Sexy, rau und hemmungslos

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Ausgerechnet einen zwielichtigen Boxclub hat die romantische Jenna geerbt. Ganz klar: Sie wird dort stattdessen eine Partnervermittlung eröffnen. Vorausgesetzt, sie kann sich gegen den sexy Boxer durchsetzen, der mit vollem Körpereinsatz für den Erhalt des Clubs kämpft...
  • Erscheinungstag 04.05.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733752309
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Auf die Absätze hätte ich verzichten sollen!

Jenna bereute es, diese Schuhe angezogen zu haben. Zwar hatte sie in den letzten zehn Minuten von drei ihr völlig Unbekannten Komplimente bekommen, aber Bostons alte Straßen mit ihrem Kopfsteinpflaster waren einfach nicht für hohe Absätze geeignet. Wahrscheinlich gab es hier in der Stadt eine ganze Armada von Spezialärzten für Knöchelverletzungen.

Endlich stand Jenna vor einem fünfstöckigen Gebäude, das sie bis jetzt nur von Fotos kannte. Ursprünglich war es eine Strumpffabrik gewesen, doch heute befanden sich in den umgebauten Räumen viele kleinere Unternehmen.

Jenna versuchte, sich über dem Eingang ein neues Schild vorzustellen, doch eine Gruppe von Joggern zwängte sich an ihr vorbei und rief ihr in Erinnerung, dass es bereits neun Uhr war. Hier in Downtown war das sicher nicht die richtige Zeit für Tagträume.

Entschlossen betrat sie das Haus. Es war ein warmer Augusttag, und die Kühle in dem breiten Flur war angenehm. Der alte Holzboden war immer noch schön und bildete einen hübschen Kontrast zu den roten Ziegelwänden.

Hoffnungsvoll lächelnd umfasste sie ihre Handtasche etwas fester. Mit ein bisschen Renovierung, geschickter Beleuchtung und ein paar Grünpflanzen konnte dieser Raum sehr stylisch wirken.

Rechts von ihr lagen in einer alten, verstaubten Glasvitrine Boxhandschuhe, Shorts, ein Lederhelm, Mundschutz und Trinkflaschen.

Auch diese Boxerausrüstung gehört jetzt dir, dachte sie. Es kam ihr seltsam und fast unwirklich vor, Einblick in diese Welt zu bekommen.

Hastig verdrängte sie diese Gedanken und malte sich aus, wo sie eine Sitzgruppe platzieren konnte, und stellte sich vor, wie hier hoffnungsvolle und aufgeregte Menschen darauf warteten, dass Jenna ihnen half, ihre romantischen Träume zu verwirklichen.

Nur noch ein paar Monate, dann würde hier Bostons Filiale von Spark entstehen, einer Partnervermittlung, die in letzter Zeit in jeder Stadt New Englands Fuß fasste.

Jenna war die neueste Franchise-Nehmerin.

Im Gegensatz zu allen Online-Partnervermittlungen ging es bei Spark fast schon altmodisch zu, doch genau das gefiel Jenna. Für spontane Handlungen war das Internet perfekt, zum Beispiel für Schuhe, die man aus eine Laune heraus kaufte, obwohl man sie nie anprobiert hatte, aber beim Liebesleben sollte man nicht blindlings eine Entscheidung treffen. Schon bald würde Jenna ihren Kunden den richtigen Weg zeigen.

Am Ende des Foyers führte eine breite Treppe nach unten. An der Wand hing ein Banner von Wilinski’s Fight Academy. Über diese Hälfte ihrer Erbschaft war Jenna weniger glücklich. Der Anblick des Banners holte sie schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurück.

Hinter ihr öffnete und schloss sich die Eingangstür, und Jenna verspannte sich, als ein bulliger Mann mit einer großen Sporttasche wortlos an ihr vorbeiging und über die Treppe im Untergeschoss verschwand.

Von einer Sekunde zur anderen waren all die Zweifel wieder da, die sie schon seit Monaten quälten.

Links von ihr befand sich ein Büro. Durch die großen Fenster zum Foyer sah sie einen Mann am Schreibtisch vor einem Laptop. Wenn das derjenige war, für den sie ihn hielt, dann erwartete er Jenna. Leider hatte sie keine guten Nachrichten für ihn.

Noch einmal atmete sie tief durch und musterte ihren Gegner durch die Scheibe, bevor sie sich bemerkbar machen würde.

Er war um die dreißig, sein braunes Haar war kurz geschnitten. Die muskulösen Oberarme und der breite Oberkörper verrieten ihr, dass auch er sich häufig im Keller prügelte. Obwohl er es sicher als Sport bezeichnen würde.

Beim Anblick seines Körperbaus schlug ihr Herz automatisch schneller. Das ist nur die Nervosität, beruhigte sie sich.

Ein Lover mit so einem Körper wäre der Wahnsinn, aber dieser Mann würde schon bald ihr Gegner sein, spätestens dann, wenn sie ihm ihre Pläne eröffnet hatte.

Er sah hoch und musterte sie von Kopf bis Fuß, bevor er sich erhob. Trotz seiner strengen, nachdenklichen Miene schienen seine Augen sich einen Sekundenbruchteil zu weiten.

„Jenna?“

Sie betrat das Büro. „Ja. Mercer Rowley?“

„Der bin ich. Schön, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“

Er kam um den Tisch herum und gab ihr die Hand. Seine Finger fühlten sich stark an, die Haut war rau. Genau so einen Händedruck hatte Jenna erwartet. Stark und rau, so wie sicher auch sein Charakter.

Allerdings war er jünger, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Sie hatte damit gerechnet, dass ihr Vater die Geschäftsführung irgendeinem alten, gescheiterten Boxer übertragen hätte, einem wie ihm selbst. Das Bild ihres Vaters, das Jenna sich aus den Schilderungen ihrer Mutter und allem, was sie im Internet gefunden hatte, gebildet hatte, war nicht gerade sehr schmeichelhaft.

Mercer zog einen alten Drehstuhl heran und beobachtete Jenna, während sie sich setzte. „Wow! Jenna Wilinski. Sie haben die Augen von Ihrem Dad.“ Sein Blick glitt an ihrem Körper entlang, eher abschätzend als verlangend.

Das kann ich auch, dachte sie, straffte die Schultern und ging in Gedanken den Leitfaden durch, den sie im letzten Monat beim Seminar für Partnervermittler gelernt hatte.

Mercer hatte die typische Nase eines Boxers, die sicher mehrfach gebrochen war, und auch die typischen Ohren. Eine seiner Augenbrauen war von einer Narbe durchzogen. Der Mann atmete tief und regelmäßig, also blieb er auch unter Druck ruhig. Eine ängstliche Frau würde bei ihm Sicherheit finden, eine chaotische die nötige Ruhe. In seinem Job ging es um den Kampf von Mann gegen Mann, was für Ehrgeiz und Leidenschaft stand. Allerdings hätte Jenna sicher Schwierigkeiten, eine reizvolle Umschreibung für gelegentliche Veilchen und Blutergüsse zu finden.

„Mein Vater hat Ihnen also die Geschäftsleitung übertragen.“

Er nickte. „Ich trainiere hier, seit ich fünfzehn war. Vor drei Jahren habe ich das Training einiger Jungs übernommen, und um die Bücher habe ich mich auch gekümmert. Ihr Dad hat mich seit letztem Jahr darauf vorbereitet, seit er ins Krankenhaus musste.“

Ihr Magen verkrampfte sich. Dieser Mann hatte ihren Vater besser gekannt als sie und gewusst, dass ihr Vater starb, während sie ihren Vater nur von einer Handvoll Fotos kannte, auf denen er sie als Baby hielt oder als kleines Kind auf den breiten Schultern trug. Sie kannte die Schlagzeilen von damals, als er vor fünfzehn Jahren wegen Drogenhandels und Geldwäsche verurteilt worden war. Im Berufungsverfahren war das Urteil aus Mangel an Beweisen aufgehoben worden, obwohl fast jeder von Monty Wilinskis Schuld überzeugt gewesen war.

„Tja, willkommen. Dies hier ist Ihr Erbe.“ Mercer breitete die Arme aus. „Mögen Sie Kampfsport? Wollen Sie die Trainingsräume sehen?“

„Nein, kein Interesse.“

Sein Lächeln wirkte nachsichtig. Wahrscheinlich könnte er ziemlich gut aussehen, wenn er etwas eitler wäre und nicht so gewalttätig, dachte sie. Markant, so würde sie ihn beschreiben, wenn sie ihn zu einem Date vermitteln würde. Gefährlich und auf eine ganz eigene Art sexy. Unter seinem eindringlichen Blick fühlte Jenna sich fast nackt.

„Ihr Dad hatte schon geahnt, dass das alles Sie nicht interessieren würde. Trotzdem ist es nett, dass Sie den weiten Weg nach Boston gekommen sind, um sich anzusehen, was jetzt Ihnen gehört. Ich führe den Laden gern weiter. Keinerlei Probleme für Sie.“

Sie beschloss, die Katze aus dem Sack zu lassen. Es hatte keinen Sinn, lange um den heißen Brei herumzureden. „Laut Testament bin ich verpflichtet, den Betrieb des Sportclubs aufrechtzuerhalten. Aber nur bis Ende des Jahres.“ Eine eisige Ruhe erfüllte sie, als sie es aussprach.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Mercer etwas sagen konnte. „Und was dann? Sie wollen den Boxclub doch nicht schließen, oder?“

„Ich weiß noch nicht.“ Es gefiel ihr selbst nicht, wie hart und verbissen sie klang, aber sie wollte zumindest so tun, als sei sie zu harten Entscheidungen fähig. „Es könnte dazu kommen. Seit eineinhalb Jahren wirft er keinen Gewinn mehr ab.“

Mercer runzelte die Stirn. „Wir haben aber auch keine Verluste. Ihr Dad war lange krank, die Leute müssen sparen, das war eine Durststrecke. Das wird sich bald wieder ändern. Lassen Sie den Club laufen und machen Sie sich weiter keine großen Gedanken. Abgesehen von irgendeiner Unterschrift ab und zu brauchen Sie nichts zu tun, als die Geldeingänge auf Ihrem Konto in Kalifornien zu betrachten.“

„Heute früh bin ich hierher nach Boston umgezogen.“

Verdutzt sah er sie aus seinen braunen Augen an. „Wollen Sie das Gebäude verkaufen? Die Marktpreise sind im Moment nicht …“

„Ich will nicht verkaufen. Falls ich den Club schließe, werde ich das Untergeschoss wahrscheinlich an eine andere Firma vermieten.“ Sie deutete in dem Büro umher. „In diesem Stockwerk hier werde ich meine eigene Firma eröffnen.“

„Sie wollen ein etabliertes Unternehmen schließen, um das Risiko eines völlig neuen einzugehen?“

Jenna konnte den Gong zur ersten Runde fast hören. Fight! „Ich habe alle Ersparnisse in ein Franchise-Unternehmen investiert und ich will nicht verarmen, indem ich den Sportclub am Leben erhalte. Wenn ich das Untergeschoss vermiete, könnte mir das zehntausend Dollar pro Monat einbringen. Könnte der Boxclub auch einen solchen Gewinn abwerfen?“

Man sah ihm die Enttäuschung deutlich an.

„So viel hat er noch nie eingebracht.“

Sie kannte die Geschäftsberichte der letzten zehn Jahre und wusste, dass das stimmte. Nur weil ihrem Vater das Gebäude gehört hatte und weil er diesen Sport so sehr geliebt hatte, existierte der Club überhaupt noch. Nach dem Skandal waren die Mitgliederzahlen gesunken und die Sponsoren waren abgesprungen.

Dieser Sportclub hatte ihm zweifellos mehr bedeutet als seine Familie.

In der Anfangszeit hätten Jenna und ihre Mutter das Geld dringend gebraucht. Sie waren quasi obdachlos gewesen, alle paar Monate umgezogen und hatten sich bei immer anderen Verwandten einquartiert.

„Wenn sich nichts dramatisch ändert, stellt dieser Sportclub eine finanzielle Belastung dar, die ich mir nicht leisten kann.“

„Es ist Ihr Erbe.“

„Das Gebäude. Ich halte mich gern an die Bedingungen im Testament, indem ich den Club bis Ende des Jahres nicht schließe.“

Zugegeben, es gab schönere Straßen in diesem lebendigen Viertel, aber Jenna brauchte hier keine Miete zu zahlen. So einen Glücksfall würde sie kein zweites Mal erleben, für sie war es wie ein Lottogewinn.

Zwei Männer in schweißnassen Shirts schlenderten am Büro vorbei, sahen zu ihr herüber, und Jenna kam sich augenblicklich vor wie in einem dieser Käfige, aus denen Taucher Haie beobachteten.

„Sie können den Boxclub nicht dichtmachen.“

Falls Mercer so etwas wie Panik verspürte, so ließ er es sich nicht anmerken. Jennas Herz raste. Konfrontationen konnte sie nicht ausstehen. In seinem weißen T-Shirt sah er aus wie ein eins achtzig großer Berg aus Muskeln. Wieso machte sie das so nervös?

„Dieser Boxclub bedeutete alles für Ihren Dad.“

Allerdings. „Meine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefällt, und bis zum Ende des Jahres lasse ich mich gern von Ihnen überzeugen.“ Wahrscheinlich wäre es jedoch klüger für ihn, wenn er die Zeit nutzte, um sich nach etwas Neuem umzusehen. „Seit eineinhalb Jahren lebt dieser Club von seinen Rückstellungen. Die reichen noch für … maximal zwei Jahre, oder?“

Mercer biss die Zähne zusammen. „Ich könnte Ihnen all die Gründe aufzählen, wieso es so schlecht läuft. Ich könnte Ihnen sagen, was man tun muss, damit sich daran etwas ändert.“

„Da bin ich mir sicher.“ Der Sportclub brauchte ein komplettes Lifting; was immer Jenna investierte, wäre zu wenig und kam zu spät.

Er rieb sich über das Gesicht. „Was planen Sie denn für das Erdgeschoss? Warum vermieten Sie es nicht einfach?“

Sie merkte, dass sie rot wurde. „Ich eröffne hier eine Partnervermittlung. Ich arrangiere Dates zwischen Menschen, die gut miteinander harmonieren.“

Als Antwort zog Mercer lediglich die unversehrte Braue hoch. „Ist so was nicht überholt, weil alle diese Verzweifelten sich ihre Partner mittlerweile online suchen?“

„Nicht alle. Ich werde mich an Kunden wenden, denen der persönliche, individuelle und traditionelle Weg bei der Partnerfindung wichtig ist. Und mit Verzweiflung hat das überhaupt nichts zu tun.“

„Und das soll von diesem Büro aus geschehen?“

„Genau. Folglich müssen diese Schaukästen und alles hier drin ins Untergeschoss verlegt werden.“

Er blickte zur Decke, und es sah fast aus, als würde er die Augen verdrehen. „Selbstverständlich.“

„Seien Sie nicht so entnervt. Schließlich muss auch ich Kompromisse schließen, wenn ich meine Kunden beraten will, während hier verschwitzte und blutende Männer vor der Scheibe vorbeilaufen.“ Sie deutete zu einem Mann, der gerade aus dem Club kam und exakt ihrer Beschreibung entsprach.

„Manchen Frauen gefällt das.“

Zweifelnd erwiderte sie seinen Blick.

„Und wann fangen Sie an, Ihren teuflischen Plan in die Tat umzusetzen?“

„Mein teuflischer Plan? Ich bin hier nicht der Bösewicht. Mir ist bewusst, was dies für ein Ort ist. Ich habe die Artikel alle gelesen.“ Hatte ihr Vater genau hier gesessen, während er das Geld aus dem Drogenhandel über fingierte Mitgliedschaften des Clubs gewaschen hatte?

„Das ist über zehn Jahre her, und Ihr Dad wurde freigesprochen.“

Aber der Freispruch kam erst in der Berufung, nachdem eine ganze Reihe von Beweismitteln seltsamerweise nicht mehr auffindbar waren.

Mercer stützte sich auf den Tisch. Es machte Jenna unruhig, mit ihm im selben Raum zu sitzen und zu wissen, dass sie beide völlig entgegengesetzte Ziele hatten. Die Anspannung lag fast greifbar in der Luft. Fühlten Boxer sich auch so, wenn sie in den Ring traten und dem Kampf entgegenfieberten?

Runde zwei, dachte sie. Er ist langsam aus der Deckung gekommen, hat wahrscheinlich meine Schwachpunkte gesucht, und jetzt setzt er zum Schwinger an.

Doch dann überraschte er sie mit seinem ruhigen, ernsthaften Tonfall. „Wenn Ihr Dad sich vor all den Jahren etwas hat zuschulden kommen lassen, dann war es deshalb, weil er den falschen Leuten vertraut hat.“

„Kann sein.“ Aber unwahrscheinlich.

„Gut möglich, dass er kein guter Familienvater oder Geschäftsmann war, aber er war auch nicht kriminell. Dieser Boxclub war vielleicht ziemlich verrucht, und in den Augen mancher Leute ist es er das immer noch …“

„In den Augen sehr vieler Leute.“

„Aber er war alles für Ihren Dad, für Kerle wie mich, aber auch für viele Kids. Ohne diesen Boxclub hätten diese Teenager die Energie, die sie beim Training abgearbeitet haben, für die falschen Dinge eingesetzt. Das weiß ich, weil ich selbst auch so war, bis meine Mom mich hierher geschleppt hat. Monty hat mir beigebracht, was Disziplin und Ehrgeiz sind. Ich zeige Ihnen gern alle Abrechnungen und Quittungen der letzten zehn Jahre. Wir haben hier nichts zu verbergen.“

Im Grunde war sie ein Softie, aber sie würde die einzige großzügige Geste, die sie je von ihrem Vater erfahren hatte, für ihre Ziele nutzen. Mercer Rowley mochte groß und einschüchternd sein, doch sie würde ihm zeigen, was für ein zäher Gegner sie war.

Schließlich hatte sie nicht ihr ganzes Leben hierher verlagert, um zuzusehen, wie ihre Ersparnisse von dem Boxclub aufgezehrt wurden, genau wie früher die Unterhaltszahlungen, die ihre Mom nie bekommen hatte. „Sicherlich werden Sie mir beteuern, dass alles seine Richtigkeit hat, aber ich weiß auch, dass hier zum Beispiel Frauen als Mitglieder nicht beitreten dürfen.“

„Das liegt nur daran, dass wir keinen Platz für die zusätzlichen Umkleiden haben. Man müsste nur ein bisschen umbauen und …“

Mit einem Kopfschütteln unterbrach sie ihn. „Dieser Club hat meinem Vater mehr bedeutet als seine Tochter, also können Sie davon ausgehen, dass ich schwer umzustimmen bin.“

Verwundert sah er sie an. „Meinen Sie das ernst? Ihr Dad hat überhaupt nicht aufgehört, von Ihnen zu reden.“

Es fühlte sich an wie ein Volltreffer an die Schläfe.

Er sprach weiter: „Jennas Mannschaft hat beim Schwimmen gesiegt. Jenna ist Betreuerin im Zeltlager. Jenna geht in Seattle aufs College. Jenna hat einen Job auf einem Kreuzfahrtschiff.“

„Kein einziges Mal hat er versucht, Teil meines Lebens zu sein.“

Auf seinem Gesicht zeigten sich die unterschiedlichsten Emotionen, doch er schwieg.

„Was? Los, reden Sie weiter, Sie sind doch der Experte in der Beziehung zu meinem Vater.“

Er schüttelte nur den Kopf. „Ich habe Ihren Dad geliebt, und ob es Ihnen gefällt oder nicht: Sie müssen sich mit mir abfinden, es sei denn, Sie möchten sich einen neuen Geschäftsführer suchen.“

Mercer war mit diesem Club verwurzelt. Sicher würde er es ihr nicht leicht machen, aber das Erbe ihres Vaters betraf ihn genauso wie sie, nur dass er keine rechtliche Handhabe hatte. Jenna konnte ihn nicht davon überzeugen, dem Club den Gnadenschuss zu versetzen, und er konnte sie nicht überzeugen, ihn weiter geöffnet zu lassen.

Ihnen beiden stand ein unschöner Herbst bevor, doch das musste sie hinnehmen.

„Ich meine es so, wie ich es gesagt habe: Die letzte Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ich will nicht hartherzig sein, aber ich habe die Geschäftsberichte gelesen. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, gibt es für mich keinen Anlass, den Club länger als nötig am Leben zu erhalten.“

Er stieß Luft aus und sah zur Decke.

Sie konnte kaum glauben, dass dieser starke Mann gerade fast ängstlich wirkte. Vor diesem Treffen hatte sie sich fest vorgenommen, sich nicht einschüchtern zu lassen, doch jetzt überrumpelte er sie mit seiner Offenheit.

Sie betrachtete seine Arme und die faszinierenden, kräftigen Hände. Diese Boxer waren eine sehr seltsame Spezies. Ihr wurde warm, und das hatte eindeutig nichts mehr mit der Auseinandersetzung zu tun.

Kein gutes Zeichen. Überhaupt nicht.

Eine Romanze war wie eine Kerze. Die Flamme war die Lust und die Leidenschaft der Docht. Natürlich war Lust wichtig, aber das Wachs bestand aus allem, was die beiden Menschen zusammenfügte. Da ging es um gemeinsame Ziele, Charakterzüge, die miteinander harmonierten, Werte und Interessen. Je mehr Wachs es gab, desto dicker und größer war die Kerze, und nur das ließ die Flamme auch noch Jahre nach dem ersten Anzünden brennen.

Mercers Nähe kam ihr wie ein Streichholz vor, das sich jeden Moment entzünden konnte. Aber mehr war es nicht: nur die Versuchung, sich verbrennen zu lassen.

„Vier Monate“, sagte er leise.

„Viereinhalb.“ Sie lächelte flüchtig. „Hoffentlich mögen Sie Herausforderungen.“

Er erwiderte ihren Blick. „Dieser Kampf wäre viel leichter, wenn ich ein paar der Veränderungen umsetzen könnte, die dieser Club dringend braucht, um wieder Gewinn zu erwirtschaften. Ihr Dad hat nicht mal eine Website anlegen lassen.“

„Ist mir aufgefallen.“ Im Internet hatten die ersten zehn Suchergebnisse mit dem damaligen Prozess gegen Monty Wilinski zu tun. Das machte es Mercer schwer, gute PR für den Boxclub zu bekommen.

„Wenn Sie dem Club eine ernsthafte Chance geben wollen, muss Ihnen klar sein, dass solche Veränderungen Geld kosten. Vielleicht nicht viel, aber doch etwas.“

„Ich bin offen für Vorschläge.“ In sanftem Tonfall sprach sie weiter: „Am besten behalten wir das alles für uns, solange die Probezeit noch nicht abgelaufen ist.“

„Einverstanden.“ Erleichtert atmete er aus. „Soll ich Sie herumführen, damit Sie sehen, was Sie geerbt haben?“

„Nein danke, vielleicht ein andermal.“

Ohne jede Überraschung nahm er das zur Kenntnis. „Was ich vergessen habe zu sagen: mein Beileid zu Ihrem Verlust.“

Auf die Traurigkeit, die sie auf einmal empfand, war sie nicht vorbereitet gewesen, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. „Danke. Ihnen auch mein Beileid. Anscheinend standen Sie sich sehr nahe.“

„Das stimmt. Ihr alter Herr war für mich der Vater, den ich nie hatte. Es tut mir leid, dass er das nicht auch für Sie war.“

Jenna stand auf und gab sich geschäftsmäßig. Sie musste die Fassade bewahren. „Ich komme morgen wieder.“

Mercer stand ebenfalls auf. „Falls ich nicht hier im Büro sitze, finden Sie mich unten.“

Er streckte die Hand aus, und Jenna schlug ein.

Rau und selbstsicher, dachte sie. Ein leiser Schauer rieselte ihr über den Rücken. Wahrscheinlich irgendein alberner, primitiver Trieb, der noch aus der Steinzeit stammte.

Mercer sah Jenna nach, während sie das Gebäude verließ, und atmete hörbar aus.

Er blickte sich um. Diesem Gebäude hatte er sein Leben zu verdanken. Als Teenager hatte ihn der Boxclub vor dem falschen Weg gerettet, der seinen besten Freund das Leben gekostet und ein paar andere ins Gefängnis gebracht hatte. Der Club war das einzig Konstante in seinem unsteten Leben in immer neuen Umgebungen gewesen.

Leider würde er in vier Monaten nicht viel ausrichten können. Wenn es ihm gelang, Jenna dazu zu bringen, ihm längeren Aufschub zu gewähren … Schon bald sollte ein Turnier stattfinden, und wenn alles gut lief, würden ein paar der Boxer, die hier ausgebildet worden waren, Verträge als Profi abschließen. Das würde dem Sportclub neue Mitglieder bringen.

Allerdings hing alles davon ab, dass Jenna die Frist verlängerte. Vielleicht investierte sie auch ein paar Hundert Dollar, um hier und da veraltete Ausstattung zu ersetzen.

Sie war ein echt heißer Quälgeist.

Oft hatte Monty Fotos von ihr herumgereicht. Im Club war sie eine Art Berühmtheit, die mysteriöse Tochter des Chefs, die ein aufregendes Leben an der Westküste lebte, die Schönheit mit den blauen Augen, den rosigen Wangen und dem schimmernden braunen Haar.

Er hatte immer angenommen, Monty und sie würden zumindest ab und zu miteinander sprechen. Erst auf dem Totenbett hatte Monty eingestanden, wie schlecht er Jennas Mom behandelt hatte. Es hatte ihm das Herz gebrochen, dass sie mit seinem einzigen Kind aus seinem Leben verschwunden war und er seit fünfundzwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt hatte.

Mercer fühlte sich von Jenna bedroht, war fasziniert, verwirrt und verärgert zugleich. Außerdem fühlte er sich zu ihr hingezogen, so unpassend das auch war.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen kehrte Jenna zurück. Wieder betrachtete sie das Foyer. Hier würde ihr neues Leben beginnen! Gleichzeitig bedrückte sie die Vergangenheit, die sie hier überall verfolgte. Und dann waren da noch die verwirrenden Gefühle für den Mann, der der Schlüssel zu ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft war.

Das Büro war noch dunkel, und Jenna blieb keine andere Wahl, als Mercer unten im Boxclub zu suchen. Sie trug eines von einem Dutzend neuer Outfits, die sie sich zugelegt hatte, um auch nach außen hin die kompetente junge Geschäftsführerin darzustellen, der die Kundschaft zutraute, den passenden Partner oder die passende Partnerin zu finden. Aber in einem Keller voller Boxer sah das Outfit sicher nur steif und spießig aus.

Dies sind deine neuen Nachbarn, sagte sie sich, egal, was du davon hältst.

Die Stufen führten zu einem Treppenabsatz mit Wasserspender und einem alten Plakat eines längst vergangenen Boxkampfes.

Es roch nach Schweiß, Gummi, Leder und Desinfektionsmittel. So roch also das Erbe ihres Vaters. Als Nächstes nahm sie die Geräusche wahr. Klatschen und Grunzen sowie Quietschen und Knarzen von den Geräten. Jenna atmete tief durch und betrat durch eine weite Doppeltür den Boxclub.

Es war nicht der düstere, verqualmte Raum, in dem Drogen- und Wettgeschäfte abgewickelt wurden, wie er oft in den Medien dargestellt worden war. Der Raum war großzügig geschnitten, hell und sehr aufgeräumt. Doch der Rest war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Ein Dutzend Boxer trainierten an den Sandsäcken und auf den Matten. In einem der beiden leicht erhöhten Boxringe kämpften zwei Männer in einem Trainingsmatch gegeneinander.

Am Boxsport störte sie, dass es darum ging, den anderen zu verletzen. Für Jenna stand beim Sport der Teamgeist an erster Stelle. Als Teenager hatte sie Zeltlager betreut und hatte dafür gesorgt, dass nervöse Fremde zu starken Gemeinschaften zusammenwuchsen. Auf dem College hatte sie als Hauptfächer Soziologie und Psychologie gewählt, und ihr Diplom hatte sie stolz an die Wand gehängt, aber anstatt Therapeutin zu werden, hatte sie auf einem Kreuzfahrtschiff den Job als Eventmanagerin angenommen. Sie war einfach gut darin, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen.

Jetzt blickte sie sich in dem Trainingsraum um. Was für ein einsamer Sport! dachte sie. Wieso spielten die Leute nicht lieber Softball?

Anscheinend war sie umsonst hier heruntergekommen, denn Mercer war nirgends zu sehen.

„Haken! Haken! Haken!“

Sie hörte die Stimme und sah nach links.

Mercer schrie einen kräftigen jungen Mann an, der gegen die dicken Polster schlug, die Mercer zwischen sich und ihm hochhielt. Beide standen mit nacktem Oberkörper da.

Mercers helle Haut stand in starkem Kontrast zur dunklen Haut seines Schülers. Er war schlank, während der Junge bullig gebaut war.

Mercers Körper lenkte Jenna ab. Genau wie sein Gesicht und seine Hände war sein nackter Oberkörper so anziehend, dass Jenna fast aufstöhnte.

Noch nie hatte sie einen Mann mit so einem Körper gesehen. Mercer war vollkommen durchtrainiert und hatte anscheinend kein Gramm Fett am Leib. Seine kraftvolle Ausstrahlung wirkte gefährlich.

Wieso wurde sie auf einmal so unruhig? War das irgendeine chemische Reaktion, die all das Testosteron, das in der Luft lag, in ihr auslöste?

Als sie näher kam, gab sie sich betont nüchtern und geschäftsmäßig. „Mr Rowley.“

Sobald der letzte Treffer gelandet war, ließ er die Hände sinken und wandte sich ihr zu. „Hey, Jenna.“ Er drehte sich wieder zu seinem Schützling. „Zehn Minuten Pause.“

Der junge Mann nickte und ließ die beiden allein.

„Schön, dass Sie gekommen sind.“ Er zog sich die Polster von den Händen. „Soll ich mich über Ihren Besuch freuen, oder sollte ich Angst haben?“

Autor

Meg Maguire
Bevor Meg Maguire Schriftstellerin wurde arbeitete sie in einem Plattenladen, als Barista in einem Coffee – Shop und als annehmbare Designerin. Heute liebt sie es sexy Geschichten über starke Charaktere zu schreiben. Meg Maguire lebt mit ihrem Ehemann im Norden von Boston. Wenn sie nicht gerade neue Geschichten erfindet oder...
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