Unerhörte Skandale - unerwartete Sehnsucht

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ICH DARF SIE NICHT LIEBEN, MISS JESSICA

Unverhofft erbt Benedict Ashcroft den Familiensitz Ashcroft Grange im Süden Englands und den Titel Earl of Wyvern. Doch seine Freude währt nicht lange: Das Anwesen ist völlig heruntergekommen und hoch verschuldet. Einzige Lichtblicke sind die Treffen mit der bezaubernden Jessica Beresford. Der frische Charme und das Temperament des Mädchens aus einfachem Hause treffen ihn mitten ins Herz. Wie gern würde er sie in seine Arme ziehen! Aber darf er diese Gefühle überhaupt zulassen? Schließlich scheint der einzige Weg, Ashcroft Grange zu retten, eine lukrative Vernunftehe zu sein …

EIN UNERHÖRTES ANGEBOT

Der Familiensitz muss verkauft werden! Helen ist tief traurig. Doch sie hat Glück im Unglück: Ausgerechnet der vermögende Sir Jason Hunter, mit dem sie einst zarte Bande geknüpft hat, bietet den höchsten Preis für Westlea House. Denkt er wie sie noch an die verstohlenen Küsse, die sie ausgetauscht haben? Kümmert er sich deshalb von nun an so ritterlich um ihr Wohlergehen? Aber Helen will keine Almosen! Stattdessen fasst sie einen gewagten Entschluss: Als zärtliche Gegenleistung bietet sie Jason, nach dem sie sich heimlich sehnt, an, seine Geliebte zu werden …

MISS WINBOLT IST SCHOCKIERT

Ein gefährlicher Sturz, starke Arme, die sie halten - schließlich ein unerhörter Kuss! Miss Emily Winbolt, eine junge Dame mit bisher untadeligem Ruf, flieht schockiert über die leidenschaftliche Sehnsucht, die der attraktive Fremde in ihr auslöst. Doch es gibt es kein Entkommen: Kurz darauf spricht Sir William Ashenden, auf der Suche nach einer tugendhaften Gattin, bei ihr vor. Emily sieht seine Überraschung, weiß, dass er sie erkannt hat - und fragt sich: Hält er wegen meines großen Erbes um meine Hand an? Oder kann auch er jenen süßen, wilden Kuss nicht vergessen?


  • Erscheinungstag 29.04.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787844
  • Seitenanzahl 672
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Dorothy Elbury, Mary Brendan, Sylvia Andrew

Unerhörte Skandale - unerwartete Sehnsucht

Dorothy Elbury

Ich darf Sie nicht lieben, Miss Jessica

IMPRESSUM

MYLADY erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG,
20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2008 by Dorothy Elbury
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe MYLADY
Band 517 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Gisela Grätz

Fotos: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format im 12/2010 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86295-182-6

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

1. KAPITEL
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„Ich fürchte, wir werden hier übernachten müssen, Jessica!“

Nicholas Beresfords Gesicht trug einen Ausdruck völliger Niedergeschlagenheit, als er den Privatsalon des kleinen Landgasthauses betrat, in dem seine Schwester seit gut einer halben Stunde auf seine Rückkehr wartete.

„Die Deichsel ist der ganzen Länge nach gesplittert“, fuhr er düster fort und ließ sich in den Sessel neben ihrem fallen. „Offenbar können sie erst morgen eine neue besorgen. Und damit nicht genug – wie es scheint, lässt sich an diesem verwünschten Ort keine einzige vernünftige Mietkutsche auftreiben.“

In Jessicas große grüne Augen trat ein Anflug von Verzweiflung, als sie unbehaglich zur Uhr auf dem Kaminsims blickte. „Aber was in aller Welt sollen wir jetzt tun, Nick?“, wollte sie wissen. „Es ist schon fast fünf, und Harry hat Imogen versprochen, dass wir um sechs längst wieder da sind. Matt wird mich umbringen, wenn sie sich Sorgen um uns macht.“

Ihr jüngerer Bruder sprang auf und begann auf und ab zu marschieren. „Nicht dich, Jessica“, stöhnte er. „Es ist meine Schuld, dass wir erst so spät aus Hampton Court wegkamen – wenn ich nur nicht so viel Zeit in dem Irrgarten verloren hätte …!“

„Wenn du nur Harrys Anweisungen befolgt hättest, meinst du“, korrigierte seine Schwester ihn verärgert. Doch im gleichen Moment, da sie Nicholas’ untröstliche Miene gewahrte, seufzte sie und betonte zum zigsten Male an diesem Nachmittag, dass er den Bruch der Deichsel wohl kaum als sein Verschulden betrachten könne, und dass sie alle froh sein müssten, wenn keiner von ihnen ernsthaft verletzt war. „Der Arzt versicherte Harry, dass eine Nacht Bettruhe Olivia wieder ins Lot bringt“, informierte sie ihn anschließend. „Und Cartwrights Handgelenke sind Gott sei Dank nicht gebrochen. Nur schlimm verstaucht.“

„Immerhin etwas.“ Geistesabwesend zog ihr Bruder ein gefaltetes Schnupftuch aus der Rocktasche und rieb seine Brillengläser blank. „Ich nehme an, Harry ist noch bei seiner Schwester? Weißt du, ob er Zimmer für uns alle bekommen hat?“

„Ich sagte ihm, dass wir keine brauchen.“ Jessica stand auf. „Wir müssen einfach zusehen, dass wir nach Hause kommen, Nick. Bist du wirklich sicher, dass du überall gefragt hast? Es muss in diesem Dorf doch irgendein Transportmittel geben!“

Nicholas schüttelte den Kopf. „Nichts außer einem kleinen, furchtbar schäbigen Gig, das draußen im Hof steht“, antwortete er. „Kaum groß genug für uns beide, ganz zu schweigen davon, dass obendrein Cartwright hineinpassen würde. Abgesehen davon – was glaubst du, wie er kutschieren soll mit seinen bandagierten Handgelenken?“

Aber Jessica war bereits auf dem Weg zur Tür. „Du lieber Himmel, Nick, du wirst ja wohl in der Lage sein, einen Einspänner zu fahren!“, warf sie dem Bruder an den Kopf, ohne seine Proteste zu beachten. „Sag den Stallburschen, sie sollen sofort eins unserer Leitpferde anspannen. Ich rede unterdessen mit Harry – wir müssen dafür sorgen, dass Cartwright ein Quartier bekommt, bis Matt jemanden schickt, der ihn abholt.“

Lieutenant Harry Stevenage zeigte sich ganz und gar nicht begeistert, als Jessica ihm mitteilte, dass sie nach London zurückfahren wolle – von niemandem sonst begleitet als ihrem siebzehnjährigen Bruder. Was als unbeschwerter Tagesausflug nach Richmond Park und Hampton Court begonnen hatte, war, soweit es ihn betraf, zu einem regelrechten Albtraum geworden.

Stevenage seufzte. Der junge Nicholas hatte das berühmte Labyrinth von Hampton Court unbedingt auf eigene Faust erkunden wollen und sich schließlich, alle seine Anweisungen in den Wind schlagend, heillos zwischen den hohen Buchenhecken verlaufen. Olivia und Jessica dagegen waren bei ihm geblieben. Er kannte den Irrgarten von einem früheren Besuch her, und er und die beiden jungen Damen hatten den Weg ins Freie in weniger als einer halben Stunde gefunden. Nach einer weiteren halben Stunde vergeblichen Wartens auf Nicholas war ihnen dann nichts weiter übrig geblieben, als den Aufseher zu bitten, Jessicas Bruder von der Plattform aus zum Ausgang zu dirigieren.

Die unvorhergesehene Verzögerung und sein Versprechen, die Kutsche der Beresfords samt Jessica und Nicholas spätestens um sechs Uhr wieder in der Stadtresidenz in der Dover Street abzuliefern, hatten den Lieutenant veranlasst, Cartwright anzuweisen, die Pferde ordentlich anzutreiben.

Mit Sicherheit nicht meine klügste Entscheidung, gestand Stevenage sich reumütig ein. Jene enge Kurve mit derart hoher Geschwindigkeit zu nehmen musste fast zwangsläufig in einer Katastrophe münden. Und die hatte sie ja auch ereilt. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen war die Deichsel gebrochen, der Kutscher vom Bock geschleudert und Olivia, seine kleine Schwester, gegen die Seitenwand der Kabine geworfen worden, sodass sie eine Platzwunde am Kopf davongetragen hatte. Er konnte von Glück sagen, dass Matt Beresfords prächtigen Braunen nichts geschehen war!

„Ich wünschte, Sie würden sich das noch einmal überlegen“, versuchte er Jessica umzustimmen. „Mr. Beresford wird keine gute Meinung von mir haben, wenn ich Sie und Nick einfach so ziehen lasse.“

„Ach, reden Sie keinen Unsinn, Harry“, tat Jessica seinen Einwand ab, ohne der gekränkten Miene, die er daraufhin machte, Beachtung zu schenken. „Nick und ich sind absolut in der Lage, allein nach Hause zu fahren. Wir könnten diese lächerlichen sechs Meilen ja praktisch zu Fuß laufen. Außerdem würde Matt selbstverständlich von Ihnen erwarten, dass Sie bei Ihrer Schwester bleiben. Aber nun muss ich zurück zu Nick und ihm sagen, dass er sich sputen soll.“

Lieutenant Stevenage kannte Jessica noch nicht allzu lange; lange genug indes, um zu wissen, dass jeder Versuch, sie von etwas abzubringen, das sie sich in den Kopf gesetzt hatte, nur zu hartnäckigem Widerstand ihrerseits führte. Seit er ihr vor ein paar Monaten zum ersten Mal auf dem Landsitz seines Patenonkels Sir Frederick begegnet war, zählte er zu ihren treuesten Bewunderern – ungeachtet der Tatsache, dass Sir Frederick ihn ernsthaft vor der launischen Miss Beresford gewarnt hatte. Seinem Onkel zufolge war die junge Dame von ihrem Vater, dem verstorbenen Sir Matthew, in unerträglicher Weise verwöhnt worden, und erst seit ihr Halbbruder Matt aus Indien zurückgekehrt war, um sein Erbe anzutreten, begannen sich begrüßenswerte Veränderungen in Miss Beresfords Verhalten zu zeigen.

Doch gleichgültig, wie unberechenbar sie sich mitunter gebärdete, Stevenage hätte die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass es nicht einen einzigen Mann gab, der Jessicas überwältigendem Liebreiz widerstehen konnte. Ihrem Mund etwa, der wie geschaffen dafür schien, geküsst zu werden – böte sich mir nur die Gelegenheit, dachte er bedauernd –, oder ihrer bezaubernden kleinen Nase und schon gar ihren unglaublich grünen Augen, die ihr berückend hübsches, von silbrig blonden Locken umrahmtes Antlitz beherrschten. Und all diesen Segnungen, die bereits mehr waren, als ein Mann sich wünschen konnte, hatte der Himmel noch eine weitere hinzugefügt: Die junge Dame besaß die verführerischsten weiblichen Formen, die Stevenage mit seinen zweiundzwanzig Jahren je vor Augen gekommen waren. So betrachtet, waren Jessicas gelegentliche Gefühlsausbrüche ein eher geringer Preis für das Privileg, zu ihren bevorzugten Verehrern zu gehören.

Dennoch erschien eine steile Falte an seiner Nasenwurzel, als er kurz darauf im Stallhof stand und beobachtete, wie der klapprige Einspänner mit den beiden Beresford-Geschwistern von dannen ratterte. Auf Jessicas begeistertes Abschiedswinken hin hob er halbherzig die Hand und stand für ein paar Minuten einfach nur gedankenverloren da. Dann wurde ihm bewusst, dass seine Schwester ihn brauchte, und mit einem resignierten Achselzucken machte er sich auf den Weg zurück ins Gasthaus.

„Na also, Nick.“ Jessica schenkte ihrem Bruder ein gewinnendes Lächeln. „Ich wusste doch, dass du das Gig kutschieren kannst.“

Nicholas gab ein ärgerliches Schnauben von sich. „Um meine Fahrkünste hättest du dir keine Sorgen machen müssen, Jessica. Matt besteht darauf, dass ich praktisch jedes Gefährt lenken lerne, das es derzeit gibt. Was mir gegen den Strich geht, ist dieses verrückte Vorhaben hier. Ich begreife nicht, warum du nicht über Nacht bleiben wolltest. Wir hätten einen Boten …“

„Ach ja?“, fiel Jessica ihm ins Wort und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Damit Imogen die ganze Nacht keine Ruhe findet, weil sie außer sich ist vor Sorge um uns? So kann sie sich wenigstens mit eigenen Augen davon überzeugen, dass wir keinen Schaden genommen haben. Und außerdem wird Matt es nun, da Imogen guter Hoffnung ist und er sie mehr denn je in Watte zu wickeln versucht, nicht wagen, aus der Haut zu fahren!“

„Man könnte glauben, sie wäre die erste Frau auf der ganzen Welt, die ein Kind erwartet“, murmelte ihr Bruder.

„Werde nicht ungerecht, Nick“, wies Jessica ihn zurecht. „Du darfst nicht vergessen, dass Matts Mutter bei seiner Geburt gestorben ist.“

„Oh Gott, mein Verhalten ist wahrhaft unverzeihlich! Das war mir tatsächlich entfallen. Entschuldige, Jess.“ Nick lächelte reumütig. „So langsam, glaube ich, wirst du richtig menschlich.“

Mit einem Lachen versuchte Jessica ihre Verlegenheit zu überspielen. „Ich strenge mich an“, gab sie dann ruhig zu. „Jedenfalls nach dieser schrecklichen Geschichte mit Wentworth. Ich versuche, mehr wie Imogen zu werden und mich so zu verhalten, wie Matt und sie es für wünschenswert befinden …“ Sie verstummte, und ihr Blick verdüsterte sich, als ihr die Ereignisse des vergangenen Septembers wieder einfielen. Philip Wentworth, der Wildhüter auf dem Familienanwesen, hatte sie entführt und um ein Haar entehrt. Wäre ihr kurz zuvor aus Indien eingetroffener Halbbruder ihr nicht gerade noch rechtzeitig zu Hilfe gekommen … Ein kalter Schauder überlief sie.

Ihr Unbehagen war Nicholas nicht entgangen. Er nahm Jessicas Hand in seine und drückte sie fest.

„Du hast dich wahrhaftig verändert“, versicherte er ihr warmherzig. „Ich habe dich kaum wiedererkannt, als du Weihnachten aus der Schule kamst. Und glaub mir, Matt wäre niemals bereit gewesen, dir deine Saison zu gewähren, wenn du sie nicht verdient hättest.“

„Er ist sehr gut zu uns, nicht wahr?“ Jessica blinzelte die Tränen fort, die ihr in die Augen stiegen. „Damals, als er auftauchte, konnte ich ihn nur hassen, aber nach allem, was er für uns getan hat – als er Thornfield auf Vordermann brachte und dafür sorgte, dass Mama sich in Bath niederlassen konnte –, ist er mir wirklich ans Herz gewachsen. Ich kann verstehen, dass Imogen ihn abgöttisch liebt.“ Sie lächelte. „Es geht mir oft durch den Sinn, dass er genau der Typ Mann ist, den ich irgendwann einmal heiraten möchte.“

„Ich wage zu bezweifeln, dass es viele von seiner Sorte gibt.“ Nicholas lachte leise in sich hinein und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Pferd zu. „Und abgesehen davon hatte ich ohnehin den Eindruck, dass du an einem ganz bestimmten Lieutenant interessiert bist.“

„Harry Stevenage!“ Jessica lachte schallend. „Um Himmels willen, nein, Nick! Er ist nicht einmal annähernd vermögend genug für meine Ansprüche.“ Sie lächelte ihrem Bruder mutwillig zu. „Ich halte Ausschau nach einem Duke, musst du wissen – oder wenigstens nach einem Earl.“

Sie hatte mit entschiedenem Widerspruch auf ihre Bemerkung gerechnet – einer Bemerkung, die, wie sie sehr wohl wusste, von der „alten“ Jessica stammte – und war über die Maßen verwundert, als eine Entgegnung von Nicholas ausblieb. Ihr Bruder schien ihr nicht einmal zugehört zu haben, wie sie nun bemerkte. Stattdessen war seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf das dichte Unterholz gerichtet, das den Rand der Straße säumte. Jessica sah sich um und stellte fest, dass ihnen auf dem schmalen Fahrweg, auf dem sie sich befanden, kein einziges Gefährt folgte, vorausfuhr oder entgegenkam.

„Was ist los, Nick?“, fragte sie mit gesenkter Stimme und legte ihrem Bruder die Hand auf den Unterarm. „Stimmt irgendetwas nicht?“

Nicholas zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Ich dachte auf einmal …“

Was immer er noch sagen wollte, erstarb, als plötzlich zwei niederträchtig aussehende Kerle, jeder einen Knüppel schwingend, aus dem Strauchwerk neben der Fahrbahn hervorsprangen. Der eine der beiden griff ins Geschirr und brachte das Pferd zum Stehen, während sein Komplize sich mit drohend erhobener Keule Jessica näherte.

„Her mit deiner Geldbörse, Mädchen, aber schnell“, knurrte er und packte Jessicas Knöchel.

Augenblicklich war Nicholas auf den Füßen. „Nehmen Sie Ihre dreckigen Pfoten von meiner Schwester“, brüllte er außer sich vor Wut und riss die Reitpeitsche aus ihrer Halterung, um sie dem Wegelagerer überzuziehen.

Es bedurfte nicht mehr als eines kurzen Augenblicks, bis Jessica begriff, dass die Handlungsweise ihres Bruders, so ehrenwert sie sein mochte, sie beide in Lebensgefahr brachte. Die Männer, die sie überfallen hatten, waren schäbig gekleidet, und angesichts ihrer provisorischen Bewaffnung lag es nahe, dass sie einzig und allein auf ihre Wertsachen aus waren und verschwinden würden, sobald sie sie ihnen übergab.

Sie versuchte Nicholas an seinen Rockschößen auf den Sitz zurückzuzerren und warf ihr prall gefülltes Retikül in Richtung des Gauners, der ihr Fußgelenk festhielt. Zu spät indes.

Bereits beim ersten Hieb, den der Bruder austeilte, traf die metallummantelte Spitze der Peitsche den Straßenräuber so heftig am Jochbein, dass die Haut aufplatzte. Mit einem Aufheulen ließ sein Spießgeselle, der das Pferd gehalten hatte, das Geschirr los, schwang seinen Knüppel und stürzte auf Nicholas zu.

Ihr Bruder, bis zu diesem Moment getragen von einem zornigen Selbstvertrauen, hielt mitten im Ausholen inne, verlor das Gleichgewicht auf dem schmalen Kutschbock des Gig und stürzte seitwärts auf den Fahrweg. Dort blieb er reglos liegen, der Gnade seines Angreifers ausgeliefert, der nun mit erhobener Keule über ihm stand.

Jessicas Hände flogen zu ihrem Mund, doch sie schaffte es nicht, ihren Schreckensschrei zu unterdrücken. In Erwartung des Entsetzlichen, das unweigerlich folgen musste, kniff sie die Augen zu und sandte ein verzweifeltes Stoßgebet zum Himmel.

Plötzlich krachte ein Schuss durch die Stille. Jessica riss die Augen auf. Der Halunke, der ihren Bruder bedrohte, hatte den Knüppel fallen lassen und umklammerte mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen blutüberströmten Unterarm. Im nächsten Augenblick war sein Kumpan an seiner Seite, packte ihn und zerrte ihn hinter sich her durch die Hecken am Straßenrand, aus denen beide zuvor aufgetaucht waren.

Mit angehaltenem Atem lauschte Jessica dem Knacken trockener Äste, die unter den Sohlen der flüchtenden Spitzbuben brachen. Das gleichzeitig immer lauter werdende Geräusch trommelnder Hufe nahm sie lediglich am Rande wahr, ebenso den sich rasch nähernden Reiter. Sie sprang aus dem Gig und sank neben ihrem noch immer reglos daliegenden Bruder in die Knie.

„Nicholas, bitte!“, flehte sie. „So sag doch etwas!“ Sie begann leicht an seiner Schulter zu rütteln, als jemand ihr von hinten unter die Achseln griff und sie vom Boden hochzog. Sie keuchte erschrocken auf und bemerkte erst jetzt, dass ein gesatteltes Pferd neben ihrem Gig stand, bei dessen Besitzer es sich offenbar um den Unbekannten handelte, der sie in diesem Moment nicht eben sanft auf die Füße stellte.

„Lassen Sie das besser“, wies er sie kurz angebunden an. „Er könnte sich etwas gebrochen haben.“

Jessica öffnete den Mund, um gegen die grobe Behandlung zu protestieren, doch dann zögerte sie. Der Mann, der nun seinerseits neben Nicholas kniete, besaß eine ausgesprochen schöne, angenehm tiefe Stimme. Und obwohl sie im Augenblick nur seinen Rücken sehen konnte, entging ihr keineswegs, wie gut sein Reitrock geschnitten war und wie perfekt er um die breiten Schultern saß. Kein Zweifel, sie hatte einen wohlhabenden Gentleman vor sich.

Der Fremde zog seine Handschuhe aus und begann den Körper ihres bewusstlosen Bruders vorsichtig abzutasten. Nach ein paar Minuten, in denen Jessica kaum zu atmen wagte, setzte er sich auf die Fersen und sah sie über seine Schulter hinweg an.

„Kein Knochenbruch“, erklärte er zufrieden. „Und ein paar Tropfen Alkohol sollten ihn auch wieder zur Besinnung bringen.“ Er nahm einen silbernen Taschenflakon aus der Innentasche seines Reitrocks, drückte vorsichtig Nicholas’ Lippen auseinander und träufelte ihm eine winzige Menge Brandy in den Mund.

Mit klopfendem Herzen trat Jessica näher. Soweit sie es erkennen konnte, blieb Nicholas’ Zustand unverändert. Doch auf einmal begann er zu husten, dann riss er die Augen auf.

„Wa…as ist passiert?“, brachte er mit krächzender Stimme hervor. Als er die bange Miene seiner Schwester bemerkte, wollte er sich aufsetzen, aber der Fremde legte ihm die Hand auf den Brustkorb und hinderte ihn daran.

„Langsam, Junge. Ganz sachte.“

Im nächsten Moment kniete Jessica abermals an Nicholas’ Seite. „Nicky! Um Himmels willen, tut dir irgendetwas weh?“

„So gut wie alles.“ Vorsichtig brachte ihr Bruder sich in eine sitzende Position und griff sich stöhnend an die Stirn. „Was ist passiert?“, fragte er noch einmal und sah zwischen seiner erleichtert wirkenden Schwester und dem unbekannten Gentleman hin und her.

„Ihre beiden Angreifer haben das Weite gesucht.“ Der Fremde erhob sich und streckte die Hand aus, um Nicholas auf die Füße zu ziehen.

Nicholas schüttelte den Kopf. „Ich dachte, ich hätte einen Schuss gehört“, sagte er sichtlich verwirrt. „Und dann muss ich wohl ohnmächtig geworden sein.“ Er ließ sich aufhelfen und lehnte sich zitternd gegen das Gig.

„Haben die Kerle dir etwas getan?“, wandte er sich dann an seine Schwester, die ebenfalls aufgestanden war. „Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn …“

„Mach dir keine Sorgen, Nick, mit mir ist alles in Ordnung.“ Jessica eilte an seine Seite, ergriff seine Hand und drückte sie beruhigend. „Bloß unser gesamtes Geld ist weg“, setzte sie mit einem schiefen Lächeln hinzu.

„Oh, gut“, erwiderte ihr Bruder, noch immer leicht benommen. „Dann sollten wir uns wohl besser gleich auf den Weg machen.“ Tief Luft holend, straffte er die Schultern, griff nach dem Seitengeländer des Gig und versuchte, auf den Kutschbock zu klettern.

Er wäre ein zweites Mal zu Boden gestürzt, hätte der Fremde nicht geistesgegenwärtig seine Arme ausgestreckt, um ihn aufzufangen.

„Vielleicht ein bisschen zu früh?“ Der Gentleman lächelte Nicholas aufmunternd zu, während er ihn ohne sichtbare Anstrengung auf den Fahrersitz hob. „Halten Sie sich gut fest, mein Junge“, wies er ihn an. „Wir werden Sie irgendwie anbinden müssen. Ihre Schwester kann doch hoffentlich kutschieren?“

Ohne auf Jessicas Proteste zu achten, marschierte er zu seinem Pferd und zog ein Stück Seil aus der Satteltasche. Dann kam er zurück und band Nicholas an der Rückenlehne des Sitzes fest.

„Das sollte reichen.“ Er nickte zufrieden und wandte sich zu Jessica um. „Hinauf mit Ihnen, Miss Beresford“, sagte er munter und reichte ihr die Hand, um ihr auf den Kutschbock zu helfen. „Und vor weiteren Überfällen brauchen Sie keine Angst zu haben. Ich werde auf dem Rest des Weges hinter Ihnen herreiten.“

Obwohl sie beinahe kochte vor Wut über die arrogante Annahme des Fremden, sie komme ohne seine Hilfe nicht nach Hause, blieb Jessica stumm und tat, wie er ihr geheißen. Erst als sie Platz genommen hatte und die Zügel in der Hand hielt, fiel ihr auf, dass er ihren Namen kannte.

„Woher, glaubst du, weiß er, wie wir heißen?“, fragte sie Nicholas flüsternd, während sie beobachtete, wie der Unbekannte sich behände in den Sattel schwang. „Meinst du, er könnte auch ein Spitzbube sein – ein Komplize der beiden anderen vielleicht?“

„Merkwürdiger Komplize, der Schüsse auf seine Kameraden abfeuert“, versetzte ihr leichenblasser Bruder. „Sei nicht so ein Gänschen, Jess. Der Bursche hat uns einen großen Dienst erwiesen – aber wie wir das alles Matt erklären sollen, ist mir wirklich schleierhaft.“

2. KAPITEL
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Die ersten hundert Meter blieb ihr Begleiter hinter dem Gig, die grauen Augen wachsam auf die Umgebung gerichtet. Doch als sie allmählich in dichter besiedelte Gegenden kamen, schloss er zu ihnen auf, bis er schließlich neben dem Gefährt herritt.

„Ich hoffe, Ihr Bruder hat sich ein wenig von dem Schock erholt“, bemerkte er höflich.

„Es scheint ihm ganz gut zu gehen, danke, Sir“, erwiderte Jessica, ohne den Kopf zu drehen. Sie hielt den Blick fest auf die Straße gerichtet und fragte sich, wieso er ihren Namen kannte und woher er wusste, dass Nicholas ihr Bruder war. Es bereitete ihr Unbehagen, dass dieser Fremde – wer immer er sein mochte – so gut über ihre Familienverhältnisse Bescheid zu wissen schien.

Doch als die Stille zwischen ihnen lastend zu werden drohte, bekam sie Gewissensbisse, und mit einiger Verspätung fiel ihr ein, dass sie ihm noch nicht einmal für sein rechtzeitiges Eingreifen gedankt hatte.

„Wir stehen tief in Ihrer Schuld …“, setzte sie an und hörte, wie er lachte. Blitzschnell wandte sie sich zu ihm um und starrte ihn wütend an. „Was finden Sie so erheiternd an meinen Worten, Sir?“

„Gar nichts, Madam“, versicherte er prompt. „Ich bin froh, dass ich Ihnen helfen konnte.“

Obwohl er sie nicht anschaute, entging es Jessica nicht, dass er breit grinste. Indes musste sie bei aller Empörung über seine Frechheit widerwillig einräumen, dass er teuflisch gut aussah, wenn er lächelte. Sie biss sich auf die Lippe und suchte verzweifelt nach einer weniger gestelzten Formulierung, mit der sie ihrer Dankbarkeit Ausdruck verleihen konnte.

„Ich frage mich, warum diese Männer ausgerechnet uns überfallen haben“, sagte sie schließlich. „Man sollte doch meinen, dass Räuber sich bei den Insassen eines so schäbigen Vehikels wie diesem keinerlei Beute versprechen.“

„Dass sie es taten, lag wohl eher daran, wie Sie im ‚Rose and Crown‘ mit Ihrer Barschaft prahlten“, gab er zurück.

„Mit meiner …!“ Seine Ausdrucksweise verschlug Jessica die Sprache. Ein höchst beunruhigender Gedanke kam ihr in den Sinn, und sie hatte Mühe ihren plötzlichen Verdacht zu unterdrücken. „Heißt das, dass Ihr Auftauchen kein glücklicher Zufall war?“, fragte sie vorsichtig.

„Richtig“, lautete die bereitwillige Antwort. „Ich bin Ihnen gefolgt, seit Sie den Gasthof verließen.“

„Aus welchem Grund?“, erkundigte sie sich mit zitternder Stimme.

„Wegen dieser beiden Spitzbuben“, antwortete er lässig. „Ich hatte gesehen, wie sie Sie beobachteten und sich in die Büsche schlugen, als Sie vom Stallhof fuhren. Es war abzusehen, was die Kerle vorhatten.“

Ein Gefühl der Erleichterung durchzuckte sie kurz. „Weshalb haben Sie uns nicht vor ihnen gewarnt?“, fragte sie dann ungnädig.

Er antwortete nicht sofort. „Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie nicht zu der Sorte junger Damen gehören, die den Rat eines völlig Fremden dankbar annehmen“, sagte er schließlich.

„Was für ein Unsinn!“ Nun war Jessica wirklich beleidigt. „Sie wussten, dass die Halunken ein Verbrechen planten. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, uns zu informieren.“

„Es trifft nicht zu, dass ich es wirklich wusste“, widersprach er ungeduldig. „Aber das geheimniskrämerische Verhalten der beiden machte mich misstrauisch. Darum ritt ich hinter Ihrer Kutsche her.“

„Um abzuwarten, bis die Kerle uns angegriffen hatten“, warf sie bissig ein.

Der Fremde holte tief Luft und nickte. „In diesem Punkt habe ich mich geirrt“, gab er zu. „Ich war nicht darauf gefasst, dass sie Gewalt anwenden würden. Normalerweise beschränken sich dergleichen Strolche darauf, ihren Opfern Angst einzujagen und ihnen die Wertsachen abzunehmen, um dann so schnell es geht zu verschwinden. Und in der Regel suchen sie sich möglichst schutzlose Reisende aus, solche wie Sie und Ihren Bruder. Mit Gegenwehr hatten die beiden vermutlich nicht gerechnet.“

Genau das dachte ich auch, ging es Jessica durch den Kopf. Wenn nur Nicholas ruhig geblieben wäre! Doch dann wurde sie wütend.

„Also fanden Sie es völlig in Ordnung, dass wir ausgeraubt wurden?“, fuhr sie den Reiter an.

Er biss die Zähne zusammen. „Wenn Sie Ihre Banknoten bündelweise herumzeigen, dürfen Sie sich jedenfalls nicht wundern, dass so etwas passiert.“

Eilig rief sie sich in Erinnerung, auf welche Art und Weise sie den Besitzer des Gig überredet hatte, ihr das Gefährt zu überlassen. Ihre Wangen röteten sich. Aber obwohl sie dem Fremden in einigen Punkten recht geben musste, irritierte seine Rüge sie über die Maßen. Normalerweise waren die Männer beeindruckt von ihrer Schönheit und lagen ihr – mit Ausnahme ihres Halbbruders Matt – bewundernd zu Füßen, anstatt ihr Verhalten zu kritisieren.

Seit sechs Wochen hielt sie sich nun in der Hauptstadt auf und galt als die Ballschönheit der Saison. Dank Lady Sydenham – Imogens Patentante – war ihr Zutritt zu den besten Häusern gewährt worden, und inzwischen wurde kein gesellschaftliches Ereignis mehr als gelungen betrachtet, wenn die zauberhafte Miss Beresford es nicht mit ihrer Anwesenheit beehrte – zumal sich dann auch sämtliche Junggesellen einfanden, die sich in der Stadt aufhielten, um wenigstens ein Lächeln oder ein freundliches Wort von der gefeierten jungen Dame zu ergattern.

Und obwohl all die unterwürfigen Schmeicheleien Jessica seit der nur knapp misslungenen Entführung im letzten Jahr nicht mehr beeindrucken konnten, war sie es doch praktisch von Kindesbeinen an gewöhnt, dass man ihr sagte, wie hübsch sie sei. Daher pikierte es sie nicht wenig, dass ihr Retter ihr auf der ganzen Fahrt das Gefühl vermittelte, ihrem Aussehen gegenüber völlig unempfänglich zu sein. Tatsächlich machte seine Gleichgültigkeit sie sogar verlegen – eine höchst ungewöhnliche Gemütsregung bei der allseits bewunderten Miss Jessica Beresford!

Die Kritik des Fremden nagte noch immer an ihr, als sie plötzlich mit Erleichterung feststellte, dass der Straßenverkehr zugenommen hatte. Sie lenkte die Kutsche von der King’s Road herunter in Richtung Kensington, eine Gegend, mit der sie recht vertraut war.

In der festen Absicht, seinem Dünkel einen Dämpfer aufzusetzen, schenkte sie ihrem Begleiter ein strahlendes Lächeln. „Da wir uns nun dem Park nähern, ist es nicht notwendig, Sir, dass Sie uns weiter eskortieren“, ließ sie ihn wissen. „In diesem Teil der Stadt kenne ich mich bestens aus.“

„Ich hege nicht den geringsten Zweifel daran“, erwiderte er gelassen. „Indes bin ich der Ansicht, dass es sich für mich als Gentleman geziemt, Sie bis zur Haustür zu bringen.“

Wäre Jessica nicht so sehr mit dem Kutschieren beschäftigt gewesen, hätte sie wohl mit dem Fuß aufgestampft, wie sie es von ihren früheren Wutanfällen her gewohnt war. Stattdessen schloss sie ihre Finger fester um die Zügel und ließ sie kurz knallen. Das Pferd schoss vorwärts, und sie versuchte es an den ihnen vorausfahrenden Chaisen vorbei in die nächste Lücke zu steuern, um den Fremden endlich loszuwerden.

Bei der plötzlichen schwankenden Bewegung riss Nicholas erschrocken die Augen auf und stieß einen Warnruf aus. „Um Himmels willen, pass auf, Jessica!“ Im nächsten Moment war der Reiter wieder gleichauf mit dem Gig, ergriff den linken Zügel und lenkte den Braunen mit einigem Kraftaufwand aus dem Weg einer entgegenkommenden Karriole.

„Kein besonders kluges Überholmanöver“, bemerkte er trocken, nachdem das Gefährt zum Stehen gekommen war. „Zumal mit einem so klapprigen Karren.“

Jessica zitterte am ganzen Leib, sie hätte nicht sagen können, ob vor Wut oder wegen des überstandenen Schreckens. Mit einem gefährlichen Funkeln in ihren grünen Augen starrte sie den Fremden an. „Wie können Sie es wagen, Sir! Lassen Sie sofort meinen Zügel los.“

Der Gentleman grinste sie unbeeindruckt an und hob beide Hände, um ihr zu demonstrieren, dass er das längst getan hatte. „Fahren Sie weiter, Mädchen“, sagte er gedehnt, „aber versuchen Sie bitte, geradeaus zu kutschieren, wenn Sie irgend können.“

Mit einem wütenden Knallen der Zügel spornte Jessica das Pferd an, sich in Bewegung zu setzen. „Immer mit der Ruhe, Jess“, murmelte Nicholas neben ihr. „Der Bursche hat uns gerade zum zweiten Mal aus einer ziemlich prekären Situation gerettet, und das ist kein Anlass für dich, aus der Haut zu fahren.“

Jessica schwieg, immer noch kochend vor Wut. Mit starrer Miene und ebenso starrer Haltung lenkte sie das Gig zurück in den Straßenverkehr. Ihr Bruder, der dabei war, sich von dem Seil, das ihn in Position gehalten hatte, zu befreien, warf ihr einen besorgten Blick zu. Ihm waren diese Warnzeichen nur allzu bekannt, und mit angehaltenem Atem wartete er auf den Ausbruch, der unweigerlich kommen musste, zu seinem Erstaunen jedoch ausblieb.

Der Rest der Fahrt verlief in frostigem Schweigen. Als das Gig vor der Eingangstür der eleganten Stadtresidenz in der Dover Street anhielt, kurbelte Jessica die Bremse fest und blieb sitzen, bis ihr Bruder vom Kutschbock geklettert war.

Fast eine Minute verging, in der sie darauf wartete, dass der Fremde endlich absaß und ihr beim Aussteigen behilflich sein würde. Ihr Begleiter indes blieb im Sattel sitzen und schien nicht daran zu denken, sich wie ein Gentleman zu verhalten. In höchstem Verdruss rutschte Jessica schließlich auf die andere Seite der Sitzbank und bat Nicholas, ihr seine Hand zu reichen.

Kaum dass sie auf dem Boden stand, wandte sie sich brüsk zur Treppe. Sie hatte eben die erste Stufe erklommen, als sie den Fremden Nicholas’ Namen rufen hörte.

„Master Beresford!“

Jessica wirbelte herum und sah, wie ihr Begleiter einen prall gefüllten Beutel aus seiner Satteltasche zog und ihn Nicholas zuwarf. „Hier, Junge, fangen Sie!“

Der überraschte Nicholas machte einen vergeblichen Versuch, nach dem fliegenden Gegenstand zu greifen, doch Jessica, die erkannt hatte, dass es sich um ihr Retikül handelte, tat einen flinken Schritt zur Seite, streckte die Hände aus und fing es sauber auf.

„Mein Retikül“, rief sie aus und unterzog den Inhalt des Stofftäschchens einer eiligen Untersuchung. „Aber das ganze Geld ist ja noch da!“

Ein argwöhnischer Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Wie sind Sie in den Besitz meines Eigentums gelangt?“, wollte sie wissen.

Der Fremde neigte den Kopf. „Ihr Angreifer ließ den Beutel fallen, als er floh.“

Plötzlich kam Jessica sich sehr töricht vor. Auch wenn der Gentleman ihrer Meinung nach eine unerträgliche Überheblichkeit an den Tag legte, schuldete sie ihm, moralisch gesehen, Dank für seine Hilfe.

„Ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir, für das, was Sie für uns getan haben“, stieß sie hervor und warf den Kopf in den Nacken. „Wenn Sie die Güte besäßen, einen Moment zu warten? Sobald mein Bruder die Einzelheiten des unglückseligen Überfalls kennt, wird er sich gewiss für Ihre Mühe erkenntlich zeigen wollen.“

„Eine Belohnung ist nicht vonnöten“, erwiderte der Reiter, abermals breit grinsend, und zog weit ausholend seinen Hut. „Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass es mir eine große Ehre war, Ihnen zu Diensten sein zu dürfen.“

Fest entschlossen, seinen boshaften Unterton zu ignorieren, eilte Jessica die Treppe hinauf und betätigte ungeduldig den Messingklopfer.

Ihr Retter wartete, bis sich die Tür hinter ihr und Nicholas geschlossen hatte. Dann schüttelte er den Kopf und wendete sein Pferd.

Er war im Begriff, loszutraben, als etwas Weißes auf dem Fußbrett des Gig seine Aufmerksamkeit erregte. Neugierig lehnte er sich im Sattel vor und griff nach dem Gegenstand, der sich als zartes Damentaschentuch entpuppte und unzweifelhaft Miss Beresford gehörte. Vermutlich war es ihr aus der Tasche ihrer Pelisse gefallen, als sie versucht hatte, ihn abzuhängen.

Bei der Erinnerung an ihr waghalsiges Überholmanöver zuckte es um seine Mundwinkel. Einen Moment lang starrte er das kleine Etwas aus feinstem Leinen in seiner Hand reglos an, dann hielt er es, einer plötzlichen Eingebung folgend, an seine Nase und sog tief den feinen Parfümgeruch ein.

Mit einem leisen Lachen ließ er das weiße Tüchlein in seiner Tasche verschwinden und ritt in Richtung des Parks davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Willst du damit sagen, dass dieser Bursche euch nicht einmal seinen Namen nannte?“, fragte Matt Beresford ungläubig, nachdem er dem holprigen Bericht seiner Schwester gelauscht hatte.

„Nein … das heißt … nun, es kann sein, dass er ihn erwähnte …“ Jessica rückte näher zu Imogen, die neben ihr auf der Chaiselongue saß. „Aber ich war schrecklich durcheinander … ich kniete neben Nick, weil ich Angst hatte, dass er ernsthaft verletzt ist … und dann kam er … dieser Mann … und hob mich kurzerhand hoch und schob mich zur Seite, und als wir weiterfuhren, ergab sich einfach keine Gelegenheit …“

„Mir ist so, als ob er sich vorgestellt hätte“, warf ihr jüngerer Bruder ein, der inzwischen von der teilnahmsvollen Imogen verarztet worden war und sich wieder recht munter fühlte. „Und zwar als er sich über mich beugte und wegen möglicher Knochenbrüche abtastete. Leider war ich so benommen, dass ich kaum etwas mitbekam.“

Nicholas hielt inne und legte die Stirn in Falten. „Was mir allerdings auffiel, war das ungewöhnliche Siegel auf seinem Ring“, fuhr er fort. „Ein ziemlich großer grüner Stein mit einem eingekerbten Drachen. Wartet mal …“ Seine Miene verriet, dass er angestrengt nachdachte. „Hieß er Dryden? Oder Brydon? Oder … Ach, verflixt, ich komme nicht darauf!“

„Haydn vielleicht?“, schlug Imogen vor.

„Lydian?“, bot Matt an, während Jessica es mit „Layburn?“ versuchte. Aber auf alle drei Namen reagierte Nicholas mit einem entschiedenen Kopfschütteln.

Die nächsten zehn Minuten vergingen mit der Nennung jedes auch nur irgendwie ähnlich klingenden Namens, der den dreien sonst noch einfallen wollte. Die Vorschläge wurden immer abstruser, und schließlich sanken Jessica und Imogen in einem nicht enden wollenden Lachkrampf gegeneinander und flehten die Männer an aufzuhören.

„Was ist mit Reardon oder Raven?“, gluckste Matt, den der Heiterkeitsausbruch der beiden Frauen angesteckt hatte.

Nicholas setzte abermals zu einem Kopfschütteln an, doch dann ging ein Ruck durch seinen Körper. „Raven …“, wiederholte er sinnierend, „Ryvern …“ Plötzlich kam Leben in ihn. „Gütiger Himmel, ja“, rief er aus. „So hieß er!“

„Ryvern?“, wiederholten die anderen im Chor.

„Nein, nicht Ryvern“, korrigierte Nicholas vergnügt. „Der Bursche heißt Wyvern, wie diese Fabelwesen mit den Adlerkrallen an den Hinterfüßen und den großen Flügeln. Daher sicher auch das Bildmotiv auf seinem Siegelring“, schloss er triumphierend.

Für ein paar Minuten herrschte Schweigen. „Wyvern …“, wiederholte Matt schließlich gedankenvoll. „Es gab einen Theodore Ashcroft in meinem Jahrgang in Oxford, der Sohn des Earl of Wyvern. Soweit ich weiß, ist sein Vater inzwischen gestorben, und Theo müsste den Titel geerbt haben. War der Gentleman, der euch zu Hilfe kam, ungefähr in meinem Alter?“

Nicholas zuckte unschlüssig die Achseln, doch Jessica, die Gelegenheit gehabt hatte, ihren Retter genauer zu betrachten, schüttelte energisch den Kopf.

„Etliche Jahre jünger“, erklärte sie bestimmt. „Mitte zwanzig, würde ich sagen. Und mir kam er ganz bestimmt nicht vor wie ein Aristokrat.“

„Immerhin haben wir nun einen Anhaltspunkt“, erwiderte Matt. „Ich werde ein paar diskrete Nachforschungen anstellen, damit ich dem Burschen wenigstens dafür danken kann, dass er meine ungehorsame Schwester zurückgebracht hat.“

Er duckte sich, um dem Samtkissen auszuweichen, das im nächsten Moment über seinen Kopf segelte. „Miserabel gezielt!“, erklärte er gut gelaunt und grinste Jessica übermütig an. „Anscheinend waren meine Versuche, dir Kricket beizubringen, eine einzige Zeitverschwendung.“

3. KAPITEL
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Nachdem er das Pferd in einem nahe gelegenen Mietstall untergestellt hatte, machte sich der kürzlich aus der Armee entlassene Dragonermajor und bisherige Honourable Benedict Ashcroft, nunmehr neunter Earl of Wyvern, auf den Weg zur Stadtresidenz seiner Familie am Grosvenor Square.

Er war eben in die South Audley Street eingebogen, als er jemanden seinen Namen rufen hörte.

„Ashcroft, du bist es tatsächlich! Hier drüben, alter Junge!“

Benedict sah sich suchend um. Am gegenüberliegenden Straßenrand entdeckte er eine schnittige Karriole, in deren begeistert zu ihm herüberwinkendem Fahrer er seinen ehemaligen Waffenkameraden Freddy Fitzallan erkannte. Ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht, während Benedict zurückwinkte und sich geschickt einen Weg durch den lebhaften Verkehr bahnte, um seinen Freund zu begrüßen.

„Wie schön, dich zu sehen, mein Lieber!“ Fröhlich grinsend lehnte Fitzallan sich vor und ergriff Benedicts ausgestreckte Hand. „Hätte nie erwartet, dich hier zu treffen, ehrlich. Du hast gerade erst deinen Abschied genommen, nicht wahr? Wo wolltest du hin? Spring rein, ich fahre dich.“

„Eigentlich lohnt es sich kaum, Freddy“, erwiderte Benedict und kletterte auf den Sitz neben seinen Freund. „Aber wenn du wirklich willst – ich war auf dem Weg nach Ashcroft House.“

Fitzallan ließ die Peitsche knallen und lenkte die Karriole mit beachtlicher Könnerschaft zurück in den dichten Straßenverkehr.

„Es tat mir so leid, als ich von der Sache mit Theo erfuhr“, sagte er und warf Benedict einen kurzen Blick zu. „Ich wollte es zuerst gar nicht glauben, dass jemand mit so viel Erfahrung so unvorsichtig mit einer Schusswaffe umgeht.“ Er schwieg einen Moment und setzte dann ein wenig verlegen hinzu: „Wir müssen uns wohl jetzt angewöhnen, dich mit Wyvern anzureden, nehme ich an.“

„Sieht ganz danach aus“, gab der neue Earl missmutig zurück. „Aber es ist wahrhaftig nicht das, was ich mir gewünscht hätte.“

Fitzallan nickte mitfühlend und räusperte sich. „Seit wann bist du zurück?“

„Ich kam heute früh in Tilbury an. Dort habe ich mir ein Pferd gemietet und bin schnurstracks zu unserem Rechtsbeistand nach Brentford geritten. Ich wollte mich über die Einzelheiten informieren, bevor ich mit meiner Großmutter spreche.“

„Wenn es etwas gibt, das ich für dich tun kann, lass es mich wissen, mein Lieber“, warf Fitzallan ein. „Du weißt, dass du nur zu fragen brauchst.“

„Sicher, Freddy.“ Benedict zwang sich zu lächeln. „Aber außer du hättest zufällig dreißigtausend Pfund übrig, gibt es nichts, das irgendwer für mich tun könnte.“

Fitzallan stieß einen leisen Pfiff aus. „Du lieber Himmel! Steht es wirklich so schlimm? Ich habe natürlich Gerüchte gehört, allerdings war mir nicht klar …“ Er verstummte und fuhr dann beinahe entschuldigend fort: „Meine Taschen sind leider leer, wie üblich. Ich musste mir gestern schon selbst etwas borgen, aber vielleicht kann Holt dir helfen. Du weißt ja, er ist stinkreich, unser guter alter Simon.“

Benedict schüttelte den Kopf. „War nur ein Witz, mein Lieber. Ich käme nicht im Traum auf den Gedanken, einen von euch anzupumpen. Abgesehen davon wäre es ohnehin zwecklos. Ich wüsste nicht, wie ich ein Darlehen dieser Größenordnung zurückzahlen sollte.“

In aller Kürze erstattete er Fitzallan Bericht von seinem Treffen mit Mr. Humphreys, dem Anwalt der Familie, ohne auf die unrühmlichen Details vom Untergang seines Bruders Theo einzugehen.

Soweit Benedict es Mr. Humphreys’ knappen Ausführungen entnommen hatte, war sein Bruder in den zwei Jahren nach dem Kutschenunfall, der seine Frau und seinen kleinen Sohn das Leben gekostet hatte, der Trunksucht verfallen. Er hatte angefangen zu spielen und Unsummen verloren – und Ashcroft Grange, das Anwesen der Familie in Middlesex, völlig heruntergewirtschaftet.

Unter den Freunden, die Theo in dieser Zeit um sich geschart hatte, schien es keinen gegeben zu haben, der willens oder imstande gewesen wäre, ihn von seinen unglückseligen Neigungen abzubringen – nicht einmal, als er, nachdem er sein eigenes, nicht unbeträchtliches Vermögen vergeudet hatte, offenbar dazu übergegangen war, Wertgegenstände zu verkaufen, die sich seit Generationen im Besitz der Familie befanden. Fast das gesamte silberne Tafelbesteck, die meisten der kostbaren Ölgemälde und etliche unersetzliche Wandteppiche hatten zur Finanzierung von Theos verheerender Spielleidenschaft herhalten müssen.

Es war dem Anwalt nicht leichtgefallen, Benedict auch noch den niederschmetternden Rest zu erzählen. Sein Bruder hatte eine Liste von Gläubigern hinterlassen, deren Ansprüche an ihn sich auf insgesamt dreißigtausend Pfund beliefen – bei fünfundzwanzigtausend davon handelte es sich um unbezahlte Spielschulden.

Je mehr ihm die Ausweglosigkeit von Theos Lage klar zu werden begann, desto besser konnte Benedict verstehen, wieso sein Bruder sich entschieden hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bei alledem, so betonte er an den sprachlosen Fitzallan gewandt, blieb jedoch die Frage offen, wie er selber die schier unüberwindlichen Probleme lösen sollte.

„Wenn das, was der Anwalt sagt, zutrifft“, erwiderte der Freund und steuerte die Karriole vorsichtig in die Grosvenor Street, „bleibt dir nichts anderes übrig, als Ashcroft Grange möglichst Gewinn bringend zu verkaufen.“

„Oh nein, nicht du auch noch!“ Dass Fitzallan bereit schien, ein Anwesen, das sich seit Jahrhunderten in Familienbesitz befand, schulterzuckend aufzugeben, machte Benedict wütend. „Humphreys riet mir dasselbe, doch allein der Gedanke an einen Verkauf ist völlig abwegig. Eher würde ich sterben.“ Im nächsten Moment ging ihm die Bedeutung seiner Worte auf, und er stieß ein hohles Lachen aus. „So weit wird es natürlich nicht kommen.“

„Immer mit der Ruhe, alter Freund“, mahnte Fitzallan. „Noch ist nicht alles verloren, und wenn wir uns vernünftig über die Sache unterhalten, werden uns sicher ein paar gute Ideen kommen. Wahrscheinlich hat die Dowager Countess auch schon ein oder zwei Asse im Ärmel. So wie ich sie kenne, ist ihr längst eine passende Lösung eingefallen.“

Das Lächeln, das Benedict daraufhin aufsetzte, missglückte ein wenig. „Wenn man Humphreys glauben darf, ist meine Großmutter so umtriebig wie eh und je und saust durch die Gegend, als wäre sie fünfundzwanzig.“

„Dabei ist sie um die achtzig, nicht wahr?“

„Sechzig, wie sie behauptet.“ Benedict sah seinen Freund fragend an, als die Karriole in den Grosvenor Square einbog. „Kommst du kurz mit hinein und sagst ihr Guten Tag? Du weißt ja, dass sie immer eine Schwäche für dich hatte.“

Fitzallan zog seine Taschenuhr hervor und warf einen Blick darauf. „Ein andermal“, erklärte er bedauernd. „Ich habe mich mit Holt verabredet und bin schon eine halbe Stunde zu spät dran. Aber vielleicht hast du Lust, uns heute Abend bei Brooks’ zu treffen?“

Mit dem Versprechen, zu tun, was er konnte, sprang Benedict zu Boden. Er winkte seinem Freund zum Abschied zu und eilte die flachen Stufen zum Eingang des Stadthauses hinauf. Jesmond, der ältliche Bedienstete der Dowager Countess, öffnete ihm.

Ein paar Minuten später betrat Benedict den Roten Salon, in dem seine Großmutter sich des Nachmittags am liebsten aufhielt.

„Benedict! Mein lieber Junge – endlich bist du wieder da.“ Anmutig erhob sich die hochgewachsene weißhaarige Lady Lavinia Wyvern aus ihrem Sessel und ergriff ihren Enkel bei den Schultern, um ihn fest auf beide Wangen zu küssen. Dann schob sie ihn ein kleines Stück von sich und musterte sein attraktives Gesicht.

„Du siehst müde aus, mein Junge. Ich werde Mrs. Winters Bescheid sagen, dass sie ein Bad für dich vorbereitet. Aber als Erstes musst du ein Glas Brandy mit mir trinken.“ Mit diesen Worten trat Ihre Ladyschaft zum Klingelzug und läutete nach einem Diener.

„Du warst bei Humphreys?“, fragte sie gespannt, als Jesmond ihnen Karaffe und Gläser gebracht hatte und sie und ihr Enkel Platz nahmen.

Benedict nickte. „Ich habe ihn aufgesucht, sobald ich an Land gegangen war. Und deine Vermutung scheint zuzutreffen – alles spricht dafür, dass Theo freiwillig aus dem Leben geschieden ist.“

„Humphreys teilte mir mit, dass dein Bruder einen Brief für dich hinterlassen hat. Ich gehe davon aus, dass er darin eine Erklärung abgibt für sein unakzeptables Verhalten.“

Benedict nahm das Schreiben aus seiner Rocktasche und gab es seiner Großmutter. „Ich fürchte nein. Er bittet um Entschuldigung, doch ansonsten zeugen seine Zeilen von einem Zustand extremer geistiger Verwirrung.“

Seufzend lehnte Benedict sich zurück und fuhr sich durch sein widerspenstiges dunkles Haar, während er im Geist die Worte seines Bruders wiederholte, die er inzwischen auswendig kannte.

Ben, alter Junge, lauteten sie, bin am Ende … habe alles vermurkst … sehe keinen Sinn mehr im Leben … hinterlasse Dir die Zeche … tut mir so leid … kümmer Du Dich darum … habe nicht mehr die Kraft … weißt du noch, wo wir als Kinder gespielt haben? … musst den Besitz retten, unbedingt … verlasse mich auf Dich … verzeih mir, Theo.

„Mir ist unbegreiflich, wie es so weit kommen konnte“, wandte er sich an seine Großmutter. „Ich wusste, dass es ihm schlecht ging, nachdem er Sophia und den kleinen Edwin verloren hatte, doch mir war nicht klar, wie schlimm es wirklich um ihn stand. Von einem Kameraden bei der Armee hörte ich zwar, es ginge das Gerücht, dass Theo zum Trinker geworden sei, aber als Humphreys mir eröffnete, dass er das gesamte Familienvermögen in Spielhöllen durchgebracht hat, konnte ich es kaum glauben – zumal Vater ihn früher immer wegen seiner Gesetztheit aufzog.“

Für eine Weile hörte man nichts außer dem lauten Ticken der großen alten Standuhr, doch plötzlich wurde Benedict sich bewusst, dass Ihre Ladyschaft ihn erwartungsvoll ansah. Er holte tief Luft und versuchte, seine widerstreitenden Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

„Nun, wenigstens darf man Theo zugute halten, dass er für kurze Zeit nüchtern genug war, um zu erkennen, was er angerichtet hat“, fuhr er fort. „Auch wenn sein Abschiedsbrief zeigt, wie verwirrt er in anderer Hinsicht gewesen sein muss. Denn wenn die Dinge wirklich so stehen, wie Humphreys sagt – wie konnte Theo dann davon ausgehen, dass ich alles wieder in Ordnung bringe?“

„Du hast hoffentlich nicht die Absicht, gefühlsduselig zu werden, mein Junge!“, versetzte die Dowager Countess scharf. „Dein Bruder hat sich als Schwächling erwiesen und einen feigen Ausweg gewählt. Also lass uns nicht länger über die Angelegenheit reden.“

„Langsam, Großmutter“, protestierte Benedict, bestürzt über die Mitleidlosigkeit der alten Dame. „Ich bin nicht der Auffassung, dass Theo ein Feigling war. Es ist doch verständlich, dass er nach dieser entsetzlichen Tragödie zu trinken anfing, zumal er sich zweifellos vorwarf, am Tod seiner Frau und seines Sohnes schuld zu sein – schließlich hatte er die Chaise kutschiert. Er muss furchtbar gelitten haben …“

„Papperlapp“, fiel ihm die Dowager Countess ins Wort. „Er war nicht der erste Mensch auf der Welt, der einen solchen Verlust erlitt und mit dem Leben weitermachen musste, noch wird er der letzte gewesen sein. Darf ich dich daran erinnern, dass ich selbst mit zweiundzwanzig Jahren Witwe wurde, als dein Großvater von seinem Pferd abgeworfen wurde und sich das Genick brach? Und erlaubte ich mir etwa, dahinzusiechen oder zur Flasche zu greifen?“

Benedict schüttelte nur den Kopf, ohne zu antworten. Er wusste aus Erfahrung, dass es keinen Zweck hatte, seine Großmutter zu unterbrechen, wenn sie in Fahrt war.

„Nein, das tat ich nicht!“, beantwortete die Dowager Countess ihre rhetorische Frage. „Der Besitz musste geführt werden, zwei kleine Kinder waren zu erziehen – also verbot ich mir meinen Kummer und meine Tränen, klemmte mich hinter die Dinge und stand die Schwierigkeiten durch. Darum jammere mir bitte nichts von Leid vor. Schlimm genug, dass dein Bruder sich seinen Lastern ergab, aber dir die Lösung der Probleme aufzubürden, die er verursacht hat und denen er sich nicht gewachsen fühlte, ist wirklich der Gipfel!“

Als ihr Enkel beharrlich schwieg, leerte Lady Wyvern ihr Glas in einem Zug und zuckte verächtlich mit den Schultern. „Nun, ich habe meine Meinung gesagt, und du kannst gerne beleidigt sein. Als der Mann indes, für den ich dich halte, wirst du uns noch einen Brandy eingießen und mit mir zusammen erörtern, wie wir den Schaden beseitigen, den Theodore mit seinem Mangel an Selbstdisziplin angerichtet hat.“

„Ich nehme an, wir haben keine reichen Verwandten, von deren Existenz ich bislang nicht unterrichtet war?“ Wiewohl er ihre Ansichten über seinen Bruder nicht teilte, war Benedict zu dem Schluss gelangt, dass es zu nichts führte, mit seiner Großmutter zu streiten. Er schenkte ihr nach und griff mit der anderen Hand nach Theos Abschiedsbrief, den sie achtlos auf den Beistelltisch neben sich geworfen hatte.

„Bedauerlicherweise nicht.“ Die Dowager Countess lachte leise in sich hinein, erleichtert, dass ihr Enkel Humor bewies. „Nein, mein Junge, aber was wir im Moment am besten gebrauchen könnten, wäre eine reiche Erbin, die es auf einen Titelträger abgesehen hat.“

Benedict versteifte sich. „Ich war davon ausgegangen, dass ich ein Mitreden habe, wenn es um die Wahl meiner Braut geht.“

Lady Wyvern warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Du bist doch hoffentlich nicht schon verlobt?“

Mit Bedauern verbannte Benedict die berückenden Bilder einer gewissen Pariser Balletttänzerin, die vor seinem inneren Auge auftauchten, und stieß ein unfrohes Lachen aus. „Nichts dergleichen, ich versichere es dir. Aber um auf den Punkt zu kommen – ich bezweifle, dass selbst die ehrgeizigste Matrone bereit wäre, ihre Tochter mit einem Habenichts wie mir zu vermählen, Earl hin oder her.“

„Unsinn“, schalt seine Großmutter ungehalten. „Der Name Wyvern gilt etwas in diesem Land!“

„Nicht, wenn Humphreys’ Behauptungen zutreffen“, entgegnete Benedict bitter.

„Was untersteht sich dieser Mensch!“ Die Dowager Countess reckte das Kinn und richtete sich gerade auf. „Lass mich hören, was er gesagt hat.“

Benedict zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls gewann ich den Eindruck, dass unser Name nicht mehr genug Gewicht besitzt, um uns weitere Kredite bei Coutts zu sichern. Glücklicherweise konnte Humphreys die Bankiers überreden, von einer sofortigen Rückzahlung abzusehen. Aber unglücklicherweise gibt es noch all die anderen Gläubiger, und sie werden in Kürze vor unserer Tür stehen.“

Nachdenklich nahm Lady Wyvern einen Schluck Brandy.

„Dann müssen wir etwas unternehmen, mein Junge“, beschied sie. „Und zwar bevor alle Welt Bescheid weiß über Theos Verfehlungen.“

Sie betrachtete ihren Enkel schweigend und nickte schließlich energisch.

„Wir werden eine Soiree veranstalten.“

„Eine Soiree!“, wiederholte Benedict bestürzt. „Aber wir sind noch in Trauer!“

Die Dowager Countess zuckte mit den Schultern. „Wir haben keine Zeit, uns um derlei Feinheiten des Benehmens zu kümmern. Mir schwebt auch kein großes gesellschaftliches Ereignis vor, sondern lediglich eine kleine Zusammenkunft, die uns die Gelegenheit gibt, Miss Eulalia Capstick einzuladen … oder nein, warte mal – was hältst du von Felicity Draycott?“

Benedict verschluckte sich beinahe an seinem Brandy. „Du hast schon eine Liste geeigneter Bräute erstellt?“, fragte er fassungslos.

„Felicity erhält eine Mitgift von fünfzigtausend Pfund“, erwiderte seine Großmutter unbeeindruckt. „Und sie ist die Alleinerbin sämtlicher Anwesen ihres Vaters. Eine bessere Lösung für unsere Probleme wird sich kaum finden lassen. Außerdem verehrt das Mädchen dich, seit du in Cambridge warst.“

Ein Ausdruck heftigen Missfallens huschte über Benedicts Gesicht. „Wenn es dir nichts ausmacht“, entgegnete er eilig, „würde ich es vorziehen, meine Bekanntschaft mit Miss Draycott nicht zu vertiefen.“

Lady Wyvern lehnte sich vor und klopfte ihrem Enkel einige Male nachdrücklich mit ihrem Fächer aufs Handgelenk. „Deine Lage erlaubt es dir nicht, besonders wählerisch zu sein, Benedict“, rief sie ihm ins Gedächtnis. „Mädchen, die reich und anziehend sind, haben es meist auf die jungen Stutzer abgesehen. Und leider gibt es diese Saison kaum ein hübsches Gesicht unter den Debütantinnen – außer der kleinen Beresford natürlich, aber sie …“

Benedict spitzte die Ohren. „Beresford?“, fragte er neugierig.

Seine Großmutter zuckte die Achseln. „Jessica Beresford, die diesjährige Ballschönheit“, erklärte sie herablassend. „Die Tochter eines Bürgerlichen, der in Indien ein Vermögen gemacht hat und inzwischen verstorben ist. Ich habe ihn einmal getroffen – Sir Matthew Beresford, ein wichtigtuerischer Niemand, insbesondere nachdem ihm die Würde eines Ritters des Königreichs verliehen worden war. Er hatte eine gewisse Emily Herrington geheiratet und sie mit auf den Subkontinent genommen. Sie starb bei der Geburt von Miss Beresfords älterem Halbbruder. Er heißt ebenfalls Matthew, glaube ich.“

„Halbbruder?“, wiederholte Benedict fragend. Angesichts der lebhaften Vision eines Paars blitzender grüner Augen hatte er ein wenig Mühe, den Erklärungen seiner Großmutter zu folgen.

Ihre Ladyschaft nickte. „Das jetzige Familienoberhaupt. Wie es scheint, wollte sein Vater nichts mit dem Jungen zu tun haben – er machte ihn für den Tod seiner Gattin verantwortlich oder irgend so ein Unfug. Nun, jedenfalls heiratete Sir Matthew ein zweites Mal und bekam eine Tochter und einen weiteren Sohn. Letztes Jahr schließlich, nach dem Tod seines Vaters, tauchte dann der Älteste auf. Er trat sein Erbe an, vermählte sich mit der Nichte seiner Stiefmutter und ist nun der Vormund dieser Jessica.“

Die Dowager Countess schwieg und warf ihrem Enkel einen prüfenden Blick zu. Als sie seinen faszinierten Gesichtsausdruck bemerkte, schüttelte sie den Kopf.

„Das Mädchen ist nichts für dich, Benedict“, erklärte sie nachdrücklich. „Ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass sie nicht mehr als fünftausend im Jahr wert ist, und das reicht uns bei Weitem nicht.“

„Keine Sorge, Großmutter“, erwiderte Benedict mit einem schiefen Grinsen. „Ich versichere dir, ich hege nicht die Absicht, mich in die Schar ihrer Verehrer einzureihen. Außerdem hatte ich bereits das zweifelhafte Vergnügen, die junge Dame kennenzulernen, und ich verspüre keinerlei Neigung, die Bekanntschaft fortzuführen.“

Noch während er sprach, fiel ihm sein sonderbares Verhalten im Hinblick auf Miss Beresfords Taschentuch ein, und er spürte, wie er rot wurde. „Im Übrigen wird es sicher nicht schaden, wenn ich den Draycotts einen Höflichkeitsbesuch abstatte“, sagte er rasch, um seine Großmutter abzulenken.

Die strengen Züge der Dowager Countess wurden umgehend weicher. Sie sah ihn an und nickte beifällig. „Das ist außerordentlich vernünftig von dir, Benedict. Die Rettung von Ashcroft Grange muss Vorrang haben vor irgendwelchen persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Das Anwesen gehört uns seit über zehn Generationen. Vor sechzig Jahren habe ich darum gerungen, den Besitz über die Runden zu bringen, nun bist du an der Reihe. Du darfst einfach nicht kampflos aufgeben!“

Benedict sprang auf und war mit zwei Schritten bei seiner Großmutter. Er ging vor ihr in die Hocke und ergriff ihre Hände.

„Ich verspreche dir, ich werde alles tun, was notwendig ist“, erklärte er bewegt. „Miss Felicity Draycott wird in mir den Mann finden, von dem sie ihr ganzes Leben lang geträumt hat. Darauf gebe ich dir mein Wort.“

4. KAPITEL
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Wichtige geschäftliche Angelegenheiten hielten Matt Beresford einstweilen davon ab, Nachforschungen über den Retter seiner Geschwister anzustellen. Er sah sich indes gezwungen, dem jungen Lieutenant Stevenage die Leviten zu lesen, als dieser schließlich drei Tage nach dem Überfall auf Nicholas und Jessica in der Dover Street vorsprach.

„Nun denn, junger Mann, was haben Sie zu all dem zu sagen?“, fragte Matt streng, nachdem er Stevenage über die unglückseligen Ereignisse aufgeklärt hatte.

Der Lieutenant war leichenblass geworden. „Ich … ich kann Sie nur inständig um Entschuldigung bitten, Sir“, antwortete er. „Ich versichere Ihnen, ich habe nichts unversucht gelassen, um Miss Jessica von ihrem … Vorhaben abzubringen …“

„… doch sie setzte wie üblich ihren Kopf durch?“, vervollständigte Matt die gestammelte Rechtfertigung. Er konnte sich recht gut vorstellen, in welche Zwangslage seine eigensinnige Schwester den jungen Mann gebracht hatte.

Stevenage wurde feuerrot, straffte indes mannhaft die Schultern und sah seinem Gastgeber fest in die Augen. „Gleichwohl liegt die Verantwortung für das, was geschehen ist, ausschließlich bei mir, Sir, und ich versichere Ihnen, dass meine Hauptsorge Miss Beresfords Wohlergehen gelten wird, sollte sich je wieder etwas Ähnliches ereignen.“

Der junge Mann blickte so reuevoll drein, dass es Matt nur mit Mühe gelang, ein amüsiertes Grinsen zu unterdrücken. In der kurzen Zeit, die er ihn nun kannte, hatte Stevenage sich als durch und durch ehrenhaft gezeigt, und bis zu dem unglücklichen Zwischenfall vor drei Tagen wäre es Matt nicht in den Sinn gekommen, die wachsende Freundschaft zwischen ihm und seiner Schwester zu unterbinden. Der Lieutenant war nicht der Typ Mann, der sich Freiheiten herausnahm, und sowohl dieser Umstand als auch die Tatsache, dass er eine Schwester in Jessicas Alter hatte, machte ihn in Matts Augen nach wie vor zu einem idealen Begleiter für das Mädchen.

„Ihre Entschuldigung ist angenommen“, brummte er daher versöhnlich und wies mit einer einladenden Geste auf den Flaschenständer auf seinem Schreibtisch. „Ich glaube Ihnen, dass Sie getan haben, was Sie konnten. Aber lernen Sie aus der Erfahrung, mein Junge!“

Ein paar rasche Schlucke aus dem Brandyglas, das der Hausherr ihm reichte, beruhigten die Nerven Lieutenant Stevenages so weit, dass er den Mut aufbrachte zu fragen, ob er Miss Jessica irgendwann in der nächsten Zeit wieder ausführen dürfe.

„Ich glaube, wir haben für heute Abend eine Loge im Drury Lane reserviert“, erwiderte Matt nach einem Moment des Nachdenkens. „Vielleicht hätten Sie und Ihre Schwester Lust, sich uns anzuschließen?“

Obgleich weit davon entfernt, ein glühender Verehrer der Oper zu sein, nahm Stevenage die Einladung bereitwillig an. Olivia wird sicher ganz begeistert sein, machte er sich Mut. Und was zählten schon ein paar Stunden unverständliches Gejaule im Vergleich zu dem Vergnügen, Jessica wiederzusehen?

Als er und seine Schwester ihre Plätze in der beresfordschen Loge eingenommen hatten, konnte Lieutenant Stevenage eine leichte Enttäuschung nicht unterdrücken. Jessica schien seine Anwesenheit kaum zur Kenntnis zu nehmen. Sie wirkte in einer Weise zerstreut, die er an ihr nicht kannte, und obwohl sie sich offenbar über sein Erscheinen gefreut und sich sogar dafür entschuldigt hatte, dass sie seinem Rat nicht gefolgt war, zeigte sie wenig Neigung, sich mit ihm zu unterhalten.

Während des gesamten ersten Akts bemühte sich Stevenage nach Kräften, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch was er auch tat, es gelang ihm nicht einmal, einen Blick von ihr zu ergattern, und jeder Versuch, eine Konversation zu beginnen, war angesichts der ohrenbetäubenden Lautstärke von Gesang und Musik zum Scheitern verurteilt.

Stevenage stieß einen unhörbaren Seufzer aus. Nun, dann werde ich eben bis zur Pause warten, dachte er hoffnungsvoll. Bis dahin musste er wohl oder über versuchen, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen, obwohl ihm schleierhaft war, was sich da unten eigentlich abspielte.

Je länger er indes dasaß und sich entsetzlich langweilte, desto bleierner schienen seine Lider zu werden. Irgendwann fielen sie zu, und hätte der Akt nicht in einem ohrenbetäubenden Crescendo geendet, wäre er wohl eingeschlafen. So jedoch riss er die Augen auf und war auf den Füßen, noch ehe der Vorhang fiel. Er winkte Nicholas zu und wollte ihm gerade vorschlagen, mit den beiden jungen Damen nach draußen zu gehen und sich ein wenig Bewegung zu verschaffen, als Jessicas aufgeregtes Flüstern ihn innehalten ließ.

„Nick, sieh doch bloß! Da drüben, in der Loge genau gegenüber. Das ist er, ich bin ganz sicher.“

„Wer – er?“ Für einen Moment aus dem Konzept gebracht, spähte Nicholas angestrengt im Zuschauersaal umher. Dann hatte er die Loge, die seine Schwester meinte, entdeckt, und seine Miene hellte sich auf. „Tatsächlich! Ich glaube, du hast recht“, rief er aus und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er versuchte, seinen Halbbruder am Ärmel zu zupfen, um ihn auf Jessicas Entdeckung aufmerksam zu machen. „Wyvern, Matt! Dort drüben sitzt er. Sollen wir zu ihm gehen und mit ihm reden, was meinst du?“

Während ihre Brüder sich mit gesenkter Stimme berieten, hielt Jessica den Atem an. Seit drei Tagen rechnete sie stündlich mit einer Aufwartung ihres unbekannten Retters. Weshalb sie seinen Besuch regelrecht herbeifieberte, hätte sie nicht sagen können, zumal wenn sie sich die selbstherrliche Haltung des Gentleman in Erinnerung rief, aber nun reichte sein bloßer Anblick aus, um ihr ein sonderbares Flattern in der Magengegend zu verursachen.

Er war nicht allein. Zu seiner Linken saß eine würdevolle alte Dame – die respekteinflößendste Frau, die sie je gesehen hatte, wie Jessica augenblicklich beschied. Ihr Blick wanderte zu dem Stuhl auf Lord Wyverns anderer Seite, und unwillkürlich entrang sich ihr ein kummervoller Seufzer. Wenn sie nicht alles täuschte, handelte es sich bei Wyverns zweiter Begleiterin um Felicity Draycott, eine jener jungen Damen aus dem Zirkel überheblicher Debütantinnen, die ihr, seit sie sich in der Stadt aufhielt, die kalte Schulter zeigten.

Nicht dass dieser Tatbestand Jessica sonderlich gestört hätte – dazu war sie sich der Aufmerksamkeit zu vieler Verehrer sicher –, aber wie um alles in der Welt ein so gut aussehender Mann wie der Earl of Wyvern sich mit einer so unerträglich hochmütigen Person abgeben konnte, war ihr ein Rätsel.

Außer natürlich, Miss Draycott wäre eine Verwandte von ihm, schoss es ihr durch den Kopf. Ja, das musste der Grund sein. Ihre Mundwinkel bogen sich nach oben, und ihre smaragdfarbenen Augen begannen lebhaft zu funkeln, während Jessica gespannt beobachtete, wie Matt Lord Wyverns Loge betrat.

„Weshalb dieses plötzliche Aufhebens um Ben Ashcroft?“ Der Ton, in dem der Lieutenant seine Frage stellte, klang ein wenig gereizt.

„Ashcroft?“ Verwundert drehte Imogen sich zu ihm um. „Ich dachte, der Name des Gentleman lautet Wyvern!“

Stevenage zuckte mit den Schultern. „Nun ja, ich nehme an, es ist angemessen, ihn mit Wyvern anzusprechen, nachdem er kürzlich den Titel seines Bruders geerbt hat“, antwortete er gleichgültig. „Ich lernte ihn letztes Jahr in Paris kennen, als er noch Offizier bei der 13. Leichten Brigade war. Er ist erst seit ein paar Tagen wieder im Land.“ Er schwieg einen Moment und wandte sich Jessica zu. „Eigenartigerweise lief er mir neulich im ‚Rose and Crown‘ über den Weg, an genau dem Tag, als wir auch dort waren – er wollte sein Pferd tränken und etwas essen, erzählte er mir.“

„Tatsächlich?“, fragte Jessica aufgeregt. „Ich kann mich nicht erinnern, ihn gesehen zu haben. Wo trafen Sie ihn?“

„In der Schankstube.“ Verdutzt runzelte Stevenage die Stirn. „Nachdem Sie und Nick losgefahren waren. Aber was interessiert Sie so an dem Burschen?“

„Er ist derjenige, der die beiden Straßenräuber in die Flucht geschlagen hat“, platzte Nicholas heraus. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. „Dann müssen Sie es gewesen sein, der ihm verriet, wer wir sind!“

Stevenage wurde rot. Anstatt umgehend zu seiner Schwester zurückzukehren, war er in die Schankstube gestapft, wie er sich nun unbehaglich in Erinnerung rief, und hatte eine ziemliche Menge Brandy in sich hineingeschüttet, um das unerträgliche Gefühl von Hilflosigkeit zu ertränken, das Jessicas eigenmächtiges Verhalten in ihm hervorgerufen hatte.

„Möglich“, räumte er vorsichtig ein. „Auf die Einzelheiten unseres Gesprächs kann ich mich allerdings beim besten Willen nicht mehr besinnen.“

Das traf zu, wenn auch in einer Weise, die Stevenage höchst unangenehm war. Unter dem Einfluss des ungewohnt großen Quantums Brandy hatte er seiner Entrüstung über Miss Beresfords Rücksichtslosigkeit vermutlich deutlicher Ausdruck verliehen, als es die Regeln der Schicklichkeit zuließen.

„Macht nichts, Harry.“ Nicholas’ Aufmerksamkeit war wieder voll auf die Loge gegenüber konzentriert. „Wir haben uns nur gefragt, woher er unseren Namen kannte – oh, sehen Sie nur, Matt verabschiedet sich gerade von ihm.“

In höchster Ungeduld wartete Jessica auf das Erscheinen ihres älteren Bruders. Jede Menge Fragen wirbelte ihr durch den Sinn. Hatte Matt den Gentleman – nein, Lord Wyvern – eingeladen, ihnen die Aufwartung zu machen? Ihn vielleicht sogar zum Dinner gebeten? Wann? Was hatte Seine Lordschaft geantwortet? Gespannt beobachtete sie, wie der Earl zu seinem Platz zurückkehrte. Plötzlich sah er in ihre Richtung, und Jessica klopfte das Herz bis zum Hals. Dieser Mann war tatsächlich noch attraktiver, als sie ihn in Erinnerung hatte! In der Gewissheit, dass ihre schönen Augen funkelnden Smaragden nie mehr geähnelt haben konnten als in diesem Moment, setzte sie ihr bezauberndstes Lächeln auf und erwiderte Wyverns Blick.

Die Neuigkeiten indes, die Matt brachte, als er kurz darauf die Loge betrat, waren wenig ermutigend. Lord Wyvern hatte ihm für die Einladung gedankt und versichert, er werde sich bemühen, den Besuch nicht allzu lange aufzuschieben. Im Augenblick allerdings müsse er sich einer Reihe dringender geschäftlicher Verpflichtungen widmen und könne daher nicht sagen, wann genau mit seiner Aufwartung zu rechnen sei.

Beinahe gegen seinen Willen schweifte Benedicts Blick noch einmal zur Loge der Beresfords auf der anderen Seite. Aus irgendeinem ihm rätselhaften Grund interessierte es ihn über die Maßen, wie Jessica Beresford auf die Ankündigung ihres Bruders reagieren würde.

Er musste nicht lange warten. Kaum hatte Matt den Kernpunkt seiner Botschaft vorgetragen, verschwand das betörende Lächeln von ihren Lippen, als sei es weggewischt worden, und machte einem Ausdruck tiefer Enttäuschung Platz.

Benedict zog die Brauen zusammen. Nachdem die junge Dame sich ihm gegenüber so hochnäsig verhalten hatte, konnte er sich nicht recht erklären, warum seine ablehnende Antwort auf Beresfords Einladung ein solches Missfallen bei ihr auslösen sollte. Andererseits lag es nach allem, was der junge Stevenage ungewollt über sie preisgegeben hatte, keineswegs außerhalb vorstellbarer Möglichkeiten, dass es sich bei Miss Beresfords übertriebener Zurschaustellung von Gefühlen lediglich um eine ihrer zahlreichen schlechten Gewohnheiten handelte.

Der Eindruck, den er von Jessica Beresford gewonnen hatte, stimmte durchaus mit dem Bild überein, das der angetrunkene Lieutenant von ihr gezeichnet hatte. Nein, korrigierte Benedict sich im Geist. Vermutlich ist sie sogar noch selbstsüchtiger und sturer. Miss Beresford ist es gewohnt, ihren Kopf durchzusetzen, und wehe, jemand besitzt die Frechheit, ihre Absichten durchkreuzen zu wollen!

Nun, seinetwegen konnte die junge Dame bis zum Sankt Nimmerleinstag mit ihren langen Wimpern klimpern. Wenn sie glaubte, ihn auf diese Weise in die Schar junger Lackaffen einreihen zu können, die nach ihrer Pfeife tanzten, würde sie eine weitere herbe Enttäuschung erleben. Das Mädchen hat eine Lektion dringend nötig, befand er und erging sich in einer Reihe von Fantasien, die allesamt zum Inhalt hatten, wie die verwöhnte junge Dame von ihrem Hochmut geheilt werden könnte.

Als der Vorhang sich zum zweiten Akt hob, spielte ein Lächeln um Benedicts Lippen. Hätte ich nur mehr Zeit zur Verfügung! dachte er mit leisem Bedauern. Ich wäre nicht im Mindesten abgeneigt, diese sicherlich äußerst befriedigende Aufgabe persönlich zu übernehmen. Miss Beresfords ansprechende Kurven kamen ihm in den Sinn – es war ein Leichtes, sich auszumalen, wie sich ihr wohlgerundeter Körper in seinen Armen anfühlen würde. Und erst ihre Augen! Er hätte schwören mögen, dass es keinen Mann gab, der nicht bereit gewesen wäre, in diesen tiefgrünen Seen zu ertrinken.

Ein plötzlicher Beckenschlag aus dem Orchestergraben schleuderte Benedict unsanft aus seinem angenehmen Tagtraum und brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Irritiert runzelte er die Stirn. Was in Gottes Namen war bloß über ihn gekommen? Als ob es nicht schon genug Komplikationen gäbe in seinem Leben!

Er hatte die letzten Tage damit verbracht, sich vor Ort über den genauen Zustand von Ashcroft Grange zu informieren. Zu seiner Erleichterung lagen die Dinge nicht ganz so im Argen, wie Mr. Humphreys’ Schilderungen ihn hatten glauben lassen. Brigham, der altgediente Verwalter der Familie, hatte ihm versichert, dass das Anwesen genügend Ertrag abwarf, um die nächsten Monate über die Runden zu kommen. Angesichts dieser Auskunft war Benedict zuversichtlich, dass die Zinsen seines eigenen kleinen Vermögens ausreichen würden, um die Löhne der Diener und die täglich anfallenden Ausgaben zu bestreiten.

Alles in allem konnte er ein wenig beruhigter in die Zukunft blicken. Ungelöst blieb indes die Frage, wie er an den gewaltigen Betrag von dreißigtausend Pfund gelangen sollte, den er brauchte, um Theos Gläubiger zu befriedigen. Die Kunde von der Ankunft des neuen Earls würde sie inzwischen erreicht haben, und er musste damit rechnen, dass sie in Kürze auf der Rückzahlung ihrer Forderungen bestanden.

Es war einzig und allein die Aussicht auf diesen unerfreulichen Umstand, die ihn bewogen hatte, seine Großmutter heute Morgen zu einer Aufwartung in Draycott House zu begleiten.

Benedicts Blick schweifte kurz zu der jungen Dame, die zu seiner Rechten saß. Felicity Draycott hielt ihre Hände im Schoß gefaltet und schien ihre gesamte Aufmerksamkeit auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren. Der Anblick personifizierter Sittsamkeit, den sie bot, rief ihm auf unangenehme Weise in Erinnerung, welche Anstrengungen er unternommen hatte, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln, und wie rasch ihm klar geworden war, dass Miss Draycott zu keinem der Themen, die er anschnitt, eine Meinung zu äußern vermochte. Ihre Angewohnheit, züchtig die Lider zu senken, wann immer er das Wort an sie richtete, hatte ihm gezeigt, dass sie entschlossen war, jedweder Konfrontation auszuweichen. Aber während ein solch verschämtes Verhalten anderen Männern ohne Zweifel gefiel, erregte es bei Benedict nichts als Verärgerung.

Ein leiser Seufzer entrang sich seinen Lippen, und plötzlich legte seine Großmutter ihm die Hand auf den Arm. Benedict wandte ihr das Gesicht zu und schenkte ihr ein klägliches Lächeln. Seine Entscheidung war gefallen. Gleichgültig, wie sehr er vom Reichtum Miss Draycotts profitiert hätte, er musste sich nach einer anderen Möglichkeit umsehen, um die Geschicke seiner Familie zu retten.

5. KAPITEL
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Unwillig warf Benedict die Zahlungsaufforderung eines weiteren von Theos Gläubigern auf den Stapel, der sich bereits auf dem Schreibtisch türmte, und lehnte sich erschöpft in seinem Sessel zurück.

Obwohl er einigermaßen zuversichtlich sein konnte, dass die Anstrengungen des tüchtigen Brigham, Ashcroft Grange wieder rentabel zu machen, Erfolg zeitigen würden, hatte die Einstellung der dafür notwendigen Arbeitskräfte eine empfindliche Bresche in die beschränkten Geldmittel geschlagen, die Benedict zur Verfügung standen. Hinzu kam, dass die Ausgaben für die aufwendige Soiree, die die Dowager Countess für den nächsten Freitag plante, sein Kapital noch weiter zusammenschmelzen ließen. Ein höchst verlegener Jesmond hatte ihn in den letzten Tagen mehrfach darauf hingewiesen, dass die langjährigen Lieferanten der Familie neuerdings Barzahlung verlangten, und Ihre Ladyschaft ließ sich allen Bedenken ihres Enkels zum Trotz nicht von ihren umfangreichen Warenbestellungen abbringen. Die Rückkehr der Ashcrofts in die Gesellschaft erfordere einen angemessenen Rahmen, so argumentierte sie, und man dürfe den Gästen nicht den geringsten Anlass zu der Vermutung geben, dass der Earl of Wyvern in finanziellen Schwierigkeiten steckte.

Mit einem resignierten Seufzen stand Benedict auf. Rastlos im Raum auf und ab wandernd, zerbrach er sich zum zigsten Male den Kopf darüber, wie um alles in der Welt er seine Probleme lösen sollte, ohne sich Geld zu leihen. Allein der Gedanke daran war ihm zuwider, und er hatte ihn immer wieder von sich geschoben, aber welche andere Wahl blieb ihm? Er brauchte ein Darlehen, doch selbst wenn er diese Tatsache akzeptierte, stand gleich die nächste Hürde ins Haus. Welche Bank würde ihn für vertrauenswürdig befinden? Mr. Humphreys’ Warnung, dass der verstorbene Earl die Geduld sämtlicher großer Bankhäuser erschöpft habe, war ihm noch deutlich im Ohr. Er musste davon ausgehen, dass keines von ihnen bereit war, ihm einen Kredit zu gewähren.

Also blieb ihm nur, einen seiner Bekannten um Geld zu bitten. Jeder von ihnen würde ihm gern unter die Arme greifen, das wusste er. Tatsächlich hatte sein bester Freund, Sir Simon Holt, ihn die ganze letzte Woche bedrängt, eine schwindelerregend hohe Summe anzunehmen, an die keinerlei Bedingungen geknüpft waren. Auf seine Proteste hin hatte Holt ihn daran erinnert, dass er dem tapferen Eingreifen Benedicts bei Waterloo sein Leben verdanke.

Trotzdem konnte er sich nicht dazu durchringen, von dem großzügigen Angebot Gebrauch zu machen. Er hatte Freundschaften unter ähnlich wohlmeinenden Umständen scheitern sehen, und da er so, wie die Dinge standen, niemals in der Lage sein würde, Holts Kredit zurückzuzahlen, schreckte er davor zurück, die gute Beziehung zu seinem ehemaligen Waffenkameraden aufs Spiel zu setzen.

Angewidert rief er sich die einzige Alternative ins Gedächtnis, die ihm blieb – die Eheschließung mit einer Erbin. Seit dem Opernbesuch waren mehrere Tage vergangen, und in dieser Zeit hatte er Felicity Draycott nicht nur zweimal die Aufwartung gemacht, sondern sie sogar zu einem Musikabend begleitet. Und wie er zugeben musste, war Miss Draycott in dem trostlosen Häuflein von Kandidatinnen, das seine Großmutter auf ihrer Liste versammelt hatte, trotz ihres erschreckenden Mangels an Temperament noch das Beste, was ihm unter den gegebenen Umständen passieren konnte.

In den sorglosen Jahren seines Junggesellenlebens hatte er sich kaum je Gedanken um das Thema Heiraten gemacht. Es war auch nicht nötig gewesen, nachdem Theo und Sophie die Erbfolge gesichert hatten, doch nun musste er, der stets davon ausgegangen war, seine Wahl unter den interessantesten Debütantinnen der Saison treffen zu können, einsehen, dass er keine Wahl hatte!

Aber Ehen unter Angehörigen der Aristokratie werden ohnehin nicht aus Neigung geschlossen, mahnte er sich. Bei Verbindungen unter Mitgliedern seines Standes ging es um die Vermehrung von Grundbesitz und die Fortsetzung weit zurückreichender Stammbäume. Vor diesem Hintergrund war Felicity Draycott, so fad sie auch sein mochte, vollkommen akzeptabel und besaß alles, was eine Countess brauchte. Seiner Großmutter zufolge hatte die junge Dame während seiner Abwesenheit mehrere Anträge zurückgewiesen, und er konnte mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass sie ihn erhören würde, sollte er sich dazu durchringen, sich ihr zu erklären.

Der Gedanke allerdings, dass er dann den Rest seiner Tage in Felicitys wenig anregender Gesellschaft würde verbringen müssen – nicht zu erwähnen die Nächte, wie er sich schaudernd klarmachte –, erfüllte ihn mit Verzweiflung. Und die Aussicht, sich in der Schar desillusionierter Ehemänner wiederzufinden, die ihr Leben zunehmend in den Herrenclubs oder mit ausgehaltenen Mätressen verbrachten, empfand er als zu abstoßend, um überhaupt darüber nachzudenken.

Als er vor seinen Schreibtisch trat, fiel sein Blick auf einen Briefbeschwerer aus grünem Glas, den er auf einen Packen unerfreulicher Rechnungen gelegt hatte, und sogleich fielen ihm Miss Beresfords eindrucksvolle smaragdfarbene Augen ein. Ja, dachte er schmunzelnd. Endlich einmal ein Mädchen, das sich nicht scheut, seine Meinung zu äußern. Wäre er ein Spieler gewesen, hätte er ohne Weiteres gewettet, dass Jessica Beresford eine Frau war, die ebenso gut einstecken konnte, wie sie austeilte. Mit diesem kleinen Hitzkopf zu leben wäre zweifellos anstrengend, aber auch alles andere als langweilig.

Bedauerlicherweise wurden seine Überlegungen hinsichtlich der eigensinnigen jungen Dame in diesem Moment von einem leisen Klopfen an der Tür unterbrochen. Auf Benedicts Aufforderung hin trat Jesmond ein und informierte ihn, dass Cranwell, der Kammerdiener des verstorbenen Earl, ihn umgehend zu sprechen wünsche.

„Bitten Sie ihn herein, Jesmond“, erwiderte Benedict stirnrunzelnd. „Was immer sein Anliegen ist, es muss wichtig sein, sonst wäre er nicht den ganzen Weg von Ashcroft Grange hergekommen.“

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und blickte dem ältlichen Bediensteten entgegen, als dieser den Raum betrat. „Guten Tag, Cranwell. Welcher Notfall führt Sie zu mir, über den Sie mir nicht auch brieflich hätten Mitteilung machen können?“, begrüßte er ihn scherzend.

„Pardon, Sir …“, begann der Kammerdiener, „aber Mr. Brigham war der Ansicht, dass die Angelegenheit ernst sei und Ihnen umgehend zur Kenntnis gebracht werden müsse …“

Neugierig geworden, lehnte Benedict sich vor. „Heraus mit der Sprache, Cranwell. Was kann so dringend sein, dass ein Brief nicht genügt?“

„Wir … ähm … das heißt, Mr. Brigham und Mr. Kirmington und ich, Sir … wir hielten es für ratsam, Sie so schnell wie möglich zu informieren, Sir. Wir haben nämlich Anlass zu der Vermutung …“, beeilte Cranwell sich zu erklären, als er die zunehmende Ungeduld seines Herrn bemerkte, „… dass in Ashcroft Grange eingebrochen wurde.“

„Eingebrochen!“, wiederholte Benedict verblüfft. „Es wurde etwas gestohlen, meinen Sie?“

„Nun … nein, Euer Lordschaft, nicht wirklich“, antwortete der Bedienstete zögernd. „Wir fanden eine entsetzliche Unordnung vor – ausgekippte Schubladen und so –, aber soweit wir feststellen konnten, ist nichts entwendet worden.“ Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann beinahe entschuldigend hinzu: „Wie Sie wissen, Mylord, sind im Haus kaum noch Wertgegenstände vorhanden, die es sich lohnen würde mitzunehmen, und das, Sir, ist der Grund, weswegen ich hier bin. Wir glauben nämlich … also Mr. Kirm…“

„Ja, ich weiß, Sie und Brigham und der Butler“, fiel Benedict ihm scharf ins Wort. „Was glauben Sie?“

„Wir sind der Ansicht, dass er … sie … wer auch immer … etwas gesucht haben. Und, Mylord, ich würde vermuten, dass es etwas Wichtiges sein muss. Nach allem, was wir rekonstruieren können, gab es drei Einbrüche hintereinander, trotz unserer Anstrengungen, das Haus zu sichern.“

Benedict runzelte die Stirn. „Aber Fenster und Türen werden doch nachts verriegelt?“

„Selbstverständlich, Sir“, bestätigte Cranwell. „Allerdings nehmen wir an, dass der Einbrecher durch das Speisekammerfenster hereinkam, das, wie Sie sich gewiss erinnern werden, Sir, ziemlich klein ist und keinen Riegel besitzt. Leider entdeckte Mr. Kirmington erst heute Morgen, dass das Schnappschloss gewaltsam aufgebogen wurde – nachdem die Köchin sich darüber beschwert hatte, dass ihr Sahnetopf vom Fensterbrett gestoßen worden war. Er ließ den Schaden reparieren und ein großes Vorhängeschloss anbringen.“

Benedict presste die Lippen zusammen. „Und Sie sagen, dass diese Einbrüche dreimal hintereinander passierten?“

Cranwell nickte. „In allen drei Nächten, seit Sie Ashcroft Grange verließen, Sir. Montagnacht wurde die Bibliothek durchwühlt – jemand hatte die Bücher aus den Regalen gezerrt und auf den Boden geworfen. Am Mittwochmorgen entdeckten wir, dass in mehreren Räumen Schränke durchsucht worden waren, und letzte Nacht hat der Einbrecher die Ölgemälde, die noch im Haus hängen, von den Wänden genommen und die Rahmenkreuze auf den Rückseiten beschädigt.“ Der Bedienstete sah Benedict fragend an, dann setzte er hinzu: „Er scheint das, worauf er es abgesehen hat, noch nicht gefunden zu haben.“

„Das denke ich auch.“ Eine senkrechte Falte erschien an Benedicts Nasenwurzel. In den drei Tagen seines Aufenthalts auf dem Anwesen hatte er sämtliche wichtigen Papiere zusammengetragen und war sich sicher, dass kein wichtiges Dokument in Ashcroft Grange zurückgeblieben war. „Was ich indes nicht verstehe, ist, wie diese Einbrüche geschehen konnten, ohne dass die Dienerschaft etwas davon bemerkte!“

„Pardon, Euer Lordschaft“, erwiderte Cranwell, unbehaglich von einem Fuß auf den anderen tretend, „aber angesichts der Tatsache, dass das Personal auf ein halbes Dutzend Leute reduziert wurde – ganz zu schweigen davon, dass weibliche und männliche Dienstboten in weit auseinanderliegenden Dachgeschossflügeln untergebracht sind …“

„Sie haben recht, Cranwell.“ Nur allzu gut konnte Benedict sich das komplizierte Gewirr von Räumen, Treppenhäusern und Korridoren des Anwesens vor Augen holen. Ashcroft Grange war zu Zeiten Heinrichs des Achten errichtet worden, und jeder der Nachfolger Cedric Ashcrofts, des ersten Earl of Wyvern, hatte dem ursprünglichen Gutshaus Anbauten hinzugefügt und Veränderungen vorgenommen. Heute war der Herrensitz vier Stockwerke hoch, und seine prachtvolle Front wurde von zwei weitläufigen Seitenflügeln flankiert.

Es war annähernd unmöglich, musste Benedict einräumen, dass man in den Dienerkammern im Dachstuhl Lärm vernehmen konnte, den jemand im Erdgeschoss machte – und schon gar nicht, wenn derjenige sich in einem anderen Flügel des Hauses befand.

Er erhob sich aus seinem Sessel und betätigte den Klingelzug. „Ich nehme an, Sie sind mit der Postkutsche gekommen?“, fragte er den Kammerdiener.

Cranwell schüttelte den Kopf. „Nein, Mylord. Angesichts der Dringlichkeit der Sache habe ich mir erlaubt, eine Chaise zu mieten.“

„Das haben Sie gut gemacht, Cranwell“, erwiderte Benedict und lächelte leicht. „Es war vollkommen richtig, mich umgehend zu informieren. Jesmond soll Ihnen eine Kleinigkeit zur Stärkung bringen, und sobald Sie sich genügend ausgeruht haben, werde ich Sie nach Ashcroft Grange begleiten. Wir müssen zusehen, dass wir diesem Unsinn ein Ende machen.“

6. KAPITEL
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Die schnöde Absage des Earl beschäftigte Jessica noch Tage nach dem Besuch im Drury Lane Theater.

War Wyvern tatsächlich so hochmütig, dass er einen Besuch bei ihrer Familie für unter seiner Würde hielt? Dank des Respekts, den Lady Sydenham in den feinen Kreisen Londons genoss, hatte man die Beresfords im ton äußerst wohlwollend aufgenommen, und Jessica, für die es stets selbstverständlich gewesen war, dass man zu Hause in Kirton Priors ihre Gesellschaft suchte, hatte sich bemüht, Imogens Ratschlag zu beherzigen und Freundschaften nicht nur mit den jungen Gentlemen, sondern vor allem mit den anderen Debütantinnen zu schließen. Mit Ausnahme des Zirkels um die eingebildete Miss Draycott war ihr das auch gelungen.

Umso schwerer fiel es ihr, Lord Wyverns Missachtung ihrer Person zu akzeptieren. Sicher, sie hatte sich nicht gerade freundlich verhalten, nachdem er ihr und Nicholas zu Hilfe geeilt war, dennoch konnte sie sich nicht erklären, wieso sein mangelndes Interesse an ihr sie dermaßen in Unruhe versetzte. Sie begann unter Schlaflosigkeit zu leiden, und schließlich sprach Imogen sie auf die dunklen Ringe unter ihren Augen an.

„Du siehst kränklich aus, mein Liebes“, stellte die Schwägerin besorgt fest und legte die Stirn in Falten. „Ich fürchte, es waren doch zu viele Bälle und Soireen in der letzten Zeit, und ich denke, dass wir in Zukunft ein paar mehr Einladungen ausschlagen sollten.“

Jessica zwang sich zu einem Lächeln. „Das ist völlig unnötig, Imogen“, erwiderte sie betont heiter. „Ich habe nur Kopfschmerzen. Ein wenig frische Luft, und die Sache ist wieder in Ordnung.“ Ihr Bruder und seine Frau hatten sich so viel Mühe gemacht, um ihr eine Saison in London zu ermöglichen, und sie brachte es nicht übers Herz zuzugeben, dass die sich ständig wiederholenden Morgenbesuche, Musikabende, Gesellschaften und Bälle sie zu langweilen begannen.

Um Imogen zu beruhigen, unternahm Jessica einen Spaziergang im Garten. Nachdem sie eine Weile über die gepflegten Kieswege geschlendert war, ließ sie sich auf einer Steinbank nieder und drehte gedankenverloren den Griff ihres Sonnenschirms zwischen den Fingern. Ich brauche irgendeine Art wirksamer Zerstreuung, beschied sie. Unbedingt.

Wie sonst sollte sie es anstellen, Lord Wyvern und sein verflixtes Desinteresse an ihr aus ihren Gedanken zu verbannen?

Der Zufall wollte es, dass Nicholas seiner Schwester genau die Art von Ablenkung zu bieten vermochte, die sie sich selbst verordnet hatte. Beim Frühstück am nächsten Morgen verkündete er, er habe sich entschlossen, das British Museum zu besuchen, um sich die Marmorstatuen anzusehen, die Lord Elgin aus Griechenland mitgebracht hatte und die seit Kurzem dort ausgestellt wurden.

Jessica, die bis dahin nie sonderlich viel für antike Funde übrig gehabt hatte, informierte ihren erstaunten Bruder, dass sie ihn auf seinem Ausflug begleiten wolle, und so stiegen die beiden Geschwister am frühen Nachmittag vor dem Eingang des imposanten Gebäudes, das die Ausstellung beherbergte, aus dem Landauer der Familie.

Nicholas, dem zwei Stunden mehr als ausreichend für einen Rundgang erschienen, hatte den Kutscher gerade angewiesen, sie um halb vier wieder abzuholen, als Jessica ihn unterbrach.

„Könnten wir nicht anschließend noch einen Bummel durch die Oxford Street machen, Nick?“, bat sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag. Ihr war eingefallen, dass Londons beliebteste Einkaufsstraße ganz in der Nähe lag. „Nur kurz, höchstens eine Stunde. Ich gelobe es hoch und heilig.“

Ihr Bruder zögerte. Matt hatte ihm das Versprechen abgenommen, dafür zu sorgen, dass Jessica nicht wieder in irgendein Fiasko geriet, doch ihr Anliegen schien ihm kein derartiges Risiko zu bergen. Also revidierte er seine Anordnung an Cartwright und befahl ihm, sich um Punkt fünf mit der Kutsche am St. Giles’ Circus einzufinden. Dann hakte er seine Schwester unter und führte sie zielstrebig zum Eingang von Montague House, um sich in die lange Schlange erwartungsfreudiger Besucher einzureihen.

Jessicas erste Reaktion, als sie die ausgestellten Statuen sah, war Unverständnis. Was für ein Aufhebens machten all diese Leute um ein paar alte Steinfiguren, denen Köpfe und Arme fehlten? Doch während sie ihrem Bruder folgte, der den Anblick eines jeden einzelnen Bruchstücks selig in sich aufzusaugen schien, wandelte sich ihre Haltung. Mehr und mehr ertappte sie sich dabei, wie ein tiefes Bedauern sie überkam, wenn sie daran dachte, welch grausame Entstellung die Zeit diesen einstmals so prächtigen Marmorbildnissen zugefügt hatte.

Als Nicholas sich schließlich zu ihr umwandte, um ihr zu sagen, dass sie nun gehen konnten, standen Jessica Tränen in den Augen. „Ist es nicht unendlich traurig zu sehen, wie vergänglich die Schönheit von Kunstwerken ist?“, fragte sie mit erstickter Stimme.

Nicholas’ Blick flog besorgt zu den umstehenden Besuchern. Du lieber Himmel – Jessica würde doch hoffentlich nicht wieder eine ihrer aufsehenerregenden Szenen machen? Entschlossen packte er seine Schwester beim Ellbogen und schob sie zum Ausgang. Je rascher er sie hier herausbrachte, je besser.

„Was in aller Welt sollte das denn nun wieder?“, fragte er unwillig, als sie das Gebäude verlassen hatten.

„Aber du musst es doch auch empfunden haben, Nicholas“, brachte Jessica protestierend hervor. „All diese Trümmer von Darstellungen, die einstmals beeindruckend und bedeutungsvoll waren! Ich finde, Lord Elgin hätte sie dort lassen sollen, wo sie ursprünglich hingehörten.“

„Stell dich nicht so dämlich an“, erwiderte ihr Bruder ungeduldig. „Wenn Seine Lordschaft sie nicht hierhergebracht hätte, wären sie längst zerstört. Es ist sein Verdienst, dass sie für die Nachwelt erhalten bleiben.“

Jessica ließ sich von seiner Argumentation nicht beirren. „Besser in der ursprünglichen Umgebung zerstört, als mit fehlenden Armen und Köpfen nach England transportiert“, gab sie störrisch zurück und machte sich los, um mit einem ebenso verächtlichen wie undamenhaften Schnauben davonzumarschieren.

„Oh, Jess, verflixt, hör auf damit!“ In dem vergeblichen Versuch, sie zurückzuhalten, streckte Nicholas seine Hände nach ihr aus. „Komm schon“, setzte er schmeichelnd hinzu. „Du hattest doch gesagt, du wolltest in die Oxford Street, oder etwa nicht? Also, lass uns gehen.“

Bei seiner letzten Bemerkung wandte Jessica sich um. Sie kam zurück an seine Seite und hakte sich bei ihm unter. „Tut mir leid, Nick, die Zerstückelung dieser Statuen geht mir näher, als mir lieb ist. Auch dass man sie von ihren ursprünglichen Standorten entfernt hat. Aber ich werde kein Wort mehr darüber verlieren, einverstanden?“

Nicholas unterdrückte ein Seufzen. „So kenne ich meine große Schwester“, erwiderte er und lächelte erleichtert. Beruhigend tätschelte er ihre Hand in seiner Armbeuge und geleitete sie über die belebte Fahrbahn in Londons beliebteste Einkaufsstraße.

Es war noch keine Stunde vergangen, als Nicholas sein unüberlegtes Angebot bereits heftig bedauerte. Vor jedem Laden blieb Jessica stehen, um eine halbe Ewigkeit lang die Auslagen zu begutachten, und sie zum Weitergehen zu bewegen erwies sich als äußerst mühevoll.

Schließlich fiel Nicholas’ Blick auf eine der Uhren im Schaufenster des Juweliergeschäfts, bei dem seine Schwester vor ein paar Minuten angehalten hatte, und er erschrak. Wenn sie sich nicht umgehend auf den Rückweg machten, würden sie nicht zum verabredeten Zeitpunkt am St. Giles’ Circus eintreffen. Und wenn Matt davon erfuhr, konnte er sich auf eine Standpauke in Sachen Zuverlässigkeit gefasst machen.

„Wir müssen los, Jessica“, drängte er. „Ich habe Matt mein Wort gegeben, dass wir uns diesmal nicht in Schwierigkeiten bringen, und ich will ihn nicht enttäuschen.“

Jessica warf einen letzten, sehnsuchtsvollen Blick auf ein Paar hinreißender Ohrringe und nickte. „Du hast recht, Nicholas. Lass uns …“ Oh nein! Ihre Augen weiteten sich schockiert. „Dort drüben … So tu doch etwas, Nick! Schnell, wir müssen sie aufhalten!

Nicholas wandte sich ruckartig in die Richtung, in die seine Schwester deutete.

In einer Gasse in ihrer Nähe sprang eine Horde pfeifender und schreiender Bengel um einen Bäckerjungen herum und bewarf ihn mit Steinen. Der schlaksige Bursche machte keine Anstalten, sich zu verteidigen, doch bei dem Versuch, den Steinwürfen auszuweichen, neigte sich das Blech, das er auf dem Kopf balancierte, zur Seite, und die Pasteten, die darauf gelegen hatten, fielen auf das Pflaster. Während einer seiner Angreifer den Wehrlosen zu Boden stieß und ihm den Fuß auf die Brust setzte, stürzte sich der johlende Rest der Meute auf die Gebäckstücke und raffte sie gierig zusammen.

Ohne seine Proteste zu beachten, zerrte Jessica ihren Bruder hinter sich her und stürzte sich mitten in das Getümmel. Sie griff sich den erstbesten der Missetäter, hielt ihm eine hitzige Strafpredigt und verlangte, dass er und seine Kumpane den Bäckerjungen in Ruhe lassen sollten.

Die lautstark durcheinanderrufenden Neugierigen fielen Benedict schon von Weitem auf. Doch die Szene, die sich ihm bot, als er seine Karriole an dem Menschenauflauf vorbeilenkte und mit einem raschen Seitenblick in Erfahrung zu bringen versuchte, was die Leute in solche Aufregung versetzte, verschlug ihm den Atem.

Inmitten der Menge stand eine zornglühende Jessica Beresford über einen zerlumpten kleinen Jungen gebeugt und schüttelte das arme Kerlchen, als trachte sie ihm nach dem Leben. Miss Beresfords jüngeren Bruder entdeckte er in einiger Entfernung – mit fliegenden Rockschößen rannte der junge Gentleman drei anderen schmutzigen kleinen Strolchen hinterher.

Mit einer deftigen Verwünschung auf den Lippen brachte Benedict seine Kutsche zum Stehen. Er warf seinem Pferdeknecht die Zügel zu, sprang zu Boden und bahnte sich, das Schrillen der Alarmglocken in seinem Kopf hartnäckig ignorierend, einen Weg durch die dicht gedrängt stehenden Schaulustigen.

Miss Beresford hatte von ihrem schniefenden Opfer abgelassen, wie er als Nächstes feststellte. Stattdessen hockte sie nun vor einem anderen Jungen, der seiner Kleidung nach zu urteilen ein Bäckerbursche sein musste und mit vor dem Gesicht gekreuzten Armen vor der nächsten Hauswand auf dem Boden kauerte. Als Benedict sah, dass sie die Hand in Richtung des zitternden Jugendlichen hob, hatte er genug. Mit drei langen Sätzen war er bei ihr und riss sie hoch. „Sie törichte Person!“, knurrte er mit mühsam unterdrückter Wut, als er sie unsanft auf die Füße stellte und von dem Bäckerburschen fortzog. „Was zum Teufel wollten Sie dem armen Jungen antun?“

Mit hochrotem Gesicht wirbelte Jessica herum. Doch im gleichen Moment, als ihr flammender Blick dem zornentbrannten Wyverns begegnete, erstarb ihr die empörte Entgegnung auf den Lippen. Nicht schon wieder! schoss es ihr durch den Kopf, während sie gleichzeitig das Gefühl hatte, dass ihr das Herz in die Kniekehlen rutschte. Warum muss er ausgerechnet jetzt auftauchen!

„Ich … ich …“, stammelte sie hilflos, aber Wyvern hatte sich bereits ihrem Bruder zugewandt, der just in diesem Moment von seiner vergeblichen Verfolgungsjagd zurückkehrte.

„Sind Sie nicht in der Lage, Ihre Schwester an die Kandare zu nehmen?“, empfing er den jungen Mann ungehalten. „Wenn diese Episode sich auch nur in Ansätzen herumspricht, wird Ihre Familie im gesamten ton zum Gegenstand des Gespötts.“

Nicholas zuckte schuldbewusst zusammen. Wyverns zornige Miene ließ es ihm nicht angeraten erscheinen, Jessicas Verhalten zu verteidigen, wollte er nicht eine weitere Zurechtweisung riskieren. Jessica indes, die ihre Fassung wiedergewonnen hatte, sprang ihrem Bruder umgehend zur Seite.

„Lassen Sie ihn in Ruhe!“, fauchte sie Wyvern an, stellte sich zwischen Nicholas und ihn und fixierte ihn wütend. „Wenn Sie unbedingt jemanden anschreien müssen, dann halten Sie sich an mich. Mein Bruder hat nur versucht zu helfen – was mehr ist, als man von Ihnen behaupten kann.“

Als der Blick aus den großen, vor Zorn funkelnden grünen Augen sich auf ihn richtete, hatte Benedict das Gefühl, von einem Blitz getroffen zu werden. Er war so überwältigt, dass er für einen Moment glaubte, in dem smaragdfarbenen Lodern zu verbrennen. Das Blut pochte ihm schmerzhaft laut in den Schläfen, während er verzweifelt versuchte, seine Aufmerksamkeit etwas Harmlosem, Alltäglichem zuzuwenden und sich aus dem beunruhigenden Bann von Miss Beresfords ungewöhnlichen Augen zu befreien.

Der Anblick des Backblechs auf dem Kopfsteinpflaster zu seinen Füßen und der kläglichen Reste der Pasteten, die darum herum verstreut lagen, brachte ihn in die Wirklichkeit zurück. Mit einem Stirnrunzeln beäugte er den Bäckerbuben, der immer noch zitternd an der Wand kauerte. Soweit er sehen konnte, war der Junge nicht verletzt. Warum also hatte er sich nicht längst hochgerappelt?

Er trat an den verängstigten Jugendlichen heran und berührte ihn an der Schulter. „Hoch mit dir, mein Junge“, ermunterte er ihn. „So schlimm kann es doch nicht gewesen sein, oder?“

„Es hat keinen Zweck, in diesem Ton mit ihm zu sprechen.“ Miss Beresford kam zu ihm geeilt und zog ihn energisch von der zusammengekauerten Gestalt fort. „Er ist völlig starr vor Angst, sehen Sie das nicht? Und unter den gegebenen Umständen finde ich das eine völlig nachvollziehbare Reaktion für einen Menschen wie ihn.“

Benedict bemühte sich, jeden Blickkontakt mit ihr zu vermeiden. „Einen Menschen wie ihn?“, wiederholte er verständnislos. „Was meinen Sie damit?“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Aber Sie haben doch sicher bemerkt … dass der Junge … Was ich sagen will, ist … Er ist anders als wir … Er ist …“ Ihre Hand flog zu ihren Lippen, als müsse sie sich davon abhalten, mehr zu äußern.

„Er ist das, was wir bei uns zu Hause in Kirton Priors einen Einfältigen nennen“, kam ihr Bruder ihr zu Hilfe. „Wir sind mit einem von ihnen aufgewachsen – einem riesigen, unvorstellbar starken Burschen, der die geistigen Fähigkeiten eines Dreijährigen hatte.“ Nicholas Beresford trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. „Deshalb müssen Sie doch einsehen, dass wir nicht tatenlos zusehen konnten, wie man diesem Jungen hier übel mitspielte, Mylord“, setzte er leiser hinzu.

Diesmal war es an Benedict, schuldbewusst zusammenzuzucken. Er begriff, dass ihm all diese Dinge selbst aufgefallen wären, hätte er nur genauer hingesehen. Der Bäckerjunge, der sich nach wie vor angstvoll an die Häuserwand drängte, war ohne Zweifel genau das, was der junge Beresford von ihm behauptete.

Er sah Miss Beresford an, die seinen Blick mit trotzig gerecktem Kinn erwiderte und mit einer ungeduldigen Handbewegung ein zartes weißes Taschentuch aus ihrem Retikül hervorzog. Dann wandte sie sich abrupt ab, kniete sich ungeachtet des Straßenschmutzes neben den Burschen und begann sanft und beruhigend auf ihn einzureden, während sie gleichzeitig eine hässlich aussehende Schürfwunde an seinem Ellbogen verband.

„Danny, mein Junge!“

Der erschrockene Ausruf kam von einer fülligen Frau mittleren Alters, die sich resolut durch die Reihe der Umstehenden schob und mit besorgtem Gesichtsausdruck neben dem Bäckerjungen auf die Knie sank. „Komm, mein Kleiner“, schmeichelte sie, „komm mit Mama nach Hause.“

Der Junge hob den Kopf und starrte sie an, doch seine Miene zeigte keinerlei Zeichen des Erkennens. Seine Mutter setzte sich auf die Fersen und seufzte ratlos. „Scheint wieder einen seiner Anfälle zu haben“, sagte sie kopfschüttelnd. „Ich hätte ihn wohl nicht rausschicken sollen mit den Pasteten, aber es war so viel Betrieb im Laden, dass ich sie nicht selbst austragen konnte.“ Mit einem bittenden Blick sah sie in die Runde. „Wenn mir vielleicht jemand helfen könnte, ihn auf die Füße zu kriegen?“

Froh, eine Gelegenheit zur Wiedergutmachung zu erhalten, trat Benedict vor. „Lassen Sie mich das übernehmen, Madam“, bot er an und schob dem Jugendlichen die Hände unter die Achseln. Ihn hochzuziehen kostete unerwartet viel Kraft, und als der Bäckerbursche schließlich stand, stellte Benedict erstaunt fest, dass Danny beinahe so groß war wie er selber.

„Na siehst du, mein Junge.“ Ihren Schürzenzipfel in der Hand, reckte Dannys Mutter sich zu ihrem Sohn hoch und wischte ihm sachte die tränenverschmierten Wangen ab. „Und jetzt gehen wir heim, und dann ist alles wieder gut, ja?“

Zunächst schien Danny ganz einverstanden damit, von seiner Mutter an die Hand genommen und nach Hause geführt zu werden. Doch plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und blickte starr vor sich hin. Dann schob er die freie Hand in eine seiner Jackentaschen und beförderte etwas daraus hervor, das aussah wie ein großer Perlmuttknopf. Mit einer seltsam eckigen Bewegung drehte er sich zu Jessica um und hielt ihn ihr hin. „Schöner Knopf“, erklärte er ernst. „Schöne Dame.“

Jessica senkte den Blick und errötete.

„Oh, Miss, bitte entschuldigen Sie“, kam die Pastetenbäckerin ihrem Sohn zu Hilfe. „Danny wollte Sie nicht beleidigen, ganz bestimmt nicht.“ Ein verlegenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Der Knopf ist einer seiner ‚Schätze‘, müssen Sie wissen, und er soll ein Dankeschön sein. Ich würde mich freuen, wenn Sie ihn annehmen.“

Jessicas stiegen Tränen in die Augen, während sie das Geschenk aus der Hand des Jungen entgegennahm und in ihrem Retikül verstaute. „Er ist wirklich wunderschön, und ich werde ihn immer in Ehren halten“, versprach sie dem Jungen feierlich.

Danny nickte zufrieden. „Schöne Dame, schöner Schatz.“ Dann ergriff er seine Mutter beim Ellbogen und schob sie vorwärts. „Danny will Limonade haben.“

Jessica sah der Pastetenbäckerin und ihrem Sohn hinterher und versuchte die Tränen fortzublinzeln, die ihr in den Augen standen. Die Zuschauer begannen sich einer nach dem anderen zu zerstreuen, und auf einmal bemerkte sie mit Erschrecken, dass der Blick des Earl auf sie gerichtet war.

Entschlossen, sich ihm gegenüber keine weitere Blöße zu geben, bemühte sie sich um Haltung, doch als Wyvern im nächsten Augenblick vor sie hintrat, ihre Hand ergriff und sie tröstend drückte, hätte sie vor Überraschung beinahe aufgekeucht. Die unerwartet freundliche Geste ausgerechnet von ihm, der ihr Verhalten noch vor Kurzem so unnachsichtig getadelt hatte, nahm ihr den Atem und sandte einen höchst sonderbaren Wonneschauer durch ihren ganzen Körper.

Erst nach einem Moment, der ihr wie eine Ewigkeit vorkam, wagte sie es, zu ihm hochzuschauen. Als sie sah, mit welcher Herzlichkeit er ihren Blick erwiderte, huschte ein scheues Lächeln über ihre Züge.

Fasziniert beobachtete Benedict, wie Miss Beresfords Mundwinkel sich, wenn auch ein wenig zittrig, nach oben bogen. Sein Herz geriet ins Stolpern und schien sich plötzlich in alle nur denkbaren Richtungen gleichzeitig überschlagen zu wollen. „Sie müssen mich für einen hoffnungslosen Grobian halten“, sagte er leise und ließ widerwillig ihre Hand los. „Ich möchte Sie demütigst um Verzeihung …“

„Nein, Sir!“, unterbrach Jessica ihn in entschiedenem Ton. „Mein Bruder und ich hätten es ohne Ihre Hilfe niemals geschafft, und die Art und Weise, wie Sie die Dinge in die Hand nahmen, war nichts weniger als bewunderns…“

Sie verstummte mitten im Satz. Eine merkwürdige Mischung aus Bestürzung und Verlegenheit malte sich auf ihren Zügen. Was in aller Welt hätte ich da beinahe gesagt? hielt sie sich vor. Dieser Mann hat sein Äußerstes getan, um mich und meine Familie vor den Kopf zu stoßen. „Wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihre Unterstützung, Mylord“, fuhr sie förmlicher fort und straffte ihre Schultern. „Aber gewiss wünschen Sie nun, nicht länger aufgehalten zu werden – ich nehme an, es gibt eine Menge weit wichtigerer Angelegenheiten, die Ihrer Aufmerksamkeit bedürfen.“

„Nun ja, das trifft zu“, räumte Benedict ein. Er verstand nicht, wieso sie plötzlich einen so gespreizten Ton anschlug. „Dennoch bitte ich Sie, mir zu erlauben, Sie und Ihren Bruder zu Ihrer Kutsche zu geleiten. Sie steht irgendwo hier in der Nähe, nehme ich an?“

„Unglücklicherweise nicht, Sir“, mischte Nicholas Beresford sich an diesem Punkt ein und knuffte seine Schwester in die Rippen. „Der Landauer meines Bruders erwartet uns am St. Giles’ Circus – also fast eine halbe Meile von hier.“ Mit dem Kinn deutete er auf die Uhr, die das Ladenschild einer Uhrmacherwerkstatt zierte. „Wir sollen um Punkt fünf dort sein, aber da wir von hier aus mindestens sieben Minuten brauchen, werde ich mich wohl auf eine herbe Schelte gefasst machen müssen.“

„Wie unangenehm.“ Benedict setzte ein teilnahmsvolles Lächeln auf und wollte sich eben verabschieden, als eine teuflische kleine Idee in seinem Kopf Gestalt annahm. „Aber wenn Ihre Schwester nichts dagegen hat, ein wenig eingequetscht zu sitzen“, fuhr er mit einem durchtriebenen Lächeln in Jessicas Richtung fort, „könnte ich Sie noch rechtzeitig hinbringen und Ihnen die Gardinenpredigt ersparen.“

„Das wäre famos, Sir!“, erwiderte Nicholas begeistert. „Wir würden Ihnen auf ewig dankbar sein.“

Um Benedicts Lippen zuckte es. „Miss Beresford?“

„Ja … Nein … Also … Vielen Dank, Mylord.“ Jessica tat ihr Bestes, um dem merkwürdigen Flattern in ihrer Magengrube keine Beachtung zu schenken. „Wenn Sie sicher sind, dass es Ihnen keine unzumutbare Mühe bereitet?“

„Im Gegenteil, es wäre mir ein großes Vergnügen“, erklärte Benedict entschieden und schenkte ihr ein umwerfendes Lächeln.

Keine zwei Minuten später saß Jessica fest eingezwängt zwischen den beiden Männern auf dem Kutschbock von Wyverns Karriole. Der Earl setzte das Gefährt in Bewegung und lenkte es in raschem Tempo durch die belebte Straße Richtung St. Giles’ Circus.

„Ich hoffe, Sie haben es nicht allzu unbequem?“, fragte er mit einem raschen Seitenblick.

„Aber nein, Sir“, beeilte Jessica sich mit nicht ganz fester Stimme zu versichern. Sie war sich des Drucks von Wyverns muskulösem Schenkel gegen ihren trotz der etlichen Lagen Stoffs dazwischen überdeutlich bewusst und stellte zu ihrer Bestürzung fest, dass die ungewohnte Berührung eine Reihe äußerst undamenhafter Vorstellungen in ihr weckte.

Benedict erging es nicht viel anders. Er tat, was er konnte, um die höchst unanständigen Wünsche, die Miss Beresfords Nähe in ihm hervorrief, aus seinem Kopf zu verbannen, indes ohne sonderlich viel Erfolg. Als der St. Giles’ Circus schließlich in Sicht kam, war er mehr als erleichtert.

Er lenkte seinen Wagen gekonnt in den Kreisverkehr und deutete mit der Peitsche auf die gegenüberliegende Seite, wo die Kutsche der Beresfords soeben anhielt. „Na also. Besser hätten wir es nicht abpassen können.“

Auf die Minute genau kam die Karriole hinter dem dunkelblauen Landauer zum Stehen. Benedict sprang zu Boden, und ehe Jessica noch recht begriff, wie ihr geschah, hatte er sie um die Taille gepackt, um sie im nächsten Moment schwungvoll vom Sitz herunterzuheben. Sie schnappte schockiert nach Luft, und als er sie auf die Füße stellte und nicht sofort freigab, spürte er, wie ein heftiges Zittern sie durchlief. Ihre Blicke trafen sich, verfingen sich ineinander, und für einen Moment schien ihm die Wirklichkeit außer Kraft gesetzt.

Dann ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. „Ihre Kutsche steht bereit, meine Dame“, erklärte er theatralisch und wies mit einer weit ausholenden Geste in Richtung des Landauers.

„Es war … über alle Maßen freundlich von Ihnen, unseretwegen … so viel Mühe auf sich zu nehmen“, stammelte Jessica verlegen. Ihr Herz hämmerte ihr so heftig in der Brust, dass sie fürchtete, Lord Wyvern müsse es hören.

„Von Mühe kann keine Rede sein, Miss Beresford.“ Abermals bedachte der Earl sie mit seinem atemberaubenden Lächeln. „Ich versichere Ihnen, es war mir ein großes Vergnügen“, murmelte er gedehnt und stürzte sie in völlige Verwirrung, als er ihre Finger ergriff und sie sich an die Lippen hob.

Autor

Dorothy Elbury
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