Julia Saison Band 24

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MANCHMAL WERDEN WUNDER WAHR von BRAUN, JACKIE
Nie hätte Lauren erwartet, dass sie doch noch ein Kind kriegen könnte. Noch weniger, dass ihr Ehemann sie deswegen vor die Tür setzt! Ihr Retter in der Not: Der Millionär Gavin O’Donnell. Rührend kümmert er sich um ihr Wohlergehen. Bis ihr Ehemann die Idylle stört …

EIN ZARTES SPIEL VON GLÜCK UND LIEBE von MARSH, NICOLA
Wer spielt jetzt das Maskottchen in ihrem Spielzeugladen? Um die Kinder nicht zu enttäuschen, braucht Carissa unbedingt Ersatz für ihren treulosen Exverlobten. Da fällt ihr Brody Elliott ein, ihr neuer Nachbar. Single-Dad, sehr gut gebaut - nur leider etwas stur …

ZWEITE CHANCE - ZU DRITT von MCCLONE, MELISSA
Kate und Jared wollen sich trennen, als ein tragisches Unglück passiert. Plötzlich müssen sie sich um das süße Baby ihrer Freunde kümmern. Das Sorgerecht liegt bei ihnen - vorausgesetzt sie bleiben verheiratet! Doch kann ein Testament eine Ehe retten?


  • Erscheinungstag 06.03.2015
  • Bandnummer 24
  • ISBN / Artikelnummer 9783733705510
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jackie Braun, Nicola Marsh, Melissa McClone

JULIA SAISON BAND 24

JACKIE BRAUN

Manchmal werden Wunder wahr

Auf einmal entdeckt er eine Frau, die ganz verloren auf der Landstraße vor seinem Haus steht. Besorgt läuft Gavin hinüber zu der Fremden. Offenbar kommt sie nicht aus der Gegend. Ob sie sich verirrt hat? Wer ist diese hinreißende Schönheit? Gavin weiß nur: Sie steckt in Schwierigkeiten – und das könnte seine Gefühle ziemlich durcheinander bringen!

NICOLA MARSH

Ein zartes Spiel von Glück und Liebe

Er soll das Maskottchen spielen? Polizist Brody reagiert erst abwehrend, als ihn Carissa um diesen Gefallen bittet. Aber irgendwie imponiert ihm die attraktive Besitzerin des Spielzeugladens auch. Selbst seine kleine Tochter ist ganz vernarrt in sie! Doch sollte er sich von einer Frau um den Finger wickeln lassen – nach allem, was er durchgemacht hat?

MELISSA MCCLONE

Zweite Chance – zu dritt

So hat Kate ihren Mann noch nie gesehen. Zärtlich wiegt der sonst so kühle Jared das niedliche Baby in seinen Armen. Für einen Moment gerät sie ins Träumen: Eine glückliche Familie – ein Neuanfang für ihre gescheiterte Liebe? Gerne würde Kate daran glauben. Aber sie weiß auch: Ein Kinderlächeln allein reicht nicht, um die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken …

1. KAPITEL

Lauren Seville parkte ihr Auto am Straßenrand und stieg aus. Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne schien warm vom strahlend blauen Himmel auf die malerische Landschaft Connecticuts hinab. Tief sog Lauren den betörenden Duft der Wildblumen ein und lauschte dem fröhlichen Zwitschern der Vögel. Dann beugte sie sich vor und übergab sich in den nächsten Busch.

Es mochte ja ein traumhafter Tag sein, aber im Moment herrschte in ihrem Leben das gleiche Durcheinander wie in ihrem Magen.

Sie war schwanger.

Schon lange bevor sie den Investmentmakler Holden Seville kennengelernt und geheiratet und ihr Leben als „Frau eines erfolgreichen Mannes“ begonnen hatte, war Lauren von ihrem Arzt eröffnet worden, dass sie keine Kinder bekommen könne. Nachdem sie nun vier Jahre in einer Ehe verbracht hatte, die genauso steril war wie sie scheinbar selbst, war dann doch das Unerwartete geschehen.

Lauren richtete sich wieder auf und strich den leichten Stoff ihres Sommerkleids über dem immer noch flachen Bauch glatt. Sie konnte es nach wie vor nicht fassen, dass sie tatsächlich schwanger war, und es erfüllte sie mit einem nie da gewesenen Hochgefühl, mit Ehrfurcht und freudiger Erwartung. Inzwischen befand sie sich schon fast im dritten Monat. Es war wie ein Wunder.

Ihr Mann allerdings teilte ihre Meinung nicht. Ganz im Gegenteil.

„Ich will keine Kinder.“

Der abweisende Ton klang noch immer in ihren Ohren nach. Doch das war nichts Neues für sie. An seiner Einstellung hatte er schon keinen Zweifel gelassen, als er ihr genau ein Jahr nach ihrem ersten Treffen einen Heiratsantrag gemacht hatte. Seiner Ansicht nach stifteten Kinder nur Unruhe, richteten Chaos an und brauchten viel zu viel Aufmerksamkeit. Sie passten einfach nicht zu den schicken Cocktailpartys und dem gehobenen Lebensstil, den er gewohnt war und den er auch weiterhin genießen wollte.

Lauren dagegen sah das völlig anders, aber damals hatte sie nichts dazu gesagt. Warum diskutieren, wenn sie ohnehin keine Kinder bekommen konnte? Aber das war eben damals gewesen.

Schon wurde ihr wieder schlecht, und sie schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Straßenrand.

„Oh Gott“, stöhnte sie, stolperte ein paar Schritte rückwärts und lehnte sich erschöpft gegen die Beifahrerseite.

Wie hatte sie nur glauben können, dass ihr Mann seine starre Haltung ändern würde, jetzt, wo es eben doch passiert war. Der Schock, dass er von ihr verlangte, das Kind wegmachen zu lassen, steckte ihr immer noch in den Knochen.

„Beende diese Schwangerschaft“, hatte er gesagt. Offenbar schien er sie ganz allein dafür verantwortlich zu machen und fühlte sich in keiner Weise mit dem Leben, das in ihrem Bauch heranwuchs, verbunden.

„Wenn du es nicht tust, lasse ich mich scheiden.“

Gerade einmal vierundzwanzig Stunden nachdem Lauren sich strikt geweigert hatte, seiner Aufforderung nachzukommen, stand sie an einer einsamen Landstraße. Ihr war übel, sie war erschöpft, und sie sehnte sich nach dem gemütlichen Doppelbett in ihrer Wohnung in Manhattan. Irgendwann würde sie zurückgehen.

Sie hatte nur ihre Handtasche und all ihre Enttäuschung mitgenommen. Aber auf den Rückweg konnte sie sich erst machen, wenn sie sich einen Plan zurechtgelegt hatte. Das nächste Mal würde sie Holden mit erhobenem Haupt entgegentreten und ihre hormonbedingten Gefühlsausbrüche unter Kontrolle haben. Und dann war es auch an der Zeit, ihre eigenen Forderungen zu stellen.

„Hey. Alles in Ordnung bei Ihnen?“

Eine tiefe Stimme hinter ihr riss Lauren aus ihren Gedanken. Rasch drehte sie sich um und sah einen jungen Mann aus Richtung des Bauernhauses am Ende der Straße auf sie zulaufen. Hatte er etwa alles beobachtet? Sie wurde ganz rot vor Verlegenheit und traute sich gar nicht, ihm in die Augen zu schauen.

„Alles okay“, erwiderte Lauren.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, ging um den Wagen herum und hoffte inbrünstig, dass er nicht näherkommen würde. Aber er lief mit weit ausgreifenden Schritten geradewegs auf sie zu und hatte ihr Auto erreicht, noch bevor sie die Tür des Mercedes öffnen und sich hineinsetzen konnte.

Jetzt war es dafür zu spät. Das wäre absolut unhöflich gewesen. Und Lauren wahrte immer die Form. Also blieb sie stehen, dasselbe kleine Lächeln im Gesicht, das sie auch auf den langweiligen Cocktailpartys ihres Mann und seiner Kollegen immer parat hatte.

„Sind Sie sicher?“, erkundigte sich der Mann. „Sie sehen immer noch ein wenig blass um die Nase aus. Vielleicht sollten Sie sich besser hinsetzen.“

Lauren schätzte ihn auf Mitte dreißig. Seinen braun gebrannten muskulösen Armen nach zu schließen, war er wohl ziemlich sportlich. Er war groß und hatte zerzauste dunkelbraune Haare, die von der sanften Brise noch mehr in Unordnung gebracht wurden.

„Ich habe die ganze Zeit schon gesessen. Na ja, vielmehr bin ich gefahren.“ Sie deutete vage in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Ich habe haltgemacht, um … um … mir ein bisschen die Beine zu vertreten.“

„Okay.“ Er sah sie mitfühlend an. „Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht irgendetwas Gutes tun kann? Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?“

„Nein, aber danke der Nachfrage.“

Die Antwort kam ganz automatisch über ihre Lippen. Sie war es so gewohnt, ihre wahren Gefühle zu verstecken, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen und es allen recht zu machen. Schon von Kindesbeinen an war sie immer darauf bedacht gewesen, die hektischen Zeitpläne ihrer Eltern nicht durcheinanderzubringen. Und auch als Ehefrau hatte sie Holden und seinen anspruchsvollen Beruf immer an erste Stelle gesetzt.

Aber sie war jetzt schon zwei Stunden lang ziellos durch die Gegend gefahren. Sie hatte keine Ahnung, wie weit es noch bis zur nächsten Stadt war, und sie musste einfach ganz dringend auf die Toilette. In diesem Moment würde sie sogar ihre teuren Pradaschuhe gegen einen Kaugummi oder noch besser gegen ein paar Tropfen Mundwasser eintauschen.

Bevor sie also ihre Meinung ändern konnte, fügte sie etwas förmlich hinzu: „Aber es wäre sehr nett, wenn ich Ihre … Örtlichkeiten benutzen dürfte.“

Örtlichkeiten. Sie dachte, er würde sie gleich auslachen. Aber das tat er nicht. Stattdessen zeigte er in Richtung Haus und sagte: „Gern. Kommen Sie mit.“

Auf dem Weg dorthin ließ er seine Hand auf ihrem Rücken ruhen, als schien er zu spüren, dass sie etwas wackelig auf den Beinen war. Sie fand das angenehm altmodisch. Allerdings hätte sie so eine Geste nicht von einem Mann erwartet, dessen T-Shirt so verblichen war, dass das Logo schon gar nicht mehr lesbar und dessen Jeans von oben bis unten mit Farbflecken bespritzt war.

Dann aber ermahnte sie sich, ihn nicht anhand seines Äußeren zu beurteilen. Lauren wusste am allerbesten, dass nicht alles Gold war, was glänzte. In den letzten Jahren hatte sie genug schicke Menschen in Designerkleidung kennengelernt. Leute, die immer genau das Richtige sagten, die richtigen wohltätigen Zwecke unterstützten und auch wussten, welche Gabel zu welchem Gang gehörte. Aber das war alles nur Schau. Mittlerweile konnte sie solche Menschen schon von Weitem erkennen. Wer im Glashaus sitzt, sollte eben nicht mit Steinen werfen.

Ob es überhaupt jemanden gab, der Lauren Seville wirklich kannte?

Dieser Gedanken erinnerte sie sofort wieder an ihre guten Manieren. „Ich bin übrigens Lauren.“

Er lächelte, und zwei charmante Grübchen zeichneten sich unter seinem Dreitagebart ab. „Freut mich. Ich heiße Gavin.“

Als sie das Haus erreicht hatten, führte er sie die Verandatreppen hinauf und öffnete ihr die Tür. Ihre Neugier siegte, und sie schaute sich beim Eintreten diskret um. Hinter dem Flur war das Wohnzimmer zu sehen. Es war komplett leer, abgesehen von dem Sägebock, der neben dem Kamin stand.

„Arbeiten Sie hier?“

„Wie kommen Sie denn darauf?“ Dann fing er an zu lachen. „Das Haus gehört mir. Ich bin dabei, es komplett neu herzurichten.“

„Das sieht man.“

Er stützte die Hände in die Hüften und schaute sich um, einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht. „Die Küche nimmt so langsam Formen an, und das Schlafzimmer auf dieser Etage ist schon fertig. Ich bin jetzt gerade dabei, die Zierleisten an der Decke fertigzumachen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich sie beizen oder weiß streichen soll. Das Gleiche gilt für den Kaminsims, den ich übrigens selbst geschnitzt habe. Was denken Sie?“

Das brachte sie aus der Fassung. Gavin kannte sie doch gar nicht, und trotzdem fragte er sie nach ihrer Meinung. „Sie möchten wirklich wissen, was ich denke?“

Er zuckte mit den Schultern. „Klar. Sie sehen das Haus heute zum ersten Mal und sind noch unvoreingenommen. Abgesehen davon, scheinen Sie einen guten Geschmack zu haben.“ Er musterte sie kurz, was sie aber nicht als abschätzend, sondern im Gegenteil eher als anerkennend empfand. Seltsamerweise fühlte sie sich tatsächlich geschmeichelt.

Und etwas unsicher. „Den Kaminsims haben Sie also auch gemacht? Sie sind wohl sehr geschickt mit Ihren Händen.“

„Das hat man mir schon häufiger gesagt.“

Lauren wurde ganz heiß. Die Hormone, entschied sie. Wahrscheinlich auch die Müdigkeit.

Gavin räusperte sich. „Das Badezimmer ist geradeaus, die erste Tür auf der rechten Seite.“

„Danke.“

Sie machte sich auf den Weg und hörte ihn hinterherrufen: „Achten Sie bitte nicht auf die Unordnung. Der Raum ist noch nicht ganz fertig.“

Das war wohl eine kleine Untertreibung. Zersplitterte Fliesen lagen in einem Haufen auf dem Boden, und eine einzelne Glühbirne hing an einem dünnen Kabel von der Decke herab.

Lauren trat an das Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Eigentlich erwartete sie, dass braunes Wasser herausspritzen würde. Aber es war klar und kühl und fühlte sich wunderbar erfrischend an.

Obwohl sie nicht dazu neigte, in anderer Leute Eigentum herumzuspionieren, öffnete sie den Badezimmerschrank. Sie brauchte unbedingt etwas, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, und der Zweck heiligte bekanntlich die Mittel.

Sie seufzte vor Erleichterung, als sie schließlich eine Tube Zahnpasta fand. Sie verteilte ein wenig davon auf ihrem Zeigefinger und putzte sich so die Zähne. Als sie ein paar Minuten später wieder auf die Veranda trat, fühlte sie sich wie ein neuer Mensch.

Gavin saß draußen auf der Hollywoodschaukel. Er hatte sein Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt und hielt in jeder Hand eine Wasserflasche. Als sie auf ihn zukam, beendete er das Gespräch, nahm umständlich eine der Flaschen von einer Hand in die andere, verstaute das Handy in seiner Tasche und stand auf.

„Fühlen Sie sich jetzt besser?“, fragte er und reichte Lauren das eine Wasser.

„Ja. Vielen Dank.“

„Das ist schön. Setzen Sie sich doch.“ Er deutete auf die Schaukel, auf der er eben noch gesessen hatte.

Das Ding sah sehr behaglich aus, wenn auch die Kissen etwas alt und abgenutzt waren. Behaglich und einladend, diesen Eindruck vermittelte ihr auch irgendwie dieser Mann. Ihr größter Wunsch war es, sich einfach hinzusetzen. Doch Lauren schüttelte den Kopf. „Ich sollte mich wirklich langsam auf den Weg machen.“

„Wieso? Sind Sie spät dran?“, erkundigte er sich.

„Nein. Ich meine … ich möchte Sie nicht von irgendetwas abhalten. Sie haben sicher wichtigere Dinge zu erledigen.“

„Nichts Dringendes. Na ja, am Haus sollte ich weiterarbeiten. Aber da gibt es immer etwas zu tun.“ Gavin lachte. „Das kann warten.“ Als sie zögerte, fügte er hinzu. „Kommen Sie schon, Lauren. Leisten Sie mir Gesellschaft. Sehen Sie es als Ihre gute Tat für den heutigen Tag an. Wenn Sie jetzt gehen, muss ich zurück an die Arbeit. Ich könnte die Pause wirklich gut gebrauchen.“

„Wenn es so ist …“ Sie lächelte, und obwohl es sonst gar nicht ihre Art war, sich mit einem wildfremden Mann in einer wildfremden Gegend zu unterhalten, setzte sie sich.

Die Schaukel knarrte leise unter ihrem Gewicht und schwang dann sacht hin und her. Der Klang eines Windspiels ertönte in der sanften Brise. Es hörte sich angenehm und so friedlich an. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu seufzen und die Augen zu schließen.

Gavin lehnte sich gegen das Verandageländer und sah sie an. „Wohin sind Sie denn unterwegs, wenn ich fragen darf?“

Lauren öffnete die Flasche und trank einen Schluck. „Ich habe eigentlich kein bestimmtes Ziel. Ich mache nur eine Spritztour.“

„Dafür haben Sie sich aber einen schönen Tag ausgesucht.“

„Das stimmt.“ Da er sie wieder beobachtete, senkte sie ihren Blick. „Es ist wunderschön hier.“

„Das ist noch gar nichts. Sie hätten meinen Garten im Frühjahr sehen sollen, als alles geblüht hat.“

„Ihren Garten?“

„Ein Apfelgarten mit etwas mehr als einem Hektar Apfelbäume“, antwortete er und deutete hinter sie.

Sie drehte sich um und konnte gerade noch die faustgroßen grünen Äpfel ausmachen, die jetzt anstatt der Blüten in den Bäumen hingen. Lauren hatte ihr ganzes Leben in Großstädten gewohnt. Erst in Los Angeles und dann in New York. Sie war nie für längere Zeit auf dem Land gewesen. Sogar die Ferien hatte sie in Städten verbracht … Paris, London, Venedig, Rom. Aber irgendwie war dieser Ort etwas ganz Besonderes.

Es ist so friedlich hier, dachte sie erneut. Nur zehn Minuten auf Gavins Veranda hatten den gleichen beruhigenden Effekt wie eine ganze Stunde bei ihrem Masseur.

„Leben Sie schon lange hier?“, fragte sie.

„Nein. Ich habe das Haus letztes Jahr gekauft.“ Er trank einen Schluck Wasser, bevor er hinzufügte: „Nach meiner Scheidung.“

„Das tut mir leid.“

„Das braucht es nicht. Mir tut es nicht leid.“

Die Antwort kam schnell und klang recht nüchtern. Allerdings meinte Lauren, Bitterkeit heraushören zu können. Sie wusste nicht genau, was sie darauf antworten sollte, und erwiderte nur: „Aha.“

Gavin schien auch nichts Besonderes zu erwarten. Er wechselte einfach das Thema. „Ich mag Herausforderungen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich dieses Haus gekauft habe. Nachdem ich ein paar Monate daran gearbeitete hatte, wurde mir das Pendeln am Wochenende von der Stadt hierher allerdings zu anstrengend. Deshalb habe ich mich für eine Weile beurlauben lassen.“

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Holden sich je eine Auszeit nehmen würde, weder beruflich noch privat. Ihr Mann lebte geradezu für die Börse. Sogar im gemeinsamen Urlaub wusste er immer genau, was gerade im Büro vor sich ging. Auf einmal wurde ihr klar, dass selbst wenn ihr Mann sich für das Baby entscheiden sollte, sie es im Prinzip trotzdem alleine großziehen müsste.

„Sie machen plötzlich so ein finsteres Gesicht.“

„Oh, Entschuldigung. Ich habe gerade nur an etwas gedacht …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wichtig.“ Da er sie immer noch beobachtete, fragte sie: „Sie haben also früher in New York gelebt?“

Er trank einen Schluck Wasser. „Die letzten zwölf Jahre.“

Irgendwie hatte sie Schwierigkeiten, ihn sich zwischen all den Wolkenkratzern, den hektischen Menschen und dem dichten Verkehr vorzustellen. Obwohl sie ihn überhaupt nicht kannte, schätzte sie ihn als einen Mann ein, der das weite Land und die Ruhe liebte. Orte wie diesen eben. Lauren war zwar immer ein Stadtkind gewesen, aber sie konnte seine Entscheidung gut nachvollziehen.

„Ich komme auch aus New York“, sagte sie.

„Da stammen Sie aber nicht ursprünglich her, oder?“

Sie blinzelte überrascht. „Nein. Ich bin von der Westküste. Los Angeles, um genau zu sein. Wie kommen Sie darauf?“

Gavin schaute sie genau an. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Irgendwie schien ihm Lauren zu weich, zu unsicher für das harte Stadtleben. Vom Aussehen her vermittelte sie eigentlich genau das Bild einer mondänen New Yorkerin. Er ließ den Blick unauffällig von den perfekt frisierten Haaren zu den modischen High Heels wandern. Er kannte Frauen wie Lauren, die in Manhattans teuersten Läden shoppen gingen und sich dann mit einer Stretchlimousine vor ihrer schicken Wohnung an der Park Avenue absetzen ließen. Trotzdem …

„Sie sind kein typischer New Yorker“, meinte er schließlich.

Sie überraschte ihn mit ihrer Antwort. „Das Gleiche habe ich gerade von Ihnen gedacht.“

„Ich komme auch nicht aus der Gegend“, gab er zu. „Ich bin in einer kleinen Stadt in der Nähe von Buffalo geboren und aufgewachsen. Merkt man das etwa noch?“

„Nein, das ist es nicht.“

Aber wahrscheinlich war sie einfach nur höflich. Wenn man bedachte, wie er angezogen war und wo sie gerade saßen, machte ihre Schlussfolgerung sogar Sinn. Hätte er sie zufällig vor der Met, dem berühmten Opernhaus von New York, getroffen, in einem seiner neuen Anzüge aus Mailand, würde sie ihn vielleicht mit anderen Augen sehen. Merkwürdig. In diesem Moment wünschte er sich das fast. Es war schon lange her, dass er sich in der Gegenwart einer Frau so wohlgefühlt hatte.

„Gefällt Ihnen New York?“, wollte sie wissen.

Die Frage fand er komisch, aber Gavin beantwortete sie trotzdem. „Früher habe ich die Stadt geliebt.“ Er trank einen Schluck Wasser und erinnerte sich zurück. Anfangs war alles so aufregend gewesen, und er hatte gerade seinen ersten Großauftrag an Land gezogen. „Und Ihnen?“

Sie zögerte, antwortete aber dann: „Ja, natürlich. Was soll man an der Stadt auch nicht mögen? Es gibt wundervolle Restaurants, unzählige Unterhaltungsangebote und ein unglaublich vielfältiges Kulturprogramm.“

Ihre Antwort klang in seinen Ohren fast schon einstudiert. Wie aus einem Reiseführer über New York und nicht wie ihre eigene Meinung. Er schaute sie neugierig an und nickte dann nur.

Die Unterhaltung versiegte, aber die Pause war nicht unangenehm, sondern eher friedlich. Die Schaukel schwang leise knarrend hin und her und durchbrach die Stille. Die sanfte Brise, die auch leise raschelnd durch die Blätter der großen Eiche fuhr, entlockte dem Windspiel melodische Klänge.

Hatte Lauren eben geseufzt? Das war ein gutes Zeichen. Sie machte einen sehr angespannten Eindruck und konnte wohl dringend etwas Ruhe gebrauchen. Gavin kannte das Gefühl. Vor nicht allzu langer Zeit war es ihm genauso gegangen.

„Warum sind Sie hierhergezogen?“, fragte sie nach einer Weile.

„Ich brauchte einen Tapetenwechsel.“ Er hatte damals sechzig, manchmal sogar siebzig Stunden die Woche gearbeitet und war völlig am Ende seiner Kräfte gewesen. „Ich hatte ein Burn-out. Ich konnte einfach nicht mehr.“

Hatte er das gerade wirklich laut ausgesprochen? Und dazu noch vor einer fremden Person? Sogar seiner Familie gegenüber hatte er die Wahrheit beschönigt.

„Das Leben hier scheint um einiges langsamer zu verlaufen“, bemerkte sie. „Es ist ein wunderbarer Ort zum Nachdenken.“

Genau das hatte Gavin getan. „Ja, das ist es.“

„Hier gibt es keinen Verkehr, keine schrillen Sirenen, keine stinkenden Abgase. Keine … Hektik.“ Ihre Stimme klang sehnsüchtig, als ob ihre jetzige Situation sie die Ruhe und das idyllische Landleben erst recht wertschätzen ließ.

Bevor er es sich versah, fragte er: „Suchen Sie eine Bleibe auf dem Land?“

„Ich? Nein. Ich …“ Sie schüttelte den Kopf und fragte aber dann: „Wieso? Gibt es hier in der Nähe etwas?“

„Dieses Haus hier wird verkauft, wenn ich damit fertig bin. Aber bei meinem Tempo wird es wahrscheinlich erst in einem Jahr soweit sein.“

Überrascht hob sie die Augenbrauen. „Sie wollen das Haus verkaufen?“

„Sicher. So verdiene ich mehr oder weniger meinen Lebensunterhalt.“ In Wahrheit waren die Immobilien, die er geschäftlich erwarb, um ein Vielfaches größer und mehrere Millionen Dollar wert. Allerdings übernahm er normalerweise die Sanierung und die Umbauarbeiten nicht selbst, sondern delegierte sie an seine Mitarbeiter.

„Dann ist das hier also nur ein weiterer Auftrag für Sie?“ Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.

Gavin zuckte mit den Schultern. „Das könnte man so sagen.“

Lauren kratzte nachdenklich an der abblätternden Farbe der Armlehne. „Sie scheinen aber viel Liebe in die Renovierung zu stecken.“

Liebe? Er fand körperliche Arbeit beruhigend. Er arbeitete einfach so lange und so hart, bis sein Kopf einfach abschaltete und er nicht mehr an die unschönen Erinnerungen zurückdachte. Aber als Gavin jetzt an die ganzen Zierleisten und den Kaminsims dachte und die Befriedigung, die ihm die Arbeit gegeben hatte, gab er Lauren recht. Er würde aber trotzdem das Haus verkaufen, wenn es fertig war. Schließlich hatte er nie vorgehabt, für immer auf dem Land zu leben.

Irgendwann würde er wieder nach New York und somit zu Phoenix Brothers Development, der Firma, die er sich mit seinem Bruder Garrett aufgebaut hatte, zurückkehren müssen. Er konnte sich nicht länger vor seinen wohlmeinenden Freunden und seiner Familie in Connecticut verstecken und erwarten, dass irgendjemand all seine Pflichten bei Phoenix für ihn übernahm.

„Dann suchen Sie also nichts zur Miete oder zum Kauf?“, fragte er.

Lauren runzelte die Stirn und blickte in die Ferne. „Doch. Ich glaube schon.“ Sie zeigte auf das Haus. „Allerdings darf es ruhig kleiner sein, und ich bräuchte es … nun ja, ziemlich bald.“

Kleiner. Das war nicht gerade die Beschreibung, die er erwartet hatte. Ziemlich bald. Gavin kam eine Idee. Eine verrückte Idee. Er schob sie von sich.

„Sie möchten sich also hier … niederlassen?“ Beinahe hätte er „vorübergehend“ gesagt. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass sie vor etwas davonlief.

„Erst einmal, ja.“ Sie nickte bekräftigend, als ob sie gerade einen Entschluss gefasst hatte. „Wissen Sie, ob irgendetwas in der Nähe gerade leer steht?“

„Sie meinen in Gabriel’s Crossing?“

Gabriel’s Crossing.“ Sie lächelte, als sie den Namen der kleinen Stadt wiederholte. Gavin beschlich das Gefühl, dass Lauren bis gerade eben keine Ahnung gehabt hatte, wo sie sich überhaupt befand.

Seine Idee von vorhin drängte sich ihm wieder auf. „Vielleicht.“

„Ist es in der Nähe?“, hakte sie nach.

„Ja. Fünfzig Meter von hier. Hinter dem Haus steht ein kleines Cottage. Es ist gleich neben dem Garten, und man hat von allen Fenstern eine tolle Aussicht. Ich habe selbst dort gewohnt, bis der Strom in meinem Haus endlich angeschlossen war.“

„Und es steht zur Vermietung?“

Eigentlich nicht. Gavin hatte bis zu diesem Moment nicht im Traum daran gedacht, das Cottage zu vermieten. Auf das Geld war er nicht angewiesen, und er hatte auch keine Lust auf den Aufwand, der immer mit Mietern verbunden war. Trotzdem nickte er, fügte allerdings hinzu: „Es ist nicht sehr groß.“

„Ich brauche nicht viel Platz.“

Er warf einen Blick auf Laurens teure Kleidung. Das gesamte Cottage würde in das Wohnzimmer seiner New Yorker Wohnung passen. Und das Gleiche galt wahrscheinlich auch für ihre Wohnung. Also sagte er: „Die Kleiderschränke sind recht klein.“

Er war sicher, dass sie es sich noch einmal anders überlegen würde. Er wünschte es sich fast, denn er war schon wieder viel zu impulsiv gewesen. Dieser Zug seines Charakters, hatte ihn in der Vergangenheit schon oft in Schwierigkeiten gebracht. Aber selbst diese Aussicht schien Laurens Begeisterung nicht bremsen zu können. Hoffnung und Vorfreude standen ihr ins Gesicht geschrieben.

„Meinen Sie, ich könnte es vielleicht anschauen?“

„Sie haben tatsächlich Interesse?“ Jetzt wurde Gavin selbst ganz nervös. Er hatte nämlich auch Interesse, aber nicht an der Vermietung seines Anwesens. Die Frau war einfach wunderschön, und sie gab ihm Rätsel auf. Zu gern hätte er ihr Geheimnis gelüftet.

Dann fiel ihm auf einmal ein, auf ihre linke Hand zu schauen, und er sah sofort den riesigen Diamanten an ihrem Ringfinger. Verheiratet. Fast fing er an zu lachen. Das habe ich nun davon, dass ich mich Hals über Kopf in etwas stürze, ohne vorher darüber nachzudenken.

Wenn sie jetzt tatsächlich Gavins voreiliges Angebot annahm, hatte er dann bald ein verliebtes Pärchen in Hörweite seines Hauses wohnen. Es ist wahrscheinlich besser so, dachte er und verdrängte, wie attraktiv er sie fand. Er wollte ja sowieso keine Beziehung und hatte seit seiner Scheidung auch keine mehr gehabt. Und obwohl er manchmal weibliche Gesellschaft vermisste, bereute er seine Entscheidung nicht.

„Ja, ich habe Interesse“, erklärte Lauren nach einer Pause und lächelte ihn an. „Könnte ich es mir vielleicht jetzt ansehen? Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben.“

Gavin schaffte es, das Lächeln zu erwidern. „Klar. Wie ich schon sagte, ich habe im Moment nichts Dringendes vor.“

Lauren stand im Wohnzimmer des kleinen Landhauses. Es war klein – obwohl das Wort behaglich ihrer Ansicht nach eher zutraf – und leer, bis auf ein paar alte, staubige Kartons, die Gavin noch hinausräumen würde. Sie konnte sich alles schon genau vorstellen.

Direkt am Fenster mit Blick auf den Apfelgarten würde ein bequemer Sessel mit einem kleinen Polsterhocker davor hinpassen. Und ein kleiner Schreibtisch würde sich sehr gut in der Nische unter der Treppe machen. Sie hatten schon das Schlafzimmer im Dachgeschoss begutachtet. Es würde recht eng werden, aber es war ausreichend Platz für eine Kommode, ein schmales Doppelbett sowie einen Wickeltisch und ein Kinderbett.

„Und? Wie gefällt es Ihnen?“, fragte Gavin.

Lauren war kein spontaner Mensch. Normalerweise dachte sie lange und sorgfältig nach, bevor sie Entscheidungen traf. Manchmal machte sie sich sogar eine Liste mit den Vor- und Nachteilen einer Situation, bevor sie endlich zu einem Entschluss kam.

Aber nicht heute.

Heute war alles anders. Sie hatte nicht nur ihren Mann verlassen, sie würde sogar bald ein neues Zuhause haben. Ein Zuhause für sie und ihr Baby.

„Ich nehme es.“ Sie spürte förmlich, wie die schreckliche Anspannung der letzten Wochen von ihr abfiel. „Vielleicht sollte ich öfter mal spontan sein“, murmelte sie.

„Wie bitte?“, fragte Gavin.

„Oh, nichts. Ich habe nur … laut gedacht. Wie hoch ist die Miete?“

Gavin rieb nachdenklich sein Kinn und nannte Lauren eine Summe, die sie sich problemlos leisten konnte. Sie war nicht gerade arm gewesen, als sie Mrs Seville wurde, und obwohl Holden von ihr verlangt hatte, ihre Arbeitsstelle sechs Monate vor der Hochzeit zu kündigen, konnte sie immerhin einen Abschluss in Marketing vorweisen sowie Berufserfahrung bei einer der renommiertesten Firmen Manhattans. Sie würde sich jederzeit eine neue Arbeit suchen können, wenn es sein musste. Aber jetzt wollte sie einfach nur Frieden und Ruhe.

„Die Nebenkosten sind im Preis enthalten“, fügte Gavin hinzu, als er nicht sofort eine Antwort bekam.

Sie schaute sich noch einmal in dem Zimmer um. Ihr Blick fiel automatisch auf die Fenster und die wunderschöne Landschaft davor. Sie spürte, wie sie ruhiger wurde. Anscheinend war auch der Friede, den sie so dringend nötig hatte, in der Miete enthalten.

Sie drehte sich zu Gavin und fragte: „Wann kann ich einziehen?“

2. KAPITEL

Es war schon später Nachmittag, als Lauren wieder in der Stadt ankam. Während sie sich innerlich bereits auf die bevorstehende Konfrontation gefasst machte, schloss sie zögernd die Tür zu ihrer Wohnung auf. Obwohl sie ja eigentlich hätte wissen müssen, dass alles, was jetzt noch zu sagen blieb, in einer zivilisierten Art und Weise gesagt werden würde – und zwar so zivilisiert und höflich, dass es schon richtig unpersönlich wirkte. Genauso wie ihre Eltern, hielt auch ihr Mann lautstarke Diskussionen für unnötig.

Sie fand Holden im Arbeitszimmer. Er saß in seinem Lieblingsledersessel neben dem Kamin, dessen Flammen fröhlich vor sich hin flackerten. Und das, obwohl die Klimaanlage angeschaltet war und kalte Luft ins Zimmer blies. Aber über so armselige Kleinigkeiten wie hohe Nebenkosten und Energieeinsparung machte Holden sich keine Gedanken. Er hatte genug Geld, um damit verschwenderisch umgehen zu können. Das war einer der Vorteile, reich zu sein, hatte er Lauren geantwortet, als sie ihn einmal vorsichtig darauf hinwies, dass er im Badezimmer das Wasser hatte laufen lassen.

Sie betrachtete ihn. Er war ein attraktiver Mann – elegant und kultiviert. Ihr fiel auf, dass sie ihn noch nie eine Jeans hatte tragen sehen. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass er jemals mit Werkzeug hantieren oder nach Sägemehl und Schweiß riechen würde. Für körperliche Arbeit war er sich viel zu schade. Die Schwielen an seinen Händen stammten lediglich vom wöchentlichen Squash, und seine muskulöse Statur hatte er dem Personal Trainer zu verdanken, der regelmäßig in Holdens hauseigenes Fitnessstudio kam.

Sie räusperte sich, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, und verstieß dabei gegen die wichtigste Regel ihrer Eltern: Warte stets, bis du angesprochen wirst. Warum hatte sie eigentlich immer das Gefühl, still sein zu müssen, wenn ihr Mann in der Nähe war? Allein der Gedanke störte sie.

Holden blickte sie über den Rand des Wall Street Journals an. „Ich wusste nicht, wann du wiederkommst, deshalb habe ich schon zu Abend gegessen“, erklärte er. „Ich glaube aber, Maria hat dir etwas aufgehoben und in den Herd gestellt.“

Lauren drehte sich der Magen um, und das hatte rein gar nichts mit dem Essen zu tun. „Ich habe keinen Hunger. Willst du denn überhaupt nicht wissen, wo ich gewesen bin?“

„Ich könnte mir vorstellen, dass du shoppen warst, um deinen Ärger loszuwerden“, bemerkte er trocken. „Wie viel hat mich das denn gekostet?“

War es das, was er dachte? Falls ja, dann kannte er sie wirklich nicht. Trotzdem wollte sie ihrer Ehe noch eine Chance geben – dem Baby zuliebe.

„Ich bin nicht nur einfach verärgert, Holden. Ich bin über deinen Vorschlag … entsetzt. Lass uns darüber reden.“

Er faltete die Zeitung zusammen und legte sie aus der Hand. Er hatte noch nie sonderlich seine Gefühle gezeigt, aber jetzt wirkte er so distanziert, dass es ihr kalt den Rücken hinunterlief. Dementsprechend war auch sein Tonfall, als er antwortete: „Ich meine doch, das haben wir bereits getan.“

„Aber unterhalten haben wir uns nicht darüber“, erwiderte Lauren. „Du hast mir lediglich ein Ultimatum gestellt.“

Er hob eine Augenbraue und sah sie herausfordernd an. „Ja, und du hast das Gleiche getan.“

Das hatte Lauren tatsächlich. Und es war auch so gemeint gewesen. Sie würde auf keinen Fall dieses Wunder, das in ihrem Körper heranwuchs, töten lassen. Sie holte tief Luft. Das war schon das zweite Mal an einem einzigen Tag, dass sie nicht nachgeben würde. „Ich ziehe aus. Ich habe heute Nachmittag eine neue Bleibe gefunden. Ein kleines Cottage auf dem Land.“

Schon allein der Gedanke, dass sie bald von grüner Natur anstatt von Stahl, Stein und Glas umgeben sein würde, half ihr, freier zu atmen.

Holden zwinkerte. Das war das einzige Anzeichen dafür, dass ihre Worte eine Überraschung für ihn darstellten. Dann fragte er sie kalt: „Brauchst du Hilfe beim Packen? Maria hat schon Feierabend, aber Niles ist noch da.“

Lauren hatte Mühe, sich zu beherrschen. „Ist das jetzt alles? Ich verlasse dich! Unsere Ehe … unsere Ehe ist am Ende, und das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“

„Wenn du von mir erwartest, dass ich vor dir auf die Knie falle und dich anflehe hierzubleiben, dann hast du wohl zu viel ferngesehen.“ Er legte seine Hände übereinander. „Wenn du natürlich deine Meinung über diese Sache geändert hast …“

„Es ist keine Sache, von der wir hier reden. Es ist ein Baby, Holden. Wir bekommen ein Kind.“

Seine Fingerspitzen wurden ganz weiß. „Du bekommst ein Kind. Ich will keins. Und das hast du gewusst und dich damit einverstanden erklärt, als wir uns verlobt haben“, rief er ihr ins Gedächtnis.

„Ich dachte ja nicht, dass es je dazu kommen würde. Die Ärzte hatten mir gesagt …“

„Du warst einverstanden.“

„Dann war es das jetzt?“, fragte Lauren leise.

„Noch nicht ganz, aber meine Anwälte werden den Rest schon erledigen.“

Hatte sie wirklich erwartet, dass er seine Meinung änderte? Sie schluckte und fragte sich: Hätte sie überhaupt gewollt, dass er seine Meinung änderte?

Leidenschaft war in ihrer Beziehung noch nie ausschlaggebend gewesen. Selbst am Anfang, wo alles hätte aufregend sein sollen, war zwischen ihnen nie wirklich der Funke übergesprungen. Was aber war dann das Fundament ihrer Beziehung? fragte sie sich. Gemeinsame Interessen? Gegenseitiger Respekt? Dankbarkeit, dass Holden sie wollte, obwohl sie keine Kinder bekommen konnte?

Lauren runzelte die Stirn. „Warum hast du mich überhaupt geheiratet, Holden? Liebst du mich? Hast du mich je geliebt?“

Er betrachtet sie lange. Schließlich sagte er: „Warum stellst du dir nicht umgekehrt die gleiche Frage?“

Später, als sie ihre Kleidung zusammenlegte und in den Koffer tat, machte sie genau das. Die Antwort allerdings gefiel ihr überhaupt nicht.

3. KAPITEL

Es gab zwei Dinge, die Gavin an seiner neuen Mieterin auffielen: Sie ging früh schlafen, und sie schien gern alleine zu sein.

Schon seit fast einem Monat wohnte sie jetzt in dem kleinen Cottage. Das Licht ging normalerweise vor elf Uhr abends aus, und seit ihrem Einzug hatte er sie erst zweimal zu Gesicht bekommen. Damals war sie mit einem voll bepackten Kleinbus vorgefahren und hatte ihm einen Scheck in die Hand gedrückt, der die Miete ein Jahr im Voraus abdeckte.

Ihm persönlich hätte die Rate für den ersten Monat vollkommen ausgereicht, aber sie wollte alles sofort bezahlen. Außerdem hatte sie darauf bestanden, einen Mietvertrag zu unterschreiben, den er allerdings erst noch schnell auf dem Computer hatte entwerfen müssen.

Dass sie plötzlich tatsächlich vor der Tür gestanden hatte, war, um ehrlich zu sein, für ihn sehr überraschend gekommen. Er hatte ihren kleinen Ausflug auf das Land mehr für einen Zufall gehalten und gedacht, sie hätte sich die Sache mit dem Umzug noch einmal anders überlegt. Wer konnte schon wissen, ob nicht nur vielleicht ein kleiner Streit mit ihrem Mann an ihrer impulsiven Entscheidung schuld gewesen war, und sie sie später bereuen würde. Gavin bereute sie jetzt schon.

Aber zwei Tage nachdem sie in dem staubigen Cottage ihr Mietverhältnis per Handschlag besiegelt hatten, hatte sie wieder vor ihm gestanden. Und sie hatte sehr entschlossen gewirkt.

An jenem Tag war sie äußerst sachlich und geschäftsmäßig aufgetreten. Und doch, trotz ihres Lächelns und dem erstaunlich festen Händedruck glaubte er, ihre Erschöpfung und sogar Verzweiflung gespürt zu haben. Zwar machte er sich seine Gedanken darüber, schaffte es aber, seine Neugier im Zaum zu halten. Das geht mich gar nichts an, sagte er sich.

Bei den zwei Gelegenheiten, als sie sich zufällig am Briefkasten trafen, hatten sie auch nur Höflichkeiten ausgetauscht. Sie war nicht länger als nötig geblieben. Ganz anders als bei ihrem ersten Treffen auf der Veranda, wo sie sich wirklich unterhalten hatten.

Gavin fand das sehr schade.

Er war auch nur ein Mensch, und die mysteriöse Lauren Seville gab ihm viele Rätsel auf. Warum war sie wirklich hier? Das bisschen, das er über sie wusste, ergab einfach keinen Sinn.

Frauen, die aussahen und sich anzogen wie Lauren, mieteten sich nicht einfach ein winziges Cottage auf dem Land. Gabriel’s Crossing war ja ganz schön, und das Vier-Sterne-Hotel und die drei Pensionen zogen auch das ganze Jahr über Touristen an. Aber es war nun einmal kein Mekka für reiche New Yorker. Zwar gab es ein paar Shops und Restaurants, aber keine teuren Boutiquen, wie sie die „First Ladys“ von Manhattan normalerweise frequentierten.

Und dann war da natürlich noch die Sache mit dem Ehering. Als Lauren ihm den Scheck überreichte hatte, war Gavin aufgefallen, dass sie immer noch den goldenen Ring mit dem Riesendiamanten trug, den er schon beim ersten Treffen erspäht hatte.

Daraufhin konnte er sich nicht verkneifen zu fragen: „Werden Sie denn allein in dem Cottage leben?“

Ihre Antwort war sehr vage gewesen. „Fürs Erste ja.“

Gavin hatte angenommen, dass ihr Mann wohl bald nachkommen würde. Allerdings war inzwischen ein Monat vergangen, und ihre bessere Hälfte war immer noch nicht aufgetaucht. Hatten sie sich etwa doch so sehr zerstritten? Oder vielleicht sogar getrennt?

„Es geht mich nichts an“, murmelte er vor sich hin und ging wieder an seine Arbeit.

Die Deckenleisten im Wohnzimmer waren schon lange fertig, und er machte sich daran, die großen Rahmen der Fenster, die zur Straße hinausgingen, zu verputzen. Er hatte Laurens Rat befolgt und sowohl die Leisten als auch den Kaminsims in einem satten dunkelbraunen Mahagoni gebeizt. Das Zimmer sah langsam richtig gemütlich aus. Es fehlte nur noch ein bisschen Farbe, und der Boden musste neu verlegt werden. Aber das hatte Zeit. Es gab genug andere Dinge, um die er sich zuerst kümmern musste.

In fast jedem Zimmer, abgesehen vom Schlafzimmer, fehlten noch kleine Details. Wenn das Haus einer Baugenossenschaft gehört hätte, würde man alles in kürzester Zeit nach Plan fertigstellen können. Aber das hier war allein sein Projekt, und irgendwie tat ihm die Arbeit gut. Also machte er in seinem eigenen Tempo weiter und bestimmte selbst, womit er sich als Nächstes beschäftigen wollte.

Heute würde er den Flur im oberen Badezimmer auslegen. Er hatte sich dafür aus Mexiko importierte Marmorfliesen bestellt. Das Beige passte gut zu den dunkleren Farbtönen, die er für die Wände ausgesucht hatte. Später würde er dann noch alles verfugen – falls er bis dahin nicht an einem Hitzschlag gestorben war.

Er griff nach der Wasserflasche, trank einen Schluck und wischte sich dann mit dem Saum seines T-Shirts den Schweiß von der Stirn. Es war noch nicht einmal Mittag, und das Thermometer zeigte schon fast dreißig Grad Celsius an. Die Klimaanlage im Haus funktionierte leider nicht. Die Mitarbeiter von Howards Heiz- und Klimaanlagen hatten ihm aber versichert, dass sie diese Woche noch vorbeikommen würden. In der Zwischenzeit musste sich Gavin mit einem kleinen Ventilator und dem Lüftchen zufriedengeben, das durch die geöffneten Fenster hereinwehte.

Er setzte die Kopfhörer seines MP3-Spielers auf und machte sich an die Arbeit. Er hörte gern Musik dabei, und zwar möglichst rockige.

„Hallo?“ Laurens Stimme hallte durch den Flur. Er hockte gerade auf den Knien und setzte eine weitere Fliese an, als er ihre Stimme hörte. Er nahm die Kopfhörer ab und lehnte sich so weit zurück, dass er aus der Tür spähen konnte.

„Ich bin hier!“, rief er.

Sie trug eine ärmellose weiße Bluse, die locker über eine rosafarbene Shorts fiel. Ihre Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Bei jeder anderen Frau hätte dieses Outfit nicht gerade sexy ausgesehen. Aber bei Lauren … Gavin schluckte. Die Hitze, die auf einmal durch seinen Körper schoss, hatte rein gar nichts mit den Außentemperaturen zu tun. War sie schon immer so kurvenreich gewesen?

Sie ist meine Mieterin, ermahnte er sich. Genauer gesagt, meine verheiratete Mieterin.

Trotzdem wurde sein Mund ganz trocken. Die Beine dieser Frau waren einfach der Wahnsinn. Schon bei ihrem ersten Treffen war ihm das aufgefallen, als sie ein Sommerkleid getragen hatte. Aber die kurze Hose brachte ihre Beine noch viel besser zur Geltung. Sie waren lang und schlank wie bei einem Model, ihre Knie und Waden so wohlgeformt und ihre Knöchel erst …

Er griff nach der Wasserflasche, war sich aber nicht sicher, ob er einen Schluck trinken oder sich das Wasser lieber gleich über den Kopf gießen sollte. Er hatte wirklich eine Schwäche für zarte Fußknöchel. Er trank den letzten Rest des Wassers und zwang sich, woanders hinzuschauen.

„Ich kann nicht glauben, dass Sie bei diesem Wetter arbeiten“, meinte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Na ja. Vielleicht habe ich ja etwas angestellt und eine Strafe verdient.“ Sein Blick glitt wieder zu ihren Füßen. „W…wie geht es Ihnen bei der Hitze?“

Das Cottage hatte auch keine Klimaanlage, aber anders als bei Gavins Haus war ihr Schlafzimmer im obersten Stockwerk.

„Ich komme zurecht. Danke.“

Die Antwort hatte er nicht erwartet. Er dachte, sie wäre vorbeigekommen, um sich zu beschweren. An ihrer Stelle hätte er das schon längst getan.

„Ich lasse bald die Klimaanlage in meinem Haus reparieren. Wenn Sie möchten, kann ich auch gleich eine in ihrem Cottage einbauen lassen.“

„Das ist eine gute Idee. Ich komme gern dafür auf.“

„Das brauchen Sie nicht. Leider wird es heute dafür nicht mehr reichen. Wahrscheinlich wird es erst gegen Ende dieser Woche klappen“, erklärte er.

„Das ist nicht so schlimm. Ich komme zurecht“, wiederholte sie.

„Sagen Sie das immer?“

Sie sah ihn verwirrt an. „Was?“

„Dass Sie zurechtkommen. Das scheint eine Ihrer Lieblingsantworten zu sein.“

„Oh. Entschuldigung.“

„Und das ist noch so eine.“

Sie runzelte die Stirn und wusste offensichtlich nicht, was sie dazu sagen sollte. In dem Moment wünschte sich Gavin, dass sie einfach einmal die Beherrschung verlieren würde. Sie sah bestimmt sehr sexy aus, wenn sie wütend war.

„Die Fliesen sehen wirklich gut aus.“ Warum war sie nur immer so furchtbar höflich? Aber er sagte nichts weiter dazu. Er war sich nicht sicher, weshalb er sie überhaupt darauf angesprochen hatte. Die meisten Vermieter wären froh über so umgängliche Mieter.

„Danke.“

„Sie haben das wohl schon öfter gemacht.“

„Ein paar Mal.“ Obwohl das schon eine Ewigkeit her war.

Die letzten zehn Jahre war Gavin eher hinter den Kulissen tätig gewesen. Mittlerweile bezahlten er und sein Bruder Garrett andere Leute dafür, diese Arbeiten zu erledigen. Über ihren Werdegang vom sprichwörtlichen Tellerwäscher zum Millionär war sogar vor ein paar Jahren einmal in der New York Times berichtet worden.

Der Artikel beschrieb Gavin O’Donnell als erfolgreichen Geschäftsmann und Millionär, der einfach alles hatte, was man sich wünschen konnte. Aber sogar noch vor seiner Scheidung hatte er das Gefühl gehabt, als sei ihm irgendein wichtiger Teil von ihm abhandengekommen. Und erst jetzt, langsam und Stück für Stück spürte er endlich, dass er wieder er selbst wurde.

Laurens Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Sie legen wohl gern selbst Hand an.“

Das stimmte in der Tat. Und nicht nur bei Häusern. Obwohl Gavin dagegen ankämpfte, fiel sein Blick wie von selbst wieder auf ihre Füße. So schmal, wie ihre Knöchel waren, konnte er sie bestimmt mit einer Hand umfassen. Unauffällig wischte er die schweißnassen Hände an seiner Jeans ab. „Ja. Allerdings habe ich das schon lange nicht mehr gemacht. Ich habe total vergessen, wie … äh … befriedigend körperliche Arbeit sein kann.“

„Ich dachte, Sie wären in der Baubranche tätig.“

„Ja, schon, allerdings bin ich eher der, der die Anweisungen erteilt und die Löhne bezahlt.“

„Ah.“ Sie nickte. „Der Chef also.“

Das war nahe genug dran an der Wahrheit. Er gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die ihren Erfolg an die große Glocke hängen mussten. Dafür kannte er zu viele Leute, die sich selbst zu ernst nahmen. Wenn dieses eine Jahr in seinem selbst gewählten Exil ihn etwas gelehrt hatte, dann dass die Welt sich auch ohne ihn weiterdrehte.

Er wechselte das Thema. „Kann ich Ihnen denn irgendwie helfen?“

„Oh. Entschuldigung“, sagte sie. Er schnitt eine Grimasse. Schon wieder dieses Wort. „Ich … ich wollte fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich ein paar Veränderungen am Cottage vornehmen würde.“

„Veränderungen?“

Sie räusperte sich. „Nichts Großes. Ich würde nur gern den Wänden im Badezimmer eine freundlichere Farbe verpassen.“

Das kleine Haus war komplett in einem eintönigen Weiß gestrichen.

„Hatten Sie an einen bestimmten Ton gedacht?“, fragte er.

„Vielleicht ein helles Grün oder so“, erwiderte sie.

Er nickte und ging in Gedanken die Liste der Dinge durch, die er zu tun hatte. „Es kann noch eine Weile dauern, bis ich dazu komme. Die neuen Küchenschränke sollen schon nächste Woche geliefert werden. Ein Freund aus New York hat mir versprochen, mir beim Einbau zu helfen.“ Er lachte. „Er wird es für ein großes Steak und ein Bier tun. Zum Freundschaftspreis sozusagen.“

„Ich habe noch einen besseren Vorschlag. Ich mache die Arbeit selbst.“

„Sie wollen selbst streichen?“ Er hörte sich so ungläubig an, dass sie schon fast beleidigt reagierte.

„Sehe ich etwa so aus, als ob ich das nicht könnte?“ Sie sah ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust.

Die Frau hatte also doch Rückgrat. Gavin musste fast lächeln. „Haben Sie schon einmal gestrichen?“

„Ein wenig.“

„Wirklich?“

Ihre Antwort überraschte ihn, und dann fügte sie auch hinzu: „Na ja, eigentlich nicht. Aber ich kann meine Zehennägel ganz gut lackieren.“

Gavins Blick wanderte unwillkürlich zu ihren Füßen hinab. Aus den Sandalen schauten ihre rosa Nägel hervor. Er wusste nicht, was er eigentlich lieber mochte, ihre Knöchel oder ihre Zehen.

„Das sieht nach guter Arbeit aus.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Es kommt nur auf die richtige Technik an.“

„Ach ja?“

„Ich könnte es Ihnen beibringen“, bot sie an. „Ich bin mir sicher, dass Sie es bei ihrem nächsten Projekt gebrauchen könnten.“

Er sah, dass sie sich ein Lächeln verkneifen musste. Das gefiel ihm ungemein. Er brachte sie gern zum Lachen.

„Danke, lieber ein anderes Mal. Vielleicht kann ich Ihnen ja mal dabei zuschauen.“ Allein der Gedanke daran brachte sein Blut in Wallung.

Sie war aber auch verdammt sexy. In dem pastellfarbenen Leinenoutfit sah sie aufreizender aus als manch andere Frau in schwarzer knapper Spitzenunterwäsche.

Sie blickten sich an. Gavin spürte förmlich, wie es zwischen ihnen knisterte. Und so wie Lauren ihren Ehering hin- und herdrehte, musste sie es doch auch spüren, oder?

„Ich habe in letzter Zeit öfter Fernsehsendungen übers Heimwerken angeschaut“, sagte sie nach einer Weile. „Ich glaube, ich habe dabei einiges gelernt.“

Gavin konnte sich nicht mehr daran erinnern, worüber sie gesprochen hatten. Farbe … Streichen … das Cottage. „Oh, super. Eigentlich ist das auch ziemlich einfach. Es geht allerdings ganz schön auf die Arme.“

Sie lächelte. „Darf ich es also selbst machen?“

„Klar. Ich hab nichts dagegen, wenn jemand umsonst arbeiten will. Und wenn es nicht gut aussieht“, er zuckte mit den Schultern, „… es ist ja nur Farbe. Wenn man ein-, zweimal drüberstreicht, sieht es wieder wie neu aus.“

„Ich werde Sie nicht enttäuschen“, versicherte sie ihm.

„Sind Sie etwa eine kleine Perfektionistin?“

Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie es ernst meinte, als sie ihm entgegnete: „Wenn man schon etwas anpackt, dann sollte man es auch gleich richtig machen, oder?“

„Es ist schade, dass nicht alle so denken. Was machen Sie denn später, so gegen fünfzehn Uhr?“

„Noch nichts“, erwiderte sie zögernd.

„Gut. Dann fahren wir zusammen in die Stadt zum Baumarkt. Ich brauche sowieso noch ein paar Kleinigkeiten, und wenn wir schon da sind, können Sie sich auch gleich die passende Farbe aussuchen.“

Lauren stand im Schatten einer der großen Eichen und wartete auf Gavin. Ihre Schwangerschaft war schon so weit fortgeschritten, dass sie die Hosenknöpfe nicht mehr zumachen konnte. Aber zumindest wurde ihr seit einer Woche nicht mehr schlecht.

Sie schlief sehr viel in letzter Zeit, wusste aber nicht, ob das wegen des Babys, des Schmerzes über die bevorstehende Scheidung oder einfach nur aus Langeweile so war. Sie saß einfach nicht gern herum und drehte Däumchen.

In New York war sie zwar nicht glücklich, dafür aber immer beschäftigt gewesen. Aber hier gab es keine Geschäftsessen oder Komitees, die sie vorbereiten und planen musste, und auch keine Partys, die organisiert werden wollten. Nachdem sie nun fast einen Monat auf die leeren Wände ihres Cottages gestarrt hatte, war sie aus reiner Verzweiflung auf die Idee gekommen, Gavin den Vorschlag zu unterbreiten, das Cottage zu streichen.

Und irgendwie war ihr inmitten ihrer Diskussion über Wandfarben sein Dreitagebart aufgefallen. Und auch sein verschwitztes T-Shirt, das seine muskulösen Schultern so vorteilhaft betonte. Sie fächelte sich Luft zu und machte das Wetter dafür verantwortlich, dass ihr auf einmal ganz warm wurde.

Es lag natürlich nicht an dem Mann selbst. Nein, das ging ja gar nicht. Immerhin war sie schwanger, hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt und würde bald eine geschiedene Frau sein. Abgesehen davon, war sie nicht der Typ für Tagträumereien. Aber für einen Moment …

Sie versuchte krampfhaft eine Erklärung für diese vielen Emotionen zu finden. Wahrscheinlich war sie einfach nur verwirrt und einsam und allein in einer fremden Stadt. Außerdem würde sich ihr Leben bald von Grund auf ändern. Gavin war nur nett, freundlich und so herrlich unbeschwert. Dann hatte sie eben ein bisschen mit ihm geflirtet. Na und? Das war ja nicht verboten.

Und diese Chemie zwischen ihnen beiden? Wahrscheinlich war das auch nur Einbildung, oder ihre Hormone spielten ihr einen Streich.

Als Gavin auf sie zukam, bemerkte sie, dass er sich rasiert und frische Sachen angezogen hatte. Sie konnte sein Duschgel riechen, und sein Haar war noch etwas feucht. Sie wollte ihn unbedingt noch ein wenig länger betrachten und wandte sich dem Baum hinter ihr zu.

„Die Eiche wäre doch ideal für eine Schaukel“, meinte sie.

Gavin betrachtete die dicken Äste. „Oder man könnte einen dicken Lkw-Reifen an ein Seil hängen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Eine Schaukel wäre besser. Und zwar eine rote.“

„Hatten Sie denn mal als Kind eine rote Schaukel?“

Im Leben nicht, dachte sie. „Ich habe doch früher in Los Angeles gelebt. Da gab es so was nicht. Allerdings habe ich einmal an einer Werbekampagne für eine Fluggesellschaft gearbeitet. Und am Anfang des Werbespots sah man einen kleinen Jungen auf einer roten Schaukel hin- und herschwingen, und dabei machte er Geräusche wie ein Flugzeug.“

„Unsere Piloten wollten schon immer hoch hinaus“, fügte Gavin lächelnd hinzu. „Ich erinnere mich an den Werbeslogan. Ich wusste nicht, dass der von Ihnen kam. Und ich hatte auch keine Ahnung, dass Sie in der Werbebranche tätig sind.“

Wahrscheinlich dachte er, dass sie überhaupt noch nie gearbeitet hatte. „Nicht mehr. Ich habe Danielson & Marx vor vier Jahren verlassen.“

Danielson & Marx.“ Er pfiff anerkennend durch die Zähne. „Das ist eine der renommiertesten Agenturen überhaupt. Vermissen Sie Ihren alten Job?“

„Manchmal“, antwortete sie. Das hatte sie noch niemandem anvertraut, nicht einmal ihrer besten Freundin. Wann immer die Frage aufkam, erzählte sie allen, wie zufrieden sie sei und wie sehr sie ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen in Anspruch nahmen. Aber da es ihr irgendwie leicht fiel, Gavin die Wahrheit zu sagen, fuhr sie fort: „Ich vermisse besonders die kreative Arbeit. Es ist nicht einfach, seinen Kunden mit wenigen Worten oder Bildern ein Konzept zu verkaufen.“

„Ich wette, das können Sie richtig gut.“

Sie lächelte und dachte dabei an die vielen Auszeichnungen, die sie in ihrer relativ kurzen Karriere bekommen hatte, und sagte nur: „Ich war nicht schlecht.“

Er steckte die Hände in die Hosentaschen. „Warum haben Sie dann aufgehört?“

Sie beugte sich vor und pflückte einen Grashalm. Während sie ihn in kleine Stücke rupfte, antwortete sie: „Na ja. Meine Hochzeit stand kurz bevor und … und …“

Sie ließ das Gras fallen und wischte sich die Hände an der Hose ab, ohne den Satz zu beenden.

„Und dann hatten sie einfach andere Prioritäten“, bemerkte er.

Lauren nickte, obwohl sie sich mittlerweile eingestehen konnte, dass sie gern in ihrem Beruf geblieben wäre. Aber sie hatte gekündigt, um Problemen mit ihrem damaligen Verlobten aus dem Weg zu gehen. Und darauf war sie nicht besonders stolz.

„Vielleicht steigen Sie ja irgendwann wieder ein“, ermunterte er sie. „Mit einer so renommierten Firma im Lebenslauf sollte das nicht allzu schwer sein.“

„Das könnte ich in der Tat.“ Ihr Lebenslauf las sich wirklich sehr gut. Sie war äußerst erfolgreich gewesen, und ihre Arbeit hatte ihr Spaß gemacht.

„Aber?“ Er lächelte, als wüsste er genau, dass sie in diesem Moment an etwas völlig anderes dachte.

Und wieder war sie überrascht, wie ehrlich sie ihm gegenüber sein konnte. „Was ich wirklich machen möchte, ist, meine eigene Agentur zu gründen. Und zwar eine, die sich für gute Zwecke einsetzt und nicht auf Produkte oder Dienstleistungen spezialisiert.“

„Damit verdient man nicht viel Geld, aber da erzähle ich Ihnen wahrscheinlich nichts Neues. Es hört sich so an, als ob Sie genau wissen, worauf Sie sich einlassen würden.“

„Ich habe viel nachgedacht. Aber noch nicht genug“, räumte sie ein. Sie beschäftigte sich schon länger mit der Idee. Allerdings war ihr Ziel mit den Jahren in weite Ferne gerückt.

„Das hier ist ein guter Platz zum Nachdenken. Und wenn Sie dann so weit sind, haben Sie bestimmt auch noch genügend Kontakte von früher, die Ihnen dabei helfen können“, erwiderte er.

Sie hatte eigentlich fast erwartet, dass er ihre Idee als lächerlich abtun würde. Sie war sich sicher, die Reaktion von ihren Eltern und von Holden voraussagen zu können. Das war wohl auch der Grund, warum sie sich ihnen nie anvertraut hatte.

„Danke.“

Gavin runzelte die Stirn. „Wofür denn?“

„Dass … dass ich das Cottage streichen darf.“

4. KAPITEL

Lauren hatte noch nie in ihrem Leben einen Baumarkt von innen gesehen. Weder ihr Vater noch ihr Mann waren sonderlich begabt gewesen, wenn es um handwerkliche Dinge gegangen war. Aber das Geschäft in Gabriel’s Crossing kam ihr eher wie die Kulisse aus einem alten Film vor.

Auf der Veranda saßen sogar zwei ältere Herren auf einer Bank. Es hätte sie nicht gewundert, wenn sie auch noch Kautabak im Mund gehabt hätten. Sie naschten aber nur Sonnenblumenkerne, während sie sich gegenseitig beim Kreuzworträtsel lösen halfen.

Einer von beiden schien der Eigentümer des Marktes zu sein. Er stand auf und schüttelte Gavin die Hand. „Dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Ich dachte schon, du hättest das alte Haus endlich aufgegeben und wärst wieder in die Stadt gezogen.“ Er lachte, und sein Gesicht überzog sich mit zahlreichen Falten.

„Nie im Leben. Was ich einmal anfange, das bringe ich auch zu Ende, Pat. Abgesehen davon, kann ich doch nicht zulassen, dass du pleitegehst, wenn ich nicht mehr hier einkaufe.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen, Junge.“

Gavin wandte sich Lauren zu. „Lauren, ich möchte dir Pat Montgomery vorstellen.“

„Freut mich, Mr Montgomery.“

„Wir legen hier nicht so viel Wert auf Höflichkeitsfloskeln. Nennen Sie mich doch einfach Pat.“ Er ließ seinen Blick zwischen den beiden hin- und herwandern. „Bleiben Sie länger zu Besuch?“

„Ich bin gar nicht zu Besuch, sondern gerade erst hierhergezogen … zumindest vorübergehend.“

„Lauren hat das Cottage auf meinem Anwesen gemietet“, fügte Gavin hinzu.

„Ach wirklich?“ Der alte Mann wirkte überrascht, und ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

Lauren spürte, wie sie rot wurde. Sie konnte sich schon denken, was in seinem Kopf vorging, und ihre Schwangerschaft war noch nicht einmal sichtbar. Zum Glück kam Gavin ihr zu Hilfe.

„Lauren hat hier ein Wochenendhäuschen gesucht. Ihr Mann wird bald hinterherkommen.“

War das der Eindruck, den sie Gavin vermittelt hatte? Eigentlich lag es ja überhaupt nicht in ihrer Natur zu lügen oder nur die halbe Wahrheit zu sagen. Aber in ihrer jetzigen Situation war es vielleicht besser so. Pat fuhr fort: „Ich bin mir sicher, dass Ihr Mann und Sie sich in Gabriel’s Crossing wohlfühlen werden. Es ist eine schöne Stadt.“

Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu antworten: „Ja, ich bin mir sicher, es wird uns hier sehr gefallen.“

„Die Farben stehen gleich im ersten Gang“, erklärte Gavin. „Solange Sie sich umsehen, lade ich schon mal die Kanthölzer ein, die ich noch brauche.“

„Okay.“

Bald waren zwanzig Minuten vergangen, und Lauren schaute sich immer noch die verschiedenen Farbtöne an. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass Gavin hinter ihr stand. Seine Schritte hatte sie nicht gehört, dafür aber sein Duschgel gerochen.

Zwar wusste sie nicht, wie das möglich sein sollte, aber irgendwie konnte sie seine Gegenwart spüren. Wahrscheinlich war es albern, aber irgendetwas hatte dieser Mann an sich. In seiner Nähe fühlte sie sich ruhig und entspannt. Ihr fielen auch noch ein paar andere Dinge ein, aber mit denen wollte sie sich gar nicht beschäftigen.

„Für mich kommen diese zwei Farben in die engere Wahl“, meinte sie, bevor sie sich zu ihm umdrehte. „Ich habe mal gelesen, dass Grün entspannend wirken und für ruhigen Schlaf sorgen soll.“

„Die Wand in meinem Schlafzimmer ist rot. Genauer gesagt blutrot. Was die wohl für eine Wirkung hat?“ Er lächelte dabei, aber in seinem Blick las sie noch etwas anderes.

Sie schluckte die etwas anzügliche Antwort hinunter, die ihr sofort in den Kopf gekommen war, und erwiderte stattdessen: „Schlaflosigkeit.“

Gavin lachte und strich sich durch die Haare, die wie immer in alle Richtungen standen. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich schlafe so fest wie ein Baby.“

Das Wort Baby nahm Lauren jegliche Lust auf weitere Neckereien. „Meergrün.“ Sie hielt ihm die Farbtonkarte entgegen. „Was meinen Sie?“

Er betrachtete die Farbe genau. „Es wirkt sehr beruhigend.“

„Perfekt.“

Als er ihr die Karte aus der Hand nahm, berührten sich ihre Finger. „Ich werde Pat bitten, dass er ein paar Liter anrührt, und dann können wir los.“

„Ich schulde Ihnen noch ein Eis.“

„Das habe ich nicht vergessen.“

Sie sah ihm nach und begriff, dass er ein Mann war, der so schnell nichts vergaß.

„Heute ist aber viel los“, meinte Gavin, als sie bei der Eisdiele ankamen.

Es war nur ein kleiner Laden, der innen nicht einmal Sitzplätze hatte. Die Schlangen an den beiden Kassen waren ziemlich lang und die Tische draußen alle besetzt. Trotz der Hitze spielten ein paar Kinder Fangen und tobten über die Wiese. Als Lauren und Gavin sich gerade anstellen wollten, rannte ein kleiner Junge von ungefähr fünf Jahren geradewegs in Gavin hinein.

„Vorsichtig, kleiner Mann“, sagte Gavin und richtete den Jungen auf.

Ein anderes Kind erfasste den günstigen Augenblick und tippte dem Kleinen auf den Rücken. „Du bist“, rief es schadenfroh.

Als die beiden davonstürmten, schaute Gavin mit Wehmut auf den Fleck, der auf seinem Hemd zurückgeblieben war. Lauren wusste genau, wie Holden auf einen Schokoladenfleck auf seinem ach so teuren Hemd reagiert hätte. Mit viel Glück wäre das Kind mit einer Standpauke davongekommen. Gavin allerdings schüttelte nur den Kopf und lachte vor sich hin.

„Ich hätte wohl meine alten Sachen anlassen sollen.“ Er zwinkerte Lauren zu, holte sich ein paar Servietten vom Tisch nebenan und versuchte, das Gröbste wegzuwischen. „Das ist die Strafe dafür, dass ich Ihnen imponieren wollte.“

Zwar sagte er das offensichtlich nur so dahin, aber Lauren war trotzdem beeindruckt. Und das hatte rein gar nichts damit zu tun, dass er ein sauberes Hemd für sie angezogen hatte.

„Sie sind sehr …“, sie suchte nach dem richtigen Wort, „… geduldig.“

„Es ist doch nur ein Hemd, und er ist nur ein kleiner Junge.“ Er zuckte mit den Schultern, als ob das als Erklärung reichte. Und Lauren wusste, dass er es wirklich so meinte. Gavin war einfach ein gelassener und angenehmer Mensch.

„Sie wären ein toller Vater.“ Das war ihr einfach so herausgerutscht. Sie hatte es gar nicht sagen wollen. Zumindest nicht laut.

Aber Gavin schien das in keine große Panik zu versetzen. Er nickte nur. „Das hoffe ich.“

„Sie wollen Kinder?“

Er sah etwas überrascht aus. „Jetzt noch nicht. Aber irgendwann möchte ich auf jeden Fall welche. Sie nicht?“

Lauren schluckte. Sie dachte an die Bitterkeit, die sie wegen ihrer Unfruchtbarkeit empfunden hatte, und an das unglaubliche Wunder, das ihr jetzt zuteilwurde. Ihre Kehle war mit einem Mal wie zugeschnürt.

Bevor sie ihm antworten konnte, kam eine etwa dreißigjährige Frau auf sie zugeeilt. Sie sah sehr gestresst aus und war, den tiefen Augenringen nach zu urteilen, auch sehr erschöpft. Allerdings war das auch verständlich. Auf dem einen Arm trug sie ein Baby und an der Hand zog sie noch einen kleinen Jungen mit sich.

„Es tut mir schrecklich leid.“ Sie zeigte auf den Fleck auf Gavins Hemd. „Das war mein Sohn Thomas, der gerade in sie hineingerannt ist.“

Gavin lachte. „Er hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“

Die Frau nahm ihr Baby auf den anderen Arm und durchstöberte ihre überdimensionale Handtasche, die offensichtlich auch als Windeltasche diente. Sie nahm ein Blatt Papier und einen Stift heraus. „Am besten gebe ich ihnen meine Adresse, dann können Sie mir einfach die Rechnung für die Reinigung zuschicken.“

„Das ist wirklich nicht nötig. Ehrlich“, versicherte Gavin ihr. „Der Fleck geht bestimmt auch in der Waschmaschine raus.“

„Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher.“ Er streckte den Arm aus und kitzelte das Baby am Kinn, was zu einem fröhlichen, sabbernden Glucksen führte. „Sieht so aus, als ob jemand bald Zähne bekommt.“

Die Frau wiegte das Baby. „Oh ja. Und er lässt uns alle an dieser Erfahrung teilhaben. Nicht wahr, Schätzchen?“

„Drei Kinder“, murmelte Lauren. „Sie haben bestimmt alle Hände voll zu tun.“

Die andere Frau lachte kurz auf. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich einmal vier Kinder haben wollte … Aber das war, bevor ich das Erste bekam und an Schlaf nicht mehr zu denken war. Thomas hatte damals Koliken.“ In dem Moment machte sich das andere Kind von ihrer Hand los und lief Richtung Mülleimer. „Da sollte ich mal besser hinterher. Vielen Dank für Ihr Verständnis“, sagte sie noch zu Gavin. Dann wandte sie sich an Lauren. „Sie wissen ja, wie Kinder sind.“

Mit einem Mal verging Lauren das Lachen. Nein, das wusste sie eben nicht. Sie hatte überhaupt keine Ahnung. Auf einmal erfasste sie Panik, denn sehr bald würde sie genau das herausfinden. Sie würde nicht nur eine alleinerziehende Mutter sein, sondern zudem eine, die überhaupt keine Erfahrung mit Babys hatte.

Ihre Knie wurden plötzlich ganz weich, und sie flüsterte: „Oh Gott.“

„Lauren?“ Gavin griff nach ihren Ellbogen und stützte sie. „Alles okay?“

„J…ja. Die Warterei dauert nur so lange“, wich sie aus.

Er zwinkerte ihr zu. „Das geht schneller, als Sie denken.“

Und genau davor hatte sie Angst.

Als die beiden endlich an der Reihe waren, bestellten sie eine Kugel Vanille für Lauren und zwei Kugeln Schokolade für Gavin. Dann sahen sie sich nach einem Sitzplatz um. Die Tische waren immer noch alle belegt, aber ein älteres Pärchen, das auf dem Rasen im Schatten gesessen hatte, machte gerade Anstalten zu gehen.

Gavin reichte Lauren sein Eis, und bevor sie sich versah, hatte er sein Hemd ausgezogen und es unter einem Baum ausgebreitet.

Als sie ihn fragend ansah, erklärte er: „Es reicht ja, wenn einer von uns Flecken auf der Kleidung hat.“

„Danke.“ Damit sie ja nicht in Versuchung kam, seine nackte Brust anzustarren, setzte sie sich ohne ein weiteres Wort auf das Hemd. Der Mann hatte einfach einen Wahnsinnskörper. Er war gleichmäßig gebräunt, da er wohl oft ohne T-Shirt an der frischen Luft arbeitete. Dazu war er auch noch sehr muskulös.

„Sie sollten lieber aufpassen“, warnte Gavin.

„W…wieso?“

„Es tropft gleich.“

Als sie ihn weiter fassungslos anstarrte, beugte er sich vor und leckte an ihrem schmelzenden Eis. Lauren beobachtete, wie er mit der Zunge darüberfuhr, und hielt unwillkürlich den Atem an.

Er schaute zu ihr hoch. „Entschuldigung. Ich wollte nur …“ Etwas peinlich berührt, fing er an zu lachen. „Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade getan habe.“

Das konnte sie auch nicht. Vor allem konnte sie nicht glauben, was diese eigentlich unschuldige Geste in ihr ausgelöst hatte.

„Sch…schon okay.“

„Möchten Sie mal meins probieren?“ Er hielt ihr sein Eis hin. „Na los.“

„Nein danke.“

„Sind Sie sicher? Schokolade ist so lecker“, meinte er grinsend und sah sie dabei herausfordernd an.

„Ich mag Schokolade“, sagte sie leise. Seine Augen hatten die Farbe von dunkler Zartbitterschokolade.

„Ich kenne eigentlich niemanden, der keine Schokolade mag.“ Dann runzelte er die Stirn. „Wenn Sie Schokolade mögen, warum haben Sie dann keine genommen?“

„Ich weiß auch nicht. Ich dachte, Vanille wäre vernünftiger. Da ist es nicht so schlimm, wenn es schmilzt.“

„Machen Sie immer das, was vernünftig ist?“

Bevor es wieder tropfen konnte, schleckte sie an ihrem Eis und wickelte dann eine Serviette um die Waffel. „Ich glaube schon.“

„Wie langweilig“, murmelte er.

„Ja. Das bin ich. Die langweilige Lauren.“

Er lachte. „War das etwa Ihr Spitzname in der Schule?“

„Leider.“

„Was haben Sie denn angestellt?“

„Gar nichts“, behauptete sie leicht entrüstet.

Er ließ sich sein Schokoladeneis schmecken. „Na kommen Sie schon, langweilige Lauren. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.“

„Wenn Sie es unbedingt wissen müssen. Ich wollte mich nie mit den anderen Mädchen nach der Sperrstunde hinausschleichen.“ Er sah etwas verwirrt aus. „Damals in der Sommerfreizeit“, erklärte sie.

„Ah. Wie alt waren Sie denn da?“

„Zwölf.“

Ihre Eltern waren damals für einen Monat nach Europa geflogen, wo sie an diversen Workshops und Seminaren teilnehmen mussten. Lauren hatte in dieser Zeit zum ersten Mal ihre Tage bekommen. Schon allein die Erinnerung daran ließ sie erschauern. Es war ihr so unangenehm und peinlich gewesen. Die einzige Person, der sie sich hatte anvertrauen können, war ihre nette Freizeitleiterin gewesen.

„Ich wette, dass sie im Grunde auch gern Unfug gemacht hätten.“

„Vielleicht haben Sie ja recht. Aber ich bin nun mal jemand, der sich generell an Regeln hält.“

Er betrachtete sie. „Also, dann gebe ich Ihnen jetzt die Möglichkeit, einmal etwas völlig gegen die Regeln zu tun.“ Er nahm ihr das Eis aus der Hand und reichte ihr stattdessen seins. „Na los. Probieren Sie.“

„Nein, das geht doch …“

Aber bevor sie den Satz beenden konnte, fügte er hinzu. „Wenn Sie sich nicht beeilen, haben Sie bald die ganze Schokolade auf der Hose.“ Er sah sie vielsagend an. „Und dieses Mal werde ich Ihnen nicht zu Hilfe kommen.“

Nun hatte sie keine andere Wahl, als nachzugeben. Erst schleckte sie das Eis nur zögernd. Als sie aber merkte, dass es schon an der Waffel hinunterlief, ließ sie ihre gute Manieren gute Manieren sein. Die erste Kugel Schokolade hatte sie schon verputzt, da hatte Gavin noch nicht einmal richtig mit seinem Eis angefangen. Ihre zweite Kugel war weg, als er gerade erst in seine Waffel biss.

„Wenn Sie richtig loslegen, sind Sie eine ernst zu nehmende Konkurrenz“, meinte er mit einem Lachen.

In diesem Moment fühlte sie sich einfach nur glücklich und unbeschwert und erwiderte: „Reden Sie lieber nicht so viel, und essen Sie ihr Eis. Sonst nehme ich es mir zurück, wenn ich mit dem hier fertig bin.“

„Also wenn Sie so weiteressen, dann passen Sie bald nicht mehr in Ihre Shorts“, scherzte er.

Gerade wollte sie zu einer Antwort ansetzen, besann sich dann aber eines Besseren und lächelte nur geheimnisvoll.

Auf der Fahrt zurück war Lauren sehr ruhig. Gavin schaute seine Beifahrerin immer wieder aus den Augenwinkeln heraus an. Sie hatte ihre langen Beine ausgestreckt und die hübschen Knöchel übereinandergeschlagen. Die Hände lagen verschränkt auf ihrem Bauch. Er hatte schon fast damit gerechnet, dass sie auf dem Rückweg einschlafen würde, aber ihre Augen waren offen, als sie endlich die Auffahrt zum Haus hinauffuhren. Und um ihre Lippen spielte immer noch dasselbe geheimnisvolle Lächeln.

Für ihn war es ein richtig schöner Tag gewesen. Er hatte vergessen, wie angenehm es sein konnte, mit einer wunderschönen Frau Zeit zu verbringen. Wer hätte gedacht, dass sich hinter Laurens perfektem Benehmen so viel Humor verbarg? Vielleicht würde er sie ja heute Abend einfach zum Abendessen einladen. Im Kühlschrank waren noch zwei Steaks, die sie auf seinem neuen Edelstahlgrill braten konnten.

Den Grill hatte er letzten Monat von seiner Schwester zum Geburtstag bekommen, aber bis jetzt war er noch nicht dazu gekommen, ihn auszuprobieren. Das wäre ja dann kein Date oder so was. Keineswegs. Es war nur ein Abendessen. Da ist ja eigentlich nichts dabei, auch wenn einer von ihnen beiden verheiratet war, redete Gavin sich ein.

Er parkte neben dem Haus. Während sie ausstiegen, überlegte er, wie er die Einladung wohl am besten formulieren sollte.

„Hätten Sie vielleicht Lust …“

In diesem Moment fuhr ein Auto heran und parkte direkt hinter Gavins Truck. Es handelte sich um einen brandneuen Mercedes. Der Mann, der aus dem Auto stieg, passte gut zu seinem teuren Fahrzeug. Die Sonnenbrille, die er trug, war sehr modisch, und seine Kleidung sah wie frisch gebügelt aus. Er machte einen äußerst unzufriedenen Eindruck.

Gavin ging davon aus, dass der Mann sich wohl verfahren hatte. Wahrscheinlich war er auf dem Weg zum Highway falsch abgebogen und jetzt verärgert, dass er in einem kleinen Kaff gelandet war, wo es nicht mal ein Fünf-Sterne-Hotel gab.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Der Mann nahm die Sonnenbrille ab und sah ihn unfreundlich an. „Ja. Vielleicht könnten Sie mir sagen, wo ich meine Frau finde?“

5. KAPITEL

Ihr Mann.

Gavin hatte ja gewusst, dass sie verheiratet war, aber trotzdem fühlte er sich, als wäre ihm gerade der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Er schaute Lauren an und versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. Das Auftauchen ihres Mannes schien sie nicht sonderlich zu erfreuen, obwohl die beiden sich jetzt seit fast einem Monat nicht gesehen hatten. Weder stürzte sie sich in seine Arme, noch lächelte sie ihn an.

Genau betrachtet, wirkte sie nicht einfach nur überrascht, sondern auch besorgt und nervös. Oder hatte sie vielleicht ein schlechtes Gewissen? Aber da ging Gavin wohl gerade zu sehr von seinen eigenen Gefühlen aus. Beinahe hätte er sie zum Abendessen eingeladen.

„Holden.“ Sie war ganz blass geworden. „Mit dir habe ich ja gar nicht gerechnet.“

„Das merke ich“, erwiderte er trocken und blickte zu Gavin hinüber.

Die beiden musterten sich, während Lauren sie einander vorstellte.

„Das ist mein …“ Ihr Zögern dauerte einen Moment zu lange. Holden hob eine Augenbraue. „… Vermieter“, brachte sie schließlich hervor. „Gavin O’Donnell. Gavin, das ist Holden.“

Als die beiden sich die Hände schüttelten, ließ Holden seinen Blick zur Seite schweifen und nahm die abblätternde Farbe der Fassade in Augenschein.

„Ein schönes Haus haben Sie da.“ Seine Worte waren genauso falsch und unaufrichtig wie sein Lächeln.

Gavin biss die Zähne zusammen und erwiderte: „Ja, wenn es fertig ist, wird es mal sehr schön aussehen. So etwas braucht Zeit.“

„Und Geld“, fügte Holden hinzu.

Gavin gefiel die Anspielung überhaupt nicht, aber er beherrschte sich und zuckte nur mit den Achseln. „Das ist das geringere Problem.“

Laurens Mann sagte nichts dazu, stattdessen musterte er Gavins Kleidung kurz und warf dann einen Blick zu dem alten Truck hinüber, der in der Einfahrt stand. Gavin wusste genau, was der Mann jetzt dachte. Allerdings würde er sich nicht dazu hinreißen lassen, über Geld zu reden. Seine Finanzen gingen verdammt noch mal niemanden etwas an.

Lauren durchbrach das angespannte Schweigen. „Mein Cottage ist hinter dem Haus.“ Sie lächelte Gavin an. „Vielen Dank noch mal.“

Er nickte nur. „Kein Problem. Ich bringe die Farbe und die anderen Utensilien später vorbei.“

„Okay. Wunderbar.“

Autor

Melissa Mc Clone
Melissa war schon immer ein Fan von Märchen und Geschichten mit Happy End. Doch bis ihre Englischlehrerin Liebesromane im Unterricht thematisierte, hatte sie das Genre noch nicht für sich entdeckt. Aber danach hatte sie eine neue Leidenschaft. Überflüssig zu sagen, dass sie ihrer Lehrerin auf ewig dafür dankbar ist. Nach...
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