Schicksalhafte Tage in Rom

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Nie hat Antonio der süßen Isabella verziehen, dass sie ihn mit seinem Bruder betrog – dennoch sucht der stolze Aristokrat ganz Rom nach ihr ab, um sie an Giovannis Sterbebett zu holen. Ihm wird klar, dass er sie trotz allem noch liebt. Dann erfährt er, dass sie Giovannis Kind erwartet …


  • Erscheinungstag 02.05.2024
  • ISBN / Artikelnummer 9783751529518
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Isabella Williams zuckte zusammen, als sie das Motorgeräusch eines schweren Sportwagens vernahm. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und fasste das Tablett fester, als könnte es ihr Halt geben.

Erst als das tiefe Brummen nicht mehr zu hören war, beruhigte sie sich wieder. Sie atmete tief durch, setzte ihre schwere Last auf den nächsten Tisch und wischte sich über die feuchte Stirn. Sie musste dringend ihre Fantasie zügeln: Ein Sportwagen fuhr vorbei, und schon bildete sie sich ein, Antonio Rossi sei ihr auf der Spur.

Allein die Vorstellung war abwegig. Ein Mann wie Antonio Rossi passte nicht in diesen schäbigen Stadtteil, und die Idee, er würde hier in Rom nach ihr suchen, war reines Wunschdenken. Antonio hatte sie bestimmt schon längst vergessen. Sie dagegen wurde die Erinnerungen an die wunderschönen Monate, die sie bei ihm verbracht hatte, nicht los.

Antonio entstammte nicht nur einer reichen Industriellenfamilie Roms, er sah auch blendend aus – er war der Traum einer jeden Frau. Als er sie im Frühjahr eines Morgens völlig überraschend und kommentarlos aus seinem Bett hatte befördern lassen, hatte die Nächste bestimmt schon vor der Tür gestanden.

Jetzt nur nicht weinen! Isabella riss sich zusammen, schluckte die Tränen hinunter und blickte auf die Uhr. Bis zum Ende ihrer Schicht dauerte es noch Stunden. Einfach freizunehmen, sich ins Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu ziehen, konnte sie sich nicht leisten. Sie brauchte jeden Euro, den sie in diesem schäbigen Straßencafé verdiente.

„Isabella, wie lange willst du eigentlich die Gäste an dem kleinen Ecktisch noch warten lassen?“, herrschte ihr Chef sie an.

Zu müde, um sich zu rechtfertigen, schloss sie kurz die Augen. Sie würde den Rest des Tages schon überstehen, sie musste sich einfach auf ihre Arbeit konzentrieren und eins nach dem anderen erledigen.

Langsam ging sie zu dem Tisch mit dem jungen Paar, das sie noch gar nicht vermisst zu haben schien, denn sie küssten sich und turtelten verliebt. Isabella biss sich auf die Lippe. Wie sehr sie die beiden beneidete, wie sehr sie Antonios leidenschaftliche Küsse vermisste! Doch sie machte sich keine Illusionen: Antonio würde sie niemals zurückhaben wollen – nicht, wenn er die Wahrheit erfuhr.

Je eher sie sich also die wunderbare Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, aus dem Gedächtnis strich, desto besser.

Mit heiserer Stimme fragte sie die Gäste nach ihren Wünschen. Obwohl sie im College Italienischkurse belegt hatte, waren ihre Sprachkenntnisse immer noch lückenhaft, und die sprachlichen Probleme machten ihr den Arbeitsalltag noch schwerer.

Es hatte eine Zeit gegeben, da war sie sich sicher gewesen, die Sprache bald perfekt zu beherrschen, da hatte sie davon geträumt, mit ihrem Charme und ihrer Intelligenz Rom im Sturm zu erobern. Abenteuer, eleganter Lebensstil und Liebe, alles, wonach sie sich sehnte, schien sie erreicht zu haben.

Doch sie hatte ihr Glück verspielt.

Jetzt arbeitete sie in diesem erbärmlichen Straßencafé und besaß kein Geld. Wenn die Leute sie überhaupt wahrnahmen, dann als billig gekleidete und unscheinbare Bedienung, die man schikanieren konnte. So viel zu ihren Träumen.

Um so zu leben, hätte sie nicht nach Rom kommen müssen, das hätte sie auch in Amerika haben können – und dort hätte sie wenigstens verstanden, was die Leute hinter ihrem Rücken über sie lästerten.

Hier wohnte Isabella in einem kleinen Zimmer über dem Café, das sich nicht abschließen ließ und in dem es keine Waschgelegenheit gab. Sie besaß nichts – außer einem dunklen Geheimnis und einem starken Überlebenswillen.

Isabella notierte die Bestellung und ging damit zur Küche. Sie würde noch mehr und härter arbeiten müssen, um in absehbarer Zeit das Geld für ein Ticket nach Amerika zusammenzubekommen. Sie sehnte sich nach ihrer Heimat, nach einer Welt, die ihr vertraut war und deren Spielregeln sie kannte. Dort würde es ihr gelingen, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen und ihr Studium erfolgreich abzuschließen.

Die Zeit der hochfliegenden Träume und großen Abenteuer war vorbei, ein sicherer Hafen schien ihr nun das größte Glück.

Doch die Zeit arbeitete gegen sie, denn sie würde sich nicht mehr lange so hart fordern können. Verzweifelt lehnte sie die Stirn gegen die Küchenwand und versuchte, die vulgären Schimpfworte ihres Chefs zu überhören.

Ganz bestimmt würde sie das Geld für den Flug aufbringen können, zurück in der Heimat würde sie einen Neuanfang wagen und alles besser machen. Sie hatte aus ihren Fehlern gelernt, das war das einzig Positive, was sich über die vergangenen Monate sagen ließ.

Antonio Rossi betrachtete das ärmliche Straßencafé in dem ebenso ärmlichen Viertel seiner Heimatstadt. Endlich würde er ihr gegenüberstehen: der Frau, die ihn und seine Familie beinahe in den Ruin getrieben hätte.

Er ging auf einen leeren Tisch zu, setzte sich und versuchte, sich auf die bevorstehende Auseinandersetzung vorzubereiten. Diesmal würde er sich nicht durch Isabellas unschuldige blaue Augen und ihre zerbrechliche Schönheit täuschen lassen. Diesmal würde er die Oberhand behalten.

Er lehnte sich zurück, streckte die Beine lang aus und schob seine Sonnenbrille etwas höher auf die Nase. Kritisch musterte er die Hauswand, von der die Farbe abblätterte, die wackeligen Stühle und die zerschlissene Markise. Was wollte Isabella an solch einem Ort?

Es ergab keinen Sinn. Er hatte ihr die Türen zu seiner Welt geöffnet, sie zu sich in sein Penthouse geholt, das Bett mit ihr geteilt, und sie von seinem Personal verwöhnen lassen.

Doch dann hatte sie heimlich mit seinem Bruder eine Affäre begonnen und alles zerstört.

Über diese Tatsache kam Antonio einfach nicht hinweg. Er hatte Isabella alles gegeben, doch anscheinend war es ihr nicht genug gewesen. Dem Vergleich mit seinem älteren Bruder Giovanni, dem eigentlichen Erben des Rossi-Imperiums, hielt er nicht stand – das war schon immer so gewesen.

Ein halbes Jahr war es jetzt her, dass Giovanni ihm in betrunkenem Zustand alles gebeichtet hatte. Das war das Letzte, was er von seinem Bruder gesehen hatte, mit Isabella hatte er nicht mehr geredet, gleich am nächsten Morgen hatte er sie von seinen Bodyguards aus dem Penthouse werfen lassen. Eigentlich hätte sie Schlimmeres verdient gehabt.

Jetzt kam Isabella aus der Tür, ein Tablett mit zwei Tassen Cappuccino in den Händen. Sosehr er sich auch innerlich auf ein Wiedersehen vorbereitet hatte, reagierte er doch anders als gewollt.

Sie trug ein verwaschenes T-Shirt, einen kurzen Jeansrock und die Spitzen ihrer Ballerinas waren abgestoßen, dennoch verschlug ihm ihr Anblick den Atem, und sein Begehren flammte auf. Ein Blick auf ihre nackten Beine genügte, und Erinnerungen wurden lebendig. Wie oft hatte Isabella ihm die Schenkel um die Hüften gelegt und ihn aufgefordert, sie noch stürmischer zu lieben!

Er kniff die Augen zusammen, um die Bilder zu verscheuchen. Ein zweites Mal würde er Isabellas Zauber nicht verfallen. Er hatte ihr bedingungslos vertraut, hatte sie für naiv und unschuldig gehalten. Diesen Fehler würde er nicht wiederholen.

Mit grimmiger Miene beobachtete er, wie Isabella das Pärchen an dem kleinen Ecktisch bediente. Sie hatte sich verändert. Das letzte Mal hatte er sie gesehen, als sie neben ihm eingeschlafen war, erschöpft von der Liebe, die Wangen gerötet, das herrliche blonde Haar zerzaust.

Jetzt war sie blass und sah überanstrengt aus. Ihr Haar, streng aus der Stirn gekämmt und lieblos im Nacken mit einem Gummi zusammengefasst, wirkte stumpf. Auch von ihren verführerischen Rundungen war nichts mehr zu erkennen. Sie war abgemagert und nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Antonio lächelte zufrieden. Sie schien durch die Hölle gegangen zu sein. Gut so, denn da gehörte sie hin.

Er hatte Isabella für süß und rein gehalten, ihr Erröten und schüchternes Lächeln hatten ihn mitten ins Herz getroffen und seinen Beschützerinstinkt geweckt. Doch alles war nur Schau gewesen, Isabella war nichts weiter als eine begnadete Schauspielerin und brillante Intrigantin. Diese kleine Amerikanerin hatte selbst die egozentrischen und materialistischen Frauen seiner Kreise in den Schatten gestellt.

Deren Ränke waren für Antonio durchschaubar, er wusste, dass sie ihn belogen und betrogen. Für sie war er lediglich Mittel zum Zweck, um näher an Giovanni, den Erben der Rossimilliarden, heranzukommen.

Isabella dagegen hatte er für liebevoll und warmherzig gehalten, er hatte sich von ihrer engelsgleichen Schönheit täuschen lassen. Er war fest davon überzeugt gewesen, für sie der Mann des Lebens zu sein – doch sie hatte hinter seinem Rücken seinen Bruder verführt …

Mit gesenktem Kopf, Block und gezückten Stift in den Händen, trat sie an seinen Tisch. „Sie wünschen?“, fragte sie, ohne aufzusehen.

Selbst ihre Stimme klang anders, müde und heiser. Antonio lehnte sich zurück.

„Hallo, Bella.“

Nein, das darf nicht wahr sein!

Abrupt blickte Isabella auf. Sie hatte sich nicht getäuscht, der vermeintliche Gast war Antonio Rossi höchstpersönlich.

Sie schluckte. Was hatte ihn in dieses Straßencafé geführt? Was hatte ein Milliardär in solch einem armseligen Viertel zu tun??

Panik ergriff sie.

Weiß Antonio Bescheid?

Sie starrte ihn an wie das Kaninchen die Schlange. Er trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug, weißes Hemd und Krawatte. Doch selbst diese konservative, korrekte Kleidung konnte seine kraftvollen Muskeln nicht verbergen oder seine sinnliche Ausstrahlung mindern. Antonio Rossi war der erotischste Mann, der ihr je unter die Augen gekommen war.

Antonio Rossi war allerdings auch der niederträchtigste Mann, der ihr je unter die Augen gekommen war.

Isabella rang nach Atem. Was wollte er von ihr? Was immer es sein mochte, es würde als Demütigung für sie enden, das ahnte sie.

Es war verwegen von ihr gewesen, sich mit einem Mann wie ihm überhaupt einzulassen. Er war genau der Typ, vor dem sie ihre Mutter immer gewarnt hatte. Für ihn waren Frauen nur ein Spielzeug, das man achtlos in die Ecke warf, wenn sich etwas Interessanteres bot.

Aber obwohl sie Antonio von Anfang an durchschaut hatte, war sie seiner Faszination erlegen. Wie die Motte war sie ins Licht geflogen und hatte sich die Flügel verbrannt.

Doch selbst diese Erfahrung schien sie nicht zur Einsicht gebracht zu haben: Isabella spürte, wie sie mit jeder Faser ihres Körpers auf Antonio reagierte. Es gelang ihr noch nicht einmal, den Blick von ihm zu wenden.

Der Ausdruck seiner Augen blieb ihr hinter der Sonnenbrille verborgen, doch sein Gesicht wirkte noch ebenso markant und energisch, wie sie es in Erinnerung hatte. Antonios Gesichtszüge waren zu hart, um sie als schön bezeichnen zu können, trotzdem sah er einfach umwerfend aus und ließ mit seiner dunkle Ausstrahlung jede Frau schwach werden.

„Was willst du hier?“, fragte sie und bemerkte erschrocken, wie unnatürlich schrill ihre Stimme klang.

„Dich sprechen.“

Isabellas Knie drohten nachzugeben. Nie hätte sie damit gerechnet, Antonio wiederzusehen oder gar mit ihm zu reden. Es war aus und vorbei zwischen ihnen, darüber machte sie sich keine Illusionen.

Antonio lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Abschätzend ließ er den Blick über ihre abgemagerte Figur und die billige Kleidung gleiten. Isabella schlug das Herz bis zum Hals. Wie viel weiß er?

„Wir haben nichts zu besprechen. Bitte geh!“ So schwer ihr diese Worte auch fielen, sie waren in ihrer Situation die einzig vernünftigen.

„Bella!“, warnte er sie.

Antonio war der einzige Mensch, der sie je so genannt hatte. Mit diesem Kosenamen hatte er sie liebevoll begrüßt, wenn er nach Hause kam, und ihn gerufen, wenn sie mit ihm den Höhepunkt der Lust erreichte. Jetzt dagegen klangen Wut und Verachtung aus seiner Stimme.

„Ich weiß wirklich nicht, was du von mir willst“, erwiderte sie verzweifelt.

Mit einer ungeduldigen Geste schob er die Sonnenbrille auf die Stirn und sah ihr direkt in die Augen. „Wie wäre es zum Beispiel mit einer Beileidsbekundung?“

Isabella rang nach Atem. Antonios Blick bohrte sich in ihr Herz. Seine dunklen Augen wirkten fast schwarz vor Erbitterung und Schmerz. Wenn sie jetzt etwas Falsches sagte, würden all seine angestauten Emotionen hervorbrechen.

„Ich habe gerade erst von dem schrecklichen Autounfall erfahren“, antwortete sie vorsichtig. „Ich drücke dir mein Mitgefühl für deinen schmerzlichen Verlust aus.“

Er kniff die Augen zusammen. „Was für eine herzergreifende Trauerrede auf einen verflossenen Lover!“, spottete er. „Anscheinend habt ihr euch nicht gerade im Guten getrennt. Was ist passiert? Hast du ihn ebenso betrogen wie mich?“

Er weiß es also nicht! Erleichtert atmete Isabella auf. „Giovanni und ich hatten zu keinem Zeitpunkt eine Beziehung“, hielt sie ihm entgegen. Block und Stift vor die Brust gepresst wich sie zurück.

„Bella, noch ein Wort, und ich …“

„Signorina!“, rief der Mann vom Ecktisch. „Wir hatten doch noch etwas bestellt!“

„Ich bringe es sofort!“ Blitzschnell drehte sich Isabella um, um sich in die Küche zu flüchten.

Antonio jedoch durchschaute ihre Absicht, sprang auf und hielt sie an der Schulter fest. Sie war zu schwach, um sich zu wehren. Ihre Beine drohten den Dienst zu versagen, und ihr Magen rebellierte. Die harte Arbeit und die ständigen Sorgen forderten ihren Tribut: Sie war ausgebrannt. Mit gesenktem Kopf wartete sie auf Antonios nächste Worte.

„Du entkommst mir nicht, lange genug habe ich dich suchen müssen, dein Versteck ist wirklich clever ausgedacht“, sagte er gefährlich leise.

„Was ist los mit dir, Isabella? Wo bleibst du nur?“, wurden seine Worte durch das Schimpfen des Wirts übertönt.

„Gleich, ich komme sofort“, rief sie zurück, obwohl sie nicht in der Lage war, sich von der Stelle zu bewegen. Wenn Antonio sie berührte, wurde sie willenlos – daran hatte sich nichts geändert.

Es flimmerte ihr vor den Augen, und sie schluckte krampfhaft. Warum musste Antonio sie ausgerechnet zu einem Zeitpunkt finden, an dem sie sich in einem absoluten Tief befand?

„Ich weiß nicht, weshalb du dir die Mühe gemacht hast, nach mir zu suchen. Du bildest dir doch ein, ich hätte mit dir und deinem Bruder gleichzeitig geschlafen.“

„Das hat mit Einbildung nichts zu tun, es ist eine Tatsache. Du warst seine Geliebte, und deshalb hat er dich in seinem Testament bedacht.“

Isabella schwieg. Sie hatte einen Fehler gemacht, das konnte sie nicht abstreiten. Sie hatte Giovanni falsch eingeschätzt, hatte ihn für einen echten Freund gehalten, für einen Menschen, der zu ihr stand und ihr in einer Notlage half. Seinen wahren Charakter hatte sie erst erkannt, als es bereits zu spät war.

„Lass mich zufrieden, Antonio. Du hast keine Ahnung, was gelaufen ist.“

„Ich gehe sofort – allerdings nur mit dir zusammen. Du musst bei einem Notar mehrere Unterschriften leisten.“

Nur das nicht! Antonio wollte nur eins, sie demütigen und sich an ihr rächen, das war ihm anzusehen. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht gönnen, so viel Kampfesgeist besaß sie noch.

„Erzähl deiner Familie, du hättest mich nicht gefunden, und spende das Geld für einen wohltätigen Zweck.“ Erleichtert fühlte sie, wie er die Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.

Ungläubig sah er sie an. „Du scheinst nicht zu wissen, um welchen Betrag es sich handelt.“

„Das spielt auch keine Rolle, ich will kein Geld.“ Sie hätte es zwar gut gebrauchen können, aber nicht, wenn es von Giovanni kam. Bestimmt war es mit hinterhältigen Auflagen verbunden – aus reiner Menschliebe verschenkte ein Mann wie er nicht einmal einen einzigen Cent.

„Isabella!“, schrie der Wirt aus der Küche. „Muss ich dir erst Beine machen?“

Sie drehte sich so hastig um, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Sie schwankte und hielt sich in ihrer Not an Antonio fest.

„Ist dir nicht gut?“ Wie durch dichten Nebel drang seine Stimme zu ihr.

„Ich … ich habe letzte Nacht schlecht geschlafen“, erklärte sie, ohne ihn dabei anzusehen. Er sollte nicht merken, wie schlecht es ihr in Wirklichkeit ging, denn es war ihr nicht entgangen, wie durchdringend er sie die ganze Zeit musterte. Antonios untrügliche Instinkte hatten ihn zu einem der erfolgreichsten Geschäftsmänner Italiens werden lassen, und wenn sie noch länger blieb, würde er die Wahrheit bald herausfinden.

„Lass mich schnell bedienen, dann haben wir Zeit füreinander“, beschwichtigte sie ihn und eilte in Richtung Küche.

Nachdem sie serviert hatte, brachte sie das Tablett an den gewohnten Platz neben der Küchentür zurück. Isabella wusste, dass Antonio von seinem Tisch aus sie hier nicht sehen konnte. Schnell duckte sie sich, rannte durch den Lieferanteneingang auf die Straße, um von hinten wieder ins Haus und in ihre Wohnung über dem Café zu gelangen.

Trotz der stechenden Schmerzen in der Brust verlangsamte sie ihr Tempo nicht und hastete zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf. Ausruhen konnte sie später, jetzt musste sie alles geben, um Antonio zu entkommen. Mittlerweile musste er ihre Abwesenheit bestimmt schon bemerkt haben.

Sie riss die Tür auf und griff ihren Rucksack, der auf der klumpigen Matratze des schmalen Bettes lag. Sie hatte den Schulterriemen noch nicht ganz in der Hand, als hinter ihrem Rücken die Tür mit lautem Knall ins Schloss fiel.

Im Zeitlupentempo drehte Isabella sich um. Ruhig atmend lehnte Antonio lässig am Türrahmen.

„Du enttäuschst mich, Bella.“ Zynisch musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Wo ist deine Erfindungsgabe geblieben? Im Gegensatz zu früher sind deine Einfälle ausgesprochen fantasielos.“

„Ich … ich …“ Rote Kreise tanzten ihr vor den Augen, ihre Glieder fühlten sich an wie Blei und ihr Mund war ausgetrocknet.

Antonio richtete sich auf und kam auf sie zu. „Schluss jetzt mit deinen Spielchen, du führst mich nicht länger an der Nase herum. Komm!“

Seine letzten Worte verklangen ungehört. Ohnmächtig sank Isabella in sich zusammen.

2. KAPITEL

„Bella!“ Noch ehe Isabella sich hätte verletzen können, fing Antonio sie auf.

Wie leicht sie war und wie zerbrechlich!

Vorsichtig ließ er sie auf die Matratze gleiten, kniete sich dann neben das Bett und strich Isabella das Haar aus dem erschreckend blassen Gesicht. Unter ihren geschlossenen Augen lagen bläuliche Schatten.

Er richtete sich etwas auf und blickte sich in dem winzigen Raum um. Von den Wänden blätterte die Farbe, und es roch nach abgestandenem Essen. Außer dem Bett gab es buchstäblich nichts, weder Tisch noch Stuhl noch Kühlschrank, keine Spüle, geschweige denn Geschirr. Er konnte ihr noch nicht einmal etwas zu trinken bringen!

Wie konnte sie in diesem Loch leben? Warum blieb sie hier, wenn ihre Heimat eigentlich Kalifornien war?

„Bella?“, wiederholte er und streichelte ihre Wange. Die Haut fühlte sich weich und viel zu kühl an.

Isabella reagierte auf die Berührung, sie öffnete zwar nicht die Augen, murmelte jedoch einige unverständliche Worte.

Antonio betrachtete sie misstrauisch. Machte sie ihm etwas vor? Wollte sie ihn durch eine List zum Rückzug bewegen? Dann hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

„Isabella!“, rief er mit scharfer Stimme.

„Lass mich zufrieden!“, erwiderte sie benommen, drehte sich zur Seite und zog die Knie an die Brust.

Wären die Verhältnisse anders, er hätte nichts lieber als das getan.

Er hätte sich umdrehen und gehen sollen, als er sie das erste Mal erblickt hatte …

Es war Anfang März gewesen, und er war in Begleitung seines Sekretärs aus dem Büro gekommen. Die Sonne schien, aber es war empfindlich kalt.

Als er in dem hellen Licht blinzeln musste, hatte er eine Vision, die ihm den Atem verschlug. Abrupt blieb er stehen.

Am Rande des Gehwegs stand eine junge Frau in Röhrenjeans, blond, in kniehohen Stiefeln und Lederjacke.

Er kannte etliche schöne Frauen, doch die Unbekannte fiel aus dem Rahmen. Sie wirkte unnahbar, gleichzeitig jedoch provozierend. Lag das an ihrem energischen Kinn, der schräg in die Stirn gezogenen schwarzen Baskenmütze oder dem flammend roten Schal? Antonio wusste es nicht, doch er war verzaubert.

„Sir?“, fragte sein Sekretär verunsichert.

Antonio nahm ihn kaum wahr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt der blonden Schönheit, die einen Stadtplan vor sich hielt und von einer Seite auf die andere drehte. Offensichtlich hatte sie Orientierungsschwierigkeiten.

Schließlich zuckte sie die Schultern, faltete den Plan zusammen, verstaute ihn in ihrem Rucksack und setzte ihren Weg fort.

Was Antonio faszinierte, war nicht nur ihr Aussehen, sondern vor allem ihre Ausstrahlung. Die Fremde wirkte, als sei sie zu jedem Abenteuer bereit, und sie einfach ziehen zu lassen, kam ihm plötzlich vor wie eine Riesendummheit. Er würde es sein Leben lang bereuen.

„Sagen Sie die Besprechung ab!“, befahl er schroff.

„Wie bitte?“ Für seinen Sekretär schien eine Welt zusammenzubrechen.

Doch Antonio kümmerte sich nicht um ihn, ebenso wenig wie er seinen Chauffeur beachtete, der schon an der schwarzen Limousine stand und ihm die Tür aufhielt. Zielstrebig folgte Antonio der Unbekannten.

Wie sie ihr Haar schüttelte und sich in den Hüften wiegte! Sein Puls beschleunigte sich. Jetzt wandte sie den Kopf und sah ihn über die Schulter an. Ihre Blicke trafen sich, und Antonio bemerkte das überraschte Aufblitzen in ihren herrlich blauen Augen. Anstatt zur Seite zu schauen und weiterzugehen, drehte sie sich um und kam auf ihn zu.

„Mi scusi“, sprach sie ihn ohne jede Scheu und mit fester, klarer Stimme an. „Sprechen Sie Englisch?“

Autor

Susanna Carr
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