So feurig küsst nur Dr. Rodriguez

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Hat er sie wirklich geküsst? Marco Rodriguez ist entsetzt! Zwar ist Lily sein Typ: zierlich, heißblütig und selbstbewusst. Aber der Arzt sucht keine Affäre - schließlich hat er einen kleinen Sohn. Und Lily scheint keine Frau zu sein, die gerne eine Mutter wäre …
  • Erscheinungstag 17.06.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733717278
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Lily, warte!“

Beim Klang der vertrauten Stimme hielt Dr. Lily Patterson die Hand zwischen die Fahrstuhltüren, die sich gerade schließen wollten. Einen Moment später trat Daniel Edgerton, einer der Röntgenassistenten im Perth City Hospital und außerdem ihr Freund, in die Kabine.

„Danke.“ Sein Lächeln fiel etwas müde aus. Offenbar war er ebenso geschafft wie sie.

Er drückte den Knopf für das Erdgeschoss. „Fertig für heute?“, fragte er.

Lily wich seinem Blick aus. Daniel würde von ihrer Antwort enttäuscht sein. „Nicht ganz. Ich muss noch einen weiteren Patienten auf die Operationsliste des Professors setzen und eine Infusion umstellen.“

Daniels Seufzer drückte seinen ganzen Frust aus. Er hatte seinen festen Dienstplan und wollte oft nicht begreifen, dass ihr Arbeitstag erst zu Ende war, wenn auch die Arbeit getan war. „Aber danach bin ich fertig und für den restlichen Abend nur noch für dich da“, fügte sie rasch hinzu.

Daniel wollte etwas erwidern, doch ein unheilvolles, mahlendes Geräusch ließ ihn verstummen. Plötzlich gab es einen heftigen Ruck, bei dem Lily gegen den Handlauf der Fahrstuhlkabine geworfen wurde. Sie konnte sich gerade noch daran festhalten.

„Bitte nicht schon wieder!“, stöhnte sie. „Erst letzte Woche hab ich zwanzig Minuten lang im Fahrstuhl festgesessen.“

„Was nicht unbedingt eine Katastrophe sein muss.“ Daniel legte seinen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Verlangend ließ er seine Lippen über ihren Hals wandern, während er am Träger ihres BHs nestelte. „In zwanzig Minuten können wir eine Menge anstellen.“

Lachend schob Lily ihn von sich. „Mag sein. Aber ich werde meine Bewerbung zur Facharztausbildung nicht aufs Spiel setzen, indem ich mich in flagranti in einem Fahrstuhl erwischen lasse.“

Daniel ließ die Arme sinken. Sein Ausdruck wurde hart. „Jess hatte damit kein Problem.“

Verwundert schaute Lily ihn an. Seit vier Jahren war Jess nicht nur ihre Mitbewohnerin, sondern auch ihre Freundin. „Jess würde sich niemals zu Sex in einem Fahrstuhl hinreißen lassen.“

Daniel tat ihre Bemerkung mit einem Schulterzucken ab. „Hat sie aber.“

Ärger stieg in Lily auf. „Wenn Jess Sex in einem Fahrstuhl gehabt hätte, dann hätte sie mir bestimmt davon erzählt.“

Daniels Lippen wurden schmal. „Sie muss dir nicht alles erzählen. Und ehrlich gesagt, Lily, wann hast du schon mal Zeit für andere?“

Der Gedanke, Jess könnte sich eher Daniel anvertraut haben als ihr, störte sie sehr. „Woher willst du so genau wissen, dass sie es getan hat?“

Er verschränkte lässig die Arme vor der Brust. „Weil ich dabei war.“

Lily starrte ihn reichlich verwirrt an. „Du warst mit dabei?“ Im ersten Moment dachte sie, dass er zufällig in die Szene geplatzt sein könnte, doch dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Schon allein seine trotzige Körperhaltung sagte ihr alles. Ein eisiges Gefühl erfasste sie. „Du hattest Sex mit Jess?“ Ihre Stimme gehorchte ihr kaum noch. „Hier … im Fahrstuhl?“

Mit herausfordernder Miene hielt er ihrem Blick stand. „Richtig.“

In einem Anflug von Übelkeit presste sich Lily die Hand auf den Mund. Sie trat so weit von Daniel zurück, wie es die Fahrstuhlkabine zuließ. „Wann?“

Daniel senkte den Blick. „Das spielt keine Rolle.“

„Oh doch, für mich spielt es eine Rolle!“

Daniel fuhr sich mit der Hand über das kurz geschnittene Haar. „Lily, es ist zwecklos …“

„Antworte!“ Eine hörbare Schärfe lag in ihrer Stimme.

„Mittwochnachmittag.“

Lily hatte das Gefühl, zusammen mit dem Fahrstuhl in die Tiefe zu stürzen. Am selben Abend – nachdem sie Daniel sein Lieblingsessen gekocht hatte – hatten auch sie Sex gehabt. Es hatte sie ein wenig verwundert, dass sie diesmal die Initiative ergreifen musste, denn meistens ging der Sex von Daniel aus. Nun war ihr klar, warum.

Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten brach ihre Welt zusammen. Lily war wie betäubt. Tränen verschleierten ihren Blick, und sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren, wo ihre Zukunft ohnehin so ungewiss war? Ein heftiger Zorn erfasste sie. „Du Mistkerl!“

„Hey, ist das nicht ein bisschen heftig? Schon seit Monaten verschließt du dich vor mir. Du bist doch nie für mich da. Jess dagegen gibt mir eine Menge.“

Lilys Wut steigerte sich noch mehr. „Du bist nicht nur ein Mistkerl, sondern auch ein widerlicher Egoist! Du weißt doch, was ich durchgemacht habe mit meinem Va…“ Lily brach ab. Sie brachte es nicht fertig, das Wort auszusprechen. „Mit William. Aber das zählt ja nicht. Nichts zählt für dich, wenn es nicht einzig und allein um deine Person geht!“

Daniel verzog ärgerlich die Lippen. „Monatelang ist es immer nur um dich gegangen, Lily. Ich habe es satt.“

Tief im Herzen wusste sie schon lange, dass ihre Beziehung nicht so war, wie sie sein sollte. Doch einen so gemeinen Verrat hätte sie ihm trotzdem nicht zugetraut.

„Warum bist du dann nicht einfach gegangen? Warum musstest du mir die Freundin wegnehmen?“

Ein weicher Ausdruck trat in seinen Blick. „Ich glaube, ich liebe Jess.“

Daniels Geständnis kam Lily wie ein Schlag in die Magengrube vor. Zu ihr hatte er solche Worte nie gesagt. Der Hals wurde ihr so eng, dass sie kaum noch Luft bekam.

Heftig drückte Daniel auf alle Knöpfe. Er wollte offenbar ebenso schnell aus diesem Gefängnis heraus wie sie.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Du liebst Jess, und trotzdem hast du mit mir geschlafen? Mein Gott, wie geschmacklos! Und von ihr genauso. Ihr beide passt wirklich bestens zusammen!“

„Lily, es tut mir wirklich leid, dass es zwischen uns so endet, aber es ist nicht allein meine Schuld.“

Sie nickte nur. Nicht, weil sie ihm zustimmte, sondern weil sie das Gefühlschaos in ihrem Inneren nicht mit Worten auszudrücken vermochte.

Plötzlich war ein summendes Geräusch zu hören, dann setzte der Fahrstuhl sich wieder in Bewegung. Einen Moment später glitten die Türen auseinander.

„Gott sei Dank!“, stieß Daniel aus, bevor er die Kabine verließ und eilig davonging.

Die Türen schlossen sich wieder. Lily hockte sich auf den Boden und schlug die Hände vors Gesicht. Etwas so Niederträchtiges hätte sie weder von Daniel noch von Jess erwartet. Hatte sie irgendwelche warnenden Anzeichen übersehen?

Ihr Smartphone begann zu vibrieren. In der Annahme, es wäre jemand von der Station, holte sie es aus der Tasche ihres weißen Arztmantels. Doch es war kein Anruf, sondern eine E-Mail von einem unbekannten Absender.

Lily blinzelte die Tränen weg und las.

Ms Patterson,

wie Sie wissen, hat Ihr Vater, Dr. William Patterson, sich das Schienbein gebrochen. Er ist nicht der Typ Mann, der andere um Hilfe bittet, so bitte ich Sie als sein Arzt und Kollege im Medical Center von Bulla Creek um Ihren schnellstmöglichen Besuch.

Dr. Marco Rodriguez

Lily musste die Nachricht drei Mal lesen, bevor ihr der Sinn klar wurde. Ihr Vater hatte sich das Bein gebrochen? Sorge und ein schlechtes Gewissen überkamen sie. Nein, sie hatte nichts davon gewusst. Seit Monaten hatte sie nicht mehr mit William gesprochen, und seine E-Mails enthielten nur die Informationen, die sie verlangt hatte. William hatte weder seine gesundheitliche Verfassung erwähnt noch einen Arzt mit einem spanischen Namen und einem steifen Schreibstil, der verriet, dass Englisch nicht seine Muttersprache war. Wie kam ein Spanier ins australische Outback nach Bulla Creek?

… um Ihren schnellstmöglichen Besuch …

Lily schüttelte heftig den Kopf. Nach allem, was gerade geschehen war, wollte sie sich das nicht auch noch antun. Auf keinen Fall würde sie nach Bulla Creek zurückkehren.

Sie barg das Gesicht in den Armen und wünschte sich, die Zeit um ein Jahr zurückdrehen zu können – zurück zu jenen Tagen, als sie noch wusste, wohin sie gehörte. Stattdessen schien ihr weiterer Lebensweg völlig im Ungewissen zu liegen.

Alles in ihr sträubte sich dagegen, wieder nach Bulla Creek zu gehen. Doch da waren auch ihre Gefühle für William, die sie so entschieden verdrängt hatte und die jetzt wieder an die Oberfläche zu kommen drohten. Egal, was zwischen ihnen geschehen war, sie konnte sein gebrochenes Bein nicht einfach ignorieren. Nicht in seinem Alter. Das wusste sie als Ärztin nur zu gut.

Schließlich siegte ihr Gewissen. Sie würde sich ein paar Tage freinehmen, nach Bulla Creek fahren und sicherstellen, dass William die richtige medizinische Versorgung erhielt. Anschließend würde sie zurückkommen, sich eine neue Wohnung suchen und ihr Leben wieder aufnehmen.

Lily erhob sich und strich ihren weißen Kittel glatt. Ihre Welt war in Scherben gefallen, aber zumindest hatte sie einen Plan. Einen Plan, an den sie sich klammern würde wie an den berühmten rettenden Strohhalm.

Die rote Erde von Bulla Creek war von einem sanften Grün überzogen, was einem außergewöhnlich nassen Winter, gefolgt von einem sonnigen Frühling, zu verdanken war. Die Schafe wirkten gesund und wollig, Lämmer sprangen übermütig umher, und die Farmer hatten ein breites Lächeln auf den Gesichtern.

Freundlich erwiderte Dr. Marco Rodriguez den Gruß eines Farmers, als er die Hauptstraße zum Bulla Creek Medical Center hinunterging. Nicht zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die Farmer im Westen Australiens viel mit den Farmern in seinem Heimatland Argentinien gemeinsam hatten. Das Leben auf dem Land war hart, und eine gute Saison war ein Anlass zum Feiern.

An der Kirche gegenüber dem Pub wandte Marco sich nach links. Beide Gebäude waren vor mehr als hundert Jahren aus rost- und sandfarbenen Steinen aus dem nahen Steinbruch erbaut worden. Damals hatte man in den umliegenden Hügeln Bleiadern gefunden, und Bulla Creek hatte seine Blütezeit erlebt. Heute war der Ort nicht mehr so reich an Bodenschätzen. Nur die historischen Gebäude erinnerten die Einwohner an den damaligen Reichtum und lockten Touristen an.

Marco öffnete die Eingangstür zur Arztpraxis, der eine kleine Klinik mit fünf Notfallbetten und zehn Krankenbetten angeschlossen war. Das Wartezimmer war bereits voll, wie jeden Tag, seit sein Kollege sich vor Wochen das Bein gebrochen hatte.

Marco machte sich Sorgen um ihn. Warum bestand William darauf, dass seine Tochter nichts von seinem Unfall erfuhr? Und warum lag jedes Mal ein Ausdruck von Trauer in seinem Blick, wenn er von ihr sprach?

William hatte seine Lebensfreude verloren, wohl deshalb dauerte es länger als angenommen, bis er wieder einsatzfähig war. Nach dem Tod seiner Frau vor einem halben Jahr und seinem komplizierten Schienbeinbruch vor ein paar Wochen konnte er etwas Aufmunterung gebrauchen. Nur deshalb hatte Marco Williams Tochter gegen dessen Willen informiert.

Zudem konnte er nicht mehr länger alle Patienten allein betreuen. Schließlich war er nebenbei auch noch alleinerziehender Vater. Die Arbeit wuchs ihm allmählich über den Kopf, und einen Feierabend kannte er schon gar nicht mehr. So hatte er sich sein Leben nicht vorgestellt, als er den Entschluss gefasst hatte, sich im australischen Outback niederzulassen. Er hatte gehofft, mehr Zeit für Ignacio zu haben. Leider war das Gegenteil der Fall.

Er unterdrückte einen Seufzer und zwang sich zu einem Lächeln. Seine Patienten hatten mit seinen Problemen nichts zu tun und verdienten seine ganze Aufmerksamkeit. „Buenos Dias. Guten Morgen zusammen. Ich werde Ihnen in wenigen Augenblicken zur Verfügung stehen.“

„Das Wartezimmer ist leer, und ich gehe jetzt nach Hause. Warum gehen Sie nicht ebenfalls, Herr Doktor?“

Marco blickte von dem pathologischen Bericht auf, den er gerade studierte. In der Tür zu seinem Sprechzimmer stand Sue Hogarth, die Sprechstundenhilfe. „Noch zehn Minuten“, erwiderte er.

Sie nickte. „Dann werde ich den Haupteingang hinter mir abschließen. Sie können hinten rausgehen und zuschließen. Oh, übrigens, Ignacios Untersuchungstermine sind auf Dienstag verschoben worden. Ich habe sie schon in Ihrem Kalender eingetragen. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Sue.“ Marco hörte, wie ihre Schritte sich entfernten und die Eingangstür ins Schloss fiel. Stille umgab ihn. Jetzt konnte er sich endlich auf die Untersuchungsergebnisse konzentrieren. Zum Glück waren keine schlimmen Befunde dabei. Er hasste es, seinen Patienten schlechte Nachrichten überbringen zu müssen.

Er schickte Heather, seiner Haushälterin, die auch Ignacio nach der Schule beaufsichtigte, eine SMS und teilte ihr mit, dass er in zehn Minuten zu Hause sein würde. Nachdem er seine Unterlagen einsortiert hatte, nahm er seine Tasche und trat auf den Korridor hinaus.

Als er am Hinterausgang die Beleuchtung ausschaltete, merkte er, dass im Büro noch Licht brannte. Sue musste vergessen haben, es auszuschalten. Seufzend ging er wieder zurück.

Marco hatte die Hand schon am Lichtschalter, als er noch einmal in den Raum schaute und sein Blick auf einen hübschen runden Po fiel, der in einer Jeans steckte.

„Querido Dios!“ Vor Schreck vergaß er sein Englisch. Er brauchte einen Moment, bis es ihm wieder einfiel. „Was machen Sie hier?“

Die junge Frau, die sich über den Computer gebeugt hatte, fuhr so abrupt herum, dass ihr das kinnlange rotbraune Haar ums Gesicht flog. Aus großen grauen Augen, in denen sich das schlechte Gewissen spiegelte, schaute sie ihn erschrocken an. Auch mit ihren hohen Keilabsätzen war sie immer noch auffallend klein. Nach der ersten Schrecksekunde straffte sie die Schultern, wobei der Stoff ihres pinkfarbenen Trägertops sich über ihren Brüsten spannte.

Ein Gefühl der Hitze durchfuhr Marco, wie er es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Er ließ seinen Blick über das weich fließende Material ihres Tops wandern, das ihren Oberkörper umschmeichelte, und versuchte sich dabei vorzustellen, was unter dem Stoff sein mochte.

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Sie müssen Marco Rodriguez sein. Ich bin Lily.“

Ihr Lächeln war eine Spur zu strahlend. Marco war auf der Hut. Die Mädchen hatten schon mit ihm geflirtet, als er gerade vierzehn Jahre alt gewesen war. Erst später hatte er begriffen, dass Frauen mit ihrem Lächeln oft nur etwas Bestimmtes erreichen wollten. Besonders bei Bianca hatte er diese bittere Erfahrung gemacht. Heute, mit dreiunddreißig, war er klüger.

Diese Lily redete, als müsste er sich an sie erinnern. Doch er war sicher, dass sie sich noch nie zuvor begegnet waren.

Du hättest dich an diese Brüste erinnert.

Energisch unterdrückte Marco sein aufsteigendes Verlangen. Egal, ob er sie kannte oder nicht, sie hatte in diesem Büro nichts zu suchen. Schon gar nicht am Computer, in dem alle vertraulichen Krankenakten der Patienten von Bulla Creek und Umgebung gespeichert waren.

Ärger stieg in ihm hoch. Zum ersten Mal seit Langem vergaß er seine guten Manieren. Er verzichtete darauf, ihren Gruß zu erwidern, und ließ ihre ausgestreckte Hand unbeachtet.

Mist! Lilys Vorhaben, nach Dienstschluss heimlich in die Praxis zu gehen und sich Williams Krankenakte anzusehen, bevor sie mit ihm sprach, war gescheitert.

Sie war den ganzen Tag unterwegs gewesen und erst vor einer halben Stunde angekommen. Um sicher zu sein, dass sich niemand mehr in der Praxis befand, hatte sie so lange gewartet, bis Sue die Eingangstür abgeschlossen hatte und gegangen war.

Leider war nun doch noch jemand hier. Lily riskierte einen Blick. Dieser Dr. Rodriguez hätte ohne Weiteres Model für ein Modemagazin sein können mit seinem attraktiven Gesicht und dem welligen schwarzen Haar. Doch nach Daniels Verrat konnte kein Mann sie mehr reizen, egal, wie gut er aussah. Der spöttisch-herablassende Ausdruck in seinen dunkelbraunen Augen machte es ihr leicht, ihm zu widerstehen.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und ignorierte ihren Gruß. „Ich kenne Sie nicht“, sagte er mit hörbarem Akzent. „Sie haben hier nichts zu suchen.“

Natürlich war er im Recht. Tapfer hielt Lily ihre Hand weiter ausgestreckt. Dabei setzte sie ihr schönstes Lächeln auf. „Ich bin Lily Patterson. Sie haben mir eine E-Mail geschickt wegen William.“

Er hob die dunklen Augenbrauen. „Sie sind Williams Tochter?“ Ungläubig musterte er sie von Kopf bis Fuß.

Derartige Reaktionen waren für sie nichts Neues. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr, als feststand, dass sie nicht mehr weiter wachsen würde, hatte sie oft solche verwunderten Blicke geerntet, denn ihr Vater war von stattlicher Größe und hatte neben ihr immer wie ein Riese gewirkt. Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass sie Opfer einer ungeheuren Lüge geworden war. „Ja, ich bin Lily Patterson“, bestätigte sie.

Langsam senkte Dr. Rodriguez die Arme und ergriff ihre Hand. Seine schlanken, gebräunten Finger schlossen sich um ihre hellen, und ein heißer Strom schoss ihr durch den Arm, dann prickelnd durch ihren ganzen Körper.

Oh nein! Nicht hier und jetzt.

Schockiert über ihre Reaktion, zog Lily hastig ihre Hand zurück. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war ein Mann, dessen Anziehungskraft sie erlag. Noch dazu ein Mann aus Bulla Creek, wo sie nicht für alles Geld der Welt mehr leben wollte.

Marco schien ihre hastige Geste nicht weiter aufgefallen zu sein. „Und warum sind Sie hier, Lily Patterson?“

Lily fragte sich, ob es mit seinem Englisch vielleicht nicht weit her war. Sie lächelte nachsichtig. „Sie haben mich gebeten zu kommen, und hier bin ich.“

Zwischen seinen Brauen erschien eine steile Falte. „Ich habe Sie gebeten, Ihren Vater zu besuchen, nicht im Computer der Praxis zu stöbern.“

Lily schmerzten schon die Gesichtsmuskeln von ihrem mühsam aufrechterhaltenen Lächeln. Es schien ihn ohnehin nicht zu beeindrucken, also versuchte sie es mit einem leichten Plauderton.

„Ich weiß nicht, wie die Ärzte in Ihrer Heimat sind, aber hier in Australien sind Männer, die selbst Ärzte sind, oft die widerspenstigsten Patienten.“

Marco neigte leicht den Kopf, wobei ihm eine Locke in die Stirn fiel. „Das mag sein.“

„Deshalb ist es ratsam, seine Krankengeschichte genau zu lesen, bevor ich mit ihm spreche.“

Marcos Ausdruck war noch immer abweisend. „Sie sind nicht Williams Ärztin.“

„Nein. Aber immerhin bin ich Ärztin.“

„Dann sollten Sie es wirklich besser wissen.“

Lily warf den Kopf zurück. Ihre Empörung vertrieb das schlechte Gewissen, das sich wieder melden wollte. „William hat mir gegenüber nichts von einem gebrochenen Bein erwähnt. In seinem Alter kann das auch ein Anzeichen für andere Krankheiten sein, deshalb ist es wichtig, dass ich seine Krankenakte durchsehe.“

„Ihr Vater ist nicht so krank, dass er Ihnen diese Informationen nicht selbst geben könnte. Sie haben doch mit ihm gesprochen, oder etwa nicht?“

Sie hob nur kühl die Schultern. „Danke, dass Sie mich benachrichtigt haben. Ich werde die Dinge jetzt selbst in die Hand nehmen.“ Damit wandte sie sich wieder dem Computer zu.

Mit zwei langen Schritten war Marco bei ihr. Er packte sie bei beiden Oberarmen, und Lily spürte, dass ihre Füße plötzlich in der Luft schwebten. „Hey! Lassen Sie mich sofort los!“

Einen Moment später hatte sie wieder festen Boden unter den Füßen. Marco stand breitbeinig wie ein Boxer zwischen ihr und dem Computer und versperrte ihr den Weg.

Wütend kreuzten sich ihre Blicke. „Als Williams Arzt und Praxispartner werde ich es nicht zulassen, dass Sie seinen Krankenbericht ohne sein Einverständnis lesen“, beharrte er.

Um ein Haar hätte sie die Beherrschung verloren. „Ich bin seine engste Angehörige!“

„Si, aber das gibt Ihnen nicht das Recht, seine Akte zu lesen.“ Fordernd streckte er seine Hand aus. „Sie haben den Schlüssel zur Praxis?“

Wie schützend verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Den werde ich Ihnen nicht geben.“

„Sie arbeiten hier nicht, und ich traue Ihnen nicht.“

„Ich bin hier aufgewachsen.“ Lily musste schlucken. „Himmel, ich habe an so vielen Samstagen im Wartezimmer gespielt, dass es schon mein zweites Zuhause war. Sie sind der Fremde hier, mein Lieber, nicht ich!“

Er zuckte mit keiner Wimper. Unerbittlich schaute er sie an. „Gehen Sie, und sprechen Sie mit Ihrem Vater.“

Die Vorstellung, mit William reden zu müssen, beschwor eine Mischung aus Angst und Zorn in ihr herauf, ebenso den Wunsch, so weit von Bulla Creek fortzulaufen, wie die Füße sie trugen. „Erst werde ich seine Krankenakte lesen.“

„Nicht ohne Williams Zustimmung.“

„Gut, dann werde ich Sue fragen.“

Marco Rodriguez’ Kinn wirkte plötzlich noch kantiger. „Sue ist ziemlich enttäuscht von Ihnen, weil Sie Ihren Vater so lange nicht besucht haben. Sie wird mir recht geben.“

Lily schluckte hart. Verurteilten die Leute im Ort sie, ohne die wahren Hintergründe zu kennen? Sie winkte unwirsch ab. „Bei uns auf dem Land handhaben wir die Dinge anders.“

Spöttisch hob er eine Augenbraue. „Ach, heißt das, Sie würden jeden, der möchte, die Krankenakten Ihrer Patienten lesen lassen? Dann will ich nicht Patient bei Ihnen sein.“

Seine Zweifel an ihrer beruflichen Qualifikation trafen sie hart, auch wenn sie wusste, dass er recht hatte. Lily ballte unwillkürlich die Fäuste. „Sie wissen nicht das Geringste von mir, Dr. Rodriguez. Wie können Sie sich da ein Urteil über mich erlauben?“

Bevor er etwas erwidern konnte, ging sie steifen Schrittes an ihm vorbei und zum Ausgang. Erst als sie wieder im Auto saß und ihr bewusst wurde, dass sie in ihrem Heimatort kein Zuhause mehr hatte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf.

2. KAPITEL

„Papá?“

Marco lag bei seinem Sohn auf dem Bett, was zu ihrem abendlichen Gutenachtritual gehörte. „Ja?“

„Die anderen Jungen … müssen nicht … an Krücken gehen.“ Ignacio sprach langsam, denn es kostete ihn große Mühe, jedes Wort verständlich auszusprechen. Zwischendurch musste er immer wieder Luft holen.

„Doch, viele Jungen haben Krücken“, versicherte Marco ihm.

„Aber nicht in meiner Schule. Und im Ort hab ich auch noch keinen gesehen.“

Marco unterdrückte einen Seufzer. „Gut, es gibt in Bulla Creek keinen anderen Jungen, der an Krücken geht. Aber dafür bist du auch ein ganz besonderes Kind.“

„Bin ich … nicht“, widersprach Ignacio. Sein schmaler Körper verkrampfte sich und ließ ihn noch steifer erscheinen. „Ich bin nur anders, und das mag ich nicht.“

Jedes Wort traf Marco wie ein Pfeil ins Herz. Er hatte gehofft, dass seinem Sohn nicht schon mit fünf Jahren bewusst werden würde, dass sein Körper nicht so funktionierte wie bei anderen Kindern. Doch in Ignacios schwachem Körper steckte ein sehr intelligenter, wacher Geist.

„Querido, deine Krücken sind deine guten Freunde, wenn deine Beine müde sind. Und jetzt musst du schlafen, damit deine Beine morgen früh ausgeruht sind.“

Autor

Fiona Lowe

Fiona Lowe liebt es zu lesen. Als sie ein Kind war, war es noch nicht üblich, Wissen über das Fernsehen vermittelt zu bekommen und so verschlang sie all die Bücher, die ihr in die Hände kamen. Doch schnell holte sie die Realität ein und sie war gezwungen, sich von den...

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