Liebe im Gepäck

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Eine Woche Luxusurlaub in Hongkong - in Begleitung eines ungemein attraktiven Mannes! Und noch 10.000 Pfund on Top, wenn sie sich vor seinen Geschäftspartnern als seine Ehefrau ausgibt. Wer könnte dazu schon Nein sagen? Hallie jedenfalls nicht. Begeistert nimmt die junge Studentin Nick Coopers verlockendes Angebot an. Ohne zu ahnen, in welch erotische Versuchung und abenteuerliche Verwicklungen sie schon bald geraten wird …
  • Erscheinungstag 12.03.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755812
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Seit exakt einem Monat verkaufte Hallie Bennett nun Schuhe beziehungsweise versuchte sie zu verkaufen. Ein Monat, das waren entsetzlich lange zwanzig Tage, wenn man die Wochenenden mal abzog. Und wenn sie darüber nachdachte, dass ein weiterer Monat folgen sollte und dann noch einer, hatte sie das Gefühl, das unter gar keinen Umständen längerfristig zu überleben.

Es war … so todlangweilig hier in diesem kleinen exklusiven Schuhladen in Chelsea, dem noblen Londoner Stadtteil. Entweder befand sie sich im Lager und sortierte die Schuhe nach Designern, oder sie sortierte die Schuhe nach Größen und Material. Wenn sie damit fertig war, ging sie wieder nach vorne in den Laden und staubte die Schuhe in den Regalen ab oder sortierte sie nach Farben oder was auch immer – und das den ganzen Tag lang. Sie würde noch verrückt werden. Es konnte nicht mehr lange dauern. Und sie konnte bald keine Schuhe mehr sehen.

Hallie stand stirnrunzelnd vor einem der Regale. Nun, sie könnte sie jetzt auch nach Absatzhöhe sortieren. Hm. Ein Blick auf ihre Armbanduhr sagte ihr, dass sie zu voreilig war. Es war gerade mal kurz nach zwölf. Warum verging die Zeit so langsam? Blöde Frage. Weil sie nichts zu tun hatte. Würden kauflustige Frauen sich hier die Klinke in die Hand geben, wäre der Tag im Handumdrehen vorbei. Aber leider war dem nicht so.

Sie schlenderte an den Regalen entlang und blieb schließlich vor einem exotisch wirkenden Pumps stehen. Das Leopardenmuster war auffällig und der glänzende Metallabsatz für ihren Geschmack viel zu hoch. Wie um alles in der Welt sollte man mit solchen Schuhen schneller als im Schneckentempo vorwärtskommen? Völlig unmöglich! Noch unmöglicher allerdings fand sie den Preis. Dreihundertfünfundsiebzig Pfund! Wer gab denn so viel für ein einziges Paar Schuhe aus? Kein Wunder, dass hier nichts los war. Sie nahm den Schuh aus dem Regal und drehte ihn hin und her.

„Was denkst du, du Schuh?“, fragte sie leise. „Ist dir genauso langweilig wie mir?“ Sie wackelte mit dem Absatz hin und her, und es sah so aus, als ob der überteuerte Schuh nicken würde.

„Kann ich mir denken“, seufzte Hallie. „Dir fehlt dein Gegenstück. Zu zweit macht alles mehr Spaß, was?“ Wieder ein Nicken. „Aber leider müsst ihr hier einzeln stehen, und die andere Hälfte von euch ist ins Lager verbannt. Ein tristes Leben. Aber wenigstens könnte ich dein Gegenstück holen. Von mir steht die andere Hälfte leider nirgendwo rum, ich muss sehen, wie ich alleine zurechtkomme.“ Sie hielt sich den Schuh vor die Nase. „Aber wir könnten uns doch ein bisschen unterhalten, was meinst du?“

Ich bin auf dem besten Wege, vor Langeweile wahnsinnig zu werden, dachte sie entsetzt. Es ist so weit: Ich spreche mit Leopardenpumps. Hilfe!

Ein dezentes Dingdong informierte sie darüber, dass eine Kundin – oder jemand, der sich verlaufen hatte – ins Geschäft kam. Hektisch stellte Hallie den Schuh ins Regal zurück und drehte sich um.

„Was ist denn das für ein langweiliges Geschäft? Erst als ich sah, wie Sie sich mit dem lustigen Schuh unterhielten, bekam ich Lust, mal reinzuschauen. Und da bin ich nun!“

Vor Hallie stand eine Dame, deren wirkliches Alter schwer zu schätzen war. In ihrem Designerkostüm und mit der jugendlichen Figur strafte sie ihr wahres Alter Lügen. Doch aufgrund der nicht gelifteten Fältchen und des perfekt frisierten grauen Haars schätzte Hallie sie auf Ende fünfzig. Mit ihrem aufrichtigen Lächeln und der warmen Stimme wirkte sie auf Anhieb sympathisch.

„Schön, dass Sie so denken“, sagte Hallie. „Bitte sehen Sie sich um. Und keine Angst: Die Schuhe beißen nicht. Sie antworten noch nicht mal. Schade eigentlich.“

„Oh“, kam es erfreut zurück. „Sie sind Australierin? Ich liebe diesen Akzent. Er ist außergewöhnlich … einfach wunderbar.“

Hallie wurde fast ein wenig rot, noch mehr errötete sie jedoch, als sie sah, dass eine zweite Person den Laden betrat. Ihr professionelles Lächeln wurde in einer Nanosekunde zu einem echten, und sie musste die Lippen fest zusammenpressen, um den Mund nicht weit aufzureißen.

Einen Mann wie ihn hatte Hallie noch nie gesehen: Groß, mit schwarzen Haaren und kobaltblauen Augen verkörperte er den Typ Mann, vor dem einen die älteren Brüder ihr Leben lang warnen würden.

Hilfe, dachte Hallie. Diese Ausstrahlung! Diese breiten Schultern! Er sieht fast ein bisschen gefährlich aus. Aber gut. Sehr gut! Und er scheint es nicht mal zu wissen. Es ist einfach selbstverständlich für ihn! Er hatte was von einer Hermèshandtasche: Man wollte sie unbedingt haben, unbedingt. Aber sie würde immer unbezahlbar bleiben …

„Sie braucht ein Paar Schuhe.“ Fast wäre Hallie beim Klang seiner tiefen Stimme umgekippt. Dunkel, perfekt. Mit einer Extraportion Sex. „Und zwar solche, die zu ihr passen. Altersmäßig gesehen“, redete er weiter und sah Hallie, die sofort innerlich die Stacheln ausfuhr, freundlich an. Was sollte das? Mussten Frauen ab einem bestimmten Alter automatisch Stützstrümpfe und Wohlfühlschuhe ohne Absatz, aber mit Einlagen tragen? Sie schaute auf die Schuhe der Dame. Signalrote Ferragamo-Pumps mit halbhohem Absatz, die trotz der auffälligen Farbe schlicht und edel wirkten und hervorragend zu ihrer Trägerin passten.

„Ich glaube, Sie kennen sich mit Damenschuhen nicht wirklich aus.“ Hallie deutete auf die Pumps. „Diese Schuhe sind perfekt. Wunderbar.“

Die Augen der Frau funkelten. „Danke, meine Liebe“, sagte sie dann. „Mein Sohn ist der Auffassung, dass Frauen jenseits der fünfzig keinen Wert mehr auf Äußerlichkeiten legen sollten. Ihm wäre es, glaube ich, am liebsten, ich trüge mausgraue Gesundheitssandalen.“ Nun wandte sie sich ihrem Sohn zu: „Dein Vater hätte diese Schuhe geliebt.“

Soso, Mr. Kobaltblaue Augen war also ihr Sohn. „Okay, also schauen Sie sich in Ruhe um. Wenn Sie mich brauchen, ich bin da vorn.“

Er drehte sich zu ihr um. „Oh nein“, er stellte sich ihr in den Weg, „Sie werden mich doch nicht mit dieser Frau alleine lassen! Um Himmels willen. Geben Sie ihr so viele Schuhe zum Anprobieren, wie sie will. Von mir aus alle, die sie dahaben.“ Er nahm den Leopardenpumps. „Diesen hier zum Beispiel.“

Hallie riss ihn ihm aus der Hand. „Gern. Sie haben einen guten Geschmack. Und der hier ist auch noch ein richtiges Schnäppchen. Gerade mal dreihundertfünfundsiebzig Pfund. Unter diesen Umständen sollte Ihre Mutter darüber nachdenken, gleich zwei Paar davon zu nehmen“, schlug sie vor.

„Wenn ich etwas nicht brauche, dann zwei Paar identische Schuhe.“ Mit einem gespielten Seufzer ließ die Dame sich auf das schwarze Ledersofa fallen und streifte die Schuhe von den Füßen. Theatralisch hob sie die Hände. „Enkelkinder“, sagte sie dann. „Ich brauche Enkelkinder. Ach, wäre das schön.“

„Jeder braucht irgendetwas.“ Ihr Sohn schaute Hallie an. „Was brauchen Sie?“

„Ich?“ Hallie kniete sich vor die Dame, um ihr den Pumps anzuziehen. „Ich brauche einen anderen Job.“ Sie sah hoch zu ihm. „Dieser hier macht mich verrückt.“ Sie warf einen Blick auf den Schuh. „Großartig. Er steht Ihnen wunderbar. Wirklich.“

„Finde ich auch!“

„Verreisen Sie gern?“, warf Mr. Kobaltblau unvermittelt ein.

Hallie lächelte. „Verreisen ist mein zweiter Vorname.“

„Und Ihr erster?“

„Hallie. Ich heiße Hallie. Hallie Bennett.“

„Mein Name ist Nicholas Cooper.“ Er deutete auf seine Begleiterin. „Und das ist Clea, meine Mutter.“

Clea schüttelte Hallie die Hand. „Ich freue mich wirklich sehr“, sprudelte es dann aus ihr heraus. „Nicky, das ist sie! Ist sie nicht perfekt? Was für ein Zufall! Heute Morgen hast du gesagt, dass du eine Ehefrau brauchst, und ich glaube fast, wir haben sie schon gefunden. Wie schnell es manchmal gehen kann!“

Hallie verstand überhaupt nichts. „Eine Frau?“ Verwirrt schaute sie Mutter und Sohn abwechselnd an. Clea lächelte hoffnungsvoll, Nicholas eher verhalten. Waren die beiden etwa verrückt?

„Er ist ein reicher Mann“, warf Clea aufmunternd ein.

„Ja, sicher“, entgegnete Hallie. Dass Nicholas seine Sachen nicht von der Stange kaufte, sah man auf den ersten Blick. „Aber ist er auch kreativ?“

„Sie sollten seine Steuererklärung sehen.“

„Nun, ich weiß nicht …“ Hallie legte den Kopf zur Seite. „Eigentlich mag ich eher Männer, die weniger … hm … also, weniger …“ Was sollte sie nun sagen? Männer, die weniger Sex-Appeal haben? Männer, die nicht so umwerfend sind? Männer, die man nicht sofort anspringen möchte?

„Es ist die Haarfarbe“, sagte Hallie schließlich. „Ich mag Männer mit blonden Haaren lieber. Seine sind mir … viel zu dunkel“, log sie.

„Hm.“ Clea runzelte die Stirn. „Das ist wohl wahr. Blond ist er nicht. Aber schauen Sie sich mal seine Schuhe an!“

Hallie tat, was Clea ihr sagte, und musste zugeben, dass seine Schuhe in der Tat äußerst geschmackvoll waren. Handgearbeitetes italienisches Leder, das sah man sofort. Edel. Schwarz … und groß. Hallie tippte auf Schuhgröße siebenundvierzig.

„Ich wusste, dass Nickys Schuhe Ihnen gefallen würden“, freute sich Clea, obwohl Hallie überhaupt nichts gesagt hatte. „Aber das heißt natürlich noch lange nicht, dass Sie beide zusammenpassen. Ich finde, Sie sollten ihn jetzt küssen, um es herauszufinden.“

Langsam, aber sicher glaubte Hallie, sich tatsächlich in irgendeiner verrückten Fernsehshow zu befinden. Verstohlen sah sie sich um, konnte aber keine versteckte Kamera entdecken. Was um alles in der Welt ging hier vor sich?

„Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, Ihren Sohn hier und jetzt …“, begann sie nach einigen Sekunden und wurde prompt von Clea unterbrochen.

„Sie wollen sich mit Ihrer zukünftigen Schwiegermutter streiten? Das ist aber ziemlich unhöflich“, tadelte Clea lächelnd.

„Ich meine es ernst. Ich … also es ist ja wirklich nicht so, dass ich Nicky nicht mag …“

„Danke“, kam es trocken zurück. „Sie können mich gern Nick nennen.“

„Oh, fein, Nicky, äh, Nick.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, das er mit undurchdringlichem Blick erwiderte. „Aber ich kann einfach nicht.“ Verzweifelt suchte sie nach einer Ausrede. „Ich glaube, ich würde momentan keine wirklich gute Ehefrau abgeben.“ Sie hob bedauernd die Schultern. „Ich habe ein gebrochenes Herz.“

„Oh, Hallie, das tut mir leid. Wirklich.“ Clea sah bestürzt aus. „Was ist passiert?“

„Ich … ich möchte nicht darüber sprechen“, antwortete Hallie.

Beide schwiegen; beide warteten auf eine Erklärung.

„Nun“, fuhr Hallie fort und freute sich, dass ihre Stimme angemessen zitterte. „Er … er hatte die ganze Zeit ein Verhältnis mit seinem Footballtrainer“, flüsterte sie dann und senkte den Blick.

„Dieser Mistkerl!“, entfuhr es Clea.

Nick räusperte sich. „War er blond?“, wollte er dann wissen. „Ich bin sicher, er war blond.“

Hallie wandte den Kopf zu ihm und bemerkte entsetzt, dass er einen Schritt näher gekommen war. Zu nah. Und weil sie kniete, war sie in direkter Augenhöhe mit seinem Gürtel. Beziehungsweise mit dem, was sich darunter in der teuren Hose befand. Sie wurde rot.

„Also, Liebes, sind Sie sicher, dass Sie kein Interesse haben?“ Hatte da Spott in Cleas Stimme mitgeklungen?

Hallie nickte heftig und wollte sich mit den Händen auf den Boden aufstützen, um aufzustehen, bekam aber aus Versehen Nicks Schuh zu fassen. Das Leder war wirklich sehr weich und fühlte sich gut an. Sie tastete darauf herum. Gute Güte, waren das große Füße. Hallie liebte es, wenn Männer große Füße hatten. Aber: Er könnte natürlich auch bluffen und seine Schuhe einfach vier Nummern zu groß gekauft und mit Papier ausgestopft haben. Ohne nachzudenken tastete sie auf einmal an Nicks Schuhen herum. Er blieb einfach stehen. Sie atmete auf. Weit vorn spürte sie ganz deutlich seine Zehen.

„Ihre Schuhgröße ist echt“, sagte sie dann und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Was sollte er von ihr denken?

„Natürlich ist sie das“, erwiderte Nick amüsiert.

Langsam erhob sich Hallie. Ihr war schwindlig. Er stand immer noch direkt neben ihr, und sie bemerkte, dass er nach Sandelholz und Zimt und nach etwas undefinierbar Herbem roch, das sie fast wahnsinnig machte. Der ganze Mann machte sie fast wahnsinnig. Und seine Augen erst recht. Große Füße, schöne Augen, guter Geruch – jede dieser einzelnen Tatsachen hätte schon ausgereicht, um wacklige Knie zu bekommen, aber all diese Dinge ließen sie beinahe in Ohnmacht fallen.

„Ich glaube, ich sollte Ihnen jetzt einmal einiges erklären“, sagte Nick. „Was meine Mutter Ihnen eigentlich vorschlagen wollte, ist ein Geschäft. Ich brauche eine Ehefrau. Allerdings lediglich für eine Woche. Um genauer zu sein, brauche ich eine für die kommende Woche. In Hongkong. Für … sagen wir, fünftausend Pfund Honorar. Reisekosten und so weiter übernehme ich selbstverständlich auch.“

Hallie glaubte, nicht recht zu hören. „Fünftausend Pfund? Für eine Woche Arbeit?“ Er musste verrückt sein. Die Sache musste einen Haken haben. „Nun ja, also …“, sie dachte nach. „Was müsste ich denn für diese fünftausend Pfund … tun?“

„Ganz einfach.“ Nick wanderte nun vor dem schwarzen Ledersofa auf und ab. „Sie müssten ein Zimmer mit mir teilen, aber nicht das Bett. Ich werde selbstverständlich auf Ihr gebrochenes Herz Rücksicht nehmen.“

Machte er sich etwa lustig über sie?

„Und was hätte ich sonst noch zu tun?“

„Small Talk mit meinen Geschäftsfreunden halten und eben all das tun, was eine liebende Ehefrau so tut.“

„Ich wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie sich ein kleines bisschen präziser ausdrücken würden.“

Nick blieb stehen und sah sie wieder mit seinem kobaltblauen Blick an. „Das kann ich nicht. Ich weiß nicht, wie sich Ehefrauen verhalten. Ich hatte noch nie eine.“

„Und ich war noch nie eine“, konterte Hallie.

„Aber das ist doch wunderbar. Perfekt“, kam es vom Sofa. „Jetzt fehlt nur noch der Kuss.“

„Nein“, sagte Hallie. „Ich kann jetzt niemand küssen. Falls Sie sich erinnern, leide ich an einem gebrochenen Herzen.“

„Aber Küssen ist ein Teil der Vereinbarung“, wandte Nick ein. „Küssen gehört unbedingt dazu. Wer weiß, vielleicht gefällt es Ihnen ja.“ Er klang eindeutig belustigt und amüsiert.

Hallie überlegte kurz. „Das kostet extra“, meinte sie dann. Herrje, was hatte sie schon zu verlieren? Nichts. Nichts. Nichts.

„Wie viel?“

Wieder überlegte Hallie. Hm. Sie benötigte genau zehntausend Pfund, um endlich bis zum Abschluss studieren zu können – und wenn sie ganz ehrlich war, reizte sie die Aussicht, nach Hongkong zu kommen, weil sie sich für nichts anderes mehr interessierte als für asiatische Kunstgeschichte.

„Ich glaube, noch mal fünftausend Pfund wären angebracht.“ Hoffentlich klang ihre Stimme sicher und fest.

Nick lachte. „Fünftausend Pfund für ein paar Küsse?“

„Ich küsse sehr gut.“

Nun kam Nick näher. „Ach ja? Dann beweisen Sie es.“

Nun gab es kein Zurück. Nun musste sie ihn küssen. Ein Schritt, und sie war nahe genug, um ihn zu berühren. Noch ein Schritt … Sie hob den Kopf und legte Nick die Hände auf die Brust. Sein Hemd war weich und warm, und darunter konnte sie harte, feste Muskeln spüren. Sehr vielversprechend …

Einen Atemzug später berührte sie seine Lippen mit ihrem Mund.

Seine Lippen waren warm, fest und weich zugleich. Sehr angenehm … Eine Sekunde später löste sie sich von ihm.

„Das war alles?“

„Das war ein Kuss“, erklärte Hallie. „So war es abgemacht. Von Leidenschaft oder so war nicht die Rede. Und auch nicht von einem … richtigen Kuss.“

„Oh nein.“ Nick schüttelte den Kopf. „Ich zahle doch nicht fünftausend Pfund extra für Küsse, die keine richtigen Küsse sind. Ein Kuss muss innig sein … und leidenschaftlich. Verliebte küssen sich anders.“

„Tja. Aber das war vorher so nicht abgesprochen.“ Hallie bemühte sich, professionell und geschäftsmäßig auszusehen. „Ich für meinen Teil habe mich an die Vorgaben gehalten. Es hieß: ein Kuss, und den haben Sie bekommen.“

„Habe ich das?“ Nicks blaue Augen funkelten mutwillig. „Dreh dich um, Mutter.“ Ohne abzuwarten, ob sie seiner Aufforderung Folge leistete, schob er die Hände in Hallies Haare und presste die Lippen auf ihren Mund.

Hallie blieb keine Zeit zu protestieren. Nicks Nähe und die Intensität, mit der er seinen Kuss vertiefte, brachten sie völlig durcheinander. Jede Menge Leidenschaft, jede Menge aufregendes Prickeln, ging es ihr durch den Kopf. Bereitwillig öffnete sie ihren Mund, um seine Zunge mit ihrer spielen zu lassen. Und … es war gut. So gut. Sie schmolz dahin und stöhnte leise auf, als er sie mit dem anderen Arm umschlang und sie fester an sich zog, um sie noch intensiver und leidenschaftlicher zu küssen.

Auch sie griff nun in sein Haar, und es fühlte sich so an, wie sie es gehofft hatte. Weich wie Seide, aber dicht und fest. Sie wollte ein Stück von ihm zurückweichen, doch er hielt sie fest, ließ seine Zunge in ihrem Mund kreisen, hörte kurz auf, fuhr jedoch sofort mit der gleichen Leidenschaft fort.

Hallie presste sich an ihn, erforschte seinen Mund, und was sie da erforschte, gefiel ihr, gefiel ihr sogar sehr. Dieser Kuss war von einer solchen Intensität und Spannung, dass sie der festen Überzeugung war, eigentlich noch nie vorher geküsst worden zu sein. Noch nie hatten sich Küsse so … erotisch und aufwühlend angefühlt. Wow, wenn sich Küsse so anfühlten, wie wäre dann erst der Sex?

Da hörte er auf. Hörte einfach auf, nahm ihre Hand und zog ihre Finger sanft aus seinem Haar. „Das war doch schon viel besser“, sagte er mit dieser dunklen, samtigen Stimme, die sie dahinschmelzen ließ. „Wir nehmen die Schuhe“, sagte Nick und ging in Richtung Kasse.

Richtig, die Schuhe. Mit zitternden Händen packte Hallie die Leopardenpumps in einen Karton, zog Nicks Kreditkarte durch das Lesegerät und reichte ihm einen Stift, damit er den Beleg unterschreiben konnte. Erst jetzt wagte sie es, ihn anzusehen. Seine Hände waren groß und kräftig und sehr gepflegt – wie alles an ihm. Gut, seine Haare waren momentan ein wenig zerwuschelt – von ihren Händen.

Sie dachte fieberhaft nach. Wie würde es sein, eine Woche seine Frau zu spielen? Die Frau eines Mannes, den sie überhaupt nicht kannte. Verrückt! Und eine einzige sexuelle Herausforderung. Was, wenn er wirklich so gut im Bett war, wie er küsste? Und wenn sie tatsächlich im Bett landeten …

Nein, viel zu riskant! Unmöglich, mit einem vollkommen Fremden nach Hongkong zu reisen. Womöglich war er ein Frauenhändler. Vielleicht würde er sie einfach in Hongkong zurücklassen.

Und wenn er … einfach der perfekte Mann für sie wäre?

Er war schon fast an der Tür, als Hallie tief Luft holte und fragte: „Sprechen wir noch einmal über die Angelegenheit?“

Um halb sechs schloss Hallie das Geschäft. Mist. Gerade mal drei Paar Schuhe hatte sie verkauft – inklusive der Leopardenpumps, die Nicholas Cooper für seine Mutter erstanden hatte. Gerade wollte sie die Alarmanlage einschalten, als jemand an die Glastür klopfte. Ein Kurier stand mit einem Päckchen vor der Scheibe. Eine Schuhlieferung um diese Zeit? Unmöglich! Schuhe wurden immer morgens angeliefert und niemals von Kurieren, sondern mit der normalen Paketpost. Nun, der Kurier sah tatsächlich aus wie ein Kurier. Zögernd öffnete Hallie die Ladentür.

„Hallie Bennett?“, fragte er gelangweilt und drückte ihr ein Päckchen in die Hand, als sie nickte. Sie unterschrieb ein Formular, und dann machte sich der Kurier auf seinem Fahrrad wieder davon. Sie schloss die Tür, löste das Band und entfernte das braune Packpapier: ein Hongkong-Reiseführer sowie eine Visitenkarte von Nicholas Cooper. Eine Geschäftskarte. Offensichtlich war er Softwareentwickler. Gut, wenigstens das über ihn zu wissen. Sie drehte die Karte um.

Marco‘s on Kings, war mit schwarzer Tinte und schwungvoller Handschrift darauf geschrieben. Heute, 19 Uhr. Nick. Sonst nichts.

Hallie atmete hörbar aus und merkte, wie Wut in ihr hochkroch. Was bildete dieser Nick sich eigentlich ein? Sie einfach so irgendwohin zu bestellen. Und dann auch noch ins Marco‘s, angeblich das beste Fischrestaurant der Welt. Äußerst anmaßend! Aber anmaßend war auch sein Kuss gewesen. Und einfach unvergesslich!

Sie schlug den Reiseführer auf. Hongkong – das Tor zum Orient, ging es ihr durch den Kopf. Geld und Geschäfte. Eine Million Kameraläden. Eine Milliarde Neonreklamen.

Hongkong – hier treffen sich Orient und Okzident, las sie im Reiseführer. Eine Stadt zum Verlieben.

Hongkong – Tausende Meilen von diesem Schuhgeschäft entfernt, flüsterte ihre innere Stimme. Heiße Nächte, wunderbare Tage. Asiatische Kultur im Überfluss. Neue Eindrücke. Zehntausend Pfund … Nick Cooper. Mit ihm nach Hongkong. Für eine Woche. Hm. Hm. Hm. Nick Coopers Duft. Nick Coopers Augen. Nick Coopers Küsse …

Mit einem Knall schloss Hallie den Reiseführer.

Das alles hatte seine Vor- und seine Nachteile.

Welche Nachteile?

Zwanzig Minuten später schloss Hallie die Tür des kleinen, aber feinen Apartments in Chelsea auf. Es gehörte Tristan, einem ihrer Brüder, der sich allerdings kaum hier aufhielt, weil er es vorzog, beruflich und auch privat in der Weltgeschichte herumzugondeln und niemals sesshaft zu werden. Glücklicherweise war das so, denn wenn sie noch irgendwo Miete hätte zahlen müssen, könnte sie sich das mit dem Studium komplett abschminken. Momentan war Tris wieder mal in geheimer Mission unterwegs und würde vor morgen nicht zurückkommen.

Zehntausend Pfund. Dieser Gedanke kreiste immer wieder durch ihren Kopf, während sie ihre Sandaletten auszog und in eine Ecke schleuderte.

Nein. Nochmals nein.

Dinner bei Marco‘s – warum nicht? Schließlich war es nur ein Abendessen. Unverbindlich. Sie könnte das Restaurant jederzeit verlassen. Ohne Angabe von Gründen. Sie war ein freier Mensch. Ungebunden.

Nein, es war eben nicht nur ein Dinner. Wenn sie hinginge, würde sie Bereitschaft signalisieren – und ihn fragen, warum er für eine Woche eine Frau brauchte, und das ausgerechnet in Hongkong. Und als Nächstes würde sie nicken und sich bereit erklären, mitzukommen.

Mist!

In Gedanken verloren, stolperte sie über den Flurläufer. Was zum Teufel machte diesen Nicholas Cooper so attraktiv, dass sie im Begriff war, ihren Verstand zu verlieren?

Sein Lächeln? Sein Duft? Seine Augen?

Nicht zu vergessen seine Küsse. Nein, an die durfte sie gar nicht erst denken!

Zehn Minuten vor sieben fasste Hallie den Entschluss, doch ins Marco‘s zu gehen. Hektisch erneuerte sie im Badezimmer ihr Make-up, während sie sich für ihren Entschluss verfluchte. Während sie Wimperntusche auftrug, hörte sie, dass die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, dann Schritte eines Mannes im Flur. Huch. War Tris doch schon da?

„Hi.“ Tris stand an der Tür.

„Du bist schon zurück?“, stellte sie fest. „Ich hab dich erst morgen erwartet.“

„Offensichtlich“, sagte Tris. „Hast du was vor? Gehst du aus?“

Hallie nickte. „Ich bin zum Dinner verabredet. Im Marco’s on Kings Road.”

„Edel, edel“, kam es von Tris. „Darf man auch erfahren, mit wem?“

Das war wieder mal typisch Tris. Immer musste er alles ganz genau wissen. „Mit Nick.“ Das musste als Info genügen.

„Nick. Ah ja.“

„Wir haben uns heute kennengelernt. Im Schuhgeschäft.“

„Er trägt also Damenschuhe? Interessanter Mann.“

„Natürlich nicht. Er kam gemeinsam mit seiner Mutter. Für sie hat er dann Schuhe gekauft.“

„Für seine Mutter. Soso.“

Genervt tupfte sich Hallie Rouge auf die Wangen. „Ja, für seine Mutter.“

„Und hat … Nick auch einen Nachnamen?“

„Natürlich hat er einen Nachnamen, aber glaubst du allen Ernstes, ich bin so dumm, ihn dir zu sagen? Du würdest sofort losrennen und alles über ihn rausfinden, um mir dann zu erzählen, wann er das letzte Mal beim Friseur war und welche Zahnpastamarke er benutzt. Außerdem ist es kein Date, sondern ein geschäftliches Treffen.“

„Welcher Art?“

„Oh Tris, wirklich! Das weiß ich noch nicht genau.“ Ganz bestimmt würde sie keine Details herausrücken. „Es hat etwas mit einer Reise zu tun. Oder so ähnlich.“

Tris räusperte sich. „Du triffst dich mit Nick, den du heute kennengelernt hast, geschäftlich zum Dinner, und es hat mit einer Reise oder so ähnlich zu tun. Sehr aufschlussreich.“

Es war an der Zeit, das Thema zu wechseln. Sonst würde Tris zur Hochform auflaufen und sie weiter löchern, und sie würde heute nie mehr bei Marco‘s ankommen.

„Im Kühlschrank ist noch eine Lasagne“, sagte sie zu ihrem Bruder, während sie Lipgloss auftrug, das farblich perfekt zu ihrem roten Haar passte. Dann nahm sie ihre Handtasche und drehte sich zum Gehen um. Abrupt hielt sie inne, als sie ihren Bruder nun richtig wahrnahm.

„Wie siehst du denn aus?“

Sein schwarzes Haar war verfilzt, und seine Kleidung sah aus, als sei sie drei Monate nicht gewechselt worden. Und etwas musste mit seinem Arm geschehen sein. Er hing lieblos bandagiert in einer total verdreckten Schlinge. Aber am schlimmsten war der Blick, mit dem er sie anschaute: Tris sah frustriert und völlig fertig aus.

„Oh Gott, was ist passiert? Bist du in Ordnung?“

„Ich bin okay.“ Tris winkte ab.

„Lügner.“ Sein Anblick schmerzte Hallie. „Soll ich zu Hause bleiben?“, bot sie an.

„Kommt überhaupt nicht in Frage. Einmal im Leben wirst du ins Marco‘s eingeladen, und dann willst du hierbleiben und dich mit mir um eine Lasagne prügeln. Nein.“ Tris‘ Versuch, aufmunternd zu lächeln, scheiterte kläglich. „Nein, geh nur.“

„Dein Job macht dich fertig, stimmt‘s?“

„Ich möchte darüber nicht sprechen.“

Hallie nickte wissend. Tris wollte nie über seinen Job bei Interpol sprechen.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er beruhigend. „Mit mir ist alles okay. Ich werde jetzt heiß duschen und mich dann vor den Fernseher setzen. Und dir wünsche ich einen schönen Abend. Amüsier dich gut.“

Und als Hallie ihre Jacke nahm und zur Wohnungstür ging, rief er ihr nach: „Falls ihr kein Gesprächsthema haben solltet, frag diesen Nick doch einfach, welche Zahnpastamarke er benutzt.“

Nick Cooper wartete grundsätzlich nie länger als eine Viertelstunde, wenn er mit einer Frau verabredet war. Entweder fing er bereits mit dem Essen an, oder er ging. Meistens ging er. Nick hatte sich schon oft gefragt, warum Frauen grundsätzlich zu spät kamen. Was war so aufregend daran, einen Mann warten zu lassen? Glaubten sie, sich dadurch interessanter zu machen? Dachten sie, ein Mann würde sie dann attraktiver finden und sie dafür bewundern? Nicht dass Nick etwas dagegen hätte, eine Frau zu bewundern oder sie attraktiv zu finden, aber da gab es in der Tat andere Möglichkeiten. Bessere, um genauer zu sein. Unpünktlichkeit gehörte definitiv nicht dazu. Egal. Die Viertelstunde jedenfalls war schon längst um.

Gut. Vielleicht wollte sie ja nicht kommen. Aber hätte sie dann nicht wenigstens absagen können? Seine Telefonnummern standen auf der Visitenkarte, die sie mit dem Reiseführer zusammen erhalten hatte, und es wäre zumindest höflich gewesen, ihm eine kurze Nachricht zukommen zu lassen. Langsam bekam Nick schlechte Laune. Er hatte Hunger.

Während er abwechselnd in die Speisekarte und auf die Tafel mit den delikaten Abendempfehlungen starrte, sah er aus den Augenwinkeln, dass die köstliche Hallie im Anmarsch war. Er wandte den Kopf und beobachtete sie ausgiebig. Sie sah umwerfend aus! Nein, umwerfend war der falsche Ausdruck: Sie sah göttlich aus mit ihrem leuchtenden roten Haar, der zarten hellen Haut, den goldbraunen Augen und den unvergesslichen weichen Lippen …

Autor

Kelly Hunter

Obwohl sie von Beruf Naturwissenschaftlerin ist, hatte Kelly Hunter schon immer eine Schwäche für Märchen und Fantasiewelten und findet nichts herrlicher, als sich in einem guten Buch zu verlieren. Sie ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und drückt sich gerne davor, zu kochen und zu putzen. Trotz intensiver Bemühungen ihrer...

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Kelly Hunter

Obwohl sie von Beruf Naturwissenschaftlerin ist, hatte Kelly Hunter schon immer eine Schwäche für Märchen und Fantasiewelten und findet nichts herrlicher, als sich in einem guten Buch zu verlieren. Sie ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und drückt sich gerne davor, zu kochen und zu putzen. Trotz intensiver Bemühungen ihrer...

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