Mein Ritter, mein Beschützer

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Eine gefährliche Mission für eine Lady: Da ihr Vater gestorben ist, fällt der jungen Katherine die Aufgabe zu, einen mythischen Schatz nach Frankreich zu bringen. Doch machthungrige Schurken wollen diesen Plan vereiteln! Als Katherine überfallen wird, erweist Alain de Banewulf sich als Retter in der Not. Der Ritter befreit sie aus den Fängen der gierigen Männer. Heldenhaft bewahrt er sie nicht nur vor einer Entführung, sondern bietet ihr auch an, sie auf ihrem gefahrvollen Weg zu begleiten. Nur zu gern sagt Katherine Ja. Doch was ist das? Wenn Alain sie ansieht, entdeckt sie in seinen Augen jenes begehrliche Glimmen, das bei den meisten Menschen nur beim Anblick des Schatzes erscheint …


  • Erscheinungstag 22.08.2023
  • Bandnummer 388
  • ISBN / Artikelnummer 9783751515986
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Was wohl die Barden über uns singen werden?“, fragte Sir Alain de Banewulf seinen Freund, als sie beide die Zügel anzogen und ihre Pferde zum Stehen brachten. Nachdenklich ließ er seinen Blick über die Landschaft aus hell beschienenen Hügeln und grünen Tälern schweifen. Einige Monate war es nun her, seit sie der sengenden Hitze des Heiligen Landes den Rücken gekehrt und sich den Streitkräften angeschlossen hatten, die auf dem Weg zurück nach England waren. „Wird man sich erzählen, dass wir versagt haben? Oder wird man uns für die Einnahme von Akkon loben?“

Sir Bryne of Wickham musterte ihn und kniff die Augen ein wenig gegen die Sonne zusammen. Der Jüngere wirkte außergewöhnlich niedergeschlagen – seit Tagen hatte er nur geschwiegen. Vielleicht war er nun endlich bereit, darüber zu sprechen, was ihn bekümmerte. „Bist du immer noch enttäuscht, dass wir Jerusalem nicht den Ungläubigen entreißen konnten?“

Alain schwieg eine Weile, während er überlegte, was er dem Mann antworten sollte, der ihm in den letzten Jahren wie ein Bruder zur Seite gestanden hatte Sie hatten gemeinsam gekämpft, sich gegenseitig Deckung gegeben, und der eine hatte für den anderen sein Leben riskiert. Bryne war sein engster Freund, und dennoch konnte Alain nicht einmal ihm die Leere in seinem Inneren erklären.

„Nach dem Zerwürfnis König Richards mit Philipp von Frankreich ließ der französische König uns im Stich. König Richard blieb keine andere Wahl, als dem Vertrag mit Saladin zuzustimmen. Wir Christen sollten ihm wohl dankbar dafür sein, dass die Heilige Stadt nicht einfach für jeden Gläubigen geschlossen wurde. Hätte Richard weitergekämpft, wäre vielleicht alles verloren gewesen.“

„Und doch lässt sich nicht leugnen, dass der Einfluss des Christentums ganz erheblich geschwächt wurde.“

„Dann haben wir also versagt“, stellte Alain fest und fühlte die Last der Niederlage schwer wie ein Kettenhemd auf sich sinken. „Möge Gott und die Geschichte uns vergeben.“

„Versagt?“ Bryne zog die Augenbrauen hoch. Viele andere Männer wären mehr als zufrieden gewesen, hätten sie so viel erreicht wie sie beide.

Alain und Bryne waren nach dem Sieg bei Akkon zu Reichtum gekommen, der zu einem großen Teil dem Umstand zu verdanken war, dass sie dem Sohn eines Handelsherrn das Leben gerettet hatten. Ali Bakhar hatte seine Dankbarkeit für die unversehrte Heimkehr seines Sohnes mit kostbaren Edelsteinen, aus Gold gefertigten Kunstgegenständen, wertvoller Seide und teuren Gewürzen vergolten. Noch viel wichtiger aber war die von ihm erteilte Erlaubnis, in den Gewässern zwischen Venedig und Zypern freien Handel treiben zu dürfen. Damit hatten sie etwas, ohne das viele abenteuerlustige Kaufleute vor ihnen ihr Leben gelassen hatten: das Geheimnis echten Erfolgs in diesem Teil der Welt.

Bryne hatte zur Vorsicht geraten, woraufhin sie ihr Vermögen nach Italien gebracht und dort in die Obhut einer einflussreichen Bankiersfamilie gegeben hatten.

Außerdem hatte er dafür gesorgt, dass jegliche Preziosen, die sie während des Kreuzzugs erobern sollten, in ihrem Namen zu der Schiffsflotte eines Freundes gebracht wurden. Als König Richard beschlossen hatte, das Heilige Land zu verlassen, waren Bryne und Alain mit ihm nach Zypern gesegelt und von dort über Messina nach Rom gereist. Dort angekommen hatten sie festgestellt, wie unermesslich reich sie beide geworden waren, da Brynes Freund ihre Schätze klug angelegt hatte, wodurch ihr Vermögen in den vergangenen Jahren auf das Hundertfache angewachsen war. Ihr Gold hatten sie bei ihm gelassen und nur die Bankbürgschaft und genug Silber für die Heimreise mitgenommen. Sie würden sich in Frankreich und England alles kaufen können, wonach ihnen der Sinn stand.

„Mancher mag das für Versagen halten“, stimmte ihm Bryne nach kurzem Nachdenken zu, da er wusste, dass Alain nicht an ihre persönlichen Erfolge dachte. „Hätte Richard sein Temperament gezügelt, würde die Geschichte vielleicht nettere Worte finden.“

Alain lächelte nachdenklich und warf die düstere Laune wie einen Mantel ab. „Wir haben tapfer gekämpft, aber die Chancen standen schlecht für uns.“

„Und was nun, mein Freund?“, fragte Bryne.

Sie waren einige Monate lang in Italien geblieben, um sich die Wunder dieses Landes anzusehen, verbrachten eine Weile in den Weinanbaugebieten und verkosteten die Weine, die diese Gegend zu bieten hatte. Dabei hatten sie den Müßiggang genossen, der ihnen durch ihr Vermögen ermöglicht worden war.

„Tja, das ist die große Frage“, entgegnete Alain, in dessen tiefblauen Augen für einen Moment ein fröhliches Lächeln aufblitzte. „Was mich angeht, glaube ich, dass ich fremder Länder überdrüssig bin.“

„Aye, mir geht es nicht anders. Auch ich höre die Heimat nach mir rufen.“

„Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal meine Mutter sah. Sie wird sich verzweifelt danach sehnen, ihren Sohn endlich wieder zu Gesicht zu bekommen.“

„Ich frage mich, ob meine Familie noch lebt.“ Bryne blickte mit ernster Miene in die Ferne. „Zwar fehlt es uns hier an nichts, und doch …“

In letzter Zeit waren sie beide rastlos geworden, und als Alain nun Bryne ansah, wusste er mit einem Mal, was dieser dachte. „Also kehren wir heim?“

„Ich verließ England anno 1187, um mein Schwert in den Dienst von Duke Richard zu stellen. Das war viele Monate bevor wir in Richtung Heiliges Land aufbrachen. Dann starb König Henry und Richard wurde zum König von England gekrönt. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1195 und ich muss gestehen, dass ich mich danach sehne, meine Heimat wiederzusehen.“

„Ja. Auch ich verspüre das Verlangen nach meiner Heimat und meiner Familie“, stimmte Alain ihm zu. „Als ich England verließ, strebte ich, wie mein Bruder vor mir, nach Reichtum und Ehre. Vielleicht habe ich einen Teil von dem erreicht, was ich mir erhofft hatte.“

„Du bist reich, und kein Ritter hat tapferer gekämpft als du, Alain. Was willst du mehr?“

„Das habe ich mich wahrhaftig auch schon oft gefragt“, entgegnete dieser und verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Vielleicht werde ich die Antwort in England finden. Morgen machen wir uns auf den Weg nach Rom, Bryne, und suchen uns ein Schiff, das uns nach Hause bringt.“

Ein Schrei riss Alain aus seinen Grübeleien. Sie waren schon früh am Morgen aufgebrochen, um hoffentlich nur drei Tage bis Rom zu benötigen, und bislang kamen sie gut voran. Alain war mit seinen Gedanken abgeschweift, als sie durch die hügelige Landschaft ritten. Mit einem Mal waren alle seine Sinne hellwach. Es war der Schrei einer Frau. Sie schien in größter Not zu sein. Er sah zu seinem Gefährten, der das Gleiche gehört haben musste.

„Da drüben!“ Bryne zeigte nach rechts. „Dort am Waldrand! Straßenräuber greifen drei Männer und zwei Frauen an. Die Schurken sind ihnen zahlenmäßig eindeutig überlegen!“

„Sie haben sie umstellt“, ergänzte Alain und gab seinem Pferd die Sporen. „Komm, Bryne. Ein letzter Kampf, bevor wir Richtung Heimat segeln!“

Mit dem Schwert in der Hand ritt er voraus. Bryne und ihre Männer, die von ihnen schon in zahlreiche Schlachten geführt worden waren, folgten ihm. Das Donnern der Hufe dröhnte in seinem Kopf. Er konnte das Blut riechen, spürte wieder Hitze und Staub aus anderen Kämpfen und erinnerte sich an die Schreie der Verletzten und Sterbenden, über die sein Pferd im Eifer des Gefechts hinweggeritten war. Ein schiefes Lächeln umspielte seinen Mund. War er tatsächlich je so jung und so naiv gewesen, dass er geglaubt hatte, Krieg könne Ehre bringen?

Alain hob sein Schwert und stürmte auf den ersten Schurken zu. Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Frau sich gegen die Männer zu wehren versuchte, die sie offenbar entführen wollten. Er stieß ein gellendes Kriegsgeheul aus, das jedem Kämpfer das Blut in den Adern gefrieren ließe. Links und rechts ließ er seine Klinge niedersausen, als würde er mit der Kraft von fünfzig Dämonen kämpfen. Wie immer gab ihm sein Schwert die Kraft, alle Feinde niederzuringen. Die magischen Kräfte der Klinge, an die er fest glaubte, hatten ihn schon blutigere Schlachten als diese überleben lassen. Saladins Soldaten waren weitaus kriegerischer gewesen als diese niederträchtigen Gauner, die schon versuchten in alle Richtungen davonzulaufen, als sie Alains Männer auch nur gewahr wurden.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass sich die Frau unterdessen hatte befreien können und von einem ihrer eigenen Leute versorgt wurde. Augenscheinlich war der Kampf bereits beendet, da die Räuber in den Wald flohen, aus dem sie gekommen sein mussten.

Alain lächelte die junge Frau aufmunternd an, dann drehte er sich zu Bryne um. Als er bemerkte, dass sein Freund bereits abgesessen war, tat er es ihm gleich. Daraufhin ging er mit dem Schwert in der Hand auf die Frau zu, die sie vor den Angreifern gerettet hatten. Er wollte sich erkundigen, ob man ihr Schaden zugefügt hatte, doch kaum hatte er begonnen zu sprechen, bekam er einen Schlag gegen den Hinterkopf und alles wurde schwarz vor seinen Augen. Noch während er zu Boden sank, glaubte er die junge Frau aufschreien zu hören.

„Was hast du getan, Maria?“ Lady Katherine of Grunwald kniete sich neben den reglos auf dem Boden liegenden Mann. „Du hast ihn umgebracht, dabei hat er mich vor diesen schrecklichen Männern gerettet!“

„Oh, Mylady …“ Die ältere Frau sah sie bestürzt an. „Er hatte sein Schwert erhoben, und ich dachte, er wollte Euch töten.“

„Du dumme Frau!“ Katherine legte eine Hand auf die Stirn des Ritters, der so herrliches goldblondes Haar hatte und so hübsch anzusehen war. Sie war sich sicher, nie zuvor einem schöneren Mann begegnet zu sein. „Jetzt sind seine Männer wütend und werden uns dafür bestrafen.“ Sie sah zu dem großen, düsteren Ritter hoch, der sich vor ihr aufgebaut hatte. Seine Wut war ihm deutlich anzumerken. „Verzeiht meiner Dienerin, Sir. Sie wusste nicht, was sie tat.“

„Ich habe es mit angesehen“, gab er zurück und warf ihr einen finsteren Blick zu. „Eure Dienerin hat geschafft, was Saladins Armee nicht gelungen ist, Mylady. Betet, dass er nicht tot ist. Ansonsten bedauere ich Euch beide, da ich …“

Plötzlich zuckten die Augenlider des Mannes. Die langen Wimpern warfen einen kurzen Moment lang einen Schatten auf seine sonnengebräunte Haut, ehe er die Augen aufschlug. Sein Blick erfasste das verängstigte Gesicht der jungen Frau, die sich über ihn beugte, und sein erster Gedanke war, dass sie kaum mehr als ein Kind sein konnte. Sie war dünn und blass, große dunkle Augen zierten ihr Gesicht, welches eher interessant als schön war. Hinter ihr sah er Bryne wütend aufragen und plötzlich fiel ihm wieder ein, was geschehen war.

„Nein, bring das Kind nicht um, Bryne“, warnte er ihn und setzte sich so abrupt auf, dass sich alles vor seinen Augen drehte. Leise stöhnend verzog er den Mund. „Sie war es nicht, die mich niedergeschlagen hat. Das schwöre ich.“

Katherine sah ihn unschlüssig an. War er wütend? So schaute er nicht drein. Es hatte eher den Anschein, als wäre er belustigt. Sie warf ihm einen Blick zu, der entschuldigen sollte, was ihm widerfahren war.

„Maria hat auf Euch eingeschlagen, und das tut ihr sehr leid. Sie dachte, Ihr gehörtet zu den Räubern, die uns angegriffen hatten.“

„Die Banditen?“ Behutsam tastete er seinen Hinterkopf ab. „Maria hat den Arm eines Kriegers. Es ist ein Wunder, dass sie mir nicht den Schädel gespalten hat.“ Trotz der Kopfschmerzen funkelten seine Augen schelmisch, als er die ältere Frau musterte. Sie verzog ihr Gesicht zu einer dermaßen kläglichen und zugleich beleidigten Miene, dass er am liebsten laut gelacht hätte. So hatte er schon lange nicht mehr empfunden. „Womit habt Ihr zugeschlagen, Frau? Mit einem Streitkolben?“

„Es war nichts weiter als ein Beutel voller Münzen“, sagte Maria und sah ihn verärgert an. Sie war eine große, stämmige Frau mit muskulösen Armen. „Darin ist das Geld für das Schiff, das Mylady nach Hause zu ihrer Familie bringen soll. Aber Ihr könnt es haben, wenn Ihr uns unseres Weges ziehen lasst.“

Alain war inzwischen aufgestanden und betrachtete die Frau, deren kriegerische Haltung und wütender Blick von Furchtlosigkeit zeugten. Sie wirkte wie eine Wölfin, die bereit war, für ihr geliebtes Kind zu kämpfen.

„Fürchtet euch nicht, Maria“, gab er lächelnd zurück. „Ihr und das Kind haben von uns nichts zu befürchten. Wir sind hergekommen, um Euch zu helfen. Nachdem die Räuber geflohen sind, werden sich unsere Wege nun wieder trennen.“

„Es tut Maria wirklich leid“, beteuerte die junge Lady erneut. „Lasst uns bitte nicht allein zurück. Ich glaube, wir haben ein Stück gemeinsamen Weges vor uns, und wie Ihr sehen konntet, sind wir nicht in der Lage, für unseren Schutz zu sorgen.“

„Es war dumm von Euch, eine so kleine Eskorte mitzunehmen, Kind“, rügte er, da er sie tatsächlich noch für eines hielt.

Sie hob den Kopf, in ihren Augen blitzte Stolz auf. „Ich bin kein Kind, sondern Lady Katherine of Grunwald, und leider blieb mir keine andere Wahl. Vor wenigen Tagen wurde mein Vater von Räubern getötet. Mit ihm starben die meisten seiner Männer. Maria und ich sind dem Angriff nur entgangen, da wir noch angehalten hatten, um in einem Dorf Speisen zu kaufen.“ Sie unterdrückte ein Schluchzen, und er bemerkte, wie sie gegen ihre Tränen ankämpfte. „Dies sind die letzten Männer meines Vaters, die überlebt haben.“

Alain sah sich um. Die Männer waren alt und während eines Kampfes kaum von Nutzen. Ihm entging der flehende Ausdruck in ihren Augen nicht, und ihm wurde bewusst, in welch bedrohlicher Lage sie sich befand. Die Räuber, die sie eben vertrieben hatten, waren nicht die Einzigen, die auf dieser einsamen Straße Reisenden auflauerten. Er konnte diese Frau nicht ihrem Schicksal überlassen.

„Ich bedauere Euren Verlust, Mylady. Ihr kehrt nach Hause zurück? Darf ich fragen, wo das ist?“

„In Frankreich, Sir. Genau genommen ist es das Heim meines Onkels Baron Grunwald. Mein Vater befahl mir, mich auf den Weg dorthin zu machen, sollte ihm selbst etwas zustoßen.“ Diesmal konnte sie den Schluchzer nicht zurückhalten. „Er war ein Gelehrter, Sir. Die letzten sieben Jahre über waren wir auf einer Pilgerreise ins Heilige Land, wo mein Vater die Geburtsstätte unseres Herrn sehen wollte. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie mühselig diese Reise werden würde.“

„Es war nicht klug von ihm, ein so junges Mädchen auf diese Reise mitzunehmen“, stellte er fest und registrierte sofort ihre missbilligende Miene. „Aber natürlich kenne ich seine Gründe dafür nicht. Womöglich hatte er auch einfach keine andere Wahl.“

Katherine sah ihm in die Augen. „Meine Mutter starb, bevor wir unsere Pilgerreise antraten, Sir. Seitdem hatte sich mein Vater in vieler Hinsicht auf mich verlassen. Ich bin siebzehn Jahre alt, also nicht ganz so jung, nicht wahr?“

Alain konnte sich ein gut gelauntes Lächeln nicht verkneifen, als er merkte, dass er sie in ihrem Stolz getroffen hatte. „Tatsächlich nicht, Mylady. Ich hatte Euch für höchstens vierzehn gehalten. Bitte verzeiht, wenn ich Euch beleidigt haben sollte.“

Katherine schaute beinahe verlegen drein. „Nein, Ihr habt mich nicht beleidigt. Doch mein Vater hat mir beigebracht, dass es immer das Beste ist, zu sagen, was man denkt.“

„Das klingt, als wäre Euer Vater ein guter Mann gewesen, Mylady. Daher bitte ich nochmals um Verzeihung. Ihr habt viel verloren.“

Er verspürte den Wunsch, sie zu beschützen. Sie war allein in einem fremden Land unterwegs, verfügte nur über wenig Geld, und es war niemand da, der ihr ernsthaft Schutz geben konnte.

„Vielen Dank. Mein Vater fehlt mir sehr.“

„Das verstehe ich gut“, antwortete er mitfühlend und musste mit Wehmut an seine eigene, glückliche Kindheit auf Banewulf denken. „Ich habe meine Familie seit acht Jahren nicht mehr gesehen. Manchmal frage ich mich, ob man mich inzwischen wohl vergessen hat.“

„Wart Ihr mit König Richard ins Heilige Land gezogen?“, fragte sie.

„Ja, das ist richtig“, bestätigte er. „Wir haben vor vielen Monaten seine Erlaubnis erhalten heimzukehren, aber wir haben erst noch einige Zeit in diesem Land der Wärme und des Überflusses verbracht. Doch jetzt sind wir auf dem Weg zur Küste, um ein Schiff zu finden, das uns nach Frankreich oder mit sehr großem Glück sogar nach England bringt.“

„Wir sind ebenfalls unterwegs nach Rom, um dort hoffentlich ein Schiff zu finden.“ Sie musterte ihn mit ernster Miene. „Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass Ihr mir das Leben gerettet habt, Sir. Auch weiß ich Euren Namen nicht.“

„Ich bin Sir Alain de Banewulf, und dies ist Sir Bryne of Wickham. Wir sind wie Brüder, und unsere Männer kämpfen wie ein Mann. So sind wir oft schon rein zahlenmäßig überlegen.“

Katherine knickste vor ihm und Sir Bryne, wobei ihre guten Manieren nicht recht zur minderen Qualität ihres Kleides passen wollten. Eindeutig war sie von besserer Herkunft, sah aber nicht so wohlhabend aus, wie man es von der Tochter eines Edelmanns erwartete.

„Ich danke Euch für Eure Güte, uns zu Hilfe zu eilen, gütige Ritter, und bitte Euch, uns zu gestatten, uns Eurer Gruppe anzuschließen. Wir werden Euch nicht aufhalten, das versichere ich. Außerdem haben wir Geld, um für Eure Dienste zu bezahlen.“

Dass sie genügend Geld für ihre Reise besaßen, konnte Alain anhand der Größe der Beule, die sich an seinem Hinterkopf bildete, bestätigen. Er tastete immer wieder vorsichtig danach und betrachtete die junge Frau und den Drachen von einer Begleiterin. Auch wenn sie versprach, sie nicht aufzuhalten, würde es zwangsläufig dazu kommen, weil sie öfter anhalten mussten, um die Frauen ausruhen zu lassen. Dennoch konnten weder er noch Bryne die Frauen den Wegelagerern überlassen.

Als Ritter hatten sie geschworen, jede Frau zu beschützen, die sich in einer Notlage befand. Außerdem hätte ihr Ehrgefühl sie gar nicht anders handeln lassen.

Zahlreiche Gesetzlose zogen zu Banden zusammengeschlossen durch die Gebiete, durch die sie auf ihrem Weg reisen mussten. Manche von ihnen waren Männer, die sich mit hehren Zielen vor Augen den Kreuzzügen angeschlossen hatten und dann ihrer Träume beraubt worden waren. Krankheiten und Verletzungen hatten viele Leben gefordert, Hoffnung hatte es nur für die gegeben, die das Glück hatten, von den Johannitern behandelt zu werden – so wie er selbst, als ihm mit einem Schwert eine Schnittwunde am Arm zugefügt worden war.

Alain hatte den bitteren Geschmack der Niederlage selbst erfahren müssen, als König Richard gezwungen gewesen war, den Kampf um Jerusalem aufzugeben. Er konnte verstehen, warum mancher Mann sich als Wegelagerer versuchte, statt heimzukehren. Er war vermögend und hatte einen guten Posten, und wenn Gott gnädig gestimmt war, würde seine Familie ihn willkommen heißen. Aber viele andere konnten nur Erinnerungen nach Hause bringen, von denen sie in ihren Träumen heimgesucht wurden.

Bei Akkon hatte König Richard jedem Mann Gold geboten, der mutig genug war, unter Feindbeschuss die Steine des Turms wegzuschaffen. Viele hatten sich freiwillig gemeldet, und letztlich hatte dieser Todesmut dazu geführt, dass sie die Stadt hatten einnehmen können, während viele andere gescheitert waren. Jedoch bestand der Preis dafür aus einer schrecklich hohen Anzahl an Opfern. Manche der Überlebenden waren danach auf einfachere Methoden verfallen, an Gold zu kommen – indem sie unvorsichtige Reisende ausraubten. Die Welt, in der sie lebten, war hart und unerbittlich, und es wäre eine Sünde gewesen, diese Lady ihrem Schicksal zu überlassen.

„Wir benötigen keine Bezahlung“, ließ Alain die junge Frau wissen, die ihn aus ihren großen ernst dreinblickenden Augen beobachtete. Eine dunkle lockige Haarsträhne war ihrem Kopftuch entkommen, als sie mit den Schurken gerungen hatte. „Weder Bryne noch ich könnten es zulassen, dass Ihr ohne angemessene Eskorte weiterreist, Mylady. Es wird uns eine Ehre sein, Euch sicher zu Eurem Schiff zu geleiten.“

„Ihr seid ein wahrhaft ehrbarer Ritter, Sir“, erwiderte Katherine, deren Herz ungewöhnlich schnell zu schlagen begann, als sie ihm in die unglaublich blauen Augen sah. „Maria und ich danken Euch für Eure Güte.“ Sie schaute ihre Gefährtin auffordernd an. „Bedank dich bei ihnen, Maria.“

Maria murmelte etwas Unverständliches, doch ihre Augen verrieten, dass sie noch unschlüssig war, ob sie diesem Mann trauen konnte.

„Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Mylady.“ Alain verbeugte sich vor Katherine und warf Maria einen spöttischen Blick zu, woraufhin sich deren Miene weiter verfinsterte. „Wenn die Damen uns dann entschuldigen würden? Ich muss mich vergewissern, dass keiner meiner Männer ernsthafte Verletzungen davongetragen hat.“

Er drehte sich um und gesellte sich zu Bryne. „Bevor du irgendetwas sagst, mein Freund – was hätte ich denn sonst tun sollen? Sie und dieser Drache werden uns zwar zweifellos mehr Ärger machen, als sie es wert sein können. Dennoch konnten wir sie hier nicht zurücklassen.“

„Ihr Vater hätte sie niemals auf seine Reise mitnehmen dürfen, wenn er nicht in der Lage war, sie zu beschützen.“

„Ich bin ganz deiner Meinung, Bryne. Die Reise ins Heilige Land ist nichts für eine junge Frau, auch wenn es bereits Frauen gab, die sie gemeistert haben, zum Beispiel Richards Königin. Aber sie hatte auch Englands ganze Macht hinter sich, die sie und ihre Gefolgschaft beschützt hat. Doch eine Frau, der Gefahr droht, können wir nicht einfach ignorieren. Es wäre unritterlich von uns, sie einfach ihres Weges ziehen zu lassen.“

„Völlig richtig“, bekräftigte Bryne, verzog dann jedoch den Mund. „Allerdings sagt mir mein Gefühl, dass sie uns noch Probleme bereiten wird.“

„Das Kind oder der Drache an seiner Seite?“

Bryne musste lachen. Trotz der Jahre im Krieg mit all seinen Entbehrungen hatte Alain sich seinen Sinn für Humor bewahrt. Er war nicht länger der hübsche Bursche, sondern ein ganzer Mann, der für seine Furchtlosigkeit in der Schlacht bewundert und respektiert wurde. Nicht einmal sein Bruder, der große Ritter Sir Stefan de Banewulf, wurde mehr verehrt.

„Ich rede von Lady Katherine, Alain. Täusche dich nicht. Katherine of Grunwald ist kein Kind. Sie mag klein und zierlich sein, aber sie hat den Verstand und das Herz einer erwachsenen Frau.“

„Du sagst das, als würde es dir missfallen.“ Alain zog die Augenbrauen hoch.

„Etwas an ihr bereitet mir Sorgen“, gestand Bryne ihm. „Ich weiß nicht, ob ich ihre Geschichte glauben soll.“

„Warum sollte sie lügen? Und was sollte sie uns verschweigen wollen?“

„Das weiß ich nicht, aber ich könnte schwören, dass sie uns nicht alles gesagt hat – und dass sie uns eher Ärger bescheren wird, als es uns lieb sein kann.“

„Du bist zu argwöhnisch“, tat Alain die Worte seines Freundes ab. „Sie ist bloß ein unschuldiges Kind.“

„Du machst dir zu viele Gedanken“, sagte Katherine zu ihrer Begleiterin, als sie wieder allein waren. Sie lächelte Maria an, die in den vergangenen Jahren für sie eine gute Freundin gewesen war, die sie getröstet und die ihr unerschütterlichen Rückhalt gegeben hatte. Ohne Maria hätte sie diese mehr als sieben Jahre währenden Entbehrungen nicht Tag für Tag ertragen können. „Warum sollten sie irgendetwas vermuten? Außerdem habe ich sie nicht angelogen, sondern nur nicht die ganze Wahrheit gesagt.“

„Und wenn sie die herausfinden?“, fragte Maria und sah sie ängstlich an. Manchmal war Mylady einfach zu sorglos. „Ihr müsst vorsichtig sein, meine Liebe.“

„Wie soll irgendjemand etwas wissen? Mein Vater hat sein Geheimnis nur mir anvertraut, und dir habe ich nur einen Teil davon enthüllt. Keiner von uns wird diesen Männern etwas verraten wollen.“

Maria schüttelte den Kopf. „Noch jemand weiß Bescheid. Der Baron wurde wegen dieses Geheimnisses getötet. Wenn es stimmt, was er glaubte, so tragt Ihr einen wertvollen Schatz bei Euch, Katherine. Einen Schatz, für den manche zu morden gewillt sind. Und diese Männer stellen keine Ausnahme dar.“

Katherine kniff nachdenklich die Augen zusammen. „Ich glaube nicht, dass Sir Alain aus Habgier töten würde. Ich mag ihn und vertraue ihm. Auch Sir Bryne scheint mir vertrauenswürdig zu sein.“

„Männer sind das Vertrauen selten wert, das Frauen ihnen entgegenbringen“, grummelte Maria. „Seid vorsichtig, meine Taube. Ihr wisst, nur Euer Wohl liegt mir am Herzen.“

„Ja, das weiß ich, Maria“, erwiderte Katherine und reagierte mit einem seltenen Lächeln, das ihr Gesicht erstrahlen ließ.

Sie war kein hübsches Mädchen. Sogar der geliebte Vater hatte nie so getan, als sei sie eine auffällige Schönheit, denn dafür war ihr Erscheinungsbild viel zu schlicht und unauffällig. Doch wenn sie lächelte, dann berührte sie damit die Herzen der meisten Menschen. Ihre Herzensgüte und ihre Großzügigkeit waren Teil ihres Wesens und machten sie bei allen beliebt, die sie wirklich kannten. Sie besaß einen scharfen Verstand und eine gute Bildung, da ihr Vater sie so erzogen hatte wie den Sohn, den er nie gehabt hatte. Tatsächlich gab es Momente, in denen sie eine engelsgleiche Reinheit ausstrahlte. Doch mit ihrer Unschuld und Güte ging auch ein schelmischer Zug einher.

„Du wirst nie heiraten, Katherine“, hatte ihr Vater einmal zu ihr gesagt. „Wenn ich nicht auf einen großen Schatz stoße, werde ich dir nicht die Mitgift geben können, die du verdienst.“

„Du meinst wohl, ich bin zu gewöhnlich, um einen Ehemann zu bekommen, weil die Mitgift nicht reicht, um ihn zu bestechen?“ Ihre Augen hatten dabei amüsiert gefunkelt, da sie sich keine Illusionen machte, was ihr Aussehen anging. „Hoffst du, jemanden bezahlen zu können, damit du mich loswirst? Schäm dich, Vater!“ Seinen anschließenden Protest hatte sie mit einem Lachen zum Verstummen gebracht. „Nein, nein, ich weiß doch, dass du mich liebst und nur das Beste für mich willst. Keine Angst, mein lieber Vater. Warum sollte ich einen Ehemann wollen, wenn ich doch dich habe?“

„Du weißt, ich liebe dich von ganzem Herzen“, hatte er erwidert und dabei liebevoll ihre Wange getätschelt. „Aber du ähnelst mir zu sehr, Kate. Wärst du mehr wie deine Mutter …“

Sie hatte den Schmerz in seinen Augen gesehen, als er den Satz mit einem Seufzer abbrach. Seine Worte bestürzten sie nicht, wie es bei anderen jungen Frauen der Fall gewesen wäre. Voller Liebe und Bedauern erinnerte sie sich an ihre wunderschöne Mutter, mit deren Aussehen und Sanftheit sie es in der Tat nie würde aufnehmen können.

Lady Helena of Grunwald war eine blonde Schönheit mit tiefblauen Augen und makelloser Haut gewesen. Katherine dagegen war so dunkelhaarig wie ihr Vater, ihre Augen waren dunkelbraun und zugleich das Beste an ihrem Aussehen, vor allem wenn ein Lachen tief in ihnen funkelte, was bis zum überraschenden Tod des Vaters oft der Fall gewesen war.

Einmal hatte Katherine sich in einem Spiegel aus poliertem Silber betrachten können und dabei feststellen müssen, wie gewöhnlich sie aussah. Sie war nicht gerade hässlich, war ihr Gesicht doch nicht missgestaltet, aber sie war einfach nur unscheinbar. Ihre kleine Stupsnase war zu kurz und etwas nach oben gebogen, weit entfernt von jener Schönheit, für die sie gerade, makellose Nasen so bewunderte. Königin Berengaria hatte eine solche vollkommene Nase. Sie hatte es selbst sehen können, als sie König Richard und seiner Königin einmal auf Zypern begegnet war, nur wenige Monate vor dem Triumph bei Akkon.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an die Verwundeten dachte, die sie wenig später bei Akkon angetroffen hatte. Soldaten lagen hilflos in ihrem eigenen Blut, das aus klaffenden Wunden strömte. Überall lagen zerfetzte Körper oder Männer mit zerschmetterten Gliedmaßen. Und manchmal hatte sie auch Frauen und Kinder gesehen, denen schmerzhafte, todbringende Wunden zugefügt worden waren, als sie ihren Liebsten hatten helfen wollen. Ein Bild von unschuldigen Männern und Frauen, die auf offener Straße niedergemetzelt wurden, hatte sich so in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie lange nach dem Tod dieser Menschen immer noch unter Albträumen gelitten hatte.

Maria, Baron Grunwald und Katherine hatten unermüdlich gearbeitet, um den Verletzten zu helfen. Erst nach der Eroberung von Akkon, als der König bereits in Richtung Jerusalem aufgebrochen war, hatten auch sie ihre letzte schicksalhafte Reise begonnen.

Baron Grunwald war entschlossen, irgendeinen sagenhaften Schatz zu entdecken. Im Heiligen Land wurden zahlreiche Reliquien zum Kauf angeboten, von denen er die meisten für Fälschungen hielt. Daher hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, etwas viel Wertvolleres aufzuspüren. Zu diesem Zweck hatte er monatelang alte Schriften und Karten studiert und sich sogar mit Hieroglyphen auf Steintafeln befasst, auf die er gestoßen war, wenn er mit Kaufleuten verhandelte und auf Märkten stöberte.

Katherine hatte nie daran geglaubt, dass seine Suche von Erfolg gekrönt werden könnte. Doch dann war er durch Zufall auf etwas so Wunderbares und Prachtvolles gestoßen, dass seine Begeisterung keine Grenzen mehr gekannt hatte.

„Wir werden ein Vermögen machen, Tochter“, sagte er eines Morgens zu ihr, als sie allein in dem Pavillon waren, den sie beide teilten. Es war ein großer Pavillon, von dem man die Schlafstätten abteilen konnte. Sie beide hielten sich im vorderen Bereich auf, in dem man sich die Zeit vertrieb und speiste, wenn der Tag zu heiß war, um sich nach draußen zu begeben.

„Es ist ein Schatz, den jeder Prinz der Christenheit begehren wird. Er ist beinahe unbezahlbar.“

Katherine kam es so vor, als hätte sie etwas vor dem Pavillon gehört, doch als sie nachsah, war dort niemand zu sehen. Anfangs teilte sie die Freude ihres Vaters, aber je mehr er ihr darüber erzählte, umso deutlicher spürte sie eine seltsame Kälte im Nacken. Als er zum Abschluss enthüllte, was genau er gefunden hatte, da fragte sie: „Doch haben wir das Recht, diesen Gegenstand zu verkaufen? Es ist eine heilige Reliquie, die der Kirche zurückgegeben werden sollte.“

„Du bringst mich in Verlegenheit, Tochter“, entgegnete er daraufhin. „Mein erster Gedanke galt dem Wert, doch du erinnerst mich daran, wie würdelos Habsucht ist. Ich hatte dabei an dich gedacht, Kate. Du hättest eine großartige Mitgift gehabt, und ich wäre in der Lage gewesen, Grunwald wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen.“

„Vielleicht findest du noch einen anderen Schatz, Vater, der für unseren Glauben weniger bedeutsam ist.“ Katherine wünschte fast, sie hätte nie den Mund aufgemacht, da er mit einem Mal so enttäuscht dreinblickte. Sie wusste, das Gold hätte ihm seine verbleibenden Jahre leichter gemacht. „Ich möchte nicht, dass du etwas Unwürdiges tust, was du womöglich später bereust. Was mich angeht, so möchte ich gar keine große Mitgift haben. Sollte ich jemals heiraten, dann einen Mann, der mich um meiner selbst willen heiratet und nicht wegen meines Vermögens.“

„Deine Mutter hätte ein Vermögen besitzen sollen, aber sie war von ihrem Bruder darum betrogen worden“, erzählte der Baron und seufzte leise. „Ich habe sie geheiratet, weil ich sie liebte, Kate, doch das Geld hätte den schleichenden Verfall unseres Heims verhindern können.“

Katherine schüttelte seufzend den Kopf, als sie das von ihrem Vater hörte. Es war ein Bedauern, das er schon seit Jahren mit sich herumtrug.

„Aber du hast recht, meine Tochter. Kein Mann hat das Recht, einen solchen Gegenstand zu verkaufen. Es ist mir eine besondere Ehre, ihn zu behüten, bis ich ihn demjenigen übergeben kann, der am besten geeignet ist, ihn zu bewachen.“

Zwar hatte Katherines Vater seine Habgier überwunden, doch würde er schon bald teuer für die Einsicht bezahlen, dass andere nicht gewillt waren, die Unverkäuflichkeit seines Schatzes zu akzeptieren.

Sie hatte nie herausgefunden, wie Baron Hubert of Ravenshurst von dem überaus wertvollen Schatz im Besitz ihres Vaters erfahren konnte. Als sie die lange Heimreise antraten, fiel ihnen auf, dass man sie verfolgte.

Zunächst hatte Baron Grunwald nicht glauben wollen, dass jemand davon wusste, dass er hinter das Geheimnis gekommen war, nach dem die Menschheit seit der Kreuzigung von Jesus Christus gesucht hatte. „Ich habe ausschließlich mit dir darüber geredet, Kate. Und du hättest außerhalb dieses Zeltes sicherlich keinen Ton verlauten lassen.“

„So etwas würde ich niemals tun, Vater, das weißt du. Aber es sind nun einmal die Männer von Lord Hubert, die uns seit Zypern verfolgen.“

„Er kann es nicht wissen“, beharrte Katherine. Tatsächlich war es für den englischen Ritter unmöglich zu wissen, was sie bei sich hatten. Dennoch gab es keinen Zweifel daran, dass er ihnen gefolgt war, sobald sie in See stachen. Und nun, nach ihrer Ankunft in Italien, waren die Männer des Barons ihnen schon wieder auf den Fersen, auch wenn sie dabei großen Abstand wahrten. „Das ist unmöglich, Kate. Wir deuten etwas in ihr Verhalten hinein, das nur dem Zufall geschuldet sein kann.“

Doch schon am nächsten Morgen erhielten sie Besuch von Hubert of Ravenshurst. Anfangs verhielt er sich höflich und bot ihrem Vater an, den Schatz für eine beträchtliche Menge Gold zu kaufen. Hätten sie akzeptiert, wären sie nun reich gewesen. Doch Katherines Vater hatte geleugnet, etwas über den Gegenstand zu wissen, auf den es der englische Ritter abgesehen hatte.

„Es ist besser, sich unwissend zu stellen“, sagte er zu seiner Tochter, nachdem der Besucher gegangen war. Lord Hubert hatte zwar keine Drohung ausgesprochen, doch ihm war anzumerken, wie wütend ihn die Zurückweisung gemacht hatte. „Denk immer daran, falls du einmal die Hüterin unseres Schatzes werden solltest, Kate.“

„Wie meinst du das?“, fragte Katherine erschrocken. „Du hütest ihn doch, Vater.“

„Sollte mir etwas zustoßen, dann musst du zu deinem Onkel reisen. Du weißt, dass er während meiner Abwesenheit der Verwalter von Grunwald ist, und sollte ich sterben, geht das Eigentum ganz rechtmäßig auf ihn über. Du wirst nichts erben, Kate, aber er wird dich mir zuliebe bei sich aufnehmen. Außerdem gibt es sonst niemanden, dem du vertrauen kannst.“

„Ich bitte dich, sprich nicht vom Sterben! Lieber wäre es mir, du würdest Lord von Ravenshurst den Schatz überlassen.“

„Niemals!“ In seinen Augen funkelte eine völlig ungewohnte Wut. „Lieber sterbe ich, als diesem Teufel etwas so Kostbares zu überlassen, Kate! Seine bloße Berührung würde den Schatz verderben. Nein, er muss der Kirche übergeben werden, so wie du gesagt hast, damit jeder ihn sehen und verehren kann.“

„Oh, Vater …“ Hilflos blickte sie ihn an. Ließ ihn etwa der Stolz so dumme Dinge sagen?

Sie wünschte, sie hätte länger auf ihn eingeredet. Ursprünglich war sie gegen einen Verkauf seines Fundes gewesen, doch als ihr nun deutlich wurde, welche Bedrohung der Fund für ihren Vater bedeutete, hätte sie alles getan, um diesen Gegenstand endlich loszuwerden.

Alles, außer ihm wehzutun.

Inzwischen wünschte sie, sie hätte den Schatz in den Fluss geworfen, doch dafür war es jetzt zu spät. Ihr Vater war tot, die Last der Verantwortung war auf sie übergegangen. Eine Last stellte sie tatsächlich dar, und Katherine wusste, dass sie diese nicht ohne Weiteres aufgeben konnte. Als er ihr den Schatz übergab, hatte ihr Vater sie versprechen lassen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um dieses Kleinod an einen sicheren Ort zu bringen. Sie musste so weitermachen, wie er es sich gewünscht hatte, ganz gleich, wie sie sich dabei fühlte.

Maria wusste nur, dass sie etwas sehr Wertvolles bei sich trug. Katherine konnte ihr nicht die ganze Wahrheit aufbürden. Hätte sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, hätte sie sich dieses Gegenstands womöglich entledigt, da er ihr durch den Tod ihres Vaters verhasst war. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie etwas so Schändliches nicht tun konnte.

Was sie bei sich trug, gehörte der gesamten Christenheit. Es musste in einer großen Kirche gezeigt werden, an einem Ort, der der Bedeutung würdig war. Einem Ort, an dem der Gegenstand von jenen gesehen und geschätzt werden konnte, die ihn am nötigsten hatten. Ihr Vater hatte davon gesprochen, sich an den Papst persönlich zu wenden. Sie waren so dicht davor gewesen, ihren Plan zu verwirklichen, doch nun war ihr Vater tot, und sie glaubte nicht, dass der Papst sie anhören würde. Man würde ihr wahrscheinlich gar nicht erst eine Audienz gewähren. Dennoch würde sie ihr Geheimnis mit keinem anderen teilen, denn selbst unter Geistlichen und Kardinälen herrschten Habgier und Bestechung.

Ihr Vater hatte sie gebeten, nach Frankreich zurückzukehren, sollte ihm etwas zustoßen. Sorgengeplagt wie sie war, sah auch sie das als die Lösung ihres Problems an, und folglich musste sie den Heiligen Schatz irgendwie nach Frankreich bringen. Wenn sie es erst einmal bis zu ihrem Onkel geschafft hatte, würde sie in Ruhe darüber nachdenken können, was mit diesem kostbaren Stück geschehen sollte. Jetzt war ihr Onkel der neue Baron Grunwald. Bestimmt wüsste er Rat, wie sie weiter vorgehen sollten.

Eines stand fest: Zunächst einmal musste sie den Kelch in Sicherheit bringen, danach konnte sie über ihre eigene Zukunft immer noch in Ruhe nachdenken.

Katherines Gedanken kehrten zu dem Ritter mit den fröhlich funkelnden blauen Augen zurück. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Herz zu rasen begonnen hatte, als er die Augen aufschlug und sie anblickte. Wie hübsch dieser Mann doch anzusehen war! Kein Mann vor ihm hatte je solche Gefühle bei ihr ausgelöst, und dennoch musste sie über ihre eigene Dummheit lächeln. Es wäre eine Albernheit, von diesem Mann zu träumen. Er hatte sie für ein Kind gehalten, was sie schon seit Jahren nicht mehr war – nicht seit jener verheerenden Nacht in Akkon, in der sie hatte mitansehen müssen, wie man ihre Freunde aus deren Häusern gejagt und auf offener Straße umgebracht hatte.

Ihr Vater meinte dazu, dass solche Dinge im Krieg geschähen, weil selbst die anständigsten Menschen alles um sich herum vergessen konnten, wenn erst einmal die Lust auf Blut in ihnen geweckt worden war. Das, was die Ritter an jenem Tag getan hatten, war Teil des Krieges, das wusste sie. Und doch hatte das Erlebte sie in ihren Träumen über Monate hinweg verfolgt und selbst heute war sie noch nicht völlig frei von diesen Erinnerungen.

Gerade wegen dieses Erlebnisses erfüllte es sie mit leichtem Unbehagen, dem Ritter ihre ganze Geschichte zu erzählen. Auch wenn er so mutig herbeigeeilt war, um sie zu retten. Dafür war sie ihm dankbar, doch sie konnte ihm einfach nicht die ganze Wahrheit anvertrauen. Etwas so Bedeutsames und Wertvolles, wie sie es bei sich hatte, konnte auch den ehrbarsten Mann für einen Moment all seine Ehre vergessen lassen.

2. KAPITEL

Alain fühlte sich merkwürdig rastlos, als er bei Tagesanbruch aufwachte. Er hatte schlecht geschlafen, wohl auch, weil er und Bryne tags zuvor bemerkt hatten, dass man sie verfolgte. Gesehen hatten sie aber in weiter Ferne nur kurz einen Reiter mit seinem Pferd, ansonsten hatten die heimlichen Beobachter, die irgendwo lauerten, keine Anstalten gemacht, sich ihnen zu nähern. Wer mochten die Verfolger sein? Und – was noch wichtiger war – was wollten sie von ihnen?

Am Abend zuvor hatten sie für ihr Nachtlager einen Platz nahe einem Fluss gewählt. In Gedanken versunken ging Alain nun zu einem abgeschiedenen Bereich am Ufer, wo er ein Bad nehmen wollte. Das kühle Wasser würde nicht nur seinen Körper von allem Schmutz befreien, sondern ihm auch einen klaren Kopf verschaffen. Er badete häufiger, als es in England üblich war, da er sich diese Angewohnheit bei arabischen Freunden in Palästina angewöhnt hatte. Trotz seines Wunsches, die Heilige Stadt von Saladin zu befreien, hatte er feststellen müssen, dass es möglich war, sich mit Männern aller Glaubensrichtungen und von jeglicher Herkunft anzufreunden. Er hatte die arabische Kultur mit ihren Vorstellungen von Frieden und Bildung als angenehm empfunden und konnte sich sogar vorstellen, dort dauerhaft ein glückliches Leben zu führen. Hätte ihm nicht sein eigener starker Glaube dabei im Weg gestanden.

Aus unerfindlichen Gründen plagte ihn an diesem Morgen das Gefühl, nicht er selbst zu sein, während er sich streckte und versuchte, die Schmerzen von der Nacht auf dem harten Untergrund zu vertreiben. Vielleicht würde ja das Bad die Anspannung beseitigen, die sich in ihm aufgestaut hatte. In letzter Zeit wurde er den Eindruck nicht los, dass etwas in seinem Leben fehlte und es deshalb keinem Zweck zu dienen schien.

„Du bist ein Narr, Alain de Banewulf“, schalt er sich und lächelte ironisch. „Was erwartest du bloß vom Leben? Warum kannst du nie zufrieden sein?“

Die Antwort darauf wusste er bis heute nicht, so wie es schon seit Jahren der Fall war. Es schien ihm, als sei er auf der Suche nach etwas, das er nie bekommen konnte, einem Gefühl von Erfüllung und Frieden.

Am Ufer angekommen legte er seine Kleidung ab und sprang in den Fluss, tauchte unter, kam nach Luft schnappend wieder hoch und stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Das Wasser war kalt, aber wohltuend. Wie schön es doch war, sich jung und lebendig zu fühlen! Seine Laune hatte sich mit einem Mal deutlich gebessert, und er war froh, sich diesen Moment des Alleinseins gegönnt zu haben.

Mit kraftvollen Zügen schwamm er ans gegenüberliegende Ufer. Dort drehte er sich auf den Rücken und ließ sich auf dem Wasser treiben, um darüber nachzudenken, was ihm in der Nacht durch den Kopf gegangen war. Was hatte Lady Katherine of Grunwald wirklich im Sinn? Welches Geheimnis verbarg sie? Er hatte Bryne zunächst für allzu misstrauisch gehalten, musste aber nach zwei Tagen in der Gesellschaft dieser Frau seine Meinung ändern. Da war etwas, das sie unbedingt für sich behalten wollte. Nur was?

Ein Stück flussabwärts war ein lautes Platschen zu hören, gefolgt von Gelächter. Offenbar genoss da jemand das Wasser genauso sehr wie er selbst. Er konnte Stimmen hören, die sich etwas zuriefen – die von Lady Katherine und ihrem Drachen, wenn er sich nicht irrte. Sie mussten sich gleich hinter der Flussbiegung befinden, aber ein Baum verwehrte ihm die Sicht.

„Ihr solltet das Risiko nicht eingehen, Mylady.“

„Hier bin ich in Sicherheit, Maria. Sir Alain ist ein ehrbarer Ritter, und seine Männer würden es nicht wagen, ihn zu verärgern. Außerdem habe ich mich so schmutzig gefühlt, ich musste ein Bad nehmen.“

„Nun, Ihr seid hier auch gut geschützt, wenn ich auf Euch aufpasse. Ich würde jeden Mann umbringen, der es wagen sollte, Euch heimlich zu beobachten.“

Alain musste grinsen, als er diese energischen Worte hörte. Diesem Drachen würde er alles zutrauen, schließlich hatte ihm sein Kopf noch Stunden nachdem sie ihn geschlagen hatte wehgetan.

Um die beiden nicht unnötig zu erschrecken, schwamm er vorsichtig zurück, kletterte an Land und zog sich rasch an, da die Morgenluft noch sehr frisch war. Eben zurrte er den Gürtel fest, an dem sein Schwert hing, da hörte er einen Schrei.

Katherine war in Schwierigkeiten! Er rannte in die Richtung los, aus der der Schrei gekommen war, blieb aber nach wenigen Schritten stehen, da sich ihm ein völlig unerwartetes Bild bot: Eine Frau setzte sich gegen zwei Angreifer zur Wehr, doch diese Frau war nicht Katherine. Sie war größer, älter, kurviger und sehr schön. Langes blondes Haar floss ihren Rücken hinab.

Alain verlor keine Zeit mit Nachdenken. Er zog sein Schwert und stieß einen wütenden Schrei aus, bei dem schon Saladins Krieger eine Gänsehaut bekommen hatten. Als er sich näherte, sahen ihn die Männer voller Entsetzen an, ließen von der Frau ab und rannten davon. Sobald sie eine Gruppe von drei Pferden erreicht hatten, griffen sie nach den Zügeln von zweien der Tiere, saßen auf und ritten mitten in den dichten Wald hinein.

Die Frau bemerkte Alain, schrie auf und sank ohnmächtig zu Boden. Er steckte sein Schwert weg, kniete neben ihr nieder und drückte ein Ohr auf ihre Brust, um ihren Herzschlag hören zu können. Gott sei Dank lebte sie noch! Gerade als ihre Augenlider zu flattern begannen, bekam Alain von hinten einen Schlag verpasst, der ihn zur Seite schleuderte. Einige Augenblicke lang lag er benommen da, dann drehte er sich um und entdeckte Maria, die sich über ihm aufgebaut hatte, in einer Hand den Beutel mit Münzen haltend.

„Ihr solltet Euch schämen, eine Dame so zu behandeln!“, herrschte sie ihn zornig an.

„Ihr habt mich schon wieder geschlagen!“, sagte Alain und richtete sich auf. „Verdammt sollt Ihr sein, Frau! Ihr setzt Eure Waffe viel zu voreilig ein. Ich wollte lediglich feststellen, ob die Dame überhaupt noch atmet!“

Die Schönheit hatte sich aufgesetzt und sah Maria missbilligend an, die vollen roten Lippen hatte sie zum Schmollmund verzogen. „Dummes Weib!“, rief sie aufgebracht. „Dieser tapfere Ritter hat mich vor Schurken bewahrt, die mich entführen wollten! Du hättest ihn beinahe umgebracht!“

„Nein, so schlimm war es auch wieder nicht“, warf Alain ein, den die Feindseligkeit zwischen den beiden Frauen aus irgendeinem Grund amüsierte. Maria schaute so wütend drein, dass sie selbst einem Toten noch Angst hätte machen können. Der Gesichtsausdruck der anderen Frau dagegen war … verwirrend. Er hätte schwören können, dass sie so dreinschaute, weil jemand irgendeinen ihrer Pläne durchkreuzt hatte.

Er stand wieder auf und bot der eben noch bedrängten Dame die Hand an. „Ihr müsst ihr verzeihen. Maria dachte, sie würde Euch vor meinen schändlichen Absichten bewahren. War es nicht so, Maria?“

Der Drache warf ihm nur einem finsteren Blick zu, während die Schönheit nach der angebotenen Hand fasste und sich von Alain hochhelfen ließ. Sie stand noch ein wenig unsicher da und seufzte leise. Einen Moment lang schwankte sie leicht, als würde sie erneut ohnmächtig werden, doch dann lächelte sie ihn an und es verschlug ihm den Atem.

Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein solches Lächeln oder solche Augen gesehen zu haben, so tiefblau, fast schon violett. Ihn überkam das flüchtige, aber dringende Verlangen, mit dieser Frau das Bett zu teilen.

„Ich bin Lady Celestine de Charlemagne“, sagte sie. Ihre Finger zitterten leicht in seiner Hand. „Mein Ehemann war Baron de Charlemagne …“ Ein tiefer Seufzer entstieg ihrer Kehle, eine einzelne Träne entwischte ihrem Augenwinkel. „Er kam bei Akkon ums Leben, so wie viele seiner Leute. Ich bin in großen Schwierigkeiten, Sir, denn ich habe niemanden, der mich beschützt. Ich habe zwar Familie, die mich aufnehmen kann, aber dafür müsste ich erst nach Frankreich zurückkehren.“

„Celestine? Bist du das wirklich?“

Alain drehte den Kopf, als hinter ihm eine weitere Stimme erklang, und sah, dass sich Katherine zu ihnen gesellte. Ihm entging nicht, dass ihre Haare genauso nass waren wie ihr Unterkleid, das dadurch wie eine zweite Haut anlag und die aufblühenden Kurven ihres noch jungen Körpers deutlich erkennen ließ. Zum ersten Mal nahm er sie als Frau wahr. Ihr Blick galt jedoch der Lady of Charlemagne und verriet, wie wenig sie über die Anwesenheit der anderen Frau erfreut war. „Was machst du hier? Ich dachte, du hattest den Schutz durch … Lord Hubert of Ravenshurst angenommen.“

„Katherine!“, rief Celestine erfreut und lief sofort zu ihr. „Mein liebes Kind! Wie geht es dir? Alle dachten, du bist tot. Wir hatten vom tragischen Ableben deines Vaters gehört und dachten … nun, ich freue mich ja so sehr, dich wiederzusehen!“

„Celestine?“ Katherine schaute sie unschlüssig an. „Wieso bist du hier?“

„Ich musste fliehen“, antwortete Celestine und biss sich auf die Unterlippe. „Ravenshurst hat mich schrecklich getäuscht. Er kann sehr einnehmend sein, aber ich schwöre dir, er ist bösartig. Ich habe Dinge gehört … doch ich darf nicht darüber reden. Wenn er wüsste, dass ich seine Geheimnisse angehört habe, würde er mich töten lassen. Frag mich also bitte nicht danach, Katherine, denn ich kann mich nicht dazu durchringen, auch nur über diese Dinge nachzudenken.“

Katherine schwieg. Celestine war einmal ihre Freundin gewesen, als sie sich während der fürchterlichen Belagerung von Akkon gemeinsam um die Verwundeten gekümmert hatten. Als Celestine dann aber zu Lord Huberts Gefährtin wurde, hatte sie sich gefragt, ob es ihre Freundin war, die vom geheimen Schatz ihres Vaters erzählt hatte. Sie war nicht sicher, ob Celestine es gewusst hatte, hielt es aber zumindest für möglich. Die Witwe könnte mitbekommen haben, wie ihr Vater über seinen Fund geredet hatte, oder vielleicht hatte sie einen Blick auf seine Notizen erhascht, die oft auf der Couch im Pavillon gelegen hatten. Schließlich war die Ältere, als vertrauenswürdige Freundin der Familie, bei ihnen ein und aus gegangen, wie es ihr beliebte. 

„Woher wusstest du, wo wir sind?“ Katherine konnte selbst das Misstrauen in ihrem Tonfall hören, was sie sofort bedauerte, als ihr Sir Alains fragender Blick auffiel.

„Kommt, Mylady“, ermahnte dieser sie sanft. „Lady Celestine ist so aufgewühlt, wie Ihr es wart, als ich Euch gerettet hatte. Das Mindeste, was Ihr für sie tun könnt, ist, sie in unser Lager mitzunehmen und sicherzustellen, dass es ihr an nichts mangelt.“

„Ja, natürlich“, stimmte Katherine ihm zu. Er hielt sie für unfreundlich und schroff, aber er kannte ihre Gründe dafür nicht – und er würde sie auch nicht erfahren. Sie biss sich auf die Lippe und sah wieder Celestine an. „Hast du kein Gepäck bei dir?“

„Ich trage nur ein paar Dinge am Körper, die ich unbemerkt mitnehmen konnte“, antwortete Celestine. „Hätte er geahnt, was ich vorhabe, wäre es mir verboten worden, das Lager zu verlassen. Du musst mich nicht fürchten, Katherine. Ich bin nicht deine Feindin, auch wenn Ravenshurst der Feind deines Vaters gewesen sein mag. Ich glaube, es gab Streit zwischen ihnen, doch ich kenne den Grund dafür nicht.“

Autor

Anne Herries
Anne Herries ist die Tochter einer Lehrerin und eines Damen Friseurs. Nachdem sie mit 15 von der High School abging, arbeitete sie bis zu ihrer Hochzeit bei ihrem Vater im Laden. Dann führte sie ihren eigenen Friseur Salon, welchen sie jedoch aufgab, um sich dem Schreiben zu widmen und ihrem...
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