Julia Saison Band 39

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KÜSS MICH, JETZT UND IMMER! von ELIZABETH BEVARLY
Der millionenschwere Unternehmer Matthew ist schockiert: Seine Assistentin Kendra hat einfach gekündigt. Matt will sie zurück, doch Kendra begegnet ihm ungewohnt selbstbewusst, und ihre neue sexy Art reizt ihn. Bei einem Dinner zu zweit unterbreitet er ihr deshalb ein besonderes Angebot.

SPIELE DER LEIDENSCHAFT von EMILIE ROSE
Dieser Mann ist ihre tiefste Sehnsucht! Seit der High School träumt Tracy von einer leidenschaftlichen Nacht mit Cort Lander. Als sie dem attraktiven Mediziner endlich ihre geheimen Wünsche offenbart, beginnt für beide ein Sommer der Sinnlichkeit. Doch Cort muss bald in die Großstadt zurückkehren …

UNWIDERSTEHLICH SINNLICH … von RACHEL BAILEY
Laszive Blicke, charmante Komplimente: Ungeniert flirtet Ryder Bramson mit Macy. Dabei wollte sie ihm eigentlich ihre neuen Schokoladensorten vorstellen. Immer mehr verfällt Macy seinen süßen Avancen. Doch dann erfährt sie, worum es ihm wirklich geht: Die Kontrolle über die Firma ihres Vaters!


  • Erscheinungstag 01.09.2017
  • Bandnummer 39
  • ISBN / Artikelnummer 9783733709624
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Elizabeth Bevarly, Emilie Rose, Rachel Bailey

JULIA SAISON BAND 39

1. KAPITEL

Vielleicht sollte ich heute lieber nicht kündigen, dachte Kendra Scarborough und betrachtete kopfschüttelnd ihren Chef, wie er wütend das Fenster aufriss und sein Handy hinausschleuderte. Doch dann richtete sie sich entschlossen auf. Diesmal würde sie sich nicht davon abbringen lassen. Es musste sein, zu oft hatte sie die Kündigung immer wieder hinausgeschoben.

Sie seufzte leise. Also würde ihre letzte Tat für Matthew Barton sein, ihm ein neues Handy zu besorgen. Wieder einmal. Immerhin waren Handys einfacher zu programmieren und nach seinen Wünschen einzurichten als PDAs und MP3-Spieler – von denen auch so einige auf dem Grund des kleinen Teiches im Innenhof von Barton Ltd. lagen. Seit Kendra für Matthew arbeitete, hatte sie immer wieder diese Wutausbrüche miterleben müssen. Und sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie viele Wertgegenstände er in dieser Zeit in dem Teich versenkt hatte. Ohne Frage war er einer der klügsten Köpfe im heutigen Big Business. Aber mit diesen kleinen elektronischen Helfern stand er auf Kriegsfuß.

Sie rückte ihre schmale, schwarz umrandete Brille zurecht und zog sich den Stift aus dem festen Knoten, zu dem sie sich normalerweise das dunkelblonde Haar band. Dann zog sie einen kleinen Block aus der Tasche ihrer schwarzen Hose mit den feinen weißen Streifen, zu der sie ein weißes Hemd trug. Beide waren eher wie Herrenkleidung geschnitten. Kendra war fest überzeugt, dass sie das strenge Auftreten als Ausgleich zu ihrer Größe von gerade mal eins sechzig brauchte. Die Geschäftswelt wurde von Männern dominiert, daran war nicht zu rütteln.

Sie machte sich ein paar Notizen, unter anderem auch, dass sie ein neues Handy für den Chef besorgen musste. Dann klappte sie den Block wieder zu und steckte ihn ein.

„Kendra“, sagte Matthew, während er das Fenster schloss, verriegelte und sich dann umwandte, „ich brauche …“

„Schon notiert, Sir“, sagte sie schnell. „Ich glaube, diesmal werden wir es mit einem von VeraWave versuchen. Ich bin sicher, dass das für Ihre Anforderungen geeigneter ist.“

Glücklicherweise lag die Zentrale von Barton Ltd. in San Francisco, wo etwa jede Woche eine neue Handyfirma aufmachte. Das Jahr war noch nicht zur Hälfte vorbei, und Kendra hatte schon dreimal den Telefonanbieter wechseln müssen.

„Danke, dass Sie sich darum kümmern.“ Matthew setzte sich hinter den großen Mahagonischreibtisch und griff nach den Briefen, die Kendra am Vormittag getippt hatte und die er noch unterschreiben musste.

Selbstverständlich trug er den üblichen Dreiteiler. Kendra glaubte allerdings nicht, dass er deshalb so imponierend wirkte, auch wenn der schwarzbraune Anzug mit dem kupferfarbenen Hemd und der passenden Krawatte ihm sehr gut standen. Er war groß und schlank, hatte dunkles Haar und noch dunklere Augen. Immer beherrschte er die Situation, ob er nun an dem großen Verhandlungstisch saß, um den sich die Vorstandsmitglieder der Firma regelmäßig versammelten, oder mit einem Kollegen Squash spielte oder irgendein hohes Tier während einer Dinnerparty zu einer größeren Investition überredete. Kendra hatte ihn bei all diesen Gelegenheiten erlebt, und sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Matthew Barton ein einziges Mal nicht erreicht hatte, was er wollte.

Als sie vor fünf Jahren angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, hatte sie kaum gewagt, den Mund aufzumachen – obwohl sie frisch von der Universität kam und auch Matthew nur wenige Jahre vor ihr das Examen bestanden hatte. Trotz seiner Jugend hatte er bereits seine ersten Millionen verdient. Auch heute machte es Kendra manchmal sprachlos, dass er auf der Karriereleiter so viel weiter gekommen war als sie. Schließlich war er vor Kurzem erst zweiunddreißig geworden und nur knapp fünf Jahre älter als sie. Trotzdem war er ihr, was beruflichen Erfolg betraf, um Lichtjahre voraus.

Sie hatte sich damals vorgenommen, ihn genau zu beobachten, um seine Strategien kennenzulernen und dann selbst bei ihrer Karriereplanung anzuwenden. Aber sie hatte sehr schnell erkennen müssen, dass sie einfach nicht in derselben Liga spielten. Die Arbeit war sein Leben, und er setzte sich hundertprozentig für die Belange der Firma ein. Er brauchte die Arbeit so wie normale Menschen Essen und Trinken oder die Luft zum Atmen. Mit der Zeit hatte sie sich an seine rauen Geschäftspraktiken gewöhnt, denn für den Erfolg tat er alles oder zumindest fast alles. Sein ganzes Denken war darauf ausgerichtet. Und auch wenn Kendra ehrgeizig war, konnte sie diese Besessenheit nie verstehen.

Denn er war nicht damit zufrieden, gute Ergebnisse für die Firma zu erzielen, nein, Matthew Barton musste immer der Beste sein – und zwar bei allem, was er anfing.

Allerdings spielte das für sie jetzt keine Rolle mehr, denn sie würde an seinen Erfolgen nicht mehr teilhaben und seine Karriereziele nicht länger mitverfolgen. Sie hatte sich vorgenommen, endlich etwas für ihre eigene Karriere und ihren Erfolg zu tun. Immerhin hatte sie einen Master in Betriebswirtschaft und an einer der besten Universitäten Kaliforniens studiert. Eigentlich war sie für den Job als persönliche Assistentin von Matthew Barton von Anfang an überqualifiziert gewesen.

Sie war davon ausgegangen, dass einige Zeit bei einem so erfolgreichen Geschäftsmann wie ihm ihr auch später Türen öffneten, die ihr normalerweise verschlossen blieben. So hatte sie aus erster Hand gelernt, wie man die richtigen Kontakte gewann und sich in dem Haifischbecken bewegte, als das das Big Business zu Recht bezeichnet wurde.

Nun arbeitete sie bereits seit fünf Jahren für Matthew Barton. Kendra hatte von den „Haifischen“ inzwischen genug gelernt, sodass sie sich zutraute, den Kampf mit ihnen allein aufzunehmen.

Es war Zeit, sich nach etwas anderem umzusehen.

„Okay, wo waren wir gerade?“, fragte Matthew.

„Sie hatten gerade Ihr … Gespräch mit Elliot Donovan von der Springhurst Corporation beendet, und ich …“ Sie holte tief Luft und sagte dann mit einer für sie selbst überraschend festen Stimme: „Ich wollte gerade kündigen. In zwei Wochen werde ich die Firma verlassen.“ Und diesmal werde ich mich nicht davon abbringen lassen, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen!

Ruckartig hob er den Kopf und blickte sie mit seinen schwarzbraunen Augen tadelnd an. „Aber, Kendra, was soll denn das nun wieder? Darüber haben wir doch schon gesprochen. Ich dachte, wir hätten das Thema abgeschlossen.“

„Wir haben darüber gesprochen, das stimmt. Deshalb sollte Sie meine Kündigung auch nicht überraschen. Aber da Ihre Hochzeit mit Miss. Conover nun nicht stattfinden wird …“

„Was hat das denn damit zu tun? Dass Lauren und ich nicht heiraten, bedeutet doch nicht, dass ich Sie nicht mehr brauche. Im Gegenteil. Ohne Sie bin ich verloren.“

Aha, dann hatte er die bevorstehende Hochzeit nur als Druckmittel benutzt, um Kendra ihre Kündigungspläne auszureden. Und im Grunde war die Hochzeit gar nicht abgeblasen. Lediglich das Datum war neu. Ja, und der Bräutigam auch, denn Laura Conover hatte sich entschieden, Matthews Zwillingsbruder Luke zu heiraten.

„Alles, was noch zu tun ist, wird von Miss. Conover und ihrer Familie bestens erledigt werden.“ Sie blieb stur. „Falls noch etwas zu tun ist.“

Sicher war alles bereits sehr gut vorbereitet. Matthew hatte nicht viel von der geplatzten Verlobung erzählt, aber über die Tatsache an sich hatte Kendra sich eigentlich nicht gewundert. Dass Lauren sich in Luke Barton verliebt hatte, hatte sie allerdings schon überrascht, sehr sogar. Aber selbst wenn Luke nicht auf der Bildfläche erschienen wäre, die Ehe zwischen Matthew Barton und Lauren Conover wäre nie gut gegangen. Matthew hatte sich nur mit Lauren verlobt, weil er die beiden Familienunternehmen zusammenschließen wollte. Und Lauren hatte seinen Heiratsantrag nur angenommen, weil …

Ja, warum? Auf diese Frage hatte Kendra immer noch keine Antwort gefunden. Sie war Lauren nur wenige Male begegnet, aber sie hatte nie den Eindruck gehabt, dass Lauren in Matthew verliebt war. Sie schien ihn noch nicht einmal besonders zu mögen oder wenigstens zu schätzen. Nein, ganz offensichtlich hatte sie ihn nicht geliebt, denn sonst hätte sie sich nicht Hals über Kopf in seinen Bruder verknallen können, auch wenn Luke Matthews Zwillingsbruder war. Charakterlich waren die beiden angeblich grundverschieden, so sagte wenigstens der Büroklatsch, wenn auch Luke beruflich den gleichen Ehrgeiz an den Tag legte wie sein Bruder. Kendra selbst konnte nichts dazu sagen. Sie hatte Luke noch nie gesehen.

Aber es war keine Frage, dass er und Lauren sich wirklich liebten und ihre Eheschließung eine Liebesheirat war. Für Matthew dagegen hatte die Verbindung mit Lauren mehr mit Geschäftsinteressen als mit Zuneigung zu tun gehabt, mehr mit ehrgeizigen Unternehmenszielen als dem Wunsch, seine Frau glücklich zu machen. Manchmal fragte sich Kendra, ob der Mann sich überhaupt für irgendetwas anderes einsetzen konnte als für die Firma.

„Aber es gibt vieles andere, wofür ich Sie unbedingt brauche, zum Beispiel …“, unterbrach Matthew ihre Gedanken und musterte sie kühl.

„Unsinn“, warf sie schnell ein, bevor er ihr alles Mögliche aufzählen konnte, das jeder andere genauso gut wie sie erledigen könnte. „Dies ist die ruhigste Zeit im Jahr für Barton Ltd. Wir sind mit allem auf dem Laufenden. Da Sie nun doch nicht nach Stuttgart fliegen, steht auch keine größere Reise für Sie an, die ich vorbereiten müsste. Die nächste große Konferenz findet erst im September statt. Wen auch immer Sie für mich einstellen, sie oder er hat ausreichend Zeit, sich in den neuen Job einzuarbeiten. Und da Sie den ganzen Juli sowieso in der Lodge Ihres Freundes am Lake Tahoe verbringen werden, ist dies der ideale Zeitpunkt für mich zu …“

„Aber gerade da in Hunters Lodge brauche ich Sie dringend“, fiel Matthew ihr ins Wort. „Obwohl ich schon einiges vorbereitet habe …“

Du meinst wohl, obwohl ich schon einiges vorbereitet habe, sagte Kendra sich im Stillen. Denn natürlich hatte sie und nicht Matthew alles organisiert, was für die vierwöchige Abwesenheit von der Firma notwendig war.

„… muss ich unbedingt jemanden in der Nähe haben, der über alles Bescheid weiß und sich auskennt, wenn ich so lange nicht in der Firma sein werde.“

„Warum nehmen Sie nicht Douglas Morton mit?“, schlug Kendra vor. Douglas Morton war ein ehrgeiziger junger Mann, der in der Firma schon gut vorangekommen war.

„Morton brauche ich hier“, stellte Matthew fest. „Sie müssen mit mir kommen.“

Das hätte sie sich ja denken können. Jetzt benutzte er diesen geheimnisvollen Aufenthalt in dieser mysteriösen Lodge als Druckmittel, um sie zu halten. Kendra wusste, dass diese Reise an den Lake Tahoe mehr bedeutete, als man beim Aufenthalt in der Lodge eines Freundes vielleicht erwarten würde. Aber sie hatte keine Ahnung, was wirklich dahintersteckte, nur dass Matthew im Januar einen Brief von dem Nachlassverwalter eines Freundes vom College erhalten hatte. Dieser Freund, Hunter war sein Name, war gestorben und hatte testamentarisch den Wunsch geäußert, dass seine Freunde das Versprechen erfüllten, das sie sich damals vor vielen Jahren gegeben hatten. Jeder sollte einen Monat in der Lodge am Lake Tahoe verbringen, die dem Verstorbenen gehört hatte.

Aber warum? Kendra konnte sich das Ganze nicht erklären. Matthew hatte sie mit der Planung wahnsinnig gemacht, und sie hatte lange Arbeitstage damit verbracht, seine Termine im Frühjahr so zu legen, dass er den April freinehmen konnte. Doch dann hatte sich herausgestellt, dass er die für den April geplante Reise nach Deutschland nicht verschieben konnte. Und Kendra hatte die noch schwierigere Aufgabe, alles wieder umzulegen, damit Matthew mit seinem Bruder Luke tauschen konnte, der eigentlich im Juli dran war. Und das, obgleich die Brüder seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten.

Es waren sieben Freunde gewesen, so viel wusste Kendra, die sich an der Harvard-Uni kennengelernt, sich aber nach dem Examen aus den Augen verloren hatten. Matthew hatte darüber nicht weiter sprechen wollen, und Kendra hatte seinen Wunsch respektiert. Sie hatte es tatsächlich geschafft, alle Termine wieder umzulegen, sodass er den Monat Juli in der Lodge des verstorbenen Freundes verbringen und so dessen Wunsch erfüllen konnte.

Allerdings wäre es für Kendra sehr viel besser gewesen, wenn er im April gefahren wäre. Damit hätte er ihr nicht nur eine Menge Arbeit erspart, sondern sie wäre auch nicht in die fatale Situation gekommen, ihm eventuell am Lake Tahoe zu begegnen. Denn genau dort sollte Kendra die Einarbeitungsphase für ihren neuen Job absolvieren, die in der ersten Juliwoche begann. Sie versuchte zwar, den Gedanken wegzuschieben, dass sie ihm dort über den Weg laufen könnte, denn der See war groß. Sie wusste, dass er nicht glücklich war über ihre Kündigung. Und wenn er nun noch erfuhr, wer ihr neuer Arbeitgeber war …

„Ich kann nicht mit Ihnen mitkommen, Sir“, fing sie wieder an und holte tief Luft. „Ich habe bereits einen neuen Job angenommen. Mein neuer Arbeitgeber hat mich für eine Orientierungswoche verpflichtet, die am ersten Juli beginnt. Und nach dieser Woche werde ich sofort in der neuen Firma anfangen.“

Matthew lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der breiten Brust und sah Kendra schweigend an. Nur mit Mühe hielt sie seinem Blick stand. In diesem Moment wünschte sie sich weit fort. „Dann haben Sie also bereits woanders eine neue Position angenommen?“

Sie nickte und räusperte sich nervös. „Ja …“ Das kam etwas zu zaghaft. Wieder räusperte sie sich. „Ja, das habe ich.“ Das war schon besser.

„Hätten Sie etwas dagegen, mir zu sagen, bei wem?“

Allerdings. Kendra versuchte, sich auf seine Reaktion vorzubereiten, sich gegen seinen Zorn zu wappnen. Sie legte den Kopf in den Nacken und versuchte, Matthews Blick furchtlos zu begegnen. „Ich … äh … ich fange bei OmniTech Solutions an.“ Gar nicht schlecht. „Ich steige ins Management ein. Und werde für die … Public Relations-Abteilung zuständig sein.“ Das klang schon wieder viel zu zögernd. Kendra schloss kurz die Augen. Ich bin siebenundzwanzig, ich habe einen Master in Betriebswirtschaft und will endlich zeigen, was ich kann …

Als sie die Augen wieder öffnete, fuhr sie leicht zusammen. Matthew sah sie unter zusammengezogenen Brauen drohend an.

„OmniTech?“, wiederholte er mit gefährlich leiser Stimme. „Wer um alles in der Welt hat Sie denn abgeworben?“

Sie sah ihn fragend an. Wie kam er darauf, dass jemand sie abgeworben und sie sich nicht selbst um eine neue Position bemüht hatte? Leider hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen, weil man tatsächlich von OmniTech auf sie zugekommen war. „Stephen DeGallo“, sagte sie schnell, mit festerer Stimme diesmal, wie sie selbst erleichtert feststellte.

Matthew runzelte die Stirn. „So? Stephen DeGallo persönlich? Der Chef des Unternehmens hat Sie gefragt, ob Sie bei OmniTech arbeiten wollen? Im Management?“

„Allerdings.“ Kendra wusste nicht, was daran so verwunderlich sein sollte. Dieser Job entsprach absolut ihren Qualifikationen und ihrer Erfahrung. „Er hat mir sogar den Posten als stellvertretende Geschäftsführerin angeboten.“

Matthew kniff die Augen leicht zusammen und musterte sie kalt. „Das ist mehr als ungewöhnlich. Stephen DeGallo überlässt normalerweise nie jemandem von außen eine solche Stellung. Er zieht sich seine Leute innerhalb der Firma heran, damit er sicher sein kann, dass sie sich genau so verhalten, wie er es sich wünscht. Sie können sich vorstellen, was für Typen das sind. Speichellecker, die ihm nach dem Mund reden und nur das tun, was er will.“

Kendra ging nicht darauf ein. War ihm gar nicht klar, dass sie fünf Jahre lang genau das getan hatte? Nämlich nur das, was er wollte? Dass er ihr nie freie Hand gelassen hatte? Da hatte sie bei OmniTech doch ganz andere Möglichkeiten. „Stephen hat gesagt …“

„Stephen?“, unterbrach er sie sofort und sah sie ziemlich empört an. „Sie sprechen ihn bereits mit seinem Vornamen an?“

„Ja. Er hat darauf bestanden, Sir“, sagte sie voll Genugtuung. Matthew war nie auf die Idee gekommen, ihr diesen Vorschlag zu machen, und das, obwohl sie seit fünf Jahren seine rechte Hand war. „Stephen meinte, ich hätte sehr gute Zeugnisse“, fuhr sie schnell fort, bevor er etwas sagen konnte. „Und das stimmt. Falls Sie es vergessen haben sollten, ich habe meinen Master in Stanford gemacht, sogar mit Auszeichnung.“

Matthew lächelte böse. „Oh ja, und Sie meinen wirklich, dass Ihre guten Noten Stephen DeGallo so beeindruckt haben, dass er Sie einstellt?“ Wieder lehnte er sich zurück und verschränkte jetzt die Hände hinter dem Kopf. Kendra wusste, wenn er diese Haltung einnahm, dann wollte er sein Gegenüber in Sicherheit wiegen, um dann nur umso grausamer vorzustoßen.

„Mein armes Kind“, sagte er dann. „Machen Sie sich doch nichts vor. Der einzige Grund für DeGallos Interesse an Ihnen ist die Tatsache, dass Sie fünf Jahre für Barton gearbeitet haben. Ebenso wie wir, ist er scharf auf den Vertrag mit Perkins. Und da erhofft er sich von Ihnen natürlich nützliche Informationen, um uns ausbooten zu können.“

Der Hieb saß. Aber da Kendra gewusst hatte, dass so etwas kommen würde, schaffte sie es, ruhig zu bleiben. „Das wäre absolut perfide, Sir. Man könnte sogar sagen, kriminell. Ganz sicher erwartet Stephen nicht, dass ich Firmengeheimnisse von Barton an ihn weitergebe. Außerdem muss er wissen, dass ich Sie in dieser Hinsicht nie hintergehen würde.“

„Nein? Das würden Sie nicht tun?“, fragte Matthew lauernd.

Kendra starrte ihn überrascht an. Hatte er da wirklich Zweifel? „Natürlich nicht! Wie können Sie überhaupt auf eine solche Idee kommen?“

Wieder wurde ihr klar, wie gut es war, dass sie die Position bei DeGallo angenommen hatte. Wenn Matthew wirklich glaubte, dass sie zu einer solchen Illoyalität fähig war, dann schien er nicht viel von ihr zu halten. Wahrscheinlich genauso wenig wie von den Handys, die er so bereitwillig aus dem Fenster warf. Außerdem machte er ziemlich deutlich, dass er sie für nicht qualifiziert hielt, was ihren neuen Job betraf. Dabei hatte sie in den letzten fünf Jahren doch wirklich bewiesen, was für eine wertvolle Mitarbeiterin sie war.

Nein, es wurde wirklich Zeit, zu gehen.

„Okay. Aber eins interessiert mich noch, Kendra. Haben Sie hier bei mir überhaupt nichts gelernt? Ich meine, im Hinblick darauf, wie Geschäfte gemacht werden? Big Business ist nichts mehr für Ehrenmänner, wie es vielleicht noch vor Jahrzehnten der Fall war. Keiner tut dem anderen einen Gefallen. Warum auch? Im Geschäftsleben ist sich jeder selbst der Nächste, da geht es nicht um den anderen. Einen Ehrenkodex gibt es nicht mehr. Ich würde es Ihnen nicht einmal übel nehmen, wenn Sie OmniTech schon morgen über das informieren, was Sie hier mitbekommen haben. So funktioniert unsere Welt. Aber Sie werden verstehen, dass ich Sie nicht mehr hier in der Firma dulden kann, wenn Sie für unseren Konkurrenten arbeiten werden. Das Risiko kann ich nicht eingehen. Die Kündigungsfrist von vierzehn Tagen können Sie sich schenken. Sie sind entlassen. Ab sofort. Packen Sie Ihre Sachen zusammen. Sarah wird den Sicherheitsdienst anrufen, der Sie nach draußen begleiten wird. Sie haben genau zehn Minuten Zeit.“ Er wandte den Blick ab und zog die Unterschriftenmappe zu sich heran. „Das ist alles.“

Kendra war fassungslos. Nie hätte sie mit einer solchen Reaktion gerechnet. Sie war davon ausgegangen, dass Matthew wieder versuchen würde, sie mit allen möglichen Argumenten zu überreden, doch zu bleiben. Stattdessen stellte er ihr einfach den Stuhl vor die Tür! Ihr war nie der Gedanke gekommen, dass er sie feuern könnte, selbst wenn ihr neuer Arbeitgeber ein Konkurrent von Barton war. Eigentlich konkurrierten in dieser Branche alle Firmen irgendwie miteinander. Sie hatte geglaubt, dass Matthew ihre berufliche Veränderung als das betrachten würde, was es auch für sie war. Eine rein sachliche Entscheidung. Stattdessen nahm er die Sache irgendwie …

Persönlich. Das war seltsam.

Doch sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Das war nicht möglich. Matthew Barton nahm nichts persönlich. Für ihn zählte das Geschäft und sonst nichts. Er reagierte nur so, weil er Sorge hatte, sie könne Geschäftsgeheimnisse verraten und so seine Aussichten auf den Vertrag mit Perkins verringern. Es war nicht seltsam und keineswegs überraschend, dass er erst an das Unternehmen dachte, und an alles andere … nun, nie, wie er selbst gesagt hatte. Dennoch war sie enttäuscht, dass er so wenig Vertrauen zu ihr hatte. Wie konnte er ernsthaft davon ausgehen, dass sie etwas tun würde, was ihm oder der Firma schaden könnte?

Ja, es war wirklich die richtige Entscheidung gewesen, endlich zu kündigen.

„Jawohl, Sir.“ Sie nickte knapp, drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen. Draußen blieb sie stehen und atmete tief durch. Was er konnte, konnte sie schon lange. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die an der Vergangenheit festhielten. Sie blickte in die Zukunft. Deshalb hatte sie damals auch hier bei Barton angefangen, sie hatte an ihre berufliche Zukunft gedacht. Diese Zukunft war jetzt Gegenwart. Es wurde Zeit, an das zu denken, was jetzt vor ihr lag. Ihre neue Zukunft.

Sie zuckte kurz mit den Schultern. Sie konnte sich kaum mehr an den Namen von Matthew Thaddeus Barton erinnern. Oder an seine fast schwarzen Augen, die einen dunkelgoldenen Schimmer hatten, wenn er wütend war. Oder an die dunkle Locke, die ihm immer in die Stirn fiel, wenn er sich konzentriert über irgendwelche Unterlagen beugte. Oder wie sich sein einer Mundwinkel immer etwas höher hob als der andere, wenn er sein amüsiert-arrogantes Lächeln aufsetzte …

Matthew starrte die Tür an, die sich gerade hinter Kendra geschlossen hatte, und fluchte leise. Mit ihrer Brille, der eher farblosen und männlich geschnittenen Kleidung, die einen zweifellos nicht sehr aufregenden Körper verbarg, und dem festen Knoten im Nacken war Kendra Scarborough das krasse Gegenteil von einem Pin-up-Girl. Jedoch hatte er sie damals vor fünf Jahren genau wegen dieses Aussehens eingestellt. Denn auf keinen Fall wollte er eine Assistentin im Vorzimmer sitzen haben, deren Reize ihn von seiner Arbeit ablenkten.

Er ließ sich leicht ablenken, das wusste er. Mehr als einmal war er auf irgendwelche Schönheiten hereingefallen, immer mit fatalen Folgen. Für schöne Dinge und schöne Frauen hatte er eine Schwäche, und deshalb versuchte er, beides möglichst zu vermeiden.

Als er die Verlobung mit Lauren Conover einging, hatte er geglaubt, sein Problem gelöst zu haben. Sie war nicht nur die passende Frau für einen Mann in seiner Position, die Hochzeit würde auch die beiden Firmen miteinander verbinden und so Barton Ltd. mehr Gewicht auf dem Weltmarkt geben. Lauren war schön, intelligent und exzellent erzogen, aber zwischen ihnen hatte es einfach nicht gefunkt, von sexuellem Begehren keine Spur. Sie hätten beide sicher ein bequemes ruhiges Leben geführt in einem hübschen Haus mit hübschen Kindern, ohne dass Matthew sich gefühlsmäßig zu sehr darauf hätte einlassen müssen.

Ein perfekter Plan, der leider von seinem Bruder zerstört wurde. Aber war das nicht typisch für Luke? Immer schon, auch in ihrer Kindheit, hatte er ruiniert, was Matthew so sorgfältig vorbereitet hatte.

An dem Zerwürfnis mit Kendra hatte Luke allerdings keine Schuld, das musste Matthew zugeben. Wieder dachte er daran, dass sie genau der Typ Frau war, den er für diese Position hatte haben wollen. Sie war zuverlässig und pragmatisch und arbeitete sehr professionell. In den fünf Jahren, in denen sie in seinem Vorzimmer saß, war sie ihm unentbehrlich geworden. Sie war sein Terminkalender, seine Uhr, sein Barkeeper, seine Astrologin, sein Gewissen.

Und er hatte sie verdächtigt, ihn bespitzeln zu wollen, das heißt, ihr Wissen an seinen Konkurrenten weiterzugeben, ausgerechnet sie. Dabei wusste er doch genau, dass sie so etwas nie tun würde. Obwohl seine Vermutung in einem Punkt sicher richtig war. Stephen DeGallo hatte sie eingestellt, weil er sich Insiderinformationen erhoffte, nicht nur über die Firma, sondern auch über Matthew Barton selbst, die er zur richtigen Zeit einsetzen wollte. Doch Matthew konnte sich nicht vorstellen, dass Kendra sich überreden lassen würde, irgendetwas über ihn oder die Firma preiszugeben. Dass er sie in dieser Hinsicht beschuldigt hatte, hatte eher etwas mit seiner Verblüffung über ihre Kündigung zu tun. Vor allem die Tatsache, dass sie bereits einen Job angenommen hatte und dann noch bei seinem ärgsten Konkurrenten, hatte ihn sehr geärgert. Und in seiner Wut hatte er etwas geäußert, was er im Grunde nicht so meinte.

Bisher hatte er ihr die Kündigungsabsichten immer ausreden können. Mindestens dreimal hatte sie es schon versucht. Aber er wollte nicht auf sie verzichten. Er brauchte sie. Sicher, er wusste, dass sie für den Job bei ihm überqualifiziert war. Deshalb hatte er ihr in den letzten Jahren häufig eine Gehaltserhöhung gegeben, sodass sie jetzt fast doppelt so viel verdiente wie ihre Vorgängerin. Aber Geld war nicht alles, und er sah ein, dass sie bei ihrer Ausbildung beruflich vorankommen und ihre Talente auch nutzen wollte. Aber musste das gerade bei OmniTech sein?

Keine Frage, Stephen DeGallo hatte sie nicht wegen ihrer Qualifikationen eingestellt. Denn er kannte sie nicht und wusste nicht, wie gut sie war, überlegt, vorausschauend, einfach ein Profi. Durch sie wollte er lediglich Näheres über die Geschäftspolitik von Barton erfahren. Das war alles.

Missmutig starrte Matthew auf die Tür. Er musste sich wohl daran gewöhnen, ohne Kendra zurechtzukommen. Das konnte doch nicht so schwer sein. Er musste eben jemanden einstellen, der ihre Aufgaben übernahm. Jemanden, der ebenso pragmatisch, überlegt, vorausschauend und professionell arbeitete wie Kendra Scarborough. Jemanden, der sein Terminkalender, seine Uhr, sein Barkeeper, sein Astrologe, sein Gewissen war. Na und? Das würde er schon schaffen. Kendra sollte sich gleich darum kümmern.

Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, was er im Begriff war zu tun. Er wollte Kendra, die Frau, die er nicht nur gerade gefeuert, sondern leider auch noch schwer beleidigt hatte, beauftragen, sich um ihre eigene Nachfolgerin zu bemühen. Er musste über sich selbst den Kopf schütteln. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er glatt den Eindruck haben, ohne Kendra nichts auf die Reihe zu kriegen. Das war natürlich Unsinn.

Denn er war schließlich Chef eines großen Unternehmens. Knapp ein Jahr nach seinem Examen hatte er seine erste Million beisammen, und seitdem waren etliche hinzugekommen. Seine Firma gehörte zu den fünfhundert größten der Welt und war Arbeitgeber für viele tausend Menschen.

Und er regte sich auf, weil er seine persönliche Assistentin verloren hatte? Die würde sich ja wohl noch ersetzen lassen. Persönliche Assistentinnen gab es wie Sand am Meer. Morgen würde er eine neue einstellen. In den vierzehn Tagen bis zu seiner Abreise nach Lake Tahoe würde er sie einarbeiten, sodass sie mit dem Wichtigsten vertraut war. Wie Kendra gesagt hatte, der Zeitpunkt ihrer Kündigung war ausgesprochen günstig. Den Monat in der Lodge des Freundes konnte er nutzen, um die neue Assistentin nach seinen Bedürfnissen zu formen, sodass sie Kendra mühelos ersetzen konnte.

Er würde fabelhaft ohne Kendra Scarborough zurechtkommen. Auf jeden Fall!

2. KAPITEL

Kendra genoss den kurzen Flug nach Tahoe. OmniTech hatte ihr ein Ticket erster Klasse spendiert, und der Wagen, der am Flughafen auf sie wartete, war äußerst luxuriös. Sie ließ sich in die weichen Polster sinken und atmete auf. Was für eine wunderbare Art zu reisen. Das war doch etwas anderes als ihr kleiner Honda zu Hause. Wer weiß, vielleicht konnte sie sich mit ihrem Gehalt auch bald etwas Besseres leisten. Sie drückte auf einen Knopf, und das Sonnendach öffnete sich. Als die weiche Sommerluft in den Wagen drang, setzte Kendra die Sonnenbrille auf, legte sich den Sitzgurt um und startete den Wagen. Aus dem Radio kam leise Jazzmusik. Was für ein Leben. Zum ersten Mal fühlte sie sich wie jemand, der auf den oberen Sprossen der Karriereleiter angekommen war. PR-Chefin. Wie sich das anhörte. Zufrieden lächelnd, setzte sie zurück und verließ den Parkplatz.

Doch dann fiel ihr Matthew Barton ein, und das Gefühl der Zufriedenheit verschwand. Und anstatt heiter und gelassen ihrem neuen Leben entgegenzusehen und die luxuriöse Fahrt zu genießen, musste sie wieder an ihren Exchef denken und an ihr letztes Gespräch, mit dem ihre fünf Jahre als seine persönliche Assistentin so enttäuschend geendet hatten.

Leider hatte sie in den letzten zwei Wochen häufiger an ihn denken müssen. Sie bog auf die Straße in Richtung Stadt ein und versuchte verzweifelt, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Hatte sie nicht schon lange ihre Küche renovieren wollen? Welche Schränke sollte sie nehmen? Eigentlich war es empörend, dass die Hersteller von Damenschuhen es immer noch nicht schafften, Eleganz mit Bequemlichkeit zu verbinden. Wieso war eigentlich der Himmel blau und das Gras grün? Wer hatte in der letzten Survivor – Serie mitgespielt?

Aber so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte die drei Worte nicht vergessen, die Matthew Barton ihr entgegengeschleudert hatte.

Sie sind entlassen.

Immer noch konnte sie nicht glauben, dass er das wirklich gesagt hatte. Schließlich hatte sie ihm fünf Jahre geopfert, Jahre, die sie hätte nutzen sollen, um an ihrer eigenen Karriere zu basteln. Stattdessen hatte sie ihn immer unterstützt und ihm alles abgenommen, sodass er sich ausschließlich darum kümmern konnte, seine Firma zu dem zu machen, was sie jetzt war. Und dann hatte er sie auf diese beleidigende Art und Weise einfach gefeuert. In den fünf Jahren hatte sie häufig miterleben müssen, wie er sich von Mitarbeitern trennte, oft mit sehr rabiaten Worten. Aber die meisten hatten auch nichts Besseres verdient. Sie waren unzuverlässig gewesen, faul und manchmal sogar unehrlich. Es gab Kollegen, die ihren Chef betrogen hatten, die ihn anlogen oder sogar bestohlen hatten.

Und nun hatte Matthew Kendra, die keinen Arbeitstag versäumt hatte und absolut loyal war, genauso behandelt. Das konnte sie nur schwer verwinden.

Am meisten aber ärgerte sie die eigene Reaktion auf diesen Rauswurf. Sie wusste, sie hätte wütend sein sollen, empört über diesen miesen Stil. Sie hätte sich rächen sollen, indem sie sich über ihn bei der Gewerkschaft beschwerte. Aber sie war nur tief verletzt. Sie war enttäuscht und deprimiert wie ein kleines Mädchen, das immer als Letzte ins Sportteam gewählt wurde. Gleichzeitig wusste sie, dass eine aufstrebende Managerin sich solche Gefühle nicht leisten konnte.

In einem hatte Matthew recht gehabt: Sie hatte offenbar nicht genug bei ihm gelernt. Denn wenn sie auch einmal an ihre eigene Karriere gedacht hätte, hätte sie ganz anders reagiert. Sie hatte in ihm doch das beste Vorbild gehabt und war fest entschlossen gewesen, ihre Interessen genauso rücksichtslos durchzusetzen. Warum sollte sie also dazu nicht in der Lage sein? Sie würde es schaffen, sie musste sich nur mit aller Kraft darum bemühen. Und sie würde sofort damit beginnen, wenn sie durch die Eingangstür des Timber Lake Inn trat.

Das muss ein neues Hotel sein, dachte Kendra, während sie in die Straße einbog, in der das Hotel liegen sollte. Zumindest hatte sie den Namen noch nie gehört. Timber Lake Inn, ein seltsam gemütlicher Name für ein Tagungshotel. Wahrscheinlich sollte er den Eindruck erwecken, als seien Geschäft und Entspannung auf angenehme Weise miteinander zu verbinden.

Sie versuchte, die Hausnummern zu entziffern. Aha, sie musste etwa noch acht Querstraßen weiter in Richtung Seeufer fahren. Seit ihrer Studienzeit war sie nicht mehr am Lake Tahoe gewesen, und sie war überrascht über das rege Treiben, das hier herrschte, und die vielen Touristen, die sich auf den Straßen tummelten. In den vielen Geschäften gab es alles, was man sich nur wünschen konnte, Schmuck, Kleidung, Kunsthandwerk. Im Winter konnte man sicher überall Ski mieten oder kaufen. Jetzt im Sommer wurden Bootstouren angeboten, und die Schaufenster waren voll von Tauchzubehör, Schwimmtieren und Luftmatratzen. Die Menschen schlenderten in luftiger Kleidung in leuchtenden Sommerfarben durch die Straßen, saßen in den Cafés und genossen den Sommer. Das Wetter war ideal, sonnig und nicht zu warm, da vom See her immer eine kühle Brise kam. Das strahlende Blau des Himmels wurde nur durch einige weiße Wölkchen unterbrochen.

Kendra lächelte in Vorfreude auf den Tag. Ihre Entscheidung, Barton Ltd. zu verlassen, war absolut richtig gewesen. Das Angebot von Stephen DeGallo war genau zur rechten Zeit gekommen. Seltsam, wie manchmal einfach alles zusammenpasste. Eine ganze Woche in einem wahren Paradies lag vor ihr, eine Woche, in der sie auf ihren neuen Job vorbereitet werden sollte, der sie hoffentlich voll befriedigen würde. Ihre Zukunft bei OmniTech sah rosig aus. Wer weiß, wenn sie sich ordentlich einsetzte und keinen Fehler machte, dann konnte sie in der Firma vielleicht ganz nach oben kommen. Stephen DeGallo war ein passionierter Junggeselle von Ende vierzig und dafür bekannt, dass er seine loyalen Mitarbeiter mit allen möglichen Vergünstigungen belohnte. Selbst wenn er Kendra nicht als seine direkte Nachfolgerin in Erwägung ziehen sollte, in seinem Firmenkonsortium gab es genügend Positionen, die selbstständiges Arbeiten und Leitungsfunktionen boten. Matthew war da ganz anders. Er hatte nie auch nur angedeutet, dass er sich Kendra auf einem anderen, verantwortlicheren Posten vorstellen konnte.

Mist, jetzt dachte sie schon wieder an Matthew.

Sie schob den Gedanken an ihn zur Seite – zum wievielten Mal an diesem Tag? – und konzentrierte sich wieder auf die Hausnummern. Nach der übernächsten Querstraße musste das Hotel kommen. Als sie an einer roten Ampel halten musste, blickte sie auf die Uhr. Kurz vor drei, also würde auch ihr Zimmer fertig sein, wenn sie das Hotel erreichte. Sehr gut, genauso hatte sie es geplant. Um sechs Uhr abends sollte sie sich mit Stephen und den anderen neuen Kollegen zum Abendessen treffen, damit sie sich in einer entspannten Atmosphäre kennenlernen konnten. Die Orientierungswoche begann dann am nächsten Morgen pünktlich um acht. Informelle Kleidung wurde erwartet, aber Kendra hatte auf alle Fälle auch einen Hosenanzug und ein Kostüm eingepackt. Man konnte ja nie wissen, und sie wollte auf alles vorbereitet sein. Schließlich war sie ein Profi.

Natürlich hatte sie auch Jeans und T-Shirts und Sandalen mitgenommen, was sie am liebsten trug, wenn sie nicht arbeitete. Schließlich war sie nicht so besessen von ihrer Arbeit, dass sie nicht wusste, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen konnte. Anders als Matthew, der …

Verflixt, warum musste sie nur ständig an ihn denken?

Die Ampel wurde grün, und Kendra fuhr langsam an. Sie konzentrierte sich ganz auf die Straße. Hin und wieder warf sie einen Blick zur Seite, und obgleich sie das Seeufer schon sehen konnte, lag kein Gebäude vor ihr, das groß genug für ein Tagungshotel war. Ob sie die Adresse falsch notiert hatte? Die Straße hier wurde nur von Geschäften, Cafés und kleinen Pensionen gesäumt.

Sie hatte beinahe das Ende der Straße erreicht und wollte schon umkehren, als sie ein Schild sah, das auf den Parkplatz des Timber Lake Inn hinwies. Schnell trat sie auf die Bremse und konnte gerade noch rechtzeitig einbiegen. Es war die Zufahrt zu einem kleinen hübschen Garnihotel. Kendra runzelte die Stirn. Sie musste sich verfahren haben, aber wo? Dann erblickte sie das Schild über der Eingangstür. Timber Lake Inn. Also war sie doch richtig. Seltsam. Das Hotel sah eher so aus, als stiegen hier bevorzugt junge Paare auf ihrer Hochzeitsreise ab, nicht aber Kollegen, die zu einer Arbeitswoche zusammengekommen waren. Doch vielleicht wählte Stephen DeGallo absichtlich solche Tagungsstätten aus, damit sich seine neuen Mitarbeiter wohlfühlten. So etwas hätte Matthew nie getan, denn ihm kam es eher darauf an, neue Leute einzuschüchtern.

Wahrscheinlich hätte er diese Einarbeitungswoche sowieso in der Firma selbst abgehalten, dachte sie. Außerdem hätte er sich bestimmt nie persönlich um die Neuen gekümmert, sondern andere dafür abgestellt. Auf diese Art und Weise wurden sie gleich mit ihrem Arbeitsplatz vertraut gemacht und kamen gar nicht auf die Idee, an etwas anderes zu denken als an ihre zukünftige berufliche Aufgabe.

Schon wieder beschäftigte sie sich mit Matthew Barton! Verärgert stieß Kendra die Fahrertür auf und stieg aus. Sofort kam ein junger Mann auf sie zu, um ihr mit dem Gepäck zu helfen. Statt einer Livree trug er Shorts und ein Polohemd, in dessen Brusttasche das Logo des Hotels eingestickt war. Das blonde Haar fiel ihm ungekämmt in die Stirn, und er lächelte Kendra strahlend an, als wolle er sie gleich zu einer kleinen Bootspartie auf dem See einladen.

„Hallo“, sagte er und trat auf sie zu. „Willkommen im ‚Timber Lake Inn‘. Ich bin Sean. Warten Sie, ich nehme Ihr Gepäck.“

„Danke.“ Kendra nickte lächelnd und öffnete den Kofferraum. „Ich heiße Kendra Scarborough. Ich gehöre zu der Gruppe von OmniTech und bin hier wegen der Orientierungswoche.“

„Okay, wo auch immer die stattfinden mag, das Auto werden Sie kaum brauchen. Wir liegen hier sehr zentral, sodass Sie alles zu Fuß erreichen können.“

Kendra sah ihn verblüfft an. „Ich muss nirgendwo hingehen“, sagte sie. „Der Kursus findet hier statt, im Hotel.“

Sean hob überrascht die Augenbrauen. „So? Davon weiß ich ja gar nichts“, erwiderte er. „Allerdings hatte ich letzte Woche frei und bin erst heute Morgen wiedergekommen. Ich weiß nur, dass wir in dieser Woche eine Hochzeit haben und das jährliche Treffen des Truckee Skiclubs. Das Hotel ist total ausgebucht.“

Wieder musterte Kendra das Hotel. Irgendwie schien es nicht groß genug zu sein, um die Leute zu beherbergen, die hier eine Trainingswoche absolvieren sollten. OmniTech war immerhin eine ziemlich bekannte Firma. Sie hatte zwar nicht angenommen, dass die ganze Sache ein Riesenevent sei, aber da eine Woche dafür angesetzt war und der Chef selbst daran teilnahm, hatte sie schon mit einer Reihe von Kollegen gerechnet. Schließlich beschäftigte OmniTech allein in San Francisco mehrere hundert Menschen, und Kendra war davon ausgegangen, dass auch die neuen Mitarbeiter der anderen Westküstenfilialen eingewiesen werden sollten. Wahrscheinlich war das Hotel größer, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Sicher gab es noch einige Nebengebäude.

Sean ergriff ihre Koffer, und sie folgte ihm in die Lobby, die sehr einladend aussah. Der rustikal eingerichtete Raum hatte polierte holzvertäfelte Wände und einen großen Steinkamin. Der Holzfußboden war teilweise mit gewebten indianischen Teppichen bedeckt. Ein eiserner Kronleuchter hing von der Decke, die aus roh behauenen Baumstämmen bestand. Rechts vom Empfangstresen führte eine geschwungene breite Holztreppe nach oben in den ersten Stock. Von der Galerie ging eine Reihe von Türen ab. Allerdings scheint keiner der Räume groß genug für einen Tagungsraum zu sein, dachte Kendra verwundert. Und wie um ihre Vermutung zu bestätigen, öffnete sich eine der Türen und ein junges Paar kam heraus, eng umschlungen wie frisch Verheiratete.

Nichts in diesem kleinen hübschen Hotel wies darauf hin, dass hier auch Tagungen und Schulungen abgehalten wurden. Im Gegenteil, das Ganze sah irgendwie … kuschelig aus, ein anderes Wort fiel Kendra nicht ein.

Auch nach einem ersten Blick in ihr Zimmer kam ihr das Wort wieder in den Sinn. Statt eines Einzelzimmers war eine ganze Suite für sie reserviert, die ebenso geschmackvoll und rustikal eingerichtet war wie die Lobby. Vom Wohnzimmer aus führte eine breite Glastür auf einen großen Balkon, von dem aus man einen herrlichen Blick auf den See hatte. Auch das riesige Panoramafenster im Schlafzimmer ging auf den See hinaus. In dem großzügig geschnittenen Badezimmer fand sich neben einem Whirlpool auch ein kleiner Fernseher. Im Wohnzimmer gab es eine Minibar mit integriertem Eiswürfelspender. Auf dem Esstisch stand ein großer Korb mit frischem Obst und einem Sortiment an Weinflaschen, auf dem Schreibtisch ein riesiger Blumenstrauß. In dem Korb wie auch in dem Strauß steckte ein Kärtchen, das an „Kendra“ adressiert war. Kendra runzelte die Stirn. Warum nicht an Miss. Scarborough?

„Glauben Sie immer noch, dass DeGallo Sie nur wegen Ihres tollen Examens und Ihrer langjährigen Erfahrung engagiert hat?“

Erschrocken drehte sich Kendra um und erblickte Matthew Barton, der in der offenen Tür lehnte. Sie starrte ihn verblüfft an, aber nicht nur, weil sie nicht mit ihm gerechnet hatte. Er sah irgendwie … anders aus. Dass er zwanglos gekleidet war, heute mit einer hellen Hose und einem dunkelblauen Polohemd, kam weniger überraschend, obgleich sie ihn fast nur im Dreiteiler kannte. Es war Matthews ganze Erscheinung, die sie verblüffte.

Seine Hose war zerknittert, das Haar fiel ihm in die Stirn, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, als hätte er wenig Schlaf bekommen. Das ganze Gesicht wirkte irgendwie anders, ein bisschen schmaler, ein bisschen rauer, ein bisschen unrasiert. Ein „bisschen“, das passte gar nicht zu ihm, denn er war ein Mann, für den es nur „entweder – oder“ gab, „ganz oder gar nicht“, vor allem, wenn es um seine äußere Erscheinung ging.

Was war los mit ihm? Aber Kendra wollte sich darum keine Gedanken mehr machen. Es war seine Sache, wenn er zu viel arbeitete. Und wenn er jemanden eingestellt hatte, der oder die Kendras Aufgaben nicht so gut erfüllte, wie sie es getan hatte, so hatte er sich die Probleme nur selbst zuzuschreiben. Sie war schließlich nicht für ihn verantwortlich, vor allem, seitdem er nicht mehr ihr Chef war.

„Was wollen Sie denn hier?“, fragte sie, ohne vorher wenigstens „Hallo“ zu sagen. Voll Genugtuung stellte sie fest, dass ihre Stimme klar und sicher klang. „Ich meine, ich weiß, warum Sie in Tahoe sind. Aber was machen Sie hier? In meinem Hotel?“

Er stieß sich vom Türrahmen ab und kam näher. „Ich bin schneller hier gewesen, als ich gedacht hatte, und so habe ich ein bisschen Zeit. Erst in frühestens einer Stunde kann ich die Verwalterin der Lodge dort treffen. Und da dachte ich, ich komme einfach mal vorbei und sage Guten Tag.“

Kendra musterte ihn misstrauisch. Das sah Matthew Barton gar nicht ähnlich. Nie kam er „einfach so“ vorbei. Was er auch tat, es stand immer eine Absicht dahinter. Außerdem musste es ihn einige Zeit und Mühe gekostet haben, ihre Adresse herauszufinden. Und woher wusste er, wann sie hier angekommen war? Sie hatte ihm nichts davon erzählt. Außerdem waren sie nicht gerade in Freundschaft auseinandergegangen. Sie hatten keinen Kontakt mehr gehabt, seit er sie wie eine Verbrecherin vom Sicherheitsdienst aus dem Gebäude hatte führen lassen. Wenn er jetzt hier auftauchte, dann wollte er ganz bestimmt etwas. „Was wollen Sie?“

Matthew blickte sie aufmerksam an und fragte sich, welche der vielen möglichen Antworten er ihr geben sollte. Er wollte eine ganze Menge. Er wollte zum Beispiel, dass Perkins mit ihm den Vertrag abschloss. Er wollte, dass die Barton-Aktien immer höher stiegen. Er wollte mit vierzig seine erste Milliarde verdient haben. Ja, und dann wünschte er sich natürlich Frieden in der Welt, damit man weltweit ungehindert Geschäfte machen konnte. Und außerdem, zugegeben, wünschte er sich eine neue persönliche Assistentin, denn bisher hatte er wenig Glück bei seiner Suche gehabt. Die Frauen, mit denen er Einstellungsgespräche geführt hatte, waren alle absolut nicht qualifiziert gewesen.

Am meisten aber wünschte er sich, dass Kendra wieder zu Verstand kam und sah, wie sehr er sie brauchte, diese pragmatische, leistungsfähige, vertrauenswürdige, rundum fähige Frau.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie vollkommen anders aussah. Was hatte sie denn mit sich gemacht? Das dunkelblonde Haar, das sie normalerweise in einem Knoten zusammenfasste, fiel ihr in weichen Wellen auf die Schultern. Donnerwetter, das war ja sehr viel länger, als er gedacht hatte, sofern ihm überhaupt ihr Haar jemals aufgefallen war. Es war lang und dicht und seidig glänzend, Begriffe, die er auf ihr Haar bezogen noch nie angewandt hatte. Sie trug auch keine Brille, und er war überrascht, wie groß ihre Augen auf einmal wirkten. Sie waren grün. Noch nie hatte er bemerkt, dass Kendra grüne Augen hatte, hellgrüne und klar wie Flaschenglas.

„Was wollen Sie, Mr. Barton?“, fragte sie wieder und riss ihn aus seinen Betrachtungen.

Eine gute Frage, dachte er. Wenn er doch nur eine ebenso gute Antwort hätte. Aber Tatsache war, dass er selbst nicht wusste, warum er gekommen war. Sicher, das Hotel lag auf seinem Weg. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, hätte er den Umweg in Kauf genommen, um sie zu besuchen. Er hatte ein paar Nachforschungen angestellt, ziemlich intensive sogar, um herauszufinden, wo Kendra absteigen würde, und was es mit dieser Orientierungswoche von OmniTech auf sich hatte. Aber sein Spion bei OmniTech – er war sicher, dass auch DeGallo einen bei Barton platziert hatte – hatte nichts darüber herausfinden können.

Das war Beweis genug für Matthew, dass die Sache nicht ganz sauber war. Wenn eine offizielle Orientierungswoche geplant war, wäre das in der Personalabteilung bekannt gewesen, und sein Mann hätte davon gewusst. Er hatte Matthew immerhin sagen können, dass Kendra die einzige Angestellte auf Managementebene war, die bei OmniTech neu anfangen würde. Denn wie er ihr schon während dieses unerfreulichen Gesprächs gesagt hatte, normalerweise holte DeGallo sich seine Leute nicht von auswärts. Wenn es also nur darum ging, Kendra einzuarbeiten, dann hätte DeGallo das an ihrem zukünftigen Arbeitsplatz tun sollen und nicht in einem romantischen Hotel direkt am Ufer des Lake Tahoe.

„Ich möchte, dass Sie wieder bei mir anfangen“, sagte er, zu seiner eigenen Überraschung. Er hatte das wirklich nicht vorgehabt, als er beschloss, sie aufzusuchen. Er hatte lediglich …

Ja, was hatte er eigentlich bezweckt? Weshalb wollte er sie unbedingt sehen? Aber jetzt, da es ausgesprochen war, wusste er, dass dieser Gedanke wohl schon die ganze Zeit in seinem Kopf herumgespukt hatte. Er wollte sie wieder zurückhaben. Keiner der Bewerber hatte auch nur annähernd ihre Qualifikationen. Wenn er ihr nur ein entsprechendes Angebot machte, würde sie bestimmt wieder bei ihm anfangen, da war Matthew sicher. Jeder hatte seinen Preis, da war Kendra sicher keine Ausnahme. Wahrscheinlich brauchte sie auch mehr Anerkennung, das war ihm in den letzten Tagen mehrmals durch den Kopf gegangen. Er hatte nicht deutlich genug gemacht, wie wichtig sie für Barton Ltd. war. Sicher, sie hatte gut verdient und auch sonst alle möglichen Vergünstigungen bekommen. Aber jeder gute Mitarbeiter sehnte sich außerdem nach Wertschätzung. Und dass Kendra auf den ersten Blick der Typ war, der so etwas nicht zu brauchen schien, bedeutete nicht, dass ihr Anerkennung nicht doch wichtig war.

Warum hatte er nur nicht früher darüber nachgedacht? Zumindest hatte er sich nie bewusst überlegt, was sie sich wünschte. In seinem Unterbewusstsein war der Gedanke anscheinend schon aufgetaucht, denn sonst hätte er ihr wohl kaum das Angebot gemacht, sie wieder einzustellen. Wahrscheinlich war er auch deshalb hier in das Hotel gefahren, um sie zu sehen.

Kendra jedoch schien keineswegs begeistert von der Idee zu sein, an ihren alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Im Gegenteil, der Blick, mit dem sie Matthew musterte, drückte eher Empörung über diesen Vorschlag aus.

„Ich habe einen Job“, sagte sie knapp.

Hörte sich das zufrieden an? Vielleicht war sie bereits unglücklich über ihre Entscheidung, wollte es aber nur noch nicht zugeben.

„Und ich freue mich sehr darauf“, ergänzte sie.

Hm, unglücklich war sie also nicht. Statt einer Antwort ging Matthew ans andere Ende des großen Raums und sah aus dem Fenster auf den tiefblauen See, in dem sich der Himmel spiegelte. Es war ein herrlicher Tag, und die Sicht war so klar, dass man die dunkelgrünen Berge am gegenüberliegenden Seeufer gut erkennen konnte. Die Sonnenstrahlen brachen sich auf dem Wasser und ließen es wie Tausende von Diamanten glitzern. Das alles hatte so wenig mit dem Lärm, den Wolkenkratzern und der Betonwüste in einer Stadt wie San Francisco zu tun, dass jeder Gedanke an Arbeit verflog. Genau aus diesem Grund besuchte Matthew solche Gegenden äußerst selten. Und aus demselben Grund war er sich jetzt absolut sicher, dass Stephen DeGallo irgendetwas Übles vorhatte.

Er spürte mehr als dass er hörte, wie Kendra sich hinter ihm bewegte. Als sie stehen blieb, durchlief es ihn heiß, ein Gefühl, das er schon lange nicht mehr empfunden hatte. Er hasste es zu reisen. Was für eine Zeitverschwendung. Ihm kam es nur darauf an, ohne Umwege seine Ziele zu erreichen und dann möglichst bald wieder nach San Francisco zurückzukehren. Auch diesmal hatte eine gewisse nervöse Gereiztheit von ihm Besitz ergriffen. Aber als Kendra sich jetzt neben ihn stellte, empfand er plötzlich so etwas wie Ruhe, Frieden und Wohlbehagen … Schon lange hatte er sich nicht so gut gefühlt.

Zumindest nicht in den letzten Wochen.

Sie sagte nichts, sondern sah wie er aus dem Fenster, scheinbar völlig versunken in den Anblick des glitzernden Sees. Doch er wusste, dass auch sie über die Motive nachdachte, aus denen DeGallo sie in dieses Hotel bestellt hatte. Sie war eine intelligente Frau und fällte kluge Entscheidungen. Das machte sie auch als Mitarbeiterin so wertvoll.

„Was für ein Ausblick“, sagte er, weil ihm nichts Passenderes einfiel. „So etwas wird einem in der Stadt nicht geboten.“ Er wandte sich zu Kendra um und beobachtete sie scharf, während er hinzufügte: „In der Stadt, wo normalerweise Orientierungsseminare abgehalten werden.“

Sie seufzte leise und ließ ein wenig die Schultern hängen, sagte aber nichts. Natürlich war ihr klar, was er damit ausdrücken wollte.

„Und sehen Sie sich diesen Raum an“, sagte er und breitete die Arme aus. „Seit wann mietet man solche Suiten für neue Mitarbeiter, die eingewiesen werden sollen?“

Wieder seufzte Kendra, doch dann straffte sie die Schultern. „Vielleicht nicht für jeden neuen Mitarbeiter“, sagte sie bestimmt. „Aber für die neue PR-Chefin. Stephen möchte eben einen besonders guten Eindruck machen, das ist alles.“

Matthew nickte kurz, als wolle er ihr zustimmen. Dann schlenderte er zum Schreibtisch, auf dem dieser enorme Blumenstrauß stand, der größer war als jeder Strauß, den jemals ein Mann einer Frau geschenkt hatte, egal ob er ihr damit seine Liebe erklären wollte oder um Vergebung bat. Er zog die Karte aus der duftenden Pracht und fing an, den kleinen Briefumschlag zu öffnen.

„Matthew, nicht …“, fing Kendra an.

Er wandte ihr überrascht den Kopf zu und hielt sofort inne, nicht, weil sie ihn darum bat, sondern weil sie ihn beim Vornamen genannt hatte. Nicht ein einziges Mal in den fünf Jahren, die sie für ihn tätig war, hatte sie Matthew zu ihm gesagt. Denn er hatte es ihr nie angeboten. Und die Tatsache, dass sie ohne seine Erlaubnis diese unsichtbare Linie überschritten hatte …

Was bedeutete das? Hm, er musste zugeben, dass ihm durchaus gefiel, wie sein Name aus ihrem Mund klang. Und auch ihre noch leicht geöffneten Lippen musterte er mit Vergnügen. Eine leichte Röte war ihr in die Wangen gestiegen. War sie überrascht oder gar verlegen, weil ihr sein Name einfach so rausgerutscht war? Wünschte sie sich, es ungeschehen zu machen, oder wollte sie es vielleicht gar nicht zurücknehmen?

Zu seinem Erstaunen erhoffte Matthew sich Letzteres. Ja, er wünschte sich sogar, dass sie seinen Namen noch einmal sagte. Und das hatte nichts mit dem Job zu tun, den er ihr wieder angeboten hatte, sondern eher mit … er schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht aufmachen“, sagte sie, leiser diesmal und ohne seinen Namen noch einmal zu wiederholen.

Sie streckte die Hand aus, als wolle sie ihm den kleinen Umschlag abnehmen, den er immer noch zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Ohne nachzudenken zog er die Hand zurück, sodass sie einen Schritt auf ihn zumachen musste. Jetzt stand sie nur einen knappen Meter von ihm entfernt, durchaus in Reichweite. Immer noch hielt sie die Hand ausgestreckt, und Matthew hoffte schon, dass sie ihm den Umschlag aus der Hand nehmen und dabei seine Finger berühren würde. Aber dann ließ sie den Arm sinken und gab auf, wenn auch zögernd.

Bei diesem „Sieg“ hatte Matthew kein gutes Gefühl, aber er schüttelte das Unbehagen schnell ab und öffnete den Umschlag. Er zog eine kleine Karte heraus und überflog den Text. Ihm war nicht klar, ob das DeGallos Handschrift war, aber sie war männlich und energisch, und so vermutete er, dass DeGallo die Zeilen selbst geschrieben hatte. Er hatte nicht irgendeinen Mitarbeiter damit beauftragt, etwas, was Matthew selbstverständlich in der gleichen Situation getan hätte.

Aber natürlich wäre Matthew nie in eine solche Situation gekommen. Er konnte sich zwar vorstellen, zu versuchen, jemanden auf seine Seite zu ziehen, vielleicht auch abzuwerben, um mehr über einen Konkurrenten und seine Geschäftspraktiken zu erfahren, aber er würde die Sache direkter angehen. Ganz sicher hätte er dafür nicht eine solche Suite in einem Flitterwochenhotel gemietet, mit einem atemberaubenden Blick und einer mehr als romantischen Umgebung, und hätte das Ganze als Orientierungswoche getarnt. Und er hätte nie Blumen geschickt.

Er schüttelte den Kopf, während er vorlas, was DeGallo geschrieben hatte: „Kendra, ich warte ungeduldig darauf, dass Sie endlich unser Firmenschiff durch die trickreichen PR-Wasser steuern. Willkommen an Bord!“ Er blickte auf und musterte Kendra, aber sie hatte den Blick abgewandt und starrte an die Wand. „‚Durch die PR-Wasser steuern‘, etwas Besseres ist ihm nicht eingefallen?“

Mit einem Ruck drehte Kendra sich zu ihm um und sah ihn mit ihren großen grünen Augen so intensiv an, dass ihm ganz heiß wurde. „Wieso? Immerhin gibt es hier doch den See …“ Das klang etwas lahm. „Und überhaupt, was hätten Sie denn zur Begrüßung einer neuen Mitarbeiterin gesagt?“

„Ganz einfach: Ran an die Arbeit“, sagte er. „Und das hätte ich der Neuen persönlich gesagt und ohne dieses ganze Brimborium. Das ist nur dazu da, dass sie sich wichtiger fühlt, als sie tatsächlich ist.“

„Das hätte ich mir denken können!“ Kendras Wangen zeigten rote Flecken vor Zorn. „Natürlich, so etwas wäre Ihnen nie in den Sinn gekommen. Weil Sie keinen Ihrer Mitarbeiter für wichtig halten. Sie glauben, dass der Erfolg des Unternehmens allein Ihnen zu verdanken sei, nur Ihnen allein. Sie haben kein Gefühl dafür und wohl auch keine Ahnung, wie viele Menschen an so einem Erfolg Anteil haben und dass Sie es nie allein schaffen könnten. Das Wort Anerkennung ist Ihnen fremd, wenn es um die Angestellten geht, und wenn Sie nicht aufpassen, dann …“

Ganz plötzlich hielt sie mit weit aufgerissenen Augen inne, als sei ihr gerade klar geworden, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Matthew runzelte die Stirn, starrte Kendra an und öffnete schon den Mund, um etwas zu erwidern. Aber was? So etwas hatte Kendra noch nie zu ihm gesagt. Normalerweise brachte sie ihre Kritik nur vorsichtig an, aber das gerade hatte aufsässig geklungen und geradezu wie die Einladung zu einem Streit. Nie hatte sie es an Respekt fehlen lassen. Diese Reaktion jetzt war untypisch für sie und kam völlig überraschend. Was war denn bloß in sie gefahren?

Doch er schluckte herunter, was ihm auf der Zunge lag. Schließlich war sie nicht mehr bei ihm angestellt. Weshalb regte er sich denn dann so auf? Was sie als Mensch von ihm hielt, sollte ihm doch vollkommen gleichgültig sein. War es ihm aber nicht.

Das verwirrte ihn. „Das denken Sie also von mir?“, fragte er, beinahe ein bisschen verunsichert.

Nach kurzem Zögern nickte sie. „Ja, Sir“, sagte sie leise. Und kurz danach, ein wenig bestimmter: „Ja … Matthew.“

Wieder durchfuhr es ihn heiß, und zwar nicht, weil er sich über ihre Vertraulichkeit ärgerte. Aber warum dann? Nun, darum würde er sich später kümmern. Jetzt musste er erst einmal auf ihre Vorwürfe reagieren. Doch als sie ihn jetzt mit ihren klaren grünen Augen ansah, die Wangen gerötet, und mit einer nervösen Geste das lange seidige Haar zurückstrich, da brachte er nichts anderes heraus als: „Ist das wahr?“

Beide starrten sich schweigend an, bewegungslos, und hielten den Atem an. Dann erschien ein fast unmerkliches Lächeln auf Kendras Gesicht, und Matthew wusste sofort, warum sie lächelte.

Sieg.

Kendra Scarborough war der Meinung, sie habe ihn besiegt, bei was auch immer. Wenn er nur wüsste, was das war, dann würde ihm vielleicht auch einfallen, wie er darauf reagieren könnte. Er runzelte die Stirn.

Kendra dagegen schien sich in dieser Situation ausgesprochen wohlzufühlen. Sie stemmte die Hände in die Hüften und grinste ihn übermütig an. „Also, warum sind Sie hergekommen, Matthew? Hatten Sie irgendeinen Grund? Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

Wieder wusste er nicht, was er darauf antworten sollte. Denn zum ersten Mal in seinem Leben hatte er keine Ahnung, was er wollte und warum er gekommen war. Er konnte sich nicht konzentrieren, sondern musste Kendra immer ansehen, musste über sie und seine Reaktion auf sie nachdenken, genoss es, wie sie seinen Namen aussprach, und war vollkommen fassungslos, dass sie ihn so verwirrte.

Auf keinen Fall aber wollte er sich lächerlich machen. Deshalb fasste er in seine Hosentasche und zog ein kleines Gerät heraus, das er sich an dem Tag nach Kendras Kündigung gekauft hatte. Wie nannte sich das noch? Er konnte sich nicht einmal an den Namen erinnern, aber es sollte besser sein als … verdammt, wie nannte man das Ding noch, das ihm als eine Art Terminkalender diente?

Er hielt es Kendra hin und sah sie mit einem schiefen Lächeln an. „Ja, Sie können etwas für mich tun. Haben Sie eine Ahnung, wie dieses Ding hier funktioniert? Ich kriege immer wieder E-Mails von irgendeinem Prinzen in Nigeria, der mich bittet, ihm bei seinen Geldgeschäften behilflich zu sein. Wenn ich ihm helfe, hat er mir eine mehr als stattliche Provision versprochen, und Sie können verstehen, dass ich mir dieses Geschäft nicht entgehen lassen will.“

Kendra sah ihn an, als wäre ihm gerade ein zweiter Kopf auf den Schultern gewachsen. „Was ist denn?“, fragte er.

Mit langen Schritten durchquerte sie den Raum und riss die Tür auf. „Raus“, sagte sie. „Sofort.“

Vor Überraschung fiel ihm der Unterkiefer herunter. „Was? Sie wollen mir nicht helfen?“

„Ich bin nicht mehr Ihre Assistentin, Matthew.“

Daran brauchte sie ihn nicht zu erinnern, das war ihm schmerzhaft bewusst. „Aber …“

„Raus“, wiederholte sie. „Jetzt.“

Kopfschüttelnd tat er, was sie verlangte. Sie hatte etwas von ihm verlangt. Hatte ihm befohlen zu gehen. Die Tür knallte hinter ihm zu und hätte ihn fast getroffen. Hastig fuhr er herum und hob schon die Faust, um dagegen zu hämmern. Doch dann besann er sich.

Es musste eine andere Möglichkeit geben, sie wieder für sich zu gewinnen. Er wusste nur noch nicht, welche. Kendra machte einen großen Fehler, wenn sie glaubte, dass OmniTech sie brauchte. Er, Matthew Barton, brauchte sie, genauer gesagt Barton Ltd., korrigierte er sich schnell selbst. Nun musste er nur noch herausfinden, wie er auch Kendra davon überzeugen konnte.

3. KAPITEL

Kendra lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und atmete tief durch. Erst allmählich wurde ihr klar, was hier eben passiert war.

Sie hatte Matthew hinausgeworfen, einfach so. Wahnsinn. Gerade als sie das Gefühl hatte, dass sie sich zum ersten Mal auf gleicher Augenhöhe begegneten, hatte er die Unverschämtheit besessen, sie zu bitten, sein neues BlackBerry zu programmieren. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Hatte er immer noch nicht begriffen, dass sie nicht mehr seine „Untergebene“ war? Sie hatte nicht gezögert und ihn gebeten, nein, ihm befohlen, die Suite sofort zu verlassen. Und er war tatsächlich gegangen, ohne Widerrede, ohne einen einzigen Versuch, sie umzustimmen. Es war ein Wunder.

Allerdings hatte er sich auch nicht von ihr verabschiedet.

Aber das Entscheidende war, dass Kendra in dieser Situation nicht klein beigegeben hatte, dass sie durchgesetzt hatte, was sie wollte. Das war ein gewaltiger Fortschritt. Und diesen Sieg wollte sie sich nicht nehmen lassen, auch wenn es während der Diskussion Augenblicke zwischen ihnen gegeben hatte, die seltsam waren. Atmosphärisch hatte sich etwas verändert, die Luft war von einer merkwürdigen Spannung erfüllt gewesen …

Aber was war die Ursache?, fragte sie sich. Während ihrer Auseinandersetzung hatte Matthew sie manchmal angesehen, als stünde nicht Kendra Scarborough vor ihm, die er seit fünf Jahren kannte. Sondern eine andere Frau, die ihn interessierte. Die ihm fremd war und in deren Gegenwart er sich irgendwie unsicher fühlte. Es war seltsam. Auch ihre Reaktion war ungewöhnlich gewesen. Plötzlich nahm sie ihn ganz anders wahr als in den vergangenen fünf Jahren, in einer Art und Weise, wie sie ihn nicht hatte wahrnehmen wollen, als sie noch für ihn arbeitete.

Aber jetzt sollte sie vielleicht der Wahrheit ins Auge sehen.

Als Matthew seine Verlobung mit Lauren Conover bekannt gab, hatte Kendra Empfindungen gehabt, die sie überraschten. Und sie hatte sich eingestehen müssen, dass ihre Gefühle für ihren Chef vielleicht ein bisschen anders oder sogar stärker waren, als man sie normalerweise seinem Vorgesetzten entgegenbrachte. Bisher hatte sie sich nie etwas daraus gemacht, wenn Matthew wieder mit einer neuen Frau ankam, denn sie wusste, das waren nur kurzfristige Beziehungen, die Frauen kamen und gingen. Aber verlobt, das war etwas anderes. Als ihr klar wurde, dass er sich wirklich an eine Frau binden wollte, da hatte sie sich irgendwie seltsam gefühlt, irgendwie betroffen.

Zuerst versuchte sie sich einzureden, sie hätte eben Schwierigkeiten damit, dass ein so intelligenter Mann so dumm sein könnte, sich auf eine Ehe einzulassen, nur weil sie seiner Karriere half. Er musste doch wissen, dass das nicht gut gehen konnte. Dann sagte sie sich, sie sei einfach wütend, dass er ihr wegen dieser Verlobung so viele zusätzliche Aufgaben übertrug, die mit ihrem eigentlichen Job und der Firma gar nichts zu tun hatten.

Sie hatte alle möglichen Empfindungen durchgemacht, nachdem er sie mit seiner Verlobung konfrontiert hatte: Leugnen, Wut, Versuche, die Tatsache zu akzeptieren, Niedergeschlagenheit.

Nein. Kendra schüttelte energisch den Kopf. Das waren alles Stadien von tiefem Kummer. Aber das konnte doch nicht sein. Keinesfalls hatte Matthews Verlobung eine solche Wirkung auf sie haben können.

Und dennoch, wenn sie ehrlich mit sich selbst war, musste sie zugeben, dass da etwas dran war. Dass sie ganz vielleicht und möglicherweise Gefühle für ihren Chef entwickelt hatte. Gefühle von Verbundenheit. Gefühle von Loyalität. Gefühle von … Sie kniff die Augen zusammen und zwang sich, es zuzugeben. So etwas wie Zuneigung.

Die Erkenntnis, dass sie angefangen hatte, etwas für ihren Boss zu empfinden, was nichts mit ihrem Job zu tun hatte, hatte sie in ihrem Entschluss, zu kündigen, bestärkt, wenn auch unbewusst. Selbst als er die Verlobung gelöst hatte, war sie davon überzeugt gewesen, dass es das Beste sei, die Firma zu verlassen. Sie konnte es nicht riskieren, dass sie sich in Matthew verliebte, denn er würde in ihr nie etwas anderes sehen als eine sehr fähige Mitarbeiterin. Menschen waren für ihn lediglich Rädchen, deren Aufgabe es war, das Uhrwerk am Laufen zu halten. Da kam das Angebot von Stephen DeGallo gerade recht. Matthew hatte gerade die Hochzeit abgeblasen, und bevor Kendra sich in irgendwelchen Träumen verlieren konnte, hatte sie lieber schnell gekündigt.

Hoffentlich war aber auch ihre Entscheidung richtig gewesen, bei Stephen DeGallo anzufangen.

Donnerwetter, dachte Matthew, als er in die Einfahrt einbog. Die Lodge sah eher aus wie ein Romantikhotel als wie ein Privathaus. Wenn er nicht schon vor drei Monaten hier gewesen wäre, als sein Bruder Luke seine Zeit „ableistete“, dann hätte er daran gezweifelt, die richtige Adresse aufgeschrieben zu haben. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Mit einer schnellen Bewegung nahm er seinen kleinen Lederkoffer vom Rücksitz und ging zum Eingang, wo die Verwalterin schon auf ihn wartete.

Die Frau hatte sich eine beige Baseballmütze tief in die Stirn gezogen und trug einen hellgelben geraden Rock zu einer weißen ärmellosen Bluse. Da sie eine große Sonnenbrille trug, war schwer zu sagen, wie sie eigentlich aussah, aber auf den ersten Blick wirkte sie eigentlich ganz attraktiv. Sie hatte den blonden Pferdeschwanz durch das Loch in der Mütze gezogen und hatte keine schlechte Figur, wie Matthew nach kurzer Musterung feststellte. Allerdings nicht zu vergleichen mit Kendra … Wie angenehm wäre es, wenn sie statt dieser fremden Frau ihn hier begrüßen würde … Nicht, weil er sich wünschte, den Monat hier mit Kendra zu verbringen, natürlich nicht. Sondern weil er mit ihr zusammen sehr viel mehr von dem erledigen könnte, was er sich vorgenommen hatte.

„Sie sind Mary?“, fragte er und streckte die Hand aus. „Tut mir leid, dass ich zu spät komme. Ich bin Matthew Barton.“

Sie schien erleichtert auszuatmen, als sie seine Hand nahm und schüttelte. Hatte sie geglaubt, dass er jemand anderer war? Aber sie hatte doch seinen Zwillingsbruder bereits kennengelernt, da hätte sie doch wissen müssen, wer er war. Aber vielleicht war auch er nicht so leicht zu erkennen, weil er eine dunkle Sonnenbrille trug.

„Ja, ich bin Mary, die Verwalterin der Lodge“, sagte sie. „Herzlich willkommen!“ Sie nahm einen Schlüssel von ihrem beeindruckenden Schlüsselbund und reichte ihn Matthew. „Hier ist der Schlüssel. Legen Sie ihn bitte auf den Küchentisch, wenn Sie nach Ihrem Monat wieder abreisen. Ich habe den Kühlschrank gut gefüllt, und in den Küchenschränken finden Sie alles, was Sie brauchen. Im Gefrierschrank sind unter anderem auch vorgekochte Gerichte des hiesigen Gourmetrestaurants. Natürlich gibt es auch noch andere Restaurants in Hunter’s Landing. Die Speisekarten liegen auf dem Kühlschrank. Das Clearwater' und der Lakeside Diner sind durchaus zu empfehlen. Wenn Sie selbst gern kochen, dann haben Sie es nicht weit zum Gemüsemarkt. Er ist nur zwei Meilen von hier entfernt.“

Sie hatte eine leise und teilnahmslose Stimme und sprach, als lese sie einen vorbereiteten Text von einem Blatt Papier ab. „Die Stadt Tahoe liegt eine halbe Autostunde nördlich, und bis zur Grenze nach Nevada fahren Sie zwanzig Minuten. Falls Sie sich für Kasinos interessieren“, fügte sie noch schnell hinzu.

„Nicht besonders“, meinte Matthew. Wenn er spielte, dann um höhere Einsätze, als sie in Kasinos erlaubt waren.

„Okay.“ Mary nickte. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Soll ich Ihnen das Haus zeigen und erklären, wie alles funktioniert?“

„Wahrscheinlich ist die Einrichtung vergleichbar mit anderen Häusern“, sagte er. Er hatte keine Lust, sich lange Erklärungen anzuhören, wie alles funktionierte. Er hätte es sowieso nach kurzer Zeit wieder vergessen.

„Einige Sachen schon“, gab Mary zu. „Allerdings gibt es hier durchaus ein paar Extras, die nicht unbedingt der gängigen Ausstattung in normalen Haushalten entsprechen. Zum Beispiel einen Whirlpool, eine spezielle Kücheneinrichtung, Plasmafernseher …“

„Schon gut“, unterbrach er ihren Redeschwall. Nichts davon interessierte ihn besonders. Und er hatte auch gar keine Zeit, all das zu nutzen, denn er hatte vor, viel zu arbeiten. „Aber das werde ich nicht brauchen. Dennoch vielen Dank.“

„Gut, wenn Sie mich dann nicht weiter brauchen …“, sagte sie etwas pikiert.

„Nein, vielen Dank für Ihre Mühe.“

„Die wichtigsten Telefonnummern, auch die Notrufnummern, stehen auf dem Zettel, der auf dem Kühlschrank liegt. Meine auch. Ich hoffe, Sie werden sie nicht brauchen.“

„Danke.“

„Auf Wiedersehen.“ Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um und musterte ihn aufmerksam, als suche sie etwas. Dann ging sie mit schnellen Schritten die Treppe hinunter. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Matthew plötzlich den Eindruck, als kenne er sie irgendwie. War es ihr Gang oder ihre Stimme, die ihn an irgendjemand anderen erinnerten? Aber an wen?

Doch sobald Mary in ihren Wagen gestiegen war und er sie nicht mehr sehen konnte, war der Moment auch schon wieder vorbei. Er sah ihr hinterher, wie sie die gewundene Einfahrt hinunterfuhr, und spielte abwesend mit dem Schlüssel. Dann wandte er sich mit einem Ruck um und öffnete die Tür. Schnell zog er sie hinter sich ins Schloss. Immer noch war er ziemlich sauer auf Hunter, der sie alle gezwungen hatte, hier in diesem Provinznest einen Monat auszuharren. Irgendetwas hatte er damit bezweckt, aber was? Das war dem Freund wohl selbst nicht klar gewesen.

Und irgendwie nahm er es ihm auch übel, dass er einfach gestorben war.

Aber im Grunde war er nur auf sich selbst wütend, das musste er zugeben. Wie hatte es geschehen können, dass er nach dem Studium so vollkommen den Kontakt mit den anderen Sechs Samurai hatte verlieren können? Aber es war passiert. Die Zeit verging so schnell. Man trennte sich. Man arbeitete zu viel. Das Leben stellte seine Forderungen. Man wurde älter, entfremdete sich vielleicht auch. Sie waren unterschiedliche Wege gegangen, das war normal. Hunter und er und die anderen fünf waren damals noch sehr unreif gewesen, als sie sich schworen, für immer und ewig Freunde zu bleiben. Wenn man älter wurde, sah alles anders aus. Matthew hatte es ja noch nicht einmal geschafft, mit seinem Zwillingsbruder in Kontakt zu bleiben. Allerdings hatte das seine Gründe. Schließlich hatte sein Bruder ihn beschuldigt, ihn hintergangen zu haben. Außerdem hatte Luke ihm seine Braut abspenstig gemacht. Da war eine gewisse Entfremdung doch wohl verständlich.

Unsinn. Matthew musste über sich selbst den Kopf schütteln. Das war unfair Luke gegenüber. Ihr Vater war in Bezug auf Fairness leider kein leuchtendes Vorbild gewesen. Er hatte die Zwillinge gegeneinander aufgehetzt, als sie noch sehr jung waren. Samuel Sullivan Barton war der Meinung, dass Kinder nicht früh genug darauf vorbereitet werden konnten, sich in einer gnadenlosen Geschäftswelt zu behaupten. So hatte er Luke und Matthew miteinander konkurrieren lassen, wann immer sich die Gelegenheit ergab.

Wer erhielt die meisten Auszeichnungen bei den Pfadfindern?

Wer war am erfolgreichsten, wenn es darum ging, für die Schule Geld zu sammeln?

Wer erzielte die meisten Punkte beim Basketball, beim Football, beim Baseball?

Schon als Kinder fühlten Luke und Matthew sich eher wie Rivalen denn als Brüder.

Nachdem der Vater gestorben war, wurde es nur noch schlimmer. Sein Testament sah vor, dass derjenige der Söhne, der zuerst seine erste Million beisammen hatte, den gesamten Besitz erben sollte. Matthew war der Gewinner. Allerdings hatte Luke das nie akzeptiert und dem Bruder vorgeworfen, ihn betrogen zu haben. Deshalb hatte er jahrelang nicht mehr mit ihm gesprochen. Erst vor kurzer Zeit waren sie sich wieder begegnet und hatten sich ausgesprochen. Anlass war Lauren Conover gewesen, Matthews Verlobte, in die Luke sich verliebt hatte. Eigentlich hatte er den Bruder nur hart treffen wollen, indem er mit dessen Verlobter schlief. Doch dann hatte er sich in sie verliebt.

Matthew hatte sich schließlich damit abgefunden, dass er Lauren an Luke verloren hatte. Im Grunde hatte er sie auch nie geliebt. Dennoch war sein Verhältnis zu seinem Bruder immer noch leicht gespannt.

Matthew seufzte leise. Weshalb mussten sein Vater und Hunter durch ihre Testamente auch sein Leben vollkommen durcheinanderbringen?

Er lehnte sich gegen die schwere Haustür und ließ den Blick durch die großzügigen Räume schweifen. Im College hatten sie sich geschworen, eine Blockhütte zu bauen und sich dort nach zehn Jahren wiederzutreffen. „Blockhütte“, darunter stellte man sich etwas Kleines, Rustikales vor, sparsam eingerichtet und ohne Komfort. Dieses Landhaus aber war riesig wie aus einem Hollywoodfilm, edel eingerichtet und mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet. Der große Wohnraum ähnelte eher einer Halle mit der hohen Decke und den großen Fenstern, von denen aus man einen fantastischen Blick auf den See hatte. Die Holzverschalung glänzte in einem satten Honigbraun, und die Fußbodenbohlen waren seidig matt poliert. An der einen Seite des Raums war ein riesiger Kamin in die Wand eingelassen, vor dem gemütliche Sessel und ein zweisitziges Sofa standen, was dem Raum trotz seiner Ausmaße eine intime Atmosphäre verlieh.

Genauso hatte Matthew sich ein Landhaus vorgestellt, das von Hunter geplant und eingerichtet worden war. Wunderschön möbliert. Herrlich ruhig. Großzügig ausgestattet. Und dennoch fehlte irgendetwas, das den Eindruck des totalen Komforts abgerundet hätte. Irgendetwas hatte Hunter vergessen, aber momentan fiel auch Matthew nicht ein, was es sein könnte.

Er stieß sich von der Tür ab und nahm seinen Koffer. Seine Schritte klangen hart auf dem Holzfußboden und ließen ihn einmal mehr empfinden, dass er hier vollkommen allein und nur auf sich selbst angewiesen war. Das war eine neue Erfahrung für ihn, denn normalerweise hatte Kendra ihn auf seinen Geschäftsreisen begleitet. Und obgleich sie immer in unterschiedlichen Suiten untergebracht waren, hatten sie den ganzen Tag zusammen verbracht. Sicher, dies war im Grunde keine Geschäftsreise. Aber wenn Kendra noch seine Assistentin wäre, hätte er sie mitgebracht. Denn er hatte vor, die Zeit hier zu nutzen und viel aufzuarbeiten, das liegen geblieben war. Und Kendra wäre genau die Richtige gewesen, um ihn dabei zu unterstützen.

Immerhin hat sie fünf Jahre für mich gearbeitet, dachte er, während er sich seufzend zur Treppe wandte, die in den ersten Stock führte. Da sie nach dem Examen gleich bei Barton angefangen hatte, war das ihr erster und einziger Job gewesen. Und er war ihr erster und einziger Chef. Er hatte sie in die Geschäftspraktiken eingeführt, hatte ihr gezeigt, wie man zu den besten Resultaten kam. Durch ihn hatte sie verschiedene Strategien kennengelernt und erfahren, welche Genugtuung in einem gelungenen Geschäftsabschluss lag. Und nun, nachdem er sie mit allem vertraut gemacht hatte, hatte jemand anderer sie ihm weggeschnappt.

„Mann, Barton“, murmelte er vor sich hin, während er die Treppe emporstieg. „Du hörst dich ja an wie ein abgelegter Liebhaber.“

Das war wirklich lächerlich, aber leider konnte er nicht lachen. Stattdessen spürte er eine seltsame Erschöpfung und hatte plötzlich den Wunsch, Arbeit Arbeit sein zu lassen und etwas ganz anderes mit dem Rest des Tages anzufangen.

Der Gedanke zwang ihn, ganz plötzlich stehen zu bleiben. Was sollte das denn? Die Arbeit Arbeit sein lassen? Seit wann hatte er sich ohne Zwang von seiner Arbeit abbringen lassen? Oder hatte er einen Grund? Was konnte es Wichtigeres geben als Arbeit? Die Arbeit war sein Leben. Es war wirklich zum Lachen, plötzlich etwas anderes zu denken!

Aber auch darüber konnte er nicht lachen. Dann fiel ihm auch noch ein, dass er seinen Laptop im Kofferraum des Wagens gelassen hatte. Und, schlimmer, dass er gar nicht wusste, wie er die ganzen Ordner öffnen konnte, die er für seine Arbeit brauchte. Das war immer Kendras Aufgabe gewesen. Sie hatte den Computer total beherrscht, wusste, wo was gespeichert war, und hatte ihm alles bereitgelegt, was er brauchte. Nie hatte er sich darum kümmern müssen.

Also musste er eine Zeitarbeitskraft engagieren. Sicher gab es hier in der Nähe eine Vermittlung für Zeitarbeit. Bestimmt in Tahoe City. Zu ärgerlich, dass Kendra nicht hier war. Sie würde sofort die richtige Person ausfindig machen, hätte wahrscheinlich schon alles arrangiert, noch bevor er hier eingetroffen wäre.

Aber dazu würde er wohl auch noch in der Lage sein. Er brauchte nur im Telefonbuch nachzusehen, da wurde er bestimmt fündig.

Die Frage war nur, wo bewahrte man normalerweise sein Telefonbuch auf?

Als Kendra die Bar des Timber Lake Inn betrat, hatte sie sich schon damit abgefunden, dass auch diese, wie wahrscheinlich alles in diesem Hotel, einen kuscheligen Eindruck machen würde. Und so war es auch. Auch hier war der warm schimmernde Holzboden mit indianischen Teppichen bedeckt. Das Licht war noch stärker heruntergedreht als in den anderen Räumen, war sanfter und goldener, und alles wirkte sehr … romantisch, das ließ sich nicht leugnen.

Matthew hatte recht. Dies war kein Hotel, das sich ein Geschäftsmann bei klarem Verstand als Tagungshotel aussuchen würde. Dennoch war Kendra zuversichtlich, dass Stephen DeGallo seine Gründe für diese Wahl hatte. Bestimmt ging es ihm nicht darum, Kendra zu schmeicheln und sie in Sicherheit zu wiegen, wie Matthew vermutete. Wahrscheinlich waren alle anderen Hotels bereits ausgebucht, als Stephen die Orientierungswoche plante, und er hatte keine andere Wahl gehabt. Und dass der See und die ganze romantische Umgebung nicht unbedingt das hatte, was man als Arbeitsatmosphäre bezeichnete, und es deshalb ungewöhnlich war, gerade hier die Einführung vorzunehmen, hatte sicher keinen tieferen Grund. Lake Tahoe lag einfach zentral, das war alles.

Alles andere war Spekulation. Kendra strich sich ein letztes Mal über die beigefarbene Bluse und die dunkelbraune Hose. Stephen hatte gesagt, dass der Abend zwanglos werden würde, und so hatte sie ein zwangloses Outfit gewählt. Allerdings hatte sie sich ähnlich gekleidet, als sie noch bei Matthew war, bei Matthew beschäftigt war, ergänzte sie schnell. Und dass sie das Haar wieder im Nacken zusammengebunden hatte und auch die Brille trug wie sonst bei der Arbeit, hatte nichts damit zu tun, dass die Atmosphäre hier etwas zu … intim war und sie dem ganzen Ambiente etwas entgegensetzen wollte. Ganz sicher nicht. Aber sie hatte kein Risiko eingehen wollen. So ein Haarknoten war einfach praktisch. Und auch wenn sie normalerweise die Brille nicht immer tragen musste, bei dieser schlechten Beleuchtung konnte sie sie durchaus gebrauchen.

Sie musterte die Besucher der Bar. Irgendwo mussten doch auch diejenigen versteckt sein, die wie sie hier zu der Orientierungswoche eingeladen worden waren. Aber an den Tischen saßen nur Pärchen, die sich verliebt in die Augen sahen. Ein Pärchen hielt sich so eng umschlungen, dass Kendra dachte, es wäre besser, wenn sie auf ihr Zimmer gingen.

Sie blickte auf die Uhr und stellte fest, dass sie ein bisschen zu früh dran war. Offenbar war sie die Erste der Gruppe. Die anderen würden schon noch kommen. Da bemerkte sie, dass sich in einer Ecke des Raumes etwas bewegte. Sie sah genauer hin. Richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. In der hintersten und dunkelsten Ecke saß Stephen DeGallo und winkte ihr zu.

Sie hob kurz die Hand und ging in seine Richtung. Während sie sich durch die Tische hindurchschlängelte, hielt sie nach anderen möglichen Teilnehmern Ausschau. Umsonst.

„Kendra“, sagte Stephen herzlich, als sie seinen Tisch fast erreicht hatte. „Wie schön, Sie zu sehen. Ich bin froh, dass Sie es heil hierher geschafft haben.“

„Ich freue mich, hier zu sein, Stephen“, sagte sie und streckte die Hand aus. „Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Gelegenheit geben, etwas mehr über OmniTech zu erfahren. Ich bin schon sehr gespannt auf meinen neuen Job.“

Er ergriff ihre Hand mit beiden Händen und hielt sie ein bisschen länger fest, als unbedingt nötig gewesen wäre. Unwillkürlich musste Kendra an Matthews Warnung denken, aber sie verdrängte den Gedanken schnell wieder. Stephen war eben einfach nur freundlich. Und sie war vielleicht ein bisschen zu misstrauisch, da Matthew sie mit seiner Vermutung ganz verrückt gemacht hatte. Wie kam er bloß darauf, dass Stephen sie nur über Barton Ltd. aushorchen wollte? Solche Anschuldigungen waren typisch für einen Mann wie Matthew, der außer Arbeit nichts kannte. Beinahe hätte er sie damit angesteckt. Auch sie hatte fast vergessen, dass normale Menschen auch im Berufsleben freundlich und aufgeschlossen miteinander umgehen konnten.

Stephen lächelte so freundlich, dass Kendra sich zusehends entspannte. Er war schlank und sah sehr fit aus. Auch er war zwanglos gekleidet, trug Jeans und ein weißes Polohemd. Sein Blick war intelligent und humorvoll, sein dunkelblondes Haar wies die ersten grausilbernen Strähnen auf. Seine Ausstrahlung war sehr sympathisch, aber ihr alter Chef hatte eindeutig besser ausgesehen. Er beherrschte die Situation, ohne seinem Gegenüber das Gefühl zu geben, ihm unterlegen zu sein. Man fühlte sich mit ihm wohl.

Kendra hatte ihre Hausaufgaben gemacht, nachdem er ihr den Job angeboten hatte, und so hatte sie doch einiges über ihn herausgefunden. In vieler Hinsicht war er genauso auf seine Firma fixiert wie Matthew auf Barton Ltd. Aber während alle sozialen Kontakte, die Matthew außerhalb des Büros unterhielt, immer etwas mit der Firma zu tun hatten, war Stephen DeGallo jemand, der seine Freizeit genoss. Er hatte seine eigene Yacht und engagierte sich sehr in einer Stiftung, die er vor zehn Jahren ins Leben gerufen hatte, und die begabte, aber mittellose Studenten unterstützte.

Er war eben nicht nur ein guter Geschäftsmann, sondern auch ein guter Mensch. Und für beides bewunderte Kendra ihn.

Er rückte ihr einen Stuhl zurecht, und sie setzte sich. Dann beugte sie sich leicht vor, legte die Arme auf den Tisch und verschränkte die Finger. Verbindlich lächelte sie ihr Gegenüber an. „Bin ich die Erste hier?“

„Ja.“ Stephen lehnte sich zurück. „Ehrlich gesagt sind Sie nicht nur die Erste, sondern bisher auch die Einzige.“

Autor

Elizabeth Bevarly
Elizabeth Bevarly stammt aus Louisville, Kentucky, und machte dort auch an der Universität 1983 mit summa cum laude ihren Abschluss in Englisch. Obwohl sie niemals etwas anderes als Romanschriftstellerin werden wollte, jobbte sie in Kinos, Restaurants, Boutiquen und Kaufhäusern, bis ihre Karriere als Autorin so richtig in Schwung kam.

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