Sonne über der Toskana

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In der malerischen Toskana begegnet Jenny dem faszinierenden Armando Conti, Besitzer eines großen Weinguts. Als er sie bei einem romantischen Picknick in seine Arme zieht, ist Jennys Sehnsucht geweckt. Doch sie träumt von mehr als einer Sommerromanze - von der großen Liebe fürs Leben...
  • Erscheinungstag 01.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778781
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Jenny war als einziger Fahrgast in San Piero ausgestiegen, und nun stand sie da allein mitten auf dem Dorfplatz, kniff die Augen gegen die gleißende Mittagssonne zusammen und versuchte sich zu orientieren.

Es war Siesta, und alles um sie herum schien geschlossen zu sein, selbst die Fensterjalousien vor den Häusern. Kein Windhauch bewegte die staubigen Blätter an den Bäumen, die ein kleines Stück vertrockneten Rasen direkt neben der Bushaltestelle umgaben. Das einzige Lebenszeichen weit und breit schien aus einem Café zu kommen, aus dem der Klang rhythmischer Pop-Musik drang. Vor der Tür mit dem Vorhang aus Plastikfransen lungerte eine Gruppe Jugendlicher herum, die Jenny bereits neugierig beäugten, sich grinsend gegenseitig anstießen und in ihre Richtung nickten.

Jenny war sich bewusst, wie auffällig ihre Erscheinung mit den langen blonden Haaren und dem hellen englischen Teint wirkte. Außerdem klebte ihr das T-Shirt am Leib, und ihr Rock war nach der beengten Fahrt von Florenz entsetzlich verknittert. Ich muss furchtbar aussehen, dachte sie, während sie sich in der vergeblichen Hoffnung umschaute, ob nicht vielleicht doch jemand vom Castello gekommen sei, um sie abzuholen. Außer ein paar staubbedecktern Wagen, die rund um den Dorfplatz parkten, war jedoch niemand zu sehen. Lediglich die Jungen vor dem Café interessierten sich für Jennys Ankunft.

Aber schließlich konnte sie nicht ewig hier stehen bleiben. Sie musste ein Telefon finden, um den Contis Bescheid zu geben, dass sie da war. Außerdem brauchte sie dringend etwas Kühles zu trinken.

Jenny lehnte ihren Rucksack an eine der ramponierten Bänke und ging dann hinüber zum Café. Kaum näherte sie sich, begannen die jugendlichen Möchtegern-Casanovas sich wie die Gockel zu spreizen und lachend ihre Kommentare abzugeben.

Es ärgerte Jenny, dass ihr die Röte in die Wangen stieg, aber sie tat ihr Bestes, die Gruppe zu ignorieren, den Blick geradeaus gerichtet, und betrat das Lokal.

Drinnen beim Wirt bestellte sie einen Orangensaft und erkundigte sich, ob es hier ein öffentliches Telefon gab, das sie benutzen könnte. Er wies auf den hinteren Teil seines kleinen dunklen Ladens, wo mehrere alte Frauen schwatzend um einen Tisch herum saßen. Im Gegensatz zu den Jungen draußen nahmen diese jedoch keinerlei Notiz von Jenny, als sie die Nummer des Castello anwählte.

Ob es an Jennys stockendem Italienisch lag oder daran, dass sie nichts von deren geplanter Ankunft wusste, die Frau am anderen Ende der Leitung schien jedenfalls höchst überrascht über Jennys Bitte, es möge sie doch jemand aus San Piero abholen kommen. Schließlich erklärte sich die Frau aber doch bereit, die Nachricht weiterzuleiten an einen gewissen Fancetti oder so ähnlich.

Jenny trank ihren Saft zwar im Café, behielt dabei jedoch den Dorfplatz im Auge, während sie auf ihren Chauffeur wartete. Ihre Verehrer drängten sich noch immer draußen an der Tür. Plötzlich allerdings wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt, als ein schwarzer, tief liegender Sportwagen mit tief vibrierendem Motorklang um die Ecke bog und ruckartig unter den Bäumen hielt.

Ein Mann sprang heraus, hoch gewachsen, schlank und sehr dunkel, und blieb suchend um sich schauend einen Moment lang stehen, bis sein Blick auf die Gruppe der Jugendlichen vor dem Café fiel.

Mit langen ausgreifenden Schritten kam der Mann herüber, ungeduldig die Autoschlüssel in der Hand schwenkend, und sprach in schnellem Italienisch auf die Jungen ein, noch fast ehe er in Hörweite war.

Der Mann hat es offensichtlich eilig, dachte Jenny bei sich und beobachtete, wie er von einem zum anderen blickte und auf die Beantwortung seiner Fragen wartete.

Für Jenny war es völlig unmöglich, dem rasanten Dialog auch nur im Entferntesten zu folgen, und daher war sie auch nicht darauf gefasst, dass die Jugendlichen auf einmal zur Seite traten, ihr Anführer in ihre Richtung deutete und die Blicke aller auf ihr ruhten.

„Signorina Tremaine?“

Einigermaßen verblüfft starrte Jenny den Fremden an.

„Signor Fancetti …?“, fragte sie zweifelnd.

Knapp und sichtlich unmutig schüttelte der Mann den Kopf.

„Nein, nein … Er hatte Dringenderes zu erledigen, wie es scheint“, stieß er schroff hervor. „Obwohl, aus welchem Grunde man von mir erwartet, dass ich …“ Er brach ab und betrachtete Jennys etwas aufgelöste Erscheinung mit zusammengezogenen Brauen. „Es wäre Zeit sparender gewesen, Signorina, wenn Sie dort gewartet hätten, wo man Sie hätte sehen können, anstatt sich hier drin zu verstecken. Bitte, folgen Sie mir.“

Er drehte sich auf dem Absatz herum und schritt gebieterisch zurück zu seinem Wagen und setzte sich hinters Steuer, ohne sich auch nur mit einem Blick über die Schulter zu vergewissern, dass Jenny ihm tatsächlich folgte.

Der Kerl geht einfach davon aus, dass man ihm widerspruchslos Gehorsam leistet, dachte Jenny verärgert. Aber sie hatte keine andere Alternative als zu tun, wie ihr geheißen wurde.

Er ließ bereits den starken Motor an, obgleich sie den Wagen noch gar nicht erreicht hatte, und sie musste sich herunterbeugen, damit sie durchs offene Fenster etwas sagen konnte.

„Ich habe noch etwas Gepäck, Signore. Wenn Sie vielleicht die Güte hätten, einen Augenblick zu warten?“

Der Italiener stieß einen äußerst ungehaltenen Laut des Ärgers aus und stieg noch einmal aus. Falls Jenny jedoch erwartet hatte, dass er ihr höflicherweise mit dem schweren Rucksack behilflich sein würde, befand sie sich im Irrtum. Das Gepäckstück im Kofferraum zu verstauen war das Höchste, wozu sich der Fremde herabließ. Danach stieg er erneut ein und wartete kaum ab, bis Jenny neben ihm Platz genommen hatte, ehe er den Wagen startete und so heftig herumriss, dass der Kies unter den Rädern zur Seite spritzte.

Eher als dass sie die Blicke des Italieners sah, fühlte sie sie, und als Jenny sich zu ihm wandte, war sie erschrocken über den Ausdruck in seinem Gesicht. Wenn es nicht so unwahrscheinlich gewesen wäre, hätte sie ihn als pure Feindseligkeit gedeutet. Aber das war doch lächerlich. Was konnte sie schon so Schreckliches verbrochen haben?

Der Mann wirkte, als ob er etwas sagen wollte, besann sich jedoch eines Besseren und starrte stattdessen stur nach vorn auf die Straße, offenbar mit der Absicht, seinen Fahrgast so rasch wie möglich im Castello Conti abzuliefern.

Wer mochte er sein, dieser Mann, dessen Zorn beinahe mit Händen zu greifen war? Ob er bei irgendeiner wichtigen Arbeit unterbrochen worden war und nun seinen Ärger an Jenny ausließ?

Ich muss versuchen, das Eis irgendwie zu brechen, beschloss sie und räusperte sich. „Es tut mir außerordentlich Leid, Signore“, sagte sie ruhig, „falls es Ihnen Umstände bereitet haben sollte, mich extra abzuholen. Ich bin Ihnen sehr verbunden, aber ich hätte mich sicher auch selbst zurechtfinden können, wenn ich gewusst hätte, dass meine Ankunft eine solche Unruhe verursachen würde.“

Fragend sah sie ihn an, und trotz der arroganten Art, mit der er sie bisher behandelt hatte, spürte sie, wie ihr Herz einen Moment auszusetzen schien, als ihr bewusst wurde, was für ein gut aussehender Mann da neben ihr saß.

Das glatte dunkle Haar war aus der breiten Stirn nach hinten gekämmt, und die tief liegenden Augen blickten unter fein geschwungenen Brauen konzentriert geradeaus. Von seiner fast klassisch geraden Nase liefen zwei feine Linien bis zum Mund herab, der zu einer schmalen abweisenden Linie zusammengepresst war. Die fein gemeißelten Züge erinnerten Jenny an einige der großartigen Statuen, die sie auf ihren Reisen in den vergangenen zwei Wochen gesehen hatte.

Der Mann bemerkte, welcher Musterung sie ihn unterzog, und meinte halb zu ihr gewandt: „Es ist nicht weit.“ Damit war für ihn offenbar alles gesagt.

Jenny starrte ihn verblüfft an. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor einem derartig unhöflichen Menschen begegnet zu sein. Mit einer trotzigen Bewegung warf sie ihre Haare zurück und schaute demonstrativ aus dem Seitenfenster auf die Landschaft, durch die sie fuhren.

Auf der Busfahrt war sie so ängstlich darauf bedacht gewesen, nur ja nicht die richtige Haltestelle zu versäumen, dass sie kaum etwas von ihrer Umgebung mitbekommen hatte. Jetzt, da sie auf einer Anhöhe entlangfuhren, genoss sie die Aussicht auf endlose Olivenhaine, die sich bis in die Ferne erstreckten, gelegentlich unterbrochen von ein paar Weinbergen, während Zypressen wie dunkle Finger in den strahlend blauen Himmel aufragten. Im Hintergrund erhoben sich die dicht bewaldeten Berge des Apennin, und hier und da sah man die charakteristische Form eines der hohen toskanischen Türme, befestigt mit Brustwehr und Zinnen, in diesem typischen Rotbraun … Siena, benannt nach der Stadt Siena.

Sie lächelte. Die zeitlose Qualität all dessen, was sie hier sah, freute sie. Die gesamte Landschaft war genauso, als seien die alten Gemälde, die sie studiert hatte, vor ihren Augen auf einmal zum Leben erwacht. Sie wollte ihr Entzücken am liebsten teilen, aber ein Blick auf die distanzierten Züge ihres Fahrers genügte, dass sie ihre Begeisterung für sich behielt.

Jenny seufzte. Kein gutes Omen für ihren Aufenthalt bei der Familie Conti.

Plötzlich bogen sie auf einen engen schmalen Sandweg ab, der sie durch noch mehr Olivenbäume führte.

„Das Castello liegt dort unten“, informierte der Fremde sie. Jenny hatte sich inzwischen so an sein Schweigen gewöhnt, dass seine Worte sie geradezu aufschreckten. „Und dies Land hier gehört alles den Contis … Schon seit vielen Generationen.“

Ermutigt durch seine plötzliche Mitteilsamkeit, sah Jenny ihn an. „Was macht die Familie der Contis damit, mit dem Land, meine ich? Landwirtschaft? Wein? Ach ja, und Olivenöl natürlich, nicht wahr?“ Lächelnd fragte sie: „Ist dies hier Chiantigegend?“

„Chianti, ja. Aber nicht Chianto Classico. Der kommt nur aus einem sehr begrenzten Gebiet, dort drüben.“ Er machte eine unbestimmte Handbewegung in Richtung der Berge vor ihnen. „Aber der Name Conti genoss hohe Anerkennung, bis …“ Wieder brach er ab, mit einem raschen Seitenblick aus den dunklen Augen. „Ihr Freund hat eine ganze Menge zu verantworten, nicht wahr? Doch ich vermute, Sie wissen von der ganzen Sache nichts.“

Verblüfft starrte Jenny ihn an. Dann fiel der Groschen. Dieser Mann nahm also an, sie sei gekommen, um jenen Fancetti aufzusuchen, wer auch immer das sein mochte.

„Ich …“, fing sie an, aber ihr Fahrer blickte wieder geradeaus, ohne von ihr auch nur die geringste Notiz zu nehmen, und daher gab sie auf. Es war sicher besser, ihn in seinem Irrtum zu belassen, als zu versuchen, ihm erst noch umständlich ihre Anwesenheit hier zu erklären.

Jenny schaute aus dem Fenster. Zu beiden Seiten der Straße fiel die Landschaft allmählich ab, und die Olivenhaine wichen dichtem Buschwerk, das allerdings auch hin und wieder mit erneuten Weinanbauflächen abwechselte. Kleine Felder und Wäldchen bildeten einen Flickenteppich, der sich bis zum fernen Horizont und den dunstigen Umrissen der Berge erstreckte. Ein fantastischer Anblick.

Vor ihnen tauchte jetzt eine Ansammlung alter Bauernhäuser außerhalb eines großen schmiedeeisernen Tores auf, und als sie näher kamen, erhaschte Jenny ihren ersten Blick auf das Castello selbst.

Ein Hof lag vor dem Gebäude, und daran schlossen sich grüne Büsche und kunstvoll angelegte Blumenrabatten, umgeben von niedrigen Buchsbaumhecken. Überall waren Terrakottatöpfe und – schalen verteilt, in denen eine üppige bunte Blumenpracht wucherte.

Ohne irgendeine Erklärung abzugeben, stieg der dunkelhaarige Fremde aus dem Auto und zog an einer Klingel neben dem überwölbten Torweg. Eine Frau kam aus dem Haus und öffnete ihnen lächelnd die Torflügel, die sie wieder schloss, nachdem der Fremde hindurchgefahren war und schließlich vor dem Castello anhielt.

Jenny stieg aus, hievte ihren Rucksack aus dem Kofferraum und blieb dann unsicher stehen, während sie auf einen Hinweis wartete, was sie nun als Nächstes zu tun hatte. Offenbar hatte der Mann jedoch beschlossen, dass seine Verantwortung für sie an diesem Punkt endete. Er setzte sich wieder hinters Steuer und schlug die Fahrertür zu. Jenny blickte sich um. Nirgendwo war auch nur das kleinste Zeichen von Leben zu entdecken. Die schweren Holztüren des Castello waren fest verriegelt.

„Wo soll ich jetzt am besten hingehen?“ Jenny musste sich tief herabbeugen, damit sie durchs Fenster mit dem Fahrer sprechen konnte. „Soll ich dort klingeln?“, erkundigte sie sich vorsichtig. „Oder vielleicht klopfen? Es sieht alles so verschlossen aus.“

Der Mann zuckte die Achseln. „Fancetti weiß, dass Sie kommen, nehme ich an? Am besten warten Sie hier draußen auf ihn. Es ist nicht nötig, dass Sie irgendjemand anders bei der Siesta stören.“

„Und die Kinder? Schlafen die auch?“

„Die Kinder?“ Überrascht zog er die schwarzen Brauen empor. „Hier gibt es keine Kinder. Fancetti ist Junggeselle. Jedenfalls scheint es so, aber das geht mich ja auch nichts an. Er wird bestimmt in der Lage sein, Ihnen alles zu erklären.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem etwas frostigen Lächeln. Dann, mit einer ruckartigen Bewegung, legte er den Gang ein und fuhr dröhnend die Auffahrt hinunter um die Ecke und war außer Sicht.

Jenny blieb allein zurück. Was soll das heißen, keine Kinder hier? fragte sie sich erstaunt. Es müssen doch welche da sein. Immerhin war sie engagiert worden, um sich um sie zu kümmern. Signor Conti würde mich doch sicherlich nicht den weiten Weg hierher umsonst machen lassen. Es sei denn … es sei denn, es haben sich in letzter Minute noch irgendwelche Änderungen ergeben, und zwar so kurzfristig, dass man Jenny nicht mehr rechtzeitig hatte benachrichtigen können.

Ihr sank das Herz. Gerade dieser Job war so wichtig für sie gewesen, so viel hing davon ab. Und jetzt, falls sich diese Möglichkeit tatsächlich zerschlagen haben sollte, würde es viel zu spät sein, um noch irgendeine lukrative Stelle zu Hause zu finden, ehe ihr Kurs im September begann. Weder eine so gut bezahlte, wie es diese hier hatte sein sollen, noch eine, die ihr nebenbei außerdem die Gelegenheit bot, Italienisch zu lernen.

Langsam ging Jenny hinüber zum Haupteingang des Hauses. Ihre Füße schienen in der Mittagsstille laut auf dem Kies zu knirschen. Aber es hatte keinen Zweck, die Türen waren fest verriegelt. Sie würde sich also in der Tat einen Ort zum Warten suchen müssen, bis man sie einließ. Hier die Zeit totschlagen, bis dieser seltsame Fancetti auftauchte, das wollte sie jedenfalls ganz gewiss nicht. Also lehnte sie ihren Rucksack an eine der riesigen Steinschalen, die den Säuleneingang flankierten, nahm die kleine Tasche mit den wichtigsten Utensilien wie Geldbörse und Pass heraus und machte sich auf einen Erkundungsgang.

Es war früher Nachmittag, und die Sonne brannte erbarmungslos von einem strahlend tiefblauen Himmel herab. Jenny sehnte sich nach einem schattigen Plätzchen, wo sie sich ein wenig ausruhen konnte, und schlenderte den Kiesweg entlang, der von dem Haus wegführte, zwischen den Blumenbeeten hindurch. Wer auch immer diesen Garten angelegt hat, er muss ein großartiges Gespür für Design besessen haben, dachte Jenny begeistert, denn bei jeder Biegung des Weges eröffneten sich immer neue Blicke auf ein sorgfältig, fast bühnenartig durchgeplantes Arrangement von Hecken, Marmorskulpturen, Blumen und Sträuchern.

Die Stille war geradezu unheimlich. Ab und zu blieb Jenny stehen, um zu lauschen. Kein Vogellaut war zu hören, und nur das gelegentliche Zirpen einer Grille und das Geräusch eines Springbrunnens durchbrachen die tiefe Ruhe.

Der Anblick des Wassers, das aus dem Maul eines steinernen Delfins hervorsprudelte, erinnerte Jenny erneut nachdrücklich daran, wie heiß ihr war. Dieser Garten war so ganz anders als englische Gärten mit ihren kühlen Rasenflächen und großen, Schatten spendenden Bäumen. Hier wurde die Hitze von den Steinwegen zurückgeworfen, spürbar sogar durch die gummierten Sohlen ihrer Sandalen, und die Landschaft ringsum war durch den flirrenden Dunst kaum mehr zu erkennen.

Ich muss unbedingt in den Schatten, dachte sie und ging zielstrebig durch einen Steintorbogen, in der Hoffnung, im hinteren Teil des Gartens vielleicht doch noch irgendwo einen richtigen Baum zu finden. Auf einmal erblickte sie am Ende des Weges eine dichte immergrüne Hecke und dahinter etwas Grünschimmerndes … Gras, echtes kühles Gras?

Noch ein paar Schritte, und Jenny stieß einen unterdrückten Ausruf des Entzückens aus. Vor ihr lag ein üppiger, frisch gesprengter Rasen, von allen Seiten durch Hecken eingefasst und dadurch allen neugierigen Blicken entzogen. Und dort, in der Mitte, in Azurblau und hellem Marmor gehalten, war ein Swimmingpool. Zwei Steinpavillons, jeweils an den beiden Enden, dienten offensichtlich als Umkleidekabinen, und hier und da standen Marmorbänke verstreut, die den Eindruck angenehmer Kühle noch unterstrichen.

Jenny konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als in diesen Pool einzutauchen. Nicht ein einziger Windhauch kräuselte das glasklare Wasser, das so überaus einladend wirkte. Langsam kam sie näher, schleuderte die Schuhe von den Füßen und ließ die Zehen genüsslich in dem dichten Gras versinken. Dann setzte sie sich an den Rand des Beckens und ließ die Beine ins Wasser hängen. Was für eine Wohltat für ihre müden Füße!

Wie gut, dass ich den Bikini und ein Handtuch in die Schultertasche gepackt habe, dachte sie erfreut. In Sekundenschnelle war Jenny aus ihren Kleidern und in den Bikini geschlüpft, einem knappen Ding in Dunkelblau, das ihre helle Erscheinung und die blauen Augen perfekt zur Geltung brachte. Und gleich darauf ließ sie sich mit Wonne in das köstliche Nass gleiten. Sie tauchte, wobei sie sich dem wunderbaren Gefühl hingab, wie das saphirfarbene Wasser ihre Haare und müden Glieder umspielte. Schließlich legte sie sich auf den Rücken und bewegte sich nur so viel, dass sie an der Oberfläche blieb und langsam auf die gegenüberliegende Seite des Pools zu trieb.

Welch ein genialer Einfall, diesen Pool in einer solch idyllischen Umgebung zu bauen! Jenny machte ein paar träge Schwimmzüge und ließ sich dann wieder treiben, die Augen gegen die gleißende Sonne geschlossen …

Plötzlich schrak sie auf. Fast wäre sie eingeschlafen, und wenn sie jetzt nicht aus dem Wasser ging, würde sie womöglich noch wirklich eindösen. Zögernd kletterte sie aus dem Becken, schüttelte das Haar aus, so dass die Tropfen im Sonnenlicht funkelten, ehe sie sich zum Trocknen auf dem Handtuch ausstreckte, das sie im Schatten der Hecke im Gras ausgebreitet hatte. Sie öffnete den Verschluss ihres Bikinioberteils, streifte sich die dünnen Träger von den Schultern und legte sich auf den Bauch, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt.

Die sich nähernden, durch den Rasen jedoch gedämpften Schritte registrierte sie überhaupt nicht. Ebenso wenig wie sie die hohe Gestalt bemerkte, die durch eine Lücke in der Hecke getreten war. Bei dem unerwarteten Anblick der schlafenden jungen Frau fuhr der Mann zusammen. Stirnrunzelnd zog er die Brauen zusammen, während er die zu seinen Füßen liegende Fremde betrachtete.

„Sie haben ja in der Tat keine Zeit vergeudet, es sich hier bequem zu machen, wie ich sehe.“

Die volle Stimme mit dem italienischen Akzent schreckte Jenny aus tiefstem Schlaf auf. Verwirrt richtete sie sich auf und dachte zu spät daran, dass sie ja ihr Bikinioberteil gelöst hatte. Dieses rutschte ihr auch prompt herab und lieferte sie dem feindseligen Blick des Mannes noch stärker aus. Mit offensichtlichem Abscheu musterte er ihre Rundungen, während Jenny sich hastig mit dem Handtuch bedeckte und aufsprang. Es ärgerte sie, dass sie vor Verlegenheit rot geworden war, aber sie zwang sich dazu, dem Blick des Mannes standzuhalten.

„Es war niemand da, den ich hätte fragen können“, antwortete sie ruhig. „Es tut mir Leid, wenn ich irgendjemand beleidigt haben sollte, aber obwohl mir klar ist, dass ich mich in einem fremden Land befinde, in dem andere Sitten herrschen, glaube ich kaum, dass Schwimmen ein Verbrechen ist. Nicht einmal hier.“ Sie wandte sich ab und ging dahin, wo sie ihre Kleidung gelassen hatte. Rasch zog sie Rock und T-Shirt über den Bikini, während sie sich die ganze Zeit über der dunklen Augen bewusst war, die jede ihrer Bewegungen verfolgten.

„Mag sein“, gab der Fremde grob zurück. „Aber unerlaubt einen fremden Garten zu betreten ist doch recht anmaßend. Dieser Pool ist nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Vom Personal und dessen Freunden wird erwartet, dass sie zuerst die Erlaubnis dazu einholen.“

Jenny drehte sich um. Der Mann hatte sich inzwischen elegant auf einer der Marmorbänke niedergelassen, den Mund zu einer dünnen, missbilligenden Linie zusammengepresst.

„Da ich hier wohnen werde, kann man es wohl kaum widerrechtliches Betreten nennen, Signore. Und was die Sache mit dem Personal angeht, sollte ich Sie wohl davon in Kenntnis setzen, dass Signor Conti mir ausdrücklich gesagt hat, ich würde als Mitglied der Familie betrachtet. Ich weiß, ich bin gerade erst angekommen …“

„Als Mitglied der Familie?“, unterbrach der Fremde sie. „Was soll das heißen?“

„Ich bin gekommen, um mich um die Kinder zu kümmern“, erklärte Jenny kühl und würdevoll. „Mein Name ist Jenny Tremaine, und ich habe mich auf Signor Contis Anzeige beworben, der für den Sommer ein Au-pair-Mädchen für seine Enkelkinder suchte. Ich werde erwartet, das versichere ich Ihnen. Und mit einem Signor Fancetti habe ich nicht das Geringste zu tun. Tatsächlich habe ich noch nie von ihm gehört.“

Der Mann brummte irgendetwas Unverständliches. „Ich nehme an, es muss sich hier um ein Missverständnis handeln, Signorina. Wie ich Ihnen bereits sagte, gibt es hier keine Kinder. Signor Salvatores Enkel sind mit ihrer Mutter zusammen in Amerika.“

„Aber … das kann doch nicht sein!“, rief Jenny bestürzt aus. „Ich bin extra hierher gekommen, und ich habe auch einen Brief … Und Signor Conti hat meine Fahrtkosten übernommen. Vielleicht werden sie ja bald zurückerwartet“, meinte sie hoffnungsvoll. „Wissen Sie etwas darüber?“

Der Mann schüttelte nur nachdrücklich den Kopf.

„Und was soll ich jetzt tun?“

Achselzuckend erwiderte er: „Wieder nach Hause fahren, schätze ich. Sie können nicht hier bleiben, so viel ist sicher. Signor Conti muss morgen ins Krankenhaus, und für Sie gibt es hier keinerlei Arbeit, wirklich nicht. Tut mir Leid, aber so ist es.“

„Ist Signor Conti denn krank?“, fragte Jenny verzweifelt. Alle ihre schönen Pläne hatten sich mit einem Mal in Luft aufgelöst. „Kann ich ihn nicht sehen, nur um herauszufinden, was passiert ist?“

„Ich sehe zwar nicht ein, wieso. Aber wenn Sie darauf bestehen …“ Der Mann schaute auf die Uhr. „Er dürfte jetzt aufgewacht sein. Und nein, er ist nicht krank. Jedenfalls nicht so, wie Sie denken. Nur alt und gebrechlich.“

„Nun, ich werde ihn nicht lange aufhalten“, sagte Jenny. „Aber ich muss die Sache einfach klären.“

Sie bückte sich, um ihre Tasche aufzunehmen. Da hörte sie, wie er vor sich hin murmelte: „Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, würde ich sie nicht einer Frau anvertrauen wollen, die sich nackt in der Öffentlichkeit zur Schau stellt.“

Empört fuhr Jenny auf. Dieses Mal war er entschieden zu weit gegangen.

„Öffentlichkeit?“, entgegnete sie. „Ich war der Meinung, dies sei ein privater Garten und ein privater Pool. Ich war überzeugt, allein zu sein. Und was die Zurschaustellung betrifft: Ich habe mich nach meiner Schwimmpartie lediglich hingelegt, um mich zu trocknen. Das wissen Sie sehr wohl.“

Der Mann erhob sich, und obgleich Jenny selbst ebenfalls recht groß war, musste sie dennoch zu ihm aufschauen.

„Wenn Sie das sagen.“ Er neigte kaum merklich den Kopf. „Jedenfalls ist es unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich so am besten, dass Sie nicht noch länger bleiben. Nicht dass es mich irgendetwas anginge …“

„Allerdings!“, schnappte Jenny wütend. Jetzt reichte es ihr. „Und ehe Sie noch weitere voreilige Schlüsse über mich ziehen, möchte ich gerne erst einmal abwarten, bis Signor Conti dieses Missverständnis aufgeklärt hat. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, Signore …“

Sie warf die langen Haare über die Schultern zurück, drehte sich auf dem Absatz herum und lief rasch davon.

Der hoch gewachsene Italiener blieb regungslos stehen und sah ihr mit einem so finsteren Blick hinterher, dass Jenny überrascht gewesen wäre, falls sie sich noch einmal umgedreht hätte.

Schwer ließ er sich auf die Bank zurücksinken und fuhr mit der Hand übers Gesicht. Doch Jenny sah es nicht. Sie war nur allzu froh, diesen arroganten Kerl los zu sein.

Als sie wieder beim Castello angelangt war, bemerkte sie zu ihrer Erleichterung, dass die schwere Holztür offen stand.

Vor dem Eingang lehnte sie sich kurz an eine der Säulen, um ihre Fassung zurückzugewinnen. Wer mochte er sein, dieser ihr gegenüber so hartnäckig feindselige Fremde, und weshalb war er derartig unhöflich zu ihr gewesen?

Nun ja, im Augenblick gab es dringendere Fragen zu lösen. Jenny musste unbedingt Signor Conti sprechen.

Entschlossen richtete sie sich auf, griff nach dem Zug der alten schmiedeeisernen Glocke und zog einmal kräftig daran.

Autor

Helena Dawson
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