Küssen Grafen besser?

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Für die ehrgeizige Anwältin Paula Castle gibt es nur ein Ziel: Sie will Karriere machen! Obwohl sie sich leidenschaftlich zu Conte Edoardo hingezogen fühlt, versucht sie, ihre Gefühle zu ignorieren. Doch Edoardo ist keineswegs bereit, auf seine Traumfrau zu verzichten! Ein raffinierter Plan soll ihm helfen, sie zu erobern ...
  • Erscheinungstag 16.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754563
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Paula lehnte sich mit einer Schulter gegen das große Portal und versuchte, ihre sperrige Reisetasche durch den geöffneten Spalt zu schieben. Doch erbarmungslos fiel die schwere Tür wieder zu, bevor Paula hindurch kam, und riss ihr dabei auch noch die Umhängetasche von der Schulter.

„Verflixt!“, schimpfte Paula. Schuld an ihrer Unbeholfenheit konnte nur ihre Erschöpfung sein. Vier Atlantikflüge in nur zehn Tagen lagen hinter ihr. Mein Kopf schwebt immer noch in zehntausend Metern Höhe, dachte sie gequält. Aber schon im nächsten Moment richtete sie sich wieder auf – schließlich war sie es gewohnt, jedes Problem tatkräftig anzugehen.

Ordentlich setzte sie Reisetasche und Umhängetasche nebeneinander ab und lehnte sich erneut und diesmal mit ihrem ganzen Gewicht gegen das Ungeheuer von Portal, das wie ein gepanzertes Tor den Eingangsbereich ihrer luxuriösen Wohnanlage schützte.

„Gestatten?“, hörte sie eine amüsiert klingende männliche Stimme sagen.

Paula wandte den Kopf hastig um – und musste sehr weit nach oben schauen. Hinter ihr stand ein Hüne, weit über einen Meter neunzig groß und ein dunkler Typ – wie der Teufel leibhaftig, dachte sie. Sein unerwartetes Auftauchen brachte Paula ganz durcheinander. Dabei strahlte sein markiges Gesicht eine Spur zu viel Zynismus aus, um als schön bezeichnet zu werden. Auch machte er nicht gerade den Eindruck eines leicht umgänglichen Mannes, selbst wenn er in diesem Moment erheitert schien.

Der Fremde langte über ihre Schulter und stieß die schwere Tür mit einer Leichtigkeit auf, als öffnete er die Tür eines Puppenhauses. Paula, immer noch mit aller Kraft gegen die Tür gelehnt, strauchelte. Er ergriff ihren Ellbogen und stützte sie. „Vielen Dank.“ Ihre Stimme klang kühl.

„Nichts zu danken.“ Auch das klang spöttisch. Nicht gerade höflich, dachte Paula. „Ist das Ihr Gepäck?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, hob er die beiden Gepäckstücke mit einer Hand auf und hielt mit der anderen Hand die Tür auf, um Paula den Vortritt zu lassen. Paula schluckte, es erschien ihr ungerecht, dass manche Menschen so viel Kraft besaßen. Mit einem leichten Achselzucken trat sie ein.

Paula fiel auf, wie er mit größter Selbstverständlichkeit das Gebäude betrat, obwohl er hier doch wohl nicht wohnte. Bei seiner stattlichen Größe, den kräftigen Schultern und dem gewellten, fast pechschwarzen Haarschopf hätte ich ihn längst wieder erkannt, dachte sie. Selbst so schlaftrunken, wie Paula oft auf dem Weg zur Arbeit morgens den Fahrstuhl betrat, konnte man einen solch imposanten Mann nicht übersehen.

Ähnliche Gedanken, auf sie bezogen, schienen ihm auch durch den Kopf zu gehen.

„Wen besuchen Sie denn?“ Er deutete auf die Klingelknöpfe. Nicht alle Namen auf den Messingschildern waren ausgeschrieben. Die elegante Wohnanlage umfasste acht Wohneinheiten. Die Apartments waren groß und luxuriös ausgestattet. Paula war ungemein stolz gewesen, als sie dort eingezogen war. Ein Beweis für meinen beruflichen Erfolg, hatte sie beim Kauf triumphiert.

„Nummer sieben“, gab sie kurz und bündig zur Antwort.

Nach dem Penthouse, Eigentum eines unbekannten ausländischen Millionärs, war ihr Apartment die größte Wohnung. Sie fragte sich, ob das der Grund dafür war, dass der Fremde ein wenig mit den Augen rollte.

„Ich wohne hier“, sagte sie, nicht ohne ein Gefühl der Genugtuung. „Klingeln überflüssig. Es ist niemand zu Hause.“

„Dann sind wir ja Nachbarn“, sagte er vergnügt, während er sie zum Aufzug geleitete. Er sprach mit einem leicht südländischen Akzent, der sehr anziehend wirkte.

Paula war so müde, dass sie sich schwor, gleich nur noch zu duschen und sich dann sofort ins Bett fallen zu lassen.

„Ich glaube, wir sind uns bisher noch nicht begegnet“, sagte er.

„Ich bin sehr viel unterwegs.“

„Daran wird es wohl liegen.“

Paula hatte den Eindruck, dass er sie mit einer merkwürdig gespannten Aufmerksamkeit anschaute und sie dabei wohl auch nicht unattraktiv fand. Der amüsierte Blick war inzwischen ganz aus seinem Gesicht verschwunden.

Sie fühlte sich auf einmal unbehaglich. Nicht etwa, weil es für sie womöglich ungewohnt war, dass ein Mann sie anschaute und begehrenswert fand. Mit ihrer kühlen blonden Schönheit hatte sie schon so manchem Kollegen den Kopf verdreht. Doch seit ihrer lehrreichen Erfahrung mit Neil, ihrem einstigen festen Freund, war sie zu Männern eher auf Distanz gegangen.

Doch schaffte sie es auch jetzt, ihre Warnblinklichter einzuschalten? Etwas unsicher warf sie einen verstohlenen Blick auf die große, stattliche Figur. Schlagartig lief ihr ein warmer Schauer den Rücken hinunter.

Verblüfft richtete sich Paula kerzengerade auf, fest entschlossen, sich auf keinerlei Techtelmechtel einzulassen. „Für mich bitte die dritte Etage“, sagte sie. Endlich betätigte er den Liftknopf.

In dem engen Fahrstuhl wirkte er noch größer. Nachdenklich schaute er hinunter auf ihr Gepäck. „Miss P. Castle, London“ war auf einem Schild in scharlachroten Lettern zu lesen.

Paula seufzte. Nun wusste er also ihren Namen. Aber den hätte er auch auf andere Weise leicht herausfinden können, da er ihre genaue Adresse ohnehin bereits kannte. Es war schon seltsam, dass sie den starken Eindruck nicht loswurde, er habe es auf sie abgesehen. Denn wie sonst sollte sie es verstehen, dass er keinen weiteren Liftknopf mehr drückte?

Erst jetzt kreuzten sich zum ersten Mal ihre Blicke. Sein kühler, prüfender Blick machte sie leicht nervös. Sofort revidierte sie ihren Eindruck: Ich mag ihn schon interessieren, aber mit Sicherheit wirke ich auf ihn nicht so anziehend, dass er mich verfolgen würde. Paula war sich sicher, dass dieser Mann ihr nicht mehr Aufmerksamkeit schenken würde, als ihr selbst lieb war.

Auf einmal kam sie sich mit derlei Gedanken wunderlich vor. Müdigkeit und Überarbeitung müssen wohl daran schuld sein, dass ich den Blick dafür verloren habe, wie ganz normale Menschen sich im Alltag verhalten, dachte sie. Der Fremde war doch ganz einfach nur ein hilfsbereiter Nachbar.

Abgesehen davon, dass seine kalten Augen gar nicht freundlich wirkten. Er erinnerte sie an einige ihrer Anwaltskollegen – nach außen hin freundlich und zuvorkommend, dafür unterschwellig zynisch und feindselig.

Jetzt nimmst du aber wirklich paranoide Züge an, sagte ihre innere Stimme. Um die scheußlichen Gedanken loszuwerden, versuchte sie es mit lockerer Konversation.

„Wohnen Sie schon lange hier?“

Seine Augenbrauen hoben sich. Sie waren dunkel und buschig. „Vor einiger Zeit erwarb ich das Penthouse, halte mich aber erst jetzt für längere Zeit hier in London auf.“

Das Penthouse. Dies war also der geheimnisvolle Millionär. Paula war nicht besonders überrascht, denn er besaß diese gewisse souveräne Ausstrahlung, die sie häufig an ihren reichen und mächtigen Mandanten feststellen konnte. Doch die oftmals damit einhergehende burschikose Art dieser Menschen war ihr nicht sehr sympathisch. Trotzdem blieb sie höflich. „Haben Sie sich schon gut in London eingelebt?“

„Ich komme zurecht.“

Damit verriet er ihr nun absolut gar nichts. Es hörte sich an, als käme er auch auf dem Mars zurecht, wenn es ihn dorthin verschlüge.

Ein Prickeln erfasste Paula. Sie musste stärker erschöpft sein, als ihr selbst bewusst war. Sie reagierte doch sonst nicht so emotionsgeladen auf einen Mann, schon gar nicht auf einen, der ihr gar keinen Anlass dazu bot. Sein unterkühltes, leicht arrogantes Gebaren schien schließlich völlig seiner natürlichen Wesensart zu entsprechen.

Sie strengte sich an, locker zu bleiben und im Plauderton fortzufahren. „Bleiben Sie lange?“

Er musterte sie einmal von oben bis unten. „So lange wie nötig.“

Paula starrte ihn wie gebannt an. Seine Worte klangen wie eine Drohung.

Um meine Nerven ist es wirklich nicht gut bestellt, dachte sie. Ich bin wohl leicht verrückt geworden. Noch nie zuvor habe ich mich von einem fremden Mann so bedroht gefühlt, und dies, obwohl ich ihn eigentlich nicht für bedrohlich halte.

Der Lift stoppte, und die Türen gingen mit einem vornehmen leisen Surren auf. Er nahm ihre Gepäckstücke auf, wieder so, als hätten sie gar kein Gewicht. Dann ging er schnurgerade auf ihr Apartment zu.

Paula zögerte einen Moment, dann trottete sie hinter ihm her. Was soll’s – wenn er sich nicht zu ihr hingezogen fühlte, würde es auch nicht schwierig sein, ihn bald loszuwerden. Sie würde immer noch die heiß ersehnte Dusche nehmen und dann ins Bett fallen können.

Sie kramte ihre Schlüssel hervor und schloss vorsichtig auf. Ihre Wohnungstür war nicht doppelt verschlossen. Das bedeutete, dass ihre jüngere Schwester Trish und nicht Isabel, die Raumpflegerin, zuletzt in der Wohnung gewesen war.

Paula wandte sich ihrem Begleiter zu und wollte ihm die Hand geben. „Danke für Ihre Hilfe.“

„Wenn ich Ihnen schon helfe, dann richtig“, wies er ihren Händedruck kopfschüttelnd zurück. „Da sind sicher noch mehr Türen, die Sie, beladen mit diesem Gepäck, nicht öffnen können.“

Jeden anderen Fremden hätte Paula jetzt wohl sicherheitshalber hinausbefördert. Doch es schien ihr so offensichtlich, dass er nichts Beunruhigendes von ihr wollte, dass seine Gegenwart keinen Alarm in ihr auslöste. Lediglich leicht verdutzt über ihre spontane Einwilligung ließ sie ihn eintreten.

Auf dem Eichentisch im Flur lag stapelweise Post. Dazu Blumen zu ihrer Begrüßung von Isabel.

„Wo soll ich das Gepäck abstellen?“, fragte der große dunkle Mann.

„Oh, im Wohnzimmer bitte. Ich werde dort auspacken.“

Sie folgte ihm ins Zimmer, einem lang gestreckten, sonnendurchfluteten und ruhig gelegenen Raum. Sie öffnete eines der großen Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten.

Die Uhr über dem Kamin zeigte halb vier. Vierzehn Stunden waren seit Paulas letzter Mahlzeit vergangen, und ihr letzter ausgiebiger Schlaf war noch länger her.

Ihr ungebetener Gast stellte die Reisetaschen hinter dem großen Sofa ab und schritt dann auf den Balkon.

„Sehr erholsam. Gärtnern Sie, Miss Castle?“

Paula lachte kurz. „Ich schätze mich schon glücklich, wenn ich oft genug zu Hause bin, um die vertrockneten Blüten abzuzupfen. Isabel kümmert sich um die Pflanzen, so gut sie kann.“

Er ging wieder ins Zimmer und nahm auf einer Bank aus Pinienholz Platz, die an einer Wand stand, und lehnte seinen Kopf zurück, um Paula anzuschauen.

„Ganz entzückend“, sagte er, ohne die Augen von ihr zu wenden.

Zu ihrer Überraschung errötete Paula. Wieso kann seine eher abgehackte Sprechweise gleichzeitig so sinnlich klingen? dachte sie. Im selben Moment ärgerte sie sich über solche Gedanken. Aber da war noch mehr. Irgendwie löste dieser Fremde ein Gefühl von Verletzbarkeit in ihr aus.

Um derlei Empfindungen möglichst rasch zu verdrängen, unternahm sie einen neuen Anlauf. „Ich bin gerade erst von einer anstrengenden Flugreise zurück. Entschuldigen Sie, aber …“

Um seinen Mund entstand ein mildes Lächeln. „Sie brauchen eine Tasse Tee“, führte er ihren Satz zu Ende. „Sie sehen, wie gut ich die Engländer verstehe. Tee, das Allheilmittel. Auch ich habe meine Geschmacksnerven für dieses Getränk kultiviert. Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.“

Paula traute kaum ihren Ohren. Welche Anmaßung! Und wahrscheinlich hatte er sogar Erfolg damit. Ihr wurde ausgesprochen unbehaglich zumute.

Sie startete einen nicht sehr viel versprechenden Versuch, sich der aufgezwungenen Gastgeberpflicht zu entziehen.

„Ich habe Ihre Zeit schon viel zu lange in Anspruch genommen. Bestimmt haben Sie immens viel zu tun“, sagte sie betont verbindlich.

„Sicher noch mehr, als Sie denken. Aber es bleibt trotzdem Zeit für einen gutnachbarschaftlichen Dienst.“

Damit hat er den Ball klug zurückgespielt, dachte Paula und bewunderte seine taktische Finesse.

Wenn sie ihn jetzt vor die Tür setzen würde, hinterließe sie den Eindruck einer undankbaren Person – und er würde mit allen Pluspunkten aus diesem stillen Duell hervorgehen. Sie zweifelte nun nicht mehr daran, dass sie beide ein Duell ausfochten. Obwohl sie absolut nicht verstand, warum.

Mit einem Achselzucken gab sie sich geschlagen. „Ich setze Wasser auf.“

Während sie den Tee zubereitete, fing er an, im Wohnzimmer herumzustöbern. Sie hörte, wie er Bücher aus dem Regal nahm und wieder zurückstellte. Dies rief ein merkwürdiges Gefühl in ihr hervor, so, als würde sie genau taxiert.

Sie kam zurück mit einem Tablett und mit dem erneut gefassten Beschluss, ihn hinauszukomplimentieren, sobald dies auf eine halbwegs höfliche Weise möglich war.

Aufmerksam kam er ihr entgegen und nahm ihr das Tablett ab.

„Sie besitzen ein paar sehr hübsche Sachen“, bemerkte er.

Paula warf ihm ein zaghaftes Lächeln zu. „Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, dann kaufe ich es ganz einfach.“

Sie merkte, wie er sie mit leicht zusammengekniffenen Augen prüfend ansah, als könne er ihre Gedanken lesen. Ihre Blicke trafen sich, fixierten einander.

„Es muss sehr … angenehm sein, ganz einfach die Dinge kaufen zu können, die einem gefallen“, entgegnete er.

Sie hatte das Gefühl, als sei er irgendwie verärgert. Rasch trank sie von ihrem Tee. Zum Teufel mit dem Mann, warum bloß machte er sie so nervös?

Er hatte seine Tasse Tee noch nicht angerührt, sondern schaute interessiert auf ihre Gepäckstücke hinter dem Sofa. „Geschäftsreisen oder Urlaubstrips?“

„Geschäftsreisen“, antwortete Paula. „Ich bin nur beruflich unterwegs, fürchte ich.“ Sie dachte einen Moment nach. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal auf Urlaubsreise war.“

„Pflichtbewusstsein? Oder Ehrgeiz?“, fragte er. Er klang wenig beeindruckt.

Sie lachte. „Ich vermute, ein wenig von beidem.“

„So?“ Er runzelte leicht die Stirn.

Paula nippte an ihrem Tee. Ihr wurde klar, dass er sich nicht eher verabschieden würde, bis er alle Antworten hatte, die er wollte. Vielleicht, ging ihre Fantasie mit ihr durch, ist er einer dieser superreichen Männer, die, bevor sie mit ihrer Familie in ein Haus einzogen, zuerst die Nachbarn aushorchten, um sicherzugehen, dass darunter keine Terroristen und Gangster waren, die die Familie bedrohen könnten.

Also sagte sie ganz ruhig: „Ich wollte einen spannenden, abwechslungsreichen Beruf und ein gesichertes Einkommen. Da bot es sich an, Anwältin zu werden.“

Er setzte sich aufrecht hin. „Eine Anwältin. Ich … hatte einen ganz anderen Eindruck von Ihnen.“

Irgendwie schien er verärgert. Paula konnte nicht ausmachen, woher dieser Eindruck kam. Er benahm sich immer noch zuvorkommend.

„Nun, ja … ich bin Fachanwältin für internationales Handelsrecht. Daher die vielen Flugreisen.“ Sie setzte ihre Teetasse ab und stand auf. „Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen, dass ich womöglich eine Bombe unter Ihre Wohnungstür schiebe.“

Er legte den Kopf zurück und musterte sie eindringlich. „Ich bin mir nicht so sicher, ob Sie das nicht schon längst getan haben.“ Als sich ihre Blicke trafen, zuckte Paula unwillkürlich zusammen. Augen wie aus Eis, dachte sie nervös.

Langsam gab Paula ihr Bemühen um Höflichkeit auf.

„Ich habe nicht die geringste Vorstellung, was Sie damit meinen“, sagte sie recht barsch.

Er stieß ein schallendes Lachen aus und stand auf. Seine Bewegung war geschmeidig, doch irgendwie war unterschwellig versteckte Aggression zu spüren. Sie straffte die Schultern, zum Kampf bereit. So schnell schüchterte er sie nicht ein – an ihrem Arbeitsplatz war sie es gewohnt zu kämpfen. Sie hob ihr Kinn und wartete.

„Nicht die geringste Vorstellung?“, griff er leicht spöttisch ihre Worte auf. „Nicht die leiseste Vermutung? Sie werden verstehen, dass ich das einer so klugen, wachen Frau, wie Sie es sind, so leicht nicht abnehme.“

Entweder er ist verrückt, oder da ist etwas im Busch, von dem ich noch nichts ahne, dachte Paula. Ihre Erfahrung als Anwältin riet ihr, sich reserviert zu verhalten und ihm das Reden zu überlassen. Nur so konnte sie eventuell herausfinden, was gespielt wurde.

Also hob sie nur fragend die Augenbrauen und blieb stumm. Es schien ihn zu erzürnen. Aber er gehört offenbar nicht zu der Sorte von Männern, die leicht die Beherrschung verlieren, erkannte Paula.

„Dachten Sie, Francos Familie würde daneben stehen und tatenlos zusehen?“, konfrontierte er sie plötzlich in einem lässigen und gedehnten Tonfall, der irgendwie bedrohlicher klang als all die spitzfindigen verbalen Angriffe, denen sich Paula als Anwältin des Öfteren bei Rechtsstreitigkeiten ausgesetzt sah.

Reiß dich zusammen und bleib gelassen, ermahnte sie sich. Sie runzelte die Stirn und fragte: „Wer ist Franco?“

Wieder dieser eisige Blick. In seiner Antwort klang nun eine leise Drohung mit. „Spielen Sie mit mir, Miss Castle?“

Langsam wurde sie wirklich zornig. „Ich nicht. Aber Sie vielleicht mit mir?“

„Oh, keineswegs.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich lässig gegen den Kamin. „Sie werden noch sehen, dass ich Erpressung in der Tat sehr ernst nehme.“

„Erpressung?“ Paula war sprachlos.

Seine markanten Augenbrauen gingen nach oben. „Wie würden Sie es sonst nennen?“

Fahrig fuhr Paula sich durchs Haar. Aus ihrer sonst stets makellosen Frisur lösten sich einige blonde Strähnen und fielen ihr über die Ohren.

Erpressung? Ihre Lebensführung war derart untadelig, dass es nahezu langweilig war.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen.“

Ihr ungebetener Gast machte eine ruckartige Bewegung. Sie fuhr zusammen. Als sie es wagte, ihn anzuschauen, waren seine Augen ausdruckslos. Paula wurde es flau im Magen. Plötzlich wurde ihr das Risiko bewusst, allein mit ihm in der Wohnung zu sein. Und alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass dieser große, kräftige Mann, der nun so lässig gegen ihren Kamin lehnte, ihr extrem unfreundlich gesinnt war. Unfreundlich – aber auch noch etwas anderes. Zwischen ihnen herrschte ein Zustand voll Hochspannung.

Paula empfand diesen Zustand als alarmierend. Sie hatte dieses Spannungsgefühl – eine Form physischer Anziehungskraft – nicht erwartet und auch nicht so blitzartig, von einem Moment zum anderen.

Du hättest ihn nicht hereinlassen sollen, meldete sich ihre innere Stimme vorwurfsvoll. Befördere ihn nach draußen. Schleunigst.

Sie musste sich mit aller Kraft zusammenreißen, um nicht ihr inneres Gleichgewicht zu verlieren. So verbindlich wie möglich sagte sie dann: „Hören Sie, können wir jetzt einmal klare Worte wechseln? Ich sagte, dass ich keine Ahnung hätte, wovon Sie sprechen, und ich weiß es wirklich nicht. Wenn Sie mich aufklären wollen, gut. Wenn nicht, ist es jetzt vielleicht an der Zeit, dass Sie gehen. Ein langer Tag liegt hinter mir, und ich bin sehr erschöpft.“

Er neigte den Kopf zur Seite, betrachtete ihren Körper von oben bis unten. Zu ihrem Erstaunen ließ sein kritisch inspizierender Blick ihr das Blut in die Wangen schießen. In den letzten zehn Jahren war sie nie errötet, wenn sie Blicken eines Mannes ausgesetzt war. Allerdings musterten die Männer sie für gewöhnlich auch nicht so provokant.

„Wie alt sind Sie, Miss Castle?“, fragte er.

Paula starrte ihn an.

„Dreiundvierzig? Fünfundvierzig?“

„Einunddreißig“, schleuderte sie ihm entgegen.

Seine Augen leuchteten auf.

„Und wie alt, denken Sie, ist Franco?“

Paula rang nach Luft. „Wenn ich wüsste, wer Franco überhaupt ist, würde ich eine Wette mit Ihnen eingehen.“

Er stieß sich von der Kaminwand ab und schlenderte durchs Zimmer. Sie zuckte zusammen. Inzwischen stand er in unangenehmer Nähe zu ihr. Um ihm ins Gesicht zu blicken, musste sie ihren Kopf unbequem nach hinten legen. Störrisch tat sie dies, entschlossen, nicht freiwillig zurückzustecken.

Er beugte sich zu ihr hinab und sagte ruhig: „Ich rate Ihnen, sehr vorsichtig zu sein, Miss Castle. Ich bin kein dummer Junge.“

„Nein, natürlich nicht!“, rief sie verzweifelt aus.

Er hob die Augenbrauen. „Sehr vorsichtig. Mit Ihren Tricks mögen Sie so manchen anderen Mann umgarnen. Aber mich erheitern Sie damit nicht.“

Jetzt hilft nur noch offene Direktheit, dachte Paula. „Ich versuche überhaupt nicht, charmant auf Sie zu wirken. Ich versuche, Sie zum Weggehen zu bewegen. In meinem gesamten Leben bin ich noch nie einem so dickfelligen Mann wie Ihnen begegnet.“

Eine Sekunde lang glaubte sie, in seinen eisigen Augen ein Aufleuchten, einen Anflug von Bewunderung gesehen zu haben. Doch schon in der nächsten Sekunde verfinsterte sich sein Gesicht wieder.

„Nun, ich nehme an, ich bin ein härterer Bursche als Franco.“

Sie war kurz davor, gänzlich die Geduld zu verlieren. Doch sie zwang sich dazu, Haltung zu bewahren. Jetzt die Nerven zu verlieren, schwächte nur die eigene Position.

„Hören Sie, ich weiß nicht, warum dieser Franco Sie so beschäftigt, wer auch immer das ist, aber …“

„Wissen Sie das wirklich nicht?“ Er wirkte amüsiert. „Sie sind doch eine intelligente Frau, Miss Castle. Und dazu auch noch hübsch. Es liegt doch auf der Hand, warum er mich so beschäftigt.“

Diese Bemerkung ließ sie verstummen. Sein so lässig vorgebrachtes und irgendwie auch verächtlich klingendes Kompliment schnürte ihr die Kehle zu. Es entging ihm nicht. Er kniff die Augen zusammen und wechselte das Thema.

„Wenn ich es mir recht überlege, wüsste ich doch gern, wie es ist, wenn Sie charmant zu mir wären“, sinnierte er. „Ich könnte mir das sehr erfrischend vorstellen.“

Paula schloss die Augen. Ihre Strategie funktionierte offensichtlich nicht. Statt herauszufinden, was hier eigentlich vor sich ging, schien sie immer stärker in irgendwelche Wahnvorstellungen hineingezogen zu werden.

Sie öffnete die Augen wieder und bemühte sich redlich, einen sachlichen Ton anzuschlagen. „Was wollen Sie von mir?“

Er studierte sie eine Minute lang. Es herrschte eine Stille, die Paula jeden Nerv raubte. Sie war so angespannt und aufgeregt, dass sie ihren Pulsschlag überdeutlich spürte. Auf einmal streckte er mit einer lässigen Bewegung eine Hand nach ihr aus und berührte die gelockten Strähnen der Haare, die sanft an ihrem Hals lagen.

„Das wüsste ich langsam selbst gern.“ Er schien nachzudenken.

Sein letzter rätselhafter Satz bewirkte, dass sich ein verschüttetes, von ihr seit langem ignoriertes Gefühl in Paula rührte. Ihre Anspannung wuchs ins Unerträgliche.

„Was wollen Sie?“ Ihre Stimme schnappte über.

Er fuhr mit dem Zeigefinger ihre Kehle entlang und glättete auf ihrer Haut eine Locke. Sie konnte die Bewegung mit jedem einzelnen Nerv spüren. Etwas loderte in ihr auf, und sie redete sich ein, dass es Zorn war. Instinktiv wich sie zwei Schritte zurück.

„Möglicherweise bin ich nicht so dickfellig, wie Sie denken“, murmelte er.

Sie bündelte ihre Kraftreserven. „Wer sind Sie überhaupt? Woher nehmen Sie das Recht, mit Gewalt einfach hier einzudringen und …?“

„Gewalt?“ Seine ausdrucksvoll geschwungenen Augenbrauen schnellten hoch. Er sah unverschämt schalkhaft aus. „Ich habe Gepäckträger gespielt, falls Sie sich erinnern.“

Paula schüttelte den Kopf.

„O nein“, entgegnete sie sanft. „Mit dieser Begründung kommen Sie bei mir nicht durch. Sie wollen etwas Bestimmtes. Warum sagen Sie nicht frei heraus, was es ist – und gehen dann?“

Er lachte leise. „Ich muss gestehen, Ihr resolutes Auftreten beeindruckt mich, Miss Castle.“

„Ich fühle mich geschmeichelt. Nun, wer sind Sie, und was wollen Sie?“

„Ich heiße Edoardo …“ er zögerte „… Mascherini.“

Paula sagte der Name nichts. Aber wenigstens hatte sie nun eine Erklärung gefunden, warum er mit Akzent sprach.

„Franco Gratz ist mein Cousin.“

Auch mit diesem Namen konnte sie nichts anfangen. Sie kramte in ihrem Gedächtnis. Ohne Ergebnis. Sie schüttelte den Kopf.

„Ich nehme an, er ist der Franco, mit dem Sie mich schon die ganze Zeit belästigen. Was soll ich mit ihm zu tun haben?“

„Das wollte ich eigentlich Sie fragen.“

„Da ich mich beileibe nicht an ihn erinnern kann, werde ich mit einer Antwort wohl nicht dienen können.“

„Nicht an ihn erinnern? Also, Miss Castle. Ihnen fällt doch hoffentlich eine intelligentere Ausrede ein.“

„Sie müssen begreifen, Mr. Mascherini, dass ich mit einer Menge Menschen zu tun habe. Ich kann leider nicht alle Namen behalten.“

Er kam auf sie zu.

Paula blieb wie angewurzelt stehen. Plötzlich fing sie wieder an zu zittern. Ganz ohne jeglichen Grund, dachte sie und verachtete sich für ihre Schwäche.

Autor

Sophie Weston

Sophie Weston reist leidenschaftlich gern, kehrt aber danach immer wieder in ihre Geburtsstadt London zurück. Ihr erstes Buch schrieb und bastelte sie mit vier Jahren. Ihre erste Romance veröffentlichte sie jedoch erst Mitte 20.

Es fiel ihr sehr schwer, sich für eine Karriere zu entscheiden, denn es gab so viele...

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