Julia Saison Band 32

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VERRÄTERISCHES VERLANGEN von GRAHAM, LYNNE
Aristandros schwört: Ella wird dafür büßen, dass sie ihn verlassen hat. Mit ihrer kleinen Nichte als Druckmittel lockt der Tycoon sie nach Griechenland. Hier soll Ella seine Geliebte sein, bis er genug von ihr hat. Doch Aristandros‘ verräterisches Herz durchkreuzt seine Pläne!

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  • Erscheinungstag 08.07.2016
  • Bandnummer 32
  • ISBN / Artikelnummer 9783733707477
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lynne Graham, Robyn Donald, Maureen Child

JULIA SAISON BAND 32

PROLOG

„Ein bezauberndes Kind.“ Drakon Xenakis stand am Fenster und sah dem kleinen Mädchen zu, das im Garten der Villa seines Enkelsohnes spielte. „Sie erinnert mich an jemanden, ich weiß nur nicht, an wen.“

Weder Aristandros’ markantes Gesicht noch seine dunklen Augen verrieten etwas. Er hatte die Ähnlichkeit auf den ersten Blick zuordnen können. Dieses helle, fast silberne Haar, die himmelblauen Augen und der rosige volle Mund waren so typisch, dass man es nicht übersehen konnte. Ja, das Schicksal hatte ihm da eine mächtige Waffe in die Hände gespielt, und er hatte nicht die geringsten Skrupel, sie auch einzusetzen, um zu bekommen, was er wollte.

Von seinem Gewissen ließ Aristandros sich keine schlaflosen Nächte bereiten. Niederlagen oder Trostpreise waren nun einmal nicht akzeptabel. Ohne Zweifel würde er triumphieren. Wer gewinnen wollte, musste auch meist die Regeln umgehen.

„Ein kleines Mädchen braucht seine Mutter“, fuhr Drakon fort. Trotz seiner zweiundachtzig Jahre war er noch immer eine imposante Erscheinung. „Du jedoch hast dich spezialisiert auf …“

„Schönheiten und Models“, warf Aristandros ein, bevor sein Großvater einen sehr viel abwertenderen Ausdruck für die Frauen nutzte, die ihn in seinem Schlafzimmer unterhielten. „Timon hat seine Tochter in meine Obhut gegeben, damit ich sie aufziehe, und ich habe die feste Absicht, mich dieser Herausforderung zu stellen.“

„Timon war dein Cousin und Spielkamerad aus Kindertagen, nicht dein Bruder“, bemerkte Drakon besorgt. „Bist du willens, die Partys und die endlose Folge schöner Frauen für ein Kind aufzugeben, das nicht dein eigenes ist?“

„Ich habe fähiges und absolut zuverlässiges Personal. Ich denke nicht, dass Calliope mein Leben nachhaltig verändern wird.“ Aristandros hatte noch nie etwas für jemanden aufgegeben, er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er es jemals tun würde. Doch auch wenn er nicht einer Meinung mit seinem Großvater war, so respektierte er dessen Ansichten und Rat.

Nur wenige Männer hatten das Recht, so offen mit Aristandros zu sprechen wie Drakon Xenakis, vor allem, wenn es um die Verantwortung gegenüber der Familie ging. Schon seit Langem bedeutete dieser Familienname praktisch ein Synonym für Disharmonie und explosive Eklats. Drakon gab sich allein die Schuld, dass seine Kinder ihr Leben mit ihren Blitzheiraten, Affären und Drogenskandalen ruiniert hatten. Aristandros’ Vater war der Schlimmste von allen gewesen, und die Mutter, die Erbin einer ebenfalls wohlhabenden Reederfamilie, hatte ihrem Ehemann hinsichtlich Labilität und Leichtfertigkeit in nichts nachgestanden.

„Du unterschätzt die Verantwortung, die du da übernimmst. Ein Kind, das beide Eltern verloren hat, benötigt besondere Fürsorge. Du bist ein Workaholic, genau wie ich es war. Wir sind großartig darin, Geld zu machen, aber wir sind keine guten Väter“, stellte Drakon klar. „Du brauchst eine Ehefrau, die zudem bereit ist, Callie eine Mutter zu sein.“

„Eine Heirat ist nicht unbedingt mein Stil“, erwiderte Aristandros nüchtern.

„Der Vorfall, an den du jetzt denkst, passierte, als du fünfundzwanzig warst.“ Drakon konnte mitverfolgen, wie sich die Miene seines Enkels bei der wenig taktvollen Erinnerung verschloss.

„Das war nichts als eine kurzfristige Verwirrung, von der ich mich sehr bald erholt hatte“, behauptete Aristandros mit einem gleichgültigen Achselzucken.

Dennoch überrollte ihn die vertraute Welle des bitteren Zornes. Ella. Er musste nur an ihren Namen denken, und schon loderte diese Wut in ihm auf. Vor sieben Jahren hatte er Rache gegenüber der Frau geschworen, die er damals gewollt hatte und noch immer nicht vergessen konnte. Rache für das, was sie ihm angetan hatte. Die Verlobung, zu der es nie gekommen war … Eine absolut undenkbare Zurückweisung. Aber hatte Ella ihm nicht eigentlich sogar einen Gefallen getan? Die Enttäuschung und das Gefühl von Erniedrigung hatten Ari gelehrt, nie wieder seine Wachsamkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht aufzugeben. Er hatte sich darauf konzentriert, die Früchte seines sagenhaften Reichtums zu genießen, und war ständig erfolgreicher, unnachgiebiger und ehrgeiziger geworden.

Sein kometenhafter Aufstieg hatte ihn zu einem Mann gemacht, der in der Geschäftswelt gefürchtet und beneidet wurde. Die Offenheit seines Großvaters war eine Erfahrung, die Ari nur selten machte. Niemand wagte es, sich ihm entgegenzustellen. Auch Ella würde schon bald ihre noblen Prinzipien aufgeben und nach seiner Pfeife tanzen müssen. Er freute sich bereits darauf. Er fieberte dem Moment entgegen, wenn ihr klar wurde, dass er hatte, was sie am meisten wollte.

Die Rache würde süßer schmecken als himmlische Ambrosia.

1. KAPITEL

Ella saß reglos wie eine Statue in der modernen Wartezone.

Mit ihren Gedanken beschäftigt, bemerkte sie die bewundernden Blicke nicht, mit denen die Männer sie bedachten, wenn sie an ihr vorbeiliefen. Nun, sie hatte inzwischen längst gelernt, das unwillkommene männliche Interesse, das ihr Äußeres erweckte, zu ignorieren. Ihr silberblondes Haar, das strahlende Blau ihrer Augen und ihre Figur zogen unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich.

„Dr. Smithson?“ Die Sekretärin sah zu ihr herüber. „Sie können jetzt zu Mr. Barnes hineingehen.“

Ella erhob sich. Hinter ihrer äußeren Ruhe verbarg sich eine unglaubliche Wut über die Ungerechtigkeit. Ihre Gebete waren nicht erhört worden, der gesunde Menschenverstand wurde weiterhin komplett ignoriert. Sie fasste noch immer nicht, wie ihr eigen Fleisch und Blut sie in eine solch unmögliche Lage bringen konnte. Wann würde ihre Familie endlich einsehen, dass der Preis, den sie vor sieben Jahren gezahlt hatte, hoch genug gewesen war? Inzwischen glaubte sie, dass die ganze Angelegenheit frühestens mit ihrem Tod zur Ruhe kommen würde.

Mr. Barnes, der Anwalt, den sie vor zwei Wochen zum ersten Mal aufgesucht hatte, begrüßte sie mit Handschlag, dann bedeutete ihr der große, hagere Mann, der als Kapazität in komplizierten Sorgerechtsfragen galt, Platz zu nehmen.

„Ich habe mich mit anderen Experten auf diesem Fachgebiet beratschlagt, und ich fürchte, ich kann Ihnen nicht das Ergebnis mitteilen, das Sie hören wollen“, kam er sofort zum Wesentlichen. „Als Sie Ihrer Schwester Ihre Eizellen spendeten, haben Sie auch einen Vertrag unterzeichnet, in dem Sie auf jegliche Rechte hinsichtlich eines zukünftig geborenen Kindes verzichten.“

„Das ist mir klar“, entgegnete Ella sofort. „Aber jetzt, da meine Schwester und ihr Mann nicht mehr leben, ist die Situation doch eine völlig andere.“

„Nun, aber sie hat sich nicht unbedingt zu Ihrem Vorteil verändert. Zwar sind Sie die biologische Mutter, aber das bedeutet nicht automatisch, dass Sie das Sorgerecht einfordern können. Vor allem, da Sie keinerlei Kontakt zu dem kleinen Mädchen gehalten haben.“

„Ich weiß.“ Die Anspannung und ein plötzliches seltsames Schuldgefühl ließen Ella erblassen. Noch immer fiel es ihr schwer, damit umzugehen, dass ihre Schwester Susie sie nach der Geburt des Babys komplett aus ihrem Leben verbannt hatte. Nicht einmal ein Foto von der Kleinen hatte Ella bekommen, geschweige denn die Möglichkeit zu besuchen. „Aber vom rechtlichen Standpunkt her gesehen bin ich immer noch Callies Tante.“

„Richtig. Nur werden Sie nicht als möglicher Vormund im Testament Ihrer Schwester und Ihres Schwagers erwähnt“, erinnerte der Anwalt sie nüchtern. „Dafür jedoch Aristandros Xenakis. Sie dürfen nicht vergessen, dass er und das Kind ebenfalls familiär verbunden sind.“

„Mein Gott!“ Die mühsam kontrollierte Selbstbeherrschung begann zu bröckeln. „Aristandros ist nur ein Cousin ihres Vaters und nicht ihr Onkel!“

„Ein Cousin und lebenslanger Freund, der seine Zustimmung zur Übernahme der Vormundschaft lange vor dem tödlichen Unfall der Eltern schriftlich hinterlegt hat. Ich brauche Sie wohl nicht gesondert darauf hinzuweisen, dass er ein extrem einflussreicher und mächtiger Mann ist. Und das Kind besitzt ebenfalls die griechische Staatsbürgerschaft, so wie er.“

„Aber er ist auch ein Junggeselle mit einem allgemein bekannten, berüchtigten Ruf!“, protestierte Ella hitzig. „Wohl kaum die passende Vaterfigur für ein kleines Mädchen!“

„Sie begeben sich da auf gefährlich dünnes Eis, Dr. Smithson. Auch Sie sind ledig, und jedes Gericht würde sofort die Frage stellen, warum Ihre Familie in dieser Angelegenheit nicht hinter Ihnen steht.“

Die Erinnerung daran, dass sie in diesem Kampf keinerlei Unterstützung hatte, trieb Ella die Röte ins Gesicht. „Meine Familie wird nichts unternehmen, was Aristandros Xenakis provozieren könnte. Mein Stiefvater und meine beiden Stiefbrüder sind geschäftlich auf ihn angewiesen.“

Der Anwalt stieß leise die Luft aus. Es klang endgültig. „Meiner professionellen Meinung nach bietet Ihnen die rechtliche Sachlage keine Aussicht auf Erfolg, sollte es zu einem Sorgerechtsprozess kommen. Unter diesen Umständen wäre es vielleicht das Klügste, wenn Sie sich persönlich an Aristandros Xenakis wenden. Erklären Sie ihm die Situation und bitten Sie ihn, Ihnen aufgrund der Fakten regelmäßigen Kontakt zu dem Kind zu erlauben“, lautete Simon Barnes’ Rat.

Bei diesem Ratschlag überlief Ella ein eiskalter Schauder. Callie war bei Aristandros. Aristandros, der sie, Ella, verachtete. Welche Chance hatte sie da schon, Verständnis bei ihm zu wecken?

„Eines Tages wirst du dafür bezahlen“, hatte er ihr vor sieben Jahren angedroht. Da war sie einundzwanzig gewesen und mitten im Medizinstudium.

„Bitte, versuch doch zu verstehen“, hatte sie ihn angefleht.

„Nein, du wirst verstehen, was du mir angetan hast.“ Mit dunklen Augen, kalt wie Eiskristalle, hatte Aristandros sie angefunkelt. „Ich habe dich ehrenvoll und mit Respekt behandelt. Und als Gegenleistung bringst du Schande über mich und meine Familie.“

Ella hatte eine Gänsehaut, als sie die Anwaltskanzlei verließ und zu dem großzügigen Loft zurückfuhr, das sie erst kürzlich zusammen mit ihrer Freundin Lily gekauft hatte. Lily praktizierte als Chirurgin. Sie war noch in der Klinik, als Ella zu Hause ankam. Sie und Lily hatten sich während des Studiums kennengelernt und waren zu guten Freundinnen geworden. Eingespannt und überfordert wie jeder junge Arzt, hatte Ella bisher noch nicht die Zeit gefunden, ihrem Zimmer ihre persönliche Note zu verleihen, doch ein Klavier in der Ecke des großen Raumes und ein Stapel Bücher neben dem Bett ließen erkennen, womit sie sich während ihrer knapp bemessenen Freizeit beschäftigte.

Bevor der Mut sie verließ, rief sie in der Zentrale von Xenakis Shipping an und bat um einen Termin bei Aristandros. Der Angestellte versprach, sie zurückzurufen, und Ella wusste, dass sie jetzt überprüft werden würde, schließlich war sie kein Geschäftskunde. Ob er einem Treffen überhaupt zustimmen würde? Vielleicht aus reiner Neugier … Ihr Magen zog sich zusammen bei der Vorstellung, ihn wiederzusehen.

Sie konnte sich selbst kaum an die junge Frau erinnern, deren Herz vor sieben Jahren zerbrochen war. Unerfahren und naiv, war sie verletzlicher gewesen, als sie geglaubt hatte. Ihr festes Vertrauen in sich selbst hatte sie damals die Entscheidung fällen lassen, doch wie sich herausstellte, war es viel schwieriger als erwartet, dann auch damit zu leben. Sie hatte nie wieder einen Mann getroffen, der sie wirklich interessierte, auch wenn sie damals davon ausgegangen war.

Ob das mit ein Grund gewesen war, weshalb sie zugestimmt hatte, ihrer Schwester die eigenen Eizellen zu spenden? Susie war zwei Jahre älter als sie gewesen, hatte jedoch schon mit zwanzig ein viel zu frühes Klimakterium durchlaufen, und ihre einzige Hoffnung auf eine Schwangerschaft waren Spenderzellen. Susie war damals extra von Griechenland nach London geflogen, um ihre Schwester um Hilfe zu bitten. Ella war zutiefst gerührt gewesen, dass ihre Schwester sich an sie wandte, hatte Susie doch bis dahin die gleiche kritische Distanz zu Ella gewahrt wie der Rest der Familie. Es war ein gutes Gefühl gewesen, gebraucht zu werden, und ein noch besseres, von Susie zu hören, dass es ihr viel mehr bedeuten würde, wenn ein Baby aus den Eizellen der Schwester als aus denen einer unbekannten Spenderin geboren werden würde. Natürlich bestand dann auch die Chance, dass das Kind eine viel größere Ähnlichkeit mit Susie haben würde.

Ella hatte sofort ihre Zustimmung gegeben, es wäre undenkbar für sie gewesen, es nicht zu tun. Susie hatte Aris Cousin Timon geheiratet, und die beiden führten eine gute Ehe. Ella war fest davon überzeugt, dass ein Kind in dieser Beziehung glücklich und sicher aufwachsen würde. Während der umfangreichen Untersuchungen zur Vorbereitung des medizinischen Eingriffs wurde sie auch psychologisch darauf vorbereitet, die Dokumente zu unterzeichnen, mit denen sie auf jegliche Ansprüche verzichtete, sollte aus ihren Eizellen ein Kind geboren werden.

„Du hast das alles nicht zu Ende durchdacht“, hatte Lily damals versucht, auf sie einzuwirken. „Das Ganze wird nicht so reibungslos ablaufen, wie du dir das vorstellst. Was ist mit möglichen emotionalen Nachwehen bei dir? Du bist die biologische Mutter, aber du hast keine Rechte hinsichtlich deines Kindes. Wirst du deine Schwester beneiden, weil sie dein Kind großzieht?“

Doch Ella hatte sich sämtlichen kritischen Anmerkungen verschlossen. Für sie stand fest, dass die Spende ihrer Eizellen alle Beteiligten glücklich machen würde. Susie hatte so oft davon geschwärmt, was für eine großartige Tante Ella dem Baby sein würde.

Aber dann kam Callies Geburt und mit ihr der Schock für Ella. Susie wollte nichts mehr mit ihrer Schwester zu tun haben. Sie rief Ella noch vom Krankenhaus aus an, um ihr zu sagen, dass sie nicht zu Besuch kommen und die neue kleine Familie in Ruhe lassen solle.

Ella war maßlos verletzt gewesen, doch sie versuchte zu verstehen, dass Susie sich durch die Umstände bedroht fühlen musste. Sie schrieb der Schwester, mehrere Male sogar, um ihr erneut zu versichern, dass sie keinerlei Ansprüche auf Callie stellen würde, doch sie erhielt nie eine Antwort auf ihre Briefe. Verzweifelt über die tiefe Kluft, die sich aufgetan hatte, war Ella an Timon herangetreten, als dieser geschäftlich in London zu tun hatte. Zerknirscht hatte ihr Schwager eingestanden, dass seine Frau innerlich aufgefressen wurde von der Tatsache, welche Rolle Ella bei der Empfängnis ihrer Tochter gespielt hatte. Ella hatte darauf gehofft, dass sich Susies Unsicherheit mit der Zeit legen und somit ein Neuanfang möglich würde, doch siebzehn Monate nach Callies Geburt verunglückte das junge Ehepaar tödlich bei einem Autounfall. Und um das Ganze noch schrecklicher zu machen, erfuhr Ella erst zwei Wochen danach von der Tragödie, sodass sie nicht einmal zur Beerdigung hatte gehen können.

Als sie dann schließlich wusste, dass ihre einzige Schwester tot war, fühlte Ella sich schrecklich allein – nicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihr Vater war kurz nach ihrer Geburt verstorben, sie hatte ihn nie kennengelernt. Sechs Jahre später heiratete ihre Mutter Jane Theo Sardelos. Mit ihrem Stiefvater war Ella nie sonderlich gut zurechtgekommen. Theo, ein griechischer Geschäftsmann, zog es vor, wenn man Frauen sah, aber nicht hörte, und wütend hatte er Ella den Rücken gekehrt, als sie sich weigerte, Aristandros Xenakis zu heiraten. Die zartbesaitete Jane hatte nie die Energie besessen, sich ihrem despotischen Ehemann zu widersetzen, also hätte es auch gar keinen Sinn gehabt, dass Ella sich an ihre Mutter um Hilfe wandte. Die Zwillinge, Ellas Halbbrüder, hatten für den Vater Partei ergriffen, und Susie hatte sich immer strikt geweigert, sich mit in die Diskussion hineinziehen zu lassen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, setzte Ella sich jetzt an das Klavier und stellte den Deckel auf. Wann immer die Emotionen in ihr die Oberhand zu gewinnen drohten, wandte sie sich der Musik zu, um ihre innere Ruhe wiederzufinden. Sie hatte gerade die ersten Akkorde einer Etüde von Liszt angeschlagen, als das Telefon klingelte.

Sie stand auf, nahm den Hörer zur Hand und verharrte regungslos, als ihr klar wurde, dass dies der versprochene Rückruf aus der Xenakis-Zentrale war. Ein persönlicher Mitarbeiter von Aristandros teilte ihr mit, dass sie nächste Woche bitte nach Southampton reisen solle, um Mr. Xenakis an Bord seiner Jacht Hellenic Lady zu treffen. Ella war so erleichtert, dass Ari tatsächlich einem Treffen mit ihr zugestimmt hatte, dass sie nicht den geringsten Einwand erhob.

Doch als Lily aus der Klinik nach Hause kam, machte sie Ella sehr schnell klar, was diese im Begriff stand zu tun.

„Wozu soll das gut sein, dass du dich dem aussetzt?“ Ihr sonst immer so lebhaftes und freundliches Gesicht, umrahmt von braunen Locken, wirkte ungewöhnlich ernst.

„Ich möchte einfach nur Callie sehen“, behauptete Ella.

„Oh, hör doch auf, dich selbst zu belügen. Du willst ihre Mutter sein, und wie hoch, meinst du, sind die Chancen dafür, dass Aristandros Xenakis dem zustimmt?“

„Und warum sollte er nicht? Mit einem achtzehn Monate alten Kleinkind kann man schlecht auf ausschweifende Partys gehen“, konterte Ella hitzig.

„Er wird Leute einstellen, die sich um sie kümmern. Schließlich ist er reich wie der sagenhafte Krösus. Alles, was er anfasst, wird zu Geld“, erinnerte Lily die Freundin. „Das Erste, was er dich fragen wird, ist, was dich die ganze Sache überhaupt angeht.“

Ella wurde blass. Der Zweckoptimismus hatte sie einige Realitäten übersehen lassen. „Jemand muss aber Callies Interessen vertreten.“

„Natürlich, und wer hätte mehr recht dazu als ihre Eltern? Und die haben ihn als Vormund bestimmt. Willst du jetzt deren Entscheidung infrage stellen?“ Lily biss sich auf die Lippe. „Entschuldige, ich spiele hier des Teufels Advokat.“

„Susie hat sich vom Reichtum der Xenakis-Familie beeindrucken lassen“, hielt Ella dagegen. „Aber Geld sollte niemals ausschlaggebend sein, wenn es darum geht, ein Kind aufzuziehen.“

„Das ist ja ein Kreuzfahrtschiff!“

Der Taxifahrer, der Ella zum Hafen brachte, starrte aus dem Wagenfenster auf die große, leuchtend weiße Jacht, die Hellenic Lady.

„Ja, riesig“, stimmte Ella atemlos zu. Sie zahlte für die Fahrt und stieg aus. Ihre Handflächen waren feucht vor Nervosität, sie wischte sie unauffällig an dem eleganten Hosenanzug ab, den sie für das Treffen gewählt hatte.

Ein junger Mann kam auf sie zu. „Dr. Smithson?“ Mit nur mühsam kaschierter Neugier musterte er sie. „Ich heiße Philip und arbeite für Mr. Xenakis. Bitte, kommen Sie doch mit.“

Philip war mitteilsam wie ein Reiseleiter, als er Ella an Bord der Luxusjacht führte, zählte Fakten über die Hellenic Lady auf und vergaß auch nicht, den Hubschrauber und das Mini-U-Boot zu erwähnen, die an Bord zur Verfügung standen. Die Mitglieder der Crew, an denen sie vorbeikamen, grüßten freundlich. Trotzig weigerte Ella sich, beeindruckt zu sein. Doch ihr stand der Mund offen, als Philip sie in die Lounge an Deck führte. Die Größe, die luxuriöse Eleganz und der Blick aus den Panoramafenstern waren atemberaubend.

„Mr. Xenakis wird in wenigen Minuten bei Ihnen sein.“ Philip führte sie weiter zu einer schattigen Sitzecke auf dem Oberdeck mit wunderschönen Korbmöbeln.

Ella versuchte sich zu entspannen und nahm in einem der Sessel Platz. Ein Steward bot ihr eine Erfrischung an, und sie bat um eine Tasse Tee. Dann hatte sie auch etwas, womit sie ihre zitternden Finger beschäftigen konnte. Unerwünschte Erinnerungen drängten sich ihr auf, die sie jetzt am wenigsten gebrauchen konnte. Erinnerungen, wie sie sich damals Hals über Kopf in Aristandros Xenakis verliebt hatte. Sie hatte Weihnachten mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in Griechenland verbracht und innerhalb eines kurzen stürmischen Monats ihr Herz verloren.

Was sicherlich kein Wunder war. Aristandros hatte schließlich alles – er sah umwerfend gut aus, war intelligent und besaß Geld im Überfluss. Ella dagegen war ein Bücherwurm gewesen, voll auf ihr Studium konzentriert, während die gleichaltrigen Mädchen auf Partys gingen und ihre Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammelten. Doch innerhalb weniger Tage hatte sie alle Vernunft in den Wind geschlagen und nur noch für Aris Stimme und seine Blicke gelebt. Nichts anderes mehr war wichtig gewesen, nicht die Warnungen ihrer Familie wegen seines berüchtigten Rufs, auch nicht ihr Studium, für das sie bisher alles gegeben hatte. Und dann, im unpassendsten Moment überhaupt, hatte ihr Verstand wieder eingesetzt, und ihr war klar geworden, wie dumm es war, sich eine rosige Zukunft mit einem Mann auszumalen, der von ihr erwartete, dass ihre ganze Welt sich nur um ihn zu drehen hatte.

Ihr Tee wurde serviert, und als sie aufschaute, sah sie Aristandros keine zehn Meter entfernt vor sich stehen. Ihr Magen zog sich zusammen, der Atem stockte ihr. In einem schwarzen, maßgeschneiderten Designeranzug, mit seinem dunklen Haar und den dunklen Augen, die in der Sonne golden funkelten, war er ein atemberaubend attraktiver Mann. Mit der Geschmeidigkeit eines Raubtieres kam er auf sie zu, und sofort wurde Ella eine andere, unerwünschte und höchst peinliche Reaktion ihres Körpers bewusst – Hitze floss in ihrem Schoß zusammen, ihre Wangen begannen zu brennen.

„Ella“, murmelte Aristandros, als sie zur Begrüßung aufstand. Er musterte sie – die blauen Augen, die rosigen, einladenden Lippen, das streng zurückgebundene helle Haar. Sie war eine schöne Frau, die ihre Wirkung jedoch nie bewusst einsetzte. Ihr völliger Mangel an Eitelkeit war das Erste, was ihm an ihr aufgefallen war. Er hatte sie dafür bewundert.

Er griff nach ihrer Hand, und der unerwartete Körperkontakt überrumpelte Ella. Ihr Herz begann heftig zu pochen, unterminierte ihren festen Vorsatz, kühl und gelassen zu wirken. Sie nahm Aris Duft wahr, und ihre Nervenenden vibrierten. Scham und Entsetzen über die eigene Reaktion nagten an ihr.

„Ich danke dir, dass du einem Treffen zugestimmt hast“, brachte sie hastig hervor.

„Bescheidenheit steht dir nicht, Ella“, erwiderte er betont nüchtern.

„Ich wollte nur höflich sein!“, fauchte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte.

„Du bist nervös.“ Sein Blick glitt abschätzend von ihren vollen Lippen hinunter an ihrer Figur entlang, um schließlich kurz an den festen Rundungen, die sich unter der weißen Baumwollbluse abzeichneten, hängen zu bleiben. Er würde Ella in Seide kleiden, in Spitze und Satin … Allein bei dem Gedanken meldete sich ein Ziehen in seinen Lenden.

Ella bemerkte das Funkeln in seinen Augen. Sie zog ihre Hand zurück und versuchte abzulenken. „Eine schöne Jacht. Sie gefällt mir.“

Aristandros lächelte dünn. „Nein, tut sie nicht. Für dich ist sie nur ein weiterer Beleg meines verachtungswürdigen Konsumverhaltens. Deiner Ansicht nach hätte ich mit dem Geld in Afrika Brunnen graben lassen sollen.“

Sie lief bis in die Haarspitzen rot an. „Mit einundzwanzig war ich schrecklich dogmatisch, nicht wahr? Heute bin ich nicht mehr so engstirnig.“

„Die Xenakis-Stiftung, die ich eingerichtet habe, unterstützt inzwischen viele Wohltätigkeitsorganisationen. Heute wäre ich deiner Anerkennung wohl wert.“

Dieses Treffen lief beleibe nicht wie erhofft. Jedes Wort von ihm war eine Anspielung auf die Vergangenheit, die Ella lieber begraben gelassen hätte. „Wir haben uns vermutlich beide verändert.“

Aristandros neigte nur den Kopf zur Seite, weder bestritt er es, noch stimmte er zu. Stattdessen forderte er sie auf, wieder Platz zu nehmen. Kaffee wurde für ihn serviert. „Ich war überrascht, dich nicht bei der Beerdigung deiner Schwester zu sehen“, hob er an.

Ella setzte ihre Teetasse heftiger als nötig ab. „Ich habe erst später von dem Unfall erfahren.“

Er zog perplex die Augenbrauen hoch. „Deine Familie hat dich nicht informiert?“

„Niemand aus dem engsten Kreis, nein. Die Schwester meiner Mutter erwähnte es beiläufig, aber da war es bereits zu spät – eine unangenehme Situation, sie hatte angenommen, ich wüsste davon. Es war ein Schock für mich, es auf diese Weise zu erfahren. Timon und Susie waren doch so jung. Es ist ein schrecklicher Verlust, vor allem für ihre Tochter.“

„Und jetzt machst du dir Sorgen um Calliope?“, fragte er mit ernster Miene.

„Ich bin sicher, beide Familien sind um die Kleine besorgt.“

Er lachte hart auf. „Hat der Umgang mit deinen Patienten dich Taktgefühl gelehrt? Ich bezweifle, dass irgendjemand sich so viele Gedanken macht, wie du es zu tun scheinst.“

„Da gibt es allerdings etwas in Bezug auf Callie, das einer dringenden Erklärung bedarf …“

„Ich weiß längst, dass du ihre biologische Mutter bist, Timon hat es mir erzählt.“ Verächtliche Geringschätzung lag in der samtenen Stimme. „Um ehrlich zu sein, es hat mich überrascht. Schließlich wolltest du nie Kinder haben.“

„Mit einundzwanzig wollte ich das auch nicht, und da ich lediglich meine Eizellen gespendet habe, sah ich Callie auch nicht als mein Kind an, als sie geboren wurde. Sie war Susies und Timons Tochter.“

„Wie selbstlos von dir“, murmelte er tonlos. „Und doch bist du hier.“

„Ja. Ich würde meine Nichte gerne kennenlernen.“

„Deshalb hast du den ganzen Weg auf dich genommen? Nur um sie einmal zu sehen und dann wieder abzureisen?“, hakte er ungläubig nach. „Mehr nicht?“

Was sollte sie darauf antworten? Ella hatte Angst davor, ihm zu eröffnen, wie sehnsüchtig sie sich wünschte, eine größere Rolle in Callies Leben zu spielen. Aber sie würde auch nicht den Fehler machen, ihn anzulügen. „Ich denke, du weißt, dass ich mir mehr erhoffe.“

„Ob das in Callies Interesse wäre? Und wie sehr wünschst du dir diesen Zugang zu dem Kind?“, erkundigte er sich lauernd.

Ella sog scharf die Luft ein. „Ich glaube, ich habe mir bisher noch nichts so sehr gewünscht.“

Sein harsches Auflachen ließ Ella zurückzucken. „Sie hätte unser Kind sein können. Stattdessen ermöglichst du es meinem Cousin und besten Freund, Vater eines kleinen Mädchens zu werden, das deine Gene in sich trägt. Hast du jemals daran gedacht, dass ich das extrem beleidigend finden könnte?“

Ella wurde blass, nur mit Mühe wahrte sie Haltung. „Nein, dieser Gedanke ist mir nie gekommen. Und ich kann nur hoffen, dass du heute, da du nun Callies Vormund bist, nicht mehr so darüber denkst.“

„Ich bin darüber hinweg. Ich bin nicht der sentimentale Typ, und ich halte grundsätzlich niemandem seine Abstammung vor“, stellte er harsch klar. „Für mich ist nur wichtig zu wissen, wie weit du gehen wirst, um das zu bekommen, was du willst. Wie viel bist du bereit zu opfern?“

Was redete er da von Opfern? „Soll das heißen, du würdest mir einen dauerhaften Zugang zu meiner Nichte gewähren?“

Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen. „Wenn du mir ein wenig entgegenkommst, dann gibt es keine Einschränkungen, glikia mou.“

2. KAPITEL

Aristandros’ Lächeln jagte Ella einen Schauder über den Rücken. Sie hatte nicht vergessen, wem sie sich hier gegenübersah: einem mächtigen Mann, dessen ausgeprägtem Ego sie vor Jahren einen bösen Schlag versetzt hatte, wenn auch unabsichtlich. Das jetzige Gespräch mit ihm verlief in einer Art und Weise, die sie nicht einschätzen konnte.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau du damit meinst.“ Aus ihren himmelblauen Augen warf sie ihm einen fragenden Blick zu.

„Du bist doch alles andere als dumm“, konterte Aristandros gelassen und fuhr dann fort: „Du siehst Callie nur, wenn du auf meine Bedingungen eingehst.“

Ella stand auf und stellte sich an die Reling. Die frische Brise kühlte ihre erhitzten Wangen. „Das weiß ich. Hätte ich das nicht schon akzeptiert, wäre ich nicht hergekommen.“

„Es sind harte Bedingungen“, sagte er offen heraus. „Du willst Callie, ich will dich, und Callie braucht eine weibliche Bezugsperson. Das heißt, wir sollten ein Arrangement finden, in dem jeder bekommt, was er will.“

Ich will dich. Das waren mehr oder weniger die einzigen Worte, die Ella von seiner kurzen Rede wahrgenommen hatte. Sie war schockiert. Nach sieben Jahren fand er sie noch immer attraktiv? In dem schlichten Hosenanzug, wenn ihre Nerven zum Zerreißen gespannt waren? In ihrer ersten Überraschung hätte sie sich fast umgedreht, um ihm zu sagen, dass er ein Geschenk des Himmels für eine überarbeitete Ärztin wie sie darstellte. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass Aristandros’ Interesse sie nicht zu einer besonderen Frau machte. Die Medien berichteten regelmäßig über sein Liebesleben. Und während seine Fähigkeiten ebenso wie seine Ausdauer im Bett laut Regenbogenpresse angeblich legendär sein sollten, wussten dieselben Klatschblätter auch zu berichten, dass sein Interesse für die jeweils Auserwählte nie lange anhielt. Berühmte Schönheiten, Models und Starlets teilten für kurze Zeit das Leben auf der Überholspur mit ihm, um dann fallen gelassen und durch andere ersetzt zu werden. Aristandros langweilte sich extrem schnell.

Um genau zu sein, er hatte jeden einzelnen Verdacht bestätigt, den Ella vor sieben Jahren gehabt hatte. Seine Beziehungen waren kurzlebig und oberflächlich, und nicht selten gehörte Untreue mit zum Bild. Nichts, was Ella über ihn gelesen hatte, hätte sie je ihre damalige Entscheidung, seinen Heiratsantrag abzuweisen, bereuen lassen. Er hätte ihr das Herz gebrochen und sie zerstört, so wie ihr untreuer Stiefvater ihre Mutter mit seinen außerehelichen Affären zerstört hatte, bis Jane Sardelos schließlich nach über zwanzig Jahren Ehe jegliches Rückgrat und Selbstwertgefühl abhandengekommen waren.

„Du schlägst vor, wenn ich Sex mit dir habe, kann ich Callie sehen?“, fragte Ella, höflich bemüht, ihre Fassungslosigkeit zu verbergen.

„So plump bin ich nun wirklich nicht, glikia mou. Allerdings auch nicht so leicht zufriedenzustellen. Nein, ich möchte dir etwas vorschlagen, was ich bisher keiner Frau angeboten habe. Ich möchte, dass du zu mir ziehst …“

„Ich soll mit dir leben?“, wiederholte sie perplex. Sie konnte es nicht glauben!

„Mit mir leben und reisen, als meine Geliebte. Wie solltest du dich auch sonst um deine Nichte kümmern können, nicht wahr?“ Milde fuhr er fort: „Deiner Arbeit könntest du dann natürlich nicht mehr nachgehen. Das Leben an meiner Seite und die Aufsicht über deine Nichte würden deine gesamte Zeit in Anspruch nehmen.“

„Du hast dich keinen Deut verändert“, stieß sie bebend aus, auch wenn ihr Herz über die Aussicht, sich jeden Tag um Callie kümmern zu können, jubilieren wollte. „Du erwartest noch immer, Priorität vor allem anderen im Leben zu haben.“

Aristandros legte den Kopf zurück, dann ließ er seinen arroganten Blick herausfordernd auf ihr ruhen. „Sicher, warum auch nicht? Ich kenne viele Frauen, die entzückt wären, mich und meine Wünsche zu ihrem Lebenszweck zu machen. Warum sollte ich von dir weniger erwarten?“

„Aber du kannst ein Kind nicht als Druckmittel für eine solche Abmachung nutzen“, erwiderte sie heftig. „Das ist unmoralisch und skrupellos.“

„Ich leide nicht unter moralischen Skrupeln. Ich bin Pragmatiker, und da ich nicht die Absicht habe zu heiraten, um Callie ein intaktes Familienleben zu ermöglichen, biete ich dir an, ihre Ersatzmutter zu sein. Allerdings musst du das Spiel nach meinen Regeln spielen.“

Er stellte ihr das in Aussicht, wonach sie sich am meisten sehnte, doch im Gegenzug forderte er von ihr, all das aufzugeben, wofür sie so hart gearbeitet hatte. Das war Erpressung, und für seine Rache nutzte er eine grausame Waffe.

„Wie sollten wir nach sieben Jahren, ohne uns zu kennen, von jetzt auf gleich zusammenziehen? Und ausgerechnet ich als deine Geliebte?“ Das Wort wollte ihr nur schwer über die Lippen kommen. „Das ist ja lächerlich!“

Aristandros erhob sich und kam zu ihr an die Reling, den Blick aus seinen zusammengekniffenen Augen auf ihre vollen Lippen geheftet. „Für mich ist das kein Problem. Ich finde dich überaus attraktiv.“

„Und das reicht dir? Lust?“, entgegnete sie angewidert.

Er hob die Hand und strich mit einer Fingerspitze an ihrem Kinn entlang. „Halten wir es doch unkompliziert, glikia mou.“ Sie riss den Kopf weg, weil sie seine Berührung nicht ertragen konnte. „Ich will dich jede Nacht in meinem Bett.“

„Niemals!“, stieß sie wütend aus.

„Natürlich kann ich dich nicht zwingen.“ Mit seinem Körper hielt er sie an der Reling gefangen und starrte mit entschlossener Miene in ihr Gesicht. „Aber ich bin ein beharrlicher Mann. Ich habe lange auf diesen Tag gewartet. Viele Frauen würden sich von meinem kontinuierlichen Interesse geschmeichelt fühlen.“

„Lust hat nichts mit Interesse zu tun!“, erwiderte sie voller Verachtung. „Und das alles nur, weil ich vor sieben Jahren Nein zu dir gesagt habe!“

Aristandros stand bedrohlich vor ihr, seine Augen glitzerten. „Ich habe dein Nein akzeptiert, weil ich bereit war, auf dich zu warten. Jetzt bin ich das nicht mehr.“

Schmetterlinge stoben in ihrem Bauch auf, während gleichzeitig die Wut in ihr tobte. „Ich fasse es nicht, dass du so dreist bist, so etwas bei mir zu versuchen!“

Er umschloss ihre geballten Fäuste mit seinen Fingern und beugte den Kopf. Sie spürte seinen warmen Atem an ihrer Schläfe. „Ich versuche alles, wenn ich um etwas kämpfe, koukla mou. Wenn es sich lohnt, bin ich auch bereit, alles zu riskieren, um zu gewinnen. Ich wäre kein echter Xenakis, wenn ich nicht ab und zu nach den Sternen greifen würde.“

Ella war sich seiner Nähe viel zu bewusst, ihr Puls hämmerte, als hätte sie einen Marathon hinter sich. Dann lagen seine Lippen auf ihrem Mund, und er küsste sie mit unwiderstehlicher Meisterschaft. Der Kuss ließ alles aufleben, was sie seit Jahren zu vergessen suchte. Für einen endlosen Moment verlor Ella sich in der Hitze und der sinnlichen Liebkosung durch seine Zunge, ihr Körper geriet außer Kontrolle, reagierte mit all den Anzeichen leidenschaftlicher Erregung. Doch dann wanderten ihre Gedanken zurück zu jener Zeit vor sieben Jahren, und mit einer abrupten Bewegung stieß sie Aristandros von sich.

„Nein.“ Sie schüttelte wild den Kopf, sodass sich ein paar Strähnen aus der Spange lösten, die ihr Haar zusammenhielt.

Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. Er machte sich nicht die Mühe, sein Triumphgefühl zu kaschieren. „Dein Nein hört sich eher wie eine Einladung an“, schalt er sie leise.

„Du kannst mich nicht mit Callie kaufen, und du wirst mich auch nicht in Versuchung führen.“ Während sie die Worte aussprach, schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie die Kraft haben möge, sich auch daran zu halten.

„Dann verlieren wir alle, das Kind wahrscheinlich am meisten. Ich zweifle daran, dass eine andere Frau ihr die aufrichtige Zuneigung entgegenbringen wird, die du für die Kleine hegst. Wenn sie auch sicher alle das Gegenteil behaupten werden“, fügte er noch hinzu.

Seine letzten Worte drangen wie ein Schwert durch ihre Rüstung, bohrten sich ihr tief ins Fleisch. Sich vorzustellen, dass ehrgeizige Goldgräberinnen sich als Mutterersatz für Callie anbiedern würden, nur um den Milliardär zu beeindrucken, drohte Ellas Haltung ins Wanken zu bringen.

„Ich hätte dich nie für so grausam gehalten“, murmelte sie tonlos.

Unbeeindruckt taxierte Aristandros sie mit kaltem Blick. „Es ist deine Wahl.“

„Das ist keine Wahl!“, stieß sie aus.

„Doch, ist es. Und du solltest dankbar dafür sein, auch wenn es vielleicht eine Wahl ist, die dir nicht gefällt“, meinte er harsch. „Ich hätte auch von vornherein ablehnen und ein Treffen mit dir verweigern können.“

Ein Schauer überlief Ella, als sie sich die Tatsachen bewusst machte. Aristandros hatte natürlich recht. Unter den gegebenen Umständen war selbst eine solche Wahl der reine Luxus, denn er konnte ihr jeden Kontakt zu Callie untersagen. Es lag also allein bei ihr, wie es jetzt weiterging.

Unter halb gesenkten Lidern beobachtete sie ihn. Wieso war er noch immer an ihr interessiert? Weil sie eine von den wenigen war, die ihn abgewiesen hatten? Lag das Geheimnis ihrer Faszination darin, dass sie ihm nicht gehört hatte? Und wenn sie jederzeit für ihn verfügbar war, würde ihr Reiz für ihn dann nicht sehr schnell verblassen?

„Nehmen wir mal an, ich würde zustimmen“, hob sie vorsichtig an. „Dein Interesse an mir würde kaum von langer Dauer sein. Und was passiert dann mit Callie? Ich bleibe eine Woche und verschwinde wieder?“

Seine Züge wurden hart. „So wird es nicht sein.“

Sie musste sich auf die Zunge beißen, um ihm ihre Gedanken nicht entgegenzuschreien. So war es doch immer mit ihm und den Frauen – wilde, heiße Affären, die mit rasantem Tempo erloschen. „Was verstehe ich schon von der Rolle der Geliebten? Ich bin kaum der dekorative Typ.“

Lange musterte er sie, dann trat ein amüsiertes Funkeln in seine Augen. „Nun, ich bin flexibel und immer offen für neue Erfahrungen.“

Ella war alles andere als amüsiert. Steif ging sie zu ihrem Stuhl zurück und setzte sich. „Falls ich zustimme, wie sähen die Grundregeln aus?“

„Deine Hauptaufgabe bestände darin, mir zu Gefallen zu sein.“ Aristandros konnte sehen, wie sie die Zähne zusammenbiss. „Natürlich würde es keine anderen Männer in deinem Leben geben. Du würdest jederzeit für mich da sein.“

„Die ständig verfügbare Frau? Das ist eine männliche Fantasievorstellung, Aristandros“, konterte sie trocken. „Mit einer echten Frau in der heutigen Zeit hat das nichts zu tun.“

„Du bist clever genug, um diese Fantasie für mich zu verwirklichen. Wenn du die Energie, die du auf deine Karriere richtest, auf mich verwendest, soll es nicht zu deinem Schaden sein. Gib mir, was ich will, und du wirst alles haben, was du dir erträumst“, versicherte er ihr.

„Callie.“ Der Name enthielt so vieles und wühlte so tiefe Emotionen in Ella auf. Das Kind, das sie noch nie gesehen hatte, das sie aber lieben wollte wie eine Tochter, nicht wie eine Nichte. Aristandros mochte praktisch unbegrenzte Macht über sie beide haben, aber Ella durfte nicht vergessen, dass sie die Chance bekommen würde, Einfluss auf Callies Leben zu nehmen. Sie könnte dem kleinen Mädchen, das seine Eltern verloren hatte, all ihre Liebe schenken.

Ihre Gedanken überschlugen sich, und Ella bekam Kopfschmerzen vor Anspannung. Sie massierte sich die Stirn und atmete tief durch. „Bis wann muss ich mich entscheiden?“

Aristandros warf ihr einen anerkennenden Blick zu. „Entweder jetzt oder nie. Der Deal gilt nur heute.“

„Das ist unmöglich“, begehrte sie auf. „Ich soll meine Karriere von einer Sekunde auf die andere aufgeben? Hast du überhaupt eine Vorstellung, was es mir bedeutet, Ärztin zu sein?!“

„Eine ziemlich gute sogar“, gab er gefährlich leise zurück. „Du hast dich schließlich für den Beruf entschieden und gegen mich.“

„Das war nicht der einzige Grund. Wir hätten uns nur gegenseitig unglücklich gemacht“, erwiderte sie heftig. Die Emotionen brachten ihre Selbstbeherrschung ins Wanken. „Und eines lass dir gesagt sein … Sollte ich zustimmen, dann gilt das mit der Treue für uns beide. Untreue werde ich nicht hinnehmen, in keiner Form!“

Ihre Augen blitzten, hitziges Rot war auf ihre Wangen gezogen, und ihr Anblick erinnerte ihn an die junge leidenschaftliche Frau, die er damals in ihr gesehen hatte. „Dieses Mal bitte ich dich nicht, mich zu heiraten. Und ich werde auch keine Versprechen geben“, entgegnete er herausfordernd. „Ich sollte dich wohl gleich vorwarnen, dass ich niemals das Sorgerecht für Callie abtrete. Timon hat mir seine Tochter anvertraut, und an dieses Vermächtnis werde ich mich halten.“

Mindestens ein Dutzend Erwiderungen lagen Ella auf der Zunge, aber damit würde sie nur einen Streit anzetteln, und so hielt sie sich zurück. Es wäre höchst unklug, Aristandros zu diesem Zeitpunkt herauszufordern. Sie war ziemlich sicher, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, was Kinder brauchten. Er selbst war als Einzelkind bei Eltern aufgewachsen, die weder Zeit noch Interesse für ihn gehabt hatten. Dennoch glaubte sie nicht, dass er je etwas tun würde, das dem Kind Schaden zufügen konnte. Und wenn es ihr gelang, eine tiefe Bindung zu Callie zu schaffen, dann würde er auch erkennen, welchen Schmerz eine Trennung von ihr der Kleinen verursachen würde und Zugeständnisse machen.

„Ella“, drang seine ungeduldige Stimme in ihr Bewusstsein. „Zeit, eine Entscheidung zu treffen, glikia mou.“

Das Bild eines kleinen unbekannten Mädchens im Kopf, sah Ella kühl und gefasst zu Aristandros. Ganz gleich, was sie von ihm und seinen Methoden hielt, er sah umwerfend aus, und das war doch ein Pluspunkt, oder? Aber wie mochte es sein, sich auf eine intime Beziehung mit ihm einzulassen, vor allem, wenn sie auf diesem Gebiet völlig unerfahren war? Nun, es hatte keinen Sinn, sich schon im Voraus deswegen zu sorgen. Damit würde sie sich befassen, wenn es so weit war.

Sie zwang sich, allein an Callie zu denken, und verschloss sich jeder persönlichen Regung – wie verletztem Stolz, empörter Rage und dem Gefühl von Erniedrigung. Wenn sie das Recht erhielt, sich um Callie zu kümmern, würde sie mit allem anderen fertig werden.

„Einverstanden.“ Sie hob würdevoll das Kinn. „Aber du wirst mir genügend Zeit einräumen müssen, damit ich meine Kündigung einreichen kann.“

„Bist du so weit?“ Dr. Alister Marlow steckte den Kopf zur Tür herein, als Ella gerade den vollen Karton von ihrem Schreibtisch hob. Ihr Behandlungszimmer wirkte leer.

„Ja. Das meiste von meinen Sachen habe ich gestern schon ausgeräumt.“ Ella reichte den Karton an ihren Kollegen weiter, der hilfsbereit die Arme ausgestreckt hielt. Ein letztes Mal schaute sie in Schubladen und Schränke.

Der große, gut gebaute blonde Mann musterte sie forschend aus seinen graublauen Augen. „Du siehst müde aus.“

„Es gibt so endlos viel zu organisieren.“ Über den emotionalen Stress ließ Ella kein Wort fallen. Sie musste den Job aufgeben, den sie liebte. All die Jahre, die sie so hart für ihr Ziel gearbeitet hatte … alles umsonst. Sie würde ihre Arbeit und die Kollegen vermissen. Sie würde nicht mehr miterleben, wie es mit ihren Patienten bergauf ging. Sie würde auch nicht erfahren, wie sich die allgemeine Krebsvorsorge entwickeln würde, die sie im Krankenhaus mitorganisiert hatte. Es war alles so schnell gegangen. Nachdem der ihr zustehende Urlaub und die Überstunden verrechnet worden waren, blieben ihr nur noch zwei Wochen bis zu ihrem letzten Arbeitstag.

„Ich bin nicht begeistert, dass du uns verlässt“, sagte Alister auf dem Weg zu ihrem Wagen. „Du warst wertvoll für unser Team. Aber ich bewundere dich für deine Hingabe für deine Nichte. Wir verlieren, aber sie gewinnt. Meld dich ab und zu, Ella.“

Auf dem Nachhauseweg musste sie ständig daran denken, dass das großzügige Loft, das sie mit Lily teilte, bald nicht mehr ihr Zuhause sein würde. Lily zahlte Ella für ihren Anteil an der Wohnung aus. Ella hätte zwar lieber ihre Hälfte behalten, aber es wäre Lily gegenüber nicht fair, die sich nicht nach einer neuen Mitbewohnerin umsehen wollte. Auch wenn sie Ella sofort versichert hatte, dass jederzeit ein Bett für sie bereitstand, sollte sie es brauchen … es war nicht dasselbe wie der eigene Besitz.

Wie lange würde es dauern, bis Aristandros ihrer überdrüssig wurde? Ihre blauen Augen verdüsterten sich, war sie doch überzeugt davon, dass es sich nur um Wochen handeln konnte. Der Reiz des Neuen würde nicht lange halten. Wohin sollte sie dann zurückkehren, ohne Job und ohne Wohnung? Die Summe aus dem Verkauf des Lofts reichte nicht aus, um eine eigene Wohnung zu erstehen, sie würde also wieder etwas mieten müssen. Aber ihr ging es viel mehr darum, was aus Callie werden sollte, wenn Aristandros sie hinauswarf. Ob sie den Kontakt zu dem Mädchen halten konnte? Den Kollegen gegenüber hatte sie nichts von der ihr bevorstehenden intimen Beziehung mit dem griechischen Tycoon erwähnt, hatte nur gesagt, sie wolle der verwaisten Nichte helfen, die in Griechenland lebte.

Lily jedoch blieb misstrauisch. „Ich verstehe das nicht. Willst du Callie wirklich so sehr, dass du bereit bist, alles, was du dir aufgebaut hast, aufzugeben?“ Sie saßen zusammen bei ihrem Abschiedsdinner in einem kleinen Restaurant. „Wenn sich plötzlich Muttergefühle in dir regen, kannst du doch ein eigenes Kind bekommen.“

„Aber ich möchte mit Callie zusammen sein.“

Und mit dem sexuell überaktiven Milliardär?“

Ella schob ihren Teller zurück. „Aristandros ist nun mal ihr Vormund, und somit führt kein Weg an ihm vorbei.“

„Aber du hast eine Schwäche für ihn, oder?“

Ella lachte auf, doch es klang eher brüchig als amüsiert. „Wie kommst du denn darauf?!“

„Nun, vielleicht, weil ich gesehen habe, wie du die Regenbogenpresse verschlungen hast, sobald etwas über ihn in den Klatschspalten stand.“

„Ich war einfach nur neugierig. Schließlich hat meine Schwester in die Familie eingeheiratet“, protestierte Ella.

Die Freundin war alles andere als überzeugt. „Dieses Weihnachtsfest, das du mit deinen Eltern in Griechenland verbracht hast, bevor sie anfingen, dich wie eine Aussätzige zu behandeln … damals hast du ihn kennengelernt, nicht wahr?“

Ella hatte nicht vor, ihr Geheimnis preiszugeben. „Mein Stiefvater hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, mit der superreichen Xenakis-Familie Kontakt zu halten.“ Sie zuckte gespielt gleichgültig mit den Schultern. „Wir müssen uns wohl schon als Kinder getroffen haben, aber ich erinnere mich nicht daran. Er ist vier Jahre älter als ich.“

„Ich habe nur den Eindruck, dass da mehr ist, als du zugeben willst“, meinte Lily nachdenklich. „Manchmal glaube ich sogar, dass dir damals das Herz gebrochen wurde.“

Ella schnaubte abfällig, aber sie musste die Erinnerungen abwehren, die sich ihr aufdrängen wollten. Erinnerungen an die Nächte, in denen sie sich in den Schlaf geweint hatte, an die Tage, wenn nur die Arbeit sie aufrechtgehalten hatte. Die Einsamkeit und das Gefühl von Verlust waren schier unerträglich gewesen, doch sie hatte beides akzeptiert, weil sie wusste, dass sie den Mann, den sie liebte, unmöglich heiraten konnte.

Aber das lag alles in der Vergangenheit. Und schließlich waren sämtliche ihrer Bedenken in Bezug auf Aristandros bestätigt worden, sodass ihr nie Zweifel an der Richtigkeit ihrer damaligen Entscheidung gekommen waren.

Morgen früh um neun würde sie abgeholt werden. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie es danach weitergehen würde. Aristandros hatte sich nicht dazu herabgelassen, ihr mehr zu sagen. Würde sie schon morgen mit Callie zusammenkommen?

In dieser Nacht lag Ella schlaflos im Bett. Die Schatten im Raum gaukelten ihr Bilder vor, Erinnerungen an jenes Weihnachtsfest in Athen, als sie noch mitten im Studium gestanden hatte …

Susie holte Ella vom Flughafen ab. Sie schäumte vor Aufregung und erzählte von dem schicken Nachtklub, in den sie heute zusammen gehen würden.

„Ich habe gerade die Prüfungen hinter mir, ich bin hundemüde, Susie“, wandte Ella ein. „Ich glaube, ich passe heute Abend lieber und gehe früh zu Bett.“

„Kommt ja gar nicht infrage!“, entfuhr es Susie. „Weißt du eigentlich, was ich alles angestellt habe, um eine Special-Guest-Karte für dich zu ergattern? Du kannst mich jetzt nicht versetzen. Ari Xenakis und seine Freunde werden da sein.“

Susie mit ihrem Ehrgeiz, überall in der In-Szene gesehen zu werden und ihren Namen mit den bekanntesten Gesellschaftsgrößen in Verbindung zu bringen, war der Augapfel ihres Stiefvaters. Theo Sardelos setzte voraus, dass Frauen hübsch waren und sich verführerisch gaben. Ellas eher zurückhaltendes Wesen und ihre Abneigung für Glitter und Glamour waren ihm immer suspekt.

Um des lieben Friedens willen begleitete Ella ihre Schwester an diesem Abend also. Der Klub war laut und überfüllt, und in der Gesellschaft von Susie und deren Freundinnen, die sich über nichts anderes unterhielten als Partys und Männer, langweilte Ella sich schon sehr bald. Vor allem der neueste Klatsch über Aristandros Xenakis schien besonders faszinierend zu sein, und auch wenn sich die jungen Frauen über sein Verhalten empörten, stellte Ella erstaunt fest, dass jede Einzelne von ihnen den rechten Arm für eine Verabredung mit ihm hergegeben hätte. Immerhin konnte sie einen Grund für dieses Phänomen erkennen, als man ihr den Mann, der auf der anderen Seite der Tanzfläche stand, zeigte: Er sah wirklich atemberaubend gut aus.

Hätte nicht eine der jungen Frauen mitten im Klub einen epileptischen Anfall bekommen, wäre Ella dem Griechen sicherlich niemals aufgefallen. Während alle aus der Mädchenclique schlagartig auf Distanz zu der unangenehmen Szene gingen und niemand der jungen Frau zur Hilfe kam, kippte Ella deren Handtascheninhalt aus, fand die Medikamente, die Lethia einnehmen musste, und brachte die junge Frau zumindest in eine sichere und stabile Lage.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte jemand auf Englisch.

Ella drehte den Kopf und sah Aristandros neben sich in die Hocke gehen.

„Sie ist Epileptikerin. Sie muss ins Krankenhaus gebracht werden, weil sie schon länger als fünf Minuten bewusstlos ist“, antwortete Ella.

Aristandros behielt trotz der allgemeinen Aufregung einen kühlen Kopf. Er rief einen Notarztwagen und informierte auch Lethias Familie, die bestätigte, dass die Tochter Epileptikerin war.

„Warum hat niemand ihr geholfen?“, wunderte sich Ella, während sie gemeinsam auf die Ankunft der Ambulanz warteten.

„Vermutlich haben alle den Kollaps mit Drogen in Verbindung gebracht, deshalb wollte niemand mit ihr zu tun haben“, erklärte Aristandros.

„Und niemand schien zu wissen, dass sie Epileptikerin ist. Ich nehme an, sie wollte nicht, dass die anderen es herausfinden.“ Ella wandte ihm das Gesicht zu. „Sie haben mich auf Englisch angesprochen. Woher wussten Sie …?“

Seine dunklen Augen funkelten amüsiert, und das Lächeln, mit dem er sie anstrahlte, machte ihr das Atmen schwer. „Ich hatte mich bereits nach Ihnen erkundigt, bevor Lethia zusammenbrach.“

Ella lief prompt rot an, überzeugt davon, dass sie ihm nur aufgefallen sein konnte, weil sie nicht hierher passte. Die anderen Mädchen trugen schrille Designer-Outfits, während sie hier in einem schlichten schwarzen Rock und einer türkisfarbenen Bluse aufgetaucht war. „Warum sind Sie zu mir gekommen?“

„Weil ich kein Auge mehr von Ihnen lassen konnte“, gestand er. „Lethia war nur ein Vorwand.“

„Sie wechseln Ihre Frauen wie andere Leute die Unterwäsche“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich bin nicht interessiert.“ Sie hatte ins Griechische gewechselt, das sie fließend sprach.

„Es gibt nichts Aufregenderes als eine Herausforderung, glikia mou“, gab er heiser zurück und senkte die langen Wimpern über dem vielsagenden goldenen Blick …

3. KAPITEL

Um Punkt neun am nächsten Morgen fuhr die silberne Limousine vor. Ella sah zu, wie ihr Gepäck eingeladen wurde, dann glitt sie auf den Rücksitz. In einem grauen Bleistiftrock mit schlichter Hemdbluse war ihr durchaus bewusst, dass sie der Vorstellung einer typischen Geliebten kaum entsprach, und sie war stolz darauf. Falls Aristandros sich einbildete, er könnte eine nüchterne, intelligente Frau zu seiner heißen Bettgespielin umerziehen, dann sah er sich wohl vor eine jener Herausforderungen gestellt, die er ja angeblich so liebte!

Ella umklammerte den Griff ihrer Handtasche, die sie auf dem Schoß hielt. Sie durfte das Thema Sex nicht überbewerten, natürlich würde sie damit umgehen können. Schließlich wusste sie alles über die männliche Anatomie, auch wenn sie bestimmt nicht die verführerischste aller Frauen war. Bisher hatte Sex in ihrem Leben nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Enthaltsamkeit war ihr lediglich ein einziges Mal schwer gefallen, und das war bei dem Treffen mit Aristandros gewesen. Ihre Wangen begannen zu brennen, als sie an den Kuss auf der Jacht dachte. Der Mann war so glatt, so geschickt. Er wusste genau, welchen Schritt, welche Geste er zu machen hatte. Ella verabscheute es, wenn ihr die Kontrolle entglitt. Aristandros allerdings legte es darauf an, dass genau das passierte. Damit er sich schmeicheln konnte, unwiderstehlich zu sein, inner- und außerhalb des Bettes.

Ella wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Limousine vor einem hohen Gebäude anhielt und der Chauffeur ihr den Wagenschlag öffnete. Nachdem sie ausgestiegen war, fiel ihr Blick auf das diskrete Schild einer bekannten Anwaltskanzlei an der Hausfassade. Am Empfang begrüßte man sie höflich und führte sie sofort weiter in eines der Konferenzzimmer. Als sie eintrat, drehte Aristandros, der beim Fenster stand, sich zu ihr um.

„Warum treffen wir uns hier?“, fragte sie, noch bevor er überhaupt den Mund öffnen konnte. Wie immer sah er atemberaubend aus, jeder Zoll der erfolgreiche Businesstycoon. Doch er war viel mehr als das; eine Aura von Macht und Selbstsicherheit umgab ihn.

Eindringlich musterte er ihre Erscheinung, und was er sah, schien ihm zu gefallen. Männliche Bewunderung flackerte in seinem Blick auf. Sich der peinlichen Reaktion ihres Körpers bewusst, die dieser Ausdruck in ihr hervorrief, schoss Ella das Blut in die Wangen.

„Ich habe von meinen Anwälten einen Vertrag aufsetzen lassen“, teilte er ihr mit. „Ich möchte, dass du ihn unterschreibst. Damit von vornherein alle eventuellen Missverständnisse zwischen uns ausgeräumt werden.“

Ihre Wangen, eben noch hochrot, wurden blasser. „Warum erfahre ich das erst jetzt? Herrje, ich habe bereits gekündigt und meine Wohnung verkauft!“

„Genau.“ Nicht die Spur von Bedauern lag in seiner Stimme.

Plötzlich durchschaute Ella sein Vorgehen. „So hast du es von Anfang an geplant, nicht wahr? Jetzt, da ich alle Brücken hinter mir abgebrochen habe, ist es erheblich wahrscheinlicher, dass ich die Bedingungen akzeptiere, oder?“

„Das ist etwas, das ich besonders an dir schätze, glikia mou – du gibst dich keinerlei Illusionen über mich hin“, spöttelte er. „Du hast mich als den hinterlistigen Mistkerl erkannt, der ich bin.“

Ella bemühte sich angestrengt, die auflodernde Wut unter Kontrolle zu halten. Er hatte ihr von vornherein alle letzten Ausweichmöglichkeiten versperrt. In der Finanzwelt war Aristandros Xenakis berüchtigt für seine manipulative Taktik, es war naiv von ihr gewesen, nicht damit zu rechnen, dass er diese auch bei ihr anwenden würde.

„Du hast mit deinen Anwälten über unsere zukünftige Beziehung gesprochen?“ Allein bei dem Gedanken krümmte sie sich innerlich.

„Ich versuche stets, möglichen Problemen vorzubeugen. Bei einer Frau, die so eigenwillig ist wie du, ist eigentlich immer mit Schwierigkeiten zu rechnen“, gab er trocken zurück.

„Aber du hast damit bekannt gemacht, dass du mich als deine Geliebte hältst!“, schleuderte sie ihm voller Verachtung entgegen.

„Das wird kaum ein Geheimnis bleiben, wenn wir zusammenleben und du ständig mit mir in der Öffentlichkeit gesehen wirst. Ich werde nicht vorgeben, dass du nur das Kindermädchen bist“, sagte er herausfordernd.

Ihre Lungen schmerzten, als sie Luft holte. „Dich interessiert wirklich nicht im Geringsten, wie ich mich dabei fühle, oder?“

„Sollte es das etwa?“ Er hob eine Augenbraue. „Hat es dich vielleicht interessiert, als ich meiner Familie und allen Freunden verkünden musste, dass du mich doch nicht heiratest?“

Die Erwiderung war wie ein Schlag ins Gesicht. Ella wurde erneut blass, als sie sich an jenen schrecklichen Abend vor sieben Jahren erinnerte. „Es tat mir damals sehr leid. Aber es war deine eigene Schuld. Du hast automatisch vorausgesetzt, dass ich mein Studium aufgebe und dich heirate, nur weil ich in dich verliebt war. Es war keine Böswilligkeit von meiner Seite. Auch wenn ich dich nicht heiraten wollte, so habe ich doch tiefe Gefühle für dich gehabt. Ich wollte dich nicht verletzen.“

Verachtung ließ seine Augen fast schwarz werden, und seine Miene wurde hart. „Du hast mich nicht verletzt. So empfindlich bin ich nicht, glikia mou.“

Doch seine Wut und seine Rachegelüste besagten etwas anderes. Aristandros war immer stolz darauf gewesen, dass jeder dachte, alles würde an ihm abperlen. Alle sollten glauben, er sei unerschütterlich. Doch schien es Ella jetzt, dass ihre Zurückweisung ihn mehr verwundet hatte, als sie sich je hätte träumen lassen.

„Wie auch immer“, fuhr sie ihn an. „Das entschuldigt nicht die Tatsache, dass du mit deinen Anwälten über mögliche Probleme in einer intimen Beziehung beratschlagt hast. Ist dir denn nichts heilig?“

„Sex auf jeden Fall nicht“, erwiderte er trocken. „Du musst genau wissen, dass es hier nicht nur um eine Wohngemeinschaft geht. Andererseits bist du aber auch keine richtige Partnerin für mich, sodass du in Zukunft keinerlei rechtliche Ansprüche gegen mich geltend machen kannst.“

„Ah, ich verstehe!“, schleuderte sie ihm verächtlich entgegen. „Du meinst dein Vermögen schützen zu müssen, obwohl du genau weißt, dass ich keinen Pfennig von dir annehmen würde. Hätte ich es auf dein Geld abgesehen, hätte ich dich damals geheiratet!“

Seine Augen blitzten verärgert auf. „Hier.“ Abrupt nahm er eine Akte vom Tisch und reichte sie ihr. „Lies es durch und unterschreib.“

Da ihr die Knie zitterten, setzte Ella sich auf den nächsten Stuhl und begann zu lesen. Es war ein ausführlicher Vertrag, und je länger sie ihn studierte, desto größer wurde der Knoten in ihrem Magen. Aristandros hatte die Beziehung zwischen ihnen mit den kältesten und bis ins Detail festgelegten Ge- und Verboten reguliert.

Als Gegenleistung für das Privileg, sich um Callie kümmern zu dürfen, und für Aristandros’ Garantie zur Übernahme aller Kosten hatte Ella das Bett mit ihm zu teilen, wann immer er es wünschte. Zudem hatte sie seinen Ansprüchen auf jedem Gebiet nach bestem Wissen und Können zu entsprechen. Er würde bestimmen, wie sie lebte, sich kleidete, wohin sie reiste. Des Weiteren wurde festgelegt, dass das, was im Vertrag sein „Privatleben“ genannt wurde, sie nichts anging. Jegliche Einmischung in selbiges würde als Vertragsbruch angesehen werden.

Ella biss die Zähne zusammen, um den wütenden Aufschrei zurückzuhalten. Die Bedingungen ihrer sogenannten „Dienste“ waren detailliert aufgelistet und hochgradig erniedrigend. Wie konnte ein Mann so etwas mit seinen Anwälten besprechen? Und wie konnte er sich überhaupt solch grausame und demütigende Konditionen ausdenken?

„Das … das ist unerhört!“, stieß sie schließlich aus. „Warum legst du mir nicht direkt eine Leine um den Hals und bezeichnest mich als dein Schoßhündchen?“

„Ich wollte die Arbeitsplatzbeschreibung so ausführlich wie möglich festgelegt wissen, bevor du die Position annimmst“, antwortete er ungerührt. „Ich sage offen, was ich von dir erwarte. So kannst du nicht behaupten, du hättest nicht gewusst, auf was du dich einlässt.“

Mit jeder Zeile, die sie las, wurde sie aufgewühlter. Auch ihr Umgang mit Callie wurde mit diesem Vertrag reglementiert. Ohne Aristandros’ Einwilligung durfte sie nichts mit dem Kind unternehmen. Sie hatte seine Stellung als rechtlicher Vormund ohne Ausnahme zu respektieren und seine Anweisungen zu befolgen. Jeder Versuch, Callie seiner Aufsicht entziehen oder Rechte auf das Mädchen anmelden zu wollen, würde automatisch dazu führen, dass ihr der Kontakt zu der Kleinen verwehrt wurde.

Ein Schauder überlief sie, als sie aufschaute und Aristandros’ Miene zu deuten suchte. Es war ihm ernst. Nein, er wollte keine Geliebte, schon gar nicht eine gleichberechtigte Partnerin, er wollte eine Sklavin, die ihm vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung stand. „Bis zu diesem Moment war mir nicht klar, wie sehr du mich hasst“, sagte sie tonlos.

„Sei nicht albern“, wiegelte er ihre Bemerkung ab. „Natürlich gehe ich davon aus, dass es ab und zu Meinungsverschiedenheiten geben wird, doch ich lasse nicht zu, dass konstante Feindseligkeit von deiner Seite die Atmosphäre trübt und mir das Leben unangenehm macht.“

Die Ungeheuerlichkeit der Vertragskonditionen hatte Ella die Sprache verschlagen. Sie konnte nur denken, dass sie nie wieder frei sein würde. Aristandros wollte ihren Körper und ihre Seele als sein Eigentum, er wollte jede Minute ihres Lebens bestimmen.

„Wir haben genug Zeit mit Reden verschwendet. Unterschreib“, wies er sie knapp an.

„Habe ich etwa kein Recht darauf, mir vorher juristischen Rat einzuholen? Ich habe ja nicht einmal zu Ende gelesen!“

„Natürlich kannst du dir juristischen Rat einholen, aber das wird alles nur verzögern. Wer weiß, wie lange es dann dauert, bis du Callie sehen kannst“, erwiderte er nüchtern.

„Ich beginne zu begreifen, wieso du so reich bist“, murmelte sie. Ihr war übel. „Du weißt genau, wo du den Hebel ansetzen musst.“

„Natürlich.“ Aristandros spreizte die Finger vor sich. „Ich will dich, und ich bin darauf eingestellt, um dich zu kämpfen.“

„Du kämpfst unlauter.“ Sie beugte den Kopf, um weiterzulesen, entsetzt über das Ausmaß der Kontrolle, die dieser Vertrag Aristandros über ihr Leben erlaubte. Sie überflog die Klauseln, die ihr eine lächerlich hohe Summe zur monatlichen Verfügung stellten und ihr bei Beendigung der Beziehung eine noch großzügigere Abfindung zusicherten.

Doch wie sollte sie sich gegen ihn wehren? Ihr ging es doch nur darum, dass sie mit Callie zusammen sein konnte. Das Kind brauchte Liebe und Zuwendung, damit es aufblühte. Das wollte Ella nicht aufs Spiel setzen.

„Wenn ich unterschreibe … wann kann ich Callie sehen?“

„Morgen.“

Ella atmete tief durch und stand auf. Sie legte die Akte zurück auf den Tisch. „Ich unterschreibe.“

Aristandros rief die beiden Anwälte ins Zimmer. Der Vertrag wurde im Beisein der Zeugen unterzeichnet. Ella konnte keinem der Männer in die Augen schauen, machte dieser Vertrag, unter den sie ihre Unterschrift setzte, sie doch zu einer Frau, die ihren Körper und ihren freien Willen verkaufte. Sie konnte nicht fassen, welche Verachtung sie nun von einem Mann erfuhr, der sie einst mit ausnehmendem Respekt und größter Höflichkeit behandelt hatte. Ihre damalige Zurückweisung seines Antrags musste wirklich einen enormen Hass in ihm geschürt haben.

„Was passiert jetzt?“, fragte sie bebend, als sie wieder allein waren.

„Das hier …“ Er zog sie an sich, umfasste mit beiden Händen ihr Gesicht, bog ihren Kopf zurück … und dann küsste er sie.

Eine Explosion detonierte in ihrem Körper, schlagartig begann das Blut heiß durch ihre Adern zu rauschen. Aristandros’ männliche Gier war unglaublich erregend, eine Welle sinnlicher Leidenschaft schlug über ihr zusammen. Erschauernd ließ Ella sich gegen seine breite Brust sacken. Sie sehnte, ja verzehrte sich nach mehr. Die Hände an ihren Hüften, presste er sie an sich, und ein tiefes Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, als sie den Beweis seiner Erregung an ihrem Schoß spürte.

Aristandros hob den Kopf und bedachte sie mit einem Lächeln, das puren Triumph ausdrückte. „Außen Eis, innen heiße Lava, koukla mou. Wie viele andere hat es gegeben?“

In diesem Moment hasste auch sie ihn so sehr, dass sie kaum ihre Stimme fand. „So einige“, log sie heiser. Er brauchte nicht zu wissen, dass er bisher der Einzige war, der dieses verrückte Inferno in ihr auslösen konnte. „Ich bin eben eine leidenschaftliche Frau.“

Ein Muskel zuckte in seiner Wange, sein Blick war eiskalt. „Offensichtlich. Aber von diesem Augenblick an ist die Leidenschaft ausschließlich für mich reserviert. Ist das klar?“

Ella schämte sich nicht, die Rolle der Femme fatale zu spielen. Unter langen seidigen Wimpern hervor warf sie ihm einen vielsagenden Blick zu. „Natürlich.“ Sie nahm sich zusammen und konzentrierte sich auf das Wesentliche. „Erzähl mir von Callie. Wie ist sie?“

Ihre Frage überraschte Aristandros. „Sie ist noch ein Baby. Was lässt sich da schon sagen? Sie ist hübsch.“ Er hielt inne, wurde sich bewusst, dass mehr als eine solch oberflächliche Beurteilung nötig war. „Sie ist ruhig, äh … brav. Man merkt kaum, dass sie da ist.“

Ella senkte den Blick, um ihre Sorge zu verbergen. Ein Kleinkind von achtzehn Monaten sollte konstant plappern, es sollte quirlig und neugierig sein … also alles andere als still und unauffällig. Callie litt augenscheinlich stark unter dem Verlust der Eltern. „Hast du eine enge Beziehung zu ihr?“

„Natürlich.“ Er runzelte die Stirn. „Wenn das dann alles ist … der Wagen wartet. Du hast mehrere Termine.“

„Termine?“, wiederholte sie verständnislos.

„Du begleitest mich heute Abend zu einer Vernissage. Du brauchst Kleider.“

„Ich habe Kleider.“

„Nichts Passendes für die Kreise, in denen ich mich bewege.“ Sein trockener Kommentar trieb ihr das Blut in die Wangen. „Ich sehe dich dann später.“

Ihre Kopie des Vertrages an die Brust gedrückt, stieg Ella in die Limousine ein. Das Treffen in der Anwaltskanzlei hatte sie zutiefst erschüttert und ihr die harte Realität vor Augen geführt.

Der Chauffeur brachte sie zu einer exklusiven Designerboutique, wo man ganz offensichtlich auf ihr Erscheinen vorbereitet war. Sie wurde sofort in einen Raum geführt, in dem man ihre genauen Maße nahm, und innerhalb von Minuten lag eine ganze Kollektion zum Anprobieren vor ihr ausgebreitet da.

„Und für den Anlass am heutigen Abend“, hob die Verkaufsleiterin an, „hatte Mr. Xenakis an dieses hier gedacht.“ Sie hielt ein elegantes schwarzes Cocktailkleid hoch.

Ella musste sich zusammennehmen, um nicht sofort laut herauszusprudeln, dass dieses Kleid überhaupt nicht ihrem Stil entsprach. Dennoch verwunderte es sie, dass Aristandros sich also scheinbar von seiner Arbeit losgerissen hatte, um sich Gedanken über ihre Garderobe zu machen. War das die Definition eines echten Frauenhelden – ein Mann, der sich so sehr auf den weiblichen Körper einstellte, dass die Auswahl von Garderobe zu einer Art Vorspiel wurde?

In Gedanken konzentrierte Ella sich ganz auf Callie und erreichte damit immerhin eine gewisse Gelassenheit, während Kleidungsstück um Kleidungsstück für sie beiseitegelegt wurde. Die neue Garderobe diente lediglich als Dekoration, es war nur aufgesetzter Schein, mehr nicht. Als dann jedoch die verführerischen Dessous an die Reihe kamen und Ella sich vorstellte, Seide und Satin für Aristandros zu tragen, stieg Panik in ihr auf. Plötzlich wünschte sie, nie eine Erfahrung vorgetäuscht zu haben, die sie nicht besaß.

Für den nächsten Termin fuhr der Chauffeur sie zu einem Schönheitssalon. Eigentlich hatte sie gar nichts dagegen, sich von einem professionellen Team zurechtmachen zu lassen – Frisur, Maniküre, Make-up. An die benutzten Farbkombinationen und Techniken hätte sie selbst nicht einmal im Traum gedacht. Nicht umsonst nannte Aristandros sie koukla mou – meine Puppe. Es wurde nicht gewünscht, dass Ella sie selbst war, vielmehr sollte sie genau dem Bild entsprechen, das Aristandros vorschwebte – ein anschmiegsames, ultrafeminines Püppchen als Verkörperung der perfekten Geliebten.

In einer Tiefgarage stieg sie aus dem Wagen aus, und der Chauffeur geleitete sie zum Lift. Aristandros lebte in einer riesigen Maisonettewohnung, die über einen direkten Blick auf den Hyde Park verfügte. Die Zimmerflut, die von der großen Eingangshalle abging, schien unermesslich. Mitsamt den Einkaufstüten wurde Ella in das Hauptschlafzimmer weitergeführt. Hinter den Terrassentüren sah sie im üppigen Grün einer großen Dachterrasse einen Swimmingpool in der Sonne aufblitzen. Ein Hausmädchen, das Ella auf Griechisch ansprach, zeigte ihr voller Stolz das Ankleidezimmer, das ihre neue Garderobe beherbergen würde, sowie das überwältigende Bad mit den Marmorfliesen.

Ella musste jedoch feststellen, dass ihre Aufmerksamkeit immer wieder zu dem riesigen Bett zurückkehren wollte, das in der Mitte des geräumigen Schlafzimmers stand. Ihr Puls beschleunigte sich rasant. Sex mit Aristandros … Vor sieben Jahren hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, jetzt jedoch wurde ihr bei dem Gedanken die Kehle eng. Nun, wenn Übung den Meister macht, dann muss Aristandros besser als jeder andere im Bett sein, dachte sie mit Galgenhumor.

Das Mädchen hängte das schwarze Cocktailkleid heraus, und Ella wählte aus den neuen Dessous ein Ensemble aus hellblauer Spitze und verschwand im Bad. Nach der Dusche begutachtete sie sich in dem großen Wandspiegel. Die Spitzenunterwäsche betonte ihre Kurven und brachte ihre vollen Brüste zur Geltung. Während sie sich noch kritisch musterte, ging die Tür auf. Einen erschreckten Schrei auf den Lippen, presste Ella das große Handtuch vor die Brust und schwang mit aufgerissenen Augen herum.

Aristandros stand im Türrahmen. Er erschien ihr stärker und beeindruckender denn je, vor allem, da er bereits Jackett und Krawatte abgelegt hatte und sein Hemd offen stand, sodass sie die gebräunte Haut seiner Brust sehen konnte.

„Du hättest abschließen sollen, wenn du keine Gesellschaft haben wolltest“, spöttelte er mit abschätzigem Blick auf das Handtuch, das sie so verkrampft vor sich hielt. „Für eine Frau, die – ich zitiere – so einige gehabt hat, bist du verblüffend verklemmt.“

Der Stolz brachte sie dazu, die Schultern zu straffen. Sie schüttelte das helle Haar zurück. „Ich bin alles andere als verklemmt!“

„Beweise es“, forderte er sie träge heraus. „Lass das Handtuch fallen.“

Fast willenlos öffnete sie die Finger, das Handtuch fiel zu Boden und bauschte sich zu ihren Füßen. Sie wusste, es war albern, aber in den verführerischen Dessous kam sie sich entblößter vor, als wenn sie komplett nackt vor ihm gestanden hätte.

Aristandros machte sich nicht die Mühe, die genießerische Miene auch nur annähernd zu kaschieren. Sein bewundernder Blick ließ ein heißes Prickeln über ihre Haut laufen. „Es lohnt sich, dich auszuziehen, glikia mou.“

Ella atmete heftig, ihre Brust hob und senkte sich. Ihre Brustknospen hatten sich aufgerichtet und waren unter der Spitze deutlich zu erkennen. Ihr Mund wurde trocken, als Aristandros auf sie zukam, sie um die Hüfte fasste, hochhob, als wäre sie leicht, wie eine Feder, und sie auf die marmorne Wascheinheit setzte.

„Was machst du da?“, fragte sie atemlos.

„Dich gebührend bewundern“, antwortete Aristandros heiser. Er sog ihren frischen Duft ein, während sich das Blut heiß in seinen Lenden sammelte. Seine Seife, seine Dusche, seine Frau, genau da, wo sie hingehörte. Er presste die Lippen an ihre Halsmulde, wo der pochende Puls ihre Erregung verriet. Mit der Zungenspitze erkundete er den Geschmack ihrer Haut. Seine Hände wanderten über ihre Schultern, hin zu ihren Brüsten, seine Finger befreiten die festen Rundungen aus ihrem edlen Gefängnis. Vorwitzig drängten die harten Spitzen sich seiner Berührung entgegen. „Du bist perfekt.“

Ella konnte sich gegen den plötzlichen Ansturm der Gefühle nicht wehren, sie hatte schlicht nicht vor der Nacht mit einem sinnlichen Anschlag gerechnet. Langsam ließ sie den Kopf in den Nacken fallen, und ein leises Stöhnen entfuhr ihr. Heißes Verlangen durchfloss ihren verräterischen Körper, als Aristandros die Lippen um die aufgerichteten Brustknospen schloss. Seine Zunge erforschte die warme Höhle ihres Mundes, während er die Hand zwischen ihre Schenkel schob und dort ihre geheimste Stelle mit den Fingern liebkoste.

Unter seiner erotischen Fertigkeit löste sich jeder Rest von Selbstbeherrschung auf. Schon bald hatte Ella den Punkt erreicht, an dem sie vor Frustration hätte aufschreien können und ihn am liebsten angefleht hätte, ihr endlich Erlösung zu gewähren. Sie hörte das amüsierte Erstaunen in Aristandros’ Stimme, als sie ihn mit fahrigen Händen näher an sich heranzog, um den Körperkontakt zu intensivieren.

„Langsam, khriso mou“, sagte er belegt. „Wir müssen zu einer Vernissage, und ich muss vorher noch duschen …“

„Vernissage?“ Nur mit Anstrengung machte Ella sich aus dem Kokon sexueller Erregung frei, in den er sie eingesponnen hatte, und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Scham überflutete sie, als ihr klar wurde, dass sie sich von ihm im Bad hatte verführen lassen und sich noch immer an ihn klammerte. Abrupt ließ sie ihn los, als hätte sie sich verbrannt. „Natürlich.“

„Wir haben keine Zeit. Und ich will dich schließlich nicht behandeln wie einen Snack an einer Imbissbude, sondern mir Zeit lassen und dich wie ein erlesenes Mahl mit jedem Bissen auskosten und genießen.“

„Ein Snack an der Imbissbude?“ Mit fassungsloser Entrüstung wiederholte sie seine Beschreibung.

Aristandros betrachtete sie unter halb gesenkten Wimpern. „Du willst mich“, stellte er befriedigt fest. „Der Tag wird kommen, an dem dir egal ist, wie ich dich nehme … Hauptsache ich tue es.“

Seine Worte jagten ihr einen Schauer über den Rücken. „Niemals!“, stieß sie aus. „Eher sterbe ich.“

Er schenkte ihr nur ein spöttisches Lächeln. „Ich kenne die Frauen, und ich irre mich nie.“

„Ein Mal hast du dich geirrt“, entfuhr es ihr unüberlegt. Sie sollte klüger handeln, als ihn zu provozieren.

Sofort wurde sein Blick eiskalt. „Fang besser nicht damit an“, warnte er sie.

Ihr Magen zog sich zusammen, und sie wandte den Kopf ab. Mit dem Gefühl von Scham und Reue über ihre unvorsichtigen Worte ging sie ins Schlafzimmer zurück, die blauen Augen düster, als sie sich an jenen atemberaubenden Moment seines Heiratsantrages erinnerte. Doch das Glück hatte sich kurz darauf in Entsetzen verwandelt, als er öffentlich bekannt gab, dass Ella die Medizin aufgeben würde, um sich ganz auf ihr Leben als Ehefrau und Mutter zu konzentrieren. Nur Augenblicke später waren sie in einen hitzigen Streit verwickelt gewesen, bei dem Ella erkannte, dass Aristandros unnachgiebig und hart wie Granit sein konnte, wenn es um etwas ging, das er unbedingt haben wollte.

Vor sieben Jahren schon hatte sie erfahren, dass es bei ihm nur ein Entweder-oder gab, keine halben Sachen, keine Kompromisse. Der Bruch zwischen ihnen war von einer Sekunde auf die andere erfolgt und endgültig. Immerhin wusste sie dieses Mal, was sie erwartete, wenn sie die Grenzen bei Aristandros Xenakis überschritt. Eine zweite Chance würde es dann nicht mehr geben …

Autor

Maureen Child

Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

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