Traummänner & Traumziele: London

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SAG: JA, ICH WILL

Solange die scheue Fern zurückdenken kann, war Josh Adams ihr heimlicher Traummann - und sie für ihn immer nur die kleine Schwester seines besten Freundes! Nie hätte sie gewagt, ihm ihre große Sehnsucht zu gestehen! Doch jetzt bringt eine verrückte Schatzsuche quer durch London sie und Josh als Team zusammen. Am Trafalgar Square treffen sie sich, im Covent Garden tanzt Josh mit ihr. Und in der National Gallery küsst er sie zum ersten Mal unendlich zärtlich! Sieht er in Fern endlich, was sie wirklich ist - die Frau ist, die mit ihm ihr Leben verbringen will?

HERZ AN HERZ

Niemals hätte der smarte Bankdirektor Paulo Dantas gedacht, dass er jemals in eine so schwierige Situation kommen würde: Seit Isabella, die Tochter seines langjährigen Freundes Luis Fernandes, zu ihm nach London geflüchtet ist, gerät er jeden Tag in Versuchung. Isabella, die nach einem One-Night-Stand schwanger wurde, ist, wie Paulo glaubt, nur zu ihm nach London gekommen, weil sie Angst hatte, dass ihr strenger Vater von ihrem Zustand erfahren könnte. Niemals kann Paulo diese Notsituation ausnutzen - auch wenn Isabella ihn noch so verführerisch umgarnt. Er ahnt nicht, dass sie schon seit Jahren heimlich für ihn schwärmt und sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich in seinen Armen glücklich zu werden...

EIN ABENTEUER ZUVIEL?

Für die behütet aufgewachsene Ruth, Tochter eines Vikars, ist jeder Tag in London ein Abenteuer. In der Redaktion der Zeitschrift "Issues" lieben alle das hübsche, schüchterne Mädchen, das ihnen die Welt mit ganz anderen Augen zeigt. Das bleibt auch ihrem Chef Franco Leoni, der keine Affäre auslässt, nicht verborgen. Er bietet ihr an, mit ihm zusammen Material für eine Reportage über Londons Nachtleben zu sammeln. Ruth wird klar, was Franco wirklich will. Und der Gedanke, von diesem erfahrenen Mann zum ersten Mal geliebt zu werden, gefällt ihr. Bereitwillig lässt sie sich von ihm verführen - ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass eine Liebesnacht auch Folgen haben kann...

DEIN LÄCHELN MACHT MICH GLÜCKLICH

Es ist der zierlichen Darcy furchtbar peinlich, als sie im Schloss des attraktiven Multimillionärs Logan McKenzie die Beherrschung verliert und in seinen Armen hemmungslos schluchzt! Aber seine Besorgnis, nachdem sie sich bei Aufräumungsarbeiten des Partyservice verletzt hat, und seine zärtlichen Küsse haben ihr einfach die Selbstbeherrschung geraubt! Und so erzählt sie ihm, dass sie so verzweifelt ist, weil ihr Chef heiraten will. Natürlich glaubt Logan, Darcy sei in ihn verliebt. Schade - das Mädchen mit dem unwiderstehlichen Lächeln würde er zu gern selbst erobern! Und weil sie ihm nach diesem Abend nicht mehr aus dem Kopf geht, fährt Logan nach London, um sie wiederzusehen...

MIT DEN AUGEN DER LIEBE

Ein Date mit dem faszinierenden Milliardär Luc Laughton! Seit Agatha in London als Sekretärin für ihn arbeitet, hat Luc durch sie hindurchgesehen. Und jetzt lässt sein Blick sie nicht mehr los. Weil sie ihre Strickjacke und den langen Wollrock gegen ein enges Shirt und einen Minirock getauscht hat? Aufgeregt begleitet sie Luc in sein luxuriöses Penthouse und lässt sich zu einer heißen Affäre verführen. Verliebt genießt sie das Leben der Reichen und Schönen an seiner Seite. Doch kaum gesteht sie ihm ihre romantischen Gefühle, zerplatzt ihr Glück wie eine Seifenblase …


  • Erscheinungstag 13.10.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733774653
  • Seitenanzahl 720
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Fiona Harper, Sharon Kendrick, Cathy Williams, Carole Mortimer

Traummänner & Traumziele: London

Fiona Harper

Sag: Ja, ich will

IMPRESSUM

JULIA erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG,
20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2008 by Fiona Harper
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 1873 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: AlexaChrist

Fotos: RJB Photo Library

Veröffentlicht im ePub Format im 12/2010 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86295-413-1

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

1. KAPITEL

„Nein, ich kann nicht. Ich kann das nicht tun!“

Der sichere Erdboden war so furchtbar weit weg. Fern Chambers blickte in den Abgrund hinunter und spürte, wie eine Welle der Übelkeit in ihr aufstieg. Die Themse glitzerte in der strahlenden Junisonne, während die Bewohner von London rund fünfzig Meter weiter unten ihren täglichen Geschäften nachgingen. Irgendjemand hinter ihr murmelte ungeduldig: „Springt sie jetzt, oder springt sie nicht?“

Sie schluckte. Ihr Körper war völlig verkrampft. Rasch schloss sie die Augen, doch das machte alles nur noch schlimmer. Der dumpfe Verkehrslärm schwoll an, und das Bungeeseil um ihre Füße pendelte im Wind. Fern taumelte.

Nein. Sie würde das nicht tun.

Hektisch wollte sie zurückweichen, öffnete die Augen und suchte verzweifelt nach Worten, um dem Veranstalter zu sagen, dass dies ein furchtbares Missverständnis war. Doch ehe sie auch nur einen Ton herausbekam, spürte sie plötzlich zwei Hände um ihre Taille.

„Es geht dir gut. Nicht wahr, Fern?“

Im ersten Moment vergaß sie beinahe, wo sie war – hoch oben auf einem Kran am Ufer der Themse. Genauso wie sie beinahe die Menge der Schaulustigen und die Organisatoren dieser Wohltätigkeitsveranstaltung vergaß, die von unten zu ihr raufblickten. Diese Stimme kannte sie!

Josh war hier.

Er stand direkt hinter ihr und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Zwar schien ihr Puls nicht zu wissen, ob er sich beschleunigen oder lieber ganz zum Stillstand kommen sollte, dennoch fühlte sie sich merkwürdigerweise sicher, jetzt, wo er ihr so nah war, dass sie seinen Herzschlag spüren konnte.

„Ja“, wisperte sie. Halb glaubte sie selbst daran.

„Also … Ich werde bis drei zählen, und wenn ich ‚jetzt‘ sage, dann lässt du dich einfach fallen.“

Er besaß diese wunderbar tiefe Stimme. Sie war so verzaubert von deren Klang, dass sie seine eigentlichen Worte kaum registrierte. Urplötzlich sagte er ‚drei‘.

„Aber ich …“

Er schrie nicht – das nächste Wort sprach er ganz sanft. „Jetzt.“

Im nächsten Moment fiel sie – sie fiel und fiel, und ihr stockte der Atem, sodass sie nicht mal schreien konnte.

Drei Tage zuvor

„Nein danke.“ Fern schüttelte einmal kurz den Kopf und hoffte, dass Lisette die Botschaft verstand. Natürlich hätte sie es besser wissen müssen. Ihre Freundin hielt ihr mit der Gabel irgendein schleimig aussehendes Zeug vors Gesicht – so nah, dass sie schielen musste, um überhaupt einen Blick darauf werfen zu können.

„Na los! Probier es.“

„Wirklich nicht, Lisette. Nein. Ich mag keine Meeresfrüchte.“

„Es ist Tintenfisch. Schmeckt beinahe nach nichts.“ Auffordernd fuchtelte sie mit der Gabel vor ihrer Nase herum. „Seit über einem Jahr kommen wir einmal im Monat zu Giovanni, und du isst immer dasselbe.“

Fern schob die Gabel mit der Hand zur Seite. „Ich mag Pasta Primavera. Es ist mein Lieblingsgericht.“

Lisette warf ihre Gabel auf den Teller. „Es ist langweilig, das ist es.“

„Es ist sehr lecker. Außerdem riskiere ich nicht, eine Lebensmittelvergiftung zu bekommen, falls es nicht richtig gekocht oder aufbewahrt wurde.“

„Da spricht doch die wahre Gesundheits- und Sicherheitsexpertin aus dir.“

Fern drehte Spaghettis mit der Gabel auf und führte sie zum Mund. Dabei schaute sie ihre Freundin trotzig an. Lisette machte sich ständig über ihren Job lustig. Verärgert nahm sie noch einen Schluck Wein. Nicht jeder konnte einen so ausgefallenen Beruf haben wie Lisette. Und selbst wenn ihr Job nach langweiliger Routine klang – immerhin half sie Menschen. Sie sorgte für deren Sicherheit.

„Wo wir gerade von der Arbeit sprechen – was machst du nächste Woche?“

Genüsslich nahm Lisette einen Bissen. Ein verschmitztes Lächeln spielte um ihre Lippen. „Rate.“

Fern verdrehte die Augen. Lisettes Hauptjob bestand darin, als „professionelle“ Statistin beim Film zu arbeiten. An dem einen Tag spielte sie bei einer wöchentlichen Soap den Gast in einer Bar, am nächsten erschien sie in Glitzerstoff gekleidet in einer Science-Fiction-Serie. Fern hatte noch nie verstanden, warum Lisette einen Job machte, bei dem sie nur ganz unregelmäßig Aufträge bekam, der unheimlich lange Arbeitszeiten beinhaltete und der ein Aufstehen um vier Uhr morgens erforderte.

„Lis, ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Warum verrätst du es mir nicht einfach?“

„Also gut, ich habe einen Einsatz bei einer neuen Krimiserie. Nächste Woche besteht mein Kostüm aus Netzstrümpfen, High Heels und einem verführerischen Schlafzimmerblick. Ich spiele die ‚Prostituierte Nummer drei‘. Cool, oder?“

Fern nickte, vielleicht ein wenig zu heftig. Lisette warf ihr einen wissenden Blick zu. „Es tut mir leid, Lis. Ich freue mich wirklich, dass du Arbeit hast, aber …“

„Vor einer Kamera stehen und alle Aufmerksamkeit auf dich ziehen, ist einfach nicht dein Ding, ja? Ich weiß. Jeder, wie er mag. Als Versicherungssachverständige würde ich vor Langeweile sterben.“

„Risiko-Analytikerin“, korrigierte Fern sie bestimmt zum hundertsten Mal und fragte sich gleichzeitig, warum sie sich überhaupt noch die Mühe machte. Lisette konnte sich nie merken, was genau ihr Beruf war. Wenn sie nur die Worte „Versicherung“ oder „Büro“ hörte, begann sie zu gähnen.

„Ja, ja, ich weiß.“

Sie widmeten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Essen. Lisette spießte eine Muschel auf. „Wenn schon kein Tintenfisch, wie wäre es dann hiermit?“

Fern seufzte. „Nein.“

„Weiß du was“, entgegnete Lisette, „ich glaube, dieses Wort höre ich in deinem Vokabular häufiger als jedes andere.“

„Nein, das tust du nicht.“

Lisette stieß mit der Gabel in ihre Richtung, so als wolle sie sagen: „Na bitte“. Fern blickte auf ihren Teller und entschied, dass sie keinen Hunger mehr hatte.

„Siehst du? Es langweilt dich bereits. Was du brauchst, ist ein bisschen Spaß und Abwechslung in deinem Leben.“

Oh je. Jetzt gings los.

Lisette betrachtete es als ihre persönliche Mission, Ferns Leben in Schwung zu bringen. Über die Jahre hinweg hatte sie sie zu allen möglichen Aktivitäten mitgeschleift: Kickboxen, Paragliding, merkwürdige Yoga-Kurse … Als all diese Versuche fehlschlugen, wurde es nur noch schlimmer. Lisette begann, aufregende Männer für ihre Freundin zu suchen. Nach einem Abend mit Brad, dem Formel-Eins-Fahrer, hatte Fern eine Woche lang Angst gehabt, sich in ein Auto zu setzen.

„Nein, das brauche ich nicht.“

Lisette lächelte breit. „Na, na, da war das kleine Wort ja schon wieder.“ Sie lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme über der Brust. „Ich glaube, wenn du eine Woche lang nicht Nein sagen dürftest, dann würdest du vertrocknen und sterben.“

„Das ist doch absolut lächerlich.“

„Tatsächlich? Okay, dann wollen wir doch mal sehen, wie lächerlich meine Theorie ist.“

An diesem Punkt hätte Fern wirklich auf ihren Instinkt hören, aufspringen und aus dem Restaurant laufen sollen, aber sie war zu neugierig darauf, was ihre Freundin jetzt wieder aushecken würde.

Lisette blickte sie aus schmalen Augen an. „Ich fordere dich heraus, eine Woche lang auf jede Frage, die dir gestellt wird, mit Ja zu antworten.“

Fern lachte so laut auf, dass sich einige Gäste umdrehten. Rasch schlug sie die Hand vor den Mund. „Und warum in aller Welt sollte ich eine solche Herausforderung annehmen?“

Ein gefährliches Funkeln trat in Lisettes Augen. Fern spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Wenn Lis derart selbstzufrieden dreinschaute, dann konnte das nichts Gutes bedeuten.

„Weil ich deiner Leukämie-Stiftung fünfhundert Pfund spende, wenn du es tust.“

Das war unter der Gürtellinie. Wie sollte sie ein solches Angebot ausschlagen? Diese Leukämie-Stiftung, von der Lisette sprach, brauchte dringend mehr Spenden, um die begonnene Forschungsarbeit fortsetzen zu können – eine Herzensangelegenheit, denn hätte es damals schon entsprechende Behandlungsmethoden gegeben, hätte das Ryan vielleicht das Leben gerettet. Die Stiftung hatte ihre freiwilligen Spendensammler gebeten, einhunderttausend Pfund zusammenzutreiben. Fern hatte unzählige Wohltätigkeits-Events unterstützt, und dabei waren sie ihrem Ziel schon so nahe gekommen. Es fehlten noch fünftausend Pfund. Was Lisette da anbot, war ein Zehntel dessen. Mehr als sie jemals in einer Woche alleine sammeln konnte.

„Du bist verrückt.“

„Kann schon sein. Aber ich zahle das Geld gerne, wenn ich dafür sehe, dass du mal ein paar Wagnisse eingehst und das Leben genießt. Du steckst im ewig gleichen Trott fest, Darling.“

Das stimmte nicht! Fern öffnete bereits den Mund, um zu widersprechen, doch da fiel ihr ein, dass sie nur wieder dieses Wort benutzen und ihrer Freundin damit neue Munition liefern würde.

„Vielleicht gefällt mir mein Trott.“

Lisette lehnte sich zurück, damit der Kellner ihre Teller abräumen konnte. „Das, meine liebe Fern, ist ja der Kern des Problems. Du musst mal ausbrechen – und zwar bevor du in der Midlife-Crisis steckst und sich gar nichts mehr ändert.“

Bei Lisettes dramatischem Gesichtsausdruck hätte sie beinahe aufgelacht. „Du hast deine Herausforderung gar nicht durchdacht. Ich kann doch nicht auf jede Frage mit Ja antworten. Was, wenn jemand von mir verlangt, eine Bank auszurauben oder von der Brücke zu springen?“

„Ja klar, es wandern ja auch ständig Leute durch die Stadt, die nur darauf warten, dich zu einem Einbruch anzustiften!“

Fern verdrehte die Augen. „Dass du immer so übertreiben musst. Du weißt ganz genau, wovon ich rede. Jemand könnte mich bitten, in die andere Richtung zu schauen, während er etwas stiehlt, oder von mir verlangen, etwas Gefährliches zu tun.“

„Also gut, du hast recht.“ Lisette kramte in ihrer Tasche nach einem Stift und begann dann, auf die Serviette zu kritzeln, was keine besonders gute Idee war, denn sie befanden sich in einem Restaurant mit Stoffservietten. „Wir brauchen ein paar Grundregeln.“

Wir brauchen überhaupt keine Regeln. Ich mache da nämlich nicht mit.“

Lisette schrieb einfach weiter. „Okay, es gibt ein paar Fälle, in denen du aussteigen kannst. Nichts Illegales. Nichts wirklich Gefährliches.“

„Nichts Unmoralisches.“ Warum beteiligte sie sich plötzlich daran? Das führte doch zu nichts.

An diesem Punkt blickte Lisette auf. „Nichts Unmoralisches? Schade. Damit versagst du dir eine ganze Menge Spaß.“

„Für dich klingt es vielleicht nach Spaß, aber ich werde bestimmt nicht Ja sagen, wenn ein Typ auf mich zukommt und mit mir … Du weißt schon.“

„Wie ich bereits sagte, du versagst dir einen Heidenspaß, aber ich gebe nach. Du darfst Nein sagen, wenn es wirklich gegen dein Gewissen geht.“

„Oh, vielen Dank.“ Ein freches Lächeln spielte plötzlich um Ferns Lippen. „Wie willst du mich denn kontrollieren? Schließlich kannst du nicht ständig an meiner Seite sein. Was, wenn ich dich betrüge?“

Lisette wurde einen Moment so still, dass Fern bereits dachte, ihr müsse das Herz stehen geblieben sein, doch dann lachte sie auf einmal so laut, dass sich der Mann am Nebentisch zu ihnen umdrehte. „Nein, das glaube ich nicht, meine kleine Fern. Selbst wenn du in Versuchung wärst, würdest du spätestens, wenn ich dir den Scheck gebe, zusammenbrechen und alles gestehen, nicht wahr?“

„Nein!“ Für was für einen Schlappschwanz hielt ihre Mitbewohnerin sie eigentlich? Andererseits … Sie vergrub das Gesicht in den Händen, sodass ihr schulterlanges blondes Haar nach vorne fiel. „Oh, also gut. Du hast ja recht. Ich würde es tun.“

„Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der immer versucht, das Richtige, das Vernünftige zu tun, dann bist du es.“

Fern griff nach der Dessertkarte und richtete ihren Blick darauf. „Und genau deshalb werde ich mich nicht auf diese verrückte Geschichte einlassen.“

„Ach ja? Wirklich nicht?“ Lisette drückte die Dessertkarte hinunter, sodass sie in Ferns Augen schauen konnte. „Betrachte es als zusätzliche Wohltätigkeitsveranstaltung. Ich sorge dafür, dass du mal aus deinem ewigen Trott herauskommst. Nur für eine Woche. Das schaffst du doch? Aus Wohltätigkeit?“ Sie klimperte heftig mit den Augen, eine vollkommen überzogene Geste, die dennoch jedes Mal bei Fern funktionierte.

Diese verdammte Frau! Nach drei Jahren, die sie nun zusammenwohnten, kannte sie Ferns Schwachstellen ganz genau. Geld zu sammeln, um zu verhindern, dass noch mehr Kinder die Schmerzen erleiden mussten, die ihr Bruder vor seinem Tod durchgemacht hatte, dafür würde sie alles tun.

„Ich kann die Sache jederzeit abbrechen?“

Lisette zuckte die Schultern. „Klar. Aber dann bekommst du das Geld nicht. Es liegt ganz bei dir.“

Fern griff nach ihrem Weinglas und leerte es mit einem Zug. „Okay. Ja. Ich tue es.“ Für Ryan. Das ist für dich, großer Bruder, dachte sie, während sie den Rest Chardonnay schluckte.

Lisette klatschte erst in die Hände und rieb sie dann triumphierend. „Ich werde dafür sorgen, dass das die aufregendste Woche deines Lebens wird!“

Fern griff nach der Weinflasche und schenkte sich nach. Genau das hatte sie befürchtet.

„Tut mir leid, Callum. Du musst dieses Meeting in New York ohne mich bestreiten.“ Josh steckte den Kopf durch die Wohnzimmertür und sah seinen Vater mit der Zeitung über dem Gesicht auf dem Sofa dösen. Er zog die Tür wieder zu und senkte seine Stimme. „Meinem Dad geht es allmählich besser, aber ich werde trotzdem noch mindestens zwei Wochen bleiben.“

Während sein Geschäftspartner darüber klagte, dass er ein immens wichtiges Treffen mit den Vertretern dieser exklusiven Hotelkette verpassen würde, ging Josh vom Flur hinüber in die Küche und schaute aus dem Fenster in den Garten, wo seine Mutter gerade Petunien pflanzte. Callum würde das spielend ohne ihn hinkriegen – er machte sich immer viel zu viele Sorgen. Ganz persönlich schmerzte Josh eher, dass er die Reise, die er nach dem Aufenthalt in New York geplant hatte, verpassen würde.

Vor Kurzem hatte seine Firma One Life Travel einen NonProfit-Zweig gegründet, der Wohltätigkeits-Expeditionen organisierte. Sie wollen die Chinesische Mauer entlanglaufen, um die Rettung der Wale zu unterstützen? Oder den Amazonas mit einem Kanu befahren, um Spenden für den Kampf gegen Herzkrankheiten aufzutreiben? Dann sind die neuen One Life – Expeditionen genau das Richtige für Sie.

Der Amazonas. Er seufzte. Wie sehr hatte er sich auf die Kanutour gefreut. Außerdem wollte er feststellen, ob sie den richtigen Partner vor Ort gefunden hatten – waren die Führer kompetent, das Equipment geprüft, die Mitarbeiter geschult?

Dass sie all ihre Reisen persönlich testeten, machte ihren Erfolg aus. Begonnen hatte Josh mit einer einfachen Website, die Empfehlungen für Rucksackreisende gab. Heute hatte sein Unternehmen bereits mehrere internationale Preise gewonnen. Sie boten einmalige Abenteuerurlaube an – sei es für den Backpacker, der mit nur geringem Budget unterwegs war, oder für den Luxusreisenden, der Fünf-Sterne-Niveau erwartete.

„Es wird alles wunderbar laufen. Nimm Sara mit“, sagte er zu Callum. Seine persönliche Assistentin war so effizient, dass sein Partner kaum einen Unterschied zu ihm erkennen würde. „Sie kennt den Deal in- und auswendig. Ich rufe dich in einer Woche an, um mit dir die letzten Details durchzugehen.“

Er verabschiedete sich und ließ das Telefon auf dem Küchentisch liegen. Seine Mutter würde ihn deshalb sicher gleich tadeln.

Es war schon ein wenig merkwürdig, wieder in seinem Elternhaus zu wohnen, ja, sogar in seinem alten Zimmer, und nicht in seinem eigenen Haus auf der anderen Seite der Stadt.

Natürlich war seine Mutter überglücklich, ihn hier zu haben. Sie ließ ihn kaum aus den Augen. Doch das war vielleicht verständlich. In den letzten Jahren war er nur noch zu großen Feiern nach Hause gekommen, etwa zu Dads Sechzigstem – war das wirklich schon sechs Monate her?

Es tat gut, seine Eltern wiederzusehen, doch er hätte es vorgezogen, wenn es unter anderen Umständen geschehen wäre. Vor sechs Wochen hatte er einen panischen Anruf seiner Mutter erhalten, aus dem hervorging, dass sein Vater gerade einer Notoperation am Herzen unterzogen wurde. Natürlich war Josh sofort nach Hause geflogen. Ein paar Tage lang stand das Schicksal seines Dads auf Messers Schneide, doch schließlich schaffte er es.

Josh wollte lieber nicht an den zehnstündigen Flug nach Hause denken. Zum ersten Mal seit Jahren genoss er nicht den Adrenalinstoß des Starts. Stattdessen konnte er nur daran denken, wie selten er seine Eltern in den letzten Monaten gesehen hatte und wie schrecklich es wäre, wenn …

Er schüttelte den Kopf und trat durch die offene Hintertür in den Garten. Während er zu seiner Mutter hinüberging, beschloss er, nicht länger diesen Gedanken nachzuhängen.

Seine Mum stand auf dem Rasen, die Hände in die Seiten gestemmt, und betrachtete ihre Arbeit.

„Sieht hübsch aus, Mum.“

Sie drehte sich um und schirmte die Augen gegen die Sonne ab. „Ist nicht besonders exotisch, ich weiß, aber ich mag Petunien. Sie sehen nach zu Hause aus.“ Josh lächelte sie an und ließ den Blick durch den großen Garten schweifen. Plötzlich fiel ihm etwas auf.

„Mum, was ist mit dem alten Apfelbaum passiert?“

Sie wischte sich die Hände an der alten Jeans ab, die sie immer bei der Gartenarbeit trug. „In diesem Frühjahr hatten wir einige Male heftigen Sturm. Manchmal bis zu achtzig Meilen die Stunde.“ Sie zuckte die Schultern. „Eines Morgens sind wir aufgewacht, und der Großteil des Apfelbaums lag im Garten der Nachbarn.“

Sofort ging er auf die Stelle zu, an der früher der Apfelbaum gestanden hatte. Es war nur noch ein abgesägter Stamm da. Plötzlich spürte er Zorn in sich aufsteigen. Dieser Baum repräsentierte einen Großteil seiner Kindheit. Er und Ryan, der Nachbarsjunge und zudem sein bester Freund, hatten im Sommer mehr Zeit in den Ästen verbracht als auf dem Boden. Wenn er gewusst hätte, dass er den Baum bei seinem letzten Besuch zum letzten Mal sehen würde, dann hätte er … Keine Ahnung … Vielleicht ein Gebet gesprochen oder so was in der Art.

Er mochte keine Gräber. Auch den kleinen Marmorgrabstein auf dem Friedhof von St. Mark hatte er nicht besucht – nicht mal an Ryans Beerdigung. Stattdessen war er auf den höchsten Ast dieses Apfelbaums geklettert und hatte stumm dagesessen, während seine Beine hinunterbaumelten. Wenn doch nur …

Wenn er doch nur in diesem Sommer, als er dreizehn und Ryan vierzehn gewesen war, gewusst hätte, dass es ihr letzter gemeinsamer Sommer sein würde. Dann hätte er ganz sicher dafür gesorgt, dass sie das Baumhaus, das sie geplant hatten, auch gebaut hätten, anstatt nur ein paar Nägel in den ein oder anderen strategischen Ast zu schlagen.

Ein kaltes, düsteres Gefühl machte sich in seinem Inneren breit und drohte, ihn zu überwältigen. Plötzlich setzte er sich wieder in Bewegung und marschierte zurück ins Haus.

Seine Mutter setzte gerade den Wasserkessel auf, um Tee zu kochen.

„Du vermisst ihn noch immer, nicht wahr?“

Er zuckte die Schultern und blickte zu Boden. Seine Mutter würde ihn gleich schelten, weil er die Fußmatte nicht benutzt hatte. Er ging zurück und holte es nach. Als er aufschaute, warf sie ihm einen Blick zu, der besagte: „Mir kannst du nichts vormachen.“

Was würde es denn nutzen, wenn er ihr verriet, dass ein Teil von ihm noch immer erwartete, Ryan würde zur Hintertür hereingestürmt kommen und seine Mutter mit seinem Charme einwickeln, damit sie ihm ein Stück ihres berühmten Schokoladenkuchens gab? Er schaute aus dem Fenster in den Garten der Chambers direkt nebenan.

„Ich habe Fern noch gar nicht gesehen, seit ich zurück bin.“

Seine Mutter öffnete den Küchenschrank und holte die Teekanne heraus. „Helen sagt, sie ist im Moment sehr beschäftigt.“

Josh nickte. Das passte zu Fern. Sie machte nie etwas halbherzig, und sie war überaus loyal. „Hoffentlich übernimmt sie sich nicht.“

Seine Mutter lachte. „Du bist genauso schlimm wie Jim und Helen! Das arme Mädchen wird ständig bemuttert. Kein Wunder, dass sie ausgezogen ist.“

Ah, seine Mum wusste nichts von dem Versprechen. Am Tag von Ryans Beerdigung, versteckt hoch oben auf dem Apfelbaum, da hatte er das Mädchen von nebenan quasi als kleine Schwester adoptiert und sich geschworen, auf sie aufzupassen. Oh, er hatte sie genauso wie Ryan es getan hätte furchtbar geärgert und geneckt, aber er hatte sie auch beschützt. Manchmal auf seine eigenen Kosten.

Seine Mutter griff nach der Teedose. „Von ihrer Mitbewohnerin halte ich allerdings nicht so viel. Die ist ein ganz schön wildes Ding.“

Seine Züge verhärteten sich. Eine Mitbewohnerin? „Trifft … sie sich mit jemandem?“

Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste. Letztes Jahr gab es wohl jemanden, und es sah eine Zeit lang ernst aus. Ich dachte schon, sie würden sich verloben, doch dann ist er plötzlich verschwunden.“

„Darf ich ihn suchen und ihn verprügeln?“ Kochend heißer Dampf stieg von dem Kessel auf, was ungefähr seine Stimmung widerspiegelte. Als der Kessel dann noch zu pfeifen begann, stellte er rasch den Herd ab. In der Küche war es wieder still.

„Sie ist kein Kind mehr, weißt du“, sagte seine Mutter.

Ja, das wusste er durchaus, aber es war einfacher, sie immer noch als Kind zu betrachten.

„Wie ich bereits sagte, du bist genauso schlimm wie ihre Eltern. Am liebsten würdet ihr sie alle in Watte packen. Wegen Ryan lässt sie es sich von ihren Eltern gefallen, aber glaub mir, sie wird es dir nicht danken, wenn du auch noch so anfängst.“

Blödsinn. Fern traf sich unheimlich gern mit ihm. Er war wie eine Art Ersatz-Großer-Bruder für sie.

Seine Mum streckte den Arm aus und zerzauste ihm das Haar.

„Mu-um!“

„Nicht, dass ich dich lange genug hierbehalten könnte, um dich in Watte zu packen.“ Sie ging zur Hintertür, die er beim Reinkommen geschlossen hatte, und öffnete sie wieder, um das warme Sonnenlicht hereinzulassen. „Aber ich stehe immer furchtbare Ängste aus, wenn du diese Extremsportarten betreibst. Ich kann gut verstehen, dass man sein einziges Kind beschützen will.“

„Ich habe es dir doch schon so oft gesagt: Ich kann auf mich aufpassen.“

Zeit, das Thema zu wechseln.

„Willst du immer noch mein Angebot ausschlagen, euch den Urlaub zu finanzieren, Mum? Du und Dad, ihr wollt doch schon seit Jahren noch mal zum Loch Lomond fahren. Es wäre ein absoluter Fünf-Sterne-Trip, ich würde keine Kosten scheuen. Dad würde die Erholung bekommen, die er braucht, und du auch.“

„Klingt verlockend, aber nein. Ich bleibe bei dem, was ich letztes Jahr gesagt habe. Dein Vater und ich wollen nicht noch mehr von deinem Geld – wir wollen dich lieber häufiger sehen.“

„In letzter Zeit habt ihr mich doch nun wirklich häufig gesehen.“ „Ja, aber wenn ich an die ganzen Jahre zuvor denke, dann bist du uns noch verdammt viel schuldig.“

Nicht zum ersten Mal bedauerte Josh, dass er seinen Starrsinn von seiner Mutter geerbt hatte. Irgendwie musste er ein Schlupfloch finden.

Wieder warf sie ihm diesen ganz speziellen Blick zu, für den sie so berühmt war. „Geh und schau nach deinem Vater. Vielleicht will er ja eine Tasse Tee.“ Josh hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, da rief sie ihn zurück. „Und tu das hier wieder da hin, wo es hingehört!“

Er grinste, nahm ihr aber gehorsam das Telefon ab, das er zurück auf die Basisstation legte. Sein Dad schnarchte noch immer. Mit jedem Ausatmen flatterte die Zeitung hoch, die Josh vorsichtig an sich nahm. Er wollte ihn lieber nicht wecken. Sein Dad brauchte Ruhe.

Doch was Josh selbst anbelangte, so machte ihm die erzwungene Untätigkeit allmählich zu schaffen. Er war an Abenteuer gewöhnt. An Action und Spaß. Oh ja, er wollte zu Hause sein und seiner Mutter helfen, während sein Dad sich wieder erholte, aber die größte Aufregung, die es in den vergangenen Wochen gegeben hatte, waren die Gerüchte um einen Einbruchversuch in das Haus Nummer dreiundvierzig. Er musste etwas tun, ehe er noch verrückt wurde. Irgendetwas musste es doch geben, womit er seine Tage in London füllen konnte.

Gerade als er die Zeitung seines Vaters zusammenfalten und in den Mülleimer werfen wollte, fiel ihm die kleine Anzeige in der rechten unteren Ecke auf. Beim Lesen schoss das Adrenalin in seine Adern.

Es war bereits Dienstag, und Fern lebte noch. Nicht nur das, wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie sogar eine Menge Spaß gehabt. Also gut, es hatte ein paar Mahlzeiten gegeben, die sie am liebsten vergessen würde, und sie hatte sich mit vorgehaltener Hand einen Horrorfilm ansehen müssen, doch andererseits hatte sie ein Talent fürs Salsa-Tanzen entdeckt. Wer hätte gedacht, dass sie so die Hüften kreisen lassen konnte? Selbst nach nur einer Stunde merkte sie schon die Veränderung an ihrem Gang.

Fern lächelte Lisette über den Tisch des Cafés hinweg an und nahm einen weiteren Bissen von ihrem Sandwich. Alles in allem war sie dennoch froh, wenn Sonntag war, und ihr Leben wieder ihr gehören würde. Nur noch vier Tage. So schwer konnte es doch nicht werden, oder?

„Da kommt Simon“, sagte Lisette und winkte mit der Hand in Richtung Tür.

Fern drehte sich um und lächelte. Simon war ein netter Kerl. Mittlerweile kannte sie ihn ganz gut, weil sie beide ehrenamtlich mehrere Wohltätigkeitsprojekte unterstützten.

„Alles klar für morgen?“, fragte sie, während er einen Stuhl heranzog und sich darauf fallen ließ.

Er nickte und fügte dann ein wenig atemlos hinzu: „Ja. Tut mir leid, dass ich zu spät dran bin. Da hat sich noch ganz kurzfristig jemand für einen Bungee-Sprung angemeldet, und ich musste den Papierkram erledigen.“

Lisette grinste. „Ist es ein heißer Typ?“

Simon sah sie konsterniert an.

„Hey, war ja nur eine Frage!“ Sie stand auf und holte ihr Portemonnaie aus der Tasche. „Heute gönne ich mir einen Karamell-Muffin. Möchte sonst noch jemand einen?“ Ganz bewusst schaute sie zu ihrer Mitbewohnerin herüber. „Fern?“

Na also, die Antwort auf diese Frage war vollkommen einfach. Ein Muffin, und sie brauchte gar kein schlechtes Gewissen zu haben. Schließlich durfte sie ja nicht Nein sagen!

„Ja.“ Sie sprach das Wort ganz langsam aus, womit sie ihm zusätzliches Gewicht verlieh. In Lisettes Augen erschien ein freches Funkeln. „Ich hätte liebend gern einen Muffin. Vielen Dank.“

Simon schüttelte ablehnend den Kopf, woraufhin Lisette an die Theke verschwand.

„Fern?“ Hellblonde Strähnen fielen ihm in die Stirn, die er mit der Hand zurückstrich. Sein Gesichtsausdruck wirkte äußerst ernst.

„Ja, Simon?“

„Ich würde gern wissen, wann du morgen früh da sein kannst, um bei der Registrierung zu helfen?“

„Wann soll ich denn da sein?“

„Acht Uhr? Wenn das nicht zu früh ist?“

Wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie gehofft, dass zehn Uhr reichen würde. Das war der erste Tag seit Wochen, an dem sie nicht arbeiten musste, und da wollte sie eigentlich ausschlafen.

„Ja, ist in Ordnung. Immerhin ist es ja für eine gute Sache, nicht wahr?“

Simon blickte nervös zu Lisette hinüber, die schamlos mit dem Kellner flirtete. „Fern, ich wollte dich schon eine ganze Weile etwas fragen …“

Ohoh.

„Simon, ich … Oh, schau! Da kommt Lisette!“

Ihre Mitbewohnerin kam lachend mit zwei Karamell-Muffins und der Telefonnummer des Kellners auf einem Stück Papier zurück. Gerade rechtzeitig! Fern hatte den Verdacht, dass Simon sie fragen wollte, ob sie mit ihm ausgehen würde, und diese Frage wollte sie jetzt wirklich nicht hören, nicht diese Woche.

Er war ein netter Kerl: höflich, sensibel, hilfsbereit. Vermutlich versuchte er bereits seit zwei Monaten, sie um ein Date zu bitten. Warum, oh warum musste er sich ausgerechnet diese Woche aussuchen, um seinen Mut zusammenzukratzen?

Sie fühlte sich ja durchaus wohl in seiner Gesellschaft, und er sah auch bestimmt nicht schlecht aus, aber bei ihr funkte es überhaupt nicht. Keinerlei Anziehung. Andererseits hatte sie das bislang ohnehin nur ein einziges Mal erlebt. Sie schüttelte den Kopf. Sollten die Funken doch ruhig sprühen. Das bedeutete gar nichts, war es doch höchstens etwas für den Moment. Es hieß noch nicht einmal, dass man auf körperlicher Ebene harmonierte. Und noch viel weniger war es ein Garant dafür, dass einem nicht das Herz gebrochen wurde, oder dass man nicht vor unerwiderter Liebe verging. Funken, mit anderen Worten, waren gefährlich.

Vorsichtig wickelte sie ihren Muffin aus und legte ihn auf dem Teller ab. „Simon sagt, wir sollen morgen früh um acht da sein, Lis.“

Simon rutschte hin und her. „Also, die, die den Sprung machen, müssen eigentlich nicht vor halb zehn da sein.“

Lisette, die gerade von ihrem Muffin abgebissen hatte, hielt kurz inne, schluckte dann rasch und murmelte: „Um ganz ehrlich zu sein … Ich habe schlechte Nachrichten für euch.“ Sie zog eine Grimasse, während sie Fern anblickte.

Oh nein. Sie hatte ein wirklich schlechtes Gefühl, was jetzt kommen würde.

„Schau mich nicht so an. Die Krimiserie will mehr Szenen mit mir drehen als ursprünglich geplant, und wir fangen schon morgen an anstatt Donnerstag. Das konnte ich wirklich nicht vorhersehen, und ich brauche den Job.“

Simon schaute völlig entsetzt drein. „Was ist mit deinem ganzen Sponsorengeld?“

„Nun, da hätte ich eine Idee …“ Sie wandte sich an Fern, der daraufhin der Schweiß ausbrach. „Fern, meine gute alte Freundin …“

Fern sprang von ihrem Stuhl hoch und presste ihre Finger gegen Lisettes Mund.

Nein! Auf keinen Fall!

Ihre Stimme klang schrill und wesentlich lauter als sie beabsichtigt hatte. „Lisette, wag es ja nicht …!“

2. KAPITEL

Der Geräuschpegel in dem Café war nur noch ein gedämpftes Gemurmel. Irgendwo klimperte ein Löffel gegen eine Tasse. Fern erstarrte und ließ sich zurück auf den Stuhl fallen, während sie fassungslos registrierte, wie sich zwei Augenpaare erwartungsvoll auf sie richteten. Vergeblich hatte sie versucht, Lisette daran zu hindern, die verhängnisvollen Worte auszusprechen. Ihre Mitbewohnerin hatte die Frage trotzdem gestellt: „Wirst du meinen Platz einnehmen und für mich springen?“

Langsam legte Fern die Hände übereinander, während sie Lisette unverwandt ansah. Sie holte tief Luft. In jeder anderen Woche hätte sie keine Sekunde darüber nachgedacht. Ein Bungee-Sprung! Nie und nimmer. Was fiel Lisette nur ein?

Doch die Frage war gestellt worden, und auch Simon schaute sie hoffnungsvoll an. Er zählte auf sie – die Leukämie-Stiftung zählte auf sie. Wenn sie sich weigerte, verlor sie die fünfhundert Pfund, die Lisette ihr für den Gewinn der Wette zugesagt hatte.

Schicksalsergeben sank sie gegen die Stuhllehne.

„Ja, ich mache es.“

Simon sah aus, als würde er ihr gleich um den Hals fallen. Nach kurzem Zögern beugte er sich vor und drückte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange. „Fern, das ist großartig. Vielen, vielen Dank. Wenn du Lisettes Platz einnimmst, können wir unser Ziel immer noch erreichen.“

Fern fühlte sich völlig benommen. Sie bekam kaum etwas von dem Rest der Unterhaltung mit. Simon schwärmte, wie wunderbar alles werden würde. Als er endlich aufhörte zu reden, waren von ihrer Mittagspause nur noch fünf Minuten übrig geblieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde sie zu spät ins Büro kommen, denn es gab da ein paar Dinge, die sie Lisette sagen musste, und die konnten absolut nicht warten.

Beide beobachteten schweigend, wie Simon seine Sachen zusammenpackte, sich verabschiedete und das Café verließ.

„Ich kann auf keinen Fall einen Bungee-Sprung machen!“

„Doch, das kannst du!“

„Nein, kann ich nicht.“

Lisette hob eine Augenbraue und presste den Mund zusammen. „Zu spät. Du hast bereits zugesagt.“

Fern seufzte tief. Es musste doch einen Weg geben, um aus dieser Geschichte wieder herauszukommen. Ein Hintertürchen, ein legitimer Grund, weshalb sie den Sprung nicht durchziehen konnte … Einen Augenblick … Ihr fiel gleich etwas ein …

Plötzlich lehnte sie sich entspannt zurück und kreuzte die Arme über der Brust. „Als wir uns über die Regeln und Konditionen unterhalten haben, da hast du selbst gesagt, dass ich nichts Gefährliches machen muss.“

Lisette hob erneut eine Augenbraue. „Netter Versuch, aber der Sprung wurde als eindeutig sicher und unbedenklich eingestuft. Du selbst hast die ganzen Gutachten kontrolliert, erinnerst du dich? Also, wenn es für alle anderen Springer eine sichere Sache ist, warum dann nicht auch für dich?“

Verdammt! Ihre eigene Effizienz machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

„Du musst es nicht tun, wenn du es nicht willst.“ Lisette rührte mit dem Löffel in ihrem Cappuccino. „Aber dann verfallen die fünfhundert Pfund und die vierhundert Pfund der Sponsoren, die die Leute mir für meinen Sprung versprochen haben.“

Fern sah sie mit offenem Mund an. „Vierhundert Pfund! Wie hast du das geschafft?“

„Erinnerst du dich an diese historische Serie, die ich vergangenen Monat gedreht habe? Die, in der ich eine Milchmagd aus dem achtzehnten Jahrhundert gespielt habe?“

Fern nickte. Sie war sich nicht ganz sicher, wo das jetzt hinführen sollte.

„Okay, dieses Korsett hat meine Brüste wirklich fantastisch aussehen lassen, und da waren zahlreiche stramme Burschen, die nichts Besseres zu tun hatten, als stundenlang rumzustehen und mein Dekolleté anzustarren …“

Josh nahm die Stufen der Rolltreppe zwei auf einmal und dachte bereits daran, einfach über die Absperrung zu springen. Doch unter den aufmerksamen Blicken eines Londoner U-Bahn-Angestellten entwertete er sein Ticket und rannte dann durch die Halle hinaus auf die Straße voller Verkehr und Hektik.

Er war spät dran.

Seine Mum hatte durch Helen Chambers von diesem Wohltätigkeits-Bungee-Springen gehört und wusste, dass es am Ende dieser Straße stattfand. Der Sprung sollte nur der Anfang sein. In seiner Hosentasche befand sich die herausgerissene Anzeige aus der Zeitung seines Dads – das war sein eigentliches Ziel. Die vergangenen sechs Monate hatte er nonstop gearbeitet. Jetzt brauchte er unbedingt ein bisschen Spaß!

Als er den Kran erreichte, waren die ersten Freiwilligen bereits gesprungen, und ein weiterer hing kopfüber an dem Seil und wurde gerade zu Boden gelassen. Während er sich registrieren ließ und danach, als er zum Aufzug ging, der ihn auf die Plattform hoch oben auf dem Kran bringen würde, ließ Josh seinen Blick über die Menge schweifen.

Für sein nächstes Projekt brauchte er einen Partner, und hier musste sich doch ein Typ finden lassen, der zu einem kleinen spontanen Abenteuer bereit war. Jemand, der körperlich fit war und über ein bisschen Grips verfügte. Jemand, der willens war, vier Tage durch die City zu rennen und im Idealfall mit fünftausend Pfund in der Tasche nach Hause zu gehen.

Sobald er die Plattform auf der Spitze des Krans erreicht hatte und sich in die Schlange einreihte, begutachtete er die anderen Springer etwas genauer. Das Ergebnis war nicht gerade vielversprechend. Einige ältere Leute, ein schlaksiger Kerl, der wie ein erstarrtes Kaninchen aussah, und ein paar junge Mädchen.

Eine weitere Person sprang, und die Reihe rückte einen Schritt vor. Noch sieben Leute vor ihm, dann stand seinem Adrenalinrausch nichts mehr im Wege. Es gab kaum etwas Besseres. Interessiert beobachtete er, wie die nächste Freiwillige vortrat und das Elastikseil um ihre Knöchel befestigt wurde.

Die Frau stand stocksteif und starrte auf die City hinunter. Die meisten anderen hatten gekichert und Scherze gemacht, während das Seil befestigt wurde, doch sie gab keinen Mucks von sich. Josh legte den Kopf schräg. Verdammt hübsche Beine. Und wunderschönes aschblondes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, an dem der Wind zauste. Er lächelte leicht. Vielleicht würde er versuchen, ihre Nummer zu bekommen, wenn sie beide wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Er mochte Frauen, die mutig und temperamentvoll waren. Also gut, keine seiner Beziehungen hielt lang, aber solange sie dauerten, waren sie unheimlich aufregend, und er hatte noch ein paar Wochen in London vor sich. Also warum nicht?

Doch genau in diesem Moment drehte sie sich um, und er wusste ganz genau, warum nicht.

Er brauchte ihre Nummer nicht, denn die hatte er bereits.

Fern? Ryans schüchterne kleine Schwester wagte einen Bungee-Sprung? Er schüttelte den Kopf.

Die Reihe war an ihr, doch sie schien wie erstarrt. In diesem Moment trat ihm ein Bild vor Augen – Fern, wie sie zitternd auf dem Fünfmeterbrett im Schwimmbad stand, die Arme an die Seiten gepresst und das Kinn nach oben gereckt. Damals hatte er die Furcht in ihren Augen gesehen, und auch jetzt las er sie in ihrem Gesicht. Sofort wusste er, was er zu tun hatte.

Die anderen Springer begannen zu murren, als er sich an ihnen vorbeischob, bis er schließlich direkt hinter ihr stand. Sie riss den Kopf herum und gab einen erstickten Laut von sich. Ihre Augen wirkten glasig. Sie schien seine Anwesenheit nicht mal zu bemerken.

Rasch trat er noch einen Schritt vor und legte die Hände um ihre Taille, um ihr aufmunternde Worte ins Ohr zu flüstern. Was genau er sagte, wusste er gar nicht, denn plötzlich konnte er nur daran denken, wie warm sie sich anfühlte und dass sie beim letzten Mal, als er sie umfasst hatte, eindeutig noch nicht so viele Kurven gehabt hatte.

Josh hatte so viele dieser Sprünge gemacht, dass er sie nicht mal mehr zählen konnte, doch er war sich verdammt sicher, dass es Ferns erstes Mal war. Deshalb sprach er weiter beruhigend auf sie ein, was gar nicht so einfach war, denn der Duft ihres Haars lenkte ihn ab.

Als er spürte, wie sich ihre Anspannung etwas legte, zählte er bis drei, und dann – ehe er seinen plötzlichen Wunsch analysieren konnte, sie festzuhalten und dicht an sich zu ziehen – fiel sie nach unten, und er umfasste nur leere Luft.

Josh breitete die Arme weit aus – bis in die Fingerspitzen streckte er sich –, hob das Gesicht der Sonne entgegen und überließ der Schwerkraft den Rest. Ein tief empfundener Jubelschrei entrang seiner Brust.

Kurz fragte er sich, ob Fern dasselbe Gefühl von Freiheit verspürt hatte. Er hoffte es. Als sich das Elastikband um seine Füße anspannte und er nach oben katapultiert wurde, durchzuckte ihn eine jähe Erkenntnis.

Er brauchte keinen Mann, der ihm bei seinem nächsten Projekt half; er brauchte eine Frau. Eine Frau, die clever war und belastbar und die diese Stadt in- und auswendig kannte. Eine Frau, der er vertrauen konnte.

Er brauchte Fern.

Allmählich spürte sie jeden einzelnen Stein auf dem staubigen Boden, auf dem sie saß, weh, doch das war ihr egal. Auch wenn sie sich schmutzig machte. Noch nie hatte es so gutgetan, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Sie gönnte sich noch eine weitere Minute, ehe sie den Blick hob und in den Himmel schaute. Der Anblick des Krans reichte aus, um ihr erneut ein flaues Gefühl im Magen zu bereiten.

War es wirklich Josh gewesen, der ihr dort oben beigestanden hatte?

Diese Stimme an ihrem Ohr, die Hände um ihre Taille – war das real gewesen, oder hatte sie sich alles nur eingebildet? Jetzt, wo sie wieder auf der Erde war, erschien ihr das alles wie ein vager Traum. Müde stand sie auf, stemmte die Hände in die Taille und blickte erneut zu dem Kran hinauf.

Es war über ein Jahr her, dass sie Josh das letzte Mal gesehen hatte. Es wäre wesentlich wahrscheinlicher, dass er sich gerade in Timbuktu oder Bora Bora aufhielt als hier im guten alten London. Seine Mutter platzte jedes Mal vor Stolz, wenn sie vom neuen Millionärsstatus ihres Sohnes erzählte. Das letzte Mal, als die Familien der Chambers und Adams sich trafen – natürlich ohne Josh –, hatte Pauline von seinem neuesten Projekt berichtet. Ihren Erzählungen nach bot er jetzt Reisen an, mit denen die Urlauber Wohltätigkeitsorganisationen unterstützen und Geldmittel auftreiben konnten.

Apropos Geld – es war höchste Zeit, dass sie zum Organisatorentisch ging und sich schriftlich bestätigen ließ, dass sie den Sprung gemacht hatte. Dann konnte sie zu Lisette gehen und all das Sponsorengeld einsammeln, das ihre Mitbewohnerin mithilfe ihres aufreizenden Dekolletés eingetrieben hatte. Sie freute sich bereits auf Lisettes Gesichtsausdruck, wenn sie ihr den Wisch zeigte.

Über die allgemeine Geräuschkulisse hinweg hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. „Fern?“

Das musste Simon sein. Es überraschte sie nicht, dass er so schnell wie möglich zu ihr herübergelaufen kam. Mit einer Hand strich sie sich die Haare aus der Stirn und drehte sich um.

Josh Adams! Sie hatte vorhin also doch nicht geträumt. Ihr fehlten die Worte.

Wie immer hatte er keine Berührungsängste, sondern schloss sie fest in seine Arme. Wie von selbst traten ihr Tränen in die Augen, denn in diesem Moment erkannte sie, wie sehr sie ihn unbewusst vermisst hatte. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, Tränen fielen auf sein T-Shirt.

Ein dezentes Räuspern von rechts störte sie.

Fern löste sich aus Joshs Armen, auch wenn sie einander immer noch in die Augen schauten und beide unbeholfen lächelten. „Simon, darf ich dir meinen alten Freund Josh vorstellen“, sagte sie und konnte dabei ihren Blick immer noch nicht abwenden.

Josh zwinkerte ihr zu und drehte sich dann zu Simon um, dem er eine Hand reichte. „Nett, dich kennenzulernen“, sagte er. „Bist du Ferns …?“

Simon, der ungewöhnlich angespannt wirkte, lächelte plötzlich und öffnete den Mund, um zu antworten.

„Er ist ein Freund von mir!“, platzte Fern dazwischen, ehe er auch nur ein Wort sagen konnte. „Ein wirklich guter Freund. Simon hat die ganze Organisation des Bungee-Springens übernommen.“

Josh klopfte ihm auf die Schulter, woraufhin Simon zusammenzusacken schien. „Sehr gut. In diesem Fall sollten wir rübergehen und unseren Sprung abzeichnen lassen, damit das Geld fließen kann. Danach …“, er schaute Fern an, deren Herz automatisch einen Satz machte, „… lade ich dich auf einen Kaffee ein, damit du mir erzählen kannst, was in den letzten paar Monaten so passiert ist.“

Sie hob eine Augenbraue. „In den letzten paar Monaten? Wir haben uns anderthalb Jahre nicht mehr gesehen.“

Er runzelte die Stirn. „Ist es wirklich so lange her?“

Sie nickte und lächelte ihn betrübt an. Wie hätte sie diese Weihnachtsfeier bei den Adams’ vergessen können, als er die furchtbare Amber mitgebracht hatte? Es war das Jahr gewesen, in dem sich Fern früh mit einer Migräne entschuldigt hatte.

Erneut runzelte er die Stirn. „In diesem Fall bin ich dir wohl einen richtig großen Kaffee schuldig.“

„Da kannst du drauf wetten. Einen mit Sirup und Sahne obendrauf.“

Josh zog eine Grimasse, doch sie ließ sich davon nicht beirren. Ihr war regelrecht schwindelig, was sie lieber auf mangelnde Zuckerzufuhr schieben wollte. Wenn sie allerdings ehrlich war, dann hätte sie auch Flusswasser getrunken, nur um ein bisschen länger mit ihm zusammen sein zu können. Früher hatten sie sich so nahegestanden. Beinahe wie Bruder und Schwester. Beinahe.

Es wäre schön, sich mit jemandem unterhalten zu können, der sich an Ryan erinnerte.

Beinahe zwei Jahrzehnte war es jetzt her, dass ihr Bruder gestorben war, und die Freunde von damals hatten sich in alle Winde zerstreut. Mit ihren Eltern über Ryan zu sprechen hatte überhaupt keinen Zweck, denn dieses Thema war für sie noch immer viel zu schmerzhaft.

„Komm schon“, sagte sie und zog ihn am Arm. „Da unten am Fluss gibt es ein nettes kleines Café.“

Schmunzelnd blickte Josh sie an und wandte sich dann an Simon. „Ist es nicht großartig, wenn sie so herrisch wird?“

Simon öffnete den Mund, doch es kam kein Ton heraus. Schlussendlich nickte er nur und rief ihnen tonlos einen Abschiedsgruß hinterher.

Fern stand hinter Josh in der Schlange am Tresen des Cafés und bemühte sich krampfhaft, nicht wieder in die Rolle der Dreizehnjährigen zurückzufallen, die unsterblich in den Nachbarsjungen verknallt war, der diese Schwärmerei natürlich nicht erwiderte.

Du bist jetzt eine erwachsene Frau, ermahnte sie sich. Schluss damit.

Doch all das half nichts gegen das Kribbeln im Bauch, als er sich zu ihr umdrehte und ihr einen Pappbecher mit Plastikdeckel reichte. „Da, bitte. Ein großer Mokka mit Sahne.“

Das Kribbeln verstärkte sich noch, und sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie dem Herr werden sollte.

„Danke.“

„Lass uns gehen“, sagte er und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür. Fern stimmte gerne zu.

Sobald sie das Café verlassen hatten, überquerten sie die Straße und spazierten am Themse-Ufer entlang.

Nach einigen Minuten des Schweigens steuerten sie wie selbstverständlich auf ein Stück Mauer zu, setzten sich auf den grauen Granit und tranken ihren Kaffee. Josh nickte in Richtung des Krans, der sich gegen den Himmel abhob.

„Das war ein ganz schönes Abenteuer, was?“

Abenteuer? Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Angst ausgestanden. Als sie auf den Boden zuraste, war sie überzeugt gewesen, das Seil würde reißen oder von ihren Knöcheln gleiten.

„Ja“, murmelte sie dumpf, froh darüber, eine gute Ausrede für ihre Lüge zu haben. Josh würde sie ohnehin nie verstehen.

„Einen Moment lang, als du da oben standest und Nein gesagt hast, da dachte ich, du würdest einen Rückzieher machen.“ Fern betrachtete nicht länger das Wasser, das sanft gegen die Mauer schlug. „Ich habe Nein gesagt?“

Josh nickte. „Ich glaube, ja.“

Fern biss sich auf die Lippe. Verdammt, verdammt, verdammt. Alles umsonst! Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt, doch das hätte sie ja erklären müssen, und dazu war sie nicht bereit. Stattdessen drehte sie sich um und blickte auf die Straße, über die der Verkehr hinwegraste.

„Komm schon, Fern, mach dir doch deshalb keine Vorwürfe. Jeder ist beim ersten Mal ein bisschen nervös. Das Entscheidende ist, dass du schlussendlich Ja gesagt und den Sprung gewagt hast. Das allein ist ausschlaggebend.“

Sie blinzelte. Irgendwie klang das für ihren Geschmack nach Augenwischerei. Ob sie einfach schwindeln sollte? Lisette gegenüber behaupten, dass sie die ganze Woche nicht einmal Nein gesagt hatte?

Plötzlich lächelte sie leicht. Hatte Lisette nicht gesagt, sie sollte immer auf das Kleingedruckte achten? Es war ihr ja gar nicht strikt verboten, Nein zu sagen – sie durfte dieses Wort nur nicht als Antwort auf eine Frage benutzen! Und dort oben auf dem Kran hatte man ihr keine Frage gestellt. Sie hatte einfach nur mit sich selbst geredet.

Josh versetzte ihr einen kleinen Stoß in die Seite. „Weshalb lächelst du so?“

„Ich habe es wirklich getan, nicht wahr?“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Ja, das hast du. Du warst unheimlich mutig.“

Das Lächeln verschwand, ersetzt durch ein Stirnrunzeln. „Sei nicht albern. Ich bin nicht mutig, nicht so wie du. Du hast bestimmt schon Hunderte solcher Sprünge gemacht.“

Er rückte näher an sie heran, sodass sich ihre Arme berührten. Sofort stockte ihr der Atem.

„Das siehst du völlig falsch. Ich bin nicht mutig, wenn ich einen Bungee-Sprung mache. Mir verlangt es nämlich nichts ab. Ich liebe es. Aber du …“

Die Art und Weise, wie er sie ansah – voller Wärme und Bewunderung –, ließ sie dahinschmelzen.

„… ich weiß, dass du Höhenangst hast. Für dich war es unheimlich mutig.“ Josh lächelte sie an. „Und deshalb habe ich dir einen Vorschlag zu machen.“

3. KAPITEL

Für einen Moment war Fern völlig perplex. War das der Moment, von dem sie bereits als Teenager geträumt hatte, als sie auf dem Bett lag, Liebesballaden hörte und die Poster an der Wand anstarrte? War das der Moment, in dem Josh wachgerüttelt wurde und er endlich das sah, was schon so lange offensichtlich war? Er war mindestens zehn Jahre zu spät dran.

Ihr dummes Herz pochte wie wild. „Was … Was für eine Art Vorschlag?“

Josh beugte sich zu ihr herüber, ein Funkeln in den Augen, als wolle er ein pikantes Geheimnis mit ihr teilen. Er war ihr so nah, dass sie die olivgrünen Flecken um seine Iris sehen und einen Hauch seines Aftershaves einatmen konnte.

„Ich finde, wir sollten in den nächsten paar Tagen sehr viel Zeit miteinander verbringen.“

„Wirklich?“ Ihre Stimme war nur noch ein Kieksen, genauso wie damals als Sechzehnjährige. Wie peinlich. Als Teenager hatte sie jedes Mal fasziniert auf seine Lippen gestarrt und heimlich gehofft, dass er mitten im Satz abbrechen würde, sich vorbeugen und …

Als könne er ihre Gedanken lesen, rückte er tatsächlich noch ein wenig näher an sie heran, sodass sein Atem über ihre Haare strich. „Was hältst du von fünftausend?“

Fünftausend Pfund? Er bot ihr Geld, damit sie mit ihm ausging? Wusste er denn nicht, dass sie das umsonst tun würde?

Mein Gott, es hatte eine Zeit gegeben, da hätte sie ihr Sparkonto leer geräumt, um ein Date mit ihm zu bekommen. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

„Sag nicht Nein, ehe du mich zu Ende angehört hast.“

Ein kleines Lachen entrang ihrer Kehle. Gott segne Lisette und ihre dumme Wette!

Josh griff in seine Hosentasche und holte ein zerknittertes Stück Zeitungspapier hervor. Sorgfältig glättete er es auf seinem Oberschenkel. „Du und ich zusammen für vier Tage in London … In dem Moment, als ich dich von diesem Kran springen sah, wusste ich, dass ich dich fragen sollte!“

Fern blinzelte. Das Gespräch lief ganz und gar nicht so, wie sie sich das all die Jahre zuvor in ihren Tagträumen vorgestellt hatte. Sie hatte immer geglaubt, die Erkenntnis, dass sie die Richtige für ihn war, würde ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen – so unerwartet, dass er sie nur noch in seine Arme ziehen konnte, um ihr seine ewige Liebe zu gestehen. In Wirklichkeit war es viel verwirrender.

Sie drehte sich zu ihm um, umklammerte die Mauerkante und beugte sich vor. „Was genau hast du gewusst, als ich vom Kran gesprungen bin?“ Es konnte nicht schaden, ihm einen kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben.

Er schien ihre Frage nicht zu verstehen, woraufhin sie eine Augenbraue hob und ihn aufmunternd anlächelte. „Ein Vorschlag, erinnerst du dich? Fünftausend Pfund … Du und ich für vier Tage in London …“ Ihr Puls, der sich in den vergangenen Minuten etwas beruhigt hatte, beschleunigte sich wieder. „Was meinst du damit?“

Er wedelte mit dem Stück Zeitungspapier vor ihrer Nase herum. „Die Schatzsuche, natürlich.“

Sie riss ihm das Papier aus der Hand. Ihr Herz hatte offensichtlich viel zu heftig gepocht, denn nun schien es fast gar nicht mehr zu schlagen, stattdessen hörte sie laut das Rauschen des Flusses in den Ohren.

„… und du möchtest, dass ich deine Partnerin bin?“

Josh sprang von der Mauer und stellte sich vor sie. Im ersten Moment dachte sie, er würde ihre Hände ergreifen, doch dann trat er von einem Bein aufs andere und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Ja.“

„Warum?“ Das Wort war nicht mehr als ein ersticktes Keuchen. Sie versuchte es noch einmal. „Warum ich?“

Er schaute ihr direkt in die Augen. „Weil ich glaube, dass du die perfekte Partnerin wärst.“

Sollte sie lachen oder weinen? Vier Tage mit Josh. Vor einiger Zeit hätte sie das für den Himmel auf Erden gehalten, doch jetzt betrachtete sie es eher als die reinste Hölle. Natürlich wäre es wundervoll, Zeit mit Josh zu verbringen. Wenn ihr jemand in der vergangenen Woche gesagt hätte, dass sie vier Tage mit ihm zusammen sein sollte, dann wäre sie begeistert gewesen. Doch in der vergangenen Woche hatte sie auch noch geglaubt, sie wäre über diese alberne Teenager-Schwärmerei hinweg.

Das Adrenalin von dem Bungee-Sprung schien ihre Emotionen in Aufruhr versetzt zu haben, denn sie hatte den schlimmen Verdacht, dass sie dumme Dinge sagen, dumme Dinge tun und – was am gefährlichsten war – dumme Dinge fühlen würde. Für Josh.

In vier Tagen würde sie sich viel zu sehr verstricken, als dass sie ihre Gefühle einfach so abtun könnte – wie sie es am Tag nach der Party zu ihrem sechzehnten Geburtstag getan hatte. Vier Tage wären einerseits viel zu viel und andererseits niemals genug. Nicht, wenn er danach wieder wochenlang nach Katmandu oder Neuguinea verschwand.

Langsam stieß sie sich von der Mauer ab und glitt zu Boden. Sie kreuzte die Arme über der Brust.

„Tut mir leid, Josh. Ich kann nicht.“

Josh war sicher, dass ihre Antwort nicht so eindeutig war, wie Tonfall und Körpersprache suggerieren sollten. Wo lag das Problem? Diese Schatzsuche war doch ein großer Spaß.

Fern würde es sicher genießen, wenn sie der Sache nur eine kleine Chance gab. Ihr Stirnrunzeln besagte jedoch, dass sie nicht an den Spaßfaktor dachte, sondern sich über irgendetwas Sorgen machte. Praktische Dinge vermutlich.

„Der erste Preis sind fünftausend Pfund in bar und weitere fünftausend Pfund in Form von Urlaubsgutscheinen.“

Ein leicht hysterisches Kichern entschlüpfte ihr. „Urlaubsgutscheine? Wozu in aller Welt brauchst du Urlaubsgutscheine?“ Sie hielt kurz inne. „Wenn ich es mir recht überlege, brauchst du auch das Geld nicht.“

„Du willst wissen, warum ich es tue? Einerseits, weil es ein Riesenspaß wird, andererseits weil meine Eltern mal eine Auszeit brauchen und sich partout weigern, mich für diesen Urlaub bezahlen zu lassen. Ich habe wirklich alles versucht. Vielleicht akzeptieren sie diese Gutscheine. Wie du völlig richtig bemerkt hast, habe ich ja keine Verwendung für sie …“

Jetzt runzelte auch er die Stirn.

„Sie sind beide unheimlich gestresst. Dad ist frustriert, weil er nicht mehr der Workaholic sein kann, der er seit jeher war, und meine Mum hat Angst, er könne sich so sehr langweilen, dass er sich zu früh wieder zu viel aufhalst.“

Als Ferns Gesichtsausdruck sich etwas entspannte, entschied Josh gleich, die Gunst der Stunde zu nutzen. „Ich wollte ihnen eine Reise nach Schottland schenken, wo sie ihre Flitterwochen verbracht haben. Mum sagt immer, wie gut diese Berge der Seele tun.“

Fern lächelte. „Das ist eine schöne Idee.“

„Und was ist mit dir, Fern? Ich bin sicher, du könntest etwas Sinnvolles mit dem Geld anstellen. Vielleicht einen Teil der Hypothek bezahlen oder Ähnliches. Hat nicht dieser Simon irgendetwas von der Leukämie-Stiftung erzählt …“, in diesem Moment schaute sie auf, und er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war, „… eine bestimmte Summe an Spenden, die gerade gesammelt wird?“

„Es kann sein, dass er etwas in der Art erwähnt hat“, entgegnete sie ruhig. Doch der äußere Schein trog: Fern war alles andere als ruhig.

Er legte eine Hand auf ihren Arm, zog sie allerdings nicht an sich, wie er es gern getan hätte. Wie er es gern tun würde, seit er hoch oben auf dem Kran die Hände um ihre schmale Taille gelegt hatte. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass es sehr unvorsichtig von ihm gewesen war, sie einfach so springen zu lassen.

„Komm schon, Fern. Die Chance auf fünftausend Pfund und dazu meine aufregende Gesellschaft. Was gibt es da noch zu überlegen?“

Sie schüttelte den Kopf, musste aber doch lächeln. „Du bist schon immer ein großer Kindskopf gewesen.“

„Und du hast mir immer vorgehalten, dass du deinen Ersatz-Großen-Bruder nicht häufig genug siehst.“

Erneut schüttelte sie den Kopf. „Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Ich muss arbeiten.“

„Was musst du arbeiten?“

„Nun, mein Job erfordert, dass ich Bauplätze und Gebäude besuche, um Risikofaktoren zu analysieren. Die Versicherungsgesellschaft entscheidet danach, welche Prämie sie festlegt.“

„Und wie viele solcher Termine hast du für die nächsten paar Tage geplant?“

„Nun, genau genommen keine …“, sie hob eine Hand, um ihn zu stoppen, „… aber ich will schon seit Ewigkeiten den Papierkram auf meinem Schreibtisch erledigen.“

„Sweetheart, Papierkram kann immer ein paar Tage warten.“ Ihre Blicke begegneten sich. „Du könntest deinen Boss doch fragen, oder?“

Sie murmelte irgendetwas vor sich hin und zog dabei ihr Handy aus dem hübschen kleinen Lederrucksack, den sie bei sich trug. Als sie eine Nummer wählte und sich ein paar Schritte von ihm entfernte, musste er sich ein Grinsen verkneifen. Außerdem bemühte er sich, nicht allzu auffällig auf ihren Po zu blicken, während sie völlig in das Gespräch – vermutlich mit ihrem Boss – vertieft war. Wann hatte Fern angefangen, sich so zu bewegen? So sexy und mit schwingenden Hüften?

Nach ein paar Minuten beendete sie das Gespräch und kam wieder auf ihn zu.

„Und? Hat er Ja gesagt?“

Sie seufzte und nickte einmal. Er hätte schwören können, dass sie irgendetwas in der Art murmelte wie: „Es scheint ansteckend zu sein“, während sie ihr Handy wieder in dem Rucksack verstaute. Nachdem sie die Schnalle geschlossen hatte, blickte sie zu ihm auf.

„Komm schon, Fern, es wird ein großer Spaß werden. Was meinst du?“

Ihre Antwort wurde halb von seiner Brust erstickt, denn er hatte sie in eine triumphierende Umarmung gezogen und damit seinen ursprünglichen Entschluss, lieber auf Distanz zu bleiben, ignoriert. Also gut, aus irgendeinem Grund wollte er sie unbedingt berühren. Na und? Wozu waren Impulse denn da, wenn man ihnen nicht folgte?

Fern war so an den Londoner Verkehrslärm gewöhnt, dass sie ihn eigentlich schon gar nicht mehr wahrnahm, während sie die U-Bahn verließ und in Richtung Trafalgar Square marschierte. Josh hatte sie gebeten, ihn dort um elf Uhr dreißig zu treffen, und nun war es schon beinahe fünf vor halb. Sie ging schneller.

Am Vorabend hatte sie sich im Internet noch ein wenig schlaugemacht. Die sogenannte Londoner Schatzsuche wurde von London City Radio organisiert, nicht nur um für deren Programm zu werben, sondern auch um berühmte Sehenswürdigkeiten erneut in den Blickpunkt des Interesses zu rücken. Außerdem sollten sie Orte und Nischen der Stadt kennenlernen, die selbst eingefleischten Londonern unbekannt waren.

Am Trafalgar Square hatte sich bereits eine größere Menschenmenge eingefunden, als sie erwartet hatte. Von der Website der Schatzsuche wusste sie, dass vierzig Teams à zwei Personen antraten. Wenn sie es richtig verstanden hatte, dann reduzierte sich die Anzahl der Teams jeden Tag, sodass am Sonntag nur noch insgesamt zehn Teams um den Sieg kämpften.

Fern brachte ihren kleinen Rucksack in eine etwas bequemere Position. Er enthielt Kleidung zum Wechseln, ein paar Toilettenartikel und einen Mini-Erste-Hilfe-Kasten. Eigentlich hatte sie geglaubt, sich auf das Allernötigste beschränkt zu haben, dennoch wurde der Rucksack mit jedem Schritt schwerer.

Wo war Josh? Sie suchte die Menge ab, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Also entschloss sie sich, zur Registrierung an den Organisatorentisch zu gehen, wo bereits einige ähnlich gekleidete Leute in einer Reihe anstanden. Rote T-Shirts mit dem Logo von London City Radio lagen für alle Teilnehmer der Schatzsuche bereit. Die Anspannung und Aufregung war überall zu spüren.

Ehe sie sich einschrieb, blickte sie noch einmal auf die Uhr. Zwanzig vor zwölf. Joshs Namen hatte sie nirgendwo auf der Liste gesehen. Sie warf noch einen Blick über die Schulter, dann füllte sie das Formular aus. Erledigt. Jetzt war sie angemeldet.

Der Mann am Tisch reichte ihr ein Blatt Papier, das sie geistesabwesend an sich nahm, während sie sich bereits wieder umdrehte und erneut die Menge absuchte.

Wo steckte er?

Enttäuschung erfasste sie, gefolgt von einer merkwürdigen Lethargie. Ihr Rucksack wurde ihr endgültig zu schwer, sodass sie ihn vom Rücken nahm und auf den Boden zu ihren Füßen fallen ließ. Sie war wütend, weil Josh es schaffte, dass sie sich wieder wie früher fühlte. Übersehen. Nicht wichtig genug. Wenn er endlich auftauchte, dann sollte er eine wirklich gute Erklärung parat haben!

Fern schritt den ganzen Platz ab auf der Suche nach Josh. Nachdem sie eine Runde gedreht hatte, kehrte sie zum Tisch der Organisatoren zurück, und dort, endlich, entdeckte sie ihn – ein Lächeln auf den Lippen und ein altbekanntes Funkeln in den Augen. Dieses Funkeln war geradezu legendär – es bedeutete, dass eine Frau nicht weit sein konnte. Fern ließ den Blick nach rechts schweifen und – bingo!

Wie konnte er es wagen, vollkommen ruhig und gelassen mit anderen Frauen zu flirten, wenn das Rennen bereits in zehn Minuten losging und er sich nicht mal die Mühe machte, nach ihr zu suchen?

Sie sollte sich auf vier Tage mit Josh freuen? Von wegen! Sie musste völlig den Verstand verloren haben! Die Schatzsuche hatte nicht mal begonnen, und schon wurden ihre Gefühle einer reinen Achterbahnfahrt ausgesetzt. Von Frustration über Verzweiflung bis hin zu Wut war alles dabei – und sie hatte sich bereit erklärt, das vier Tage lang mitzumachen!

Nur mit Mühe kontrollierte sie ihren Zorn, während sie auf Josh und die junge Frau neben ihm zuging. Erst als sie nur noch einen knappen Meter von ihm entfernt war, wandte er sich von der langbeinigen Brünetten mit dem roten T-Shirt und den knappen Shorts ab. Wie oft hatte die Frau die Shorts wohl gewaschen, damit sie so eng saßen?

„Fern!“ Er schaute erst auf die Uhr, dann warf er ihr einen nachsichtigen Blick zu. „Du hast dir ganz schön Zeit gelassen, was?“

Fern hätte am liebsten den Kopf zurückgelegt und vor Frustration laut geschrien. Natürlich tat sie nichts dergleichen. „Um ehrlich zu sein, bin ich schon seit Ewigkeiten hier und suche nach dir.“

Josh schenkte ihr einen Blick, der in etwa besagte: „Ups! Entschuldigung!“ Sie schüttelte den Kopf.

„Ich habe wahrscheinlich die Zeit vergessen, während ich mich hier ein wenig mit Kate unterhalten habe.“

Darauf würde sie wetten.

Von irgendwo hinter ihnen erklang ein schrilles Geräusch, als jemand gegen das Mikrofon klopfte, das an die Lautsprecheranlage angeschlossen war. „Komm schon“, sagte Fern. Durch Josh schien urplötzlich ein Ruck zu gehen, denn er folgte ihr sofort an das Ende der Menge. Warum überraschte es sie nicht, als sie zurückblickte, dass Kate auf seinen Po starrte?

Ein London City Radio – DJ mit strahlend weißen Zähnen trat auf die kleine Bühne, die man neben dem Denkmal von Admiral Nelson aufgebaut hatte. Applaus brandete auf. Fern schob sich weiter nach vorn, denn sie wollte auf jeden Fall alles mitbekommen.

Nach ein paar Begrüßungsworten kam der DJ dann zur Sache und bat alle Teams, nach vorne, direkt vor die Bühne zu treten. „Damit keinerlei Missverständnisse aufkommen, gehen wir jetzt gemeinsam die Regeln durch.“

Josh simulierte ein Gähnen, worauf Fern ihm mit dem Ellbogen in die Rippen stieß.

„Die Schatzsuche beginnt heute Mittag um zwölf und endet Sonntag um dieselbe Zeit. Währenddessen werdet ihr euch durch die Stadt bewegen und sowohl weltberühmte Touristenattraktionen besuchen als auch kaum bekannte historische Stätten. Jedes Team erhält dieselben Hinweise und eine Digitalkamera. Nach Lösung jeder Aufgabe und wenn ihr das nächste Ziel erreicht, müsst ihr ein Foto machen, um zu beweisen, dass ihr am richtigen Ort wart. Diese Fotos werden dann am Ende jeden Tages den Streckenposten gezeigt. Manchmal wird der Hinweis ein Rätsel sein, das ihr lösen müsst, um den nächsten Hinweis zu bekommen …“

Fern lächelte. Sie war gut im Lösen von Rätseln.

„… manchmal müsst ihr auch eine Aufgabe erfüllen oder euch einer Herausforderung stellen, um den nächsten Hinweis zu erhalten.“

Jetzt runzelte Fern die Stirn und kniff die Augen zusammen. Oh Gott, hoffentlich war kein weiterer Bungee-Sprung dabei!

„Fern?“ Sie spürte Joshs unmittelbare Nähe. „Alles in Ordnung?“ Fern nickte und öffnete die Augen. Josh stand direkt hinter ihr, eine Hand lag auf ihrer Taille, während er dem DJ bei der Ausführung der Regeln zuhörte. Sie verpasste ein paar Sätze, weil sie zu sehr von den kleinen sinnlichen Schauern abgelenkt wurde, die über ihren Rücken jagten.

Der DJ kam allmählich zum Ende. „Bis spätestens zehn Uhr abends müssen die Teams am jeweiligen Checkpoint eintreffen. Dort werden die Teilnehmer um zehn Teams reduziert. Einige Teams werden zu spät kommen, andere haben vielleicht nicht die richtige Reihenfolge an Fotos. Das sind die Teams, die disqualifiziert werden.“

Er verkündete dies derart dramatisch, dass die Menge ganz still wurde und wie gebannt zur Bühne schaute. „Die Teams gehen jetzt bitte zu den City Radio – Streckenposten …“, er zeigte zu einer Gruppe von Leuten, die allesamt ein schwarzes T-Shirt mit dem City Radio-Logo trugen, „… um sich den Umschlag mit dem ersten Hinweis abzuholen.“

Ferns Herzschlag beschleunigte sich. Josh packte ihre Hand und zog sie nach vorne, wo sie einem Streckenposten begegneten – einem Mädchen, das nicht älter als fünfzehn zu sein schien. „Handys, Kreditkarten und Bargeld, bitte“, sagte sie betont fröhlich.

Fern legte automatisch eine Hand auf ihren Rucksack. „Mein Handy? Mein Geld?“

Josh leerte bereits seine Taschen. „Hast du nicht zugehört? Es ist Teil der Regeln. Wir bekommen eine Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel und zehn Pfund. Auf diese Weise hat jedes Team dieselben Chancen. Das erscheint mir ziemlich fair.“

Widerwillig holte Fern Handy, Karten und Portemonnaie aus dem Rucksack und ließ alles in eine Plastiktüte fallen, auf die ihr Name notiert wurde.

Ein paar Minuten später standen die vierzig Teams getrennt von der Zuschauermenge zusammen. Sie alle hielten U-Bahn-Ticket, Zehnpfundnoten und einen Umschlag mit dem ersten Hinweis in der Hand. Rasch schaute Fern sich um. Kate begegnete ihrem Blick. Sie bildete ein Team mit einem jungen Mann, der genauso perfekt aussah wie sie selbst.

Der DJ hustete leicht ins Mikrofon, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Köpfe der Teilnehmer drehten sich sofort zu ihm um. Fern merkte, dass sie den Atem anhielt.

„Ihr dürft jetzt … die Umschläge öffnen!“

Josh ließ sich das nicht zweimal sagen. Er riss so heftig an dem Umschlag, dass er den Hinweis gleich mitbeschädigte. So musste er die zwei Hälften zusammenhalten, damit man ihn lesen konnte.

Begebt euch zum Markt in der Berwick Street. Dort findet ihr zehn Stände mit dem London City Radio – Logo. An jedem Stand können zwei Teams arbeiten. Jedes Team muss Obst und Gemüse im Wert von mindestens dreißig Pfund verkaufen, um den nächsten Hinweis zu erhalten. Das verdiente Geld könnt ihr behalten, um euch bei der weiteren Schatzsuche zu helfen. Sollten bei eurer Ankunft bereits alle Stände belegt sein, müsst ihr warten, bis ein Team seine Aufgabe erfüllt hat. Dann könnt ihr deren Platz einnehmen.

Fern schaute hoch. Ein paar Teams rannten bereits quer über den Platz zur Straße und versuchten hektisch, ein Taxi heranzuwinken.

„Berwick Street. Das ist doch gar nicht so weit von hier, oder?“, fragte Josh. Wie benommen blickte sie den anderen Teams hinterher, die in alle Richtungen davon sprinteten. Sie schüttelte den Kopf. Josh schaute sich suchend um.

„Wo ist die nächste U-Bahn-Station?“ Er gestikulierte wild. „Fern? Komm schon!“

Sie zuckte zusammen. „Ähm …“ Ihr Verstand schien ihr völlig den Dienst zu versagen. Eigentlich kannte sie die Stadt in- und auswendig, doch in diesem Moment konnte sie sich nicht daran erinnern, wo die nächste U-Bahn-Station lag.

Josh packte sie an der Hand und lief in Richtung Charing Cross Station los. Oh, sie ahnte, dass dies ein Riesenfehler sein würde.

„Ich weiß, dass einige Teams sich ein Taxi nehmen, aber ich dachte, wir sollten unser Geld für später aufheben“, rief Josh ihr beim Laufen zu.

Sie konnte nicht atmen. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Panik stieg in ihr auf. Josh schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, denn er wandte den Kopf und drückte aufmunternd ihre Hand.

Endlich gelang es ihr, richtig auszuatmen. In solchen Situationen war sie noch nie gut gewesen: Druck, Fristen, Deadlines, das Gefühl, dass ihr die Zeit davonlief und sie nichts dagegen tun konnte. So war es schon gewesen, seit sie zurückdenken konnte. Oder zumindest seit sie erfahren hatte, dass ihr älterer Bruder nur noch wenige Wochen zu leben hatte.

Fern spürte den beruhigenden Druck von Joshs Fingern, die Wärme, die von ihm ausging. Er war damals für sie da gewesen, und er war es heute. Sie lief schneller.

Gemeinsam rasten sie die Treppe zur U-Bahn hinunter und wichen dabei Touristen aus, die auf riesige Stadtpläne sahen. Gott sei Dank mussten sie keinen Fahrschein kaufen, sondern nur ihr U-Bahn-Ticket durch einen Schlitz ziehen, und schon öffnete sich die Absperrung zum Bahnsteig.

Zum Glück fuhr genau in diesem Moment ein Zug ein, in den sie sofort hineinstürmten. Drinnen lächelten sie sich an und rangen atemlos nach Luft. Ein weiteres Team hatte es direkt hinter ihnen in die Bahn geschafft, kurz bevor sich die Türen schlossen. Fern wusste, dass es nicht nett war, aber sie konnte nichts dagegen tun, dass sie sich diebisch freute, als sie sah, wie drei weitere Teams zu spät auf den Bahnsteig gelaufen kamen und nur noch frustriert dem davonfahrenden Zug hinterherschauen konnten.

Ein Blick auf Josh genügte, um zu wissen, dass er den ersten Adrenalinrausch des Tages erlebt hatte. Er wirkte äußerst zufrieden und genoss die Fahrt. Nicht so Fern. Der Wettbewerb setzte sie unter Druck, sodass sie innerlich mit jedem Herzschlag die Bahn antrieb. Schneller, schneller, schneller.

4. KAPITEL

Fern und Josh stürmten aus der U-Bahn, kaum dass sich die Türen geöffnet hatten. Sie rannten die Rolltreppe hinauf zur Oxford Street, einer von Londons Hauptgeschäftsstraßen, die jetzt, zur Touristensaison, völlig überlaufen war.

„Hier entlang“, rief Fern und eilte einen Fußgängerweg, der parallel zur U-Bahn-Station verlief, hinunter. Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob Josh ihr folgte. Er zögerte ganz kurz, setzte ihr dann aber hinterher.

Der Lärm vom Markt in der Berwick Street drang bereits zu ihnen, ehe sie die eigentlichen Stände erreichten. Obst- und Gemüseverkäufer teilten sich das Geschäft mit Stoff- und Textilhändlern sowie Leuten, die zweitklassige Elektroartikel verscherbelten. Fern hätte ihr Geld darauf verwettet, dass diese Toaster entweder die Küche abfackelten oder einfach nicht funktionierten.

Die Stände, die für die Schatzsuche reserviert waren, befanden sich am Ende der Straße. Auf Ferns Gesicht zeigte sich Enttäuschung, als sie darauf zuliefen und allmählich langsamer wurden. Alle Stände waren bereits belegt! Wie waren die anderen Teams nur so schnell dorthin gekommen?

Sie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Sie war ja so dumm! Wie lange lebte sie nun schon in dieser Stadt? Wie viele Mittagspausen hatte sie damit verbracht, die Straßen und Gassen zu erkunden? Auch Josh wirkte frustriert.

„Sie sind zu Fuß gekommen“, sagte sie resigniert. „Vom Trafalgar Square dauert es nur zehn Minuten – weniger sogar noch, wenn du läufst. Wir haben mit der U-Bahn doppelt so lange gebraucht.“

Josh legte ihr einen Arm um die Schulter und drückte sie kurz. „Ist nicht so schlimm. Wir sind zwar nicht die Ersten, aber auch nicht die Letzten.“

Sie schüttelte seinen Arm ab. „Ja, ja, aber es hätte mir klar sein müssen! Ich wusste, dass es zu Fuß schneller gehen würde, doch in dem Moment habe ich einfach nicht daran gedacht.“

Frustriert kreuzte sie die Arme über der Brust und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Stände. Vielleicht war ja eins der Teams bald fertig. Schon bei der ersten Aufgabe hatte sie bewiesen, dass sie Josh überhaupt keine Hilfe sein würde. Warum hatte er nicht auf sie gehört? Er brauchte jemanden, der gut unter Druck arbeitete, jemanden, der den Adrenalinrausch liebte.

Ihr Blick fiel auf Kate, die mit den Wimpern klimperte und ihre aufreizende Figur dazu benutzte, Kunden anzulocken und Melonen zu verkaufen. So ungern sie es auch zugab, das war die Art Partnerin, die Josh brauchte – eine Frau, die für alles gerüstet war.

Es dauerte quälend lange fünfundvierzig Minuten, ehe ein Stand frei wurde. Fern band sich eine Schürze mit Geldtasche um. Während sie einen kurzen Blick auf die anderen Teams warf, entschied sie, dass der Trick offensichtlich darin bestand, die Rufe der echten Obstverkäufer zu imitieren.

„Kirschen! Siebzig Pence das Pfund.“

Erbärmlich. Ihre Stimme war nicht mehr als ein leises Krächzen. Sie klang wie eine schüchterne Bibliothekarin.

„Du musst schon ein bisschen mehr Kraft in deine Stimme legen, um unsere Produkte zu verkaufen“, sagte Josh und griff nach einer Salatgurke. Er zwinkerte ihr zu, um danach einen geradezu markerschütternden Schrei auszustoßen, mit dem er die anderen Kandidaten weit übertönte. „Kommt her, Leute. Kauft diese wunderbaren Gurken! Zwanzig Pence das Stück, drei für fünfzig!“ Den Tonfall der echten Marktverkäufer traf er perfekt, doch er war noch lange nicht fertig – oh nein. Josh startete eine wahre Charme-Offensive.

„Sie, Madam“, rief er und deutete mit der Salatgurke auf eine beleibte Frau im Regenmantel, die ihm einen finsteren Blick zuwarf. „Wie wäre es mit einer frischen Gurke? Gut für die schlanke Linie – damit können Sie Ihre wunderbare Figur in Form halten und nicht nur das – ein paar Scheiben abends auf die Lider erhält das reizende Funkeln in Ihren Augen.“

Die Frau blieb wie angewurzelt stehen, und gerade als Fern dachte, sie würde Josh mit ihrer Einkaufstasche eine runterhauen, lächelte sie plötzlich. „Also gut“, sagte sie. „Und Sie können auch noch ein paar Tomaten mit einpacken.“

Und so verlief die folgende Stunde. Josh bezirzte die Marktbesucher, während Fern sich im Hintergrund hielt und das Geld entgegennahm. Die Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen, als Josh anfing, mit Orangen zu jonglieren und eine große Show abzuziehen. Mit der Zeit versammelte sich eine begeisterte kleine Menge um ihren Stand.

Fern steckte die Scheine in ihre Geldtasche und stapelte die Münzen, um sie zählen zu können. Sie hatten gerade ihr Ziel erreicht. „Josh“, sprach sie laut.

Doch er hörte sie nicht. Weil er viel zu beschäftigt war, mit einem stämmig wirkenden Typ um zwanzig Pfund zu wetten, dass er eine Minute lang mit einer Banane, einer Avocado und einer Ananas jonglieren könnte, ohne sie fallen zu lassen. Fern starrte ihn fassungslos an. Hatte er den Verstand verloren? Wenn er die Wette verlor, mussten sie zwei Drittel ihrer Einnahmen abgeben und wieder ganz von vorn anfangen!

„Josh, nein!“

Zu spät. Die Wette war per Handschlag besiegelt worden, und Josh warf die Ananas ein paar Mal probeweise in die Luft. Sie war schätzungsweise fünf Mal so schwer wie die anderen Objekte, sodass sein Jonglieren nicht glatt und rhythmisch aussah, sondern abgehackt und tollpatschig. Der dicke Mann verschränkte die Arme über der Brust und wirkte sehr selbstzufrieden.

Fern sah verzweifelt auf die Uhr. Die Zeit verging viel zu langsam. Noch zwanzig Sekunden, zehn, fünf …

Sie hielt den Atem an, als Josh die Ananas in einem ganz komischen Winkel nach oben warf. Nie im Leben würde er sie fangen – nicht, wenn die Avocado ebenfalls seitlich ausbrach.

„Nein!“ Der Schrei war bereits ausgestoßen, ehe sie sich Gedanken darum machen konnte, welche Auswirkungen er haben würde. Josh drehte sich instinktiv zu ihr um und wandte den Blick von den Früchten ab. Alles geschah in einer Art Zeitlupe. Der dicke Kerl hob bereits triumphierend die Faust.

Da zeigte Josh eine Art Wunder-Reflex. Blitzschnell wirbelte er herum, sprang nach links und fing die Ananas auf. Doch die Avocado fiel unaufhaltsam dem Boden entgegen. Gerade als Fern erneut aufschreien wollte, streckte Josh seinen rechten Fuß aus, kickte die Avocado nach oben und fing sie mit der Hand auf, in der sich auch schon die Banane befand.

Die Menge brach in lauten Jubel aus. Einige warfen sogar Münzen zu ihnen herüber. Der besiegte Kunde reichte ihnen widerwillig den Zwanzigpfundschein.

Josh drehte sich zu ihr um und warf ihr ein freches Lächeln zu, mit dem er sie fragte: „Na, wie war das?“ Offensichtlich hatte er die Ananas, die Banane und die Avocado auch noch an einen beeindruckten Zuschauer verkaufen können. Sein Grinsen verblasste jedoch, als er ihren Gesichtsausdruck sah.

„Wie viel?“, fragte er und trat mit unschuldiger Miene näher an sie heran. Sie riss ihm die Zwanzigpfundnote aus der Hand.

„Über fünfzig Pfund.“

Josh wollte bereits einen kleinen Siegestanz aufführen, doch er beherrschte sich. Die Signale, die sie aussandte, schien selbst er zu bemerken.

„Mach einfach das verdammte Foto, Josh“, sagte sie, stopfte das Geld in die Tasche und griff dann nach ihrem Rucksack, um die Digitalkamera herauszuholen. Sie reichte sie ihm und verschränkte die Arme über der Brust.

„Und cheese“, murmelte er. Er gab sich betont frech, doch sie erkannte die Nervosität in seinen Augen. Heraus kam ein Foto von leuchtend buntem Obst und Gemüse, hoch aufgetürmt auf einem Marktstand und einer überaus wütend aussehenden Fern.

Ja, sie liebte es, Zeit mit Josh zu verbringen – oder zumindest die Vorstellung, Zeit mit ihm zu verbringen –, aber er brachte ihre Gefühle in so vielerlei Hinsicht in Aufruhr, dass sie sich nie wirklich wohl mit ihm fühlte. Ständig wartete sie angespannt auf die nächste Überraschung.

Sie gingen zu einem der Streckenposten, der bestätigte, dass sie genug Geld verdient hatten und der ihnen den nächsten Hinweis aushändigte. Josh riss den roten Umschlag auf und reichte die darin enthaltene Karte an Fern weiter.

Sie warf einen raschen Blick darauf. „Die nächste Station ist der Hyde Park“, sagte sie kurz angebunden, während sie bereits nach ihrem Rucksack griff. „Am besten laufen wir zurück zur Oxford Street und nehmen den Bus nach Marble Arch.“

Josh lief sofort los, doch anstatt ihm hinterherzusprinten, legte sie nur einen strammen Marsch ein. Nach ein paar Sekunden merkte er, dass sie nicht direkt hinter ihm war. Also wartete er, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.

„Was ist los, Fern?“

Sie wandte den Kopf ohne stehen zu bleiben. „Ich dachte, wir wären ein Team.“ „Das sind wir doch auch!“ „Oh, wirklich? Wie kommt es dann, dass du eine weitreichende Entscheidung getroffen hast, ohne mich vorher zu konsultieren?“ „Was?“ Er blieb stehen und legte eine Hand auf ihren Arm. Sie schüttelte sie ab und ging einfach weiter.

„Diese dumme Wette.“

„So dumm war sie nicht. Wir haben zwanzig zusätzliche Pfund damit verdient.“

„Du bist ein Risiko eingegangen, hast eine Taktik angewandt, ohne mich zu fragen. Das ist kein Teamplay.“

Er schwieg einen Moment. „Fern, es tut mir leid. Ich habe nicht nachgedacht. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so daran gewöhnt bin zu entscheiden, dass ich einfach nicht auf die Idee kam.“

Sie war verärgert, doch ihr Zorn war verblasst.

„Ich weiß, dass es ein Risiko war“, fuhr er fort, „aber es war kalkuliert.“

Jetzt lachte sie. „Ha! Kalkuliert, dass ich nicht lache! Du hast es getan, weil es dir in dem Moment wie eine gute Idee vorkam.“ So war es immer. Sie seufzte schwer. Es war ein Leben, das sie nicht leben konnte.

„Es hat sich ausgezahlt, oder etwa nicht?“

„Gerade so! Wenn die Avocado zwei Zentimeter weiter nach rechts gefallen wäre, würden wir jetzt immer noch Äpfel verkaufen und an letzter Stelle liegen.“

Der Verkehrslärm schwoll an, als sie in die Oxford Street bogen. Ein paar Meter weiter rauf befand sich eine Bushaltestelle. Sie kamen gerade rechtzeitig an, um in einen roten Doppeldeckerbus zu springen. Direkt neben dem Ausgang blieben sie stehen. An der nächsten Haltestelle schoben sich einige Leute an ihnen vorbei, um auszusteigen. Dabei wurden sie auseinandergedrängt. Als sich die Türen wieder schlossen, rückte Fern erneut zu Josh herüber.

„Also gut“, sagte sie. „Im Großen und Ganzen betrachtet war die Wette nicht das Ende der Welt. Niemand ist gestorben. Kein Leben wurde zerstört. Aber eines Tages, Josh Adams, wird dich dein Glück verlassen. Ich will bloß nicht dabei sein, wenn es passiert. Ich will nicht zusehen, wie du verletzt wirst.“

Er sagte nichts, doch in seinen Augen spiegelte sich Verständnis. Sie spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen. Als der Bus anfuhr, streckte er die Hand aus, um ihr Halt zu geben.

Im Hyde Park angekommen, war von den anderen Teams nichts zu sehen. Fern wusste nicht genau, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Die Aufgabe am Markt hatte dafür gesorgt, dass die Wettbewerber in zwei Gruppen zu je zwanzig Teams zerfielen. Sie hoffte, dass sie und Josh an der Spitze der zweiten Gruppe lagen.

Streckenposten standen an einer speziell markierten Bühne in einer Ecke des Hyde Parks, die als Speaker’s Corner bekannt war. Hier konnte sich jeder einfinden, um öffentlich seine Meinung zu einem Thema seiner Wahl zu äußern.

Obwohl Donnerstag war, hatte sich eine große Menge Menschen versammelt. Die Herausforderung, der sie sich hier stellen mussten, lag darin, auf die Bühne zu treten und drei Minuten lang zu einem Thema ihrer Wahl zu sprechen. Drei Minuten! Beinahe hätte Fern gewünscht, es stünde ein Kran da, an dem ein Elastikband baumelte.

Noch schlimmer war, dass ihre Rede überzeugend sein musste. Wenn das nicht gelang, musste sie so lange neu ansetzen, bis es flüssig lief. Sie warf einen panischen Blick zu Josh hinüber, der jedoch bereits seinen Rucksack abnahm und auf den Boden stellte. Sie war schon öfter hier gewesen und wusste daher aus Erfahrung: Die Zuhörer versammelten sich nur aus einem einzigen Grund – um den Redner gnadenlos fertig zu machen. Man würde sie mit Haut und Haaren verschlingen!

Josh zögerte keine Sekunde. Er sprang auf die Bühne, pfiff laut durch zwei Finger und brachte die Hälfte der Anwesenden auf diese Weise zum Verstummen, während die andere Hälfte weiter redete und Beleidigungen brüllte.

„Viele Leute betreten diese Bühne, um euch zu sagen, woran sie glauben“, begann Josh. „Das werde ich nicht tun. Ich will wissen, woran ihr glaubt.“

„Freibier!“, rief jemand aus den hinteren Reihen. Die Menge johlte. Jetzt hatte Josh ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Er blickte dem Scherzkeks direkt ins Gesicht.

„Und was genau tust du, um Freibier zu bekommen?“

Der Mann zuckte die Schultern und schaute zur Seite.

„Das ist genau der Punkt“, entgegnete Josh und blickte so vielen Leuten wie möglich ins Gesicht. Fern lief ein Schauer über den Rücken, als er in ihre Richtung schaute. „Wir alle sind unheimlich gut darin, uns über das zu beklagen, was schiefläuft in der Welt. Aber kaum jemand tut etwas dagegen, und ich fordere euch auf, den Spieß umzudrehen und euch zu engagieren.“

Er fuhr fort, indem er den Leuten erzählte, dass die Teilnahme an einer Wohltätigkeitsexpedition nicht nur Spenden für die betreffende Organisation auftrieb, sondern den Urlaubern auch ein einmaliges Erlebnis bescherte, das ihren Horizont und ihr Verständnis für fremde Kulturen erweiterte.

Fern blickte sich um. Josh lieferte eine brillante Vorstellung ab. Viele der Zuhörer nickten zustimmend, und die wenigen verbliebenen Störenfriede band er direkt in die Diskussion ein, um ihren Einfluss zu neutralisieren. Josh war ein Vorbild. Sicher, allerdings setzte sie das nur noch mehr unter Druck. Schließlich musste sie ihm auf die Bühne folgen.

Die Sekunden verstrichen. Was sollte sie sagen? Für welches Thema empfand sie echte Leidenschaft? In diesem Moment fiel ihr so gar nichts ein. Während sie noch hektisch nach einem Thema suchte, stieß jemand sie an. Die Bühne war leer. Sie war an der Reihe.

Vorsichtig setzte sie einen Fuß darauf. Sie blickte zu Josh hinüber, der sie anlächelte und ihr aufmunternd zunickte. Die Zahl der Zuhörer schien sich mindestens vervierfacht zu haben. Sie erwarteten eine flammende Rede von ihr. Plötzlich konnte sie nicht atmen.

Ihr Herz pochte wie verrückt. Die Leute begannen, unruhig zu werden. Und auf einmal war alles ganz klar. Es gab etwas in ihrem Leben, das sie mit ganzem Einsatz verfolgte: Die furchtbare Krankheit auszuradieren, die ihren Bruder getötet hatte, ehe ihm die Chance vergönnt gewesen war, sein Leben zu leben.

„Wie viele von euch haben einen geliebten Menschen durch Krebs verloren?“, fragte sie. Ein paar nickten, andere hoben sogar die Hand. Die, die nicht betroffen waren, befanden sich in der Minderheit. Also erzählte Fern ihnen von Ryan, von seinem verschwendeten Leben. Von der grausamen Krankheit, die ihre Opfer völlig wahllos zu befallen schien und das Leben aus ihnen heraussaugte. Ein paar Mal musste sie innehalten und die Tränen wegblinzeln, die ihr in die Augen traten. Niemand rief irgendetwas dazwischen.

Sie erzählte den Menschen, was für eine Angst sie am Vortag bei dem Bungee-Sprung ausgestanden hatte, aber dass sie es getan hatte, um Geld zu sammeln, das der Krebsforschung zugutekam. Sie beschwor die Zuhörer, sich ebenfalls für dieses Thema einzusetzen, falls es keine andere Sache gab, die ihnen am Herzen lag. Als ihr schließlich die Worte ausgingen, nickte einer der Streckenposten, woraufhin sie erleichtert aufatmete und von der Bühne trat.

Josh nahm sie sofort in die Arme und drückte sie. „Du warst großartig. Das hat viel Mut erfordert.“

Fern sagte nichts. War sie nicht doch nur eine leidige Schwindlerin?

Ja, es mochte toll klingen, einen Bungee-Sprung zu wagen und für eine Sache einzutreten, die ihr wichtig war, aber die Wahrheit bestand darin, dass sie es ohne Lisettes Herausforderung nicht getan hätte. Sie war ja so scheinheilig.

Während Josh den nächsten Hinweis holen ging, strich sie sich mit den Händen übers Gesicht. Sie hatte erwartet, dass die Schatzsuche körperlich anspruchsvoll sein würde. Womit sie nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, wie stark sie das Ganze emotional belasten würde. Diese Schatzsuche hielt ihr einen Spiegel vor, sie reflektierte ihr Leben. Fern warf einen langen, harten Blick darauf, doch ihr gefiel nicht, was sie sah.

Josh blätterte durch die Hinweise, die sie zurück zum Trafalgar Square geführt hatten, während Fern ein Foto vom Canada House machte.

„Erledigt“, sagte sie und verstaute die Digitalkamera wieder sorgfältig in ihrem Rucksack.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Seit ihrer Rede war sie ungewöhnlich still. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass er außer Hörweite gegangen war, sobald sie angefangen hatte zu sprechen.

Josh hatte sie nicht im Stich lassen wollen, aber es war ihm einfach nicht möglich gewesen zu bleiben. Sobald er sie mit heiserer Stimme über Ryan reden hörte, wäre er am liebsten geflohen. Vielleicht war sie mutiger als er. Vielleicht konnte sie über Ryan sprechen. Verdammt, er konnte nicht mal an seinen Freund denken, ohne aufspringen und irgendetwas tun zu müssen – egal was. Das Leben war zu kurz, um rumzusitzen und Trübsal zu blasen. Vor Jahren hatte er geschworen, dass er nicht eine Sekunde vergeuden würde.

Fern las den Hinweis vor, den sie in der Lobby vom Canada House bekommen hatten:

Nehmt den süßen Anblick einer von Londons berühmtesten Kunstgalerien in euch auf und sucht nach der Flussszene von Constable, die im Vordergrund das Cottage des Farmers Lott zeigt sowie Menschen und Vieh. Merkt euch die Raumnummer und geht dann zu dem Raum hinüber, der vier Nummern weiter ist. Dort müsst ihr nach dem Gemälde mit den vier Blumen suchen, zwei davon sind gleich.

Gleichzeitig blickten sie auf und sahen automatisch zur National Gallery hinüber, die sich am Nordende vom Trafalgar Square befand.

„Worauf warten wir noch?“, fragte Josh und lief im nächsten Moment los, wobei er eine Schar Tauben aufschreckte.

Sobald sie das Museum betraten, zog Fern ihn am Arm. „Schau mal da!“

Direkt vor ihnen befanden sich Kate und ihr Bruder Aidan. Die beiden blickten sich suchend um und drehten den Kopf von einer Richtung in die andere.

Das Geschwisterpaar hatte zu Beginn der Schatzsuche zu den ersten Teams gehört, die den Markt verließen. Josh grinste. Das musste bedeuten, dass sie aufholten. Rechts und links von ihm befand sich eine Treppe. Nach kurzem Zögern wandte er sich nach links und lief bereits die ersten Stufen hinauf – zum einen, weil er sowieso in diese Richtung geschaut hatte, zum anderen, weil Kate und Aidan auch diesen Weg gewählt hatten.

Nach wenigen Augenblicken merkte er jedoch, dass Fern ihm nicht folgte. Sie stand in der Eingangshalle und sprach mit einem Museumsangestellten. In der einen Hand hielt sie einen Plan, mit dem sie nach rechts winkte. Josh lief die Stufen wieder hinunter, schloss zu ihr auf und rannte dann gemeinsam mit ihr die entgegengesetzte Treppe hinauf.

„Die Gemälde von Constable befinden sich in diesem Flügel“, rief Fern beim Laufen. „Du warst auf dem Weg zu Bildern, die zweihundert Jahre älter sind.“

„Wirklich? In die Richtung ist das andere Team gelaufen.“

„Umso besser für uns. Der Heuwagen – eine Flussszene und Constables berühmtestes Gemälde – befindet sich in Raum Nummer vierunddreißig!“

Am liebsten hätte er sie gepackt und geküsst, doch das tat er besser nicht.

Natürlich! Seine Tante Beryl hatte eine Kopie des Gemäldes in ihrem Wohnzimmer hängen. Er sah den Fluss und das Cottage vor sich … Es war genau das, wonach sie suchten.

Sie liefen durch verschiedene Räume mit großen, schweren Ölgemälden. Gott sei Dank schien Fern genau zu wissen, wo sie hinmussten. Schon bald hatten sie den Raum Nummer vierunddreißig erreicht.

Dort an der großen roten Wand hing Der Heuwagen. Fern rannte hinüber und las die Erklärung darunter. „Gemälde des Farmhauses von Willy Lott, einem der Pächter von Constables Vater … Es ist direkt hier!“

Er warf einen letzten Blick auf das Bild. Es war alles da: die Flussszene, das Vieh – nun ja, es waren Pferde – und die Menschen. Josh war so aufgeregt, dass er am liebsten in Jubel ausgebrochen wäre, doch das hätten die Angestellten des Museums wohl nicht so gern gesehen.

„Dann muss das andere Gemälde … in Raum Nummer achtunddreißig sein.“

Fern nickte und schaute erneut auf den Plan. „Hier lang!“

Sie stürmten zurück in die Eingangshalle, durch die sie gerade gekommen waren, bis sie den richtigen Raum gefunden hatten. In seinen Adern rauschte das Adrenalin. Wer hätte gedacht, dass eine Schnitzeljagd durch ein Kunstmuseum genauso aufregend war wie Snowboardfahren?

Doch im selben Moment verpuffte seine Begeisterung, ja sie zerplatzte wie eine Seifenblase, denn Raum Nummer achtunddreißig war klein und rechteckig und angefüllt mit Gemälden von …

„Venedig!“, rief Fern aus. „Alle Gemälde zeigen Venedig! Keine einzige Blume in Sicht. Bist du sicher, dass dies der richtige Raum ist? Nummer achtunddreißig?“

Er schaute auf die Wand. Da stand es, in großen goldenen Lettern.

„Ich verstehe das nicht.“

In diesem Moment stürmte ein Zwillingspärchen in vertrauten roten T-Shirts in den Raum und blickte sich hektisch suchend um. Josh packte Fern am Arm und zog sie in den nächsten Saal, der zu einer großen Treppe und einer doppelten Glastür führte.

„Josh! Was hast du vor?“

Zwei weitere Teams rannten von einer Seite der Eingangshalle zur nächsten, und nur eine Sekunde danach stürmte ein weiteres Team an ihnen vorbei, um sich in eine hitzige Diskussion mit einem Museumsmitarbeiter zu stürzen.

„Das ganze Gebäude ist voll von Teilnehmern der Schatzsuche, die wie aufgescheuchte Hühner hin und her laufen. Wenigstens sind wir nicht die Einzigen, die nicht das richtige Gemälde finden.“ Er schüttelte den Kopf. „Irgendetwas muss mit dem Hinweis nicht stimmen. Vielleicht soll es heißen ‚vier Nummern dahinter‘ oder ‚fünf Nummern weiter‘ … oder sechs …“

Fern stellte ihren Rucksack ab. „Josh? Hast du den Hinweis da?“ Er holte ihn aus seiner Tasche und reichte ihn ihr. Es war so frustrierend. Er hasste es, an einem Ort festzusitzen.

„Ich habs!“, verkündete Fern atemlos. „Schau dir das an … es heißt ‚eine von Londons berühmtesten Kunstgalerien‘. Es sagt nicht, dass damit die National Gallery gemeint ist. Das haben wir nur angenommen, weil wir direkt davorstanden.“

Die Logik war nicht von der Hand zu weisen. „Aber wenn nicht dieses Museum, welches dann?“ Er zerbrach sich den Kopf. Direkt nebenan befand sich die National Portrait Gallery, aber dort fand man wohl kaum Gemälde mit Flussszenen und Blumen.

Fern begann zu lachen. „Oh, die sind wirklich raffiniert! Die National Gallery ist eine falsche Fährte!“

Tatsächlich?

Sie fuhr mit dem Finger über den Text des Hinweises. „Es heißt, ‚nehmt den süßen Anblick in euch auf‘. Beim ersten Mal habe ich nicht darüber nachgedacht, aber es ist Teil des Rätsels! Süß! Was ist süß?“, fragte sie. In ihren Augen schimmerten Witz und Intelligenz.

Du bist es, hätte er am liebsten gesagt. Besonders wenn sie ganz Feuer und Flamme war und ihre Augen derart leuchteten. Es war doch okay, sie süß zu finden, oder? Immerhin war das beinahe eine brüderliche Reaktion. Viel besser als „begehrenswert“ oder „unglaublich sexy in dieser Jeans“ oder … Er schaute auf ihre Lippen, die wie zum Küssen gemacht schienen.

„Josh! Du hörst mir gar nicht zu!“

Nein. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sie anzusehen. Er konnte seinen Blick einfach nicht von ihrem sinnlichen Mund losreißen. Sie schlug ihm auf den Arm.

„Wach auf, hörst du!“

Er rieb sich den Arm, während sie einfach weiterredete, beinahe zu schnell um ihre Worte zu verstehen.

„Zucker! Zucker ist süß. Und welche große Londoner Kunstgalerie wurde von einem Zuckerbaron gegründet?“ Sie hob eine Augenbraue und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Die Tate!“, rief er laut, um sich gleich darauf daran zu erinnern, dass noch andere Teams in Hörweite waren. „Die Tate Gallery“, wiederholte er und wisperte diesmal.

Jetzt lachten sie beide.

„Wir sind wahrscheinlich im völlig falschen Museum …“, sagte er, während er sie durch die Glastür die Treppe hinunterführte. Als ein anderes Team an ihnen vorbeiraste, entschlossen sie sich, das Gebäude durch den Museumsshop zu verlassen und nicht durch den Haupteingang, „… aber zumindest sind die anderen Teams genauso darauf reingefallen wie wir.“

Erst blickten sie sich sorgfältig um, dann durchquerten sie den Museumsladen und verließen ihn durch die Eingangstür, wobei sie darauf achteten, dass niemand ihnen folgte.

„Du, meine süße Fern, hast uns gerade einen entscheidenden Vorsprung verschafft.“

Und dann, ehe er es sich anders überlegen konnte, küsste er sie direkt auf die Lippen.

5. KAPITEL

Die Fahrt mit der U-Bahn verlief in völligem Schweigen. Josh hatte diesen ernsten Gesichtsausdruck, der immer dann auftrat, wenn er sich ganz auf eine bestimmte Sache konzentrierte.

Er hatte es wieder getan. Er hatte Fern geküsst.

Das Positive war, dass sie es diesmal nicht aktiv herbeigesehnt und dass sie den Kuss nicht erwidert hatte. Nein, sie hatte einfach nur dagestanden, völlig unbeweglich und teilnahmslos wie der bronzene Lord Nelson, der von seinem Sockel auf sie hinabblickte.

Es war mehr als zehn Jahre her, dass Josh sie das letzte Mal … geküsst … hatte, und seitdem schien sie zumindest dazugelernt zu haben. Wenn er es in zehn Jahren noch mal probierte, würde sie vielleicht so weit sein, ihm eine Ohrfeige zu versetzen und ihm zu sagen, dass er nicht mit ihr spielen solle.

Nein, diesmal würde sie sich keinen albernen Wunschträumen hingeben. Sie legte absolut keinen Wert darauf, die peinliche Situation noch mal zu erleben, die dem Kuss an ihrem sechzehnten Geburtstag gefolgt war. Zumindest war der heutige Kuss nicht mehr als eine flüchtige Sache im ersten Moment des Jubels gewesen. Länger als eine Sekunde hatte es nicht gedauert. Vor zwölf Jahren dagegen war es ein richtiger Kuss gewesen. Einer, der ihr weiche Knie bereitete und dafür sorgte, dass sie noch stundenlang danach sehnsuchtsvoll seufzte.

Na ja, damals hatte sie es nicht besser gewusst. Als Sechzehnjährige glaubte man eben noch an Märchen. Sie bildete sich doch tatsächlich ein, dass Josh, der dreieinhalb Jahre älter war als sie und kurz davor stand, zur Universität zu gehen, wo er auf Hunderte hübscher Studentinnen traf, sich für ein kleines Mäuschen wie sie interessieren könnte.

Das, was sich danach abgespielt hatte, war einfach nur demütigend gewesen. Wie er vor ihr gestanden und gestammelt hatte, dass ihr „Timing“ schlecht sei, gefolgt von dem Hinweis auf ihren Altersunterschied … Allein bei der Erinnerung lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Gott sei Dank öffneten sich in diesem Moment die Türen der U-Bahn, sodass sie keine Zeit mehr für weitere peinliche Erinnerungen hatte.

Während sie die Station verließen und in Richtung Tate Gallery liefen, versuchte Fern, sich wieder auf die Gegenwart und damit auf die Schatzsuche zu konzentrieren. An einer großen, vierspurigen Kreuzung mussten sie anhalten und darauf warten, dass die Ampel auf Grün umschaltete. Fern holte die Karte mit dem Hinweis heraus und studierte ihn noch einmal.

In dem Museum gab es sehr viele Gemälde von Constable, aber die Blumen …

Als Josh sich in Bewegung setzte, folgte sie ihm ganz automatisch.

… vier Blumen, zwei davon sind gleich …

Plötzlich erklang ein lautes Hupen, und jemand brüllte unflätig.

„Fern!“ In Joshs Stimme lag ein Hauch Panik. Sie blickte auf und musste feststellen, dass sie mitten auf der Straße stehen geblieben war, während die Ampel längst wieder auf Rot stand. Als sie den Kopf drehte, sah sie, dass ein Taxifahrer wütend gestikulierte. Sie war froh, dass sie seine Worte nicht verstehen konnte. Rasch lief sie über die Straße hin zu Josh.

„Mein Gott, Fern, du musst besser aufpassen. Du hast mir einen Riesenschrecken eingejagt!“

Sie wedelte mit der Karte vor seiner Nase herum. „Ich habs! Ich weiß, welches Gemälde wir finden müssen – die Blumen!“

Josh lächelte sie an, doch sie nahm sich nicht die Zeit, dieses Lächeln zu erwidern. Sie hatte sich bereits wieder auf den Weg gemacht. Keinesfalls würde sie ihm die Gelegenheit geben, sie erneut zu küssen. Ihre Hormone spielten schon verrückt genug.

Josh blieb kaum etwas anderes übrig, als ihr hinterherzujagen. Unglücklicherweise, oder vielleicht auch glücklicherweise – je nachdem, wie man es betrachtete – hatte er dabei einen ungehinderten Blick auf Ferns sexy Po. Es war nicht gerade hilfreich, um seine brüderlichen Gefühle für sie zu stärken. Nein, kein bisschen.

Als sie das Museum erreichten, wusste Fern offensichtlich gleich, wo sie hinmussten. Sie rannte zum Ticketschalter, schnappte sich einen Plan vom Stapel und steuerte dann auf die große marmorne Treppe zu. Wenn der Anblick ihres Pos ihn zuvor abgelenkt hatte, so war es aus diesem Blickwinkel beinahe mehr als seine Selbstbeherrschung verkraften konnte.

Innerlich stöhnte er. Es war seine eigene Schuld – diese plötzliche Besessenheit, von verbotenen Früchten naschen zu wollen. Wenn er doch nur nicht dem Impuls nachgegeben hätte, sie zu küssen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn schon in dieser einen Sekunde glühendes Verlangen erfassen würde. Dabei hätte er sich eigentlich daran erinnern müssen, welchen Effekt ihre sinnlichen Lippen auf ihn hatten, schließlich hatte er sie bereits einmal gekostet, und damals war es eine äußerst schlechte Idee gewesen. Ferns jetziger Reaktion auf diesen wirklich flüchtigen Kuss nach zu urteilen, war es heute noch schlimmer.

Sie hatte einfach nur dagestanden und ihn angesehen – nicht wie vor zwölf Jahren, als sie in seinen Armen dahingeschmolzen war und ihn beinahe verrückt gemacht hatte, indem sie ihre Hände erst über seinen Rücken gleiten ließ und sie dann in seinem Haar vergrub …

Nein, so würde er diesen Wettbewerb sicher nicht gewinnen, sagte er sich. Abrupt blieb Josh stehen und schaute nach links und rechts. Er hatte es endlich geschafft, nicht länger auf Ferns Po zu starren, doch dabei hatte er sie völlig aus den Augen verloren. Er stand allein in einem Raum mit Ölgemälden aus dem sechzehnten Jahrhundert.

In diesem Moment streckte Fern ihren Kopf durch die Tür am Ende des Raums. „Josh! Komm schon!“, rief sie und winkte heftig. Erneut setzte er sich in Bewegung und schloss im nächsten Saal – Nummer elf – zu ihr auf.

Hier hingen nur Constables. Von zwei Seiten suchten sie die Wände ab, bis Josh plötzlich stehen blieb und wusste, dass er das richtige Gemälde gefunden hatte.

„Ich habs!“

Fern stürmte sofort zu ihm herüber und las die Erklärung unter dem Bild laut vor: „Die Farm im Tal. Diese Arbeit zeigt das Haus von Willy Lott in Flatford. Gemalt vom Fluss Stour aus …“

Noch während sie las, nahm er ihr den Museumsplan aus der Hand und faltete ihn auseinander. Der Raum, der vier Nummern weiter ist …

Josh deutete zurück auf den Raum, aus dem sie gekommen waren. „Nummer fünfzehn liegt in dieser Richtung …“

„Ich weiß“, entgegnete sie und schenkte ihm das erste Lächeln seit seiner Dummheit am Trafalgar Square. „Ich hatte recht. Ich weiß, auf welches Gemälde der Hinweis anspielt.“

Es dauerte vielleicht dreißig Sekunden, bis sie in einem Saal mit prärafaelitischen Gemälden standen und eine düstere Gartenszene betrachteten, in der zwei kleine Mädchen chinesische Laternen in Händen hielten. Josh kratzte sich am Kopf. „Bist du dir sicher? In diesem Bild sind weit mehr als vier Blumen zu sehen. Es sind bestimmt Hunderte.“

„Ja, ich bin mir sicher. Schau dir den Titel an: Nelke, Lilie, Lilie, Rose. Vier Blumen, zwei die gleichen – verstehst du? Es ist eins meiner Lieblingsbilder, aber ich habe nicht gleich daran gedacht, weil wir zuerst glaubten, der Hinweis deute auf die National Gallery hin.“ Sie hob die Augenbraue und warf ihm einen langen Blick zu. „Das zeigt wieder einmal, was es bringt, wenn man erst handelt und dann nachdenkt.“

Josh spürte, wie er leicht rot wurde. Wollte sie ihm damit etwas sagen?

Er streckte die Hand aus – eine stumme Geste, ihr die Kamera zu reichen. Doch Fern reagierte nicht.

„Hast du nicht das Kleingedruckte im Hinweis gelesen?“

„Kleingedruckte?“

„Man sollte immer das Kleingedruckte lesen“, erwiderte sie und zog den Hinweis aus der Tasche. „Im Museum dürfen keine Fotos gemacht werden, deshalb müssen wir in den Museumsshop gehen, eine Postkarte von dem Bild kaufen, sie in die Kamera halten und ein Foto davon knipsen. Dort gibt man uns auch den nächsten Hinweis, wenn wir die richtige Postkarte kaufen.“

„Oh.“

Er war mehr als unkonzentriert. Rasch drehte er sich um und lief in Richtung Museumsshop. Wenige Augenblicke später stand Fern neben ihm und fischte in ihrer Hosentasche nach ein paar Münzen. Die Verkäuferin reichte ihnen eine kleine Papiertüte, in der sich sowohl die Postkarte als auch der Umschlag mit dem nächsten Hinweis befanden.

Er lächelte die Verkäuferin an. „Sind wir die Ersten, die heute eine solche Postkarte kaufen?“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Bislang habe ich drei verkauft. Eine an ein paar japanische Touristen gleich heute Morgen, eine weitere an eine Frau und einen Mann wie Sie …“, sie deutete auf ihre roten City Radio T-Shirts, „… und diese hier an Sie.“ Sie zuckte entschuldigend die Schultern.

Fern steckte das Wechselgeld in die Tasche. „Können Sie uns sagen, wie lange es her ist, dass Sie die zweite Karte verkauft haben?“

Die Verkäuferin dachte kurz nach. „Vielleicht fünf Minuten?“

Fern und Josh blickten sich an, dann sprinteten sie wortlos in Richtung Ausgang los. Sobald sie draußen waren, nahm er ein leicht verwackeltes Foto von Fern auf, die die Postkarte in die Kamera hielt, dann riss er den Umschlag auf.

„Zurück zur U-Bahn“, murmelte er und lief im nächsten Moment los.

Gerade als sie um die Ecke bogen, erblickten sie zwei rote T-Shirts ganz am Ende der Straße, die sich in Richtung Pimlico Station bewegten. Kate und Aidan. Fern seufzte frustriert auf.

Ein kurzes Aufblitzen von Rot – da! –, und dann verschwand es die Rolltreppe hinauf von der U-Bahn Richtung Bahnhofshalle. Fern verrenkte sich fast den Hals, um die beiden noch zu erspähen.

„Ich glaube, wir holen auf“, sagte sie zu Josh, der direkt hinter ihr stand.

Oben angekommen, sahen sie auf der Anzeigetafel des Bahnhofs, dass ihr Zug in zwei Minuten abfuhr. Kate und Aidan waren jetzt klar zu erkennen. Sie rasten auf den Bahnsteig zu. Josh setzte bereits hinterher.

„Warte!“, rief Fern ihn zurück und deutete auf den Fahrkartenautomaten. „Unsere U-Bahn-Tickets decken das Eisenbahnnetz nicht ab. Wir brauchen Fahrscheine.“

Josh schaute unschlüssig zwischen ihr und der davoneilenden Kate hin und her. „Dann schaffen wir es nicht.“

„Doch, das werden wir“, erwiderte sie und stopfte bereits Münzen in den Automaten. Nach den längsten drei Sekunden ihres Lebens spuckte er zwei identische Fahrkarten aus, die sie sofort schnappte. Im nächsten Augenblick jagten sie dem anderen Paar hinterher.

Als sie den Bahnsteig erreichten, lieferten sich Kate und Aidan eine hitzige Diskussion mit einem rotwangigen Schaffner, der rigoros den Kopf schüttelte und auf den Fahrkartenautomaten deutete. Fern und Josh wedelten mit ihren Fahrscheinen, während sie ungebremst weiterrannten. Ein Pfiff ertönte. Der Zug war abfahrbereit. Es handelte sich nur noch um Sekunden.

Mit letzter Anstrengung beschleunigte Fern noch einmal. Gemeinsam stürmten sie durch die Türen, die sich gerade zu schließen begannen. Drinnen pressten sie die Nasen gegen die Scheibe und schauten zurück auf den Bahnsteig. Kate und Aidan stritten nicht länger mit dem Schaffner. Mit wütenden Gesichtern sahen sie dem abfahrenden Zug hinterher.

Josh schüttelte den Kopf. „Du hast es schon wieder getan!“

Auch Fern musste lächeln.

„Es war Schicksal, dass wir uns bei diesem Bungee-Sprung getroffen haben und du meine Partnerin geworden bist. Mein Gott, bin ich froh!“ Er ließ sich auf einen leeren Sitz fallen und legte den Fuß auf die gegenüberliegende Bank.

Ferns Lächeln verblasste.

Schicksal, von wegen!

Es war nicht das Schicksal, das sie an diesen Punkt geführt hatte, sondern Lisettes dumme Wette. Josh hielt sie für mutig und abenteuerlustig und all die anderen Dinge, die eine Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert angeblich sein sollte, doch in Wahrheit war sie nichts dergleichen.

Immerhin hatten sie beide ihr Köpfchen bemüht und waren aus eigener Kraft so weit gekommen. Sie hatte etwas Aufregendes getan, hatte schnell reagiert und dabei auf Fähigkeiten zurückgegriffen, die sie längst vergessen geglaubt hatte.

Und es fühlte sich gut an. Ach was, großartig!

Noch zu Beginn des Tages war sie zufrieden damit gewesen, hinter Josh herzutrotten, so wie sie es immer getan hatte – als wäre er noch der weltgewandte Neunzehnjährige und sie die naive Sechzehnjährige, die von ihm träumte. In den vergangenen Jahren hatte genau das ihre Beziehung geprägt – dass sie ihn auf ein Podest stellte und er kaum wahrnahm, dass sie existierte.

Doch im Laufe des Tages hatten sich die Dinge verändert. Ihre Beziehung war innerhalb kürzester Zeit gereift, sodass er nicht mehr ihr strahlender Held war. Nein, er war einfach nur Josh, und damit sogar noch begehrenswerter.

Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Ja, sie fühlte sich befreit, beinahe schwindelig. Ohne weiter darüber nachzudenken, was sie tat, ließ sie sich auf den Platz neben ihm fallen, so nah, dass sich ihr Rücken an ihn presste und ihre Schulter perfekt unter seinen Arm passte. Wie selbstverständlich schmiegte sie sich an ihn und legte ebenfalls einen Fuß auf den gegenüberliegenden Sitz.

Ganz automatisch schloss er einen Arm um sie und zog sie an sich. Irgendwo in ihrem Hinterkopf spukte plötzlich das kleine Wort herum, das sie die ganze Woche gefürchtet hatte.

Ja! Ja! Ja!

Als sie am ersten Checkpoint der Schatzsuche ankamen, lächelten sie dem Streckenposten, der sie in Empfang nahm, hoffnungsvoll an. Der Mann erwiderte das Lächeln. „Acht Minuten nach acht. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind die Ersten.“

Fern erwartete, dass Josh sie in eine bärenhafte Umarmung ziehen würde, doch er führte lediglich einen kleinen Freuden-tanz auf und streckte ihr die Hand entgegen. Pflichtschuldig klatschte sie ihn ab.

Jetzt, wo sie nicht länger dem nächsten Hinweis nachjagen mussten, konnten sie sich ihre Umgebung genauer ansehen. Sie standen auf einem Parkplatz in einem südöstlichen Vorort von London. Ein großes Holzschild machte darauf aufmerksam, dass sie sich vor dem Eingang zu den Höhlen von Chislehurst befanden.

„Ich wusste gar nicht, dass es in London Höhlen gibt“, sagte Josh, als sie hineingeführt wurden. Sofort fiel die Temperatur ab, und die Luft roch nach Feuchtigkeit. Ganz instinktiv griff Fern nach Joshs Hand.

Während der Streckenposten sie immer tiefer in das labyrinthische Höhlensystem führte, erzählte er ihnen von der Geschichte des Ortes – es handelte sich um ehemalige Kalkminen, die teilweise bis auf die Zeit der Druiden zurückgingen. Nach ein paar Minuten erreichten sie eine etwas offenere Fläche.

„Das hier ist Ihr Hotel für die Nacht.“

Auf Ferns Gesicht zeigte sich Entsetzen. Es gab „Zimmer“ in den Höhlen – aus dem weichen Kalk herausgehauen –, in denen weiche Schaumstoffmatratzen mit jeweils einem Schlafsack lagen.

„Wir werden hier schlafen?“, stammelte sie.

„Diese Höhlen wurden jahrhundertelang von Menschen benutzt, um Zuflucht zu suchen“, antwortete der Aufseher. „Während des Zweiten Weltkriegs gab es hier unten eine richtige Gemeinschaft.“

Kurz darauf trudelten die nächsten Teams ein. Wie vorauszusehen gewesen war, lagen Kate und Aidan an zweiter Stelle. Sie wählten zwei Matratzenlager an der anderen Seite des Raumes, von wo aus sie ein Auge auf Fern und Josh werfen konnten.

Die Organisatoren der Schatzsuche hatten für eine Mahlzeit bestehend aus Suppe und Sandwichs gesorgt, die Fern so schnell verschlang, dass es sie selbst überraschte. Um zehn Uhr gähnte sie so herzzerreißend, dass Josh auf ihren Schlafsack klopfte und ihr einen auffordernden Blick zuwarf. Fern widersprach nicht.

Doch obwohl sie unheimlich müde war, konnte sie einfach nicht einschlafen. Vielleicht bedingt durch die ungewöhnliche Umgebung gingen ihr bestimmte Gedanken durch den Kopf. Eigentlich lebte sie in einer Seifenblase. Ja, ihr Leben war manchmal langweilig, aber immer sicher und vorhersehbar. Seit Ryans Tod hatten ihre Eltern dafür gesorgt, dass es so blieb. Als Kind und mehr noch als Teenager hatten sie ihr ständig Ermahnungen eingeimpft – wie man sicher die Straße überquerte, was man essen konnte und wie man sich gesund hielt.

Der heutige Tag war anders gewesen. Mein Gott, nur ein einziger Tag, und doch hatte sie eine völlig neue Perspektive gewonnen. Heute hatte sie gelebt.

Sie rollte zur Seite und schaute im Halbdunkeln zu Josh hinüber. Er lag auf dem Rücken, die Beine überkreuzt und die Hände unter dem Kopf verschränkt.

Allein wegen dieses Mannes hatte sie am heutigen Tag mehr Angst, Verlangen und Freude verspürt als in den kompletten letzten Wochen. Ja, zuweilen hatte sie sich auch unwohl gefühlt. Sie hatte gezürnt und geschmollt, aber im nächsten Augenblick hätte sie Luftsprünge vollführen können. Selbst die negativen Erfahrungen hatten eine Reaktion provoziert, die deutlich machte, dass sie ein lebendiger Mensch war.

Sie seufzte. Was für eine Abwechslung von ihrem normalen, gleichbleibenden Trott.

„Kannst du nicht schlafen?“, raunte Josh.

„Nein“, wisperte sie zurück. Wie gerne wäre sie näher an ihn herangerückt, um sich an ihn zu schmiegen und seine Wärme zu spüren.

Offenbar schien Fern eine unausgesprochene Botschaft ausgeschickt zu haben, denn nur wenige Sekunden später rutschte er mit seiner Matratze näher an sie heran. Seine unmittelbare Nähe tat ihr ungemein gut. Sie kuschelte sich noch ein wenig enger an ihn, hielt erst den Atem an, um dann intensiv auszuatmen und entspannte sich.

„Wie ist dein neues Haus?“, fragte sie, denn sie wollte noch nicht einschlafen. Nein, sie wollte das warme Gefühl auskosten, das von ihr Besitz ergriffen hatte. „Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hattest du gerade den Kaufvertrag unterzeichnet.“

„Es ist schön.“

Fern verdrehte die Augen. „Hey, ich bin eine Frau, Josh. Ich brauche ein bisschen mehr als das. Wie ist die Einrichtung?“

Er stöhnte leise auf. „Wahrscheinlich lässt du mir keine Ruhe, bis ich es erzählt habe, stimmts?“

„Ja, da hast du absolut recht.“

„Genau genommen gibt es eine ganz nette Geschichte dazu. Ein Jahr, nachdem ich die Schüssel übernommen hatte, lebte ich teilweise immer noch aus Umzugskisten, und die Möbel aus meiner alten Wohnung füllten nur etwa ein Viertel der Fläche aus.“

Das konnte sie sich gut vorstellen. Pauline Adams hatte ihr die Makler-Broschüre von dem Haus gezeigt. Es handelte sich um eine jener großen weißen Villen in Notting Hill, die wie aus einem Hollywood-Film aussahen. Diese Objekte kosteten mehrere Millionen.

„Was ist passiert?“

„Mum fing an zu nörgeln, weil das Haus so schlimm aussähe. Offensichtlich ist es ein Verbrechen, nackte Wände und keine Gardinen vor den Fenstern zu haben.“

Fern lächelte. Es sah Pauline ähnlich, dass sie sich das nur eine bestimmte Zeit lang ansah. „Was hat deine Mutter getan?“

„Schlussendlich hat sie mich dazu gebracht, eine Innenarchitektin zu beauftragen. Dann musste ich nach Neuseeland fliegen und vergaß das alles wieder. Einen Monat später kehrte ich um drei Uhr nachts zurück. Ich machte mir nicht die Mühe, das Licht anzuschalten und bin halb zu Tode erschrocken über eine meiner afrikanischen Masken, die mich von der Wand aus anstarrte.“

Fern kicherte. Das hätte sie zu gern gesehen.

Es entstand ein angenehmes Schweigen. Auch wenn ihre Lebensstile vollkommen unterschiedlich waren, gab es doch immer noch Gemeinsamkeiten. Beide hatten sie willensstarke Mütter, die ihre Nasen etwas zu tief ins Leben ihrer Kinder steckten. Daran änderte auch Geld nichts.

„Wie sind deine Nachbarn?“, fragte sie und dachte dabei an den etwas nervigen Typen, der ein Stockwerk unter ihr wohnte.

„Laut, manchmal.“

Sie nickte. Der Typ unter ihr hatte eine Vorliebe für Heavy Metal Musik. „Hast du sie kennengelernt?“

„Nur flüchtig.“ Er nannte den Namen eines bekannten amerikanischen Rocksängers und seiner britischen Ehefrau, die Filmschauspielerin war. „Er liebt Gartenarbeit, kannst du dir das vorstellen? Pflanzt seine eigenen Kräuter an. Vor ein paar Wochen hat er mir Basilikum für eine Pasta-Soße angeboten.“

Fern schloss die Augen. Gemeinsamkeiten? Oh ja. Sie wohnte über einem ungewaschenen Computerfreak, während er neben den Schönen und Reichen aus Hollywood lebte. Dabei fügte Josh sich mit seinem Charme bestimmt wunderbar dort ein.

Als er zu Hause ausgezogen und zur Universität gegangen war, hatten sich die Dinge verändert. Für eine Weile waren sie wie zwei Züge auf demselben Gleis gewesen, doch dann hatte jemand die Weichen umgestellt, sodass er in eine andere Richtung weitergefahren war als sie.

Jetzt lag sie an ihn geschmiegt, so nahe wie schon seit Jahren nicht mehr, doch nie war die Distanz zwischen ihnen größer gewesen.

6. KAPITEL

Zwölf Jahre zuvor

„Komm schon, Geburtstagskind. Du hast mit jedem getanzt, nur nicht mit mir.“ Ohne Ferns Antwort abzuwarten, griff Josh nach ihrer Hand und zog sie auf die Tanzfläche.

Oh, mein Gott. Wie oft hatte Fern von diesem Moment geträumt? Hundert Mal? Tausend? Sie durfte das jetzt bloß nicht vermasseln.

Der Song, der gerade gespielt wurde, war recht schnell, und Josh wirbelte sie ausgelassen im Kreis herum. Fern lachte. Kein Gedanke daran, dass sie beim Tanzen normalerweise zwei linke Füße hatte.

Als das Stück endete, fächelte sie sich mit einer Hand Luft zu.

„Du solltest vielleicht kurz nach draußen gehen“, schlug er vor. „Frische Luft schnappen.“

Fern zögerte. Es mochte ja sein, dass ihr ein wenig Abkühlung guttun würde, doch sie wollte Josh nicht verlassen.

Da er sie jedoch bereits zu den Flügeltüren schob, die zu dem kleinen Garten neben dem Partyraum führten, blieb ihr nichts anderes übrig, als seinem Vorschlag zu folgen.

Seufzend ließ sie die Schultern hängen. Sechzehn war ihr wie ein magisches Alter vorgekommen – der Punkt, an dem sie nicht länger ein Kind, sondern eine Frau war. Der Punkt, an dem er die Augen öffnen und sie endlich sehen würde. Nur dass nichts dergleichen geschehen war. Sie war immer noch die schüchterne kleine Fern, das Mädchen von nebenan, dem man einen Mitleidstanz an ihrem Geburtstag schenkte. Sie schloss die Augen, um keine Tränen zu vergießen.

Der Plastikbecher war so voll, dass immer wieder ein paar Tropfen auf Joshs Schuhe spritzten. Auf der Terrasse blieb er kurz stehen und sah in die Nacht hinaus. Wo war Fern?

Als er in den Garten trat, bemerkte er einen blassen Schatten am Ende des Rasens. Fern stand an eine Birke gelehnt, ihr hellblondes Haar und das cremige Weiß ihrer Haut schimmerten im Mondlicht. Sein Herz zog sich zusammen, Wärme breitete sich in seinem Innern aus. Nie hätte er geglaubt, dass ihn solche Emotionen erfassen könnten, wenn er Fern anblickte.

Zur Hölle, wenn Ryan noch lebte und wüsste, welche Gefühle Josh seiner kleinen Schwester entgegenbrachte, dann hätte er ihn zusammengeschlagen. Zu Recht.

Josh war beinahe an der Birke angekommen, da hörte sie seine Schritte und drehte sich zu ihm um. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab.

„Ich habe dir etwas zu trinken mitgebracht. Du siehst durstig aus“, murmelte er und stellte fest, dass sein Mund plötzlich ganz trocken war.

Sie sah fantastisch aus. Dieses Kleid. Wann hatte sie nur all diese Kurven bekommen – und warum war es ihm zuvor nicht aufgefallen?

Fern lächelte ihn an. „Danke.“

Als sie ihm den Becher abnahm, streiften sich ihrer Finger. Josh spürte ein Prickeln an Stellen, an denen er es nicht spüren wollte. Ihm wurde heiß.

„Gefällt dir deine Party?“ Komisch, dass seine Stimme am Ende des Satzes so kratzig klang. Lag es daran, dass er ihre Lippen beobachtet hatte, während sie einen Schluck von dem Fruchtpunsch trank?

Schnell! Weg hier! Geh wieder nach drinnen, ehe du etwas Dummes tust.

Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und wollte sich bereits umdrehen.

„Ich wünschte, Ryan wäre heute hier. Ich vermisse ihn.“ Ihre Stimme war leise und sanft. Man hörte die ungeweinten Tränen heraus. Er wäre der größte Mistkerl, wenn er sie jetzt allein ließe.

Also trat er einen Schritt vor und streichelte mit einer Hand über ihren Arm. Weil das jedoch nicht genug war, zog er sie an sich. Schweigend schmiegte sie sich an ihn.

Das war schon besser. Jetzt war er wieder ihr Beschützer. Alles renkte sich wieder ein. Doch als sie sich entspannte und ihren Kopf gegen seine Schulter legte, da lief plötzlich alles schief. Er wollte sie unbedingt küssen, wollte diese reifen, sinnlichen Lippen kosten.

Als sie zu ihm aufblickte, glänzten ihre Augen. Sie war so hübsch, so bezaubernd. Auch wenn es falsch war, Josh konnte nicht anders. Langsam senkte er den Kopf.

Großer Fehler.

Fern schmeckte wundervoll, nach süßem Fruchtpunsch und nach noch viel mehr. Vielleicht war es ein Fehler, aber er musste diese Lippen erforschen. Zuerst bemerkte er nur ihr leichtes Zögern, doch nach ein paar Sekunden erwiderte sie seinen Kuss und schmiegte sich eng an ihn. Er presste sie gegen den Stamm der Birke. Mit den Fingerspitzen erkundete er die samtweiche Haut ihres Gesichts, ihres Nackens und ihrer Schultern. Nie hätte er geglaubt, dass die süße, zerbrechliche kleine Fern ein solches Feuer in ihm entzünden könnte.

Er spürte, wie ihr der Atem stockte, wie sie die Arme um seinen Hals schlang und ihre Finger durch die kurzen Haare in seinem Nacken gleiten ließ.

Mit einem Mal wollte er viel mehr als sie nur zu küssen, und das jagte ihm eine Heidenangst ein.

Fern war zu jung – viel zu jung –, außerdem fing er in einem Monat mit der Uni an. Er konnte ihr das, was sie sich wünschte, nicht bieten. Nein, es wäre nicht fair, es auch nur zu versuchen.

Sanft nahm er ihr Gesicht in die Hände und löste sich von ihr, auch wenn jede Faser seines Körpers dagegen protestierte. Der Ausdruck in ihren Augen besagte eindeutig, dass sie verloren wäre, wenn er diesen Weg weiter beschritt.

Was für ein blinder Idiot er doch gewesen war, es nicht früher erkannt zu haben! Sie schwärmte für ihn. Bereits seit Jahren. Bis zu diesem Abend hatte er nie ganz gewusst, was das Erröten, das Leuchten in ihren Augen zu bedeuten hatten.

Dumm, dumm, dumm.

Er trat einen Schritt zurück, griff aber nach ihrer Hand. Jetzt musste er wirklich vorsichtig sein. Sanft. Sie war ihm viel zu wichtig, als dass er sie verletzen durfte.

Krampfhaft bemühte er sich um ein ungezwungenes Lächeln. Hoffentlich sah er nicht so angespannt aus, wie er sich fühlte. „Fern“, begann er und schaute kurz zur Seite, ehe er wieder ihrem Blick begegnete. „Wir müssen miteinander reden.“

Ein schlechter Traum riss sie aus dem Schlaf. Fern versuchte ruhig zu atmen. Sie setzte sich jedoch nicht auf, denn sie hatte zu viel Angst, Josh aufzuwecken, der dicht neben ihr lag. Er würde Fragen stellen, würde wissen wollen, warum sie weinte.

Verdammt. Wütend wischte sie sich die Tränen aus den Augen und bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. Schon wieder dieser dumme Traum. Hin und wieder überfiel er sie und erinnerte sie an diese unsagbar peinliche Szene. Die Party. Ihre alberne Teenager-Schwärmerei. Sie hatte sich Josh auf einem Silbertablett serviert, doch er hatte dankend abgelehnt. Er war zur Uni gegangen und hatte nicht einen Blick zurückgeworfen.

Okay, ganz ruhig. Vermutlich hatte sie diesen Traum jetzt nur, weil sie gerade Zeit mit Josh verbrachte. Dadurch waren längst vergessene Emotionen wieder an die Oberfläche geholt worden.

Dabei hatte sie sich nur selbst etwas vorgemacht. Die angebliche Anziehung zwischen ihnen war nämlich komplett einseitig. Und sie musste noch drei weitere Tage in seiner Gegenwart durchstehen. Großartiger Plan, Fern! Das wird dir wirklich helfen, diese Sache ein für alle Mal abzuhaken.

Plötzlich machte es „klick“. Vielleicht war das Ganze ja gar nicht so schlecht. Vielleicht war es die Gelegenheit, um die Geschichte endlich abzuschließen. Bis zum Ende der Schatzsuche würde sie vielleicht einen Weg gefunden haben, ihre Beziehung wieder auf eine platonische Ebene zu bringen.

Ja, vielleicht war der Traum die rechtzeitige Warnung ihres Unterbewusstseins gewesen. Sieh dich vor. Gefahr im Verzug.

Es war an der Zeit, wieder einen Schutzschild aufzubauen, den auch die schönsten schokoladebraunen Augen nicht durchdringen konnten.

Plötzlich war alles dunkel. Fern zupfte an der Binde herum, die man ihr um die Augen gelegt hatte.

Jetzt, wo sie nichts mehr sah, nahm sie den modrigen Geruch, der in den Höhlen herrschte, um so deutlicher wahr. Auch Josh hatte man die Augen verbunden.

„Hier entlang.“

Zusammen mit einigen der anderen Teilnehmer bildeten sie eine Schlange. Josh stand an der Spitze, sie dahinter. Offensichtlich hatte einer der Streckenposten Joshs Hand ergriffen und führte sie nun durch das Höhlensystem zu dem Ort, an dem sie die erste Aufgabe des zweiten Tages lösen mussten. Während sie blindlings durch das Labyrinth liefen, versuchte Fern, sich die zahlreichen Abzweigungen einzuprägen. Dazu streckte sie ihren rechten Arm weit aus und ließ die Fingerspitzen über die raue Kalkmauer gleiten.

Es war nicht einfach, sich zu konzentrieren. Jedes der dreißig verbleibenden Teams wurde in einer Fünfergruppe zu derselben Stelle geführt, und der Lärm von Schritten, Stolpern und unterdrückten Flüchen machte es schwer, sich die Zahl der Biegungen einzuprägen.

Nach einer Weile gelangten sie in einen feuchten Korridor. Ein Streckenposten räusperte sich und übertönte das aufgeregte Getuschel. „Die ersten zehn Teams, die gestern Abend angekommen sind, starten als Erste, fünfzehn Minuten danach die nächsten zehn Teams und so weiter. Alle bekommen einen Plan der Höhlen …“ Fern hörte das Rascheln von Papier, während jemand die Schlange abschritt. Sie streckte die Hand aus, um einen Plan zu ergreifen. „Wenn der Pfiff erklingt, darf die erste Gruppe die Binden abnehmen und muss den Weg zurück zum Eingang suchen, wo bereits der nächste Hinweis wartet. Alles klar?“

Es erhob sich allgemeines Gemurmel, und Fern nickte. Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt. Sie wollte gerade tief einatmen, als der Pfiff erklang. Hektisch löste sie den Knoten ihrer Augenbinde und ließ sie zu Boden fallen. Blinzelnd starrte sie auf den Plan in ihrer Hand.

Es war unmöglich zu sagen, wo auf der Karte sie sich befanden. Alle Quertunnel sahen völlig identisch aus. Sie brauchten eine besonders markante Stelle – eine ungewöhnliche Kreuzung oder eine Sackgasse – um sich zu orientieren.

Autor

Cathy Williams

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