So sinnlich und verboten

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Diese Frau bedeutet Ärger! Das spürt Chase Love ganz deutlich, als Teagan Burns sein Architekturbüro betritt. Die vermögende New Yorker Schönheit hat sich in den Kopf gesetzt, ein historisches Haus in seiner Heimatstadt Charleston zu kaufen und es zu einem Frauenhaus umbauen zu lassen. Als Architekt reizt Chase das anspruchsvolle Projekt – und als Mann locken ihn Teagans Eleganz und Sinnlichkeit. Aber die verwöhnte Erbin stellt nicht nur an seine Professionalität höchste Anforderungen …


  • Erscheinungstag 20.06.2023
  • Bandnummer 2294
  • ISBN / Artikelnummer 9783751515658
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Chase Love saß auf dem Büro-Sofa, seine schlafende zweijährige Nichte auf dem Schoß. Ihre ältere Schwester lag auf dem Boden und runzelte konzentriert die Stirn, während sie mit knallbunten Stiften ihr Lieblingsmalbuch bearbeitete.

Am Konferenztisch auf der anderen Seite des Raums telefonierte die Immobilienmaklerin Sawyer Thurston und versuchte wieder einmal, zu einer Einigung mit Chases jähzornigem Cousin zu kommen. Vor zehn Jahren hatte Rufus Calloway ein heruntergekommenes Haus in Charleston geerbt, das für Chases Mutter Erinnerungswert hatte. Seitdem versuchte Maybelle Love, Rufus, der sich mit der Familie zerstritten hatte, davon zu überzeugen, ihr das leer stehende Gebäude zu verkaufen.

„Ist mir völlig egal, wie viel die bieten!“, war Rufus’ wütende Stimme deutlich durch den Lautsprecher des Handys zu hören. Danach musste er aufgelegt haben, denn Sawyer seufzte frustriert. „Also, das war ein eindeutiges Nein.“

„Stimmt.“

Die vierjährige Annabelle merkte sofort, dass es mit den Geschäften fürs Erste vorbei war, sprang wie ein blonder Blitz vom Boden auf und hüpfte auf Sawyer zu. „Guck mal, was ich gemalt habe.“

„Wow!“ Chases langjährige Freundin kauerte sich auf den Boden, um die Zeichnung zu bewundern. „Das ist wirklich schön geworden. Darf ich das in meinem Büro aufhängen, wenn du fertig bist?“

„Oh, ja.“ Annabelle freute sich immer, wenn jemand ihre Kunstwerke lobte, und schleppte das Malbuch zurück zu der Schachtel mit den Stiften. Während sich seine Nichte wieder ihrer Kunst widmete, wandte Chase sich Sawyer zu.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er und zeigte dabei auffordernd auf den freien Platz neben sich.

Sawyer kam zu ihm herüber, ließ sich auf dem Sofa nieder und schaute ihn grimmig entschlossen an. „Rufus wird das Haus an niemanden aus deiner Familie verkaufen.“

„Ich werde nicht aufgeben.“

„Ich weiß. Es ist nur, dass es Gerüchte gibt, dass seine finanzielle Lage sich verschlechtert hat. Er wird das Haus also irgendjemandem verkaufen, und das wird keiner aus deiner Familie sein. Aber ich hätte vielleicht einen Interessenten, mit dem sowohl Rufus als auch deine Mom einverstanden sein könnten.“

Chase gefiel der Gedanke überhaupt nicht, dass das Grundstück der Calloways nicht seiner Familie gehören sollte. „Meine Mom will das Haus wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen. Wenn wir es nicht erwerben können, müssen wir einen Käufer finden, der die historische Bedeutung des Gebäudes begreift. Sie wäre todtraurig, wenn es abgerissen würde.“

„Ich weiß.“ Sawyer und er hatten dieses Gespräch schon zu oft geführt. „Die betreffende Person würde gerne ein historisches Gebäude restaurieren. Sobald ich hörte, dass Rufus verkaufen will, habe ich sie angerufen und ihr alles erzählt.“

„Du hast schon mit jemandem gesprochen?“ Chase war nicht gerade begeistert von dieser Entwicklung, aber er mochte Sawyers pragmatische Art. Seine Mutter wollte das Haus unbedingt haben und weigerte sich, über Alternativen nachzudenken. „Mit wem denn?“

„Jemand, der neu in der Gegend ist“, erwiderte Sawyer. „Aber sie hat eine enge Verbindung mit einer der ältesten Familien in Charleston“, fügte sie hastig hinzu, als Chase die Stirn runzelte.

Irgendetwas an Sawyers ausweichenden Antworten machte ihm Sorgen. „Wer ist es?“, wiederholte er die Frage in leicht drohendem Ton.

„Teagan Burns.“ Sawyer wich sorgfältig seinem Blick aus.

„Ethans Cousine?“ Der Vorschlag machte Chase sprachlos. Seitdem diese Frau aus der New Yorker High Society vergangenen Monat in Charleston aufgetaucht war, machte sie Chases bestem Freund Ethan Watts nichts als Ärger. „Auf gar keinen Fall.“

„Ach komm schon. Sie ist genau die Art von Klientin, mit der du am liebsten arbeitest. Leidenschaft für Restaurierungen.“ In Sawyers Wangen bildeten sich Grübchen. „Unbegrenzte Finanzmittel“, versuchte sie ihn aus der Reserve zu locken.

Chase kümmerte sich nicht um Sawyers Spott. Über diesen Vorschlag wollte er nicht einmal nachdenken. „Du hast unkompliziert vergessen“, entgegnete er mürrisch.

„Ich finde sie vernünftig, klug und ziemlich sympathisch. Und ich habe ihr schon vorgeschlagen, sich für dieses Projekt mit dir zusammenzutun.“

Chase schüttelte den Kopf. „Das funktioniert niemals.“

„Nun gib deinem Herzen doch mal einen Stoß.“ Sawyers blau-graue Augen funkelten vor Begeisterung. „Sie ist klug, ehrgeizig und weiß genau, was sie will. Sie hat Fehler gemacht, aber ich glaube nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Du weißt, warum sie sich für das Calloway-Haus interessiert, oder?“

„Weil sie ein historisches Gebäude restaurieren will.“

„Und weil sie einen Ort für Frauen schaffen will, die aus Situationen fliehen wollen, in denen sie häuslicher Gewalt ausgesetzt sind.“

Eins musste man Sawyer lassen, sie wusste genau, wo seine wunden Punkte waren. Seine ältere Schwester hatte mehrere Jahre lang eine gewalttätige Beziehung geführt. Sie hatte ihre Situation sorgfältig vor der Familie geheim gehalten, und Chase hatte sich nie verziehen, dass er die Zeichen damals nicht erkannt hatte.

„Deswegen ist sie auf der Suche nach einem Haus mit mehreren Wohnungen“, fuhr Sawyer fort. „Ich habe ihr mehrere Häuser in der Innenstadt gezeigt, aber das Calloway-Haus war das erste, das sie auf Ideen gebracht hat.“

„Also hat sie es gesehen?“ Der schlechte Zustand des Gebäudes schreckte mögliche Käufer schon seit zehn Jahren ab.

„Nur die Fotos im Dossier. Das Haus selbst wollte ich ihr demnächst zeigen.“ Sawyer beugte sich vor. „Mir ist schon klar, dass du und deine Mom unbedingt ein Mitspracherecht bei der Restaurierung haben wollt, und Teagan möchte hier in der Gegend etwas Gutes tun. Auf diese Weise würden alle gewinnen.“

„Ich sehe nur eine verschlagene Unruhestifterin, die vorhat, die Dinge so zu verdrehen, dass sie dabei besser aussieht.“ Chase konnte sich nicht vorstellen, Teagan als Kundin anzunehmen. „Überleg doch mal, wie sie intrigiert hat, um Ethan aus seiner Position bei Watts Shipping zu verdrängen, und dann hat sie auch noch versucht, ihre Schwester in ihre Intrige hineinzuziehen.“

„Sie hat zugegeben, dass sie sich gründlich verrechnet hatte. Sie wollte unbedingt in ihre Herkunftsfamilie aufgenommen werden, als sie nach Charleston gekommen ist, und hat nicht einkalkuliert, wie nah die Watts’ sich stehen und wie sie zusammenhalten. Sie ist sehr traurig, weil alle so wütend auf sie sind.“

Ethans Familie hatte jahrelang nach der verlorengegangenen Erbin gesucht und sie schließlich mithilfe eines DNA-Tests gefunden. Ihre Ankunft in Charleston war mit Spannung erwartet worden. Soweit Chase wusste, war Teagan jedoch nicht daran interessiert, eine Beziehung mit ihrer Familie in Charleston aufzubauen. Stattdessen hatte sie sich in den Kopf gesetzt, die nächste CEO des Familienunternehmens Watts Shipping zu werden, eine Position, von der Ethan immer angenommen hatte, dass er sie eines Tages besetzen würde. Um das zu erreichen, hatte Teagan die bestehende Sympathie zwischen Ethan und ihrer Adoptivschwester gefördert, ohne zu bedenken, dass die beiden sich wirklich ineinander verlieben könnten oder dass Sienna sich auf Ethans Seite stellen würde.

„Hör dir doch wenigstens an, was sie zu sagen hat“, schlug Sawyer vor.

Chase war nicht überzeugt. „Wie habt ihr euch kennengelernt?“

„Durch Poppy, kurz nachdem Teagan in die Stadt gekommen ist. Lange bevor die Sache mit Ethan aufgeflogen ist.“ Poppy Shaw war Ethans Cousine. Es sprach Bände darüber, wie sehr Teagan es sich mit ihrer Familie in Charleston verscherzt hatte, dass sich nicht einmal Poppy, ein Freigeist von nachsichtigem Charakter, für sie einsetzen wollte. „Ich habe ihr einen Haufen Häuser gezeigt, die renovierungsbedürftig sind, aber keins von denen entsprach so richtig ihren Bedürfnissen. Ich glaube, das Calloway-Haus wäre perfekt.“

Nicht Teagan Burns. Mit dieser Partnerschaft würde er seinen besten Freund gegen sich aufbringen, und Chase traute ihren angeblich gemeinnützigen Absichten nicht.

„Nein.“

Sawyer kniff die Augen zusammen. „Warum nicht?“

„Weil sie aus New York ist.“

Die Maklerin seufzte entnervt. „Was tut das denn zur Sache?“

„Wir reden hier vom Haus meiner Familie. Sie kennt doch die Geschichte überhaupt nicht …“

„In New York gibt es eine Menge historische Gebäude.“

„Gebäude, die abgerissen werden, um Platz für moderne Wolkenkratzer zu schaffen.“

„Du kennst die Frau überhaupt nicht. Warum hörst du dir nicht an, was sie zu sagen hat?“ Als er ihr nicht sofort widersprach, musterte Sawyer ihn nachdenklich. „Ich habe in einer Viertelstunde einen Termin mit ihr bei dem Haus.“

Es sah so aus, als ob Teagan Burns die neue Besitzerin des Calloway-Hauses werden würde, egal ob er an Bord war oder nicht. Zähneknirschend schaute Chase erst auf das schlafende Kind auf seinem Schoß und dann auf das kleine Mädchen, das die Zunge zwischen die Zähne gesteckt hatte, während es hochkonzentriert einen Comic-Alligator ausmalte. Was sollte er mit seinen Nichten machen? Nola kam ihre Töchter frühestens in einer Stunde abholen.

„Nimm die beiden einfach mit“, sagte Sawyer, als könne sie seine Gedanken lesen.

„Zu einem Geschäftstermin?“

„Also ist es jetzt ein Geschäftstermin?“ Sawyer wirkte erfreut. „Das würde ja bedeuten, dass du tatsächlich darüber nachdenkst, das Projekt mit Teagan zusammen zu machen.“

Tat er das? Wahrscheinlich brauchte sie sowieso nur einen Blick auf das verfallene viktorianische Gebäude zu werfen, um entsetzt abzulehnen. Der Zustand des Hauses und der Umfang des Projekts hätten selbst dem erfahrensten Bauunternehmer Angst gemacht. Er bezweifelte, dass eine New Yorker High-Society-Lady, die sich hier in der Stadt nicht auskannte, die Nerven für eine umfassende Restaurierung mitbrachte.

„Das bedeutet“, gab Chase unwillig zurück, „dass ich versprochen habe, das Haus der Familie meiner Mutter zu retten.“

Sein ungutes Gefühl hielt immer noch an, als er fünfzehn Minuten später vor dem alten Haus anhielt, das nun Rufus Calloway gehörte und vor dem bereits ein SUV mit weißer Metalliclackierung parkte. Auf dem Bürgersteig neben dem Auto stand eine gertenschlanke blonde Frau, die ihm den Rücken zukehrte.

Teagan Burns.

Sie war zwar schon seit Wochen in Charleston, aber Chase hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sie kennenzulernen. Er biss die Zähne zusammen und nahm die Frau näher in Augenschein. Sie trug ein eng anliegendes cremefarbenes ärmelloses Kleid und hatte sich eine große Designerhandtasche in die linke Ellenbogenbeuge gehängt, sodass man sah, wie durchtrainiert ihre Arme waren. Ihre sanft gewellten blonden Haare fielen ihr bis zur Taille hinab. Sie wirkte gepflegt und kultiviert und schien überhaupt nicht zu dem heruntergekommenen grauen Haus zu passen.

Annabelle war während der zehnminütigen Fahrt eingeschlafen und grummelte, als Chase sie aus dem Kindersitz hob und auf dem Boden absetzte. Hazel hingegen hatte sich während ihres Schläfchens vorhin erholt und wollte unbedingt loslaufen.

Sawyer war noch nicht da, als Chase – flankiert von seinen Nichten – die Straße überquerte und auf die New Yorkerin zuging. „Teagan Burns?“

Teagan drehte sich um und sah Chase mit großen Augen an. Etwas Animalisches und Erotisches flammte in ihrem Blick auf, und für einen Moment vergaß er die Straße und seine Nichten.

„Ich bin Chase Love.“

„Hallo.“ Ihre atemlose Begrüßung und ihr bezauberndes Lächeln raubten ihm für einen Augenblick die Orientierung.

Ewan hatte ihm Fotos von Teagan Burns gezeigt, als sich herausstellte, dass sie die lange verschollene Tochter seiner Tante Ava war, aber diese Fotos waren ihr nicht gerecht geworden.

„Sawyer Thurston ist eine Geschäftspartnerin von mir. Sie hat erwähnt, dass Sie sich für das Calloway-Haus interessieren, und hält es für eine gute Idee, wenn ich bei der Besichtigung dabei bin, weil ich das Gebäude so gut kenne.“

Sein Name schien ihr nichts zu sagen, deswegen erwähnte er seine Verbindung mit Ethan nicht weiter. Falls sie in Zukunft zusammenarbeiten sollten, konnte er sich diesem Problem immer noch stellen.

„Aber natürlich. Ihre Firma hat einen fabelhaften Ruf, wenn es um den Erhalt historischer Bauwerke geht. Ich bin schon sehr gespannt auf Ihre Einschätzung.“ Sie neigte den Kopf und schaute seine Nichten an. „Und wer seid ihr zwei?“

„Ich bin Annabelle, und das ist meine Schwester Hazel.“

Beide Mädchen kamen, was den Charakter anging, nach ihrer Mutter und konnten ohne Unterbrechung plaudern. Hazel sprach zwar noch keine ganzen Sätze, aber sie hatte ein paar amüsante Formulierungen von ihrer älteren Schwester aufgeschnappt.

„Ich bin Teagan.“ Ihre grünen Augen funkelten entzückt, als sie sich vorbeugte und Annabelle ihre Hand hinhielt. „Ich freue mich sehr, euch kennenzulernen.“

Es ärgerte Chase, wie hingebungsvoll sie seine Nichten anlächelte. Und dann zog sich beim Anblick ihrer makellosen Schönheit und ihres auffallenden Charmes auch noch sein Magen zusammen, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. Er hatte sie sich nervös und herrisch vorgestellt, eine großspurige Frau, die sich auf ihr gutes Aussehen und ihre Arroganz verließ. Stattdessen war Teagan eine beunruhigende Mischung aus Sinnlichkeit und Eleganz.

Hazel war Fremden gegenüber normalerweise misstrauisch, aber sie taute bei Teagans gewinnendem Lächeln sofort auf. Ehe ihm klar wurde, was geschah, erwischte sich Chase dabei, wie er die Leichtigkeit bewunderte, mit der Teagan auf die Kinder einging. Einen Moment später fing sie seinen Blick auf, und ihm wurde ein wenig schwindelig. Eingenommen von ihrer Schönheit und ihrem Charme flammte in seinem Körper plötzlich erotisches Begehren auf. Gefolgt von Panik. Wie konnte es sein, dass er sie attraktiv fand? Das war Betrug an der Freundschaft mit Ethan.

„Sawyer müsste auch jeden Moment hier sein.“ Sein heiserer Tonfall gefiel Chase überhaupt nicht. Er sah zur Straße hinüber und hoffte, dass Sawyer kam, um ihn zu retten. „Ich könnte Ihnen aber in der Zwischenzeit schon mal etwas über die Geschichte des Hauses erzählen.“

„Du hast gesagt, wir kriegen ein Eis“, protestierte Annabelle und zerrte an seiner Hand. Die Hitze und das abrupte Ende ihres Schläfchens machten sie quengelig. „Wann kriegen wir ein Eis?“

„Eis“, stimmte Hazel mit ein und sprang zu seiner Linken auf und ab.

„Bald“, tröstete er. Er schenkte beiden Mädchen ein gewinnendes Lächeln und fragte sich, ob sie es schaffen würden, einen Rundgang durch das Haus zu machen, bevor die beiden endgültig durchdrehten. „Wir müssen Ms. Burns nur zuerst dieses Haus zeigen.“

„Warum?“

Die Antwort hinterließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund. „Weil sie es vielleicht kaufen möchte.“

Annabelle warf einen misstrauischen Blick auf das Haus, den von Unkraut überwucherten Garten und den zerbrochenen Lattenzaun. „Warum das denn?“ Ihr Blick wanderte zu Teagan. Nachdem sie sie ausgiebig betrachtet hatte, lehnte sie sich verschwörerisch an Chases Bein. „Ist sie verrückt?“, flüsterte sie hörbar.

Chase nahm all seine Willenskraft zusammen, und es gelang ihm tatsächlich, nicht zu Teagan hinüberzusehen. „Es wird alles renoviert, bevor sie einzieht“, erklärte er ernst.

„Ich weiß ja nicht.“ Annabelle hielt mit ihrem Misstrauen nicht hinter dem Berg. „Es ist ganz schön hässlich.“

„Hässliche Häuser in hübsche Häuser verwandeln, das mache ich andauernd“, entgegnete er ihr, warf Teagan einen Seitenblick zu und stellte fest, dass die ihr Gespräch interessiert verfolgte.

„Genau deswegen möchte ich es kaufen“, mischte sie sich ein, und ihre Augen leuchteten vor Begeisterung, als sie erst Annabelle und dann das verfallene Gebäude ansah. „Ich freue mich darauf, dieses Haus herzurichten, sodass es genauso schön ist wie die anderen hier in dieser Straße.“

„Wir wohnen in einem alten Haus“, verkündete Annabelle und schüttelte den Kopf. „Meine Mom beschwert sich dauernd darüber, dass nichts funktioniert.“

Teagan verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Na, dein Daddy ist doch so gut darin ist, alte Häuser herzurichten, da kann er vielleicht ein paar Sachen reparieren.“

„Mein Dad ist ein Doktor.“ Annabelle strahlte. „Er repariert Leute.“

„Oh.“ Zwischen Teagans perfekten Augenbrauen bildete sich eine Falte. Sie sah Chase fragend an. „Tut mir leid. Ich dachte…“

„Das ist nicht mein Daddy.“ Annabelle fand die Verwechslung sehr amüsant.

„Ich bin ihr Onkel“, ergänzte Chase, während seine beiden Nichten in Kichern ausbrachen.

„Ach so…“

Wieder musterte Teagan ihn so prüfend, dass Chase heiß wurde. Offenbar gefiel ihr, was sie sah, denn sie lächelte zögernd. Unsichtbare Fäden der Anziehung schienen von ihr auszugehen, um ihn einzuspinnen. Sein Herz hämmerte heftig und unregelmäßig und überschwemmte seinen ganzen Körper mit Adrenalin. Diese Frau bedeutete sogar noch mehr Ärger, als Ethan gesagt hatte.

„Ja … na ja …“

Ihm fehlten sonst nie die Worte, aber die Wirkung, die Teagan auf ihn hatte, traf ihn völlig unvorbereitet. Der Ton seines Handys kündigte eine Nachricht an. „Sieht so aus, als ob Sawyer sich verspätet. Sie schreibt, wir sollen ohne sie anfangen.“

Teagan musste seine Irritation bemerkt haben, denn sie nickte schnell, zügelte ihren Sexappeal und wurde geschäftsmäßig. „Natürlich. Dann los.“

Teagan flüchtete sich ins Geschäftliche, denn sie brauchte einen Augenblick, um wieder zu Atem zu kommen. Sawyer hatte zwar nur Gutes über den talentierten Restaurierungsspezialisten zu sagen gehabt, aber das einzige Foto von ihm auf seiner Website hatte sie nicht im Mindesten auf das Zusammentreffen mit dem gut aussehenden, extrem maskulinen Architekten vorbereitet.

Als ob die schwüle Luft in Charleston nicht gereicht hätte, damit ihr warm wurde, hatte die Begegnung eine seltsame Mischung aus Gänsehaut und Schweiß auf ihrem gesamten Körper ausgelöst. Sie war lächerlich froh darüber, dass Chase Love weder verheiratet noch der Vater der beiden entzückenden Mädchen war. Er rief eine atemlose Begeisterung in ihr hervor, und sie wäre am liebsten mit seiner stabilen, muskulösen Gestalt verschmolzen.

Unglücklicherweise waren da auch noch der energische Zug um seinen Mund und die harten, haselnussbraunen Augen, mit denen er sie ansah und für minderwertig befand. Teagan hätte blind sein müssen, um nicht zu erkennen, dass der Mann sie nicht mochte. Dennoch riefen seine breiten Schultern und sein strenger Gesichtsausdruck den trotzigen Impuls in ihr wach, mit ihm zu flirten. Das war keine gute Idee. Überschäumende Hormone wären ein schwerwiegendes Problem, falls sie auf absehbare Zeit eng mit Chase zusammenarbeiten sollte. Falls war das entscheidende Wort.

Sie überlegte gerade, wie sie ihn davon überzeugen sollte, dass sie eine ernsthafte Geschäftsfrau war, die klare Ziele hatte, als das jüngere der beiden Mädchen etwas sagte, das ihm ein liebevolles Lächeln entlockte. Heilige … wow! Von abweisend zu anziehend in einem Wimpernschlag. Teagan wurde schon wieder schwach.

„Wollen wir mit drei kleineren Wohneinheiten anfangen?“, fragte Chase, der zum Glück nichts von ihrem inneren Kampf bemerkt hatte. „Meine Schwester sollte in fünfzehn Minuten hier sein, um die beiden hier abzuholen. Es wäre besser, wenn wir uns das Haupthaus ansehen, ohne dass sie dazwischenfunken.“

„Gern“, murmelte sie in der Hoffnung, dass er die Röte ihrer Wangen der gnadenlosen Sonne zuschrieb.

Chase bedeutete ihr, ihm über den mit gesprungenen Betonplatten gepflasterten Pfad zu folgen, der zur windschiefen vorderen Veranda führte. Sie gingen an dem viktorianischen Gemäuer vorbei zu den Gebäuden dahinter. Da Chase zwischenzeitlich außer Sichtweite war, fiel es Teagan leichter, ihre Gedanken zu ordnen und sich darauf zu konzentrieren, warum sie hergekommen war.

Abgesehen vom Haupthaus gab es auf dem weitläufigen Grundstück drei Nebengebäude, die eigene Adressen hatten und die sie renovieren wollte, um eine Zuflucht für Frauen in Not daraus zu machen.

„Sawyer hat erwähnt, dass sie in besserem Zustand sind als das Hauptgebäude.“

„Das sind sie auch. Diese Häuser sind bis vor Kurzem noch bewohnt gewesen“, erwiderte Chase, ohne seine Nichten, die den zugewucherten Garten erkundeten, aus den Augen zu lassen. „Sie sind in den Fünfzigerjahren gebaut worden.“

In einem Schlüsselkasten an der Wand des mittleren Hauses befanden sich die Schlüssel zu allen drei Gebäuden. Während Chase die Tür öffnete, spitzte Teagan die Lippen und stellte sich vor, was man aus der Fassade der drei Nebengebäude machen konnte. Zuerst wollte sie sie in leuchtenden Farben streichen, damit sich jedes Haus wie etwas Besonderes anfühlte. Die Fensterläden und Leisten würden für ein harmonisches Gesamtbild sorgen.

Chase ging weiter, um die beiden anderen Häuser aufschließen, und Teagan schaute sich allein in dem mittleren um. Ein gemütliches Wohnzimmer, winzige Küche, zwei anständig große Schlafzimmer und ein Bad, das dringend saniert werden musste. Wenn man dann noch einen robusten Bodenbelag verlegte und ein paar bescheidene, aber stilvolle Möbel besorgte, konnte man aus diesem Haus eine Zuflucht für Frauen und Kinder machen, die dringend einen sicheren Ort brauchten, um ihr Leben wieder in die Spur zu bringen.

„Was halten Sie davon?“, fragte Chase, als sie aus dem Haus kam.

„Es ist nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Falls es in den Mauern keine versteckten Probleme gibt, könnte man sie sicher innerhalb eines Monats renovieren.“ Während Teagan sich die anderen beiden Häuser ansah, wuchs ihre Begeisterung für das Projekt immer weiter.

„Bereit, das Haupthaus zu besichtigen?“, fragte er, und seine Miene war viel weniger abweisend, als er jetzt seine Nichten einfing und auf das zweistöckige viktorianische Gebäude zeigte.

„Gerne.“

Der ursprüngliche Anstrich der Verkleidung aus dem neunzehnten Jahrhundert war längst verblasst. Beim Anblick der jahrzehntelangen Vernachlässigung fragte Teagan sich, inwieweit die ursprüngliche Ausstattung des Hauses noch intakt war.

„Entschuldigen Sie mich kurz“, bat Chase, ließ sie stehen und ging den Gartenweg hinunter.

Teagan war so von dem Haus gefangen genommen gewesen, hatte es sich in Hellgelb mit Türkis und gedämpft korallenroten Akzenten vorgestellt, dass ihr der weiße SUV, der mit laufendem Motor am Straßenrand stand, gar nicht aufgefallen war. Eine wunderhübsche blonde Frau umrundete den Wagen und schloss die kleinen Mädchen in die Arme. Teagan hatte plötzlich einen Kloß im Hals, während sie zusah, wie Mutter und Töchter sich wiedersahen. Sie und Sienna hatten sich kein einziges Mal so sehr gefreut, Anna Burns wiederzusehen. Ihre Mutter war nie warm und liebevoll gewesen. Ihre Liebesbeweise beschränkten sich auf Shoppingtouren und elegante Mittagessen, bei denen von den Mädchen erwartet wurde, sich wie zivilisierte Erwachsene zu verhalten. Keine Frage, ihre Adoptiveltern hatten ihr alles gegeben, was man mit Geld kaufen konnte, und Teagan konnte sich nicht über ihre Erziehung in Privatschulen, die Designerklamotten oder unglaubliche Reisen nach Europa beklagen. Sicher, sie hatten sie nicht umarmt, sie ermutigt oder ihr Gutenachtgeschichten vorgelesen. Aber dafür gab es ja Kindermädchen.

Erst als Teagan nach Charleston gekommen und von ihrer biologischen Familie mit offenen Armen aufgenommen worden war, hatte sie entdeckt, wie viel Freude es machte, geliebt zu werden. Ein Jahr zuvor hatte sie ihre DNA testen lassen, in der Hoffnung, ihren Vater zu finden oder Kontakt mit der Familie ihrer Mutter aufnehmen zu können. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass ihre Suche sie nach Charleston führen würde.

Ihre Adoptiveltern hatten sie zu Ehrgeiz und Misstrauen erzogen. Dass Teagan niemandem traute, sorgte dafür, dass sie einen Fehler nach dem anderen machte. Sie war ehrgeizig vom Scheitel bis zur Sohle und konnte Manhattan nicht verlassen, ohne sicherzugehen, dass der Umzug nach Charleston es in irgendeiner Weise wert war. Die Firma ihrer leiblichen Familie zu führen, war ihr wie die perfekte Antwort auf dieses Problem erschienen. Dass ihr Cousin Ethan kurz davorstand, der nächste CEO von Watts Shipping zu werden hatte sie lediglich als Hindernis betrachtet, das es zu überwinden galt.

Leider hatte ihre Entschlossenheit dazu geführt, dass sie dem einzigen Menschen geschadet hatte, auf den sie sich ihr Leben lang immer hatte verlassen können, ihrer älteren Schwester Sienna. Als Adoptivkind in der Familie Burns hatte Teagan während ihrer Kindheit auf der Upper East Side von New York gelernt, mit aller Macht zu kämpfen, um ihre Ziele zu erreichen. In dieser gnadenlosen Welt führten Umwege oft sicherer zum Ziel als direktes Handeln. Und sie hatte diese Strategie in Charleston mit katastrophalen Folgen eingesetzt.

Als sie ihre Schwester dazu überredete, Ethan für sie auszuspionieren, hatte Teagan nicht daran gedacht, dass Sienna für Intrigen gänzlich ungeeignet war. Ebenso wenig hatte sie vorhergesehen, dass ihre Schwester sich in Ethan verlieben würde. Es war Teagans Schuld, dass das Paar eine grauenhafte Trennung hatte durchmachen müssen, bevor sie sich wieder versöhnten. Wäre Teagan nicht ausschließlich mit ihren eigenen Zielen beschäftigt gewesen, hätte sie vielleicht sehen können, dass sich zwischen den beiden etwas Echtes und Dauerhaftes entwickelte, und sie in Ruhe gelassen. Stattdessen hatte sie sich von trotziger Entschlossenheit blenden lassen und nicht erkannt, was das Beste für Sienna war. 

Autor

Cat Schield
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