Laue Sommernächte - lodernde Leidenschaft

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DIESE NACHT GEHÖRT DER LUST von JENNIFER LABREQUE

Endlich hat Adam seine Leidenschaft entdeckt – er fällt regelrecht über Olivia her! Bis jetzt war ihr Fast-Verlobter spröde, doch nach dem Ball gehört die Nacht nur der Lust. Und der Morgen einer bösen Wahrheit: Der Mann hinter der Maske zeigt plötzlich sein wahres Gesicht …


DICH WERDE ICH IMMER BEGEHREN von KATHIE DENOSKY

Wohler als in Travis' Armen fühlt sich Natalie nirgends. Niemand kann ihr etwas anhaben, keiner kann sie bedrohen! Vergessen ist das schlimme Erlebnis, als sie von Räuber überfallen wurde. Aber kann sie auch vergessen wieso sie Travis schon einmal verlassen hat?


NUR EINE NACHT MIT MR. MACBRIDE? von CAROL MARINELLI

Feuer in einer Grundschule! Bis zum Rand ihrer Kräfte versorgt die hübsche Sanitäterin Victoria mit Dr. Dominic MacBride die Kinder. Doch für sie selbst kommt jede Rettung zu spät. Denn zwischen ihr und dem sexy Arzt ist etwas geschehen, das ihr Leben für immer ändern wird …


IM RAUSCH EINER NACHT von JENNIFER GREENE

Auf der Weihnachtsfeier trifft der attraktive Mitch die große Liebe! Bei der schönen Designerin Nicole wird er sofort schwach. Was sie dann gemeinsam erleben, ist nicht nur heiß und sinnlich – es ist ein einziger Rausch! Doch am nächsten Tag tut Nicole, als wäre nichts gewesen …


HAST DU ZEIT HEUT NACHT? von KRISTI GOLD

Als Miranda Brooks am Pool ihrer neuen Wohnung sitzt, trifft sie einen faszinierenden Mann. Seine erotische Ausstrahlung setzt ihren Körper in Flammen – sie muss Rick einfach berühren. Offensichtlich geht es ihm genauso: Zärtlich nimmt er immer wieder ihre Hand, streichelt ihren Arm, wenn sie sich wie zufällig berühren. Es scheint das natürlichste der Welt zu sein, dass sie diese Nacht zusammen verbringen. Glücklich stimmt Miranda zu, als Rick sie am nächsten Morgen fragt, ob sie sich bald erneut treffen wollen. Zu ihrer Überraschung sehen sie sich schon zwei Stunden später wieder, als Miranda ihre neue Stellung in der Klinik antritt: Rick ist ihr Chef, der sie entsetzt anstarrt ...


  • Erscheinungstag 24.08.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751527323
  • Seitenanzahl 800
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

Diese Nacht gehört der Lust erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung: Katja Berger, Jürgen Welte
Leitung: Miran Bilic (v. i. S. d. P.)
Produktion: Jennifer Galka
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2002 by Jennifer LaBrecque
Originaltitel: „Barely Mistaken“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY
Band 1037 - 2013 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Johannes Heitmann

Umschlagsmotive: LightFieldStudios / GettyImages

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783733718176

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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PROLOG

Olivia trug den warmen Pullover, den sie erst letzte Woche von der Wohltätigkeitsgruppe der Kirche bekommen hatte. Der Herbstabend war kühl, und nur die Flutlichter erhellten das Spielfeld, auf dem die Cheerleader ihre Show lieferten. Gespannte Erwartung lag in der Luft.

„Erde an Olivia.“ Ihre Freundin Beth wedelte mit der Hand vor Olivias Augen.

„Ich mag Footballspiele.“

Seufzend blickte Beth zum Ersatz-Quarterback, der auf der Bank saß. „Sieht Chuck Lamont nicht toll aus in seinem Spielerdress?“

Olivia verdrehte nur die Augen. Darauf erwartete Beth sicher keine Antwort.

Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, und sie wandte sich um. Eine Gruppe von Jungen stand am Rand der Tribünen und zog die missbilligenden Blicke der Eltern auf sich. Einer von ihnen stand etwas abseits und sah sie jetzt direkt an. Ihr Herz schlug schneller. Das war Luke Rutledge – etwas älter als die anderen, etwas wilder und etwas stärker. Er lächelte ihr zu, und verlegen senkte sie den Blick.

Das ist absolut unmöglich, sagte sie sich. Es konnte einfach nicht sein, dass der aufregendste Junge der Abschlussklasse mit ihr flirtete. Nicht mit ihr, dem unscheinbaren Bücherwurm. Trotzdem versuchte sie, sein Lächeln zu erwidern, doch es sah bestimmt eher wie eine Grimasse aus. Hastig wandte sie den Blick wieder ab.

Beth schwärmte immer noch von Chuck Lamont, aber Olivia sah immer wieder verstohlen zu Luke. Lachend unterhielt er sich mit seinen Freunden und schien sie gar nicht mehr zu bemerken. Lachten sie etwa über sie? Nein, das bildete sie sich wahrscheinlich nur ein.

Das Kichern von Amy Murdoch, Melissa Bowers und Lucy Jacobs drang zu Olivia, und sie sah zu Beth.

Beth verzog das Gesicht. „Die klingen wie angestochene Schweine.“

Olivia musste lachen. „Stimmt.“ Amy, Lucy und Melissa taten immer so, als seien sie die beliebtesten Mädchen der ganzen Schule.

„Tammy Cooper … beim Arzt … die Pille verschrieben …“

Obwohl Amy verschwörerisch die Stimme senkte, konnte Olivia den Namen ihrer Schwester verstehen, und als sie die drei weiter über ihre Familie lästern hörte, traten ihr Tränen in die Augen.

Sie sprang auf und lief von der Tribüne. Sie musste jetzt allein sein, und im kühlen Schatten der Tribünen war außer ihr niemand. Mühsam kämpfte sie gegen die Tränen an und bekam sich langsam wieder unter Kontrolle. Da bemerkte sie eine Bewegung neben sich. Hastig hob sie ihre Brille an, um sich die letzten Tränen aus den Augen zu wischen.

„Olivia, ist alles in Ordnung?“

Luke Rutledge fasste sie um die Schultern, und sie erbebte. Anscheinend hatte sie sich sein Lächeln doch nicht eingebildet.

„Mir geht’s gut.“ Ihre Stimme klang etwas piepsig, aber seltsamerweise fühlte sie sich von Luke trotz seiner Größe und seiner breiten Schultern nicht bedroht. Er wirkte aufrichtig besorgt, fast wie ein Beschützer. Obwohl das gar nicht zu seinem Ruf passen würde.

„Ganz bestimmt?“, fragte er nach.

Sanft rieb er ihr über die Schläfen. Seine Berührung sandte ihr einen Schauer über die Haut, wie sie es noch nie erlebt hatte.

Sie schob ihre Brille zurecht. „Ja wirklich, ganz bestimmt.“ Ihr Atem ging schneller. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass Jungen aus der Nähe ganz anders rochen als Mädchen. Das war interessant und erregend.

„Gut.“

Andere Mädchen hätten es vielleicht geahnt, aber Olivia war völlig überrascht, als Luke sie an sich zog und küsste. Sie hatte schon vom Küssen geträumt und darüber gelesen, aber nichts davon hatte sie auf dieses Erlebnis vorbereitet. Lukes Lippen pressten sich fest und heiß auf ihre, und sie drückte sich unwillkürlich an ihn und erwiderte den Kuss. Dieses Begehren, das sie plötzlich erfasst hatte, war einfach so stark, dass sie ihm nachgeben musste.

Doch dann fiel ihr wieder das Gerede über ihre Familie und ihre Schwester ein. Bin ich genau so, wie sie von mir denken? schoss es ihr durch den Kopf. Benehmen sich Mädchen aus schlechten Verhältnissen immer so? Ist Luke mir deshalb gefolgt? Weil er glaubt, dass ich leicht zu haben bin?

Entsetzt riss sie sich von Luke los und rannte so schnell es ihre zitternden Knie zuließen davon.

Nein, so bin ich nicht! sagte Olivia sich entschieden. Und das werde ich allen beweisen!

1. KAPITEL

13 Jahre später

„Du wirst heute Abend die Schönste auf dem Ball sein.“ Beth zog eine Packung Haartönung hervor.

Olivia blickte von dem Bügelbrett auf, wo sie gerade ihr Kleid für das Kostümfest mit Spühstärke einsprühte. „Die Schönste will ich ja gern sein, aber nur, wenn ich dabei mein natürliches Braun behalten darf. Weshalb sollte ich meine Haare flammend rot färben, nur um wie ein Flittchen auszusehen?“

Beth streckte sich auf Olivias breitem Bett lang aus. „Du könntest dich aufmachen, wie du willst, du würdest nie wie ein Flittchen aussehen, glaub mir. Aber wir könnten versuchen, dass du nicht mehr wie die Prüderie in Person aussiehst. Ein bisschen Haartönung, Kontaktlinsen und schicke Kleidung, das würde schon reichen, damit du umwerfend aussiehst.“

Beth begriff in ihrer extrovertierten Art einfach nicht, worauf es Olivia ankam. Sie wollte nicht umwerfend aussehen. Dass die Leute sie für unnahbar hielten, konnte ihr nur recht sein. „Du weißt genau, dass ich keine Kontaktlinsen vertrage.“ In Gedanken ging sie ihre Garderobe durch. „Und ich kleide mich wie eine neunundzwanzigjährige Bibliothekarin mit gutem Geschmack.“

„Vielleicht kannst du dir etwas von Tammy leihen.“

„Eher friert die Hölle zu.“ Ihre ältere Schwester folgte bei ihrer Kleidung dem Grundsatz: so wenig Stoff wie nötig, so viel Haut wie möglich. Und Tammy hatte genau den richtigen Körper, um viel Haut zu zeigen. Olivia schüttelte den Kopf und blickte an sich hinunter. „Kannst du dir vorstellen, wie ich einem von Tammys Oberteilen aussehe? Selbst wenn ich viel Dekolleté zeigen wollte, da ist doch nichts. Aus dem Stoff, der dann übrig ist, könnte ich mir gleich noch einen Rock schneidern.“ Und der Spott der ganzen Stadt wäre ihr auch noch gewiss.

Beth musste lachen. „Zugegeben, aber wenn Tammy in das Alter kommt, wo die Schwerkraft sich auswirkt, wirst du noch unbekümmert Trampolin springen können. Aber jetzt mal ein paar Worte zu dieser Farbe.“

Olivia schob ihre Brille wieder nach oben und sah zu der Packung mit der Haartönung. Sie verwendete viel Zeit und Energie darauf, geschmackvoll und konservativ gekleidet zu sein. Denn ständig hatte sie das Gefühl, die ganze Stadt würde nur darauf lauern, dass sie etwas Unpassendes sagte oder tat.

Einen kurzen Moment wünschte sie, unbekümmerter zu sein, doch dieser Wunsch verflog sofort wieder. „Vergiss es. Ich will auf keinen Fall billig aussehen. Adam will heute Abend etwas Wichtiges mit mir besprechen.“ Bei dem Gedanken musste sie unwillkürlich lächeln.

„Wie bitte?“ Beth runzelte misstrauisch die Stirn.

Sofort legte Olivias gute Laune sich wieder. „Ich weiß nicht, worum es geht, aber es klang wichtig.“

„Seit einem Monat geht ihr miteinander aus. Vielleicht will er heute mit dir schlafen. Sex ist Männern immer wichtig. Kommt gleich nach atmen, essen und fernsehen.“ Seufzend legte Beth die Packung mit der Haartönung wieder weg.

„Du denkst immer das Schlimmste, Beth.“

„Was ist daran schlimm? Ihr wart sechs Mal miteinander aus, und er hat dich doch schon geküsst, oder?“

„Ja, das weißt du doch.“ Genau zwei Mal. Beide Male zum Abschied nach einer Verabredung. Zunächst hatte sie Adam nur als sehr gut aussehenden und einflussreichen Freund betrachtet, aber in letzter Zeit bekam ihre Beziehung einen intimeren Charakter. Allerdings immer noch in Grenzen.

„Er hat ein paar Mal von der Geburtstagsparty seiner Großmutter gesprochen, und ich glaube, er will mich dazu einladen. Das ist wahrscheinlicher, als dass er Sex mit mir will.“ Olivia begutachtete das gebügelte Kleid. Jede Falte saß perfekt. „Sieht gut aus.“ Sie schaltete das Bügeleisen aus und hielt sich das Kleid an. Das dunkle Violett harmonierte wundervoll mit ihrer hellen Haut und den dunklen Haaren. Jedenfalls fand sie das, aber sie war schließlich nur Buchhalterin.

„Tja.“ Beth blickte zu dem Saum des bodenlangen Kleids. „Das passt zu dem förmlichen Adam. Ihm gefällt’s bestimmt.“

Olivia hängte das Kleid an die Schranktür und setzte sich aufs Bett. Sofort sprang Hortense auf ihren Schoß und rollte sich schnurrend zusammen. Olivia kraulte ihre Katze hinter den Ohren, während sie Beth anblickte. Normalerweise sprach ihre Freundin immer offen und direkt aus, was sie dachte. Das mochte sie an ihr, auch wenn es manchmal wehtat. Aber jetzt gab Beth schon seit Wochen in Bezug auf Adam nur schnippische Kommentare von sich.

„Wenn du ihn nicht magst, warum sagst du es dann nicht?“

„Ich mag ihn nicht.“

Als wolle sie dem zustimmen, miaute Hortense.

„Und wieso magst du ihn nicht?“

Beth zählte die Gründe an den Fingern ab. „Er ist hochnäsig, er ist eingebildet, und er gefällt sich auch noch dabei.“

Olivia hatte schon geahnt, dass Beth nicht viel von Adam hielt, aber so ein strenges Urteil hatte er nicht verdient. „Das ist unfair. Er hat mir sehr geholfen, das Geld für den Ausbau der Bücherei zu beschaffen. Und ihm habe ich die Einladung zum Kostümball heute Abend im Country Club zu verdanken. Da bekomme ich bestimmt noch ein paar Hunderter zusammen.“ Außerdem glaube ich, ist er der Richtige für mich, fügte sie in Gedanken hinzu. Allerdings war jetzt wohl nicht der passende Zeitpunkt, um Beth diese Neuigkeit mitzuteilen.

Beth schnippte mit den Fingern. „Ich hab’s! Dein Urteil ist getrübt, weil er dir beim Spendensammeln geholfen hat. Du würdest auch Frankensteins Monster lieben, wenn es dir bei der Bücherei geholfen hätte.“

„Es stimmt, dass ich Adams Hilfe zu schätzen weiß. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie die neue Abteilung mit den Kinderbüchern aussehen wird, wenn …“

„Natürlich weiß ich das, du hast es mir oft genug erzählt. Aber weißt du denn auch, dass er in jeder Schaufensterscheibe sein Spiegelbild bewundert?“ Beth verzog das Gesicht.

„Na und?“ Olivia wusste nicht genau, was sie dazu sagen sollte.

„Er ist von sich begeistert. Bestimmt erregt ihn sein eigener Anblick.“

Tadelnd schüttelte Olivia den Kopf. „Wenn du jetzt ekelig wirst, hör ich nicht mehr zu.“

Beth hob die Hände. „Aber das ist doch abartig.“

„Wie bitte? Du nennst mich abartig?“ Olivia musste lachen. „Dann muss es wirklich schlimm um mich stehen.“

„Es ist doch nicht normal, wenn du mit dem Kerl ausgehst und es eklig findest, wenn er erregt ist.“

„Nein, ich finde es nur eklig, wenn du darüber sprichst. Wahrscheinlich hat er nur geprüft, ob seine Krawatte richtig sitzt.“ Allerdings war es Olivia bei ihren Verabredungen mit Adam selbst schon aufgefallen, dass er sich gern im Spiegel betrachtete. „Sein Äußeres ist ihm eben wichtig.“ Sie hob Hortense von ihrem Schoß und griff nach dem Fläschchen Nagellack auf dem Nachttisch. „Manchmal frage ich mich ohnehin“, fügte sie hinzu, „warum er mit mir ausgeht.“ Sorgfältig fing sie an, ihre Nägel zu lackieren.

„Bist du verrückt? Du bist klug, humorvoll, erfolgreich und attraktiv, auch wenn du das in keiner Weise betonst. Du bist zehn Mal so viel wert wie er.“

Olivia warf Beth, die immer gern übertrieb, einen zweifelnden Blick zu. „Zehn Mal? Wirklich?“

„Wer hat denn die Abschlussrede unserer Jahrgangsstufe gehalten?“

Olivia lackierte weiter ihre Fußnägel. „Und wer hatte keinen Partner für den Abschlussball?“

„Wer hat den Lesezirkel ins Leben gerufen?“ Beth deutete mit dem Finger auf Olivia.

„Und mit wem hat Deke Richards sich verabredet, nur weil er hoffte, über ihren älteren Bruder an Bier zu gelangen?“

„Olivia, du musst endlich aufhören, dich ständig kleinzumachen.“

„Ach, Beth. Ich werde ewig die Tochter des Säufers bleiben.“ In einer Kleinstadt wie dieser konnte man wenig ausrichten, wenn fast alle eine vorgefasste Meinung von einem hatten.

Manchmal sehnte Olivia sich nach einem Ort, an dem man sie nicht kannte, aber ein Umzug würde für sie zu sehr danach aussehen, dass sie aufgegeben hätte. So hatte sie sich schon vor Langem geschworen, zu bleiben und zu beweisen, dass auch ein Cooper ein nützliches Glied der Gesellschaft sein konnte.

Beth lächelte mitfühlend und setzte sich in den Schneidersitz. „Da wir gerade von deiner Familie sprechen: Marty ist vorgestern Nacht wegen Trunkenheit und Ruhestörung eingesperrt worden?“

Olivia seufzte. „Stimmt. Mein Bruder gibt sich alle Mühe, die Tradition der Coopers aufrechtzuerhalten. Sie hatten ihn sogar in Daddys alte Zelle gesteckt. Daddy hat ihm seine Ausnüchterungszelle im Knast vererbt. Soll ich darauf etwa stolz sein?“

„Du hast wieder die Kaution bezahlt, damit er raus durfte?“

„Natürlich. Und dann habe ich ihn zu Darlene gebracht. Sie musste mir versprechen, ihn nicht mehr aus dem Haus zu lassen.“ Ihre Schwägerin hatte ihr dieses Versprechen schweren Herzens gegeben. „Marty ist ein guter Kerl, wenn er nüchtern ist. Aber anscheinend ist er die Hälfte seines Lebens betrunken und die andere Hälfte verkatert.“

„Und was ist mit Tammy? Hat sie Earl wirklich wegen Tim verlassen? Diese Frau wechselt ihre Männer fast so oft wie ich die Unterwäsche.“

Olivia zuckte mit den Schultern. Tammy traf oft unkluge Entscheidungen, und jetzt hatte sie ihren dritten Mann offenbar wegen seines besten Freundes verlassen. „Ich weiß es nicht. Mir erzählt sie so was nicht, weil sie weiß, was ich davon halte.“

„Du, Olivia, bist der lebende Beweis dafür, dass Charaktereigenschaften nicht erblich sind. Wenn du deinen Geschwistern nicht so ähnlich sehen würdest, könnte man annehmen, du seist adoptiert. Jedenfalls habe ich noch nie erlebt, dass ein Mitglied einer Familie sich so sehr von allen anderen unterscheidet.“

Ihre Mutter hatte behauptet, sie habe schon bei der Geburt gewusst, dass ihr jüngstes Kind anders sei. An ihre Mutter hatte Olivia nur noch wenige Erinnerungen. Meistens hatte sie vor dem Fernseher gesessen, bevor sie ihre Familie verließ, um ihr Glück anderswo zu suchen. Seitdem hatte sie nichts mehr von ihr gesehen oder gehört.

Olivia liebte ihre Familie, ihren Vater, Marty und Tammy, aber manchmal war sie zutiefst frustriert. Ihr Leben lang schon versuchte sie, dem Ruf ihrer Familie zu entfliehen, und oft war sie voller Wut auf die Coopers, weil sie sich durch ihren Lebenswandel zum Gespött der Leute machten.

Aber war sie denn so anders? Hin und wieder ließ sie auch Dampf ab und lebte sich aus. Einmal hatte sie einen Fallschirmsprung riskiert. Sie hatte sich fast mit einer Frau geprügelt, die ihre Katze quälte und war auf Willette Tuttles Junggesellinnen-Party gewesen, auf der auch ein männlicher Stripper auftrat. Erst kürzlich hatte sie nachts nackt im Garten getanzt, als es geregnet hatte. Brach vielleicht doch so etwas wie ein Erbe durch, wenn sie sich gehen ließ?

Doch eigentlich ist es egal, ob ich schlecht oder oberflächlich bin, dachte sie. Ein bedeutender Mann der Gemeinde hatte sich mit ihr verabredet, und das war eine Tatsache.

Olivia sah sich in ihrem Schlafzimmer um. Es war klein, aber geschmackvoll eingerichtet, genau wie das übrige Haus. Sie hasste das schäbige Haus, in dem sie aufgewachsen war und in dem ihr Vater immer noch wohnte. Schon als Kind hatte sie davon geträumt, eines Tages in einem eleganten Haus zu leben, und Adam, der Vizepräsident der Bank seiner Familie, passte genau in diesen Traum.

Dabei ging es ihr nicht um Reichtum. Adam bot ihr lediglich das gesellschaftliche Ansehen, nach dem sie sich so sehr sehnte.

Olivia schraubte das Nagellackfläschchen wieder zu und bewegte die Zehen, damit der Lack schneller trocknete. „Tut mir Leid, wenn du Adam nicht magst. Wir passen nämlich sehr gut zusammen.“

Verächtlich stieß Beth die Luft aus. „An deiner Stelle würde ich mir den anderen Bruder schnappen. Luke wäre mir jederzeit lieber als Adam. Das ist noch so ein Fall, bei dem die Geschwister wie Tag und Nacht sind, obwohl sie sich sehr ähnlich sehen.“

„Das kann man wohl sagen.“ Olivia ließ sich nicht anmerken, wie sehr Luke, das schwarze Schaf der Familie Rutledge, sie beunruhigte. Doch zum Glück lebte er nicht mehr in der Gegend. Und obwohl seine Baufirma die Ausschreibung des neuen Büchereiflügels gewonnen hatte, würde Luke nicht erscheinen. Sein Partner leitete die hiesigen Arbeiten.

„Was hast du nur gegen den armen Luke? Was hat er dir denn getan?“

Oh, sie erinnerte noch sehr gut, wie der „arme“ Luke sie vor dreizehn Jahren geküsst hatte. War das für ihn nur ein Witz gewesen? Sie konnte sich immer noch nicht erklären, wieso er sie damals geküsst hatte. Aber ihre heftige Reaktion auf diesen Kuss war eindeutig gewesen. Deshalb hatte sie dann auch gedacht, dass alles, was die anderen Mädchen über sie und ihre Familie gesagt hatten, zutraf, und so war sie vor Luke weggerannt, als müsse sie ihrer eigenen Zukunft entfliehen. Über dieses Erlebnis hatte sie nie gesprochen, und das würde sie auch jetzt nicht tun. Doch mehr als einmal hatte sie von Luke und diesem Kuss geträumt.

„Luke hat mir nie etwas getan. Er ist nur nicht mein Typ.“ Sie erschauerte, als ob allein sein Name schon ausreiche, sie aus der Fassung zu bringen.

Olivia stand auf und ging zum Nachttisch. Unter einem Stapel Briefen fand sie ihr Schmuckkästchen und durchsuchte es nach passenden Ohrringen für den Abend. „Ich verstehe gar nicht, wieso jemand, der in eine so angesehene Familie hineingeboren wurde, alle in seiner Umgebung nur vor den Kopf stößt.“ Sie hielt zwei filigrane Silberohrringe mit eingearbeiteten Amethysten hoch.

Beth nickte zustimmend und kehrte zum Thema Luke zurück. „Luke ist wirklich ein Rebell. Er hatte schon als Junge etwas Wildes an sich. Aber es heißt ja, dass Männer, die sich gründlich die Hörner abgestoßen haben, die besten Ehemänner abgeben.“ Belustigt lächelnd fuhr sie fort: „Und wenn sich jemand die Hörner abgestoßen hat, dann Luke. Ich habe ja meinen Chuck, und der ist nach fünf Jahren Ehe schon fast gezähmt, aber sonst …“

Olivia lachte, froh, dass es nicht mehr um Luke ging. „Du hast gut reden. Chuck ist ja ein Heiliger.“ Das stimmte zwar nicht ganz, aber zumindest war er ein sehr netter Mann. „Und nicht zu vergessen, ist er auch der Vater deines Kindes.“

Beth, die in der neunten Woche schwanger war, strich sich lächelnd über den Bauch. „Das ist er allerdings.“

Olivia zog aus einer Schublade ihren mit Spitze besetzten Body hervor, den sie aus einer Laune heraus per Katalog geordert hatte.

„Oh!“ Beth riss ihr das Dessous förmlich aus der Hand und drehte es prüfend hin und her. „Das ist ja heiß. Da wird Adam sich die Finger verbrennen.“

„Du denkst doch nicht, dass ich darin …“, Olivia tat, als müsse sie überlegen, „… wie hast du es noch genannt? Wie die Prüderie in Person aussehe?“ Doch im Grunde hatte sie gar keine Vorstellung von sich in diesem sexy Body.

„Nein, bestimmt nicht. Das ist ein guter Anfang.“ Beth hielt das spitzenbesetzte Dessous aus Seide und Satin hoch. „Ein Schritt in die richtige Richtung.“

„Ein Schritt? Das ist ein gewaltiger Sprung!“ Im Vergleich zu ihrer übrigen weißen Baumwollunterwäsche war dies eine Revolution. Olivia war etwas aufgeregt und fühlte sich schon verrucht, nur weil sie so ein Dessous besaß.

„Ein gewaltiger Sprung wäre es, wenn du unter dem Kleid gar nichts tragen würdest, nicht mal einen Slip.“ Vielsagend wackelte Beth mit den Augenbrauen.

„Ich soll ohne Slip gehen?“ Das würde auf Adam sicher eher abstoßend als erregend wirken. „Ich weiß nicht. Das hier ist für mich schon wild genug.“ Schließlich wollte sie verführerisch, aber nicht verdorben wirken.

„Nur schade, dass dieses wunderbare Wäschestück an Adam verschwendet sein wird.“

Olivia wollte gerade klarstellen, dass Adam ihre Unterwäsche nicht zu Gesicht bekommen würde, da meinte Beth lachend: „War nur ein Scherz, ich weiß doch, dass er das nicht sehen wird.“

„Genau“, erwiderte sie, obwohl ihr die Selbstverständlichkeit, mit der Beth das annahm, irgendwie auch nicht gefiel. Dann lächelte sie geheimnisvoll, und, wie sie vorausgesehen hatte, sprang Beth vom Bett hoch.

„Verheimlichst du mir etwas?“

Olivia lachte. „Nein, es ist nur so ein Gefühl.“

„Was meinst du damit?“

„Vielleicht ist es Liebe“, scherzte sie. Doch mehr als Freundschaft empfand sie für Adam mittlerweile schon, und Olivia glaubte, dass auch seine Gefühle für sie sich entwickelt hatten. Was für einen Ehemann würde er wohl abgeben?

„Mach dir nichts vor. Geh jetzt lieber duschen, wenn ich dir noch mit der Frisur und beim Schminken helfen soll. Wann holt Adam dich denn ab?“

„Wir treffen uns um halb neun beim Country Club. Ich muss vorher noch bei meinem Vater nach dem Rechten sehen, und da muss Adam ja nicht unbedingt mit.“

„Der Herr ist sich wohl zu fein, um mit dir auf die Farm zu fahren?“

„Nein, er war schon dort, und er war sehr nett.“ Sein Lachen war ein bisschen zu laut und aufgesetzt gewesen. Und obwohl ihr Vater bereits eine ganze Reihe von Bierflaschen geleert gehabt hatte, hatte Adam ihn zu einer Rundfahrt über die Farm in seinem alten Pick-up gedrängt. Während der Fahrt hatte ihr Vater ihn dann ständig darauf hingewiesen, dass Geld auf der Bank nicht zähle, sondern immer nur das Land, das einem gehöre.

Auch wenn die Haustür mit Klebeband geflickt ist? hatte Olivia sich gefragt. Danach hatte sie Adam nie wieder mit auf die Farm genommen.

„Er hat spät am Nachmittag noch einen Termin und kommt deswegen etwas später auf die Party.“

Beth schob sie Richtung Badezimmer. „Das wirst du auch, wenn wir dich nicht bald fertig bekommen. Und vergiss nicht, dir die Beine zu rasieren!“

Luke Rutledge parkte seinen Wagen in der Garage neben den Ställen und stieg aus. Hier standen die Cadillacs seiner Eltern, der BMW seines Bruders und jetzt der alte Transporter mit dem Aufkleber seiner Baufirma und zahllosen Beulen und Dellen. Welches dieser Autos passte nicht zu den anderen? Er musste bei diesem Gedanken lächeln.

Beim Hinausgehen bemerkte er das Piratenkostüm hinten in Adams Auto. Sein Bruder als Pirat? Das passte nicht. Adam gehörte eher in Seidenjacke und Pumphose.

Während Luke über den gepflegten Rasen zu dem großen Haupthaus ging, kam er sich wie der sprichwörtliche verlorene Sohn vor. Er wusste genau, dass sein Vater ihn nur als schwarzes Schaf der Familie sah.

Früher hatte er den Ärger tatsächlich förmlich gesucht und erst später bemerkt, dass nicht alle diese Anflüge von Wildheit das Leben lebenswerter machten. Schließlich war ihm klar geworden, dass er anders war als seine Familie. Der ging es nur ums Geld und um den gesellschaftlichen Status. Ihm warfen sie vor, es sei ihm egal, was die anderen über ihn dachten.

Schwarzes Motorrad, eine Tätowierung, ein Ohrring und körperliche Arbeit, das alles passte nicht in die Welt der Rutledges. Auch dass er ein abgeschlossenes Studium vorweisen konnte, mit seinem Partner David Klegman eine eigene Baufirma besaß und mehr Geld auf dem Konto hatte, als er jemals brauchen würde, spielte da keine Rolle.

Er war nun einmal nicht der typische Südstaaten-Gentleman, und er beurteilte die Menschen auch nicht nach ihrem Familiennamen oder ihrem Vermögen. Er erfüllte einfach nicht den Standard der Rutledges.

Vor der Hintertür zur Küche blieb er stehen und inspizierte kurz die Sohlen seiner Stiefel. Ruth würde ihm gehörig die Meinung sagen, wenn er ihren Fußboden beschmutzte.

Luke hörte das vertraute Geräusch der Teigrolle, wenn Ruth Teig ausrollte, und musste lächeln. Die appetitlichsten Düfte kamen aus dem offenen Küchenfenster und weckten Bilder von früher in ihm. Hühnchen und Ente, Heidelbeertorte, grüne Bohnen und Backkartoffeln, das gehörte zu den wenigen schönen Erinnerungen an seine Kindheit. Und Ruth, die, solange er denken konnte, den Haushalt von River Oaks führte.

Er betrat die Küche, und Ruth wandte sich ihm zu. Ein Lächeln ging über ihr faltiges Gesicht.

„Mein lieber Junge, wie schön, dich endlich mal wieder zu sehen. Du warst mindestens zwei Monate nicht mehr hier.“

„Während der letzten sechs Wochen hatte ich einen Großauftrag drüben in Mississippi.“

„Schön, dass du jetzt hier bist.“ Sie drohte ihm mit der Teigrolle. „Hast du dir auch die Schuhe abgetreten?“

„Die sehen wie geleckt aus. Und du bist immer noch bildschön.“ Luke schlang einen Arm um ihre umfangreiche Taille und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ruth hatte mittlerweile schneeweißes Haar, aber der Blick ihrer blauen Augen war immer noch scharf und ungetrübt.

„Bereitest du schon die morgige Party von Grandma vor?“, fragte er mit Blick auf die Essensberge.

„Ich koche jetzt schon seit drei Tagen.“ Prüfend sah Ruth ihm in die Augen. „Du kommst doch auch, oder etwa nicht?“

„Soll ich mir die Chance entgehen lassen, in den Schoß der Familie zurückzukehren? Grandma wird wieder mit ihrem Stock fuchteln und verkünden, dass wir alle enterbt sind. Das will ich auf keinen Fall verpassen.“ Ihm knurrte der Magen. „Gibt’s vielleicht noch Reste von dem Geflügel?“

„Du hättest rechtzeitig zum Lunch kommen sollen, dann hättest du auch etwas zu essen bekommen.“ Trotzdem füllte Ruth ihm einen Teller auf.

„Ich pünktlich zum Essen? Damit ruiniere ich ja meinen Ruf.“ Lächelnd nahm er ihr den Teller ab. „Eigentlich bin ich wegen des neuen Flügels für die Bücherei hier. Am Montag fangen die Bauarbeiten an, und ich wollte überprüfen, ob das Baumaterial auch vollständig angekommen ist.“

„Olivia ist schon ganz aufgeregt. Aber sie hat auch hart gearbeitet, um das Geld zusammenzubekommen.“ Ruth war entfernt mit Olivias Vater verwandt. Energisch rollte sie weiter den Teig aus.

„Sie hat sich bestimmt sehr abgerackert, aber dafür bekommt sie jetzt auch einen neuen Ort, an dem sie sich vor der Welt verstecken kann. Wie geht’s Lady Olivia? Es ist Jahre her, seit ich sie gesehen habe.“

Olivia. Allein bei ihrem Namen zog sich Luke der Magen zusammen. Vor dreizehn Jahren hatte er begriffen, dass er nicht gut genug für sie war. Sie war vor ihm weggelaufen, und er hatte sich geschworen, sie in Ruhe zu lassen. So eine Abfuhr wollte er sich kein zweites Mal einhandeln. Es gab genug andere Mädchen, die willig waren. Nur wegen der Bauarbeiten war er heute als Erstes in die Bücherei gegangen, hatte aber nur mit der Hilfskraft sprechen können, da die unnahbare Olivia mit ihren ernsten grauen Augen seltsamerweise nicht da gewesen war.

Missbilligend runzelte Ruth die Stirn. „Mit einer Frau wie Olivia wärst du viel besser dran als mit diesen Flittchen, die du nicht einmal wagst, mit nach Hause zu bringen.“

Luke aß ungerührt weiter. Er mochte Frauen, die so unkompliziert waren wie sein Motorrad. Deswegen schämte er sich nicht. Er war nur noch nie so interessiert an einer Frau gewesen, dass er Lust gehabt hätte, sie seiner Mutter vorzustellen. „Dein Geflügel wird von Mal zu Mal besser.“

„Lenk nicht vom Thema ab!“

„Soll ich der edlen Olivia den Hof machen?“ Er lachte, obwohl er die Vorstellung gar nicht so lächerlich fand.

„Nein.“ Ruth knallte die Teigrolle auf die Anrichte. „Adam war schneller. Die beiden treffen sich regelmäßig.“ Abfällig schüttelte sie den Kopf.

Luke erstarrte mitten in der Bewegung. „Olivia und Adam? Wann ist das denn passiert?“

„Sie gehen seit knapp zwei Monaten miteinander aus.“ Ruth schnitt zwei runde Teigplatten aus, die für die Apfelkuchen waren. „Kannst du dir das vorstellen?“

Er stellte seinen Teller weg. Der Appetit war ihm vergangen. Offenbar hatte Olivia, als Adam sie küsste, nicht panisch die Flucht ergriffen. Selbst nach dreizehn Jahren kränkte es ihn noch, dass Olivia ihn bei den Tribünen einfach hatte stehen lassen. „So ernst kann es ja nach dieser kurzen Zeit noch nicht sein.“

Ruth richtete sich auf und sah ihn ernst an. „Wie lange dauert es denn deiner Meinung nach?“

Luke drehte sich um. „Ich wollte eigentlich nur Mom sehen. Hast du eine Ahnung, wo ich sie finde?“

„Mrs. Rutledge ist hinunter zum Fluss gegangen. Dort malt sie oft am späten Nachmittag. Der Colonel ist im Arbeitszimmer.“

Sie wussten beide, dass sie diesen letzten Hinweis nur gab, damit Luke ihm nicht unerwartet in die Arme lief. Seine Mutter verstand ihn zwar nicht, dennoch liebte sie ihn von ganzem Herzen. Das konnte man von seinem Vater nicht behaupten.

„Danke, Ruth. Und dein Geflügel schmeckt fantastisch.“

„Warum isst du deinen Teller dann nicht leer?“ Vielsagend hob sie die Augenbrauen. „Ich lasse das Essen stehen, falls du noch Hunger bekommst.“

Ohne darauf einzugehen, verließ Luke die Küche und schlug den Weg zum Fluss ein, als er aus dem Fenster des Arbeitszimmers die Stimme seines Vaters hörte.

„Wie lange musst du dich noch mit der Tochter des alten Cooper treffen?“

Luke erstarrte. Er hatte den abfälligen Gesichtsausdruck des Colonels genau vor Augen.

„Nur noch ein paar Mal. Sie ist ziemlich unterkühlt, aber sie wird schon noch auftauen. Wenn es sein muss, stecke ich ihr eben einen Ring an den Finger.“ Adam stieß ein verächtliches Lachen aus.

Die Leute sagten immer, Adam und er hätten die gleiche Stimme. Sogar ihre Mutter hatte am Telefon oft Schwierigkeiten, sie auseinanderzuhalten. Da konnte er, Luke, nur hoffen, dass er nicht so verächtlich und überheblich klang. Gleichzeitig erleichterte es ihn, dass Olivia, wenn sie bei Adam schon nicht weggelaufen war, den Kuss seines Bruders offenbar aber auch nicht leidenschaftlich erwidert hatte.

„Hoffentlich kommt es nicht dazu. Aber tu alles, was nötig ist. Hier steht viel auf dem Spiel.“

Ging Adam mit Olivia aus, weil sie ihm in irgendeiner Weise behilflich sein konnte? Nachdenklich rieb Luke sich das Kinn.

„Heute Abend auf der Party werde ich sie zu Grandmas Geburtstagsfeier einladen.“

Luke lehnte sich an einen Baumstamm und unterdrückte seinen aufsteigenden Beschützerinstinkt. Olivia war erwachsen und konnte auf sich selbst aufpassen. Er war kein Ritter, der hilflose Frauen rettete.

„Und was ist mit …“ Das Telefon unterbrach seinen Vater, der dann so leise sprach, dass er ihn draußen nicht hören konnte. „Das war Boswell“, sagte er nach dem Auflegen. „Du musst dich heute Abend mit seinem Mann treffen.“

„Aber was wird aus der Party? Ich habe mir schon ein Piratenkostüm und alles andere besorgt“, beschwerte Adam sich.

„Vergiss diese Party. Es ist wichtiger, dass du Boswells Mitarbeiter triffst.“

Das klingt ja spannend, dachte Luke.

„Aber da bin ich ja drei Stunden unterwegs. Ich werde nicht vor zwei Uhr früh wieder hier sein.“

„Reg dich nicht auf, Junge. Wir sind so dicht dran, dass ich das Geld schon riechen kann. Und nimm den Lieferwagen von der Farm. Dein Wagen zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich, und die können wir uns nicht leisten.“

„Das passt mir eigentlich gar nicht. Ich habe viel Geld in dieses Kostüm gesteckt.“

„Hör endlich mit diesem Kostüm auf. Zieh dir den Fummel meinetwegen an, wenn du wieder zu Hause bist“, fuhr der Colonel Adam an. „Du musst in einer Stunde los. Komm vorher kurz noch mal rein, dann bekommst du das Geld.“

Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen.

Luke stieß sich vom Baum ab und ging zurück zur Garage. Seine Mutter würde er morgen auf der Party seiner Großmutter ohnehin sehen. Jetzt beschäftigte ihn nur, was sein Vater und sein Bruder im Schilde führten. Wieso wollte Adam unbedingt auf diese Kostümparty? Wieso dachte er überhaupt daran, sich mit einer Frau zu verloben, die er als unterkühlt bezeichnete?

Luke betrat die Garage und betrachtete noch einmal das Piratenkostüm auf dem Rücksitz des BMW. Das Schwert mit den imitierten Juwelen am Griff und die Augenklappe wirkten verlockend. Und die dunkle Perücke hatte ungefähr die gleiche Länge wie sein eigenes schulterlanges Haar.

Luke lächelte, als ihm eine Idee kam.

Adams Auto, das Kostüm und der Country Club. Die Gelegenheit war einzigartig, und er sollte sie nutzen. Würde ihm die Täuschung gelingen? Adam und er hatten fast die gleiche Stimme und ungefähr die gleiche Statur. Er war etwas stärker gebräunt als Adam, aber bei gedämpftem Licht und in dem Kostüm fiele das sicher nicht auf. Vielleicht konnte er dabei herausbekommen, was Adam im Schilde führte. Und vielleicht ergab sich auch die Möglichkeit, mit Olivia zu tanzen.

2. KAPITEL

„Olivia Cooper? Sind Sie das?“

Olivia zwang sich, nicht zu blinzeln, obwohl sie nichts erkennen konnte. Es war dumm gewesen, die Brille im Auto liegen zu lassen, denn der Ballsaal wurde fast ausschließlich von Kerzen erleuchtet, und Olivia konnte kaum etwas sehen. Dadurch fühlte sie sich jedoch mutiger. Sie hatte sich bereits unter die Gäste gemischt und eine ansehnliche Summe Geld für ihre geliebte Bücherei gesammelt.

Der Mann war jetzt nahe genug, dass sie ihn erkennen konnte.

„Hallo, Jeff.“ Der ehrgeizige Manager aus Adams Bank sah eigentlich wie eine Ratte aus, aber leicht verschwommen war er gar nicht mehr so hässlich.

„Wo ist denn Adam?“

Offenbar wollte er die Gelegenheit nutzen, sich ihr zu nähern. Auch ohne Brille konnte sie erkennen, dass Jeff ihr in den Ausschnitt sah. Ja, dachte Olivia, ich habe tatsächlich ein Dekolleté. Das Oberteil des Bodys hatte erstaunliche Dinge mit ihren Brüsten angestellt. Sie sahen nicht nur praller und größer aus, sie fühlten sich auch voller an. Die Spitze des BHs reizte die Brustspitzen, außerdem trug sie eine Katzenmaske und hatte das Haar hochgesteckt. Dank all dem fühlte sie sich sexy und verführerisch – ein schwindelerregendes Gefühl.

„Adam? Er hatte heute am späten Nachmittag eine Verabredung und kann erst später hierher kommen.“ Die Party war bereits in vollem Gange, und immer noch war von Adam nichts zu sehen.

„Wenn Sie ihn sehen, dann sagen Sie ihm doch bitte, dass ich nach ihm suche.“ Mit einem letzten Blick auf ihre Brüste machte Jeff sich auf den Weg zu seinem nächsten Opfer.

Oliva hoffte, zumindest äußerlich ruhig und beherrscht zu wirken, denn innerlich war sie angespannt wie eine Sprungfeder. Wo blieb Adam nur?

Als habe sie ihn mit ihren Gedanken herbeigerufen, tauchten die Lichtkegel zweier Scheinwerfer in der Auffahrt auf, und das Motorengeräusch seines BMWs war zu hören. Nervös steckte Olivia sich die Haarnadeln etwas fester und rückte ihre Katzenmaske zurecht. Was mochte Adam von ihrem Kostüm halten?

Er hielt an, stieg aus, und ein Bediensteter fuhr den Wagen auf den Parkplatz. Ihr Herz schlug schneller, und dann stockte ihr der Atem.

Wow! Obwohl sie ihn nur undeutlich sah, war es für sie eindeutig, dass Adam in diesem Piratenkostüm mindestens drei Mal so sexy wie sonst aussah. Lag das an der Augenklappe, dem weiten Hemd oder der engen Hose, durch die sein Gang lässiger und sexy wirkte? Sie konnte sich der aufreizenden Wirkung, die er auf sie ausübte, jedenfalls nicht entziehen, und einen Moment lang musste sie an Luke denken. Das lag bestimmt an Beths Geplapper. Schnell verdrängte sie den Gedanken wieder. Luke war ein selbstherrlicher Widerling.

Stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf Adam.

Als er die Treppe hinaufkam, hatte sie sich wieder einigermaßen unter Kontrolle. „Adam“, rief sie ihm zu und hasste es, dass ihre Stimme so piepsig klang. „Adam“, wiederholte sie und gab sich Mühe, in etwas normalerem Tonfall zu sprechen.

Nach ganz kurzem Zögern wandte er sich in ihre Richtung. „Ja?“ Seine Schritte wurden langsamer, während er zu ihr trat.

„Ich habe mich schon gefragt, wann du kommst.“ Ihre Stimme klang jetzt fast heiser.

„Olivia.“

Wie oft hatte er in den vergangenen Wochen ihren Namen ausgesprochen? Es hatte niemals so wie jetzt geklungen. Wie eine Liebkosung. Sie brauchte gar nicht deutlich zu sehen, um zu merken, dass Adam sie eingehend von oben bis unten musterte. Direkt vor ihr blieb er stehen. Normalerweise benutzte er ein Rasierwasser, dass sie als aufdringlich empfand. Aber heute duftete er nach Mann und Seife. Ein sehr erregender Duft.

Hitze durchströmte sie, und sie trat hastig einen Schritt zurück in die Schatten. Doch die knisternde Spannung zwischen ihnen wurde durch die größere Entfernung nicht gedämpft.

Adam folgte ihr in die Schatten, und vor dem mondhellen Himmel zeichneten sich deutlich die Umrisse seiner breiten Schultern ab.

„Ihr seid so schön, dass es mir den Atem raubt, Lady Olivia.“

Fast hätte sie sich umgedreht, um nachzusehen, ob er vielleicht mit jemand anderem sprach. Aber dann nahm sie das Kompliment mit einem frohen Lächeln an. „Danke sehr, mein Herr.“

„Wir sollten hineingehen. Es ist kühl hier draußen.“

Der Klang seiner tiefen Stimme ließ sie erbeben, und seine Ausstrahlung war alles andere als kühl. Ganz leicht neigte er sich zu ihr.

„Ja, wir sollten …“ Stattdessen trat sie wie magisch von ihm angezogen einen Schritt näher.

„… nach drinnen gehen.“ Noch während er sprach, zog er sie an sich.

Sie strich über seine festen Brustmuskeln. „Sag noch mal, warum.“

„Weil es kalt ist.“

Ihr Puls raste. Sie spürte die Ränder der schwarzen Samtmaske im Gesicht, und die frische Nachtluft war wie ein Streicheln auf ihrer erhitzten Haut. „Findest du?“ Bisher hatte sie sich von Adam eher küssen lassen, jetzt sehnte sie sich nach seinem Kuss.

„Olivia?“

Von seinen Lippen klang ihr Name wie ein Liebeszauber. Ihre Sicht mochte verschwommen sein, dafür waren ihre anderen Sinne umso schärfer. Deutlich nahm sie die gedämpften Geräusche der Party wahr und Adams warmen Atem. Seinen Duft an diesem kühlen Herbstabend.

Ihr Atem vermischte sich mit seinem, und es war vollkommen unausweichlich, dass seine Lippen schließlich ihre berührten.

Ihre Welt schien kopfzustehen.

Mit fast beängstigender Schnelligkeit und Intensität wurde sie von wilder Leidenschaft erfasst. Hatte sie schon jemals zuvor so empfunden? Ganz flüchtig kam ihr eine Erinnerung, doch sofort wurde sie weggespült von den überwältigenden Empfindungen, die dieser Kuss in ihr auslöste.

Kam das vom Vollmond? Oder lag es daran, dass sie Masken trugen? Sie erkannte sich selbst kaum wieder, als sie ganz ihren Gefühlen folgte und sich hingebungsvoll an.

Adam drückte und den Kuss vertiefte.

Bislang hatte Adam kaum ihre körperliche Nähe gesucht. Und wenn, dann waren seine Berührungen eher kühl und flüchtig gewesen. Diesmal hatte er zwar kurz gezögert, aber sein Kuss war alles andere als flüchtig.

Während sie seine Schultern umfasst hielt, bat sie ihn insgeheim um Verzeihung. Bisher hatte sie Adam für etwas weichlich gehalten. Dabei war er unglaublich muskulös und athletisch.

Und seine Küsse hatten sich seit dem letzten Mal wirklich sehr verändert. Beide schnappten sie danach nach Luft, und sie ließ sich gegen die Ziegelmauer hinter ihr sinken. Adam stützte sich rechts und links von ihr gegen die Wand. Wie sollte sie sich wieder unter Kontrolle bringen, wenn sie seinen warmen Atem im Gesicht spürte und seinen Körper so dicht vor sich hatte?

Ein Fenster ging auf, Gelächter und Musik drangen auf die Veranda. Die intime Stimmung verflog.

„Es ist heiß hier drinnen“, beschwerte sich eine Frau im Ballsaal.

Adam ließ die Arme sinken, und Olivia richtete sich auf.

„Wir sollten hineingehen. Offenbar ist es drinnen wärmer.“ Sie konnte wieder sprechen und gewann langsam ihre Beherrschung wieder.

Auf dem Weg nach drinnen legte Adam ihr eine Hand auf den Rücken, und sie unterdrückte ein Zittern.

„Heißer als hier draußen kann es aber nicht sein.“

Seine leise Bemerkung, als sie sich unter die Partygäste mischten, brachte ihren Puls sofort wieder zum Rasen.

Ohne ein Wort mit jemandem zu wechseln, ging Luke durch die Menge. Der Kuss hatte ihm fast die Sprache geraubt, und er brauchte noch einen Moment, um sich zu fangen. Olivia in den Armen zu halten, ihre Lippen zu berühren und ihren Duft einzuatmen, das war für ihn so gewesen, als sei er nach Hause gekommen. Nach dreizehn Jahren musste er jetzt erkennen, dass die Lust damals beim ersten Kuss keine Täuschung gewesen war. Fast hätte er wie ein Idiot gegrinst. Wenn Adam jemals dieses Feuer bei Olivia erlebt hätte, hätte er sie sicher nicht als unterkühlt bezeichnet.

Luke sah sich um und verglich den Country Club mit seiner Stammbar. Hier war ihm alles fremd. Es gab keine Billardtische, keine Neonreklamen und keine Bedienungen im Lederrock.

Der Ballsaal wurde nur von Kerzen erleuchtet, um die große Tanzfläche herum standen weiß gedeckte Tische. In einer Ecke befand sich eine Bar, doch er steuerte in die entgegengesetzte Richtung. Je weniger Kontakt er zu den anderen Gästen suchte, desto größer war die Chance, dass seine doppelte Verkleidung nicht aufflog. Am sichersten bin ich auf der Tanzfläche, überlegte er und führte Olivia in die Mitte des Saals. Außerdem wollte er sie erneut im Arm halten.

„Und jetzt noch ein langsamer Tanz, bevor wir eine Pause einlegen“, verkündete der Sänger der Band.

Die Musiker fingen an zu spielen, und Olivia schmiegte sich lächelnd in seine Arme. Sein Herz schlug schneller, auch wenn dieses Lächeln leider seinem Bruder galt.

„Ich weiß, dass du nur ungern tanzt, aber du sollst wissen, dass es mir sehr gefällt.“ Sanft drückte sie eine Hand gegen seine Brust und hielt sich mit der anderen an seiner Schulter fest.

Er tanzte nicht viel, und schon gar nicht mit Frauen wie Olivia. Doch diesen Tanz, diese Umarmung genoss er sehr, und es machte ihn glücklich, dass Adam sie noch nie so gehalten hatte. „Du bringst mich dazu, Dinge zu tun, die ich sonst nicht tue.“ Er zog sie etwas dichter an sich und spürte durch das gestärkte Kleid hindurch ihre Brüste.

Olivia wirkte stilvoll und elegant. Schon damals war sie zu gut für ihn gewesen, und auch jetzt noch spielte sie in einer anderen Liga.

Ihre schwarze Samtmaske war mit Federn verziert und zeigte nur ihre grauen Augen. Es sah aus, als würde sie ihn angestrengt mustern. Erkannte sie, dass er nicht Adam war? „Was hast du?“

Behutsam strich sie ihm über die Oberlippe. „Du hast da etwas Lippenstift.“

Nachdem sie ihm den mit der Fingerspitze sacht weggewischt hatte, streichelte sie seinen Hals und die nackte Haut über dem Hemdkragen. Selbst der Anblick nackter Frauen hätte ihn jetzt nicht so erregt wie diese zarte Berührung.

Er strich ihr über die samtweiche Haut am Mundwinkel.

„Ist es da auch verschmiert?“, fragte sie atemlos.

„Nein, bei dir alles ist perfekt.“ Dennoch fuhr er mit dem Finger über ihre vollen Lippen und dachte dabei unwillkürlich an den Kuss.

Lächelnd neigte sie den Kopf zur Seite. „Mein Herr Pirat, Eure Schmeicheleien verdrehen mir noch den Kopf.“ Sie verschränkte die Finger in seinem Nacken, und seine Muskelnspannten sich an.

„Und Eure Nähe lässt mich erbeben, Lady Olivia.“

Sie schmiegte sich seufzend an ihn. Und dass sollte die Frau sein, die sein Bruder als unterkühlt bezeichnet hatte? Er war froh, dass Adam nicht ahnte, welche Glut, welche Zärtlichkeit in Olivia steckten.

Langsam bewegten sie sich im Einklang mit der Musik, und er betrachtete Olivia dabei. Ihr herzförmiges Gesicht, ihre sinnlichen Lippen. Ihr schlanker Hals war so verlockend, dass er am liebsten jede Stelle der zarten Haut geküsst hätte. Ihr Dekolleté erlaubte einen guten Blick auf ihre hellen runden Brüste. Und der Duft, der sie umgab, war ebenso sanft wie aufregend exotisch. Sie wirkte wie ein vergrabener Schatz, und er würde der Pirat sein, der diesen Schatz hob.

Ein riesiger Marshmallow, der mit einem Schokodrops tanzte, stieß Olivia an, sodass ihr Kopf Lukes Schulter berührte.

„Sorry. Adam. Olivia.“ Entschuldigend hob der Marshmallow die Schultern.

Luke zwang sich zu einem gelassenen Lächeln und tanzte in die andere Richtung. Einen Moment lang hatte er vergessen, dass Olivia glaubte, mit seinem Bruder zu tanzen.

„Oh, ich habe ganz vergessen dir zu sagen, dass Jeff dich gesucht hat.“ Die Federn ihrer Maske streiften sein Kinn, und ein paar Locken strichen ihm über die Wange.

„Der gute alte Jeff.“ Wer in aller Welt war Jeff?

Die Musik klang aus, und die Pärchen verließen die Tanzfläche.

Er wollte Olivia nicht loslassen, und sie sah ihm lächelnd in die Augen.

„Ich habe einen Tisch hinten im Saal“, erklärte sie.

Auf dem Weg dorthin grüßten ihn einige Leute, aber er nickte immer nur kurz, bis Olivia ihn erstaunt fragte: „Willst du nicht mit diesen Leuten reden?“

Richtig, Adam ließ sich ja keine Gelegenheit entgehen, Kontakte zu pflegen. Besonders, wenn es um geschäftliche Kontakte ging. „Nicht heute Abend.“

„Da sind wir.“ Olivia blieb vor einem Tisch in der Ecke stehen.

Er zog ihr einen Stuhl nach hinten. Doch sie setzte sich auf den daneben.

„Du kannst den Platz mit Blick zum Spiegel haben.“

Er warf einen Blick auf sein Spiegelbild und verzog das Gesicht. Als Teenager hatte er Adam immer damit aufgezogen, dass er an keinem Spiegel vorbeigehen konnte, ohne sich darin zu betrachten. Olivia war das also auch schon aufgefallen. Sein Knie berührte ihres, als er sich setzte. Es durchfuhr ihn heiß.

Olivia erging es offenbar ebenso, denn sie zog scharf die Luft ein. „Ich habe heute Abend noch eine ganze Menge Geld für die Bücherei sammeln können“, sagte sie nach einem Moment in die angespannte Stille.

„Prima. Bist du schon aufgeregt, weil am Montag die Arbeiten losgehen?“ Er nahm ihre Hand und führte sie an die Lippen. Sanft berührte er mit dem Mund ihre Handfläche, und sie strich ihm mit den Fingerkuppen über die Wange.

Ihre Lippen waren leicht geöffnet, sie wirkte wie benommen, als sie nickte.

„Weißt du, dass Luke persönlich die Arbeiten überwachen wird?“

Sofort verspannte sie sich. „Aber das sollte doch Mr. Klegman tun.“

Richtig, bis vor zwei Sekunden war das auch so gewesen. Doch sicher machte es Dave nichts aus, wenn er, Luke, dieses Projekt selbst übernahm. „Offenbar hat es eine Änderung in der Planung gegeben.“

„Das hat mir niemand mitgeteilt.“

Luke zuckte gleichgültig mit den Schultern, obwohl er sich bewusst war, dass er sich auf gefährliches Terrain vorwagte. Aber er war noch nie vor einem Risiko zurückgeschreckt. Fasziniert von Olivias reizvollem Gesicht neigte er sich zu ihr. „Magst du meinen Bruder nicht?“

„Nein“, antwortete sie heftig, räusperte sich und fuhr dann in höflichem Tonfall fort: „Das heißt, natürlich mag ich ihn.“

Wie konnte ihn eine Antwort, die er erwartete hatte, dennoch so treffen? „Ich bin überzeugt, dass deine erste Antwort stimmt, Olivia. Und wieso magst du Luke nicht?“

Entschieden reckte sie das Kinn. „Ich fühle mich in seiner Nähe unwohl. Er glaubt, dass für ihn keine Regeln gelten, und von solchen Leuten habe ich in meiner Familie genug.“ Sie blickte ihm in das Auge, das nicht von der Augenklappe bedeckt war. „Aber jetzt möchte ich nicht mehr über Luke sprechen.“

Er wollte auch nichts mehr darüber hören. „In Ordnung. Soll ich uns etwas zu trinken holen? Was möchtest du?“

„Ein Tonic Water mit Zitrone, bitte.“

Es fiel ihm schwer, sie zurückzulassen, selbst für den kurzen Weg zur Bar. Spontan beugte er sich über den Tisch und gab ihr einen raschen Kuss. „Bin gleich zurück.“

„Ich rühr mich nicht von der Stelle.“ Belustigt lächelte sie ihn an.

Luke schaffte es, den Saal zu durchqueren, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Ihm wäre ohnehin nichts Gescheites eingefallen, denn in Gedanken war er nur bei Olivia. Sie machte sie ihn mit ihrer ruhigen Art ganz verrückt, und er wollte sie ständig küssen.

Er bestellte zwei Tonic Water und widerstand der Versuchung, seins mit Gin zu mixen. Doch er musste einen klaren Kopf bewahren, was ihm in Olivias Nähe schon schwer genug fiel.

Wieder am Tisch reichte er ihr ein Glas. „Tut mir Leid, das Eis ist schon fast geschmolzen.“

Sie nahm ihm das Glas ab, und er sah ihr fasziniert beim Schlucken zu.

Mit einem genüsslichen Seufzer drückte sie das Glas an ihren Hals. „Tut das gut. Ist dir auch so heiß wie mir?“

Gerade weil sie das so unschuldig sagte, erregte es ihn umso mehr. Am liebsten hätte er ihr den Tropfen Kondenswasser vom Hals geleckt. „Mir war noch nie heißer.“ Er trank sein Glas in einem Zug leer und bereute es jetzt, nicht doch einen Schuss Gin genommen zu haben.

„Wollen wir nicht einen Spaziergang im Mondschein machen?“

Wildes Verlangen überkam ihn. „Das wird uns bestimmt nicht abkühlen.“

„Ich weiß.“

Trotz ihres einladenden Lächelns lag ein Ausdruck von Unsicherheit in ihren Augen. In diesem Moment fühlte er sich so zärtlich zu Olivia hingezogen, dass er sie einen Augenblick lang einfach nur anschaute.

3. KAPITEL

Das Mondlicht warf ein Schattenmuster der Zweige auf den Weg. Kies knirschte unter ihren Schritten, als Olivia und Luke durch den Garten gingen, in dessen Mitte ein Springbrunnen stand.

Olivia fühlte sich wie in einem Traum. Ab morgen würde sie wieder die Bibliothekarin sein, aber heute Nacht war sie Lady Olivia.

Sie sprachen kein Wort, bis sie einen schmalen Torbogen erreichten. Im Schatten des Durchgangs wandte Adam sich zu ihr und zog sie an sich. Obwohl er sie nur am Nacken berührte, glaubte sie, ihn am ganzen Körper zu spüren.

Sie schlang die Arme um ihn und fühlte sich so lebendig wie nie zuvor, als seine Lippen sie streiften. Sie schloss die Augen, um den Moment ganz auszukosten, und es kam ihr so vor, als stehe die Zeit still. Halt suchend lehnte sie sich an das Gitter. Es war eindeutig, dass Adam durch dieses Piratenkostüm ein anderer Mann geworden war.

Er beugte sich zu ihr und lehnte die Stirn an ihre. Allein diese kleine Berührung ließ sie erzittern, als gebe es eine magische Verbindung zwischen ihnen.

„Olivia, ich muss dir etwas sagen …“

Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Pst. Lass uns einfach ie Magie dieser Nacht genießen.“ Als sie langsam mit dem Finger seine Lippen entlangfuhr, fühlte sie ihn erschauern.

„Aber ich …“

„Bitte.“ Sie presste sich an ihn und berührte seine Lippen mit der Zungenspitze. „Ich habe noch nie so viel empfunden wie bei deinen Küssen.“ Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Ich will jetzt nicht reden. Ich möchte jetzt nur diese Empfindungen noch einmal erleben.“

Aufstöhnend küsste er sie. Es war ein verlangender und zugleich zärtlicher Kuss. Sie öffnete den Mund und liebkoste seine Zunge mit ihrer. Hitze stieg in Olivia auf, und als Adam sie noch dichter an sich zog, pressten sich ihre Brüste an seinen muskulösen Oberkörper, und sie konnte deutlich spüren, wie erregt er war.

Er löste sich von ihrem Mund, und nur sein keuchender Atem war in dem stillen Garten zu hören. Bevor sie sich über das Ende des Kusses beschweren konnte, hauchte er ihr eine Reihe kleiner Küsse auf die Wange. Sie legte den Kopf nach hinten, und ihr lernfähiger Pirat ging auf diese einladende Geste sofort ein. Sie spürte seinen warmen Atem an ihrem Hals und dann die kühle Nachtluft, als er ihr das Kleid über eine Schulter hinabstreifte.

„Wie zart deine Haut ist … so samtweich …“

Seine kleinen Küsse auf ihre nackte Haut brachten sie fast um den Verstand, und sie konnte sich nur noch willenlos ihren Empfindungen hingeben.

„Wie wunderschön …“

Mit der Zunge folgte er dem Ansatz ihrer Brüste, und das Verlangen drohte sie zu überwältigen. Mit dem Daumen fuhr er in ihren Ausschnitt und liebkoste die aufgerichteten Brustspitzen. Olivia seufzte begehrlich, und als er ihr mit dem Daumennagel über die rosige Knospe strich, zuckte sie vor Lust zusammen. Auffordernd drückte sie sich mit den Hüften an ihn, und seine Finger zitterten, als er ihren Ausschnitt tiefer schob, bis ihre Brüste nackt waren und die kühle Abendluft darüber strich.

Sie fühlte sich verletzlich und zugleich geborgen in seinen Armen. Es war verwirrend und unglaublich erregend.

„Olivia …“, mit einer Hand umfasste er ihre Brust, „… gehörst du mir?“

Er beugte sich vor, und sein warmer Atem streichelte ihre Brust.

„Ja, das tue ich.“

Leidenschaftlich sog er an der Brustspitze, um dann innezuhalten und sie nur sanft mit den Lippen zu umschließen. Brennende Sehnsucht durchströmte Olivia. Sie umklammerte das Gitter des weinumrankten Torbogens hinter sich und seufzte vor Verlangen.

Ganz in der Nähe knirschte Kies unter Schritten, und flirtendes Gelächter erklang, als ein weiteres Pärchen die Abgeschiedenheit des Gartens suchte.

Olivia erstarrte, als ihr bewusst wurde, dass sie hier halb nackt stand. Bevor sie die Situation ganz erfasst hatte, brachte Luke ihre Kleidung rasch wieder in Ordnung.

Doch anstatt verlegen zu sein, war Olivia über die Störung nur verärgert. Alles in ihr sehnte sich danach, dass Adam weitermachte.

Eine Frauenstimme war zu hören. „Es ist kalt hier draußen. Fahren wir zurück zu dir nach Hause.“

Ein Mann antwortete etwas Unverständliches, doch die Schritte entfernten sich, und Adam und sie waren wieder allein im Garten.

Sie wollte keine Sekunde dieses Abends vergeuden und strich ihm über den flachen Bauch hinauf zur Brust. Dann stellte sie sich auf die Zehen und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich finde es überhaupt nicht kalt hier. Im Gegenteil, mir ist sehr, sehr heiß.“

Die Perücke hatte er im Nacken mit einem Lederband zusammengebunden, doch an der Schläfe fühlte das Haar sich seidig und echt an. Heute hatte Adam nicht sein Haargel mit diesem abstoßenden Geruch benutzt, und sie roch nur den angenehmen Duft von Seife.

„Honey, du bringst mich noch um.“

Sein leises Geständnis erregte sie und machte sie selbstbewusst. ...

Autor

Jennifer La Brecque
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