Mehr als wilde Leidenschaft?

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Für ihre Reise zu Australiens Edelsteinminen sucht Goldschmiedin Erin einen Begleiter. Da kommt ihr der attraktive Tristan nur recht! Schnell funkt es heftig zwischen ihnen. Doch plötzlich wirkt Tristan seltsam distanziert. Was belastet ihn? Und warum hat er so schlimme Albträume?
  • Erscheinungstag 19.03.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755829
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Verkehr war für Erin Sinclair nichts Besonderes, egal ob Berufsverkehr, Stau, Regen oder, wie jetzt, Verkehrschaos auf dem Weg zum Flughafen. Sydney war eine große und doch malerische Stadt mit einer berühmten Brücke und beinahe unnatürlich blauem Wasser unten am Hafen. Am Montagmorgen um acht Uhr aber war Sydney vor allem eines: verstopft.

Taxifahrer wussten das.

Ihre Fahrgäste waren spät dran gewesen, aber Erin war es gelungen, sie in Rekordzeit zum Abflugterminal zu bringen. Zum Glück hatten sie kein einziges Mal bei Rot an der Ampel stehen müssen. Sie gaben ihr ein großzügiges Trinkgeld, aber wohl eher, weil sie zu sehr in Eile waren, um auf das Wechselgeld zu warten. Für ihre Fahrgäste hatte dieser Tag bisher nicht gerade ideal begonnen, für Erin hingegen schon. Nun brauchte sie nur noch eine Tour zurück in die Stadt.

Ihr Wagen war der einzige am Taxistand, aber leider war auch weit und breit kein Fahrgast in Sicht. Doch das konnte sich jeden Moment ändern, also hielt sie an und stieg aus.

Sie war vorschriftsmäßig in Schwarz gekleidet: schwarze Stiefel, eine schmal geschnittene schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt. Die Mütze hatte sie allerdings auf den Beifahrersitz gelegt.

Der Mann, der in diesem Moment aus dem Terminal kam, sah weniger förmlich aus, obwohl ihm Schwarz zweifellos auch sehr gut gestanden hätte. Er trug abgewetzte Stiefel, eine grüne Cargohose und ein wenig aufregendes graues T-Shirt. Seine Kleidung war allerdings das Einzige an ihm, was nicht bemerkenswert schien, ganz im Gegensatz zu dem, was sich darunter abzeichnete.

Er war breitschultrig, hatte schmale Hüften und wirkte durchtrainiert. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, und seine Gesichtszüge erinnerten an einen griechischen Gott. Allerdings wirkte er müde, müder, als es nach einem langen Flug normal war. Und sehr verschlossen, was Erin nur recht war, denn sie wusste, wenn dieser Mann lächelte, wäre sie ebenso verloren wie wahrscheinlich alle Frauen.

Er sah sich kurz um und kam dann auf sie zu. Erin hob den Kofferraumdeckel. Nun war er neben ihr, und zwar so nah, dass sie direkt in seine Augen sehen konnte. Das Karamellbraun passt zu ihm, dachte Erin und griff nach seiner Leinenreisetasche.

„Das mache ich schon“, sagte er mit tiefer, leiser Stimme.

„Ist das so ’n Macho-Ding?“, fragte sie herausfordernd.

„Nun, ich würde sagen, es ist eher ein Gewichtsding“, konterte er schlagfertig. Und dabei warf er ihr einen kurzen Blick zu, der ihr bis ins Mark fuhr. „Sie sehen nicht gerade groß und kräftig aus.“

Erin strich sich eine Strähne ihres kurzen braunen Haares aus der Stirn. Sie war knapp einssechzig und recht schlank, na und? Aber kräftig, und sie konnte auf keinen Fall leiden, wenn sie auf ihre Körpergröße angesprochen wurde!

Als er den Kofferraum wieder geschlossen hatte, war sie bereits um den Wagen herumgegangen und hielt ihm die Tür auf. Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, dass man ihm Autotüren aufhielt.

„Sind Sie sicher, dass Sie eine Limousine wollen?“, fragte sie spitz. „Die normalen Taxis stehen da drüben.“

Er blickte zu der langen Reihe von wartenden Wagen. „Komm ich mit einer Limousine schneller in die Stadt?“

„Nein, aber bequemer.“

Da war wieder dieses angedeutete Lächeln.

„Ich kann Ihnen drei verschiedene Zeitungen und frischen Kaffee anbieten.“

„Anständigen Kaffee?“, fragte er.

„Außergewöhnlich guten.“

„Okay, Espresso, schwarz, zwei Stück Zucker“, sagte er und stieg ein.

Sie schloss die Tür und ging um die Kühlerhaube herum zur Fahrerseite. „Wohin?“

„Albany Street, Double Bay.“

Schön. Sie nahm ihr Handy, gab seine Kaffeebestellung auf und bog in den Verkehr ein. „Welche Zeitung? Ich habe Sydney Morning Herald, The Australien oder Financial Review.“

„Keine, danke.“

„Musik?“

„Nein.“

Okay. Er sah nicht aus, als wollte er sich unterhalten, aber sie versuchte es trotzdem. „Von wo kommen Sie gerade?“

„London.“

„Waren Sie länger da?“ Seinem Akzent nach musste er Australier sein.

„Sechs Jahre.“

„Sechs Jahre in London? Ohne Unterbrechung? Kein Wunder, dass Sie müde aussehen.“

„Vielleicht nehme ich doch eine Zeitung.“ Ihre Blicke begegneten sich im Rückspiegel.

„Heißt das, Sie wollen nicht reden?“

„Stimmt.“

Sie gab ihm den Sydney Morning Herald. Vielleicht war er ein Profisportler, der nach dem letzten verpatzten Spiel seiner Mannschaft in Europa nach Hause zurückkam. Möglicherweise hatte er einen Elfmeter verschossen und war verzweifelt. Ja, das könnte es sein. „Sind Sie Fußballspieler?“

„Nein.“

„Dichter?“

„Nein.“ Er schlug die Zeitung auf und raschelte laut mit den Seiten.

Na schön. Sie sollte ihren launischen Fahrgast vergessen und sich aufs Fahren konzentrieren. Kein Problem.

Fünf Minuten später hielt Erin vor dem Café Siciliano, ließ das Rückfenster herunter, und eine kurvenreiche junge Kellnerin reichte dem Mann einen Espresso in einem Kunststoffbecher sowie zwei Zuckerpäckchen. „Der Zucker ist schon drin“, sagte die Kellnerin. „Der hier ist extra, für den Fall, dass Sie noch mehr möchten.“

„Sie sind ein Engel“, entgegnet er in dieser sanften, tiefen Stimme, und die junge Frau lächelte und wurde rot.

Erin drückte einen der Knöpfe am Armaturenbrett und beobachtete, wie die getönte Seitenscheibe hinauffuhr. Sie hatte er keinen „Engel“ genannt, und dabei verdankte er den Kaffee eigentlich ihr. Undankbarer Kerl!

„Elfen können keine Engel sein“, erklärte er. „Das sind zwei verschiedene Fantasiewelten.“

„Hmm“, machte sie. „Schön, dass wir das nun geklärt hätten.“

Er hatte fantastische Augen, und bei seinem Gesicht stockte einem der Atem. Sie bog etwas abrupter als sonst auf die Straße ein. Schluss mit dem freundlichen Getue. Es war Zeit, dass sie ihren Fahrgast zum Ziel brachte.

Und dann stotterte der Motor. Das hörte sich gar nicht gut an. Er stotterte noch ein bisschen mehr, als sie um die nächste Ecke und in eine Seitenstraße fuhr. Da gab der neueste Luxus-Mercedes dann endgültig seinen Geist auf.

„Wir scheinen anzuhalten“, sagte er.

Ach, jetzt wollte er auf einmal reden! „Trinken Sie Ihren Kaffee“, sagte sie und versuchte, den Motor zu zünden, der japste und keuchte.

„Könnte was mit der Benzinzufuhr sein“, mutmaßte er.

„Es könnte alles Mögliche sein.“ Erin trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad und überlegte. Eines nach dem anderen. „Ich rufe Ihnen einen anderen Wagen.“

„Nein. Machen Sie die Kühlerhaube auf, und wir sehen nach.“

„Sind Sie Kfz-Mechaniker?“

„Nein, aber ich kenne mich mit Autos aus.“

„Schön für Sie.“ Erin mochte Autos. Aber sie hatte keine Ahnung, was man mit ihnen anstellte, wenn sie nicht mehr fuhren. Dennoch öffnete sie die Motorhaube und stieg aus. Beide starrten auf den makellos sauberen Motor.

„Und was wollen Sie ohne Werkzeug anfangen?“

„Die Leitungen und Drähte überprüfen“, antwortete er und machte sich mit einem Selbstbewusstsein ans Werk, das irgendwie beruhigend war. Er hatte schöne Hände, die aussahen, als könnten sie stark und sanft sein. Er trug weder einen Ring noch eine Armbanduhr.

„Und ich dachte, es gäbe keine Ritterlichkeit mehr.“ Da sie nichts tun konnte, lehnte sie sich an den Kühlergrill und wartete. „Retten Sie oft Menschen? Sind Sie vielleicht bei der Feuerwehr oder so ähnlich?“

„Beurteilen Sie Männer immer nach ihren Berufen?“, fragte er abwesend, während er ganz mit dem Motor befasst schien.

„Nicht immer. Manchmal beurteile ich sie auch danach, wie sie aussehen oder wie sie reden, aber das sind oft ziemlich unzuverlässige Anhaltspunkte.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Und dann gibt es ja auch noch die Sternzeichen“, sagte sie nachdenklich.

„Sie machen sich tatsächlich ein Bild von jemandem, das Sie nur an dessen Geburtstag festmachen?“ Wenigstens beachtete er jetzt sie und nicht den Motor.

„Na, irgendwie muss man ja anfangen, so schwer, wie Männer einzuschätzen sind.“

„Schon, aber muss das bei der Astrologie sein?“

„Ich glaube, Sie sind Skorpion. Launisch, tiefgründig …“ Unglaublich gut im Bett. Allein der Gedanke machte sie nervös. „Aber ich kann mich irren.“

„Sie irren sich wahrscheinlich oft.“

Immerhin hatte er nicht direkt gesagt, dass sie bei ihm falschlag. „Dann sind Sie Skorpion? Wusste ich’s doch!“

Er sah sie an. „Das heißt gar nichts.“

„Es heißt, ich kann mir ein grobes Bild machen, solange ich keine weiteren Informationen bekomme – zumindest in der Theorie.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Wir passen übrigens ziemlich gut zusammen.“

„Schwer vorstellbar“, murmelte er.

Erin unterdrückte ein Kichern. „Tja, jedenfalls ist es ein Segen, dass Sie nur gut aussehen und nicht auch noch charmant sind, sonst würde ich womöglich dahinschmelzen.“

Plötzlich lächelte er, und ihr wurde beinahe schwindlig. „Meinen Charme spare ich mir auf.“

„Wofür?“

„Für später.“

Wow! „Schon verstanden“, sagte sie atemlos. Der Mann sollte ein Schild tragen. „Achtung! Benutzung auf eigene Gefahr!“

Erin spürte, wie ihre Wangen Feuer fingen, obwohl er noch nicht einmal versucht hatte, sie zu beeindrucken. Nicht wirklich jedenfalls.

„Die Sicherung der Benzinpumpe ist durchgebrannt.“

„Ach ja?“

„Aber zum Glück haben Sie hier die Ersatzsicherungen. Er beugte sich über den Motor, während Erin sich bemühte, ihre Atmung wieder in den Griff zu bekommen.

„Versuchen Sie jetzt noch einmal, den Motor zu starten.“

„Oh, ja, klar“, stammelte sie und eilte zur Fahrertür. Sie setzte sich hinein, startete den Motor, und er schnurrte prompt los. „Es funktioniert! Vielen Dank.“ Sie überlegte. „Kann das noch mal passieren?“

„Schwer zu sagen“, antwortete er und stieg wieder hinten ein.

Der Mann schien gern vage Antworten zu geben.

Erin warf einen Blick in den Rückspiegel auf ihren geheimnisvollen Fahrgast und fädelte sich wieder in den morgendlichen Berufsverkehr von Sydney ein.

Die Elfen-Chauffeurin hatte recht, dachte Tristan Bennett, während er den Rest seines lauwarmen Kaffees trank. Sechs Jahre fort von zu Hause waren eine lange Zeit. Er hatte sich in London problemlos eingelebt, seine Arbeit und seine Wohnung gehabt, und auch seine Schwester lebte mittlerweile dort.

Und dennoch war es nie ein zweites Zuhause geworden. Wegen seiner Arbeit war er nach London gegangen und weiter durch ganz Europa gereist. Aber seine jugendliche Begeisterung schwand mit der Zeit und wich einem Gefühl von Leere.

Das anfängliche Feuer war erloschen, und dann kam diese letzte Ermittlung, die ihn bis an seine Grenzen gebracht hatte.

Seine Schwester Hallie hatte ihm vorgeschlagen, seinen längst überfälligen Urlaub zu nehmen und für eine Weile nach Australien zurückzukehren. Er solle ins Landesinnere reisen, meinte sie. Das wäre der ideale Ort, um gegen die eigenen Dämonen zu kämpfen und inneren Frieden zu finden.

Nun war er also hier, verfolgt von Albträumen, die er nicht abschütteln konnte. Und er verlangte sicher zu viel von dem alten Haus, in dem ihn jede Menge Erinnerungen erwarteten – angenehme wie schmerzliche.

„Das da rechts ist es“, sagte er, als sie in die Straße einbogen, und zeigte auf ein zweigeschossiges Holzhaus mit umlaufender Veranda im Erdgeschoss.

Die Elfe nickte und bog in die Einfahrt. Dann stellte sie den Motor ab.

„Werden Sie von jemandem erwartet?“, fragte sie.

„Nein.“ Sein Vater verbrachte gerade ein Jahr in Griechenland, und seine Geschwister waren über in alle Welt verstreut. Aber das machte nichts. Sie mussten nicht hier sein, damit er ihre Nähe spürte. Er war zu Hause.

„Ich kenne eine gute Reinigungsfirma, falls Sie eine brauchen.“

Zugegeben, das Haus war ein bisschen heruntergekommen und der Garten zugewuchert, aber damit wurde er allein fertig. „Ich kann ziemlich gut putzen“, erwiderte er. Und er hatte ja schließlich sonst nichts zu tun.

„Sie wissen gar nicht, was Sie mit so einem Satz in einer Frau auslösen, oder?“, sagte Erin und drehte sich zu ihm um. Der Blick aus ihren lebhaften braunen Augen und ihr Lächeln trafen ihn mit einer ungeahnten Wucht. Leidenschaft und Spaß kamen ihm in den Sinn. „Wenn Sie auch noch kochen können, gehöre ich Ihnen. Sie sind nicht zufällig Koch?“

„Sie tun’s schon wieder. Ihnen ist wichtiger, was ein Mann tut, als das, was er ist.“

„Ist das nicht dasselbe?“

„Nein. Und ich bin kein Koch.“

Sie schien erleichtert und enttäuscht zugleich. „Ist wahrscheinlich besser so“, murmelte sie.

„Wahrscheinlich“, sagte er und musste unweigerlich lächeln – nur ein wenig.

Sie war nicht sein Typ. Nicht, dass er auf einen Typ festgelegt wäre, aber sie war es auf jeden Fall nicht. Sie überraschte ihn auf sehr angenehme Weise, das war alles.

Als der Wagen liegen blieb, hatte sie als Erstes an ihn gedacht, und wie er an sein Ziel kam. Das machte sie sympathisch und hatte etwas Selbstloses.

Ihre Direktheit und ihr offenes Lächeln beunruhigten ihn allerdings ein bisschen. Er sprach ungern über sich. Außerdem gefiel ihm nicht, dass er überhaupt darüber nachdachte, ob sie sein Typ war oder nicht – und dass sein Körper offensichtlich anderer Meinung war als sein Kopf. „Was bin ich Ihnen schuldig?“

„Nichts. Sie haben den Wagen repariert.“

„Ich habe eine Sicherung gewechselt“, verbesserte er sie. „Und es war eine dreißigminütige Fahrt. Ich muss Ihnen doch etwas dafür bezahlen.“

„Nein, das geht schon in Ordnung.“ Irgendwo im Wagen klingelte ein Telefon. „Ich muss da leider rangehen“, entschuldigte sie sich. „Mein Bruder versucht schon den ganzen Morgen, mich zu erreichen.“

„Nur zu.“

Sie lächelte ihm kurz zu und holte ihr Telefon hervor. „Hallo?“

„Erin, Rory hier.“

Endlich. Erin entriegelte den Kofferraum und stieg mit dem Handy am Ohr aus, um ihrem Fahrgast beim Entladen zu helfen – was er natürlich nicht zuließ. „Was gibt’s?“

„Es geht um den Edelsteinkauf nächste Woche. Ich kann leider nicht mitkommen.“

„Was?“, rief sie entsetzt, dann fing sie sich wieder. „Wieso nicht?“

„Wir haben heute Morgen einen neuen Einsatzbefehl bekommen. In drei Tagen geht es nach Sumatra.“

„Verdammt, Rory. Ich wusste doch, dass so etwas kommt! Warum du? Warum jetzt? Du hast Urlaub!“ Erin ging neben dem Wagen auf und ab. Rory war Ingenieur bei der Army und mit seinem Beruf verheiratet. „Okay, vergiss die Frage. Weiß Mum davon?“

„Wir sollen nur beim Wiederaufbau der Infrastruktur helfen. Das ist ungefährlich.“

„Also weiß sie von nichts.“

Rory seufzte. „Ich sag’s ihr heute Abend, nach dem Essen. Du kommst doch auch, oder?“

„Nein!“ Sie fuhr sich durchs Haar. Selbstverständlich würde sie kommen. Rory führte die Familie immer zum Essen aus, bevor er zum nächsten Einsatz sonst wohin aufbrach. Das war eine Familientradition. Ihr Vater, ein Konteradmiral, lud die ganze Familie auch immer zum Essen ein, bevor er seinen nächsten Einsatz antrat. Die Verteidigungskräfte besaßen sogar ein Handbuch, in dem genau beschrieben wird, wie man seinen Lieben solche Nachrichten beibringt!

Wahrscheinlich stand da drin: Sorgen Sie dafür, dass Sie sich an einem öffentlichen Ort aufhalten, und füttern Sie alle Angehörigen gut durch. „Verflucht, Rory, das wird hoffentlich ein richtig teures Essen, denn du schuldest mir einiges. In einem Monat muss ich meine neue Kollektion abliefern, und für die brauche ich diese Steine!“

„Tut mir leid, Erin. Wenn du jemand anderen findest, der dich begleitet, kannst du den Wagen nehmen. Aber such dir bitte einen Eunuchen mit dem Schutzinstinkt eines Rottweilers.“

„Klar, wen frag ich denn mal? Die Liste ist unendlich lang.“

„Ja, ja, schon gut“, sagte Rory. „Okay, eine Frau darfst du auch mitnehmen. Allerdings sollte es eine sein, die dir Rückendeckung geben kann.“

„Ich könnte allein fahren.“

„Wenn du mit Karte bezahlst und dir die Steine schicken lässt. Dann ginge es.“

„Tu mir das nicht an, Rory!“ Er wusste ebenso gut wie sie, dass man die besten Edelsteine an den unmöglichsten Orten fand – in den winzigen Minen, in denen es Steine gegen Bargeld gab, und damit basta. „Bleibt aus deiner Einheit jemand hier, der mit mir kommen könnte?“

„Kommt gar nicht infrage!“

Erin seufzte. Sie war vollkommen immun gegen Militärangehörige, und sie verstand nicht, warum Rory meinte, sie vor ihnen beschützen zu müssen. „Vielleicht gebe ich eine Anzeige auf.“

„Nur über meine Leiche“, erwiderte er. „Ich lade euch übrigens zu Doyle’s zum Essen ein.“

Aha. Blick über den Hafen und die besten Meeresfrüchte der Stadt. Rory hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen. „Wann?“

„Halb acht. Und wenn du nicht kommst, hole ich dich.“ Dann legte er auf.

Gereizt warf Erin ihr Handy auf den Beifahrersitz. Ihr Fahrgast hatte inzwischen seine Tasche aus dem Kofferraum geholt und sah sie an. Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gebogen, also musste er sich über irgendetwas amüsieren.

„Probleme?“, fragte er.

„Ja, aber ich arbeite an der Lösung.“ Sie konnte Edelsteine auf einer Auktion oder übers Internet kaufen, aber da waren sie meist überteuert und nicht so außergewöhnlich wie die, die man selbst vor Ort aussuchte. Nein, das ging nicht.

Sie nahm schließlich an einem Design-Wettbewerb teil, der über ihren Ruf und ihre Zukunft entschied. Und wenn sie eine reelle Chance haben wollte, musste sie sechs außergewöhnliche Einzelstücke mit perfekten Steinen vorweisen. „Sie sind nicht zufällig ein Eunuch, oder?“

„Ich will nicht einmal wissen, wie Sie auf diese Frage kommen.“

„Es ist bloß so, dass ich einen Begleiter brauche“, sagte sie eilig. „Für einen Edelsteineinkauf im Westen. Ich brauche einen Bodyguard. Sie sind vermutlich nicht interessiert, oder?“

Er sah sie erst überrascht, dann streng an. „Sie sollten vorsichtiger sein. Was würde Ihr Bruder sagen, wenn er wüsste, dass Sie einen Wildfremden bitten, Sie auf diese Tour zu begleiten?“

„Darüber möchte ich lieber nicht nachdenken.“ Erin hatte keine Ahnung, wer er war oder was er beruflich machte, und erst recht keinen Schimmer, was in sie gefahren war, ihn zu fragen. Sie war eben impulsiv, immer schon gewesen. Na ja, so impulsiv normalerweise dann doch nicht. „Sie haben recht. Es war eine blöde Idee. Vergessen Sie’s.“

„Eine Anzeige würde ich Ihnen auch nicht empfehlen.“

„Damit stehen Sie nicht allein da.“ Sie wettete eins zu zehn, dass er irgendwo eine kleine Schwester hatte. „Aber ich möchte Sie nicht aufhalten.“

„Was schulde ich Ihnen?“

„Nichts. Der Taxameter lief nicht.“ Sie sah ihm an, dass er nicht aufgeben wollte. „Also gut, beantworten Sie mir eine Frage, und wir sind quitt.“

„Sie wollen wissen, was ich mache?“

„Wie kommen Sie darauf?“ Er sah sie mit einem Blick an, der sie beinahe zum Lachen brachte. „Ich würde eigentlich lieber Ihren Namen erfahren.“

„Tristan“, sagte er leise, als sie sich wieder zum Wagen umdrehte. „Tristan Bennett.“

Erin erstarrte und blickte sich stumm zu ihm um. Er wirkte, als hätte er mit seinem Namen ein großes Geheimnis preisgegeben. Dabei gab es wohl kaum etwas Alltäglicheres, als den eigenen Namen zu nennen. Und nun?

„Tja, Tristan Bennett“, sagte sie lächelnd. „Willkommen zu Hause.“

2. KAPITEL

Tristan wollte nicht, dass Erin ging. Vielleicht war es Neugier oder der Wunsch, den Moment aufzuschieben, in dem er durch die Haustür trat und seiner Kindheit begegnete. „Wofür brauchen Sie die Edelsteine?“, fragte er.

„Ich bin Goldschmiedin und Schmuckdesignerin, wenn ich nicht gerade als Chauffeurin arbeite“, antwortete Erin. „Und in vier Wochen findet ein sehr wichtiger Design-Wettbewerb statt. Für den brauche ich die besten Steine, die ich kriegen kann.“

Goldschmiedin? Darauf wäre er nie gekommen. „Aber Sie tragen überhaupt keinen Schmuck.“

„Das ist meine Geschäftspolitik. Was ich nicht trage, kann niemand kopieren.“

„Und wann wollen Sie zu dieser Adresse, wo Sie die Steine bekommen?“

„Nächsten Montag.“

In einer Woche also. „Okay, wenn Sie bis dahin niemanden gefunden haben, melden Sie sich. Vielleicht kann ich Ihnen ja noch einmal helfen.“

Warum bot er ihr seine Hilfe an? Er war kein guter Samariter. Wahrscheinlich setzte ihm die Zeitverschiebung schlimmer zu, als er dachte. Erin sah ihn an. „Sie sind richtig liebenswert, wissen Sie das? Ich meine, unter dieser harten Schale.“

Liebenswert? Niemand hatte ihn jemals so genannt. Und er fühlte sich auch gar nicht wohl dabei. „Nein.“

„Na gut. Wie dem auch sei, ich muss dann mal los.“

Nun fuhr sie doch weg! „Sie haben mir noch nicht verraten, wie Sie heißen.“

„Mein Name ist Erin, Erin Sinclair.“

Fünf Tage dauerte es, bis Erin sich endgültig geschlagen gab. Freunde, Cousins, entfernte Cousins, alle waren beschäftigt.

Wie dem auch sei, die Stücke für den Wettbewerb mussten in etwas über drei Wochen fertig sein. Ihr lief die Zeit davon.

Also blieb nur noch Tristan Bennett. Eigentlich genau der Mann, den sie brauchte. Er wirkte stark und wie jemand, der andere Menschen beschützen wollte, auch wenn er gern auf Distanz blieb. Und er hatte gesagt, er würde ihr helfen.

Vielleicht sollte sie tatsächlich herausfinden, wie er das gemeint hatte.

Erin überlegte angestrengt, was sie anziehen sollte. Schließlich wählte sie eine beigefarbene Hose, flache Sandalen und ein Poloshirt. Sie wollte signalisieren, dass alles rein geschäftlich war.

Autor

Kelly Hunter

Obwohl sie von Beruf Naturwissenschaftlerin ist, hatte Kelly Hunter schon immer eine Schwäche für Märchen und Fantasiewelten und findet nichts herrlicher, als sich in einem guten Buch zu verlieren. Sie ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und drückt sich gerne davor, zu kochen und zu putzen. Trotz intensiver Bemühungen ihrer...

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