Boyd mit Brianne Hand in Hand aus dem Gebäude trat und sich von den Hochzeitsgästen beglückwünschen ließ.

In ihrem schlichten weißen Kleid und dem Blumenkranz im Haar wirkte Brianne blass und verletzlich, doch Tyler hatte keinen Blick dafür. Also hatte Boyd tatsächlich recht gehabt. Brianne hatte ihn, Tyler, nur der Ranch wegen heiraten wollen. Als er dann auch noch mit ansehen musste, wie Boyd die Braut triumphierend küsste, wurde Tyler von kalter Wut erfasst. Ja, er war der „Bastard“, der nicht hierhergehörte. Er hatte das Reining-Unternehmen, Landons Achtung und nun auch noch Brianne verloren. Es gab nichts mehr, was ihn noch auf Whitmore Acres hielt.

1. KAPITEL

„Wir versuchen schon seit sieben Jahren, Sie zu finden, Mr. Whitmore“, erklärte Mr. Hunter, ein Vertreter von Landons Anwalt Jed Wilkings, Tyler freundlich. „Da Sie nie für längere Zeit an einem Ort geblieben sind und auch keine Adresse hinterlassen haben, unter der man Sie hätte erreichen können, war es sehr schwierig, Ihren Aufenthaltsort herauszufinden. Aber nun hat es ja endlich geklappt, und ich kann Ihnen das hier überreichen.“

Er gab Tyler einen Umschlag, der von Jed Wilkings abgestempelt war. „Lesen Sie sich alles in Ruhe durch. Wenn Sie Fragen haben, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.“

Tyler zögerte einen Moment, bevor er den Umschlag entgegennahm. Wahrscheinlich hatte Landon beschlossen, ihn, Tyler, nach all den Jahren zu enterben, und das teilte er ihm nun in diesem Schreiben mit.

Tyler nahm das Blatt aus dem Umschlag und begann zu lesen. Es handelte sich um Landons Testament, in dem er Tyler Scott Whitmore zum gleichberechtigten Erben von Whitmore Acres erklärte!

Tyler schloss einen Moment die Augen und atmete tief durch. Landon lebte nicht mehr, und er, Tyler, hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, sich mit ihm auszusöhnen. Als Tyler schließlich weiterlas, stockte ihm der Atem. Auch Boyd war vor drei Jahren gestorben, und so war sein Anteil an der Ranch seiner Witwe Brianne Whitmore zugefallen. Tyler schüttelte fassungslos den Kopf. Welche Ironie des Schicksals! Brianne, das Mädchen, in das er damals unsterblich verliebt gewesen war und das ihn so schwer enttäuscht hatte, war nun rechtmäßige Mitbesitzerin von Whitmore Acres!

In diesem Moment wurde Tyler schmerzlich bewusst, dass er keine Familie mehr hatte. Landon und Boyd waren tot, und seine Eltern kannte Tyler nicht. Seine Mutter hatte die Familie verlassen, als er noch ein Baby gewesen war, und wer sein Vater war, wusste Tyler nicht. Er vermutete nur, dass es einer von Landons Rancharbeitern gewesen sein könnte, mit dem seine Mutter während ihrer ehe mit Landon geschlafen hatte. Nun gab es keinen Menschen mehr, der Tyler nahestand. Alles, was er besaß, war sein Truck mit Pferdeanhängern und die Quarterhorse-Stute Sweet Justice.

Tyler schob das Schreiben zurück in den Umschlag und sah Mr. Hunter an. „Und wie geht es jetzt weiter?“

„Sie müssen sich mit Mr. Wilkins in Verbindung setzen, um die Formalitäten zur Hinterlassenschaft ihres Stiefvaters zu erledigen. Danach wird Mr. Wilkins alle Beteiligten informieren.“

Nachdem Tyler Mr. Hunters Büro verlassen hatte, las er Landons Testament zum zweiten Mal. Trotz allem, was vor neun Jahren geschehen war, hatte Landon ihm die Hälfte von Whitmore Acres hinterlassen. Und er war nicht da gewesen, um Landon in seinen letzten Stunden beizustehen!

Tyler spürte, wie heftiger Schmerz ihn erfasste, doch er wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich mit Selbstvorwürfen zu quälen. Landon hatte ihm die Hälfte der Ranch hinterlassen, und er, Tyler, würde dieses Erbe würdigen und es zu einem florierenden Unternehmen ausbauen. Er würde seine Träume wahr machen, die Boyd vor neun Jahren kaltblütig zerstört hatte. Und er würde versuchen, die Dämonen der Vergangenheit zu besiegen.

Es war Zeit, nach Hause zu gehen – nach Whitmore Acres.

Brianne Whitmore richtete sich mit klopfendem Herzen auf. War da draußen nicht eben ein Geräusch gewesen? Sie war es gewohnt, schon beim kleinsten Anlass aufzuwachen. Die Jahre, in denen sie mit Boyd verheiratet gewesen war, hatten sie gelehrt, stets in Alarmbereitschaft zu sein.

Brianne blickte auf die Uhr auf ihrem Nachttisch. Es war kurz vor halb zwölf, und draußen war wieder alles ruhig. Es herrschte völlige Windstille, sodass nicht einmal die Blätter rauschten. Da hörte Brianne das Geräusch erneut, diesmal ganz deutlich: Es war ein leises Klopfen an der Eingangstür.

Briannes erster Gedanke galt Jasper, dem alten Vorarbeiter, der schon seit dreißig Jahren auf der Ranch arbeitete. Ob etwas passiert war? Sie stand auf, eilte die Treppe hinunter, knipste das Verandalicht an und riss die Tür auf.

„Jasper! Ist etwas pas…?“ Brianne verstummte unvermittelt. Vor ihr stand nicht Jasper, sondern ein großer, schlanker Mann, dessen Gesicht von einem dunklen Stetson halb verdeckt war. Brianne erkannte nur, dass er ein energisch wirkendes Kinn und volle Lippen hatte, die fest zusammengepresst waren.

Ein eisiger Schauer überlief Brianne. Wie hatte sie nur so leichtsinnig die Tür öffnen können – und das noch mitten in der Nacht? Sie wich zurück und wollte die Tür wieder zuschlagen, doch der Fremde war schneller und stemmte sich dagegen.

„Brianne, ich bin’s. Lass doch die Tür auf!“

Sie erstarrte. Diese Stimme kannte sie doch! Der Mann schob seinen Hut zurück, sodass Brianne ihm in die Augen sehen konnte – ja, es waren diese dunkelblauen Augen, dessen Blick sie vor langer Zeit verzaubert hatte und bis heute in ihren Träumen verfolgte. Und sie gehörten Tyler Whitmore, dem Mann, der ihr vor neun Jahren das Herz gebrochen hatte. Weshalb war er zurückgekommen? Warum gerade jetzt, da sie es geschafft hatte, ihrem Sohn ein wundervolles und sicheres Zuhause zu schenken? Dieser Mann hatte die Macht, alles zu zerstören, was sie sich in den letzten drei Jahren mühevoll aufgebaut hatte.

„Tyler“, flüsterte sie schockiert.

Er verzog spöttisch den Mund. „Hallo, Mrs. Whitmore.“

Woher wusste er, dass sie Boyd geheiratet hatte? Panik erfasste Brianne. War Tyler etwa auch bekannt, dass ihm die Hälfte von Whitmore Acres gehörte?

Brianne hatte immer befürchtet, dass er irgendwann zurückkehren würde, denn Landon hatte ihn durch seinen Anwalt unermüdlich suchen lassen. Als jedoch in all den Jahren keine Spur von Tyler gefunden worden war, hatte Brianne zu hoffen begonnen, dass er ein schöneres Zuhause als Whitmore Acres gefunden hatte und nie wieder zurückkommen würde. Doch da schien sie sich getäuscht zu haben.

Brianne versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, und sagte schroff: „Hast du mich aber erschreckt!“

Tyler ließ den Blick ungeniert über ihren Körper gleiten, und Brianne spürte zu ihrem Entsetzen, dass sie darauf reagierte.

„Na so was“, erwiderte er spöttisch. „Begrüßt man so einen alten … Freund?“

Brianne senkte den Blick. Sie waren mehr als Freunde gewesen, das wusste er genau. Sie hatte geglaubt, über Tyler Whitmore hinweggekommen zu sein, doch offensichtlich war das nicht der Fall. Dass sie so heftig auf ihn reagierte, verwirrte sie und machte ihr Angst.

„Nein, aber so geht man mit Leuten um, die mitten in der Nacht ums Haus schleichen und andere fast zu Tode erschrecken“, konterte sie schroff.

„Oh, hab ich das?“, erwiderte Tyler scheinbar unbekümmert und hob seinen großen schwarzen Rucksack hoch. „Ich konnte leider nicht selbst aufschließen, weil ich irgendwann im Lauf der Jahre meinen Schlüssel verloren habe.“

„Du hättest wenigstens anrufen können, dann hätte ich gewusst, dass du kommst.“

„Um die Überraschung zu verderben?“ Tyler lachte leise. „Nein, Brianne. Diesen Spaß wollte ich mir schon gönnen.“

Brianne sah ihn zornig an. „Wenn du glaubst, dort wieder anknüpfen zu können, wo du vor neun Jahren aufgehört hast, dann täuschst du dich gewaltig!“

„Ich habe nicht die Absicht, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört haben“, widersprach Tyler bestimmt. „Zu vieles hat sich in der Zwischenzeit geändert.“

Tyler hatte recht. Alles hatte sich geändert. Sie standen auf der Veranda und musterten einander feindselig, bis das Schweigen unerträglich wurde. Brianne wusste, dass sie unhöflich war, doch sie brachte es einfach nicht fertig, Tyler ins Haus zu bitten. Dazu stand zu viel auf dem Spiel.

„Willst du mich nicht hineinbitten, oder sollen wir die ganze Nacht hier draußen stehen?“, fragte er prompt.

„Es ist fast Mitternacht!“

„Eben. Ich bin stundenlang gefahren und würde jetzt gern ein bisschen schlafen.“

Brianne blickte an Tyler vorbei zur Scheune, doch er schüttelte den Kopf. „Spar dir die Worte, Brianne. Ich werde nicht im Stall schlafen.“ Er lächelte herausfordernd. „Warum bist du eigentlich so nervös?“

„Bin ich nicht!“, widersprach Brianne viel zu hastig. „Ich … ich mache mir nur Sorgen, was die anderen denken könnten, wenn du hier im Haus übernachtest.“

„Was ist schon dabei?“, fragte Tyler zynisch. „Da du meinen Bruder geheiratet hast, sind wir doch miteinander verwandt. Oder hast du das vergessen?“

Tylers Worte trafen Brianne wie Schläge ins Gesicht. Wie sollte er auch wissen, dass Boyd sie, Brianne, nur aus Grausamkeit geheiratet hatte? Um seinem Bruder das Liebste zu nehmen, was er besessen hatte. Und sie, Brianne, hatte nur Ja gesagt, weil sie verzweifelt gewesen war. Aber Tyler die Wahrheit zu gestehen würde vielleicht alles zerstören, was sie sich geschaffen hatte, und dieses Risiko durfte sie nicht eingehen.

Brianne trat widerstrebend zur Seite. „Also gut. Komm rein.“

Tyler ging an ihr vorbei ins Wohnzimmer, doch Brianne blieb in der Diele stehen.

„Ich bin gleich wieder da“, erklärte sie nervös. Sie brauchte einfach Zeit, um sich wieder zu fassen. Und außerdem wollte sie sich unbedingt etwas überziehen, um nicht im Nachthemd vor Tyler stehen zu müssen. Oben im Schlafzimmer streifte Brianne sich den Morgenmantel über und überlegte angestrengt, was sie tun sollte. Am liebsten hätte sie sich im Bett verkrochen und darauf gewartet, dass Tyler von selbst wieder verschwinden würde.

Reiß dich zusammen! rief sie sich dann jedoch zur Vernunft. Sie durfte jetzt nicht die Nerven verlieren, dazu stand zu viel auf dem Spiel: die Ranch, die sie vor dem Bankrott gerettet und das Haus, das sie zu einem wundervollen Heim für sich und Daniel geschaffen hatte. Für Daniel – Tylers Sohn.

Brianne ging auf Zehenspitzen in sein Zimmer. Das Schild an der Tür „Betreten auf eigene Gefahr“, hatte durchaus seine Berechtigung, denn wenn man zu Daniels Bett gelangen wollte, musste man sich zuerst einen Weg durch Spielzeug, Kleidung und viele andere Dingen bahnen, die verstreut auf dem Boden lagen.

Daniel öffnete schläfrig die Augen. „Mom?“

„Schlaf weiter, mein Schatz“, flüsterte sie sanft und strich dem Jungen zärtlich übers blonde Haar.

Daniel murmelte etwas Unverständliches, dann drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter. Tränen schimmerten in Briannes Augen, als sie ihren Sohn betrachtete. Außer den dunkelblauen Augen hatte Daniel ihre helle Haut und ihr blondes Haar geerbt. Daher brauchte sie wenigstens nicht zu befürchten, dass Tyler auf die Idee kommen würde, Daniel könnte nicht Boyds Sohn sein.

Gewissensbisse quälten sie kurz, doch sie verdrängte sie energisch. Wem würde es nützen, wenn sie Tyler die Wahrheit offenbarte? Er wäre wohl kaum die geeignete Bezugsperson für Daniel, denn man konnte nicht darauf vertrauen, dass Tyler für längere Zeit auf Whitmore Acres blieb. Vor neun Jahren hatte er bewiesen, dass er schon bei den ersten Anzeichen eines größeren Problems davonlief.

Boyd hatte durch sein grausames Verhalten Daniels Vertrauen und zum Teil auch dessen Selbstbewusstsein zerstört. Und Brianne schwor sich, dass sie Tyler keine Gelegenheit geben würde, ihrem Sohn das Gleiche anzutun.

Tyler warf seinen Stetson neben den Rucksack aufs Sofa und blickte sich neugierig um. Das Wohnzimmer sah ganz anders aus, als er es in Erinnerung hatte. Hatte die frühere Einrichtung – dunkle, stabile Schränke und Ledersofas – vor neun Jahren auf eine rein männliche Domäne hingedeutet, so war jetzt deutlich zu erkennen, dass eine Frau sich nun um dieses Haus kümmerte. Tyler vermisste den Geruch von Leder und Tabak und nahm stattdessen einen zarten, femininen Duft von Blumen wahr – Briannes Duft.

Tyler verdrängte das schmerzliche Gefühl und ging ruhelos im Zimmer hin und her. Obwohl Brianne versucht hatte, diesem Raum eine weibliche Note zu verleihen, glaubte Tyler immer noch, Landons Gegenwart zu spüren. Er konnte sich noch gut an die vielen harmonischen Abende erinnern, die sie hier zusammen verbracht hatten – bei einem guten Gespräch oder dem Reinigen ihrer Gewehre nach der gemeinsamen Jagd. Aber diese Zeiten waren endgültig vorbei.

Briannes Schritte rissen Tyler aus seinen Gedanken, und er drehte sich zu ihr um. Sie war schon damals hübsch gewesen, aber jetzt, mit siebenundzwanzig Jahren, hatte sie sich zu einer richtigen Schönheit entwickelt. Sie besaß einen makellosen Teint, große haselnussbraune Augen und langes blondes Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte. Tyler wusste noch genau, wie wundervoll weich sich ihr Haar angefühlt hatte …

„Tyler … ich muss dir etwas sagen.“

„Ja?“

„Ich weiß nicht, ob du es schon erfahren hast …“ Sie atmete tief durch, bevor sie weitersprach. „Landon und Boyd sind tot.“

„Ich weiß.“

„Bist du … bist du deshalb zurückgekommen?“

„Unter anderem, ja.“

Tyler merkte Brianne deutlich an, wie nervös sie war. Offensichtlich wusste sie nicht, dass er von seinem Erbe bereits unterrichtet worden war. Würde sie etwas sagen oder lieber schweigen in der Hoffnung, dass er früher oder später von selbst wieder verschwinden würde? Schließlich verwaltete sie die Ranch schon seit drei Jahren allein und wollte sie bestimmt nicht mit einem Partner teilen.

„Und … welche anderen Gründe sind das?“, fragte sie angespannt.

Ihre selbstbewusste, fast schon feindselige Haltung ihm gegenüber ärgerte und beeindruckte Tyler zugleich. Unwillkürlich trat er auf Brianne zu und strich ihr sanft über die Wange. Als sie den Atem anhielt, lächelte er voller Genugtuung. „Etwas Warmes zu Essen wäre jetzt nicht schlecht. Aber ich glaube, da hoffe ich vergebens, stimmt’s?“

Brianne wehrte zornig seine Hand ab. „Ganz recht! Und was Landon und Boyd betrifft …“

„Es ist spät, und ich bin müde, Brianne“, unterbrach Tyler sie bestimmt. „Lass uns morgen in Ruhe über alles reden.“

Brianne zuckte die Schultern. „Wie du willst. Ich hole dir eine Decke und ein Kissen. Du kannst auf der Couch schlafen.“

„Es gibt doch vier Schlafzimmer im Haus“, wandte Tyler ein. „Was ist mit dem hier unten?“

„Das ist jetzt mein Nähzimmer.“

„Und oben?“

„Das große Schlafzimmer benutze ich, und dein altes Zimmer gehört jetzt meinem Sohn.“

Brianne sah, wie ein Muskel in Tylers Gesicht zuckte. Dennoch bemühte er sich, seine Gefühle vor ihr zu verbergen, und sagte zynisch: „Da musst du es aber verdammt eilig gehabt haben mit Boyd.“

Seine Worte trafen Brianne, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Was hast du erwartet, Tyler?“, entgegnete sie schroff. „Du hast neun Jahre lang nichts von dir hören lassen.“

Trotz ihres Unmuts glaubte Tyler Tränen in ihren Augen zu erkennen. Verdammt, warum hatte er sie provozieren müssen? Weil ich sie verletzen wollte, so wie sie mich vor neun Jahren verletzt hat, gab Tyler sich selbst die Antwort. Ihm war klar, dass die Bitterkeit, die ihn erfüllte, es unmöglich machte, sachlich mit Brianne umzugehen. Aber trotzdem durfte er sich nicht von seinen Gefühlen leiten lassen. Er hatte große Pläne mit Whitmore Acres und brauchte Briannes Kooperation.

„Dann ist noch ein Zimmer übrig“, sagte er deshalb in versöhnlichem Ton. „Oder schläft dort noch ein Kind?“

„Nein, das ist das Gästezimmer.“

„Na, also.“ Tyler nahm Rucksack und Stetson von der Couch und wartete darauf, dass Brianne vorausging, doch sie rührte sich nicht.

„Da steht nur eine Liege drin, und die ist viel zu schmal für dich“, erklärte sie kühl.

„Und wenn schon. Besser als die Couch ist das allemal.“ Tyler lächelte herausfordernd. „Es sei denn, du würdest mir dein Bett anbieten, Brianne. Ich könnte wetten, du hast ein großes, bequemes Bett, in dem es sich wunderbar schlafen lässt.“

Briannes Wangen röteten sich leicht, doch sie wollte sich nicht provozieren lassen. „Du kannst das Gästezimmer haben. Aber sag morgen früh nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Tyler folgte Brianne ins obere Stockwerk. Als sie an Daniels Zimmer vorbeikamen und Tyler das Schild an der Tür las, lächelte er unwillkürlich. Schließlich erreichten sie den Raum, den Boyd als Junge benutzt hatte und der nun als Gästezimmer diente.

Brianne knipste das Licht an und ließ Tyler zuerst eintreten. „Bitte.“

Tyler sah sich verwundert um. Nichts deutete mehr darauf hin, dass dieses Zimmer einmal Boyd gehört hatte. Tapeten mit Blumenmuster und Rüschenvorhänge passten ganz und gar nicht zu einem Cowboy. Tylers Blick fiel auf die Liege, von der Brianne gesprochen hatte. Sie hatte tatsächlich nicht übertrieben. Die Liege war schmaler als seine Schultern und mindestens zwanzig Zentimeter zu kurz. Außerdem sah sie nicht danach aus, als könnte sie das Gewicht eines erwachsenen Mannes tragen.

Tyler drehte sich zu Brianne um und schmunzelte. „Wie für mich geschaffen.“ Er legte den Rucksack auf die Liege, öffnete ihn und zog dunkle Baumwollshorts heraus. „Übrigens – ich habe meinen Truck und den Anhänger neben der Scheune geparkt. Und meine Stute Sweet Justice in das kleine Paddock gestellt. Geht das in Ordnung?“

Brianne nickte. Jetzt war ihr auch klar, weshalb sie Tyler nicht hatte kommen hören. Die Scheune, Ställe und alle anderen Einrichtungen lagen ein gutes Stück vom Haupthaus entfernt, sodass Tyler sich hatte unbemerkt nähern können.

Als Tyler seine Gürtelschnalle öffnete, nahm Brianne dies als Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Doch eine Frage brannte ihr noch auf den Lippen, und sie drehte sich an der Tür noch einmal um. „Tyler?“

„Ja?“

„Wie lange hast du vor zu bleiben?“

Tyler verzog spöttisch den Mund. „Für immer.“

2. KAPITEL

Jedes Mal, wenn Brianne Sorgen hatte, fing sie an zu backen. Schon um sieben Uhr am nächsten Morgen erfüllte der Duft von frisch gebackenem Schokoladenkuchen das ganze untere Stockwerk. Die Küchentheke war übersät mit Backutensilien und -zutaten. Brianne hatte den Schokoladenkuchen und die süßen Nussecken nicht gebacken, um diese leckeren Kalorienbomben selbst zu essen, sondern weil sie sich gewöhnlich beim Backen am besten entspannen konnte.

Heute schien diese Methode allerdings nicht zu wirken. Der Gedanke an das unausweichliche Gespräch mit Tyler machte Brianne so nervös, dass sie sich selbst mit Backen nicht ablenken konnte. Wenn Tyler tatsächlich nichts von seinem Erbe wusste, war sie dazu verpflichtet, ihn zu informieren. Brianne wurde ganz schlecht, wenn sie daran dachte, dass Tyler nun die Hälfte der Ranch besaß. Sie traute ihm sogar zu, seinen Anteil zu verkaufen, um sein Vagabundenleben weiterführen zu können.

Brianne öffnete den Ofen, zog das heiße Blech heraus und prüfte vorsichtig mit der Gabel, ob die Nussecken schon durchgebacken waren.

„Backst du jeden Sonntagmorgen solche Riesenmengen, oder willst du einen Verkaufsstand damit einrichten?“

Brianne fuhr vor Schreck derart zusammen, dass ihr die Gabel aus der Hand fiel. Als Brianne sich umdrehte, stockte ihr der Atem. Tyler stand mit nacktem Oberkörper an der Tür und sah so männlich und erotisch aus, dass es ihr die Sprache verschlug. Er war kräftiger und erheblich muskulöser als vor neun Jahren, und die dunkeln Härchen auf seiner breiten Brust gefielen Brianne so gut, dass sie ein heißes Prickeln überlief. Verlegen wandte sie sich ab und hob die Gabel auf.

Tyler kam näher und betrachtete verwundert die Nussecken, den Schokoladenkuchen und das Blech voller Himbeerschnitten, die ebenfalls sehr appetitlich aussahen. „Machst du das regelmäßig? Ich meine, so viel backen.“

„Ich konnte nicht schlafen.“

„Oh, das tut mir leid.“ Tyler nahm eine Nussecke und biss ein Stück davon ab. „Hm, nicht schlecht.“

Brianne schaltete den Ofen aus. Es hatte keinen Sinn, weiterzubacken, solange Tyler hier war. „Und wie hast du geschlafen?“, fragte sie schroff, ohne auf sein Kompliment einzugehen.

„Na ja, auf diesem Bett, das man eigentlich nicht als solches bezeichnen kann – den Umständen entsprechend.“

Brianne begann, das benutzte Geschirr ins Abwaschbecken zu stellen. „Tut mir leid für dich“, erwiderte sie betont kühl, um ihre Aufregung zu verbergen. Tylers Anblick brachte sie völlig aus der Fassung, weil er Erinnerungen in ihr weckte, die sie lange verdrängt hatte.

„Würde es dir etwas ausmachen, dich anzuziehen?“, fragte sie nervös.

Er blickte an sich herab, dann sah er Brianne gespielt unschuldig an. „Habe ich auf dem Weg hierher vielleicht meine Hose verloren?“

Brianne stieß eine Schüssel so heftig ins Spülbecken, dass das Wasser spritzte. „Nein, aber es wäre nett, wenn du dir ein T-Shirt überziehen würdest!“

„Ohne T-Shirt kein Essen?“

Wie konnte Tyler so gelassen sein und auch noch Scherze machen, während ihre Nerven zum Zerreißen gespannt waren? Sie trocknete sich die Hände ab und sah ihn zornig an.

„Tyler, ich habe einen kleinen Sohn, der wahrscheinlich jeden Moment hier auftauchen wird. Er wird einen Schreck bekommen, wenn er einen fremden und noch dazu halb nackten Mann hier vorfindet. Wenn du schon darauf bestehst, in unserem Haus zu übernachten, dann benimm dich gefälligst entsprechend!“

Tyler lächelte amüsiert. „Wie die Dame wünscht.“ Als er jedoch sah, wie Brianne sich streckte, um die Dose Mehl aufs obere Regal zu stellen und ihr dabei das T-Shirt so hochrutschte, dass es den Blick auf ihren wohlgeformten Po freigab, verschwand Tylers Lächeln. Er verspürte mit einem Mal ein derart heftiges sexuelles Verlangen, dass er einfach nicht anders konnte, als näher auf Brianne zuzutreten.

Sie drehte sich um und sah ihn misstrauisch an. „Was ist?“

„Du hast Mehl auf der Nase.“ Er wischte es ihr zärtlich mit dem Finger ab.

Brianne atmete tief ein und presste die Hände gegen Tylers Brust, damit er ihr nicht noch näher kommen konnte. Doch dann umfasste er ihre Handgelenke und hielt sie fest. Brianne überlief es ganz heiß, als sie spürte, wie heftig sein Herz unter ihren Händen klopfte. „Verdammt, Tyler, hör auf mit mir zu spielen!“

Als hätte er sie gar nicht gehört, hielt er ihre Hände immer noch fest und sah ihr tief in die Augen. „Es ist immer noch da, nicht wahr?“

Brianne wollte so tun, als wüsste sie nicht, wovon er sprach, doch ihr Körper konnte die Wahrheit nicht leugnen. Die gegenseitige erotische Anziehungskraft war größer denn je, und beide hatten es vom ersten Augenblick an gespürt. „Ja“, flüsterte sie erregt.

„Wie ist es mit Boyd gewesen?“, fragte Tyler unvermittelt und streichelte mit dem Daumen ihre zarte Haut, sodass Brianne erschauerte. „Hast du auch so reagiert, wenn er dich berührt hat?“

„Tyler, bitte“, flehte sie gequält. Brianne wollte nicht an die schlimmen Jahre denken, die sie mit Boyd verbracht hatte. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Bitte geh jetzt, und zieh dir ein Hemd an.“

Die alte Bitterkeit kam wieder in Tyler hoch und erinnerte ihn daran, für wen Brianne sich damals entschieden hatte. Für Boyd und die Ranch, die sie durch ihn bekommen hatte. Tyler ließ Brianne unvermittelt los und verließ die Küche. Als er wenig später unter der Dusche stand, versuchte er, sich einzureden, dass er sich nicht mehr für Brianne, sondern nur für sein Erbe interessiere. Er wollte seinen Traum von damals verwirklichen: sich als Reining-Trainer einen Namen schaffen – hier auf Whitmore Acres.

Zwanzig Minuten später ging Tyler in Jeans und Baumwollhemd zurück in die Küche. Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster und versprachen einen heißen Sommertag, und ein verlockender Duft von Rührei mit Schinken erfüllte den Raum. Brianne warf Tyler einen kurzen Blick zu und begann dann schweigend, den Tisch zu decken.

Tyler schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, lehnte sich an die Theke und sah zu, wie Brianne Pfannkuchenteig in die Pfanne gab und danach Butter, Sirup und eine große Schüssel frisch geschnittener Pfirsiche aus dem Kühlschrank nahm. Nachdem sie alles auf den Tisch gestellt hatte, ging sie wieder an den Herd, um den Pfannkuchen zu wenden.

Tyler trank einen Schluck und sah Brianne an. „Du führst die Ranch allein, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete sie nervös. Sie konnte sich in Tylers Nähe einfach nicht entspannen. „Ich kümmere mich um alle Belange der Ranch.“

„Ganz so, wie es sich für eine gute Chefin gehört.“

„Ganz genau“, erwiderte Brianne beherrscht. Diesmal würde sie sich nicht von Tyler provozieren lassen.

„Kümmerst du dich auch um die Zucht?“

„Ich bin für die Terminplanung und Verhandlungen mit Kunden zuständig. Jasper und Steven übernehmen den praktischen Teil der Zucht.“ Sie legte den letzten Pfannkuchen auf den Stapel und stellte den Teller auf den Tisch. „Ich bin auch für die Finanzen, für den Kauf und Verkauf der Pferde verantwortlich, und ich überwache meine Angestellten.“

„Allem Anschein nach hast du dich zur richtigen Geschäftsfrau entwickelt.“

„Ich habe in den letzten drei Jahren hart gearbeitet, Tyler.“

Er lächelte flüchtig. „Das kann ich mir vorstellen. Züchtet ihr immer noch ausschließlich Quarter Horses für den Viehtrieb?“

Brianne dachte an das Reining-Unternehmen, mit dem Tyler die Ranch fast in den Ruin gestürzt hätte. „Ja“, antwortete sie kurz angebunden.

„Hast du nie darüber nachgedacht, das Zuchtprogramm zu erweitern?“

„Nein. Davon abgesehen, würden mir dafür ohnehin die finanziellen Mittel fehlen.“

„Vielleicht solltest du dich mit einem Partner zusammentun.“

Brianne wusste, dass nun der Augenblick gekommen war, mit Tyler über sein Erbe zu sprechen. „Tyler, ich muss dir …“

Da flog die Tür auf, und Daniel stürmte in die Küche. „Mom, kann ich heute mit Fiero ausrei…“ Er verstummte unvermittelt, als er Tyler sah.

Brianne beobachtete mit klopfendem Herzen, wie Vater und Sohn sich gegenseitig musterten – Tyler interessiert und Daniel misstrauisch –, und sie wünschte, die beiden könnten einander auf andere Weise kennenlernen. Aber Brianne hatte in ihrem Leben schon viele Wünsche gehabt, und nur die wenigsten davon waren in Erfüllung gegangen.

„Wer ist das, Mom?“, erkundigte sich Daniel neugierig.

Brianne atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Daniel, das ist dein … Onkel Tyler.“

Daniel musterte ihn misstrauisch. „Du bist der Bruder meines Vaters?“

Tyler konnte sich zwar vorstellen, dass der Junge Fremden gegenüber vielleicht nicht so aufgeschlossen war, doch sein feindseliger Unterton irritierte ihn. „Ja“, antwortete er ruhig. „Boyd war mein Halbbruder.“

„Wie kommt es dann, dass wir nie etwas von dir gehört haben?“

Da sah Tyler Brianne herausfordernd an. „Das frage ich mich auch.“

Brianne strich Daniel sanft übers Haar. Sie wusste genau, was jetzt in ihrem Sohn vorging. Er glaubte, wenn Tyler Boyds Halbbruder war, dann würde er wahrscheinlich genauso herzlos und gemein sein, wie Boyd es gewesen war. „Weißt du, Tyler hat die Ranch verlassen, bevor du geboren wurdest. Und da keiner wusste, ob er jemals wiederkommen würde, haben wir nie von ihm gesprochen.“

Und wenn sie in Boyds Gegenwart von Tyler gesprochen hatte, war Boyd jedes Mal furchtbar in Rage geraten. So hatte Brianne im Lauf der Jahre gelernt, Tylers Namen nicht mehr zu erwähnen. Nur wenn Boyd getrunken hatte und auf einen Streit aus gewesen war, hatte er von selbst über Tyler zu sprechen begonnen. Dann hatte er ihn wüst beschimpft und immer wieder betont, wie gut es gewesen sei, diesen „Bastard“ von der Ranch zu vertreiben.

Daniel zuckte die Schultern und öffnete den Kühlschrank, und Brianne sagte nichts mehr, da sie ihn nur zu gut verstand. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass Tyler sich über das Verhalten ihres Sohnes wunderte, doch sie hatte nicht die Absicht, ihn über Daniels Gründe aufzuklären.

„Wollen wir uns nicht setzen?“, schlug sie schließlich vor. „Das Frühstück ist fertig.“

Tyler folgte ihrer Aufforderung und schenkte sich zum zweiten Mal Kaffee ein, und Daniel nahm auf dem am weitesten von Tyler entfernten Stuhl Platz. Brianne setzte sich ebenfalls an den Tisch, doch sie war so nervös, dass sie kaum etwas essen konnte. Tyler versuchte, mit Daniel eine lockere Unterhaltung zu führen, doch der Junge gab nur einsilbige Antworten und hüllte sich ansonsten in Schweigen. Als er schließlich mit dem Frühstück fertig war, schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.

„Ich gehe nach draußen, Mom.“

Brianne nickte, obwohl es eigentlich Daniels Aufgabe war, den Tisch abzuräumen. Sie wollte ihn für sein unhöfliches Benehmen nicht zurechtweisen, da sie sehr gut nachempfinden konnte, wie ihm zumute war.

Nachdem Daniel die Küche verlassen hatte, stand Tyler ebenfalls auf und half Brianne beim Abräumen. „Daniel wirkt ziemlich reif und ernst für sein Alter“, sagte Tyler unvermittelt.

Briannes Hände begannen zu zittern, als sie das Geschirr ins Abwaschbecken legte. Sie hatte mit einer Bemerkung über Daniels Unhöflichkeit gerechnet. Doch dass Tyler sofort erkannt hatte, dass Daniel viel zu ernst für sein Alter war, machte ihr Angst.

„Ja, das ist er“, antwortete sie kurz angebunden und begann, den Tisch abzuwischen.

Tyler füllte noch einmal beide Tassen. „Wie alt ist er?“

Brianne wagte kaum, Tyler anzusehen. Ob er spürte, dass Daniel sein Sohn war? Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt bei dem Gedanken. „Acht“, antwortete sie, wobei ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Tyler lächelte verächtlich. „Dann hast du ja keine Zeit mit Boyd verschwendet, stimmt’s?“

Brianne atmete erleichtert auf. Also hatte er es nicht gemerkt! Sie hätte Tyler zwar am liebsten entgegengehalten, dass er verantwortlich dafür gewesen sei, dass sie sich für Boyd entschieden hatte, doch sie verkniff sich die Bemerkung und beschloss, ein ungefährlicheres Thema anzuschneiden.

„Du möchtest sicher wissen, wie Landon und Boyd gestorben sind?“

Tyler fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Was er eben zu Brianne gesagt hatte, war verletzend gewesen, aber die Bemerkung war ihm einfach so herausgerutscht. Brianne hatte ihn schließlich auch verletzt, indem sie damals Boyd geheiratet hatte. Und durch die Geburt von Daniel, die nicht lange auf sich hatte warten lassen, hatte sie sich ihre Zukunft auf Whitmore Acres gesichert. Anscheinend war Brianne noch viel berechnender, als er, Tyler, es je für möglich gehalten hätte. Warum hätte sie auch den „Bastard“ nehmen sollen, wenn sie den „echten“ Whitmore hatte haben können?

Tyler war klar, dass er seinen Groll und die Bitterkeit, die ihn erfüllte, unterdrücken musste, wenn er vernünftig mit Brianne reden wollte. Er atmete tief durch und setzte sich wieder an den Tisch. „Natürlich. Was ist passiert?“

Brianne setzte sich ebenfalls und umschloss ihre Tasse mit beiden Händen. „Landon ist vor sieben Jahren an Lungenkrebs gestorben. Kurz nachdem du die Ranch verlassen hast, hat er erfahren, dass er todkrank war. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Monate, aber Landon hat viel länger durchgehalten.“

Tyler senkte betroffen den Blick. Vielleicht hatte Landon nur deshalb so lange durchgehalten, weil er bis zuletzt gehofft hatte, dass sein „verlorener Sohn“ irgendwann doch noch zurückkommen würde. Der Gedanke schmerzte, und Tyler schloss kurz die Augen, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. „Und Boyd?“, fragte er schließlich.

Brianne blickte traurig in die Kaffeetasse. Sie wollte nicht mehr an die schreckliche Nacht denken, in der Boyd völlig betrunken und außer sich vor Zorn über Landons Testament nach Hause gekommen war. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als wäre ihr die Kehle wie zugeschnürt, und sah Tyler an. „Eines Nachts ist er völlig betrunken nach Hause gekommen. Später ist er wieder hinausgelaufen, hat sich in den Wagen gesetzt und ist kurz danach gegen einen Baum gefahren. Er war auf der Stelle tot.“

„Das tut mir leid“, erwiderte Tyler leise. „Ich wünschte, ich wäre da gewesen, als es passiert ist.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, wo du steckst, sonst hätte ich dich benachrichtigt“, warf Brianne ihm verbittert vor.

„Wenn du richtig nach mir gesucht hättest, hättest du mich auch gefunden.“

„Wir haben richtig nach dir gesucht, Tyler! Etwa zwei Jahre, nachdem du fort warst, hat Landon seinen Rechtsanwalt beauftragt, dich ausfindig zu machen, aber jede Spur von dir führte in die Sackgasse. Du hast deinen Aufenthaltsort so oft gewechselt, dass es unmöglich war, dich zu finden.“ Brianne presste bitter die Lippen zusammen. „Und nach Landons Tod war ich nicht verpflichtet, dich zu suchen.“

Tyler blickte sie forschend an. „Und ob du dazu verpflichtest warst, Brianne. Du bist mir etwas schuldig.“ Tyler sah, wie sie zusammenzuckte. „Wann wolltest du es mir sagen, hm? Oder wolltest du lieber schweigen in der Hoffnung, dass ich es nicht erfahren und früher oder später freiwillig wieder verschwinden würde?“

Briannes Herz klopfte wild vor Angst. Also wusste Tyler, dass ihm die Hälfte von Whitmore Acres gehörte. „Natürlich hätte ich es dir gesagt“, rechtfertigte sie sich nervös. „Ich … ich musste nur erst einmal verkraften, dass du wieder hier bist. Nach dieser langen Zeit.“

Tyler lächelte spöttisch. „Natürlich. Aber keine Sorge, du brauchst mir nichts mehr zu erzählen. Ich habe einen Brief von Landons Rechtsanwalt bekommen. Ich weiß, dass mir die Hälfte von Whitmore Acres gehört, und ich möchte mein Erbe antreten.“

Brianne sprang auf und funkelte ihn zornig an. „Ach, jetzt auf einmal fühlst du dich wieder verantwortlich für Whitmore Acres, was? Aber in den letzten neun Jahren hat dich die Ranch einen feuchten Kehricht interessiert!“

„Ich will nur, was mir rechtmäßig zusteht“, erklärte er unbeeindruckt.

Brianne zwang sich, sich zu beruhigen, denn nur so war es möglich, vernünftig mit Tyler zu reden. „Sieh mal, Tyler“, fuhr sie mühsam beherrscht fort, „auf dem Papier besitzt du zwar viel, aber was die Finanzen betrifft, sieht es nicht gerade rosig aus.“

Tyler runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“

„Die Ranch wirft zwar Gewinne ab, aber die reichen gerade aus, um die laufenden Kosten zu decken und einigermaßen davon leben zu können. Achtzig Prozent des Profits fließt wieder in die Ranch zurück.“

Tyler blickte sie finster an. „Und was willst du damit sagen?“

„Ich führe die Ranch jetzt schon seit drei Jahren, Tyler. Und ich sehe keinen Grund, weshalb es nicht weiterhin so laufen soll.“

Tyler stand auf und sah Brianne dabei so drohend an, dass sie unwillkürlich zurückwich, bis sie mit dem Rücken an die Theke stieß. „Ich … ich werde mich um deinen Anteil kümmern und ihn nach bestem Wissen und Gewissen verwalten“, versicherte sie hastig.

„Wie bequem für mich!“, erwiderte Tyler ironisch und stemmte die Hände gegen die Theke, sodass Brianne zwischen seinen Armen gefangen war. „Dein Vorschlag klingt wirklich sehr vernünftig.“

„Das ist er auch.“ Brianne wurde immer nervöser, denn sie hatte nun keine Möglichkeit mehr, Tyler auszuweichen. „Ich … ich würde auch alles dafür tun, um dein Vermögen zu vergrößern.“

„Natürlich würdest du das.“ Tyler lächelte verächtlich. „Das wäre die ideale Lösung für dich, nicht wahr? Du könntest die Ranch weiterhin allein leiten, und keiner wäre da, der dir dazwischenfunkt. Aber weißt du was, Brianne? Ich habe nicht die Absicht, wieder von hier zu verschwinden.“

„Das … das wollte ich damit auch nicht sagen.“

„O doch, das wolltest du. Ich habe große Pläne für Whitmore Acres. Und die könnte ich erheblich leichter verwirklichen, wenn ich deine Unterstützung hätte.“

„Verdammt, Tyler, du hast kein Recht, irgendetwas von mir zu fordern! Du warst neun Jahre weg. Nicht ein einziges Mal hast du es für nötig gehalten, mir zu schreiben oder wenigstens anzurufen!“

„Dazu hatte ich auch keinen Grund mehr, nachdem du dich für Boyd entschieden hattest!“ Tyler richtete sich zornig auf. „Du wolltest vorher mich heiraten, Brianne. Oder hast du das vergessen?“

Brianne atmete tief durch. Wie hätte sie das je vergessen können? Ja, sie hatte Tyler versprochen, ihn zu heiraten, aber er hatte ihr das Herz gebrochen. „Du bist ohne ein Wort gegangen!“, rechtfertigte sie sich aufgebracht. „Und ich wusste nicht einmal, warum.“ Nachdem sie tage- und wochenlang vergeblich auf ein Zeichen von Tyler gewartet hatte, hatte sie Boyd schließlich geglaubt, als er gesagt hatte, dass Tyler nie mehr zurückkommen würde.

„Allzu sehr kannst du mich aber nicht vermisst haben, sonst hättest du nicht schon sechs Wochen später Boyd geheiratet!“, hielt Tyler ihr entgegen.

Brianne senkte den Blick. „Ich hatte keine …“ Wahl, wollte sie sagen, doch sie sprach das Wort nicht aus. Wie hätte sie Tyler erklären sollen, wie verzweifelt sie damals gewesen war, als sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte? Mit achtzehn Jahren, ohne Mann und Zukunft für das Kind? Brianne hatte ihren Vater um Hilfe gebeten, doch er hatte sie nur wüst beschimpft und sich sogar von ihr abgewandt. Und als sie sich schließlich Boyd anvertraut hatte, hatte er ihr ein Angebot gemacht, das sie in ihrer Verzweiflung nicht hatte ablehnen können.

„Ja, sie, Brianne, hatte Boyd aus Verzweiflung geheiratet, doch sie hatte bitter dafür bezahlen müssen.“

„Was hattest du nicht, Brianne?“, fuhr Tyler zynisch fort. „Keinen Mann, der dir dein Bett wärmt? Dein Vater war ein alter Trunkenbold und wollte dir nicht helfen, stimmt’s? Da kam dir die Aussicht auf Landons Ranch gerade recht. Du hast wirklich einen guten Deal gemacht, Mrs. Whitmore. Hast den Sprung vom armen Mädchen zur stolzen Ranchbesitzerin geschafft!“ Tyler sah sie verächtlich an. „Anscheinend kam es nur darauf an, mit dem richtigen Whitmore zu schlafen!“

Tylers Worte bohrten sich wie Messerstiche in Briannes Herz, doch sie durfte es ihm nicht zeigen. Schmerzerfüllt wandte sie sich ab und begann, belegte Brote für die Rancharbeiter zu machen. Es hatte keinen Sinn, die Vergangenheit heraufzubeschwören und sich gegenseitig mit Vorwürfen zu überschütten.

Tyler strich sich aufgebracht durchs Haar. Er hatte Brianne absichtlich verletzt, aber er brachte es nicht fertig, sich zu entschuldigen. Alles, was er gesagt hatte, stimmte, und Brianne hatte gar nicht erst versucht, es abzustreiten oder sich in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Wenn er allerdings vernünftig mit ihr reden wollte, musste er die Unterhaltung auf eine neutrale Ebene bringen. Er setzte sich wieder hin und versuchte, seinen Zorn zu unterdrücken. „Gibt es irgendwelche Bedingungen oder Einschränkungen in Landons Testament?“

„Nein. Die halbe Ranch gehört dem Gesetz nach dir.“ Brianne legte das letzte Sandwich auf den Stapel. „Ich werde Jed morgen anrufen und einen Termin für dich vereinbaren. Dann kannst du alles in Ruhe mit ihm besprechen.“

„Das wäre gut. Ich möchte die Formalitäten so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Brianne nickte, und sie sahen sich lange schweigend an. Nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören.

„Hast du gehofft, ich würde nicht mehr wiederkommen?“, fragte Tyler schließlich.

Brianne schluckte schwer. „Ja“, antwortete sie ehrlich und fügte im Stillen hinzu: Aber nicht, weil ich die ganze Ranch für mich behalten will, sondern nur aus Sorge um Daniel. Und aus Angst, dass ich immer noch etwas für dich empfinden könnte.

3. KAPITEL

Die Tür ging auf, und Jasper Rawlings, der schon seit über dreißig Jahren auf Whitmore Acres arbeitete, kam herein. Seine braunen Augen in dem wettergegerbten Gesicht begannen zu leuchteten, als er Tyler sah.

„Da laust mich doch der Affe! Ich dachte schon, Daniel würde mich auf den Arm nehmen, als er meinte, ein Onkel Tyler sei hier. Betty wird’s nicht glauben, wenn ich ihr das sage!“

Tyler schüttelte dem alten Mann kräftig die Hand, dann umarmten sich die beiden Männer herzlich. „Du hast dich kein bisschen verändert, Jasper. Du bist immer noch der Alte.“

„Ach was.“ Jasper winkte ab, und Tränen schimmerten in seinen Augen. „Ich kann noch gar nicht fassen, dass du wirklich da bist. Willkommen zu Hause, mein Junge!“

„Jasper, würdest du dich bitte um einen Stall für Tylers Pferd kümmern?“, mischte Brianne sich ein, weil dies eine Gelegenheit war, um Tyler aus der Küche zu bekommen. „Ich habe hier alle Hände voll zu tun.“

„Mach ich doch glatt.“ Jasper sah Tyler strahlend an. „Weißt du, eigentlich müsste ich dir ja böse sein, dass du die ganze Zeit nichts von dir hast hören lassen. Aber ich bin so froh, dass du wieder da bist, dass ich dir einfach nichts übel nehmen kann. Aber jetzt komm, kümmern wir uns um dein Pferd.“

Tyler wandte sich noch einmal an Brianne, bevor er Jasper folgte. „Wir beide reden später weiter.“

Brianne nickte nur. Sie war froh, endlich wieder allein zu sein.

Immer wenn Brianne mit jemandem reden musste, besuchte sie Jaspers Frau Betty, die mit ihrem Mann etwa eine halbe Meile von Whitmore Acres entfernt wohnte. Briannes Mutter war gestorben, als Brianne noch ganz klein gewesen war. Ihr Vater hatte sie im Sommer und an den Wochenenden immer mit auf die Ranch genommen, wo er für Landon gearbeitet hatte. Betty hatte Brianne damals sofort in ihr Herz geschlossen und ihr die liebevolle Zuwendung und Geborgenheit geschenkt, die sie von ihren Eltern nie bekommen hatte. Betty und Jasper waren kinderlos geblieben, und Betty hatte Brianne einmal anvertraut, dass sie trotzdem glücklich sei, weil Brianne, Tyler und Boyd diese Lücke in ihrem Leben ausgefüllt hätten. Auch um Daniel kümmerte sich die ältere Frau so liebevoll, als wäre er ihr eigenes Enkelkind.

Brianne betrat das Haus durch die Hintertür, die immer unverschlossen war, und ging zu Betty in die Küche. Betty putzte gerade Karotten für den Eintopf, den es zum Mittagessen geben sollte. Sie drehte sich zu Brianne um und lächelte warm. „Hallo, Brianne. Schön, dass du kommst!“

„Hallo, Betty.“ Brianne zwang sich, Bettys Lächeln zu erwidern, was ihr jedoch nicht so recht gelingen wollte.

Betty gab die Karotten in den großen Topf auf dem Herd und drehte die Flamme etwas herab, um den Eintopf sachte köcheln zu lassen. „Wie geht es dir, mein liebes Kind?“

„Gut. Ich bin eigentlich nur vorbeigekommen, weil ich das hier bei dir abliefern wollte“, erklärte Brianne, obwohl das nur ein Vorwand war. Sie stellte die Schüssel mit den Himbeerschnitten auf den Tisch. „Ich weiß ja, wie gern Jasper meine Himbeerschnitten mag. Heute Morgen in der Küche sind ihm vor Appetit fast die Augen übergegangen.“

„Du hast wieder viel zu viel gebacken, stimmt’s?“ Bettys blaue Augen funkelten belustigt. „Könnte es vielleicht sein, dass Tylers plötzliches Auftauchen der Grund dafür ist?“

Brianne seufzte auf und ließ sich auf einen Holzstuhl sinken. Betty konnte man wirklich nichts vormachen, dazu kannte sie sie einfach zu gut. „Hier bleibt wohl nichts lange geheim.“

„Er war schon bei mir“, erklärte Betty schmunzelnd. Sie schien immer ganz genau zu wissen, was Brianne gerade brauchte – sei es eine Tasse ihres guten Früchtetees oder einfach nur einen Menschen, der ihr zuhörte, wenn sie Kummer hatte. Betty stellte Teewasser auf, dann setzte sie sich zu Brianne an den Tisch. „Er sieht jetzt noch viel besser aus als vor neun Jahren, findest du nicht auch?“

Das konnte Brianne nicht abstreiten. Tyler hatte sich zu einem auffallend gut aussehenden Mann entwickelt. Seine männlich-sinnliche Ausstrahlung, das markante Gesicht und seine muskulöse Figur, die er durch die tägliche Arbeit auf der Ranch und mit den Pferden erworben hatte, mussten jeder Frau auffallen. Brianne fragte sich, wie viele Herzen Tyler in den letzten Jahren wohl gebrochen hatte …

„Hat er Daniel schon gesehen?“, erkundigte Betty sich, und Brianne biss sich unbehaglich auf die Lippe.

„Ja. Aber Daniel scheint nicht gerade begeistert davon zu sein, plötzlich einen Onkel zu haben, von dem er noch nie etwas gehört hat.“

Betty nickte verständnisvoll. „Ist ja auch kein Wunder, dass der Junge skeptisch ist, nach all dem, was er mit Boyd durchgemacht hat. Er braucht eben etwas Zeit, um sich mit Tyler anzufreunden.“

„Mir wäre es lieber, er würde sich gar nicht mit ihm anfreunden“, platzte Brianne heraus, und Betty zog verwundert die Brauen hoch.

Da begann der Kessel zu pfeifen, und Betty nahm ihn vom Herd. „Es wäre aber gar nicht schlecht, wenn Daniel ein männliches Vorbild in seinem Leben hätte.“

„Er hat doch Jasper und Steven …“

„Ich meine, einen richtigen Verwandten, der ihn von Herzen mag und sich liebevoll um ihn kümmert.“

Brianne schwieg versonnen, während Betty zwei Tassen ihres aromatischen Früchtetees zubereitete. Brianne hatte sich schon immer gefragt, ob Betty die Wahrheit über Daniel ahnte. Niemand hatte damals näher nachgefragt, als Brianne erklärt hatte, Daniel sei zwei Monate zu früh zur Welt gekommen. Aber eine Frau wie Betty besaß ein sehr feines Gespür für solche Dinge. Sie hatte zwar niemals irgendwelche Andeutungen gemacht, doch Brianne wusste, dass man Betty so leicht nichts vormachen konnte.

„Tyler wäre nicht gerade das beste Vorbild für meinen Sohn“, sagte Brianne schließlich leicht ärgerlich. Schließlich war er nur zurückgekommen, weil er die Hälfte von Whitmore Acres geerbt hatte, und nicht ihretwegen.

Betty stellte zwei Tassen Tee auf den Tisch und setzte sich wieder hin. „Und wieso nicht?“

Brianne umschloss ihre Tasse mit beiden Händen und senkte den Blick. „Weil ich sicher bin, dass er die Ranch bald wieder verlassen wird.“ Und wenn er es nicht freiwillig tut, werde ich einen Weg finden, um ihn zum Gehen zu veranlassen, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass Tyler so ohne Weiteres auf sein Erbe verzichtet“, wandte Betty jedoch ein.

Brianne trank einen Schluck heißen Tee. „Wenn man bedenkt, was für ein Vagabundenleben er in den letzten neun Jahren geführt hat, halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass er allzu lange hierbleibt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es ihn wieder in die Ferne zieht.“

Doch Betty schien nicht überzeugt zu sein. „Tyler gehört hierher, Brianne. Dass er auf Whitmore Acres lebt, war immer Landons Wille.“

Brianne runzelte die Stirn. Sie hatte gehofft, bei Betty Unterstützung zu finden, doch offensichtlich stand sie mehr auf Tylers Seite. „Das mag ja sein. Aber ich glaube, wenn der erste Reiz verflogen ist, wird es Tyler hier zu eintönig werden. Dann wird er die Ranch verlassen, um neue Herausforderungen zu suchen.“

Betty tätsc...

Autor

Cathy Mc David
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Tanya Michaels

Tanya Michaels, die eigentlich Tany Michna heißt, hat schon über 25 Auszeichnung für ihre Bücher gewonnen und wurde mehrfach für den RITA-Award, die wichtigste Auszeichnung für Liebesromane, nominiert. Daher wundert es nicht, dass ihre gefühlvollen und mitreißenden Geschichten in viele Sprachen wie Deutsch, Spanisch, Holländisch, Französisch, Griechisch, Koreanisch und Italienisch...

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Janelle Denison

Zusammen mit ihrem Mann, einem Ingenieur, lebt Janelle im sonnigen Südkalifornien. Für seine Unterstützung ist sie ihm dankbar und noch dankbarer dafür, dass er nie ein Wort darüber verliert, wenn das Abendbrot verspätet – oder auch gar nicht – auf den Tisch kommt, weil sie über ihre Arbeit am Computer...

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