Eine Woche, sieben Nächte ...

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Ihr Herz verschenken? Bloß nicht! Davor hat Madeline einfach Angst. Bis sie in der Glitzermetropole Singapur eine Affäre mit dem charismatischen Luke Bennett beginnt. Sieben Tage, sieben Nächte - dann wird er abreisen, und ihr Herz ist wieder sicher. Was für ein Irrtum …
  • Erscheinungstag 02.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755362
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Madeline Mercy Delacourte schaute sich gern halbnackte Männer an. Ganz besonders, wenn es sich um harte Krieger handelte, die ihre Narben mit Stolz zur Schau stellten. Am liebsten waren ihr diejenigen, die die lose Gewandung der Karatemeister trugen, als wären sie schon darin zur Welt gekommen. Diejenigen, die sich nicht die Mühe machten, in der schwül-feuchten Hitze von Singapur ein Hemd anzulegen, sondern ihre glänzende Haut frischer Luft und bewundernden Blicken aussetzten.

Madelines Augen gewöhnten sich langsam an die eher dunklen Lichtverhältnisse im Inneren der asiatischen Kampfsportschule im Herzen von Singapurs Chinatown. Zu ihrer Freude sah sie nicht nur einen hemdlosen Krieger vor sich, sondern gleich zwei.

Der erste war Jacob Bennett, ein schwarzhaariger Australier mit stahlharten Augen, dessen Weg ihn etwa zur selben Zeit wie Madeline – vor rund zehn Jahren – nach Singapur geführt hatte. Seitdem hatte er die Stadt nie mehr verlassen. Sie und Jacob verstanden sich beinahe blind, denn sie waren beide Überlebende. Es war Jacobs Schule, in der Madeline sich gerade befand, und falls er auch eine weichere Seite an sich hatte, so war sie ihr bislang verborgen geblieben. Wenn er sie erst entdeckte, würde er ganz sicher ein finsteres Gesicht machen. Das tat er immer. Vermutlich lag es daran, dass sie ihn schon um zu viele Gefallen gebeten hatte.

Den Mann, mit dem Jacob kämpfte, hatte Madeline noch nie gesehen. Weder in der Schule noch sonst irgendwo in Singapur. Falls doch, würde sie sich ganz bestimmt an ihn erinnern. Er hatte dieselbe Haarfarbe und denselben Hautton wie Jacob. Auch was Größe und Körperbau anbelangte, ähnelten sich die beiden Männer sehr. Vielleicht ein Bruder oder ein Cousin, und ganz sicher kein Anfänger in Sachen asiatischer Kampfkunst. Er schien Jacob gewachsen zu sein, und das hieß schon einiges.

Die beiden hielten lange Shaolin-Stöcke in Händen und kämpften mit der Anmut von Tänzern. Jeder schien es darauf anzulegen, den anderen auszuschalten, doch wo Jacob ganz Eis war, da versprühte sein Gegner Feuer. Er war weniger kontrolliert, vollkommen unberechenbar. Geradezu waghalsig.

Waghalsige Krieger waren ihr die liebsten.

Jacob erspähte sie und blickte finster drein. Madeline warf ihm eine Kusshand zu.

„Ist er das?“, fragte der kleine Gassenjunge, der neben ihr stand.

„Ja, das ist er.“

„Er scheint sich nicht besonders darüber zu freuen, uns zu sehen.“

„Er wird darüber hinwegkommen.“

Jacobs Gegner musste ihre Stimmen gehört haben, oder vielleicht war er Jacobs Blick gefolgt, jedenfalls schaute er in ihre Richtung. Schwerer taktischer Fehler. Im nächsten Moment landete der unbekannte Krieger flach auf dem Rücken. Jacobs Stock hatte ihn in die Kniekehlen getroffen. Madeline zuckte zusammen.

Jacob blickte erneut zu ihnen herüber. Gerade er hätte es wirklich besser wissen müssen, denn sobald er seinen gefallenen Gegner aus den Augen ließ, schlug der Krieger zu, und auch Jacob ging zu Boden. Einen Herzschlag später lagen sich die beiden Männer gegenseitig an der Gurgel.

„Er wirkt beschäftigt“, bemerkte der Junge. „Wir sollten später wiederkommen.“

„Was? Und uns all das hier entgehen lassen?“, protestierte sie. Außerdem vermutete sie, dass die beiden Kämpfer ohnehin so gut wie fertig waren. Mit einem aufmunternden Lächeln in Richtung des Jungen machte sich Madeline auf den Weg zu den Männern, wobei ihre hohen Absätze ein lautes Stakkato-Klacken auf dem abgenutzten Holzfußboden hören ließen. Sie ging neben dem kämpfenden Paar in die Hocke und stieß die schweißnasse Schulter des Fremden mit dem Finger an. „Entschuldigen Sie bitte. Es tut mir wirklich leid, dass ich stören muss. Hallo, Jacob. Hast du vielleicht eine Minute?“

Der Fremde besaß atemberaubende bernsteinfarbene Augen. Im Moment schaute er sie allerdings völlig ungläubig an. Madeline lächelte und streckte dem unbekannten Krieger ihre Hand entgegen – in erster Linie, um dafür zu sorgen, dass er seine Hand von Jacobs Hals nahm. „Madeline Delacourte. Die meisten Leute nennen mich Maddy.“

„Die meisten Leute nennen sie einfach verrückt“, keuchte Jacob.

„Schmeichler“, versetzte Madeline.

Die Augen des Fremden leuchteten auf, während er ein gefährlich charmantes Lächeln zeigte, sich von Jacob herunterrollte, aufstand und ihr seine warme, kräftige Hand reichte. „Luke Bennett.“

Madeline, die sich ebenfalls aufgerichtet hatte, schaute ihn fragend an. „Ein Bruder?“ Auf sein Nicken murmelte sie: „Das dachte ich mir. Sie kämpfen sehr gut.“ Sie riss ihren Blick von Luke Bennett los und richtete ihn stattdessen auf Jacob, der sich als Letzter erhob. Seine Augen waren strahlend blau. „Wie ich hörte, suchst du nach einem neuen Schüler.“

„Da hast du falsch gehört“, erwiderte Jacob, dessen Blick langsam zu Lee herüberwanderte, der unsicher an der Tür stehen geblieben war. „Davon mal abgesehen hat der letzte, den du mir gebracht hast, alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war.“

„Aber er hat alles wieder zurückgegeben, oder etwa nicht?“, konterte Madeline. „Und er wurde zu deinem besten Schüler, der mehr als eine Asienmeisterschaft für dich gewonnen hat.“

„Ja“, entgegnete er trocken. „Kurz bevor die Filmindustrie aus Hongkong anklopfte und ihm den Kopf verdrehte.“

„Siehst du? Ich wusste doch, dass du einen neuen Schüler brauchst!“, rief Madeline triumphierend und schenkte ihm ihr bezauberndstes Lächeln. „Hey, Lee. Komm rüber und lern den Meister kennen.“

Lee kam zögernd auf sie zu. Er war ein schmaler Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, soweit Madeline es beurteilen konnte. Diese spezielle Information hatte sie ihm genauso wenig entlocken können wie seinen Nachnamen. Lee war ein Straßenkind, das von frühester Jugend an hatte lernen müssen zu überleben. Madeline hatte sechs Monate gebraucht, um den Jungen wenigstens dazu zu kriegen, in Betracht zu ziehen, dass es vielleicht auch noch andere Möglichkeiten für ihn im Leben gab.

Jacob seufzte schwer. „Warum ich?“

„Weil du ein guter Mensch bist?“, versetzte Madeline sofort. „Weil er wirklich jemanden bis aufs letzte Hemd ausrauben wird, wenn ich ihn woanders unterbringe?“

„Du könntest ihn immer noch dahin zurückbringen, wo du ihn aufgegabelt hast“, schlug er vor. „Du kannst sie nicht alle retten, Maddy.“

„Ich weiß.“ Aber ein paar konnte sie helfen. Und Jacob hatte sie schon zuvor unterstützt. „Lee ist ein Taschendieb, der auf der Orchard Road arbeitet. Er besitzt ein besonderes Talent dafür, gefährliche Leute zu verärgern. Er muss untertauchen.“

„Warum überrascht mich das nicht?“ Jacob wandte Lee seine volle Aufmerksamkeit zu. „Willst du überhaupt Karate lernen, Junge?“

Lee zuckte die Achseln. „Ich will leben.“

„Dagegen lässt sich nichts sagen“, meldete sich Luke Bennett fröhlich zu Wort.

„Dann übernimm du ihn doch“, brummte sein Bruder.

„Sorry.“ Luke lächelte wenig reumütig. In diesem Moment fühlte sich Madeline zu ihm hingezogen wie schon seit Jahren zu keinem Mann mehr. Ihr Herz schlug schneller. „Du bist der aufrechte Bürger. Ich bin der heimatlose Herumstreuner mit den speziellen Fähigkeiten. Ich würde ihn nur auf dumme Gedanken bringen.“

„Was genau tun Sie denn?“, erkundigte sie sich.

„Hauptsächlich entschärfe ich See- und Landminen für das Militär.“

„Hauptsächlich kurz bevor sie in die Luft gehen“, fügte Jacob lakonisch hinzu. Dann wandte er sich an Lee. „Hier entlang, Junge“, sagte er und steuerte bereits auf die Tür im hinteren Teil der Halle zu. „Ich biete dir ein Zimmer mit einem Bett und einem Kissen, einem Set Wäsche und drei Mahlzeiten am Tag, sowie ein kleines Taschengeld. Als Gegenleistung erwarte ich Loyalität, Gehorsam, Ehre und Hingabe von dir. Wenn du nicht interessiert bist, dann kannst du gern wieder gehen.“

Jacob schaute sich nicht um, ob Lee ihm folgte oder nicht. Er kannte genug Straßenkinder. Der Junge würde ihm folgen, schon allein, um zu sehen, ob es später irgendetwas zu klauen gab.

Luke Bennett beobachtete, wie Lee und sein Bruder davongingen. Auf seinem Gesicht zeichnete sich eine Mischung aus Verzweiflung und widerwilligem Stolz ab. Madeline ihrerseits beobachtete Luke.

„Machen Sie das häufig mit ihm?“, fragte er im Umdrehen und erwischte sie dabei, wie sie ihn musterte. Sie errötete nicht.

„Häufig genug.“

„Bleiben die Jungs?“

„Häufig genug.“

„Lieben Sie meinen Bruder?“

„Das ist eine sehr persönliche Frage.“ Und keine, die sie zu beantworten beabsichtigte. „Warum fragen Sie?“

„Jake lässt sich nicht besonders oft erweichen. Für Sie hat er es getan.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das sieht nur so aus.“ Doch Jacob Bennetts Herz war fest verschlossen, und Madeline wusste mit unfehlbarem weiblichen Instinkt, dass sie nicht den Schlüssel zu seinem Herzen in Händen hielt. „Was würden Sie tun, wenn ich Ja sagte?“

„Trübsal blasen“, versetzte er trocken. Und dann ein wenig ernsthafter: „Ich wildere nicht in fremdem Gebiet.“

„Wie ehrenhaft von Ihnen. Aber von Jacobs Bruder würde ich auch nichts anderes erwarten. Sagen Sie ihm, dass ich wegmusste.“

„Und meine Frage?“

Madeline schaute ihn nachdenklich an. Natürlich wusste sie, was seine Frage zu bedeuten hatte. Es war ein deutliches Bekunden von Interesse, eine Einladung zum Flirt. In den sechs Jahren seit Williams Tod hatte sie nur einen einzigen Liebhaber gehabt. Damals hatte sie sich noch in Trauer befunden, und es war ihr mehr um Trost als um alles andere gegangen. Ihr Liebhaber hatte sich eine Frau gewünscht, die er ehren und respektieren konnte. Die Sache war nicht gut ausgegangen.

Was würde wohl Luke Bennett in einer Frau suchen?

„Wie lang bleiben Sie in Singapur, Mr. Bennett?“

„Eine Woche.“

„Das ist nicht lang.“

„Lang genug“, konterte er. „Man kann sehr viel in eine Woche packen, wenn man es nur versucht.“ Er schenkte ihr ein herausforderndes Lächeln. „Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet.“

„Weil ich es nicht will. Betrachten Sie es als eines der kleinen Geheimnisse des Lebens.“

„Ich hasse Geheimnisse“, entgegnete er. „Nur so als Warnung.“

Es fiel ihr schwer, nicht zu schmunzeln. „Genießen Sie Ihren Aufenthalt in Singapur, Mr. Bennett. Hier gibt es viele Unterhaltungsmöglichkeiten.“

„Ja, das ganz sicher“, murmelte er.

„Es gibt auch sehr viele Dinge, die Sie meiden sollten.“ Nur so als Warnung. Madeline lächelte versonnen, drehte sich auf dem Absatz um und ging.

„Also, was läuft da zwischen dir und Madeline Delacourte?“, fragte Luke seinen Bruder etwa fünfzehn Minuten später, als sie den Kampf mit den Shaolin-Stöcken wieder aufnahmen. Diesmal hatten sie einen aufmerksamen kleinen Taschendieb als Zuschauer. „Hast du was mit ihr?“

„Wieso interessiert dich das?“, erwiderte Jacob und ließ seiner Frage einen harten Schlag auf Lukes rechte Seite folgen.

Luke gab die Unterhaltung auf und konzentrierte sich stattdessen auf seine Verteidigung. Doch Madeline Delacourtes Bild – wissendes Lächeln, honigblondes Haar, lange, wohlgeformte Beine – ließ sich einfach nicht vertreiben. „Was glaubst du wohl, warum? Alles, was ich von dir will, ist ein klares Ja oder Nein.“ Das war doch sicherlich nicht zu viel verlangt.

„Nein“, antwortete Jacob und parierte Lukes nächsten Schlag. „Sie ist nur eine Freundin.“

„Ist sie verheiratet?“

„Nicht mehr.“

„Verlobt?“

„Nein.“

„Gebunden?“

„Nein.“ Jakes Stock traf ihn hart auf die Fingerknöchel. „Madeline ist wählerisch. Sie kann es sich leisten.“

„Ist sie wohlhabend?“

„Sehr. Ihr verstorbener Mann entstammte einer Familie reicher britischer Gewürzhändler. Sie haben ein Vermögen gemacht, das sie in Immobilien anlegten. Maddys Ehemann gehörten mehrere Hotelketten und Einkaufscenter entlang der Orchard Road, sowie die Hälfte aller Wolkenkratzer in Südost-Singapur. Jetzt gehören sie Maddy.“

„Ist ihr Mann jung gestorben?“

„Nein, ihr Ehemann starb als glücklicher alter Mann.“

Luke zuckte zusammen. Das Bild, das Jake entwarf, gefiel ihm ganz und gar nicht. „Kinder?“

„Nein.“ Noch mehr Schläge prasselten auf ihn ein. „Du bist völlig unkonzentriert“, beschwerte sich Jake.

„Ich versuche noch, damit klarzukommen, dass sie aus finanziellem Interesse geheiratet hat.“

„Vielleicht hat sie ihn ja geliebt.“

„Wie viel älter war er?“

„Dreißig Jahre“, verriet Jake. „Mehr oder weniger.“

Luke machte ein finsteres Gesicht und ließ mehrere harte Schläge auf seinen Bruder herabregnen. Seine wachsende Desillusionierung hinsichtlich Madeline Delacourte verlieh ihm zusätzliche Kraft. Der Kampf war plötzlich kein harmloser Trainingskampf mehr, sondern das Ventil für äußerst explosive Emotionen.

Nur mit Mühe gelang es Luke, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er hob den Stock, trat ganz abrupt zurück und verbeugte sich schwer atmend, womit er das Ende des Kampfes signalisierte. „Tut mir leid“, murmelte er, während er zu dem Handtuchstapel hinüberging, der auf der niedrigen Holzbank an der Wand lag.

Jake war auf Lee zugegangen und sprach in dieser ruhigen Art mit ihm, die Luke so an seinem Bruder liebte. Der Junge nickte einmal, dann stürmte er aus der Tür der Karateschule. Danach wandte Jake seine Aufmerksamkeit wieder seinem Bruder zu. Luke schaute rasch weg und trocknete sich das Gesicht ab, weil er nicht Jakes vorwurfsvollem oder – was noch schlimmer wäre – seinem verständnisvollen Blick begegnen wollte. Einmal ein jüngerer Bruder, immer ein jüngerer Bruder, auch wenn er nicht der jüngste der vier Jungs in der Familie war. Diese zweifelhafte Ehre fiel Tristan zu.

Als er Schultern und Bauch abgetrocknet hatte, stand Jake neben ihm.

„Du hast deinem Zorn das Heft überlassen“, sagte Jake. „Du hast dein inneres Zentrum verloren.“

Er hatte gar kein inneres Zentrum. Er war nicht mal sicher, ob er noch eine Seele besaß, nachdem er so viel Tod und Zerstörung gesehen hatte. Und der Gedanke, dass Madeline Delacourte, Engel der Straßenkinder, ihre Seele für Geld verkauft hatte, nagte an ihm wie ätzende Säure. Nur ein einziges Mal hatte er einer Frau begegnen wollen, die wirklich rein war.

„Wie lang ist dein letzter Auftrag her?“, fragte Jake als Nächstes.

„Ein paar Wochen.“ Nicht, dass es ihn kümmerte. Es war für alle besser, wenn er nicht arbeitete.

„Hast du genug Geld?“

„Ja, natürlich.“ Lukes Arbeit wurde sehr gut bezahlt. Er spielte zwar in keiner Weise in Madeline Delacourtes Liga, aber er musste bis an sein Lebensende nicht mehr arbeiten, wenn er nicht wollte.

Jake schien nichts mehr einzufallen. „Was ist dann dein Problem?“

„Ich weiß es nicht.“ Da war etwas an seinem Bruder, was unbedingte Ehrlichkeit verlangte. Es war schon immer so gewesen. Luke erklärte daher ganz offen: „Es ist einfach so … Wenn du dich lang genug im Schatten von Gewalt bewegst, dann frisst sie dich langsam auf. Ich habe Madeline Delacourte gesehen und Schönheit erkannt, nicht nur äußere, sondern auch innere. Als deine Worte ein anderes Bild zeichneten, habe ich rotgesehen.“

Jake trocknete sich ebenfalls ab. Jetzt runzelte er die Stirn. „Da ist ganz viel Gutes in Maddy – frag doch irgendeins von den Kindern, die sie aus der Gosse geholt hat. Sie bewegt sich völlig furchtlos durch die dunkelsten Ecken der Stadt. Und was ihre Ehe anbelangt – ja, vielleicht hat sie geheiratet, um materiell abgesichert zu sein, vielleicht aber auch nicht. Das geht mich nichts an. Und es macht sie ganz bestimmt nicht zur Hure.“

Lukes Gesicht verdüsterte sich noch mehr. „Es macht sie aber auch nicht rein wie Schnee.“

„Was geht es dich an? Eine engelsgleiche Frau würde dich innerhalb von einer Woche in den Wahnsinn treiben.“

„Ja, aber es wäre schön zu wissen, dass sie zumindest existiert.

„Wenn ich eine finde, rufe ich dich an“, versetzte Jake spöttisch. „In der Zwischenzeit schlage ich vor, dass du Madeline Delacourte für das respektierst, was sie ist. Eine kluge und großzügige Frau, die sich keinen Deut darum schert, dass sie in der oberen Gesellschaft mehr Feinde als Freunde hat. Sie tut das, was keiner von diesen Leuten tut. Sie steckt tonnenweise Geld in Programme, die den Armen helfen. Sie macht sich die Hände schmutzig. Und sie beurteilt Menschen nicht nach ihrer Vergangenheit, so wie du es gerade getan hast.“

Luke wirkte angemessen beschämt. „Ich hab’s verstanden.“ Wenn Jake sie so bereitwillig verteidigte, dann musste sie in Ordnung sein. Kein Engel, sondern eine gewöhnliche Sterbliche wie jede andere auch. Engel kamen nur im Märchen vor. Er warf das Handtuch auf die Bank. „Ich glaube, ich bleibe noch eine Weile hier.“ Um zu trainieren, seinen Körper bis an die Grenzen zu treiben und vielleicht, nur vielleicht, seinen Zorn und sein vorschnelles Urteil mit tiefer Erschöpfung zu büßen.

Jake warf ihm einen kühlen Seitenblick zu. „Kämpf noch mal gegen mich“, bot er an. „Diesmal nach Straßenregeln. Keine langen Stöcke. Kein Zurückhalten. Nur du und ich.“

„Was, wenn ich dich verletze?“, fragte Luke grimmig, während das Biest in ihm bereits auf den Vorschlag seines Bruders eingehen wollte.

„Das wirst du nicht.“ Jake lächelte sanft. „Aber du kannst es gerne versuchen.“

2. KAPITEL

Madeline hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, ihre Straßenkinder am nächsten Tag zu besuchen, nachdem sie sie in ihrem neuen Heim untergebracht hatte. Wenn es Jake gelang, Lee die nächsten achtundvierzig Stunden in der Karateschule zu halten … wenn er dem Jungen ein Ziel bieten konnte, auf das es sich hinzuarbeiten lohnte, etwas, das der Junge mehr wollte als seinen alten Lebensstil … dann hatte Lee eine reelle Chance, von der Straße wegzukommen. Der erste Schritt war immer der schwerste, das wusste Maddy. Aber es war zu schaffen.

Alles, was Lee brauchte, war der richtige Anreiz.

Jacob unterrichtete gerade eine Klasse im Kickboxen, als sie die Schule betrat. Bei ihrem Anblick machte er sein übliches finsteres Gesicht und deutete mit dem Kopf in Richtung der hinteren Räume – ein halbes Dutzend kleiner Zimmer, in denen Gäste und Schüler übernachten konnten sowie Maddys kleine Schützlinge.

Sie fand Lee in der Küche, wo er mitten auf dem runden Tisch kniete und konzentriert auf ein merkwürdiges Sammelsurium an Küchengeräten starrte. Luke Bennett stand ihm gegenüber, den Kopf ebenfalls aufmerksam über den Tisch gebeugt. Ein in Leinentuch gehüllter Werkzeugsatz lag zwischen Mann und Junge, nur dass es sich dabei um Werkzeug handelte, wie Maddy es noch nie gesehen hatte.

„Du hast es fast geschafft“, spornte Luke den Jungen leise an. „Vorsichtig. Vorsichtig. Nur ein ganz klein bisschen mehr. Okay, Lee. Jetzt.“ Lees Hände bewegten sich schnell und sicher, während er eine kleine Schere durch die Drähte führte. Lukes Finger waren mindestens genauso geschickt. Er schien eine Art Reißzwecke an einem bestimmten Platz anzubringen. Ein paar Sekunden später lehnten sich Junge und Mann zufrieden zurück und grinsten breit. „Du hast gute Hände, Junge. Das muss ich dir lassen“, lobte Luke.

Lee strahlte bis über beide Ohren. Maddy machte ein fassungsloses Gesicht.

„Ist das …“, sie traute ihren Augen nicht, „… eine Bombe?

„Natürlich nicht. Was für eine Frage ist denn das?“ Erst jetzt hielt Luke es für nötig, sie anzusehen, wobei sich kleine Lachfältchen um seine Mundwinkel gebildet hatten. Der Blick aus seinen bernsteinfarbenen Augen ging ihr durch und durch. „Es ist ein provisorischer Zündmechanismus, der an einen Toaster angeschlossen wurde.“

Maddy öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es kam kein Ton heraus. Wo sollte sie anfangen?

„Luke hat ihn installiert, um Brot zu toasten, es sei denn, wir schaffen es, den Zündmechanismus rechtzeitig auszuschalten“, fügte Lee erklärend hinzu.

„Und die Brieftasche im Toaster?“, fragte sie beißend. „Was tut die da?“

Plötzlich fand Lee das Muster des Linoleumbodens furchtbar interessant. Maddy unterdrückte nur mit Mühe ein Stöhnen. „Lee, wem gehört die Brieftasche?“

„Jake“, antwortete Luke. „Lee hat sie ihm heute Morgen abgenommen, woraufhin ich sie Lee abgenommen habe. Im Moment plant Lee, sie dahin zurückzulegen, wo er sie gefunden hat. Das Hauptproblem ist folgendes: Sobald ich den Toaster einschalte, hat Lee ungefähr eine Minute, die Zündung zu deaktivieren, ohne den Toaster zu blockieren. Braucht er länger, wird Jake ganz sicher die Brandspuren auf seiner Brieftasche bemerken.“

Sie wusste immer noch nicht, wo sie anfangen sollte.

„Okay, mal abgesehen von dieser sehr fragwürdigen Disziplinarmaßnahme, meinen Sie nicht, dass es äußerst unklug ist, einem Kind zu zeigen, wie man einen Auslösemechanismus für eine Bombe baut und entschärft?“

„Unter normalen Umständen schon, aber betrachten Sie es doch mal so“, erwiderte Luke und benutzte dabei denselben beruhigenden Ton wie zuvor. Doch anders als beim ersten Mal, als es sie ungewollt verzaubert hatte, wollte sie ihm jetzt am liebsten den Hals umdrehen. „Lee ist ein Taschendieb. Eine Karriere, die gute Nerven und geschickte Hände erfordert, ist doch ein natürlicher Fortschritt für ihn.“

„Und inwiefern genau“, versetzte sie mit einigem Sarkasmus, „ist eine Karriere in der Bombenräumung ein Fortschritt?“

„Nun, zum einen ist es legal.“

„Haben Sie auch erwähnt, dass man stirbt, wenn man es vermasselt?“

„Zufälligerweise habe ich das getan“, entgegnete er. „Ich bin sehr dafür, offen und ehrlich zu sein.“

„Es gibt wirklich vieles an Ihnen, das ich bewundere, Luke Bennett. Schade um den Rest.“

„Oh, das ist hart“, murmelte er ohne einen Funken Reue. „Tut mir leid, Junge“, sagte er zu Lee gewandt. „Die Lektion ist gecancelt. Ich schlage vor, dass du dir gründlich überlegst, ob du nach den Regeln meines Bruders leben willst, denn ich verrate dir hier und jetzt, dass du keine zweite Chance von ihm bekommen wirst. Wenn du hinter dem schnellen Geld her bist, dann bleib ein Taschendieb. Wenn du groß bist, kannst du dich den echten Räubern anschließen und Investmentbanker werden.“ Luke warf Maddy einen kurzen Seitenblick zu. „Oder du kannst dich an der bequemen, altbewährten Methode versuchen, jemand mit Geld zu heiraten. Das kommt ständig vor.“

Maddy verstand die Anspielung genau so, wie sie gemeint war.

Persönlich.

„Jetzt weiß ich auch, warum Ihr Bruder Sie so gern grün und blau schlägt“, zischte sie.

„Er versucht es“, korrigierte Luke. „Er genießt es zu versuchen, mich grün und blau zu schlagen. Das ist ein großer Unterschied.“

„Lee, würdest du uns bitte einen Moment allein lassen?“, sagte Madeline.

„Kann ich zuerst die Brieftasche haben?“

„Vielleicht später“, entschied Luke. „Und wenn du noch einmal etwas von Jake klaust, dann schwöre ich dir, dass du den Fußboden der Schule mit einer Zahnbürste schrubben wirst.“

Lee grinste und verschwand.

„Ist Ihr Zimmer verschlossen?“, fragte Madeline zuckersüß.

Luke fluchte laut und stürmte bereits zur Tür. „Bleiben Sie hier“, befahl er ihr und deutete mit dem Finger auf die Ansammlung auf dem Tisch. „Passen Sie darauf auf, während ich Lee zu seinem Unterricht im Kickboxen geleite.“

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, gab Madeline ihrer Neugier nach und nahm die Konstruktion auf dem Tisch genauer unter die Lupe. Etwa fünf Minuten später glaubte sie, die Funktionsweise des Zünders verstanden zu haben.

„Sie hätten erst um Erlaubnis fragen sollen, ehe Sie anfangen, mit Männerspielzeug herumzuspielen“, erklang eine seidenglatte Stimme hinter ihr. „Es könnte nicht ganz ungefährlich sein.“

Luke. Mit den ruhigen Händen, dem knackigen Körper und den umwerfenden Augen.

„Was geschieht, wenn ich diesen Draht durchtrenne?“, erkundigte sie sich.

„Nichts.“

„Was ist mit diesem hier?“

„Wenn Sie diesen Draht durchschneiden, wird das Leben interessant“, erwiderte er. „Jake sagte, dass Sie und er nur Freunde sind.“

„Ah. Haben Sie immer noch Angst, in fremdem Gebiet zu wildern? Ist das nicht süß?“ Es war besser, sich der Gefahr direkt zu stellen – so wusste sie wenigstens, wann es an der Zeit war zu flüchten. „Aber Jake hat recht. Ich betrachte ihn als Freund. Es freut mich zu hören, dass er mich ebenfalls für seine Freundin hält.“

„Sie wussten nicht, dass er Sie zu seinen Freunden zählt?“, fragte Luke und hob dabei eine Augenbraue.

„Ihr Bruder ist nicht leicht zu durchschauen“, gab sie mit leisem Lächeln zurück. Madeline bedauerte bereits die Frau, die sich in den Kopf setzte, Jacob Bennett zu erobern. „Er geht mit seiner Gunst sehr sparsam um. Bei Ihnen ist das anders.“

„Ist das schlecht?“ Das Lächeln, das Luke ihr schenkte, war charmant und frech zugleich.

„Für Sie? Nein.“ Für die Frau, die sein Lächeln empfing, möglicherweise schon. Es war wirklich an der Zeit, nicht länger in dieses attraktive Gesicht zu blicken und sich stattdessen auf etwas anderes zu konzentrieren, entschied Madeline. Zum Beispiel auf das graue T-Shirt, das sich über seine breite Brust spannte, oder auf das Spiel der Venen, die sich von seinem Ellbogen zum Handgelenk zogen, während er sich neben sie lehnte, beide Unterarme auf den Tisch aufgestützt, den Blick auf den Toaster gerichtet.

Langsam drehte er den Kopf zu ihr um und ließ seinen Blick über ihr Gesicht gleiten, wobei er an ihren Lippen hängen blieb. Madeline stockte der Atem.

Wie von selbst glitt auch ihr Blick zu seinem Mund, der sowohl sinnlich als auch fest war. Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel, aber auch ein Hauch von eiserner Kontrolle.

„Genug gesehen?“, fragte er. Normalerweise errötete sie nie, doch jetzt spürte sie tatsächlich, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

„Ich denke schon.“ Innerlich verfluchte sie seine Anziehungskraft und ihre ungehemmte Reaktion auf ihn und richtete deshalb ihre Aufmerksamkeit hastig wieder auf die Konstruktion auf dem Tisch. „Wo waren wir stehen geblieben?“

Autor

Kelly Hunter

Obwohl sie von Beruf Naturwissenschaftlerin ist, hatte Kelly Hunter schon immer eine Schwäche für Märchen und Fantasiewelten und findet nichts herrlicher, als sich in einem guten Buch zu verlieren. Sie ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und drückt sich gerne davor, zu kochen und zu putzen. Trotz intensiver Bemühungen ihrer...

Mehr erfahren

Entdecken Sie weitere Bände der Serie

Die Bennett-Geschwister