Romana Jubiläum Band 8

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NEAPEL SEHEN – UND SICH VERLIEBEN von LUCY GORDON

Wie in einem goldenen Käfig fühlt Celia sich an der Seite von Francesco Rinucci. Dabei möchte Celia doch nur ihr neues, aufregendes Leben am Golf von Neapel genießen. Und auch wenn sie den erfolgreichen Unternehmer begehrt wie noch keinen Mann zuvor, steht sie vor einer schweren Entscheidung …

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ENDLICH GLÜCKLICH AUF CAPRI? von DANIELLE STEVENS

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  • Erscheinungstag 08.06.2024
  • Bandnummer 8
  • ISBN / Artikelnummer 9783751524391
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lucy Gordon, Amy Andrews, Danielle Stevens

ROMANA JUBILÄUM BAND 8

1. KAPITEL

„Der Felsen ist direkt vor dir. Du brauchst nur die Hand auszustrecken, dann kannst du ihn berühren.“

Celia ließ die Finger über das Gestein gleiten und ertastete den Felsen nach allen Seiten, während Ken ihr von Bord des Schiffes aus Anweisungen erteilte.

„Kannst du seine Form ertasten?“

„Ja“, erwiderte sie. „Aber ich möchte noch weiter hinunter.“

„Hast du noch nicht genug für heute?“, fragte Ken.

„Das Abenteuer hat doch gerade erst angefangen, es gibt hier noch viel mehr zu entdecken.“ Sie wollte so viel wie möglich erleben, auf diese Weise trotzte sie ihrer Blindheit. Diese Lebenseinstellung hatten ihr ihre Eltern vermittelt, die ebenfalls beide blind waren. Deren Motto lautete: „Auch ohne Augenlicht kann man jedes Abenteuer bestehen und das Leben genießen.“

„Nun mach schon, lass mich tiefer hinunter“, drängte sie.

Er stieß einen Seufzer aus. „Dein Freund bringt mich um.“

„Nenn ihn nicht ‚meinen Freund‘. Das klingt so, als wären wir Kinder.“

„Wie soll ich ihn sonst nennen?“

Eine gute Frage. Was war Francesco Rinucci für sie? Ihr Verlobter? Nein, sie hatten noch nie über Heirat gesprochen. Ihr Lebenspartner vielleicht? Das kam der Sache schon näher. Oder sollte sie ihn als ihren Liebhaber bezeichnen? Er ist mein Partner, mein Liebhaber und noch so vieles mehr, überlegte sie.

„Mach dir wegen Francesco keine Gedanken“, sagte sie. „Er weiß nicht, dass ich hier bin. Und wenn er es herausfindet, geht er bestimmt nicht auf dich los, sondern reagiert seinen Ärger an mir ab. Und nun lass mich endlich tiefer hinunter. Wo ist das Problem?“

„Du bekommst deinen Willen, wenn Fiona einverstanden ist“, antwortete Ken.

„Natürlich, bin ich“, meldete sich ihre Tauchpartnerin sogleich.

Sie griff nach Celias Hand, und dann glitten die beiden Frauen tief in die Unterwasserwelt der Mount’s Bay an der Küste von Cornwall. Ken und seine Crew hatten vor über einer Stunde in Penzance abgelegt und ungefähr eine Seemeile von der Küste entfernt auf dem Meer über der Stelle gestoppt, wo ein Piratenschiff nach einer Schlacht mit der britischen Marine gesunken sein sollte. Man hatte es jedoch nie gefunden.

Nur mühsam hatte Celia ihre Ungeduld zügeln können, während jemand von der Mannschaft ihr die Tauchflasche auf dem Rücken befestigte und ihr erklärte, wie alles funktionierte. Gegen die spezielle Atemmaske, die der Verständigung unter Wasser diente und die ihr ganzes Gesicht bedeckte, wehrte sie sich heftig.

„Ich dachte, ich brauchte nur eine Taucherbrille und ein Mundstück mit Schlauch, um an die Flasche angeschlossen zu werden“, protestierte sie.

„Da wir in ständigem Kontakt mit dir bleiben müssen, brauchst du die Maske.“ Kens Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Sie hatte nachgegeben und war schließlich Hand in Hand mit Fiona ins Meer gesprungen.

Durch ihren Tauchanzug hindurch spürte sie die Kälte des Wassers. Während sie langsam schwammen, erkundete sie mit den Händen die Unterwasserwelt. Sie musste alles mit den Fingerspitzen berühren, die Felsen, die Pflanzen, und zuweilen spürte sie sogar den einen und anderen größeren Fisch vorbeischwimmen. Sie lachte auf vor lauter Freude und Begeisterung. Was für ein aufregendes Erlebnis! Und das Schönste an allem war das Gefühl, frei zu sein von allem, was sie belastete und einengte.

Wollte sie frei sein von Francesco Rinucci?

Ja, vor allem von ihm, wie sie sich zögernd eingestand. Sie liebte ihn heiß und innig, aber sie war von London bis nach Cornwall gefahren, weil sie Abstand brauchte. Schon vor einer Woche hatte sie den Tauchausflug geplant, ohne es ihm zu verraten. Es gefiel ihr gar nicht, Geheimnisse vor ihm zu haben, ja, es machte sie sogar traurig, doch nachdem sie sich einmal dazu entschlossen hatte, wollte sie das Abenteuer auch zu Ende bringen. Für sie als Blinde war es ohnehin schon schwer genug, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Francesco hätte sie aus lauter Liebe am liebsten in Watte gepackt und konnte nicht begreifen, dass er ihr damit alles noch viel schwerer machte.

„Alles in Ordnung?“, ertönte in dem Moment Fionas Stimme.

„Ja, ich bin ganz überwältigt von so viel Schönheit.“ Begeisterung schwang in Celias Stimme.

Sie hatte ihre eigene Vorstellung von Schönheit. Alles, was sie hier unter Wasser fühlte und spürte, empfand sie als schön, vor allem die Freiheit.

„Ich komme allein zurecht“, fügte sie hinzu, und sofort ließ Fiona sie los.

Da sie mit einer reißfesten Leine gesichert war, die Ken von Bord des Schiffes aus kontrollierte, war sie nicht völlig frei. Sie konnte sich jedoch darauf verlassen, dass er ihr so viel Spielraum wie möglich gewährte und ihr die Illusion der Freiheit nicht raubte. Francesco hätte viel von ihm lernen können, aber dann hätte er zugeben müssen, dass er Fehler machte. Und das war undenkbar.

Mit den Schwimmflossen an den Füßen konnte sie sich mit kräftigen Stößen durch das Wasser bewegen. Sie befand sich im Einklang mit sich selbst und der Welt hier unten und genoss jeden Augenblick dieses Abenteuers.

„Ohhhhhh!“, rief sie glücklich aus.

„Celia?“, fragte Ken beunruhigt.

„Keine Sorge, ich bin nur begeistert.“

„Keine besonderen Vorkommnisse?“

„Nein. Ohhhhhh!“

„Lass das bitte sein, sonst platzt mein Trommelfell!“

„Okay“, lachte sie. „Auf wie viel Metern Tiefe bin ich?“

„Ungefähr zwanzig.“

„Dann lass mich noch einmal zwanzig Meter hinunter.“

„Zehn, mehr ist zu gefährlich.“

„Fünfzehn“, bettelte sie.

„Nein, zehn Meter“, erklärte er unnachgiebig. Dann löste er die Leine, und Celia tauchte noch tiefer ein in diese Welt voller Wunder.

Auch damals, als sie Francesco kennengelernt hatte, hatte sie geglaubt, die Welt sei voller Wunder. Er hatte die Büroräume betreten und sich mit der Kollegin am Empfang unterhalten. Celia war aufmerksam geworden, als ihre junge Assistentin Sally leise „Oh!“ gesagt hatte.

„Du scheinst beeindruckt zu sein“, meinte Celia lachend. „Wie sieht er aus?“

„Er ist groß, hat leicht gewelltes schwarzes Haar und tiefblaue Augen. Ich schätze ihn auf Ende dreißig. Er trägt einen eleganten Designeranzug, und seine Bewegungen wirken leicht und geschmeidig.“

„Du scheinst dich ja mit Designeranzügen auszukennen …“

„Ja. Dafür habe ich einen guten Blick. Er hat bestimmt ein kleines Vermögen gekostet. Vielleicht ist er auch maßgeschneidert, er sitzt jedenfalls absolut perfekt. Dieser Mann hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Als ob er davon überzeugt wäre, ihm gehöre die Welt und er könne alles haben, was er wolle. Als brauche er auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen.“

„Du hast ihn dir wirklich sehr genau angeschaut!“

„Klar, ich will dir doch eine genaue Beschreibung geben. Und übrigens, er hat diesen ganz besonderen Blick, den man sonst nur bei Filmstars sieht – oh, entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass du – … Es tut mir leid.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin sogar froh, dass du es manchmal vergisst, denn das bedeutet, dass ich für dich ein völlig normaler Mensch bin wie jeder andere auch. Aber da ich von Geburt an blind bin, kann ich mir nichts bildlich vorstellen, weder Farben noch Formen und menschliche Gestalten. Ich muss alles erfühlen oder ertasten.“

„Ich könnte es mir faszinierend vorstellen, den Körper dieses Mannes mit den Händen zu erforschen“, ließ Sally ihrer Fantasie prompt freien Lauf, und Celia brach in übermütiges Lachen aus.

„Vorsicht, er blickt zu uns herüber“, warnte Sally sie. „Jetzt kommt er auf uns zu.“

Dann ertönte eine tiefe männliche Stimme mit einem leichten italienischen Akzent. „Guten Morgen. Ich bin Francesco Rinucci und möchte zu Celia Ryland.“

Beim Klang seiner Stimme machte sie sich ihr eigenes Bild von ihm, das sich von Sallys Beschreibung deutlich unterschied. Er schien zum Beispiel ein ausgesprochen höflicher Mensch zu sein. Doch in einem Punkt musste sie Sally recht gegeben: Er glaubte offenbar, er könne alles haben, was er wollte.

Während sie durch die stille Wasserwelt schwamm, erinnerte sie sich mit fast schmerzlicher Intensität an die letzten Wochen. Fünf Monate lang hatte sie ihn leidenschaftlich geliebt, sie hatten gestritten, sich bekämpft, sich wieder versöhnt. Und schließlich war ihr klar geworden, dass sie sich von ihm trennen musste, wenn sie die Kontrolle über ihr Leben nicht verlieren wollte.

So viel war geschehen in diesen wenigen Monaten. Sie hatte unendlich Schönes erlebt, aber auch viele bittere Stunden waren dabei gewesen. Manchmal hatte sie sogar bereut, ihm jemals begegnet zu sein. Zugleich war sie dankbar dafür, wenigstens für eine gewisse Zeit mit ihm zusammen sein zu können.

Die erste Begegnung würde sie nie vergessen. Sie hatte ihm die Hand gereicht und seinen festen Händedruck gespürt. Seine langen schlanken Finger zeugten von Kraft und Stärke, und sie fragte sich sofort, was für ein Mensch er wohl war.

Dummerweise ging ihr Sallys Bemerkung, sie könne es sich faszinierend vorstellen, den Körper dieses Mannes mit den Händen zu erforschen, nicht aus dem Kopf. Überdeutlich verspürte sie seine Gegenwart, als er sich neben ihren Schreibtisch stellte, wo ihr Blindenhund, ein heller Labrador, lag.

Wicksy war ein gut erzogener, friedlicher Hund. Francescos Streicheleinheiten nahm er gelassen hin und revanchierte sich, indem er freundlich mit dem Schwanz wedelte, ehe er sich anscheinend völlig entspannt wieder hinlegte … Doch der Schein trog, Wicksy beobachtete den Fremden aufmerksam.

Nachdem Francesco sich neben Celia gesetzt hatte, nahm sie den dezenten, leicht herben Duft seines Aftershaves wahr. Irgendwie versprach dieser Duft Wärme und Lebendigkeit. Sie war verlockt, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen und zu schauen, wohin diese Begegnung führte.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie freundlich.

Er erklärte, er sei Mitinhaber von Tallis Inc., einem Unternehmen, das sich auf die Herstellung von Luxusmöbeln spezialisiert hatte und sich dank der guten Umsätze vergrößern und europaweit tätig werden wollte.

„Deshalb brauchen wir eine renommierte PR-Firma, mit der wir eng zusammenarbeiten möchten“, fuhr er fort. „Die Agentur, die bisher für uns tätig war, hat Insolvenz angemeldet. Man hat mir Ihre Firma empfohlen und geraten, mit Ihnen persönlich zu sprechen. Sie seien die Beste auf dem Gebiet der Public Relations und des Change Managements.“

Höflich wie er war, bemühte er sich, seine Überraschung zu verbergen, was ihm jedoch nicht ganz gelang, denn seine Stimme verriet die Irritation.

„Und jetzt fragen Sie sich, warum man Ihnen verschwiegen hat, dass ich blind bin, stimmt’s?“, sagte sie und lachte unbekümmert, als sie seine Verblüffung spürte.

„Nein, das habe ich nicht gedacht“, beeilte er sich, ihr zu versichern.

„Doch, das haben Sie, geben Sie es ruhig zu. Ich kenne das, es passiert immer wieder. Ich weiß, was in den Menschen vorgeht, wenn sie keine Ahnung haben, was sie erwartet.“

„Bin ich so leicht zu durchschauen?“ Sie hörte an seiner Tonlage, dass er lächelte.

„Sie haben sich gefragt: ‚Wie, zum Teufel, konnte ich in so etwas hineingeraten, und wie komme ich einigermaßen anständig wieder aus der Sache heraus?‘“

Es fiel ihr leicht, die Gedanken anderer zu lesen, doch meistens behielt sie ihr Wissen für sich, denn oft fühlten sich ihre Gesprächspartner dann unbehaglich oder waren peinlich berührt.

Francesco hingegen reagierte ganz anders. Er nahm ihre Hand und drückte sie fest. „Nein, das habe ich bestimmt nicht gedacht. Mir ist etwas ganz anderes durch den Kopf gegangen.“

Sie meinte zu spüren, was er dachte, und gestand sich ein, dass auch er ihr nicht gleichgültig war. Eigentlich müsste ich schockiert sein, dass ich etwas für einen Mann empfinde, den ich gerade erst kennengelernt habe, überlegte sie. Aber etwas in ihr schien sie zum Abenteuer zu drängen, wobei eine sehr viel leisere innere Stimme sie gleichzeitig zur Vorsicht mahnte. Doch sie hatte Übung darin, diese Stimme großzügig zu ignorieren.

Jetzt musste sie sich aber zusammennehmen und sich korrekt verhalten. Deshalb erklärte sie ihm ihre Arbeitsweise und die technischen Hilfsmittel, die es ihr ermöglichten, als Blinde professionell zu arbeiten. „Ich spreche mit dem Computer und er mit mir“, erklärte Celia. „Zusätzlich habe ich ein spezielles Telefon und einige andere technische Raffinessen.“

Francesco hörte aufmerksam zu, und innerhalb weniger Minuten hatte er sie in eine lebhafte Diskussion über Fachfragen verwickelt. Später lud er sie zum Mittagessen in ein kleines Restaurant in der Nähe ein. Alle Informationen, die sie von ihm über seine Firma erhielt, gab sie stichwortartig in ihren Laptop ein. Nach dem Kaffee begleitete er sie zum Büro zurück. Ihrem Hund zuliebe machten sie einen Umweg durch den Park, damit er sich austoben konnte.

„Läuft irgendwo jemand herum, den ich vielleicht treffen könnte?“, fragte sie und zog einen Ball aus der Tasche.

Francesco versicherte ihr, weit und breit sei kein Mensch zu sehen. Doch augenblicklich bereute er seinen Leichtsinn, denn er hatte nicht geahnt, mit wie viel Kraft sie den Ball werfen würde. Sie hätte beinahe einen Spaziergänger am Kopf getroffen, der ahnungslos sein Sandwich aß und gerade noch rechtzeitig einen Satz zur Seite machen konnte.

„Da hinten flucht jemand! Sie haben doch behauptet, es sei alles frei!“

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass Sie so gut werfen.“

Fröhlich bellend sprang Wicksy hinter dem Ball her, brachte ihn zurück und legte ihn Celia vor die Füße. Nachdem sie das Spiel noch zweimal wiederholt hatte, setzte er sich vor sie, hielt den Kopf schräg und blickte sie an.

„Okay, ich weiß, was du willst.“ Sie nahm ihm den Ball aus der Schnauze und steckte ihn in die Tasche. „Er muss noch sein großes Geschäft erledigen. Vielleicht möchten Sie schon weitergehen.“

„So empfindlich bin ich nicht“, antwortete er lächelnd.

Wicksy fand einen Platz unter den Bäumen, und als er fertig war, zog Celia ein Plastiktütchen hervor.

„Soll ich es wegmachen?“, bot Francesco mit zusammengebissenen Zähnen an.

„Das ist überaus nett von Ihnen, das hätte die Höflichkeit nicht verlangt.“ Er stieg in ihrer Achtung. „Aber es ist mein Hund, und deshalb beseitige ich seine Hinterlassenschaften selbst.“

„Okay, wie Sie wollen.“ Erleichterung schwang in seiner Stimme.

Als auch das erledigt war, kehrten sie ins Büro zurück.

„Ich würde Ihnen gern noch mehr über meine Firma erzählen und wie ich mir die Zusammenarbeit vorstelle, ich habe aber jetzt leider keine Zeit mehr. Darf ich Sie für heute Abend zum Essen einladen? Dann können wir in Ruhe alles Weitere besprechen.“

„Ja, gern.“

Nachdem er sich verabschiedet hatte, ließ sie sich den ganzen Nachmittag über nicht mehr stören und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Sie wollte ihn beeindrucken und ihm heute schon Vorschläge unterbreiten. Dann beeilte sie sich, nach Hause zu kommen, duschte rasch und zog das elegante goldfarbene Kleid an, das, wie man ihr wiederholt versichert hatte, perfekt zu ihrem roten Haar passte.

Als sie fertig war, bat sie ihre Freundin Angela, die nebenan in der Wohnung wohnte, um Hilfe. Angela arbeitete in einer Boutique, und Celia vertraute ihr so sehr, dass sie ich bei der Zusammenstellung ihrer Kleidung gern von ihr beraten ließ.

„Wie sehe ich aus?“ Sie drehte sich im Kreis.

„Absolut fantastisch. Gut, dass ich dich überredet habe, das Kleid zu kaufen. Und diese Sandaletten! Meine Güte, ich beneide dich um deine langen Beine. Nur wenige Frauen haben so schlanke Fesseln. Deine Bewegungen wirken so geschmeidig und graziös. Einfach unglaublich.“

Celia lachte. Sie verdankte Angela sehr viel. Die Freundin hatte ihr beigebracht, mehr aus sich zu machen. Seitdem spürte sie die bewundernden Blicke der Männer, auch wenn sie sie nicht sah.

„Was bedeutet es eigentlich, rotes Haar zu haben?“, fragte Celia unvermittelt.

„Dass du deine Kleidung farblich darauf abstimmen musst. Du hast eine feine helle Haut und verkörperst das, was man unter einer English rose versteht.“

„Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Kannst du es mir erklären?“

„Kurz gesagt, Männer finden solche Frauen sehr anziehend. Das wünschst du dir doch für heute Abend, oder?“

„Nein, keineswegs. Es ist nur ein Geschäftsessen. Wir wollen das weitere Vorgehen besprechen …“

„Das weitere Vorgehen? Ich glaube eher, es hat dich erwischt.“

Celia gestand sich ein, dass Angela ins Schwarze getroffen hatte. Auf den Abend mit Francesco freute sie sich viel zu sehr.

Als er sie abholte, reagierte er genau so, wie sie es sich erhofft hatte: Sein kurzes Zögern bei ihrem Anblick verriet ihr, dass er von ihrem Aussehen beeindruckt war. Sein leises anerkennendes Pfeifen quittierte sie mit einem spöttischen Lächeln.

Und dann kam es in den ersten Minuten auch schon zu einer Meinungsverschiedenheit.

„Mein Hund begleitet mich überallhin“, protestierte Celia energisch, als Francesco sie überreden wollte, Wicksy zu Hause zu lassen.

„Heute Abend sorge ich für Ihre Sicherheit.“

„Vielen Dank für das Angebot, aber ich möchte es nicht annehmen …“

„Sie brauchen den Hund nicht, wenn ich bei Ihnen bin“, beharrte er hartnäckig auf seinem Standpunkt. „Außerdem sind Hunde in Restaurants nicht gern gesehen.“

„Ich kenne ein Restaurant, in dem mein Hund jederzeit willkommen ist. Es ist nicht weit von hier. Lassen Sie uns das Thema beenden. Wicksy und ich sind unzertrennlich.“

Ihre Stimme klang freundlich, aber bestimmt, und endlich gab Francesco nach. Den ersten Test hat er nicht bestanden, er hat kein Verständnis dafür, wie wichtig mir meine Unabhängigkeit ist, dachte Celia leicht enttäuscht. Dennoch war sie fest entschlossen, den Abend mit ihm zu genießen.

Sie gingen zu Fuß zum Restaurant und fanden einen Tisch in einer Ecke, wo sie sich ungestört unterhalten konnten.

„Weshalb haben Sie eigentlich so viele Unterlagen mitgebracht?“, fragte Francesco, nachdem sie bestellt hatten.

„Es ist ein Arbeitsessen, schon vergessen? Ich möchte Ihnen meine ersten Entwürfe vorlegen.“

Während sie ihm ihre Ideen erläuterte, schob sie ein Blatt nach dem anderen in seine Richtung. Sie hatte die Seiten markiert, um sie nicht zu verwechseln.

„Sie scheinen hervorragend über unser Unternehmen informiert zu sein.“ Er war beeindruckt.

„Ich habe den ganzen Nachmittag daran gearbeitet“, erwiderte sie. „Die meisten Informationen habe ich mir online beschafft.“

„Und Ihr Computer liest Ihnen alles vor?“

„Ja, mit der entsprechenden Software ist das kein Problem.“ In Wahrheit hatte sie sich alles von Sally vorlesen lassen, weil es schneller ging und sie nicht viel Zeit gehabt hatte. Doch das brauchte Francesco nicht zu wissen.

Er bewunderte ihren Sachverstand und ihre Kompetenz. Sie unterhielten sich auf ruhige und sachliche Weise in einer entspannten Atmosphäre, während sie insgeheim versuchten, sich gegenseitig einzuschätzen.

Celia nahm jede noch so geringe Veränderung in seiner tiefen, volltönenden Stimme wahr, die sie so erregend fand, dass sie Mühe hatte, ihre Hände bei sich zu behalten. So kannte sie sich gar nicht, und sie gestand sich schließlich ein, dass sie ein Problem hatte. Sie hatte geglaubt, die Situation zu beherrschen, schließlich lag ihr Hund neben ihr, und sie war nicht auf Francescos Hilfe angewiesen. Doch auf einmal empfand sie den Wunsch, jede Vorsicht in den Wind zu schlagen und sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen, immer drängender.

Sie spürte, dass er so ähnlich empfand wie sie, er war jedoch vorsichtiger. Behutsam wechselte er das Thema und brachte sie dazu, über sich selbst zu reden.

„Beunruhigt es Ihre Eltern sehr, dass Sie als blinde junge Frau allein leben?“

„Nein, damit haben sie kein Problem, sie sind selbst blind“, antwortete sie.

„Oh, das tut mir leid.“

„Das muss es nicht.“ Was man nie gekannt hat, vermisst man kaum. Da meine Eltern nicht sehen können und ich keine Geschwister habe, hatte ich auch keine Vergleichsmöglichkeiten. Wir drei waren so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Wir glaubten, alle anderen seien irgendwie nicht normal oder sogar verrückt. Allerdings hat man uns auch für verrückt gehalten, weil wir nicht so leben wollten, wie Blinde nach der Meinung der meisten leben sollten.

Die beiden haben sich an der Universität kennengelernt. Mein Vater war Professor, und meine Mutter hat bei ihm studiert. Inzwischen schreibt er nur noch Bücher, und sie ist seine Sekretärin. Er behauptet, sie sei tüchtiger als jede sehende Mitarbeiterin, denn sie weiß genau, worauf es ankommt. Angeblich haben sie sich ineinander verliebt, weil sie Dinge verstanden, die kein anderer verstand. Ich bin also in der Überzeugung aufgewachsen, ein völlig normaler Mensch zu sein, und dieser Meinung bin ich immer noch.

Bei dem letzten Satz lag eine Spur von Schärfe in ihrer Stimme, und Celia hoffte, dass die Warnung angekommen war … Dann lenkte sie das Gespräch auf ihn, und er erzählte von seiner Familie in Italien, seinen Eltern und seinen fünf Brüdern, der Villa auf einem Hügel mit herrlichem Blick auf den Golf von Neapel. Nachdem er den Satz gesagt hatte, hielt er verlegen inne.

„Das ist okay“, versicherte sie ihm. „Ich erwarte von niemandem, dass er seine Worte auf die Goldwaage legt, nur weil ich nicht sehen kann. Wenn ich so kleinlich wäre, hätte ich keine Freunde.“

„Ich muss gestehen, es fällt mir schwer nachzuvollziehen, was es bedeutet, nichts zu sehen“, gab er zu.

„Ja, das glaube ich Ihnen“, erwiderte sie. „Meine Assistentin hat mir heute Morgen gesagt, Sie hätten tiefblaue Augen. Aber was soll ich mir darunter vorstellen?“

„Warum hat sie Ihnen das überhaupt erzählt?“ Er konnte seine Nervosität nicht verbergen, und sie verbiss sich ein Lächeln.

„Heißt das, es stimmt gar nicht?“ Sie ließ die Stimme betont unschuldig klingen. „Haben Sie vielleicht rote Augen?“

„Nur wenn ich zu viel getrunken habe.“

Sie lachte so laut auf, dass Wicksy, der neben ihrem Stuhl auf dem Boden lag und zu schlafen schien, sofort den Kopf hob und sie mit der Schnauze anstieß, so als wollte er sich vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Keine Frage, es knisterte zwischen ihr und Francesco. Eine andere Frau hätte es sicher an seinen Blicken erkannt, Celia hingegen hatte ein ganz besonders gutes Gespür für die Atmosphäre und die feinen Zwischentöne. Sie hörte auch das, was nicht ausgesprochen wurde.

„Meine Mutter ist Engländerin“, fuhr er schließlich fort. „Davon merkt man aber nichts mehr. In ihrem Herzen ist sie eine typisch italienische Mutter und fest entschlossen, ihre Söhne gut zu verheiraten.“

„Sechs Söhne zu verheiraten, ist sicher keine leichte Aufgabe. Wie schafft sie es?“

„Vier sind schon verheiratet, und mein Bruder Ruggiero hat sich vor Kurzem verlobt. Er und Polly wollen bald heiraten. Danach kann sich meine Mutter ganz darauf konzentrieren, mich unter die Haube zu bringen.“

Es gefiel ihr, wie geschickt er sie hatte wissen lassen, dass er noch unverheiratet war.

„Haben Ihre Eltern nicht dieselben Ambitionen?“, erkundigte er sich wie beiläufig.

„Nein, da mischen sie sich nicht ein“, antwortete sie. „Nur manchmal, wenn mein Vater in der Küche hantiert und sich als Koch betätigt, rät meine Mutter mir, keinen Mann zu heiraten, dessen Hobby es ist, Tintenfisch zuzubereiten. Und da kann ich ihr nur zustimmen.“

Nach kurzem Zögern erzählte er: „Im Golf von Neapel gibt es den besten Tintenfisch der Welt, jedenfalls behaupten das unsere Fischer.“

„Aber Sie bereiten ihn nicht selbst zu, oder?“

„Nein, ich kann überhaupt nicht kochen …“

Auf einmal herrschte ein seltsam verlegenes Schweigen, so als hätten sie sich zu weit vorgewagt.

„Möchten Sie noch einen Kaffee?“, fragte Francesco höflich, aber ohne Wärme oder Herzlichkeit in der Stimme.

Ihr Körper reagierte unmittelbar auf seine Zurückweisung: Ein Gefühl der Leere breitete sich in ihr aus, und sie fröstelte, als ihr die Wahrheit dämmerte.

„Nein, danke. Wir können gehen, wenn es Ihnen recht ist …“

Nachdem er sie nach Hause begleitet hatte, verabschiedete er sich vor der Haustür. „Ich nehme die Unterlagen mit. Ihre Vorschläge gefallen mir, wahrscheinlich kommen wir miteinander ins Geschäft. Endgültig kann ich es erst sagen, wenn ich mir alles noch einmal genau und in Ruhe angeschaut habe.“

„Haben Sie meine Telefonnummer?“

„Oh ja, die habe ich mir aufgeschrieben. Gute Nacht.“ Er versuchte nicht einmal, sie zu küssen. Da wusste sie endgültig Bescheid.

Tagelang wartete Celia vergeblich auf seinen Anruf. Ihr war klar, warum Francesco sich nicht meldete. Zweifellos scheute er davor zurück, sich mit einer blinden Frau einzulassen. Der gesunde Menschenverstand riet ihm, sich zurückzuziehen, damit er nicht in etwas hineinschlitterte, was er vielleicht später bereute.

So reagieren sie alle, überlegte sie eines Abends, als sie mit ihrem Hund im Park spazieren ging. „Es ist nicht das erste Mal. Erinnerst du dich noch an Joe?“, redete sie mit Wicksy und setzte sich auf eine Bank. „Du mochtest ihn von Anfang an nicht, stimmt’s? Auf deine Art hast du versucht, mir klarzumachen, dass daraus nichts werden konnte. Und du hast recht gehabt.“

Sie spürte seine kalte Nase, als er ihr die Schnauze in die Handfläche legte. Es war eine liebevolle und tröstliche Geste.

„Die Männer befürchten, es könne ihrer Karriere schaden, wenn sie sich mit mir einlassen, oder sie müssten ihr bequemes Leben aufgeben.“

Sanft stupste er sie mit der Schnauze an.

„Ich weiß“, fuhr sie traurig fort. „Wir können es ihnen nicht übel nehmen. Wahrscheinlich ist es wirklich besser für ihn und mich, die Sache von Anfang an nüchtern zu betrachten. Trotzdem schade. Ich hatte gedacht, dieses Mal sei es anders, oder er sei zumindest anders. Leider habe ich mich getäuscht.“

Plötzlich fing Wicksy an zu winseln.

„Was hast du? Oh, ich weiß, du willst deinen Hundekuchen haben. Entschuldige, das habe ich ganz vergessen. Hier.“ Er nahm ihn ihr behutsam aus der Hand.

„Was würde ich ohne dich machen, mein Lieber? Du hast mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen als jeder Mensch. Solange ich dich habe, brauche ich sonst niemanden.“

Sie beugte sich zu ihm hinunter und legte die Wange an seinen Kopf, wie um sich von ihm trösten zu lassen. Das Herz tat ihr weh. Francesco hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, und Celia hatte sie ergriffen, weil es sich gut und richtig angefühlt hatte. Ihr war durchaus klar gewesen, wie verrückt es war, etwas für einen Mann zu empfinden, den sie gerade erst kennengelernt hatte, aber sie hatte sich von ganzem Herzen und mit allen Sinnen nach ihm gesehnt.

Sie liebte Francesco so sehr, dass es beinahe schmerzte, und dennoch lief sie nach nur fünf Monaten vor ihm davon. Wie hatte das passieren können? Die Frage ging ihr immer wieder im Kopf herum, während sie die Unterwasserwelt erkundete.

Am Tag zuvor hatte sie in seiner Abwesenheit die gemeinsame Wohnung verlassen. Sie hatte ihm nur einen Zettel hingelegt, auf den sie mit großen Buchstaben geschrieben hatte: „Ich rufe dich später an. Celia.“

Sie hasste sich dafür, dass sie ihn getäuscht hatte, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie musste ihn verlassen, sonst würde sie den Verstand verlieren.

2. KAPITEL

Der Vertrag war am nächsten Tag unterschrieben worden, und während der folgenden Woche hatte Celia mit Francescos Mitarbeitern einige Gespräche geführt. Aber kein einziges Mal hatte er selbst an einem der Meetings teilgenommen. Sie hatte sich schon damit abgefunden, ihm nie wieder zu begegnen, als es eines Abends an ihrer Wohnungstür läutete.

Sie ging zur Tür und knipste für den Besucher das Licht im Flur an.

„Wer ist da?“, rief sie durch die geschlossene Tür.

„Ich bin’s“, ertönte eine männliche Stimme.

Mehr brauchte er gar nicht zu sagen, seine Stimme würde sie immer und überall erkennen. Rasch öffnete sie die Tür und streckte die Hand aus.

Francesco ergriff sie und drückte sie fest. „Ich bin gekommen, weil …“, begann er und fing nach kurzem Zögern noch einmal an: „Also, wir müssen reden. Darf ich hereinkommen?“

Sie trat einen Schritt zur Seite. „Natürlich.“

Ohne ihre Hand loszulassen, schloss er die Tür hinter sich und blieb im Flur stehen, so als wüsste er nicht, was er als Nächstes tun solle.

„Ich bin etwas überrascht. Der Vertrag …“

„Vergessen Sie den Vertrag“, fiel er ihr heftig ins Wort. „Glauben Sie wirklich, ich sei deshalb hier?“

„Ich weiß schon seit einer Woche nicht mehr, was ich glauben soll“, flüsterte sie.

„Okay, ich verrate Ihnen etwas: Ich bin ein Feigling, der vor einer Frau davonläuft, die anders ist als alle anderen und eine Herausforderung für mich darstellt. Ich bin weggelaufen, weil ich Angst habe, dieser Frau nicht ebenbürtig zu sein. Ich weiß, dass ich sie enttäuschen werde, und bin der Meinung, sie ist besser dran ohne mich …“

„Sollte ich das nicht selbst entscheiden?“ Ihr Herz klopfte vor Freude wie wild.

Er hob ihre Hand an die Lippen. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich musste dich wiedersehen. Ich kann nicht mehr ohne dich sein.“

„Das musst du auch nicht“, erwiderte sie glücklich.

Seine Lippen schienen auf ihrer Hand zu brennen, heißes Verlangen durchströmte ihren Körper, und sie sehnte sich nach seiner Berührung. Schließlich umfasste sie sein Gesicht, und nachdem sie den ersten Schritt getan hatte und ihm entgegengekommen war, zögerte er nicht länger. Er presste die Lippen auf ihre und küsste sie leidenschaftlich.

Seit dem Abend im Restaurant hatte sie sich das gewünscht. Sie hatte seinen Worten gelauscht und versucht, sich seine Lippen auf ihren vorzustellen. Sie hatte sich ausgemalt, wie stürmisch, leidenschaftlich und zärtlich zugleich er sie küssen würde.

Und dann hatte sie sich die ganze Woche mit Träumen herumgequält, die ihr seinen nackten Körper vorgegaukelt hatten, seine Küsse, seine Zärtlichkeiten. Jetzt war er hier. Freude erfüllte sie, und ihr Körper sehnte sich nach ihm.

„Celia“, flüsterte er, „Celia …“

Nach kurzem Zögern führte sie ihn ins Schlafzimmer. Sie vergaß nicht, das Licht im Flur auszuknipsen, sodass auch Francesco sich im Dunkeln bewegen und er sich ganz auf sie verlassen musste.

Vielleicht war es der reine Wahnsinn, sich Hals über Kopf in ein Liebesabenteuer zu stürzen, und es wäre sicher besser, vorsichtig zu sein und sich Zeit zu lassen. Aber sie warf ihre Bedenken über Bord; schließlich war sie jung und wollte ihr Leben genießen. Ihre Entscheidung war gefallen, und sie fühlte sich wie befreit.

Sanft ließ sie die Finger über sein Gesicht gleiten, erspürte seine Lippen, sein Kinn und die leicht gebogene Nase. Er war genau so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte.

Während sie nun durch das kühle Wasser glitt, schwebend und losgelöst von allem, was sie belastete, erinnerte sie sich an jeden Augenblick. Im Rausch der Begeisterung und der Liebe hatte sie zunächst vieles verdrängt und für unwichtig gehalten, was ihr aufgefallen war. Doch es war in ihrem Gedächtnis gespeichert, und sie konnte es jederzeit abrufen.

Ihr tat das Herz weh bei dem Gedanken, wie anders heute alles war. Francesco war immer noch derselbe Mann, der ihre Liebe durch seine Zärtlichkeit und die offene Bewunderung und Verehrung, die er ihr entgegenbrachte, gewonnen hatte. Und er war immer noch derselbe Mann, nach dessen Liebe und zärtlicher Berührung sie sich jeden Tag von Neuem sehnte.

Niemals würde sie vergessen, wie sanft, zärtlich und sinnlich Francesco sie gestreichelt und wie zärtlich er ihre Brüste mit den Lippen liebkost hatte. Heißes, sehnsüchtiges Verlangen hatte ihren Körper durchströmt.

Da sie ihn nicht sehen konnte, musste sie einfach ihrem Gefühl vertrauen, und es hatte sie nicht getrogen. Francesco war ein zärtlicher Liebhaber, sanft und rücksichtsvoll und vor allem überaus großzügig. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick an geliebt, es war das, was man normalerweise Liebe auf den ersten Blick nannte.

Nachdem sie sich zum ersten Mal leidenschaftlich geliebt hatten, waren sie beide überwältigt gewesen vor Glück und Freude, in die sich Überraschung mischte. Celia stützte sich auf ihren Ellbogen und ertastete seinen Körper.

„Ich muss dich auf meine Art kennenlernen, immerhin kann ich dich nicht sehen“, neckte sie ihn.

„Ich hatte schon befürchtet, dass du früher oder später meine schlaffen Muskeln und meinen dicken Bauch entdeckst“, scherzte er.

„Okay, lass mich fühlen. Ist das deine Schulter?“

„Ja.“

„Keine Spur von schlaffen Muskeln. Und hier fühlt sich auch alles fest und kräftig an.“ Sie ließ die Hand über seine Brust gleiten. „Du hast keine Haare auf der Brust. Das gefällt mir.“

„Heißt das, du kennst dich aus mit Männern?“

„Der Blindenunterricht ist heutzutage sehr fortschrittlich“, erklärte sie betont ernsthaft. „Man wird umfassend aufgeklärt.“

Nach kurzem Zögern fragte er: „Umfasst die Aufklärung wirklich alles?“

„Na ja, beinahe alles.“

„Machst du dich über mich lustig?“

Es zuckte um ihre Mundwinkel. „Traust du mir das zu?“

„Da bin ich mir noch nicht sicher.“

„Gut, dann denk darüber nach. Wo war ich stehen geblieben?“

„Du warst dabei, meine Brust zu erkunden.“

„Das hat Zeit bis später, ich will nichts überstürzen.“

„Ich auch nicht“, stimmte er ihr zu, während sie die Finger über seine Oberschenkel gleiten ließ und jeden Augenblick ihrer Entdeckungsreise genoss.

„Du hast lange Beine“, flüsterte sie. „Zumindest glaube ich, dass sie sehr lang sind. Ich habe nicht viele Vergleichsmöglichkeiten.“

„Noch lieber wäre mir, du hättest gar keine, es sei denn, du hast praktische Erfahrungen im Anschauungsunterricht für Blinde gesammelt.“

Celia barg das Gesicht an seiner Brust und konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken. Endlich entspannte Francesco sich auch und fiel in ihr Lachen ein.

Dass es ihm schwerfiel, sich zu entspannen, hatte sie rasch gemerkt. Er war geradezu schockiert gewesen, als sie zum ersten Mal einen Scherz über ihre Blindheit gemacht hatte. Aber dann hatte er begriffen, wie sie es meinte.

„Dein Bauch fühlt sich straff und flach an, kein bisschen dick“, meinte sie, während ihre Finger die Reise fortsetzten.

„Da ist kein Bauch mehr, du fühlst ja an der falschen Stelle …“

„Soll ich aufhören?“

„Nein! Mach bitte weiter.“

Irgendwann sehr viel später schliefen sie vor Erschöpfung eng umschlungen ein und wachten erst nach zwei Stunden wieder auf.

„Ich bin hungrig“, stelle Celia fest.

„Ich auch. Ich mache uns etwas zu essen“, bot er an.

„Nein, das kommt nicht infrage. Ich weiß doch, wo alles ist“, versicherte sie ihm.

„Ja, das hast du gerade bewiesen …“

„Du bist unmöglich“, lachte sie und schlug spielerisch nach ihm. Zu ihrem Entsetzen traf sie ihn mitten ins Gesicht.

„Au!“ Seine Überraschung war nicht vorgetäuscht.

„Mein Liebling, das tut mir leid“, entschuldigte sie sich und küsste ihn liebevoll. „Das wollte ich nicht.“

„Rutscht dir öfter die Hand aus?“

„Ja, das liegt daran, dass ich blind bin. Und deshalb wirst du schon bald von blauen Flecken übersät sein.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“

„Weil es wahr ist. Du solltest dich von mir fernhalten, solange du es noch kannst.“

„Das meine ich nicht, sondern…“

„Du magst es nicht, wenn ich über meine Blindheit rede, stimmt’s?“

„Ja. Aber jetzt möchte ich endlich etwas essen.“

Celia machte Sandwichs und Kaffee und trug alles auf einem Tablett ins Schlafzimmer.

„Irgendwie stört es dich, wenn ich locker und unbekümmert darüber rede, dass ich blind bin, oder?“, kam sie auf das Thema zurück.

„Es irritiert mich, ich empfinde es als Tabubruch.“

„Ich nicht, ich rede darüber, wann und wie ich will. Das solltest du auch tun, denn was ich kann, kannst du auch.“

Dann lachten sie und liebten sich anschließend noch einmal.

Schon gleich zu Anfang ihrer Beziehung waren die ersten Warnsignale nicht zu übersehen gewesen. Sie waren jedoch zu verliebt, um ihnen Beachtung zu schenken.

„Es wird Zeit, dass du aufsteigst“, ertönte in diesem Moment Kens Stimme.

„Nur noch ein paar Minuten“, bat Celia ihn.

„Du warst lange genug unten. Hast du irgendwelche Schätze aus dem Piratenschiff entdeckt?“

„Nein, aber was nicht ist, kann ja noch kommen.“

Fiona war schon neben ihr, und gemeinsam stiegen sie auf.

„Wie war es?“, fragte Ken, nachdem sie an Bord gezogen worden war.

„Einmalig. Ich bin restlos begeistert und habe mich unglaublich frei gefühlt. Der Rest der Welt schien da unten nicht mehr zu existieren.“

„Ist das deine Vorstellung von Freiheit – allem zu entfliehen?“

„Ja, vor allem den Menschen mit all ihren Vorurteilen …“

„Ich glaube, es gibt Ärger“, meinte Ken. „Ich habe vorhin die Mitteilung erhalten, dass Francesco im Hafen auf dich wartet.“

„Wie hat er mich nur gefunden? Er konnte doch gar nicht wissen, wo ich bin.“

„Wahrscheinlich lässt er dich überwachen“, scherzte Ken.

„Das traue ich ihm sogar zu.“

„Was machen wir jetzt? Du hast einen ganzen Tag gebucht und bezahlt, und wir haben erst den halben hinter uns.“

Sie spielte kurz mit dem Gedanken, ihn zu bitten, noch weiter aufs Meer hinauszufahren. Aber sie unterdrückte die Regung und antwortete resigniert: „Lass uns zurückfahren. Früher oder später muss ich mich schließlich mit ihm auseinandersetzen.“

„Wieso musst du das?“ Fionas Stimme klang skeptisch. „Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Frauen brauchen sich nicht mehr von Männern unterdrücken zu lassen.“

„Er unterdrückt mich nicht.“ Celia seufzte. „Er ist sanft, liebevoll und will mich vor allem und jedem beschützen. Genau da liegt ja das Problem.“

„Meine Güte“, sagte Fiona mitfühlend.

Später, als sie sich dem Hafen näherten, verkündete Fiona: „Ich kann jetzt sein Gesicht erkennen. Auf mich wirkt er keineswegs sanft und liebevoll. Er scheint ziemlich wütend zu sein.“

„Gut. Dann brauche ich mich wenigstens nicht zu beherrschen und kann ihm vor Wut irgendetwas an den Kopf werfen.“

„Kannst du so genau zielen?“

„Ich brauche nicht zu zielen. Wenn er sieht, dass ich irgendeinen Gegenstand in die Hand nehme, um ihn in seine Richtung zu werfen, stellt er sich so hin, dass ich ihn treffe. Was soll ich mit diesem Mann machen?“ Celia machte eine hilflose Handbewegung.

„Ihn verlassen“, schlug Fiona vor. „Sonst wirst du verrückt.“

„Ich weiß, aber es ist eine ziemlich drastische Maßnahme.“

Celia lehnte sich an die Reling. Während sie dem Geräusch der Wellen und des Windes lauschte, wappnete sie sich für die bevorstehende Auseinandersetzung.

Als das Schiff anlegte, sprang Francesco ungeduldig an Bord, lief auf sie zu und nahm ihre Hand. „Ich bringe dich an Land. Wir fahren sofort nach Hause zurück“, verkündete er.

„Nein, ganz gewiss nicht. Das Essen an Bord ist im Preis inbegriffen, und ich bin hungrig.“

„Wir können unterwegs etwas essen.“ Er legte ihr eine Hand auf den Arm.

„Lass mich los, Francesco“, forderte sie ihn ärgerlich auf.

„Ich will dich doch nur in die richtige Richtung führen.“

„Für mich fühlt es sich eher so an, als wolltest du mich hinter dir her zerren. Lass mich bitte los. Ich bleibe zum Essen hier.“

„Wir können dir das Geld zurückzahlen, wenn du möchtest“, schlug Ken vor.

Es war gut gemeint, machte die Sache für sie aber nur noch schwieriger. Wenn sie sich jetzt weiterhin weigerte, mit Francesco das Schiff zu verlassen, würde man sie für kindisch und störrisch halten. Deshalb zauberte sie ein Lächeln auf die Lippen und gab nach.

Sie ließ sich von Francesco an Land helfen und zog sich in einer der Umkleidekabinen der Tauchschule um, während er davor auf sie wartete. Er hatte sich perfekt im Griff, Celia spürte jedoch seine unterschwellige Wut. Sie war genauso wütend wie er, ihr gelang es jedoch nicht, ihre Gefühle so geschickt zu verbergen.

Schließlich verabschiedete sie sich und bedankte sich bei Ken für den wundervollen Tag. „Selbstverständlich will ich kein Geld zurück. Es war ein großartiges Erlebnis, und ich hatte eine wunderschöne Zeit.“

„Also …“ Ken zögerte kurz. „Ich habe deinem Freund das Geld schon gegeben.“

„Wie bitte? Ohne mein Einverständnis?“

„Er wollte dir nur einen Gefallen tun“, versuchte Ken, sie zu besänftigen.

„Ich finde es unerträglich, dass er sich in meine Angelegenheiten einmischt. Wie viel hast du ihm gegeben?“

Er nannte ihr den Betrag und erhielt ihn prompt von ihr zurück. „Damit ist die Sache erledigt.“

„Celia, bitte …“

„Behalt es!“

Als er ihren entschlossenen Gesichtsausdruck sah, gab er nach.

„Gut, das wäre geklärt“, stellte sie fest. „Wo ist der Taxifahrer, der auf mich warten sollte?“

„Hier bin ich“, ertönte hinter ihr eine männliche Stimme. „Aber der junge Mann da drüben will mich unbedingt wegschicken. Er behauptet, er würde Sie mitnehmen. Ich wollte aber nicht einfach verschwinden, ohne Sie vorher zu fragen.“

Sie hatte große Lust, in das Taxi zu steigen und Francesco wie einen dummen Jungen hier stehen zu lassen. Doch ihr besseres Ich siegte. Es war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt für eine Auseinandersetzung.

„Okay, lassen Sie sich von ihm ein Trinkgeld geben“, erwiderte sie.

„Gut, dann auf Wiedersehen.“

„Vor dir muss man sich offenbar in Acht nehmen, stimmt’s?“ In Kens Stimme schwang leichte Belustigung mit.

Ihr Lachen klang etwas gequält. „Ja, auf jeden Fall. Man behauptet, ich würde die stärksten Männer in die Flucht schlagen.“

„Das möchte ich aber sehen. Aber da kommt Fiona mit Wicksy.“

Der Hund begrüßte sie stürmisch. „Entschuldige, mein Bester, dass ich dich stundenlang allein gelassen habe“, flüsterte sie an seinem Fell. „Auf das Schiff konnte ich dich nicht mitnehmen.“

„Er wäre sicher mit dir ins Wasser gesprungen.“

„Ganz bestimmt.“ Sie streichelte den Hund liebevoll.

„Bist du fertig?“ Francesco war jetzt zu ihnen getreten. „Ich möchte fahren.“

„Wo ist der Taxifahrer?“, fragte Celia betont unschuldig.

„Ich habe ihn weggeschickt.“

„Dazu hattest du kein Recht!“

„Er ist erst verschwunden, nachdem ich ihm ein großzügiges Trinkgeld gegeben habe.“

„Oh, ich bin schockiert.“

„Bemüh dich nicht, Überraschung zu heucheln. Ich habe gesehen, dass du mit ihm geredet hast. Es würde mich nicht wundern, wenn du ihn aufgefordert hättest, mich zu erpressen.“

„So etwas traust du mir zu?“

„Oh ja. Lass uns einsteigen.“ An den Hund gewandt fügte er hinzu: „Komm, mein Junge.“

Wicksy sprang auf den Rücksitz, während Celia sich auf den Beifahrersitz sinken ließ. Und dann spürte sie auch schon die kalte Nase des Hundes an ihrem Nacken. Es war seine Art, auf sich aufmerksam zu machen. Sie streckte die Hand aus und streichelte ihn.

Es tat ihr gut, den Hund um sich zu haben. Die Aufmerksamkeit des Tieres half ihr, den Ärger über Francescos eigenmächtiges Handeln zu verdrängen. Da sie eine lange Fahrt vor sich hatten, wollte sie im Auto nicht mit ihm streiten.

Auch er schien keinen Wert auf eine Auseinandersetzung zu legen und lenkte den Wagen schweigend durch den Verkehr. Doch nach einer halben Stunde Fahrt stieß er ärgerlich hervor: „Ich begreife das alles nicht. Was hast du dir dabei gedacht?“

„Ich wollte herausfinden, ob ich es schaffe.“

„Geht es dir jetzt besser, nachdem du es geschafft hast – was auch immer du damit meinst?“

„Es würde mir besser gehen, wenn du nicht alles verdorben hättest. Ich könnte dich genauso gut fragen, was du dir dabei gedacht hast. Aber das tue ich nicht, ich will auch keine Antwort darauf haben. Lass uns einfach nur nach Hause fahren – ohne zu streiten.“

Danach herrschte angespanntes Schweigen. Zorn, Ärger und alle die unausgesprochenen Worte schienen die Kluft zwischen ihnen zu vertiefen. Als sie endlich zu Hause ankamen, fühlte Celia sich völlig erschöpft.

Sie wohnten in ihrem Apartment. Es war so sehr auf ihre Bedürfnisse abgestimmt, dass es sinnvoll gewesen war, es zu behalten, als sie vor fünf Monaten zusammengezogen waren. Nach der ersten berauschenden Liebesnacht war es für sie und Francesco selbstverständlich gewesen, zusammenzuleben.

„Ich gehe mit Wicksy spazieren“, verkündete sie beim Aussteigen.

„Okay, ich begleite dich.“

„Nein!“ Ihre Stimme hatte einen scharfen Ton angenommen, was sie sogleich bereute. „Es tut mir leid, aber ich bin so angespannt, dass ich eine Zeit lang allein sein möchte.“

„Gut, ich warte in der Wohnung auf dich.“

Celia zog den Spaziergang absichtlich in die Länge. Sie ahnte, dass sie auf eine Krise zuschlitterten, und das machte ihr Angst. Wenn sie nicht vorsichtig waren, würden sie sich gegenseitig mit Worten zerstören. Sie wusste natürlich, dass sie sich dringend mit ihrem Problem auseinandersetzen mussten, und sie wollte die Konflikte auch anpacken. Zugleich schreckte sie davor zurück und redete sich ein, alles würde sich im Laufe der Zeit von selbst regeln. Vielleicht schlief er ja schon, wenn sie nach Hause kam.

Aber das war nur Wunschdenken, wie sie sich eingestand, als sie die Wohnung betrat. Ob es ihr gefiel oder nicht, ein klärendes Gespräch ließ sich nicht mehr aufschieben.

„Du warst lange weg“, bemerkte er leicht gereizt. „Ich wollte …“

„Nein, erzähl mir jetzt nicht, du seiest beunruhigt gewesen“, unterbrach sie ihn.

„Ist es denn verkehrt, sich Sorgen zu machen?“

„Du übertreibst es, das ist alles.“

„Ich habe gemerkt, wie angespannt du warst, und in dem dunklen Park …“

„Meine Güte, Francesco“, stöhnte sie. „Warum sagst du so etwas?“

„Was?“

„Was ist mit dem dunklen Park? Es macht für mich doch keinen Unterschied, ob es draußen hell oder dunkel ist. Wenn du so willst, lebe ich immer in Dunkelheit, obwohl ich es nicht so empfinde. Ich kenne mich damit aus, es ist für mich völlig normal. Warum gelingt es mir nicht, dir das begreiflich zu machen?“

„Ich habe es doch begriffen …“

„Das reicht mir nicht“, rief sie aus. „Ich bin weder hilflos noch krank. Aber deiner Meinung nach bin ich kein gleichwertiger Mensch.“

„Das stimmt nicht. Du bist anderen gegenüber etwas benachteiligt …“

„Nur was das Sehen angeht. In anderer Hinsicht habe ich den meisten Menschen viel voraus. Mein Gedächtnis funktioniert doppelt so gut wie deins, weil ich es trainiert habe, und aus den Stimmen der Menschen höre ich weit mehr als nur Worte. Einmal habe ich dir sogar eine Menge Ärger erspart. Vielleicht erinnerst du dich, dass ich dich vor einem Geschäftsmann gewarnt habe, mit dem du einen Vertrag abschließen wolltest? In seiner Stimme schwang etwas Undefinierbares, was mich stutzig machte. Du hast damals ziemlich arrogant reagiert und dich über meine Intuition lustig gemacht. Aber immerhin hast du mir vertraut und die Verhandlungen abgebrochen. Falls du es noch nicht weißt: Er sitzt gerade eine zweijährige Haftstrafe wegen Betrugs ab.“

„Ja, das ist mir bekannt. Ich wollte es dir erzählen und mich bedanken, dass du mich gewarnt hast. Ich hätte mir natürlich denken können, dass du es vor mir erfährst.“

„Ja. Vielleicht bin ich doch nicht so benachteiligt, wie du glaubst.“

Er seufzte und wanderte im Zimmer hin und her.

„Woher wusstest du eigentlich, wo ich heute war?“, fragte sie.

„Du hattest dich kürzlich auf dieser Party mit Ken übers Tauchen unterhalten, und ich war schrecklich eifersüchtig, bis ich merkte, wie harmlos euer Gespräch war. Du hast ihn einige Male angerufen, oder?“

„Ja, um den Termin zu vereinbaren.“

„So wie ich dich kenne, hast du alles sorgfältig geplant“, stellte er freudlos fest. „Du musstest ein Taxi bestellen, die Wohnung heimlich verlassen und ein Hotelzimmer buchen. Als ich deine Nachricht fand, habe ich Kens Tauchschule angerufen und erfahren, dass ihr schon auf dem Schiff wart.“

„Und dann bist du postwendend hinter mir hergefahren, um mir zu verbieten, ohne deine ausdrückliche Erlaubnis zu tauchen“, stieß sie ärgerlich hervor.

„Das ist für dich zu gefährlich.“

„Nicht gefährlicher als für jeden anderen. Ken hätte mich jederzeit an der Sicherungsleine aus dem Wasser ziehen können.“

„Aber du hast alles hinter meinem Rücken geplant.“ Die Verbitterung, die in seiner Stimme schwang, erinnerte Celia daran, wie verletzlich er war.

Ihr Ärger verpuffte. Verletzen wollte sie ihn nicht. Wie sehr wünschte sie sich, sie könnten sich noch so unbeschwert lieben wie zu Beginn ihrer Beziehung. Doch diese schöne Zeit war unwiederbringlich vorbei.

„Du hast mir keine andere Wahl gelassen“, erwiderte sie. „Ich musste es dir verheimlichen, weil du sonst ein mordsmäßiges Theater gemacht hättest, so wie jedes Mal, wenn ich etwas tun möchte, was ein bisschen außergewöhnlich ist.“

„Ein bisschen? Tiefseetauchen ist wirklich keine Kleinigkeit.“

„Stimmt. Aber ich kann die Gefahr einschätzen. Du kannst oder willst mir nicht vertrauen. Manchmal glaube ich sogar, du hasst es, wenn ich etwas ohne dich schaffe.“

„Meine Güte, weißt du, was du da redest?“

„Ich will wie ein erwachsener Mensch leben, ohne dich wegen jeder Kleinigkeit um Erlaubnis bitten zu müssen.“

„Ich bin nur um deine Sicherheit besorgt.“

„Das kannst du dir sparen. Ich möchte mich genauso frei fühlen und dieselben Risiken eingehen wie andere Menschen. Ehe ich dich kennenlernte, hatte ich diese Freiheit, und ich habe sie genossen. Sie ist mir wichtig. Aber du bist entschlossen, mich in einen goldenen Käfig zu sperren. So kann ich nicht leben, Francesco, auch nicht mit dir. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis, aus dem ich ausbrechen muss.“

„Das klingt ziemlich melodramatisch. Demnach bin ich so etwas wie ein Gefängnisaufseher, oder?“

„Ja, der freundlichste und liebenswerteste der Welt“, versuchte sie, dem Ganzen die Schärfe zu nehmen. „Ich weiß, dass du mich beschützen willst, weil du mich liebst. Doch ich muss meine Grenzen ausloten können, ohne dass du mich zurückhältst.“

„Das ist Unsinn, ich halte dich nicht zurück.“

„Wenn du mit irgendetwas nicht einverstanden bist, bezeichnest du es als Unsinn. Findest du das in Ordnung? Wenn ich etwas unternehmen oder ausprobieren möchte, will ich nicht ständig befürchten müssen, dass du mich zurückhältst.“

„So ist es doch gar nicht.“

„Francesco, hör mir bitte zu. Das wirklich Traurige an der Sache ist, dass ich den heutigen Tag gern mit dir verbracht hätte. Es wäre wunderschön gewesen, zusammen mit dir in die Unterwasserwelt einzutauchen. Ich war sogar nahe daran, dir von meinem Plan zu erzählen. Aber ich habe es nicht getan, weil du versucht hättest, es mir auszureden.“

„Ja, ich will dich nicht verlieren“, gab er zu.

„Begreifst du nicht, dass du mich so erst recht verlierst?“, fragte sie kläglich.

„Jeder Mann versucht, seine Frau oder seine Partnerin zu beschützen …“

„Deshalb muss er sie noch lange nicht an die Kette legen.“

Er atmete tief durch. „Das war gemein.“

„Stimmt. Entschuldige bitte, ich habe es nicht so gemeint.“

„Dann wüsste ich verdammt gern, wie du es gemeint hast.“

„Du sagst zu allem immer nur Nein.“

„Okay, vielleicht gehe ich manchmal zu weit“, gab er widerstrebend zu. „Aber ich erwarte nicht nur von dir, auf etwas zu verzichten, was du gern tun möchtest, sondern bin selbst zu Verzicht bereit.“

„Was soll das heißen?“

„Mein Geschäftspartner wollte eine Niederlassung in Neapel eröffnen …“

„Oh, in deiner Heimatstadt“, unterbrach sie ihn freudig. „Wann fliegen wir hin?“

„Gar nicht. Ich war dagegen.“

„Warum das denn?“

„Ich kann von dir nicht verlangen, mich nach Italien zu begleiten. Wie willst du in einem fremden Land zurechtkommen?“

„Hältst du mich für dumm oder ungeschickt? Hast du etwa vergessen, dass ich etwas Italienisch spreche?“

„Liebes, das reicht nicht, um …“

„Ich verstehe“, unterbrach sie ihn hart. „Du hast eine so wichtige Entscheidung allein getroffen, weil du meinst, ich sei der Sache nicht gewachsen. Wie kannst du es wagen?“

„Ich habe es nur aus Rücksicht auf dich getan.“

„Du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Ich bin kein Kind, Francesco, und ich bin weder zurückgeblieben noch hilflos. Hingegen bin ich es wirklich leid, mich von dir bevormunden zu lassen.“

„Am besten reden wir weiter, wenn du dich beruhigt hast.“

„Ich bin völlig ruhig und möchte, dass du gehst.“

„Wohin? Ich wohne hier.“

„Jetzt nicht mehr. Es funktioniert nicht mit uns beiden. Bitte, pack deine Sachen und verlass die Wohnung.“

„Du liebe Zeit, Celia, hör damit auf, ehe es zu spät ist!“

„Es ist schon lange zu spät“, flüsterte sie.

„Ich bedaure es, wenn ich zu weit gegangen bin. Aber uns verbindet so viel, dass du nicht ernsthaft …“

„Es ist vorbei“, fiel sie ihm ins Wort und versuchte, die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. „Geh bitte noch heute Abend, Francesco. Alles, was du jetzt nicht mitnehmen willst, kannst du später abholen. Aber geh jetzt.“

In der spannungsgeladenen Stille spürte sie deutlich, wie bestürzt er war. Er hatte verstanden, dass sie es absolut ernst meinte.

Plötzlich konnte sie die Ruhe nicht mehr ertragen. „Verschwinde!“, rief sie aus. „Verschwinde endlich!“

3. KAPITEL

„Verschwinde! Verschwinde endlich!“

Die Worte schienen in der Dunkelheit wie ein endloses Echo widerzuhallen, ehe Francesco endlich aus seinem Albtraum erwachte.

Er öffnete die Augen, richtete sich auf und versuchte zu verstehen, was um ihn her vorging. Wo bin ich?, überlegte er. Warum lag Celia nicht neben ihm im Bett?

Dann lichtete sich der Nebel in seinem Kopf: Er war in Neapel im Haus seiner Eltern, in der Villa Rinucci. Er war zurückgekommen und würde hierbleiben, bis er sich und sein Leben wieder im Griff hatte. Nichts war mehr in Ordnung, seit Celia ihn aus ihrer Wohnung hinausgeworfen hatte. Dennoch hatte er es irgendwie geschafft zu funktionieren, er hatte nach der Trennung rasch beschlossen, nun doch in Neapel eine Niederlassung seines Unternehmens zu gründen, denn in London wollte er nicht mehr bleiben. Als er seine restlichen Sachen abholte, waren sie wie Fremde miteinander umgegangen. Es war aus und vorbei; er musste sie vergessen.

Leichter gesagt als getan. Ihre letzten Worte schwirrten ihm andauernd durch den Kopf, Tag und Nacht. Aber nicht nur glaubte er ihre Stimme zu hören, wirklich erschreckend war das seltsame Gefühl, dass ein übermächtiger Bann auf ihm lag, aus dem er sich nicht lösen konnte.

Francesco stand auf und stellte sich ans Fenster. Über der Bucht kündigte sich die Morgendämmerung an. Ein bezauberndes Farbenspiel kündigte sich über der Bucht an, doch er hatte keinen Sinn für die Schönheit der Landschaft. Sich noch einmal hinzulegen war ebenso sinnlos, er würde doch nur von diesem Albtraum gequält. Während er noch überlegte, was er machen sollte, hörte er leise Schritte auf dem Flur. Das konnte nur Hope sein. Seine Mutter begriff einfach nicht, dass ein Mann von Ende dreißig nicht mehr wie ein Junge umsorgt werden wollte, auch wenn es noch so gut gemeint war.

Als sie vor seiner Tür stehen blieb, hielt er die Luft an und machte sich darauf gefasst, dass sie jeden Moment anklopfte. Natürlich liebte er seine Mutter, aber vor ihren Fragen fürchtete er sich. Er konnte sie nicht beantworten und wollte sich auch nicht damit auseinandersetzen.

Zu seiner Erleichterung ging sie weiter und ließ ihn allein in der hereinbrechenden Dämmerung, die die Dunkelheit in seinem Inneren nicht vertreiben konnte.

„Du schaust dir die Hochzeitsfotos immer wieder gern an, stimmt’s?“ Toni Rinucci betrachtete seine Frau liebevoll.

Hope blickte lächelnd auf. „Ja, ich finde sie faszinierend.“

„Es sind doch schon drei Monate seit Ruggieros Hochzeit vergangen.“

„Trotzdem sind die Fotos schön. Sieh dir doch Matti an.“

Ihr zweijähriger Enkel stand vor seinem Papa und seiner Stiefmutter Polly. Der aufgeweckte Junge hatte dem Brautpaar die Schau gestohlen und auf der Hochzeit im Mittelpunkt gestanden.

„In dem Anzug sieht er aus wie ein kleiner Engel“, meinte Hope gerührt.

„Ja. Man würde es kaum für möglich halten, dass er zehn Minuten später über und über mit Schmutz besudelt war“, erwiderte Toni ironisch.

„Er ist eben ein richtiger Junge. Oh, schau dir das an.“ Hope reichte ihm mit einem glücklichen Lächeln das Foto ihrer sechs Söhne. „Es tut gut, sie alle zusammen zu sehen.“ Sie seufzte. „Francesco war viel zu lange in Amerika und England. Aber jetzt ist er ja wieder da, wo er hingehört, zu Hause.“

Als Toni schwieg, warf Hope ihm einen prüfenden Blick zu. „Bist du anderer Meinung?“

„Ja, das bin ich. Er ist kein kleiner Junge mehr, er wird nicht lange bleiben.“

„Natürlich nicht, das ist mir klar“, räumte Hope ein. „Aber er wird sich in Neapel eine Wohnung suchen, sodass wir ihn öfter sehen.“

Nachdem Hope für sich und ihren Mann Kaffee gemacht hatte, setzten sie sich auf die Terrasse, von wo aus sie über den Golf von Neapel blicken konnten. Sie liebten die frühen Morgenstunden, wenn alles noch still im Haus war und sie über ihre Söhne, die wachsende Anzahl der Enkelkinder, den bevorstehenden fünfunddreißigsten Hochzeitstag und andere wichtige und unwichtige Dinge reden konnten.

„Eigentlich habe ich es anders gemeint“, nahm Toni das Gespräch wieder auf, während Hope ihm eine Tasse Kaffee einschenkte. Er liebte ihren Kaffee, er war so ganz nach seinem Geschmack. „Seine Rückkehr bedeutet nichts Gutes, das spüre ich.“

„Angeblich ist er nur wegen der Hochzeit gekommen“, wandte Hope ein.

„Ja, und wir dachten, er würde Celia mitbringen und anschließend nach England zurückfliegen. Aber er ist allein gekommen und geblieben. Warum hat er sich so plötzlich entschlossen, London den Rücken zu kehren? Dort ist er an einem Unternehmen beteiligt, dessen Umsätze ständig steigen, und er hatte sich eine erfolgreiche Karriere aufgebaut.“

„Sicher, doch in Italien, in seinem Heimatland, eine Niederlassung zu gründen, halte ich für eine gute Idee.“

„Dahinter steckt etwas ganz anderes“, vermutete Toni.

Hope nickte. „Das befürchte ich auch. Hoffentlich hat es nichts mit …“ Sie verstummte.

„Was wolltest du sagen?“ Toni nahm ihre Hand.

„Er hat so viel über Celia erzählt, bei jedem Anruf und in jedem Brief gab es fast kein anderes Thema. Ich war überrascht zu erfahren, dass sie blind ist, eigentlich ist er kein Mensch, der …“ Wieder unterbrach sie sich.

„Ich teile deine Bedenken und halte es für unwahrscheinlich, dass er auf Dauer mit einer Frau zusammenleben kann, die auf seine Hilfe angewiesen ist“, stimmte Toni ihr zu. „Eine Zeit lang dachte ich, ich hätte mich getäuscht, und war stolz auf ihn. Zum ersten Mal war er von einer Frau restlos begeistert.“

„Und plötzlich ist alles aus“, stellte Hope wehmütig fest. „Er ist ohne sie gekommen und hat sie in den drei Monaten seither mit keinem Wort erwähnt. Was mag wohl passiert sein?“

„Hast du eine bestimmte Befürchtung?“

„Ja … Er hat sie verlassen, weil seine Liebe zu ihr nicht groß genug war, um mit ihrer Behinderung zurechtzukommen. Es macht mich traurig, dass einer meiner Söhne so schäbig handelt.“

„Aber du warst anfänglich keineswegs begeistert über die Beziehung“, erinnerte Toni sie. „Du warst der Meinung, eine blinde Frau würde ihn in seiner Bewegungsfreiheit ein...

Autor

Lucy Gordon

Die populäre Schriftstellerin Lucy Gordon stammt aus Großbritannien, bekannt ist sie für ihre romantischen Liebesromane, von denen bisher über 75 veröffentlicht wurden. In den letzten Jahren gewann die Schriftstellerin zwei RITA Awards unter anderem für ihren Roman “Das Kind des Bruders”, der in Rom spielt.

Mit dem Schreiben...

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