Julia Jubiläum Band 6

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STÜRMISCHE ROMANZE von KENDRICK, SHARON
Ihre Leidenschaft kennt keine Grenzen! Ihr Verlangen scheint unstillbar! Nie hat die erfolgreiche Innenarchitektin Kate einen Mann so geliebt wie den heißblütigen Sizilianer Giovanni Calverri. Doch trotz aller Leidenschaft lehnt Giovanni eine feste Bindung ab …

ZÄRTLICH WIE DER SOMMERWIND von JORDAN, PENNY
Luke Chalmers weiß, wie man zupackt. Das erkennt Melanie, als ihr der attraktive Nachbar bei der Renovierung ihres kleinen Cottages hilft. Er ist nicht nur äußerst geschickt, sondern auch noch extrem anziehend. Doch Luke scheint leider schon an eine andere vergeben zu sein …

ROULETTE DER LIEBE von JAMES, JULIA
In den Armen des glutäugigen Cesar Montarez vergisst Rosalind den Rest der Welt! Der charmante Besitzer eines Kasinos ist alles, was sie sich je erträumt hat. Und er scheint ihre Gefühle zu erwidern! Bis er plötzlich glaubt, Rosalind habe es nur auf sein Geld abgesehen …


  • Erscheinungstag 17.03.2017
  • Bandnummer 0006
  • ISBN / Artikelnummer 9783733709792
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sharon Kendrick, Penny Jordan, Julia James

JULIA JUBILÄUMSBAND BAND 6

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Liebe Leserinnen und liebe Leser,

unsere Erfolgsreihe JULIA gibt es jetzt seit 1973, und 44 Jahre JULIA bedeuten 10.000 Happy Ends. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Deshalb haben wir die drei schönsten Romane aus den letzten vier Jahrzehnten herausgesucht, um sie Ihnen zu präsentieren. Feiern Sie mit uns, und freuen Sie sich auf drei wunderbare Happy Ends.

Viel Spaß beim Lesen dieses Jubiläumsbands wünscht Ihnen

Ihre

JULIA Redaktion

1. KAPITEL

Wenn ein Auto überhaupt Sex-Appeal haben konnte, dann war es mit Sicherheit dieses: ein glänzend schwarzer schnittiger Sportwagen. Auf dem Vorplatz der vornehmen Villa wirkte er völlig fehl am Platz.

Kate musste lächeln. Erfahrungsgemäß wurden solche Autos meist von unscheinbaren kleinen Männern gefahren – die ihre mangelnde Attraktivität durch ein Übermaß an PS wettmachen wollten. Neugierig betrachtete sie den Wagen. Ihre Kundin Lady St. John war zwar sehr wohlhabend, hatte jedoch einen unaufdringlich eleganten Stil. Und um so einen Wagen zu lenken, brauchte man sicherlich außergewöhnlich viel Geschick und Kraft.

Kate blickte in den Rückspiegel und schob sich eine Strähne des feuerroten Haares aus dem Gesicht. Obwohl ich schon seit sechs Uhr auf den Beinen bin, sehe ich gar nicht schlecht aus, dachte sie.

Sie wusste, dass man Äußerlichkeiten nicht unterschätzen durfte – ganz besonders nicht in ihrer Branche. Sie arbeitete als Innenarchitektin und Raumgestalterin für die Reichen und Schönen. Unter ihren Kunden waren auch einige Prominente. Ihr Job war abwechslungsreich, sehr gut bezahlt und gab Kate die Gelegenheit, interessante Menschen kennenzulernen.

Menschen wie Lady St. John, eine abenteuerlustige Aristokratin, die schon in den entlegensten Winkeln der Erde gewesen war und zahlreiche Bücher über ihre Reisen geschrieben hatte. Von ihrem beeindruckenden alten Anwesen blickte man auf die zerklüftete Küste. Als Kate die altertümliche Klingel betätigte, hörte sie tief unten die Wellen gegen die grauen Felsen klatschen und bedauerte, dass ihre Arbeit in dieser wunderschönen, ursprünglichen Umgebung fast beendet war.

Die Haushälterin öffnete die Tür. „Guten Tag, Mrs. Herley“, begrüßte Kate sie lächelnd. „Ich nehme an, Lady St. John erwartet mich bereits?“

„Es könnte sein, dass sie den Termin mit Ihnen vergessen hat“, erwiderte Mrs. Herley. „Lady St. John ist heute ein wenig zerstreut.“ Sie lächelte nachsichtig.

Kate hütete sich, genauer nachzufragen. Sie hatte schon nach kurzer Zeit festgestellt, dass Hausangestellte niemals Informationen über ihre Arbeitgeber lieferten – erst recht nicht über eine Frau wie Elizabeth St. John. Die vornehme, betagte Dame war beinah achtzig Jahre alt und strahlte eine natürliche Autorität aus. Kate war noch nie einer Frau begegnet, die in diesem Alter noch so anmutig und schön war.

Mrs. Herley schloss die Haustür hinter ihr und ging voran. „Bitte warten Sie hier im blauen Salon, Miss Connors. Ich werde Lady St. John benachrichtigen, dass Sie da sind.“

„Vielen Dank“, erwiderte Kate, bevor die Haushälterin verschwand. Sie hatte Mrs. Herley schon einmal angeboten, sie mit Kate anzusprechen. Doch die Haushälterin war bei „Miss Connors“ geblieben. Allerdings passte diese Förmlichkeit zu dem wunderschönen alten Anwesen, wie Kate wieder einmal feststellte, als sie langsam den großen Raum durchquerte, dessen Gestaltung nun fast abgeschlossen war.

Seufzend blickte sie sich um. Es machte sie traurig, dass ihre Arbeit bald beendet sein würde. Sogar jetzt, nach neun Jahren, ging es ihr noch immer bei jedem Auftrag so.

Durch die vom Boden bis fast zur Decke reichenden Fenster blickte man aufs Meer und in den weiten Himmel. Es war eine beeindruckende Aussicht – und eine Herausforderung für Kate, denn der Raum sollte nicht daneben verblassen. Sie hatte die Farben besonders sorgfältig ausgewählt und die Wände in einem ungewöhnlichen leuchtenden Blau streichen lassen. Der Farbton brachte die Stuckleisten besonders gut zur Geltung. Kate lächelte zufrieden. Es sah wirklich sehr schön aus.

„Kate?“

Lady St. John kam auf sie zu. Sie trug eine Jacke aus feinem Kaschmir und einen dazu passenden knöchellangen Rock.

„Guten Tag, Lady St. John! Dies ist wohl einer meiner letzten Besuche bei Ihnen, wie schade! Und ich … ich …“ Kate sprach den Satz nicht zu Ende.

Lady St. John war nicht allein. Ein Mann hatte nach ihr den Salon betreten. Er hatte lange, muskulöse Beine und sah einfach perfekt aus. Bestimmt handelte es sich um den Fahrer des Sportwagens. Kates Herz begann heftig zu schlagen. Hatte sie wirklich geglaubt, nur unscheinbare kleine Männer würden solche Autos fahren? Dann hatte sie sich gründlich geirrt.

Mit einer eleganten Bewegung wies Lady St. John auf den Mann, der hinter ihr stand. „Kate, ich möchte Ihnen meinen Patensohn vorstellen.“

„Ihren Patensohn?“, wiederholte Kate ungläubig.

Lady St. John lächelte. „Ja. Ich habe seine Mutter während einer Europareise kennengelernt, die ich in meiner Jugend gemacht habe. Sie wurde eine meiner engsten Freundinnen. Und das ist ihr Sohn Giovanni Calverri.“ Sie wandte sich zu ihm um. „Giovanni, das ist Kate Connors, eine sehr talentierte Innenarchitektin, die diesen Salon für mich gestaltet hat.“

Giovanni sah sich um. Kate konnte den Blick nicht von ihm wenden. Insgeheim stellte sie sich vor, wie es wäre, von Giovanni Calverri ausgezogen zu werden. Seinem Namen nach zu urteilen, stammte er aus Italien. Auch sein schwarzes, schimmerndes Haar legte dies nahe. Die Augen allerdings waren strahlend blau. In Kates Vorstellung verband sich italienische Abstammung mit Temperament und Leidenschaft. Doch der große, elegante Mann, der sie schweigend musterte, wirkte sehr kühl. Kate hielt seinem Blick stand.

„Guten Tag“, sagte sie betont gelassen.

Giovanni war fasziniert. Er hatte noch nie eine derart attraktive Frau gesehen – noch dazu mit so leuchtend roten Haaren. Er spürte, wie seine Muskeln sich anspannten, als wollte sein Körper ihm sagen, was er, Giovanni, wollte … Schnell verdrängte er den Gedanken, bevor seine Fantasie mit ihm durchging. Er beschloss, Kates Begrüßung so gleichmütig und unverbindlich wie möglich zu erwidern. Doch am liebsten hätte er den Mund auf ihren gepresst.

„Giovanni?“ Seine Patin sah ihn fragend und ein wenig überrascht an.

Er räusperte sich. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen“, sagte er schließlich kühl.

Seine tiefe Stimme ließ Kate erschauern. Giovanni hatte einen sehr erotischen Akzent mit leicht amerikanischer Färbung. Sag das noch einmal – aber diesmal bitte so, als würdest du es ernst meinen, dachte sie empört. Obwohl er nicht ihr Typ war, konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden. Sie kannte nur sehr wenige derart gut aussehende Männer: Er hatte einen bronzefarbenen Teint, edle, markante Gesichtszüge und war muskulös und durchtrainiert. Mit anderen Worten: Giovanni Calverri war für viele Frauen bestimmt der Traummann schlechthin.

„Ganz meinerseits“, erwiderte Kate, rang sich ein höfliches Lächeln ab und fragte: „Sind Sie Italiener?“

„Italiener?“, wiederholte Giovanni spöttisch. Um seinen sinnlichen Mund zuckte es leicht. Warum, um alles in der Welt, wirkte er nur so aufgebracht?

„Diu Mio!“ Seine blauen Augen funkelten. „Ich bin Sizilianer, kein Italiener!“

„Ist das denn etwas anderes?“, fragte Kate gespielt unschuldig und sah ihn erstaunt an.

„Oh nein“, mischte sich Lady St. John leise ein.

Giovanni bemerkte Kates schalkhaften Blick und wie sein Körper darauf reagierte. Ihm fiel auf, dass ihre klaren Augen grün waren und fast auf einer Höhe mit seinen. Für Giovanni war es ein neues und faszinierendes Gefühl, nicht auf eine Frau hinunterblicken zu müssen. Unwillkürlich fragte er sich, wie es wäre, Kates nackten Körper an seinem zu spüren, und sofort durchflutete ihn eine Welle des Verlangens. Er schluckte und verdrängte das Gefühl ganz schnell.

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie den Unterschied zwischen Sizilien und Italien nicht kennen?“, fragte er.

„Sonst würde ich wohl kaum fragen“, erwiderte Kate ein wenig schnippisch.

Giovanni versuchte den aufsteigenden Ärger zu unterdrücken. Warum sollte diese ignorante Engländerin schließlich irgendetwas über seine Heimat wissen?

„Der Unterschied ist geradezu unermesslich groß“, antwortete er kühl. „Ihn zu erklären würde mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ich zur Verfügung habe.“

„Ich verstehe.“ Kate stellte fest, dass Giovanni Calverri ausgezeichnet Englisch sprach. Doch noch nie hatte sich jemand ihr gegenüber so unhöflich verhalten.

„Giovanni!“, sagte in diesem Moment Lady St. John ein wenig vorwurfsvoll, „wenn du weiterhin so herablassend zu Kate bist, wird sie gleich wieder wegfahren!“

Er wandte sich zu seiner Patin um und lächelte zum ersten Mal. „Bitte entschuldige“, erwiderte er. „Ich habe eine sehr anstrengende Woche hinter mir. Ich hoffe, du hast Verständnis dafür, dass ich so kurz vor dem Mittagessen keinen Vortrag über die Geschichte Siziliens halten möchte.“

Kate war empört. Giovanni Calverri verhielt sich geradezu, als wäre sie ein lästiges Insekt.

„Machen Sie sich meinetwegen bitte keine Sorgen, Lady St. John“, sagte sie betont gelassen.

Doch Giovanni bemerkte das wütende Funkeln in ihren grünen Augen. Wie würden sie wohl aussehen, wenn ihre Besitzerin nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht erschöpft und glücklich im Bett lag? Er war erstaunt, wie sehr die Vorstellung ihn erregte. Schließlich war es nichts Außergewöhnliches, dass eine Frau ihn attraktiv fand und man ihr das anmerkte. Das hatte Giovanni schon oft genug erlebt. Doch normalerweise langweilte es ihn nur.

Bestimmt gehört sie zu jenen Frauen, die jeden Mann zu verführen versuchen, den sie begehren, redete Giovanni sich ein, und der Gedanke half ihm, endlich sein Verlangen unter Kontrolle zu bekommen.

Kate wandte den Blick ab, denn Giovannis verächtliche Miene brachte sie durcheinander. „Die Vorhänge habe ich im Wagen, Lady St. John“, fuhr sie lächelnd fort. „Ich würde sie gern aufhängen.“

„Ich kann es kaum erwarten!“, antwortete Lady St. John begeistert. „Soll Giovanni Ihnen beim Tragen helfen? Bestimmt sind sie ziemlich schwer!“

Es widerstrebte Kate, Hilfe von dem Mann anzunehmen, der sie so herablassend behandelt hatte. Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, das wird nicht nötig sein“, erwiderte sie und erklärte herausfordernd: „Ich bin es gewohnt, allein zurechtzukommen.“

„Ich bewundere selbstständige Frauen“, stellte Giovanni fest, und seine blauen Augen funkelten spöttisch. „Allerdings ist allen sizilianischen Männern die Hilfsbereitschaft gegenüber dem schwachen Geschlecht angeboren. Ich bestehe also darauf, Ihnen zu helfen.“

Schwaches Geschlecht? Kate war sicher, dass er sie mit dieser Bemerkung noch mehr ärgern wollte. Und wie konnte er es wagen, sich ihrem Wunsch zu widersetzen? Sie wollte ihm gerade eine schnippische Antwort geben, doch zum Glück fiel ihr noch rechtzeitig ein, dass es keinen sonderlich guten Eindruck auf Lady St. John machen würde. Sie rang sich deshalb ein Lächeln ab und erwiderte: „Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen.“

Giovanni verstand ihre Worte so, wie sie gemeint waren. „Nett“ war nicht gerade ein Wort, mit dem er sich identifizieren konnte. Wollte sie ihn etwa provozieren? Er lächelte kühl. Frauen waren so leicht zu durchschauen.

Völlig verunsichert folgte Kate Giovanni zum Wagen und fragte sich, warum dieser Mann eine solche Wirkung auf sie hatte. Es ist nicht sein Haus, sondern das seiner Patin, rief Kate sich in Erinnerung. Sie würde ihm schon zeigen, dass er mit seiner überheblichen Art nicht bei ihr landen konnte.

„Es ist alles da drin“, sagte sie, wies auf ihren Lieferwagen, schloss die Tür auf der Fahrerseite auf und stieg hinein. Sie trug eine enge zartgrüne Hose, die ihren Po betonte. Als sie sich kurz zur Seite wandte, ließ Giovanni den Blick über das orangefarbene Stretch-T-Shirt gleiten, unter dem sich ihre Brüste abzeichneten, und schluckte.

Die meisten rothaarigen Frauen würden sich nicht trauen, so eine Farbe zu tragen. Andererseits hatte er auch noch nie eine Frau mit so zarter, blasser Haut und so leuchtendem, dichtem Haar gesehen. Es reichte ihr fast bis zur Taille und wurde von zwei rosa Glitzerhaarspangen aus dem Gesicht gehalten. Sie passten genau zu den Armreifen, die Kate an ihren schmalen Handgelenken trug.

Er hatte schon als Kind gelernt, dass Frauen nur Goldschmuck anlegen sollten – oder Diamanten. Außerdem sollten sie nur Seide, Kaschmir oder feine Baumwolle tragen: edle Naturstoffe, die ihre Schönheit betonten – keine enge Kleidung aus Kunstfasern. Unwillkürlich überlegte er, ob Kate wohl seidene Unterwäsche trug. Aber warum machte er sich darüber Gedanken?

„Hier ist es endlich“, sagte Kate atemlos und förderte ein großes Paket zu Tage. Dann drehte sie sich um und stellte fest, dass Giovanni sie kühl mit seinen faszinierenden blauen Augen musterte, und zwar äußerst missbilligend. Kate runzelte die Stirn. Wie kam dieser arrogante Kerl dazu, so auf sie herabzublicken?

Sie rang sich ein Lächeln ab. Bleib höflich, ermahnte sie sich. Geh gar nicht darauf ein.

„Werden Sie damit zurechtkommen?“, fragte sie höflich.

Ihr aufgesetztes Lächeln ist fast so beleidigend wie die Frage, dachte Giovanni. Sie glaubte wohl, sie könnte ihn wie einen Hilfsarbeiter behandeln! Ihm lag schon eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, doch er beherrschte sich.

„Geben Sie mir das Paket“, erwiderte er gespielt gleichgültig.

Erschrocken stellte Kate fest, dass sie wie elektrisiert war. Wieso empfand sie eine kühle, herablassende Aufforderung als erregend?

„Hier.“ Wenn das Paket nicht ein kleines Vermögen wert gewesen wäre, hätte sie es ihm einfach zugeworfen. Stattdessen musste sie es ihm so vorsichtig in die Arme legen, als wäre es ein neugeborenes Baby. Ihre Hände streiften einander, und Kate erschauerte unwillkürlich. Sie hoffte, dass Giovanni es nicht bemerkte. „Ich bringe die anderen Sachen hinein“, erklärte sie betont gleichmütig, um ihre Erregung zu überspielen.

Doch Giovanni war es nicht entgangen – schließlich war ihm Ähnliches schon oft passiert. Und wie alle Männer war auch er schon des Öfteren in Versuchung geführt worden. Er hatte jedoch noch nie einem flüchtigen Verlangen nachgegeben. Dafür war sein Ehrgefühl zu groß. Allerdings konnte er sich nicht erinnern, jemals ein so starkes Begehren verspürt zu haben wie jetzt. Ohne etwas zu erwidern, wandte er sich um und ging zum Haus.

Lady St. John erwartete sie im blauen Salon und lächelte, als Giovanni das schwere Paket hereinbrachte und auf einen Tisch legte.

„Möchten Sie, dass wir Sie allein lassen?“, fragte sie Kate, die nach Giovanni eingetreten war.

„Ja, das wäre sehr nett“, erwiderte Kate dankbar, denn sie wollte nicht, dass Giovanni ihr bei der Arbeit zusah.

„Danach werden Sie uns doch hoffentlich beim Mittagessen Gesellschaft leisten?“

Normalerweise nahm Kate diese Einladung immer an. Sollte sie es heute jedoch auch tun, während Lady St. Johns arroganter Patensohn anwesend war? Nein danke, dachte Kate. „Es ist wirklich nett von Ihnen, ich fürchte aber, dass ich heute länger brauchen werde, und möchte Sie nicht aufhalten …“

„Das tun Sie keineswegs“, fiel Lady St. John ihr ins Wort. „Wir haben ohnehin noch etwas zu erledigen. Giovanni möchte sich gern meine Gärten ansehen. Und ich kann es kaum erwarten, ihm endlich die vielen exotischen Pflanzen im Gewächshaus zu zeigen.“

„Aber vielleicht ist Miss Connors ja der Appetit vergangen?“, fragte Giovanni und lächelte spöttisch.

Kate gab sich einen Ruck und erwiderte seinen Blick. Ich werde mich nicht von ihm verunsichern lassen, dachte sie entschlossen. Um nichts in der Welt würde dieser eingebildete, selbstgefällige Kerl sie davon abhalten, vor der Rückfahrt nach London eine köstliche, angenehme Mahlzeit mit Lady St. John einzunehmen. Es wäre doch gelacht, wenn ich mich von ihm aus der Fassung bringen ließe, überlegte Kate.

„Ich habe seit heute Morgen um sechs nichts mehr gegessen“, erwiderte sie wahrheitsgemäß, „und würde sehr gern zum Mittagessen bleiben.“

Giovanni blickte sie prüfend an. Ob Kate zu jenen Frauen gehörte, die auf ihre Linie nicht achten mussten? Oder würde sie nach einem ausgiebigen Mittagessen drei Tage nur von Luft und Wasser leben?

„Das ist schön“, sagte Lady St. John. Dann wandte sie sich an ihren Patensohn. „Komm, Giovanni“, forderte sie ihn auf, „ich werde dir farbenprächtige Blumen zeigen, die sogar mit der wunderschönen sizilianischen Pflanzenwelt mithalten können!“

Giovanni lächelte gutmütig. „Das wage ich zu bezweifeln.“

Nachdem die beiden gegangen waren, begann Kate die Vorhänge anzubringen. Sie musste sich so darauf konzentrieren, dass sie nicht weiter an den faszinierenden dunkelhaarigen Sizilianer dachte.

Sie war gerade fertig, da hörte sie Schritte hinter sich und wandte sich auf der Trittleiter um. Es war Giovanni. Er betrachtete die Vorhänge und ließ den Blick über den in Goldtönen und tiefem Blau gehaltenen Stoff gleiten und sah dann Kate an.

„Sie wirken überrascht“, stellte sie leise fest.

Er war es tatsächlich, denn er hatte damit gerechnet, dass Kate etwas zu Modernes aussuchen würde, was in dem wunderschönen alten Haus fehl am Platze gewesen wäre.

„Ich bin es ein wenig“, gab er zu und zuckte auf typisch sizilianische Art die Schultern.

„Dachten Sie, dass ich keinen Geschmack habe?“

Giovanni betrachtete ihr Gesicht und ließ den Blick über ihre grünen Augen, die blasse, zarte Haut und das leuchtend rote Haar gleiten. Erneut wurde er von heftigem Verlangen erfasst. „Solche Fragen sollten Sie nicht stellen, wenn Sie die Antworten nicht wirklich hören möchten.“

Schnippisch erwiderte Kate: „Ich bin schon ein großes Mädchen, Mr. Calverri …“

Signor Calverri“, verbesserte er sie sanft.

„Und wie lautet Ihre Antwort?“

Giovanni bemerkte, dass ihr Atem schnell und unregelmäßig ging, und sein Herz begann heftig zu schlagen. „Sie haben in der Tat einen erlesenen Geschmack“, erwiderte er ruhig.

Kate senkte den Blick, bevor Giovanni das Verlangen in ihren Augen sehen konnte. Sie fand ihn wirklich nicht sympathisch. Weshalb wollte sie dann trotzdem sein Kompliment am liebsten immer wieder hören?

„Danke“, sagte sie ein wenig atemlos und stieg unsicher die Trittleiter hinunter. Erleichtert bemerkte sie, dass Lady St. John zu ihnen in den Salon gekommen war.

„Oh Kate, das sieht einfach perfekt aus!“, rief sie erfreut. „Es ist noch viel schöner, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte!“

Unwillkürlich dachte Kate, dass ihre Träume von Giovanni Calverri handeln würden. Wie mochte es wohl sein, wenn er sie ausziehen oder mit seinen sinnlichen Lippen küssen würde?

„Kate, Sie sollten jetzt aber wirklich etwas essen“, stellte Lady St. John fest. „Sie sind ja ganz blass!“

„W…wirklich?“ Kate presste sich die Fingerspitzen an die Schläfen und versuchte sich zu beruhigen, während sie in ein wunderschönes, sonnendurchflutetes Zimmer gingen, von dem aus man auf den Garten sah. Giovanni konnte den Blick nicht von Kates schlanken Hals wenden. Er redete sich ein, es würde ihm leichtfallen, ihr zu widerstehen, während die Sonnenstrahlen ihr rotes Haar in Flammen zu setzen schienen. Mit undurchdringlicher Miene wartete er, bis die beiden Frauen sich gesetzt hatten. Dabei entging ihm nicht, dass Kate tief errötet war.

„Kate, darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten?“, fragte Lady St. John.

Kate schüttelte den Kopf und wich Giovannis Blick aus. Er lächelte, doch es wirkte nicht freundlich, sondern fast grausam. Auf gar keinen Fall würde sie jetzt Alkohol trinken! „Nein, vielen Dank. Ich trinke lieber Wasser, denn ich muss ja noch Auto fahren und werde mich auch gleich nach dem Essen auf den Weg machen.“

Obwohl Kate keinen Appetit hatte, zwang sie sich, wenigstens ein bisschen zu essen. Denn sonst hätte Giovanni sofort bemerkt, wie nervös seine Gegenwart sie machte. Insgeheim betrachtete sie seine langen, schlanken Finger, als er sich geschickt etwas vom Brot abbrach. Ich benehme mich wie ein verliebtes Schulmädchen, dachte Kate entgeistert. Dabei war sie siebenundzwanzig Jahre alt! Sie schluckte und blickte ihm in die Augen. Sofort überkam sie ein unwiderstehliches Verlangen. Er ist doch gar nicht dein Typ, rief sie sich in Erinnerung.

„Sind Sie aus geschäftlichen Gründen nach England gekommen oder zum Vergnügen?“, fragte Kate.

Giovanni bemerkte, dass ihr die Stimme zu versagen drohte und ihre sinnlichen Lippen leicht bebten. Sofort verspürte er den Wunsch, sie zu küssen – und war entsetzt über seine Schwäche. „Ich bin auf Geschäftsreise“, erwiderte er. „Aber natürlich ist es immer ein großes Vergnügen, mich mit meiner Patin zu treffen.“

„Und was machen Sie beruflich?“

Lady St. John wies mit einer eleganten Handbewegung auf das Besteck und einen mehrarmigen silbernen Kerzenleuchter, der in der Mitte des Tisches stand. „Die Familie Calverri exportiert ihre Produkte in Länder auf der ganzen Welt“, fügte sie stolz hinzu.

Endlich verstand Kate. Wäre sie von Giovanni Calverri nicht so fasziniert gewesen, wäre sie sicher schon eher darauf gekommen. „Calverri-Silber?“, fragte sie überwältigt. „Sie sprechen von dem Calverri-Silber?“

„Es gibt nur eins“, erwiderte Giovanni herablassend.

Nun war klar, warum er einen so extravaganten Wagen fuhr und einen maßgeschneiderten Anzug trug. Giovanni war es gewohnt, von allem nur das Beste zu haben. Alle reichen Menschen mit Geschmack, die Kate kannte, besaßen Calverri-Silber. Die Firma stellte detailgetreue Nachbildungen antiker Stücke, aber auch klassisch schöne selbst entworfene Teile her, die sehr geschätzt wurden.

„Ihr Unternehmen ist ausgesprochen erfolgreich“, stellte Kate fest.

„Selbstverständlich! Unter Giovannis Leitung hat die Firma auf dem internationalen Parkett unglaublich zugelegt“, erklärte Lady St. John stolz.

Er zuckte die Schultern. „Wir haben schließlich ausgezeichnete Mitarbeiter, Elizabeth“, erwiderte er gelassen. „Und ich bin nur ein kleines Rädchen in einem gut geölten Getriebe.“

Diese falsche Bescheidenheit passt nicht zu ihm, dachte Kate unwillkürlich und bemerkte, wie herausfordernd Giovanni sie ansah. Offenbar wusste er genau, was in ihr vorging. Sie wandte den Blick ab und widmete sich dem Lachs auf ihrem Teller. Jetzt übertreibst du aber, ermahnte sie sich. Ihre Gedanken hatte bislang schließlich noch keiner lesen können.

„Das Essen ist wirklich ganz ausgezeichnet“, stellte Kate höflich fest.

Du lügst, dachte Giovanni, du hast es ja kaum angerührt, angela mia.

In diesem Moment, die Teller waren gerade abgeräumt worden, begann Kates Handy in ihrer Tasche zu klingeln, woraufhin Giovanni Kate einen missbilligenden Blick zuwarf. Du meine Güte, dachte sie entgeistert. Wo war sie nur mit ihren Gedanken gewesen? Sie stellte das Handy während des Essens sonst immer ab!

„Sie sollten den Anruf besser entgegennehmen“, meinte Lady St. John freundlich.

„Bitte entschuldigen Sie mich“, erwiderte Kate und stand auf. Sie war froh über die Gelegenheit, Giovannis durchdringendem Blick zu entkommen. Doch dann sah sie, dass ihre ältere Schwester die Anruferin war.

Kate nahm das Gespräch entgegen. „Hallo, Lucy … nein, natürlich nicht, das verstehe ich sehr gut. Wenn es nun einmal ein Notfall ist …“

„Wovon redest du?“, fragte Lucy überrascht. „Was für ein Notfall?“

„Nein, natürlich werde ich sofort zurückkommen“, fuhr Kate so laut fort, dass Giovanni und Lady St. John jedes Wort verstehen konnten. „Ich bin mit meiner Arbeit hier fertig. Und sicher wird man es mir nicht übel nehmen, wenn ich nicht zum Dessert bleibe.“

„Ich hoffe, du wirst mir nachher eine Erklärung für all das geben“, sagte Lucy trocken.

„Oh ja, natürlich! Auf jeden Fall!“, erwiderte Kate. Doch wie, um alles in der Welt, sollte sie ihrer Schwester begreiflich machen, dass ein arroganter, herablassender Mann ihr den Kopf verdreht hatte – der atemberaubendste Mann, dem sie je begegnet war?

Kate erschauerte, als die Erkenntnis sie mit aller Wucht traf: Sie begehrte Giovanni Calverri.

2. KAPITEL

„Du meine Güte, Kate, was ist denn nur mit dir los?“, fragte Lucy und sah ihre Schwester, deren Blick merkwürdig ausdruckslos wirkte, besorgt an.

Während der ganzen Fahrt von Sussex, wo Lady St. John lebte, nach London war Kate entsetzt über ihr Verhalten gewesen. Sie hatte keinen klaren Gedanken fassen können und war nach der Ankunft sofort zu ihrer Schwester gegangen. Und sobald sie in Lucys elegant eingerichtetem Apartment gewesen war, hatte sie zu zittern begonnen.

„Ich benehme mich wirklich albern. Es ist ja gar nichts passiert.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Aber du lässt sonst nie dein Handy während des Essens an“, stellte Lucy fest und runzelte die Stirn. „Das ist doch eine deiner goldenen Regeln.“

Es stimmte. Eine weitere war, dass Kate sich niemals von Leidenschaft überwältigen lassen wollte. Sie hörte lieber auf ihren Verstand als auf ihr Herz. Auf keinen Fall würde sie sich mit einem Mann einlassen, der sich einen Spaß daraus machte, den Unnahbaren zu spielen und Frauen an seiner Angel zappeln zu lassen.

„Ich habe gerade einen Mann kennengelernt“, begann Kate wie benommen. Das klingt ja wie die erste Zeile eines Liebeslieds, dachte sie ironisch.

Lucys Stirn entspannte sich wieder. „Ach so! Das wurde ja auch Zeit“, stellte sie lächelnd fest. Sie selbst hatte schon seit mehreren Jahren einen festen Partner. „Ich warte schon so lange darauf, dass du dich endlich verliebst!“

„Es ist nicht so, wie du denkst.“ Sie presste einen Moment lang die Lippen zusammen. „Ich bin nicht verliebt. Ich kenne ihn ja kaum – wie sollte ich ihn da lieben?“

„Aber Amors Pfeil hat dich doch offenbar getroffen.“

„Wie ein Blitzschlag“, gab Kate zu. „Es war genau so, wie man es immer in Romanen liest. Aber ich hätte nie geglaubt, dass es mir jemals passieren würde.“

Lucy lächelte. „Die Franzosen sagen dazu ‚coup de foudre‘.“

Kate schüttelte den Kopf. „Das würde bedeuten, dass es gegenseitig wäre.“

„Und das war es nicht?“, fragte Lucy.

Kate überlegte. Zwischen ihr und Giovanni Calverri hatte es eindeutig geknistert, aber andererseits … „Er hat mich angeblickt, als würde ihm gar nicht gefallen, was er gesehen hat.“

„Vielleicht haben ihn seine Empfindungen auch erschreckt“, erwiderte Lucy sanft.

Kate blickte sie fragend an. Ihre Schwester war zwei Jahre älter als sie und die schönste Frau, die Kate je gesehen hatte. Lucy hatte dunkles kupferfarbenes Haar und grüne Augen mit dichten Wimpern. Viele Männer lagen ihr zu Füßen. Doch Lucy hatte sich in ihren Chef verliebt und die Beziehung zu ihm auch dann nicht aufgegeben, als man ihr mit Entlassung drohte.

Schließlich hatte sie ihre Stelle verloren und ihr Freund Jack das Unternehmen freiwillig verlassen und sich selbstständig gemacht. Sie waren jedoch ein Paar geblieben. Wegen seiner Geschäfte verbrachte Jack die meiste Zeit im Ausland. Und Lucy arbeitete seit ihrer Entlassung für Kate und lebte im selben Haus wie ihre Schwester.

Kate sah sich in Lucys Apartment um. Es war größer als ihrs und auch luxuriöser ausgestattet, da Jack sich an der Miete beteiligte.

„Wie geht es eigentlich Jack?“, fragte sie geistesabwesend.

Doch Lucy ging nicht darauf ein. „Erzähl mir von ihm“, forderte ihre Schwester sie sanft auf. „Ich möchte mehr über den Mann wissen, der dich so aus der Fassung bringt.“

Überrascht und verärgert blickte Kate auf ihre zittrigen Hände. Was sollte sie Lucy berichten? Dass Giovanni das stolzeste und schönste Gesicht besaß, das sie je gesehen hatte, und so tiefblaue Augen, dass der Himmel dagegen blass und farblos wirkte? Sie zuckte die Schultern. „Da gibt es nichts zu erzählen. Wie gesagt, eigentlich kenne ich ihn ja gar nicht. Ich habe nur einige Worte mit ihm gewechselt. Er ist Lady St. Johns Patensohn – und Italiener – ich meine, Sizilianer.“

„Ist das denn etwas anderes?“

„Genau das habe ich auch gefragt! Offensichtlich gibt es einen schwerwiegenden Unterschied.“ Kate erinnerte sich daran, wie aufgebracht Giovanni auf ihre harmlose Rückfrage reagiert hatte. „Seiner Familie gehört das Calverri-Silber-Imperium. Sicher hast du schon davon gehört.“

Ungläubig blickte Lucy sie an. „Machst du dich über mich lustig?“

„Nein, ganz und gar nicht. Er ist ziemlich reich und sieht unglaublich gut aus.“ Kate schloss einen Moment lang die Augen.

„Das klingt, als wäre er geradezu perfekt.“

„Bestimmt ist er das“, erwiderte Kate betont gelassen, „aber nur für jemand, dem es nichts ausmacht, von oben herab behandelt zu werden.“

„Es scheint dich ja ganz schön erwischt zu haben“, stellte Lucy lächelnd fest.

„Nein, sicher ist es nur eine vorübergehende Schwärmerei“, wehrte Kate ab. „Außerdem werde ich ihn sowieso nie wiedersehen, damit ist das Thema erledigt.“

Nie. Das klang so furchtbar endgültig. Nach dem Essen hatte Kate in Windeseile ihre Sachen zusammengesucht und Lady St. Johns Haus fluchtartig verlassen, um ja keine Dummheit zu begehen.

Denn einen Moment lang, als sie mit Lady St. John und ihrem Patensohn zur Tür gegangen war, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ihn um eine Verabredung zu bitten. Natürlich hätte sie ihn nicht direkt gefragt, sondern vorgegeben, dass einer ihrer Kunden sich für den Calverri-Silberwaren-Katalog interessiere. Und es wäre noch nicht einmal gelogen gewesen. Kate wusste, mindestens ein halbes Dutzend ihrer wohlhabenden Kunden würden sich begeistert Stücke aus dem neuesten Katalog aussuchen.

Doch sie hatte bereits gemerkt, wie intelligent und scharfsinnig Giovanni Calverri war. Er hätte sie sofort durchschaut. Bestimmt hatten schon viele Frauen ähnliche Tricks ausprobiert. Also hatte sie nichts gesagt, sondern nur kühl gelächelt und ihm die Hand gereicht. Insgeheim hatte sie gehofft, dass ihre Körpersprache nicht verriet, was in ihr vorging, als Giovannis Finger ihre berührt hatten.

Kate seufzte und blickte aus dem Fenster auf die Themse, während Lucy Kaffee in der Küche machte. Die Wasseroberfläche glitzerte in der Sohne. Apartments wie ihrs kosteten viel Geld, und sie hatte es sich erst leisten können, nachdem ihr Einkommen höher geworden war, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Ihre Arbeit, ihr Zuhause, ihr Leben – alles war perfekt.

Also lass bloß die Finger von ihm, ermahnte sich Kate: Dann fiel ihr ein, dass sich ihre und Giovanni Calverris Wege ohnehin nie wieder kreuzen würden. Zum Glück! Denn sie wusste nicht, ob sie stark genug sein würde, dem fast übermächtigen Verlangen zu widerstehen, das sie für ihn empfand.

Es war verrückt. Wie konnte ein Mann eine solche Leidenschaft in einer Frau entfachen, die ihre Gefühle sonst immer so gut im Griff hatte? Mit aller Macht verdrängte Kate den Gedanken an Giovanni Calverri und rang sich ein Lächeln ab, als Lucy mit dem Kaffee wieder ins Wohnzimmer kam.

Giovanni presste fast unmerklich die Lippen zusammen, als er energisch aufs Gaspedal trat. Hinter den dunklen Sonnenbrillengläsern funkelten seine blauen Augen. Verdammt! In Gedanken verfluchte er Kate Connors und alle Frauen, deren Blicke so unverblümte Einladungen ausdrückten – und deren Körper ihn geradezu aufforderten, sie zu verführen.

Heftig schüttelte Giovanni den Kopf. Er wollte nie wieder etwas mit dieser Frau zu tun haben! Und dennoch war er in diesem Moment auf dem Weg zu ihrem Apartment. Warum nur, um alles in der Welt?

Weil seine Patentante ihn um diesen Gefallen gebeten hatte, denn Kate hatte ihr Filofax bei Lady St. John liegen lassen. Giovanni lächelte ironisch. Was für ein plumper, leicht zu durchschauender Trick! Sicher hatte sie gewusst, dass seine Patentante ihn bitten würde, das Filofax zurückzubringen.

„Ich habe keine Zeit, Tante Elizabeth“, hatte er zunächst abgelehnt.

„Aber Giovanni! Das arme Mädchen wird ohne ihr Filofax völlig hilflos sein. Es hat die Ausmaße einer Enzyklopädie!“

„Warum schickst du es nicht per Post?“, schlug Giovanni vor.

„Das würde viel zu lang dauern“, entgegnete Lady St. John eigensinnig. „Außerdem kommst du auf dem Weg zum Hotel doch praktisch bei ihr vorbei. Um wie viel Uhr geht denn dein Flieger?“

„Um acht“, erwiderte Giovanni resigniert und sich durchaus bewusst, dass er seiner Patentante diesen Wunsch nicht abschlagen konnte.

„Dann kannst du es ja machen“, stellte Lady St. John erfreut fest. „Bitte, Giovanni, tu mir den Gefallen.“

Sí, sí, Tante Elizabeth.“ Giovanni hatte geseufzt und die makellos manikürte Hand nach dem Filofax ausgestreckt.

Er hätte das verdammte Ding einfach auf dem Rückweg zum Hotel bei Kate vorbeibringen sollen. Vielleicht wäre dann … Doch stattdessen duschte er im Hotel und zog statt des Anzugs eine legere Hose und ein Seidenhemd an. Letzteres fühlte sich auf seiner Haut an, als würde eine Frau die Fingerspitzen sanft über seinen Körper gleiten lassen. Dann rasierte er sich und rieb sich das Gesicht mit einem nach Moschus und Zitrone duftenden Aftershave ein. Nicht einen Moment lang fragte Giovanni sich, warum er das alles tat.

Er ging hinunter und bestellte sich in der Hotelbar einen Whiskey. Eine ganze Weile saß er da und betrachtete das Glas, ohne einen Schluck zu trinken. Um kurz vor sechs Uhr fuhr er dann los. So würde er gerade genug Zeit haben, das Filofax abzuliefern, bevor er weiter zum Flughafen fuhr. Er wollte gar nicht erst in Versuchung geführt werden, sich länger als unbedingt nötig bei Kate aufzuhalten. Er wollte Kate lediglich das Filofax überreichen. Doch als er sich ihrer Straße näherte, begann sein Herz heftig zu schlagen.

Kate verabschiedete sich von Lucy und ging die Treppen zu ihrem Apartment hinauf. Zum ersten Mal konnten die wunderschönen Farben der Einrichtung sie nicht von ihren Gedanken ablenken. Nervös und angespannt zog sie die Baumwolljacke aus und streifte sich eins ihrer Lieblingsoutfits über: einen megakurzen grünen Minirock und ein dazu passendes enges Kaschmiroberteil, die beide ihre Figur betonten. Unwillkürlich fragte Kate sich, wie das Outfit Giovanni Calverri wohl gefallen würde.

Du bist ja verrückt, ermahnte sie sich und ging ins Wohnzimmer. Dort schenkte sie sich ein Glas Wein ein – und trank es in einem Zug halb leer. Entgeistert hielt Kate inne. Denn sie hatte noch nie zuvor Alkohol allein getrunken.

Mit zittriger Hand stellte sie das Glas ab, ging in das kleine Arbeitszimmer und stellte den nagelneuen Computer an. Im Internet stieß sie auf eine Website über Sizilien, ohne sie bewusst gesucht zu haben.

Sofort wurden die Erinnerungen an Giovanni in ihr wach: an seinen schlanken, muskulösen Körper, die tiefblauen Augen und seinen spöttischen Blick. Kate betrachtete die Bilder der schroffen, aber wunderschönen Landschaft und druckte sämtliche Informationen über die Insel der Persephone aus. Mit klopfendem Herzen begann sie zu lesen.

Schon bald war sie ganz gefesselt von der stürmischen Vergangenheit der Insel, die zwar zu Europa gehörte, jedoch auch nicht weit entfernt von Nordafrika lag. Ihre Bewohner stammten von den alten Griechen, den Karthagern, Arabern und den Normannen ab. Kein Wunder, dass Giovanni so anders war als die Männer, denen Kate bisher begegnet war.

Plötzlich klingelte es. Sie zuckte zusammen und legte die ausgedruckten Seiten beiseite. Sicher war es Lucy, denn sie erwartete keine Gäste. Außerdem wollte sie einen ruhigen Abend allein zu Hause verbringen – wie immer, wenn sie einen Auftrag abgeschlossen hatte. Am Wochenende würden sie und Lucy den Erfolg dann gemeinsam feiern: mit einem Essen in ihrem Lieblingsbistro und einer Karaffe französischem Wein. Und am nächsten Morgen würden sie ausschlafen.

Erneut klingelte es.

Ich komme ja schon, dachte Kate und trennte die Internetverbindung, ohne das wunderschöne Bild von Sizilien vom Bildschirm zu löschen. Als es kurze Zeit später zum dritten Mal läutete, runzelte Kate die Stirn. Warum war Lucy nur so ungeduldig?

Sie öffnete die Tür und glaubte, ihr Herzschlag würde aussetzen.

Vor ihr stand Giovanni Calverri.

„Sie?“, sagte Kate langsam.

„Ich“, erwiderte Giovanni ironisch. „Sie haben mich doch erwartet, oder?“

„Erwartet?“, wiederholte Kate, die den Blick nicht von seinem klassisch schönen Gesicht wenden konnte und unfähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. „Warum sollte ich?“

Sie will also Spielchen mit mir treiben, dachte Giovanni. Und plötzlich wollte er es mit ihr auch. „Haben Sie nicht etwas vergessen?“, fragte er sanft.

Kate schüttelte den Kopf und sog den Zitrus-Moschus-Duft von Giovannis Aftershave ein, spürte die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, und erschauerte.

„Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen“, erwiderte Kate und runzelte die Stirn.

Am liebsten hätte Giovanni ihr gesagt, was er von Frauen hielt, die solche plumpen Tricks anwandten. Doch, das wissen Sie ganz genau, wollte Giovanni entgegnen, aber ihm versagte die Stimme. Er zog die Augenbrauen hoch und reichte ihr das dicke schwarze Lederbuch. „Das gehört Ihnen doch wohl, wenn ich mich nicht täusche?“

„Mein Filofax!“, rief Kate entgeistert. Eigentlich konnte sie ihren Alltag gar nicht ohne das Buch bewältigen. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich es liegen gelassen habe.“

Sie ist wirklich eine gute Schauspielerin, und ihre Überraschung spielt sie überzeugend, dachte Giovanni, merkte aber deutlich, wie stark sie auf seine Gegenwart reagierte. Sollte er Kate zeigen, dass er ihre Spielchen durchschaute?

„Sie meinen, Sie haben es noch gar nicht vermisst?“, fragte er spöttisch.

Kate zuckte zusammen und blickte ihn empört an. „Wollen Sie damit sagen, ich hätte das Filofax absichtlich liegen lassen?“

Er zuckte lässig die Schultern. „War es denn nicht so?“

Kate wollte ihren Ohren nicht trauen. Ungläubig zog sie die Augenbrauen hoch. „Und vermutlich unterstellen Sie mir auch noch, dass ich gehofft habe, Sie würden es mir zurückbringen?“

Giovanni lächelte herablassend. „Falls das Ihre Absicht war, so waren Sie ja offenbar erfolgreich, cara.“

Seine Arroganz brachte Kate fast zur Weißglut. „Vermutlich passiert Ihnen so etwas jeden Tag, Mr. Calverri, aber …“

„Giovanni“, korrigierte er sie sanft. Obwohl seine Vernunft ihn warnte, ließ er sich auf das Spielchen ein.

„Vielleicht werfen sich Ihnen ja ständig Frauen an den Hals, nur …“

„Das tun sie tatsächlich“, bestätigte Giovanni betont gelassen, doch als sein Blick auf Kates sinnliche Lippen fiel, wurde ihm ganz heiß.

Wütend sah sie ihn an. „Nur zu Ihrer Information“, begann sie und verstummte, als ihr einfiel, dass sie sich ihm ja selbst gern an den Hals geworfen hätte. Schnell verdrängte Kate den Gedanken und fuhr fort: „Wenn ich so sehr an einem Mann interessiert wäre, würde ich bestimmt nicht zu so leicht durchschaubaren Tricks greifen. Ich würde ganz einfach …“ Sie verstummte erneut.

Fragend zog Giovanni die Augenbrauen hoch. „Ja? Was?“

Also gut, dachte Kate und beschloss, ihm die Wahrheit zu sagen. „Ich hätte Sie einfach gefragt, ob Sie Lust hätten, mit mir auszugehen.“

Giovanni war fasziniert. Auf Sizilien wurden die Geschlechterrollen längst nicht mehr so streng gesehen wie in den vergangenen Jahrhunderten. Doch noch immer waren die Bewohner der Inseln überzeugt, dass ein Mann sich um eine Frau bemühen sollte und nicht umgekehrt. Trotz allem hätte Giovanni eine Einladung von Kate womöglich angenommen – so stark war sein Verlangen.

„Aber das haben Sie nicht getan“, stellte er ruhig fest.

„Nein, in der Tat nicht.“ Sie hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber sie hatte durchaus daran gedacht. Das wurde Giovanni klar, als er sie forschend ansah. Dass Kate ihn aber dann doch nicht gebeten hatte, mit ihm auszugehen, kam einer Ablehnung gleich. Nie zuvor war er von einer Frau zurückgewiesen worden – eine gänzlich neue Erfahrung für ihn. Gegen seinen Willen war er fasziniert.

„Ich werde versuchen, nicht allzu gekränkt zu sein, obwohl Sie meinem Selbstbewusstsein natürlich einen herben Schlag versetzt haben“, sagte er gespielt gelassen, um sich seine Erregung nicht anmerken zu lassen.

„Da bin ich aber froh“, erwiderte Kate ironisch. „Sonst hätte ich vor lauter Gewissensbissen sicher nicht schlafen können.“

Giovanni spürte, dass die Luft um sie her wie aufgeladen war. Doch statt so schnell wie möglich zu gehen, blickte er Kate herausfordernd an. „Wollen Sie mich gar nicht hineinbitten, cara!“, fragte er.

„Hineinbitten?“, wiederholte Kate langsam. Bedeutete cara nicht so etwas wie „Darling“?

Giovanni spürte, was in ihr vorging, und seine Erregung wuchs und wurde fast unerträglich. Plötzlich konnte er nur noch daran denken, Kate zu besitzen. Das Verlangen brachte ihn beinahe um den Verstand. Giovanni wusste, dass er seiner Begierde widerstehen musste. Und doch …

„Möchten Sie mir nicht etwas zu trinken anbieten?“, fragte er und zuckte betont gelassen die Schultern. „So könnten Sie sich dafür erkenntlich zeigen, dass ich einen Umweg gemacht habe und zu Ihnen gekommen bin.“

Kates Anspannung ließ ein wenig nach. Sie zwang sich, die Tür ganz zu öffnen. Sie zwang sich? Wem willst du eigentlich etwas vormachen? fragte Kate sich und hätte ihn am liebsten an sich gezogen – und zwar so nah, dass er ihr nicht würde widerstehen können.

Giovanni hatte tatsächlich etwas für sie getan. Sie sollte ihn also hereinbitten und sein arrogantes Verhalten ertragen. Vielleicht würde sie ihn so schneller vergessen können.

„Also gut, kommen Sie herein“, sagte sie schließlich.

Giovanni trat ein und stellte fest, dass Kates Apartment noch stilvoller und kreativer eingerichtet war, als er es erwartet hatte. In gewisser Hinsicht glich es seiner Bewohnerin: kräftige, schöne Farben, die perfekt aufeinander abgestimmt waren, herrschten vor.

Giovanni stellte fest, dass Kate sich umgezogen hatte. Sie trug einen kurzen Rock, der den Blick auf ihre langen Beine freigab. Das enge grüne Oberteil betonte ihre Brüste und die schmale Taille. Er schluckte und wandte den Blick ab. Ein halb leeres Glas Wein fiel ihm ins Auge, das auf einem kleinen Beistelltisch stand.

Kate bemerkte, wie er beinah unmerklich die Augenbrauen hochzog. Obwohl er nichts sagte, konnte sie seine Missbilligung deutlich spüren. Du bist kein kleines Schulmädchen, sagte eine innere Stimme. Du bist eine erwachsene Frau und ihm ebenbürtig.

„Ist etwas nicht in Ordnung, Giovanni?“, fragte sie gespielt unschuldig.

Er zuckte die Schultern. „Sie trinken allein?“

Was sollte sie antworten? Dass sie eigentlich nie allein Alkohol trank, sich aber seinetwegen mit einem Glas Wein beruhigen musste?

„Nur sehr selten“, erwiderte Kate.

Mach, dass du hier wegkommst, warnte ihn eine innere Stimme. Er spürte deutlich, dass eine Gefahr auf ihn lauerte. In den vierunddreißig Jahren seines Lebens hatte Giovanni sich noch nie gefürchtet. Doch jetzt hatte er Angst – vor etwas Neuem, Unbekanntem, dem er zum ersten Mal begegnete.

Er war dafür bekannt, dass er sich von nichts und niemandem einschüchtern ließ. Was für einen Zauber übte diese faszinierende Frau also auf ihn aus? Der Verstand befahl ihm, das Apartment sofort zu verlassen. Doch sein Körper wollte ihm nicht gehorchen.

Kate bemerkte, wie seine blauen Augen funkelten. Ganz ruhig, ermahnte sie sich. Sie atmete tief ein und fragte: „Was möchten Sie trinken, Giovanni?“ Es war ein angenehmes, erregendes Gefühl, seinen Namen auszusprechen, und Kate erschauerte.

Giovanni hatte um einen Drink gebeten, obwohl ihm eigentlich bewusst war, dass er ihn ablehnen müsste. Trotzdem sagte er: „Ein Glas Wein bitte.“ Er ließ sich auf einem der Sofas nieder und blickte Kate an, während sie ihm einschenkte. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sie faszinierte ihn mehr, als es je eine Frau getan hatte. In diesem Augenblick rutschte ihr Rock hoch, und Giovanni betrachtete ihre langen Beine.

Kate spürte seinen Blick und wie ihr Herz pochte. Sie goss Rotwein in ein schlichtes, aber edles Glas und reichte es ihm.

„Danke“, sagte Giovanni. „Wollen Sie sich nicht zu mir setzen und mir Gesellschaft leisten?“, fragte er Kate sanft, die vor ihm stand, als wüsste sie nicht, was sie tun sollte.

Wie konnte eine so alltägliche Frage nur so verführerisch klingen? Kate setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel und nahm ihr Glas.

Giovanni bemerkte, wie sie die Knie zusammenpresste, und ließ den Finger über den Rand des Weinglases gleiten. „Worauf wollen wir trinken, Kate?“, fragte er.

Einen Moment lang glaubte Kate, ein humorvolles Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. Doch sofort war es wieder verschwunden. „Ich weiß nicht“, erwiderte sie irritiert, weil Giovanni ihren Namen erstaunlich sanft, beinah zärtlich ausgesprochen hatte.

„Worauf stößt man denn auf Sizilien an?“

Giovanni lächelte kühl. „Auf dieselben Dinge wie überall sonst auf der Welt, cara mia: auf Gesundheit und Glück.“ Er hob sein Glas.

Kate verstand nicht, warum seine Antwort sie so enttäuschte.

3. KAPITEL

Kate trank den Wein schneller, als sie vorgehabt hatte. Danach war sie zwar nicht betrunken, aber plötzlich sehr übermütig.

Aber warum auch nicht? Schließlich war es kein Verbrechen und Giovanni ein äußerst attraktiver und faszinierender Mann. Warum also sollte sie den Drink mit ihm nicht genießen?

„Soll ich … soll ich Musik anmachen?“, fragte Kate.

Giovanni schüttelte den Kopf und trank einen Schluck Wein. Dabei ließ er den Blick durch den Raum gleiten. Sonnenstrahlen malten goldene Kringel an eine Wand.

„Dieses Apartment ist wirklich schön“, stellte er fest. „Und es liegt in einer sehr guten Gegend.“ Er kniff die Augen zusammen. „Sie müssen beruflich sehr erfolgreich sein, um sich in Ihrem Alter schon so einen Lebensstandard leisten zu können.“

Wollte er ihr etwa unterstellen, dass ein Mann sie finanziell unterstützte? „Ja, ich bin oft selbst überrascht“, erwiderte Kate wahrheitsgemäß. „Aber Ihr Unternehmen ist ja auch erfolgreich. Sicher expandieren Sie ständig.“

Giovanni schüttelte ungeduldig den Kopf. „Nein, durchaus nicht.“

„Nicht?“, fragte Kate erstaunt. „Ihr Unternehmen stellt doch das edelste Silber der ganzen Welt her! Ich bin zwar keine Expertin, aber …“

„Das sind Sie in der Tat nicht“, stimmte er ihr kühl zu.

„… aber lassen Sie sich da nicht eine ausgezeichnete Gelegenheit entgehen?“ Kate ließ sich durch seine unhöfliche Art nicht aus dem Konzept bringen.

Giovanni zuckte die Schultern. Er betrachtete Kates feuerrotes Haar, das ihr wie glühende Lava über die Brüste fiel.

„In unserem Unternehmen wird nach traditionellen Herstellungsmethoden gearbeitet“, erklärte er sanft. „Mein Vater war immer der Meinung, dass es nicht ratsam wäre, zu stark zu expandieren. Wir haben nie für die Masse produziert, sondern stellen in aufwendigen Verfahren eine begrenzte Anzahl ganz besonderer und schöner Produkte her. Auf diese Verfahren ist meine Familie zu Recht sehr stolz.“ Giovanni fiel auf, wie leidenschaftlich er klang. Normalerweise gab er gegenüber Fremden nicht solche persönlichen Dinge preis.

Auch Kate war fasziniert davon, wie begeistert Giovanni über das traditionsreiche Unternehmen sprach. Sie beugte sich zu ihm. „Es klingt wirklich beeindruckend!“, sagte sie ernst und wirkte fast wie ein Kind am Weihnachtsabend.

„Allerdings muss ich meinen Ehrgeiz dann und wann auch ein wenig im Zaum halten“, fuhr er fort.

„Mir scheint, der Ehrgeiz ist von so luftiger und loser Beschaffenheit, dass er nur der Schatten eines Schattens ist“, schalt Kate ihn sanft, ohne zu überlegen.

„Shakespeare“, stellte er fest. „Hamlet.“

„Sie kennen das Stück?“, fragte sie überrascht. Sofort funkelten seine Augen gefährlich.

„Oh, es tut mir leid. Ich … ich meinte nicht …“

Giovanni lächelte ironisch. „Oh doch, genau das meinten Sie“, entgegnete er. „Sie hatten mich schon nach Ihren klischeehaften Vorstellungen abgestempelt. Sie glauben, ich wäre trotz meiner Weltgewandtheit im Grunde nach wie vor ein sizilianischer Bauer, der in seinem Leben mehr mit der Mafia als mit Literatur zu tun hatte. Ist es nicht so?“

Kate wollte es abstreiten. Doch es war eine Veränderung in ihm vorgegangen. Plötzlich waren Weltgewandtheit und Eleganz von ihm abgefallen. Sein klassisch schönes Gesicht drückte nur noch Stolz und Ehrgeiz aus. Kate konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Seine Muskeln, die sich unter dem Seidenhemd abzeichneten, waren nicht durch Training im Fitnessstudio entstanden. Sie waren Giovanni von der Natur gegeben, außerdem war er ein willensstarker Mann, der es gewohnt war, sich durchzusetzen. Unwillkürlich fragte Kate sich, wie er wohl mit Frauen umging.

Giovanni bemerkte, wie sie errötete. Schnell stand er auf, bevor sein Begehren unerträglich wurde. „Darf ich Ihr Bad benutzen?“

„Natürlich.“ Kate nickte. „Es ist vom Flur aus die dritte Tür links.“

Giovanni ging dorthin und ließ sich eiskaltes Wasser über die Handgelenke laufen, um sein Verlangen ein wenig abzukühlen. Dabei blickte er in den Spiegel und bemerkte, dass seine blauen Augen fast schwarz wirkten. Sie ist doch nur eine Frau, ermahnte er sich, wenn auch eine außergewöhnlich schöne.

Auf dem Rückweg ins Wohnzimmer kam er an dem Raum vorbei, in dem Kate offenbar arbeitete. Der Computer war noch in Betrieb. Giovanni hörte ein lautes Summen und bemerkte eine Wespe, die immer wieder gegen die Fensterscheibe flog. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie das Tier in Kates samtweiche Haut stach, und verspürte den starken Wunsch, sie zu beschützen und das Insekt zu erschlagen. Doch dann öffnete er nur das Fenster und ließ die Wespe ins Freie.

Als Giovanni das Fenster wieder schloss, fiel sein Blick auf die herumliegenden bedruckten Blätter. Ein Wort stach ihm ins Auge: Sizilien.

Ihm wurde ganz heiß, als er den Blick über die Bilder seiner Heimat gleiten ließ. Kate war also wirklich an ihm interessiert. Denn offenbar hatte sie sich gleich nach ihrer Rückkehr über sein Herkunftsland informiert. In diesem Moment wusste er, dass er Kate in der Hand hatte.

Schnell ging er zurück ins Wohnzimmer. „Es wird Zeit, dass ich gehe“, sagte er kurz angebunden.

Kate war zutiefst enttäuscht und sprang auf. Giovannis Silhouette zeichnete sich dunkel gegen die sonnenbeschienene Wand ab. Sie wollte ihn nicht gehen lassen.

„Nein, bitte bleiben Sie noch eine Weile!“ Sie bemerkte, wie er leicht verächtlich die Augenbrauen hochzog. Doch die Sehnsucht nach ihm war stärker als ihr Stolz.

„Bitte, Giovanni“, fügte Kate hinzu und legte ihm die Hand auf den Arm.

Ihre Blicke begegneten sich. Wieder war die Luft um sie her wie aufgeladen.

„Ich wollte Sie ganz sicher nicht beleidigen, als ich mich erstaunt über Ihr Wissen zeigte“, sagte sie sanft. „Und ich wollte Sie auch nicht in eine Schublade stecken. Es tut mir leid, dass ich so undankbar bin, obwohl Sie mir einen Gefallen getan haben.“

Die sanfte Berührung brachte Giovanni so durcheinander, dass er Kates Worte kaum wahrnahm. Er blickte auf ihre Hand, die noch immer auf seinem Arm lag. Es war eine unschuldige, zugleich aber auch sehr sinnliche Geste. Sein Herz klopfte heftig. Seit er Kate das erste Mal gesehen hatte, hatte er sie berühren wollen.

Nein, er wollte mehr als nur das. Er wollte mit ihr schlafen. Giovanni spürte, wie das Verlangen von seinem Körper Besitz ergriff. Er wusste, dass es Kate mit ihm ebenso ging. Ihre Pupillen waren vor Begehren so geweitet, dass ihre grünen Augen fast schwarz wirkten. In diesem Moment entschied er sich. Sie sollte ihn haben. Langsam umfasste er ihr Gesicht und ließ die Daumen über ihre sinnlichen Lippen gleiten, die zu beben begannen.

Kate wurde es ganz schwindelig. Sie ließ die Hand sinken und hatte das Gefühl, der Boden würde ihr unter den Füßen weggezogen.

„Giovanni!“ Sie schluckte. Du meine Güte, er berührt doch nur deinen Mund, rief sie sich in Erinnerung.

Forschend blickte Giovanni sie an. Sollte sie Nein sagen, würde er sofort aufhören.

„Was ist denn, cara mia?“, raunte er und ließ den Daumen weiter über ihre Lippen gleiten. „Was möchtest du von mir?“ Erst später fiel Kate auf, dass Giovanni plötzlich zum vertraulichen Du übergegangen war.

Sie begann zu zittern, doch es gelang ihr nicht, sich ihm zu entziehen. Was, um alles in der Welt, war nur mit ihr los? Was musste Giovanni nur von einer Frau denken, die sich einem Mann so willig anbot, den sie so gut wie gar nicht kannte? Sie brachte kein Wort heraus.

„Sag es mir.“

„Das … das ist ein bisschen schwierig, wenn du meine Lippen so berührst“, erwiderte sie stockend.

„Soll ich damit aufhören?“, fragte Giovanni. „Möchtest du das?“

Kate blickte ihn an, und in ihren Augen spiegelte sich ungezügelte Leidenschaft.

„Nein“, stellte er fest und ließ den Blick zu ihren Brüsten gleiten. Die fest gewordenen Brustspitzen zeichneten sich deutlich unter dem engen Oberteil ab. „Das möchtest du ganz und gar nicht, stimmt’s, cara? Also sag mir, was du willst.“

Was sollte sie antworten – dass sie vor Lust vergehen würde, wenn er sie nicht bald küsste? Kate wollte antworten, doch die Stimme versagte ihr. Plötzlich schob Giovanni ihr den Daumen in den Mund.

„Oder hast du Angst, es mir zu sagen?“, fragte er. Er schluckte, als sich ihre warmen, weichen Lippen um seinen Finger schlossen.

Unwillkürlich begann Kate, an seinem Daumen zu saugen. Giovanni erschauerte. Er stöhnte auf und sagte leise etwas auf Sizilianisch.

Kate hatte keine Angst. Aber noch nie zuvor hatte sie einen Mann so sehr begehrt. Sonst hatte sie sich immer Zeit damit gelassen, einen Mann richtig kennenzulernen, bevor sie weiterging.

„Du bist doch eine selbstbewusste, unabhängige Frau“, zog Giovanni sie auf. „Du bist beruflich erfolgreich und hast alles, was du möchtest – bis auf das eine, das du am allermeisten willst …“

„Dich“, sagte Kate. „Ich will dich.“

Triumphierend blickte er sie an. Dann überwältigte ihn das Verlangen. Giovanni zog Kate an sich und küsste sie. Sie presste sich an ihn und stöhnte leise auf, als er mit der Zunge ihren Mund liebkoste.

Giovanni spürte, wie Kate sich ihm ganz hingab. Sein Verlangen wuchs. Es kam ihm so vor, als hätte er seit Ewigkeiten keine Frau mehr geküsst. Kates Lippen waren voll und sinnlich. Er küsste sie immer heftiger, während er die Hände von ihrer schmalen Taille zu den Hüften gleiten ließ, Kates Rock hochschob und ihren Po umfasste. Er spürte ihre samtweiche Haut unter den Händen, denn sie trug nur einen knappen Tanga aus zarter Spitze.

Kate glaubte vor Lust den Verstand zu verlieren und legte ihm die Arme um den Nacken. Sie schmiegte sich noch enger an Giovanni und presste die Brüste gegen seinen muskulösen Körper. Giovanni stöhnte und drückte sie gegen die Wand. Dabei schob er ihr ein Bein zwischen die Schenkel, sodass Kate deutlich spüren konnte, wie erregt er war.

Mit bebenden Händen öffnete sie die Knöpfe seines Seidenhemdes, während Giovanni den Reißverschluss an ihrem Rock aufzog, der zu Boden glitt. Jetzt trug sie nichts mehr außer dem knappen Oberteil und dem Spitzenslip.

Giovanni hörte nicht auf, sie zu küssen, während er sie aus dem Wohnzimmer auf den Flur führte. Ungeduldig hob er sie schließlich auf die Arme.

„Giovanni“, fragte Kate atemlos, „wohin bringst du mich?“

„Ins Bett“, erwiderte er und stieß die Schlafzimmertür auf.

4. KAPITEL

Giovanni trug Kate ins Zimmer und ließ sie aufs Bett sinken. Ohne den Blick von ihr zu wenden, öffnete er seine Hose.

„Hast du Verhütungsmittel da?“, fragte er so sachlich, als würde er um eine Tasse Kaffee bitten.

„Nein.“ Kate schüttelte nur den Kopf. Wozu sollte sie ihm erzählen, dass sie schon seit mehr als zwei Jahren Single war? Ihr Privatleben interessierte ihn ohnehin nicht.

Giovanni fischte eine Packung Kondome aus der Tasche. Unwillkürlich fragte Kate sich, ob er immer so gut vorbereitet war.

Giovanni schlüpfte aus der Hose. Kate betrachtete ihn bewundernd. Als er in dunkelblauen Seidenboxershorts vor ihr stand, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Dann entledigte er sich auch dieser und streifte sich ein Kondom über.

Kate ließ den Blick über seine muskulöse Brust, die glatte bronzefarbene Haut, die breiten Schultern und die schmalen Hüften gleiten.

Giovanni merkte, dass sie ihn betrachtete. „Du hast noch viel zu viel an, cara“, sagte er rau, als er sich zu ihr ins Bett legte.

Kate beugte sich über ihn und ließ die Zunge über seinen Hals gleiten. Giovanni erschauerte, streifte Kate das Kaschmiroberteil ab und betrachtete ihre vollen Brüste.

„Matri di Diu!“, raunte er und reizte mit der Zunge die Brustspitze. Durch den dünnen Stoff spürte er, wie die zarte Knospe fest wurde.

Kate stöhnte leise auf und ließ den Kopf nach hinten sinken.

„Gefällt dir das, cara?“ Giovanni bemerkte, wie Kate unwillkürlich ihre Hüften zu bewegen begann. Sein Verlangen wurde noch stärker. „Gefällt es dir?“, wiederholte er heiser. „Ja!“

Er öffnete ihren BH. Dann beugte er sich hinunter, nahm Kates Brustspitze in den Mund und begann daran zu saugen.

„Giovanni …“, flüsterte sie.

„Sí?“, fragte er rau.

Doch Kate konnte nichts erwidern. Sie zeichnete mit der Zunge die Konturen seines Mundes nach, während er den Finger in ihren Slip schob.

Giovanni bemerkte, wie empfänglich sie für ihn war. Als Kate erschauerte, stöhnte er auf. Unwillkürlich fragte er sich, ob Kate auf jeden Mann so reagierte. Dann begann er seinen Finger in ihr zu bewegen.

Sie stieß einen leisen Lustschrei aus und flüsterte: „Ich will dich.“

„Noch nicht“, sagte er.

„Bitte!“

Er schüttelte den Kopf. Kate spürte seinen Finger jetzt ganz intensiv und glaubte vor Lust den Verstand zu verlieren. „Giovanni!“, rief sie und sah ihn ungläubig an. „Ich … ich komme!“ Dann schloss sie die Augen.

Er hatte es schon daran gemerkt, wie sich ihr Körper plötzlich anspannte. Wieder stieß sie einen Lustschrei aus und erschauerte. Daraufhin legte sich Giovanni auf sie und drang in sie ein.

Kate öffnete die Augen. Das Gefühl, ihn so zu spüren, nahm ihr den Atem. Er schien sie ganz auszufüllen. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet. Dann begann er sich zu bewegen und sie gleichzeitig zu küssen. Kate erwiderte seine Liebkosungen und dachte nicht mehr darüber nach, ob es falsch oder richtig war. Denn noch nie zuvor hatte sich etwas so gut angefühlt.

Giovanni wünschte, es würde ewig dauern. Schon als Teenager war es ihm gelungen, den Liebesakt in die Länge zu ziehen, obwohl damals alles für ihn noch ganz neu gewesen war. Doch jetzt spürte er, wie er sich unaufhaltsam dem Höhepunkt näherte. Und als Kate erneut unter ihm erschauerte, konnte er sich nicht länger zurückhalten.

„Kate“, stöhnte er, als er den Gipfel der Lust erreichte. Tränen traten Kate in die Augen. Sie war überwältigt von starken Empfindungen, die sie nicht genau zu deuten wusste. Eng schmiegte sie sich an Giovanni und wünschte, die Nacht mit ihm würde niemals enden.

Giovanni erwachte. Er blickte sich um und überlegte, wo er war. Dann fiel ihm alles wieder ein; Du meine Güte!

Neben ihm lag eine Frau und schlief. Das allein war noch nicht ungewöhnlich. Doch ihr Duft war anders und auch der Sex war anders gewesen – einfach atemberaubend.

Die Erinnerung daran weckte in ihm sofort erneut großes Verlangen. Schnell verdrängte er den Gedanken. Nahezu lautlos stand Giovanni auf und ging ins Badezimmer, ohne Kate zu wecken. Er zog sich an und warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Als Giovanni seinen Mund betrachtete, fiel ihm sofort ein, wie leidenschaftlich Kate ihn geküsst hatte.

Leise verließ er das Apartment und ging hinaus in die Sommernacht. Als er im schwarzen Sportwagen saß und den Motor anließ, blickte er noch einmal zu den dunklen Fenstern hinauf. Es war zwei Uhr. Den Flug nach Sizilien hatte Giovanni schon lange verpasst. Nachts gab es keine Flüge von Heathrow. Ihm blieb nichts anderes übrig, als bis zum nächsten Morgen zu warten, am Flughafen schlechten Kaffee zu trinken und sich Gedanken über die Folgen seines Handelns zu machen.

Er hatte Anna betrogen – mit einer Frau, die er kaum kannte.

Das fahle Licht der Morgendämmerung erfüllte den Raum, als Kate aufwachte. Langsam öffnete sie die Augen. Plötzlich fiel ihr alles wieder ein, was in der vergangenen Nacht passiert war. Dann bemerkte sie, dass sie allein war.

Giovanni war nicht mehr da.

Kates Herz begann wie wild zu schlagen. Der Magen zog sich ihr zusammen, und sie schloss die Augen. Bitte, bitte, lass ihn nicht gegangen sein, dachte sie verzweifelt. Sie hielt den Atem an und lauschte. Doch im Apartment war außer dem Ticken des Weckers, der fünf Uhr morgens anzeigte, kein Geräusch zu hören.

Kate erschauerte, als sie daran dachte, was sie und Giovanni getan hatten. Doch noch immer bereute sie nichts. Sie schlug die Decke zurück und blickte auf den leeren Platz neben sich. Sie ließ die Hand über das Kissen gleiten, wo noch der Abdruck von Giovannis Kopf zu sehen war. Mit einem Mal konnte sie verstehen, warum manche Frauen das Kissen ihres Liebsten küssten.

Vielleicht ist er im Badezimmer, überlegte Kate, erfüllt von einer verzweifelten Hoffnung. Doch als sie sich umblickte, sah sie nur ihre Sachen herumliegen. Bei dem Gedanken an die wundervolle Liebesnacht mit Giovanni errötete sie. Kate befeuchtete sich die Lippen und versuchte sich damit zu beruhigen, dass Giovanni wahrscheinlich auf dem Weg nach Sizilien war. Vielleicht hatte er wegen eines wichtigen Geschäftstermins abreisen müssen und sie nicht stören wollen. Sie spürte, dass Giovanni Calverri genau wie sie nicht oft One-Night-Stands hatte. Sicher hatte er irgendwo eine Nachricht hinterlassen.

Mit klopfendem Herzen stand Kate auf, machte in allen Zimmern das Licht an und suchte nach einer Nachricht von Giovanni. Doch nach einer Weile musste sie sich eingestehen, dass er ihr keine hinterlassen hatte und einfach gegangen war. Kate war wie betäubt vor Schmerz.

Giovanni blickte zu der dunkelhaarigen Stewardess auf, die ihn strahlend anlächelte. „Wie bitte?“, fragte er. Unwillkürlich hatte er Sizilianisch gesprochen.

Sie antwortete auf Italienisch. „Ich habe Sie gefragt, ob Sie einen Kaffee trinken möchten, bevor wir starten“, erwiderte sie.

Giovanni wollte nur, dass das Flugzeug ihn so schnell wie möglich nach Sizilien brachte. „Das wäre schön“, sagte er kurz angebunden.

Die junge Frau bot ihm auch Gebäck an, doch Giovanni schüttelte nur den Kopf und machte eine ungeduldige Handbewegung.

Die restliche Zeit des Flugs verbrachte er damit, Geschäftspapiere durchzugehen, die er eigentlich auch später noch hätte bearbeiten können. Doch er wollte sich unbedingt ablenken, denn sonst würde er unaufhörlich an Kates feuerrotes Haar und ihre leuchtend grünen Augen denken.

Du bist auf dem Weg nach Hause, ermahnte er sich. Und du weißt, was das bedeutet.

Während Giovanni im Flugzeug saß, lief Kate im Apartment hin und her, und ihre Verzweiflung verwandelte sich langsam in unbändige Wut. Indem Giovanni einfach ohne ein Wort verschwunden war, hatte er aus der wundervollen Nacht einen bedeutungslosen One-Night-Stand gemacht.

Kate konnte weder essen noch schlafen oder sich auf irgendetwas konzentrieren. Je länger sie über Giovannis Verhalten nachdachte, umso wütender wurde sie. Doch noch schlimmer war der Gedanke, dass sie ihn vermutlich nie wiedersehen würde.

Mehrmals griff Kate nach dem Telefonhörer, um Giovanni anzurufen. Aber jedes Mal unterließ sie es. Doch dann kam ihr ein Gedanke: Wie sollte Giovanni jemals lernen, mehr Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen, wenn ihm niemand die Meinung sagte? Vielleicht war sie lediglich eine von vielen Frauen, denen er das Herz gebrochen hatte.

Giovanni hielt vor dem Hauptsitz des Calverri-Unternehmens und überlegte, wie sein Leben sich so plötzlich hatte verändern können. Nach außen hin schien alles beim Alten geblieben zu sein: Die Sonne brannte unbarmherzig auf die trockene Erde, und der Himmel über der herrschaftlichen alten Villa war strahlend blau. Hier, in den Calverri-Silberschmieden, arbeiteten begabte Handwerker, von denen die meisten schon fast ihr ganzes Leben für das Unternehmen tätig waren.

In liebevoller Feinarbeit und nach uralter Tradition fertigten sie wunderschöne kostbare Stücke. Jedes Frühjahr kamen Lehrlinge aus allen Teilen der Welt, um von den erfahrenen Mitarbeitern zu lernen. Sie brachten neue Ideen und frischen Wind in das alte Familienunternehmen ein.

Giovanni seufzte und machte sich auf den Weg zum Büro seiner Sekretärin. Sein schlechtes Gewissen belastete ihn sehr. Bald würde er mit Anna sprechen müssen.

Seine Sekretärin Gabriella blickte auf und lächelte erfreut, als er eintrat. „Giovanni, Sie kommen aber spät!“ Doch ihr Lächeln erstarb, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Was ist passiert?“, fragte sie.

War es ihm so deutlich anzusehen, wie er sich fühlte? Normalerweise konnte Giovanni immer sehr gut verbergen, was in ihm vorging.

„Es war eine lange und anstrengende Reise.“ Er zuckte betont gelassen die Schultern und nahm einen Stapel Papiere, die seine Sekretärin für ihn bereitgelegt hatte. „Ich werde mich gleich um die wichtigsten Dinge kümmern. Dann fahre ich zu Anna.“

Gabriella lächelte verständnisvoll. Vor einiger Zeit hatte sie einmal für ihn geschwärmt. Doch sie wusste, dass ein Mann wie Giovanni für sie unerreichbar war. Und jetzt betete sie Anna geradezu an – ebenso wie alle anderen.

„Ist die Bestellung rechtzeitig nach Texas verschickt worden?“, fragte Giovanni.

„Natürlich.“

„Und wie läuft das skandinavische Projekt?“

„Noch weitaus besser als erwartet.“

Giovanni nickte, konnte sich jedoch nicht richtig über diese guten Nachrichten freuen. In seinem Arbeitszimmer setzte er sich an den Schreibtisch und ging die wichtigsten Papiere durch. Sobald er fertig war, stand er wieder auf und verabschiedete sich von seiner Sekretärin.

„Bis morgen, Gabriella.“

„Bis Morgen, Giovanni.“

In diesem Moment klingelte das Telefon, und Gabriella nahm den Hörer ab. „Pronto!“

Kate war so nervös, dass sie das Gefühl hatte, in Ohnmacht zu fallen. „Sprechen Sie … sprechen Sie Englisch?“, fragte sie stockend.

„Selbstverständlich.“ Eine kurze Pause folgte. „Wen möchten Sie denn sprechen?“

Kate atmete tief ein. „Giovanni Calverri. Ist er da?“

„Und wie lautet Ihr Name?“, fragte Gabriella, und ihre Stimme klang plötzlich sehr kühl.

Kate wollte ihren Namen nicht verraten. „Ist er da?“, fragte sie noch einmal.

„Nein, tut mir leid.“

„Wissen Sie, wann er zurückkommt?“

„Heute nicht mehr.“ Gabriella schwieg kurz. „Signor Calverri war auf einer Geschäftsreise in England und ist gerade erst wiedergekommen. Und natürlich ist er als Erstes zu seiner Verlobten gefahren.“

Zu seiner Verlobten? „Ich … ich verstehe“, sagte Kate ausdruckslos und legte den Hörer auf.

5. KAPITEL

Giovanni blickte der Frau entgegen, die am Swimmingpool entlang auf ihn zukam. Sie war äußerst elegant gekleidet. Das Kleid aus reiner cremefarbener Seide betonte ihr langes schwarzes Haar und die großen braunen Augen mit den dichten Wimpern. Sie lächelte ihn an. Sofort fühlte er sich schuldig.

„Giovanni!“

„Hallo, Anna.“

Die junge Frau schmiegte sich an ihn. Doch Giovanni reagierte äußerst zurückhaltend. Anna spürte es, wich einen Schritt zurück und sah ihn fragend an.

„Was ist denn, caro?“

Giovanni wusste, er musste ihr die Wahrheit sagen. Doch wie? Die meisten Männer würden eine Affäre verschweigen, was ihm absolut widerstrebte. Schließlich war Anna seine Verlobte.

Sie bemerkte seinen Gesichtsausdruck. „Giovanni!“ Angstvoll blickte sie ihn an. „Was ist denn passiert? Ist jemand schwer erkrankt? Oder hat es etwas mit dem Unternehmen zu tun? Sag es mir“, bat sie leise.

Um keinen Preis wollte Giovanni ihr wehtun. Doch er wusste, es war unvermeidbar. „Ich habe jemanden kennengelernt …“, begann er.

Anna atmete tief ein, und ihr Blick spiegelte ihren Schmerz wider.

„Und …“ Er zögerte und suchte nach Worten, um Anna so wenig wie möglich zu verletzen.

„Und was dann? Sag mir die Wahrheit, Giovanni!“, rief Anna so aufgebracht, wie er sie noch nie erlebt hatte.

Autor

Julia James
Julia James lebt in England. Als Teenager las sie die Bücher von Mills & Boon und kam zum ersten Mal in Berührung mit Georgette Heyer und Daphne du Maurier. Seitdem ist sie ihnen verfallen.

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