Kann es für immer sein, Dr. Dubois?

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Isabella ist überglücklich: Dr. Raphael Dubois und sie sind nicht nur beruflich, sondern auch privat endlich ein Paar. Dabei waren feste Beziehungen für die junge Hebamme nach ihrer gescheiterten Ehe lange tabu. Da erfährt sie, dass Raphael das Krankenhaus verlässt …


  • Erscheinungstag 13.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543019
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Sue MacKay

Kann es für immer sein, Dr. Dubois?

1. KAPITEL

„Bist du sicher, dass du ihn nicht mehr liebst?“

„Worauf du dich verlassen kannst.“

Wer weiß, ob ich meinen Ex überhaupt jemals richtig geliebt habe. Isabella Nicholson hütete sich allerdings, ihre Zweifel laut auszusprechen. Das wäre ihr zu peinlich gewesen, auch wenn Raphael Dubois ihr bester Freund war.

Bester Freund im Sinne von, ihm alles erzählen zu können, wann immer sie es brauchte. Selbst in den frühen Morgenstunden, wie jetzt um vier Uhr morgens hier in Wellington. In London, wo Raphael seinen Traumjob als Gynäkologe und Geburtshelfer am Queen Victoria Hospital gefunden hatte, war es vier Uhr nachmittags.

Moment mal … Er hatte ihr geschrieben, um zu fragen, ob sie schon wach war. Eine überflüssige Frage, da er genau wusste, dass sie zurzeit unter Schlaflosigkeit litt.

„Hey, warum wolltest du telefonieren? Bestimmt nicht, um über Darren zu reden, oder?“

„Izzy, war das die Wahrheit, oder fürchtest du die Antwort?“

„Erzähle ich dir nicht immer die Wahrheit?“ Von einigen Details in diesem speziellen Fall abgesehen …

„Du bist ziemlich gut darin, wesentliche Einzelheiten auszulassen, wenn es dir in den Kram passt.“ Raphael lachte leise, und sie wusste, dass er das Thema ihrer gescheiterten Ehe nicht weiter vertiefen würde.

„Also, was bringt dich dazu, mitten an einem Samstagnachmittag anzurufen? Ich hätte eher gedacht, dass du mit den Jungs im Rugby-Stadion sitzt.“ Er hatte seine Nische im Leben gefunden, sie nicht.

Vor zwei Jahren war sie nach Neuseeland zurückgekehrt, frisch verheiratet, voller Hoffnung und erwartungsfroh nach Darrens Versprechungen. Isabell wollte endlich ein Zuhause, an einem Ort leben, umgeben von Familie und Freunden. Zwölf Monate später war der Traum ausgeträumt. Sämtliche Freunde waren Darrens Freunde, und ihre Eltern hatten ihr eigenes Leben. Seitdem tat sie wieder das, was sie gut konnte – durch die Welt ziehen, von einem Job, von einem Land zum anderen. Vor zwei Wochen war sie von einem Freiwilligen-Einsatz in Kambodscha zurückgekommen, um ihre Eltern zu besuchen und sich zu überlegen, wie es für sie weitergehen sollte. Anders als sonst konnte sie sich jedoch nicht entschließen, einfach irgendwohin zu fliegen.

Bleib an einem Ort. Der Gedanke tauchte seit Neuestem immer öfter auf. Warum nicht ihren Traum von einem echten Zuhause allein verwirklichen?

„Ich habe gerade Drillinge auf die Welt geholt“, sagte Rafe. Er hatte den Schritt getan, lebte seit drei Jahren in London, hatte sich ein Haus gekauft und hielt Abstand zu seiner Familie in Avignon. Obwohl er ebenfalls mit Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen hatte, schien er auf ruhige Art zufrieden zu sein. Was nicht zu dem Raphael passte, den sie fast ihr Leben lang kannte.

Isabella wünschte sich diese Zufriedenheit auch. Nach einer Kindheit auf Reisen, da ihre Eltern im Diplomatischen Dienst tätig waren, war die Sehnsucht nach Beständigkeit groß gewesen. Vielleicht hätte sie weniger auf das Wo, sondern mehr darauf achten sollen, mit wem sie sich häuslich niederließ. Und nun saß sie hier, ohne Ehemann, und versuchte, das Loch in ihrer Seele zu ignorieren.

„Drillinge! Schwer vorstellbar, wie Eltern mit so vielen Babys auf einmal klarkommen können.“

„Diese Eltern hätten auch Vierlinge genommen, so sehr haben sie sich Kinder gewünscht.“ Mit weicher Stimme fuhr er fort: „Du solltest die Zwerge sehen. So niedlich, so winzig in ihren Brutkästen.“

„Aber sie schaffen es doch?“ Wenn eins seiner Babys Komplikationen zeigte, machte er sich schwere Vorwürfe, obwohl ihn keine Schuld traf. Sie hatte keine Ahnung, warum er seit einigen Jahren so extrem reagierte. Anscheinend hüteten sie beide Geheimnisse voreinander …

„Für Drillinge sind sie in guter Verfassung. Eins ist kleiner als seine Brüder, ich werde es genauer im Auge behalten. Sie haben es bis zur 34. Woche geschafft, bevor wir sie per Kaiserschnitt holen mussten. Also die besten Startchancen. Die Eltern hatten Zeugungsschwierigkeiten, und nach künstlicher Befruchtung, voilà, ein wunderbares Ergebnis.“ Sein französischer Akzent trat deutlicher hervor, wenn er emotional wurde.

„Das solltest du feiern.“

„Ich treffe mich mit zwei der Jungs und ihren besseren Hälften, sobald wir zu Ende telefoniert haben. Wie war dein Freitagabend?“

„Ich war mit einer Nachbarin essen und auf ein, zwei Drinks in der Bar um die Ecke.“ Isabella war nicht lange unterwegs gewesen. Lieber verbrachte sie den Rest des Abends in ihrem Elternhaus, statt ins Visier von Männern zu geraten, die nur eins im Sinn hatten.

Du wirst alt, Mädchen.

Oder abgestumpft.

„Das ist auf jeden Fall besser, als in den eigenen vier Wänden zu hocken und Trübsal zu blasen.“

Häh? Was war nur los mit ihm? „Nun übertreib mal nicht, Rafe.“ Wenn er bei seinen Babys gefühlvoll wurde, okay, aber er sollte nicht in ihrem verworrenen Leben herumstochern! „Ich sage es ein letztes Mal. Ich liebe Darren nicht. Meine Gefühle für ihn sind restlos gestorben, als ich ihn mit Gaylene Abernethy in unserem Bett erwischte.“

Wäre es nur so einfach, Darren für alles verantwortlich zu machen. Aber sie war selbst schuld. Sie hatte seine Versprechen für eine gemeinsame Zukunft durch eine rosarote Brille gesehen, ohne zu bemerken, dass sie nicht dasselbe wollten. Darrens Affären standen noch auf einem anderen Blatt. Damit war ihr Mann definitiv zu weit gegangen.

„Gut. Ich musste das fragen.“ Klang Raphael tatsächlich erleichtert? Allerdings, warum nicht? Die beiden Männer hatten sich nie gut verstanden.

„Klar.“

„Liebe verschwindet nicht immer sofort, auch wenn es einen Grund dafür gibt.“ Er sprach aus Erfahrung. Würde er ihr endlich erzählen, was genau vor sechs Jahren passiert war?

„Ich habe Darren geliebt, doch nicht so sehr, wie es im Sinne von ‚bis dass der Tod uns scheidet‘ gemeint ist.“

„Sagt das jemand heutzutage überhaupt noch? Was ist, wenn ihr beide fünfundneunzig werdet? Das ist eine ganz schön lange Ehe. Wer ist mit fünfzig noch wie mit dreißig, geschweige denn mit fünfundneunzig?“, fragte der Mann, der Cassie ewige Liebe geschworen hatte, nur um zwei Jahre später von ihr einen Fußtritt zu kassieren. Eine gescheiterte Ehe war noch etwas, das Raphael und sie gemeinsam hatten.

„Typisch für dich, solche Fragen zu stellen. Mir geht’s gut, Rafe. Ich habe einen Fehler gemacht, Ende der Geschichte.“

„Solange du dir sicher bist“, murmelte Raphael. „Ich möchte nicht, dass du es irgendwann bereust, dich von ihm getrennt zu haben.“

„Hör auf, Rafe. Darren und ich kommen nicht wieder zusammen. Es ist vorbei.“

„Okay. Erzähl mir von Phnom Penh. Was hat dich bewogen, noch einen Monat dranzuhängen?“

Jetzt würde sie doch lieber über ihren Ex reden. „Ein tragischer Fall, der mich besonders mitgenommen hat“, antwortete sie dennoch.

„Professionelle Distanz ist wichtig, Izzy.“

Als wüsste sie das nicht! „Dort drüben ist es anders. Wenn jemand erkrankt oder schwer verletzt ist, ist die gesamte Familie beteiligt. Von der Urgroßmutter bis zum Babybruder, und ich war mittendrin.“ Bis zu dem Punkt, als sie die Bremse zog, um nicht mehr dem Glück hinterherzurennen, sondern darüber nachzudenken, wie sie sich ihre Zukunft wirklich wünschte. „Können wir das Thema wechseln?“

„Klar. Was kommt als Nächstes? Eine Sommerexpedition in die Antarktis im Dienst der neuseeländischen Wissenschaft? Vier Wochen auf dem Schiff einer Hilfsorganisation in Afrika?“

„Ach, komm. So rastlos bin ich nun auch wieder nicht.“

Allerdings strafte das vergangene Jahr ihre Worte Lügen. Auckland, Melbourne, Kambodscha. Vielleicht war sie ihren Eltern ähnlicher, als sie zugeben mochte, und würde nie sesshaft werden, nie das eine Zuhause finden, wo sie bleiben und glücklich sein konnte. Zugegeben, Mum und Dad waren seit zweiunddreißig Jahren verheiratet, eine beständige Ehe, obwohl es sie selten länger als drei Jahre an einem Ort gehalten hatte. Aber sie hätten kein Kind in die Welt setzen sollen. „Ich war sechs Jahre in Wellington, habe meine Ausbildung gemacht und als Krankenschwester gearbeitet. Vier weitere Jahre habe ich in London verbracht, als Hebamme, bevor …“

Oui, verstehe. Doch im Moment überlegst du, was jetzt kommt: in Wellington bleiben, nach Afrika gehen oder nach Amerika. So wie du mit Niederlagen umgehst, wird dich diese Trennung immer wieder verunsichern. Wo soll ich leben? Für welches Projekt melde ich mich als Nächstes? Bin ich eher Kiwi oder Engländerin?“ Seufzend fügte er hinzu: „Sag’s mir, wenn ich unrecht habe, Izzy.“

Das konnte sie nicht. Er hatte ihre Zerrissenheit genau richtig beschrieben. Allerdings hatte jene kambodschanische Familie sie verändert, auf eine schwer definierbare Art. Aber sie war noch nicht bereit, darüber zu reden. Würde es vielleicht nie sein …

Isabella streckte sich der Länge nach im Bett aus und stopfte die dicke Überdecke rund um sich fest. „Es wird dich freuen zu hören, dass ich mir nicht vorstellen kann, monatelang auf einem Eisberg zu hocken und tiefschürfende Gespräche mit Pinguinen zu führen.“ Sie zog sich das Kopfkissen unter den Nacken. Der Herbst zeigte sich heute von seiner kalten Seite und lieferte schon einmal einen Vorgeschmack auf den nahenden Winter.

„Möglicherweise sind Pinguine interessanter als die Hälfte aller Leute, denen du am Tag begegnest.“ Sein sonst so ansteckendes Lachen hatte etwas Müdes, fast Gereiztes.

„Alles in Ordnung an deinem Ende der Welt?“

„Das Übliche. Wir sind personell unterbesetzt, und zurzeit ist gefühlt jede Londonerin über zwanzig schwanger.“

„Und dein Leben außerhalb des Queen Victoria? Was ist mit Lieben, Leben, Lachen und so weiter?“ Raphael war einer der attraktivsten Männer, die sie kannte. Frauen verliebten sich, noch ehe er Bonjour gesagt hatte. Trotzdem hatte er nach Cassie keine ernste Beziehung gehabt, höchstens ein paar Affären. Zumindest versprach er nie mehr, als er halten konnte, und machte von Anfang an klar, dass er keine Partnerin fürs Leben suchte. Tatsächlich war er so freundlich und rücksichtsvoll, dass auch seine Verflossenen ihn für wundervoll hielten. Noch lange, nachdem er Au revoir gesagt hatte.

„Keine Ahnung, was du meinst.“ Wenigstens klang sein Lachen diesmal wie gewohnt. „Neben der Arbeit bleibt nicht viel Zeit.“

„Das klingt genauso jämmerlich wie mein Leben gerade.“

„Ah, jetzt wird’s interessant, Schwester Nicholson. Für mich, nicht für dich“, fügte er hinzu.

„Sicher?“, grummelte sie. Musste er sie mit der Nase auf ihre eigene Unzufriedenheit stoßen?

„Ich liege nicht nachts stundenlang wach und versuche, das Puzzle wieder zusammenzusetzen.“

„Du hast recht, und wehe, du reitest darauf herum“, sagte sie mürrisch. „Ja, ich muss ein paar Entscheidungen treffen.“

„Welche zuerst?“

Das war das Problem. Sie hatte keinen Schimmer, wo sie anfangen sollte. „Wo ich leben will?“

„Was passt dir an deinem jetzigen Wohnort nicht?“ Direkt wie immer, der gute Rafe.

„Wenn ich hierbleibe, muss ich mir eine Wohnung oder ein Haus kaufen, und dann hänge ich mit dem Kredit hier fest.“ Isabella seufzte. „Komisch, Wellington habe ich immer als mein Zuhause gesehen, aber es fühlt sich nicht so an.“

„Du warst dort nicht wirklich glücklich. Wir alle brauchen einen Ort, den wir Zuhause nennen, doch das bedeutet nicht, dass er uns das bietet, was wir uns von ihm erhoffen. Wie ich und Avignon.“

Eine komplizierte Beziehung. „Die Stadt ist interessant.“ Mittelalterliche Stadtmauer, eine alte Burg auf der anderen Flussseite, die berühmte Pont d’Avignon. Ihre Geschichte hatte Izzy fasziniert und die Sehnsucht verstärkt, irgendwohin zu gehören, Teil von etwas zu sein. Als Darren daherkam, war sie mit ihm nach Wellington zurückgegangen. Und jetzt würde sie vielleicht wieder aufbrechen. Ihr fehlte etwas. In Wellington? In ihr? „Ich glaube, ich möchte zu meinen Freunden zurück, Menschen, die mich kennen und wissen, woher ich komme.“

Raphael würde das verstehen. Sie hatten sich kennengelernt, als sie mit ihren Schulen auf Skifreizeit in den Schweizer Alpen gewesen waren. Bei einer wilden Fahrt mit ihrem Snowboard, das sie nicht mehr unter Kontrolle brachte, hatte sie ihn praktisch über den Haufen gefahren. Damit die Schrammen und Kratzer nicht zu sehr schmerzten, trösteten sie sich in einem Café mit heißer Schokolade und hatten sich auf Anhieb super verstanden. Sein Vater arbeitete in einer Schweizer Bank, während ihrer im neuseeländischen Konsulat in derselben Stadt tätig war.

Izzy war es gewohnt, schnell Freundschaften zu schließen, weil sie wusste, wie schnell drei Jahre vergehen konnten und sie wieder von vorn anfangen musste. Raphael hatte Heimweh nach seiner Großmutter und seinen Cousins in Avignon gehabt. Er nahm es seinen Eltern übel, dass sie ihn aus der vertrauten Umgebung gerissen hatten. Und Izzy wünschte sich, dass ihre Eltern nach Hause zurückkehrten und nicht mehr durch die Weltgeschichte zogen. Doch ihre Mutter trat eine Stelle in einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft an, für die sie viel reisen musste, und Isabella wurde auf ein Internat in England geschickt. Sie kam sich abgeschoben und unendlich verlassen vor. Selbst als sie später in den Schoß der Familie zurückkehrte, blieb die Kluft bestehen. Die erzwungene Distanz hatte sie für immer verändert.

Obwohl er zwei Jahre älter war als sie, tat Raphael alles, damit sie in Kontakt blieben. Auch wenn sie die meiste Zeit ihrer Freundschaft in verschiedenen Ländern verbrachten, waren sie sich nahe wie bei ihrer ersten Begegnung. Kurze Zeit arbeitete sie mit ihm zusammen in Tours, und es war großartig gewesen. Seitdem hielt Izzy die Erfindung moderner Kommunikationssysteme für das Beste, was ihr je passiert war.

„Du kommst doch zu Carlys Hochzeit, oder?“, fragte Raphael.

„Um nichts in der Welt möchte ich die verpassen. Schlimm genug, dass ich bei Esthers und Harrys nicht dabei war.“ Der Flug damals nach London war bereits gebucht, als von der Medizinischen Hilfsorganisation angefragt wurde, ob sie ihren Aufenthalt nicht um einen Monat verlängern könnte. Die schwer traumatisierte Familie Khy, die Izzy betreut hatte, bräuchte sie noch, um wieder Halt zu finden. Sie konnte nicht Nein sagen. Sie wurde gebraucht, und sie wollte gebraucht werden. Immer noch. „Die Flüge sind unter Dach und Fach.“

„Warum machst du nicht ein One-Way-Ticket daraus? Deine Freundinnen von der Hebammen-Ausbildung sind alle hier und arbeiten am Queen Victoria – für wie lange noch, steht allerdings in den Sternen, bei all den Hochzeiten. Und dann gibt es ja noch moi.“

Sie lachte spröde. „Einfach so?“ Doch es wäre tatsächlich einfach. Da ihre Mutter Engländerin war, wäre es für Izzy ein Leichtes, eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für das Vereinigte Königreich zu bekommen. Aber wollte sie das? Wollte sie unter Beobachtung stehen, Fragen beantworten, jede Entscheidung erklären müssen?

Raphael war anders geworden. Zumindest, seit sie sich von Darren getrennt hatte. Er fragte nach, was sie machte, welche Aufträge sie annahm, wollte wissen, in welchem Land. Wenn sie erst in seiner Nähe wohnte, würde er wahrscheinlich noch mehr auf sie „aufpassen“ wollen.

Seine Stimme wurde schmeichelnd. „Okay, ich sag dir, warum ich angerufen habe. Auf meiner Station wird eine Stelle frei. Mit deinen Qualifikationen als Hebamme und als Krankenschwester bist du für den Job ideal. Die Kollegin hat es bisher nur mir gesagt und versprochen, es nicht offiziell zu machen, bevor ich nicht mit dir gesprochen habe. Was meinst du?“

„Wie schnell müsste ich anfangen?“ Die Begeisterung fehlte. Sonst konnte sie es kaum erwarten loszulegen, wenn ein neues Angebot kam. Es sah ihr gar nicht ähnlich, erst Pro und Kontra abzuwägen.

„Jasmine möchte in drei Wochen aufhören. Anscheinend lebt ihr Freund in Kanada, und sie haben vor, im Sommer einen Roadtrip zu unternehmen.“

Will ich nach London zurückkehren? Ernsthaft? Oder sollte sie in Wellington bleiben, sich mehr anstrengen, es zu ihrem Zuhause zu machen, wie sie es sich immer gewünscht hatte?

„Und … Tada! Das Beste von allem ist …“ Er machte eine Pause, um den Effekt zu erhöhen. Typisch Raphael. „Denk daran, wer die Station leitet. Es ist deine Entscheidung, aber du weißt, dass wir ein klasse Team sind.“

Tatsächlich ein Pluspunkt. Die Stelle in Tours, gleich im Anschluss an ihre Hebammenausbildung, war fantastisch gewesen. Auch, weil ihr bester Freund am selben Krankenhaus arbeitete. Er hatte ihr die französische Lebensart gezeigt und sie mit nach Avignon genommen, damit sie seine Großmutter und die Cousins kennenlernte. An ihren freien Tagen unternahmen sie Ausflüge in malerische Städtchen, zu herrlichen Schlössern und in die Berge.

Irgendwann fing er in London an zu arbeiten, sie begegnete Darren bei einem Rugby-Spiel der All Blacks gegen die Les Bleus, und der Rest war Geschichte. Eine niederschmetternde Geschichte, aber … Was mich nicht umbringt, macht mich stark. Izzy wusste nur nicht, wann es so weit war mit dem Starksein.

„Weißt du was?“, fragte sie zögernd.

„Du bist schon unterwegs.“

„Vielleicht.“

„Halloo? Wo ist die starke, selbstbewusste Isabella hin? Entweder kommst du oder du kommst nicht. Was von beidem?“

Ich muss mich jetzt entscheiden?

Warum nicht? Raphael hatte recht. Sie hatte das Leben immer genommen, wie es kam, nicht lange über Entscheidungen gegrübelt und akzeptiert, wenn einmal etwas schieflief. Weil jeder Fehler machte, weil jeder sich irren konnte. Aber ihre gescheiterte Ehe hatte sie aus der Spur geworfen. Sie machte sich zu viele Gedanken darum, ob etwas richtig war oder falsch. Es fiel ihr schwer, anderen zu vertrauen. Als sie dann erlebte, wie die Familie Khy zusammenhielt und nach vorn sah, nachdem sie den Kampf um ihren geliebten Sohn verloren hatte, geschah etwas mit ihr.

„Izzy?“

Falls es sich als falsch erweisen sollte, in London eine Stelle anzunehmen, würde sie es überleben. Aber zumindest wäre sie mit Rafe und ihren Freundinnen zusammen, den Menschen, die ihr am meisten bedeuteten.

„Ich muss Schluss machen. Meine Koffer packen.“

2. KAPITEL

Zwei Wochen später marschierte Raphael in der Ankunftshalle auf und ab, als sein Handy mit einem Ping eine Nachricht von Isabella ankündigte.

Gelandet.

Na endlich, dachte er, plötzlich von einem starken Gefühl erfüllt. Erleichterung? Nein, dies fühlte sich drängender an. Nicht, dass er es benennen könnte, aber es machte ihn kribbelig und glücklich zugleich. Genau so war ihm zumute gewesen, als Izzy erklärte, dass sie nach London kommen würde.

Seine Finger flogen über das Display.

Ich warte in der Ankunftshalle.

Die Maschine hatte eine Stunde Verspätung. Raphael war besonders früh aufgestanden, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Hatte sich nicht einmal Zeit für die Visite genommen und auch darauf verzichtet, nach den Drillingen zu sehen. Nichts erschien ihm wichtiger, als pünktlich in Heathrow zu sein, und das bedeutete für ihn früh. Sehr früh. Der gewohnte Gang zum Markt fiel aus, und Rafe verfluchte die Staus auf dem Weg zum Flughafen, schimpfte stumm, wenn auf der Anzeigetafel wieder eine Maschine gelandet war, die nicht Izzys Flugnummer trug. Verdammt, er checkte sogar seine App, ob die Anzeigen auf der Tafel stimmten. Oui, natürlich stimmten die Angaben überein. Aber die Verzögerung machte ihn verrückt!

Er konnte es kaum erwarten, Izzy zu sehen. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie Darren geheiratet hatte – in Raphaels Augen ein absoluter Idiot – und „nach Hause“ zurückgekehrt war. Als sie ihn einlud, sie in Wellington zu besuchen, schob er wichtige Verpflichtungen vor, um nicht mit ihrem Mann zusammentreffen zu müssen. Darren schien nicht zu begreifen, dass Raphael und Isabella enge Freunde und nie ein Liebespaar gewesen waren. Also betonte er wieder und wieder, dass sie ihm gehörte. Na klar … Und was hatte es ihm gebracht? Der Typ hatte nichts begriffen und war wieder Single.

Ping!

Hast Du einen Anhänger mit?

So viel Gepäck?

Jepp.

Echt? Für gewöhnlich reiste sie mit leichtem Gepäck. Das hatte sie als Diplomatenkind gelernt. Während ihre Eltern sich an jeden neuen Bestimmungsort eine Containerladung liefern ließen, packte Izzy wenig ein. Nur das Nötigste dabeizuhaben, so sagte sie, erdete sie in der Realität. Und die bedeutete, dass sie nie lange an einem Ort blieb. Viel Gepäck, hieß das nun, dass sie langfristig in London bleiben wollte?

Calme-toi!

Langfristig war eine Sache, eine andere dagegen Izzys tief verwurzelte Version von „an Ort und Stelle bleiben“. Damals wollte sie dauerhaft in London leben – bis ihr Mann ihr für Wellington das Blaue vom Himmel herunter versprach. Sie hatte schon immer davon geträumt, in die Stadt zurückzukehren, in der sie geboren und zeitweise aufgewachsen war. Darren nährte die Hoffnung auf ein Leben dort. Mit dem Scheitern ihrer Ehe schien auch ihr Traum sich als Luftschloss zu entpuppen, und sie wusste nicht, was sie als Nächstes tun sollte. Was seltsam war, da sie nie Probleme hatte, stark zu sein und zu erreichen, was sie wollte. Allerdings war ihr nicht immer klar, was genau sie wollte. Von der Hebammenausbildung abgesehen.

Raphael schrieb zurück.

Großartig.

Und das war es wirklich. Vielleicht fand sie endlich ihren Platz, das Zuhause, das sie sich so sehr wünschte. Er für seinen Teil würde lieber heute als morgen zu seiner Familie nach Avignon zurückkehren. Aber er traute sich noch nicht. Erst musste er darüber hinwegkommen, wie Cassie seine Liebsten behandelt hatte. Die Schuldgefühle nagten an ihm – zusammen mit der Wut darüber, dass sie ihm einen grausamen Schlag versetzt hatte. Sein Sohn, der einzige Enkel seiner Eltern, war nur acht Tage nach der Geburt den plötzlichen Kindstod gestorben. Raphael hatte nicht einmal gewusst, dass er Vater geworden war.

Die Türen zur Ankunftshalle glitten auf, und eine kleine Gruppe Flugreisender, ihre Rollkoffer schiebend, kam in Sicht. Raphael schluckte die Bitterkeit hinunter und konzentrierte sich auf das, was an diesem Tag wirklich wichtig war. Er reckte den Hals, doch Isabella war nirgends zu entdecken. Auch sein Smartphone blieb still.

„Komm schon! Wo bist du?“, murmelte er. Wahrscheinlich beantwortete sie die unausweichlichen Fragen der Einwanderungsbehörde.

Raphael hätte noch eine Runde drehen können, um die Zeit totzuschlagen, doch er blieb, wo er war, die Augen fest auf die inzwischen wieder geschlossenen Türen gerichtet. Noch immer keine Nachricht auf seinem Handy. Sicher würde sie gleich wie der Wirbelwind, der sie mitunter sein konnte, in die Halle fegen. Nicht, dass von ihrem Temperament in letzter Zeit viel zu merken gewesen war. Ihr Ex hatte ihrem lebhaften Wesen einen starken Dämpfer verpasst. Oder gab es noch andere Gründe? Vielleicht hatte sie ihm ja nicht alles erzählt?

Erneut öffneten sich die breiten Türen, weitere erschöpfte Reisende erschienen, gefolgt von einem schwer beladenen Gepäckwagen, geschoben von …

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