So wild und schön wie die Highlands

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Max Drummond braucht eine Ehefrau – schnell! Bis zu seinem dreißigsten Geburtstag muss der schottische CEO verheiratet sein. Sonst verliert er sein Erbe, den Familiensitz in den Highlands und das Whisky-Imperium. Das Schicksal kommt ihm zu Hilfe, als er eine hinreißende Diebin auf seinem Anwesen erwischt. Die Journalistin Rowan ist auf der Suche nach einer heißen Story. Und bekommt stattdessen einen Heiratsantrag! Ein Jahr, keine Gefühle, dann Scheidung. Aber der prickelnde Deal mit der quirligen Schönheit bringt Max an die Grenzen seiner sinnlichen Beherrschung …


  • Erscheinungstag 06.01.2026
  • Bandnummer 012026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541589
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Beatrice Bradshaw

So wild und schön wie die Highlands

1. KAPITEL

Fusionen, feindliche Übernahmen – Max Drummond war einiges gewöhnt. Aber nichts hatte ihn auf das hier vorbereitet.

Das Ultimatum war nicht das Problem.

Sondern die Tatsache, dass er es nicht hatte kommen sehen.

Von draußen drückte die Julihitze gegen die uralten Steinmauern, doch das Arbeitszimmer im Inneren des Schlosses war kalt und voller Schatten. Max stand mit verschränkten Händen da, die Schultern straff im Maßanzug, und blickte auf die schottischen Highlands. Dreizehn Jahre war er nicht mehr hier gewesen. Jetzt hatte die Landschaft, in der er aufgewachsen war, plötzlich eine beklemmende Wirkung auf ihn.

„Sie verstehen die Bedingungen?“ Die Stimme des Anwalts rieb wie Schmirgelpapier über Max’ Nerven.

Er drehte sich um und fixierte Richard Blackwood mit demselben durchdringenden Blick, mit dem er sonst seine Gegner einschüchterte – als CEO von M.A.D. Capital Partners, einer der gefürchtetsten Investmentfirmen Londons.

Seiner Firma.

„Vollkommen. Auch wenn mir schleierhaft ist, was mein Wohnort und Familienstand mit meiner Fähigkeit zu tun haben, das Anwesen und die Destillerie zu leiten. Das geht auch wunderbar von London aus.“

„Der letzte Wille Ihres Vaters ist eindeutig.“ Blackwood ordnete die Unterlagen auf dem wuchtigen Eichenschreibtisch. „Heirat bis zu Ihrem dreißigsten Geburtstag und Lebensmittelpunkt in Schottland – oder das Anwesen fällt endgültig an die Stiftung.“

Sein dreißigster Geburtstag.

In einer Woche.

Max unterdrückte den Drang, seine Krawatte zu lockern. Er würde keine Regung zeigen. „Was ist mit der Destillerie?“

„Alles geht an den Treuhandfonds. Der Betrieb läuft mit dem Team weiter, das wir fürs Tagesgeschäft eingestellt haben. Ihre Mitwirkung war bisher nicht nötig. Auch wenn wir es natürlich begrüßt hätten.“

Max lachte trocken.

„Wir haben sichergestellt, dass alles rundläuft, während Sie … beschäftigt waren“, sagte Blackwood. „Der Treuhandfonds dient der Bewahrung des Drummond-Erbes. Wenn Sie die Bedingungen nicht erfüllen, geht alles in Stiftungsbesitz über. Als Treuhänder haben wir dann das Recht, zu verkaufen und umzustrukturieren.“

Max presste die Lippen zusammen. Dreizehn Jahre mühsam aufgebauter Selbstkontrolle drohten zu bröckeln.

Sie werden alles ausschlachten, um Profit daraus zu schlagen. Was interessiert mich das?

Er hatte aus gutem Grund ein Leben weit weg von Schottland gewählt. Er verspannte sich, als die Erinnerung an das letzte Gespräch mit seinem Vater in diesem Raum in ihm aufstieg. Die erdrückende Stille zwischen ihnen.

Seine Eltern hatten ihren Lieblingssohn verloren – Dunmarachs rechtmäßigen Erben – und waren an ihrem Schmerz zerbrochen.

Martin war nicht mehr da.

Und das war Max’ Schuld.

Selbst dreizehn Jahre nach dem Unfall hörte er noch das Kreischen von Metall. Spürte die Dunkelheit. Nahm den Geruch von Blut wahr. Sah die Blaulichter, die flackernd durch den Regen schnitten. Hörte Stimmen, verschwommen und gedämpft, während er zwischen Bewusstsein und Schwärze trieb.

Max konnte sich wochenlang nicht bewegen.

Konnte nicht zur Beerdigung seines Bruders.

Einen Monat im Krankenhaus. Und kaum draußen, hatte sein Vater ihn weggeschickt. An die Uni nach England.

Die alte, zermürbende Mischung aus Wut, Schuld und Versagen brodelte in ihm. Über ein Jahrzehnt hatte er diese Erinnerungen tief in sich vergraben. Emotionen neutralisierte er wie Hindernisse bei einer feindlichen Übernahme.

Er hatte sich abgehärtet. Sich selbst in Stein verwandelt.

Und doch war er plötzlich wieder dieser siebzehnjährige Junge. Das gefürchtete Finanzgenie Maxwell Drummond – ausmanövriert von den Spielchen seines Vaters. Sogar noch zwei Jahre nach dessen Tod.

Max schmeckte noch den bitteren Kaffee von jenem Morgen vor zwei Jahren, als seine Sekretärin das Neun-Uhr-Meeting mit der Nachricht vom Bootsunglück platzen lassen hatte. Eine gemietete Jacht, ein karibischer Sturm. Seine Eltern waren bestenfalls mittelmäßige Segler gewesen. Fast zwei Wochen hatte die Küstenwache gesucht, bevor Murdoch und Charlotte Drummond dann offiziell für verschollen erklärt wurden.

Max hatte eine Beerdigung für leere Mahagonisärge arrangieren müssen. Der verstoßene Sohn war gezwungenermaßen zurückgekehrt, um nichts als Luft in Särgen zu begraben, die nie verrotten würden. Am nächsten Tag war er abgereist, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das war das einzige Mal gewesen, dass er in den vergangenen dreizehn Jahren in die Highlands zurückgekehrt war.

Bis jetzt.

Sein Vater hatte den Treuhandfonds nach Martins Tod gegründet. Als Absicherung. Noch ein Zeichen, dass Max nie der Erbe gewesen war, den sein Vater gewollt hatte. Die Botschaft war klar: Die Stiftung sollte Dunmarach vor Max schützen, nicht für ihn.

Also hatte er sich in die Arbeit in seiner eigenen Firma gestürzt und das Anwesen in seiner Abwesenheit von der Stiftung verwalten lassen, ohne sich einzumischen. Ohne zurückzublicken.

Und jetzt saß er wieder in der Festung seines Vaters aus dunklem Holz und Missbilligung fest. Murdoch Drummonds Präsenz – eine Mischung aus Highland-Torf und patriarchalischem Groll – hatte ihn durch jedes Internatszimmer, jeden Hörsaal in Cambridge und jedes Londoner Vorstandszimmer verfolgt. Sie steckte noch immer in diesen Wänden.

„Verstehe“, sagte Max beherrscht. „Ist das alles?“

„Ihre Eltern dachten, eine Ehe würde für Stabilität sorgen“, sagte Blackwood. „Dass sie Ihnen helfen würde, Ihre Verantwortung hier zu übernehmen.“

Es ging hier nicht um Stabilität. Es ging darum, ihn zu verbiegen. Sie mussten geglaubt haben, dass eine Ehe ihn mehr zu dem Sohn machen würde, den sie begraben hatten.

„Eine Woche, um zu heiraten. Sie haben bis eine Woche vor meinem dreißigsten Geburtstag gewartet, um dieses Detail zu erwähnen.“

„Die Treuhänder waren der Meinung, dass Sie – wenn Dunmarach Ihnen wichtig wäre – längst aus freien Stücken zurückgekehrt wären. Ihre Eltern haben gehofft, dass Sie mit der Zeit zur Besinnung kommen würden. Ohne Ultimatum.“ Blackwood rückte seine randlose Brille zurecht. „Im Testament haben sie festgelegt, dass Sie an Ihrem dreißigsten Geburtstag erben – vorausgesetzt, dass Sie die Bedingungen von selbst erfüllen. Rechtlich waren wir nicht verpflichtet, Ihnen diese Bedingungen überhaupt mitzuteilen. Auch wenn ich Ihren Eltern und den Treuhändern dazu geraten habe.“

„Tatsächlich?“ Die Whiskykaraffe klirrte leise, als Max Scotch in zwei Gläser einschenkte. Er war sich sicher, dass der Anwalt log. Er wusste nur nicht, warum.

Blackwood nahm das Glas mit einem knappen Nicken an. „Die Treuhänder wollten auf den richtigen Zeitpunkt warten. Ihnen die Chance geben, von allein zurückzukommen.“

„Erzählen Sie keinen Mist. Sie vergessen, mit wem Sie es zu tun haben.“ Das Kristallglas fing das Abendlicht ein. „Der richtige Zeitpunkt? Sie meinen den perfekten Moment, um es mir unmöglich zu machen, die Klausel zu erfüllen. Reines Kalkül. Die Stiftung will mich loswerden.“

„Wir tun, was nötig ist, um Dunmarachs Zukunft zu sichern. Und Ihre Eltern wollten Sie zu Hause haben.“ Blackwood stellte sein Glas beiseite. „Martins Unfalltod hat sie schwer getroffen. Sie haben getrauert.“

Max ging mit gemessenen Schritten zum Fenster, der Holzboden knarrte unter seinen italienischen Lederschuhen. „Und was ist mit mir? Ich habe auch getrauert. Ich habe meinen Bruder verloren.“

Sie haben sich entschieden, nach dem Studium in London zu bleiben.“

„Und meine Eltern haben sich entschieden, so zu tun, als existierte ihr überlebender Sohn nicht.“

Wem wollte Blackwood was vormachen? Das hier war ein Putsch. Die Stiftung wollte sich seiner entledigen, und seine Eltern hatten ihnen das Werkzeug dafür gegeben. Vielleicht hatten sie tatsächlich angenommen, sie würden das Anwesen mit der Klausel schützen. Vielleicht war es eine letzte Bestrafung, ein letzter Beweis dafür, dass er nie gut genug gewesen war.

„Die Bedingungen sind eindeutig.“ Max strich seine Manschetten glatt. Eine Eigenheit, die er sich in Vorstandszimmern angewöhnt hatte, wenn er zum vernichtenden Schlag ansetzte. „Eine Woche, um eine Frau zu finden, oder ich verliere alles. Das Schloss, das Land, die Destillerie. Und ich nehme an, Sie haben keine Einwände dagegen, das Schloss und Drummond’s Finest gewinnbringend zu verkaufen – ohne einen lästigen Erben, der dazwischenfunkt. Das geheuchelte Interesse an meinem Wohlergehen können Sie sich sparen.“

„Ihre Eltern wollten …“

„Was sie wollten“, unterbrach Max den Mann frostig, „war ein formbarer Nachfolger. Bekommen haben sie mich. Wenn wir jetzt mit dieser Besprechung fertig sind, hätte ich noch ein paar Anrufe zu tätigen.“

„Maxwell …“

„Danke für Ihre Zeit. Mein Team wird die Unterlagen prüfen.“

Der Anwalt sammelte seine Papiere ein und räusperte sich. „Natürlich. Viel Erfolg.“

Sobald er allein war, trat Max zum antiken Bar-Globus und hob den Deckel. Er schenkte sich zum zweiten Mal großzügig vom hauseigenen Single Malt ein.

Eine Woche, um eine Frau zu finden.

Er kippte den Whisky in einem brennenden Zug hinunter.

Jahrelang hatte er seine Private-Equity-Firma in London aufgebaut, sich eine Identität geschaffen, die nichts mit der erdrückenden Last des Familienerbes zu tun hatte.

Laird.

Die Wände des Arbeitszimmers schienen auf ihn zuzukommen. Sie waren voll mit Porträts der Drummond-Ahnen, die das geschafft hatten, was ihm nicht gelingen wollte – die Linie seiner Familie fortzuführen, das Erbe zu bewahren, dem Namen gerecht zu werden.

Was ihn wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass die Treuhänder ihn ausgespielt hatten. Eine Bande von Provinzbürokraten unter Blackwoods Führung.

Wenn er Dunmarach jetzt verlor, würde es seinem Vater recht geben.

Er würde Martin im Stich lassen.

Er würde die Familie verraten.

Beides konnte er nicht zulassen.

Max war ein Gewinner. Er hatte sich unantastbar gemacht. Unsicherheit, Verletzlichkeit … Schwächen, die er sich nicht leisten konnte. Jeder Riss in der Rüstung ein Risiko. In seiner Welt überlebten die Zielstrebigen, die, die sich nicht von ihrem Herzen leiten ließen, nicht die Sentimentalen.

Dunmarach an die Stiftung fallen lassen? Nicht mit ihm. Wenn er heiraten musste, um das Schloss, das Land und die Destillerie zu behalten, dann würde er das tun. Eine Ehe war nichts weiter als ein Vertrag. Und mit Verträgen kannte er sich aus.

Er lief unruhig auf und ab, während er in Gedanken mögliche Kandidatinnen aus seinem Bekanntenkreis durchging. Es musste jemanden geben, der den praktischen Charakter einer solchen Vereinbarung begriff. Eine Frau, die nicht mehr erwartete, als er zu geben imstande war.

Er schnaubte. Sie würden ihm ins Gesicht lachen.

Im Laufe der Jahre hatte er mehr Frauen gehabt, als er zählen konnte. Und keine scherte sich um ihn. Dafür hatte er gesorgt. Ein Jahrzehnt mit unverbindlichen Beziehungen hatte ihm eine lange Liste an Nummern in seinem Handy hinterlassen – aber nicht eine einzige Person, der er sein Erbe anvertrauen würde.

Er hatte es so gewollt, oder? Alle auf Abstand halten, niemanden nah genug heranlassen, um die Schatten zu sehen.

Martins alter Rugby-Schal hing noch an der Garderobe an der Wand, das Blau längst zu Grau verblasst. Martin, der nie Probleme gehabt hatte, sich zu öffnen, dazuzugehören. Der niemals etwas falsch machte. Immer perfekt war.

Wenn sie nur wüssten …

Der Whisky brannte ihm in seinem leeren Magen. Sieben Tage, um eine Frau zu finden. Max konnte sich nicht einmal erinnern, wann er zuletzt mit jemandem gefrühstückt hatte. Er hatte noch nie einen Gedanken daran verschwendet, sein Leben mit jemandem zu teilen – sei es geschäftlich oder privat. Beziehungen waren nicht sein Stil. Affären? Ja, zahllose. Aber er hatte immer darauf geachtet, vor Sonnenaufgang zu verschwinden.

Ein Windstoß rüttelte an den Fenstern, und das Schloss ächzte. Alles in diesem Raum gehörte Toten. Martins Auszeichnungen, die Enttäuschung seiner Eltern. Und jetzt sollte er aus dem Nichts eine Ehefrau heraufbeschwören und sie in dieses Mausoleum schleppen – oder klein beigeben, alles den Treuhändern überlassen und sich dabei zur Witzfigur machen?

Mit einem Klirren stellte er das Glas auf den Schreibtisch seines Vaters. Über den Hügeln türmten sich schwere Wolken. Dunmarach zu verlieren, wäre ein herber finanzieller Schlag, aber es würde ihn nicht ruinieren. Seine Karriere hatte ihn finanziell unabhängig gemacht.

Doch die Vorstellung, wie Treuhandverwalter den Drummond-Nachlass an sich rissen, schnürte ihm die Brust zusammen. Die Destillerie, die seine Vorfahren aufgebaut hatten. Das Schloss, das acht Generationen seiner Familie beheimatet hatte. Alles, was einen Drummond zu einem Drummond machte – einfach weg. Er konnte das Geflüster in den Privatclubs schon hören, die wissenden Blicke bei Branchenveranstaltungen. Der große Maxwell Drummond, der die britische Finanzwelt erobert hatte, aber seinen eigenen Nachlass nicht halten konnte.

Der Erbe, der alles verlor.

Was für ein geschmackloses Klischee.

Jahrelang hatte er versucht, diesen Ort zu vergessen. Martin hatte dieses Land mit einer Leidenschaft geliebt, die Max nie verstanden hatte. Doch jetzt, während die Dämmerung über die Hügel kroch, die seit Jahrhunderten im Familienbesitz waren, spürte er das Gewicht dessen, was sein Bruder immer gewusst hatte: Das hier war nicht einfach ein Besitz, den man verwaltete. Nicht irgendein beliebiges Unternehmen, das er in Stücke teilen und verkaufen konnte. Dunmarach war mehr als Land oder Erbmasse. Es war der Kern dessen, was es hieß, ein Drummond zu sein.

Und Max war der letzte.

Er schuldete es Martins Andenken, das zu bewahren, was sein Bruder geliebt hatte. Was Martin hätte gehören sollen – wenn das Schicksal nicht andere Pläne gehabt hätte.

Wenn er nicht …

Die Ironie entging Max nicht. Jahrelang war er vor diesem Ort weggelaufen – nur um jetzt darum kämpfen zu müssen. Draußen legte sich die Dämmerung wie ein Leichentuch über das Anwesen. Donner grollte über die Hügel. Für einen Moment hätte er schwören können, Martins Lachen darin zu hören. Sein Bruder hätte diese Situation urkomisch gefunden.

Max lockerte die Krawatte und öffnete die obersten Knöpfe seines Hemdes – als ließe sich die Enge abschütteln.

Er würde eine Lösung finden. Es mit seinem Anwaltsteam besprechen. Ein Schlupfloch auftun.

Doch während die Dunkelheit fast unmerklich dichter wurde und der Whisky weniger, gelang es selbst Maxwell Drummond nicht, sich einzureden, dass es so einfach sein würde.

2. KAPITEL

Der Deckenventilator dröhnte über Rowan MacKays Kopf und rührte träge durch die stickige Juliluft. Die muffige Luft des winzigen Zimmers der Frühstückspension roch nach Feuchtigkeit. Sie saß in einem Sessel aus Kunstleder, Laptop auf den Knien. Auf dem Bildschirm leuchtete ihr ihr Kontostand entgegen wie ein unübersehbares Neonschild.

„Verdammt.“ Nächste Woche waren die zusätzlichen Pflegeheimgebühren für ihre Großmutter fällig, und Rowans letzte Honorarzahlung war noch „in Bearbeitung“.

Ihr Handy summte, und das Gesicht ihrer Gran erschien auf dem Display.

„Hallo, Darling! Wollte hören, ob du gut angekommen bist.“

Grans warme Stimme löste den Knoten in Rowans Brust ein wenig. Der vertraute Kosename aus ihrer Kindheit fühlte sich besonders kostbar an, weil ihre Gran mehr und mehr Dinge vergaß – wie ihre Medikamente zu nehmen oder dass ihr Mann vor knapp zwei Jahrzehnten gestorben war. Die Diagnose Demenz hatte vor drei Jahren eingeschlagen wie ein Vorschlaghammer. Erst vier Monate war sie im Pflegeheim. Fürs Erste konnte sie noch die richtige Kurzwahltaste auf ihrem Telefon drücken und wusste, mit wem sie sprach. Aber wie lange noch?

„Mir geht’s gut, Gran. Das Zimmer ist …“ Sie warf einen Blick auf einen braunen Fleck an der Decke. „… rustikal.“

„Und die Geschichte?“ Es folgte eine kurze Pause: „Habe ich das schon gefragt? Mein Kopf ist wie ein Puzzle. Woran schreibst du noch mal?“

„Über das Schloss, die Destillerie und den neuen Erben. Hoffe ich jedenfalls.“

„Und läuft’s gut?“

Rowan warf einen Blick auf den Ordner auf dem Bett, voll mit Material über Dunmarach Castle. Die ideale Story für eine junge Journalistin, die sich die Gunst der North-By-Scotland-Redaktion erschreiben wollte. Ihre Chance auf einen festen Job. Oder zumindest auf Aufträge als Journalistin. Auch wenn es nur ein zweitklassiges Highland-Lifestyle-Magazin war.

Dunmarach. Ein Schloss mit einer Destillerie, die kurz davorstand, ihren neuen dreißig Jahre alten Whisky auf den Markt zu bringen. In der Branche wurde gemunkelt, er könnte jedem Glen-Soundso den Rang ablaufen. Ein neuer Highland-Malt mit einer so makellosen Abstammung und einer so geheimnisvollen Hintergrundgeschichte, dass er sich praktisch von selbst verkaufte.

Das Timing hätte nicht besser sein können.

Whisky-Nerds brannten darauf zu erfahren, was Maxwell Drummond mit der Destillerie vorhatte, sobald er das Ruder übernahm. Insider vermuteten, dass sein dreißigster Geburtstag den offiziellen Wendepunkt markierte. Seit dem Tod seiner Eltern vor zwei Jahren hatte er kein öffentliches Statement abgegeben. Davor auch nicht. Niemand kannte den Mann. Keine Interviews, keine Pressemitteilungen, nicht mal halbherzige PR.

Wer würde da nicht mal hinter die Kulissen blicken wollen?

„Noch in der Planungsphase“, wich Rowan aus. „Aber ich bin dran.“

Wochenlang hatte sie es mit Freundlichkeit versucht, alle offiziellen Kanäle genutzt. E-Mails, höfliche Anrufe. Aber das Management der Destillerie war nicht an Presse interessiert. Die Marke Dunmarach lebte von Exklusivität. Kein Tag der offenen Tür, keine Werbung, kein Kommentar. Sie musste die Informationen für ihren Artikel mühsam zusammenkratzen.

„Das ist mein Mädchen.“ Die Stimme ihrer Gran hellte sich auf. „Du fällst immer auf die Füße, wie deine Mutter.“

Der Vergleich ließ Rowan innerlich zusammenzucken. Ihre Mutter schob Doppelschichten im Krankenhaus. Ein Vierteljahrhundert lang hatte sie Medikamente verteilt, Infusionen gelegt und nebenbei noch allein ein Kind großgezogen – und was hatte sie davon? Einen kaputten Rücken, eine pflegebedürftige Mutter und eine Tochter, die zwar studiert hatte, sich aber keine eigene Wohnung in Glasgow leisten konnte.

Rowan würde einen Weg finden, damit ihre Gran die nötigte Pflege erhielt und ihre Mum Urlaub machen konnte. Auch, wenn sie dafür eine Schlossmauer hochklettern musste.

Deshalb war sie schließlich hergekommen.

„Habe ich schon erzählt? Dein Granddad Joe hat angerufen. Er hat gesagt, er kommt morgen vorbei. Ich warte schon so lange auf ihn.“

Rowan zog sich das Herz schmerzhaft zusammen. „Ich bin mir nicht sicher…“ Dann zwang sie sich zu einem fröhlichen Ton. „Weißt du was? Ich glaube, du hast es mir tatsächlich schon erzählt. Tolle Nachrichten!“

Nachdem sie sich verabschiedet hatte, vertiefte Rowan sich wieder in ihre Recherche. Zur Ablenkung.

Offiziell wurde das Anwesen von einer Stiftung verwaltet. Genau wie die Destillerie war ihr auch von dieser deutlich gemacht worden, dass Presseanfragen unerwünscht waren.

Die Website des Schlosses ergab auch nicht viel, aber Rowan hatte ein paar ältere Artikel ausgegraben, in denen Maxwell Drummond erwähnt wurde. Auf einem Foto von vor ein paar Jahren war ein ernster Mann von Mitte zwanzig zu sehen. Kantige Wangenknochen, düsterer Blick in graublauen Augen, dunkles Haar und ein Gesicht, das vermutlich noch nie richtig gestrahlt hatte. Der Anzug saß perfekt, soweit man es beurteilen konnte. Selbst mit einem Blick, der die Kamera zu einem Duell im Morgengrauen herauszufordern schien, war er umwerfend.

Ein älterer Artikel fesselte ihre Aufmerksamkeit. Vor dreizehn Jahren war ein mysteriöser Autounfall geschehen. Maxwell überlebte, sein älterer Bruder nicht. Die Details waren vage, verpackt in die nichtssagenden Worthülsen, mit der feine Familien ihre Geheimnisse vertuschten. Und dann waren vor zwei Jahren seine Eltern bei einem Sturm nahe Antigua mit ihrer Jacht gekentert und ums Leben gekommen.

Sie kaute gedankenverloren auf ihrer Unterlippe.

„Kein Wunder, dass du lieber in London lebst und grimmig in die Gegend starrst“, sagte sie zu seinem Foto und versuchte, ihr schlechtes Gewissen zu verdrängen. „Aber ich brauche meine Story dringender als du deine Privatsphäre.“

Ein Artikel, um endlich zu beweisen, dass sie es im Journalismus zu etwas bringen konnte.

Sie rief die Satellitenansicht von Dunmarach Castle auf. „Mal sehen, wie ich deine Schutzmauern überwinden kann.“

Die Spätsommersonne verschwand am Horizont, als Rowan ihren Plan fertig ausgetüftelt hatte. Er lag irgendwo zwischen investigativ und kriminell.

Sie zog ein unauffälliges Outfit an – Doc Martens, schwarze Jeans, lässige Lederjacke – und nahm ihren Rucksack.

Als sie an der Rezeption vorbeiging, schlug die alte Standuhr neun Mal. Mrs. Bellamy, die Besitzerin der Pension, blickte nicht von ihrem Kreuzworträtsel auf.

„Ich gehe ein bisschen spazieren“, sagte Rowan und trat hinaus in die frische Luft, nachdem Mrs. Bellamy ihr geistesabwesend zugenickt hatte.

Sie war schon immer für kleine Abenteuer zu haben gewesen, aber das hier war ihr erster geplanter Hausfriedensbruch. Für eine gute Sache, aber trotzdem.

Der Weg nach Dunmarach schlängelte sich durch einen Kiefernwald den Hügel hinauf. Nach gut zwanzig Minuten lichteten sich die Bäume und gaben den ersten richtigen Blick auf das Schloss frei. Dunmarachs Türme zeichneten sich scharf gegen das schwindende Licht ab. Dahinter nichts als zerklüftete Bergrücken und endloser Himmel. Streifen des Abendlichts brachen hier und da durch die bleiernen Wolken und ließen das Schieferdach glänzen wie nasse Seide.

Ihr raste das Herz, als sie an der Mauer entlangging, eine Mischung aus Nervenkitzel und Panik. Vor ihr ragte eine hohe, knorrige Eiche auf, deren Äste auf die andere Seite der Mauer reichten. Der unterste Ast auf dieser Seite war gerade so in Reichweite.

Sie hatte auf dem offiziellen Weg alles versucht, oder?

Manchmal war das Richtige eben das, was Resultate brachte.

Sie warf einen letzten prüfenden Blick nach oben – dann sprang sie und griff nach dem Ast. Sie erwischte ihn mit beiden Händen, und ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Unter großer Anstrengung zog sie sich hoch. Dann hielt sie inne, um Luft zu holen. Sie blinzelte nach unten. Gepflegter Rasen breitete sich aus wie ein smaragdgrüner Teppich. Keine Sicherheitsleute in Sicht. Keine Kameras. Keine Wachhunde.

Sie krabbelte ein Stück weiter auf dem Ast, ließ sich dann auf der anderen Seite der Mauer daran hinunter und ins Gras fallen. Mühsam rappelte sie sich auf und klopfte sich den Dreck von der Hose. 

Geschafft!

Ein paar Fotos, ein Blick durchs Fenster. Nur, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Mehr nicht. Alles ganz harmlos.

Plötzlich wurde die Luft schwer. Kälte kroch ihr den Rücken hinauf. Hinter ihr knackte ein Zweig. Sie erstarrte, und ihr setzte das Herz einen Schlag aus.

Dann donnerte eine tiefe Stimme hinter ihr: „Was machen Sie hier?“

Sie drehte sich um. Und da stand der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte.

Sie kannte dieses Gesicht von dem Foto.

Und es sah ärgerlich aus. Sehr, sehr ärgerlich.

Maxwell Drummonds Präsenz füllte die Luft zwischen ihnen wie die aufziehenden Gewitterwolken.

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