Ring frei für die Lust

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Breite Schultern, ein Werkzeuggürtel um die schmalen Hüften … Von sündhaft heißen Typen wie Patrick hat Steph endgültig genug. Sie will einen kultivierten Businessman kennenlernen. Doch Patricks erotische Anziehungskraft ist leider stärker als jede Vernunft...
  • Erscheinungstag 04.05.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733752323
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Am Fuß der Treppe blieb Steph stehen. Die Sporttasche in der Hand sah sie sich gründlich um. Wilinski’s Fight Academy.

So hatte sie den Sportclub nicht in Erinnerung. War sie nicht erst letzten November hier gewesen?

Es sah aus, als sei eine Bombe explodiert.

Die Ausrüstung fürs Kardiotraining, die Matten und Boxringe, alles war dicht gedrängt an eine Seite gerückt, während auf der anderen die Wände aufgerissen waren. Maurerwerkzeug lag dort neben gestapelten Betonsteinen.

Aus der Ecke der Kämpfer erklang über den lauten Bass von Hip-Hop-Musik das Klatschen der Boxhandschuhe und das Ächzen der Kämpfenden.

Die Handwerker auf der anderen Seite riefen sich Anweisungen zu, eine Säge kreischte, und in dem Bereich, in dem schon in ein paar Tagen eine zweite Umkleide fertig sein sollte, jaulte ein Bandschleifer. Die Türöffnung war zwar mit dicken Plastikplanen zugehängt, dennoch drang Staub und Schmutz in den Trainingsraum.

Schweiß und Zement – das war der Geruch von Männern bei der Arbeit.

Steph hatte von beidem schon genug gerochen, sodass es ihr fürs ganze Leben reichte. Hoffentlich duftete der nächste Kerl, dem sie näher kam, etwas mehr nach Gentleman. Wie immer ein Gentleman auch riechen mochte. Vielleicht nach Zedernholz, nach Citrus oder Leder oder nach dem teuren Parfüm, das sie ihrem älteren Bruder einmal zu Weihnachten geschenkt hatte. Robbie hatte nur einmal daran geschnuppert und das Gesicht verzogen. Deshalb hatte Steph das Geschenk zurückgenommen und ihm stattdessen Tickets für die „Boston Bruins“ besorgt. Eishockey statt Parfüm.

Die Flasche hatte Steph immer noch in ihrer Nachttischschublade. Manchmal spritzte sie etwas davon aufs Kopfkissen und tat, als gehöre der Duft zu ihrem schrecklich gebildeten Freund, der auf einer wichtigen Konferenz war. Sein Job war ihr egal, vorausgesetzt, sie bekam dadurch die Gelegenheit, ihn zu einer eleganten Weihnachtsfeier zu begleiten und dafür High Heels anzuziehen und sich das Haar zu Locken zu drehen.

Eines Tages …

Im Moment jedoch stand sie hier im Boxclub, auf einer Seite die Handwerker, auf der anderen die Kämpfer, allesamt Vertreter der Spezies Mann, mit der sie bisher immer ausgegangen war. Wahrscheinlich waren alle sehr nette und anständige Kerle, die hart arbeiteten, genau wie ihr Dad, ihre Brüder, ihre Freunde und ihre Ex-Freunde aus Worcester.

Hier in Boston sollte ein neues Kapitel ihres Lebens beginnen, und dazu gehörte ein Freund mit sanften, kräftigen Händen, einem Collegeabschluss und fundiertem Wissen über guten Whisky.

Ihr Zukünftiger durfte sich nicht schämen, wenn er Steph seinen Kollegen und Bekannten vorstellte: „Und das ist meine Freundin Steph, ehemaliger Profi im Cage Fighting.“

Träumen war ja nicht verboten.

Sie streifte sich die Schuhe ab und stellte sie in eines der Fächer neben der Tür. In weitem Bogen um das Chaos der Baustelle herum ging sie zum Trainingsbereich und suchte nach bekannten Gesichtern. Eines fand sie, es gehörte zum Trainer, der gerade einer Gruppe junger Männer die Grundzüge des Kickboxens beibrachte.

Rich Estrada. Das erste Mal hatte sie ihn in Vancouver gesehen, als er auf dem Weg zu einem Pressetermin war, und Steph hatte gedacht, dieser Mann im Anzug gehöre zum Jetset und sei frisch aus der Riviera eingeflogen.

Am nächsten Tag hatte er im Trainingsraum einen schweren Boxsack mit Hieben und Tritten traktiert. Und als er mit ihr gesprochen hatte, hatte der eleganteste Mann, den sie je gesehen hatte, sich als einfacher Kerl aus Boston entpuppt.

Im Moment gewährte er seinen Schützlingen eine Erholungspause, sah sich um und winkte Steph zu. „Penny! Hey!“

Innerlich zuckte sie zusammen. Den Spitznamen Penny verdankte sie ihrem kleinen Bruder, der als Kleinkind nicht „Stephanie“ hatte aussprechen können. Der Name war an ihr kleben geblieben, weil ihr Haar so rot war wie ein Kupfer-Penny. Schon als Kind war sie bei Karatekämpfen als Penny angekündigt worden, und ihre erste große Liebe hatte sie so genannt. Im Judo, im Jiu-Jitsu und schließlich auch bei den Mixed Martial Arts, einer Verbindung aus mehreren Kampfsportarten, überall war sie als Penny aufgetreten.

Jetzt war es an der Zeit, dem ein Ende zu setzen.

„Ich bevorzuge Steph.“

„Sorry, wusste ich doch, Steph. Willkommen.“

Sie blickte sich um und nickte. „Mein neues Zuhause?“

„Nicht resignieren. Mit deiner Hilfe wird aus dem Wilinski’s Bostons beste Adresse für alle, die sich für Mixed Martial Arts interessieren.“

Über Jahre hinweg hatte Steph an fast allen Frauenwettbewerben der Mixed Martial Arts, kurz MMA, teilgenommen, doch jetzt hatte sie ihre Profikarriere beendet. Der Stress des ewigen Reisens hatte für sie ein Ende, den Sport dagegen hatte sie nicht aufgegeben.

Eine heftige Niederlage in einem Kampf und eine Stressfraktur hatten sie ganz unvermittelt zu dem Entschluss gebracht. Mit Anfang zwanzig hatte sie nur unabhängig sein wollen, aber in nicht einmal drei Wochen wurde sie dreißig und anscheinend tickte auch in ihr eine biologische Uhr. Auf einmal sehnte sie sich nach einem Zuhause, einer festen Beziehung und einer eigenen Familie.

Mit einem Pfiff rief Rich seine Trainingsgruppe aus der kurzen Pause zurück. „Mach doch mit, wenn du magst“, sagte er zu Steph.

„Okay. Muss ich zum Umziehen immer noch in die Lounge?“

Er nickte. „Ich fürchte, ja. Dauert noch ein bisschen, bis die Frauenumkleide fertig ist.“

„Macht nichts.“ Sie ging in den Raum neben dem Büro des Sportclubs und schloss die Tür hinter sich, bevor sie die Winterjacke und die Jeans gegen Fitnessdress und Sport-BH tauschte. Kaum hatte sie den BH angelegt und beugte sich vor, um das Top aus der Tasche zu holen, passierte es. Bäng!

Die Tür wurde aufgestoßen und schlug Steph gegen die Nase.

„Au! Verdammt!“

Egal wie oft sie an der Nase getroffen wurde, dieser durchdringende Schmerz war jedes Mal unerträglich. Noch während sie sich aufrichtete, hielt sie sich die Hände ins Gesicht.

Vor ihr stand einer der Handwerker. Es dauerte ein Weilchen, bis er begriff, was passiert war. „Oh, tut mir leid. Habe ich Ihnen die Tür an den Kopf gerammt?“

„Ja.“ Sie zog die Finger weg, und als der Mann die blauen Augen aufriss, betrachtete sie ihre Hände. Sie waren blutverschmiert.

„Tut mir leid, ich … hier …“ Er zwängte sich durch die halb offene Tür, wobei er Stephs Sporttasche umstieß. Schnell zog er sich das Arbeitshemd aus Flanell über den Kopf und hielt es ihr hin.

Da sie ihre eigene Kleidung nicht mit Blut bekleckern wollte, drückte sie sich dankbar das Hemd an die Nase.

„Tut mir wirklich leid. Ich wusste nicht, dass hier überhaupt jemand drin ist. Ich soll den neuen Fernseher anschließen.“ Mit einem Nicken deutete er auf eine große Kiste an der Wand. Ein Flachbildschirm war auf den Karton gedruckt. „Ich bin der Elektriker.“

Da sie zu beschäftigt damit war, die Blutung zu stillen, antwortete Steph nicht.

„Soll ich weitermachen oder …?“

Jetzt ließ sie doch das blutbefleckte Hemd sinken und breitete die Arme aus, um ihm zu zeigen, dass sie nur einen BH trug. „Ich bin dabei mich umzuziehen.“

„Oh. Ja. Entschuldigung.“

„Schon gut.“ Steph war nicht verklemmt. Sie hatte sich schon in ganz anderer Umgebung umgezogen, und wenn sie nach dem Warm-Up die eisige Januarkälte nicht mehr spürte, würde sie ohnehin im BH weitertrainieren. „Schließen Sie einfach die Tür und fangen Sie mit der Arbeit an.“

Das tat er, wobei er über Stephs Kleidungsstapel stieg. „Ich seh auch nicht hin“, versicherte er ihr und hockte sich vor den Karton. „Tun Sie einfach so, als sei ich nicht da.“

Sie versicherte sich kurz, dass ihre Nase zu bluten aufgehört hatte, dann zog sie sich ein langärmeliges Kompressions-Top an. Ihrem unbeholfenen Angreifer warf sie nur einen wütenden Blick zu, während er in einer Ecke hockte und versuchte, die vor ihm auf dem Teppich ausgebreiteten Kabel zu sortieren.

Sein mittelbraunes Haar war zerzaust, obwohl es ganz kurz geschnitten war. Er trug khakifarbene Hosen, Arbeitsboots und ein dunkelgrünes T-Shirt. Steph wäre jede Wette eingegangen, dass vorn auf dem T-Shirt das Logo der Baufirma stand, für die er arbeitete. Über den breiten Schultern spannte sich das T-Shirt, aber so ein Anblick machte Steph schon lange nicht mehr heiß.

Diesen Typ Mann kannte sie nur zu gut. Bestimmt klebten an seinem Pick-up Sticker von den Sox und den Pats. Sicher konnte er perfekte Burger grillen, hatte einen großen glücklichen Hund, und am Wochenende spielte er bei jedem Wetter mit seinen Kumpels Football. Er hieß Ryan oder Mike oder Pat oder Brendan. Seine Hände fühlten sich rau wie Sandpapier an und seine Haut roch nach Deo oder Shampoo.

Das alles wusste Steph so genau, weil sie mit Kerlen wie ihm schon oft zusammen gewesen war. Solche Männer waren so unkompliziert und angenehm wie gut eingelaufene Schuhe. Aber Steph wollte von einem Mann überwältigt werden und nicht nachmittags auf dem Sofa Sportsendungen sehen, bei denen nur in den Werbepausen Zeit fürs Bier und Zärtlichkeiten blieb.

„Ich heiße übrigens Steph.“ Sie neigte den Kopf zur Seite und verharrte so, weil sie darauf wartete, dass der Mann sich ihr ebenfalls vorstellte.

Er konzentrierte sich weiterhin voll und ganz auf seine Arbeit. „Nochmal: Tut mir leid, das mit der Nase, Steph.“

„Ich habe jetzt ein T-Shirt an.“

Er wandte sich um und richtete sich auf. Tatsächlich prangte auf seiner Brust das Logo „J. T.’s Contracting“. Er war über eins achtzig groß und auf seinem gut geschnittenen ehrlichen Gesicht spiegelte sich jede Emotion deutlich wider. Sein kräftiges Kinn war seit zwei Tagen unrasiert, und seine Augen … Verdammt, seine Augen waren unglaublich blau!

Am liebsten hätte Steph sich auf der Stelle geohrfeigt, weil sie überhaupt auf so etwas achtete.

Stirnrunzelnd musterte der Mann ihre Nase. „Die ist doch nicht gebrochen, oder?“

Sie schüttelte den Kopf und warf ihm sein Hemd wieder zu. „Nur Nasenbluten. Hab schon Schlimmeres erlebt.“ Allerdings war sie sonst immer gut dafür bezahlt worden.

Erleichtert verdrehte er die Augen. „Oh, gut! Ich meine, natürlich nicht gut … Sie wissen schon.“

„Ja, ich weiß.“ Auffordernd sah sie ihn an. „Wie heißen Sie?“

„Patrick.“

Natürlich! „Vielleicht klopfen Sie nächstes Mal vorher an, Patrick.“

„Das werde ich, keine Angst. Und es tut mir wirklich leid!“

Er sah so reumütig aus wie ein Hund, und Stephs Ärger verflog.

Als Rich Steph auf den Trainingsbereich zukommen sah, riss er die Augen auf. „Was ist denn mit deiner Nase passiert?“

„Euer Elektriker hat mir die Tür ins Gesicht gerammt.“

„Hast du zurückgeschlagen?“

Sie musste lächeln. „Nein. Aber sag mir, wenn’s wieder anfängt zu bluten.“

Sie übernahm das Ringertraining. Falls es den Männern schwerfiel, eine Frau als Trainerin zu akzeptieren, ließen sie es sich nicht anmerken. Niemand warf ihr lüsterne Blicke zu und es gab keine zweideutigen oder skeptischen Kommentare.

Sie hatte bessere Angebote bekommen als bei Wilinski’s, aber hier war sie von Anfang an Teil der Veränderung des Clubs und konnte Einfluss nehmen. Jahrelang war sie von einem Ort zum anderen gezogen, wo immer der nächste Fight stattfand, hier konnte sie Wurzeln schlagen, das spürte sie.

Sobald die Mittagskurse vorüber waren, ging Rich mit ihr am Computer ein paar Formalien durch.

„Mercer kann all diesen Kram viel besser.“ Stirnrunzelnd klickte er sich durch die Ordner auf dem Laptop. Mercer war der Geschäftsführer des Clubs.

„Gehört seiner Frau nicht die Partnervermittlung oben?“ „Spark“ war eine elegante kleine Agentur und teilte sich das Foyer mit dem Club. Konnte es zwei Unternehmen geben, die weniger gut zusammen passten?

„Sie ist seine Verlobte.“ Rich druckte ein Formular aus. „Jenna Wilinski. Sie hat von ihrem Dad das ganze Gebäude geerbt. Den Club hätte sie fast geschlossen, aber zum Glück hat Mercer sie verführt und jede Vernunft vergessen lassen.“

„Arbeitet deine Freundin nicht auch da oben?“

Rich nickte und zog die Ausdrucke aus dem Drucker. „Es geht hier ein bisschen inzestmäßig zu. Muss am Leitungswasser liegen.“

Sie verkniff sich jede weitere Frage, weil Rich sie bestimmt gnadenlos aufziehen würde, wenn sie ihm irgendeinen Anlass dazu gab. Funktioniert diese Partnervermittlung? Was für Männer würden denn zu einer Frau passen, die sich zehn Jahre lang im Ring geprügelt hat? Würde ich mich lächerlich machen, wenn ich überhaupt frage, ob sie mich als Kundin annehmen?

Aber wie sollte sie hier in Boston einen gebildeten und kultivierten Mann kennenlernen? Spark konnte da die perfekte Lösung für sie sein.

„Unterschreib hier.“ Rich reichte ihr eine Erklärung zur Betriebssicherheit. „Irgendwo hat Mercer auch noch Dokumente für die Steuer und Arbeitsverträge für dich.“ Er kramte in einem Schrank herum, bis er alles fand.

Steph las die Dokumente durch und unterschrieb.

„Und?“ Entspannt lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. „Hast du schon ein Apartment gefunden?“

„Nur was zur Untermiete. Ist ganz nett, aber bis März muss ich ein eigenes Apartment finden. Länger als ein paar Monate könnte ich mir diese Wohnung sowieso nicht leisten.“

Rich steckte die Papiere in einen Ordner. „Meine Freundin sucht eine Mitbewohnerin.“

„Tatsächlich?“

Er zog eine Braue hoch. „Komm doch mal am Wochenende vorbei, damit ihr Mädels euch ein bisschen beschnuppern könnt. Dafür müsstest du aber nach Lynn kommen. Hast du ein Auto?“

„Nein, das habe ich verkauft, als klar war, dass ich nach Boston komme.“

„Ich könnte dich mitnehmen, wenn wir mal dieselbe Schicht haben“, sagte er. „Vielleicht nächstes Wochenende.“

„Nett von dir.“ Steph folgte ihm zurück in die Trainingshalle und verbrachte den Nachmittag damit, den Leuten dort Hilfestellung und Tipps zu geben.

Als gegen vier Uhr Mercer kam und Rich ablöste, begrüßte Steph ihn lächelnd. „Hey, Boss.“

„Selber hey, Neuling. Offenbar hast du’s dir doch nicht anders überlegt.“

Mercer war ein paar Jahre älter als Steph und Rich, und sein ernstes, nüchternes Gesicht war von den Narben gezeichnet, die eine Boxerlaufbahn mit sich brachte.

„Ich mag Herausforderungen.“

„Sieht so aus. Der nächste Kurs fängt um fünf Uhr an. Brauchst du eine Pause? Willst du dir einen Snack oder was zu trinken holen?“

„Das würde nicht schaden.“ Das war ihre Chance. Ihm konnte sie die Fragen stellen, die sie sich bei Rich nicht getraut hatte. „Deiner Verlobten gehört doch die Partnervermittlung, oder?“

„Stimmt. Wieso?“

Sie spürte, dass sie rot wurde. Bei ihrer hellen Haut bedeutete das knallrot. „Können da nur Anzugträger und Leute mit Studium mitmachen, oder …“

Mercer zog die Braue hoch, die weniger vernarbt war. „Du willst bei Spark eintreten?“

Sie biss sich auf die Lippe. „Vielleicht.“

„Geh doch einfach rauf und frag Jenna.“

„Was? Jetzt gleich?“

„Am Freitag verreisen wir für ein paar Tage. Außerdem: Warum etwas aufschieben, das man sofort erledigen kann?“

„Aber in diesem Aufzug?“ Sie deutete auf die Shorts und den Sport-BH. Ihr Haar war an den Schläfen und im Nacken schweißnass. Und wie mochte ihre Nase mittlerweile aussehen?

„Jenna ist viel gewohnt, da brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“

Das mochte stimmen, trotzdem warf Steph sich, nachdem sie die lange Yoga-Hose und eine Trainingsjacke angezogen hatte, kaltes Wasser ins Gesicht und band sich das Haar mit einem Stirnband nach hinten. Auf dem Weg nach draußen begegnete sie dem Elektriker, der einen kleinen Kasten neben der Eingangstür anbaute.

„Sieht schon viel besser aus.“ Mit strahlendem Lächeln tippte Patrick sich an die Nase.

Verdammt, wenn hier einer gut aussieht, dann du, dachte Steph. Muskulöse Arme, blaue Augen, Bartstoppeln, Werkzeuggürtel um die schmalen Hüften … noch vor ein paar Jahren hätte sie sich auf der Stelle in ihn verliebt.

Mit diesem Mann testet dich das Schicksal, dachte sie, aber diesmal musst du dich bei der Partnerwahl auf deinen Verstand verlassen.

Fragend sah sie auf den kleinen Kasten neben der Tür.

„Neue Alarmanlage“, erklärte er stolz. „Das Modernste, was es zur Zeit gibt. Keine Schlüssel mehr, das ist so neu, dass ich nicht mal genau weiß, was ich hier tue.“

„Klingt sehr beruhigend.“

„Das alles ist nicht wirklich mein Fachgebiet, aber bei der jetzigen Wirtschaftslage muss man jeden Job nehmen, den man bekommt, stimmt’s?“

„Stimmt.“ Sie begann, um die Werkzeuge und Mörtelreste am Boden herum zu gehen.

„Moment mal, lassen Sie mich …“

Er zog an einem dicken orangefarbenen Kabel – und brachte Steph ins Stolpern.

Sie landete auf Händen und Ellbogen. Mit der flachen Hand schlug sie dabei auf die Spitzen eines Klauenhammers.

Der Schmerz schoss ihr durch Hand und Unterarm. Fluchend zuckte sie zurück, als Patrick ihr aufhelfen wollte. „Nein, nicht.“

Verlegen hockte er neben ihr, während sie sich hochrappelte. „Das tut mir leid.“

„Allmählich bin ich’s leid, diese Worte aus Ihrem Mund zu hören.“

„Entschuldigung.“

Steph betrachtete ihre Handfläche. Aus der Wunde tropfte Blut.

„Oh, verdammt“, stellte Patrick fest. „Warten Sie, ich suche Ihnen was zum …“

„Geht schon.“

Doch er kramte in seinen Taschen, bis er eine zerknüllte, aber saubere Papierserviette fand, die er ihr reichte.

Du … du bist so … du bist genau so, wie du dich gibst, stimmt’s? Der gute liebenswerte Patrick mit seiner Elektrikerausrüstung und den Arbeitsschuhen mit Stahlkappen, der jeden Tag sein Dinner am Drive-Thru holt.

Sie wickelte sich die Serviette um die Hand und machte einen großen Bogen um alles, was auf dem Boden lag. Keine Sekunde länger wollte sie in der Nähe dieses Mannes bleiben.

„Tut mir leid, Stacy“, rief er ihr nach.

„Steph!“, rief sie zurück, „Ich heiße Steph.“

„Tut mir leid.“

Während sie nach oben lief, war sie nervöser als vor einem Kampf.

Durch die großen Glasscheiben konnte sie von dem stilvoll eingerichteten Foyer ins Büro von Spark sehen, und dort saß eine brünette Frau am Schreibtisch und tippte am Laptop. Das musste Jenna sein.

Schüchtern klopfte sie an den Türrahmen.

„Hallo!“ Jenna kam um den Schreibtisch herum. Sie trug einen engen Rock und hohe Boots. Ihr lockiges Haar schimmerte. „Willkommen bei Spark, wie kann ich Ihnen helfen?“

Falls es sie überraschte, dass eine verschwitzte Frau mit blutender Hand vor ihr stand, ließ sie sich das nicht im Geringsten anmerken.

„Hi. Ich bin Steph Healy, die neue Trainerin.“

„Das habe ich mir gedacht. Ich bin Jenna. Mir gehört Spark, und ich bin mit Mercer verlobt.“

Jenna wollte ihr die Hand schütteln, aber Steph zeigte ihr die Serviette. „Ein kleines Missgeschick.“

„Lieber Himmel! Zeigen Sie mal.“ Jenna griff nach einer Flasche Wasser, befeuchtete ein Taschentuch und betupfte den Kratzer. „Wenn Mercer daran schuld ist, kann er was erleben. Heute ist Ihr erster Tag, und schon werden Sie verletzt.“

„Ich hatte eine Begegnung mit einem der Handwerker.“

Jenna holte ein Pflaster aus ihrer Handtasche und klebte es auf die Wunde.

„Er ist auch der Grund für das hier.“ Steph deutete auf ihre Nase.

Erschrocken sah Jenna ihr in die Augen.

„Er ist kein sehr begabter Handwerker.“

„Anscheinend nicht.“ Jenna warf die Pflasterhülle weg, lehnte sich an ihren Schreibtisch und deutete auf einen Stuhl.

Steph nahm Platz.

Jenna lächelte. „Mercer hat jetzt monatelang befürchtet, Sie könnten es sich anders überlegen.“

„Das hat er mir gesagt.“ Steph lachte leise auf. „Aber mir gefällt’s da unten.“ Mal abgesehen vom gefährlichen Elektriker.

In dem Moment betrat auch Richs Freundin das Büro.

„Das hier ist Steph, vom Club unten“, erklärte Jenna.

„Willkommen bei uns.“ Sie schüttelte Steph die Hand. „Ich bin Lindsey.“ Sie trug zur dunklen Hose einen dunkelroten Pullover über einem weißen Anzugshemd. „Rich sagt, Sie haben Ihre Profikarriere beendet?“

„Stimmt. Das ständige Reisen wurde mir zu viel. Ich will mich irgendwo niederlassen.“

„Das freut mich.“

„Rich sagt, Sie suchen eine Mitbewohnerin.“

Lindsey nickte. „Warum soll ich für ein Zweizimmer-Apartment ganz allein die Miete bezahlen, wenn ich kaum dort bin? Haben Sie Interesse?“

„Ja. Rich meinte, ich soll mal am Wochenende vorbeikommen und sehen, ob’s mir gefällt.“

„Toll! Das erspart mir die endlosen Gespräche mit irgendwelchen Idioten, wenn ich online suchen muss.“

Ausgezeichnet. Erste Aufgabe erfüllt. Blieb noch die zweite. Aber wie sollte sie da ansetzen?

Zum Glück kam Jenna sofort aufs Thema. „Haben Sie hier einen festen Freund?“ Interessiert musterte sie sie.

„Nein, aber ich würde gern jemanden finden, jetzt, wo ich endlich mal wieder länger als nur ein paar Wochen in derselben Stadt bleibe.“

„Da können wir Ihnen auf jeden Fall helfen“, stellte Lindsey fest.

„Ich wollte mal fragen, wie viel so eine Mitgliedschaft bei Spark kostet.“ Steph hielt den Atem an.

Jenna biss sich auf die Lippe. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es mir gestattet ist, Sie als Kundin aufzunehmen. Technisch gesehen sind Sie meine Angestellte.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich muss in der Zentrale nachfragen. Aber wenn es okay ist, dann würde es mich freuen, Sie aufzunehmen.“

Stephs Laune besserte sich auf der Stelle. „Ich war mir nicht sicher, ob … ich weiß schließlich, dass Spark in erster Linie einen exklusiven Kundenstamm hat.“

Jenna beugte sich vor. „Ich will ganz offen sprechen: Ich weiß nicht, wie meine männliche Kundschaft darauf reagiert, mit einer Frau auszugehen, die Kickboxen betreibt. Auf jeden Fall wären Sie eine sehr interessante Ergänzung, und ich bin sicher, ich könnte ein paar passende Interessenten finden, wenn auch nicht so viele wie für eine Frau mit einem … traditionelleren Job.“

„Das kann ich mir denken.“ Ihr Beruf spaltete die Männer in mehrere Lager: Die Kerle ohne Selbstbewusstsein zweifelten Stephs Weiblichkeit an und die Perversen schlugen immer vor, sie solle mit ihnen kämpfen, vorzugsweise nackt und eingeölt. Die Höflichen lächelten eisig und strichen sie gedanklich sofort von der Liste möglicher Freundinnen. Eines war Steph schon vor Langem klargeworden: Kaum einem Mann gefiel es, mit einer Frau auszugehen, die mehr Liegestütze schaffte als er selbst.

„Mir wäre es lieb, wenn Sie mich als Trainerin für Mixed Martial Arts einstufen. Im Grunde ist das mein jetziger Job, und es klingt für Männer weniger einschüchternd.“

„Was für einen Partner suchen Sie denn?“

Gute Frage. „Einen netten, gebildeten Mann mit gutem Job, halbwegs passablem Auto und Sinn für angemessene Kleidung.“ Er sollte sie in ein schönes Restaurant ausführen und nicht in irgendeine Bar an der nächsten Ecke. Der Mann sollte sie als Lady behandeln und nicht als Kumpel mit Brüsten.

„Gleich morgen früh frage ich in der Zentrale nach“, versprach Jenna ihr. „Geben Sie mir Ihre Nummer, dann gebe ich Ihnen Bescheid, sobald ich die Entscheidung erfahre.“

Hoffnungsvoll schrieb Steph ihre Nummer auf einen Zettel. „Ich verspreche Ihnen, wenn es zu einem Date mit einem Ihrer Kandidaten kommt, dann dusche ich vorher.“

Jenna winkte ab. „Wenn es zwei Partnervermittlerinnen gibt, die Verständnis für Ihren Job haben, dann sitzen die vor Ihnen.“

„Okay, danke. Ich drück mir die Daumen. Und jetzt gehe ich am besten wieder runter.“

Autor

Meg Maguire
Bevor Meg Maguire Schriftstellerin wurde arbeitete sie in einem Plattenladen, als Barista in einem Coffee – Shop und als annehmbare Designerin. Heute liebt sie es sexy Geschichten über starke Charaktere zu schreiben. Meg Maguire lebt mit ihrem Ehemann im Norden von Boston. Wenn sie nicht gerade neue Geschichten erfindet oder...
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