Willst du mich?

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Melody setzt alles auf eine Karte, als sie Clayts Heiratsantrag annimmt! Sie weiß, dass er eigentlich nur eine Mutter für seine kleine Tochter sucht - von Liebe kann bei ihm keine Rede sein. Aber Melody sehnt sich seit Jahren nach ihm. Sie wird diese Chance nutzen, sich all ihre sinnlichen Wünsche zu erfüllen …
  • Erscheinungstag 11.08.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733758974
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Guten Abend, Mel.“

Einen Moment lang verharrte Melody McCully wie gelähmt. Sie erkannte Clayton Carsons Stimme sofort und verfluchte ihre Reaktion darauf. In den ein oder zwei Sekunden, die sie benötigte, um ihr inneres Gleichgewicht wiederzuerlangen, strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Dann drehte sie sich langsam um. „Das Lokal ist geschlossen, Clayt.“

Er näherte sich ihr gemächlich, ging um die Tische herum, die sie bereits gesäubert hatte, und blieb an der Theke stehen, an der eine Handvoll Stammkunden in weniger als zwölf Stunden ihr Frühstück bestellen würden. In aller Ruhe ließ er den Blick durch den Raum wandern. „Ist noch Kaffee da?“

Mel war müde, und wenn sie müde war, reagierte sie schnell gereizt. Obwohl Clayt behauptete, sie sei ständig gereizt. Was überhaupt nicht stimmte. Jeden anderen behandelte sie sehr freundlich. Es war nicht ihr Fehler, dass Clayton Ezekiel Carson mit Blindheit geschlagen war und den Wald vor lauter Bäumen nicht sah, beziehungsweise die eine Frau auf der ganzen Welt, die ihn schon immer geliebt hatte.

Sie deutete mit ihrem Wischlappen auf die Kaffeekanne und sagte: „Schon, aber der ist schon so lange in der Kanne, dass er wahrscheinlich total bitter ist.“

„Genau so mag ich ihn.“

Mel fluchte leise vor sich hin, während sie eine saubere Tasse holte und das starke, schwarze Gebräu einschenkte. Clayt hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Seine Augen waren verborgen vom Rand seines Cowboyhuts, und seine untere Gesichtshälfte wirkte dunkel von den Bartstoppeln, die jedoch nicht von seinem markanten Kinn ablenken konnten. Auch ohne seine Cowboystiefel war der Mann über einen Meter achtzig groß. Er überragte sie, und Mel hasste es, überragt zu werden.

Sie warf ihm einen abschätzenden Blick zu und meinte: „Man kann sich mit dir nicht unterhalten, wenn du stehst. Du bist zu groß. Wenn du unbedingt einen Kaffee haben willst, dann setz dich gefälligst.“

Er ließ sich auf einem Barhocker nieder und legte seinen Hut auf den Stuhl daneben. „Du bist mal wieder ganz schön kratzbürstig, Mel.“

Mel McCully war in einer Stadt geboren und aufgewachsenen, in der es von ungestümen Cowboys nur so wimmelte, aber Clayt Carson fiel in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, er wäre nicht so. Seufzend machte sie sich daran, die Theke abzuwischen.

„Musst du das jetzt tun?“, fragte er unwirsch.

„Wenn ich irgendwann mal hier raus möchte, ja. Warum?“

„Ich hatte gehofft, dass du dich zu mir setzt.“

„So, hattest du das?“

Er nickte und grinste. Verstohlen musterte sie ihn. Sein dunkles Haar war etwas struppig, um seine Augen herum entdeckte sie kleine Fältchen. Er wirkte erschöpft, von Sorgen gezeichnet. Das geschah ihm recht. Oh, sie war wie alle anderen auch erleichtert gewesen, als sein kleines Mädchen gesund und munter am Nachmittag gefunden worden war. Niemand wusste, warum das Kind weggelaufen war, aber Mel vermutete, dass Clayt allen Grund hatte, besorgt und erschöpft auszusehen.

„Wie geht es Haley?“, fragte sie.

„Sie ist kurz nach sechs eingeschlafen und hat sich seitdem nicht mehr gerührt. Luke und Jillian sind bei ihr, deshalb bin ich noch einmal fortgegangen. Mit Luke kann man kein vernünftiges Wort mehr reden, er hat nur seine Hochzeit im Kopf. Ich kann immer noch nicht glauben, dass mein Bruder wirklich heiratet.“

Als Eigentümerin des einzigen Speiselokals in der Stadt hatte Mel all die Witze über die notleidenden Junggesellen von Jasper Gulch gehört. Sie hatte nicht viel dazu gesagt, als die Jungen aus dem Ort beschlossen, per Anzeige Frauen für die kleine Stadt zu suchen, aber als sie hörte, dass es Clayts Idee gewesen war, wäre sie fast an die Decke gegangen. Er war der beste Freund ihres Bruders, und so lange sie sich zurückerinnern konnte, liebte sie ihn schon. Lange, bevor er eine andere Frau heiratete, eine schöne, weltgewandte und egoistische Frau, die schnell für sich entschied, dass sie sich in Jasper Gulch nicht wohlfühlte und daraufhin mit ihrem Kind verschwand. Vor Kurzem hatte Victoria obendrein festgestellt, dass ihr auch das Mutterdasein nicht zusagte. Seit drei Monaten hatte Clayt nun das Sorgerecht für seine neunjährige Tochter.

Es stimmte, dass es in Jasper Gulch zweiundsechzig Junggesellen gab und nur sechs Frauen im heiratsfähigen Alter, wenn man von den wenigen absah, die im vergangenen Sommer zugezogen waren. Eigentlich überraschte es Mel nicht, dass Clayt auf die verrückte Idee gekommen war, per Anzeige Frauen in dieses gottverlassene Nest in South Dakota zu locken, aber was zuviel war, war zuviel. Die Stadt brauchte Frauen, okay. Und was war sie? Abgestandener Kaffee?

„Willst du nicht auch einen Kaffee trinken?“, fragte er.

Mel fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und stützte sich dann mit den Ellenbogen auf der Theke ab. „Wenn ich jetzt Kaffee trinke, kann ich nicht schlafen.“

Er zuckte mit den Schultern und starrte gedankenverloren in das dunkle Gebräu. Da es nicht wehtun konnte, auch einmal nett zu ihm zu sein, fragte sie freundlich: „Woran denkst du, Cowboy?“

Es dauerte lange, bis er antwortete. „Hauptsächlich an Haley.“

„Es geht ihr doch gut, oder? Ich meine, sie ist letzte Nacht doch nicht etwa in Schwierigkeiten geraten?“

Clayt antwortete, ohne aufzublicken. „Dieses Mal nicht. Aber was passiert das nächste Mal? Sie lebt erst seit drei Monaten bei mir, und sie hat schon nackt mit einem Jungen gebadet, den Leuten Lebensmittel von der Veranda an der Straßenfront gestohlen und ist von zu Hause weggelaufen. Ich darf gar nicht daran denken, was als nächstes kommt.“

Voller Zuneigung dachte Mel an die kleine Tochter von Clayt. Mit sanfter Stimme sagte sie: „Anstatt darüber nachzudenken, was sie als nächstes anstellen wird, solltest du vielleicht versuchen herauszufinden, warum sie diese Dinge tut.“

„Ich glaube, ich weiß warum.“

„Wirklich?“

„Sie braucht eine Mutter.“

Melody fuhr fort, die Theke zu wienern. Während sie versuchte, getrockneten Ketchup zu entfernen, sagte sie: „Das ist bei allen Kindern so, Clayt.“

„Ja, und die beiden einzigen Frauen, die auf unsere Anzeige reagiert haben, haben mich übergangen und sich meinen Bruder und meinen besten Freund geschnappt. Haben die denn überhaupt keinen Geschmack?“

Mel verdrehte die Augen. „Wer möchte schon einen störrischen Kerl wie dich heiraten?“

„Irgendwie hatte ich gehofft, du würdest es tun.“

Mel erstarrte. Mit offenem Mund schaute sie Clayt volle fünf Sekunden an. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie sich gewünscht, diesen Mann zu heiraten, und hatte sich unzählige Male seinen Heiratsantrag ausgemalt. Aber nicht einmal hatte er eine Formulierung wie irgendwie hatte ich gehofft benutzt.

Wieder schenkte er ihr sein sexy Lächeln. Sie wollte ihm gerade eine Antwort geben, die ihr Leben grundlegend verändert hätte, da sagte er: „Hast du übrigens Milch und Zucker?“

Entgeistert öffnete sie den Mund, doch es kam kein Laut über ihre Lippen. Am liebsten hätte sie ihm in diesem Moment ein Tablett über den Kopf geschlagen, aber sie sah keinen Sinn darin, einen absolut nützlichen Gegenstand einzubeulen. Völlig blind für ihren inneren Aufruhr fragte er: „Warum sagst du nichts, Mel?“

Mel McCully, die außer ihrem Lokal und ihrem Stolz nicht viel besaß, reckte hochmütig das Kinn in die Luft. Sie band ihre Schürze los und warf sie auf die Theke, bevor sie zur Tür stolzierte. „Ich sage, hol dir deinen verdammten Zucker und deine Milch selbst.“

„Mel, warte!“

Sie ging unbeirrt weiter. „Und schließ die Tür richtig, wenn du gehst.“ Mit diesen Worten knallte sie die Tür hinter sich zu.

Clayt blinzelte. Als er ihre Schritte auf der Treppe hörte, die hinauf zu ihrer Wohnung führte, erhob er sich langsam. Müde legte er eine Dollarnote auf die Theke, nahm seinen Hut und verließ das Lokal durch den Vordereingang. Bevor er die Tür hinter sich zuzog, arretierte er die Verriegelung, wie sie ihm gesagt hatte. Befohlen war zutreffender. Verärgert dachte er, dass es genau das war, was er von Wyatts kleiner Schwester hatte erwarten müssen. Mel McCully war schon immer zickig und kratzbürstig gewesen. Warum hatte er geglaubt, der heutige Abend würde eine Ausnahme bilden?

Abgesehen von den wenigen Wagen, die vor dem „Crazy Horse Saloon“ parkten, war die Main Street verlassen. In der einzigen Bar der Stadt tobte Freitagnacht normalerweise das Leben. Heute aber waren die meisten Bewohner zu erschöpft, denn sie hatten den größten Teil der vergangenen Nacht mit der Suche nach Haley verbracht. Das Leben würde sich wieder normalisieren, sobald jeder geschlafen hatte. Auch Clayt benötigte dringend seine acht Stunden, doch damit war sein größtes Problem noch nicht gelöst. Was er unbedingt brauchte, war eine Mutter für Haley.

Clayt hatte gehofft, in einer der Frauen, die im Sommer nach Jasper Gulch gekommen waren, eine Mutter für seine Tochter zu finden. Letztes Frühjahr hatte sich alles so einfach angelassen. Der Stadtrat hatte seiner Idee zugestimmt, per Inserat Frauen für die kleine Stadt zu suchen, die Lokalpresse hatte einige der Stellungnahmen der Junggesellen gedruckt, und die größeren Zeitungen hatten die Geschichte aufgegriffen und Jasper Gulch den Spitznamen „Junggesellen Gulch“ gegeben. Die Frauen waren in Scharen in die Stadt gekommen, um die Männer in Augenschein zu nehmen. Leider hatte den meisten aber der Blick auf die staubigen Straßen, die dürftige Auswahl in den Geschäften und die begrenzte Aussicht auf einen Job genügt, um sofort wieder das Weite zu suchen. Nur wenige waren geblieben, und Wyatt und Luke hatten sich die zwei hübschesten geschnappt. Von Zeit zu Zeit kamen noch Frauen, und Clayt war sich sicher, eine nach seinem Geschmack zu finden … irgendwann.

Aber Haley brauchte jetzt eine Mutter.

Sein kleines, sommersprossiges Mädchen hatte einiges durchmachen müssen. Victoria war nie eine besonders gute Mutter gewesen, trotzdem hatte es Haley hart getroffen, von ihr im Stich gelassen zu werden. Und ausgerechnet in dieser schwierigen Situation befand sich Clayts eigene Mutter in Oregon, um sich um seine kranke Großmutter zu kümmern.

Mel zu heiraten schien ihm die perfekte Lösung für sein Problem zu sein. Sie mochte ihn, hatte ihn immer gemocht, wie er wusste, sie konnte gut mit Kindern umgehen, und er kannte sie schon sein Leben lang. Und vor allem war sie nicht wie Victoria. Mel war weder wunderschön, noch war sie weltgewandt. Sie war so vorhersehbar wie der neue Tag. Mit ihr würde er keine unangenehmen Überraschungen erleben. Nur einmal zuvor hatte sie ihn in Erstaunen versetzt – als sie ihm im ersten Schuljahr gegen das Schienbein getreten hatte.

Ich sage, hol dir deinen verdammten Zucker und deine Milch selbst.

Er stellte sein Bein auf das Trittbrett seines Trucks und rieb sich das Schienbein, gegen das Mel vor so vielen Jahren getreten hatte, doch es war sein Ego, das heute Abend verletzt worden war. Mit finster zusammengezogenen Augenbrauen stieg er in den Wagen und startete den Motor. Eigentlich hatte er vorgehabt, seine Verlobung mit Mel bei dem Barbecue bekanntzugeben, das er zu Ehren seines Bruders am Sonntag geben wollte. Fehlanzeige.

Aber mit etwas Glück würde ihm am nächsten Morgen eine Alternative zu seinem ursprünglichen Plan einfallen.

„Clayton, sieh mal, was ich kann!“, rief Haley.

Das Herz rutschte ihm in die Hose vor Schreck, als er zu seiner Tochter hinüber sah. Sein erster Gedanke war, zu ihr zu rasen. Sein zweiter, sie zu bitten, von dem Gatter zu klettern, auf dem sie balancierte. Doch er hatte Angst, ein plötzliches Geräusch oder eine Bewegung könnten dazu führen, dass sie in den Pferch und damit dem gemeingefährlichsten Bullen im ganzen Staat vor die Vorderhufe fiel.

Auch sein Bruder Luke, Wyatt und Cletus McCully mussten diesen Gedanken gehabt haben, denn sie bewegten sich nur ganz bedächtig auf die Einzäunung zu. Mit so ruhiger Stimme wie nur möglich rief Clayton: „Ganz toll, Haley. Aber jetzt spring hinunter, und hilf Isabell Pruitt bei den Vorbereitungen für Onkel Lukes Verlobungsparty.“

Hoffentlich sieht die gute alte Isabell nicht, dass meine liebenswerte Tochter ihr die Zunge herausstreckt, dachte er. „Das ist Mädchenkram, Clayton“, beschwerte Haley sich. „Ich helfe lieber dir.“

Leichtfüßig sprang sie vom Gatter. Die vier Männer atmeten erleichtert auf. Clayton legte die Hand auf sein rasendes Herz. Er drehte sich zu seinem Bruder um. „Sobald das Barbecue vorbei ist, bringe ich diesen Bullen auf die andere Weide.“

Luke und Wyatt nickten, doch Cletus McCully schüttelte den Kopf. „Dadurch wird sich nichts ändern, mein Junge. Wenn man irgendwo in Schwierigkeiten geraten kann, wird das Mädchen dabei sein.“

Genau in diesem Moment bückte Haley sich, um ein kleines Kätzchen zu streicheln. Ihre Haltung erinnerte Clayton daran, wie seine Tochter im Alter von vier ausgesehen hatte: mädchenhaft, anmutig und unschuldig. Nach der Scheidung hatte er sie nur zu Weihnachten und während des Sommers gesehen, aber er erinnerte sich deutlich an das Jahr, als plötzlich Sommersprossen auf ihrer Nase zu sprießen begannen. Sie war sieben gewesen. Seit der Zeit nannte sie ihn auch Clayton. Nicht Daddy, nicht einmal Clayt. Clayton. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich das nur seine Mutter erlauben dürfen.

Zuerst hatte er geglaubt, es handle sich nur um eine vorübergehende Phase. Nach einem Monat hatte er sie gebeten, ihn Dad zu nennen. Sie hatte das Kinn vorgestreckt und sich geweigert. Alles Zureden hatte nichts genützt.

Trotzdem liebte er sie über alles. Die sieben Jahre seit der Scheidung hatte Haley damit verbracht, von einem Ende von Texas zum anderen zu ziehen, während Victoria nach dem Ölmagnat ihrer Träume suchte. Jetzt hatte Clayton das Sorgerecht, und Haley wohnte bei ihm.

Es war der dritte September, und Herbst lag in der Luft. Das Wetter konnte einem um diese Jahreszeit einen Strich durch die Rechnung machen, doch im Moment schien noch die Sonne, und es war angenehm warm. Auf der Rasenfläche zwischen dem Haus seiner Eltern und seinem eigenen waren Picknicktische aufgestellt worden. Die Bewohner von Jasper Gulch würden bald eintreffen. Alles deutete darauf hin, dass das Barbecue für seinen einzigen Bruder Luke, seinen besten Freund Wyatt McCully und ihre zukünftigen Frauen reibungslos ablaufen würde.

Claytons Gemütszustand war an diesem Nachmittag wesentlich besser. Der Schlaf hatte geholfen, aber auch die Erkenntnis, dass die Situation mit Haley nicht völlig hoffnungslos oder außer Kontrolle war. Oh, Mels Antwort auf seinen Heiratsantrag machte ihm noch zu schaffen, aber er war schon immer zur Höchstform aufgelaufen, wenn die Umstände miserabel waren, wenn die Rinderpreise im Keller waren, das Wetter schlecht und nur Arbeitswut und schiere Entschlossenheit Essen auf den Tisch und ein wenig Geld auf die Bank brachten. Irgendwann zwischen Freitagnacht und heute Nachmittag war er zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit war, sich endlich mit Entschlossenheit auf die Suche nach einer Mutter für sein Kind zu machen.

Mel hatte ihre Chance gehabt. Doch sie hatte seinen Antrag abgelehnt. Was sollte es. Es gab noch mehr Frauen auf der Welt. Okay, nicht so viele, zumindest nicht in dieser Ecke von South Dakota. Aber es waren genügend, und es war an der Zeit, ihnen zu zeigen, wie charmant Clayton Carson sein konnte.

„Es gibt immer wieder Wunder, nicht wahr, Mädchen?“ Cletus McCully ließ seinen Blick über die Menschenmenge wandern, die lachend und schwatzend in kleinen Gruppen in Claytons Garten zusammenstand.

Mel trank den letzten Schluck ihres Punsches, bevor sie ihrem Großvater zustimmte. Es war erstaunlich, dass zwei der einheimischen Jungen – einer davon ihr Bruder – in weniger als einer Woche Doppelhochzeit feiern würden. Sie freute sich unendlich für ihren Bruder Wyatt und auch für Luke Carson. Jillian Daniels rote Haare und ihr temperamentvolles Wesen passten ausgezeichnet zu der Eigensinnigkeit der Carsons. Und Lisa Markmans rauchige Stimme und ihr verwegenes Lächeln waren genau das, was Wyatt brauchte.

Einige Dinge hatten sich in dem guten alten Jasper Gulch wirklich verändert. Andere wiederum waren gleich geblieben. Morgen war Labor Day, und am Tag danach würde, wie in jedem Jahr, die Schule wieder beginnen. Alle, die Anfang des Sommers am Picknick im Stadtpark teilgenommen hatten, waren auch bei Clayts Barbecueparty anwesend. Der Punsch war getrunken, die Teller waren leer. Isabell Pruitt, selbst ernannte Vorsitzende der Ladies’ Aid Society, hatte den Punsch alle fünfzehn Minuten daraufhin überprüft, ob auch kein Alkohol darin sei. Jetzt sprangen die Kinder in der Nähe der Stalltür in Pfützen, Mütter regten sich wegen der schmutzigen Schuhe auf, und die Rancher aus der Gegend lamentierten über Rinderpreise, so wie sie es immer taten.

Ein helles Lachen aus der Nähe des Schuppens drang zu Mel. Sie drehte sich um. Clayt saß auf dem Zaun, und Brandy Schafer, das einzige Mädchen aus ihrer Abschlussklasse, das wie sie in Jasper Gulch geblieben war, lachte ihn mit strahlenden Augen an. Mel drehte sich der Magen um.

Sie hatte sich immer für eine vernünftige Frau gehalten, aber die Verzweiflung und die Enttäuschung, die sie jetzt empfand, entsprangen nicht der Vernunft und Logik.

Cletus fluchte leise und schüttelte den Kopf. „Nimm es dir nicht so zu Herzen, Mädchen. Ich bin sicher, dass daraus nichts wird. Irgendwann wird Clayt Carson vernünftig und stellt fest, dass es für ihn keine bessere Frau als dich gibt. Vielleicht würde es helfen, wenn du ein wenig netter zu ihm wärst. Bienen fängt man mit Honig, weißt du.“

Mel stieß einen tiefen Seufzer aus und schüttelte den Kopf. Das hatte sie häufig getan, seit Clayt ihr diesen unmöglichen Antrag gemacht hatte Ich hatte irgendwo gehofft… Freitagnacht hatte sie noch lange vor dem Spiegel gestanden. Sie war neunundzwanzig Jahre alt und ein wenig dünn, wie sie fand. Ihre Beine waren schlank und muskulös, und sie war nicht gerade mit großen Brüsten gesegnet. Sie litt innerlich, als ihr Blick auf Brandy Schafers Brüste fiel, die aus dem tief dekolletierten Shirt quollen. Männer schienen große, üppige Brüste vorzuziehen. Kleine Brüste verdienten nur Heiratsanträge, die die Formulierung irgendwie hatte ich gehofft einschlossen.

Sie fuhr mit dem Daumen über ihre Haare, die in einem schweren Zopf auf ihrer Schulter lagen, und sah zu ihrem Großvater auf. Seit sie Freitagnacht aus ihrem Lokal gestürmt war, ging ihr eine Sache nicht mehr aus dem Kopf. Immer hatte sie ihre Gefühle vor Clayt geheim gehalten. Und doch hatte er sich benommen, als müsste sie ihm aus lauter Dankbarkeit, weil er sie heiraten wollte, die Füße küssen. Warum? Und woher wusste ihr Großvater von ihrer Zuneigung zu Clayt?

„Kann ich dich etwas fragen, Granddad?“

Cletus zog die buschigen weißen Augenbrauen hoch. „Aber natürlich, Mädchen.“

Sie vergewisserte sich, dass niemand in Hörweite war, dann flüsterte sie: „Wie kommst du darauf, dass ich Clayt mag?“

Cletus trat von einem Fuß auf den anderen, so wie er es immer tat, wenn ihm eine Antwort schneller auf der Zunge lag, als er sie geben wollte. Langsam beugte er sich zu ihr und sagte: „Ich weiß es seit Jahren.“

„Wirklich?“

„Es ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, es dir zu sagen, aber jeder weiß es.“

Sie fuhr sich mit der Hand an den Hals. „Das ist unmöglich. Ich habe es keiner Menschenseele erzählt.“

„Das ist in Jasper Gulch kein Grund. Sieh mal, dort drüben. Doc Masey gibt mir Zeichen, damit ich mit ihm zusammen hinter dem Schuppen eine schöne dicke Zigarre rauche.“

„Granddad!“

Er verzog schuldbewusst das Gesicht.

„Jeder weiß es?“

„Wenn du mir nicht glaubst, frag doch herum.“ Ohne ein weiteres Wort schlenderte er zu der Gruppe, die am Schuppen auf ihn wartete.

Mel schaute ihm verwirrt nach. Stimmte es, dass jeder über ihre blöde Vernarrtheit in diesen Ignoranten Clayt Carson Bescheid wusste? Woher? Sie und Clayt gingen nur selten zivil miteinander um, geschweige denn nett.

Hatte ihr Großvater mit seiner Behauptung überhaupt recht? Cletus McCully war ein wundervoller Mensch. Er hatte sie und Wyatt aufgenommen, nachdem ihre Eltern im Bad River ertrunken waren, als sie gerade sechs Jahre alt war, und sie liebte ihn abgöttisch. Der Mann würde für sie und Wyatt sein Leben geben, und doch wusste Mel zufällig, dass er es mit der Wahrheit ab und zu nicht so genau nahm. Er musste sich irren. Trotzdem, er hatte ihr gesagt, sie sollte sich umhören. Als sie Jillian Daniels, eine der zukünftigen Bräute, entdeckte, wusste Mel genau, bei wem sie anfangen würde.

„Eine Doppelhochzeit. Ist das nicht romantisch? Und sieh dir Lisas Kleid an. Ist es nicht das schönste Kleid, das du je gesehen hast?“

Clayt bemühte sich, Brandy Schafers Unterhaltung zu folgen. Aber es war nicht einfach. Zuerst hatte er dafür die beachtliche Wölbung ihrer Brüste verantwortlich gemacht, die sie für ihn provozierend zur Schau stellte. Inzwischen war ihm klar geworden, dass es nicht ihr sexy Körper war, der ihn ablenkte. Tatsache war, dass sie ihn zu Tode langweilte.

„Ich meine, dieses Blau ist doch fantastisch, und ich finde es hinreißend, wie das Material um ihre Beine streicht. Wenn Lisa in ihrem Geschäft Kleider diesen Stils verkauft, dann bin ich absolut sicher, dass ihre Boutique ein Erfolg wird. Oh, ich hoffe so sehr, sie wird solche Stücke verkaufen. Ich bin diese Cowboyhemden und – röcke so leid…“

Clayt fragte sich, wie lange das Mädchen noch reden konnte, ohne Luft zu holen. Aus den Augenwinkeln heraus nahm er eine Bewegung wahr. Er brauchte den Kopf nicht zu drehen, um zu wissen, dass es Mel McCully war. Ihre schlanke Figur und ihre dunkelblonden Haare würde er überall erkennen. Sie war eine Frau, die ihn noch nie mit unnötigem Geschwätz gelangweilt hatte. Mel war nicht wie andere Frauen. Und das mochte er an ihr. Er wollte ihr gerade sein berühmtes Lächeln schenken, doch sie ging an ihm vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Er schüttelte den Kopf.

Die gute alte Mel war also wütend auf ihn. Es überraschte ihn nicht. Sie war sturer und eigensinniger als jede andere Frau, die er kannte – einschließlich Victoria. Allerdings war Mel nicht so gemein. Clayt dachte nicht gern über Victoria nach. Sie erinnerte ihn an zu viele Fehler und zu viele Dinge, die er nicht hatte ändern können. Er war damals zu jung gewesen. Und er hatte die Falsche geheiratet. Jetzt war er sechsunddreißig Jahre alt. Wenn er das nächste Mal vor den Traualtar trat, wollte er es richtig machen. Vielleicht würde er nicht aus Liebe heiraten, aber zumindest würde es für Haley stimmen.

Er nickte zu allem, was Brandy erzählte. Im Geiste strich er sie von der Liste der geeigneten Kandidatinnen. Sie war hübsch gebaut, doch die Frau, die sich um Haley kümmern sollte, musste auch etwas im Kopf haben.

Vor einigen Wochen war eine Frau namens Brittany Matthews in die Stadt gezogen. Sie lebte sehr zurückgezogen, und Clayt wusste nur, dass sie und ihre fünfjährige Tochter von New Jersey gekommen waren. Die gute alte Mertyl Gentry führte sie gerade an den Tisch. Sobald er sich von Brandy loseisen konnte, würde er zu Brittany schlendern und sich vorstellen. Brittany. Ein wirklich hübscher Name.

2. KAPITEL

Brittany. Brittany. Brittany.

Den ganzen Tag gab es kein anderes Thema.

Mel stellte ein Tablett mit schmutzigem Geschirr auf einem Tisch ab und ging hinüber zu den Anderson Brüdern, die bezahlen wollten. Auf ihrem Weg lächelte sie Lisa, Jillian und DoraLee Sullivan an, nickte Brittany Matthews zu und hob hochnäsig den Kopf, während sie an Clayt vorbeiging.

„Alles okay, Jungs?“, fragte sie, als sie an die Kasse kam.

Neil Anderson nickte, aber Mel bezweifelte, dass er ihre Frage wirklich gehört hatte. Er war zu sehr mit dem Thema beschäftigt, über das alle sprachen.

Autor

Sandra Steffen
Sandra Steffen ist in einer idyllischen Gegend aufgewachsen, die sie schon im jungen Alter zum Schreiben inspiriert hat. Später heiratete sie ihre Jugendliebe, und gemeinsam bekamen sie und ihr Mann vier Söhne, die Sandras erklärte Helden sind. Inzwischen haben diese ihrer Mutter auch schon bezaubernde Enkel geschenkt, um die sie...
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