Zwischen Lügen und Leidenschaft

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Sie wurde nach der Geburt im Krankenhaus vertauscht? Schockiert findet die schöne Jade Nolan heraus, dass ihr Leben auf einer Lüge beruht. Und ausgerechnet ihr Ex, der Security-Experte Harley Dalton, wird von der Klinik in Charleston mit den Ermittlungen betraut. Sein Sex-Appeal ist seit ihrer schmerzlichen Trennung nicht weniger geworden! Jades Welt gerät ins Wanken: Sie muss das Geheimnis ihrer Herkunft lösen und zugleich das Verlangen ignorieren, das Harley erneut in ihr weckt. Beides scheint unmöglich, beides ist brandgefährlich …


  • Erscheinungstag 26.11.2019
  • Bandnummer 2108
  • ISBN / Artikelnummer 9783733725488
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Da musste ein Fehler vorliegen.

Jade Nolan starrte die DNA-Testergebnisse an, die sie per Post erhalten hatte. Das DNA-Kit hatte sie von ihrem jüngeren Bruder Dean zu Weihnachten geschenkt bekommen. Alle in der Familie hatten eins von ihm gekriegt. Dean hatte sich gedacht, es könne interessant sein, herauszufinden, aus welchen Teilen der Welt ihre Vorfahren stammten. Da sie sich ihrer irischen und deutschen Wurzeln ziemlich sicher waren, hätte es dabei eigentlich keine großen Überraschungen geben dürfen. Aber die Worte in dem Bericht waren definitiv eine Überraschung. Nein, sie waren sogar ein Schock.

„Jade? Alles okay?“

Sie sah auf und schaute ihre beste Freundin, Sophie Kane, ausdruckslos an. Eigentlich hatten sie sich getroffen, um Wein zu trinken und ihre Lieblingsserie zu schauen, so wie jeden Dienstag. Doch durch die Testergebnisse hatte der Abend eine unerwartete Wendung genommen.

„Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Definitiv nicht.“

Nichts war okay. Laut dem Bericht war sie mit niemandem in der Datenbank der Gentestfirma näher verwandt. Doch das war eigentlich gar nicht möglich. Sowohl ihre Eltern als auch ihr Bruder hatten ihre Proben schon Wochen vor ihr abgegeben. Sie hätten eigentlich unter „Verwandte“ aufgeführt werden müssen. Aber das wurden sie nicht.

Hinzu kam, dass Jade weder irischer noch deutscher Abstammung war. Laut dem Bericht stammten ihre Vorfahren aus England, Schweden und den Niederlanden. Sie hatte die Ergebnisse ihres Bruders gesehen, und die stimmten nicht im Geringsten mit ihren überein.

„Was steht denn da?“, fragte Sophie. Sie stellte ihren Wein beiseite und beugte sich vor, um Jade eine Hand auf die Schulter zu legen. „Erklär’s mir, Süße.“

Jade schluckte, versuchte, den Kloß in ihrem Hals loszuwerden. Ihr fehlten die Worte. Seit sie den Bericht gelesen hatte, schossen ihr tausend Dinge durch den Kopf. Momente des Zweifels, den sie bisher für unbegründet gehalten hatte. Sie hatte nie so ganz in ihre Familie gepasst – eine Tatsache, die sie schon seit ihrer Kindheit verunsicherte. Sie hatten immer Witze darüber gerissen, dass eigentlich der Postbote ihr Vater war, weil sie blondes Haar und dunkelbraune Augen hatte, während alle anderen in der Familie dunkelhaarig und grünäugig waren. Anscheinend war an den Witzen nur allzu viel Wahres dran.

Schon immer hatte sie sich wie die Außenseiterin der Familie gefühlt. Nun hatte sie den eindeutigen Beweis: Sie war keine Nolan.

Abrupt stand sie auf, und der Brief rutschte ihr aus der Hand, ohne dass sie es merkte. „Ich glaube, ich bin … adoptiert.“ Endlich konnte sie es laut aussprechen, doch die Worte klangen irgendwie falsch in ihren Ohren.

Adoptiert. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Wieso hatten ihre Eltern ihr das verheimlicht? Immerhin war sie fast dreißig. Sie hatte bereits geheiratet – und sich wieder scheiden lassen. Als sie und ihr Exmann Lance darüber gesprochen hatten, Kinder zu bekommen, hatte ihre Mutter ihr sogar Geschichten über ihre Schwangerschaft erzählt. Darüber, wie ihr Vater im Kreißsaal in Ohnmacht gefallen war. Doch das war offenbar alles gelogen. Sie hatten sie systematisch angelogen.

Aber wieso?

Jade verstand einfach nicht, wie das sein konnte. Doch sie würde dem auf den Grund gehen – koste es, was es wolle.

1. KAPITEL

Es war verdammt langweilig, der Boss zu sein.

Harley Dalton saß im obersten Stockwerk seines Bürogebäudes in Washington, D. C., und blätterte ein paar Berichte durch, ohne sie richtig zu lesen. Eigentlich passte es gar nicht zu ihm, eine Firma zu leiten. Er hatte sie nur gegründet, weil er nach der Zeit bei der Navy keine Lust darauf gehabt hatte, weiterhin Befehle entgegenzunehmen.

Nie hätte er gedacht, dass er damit einen solchen Erfolg haben würde. „Dalton Security“ hatte mittlerweile fünf Standorte – vier davon in den USA und einen in London – und beschäftigte Hunderte Mitarbeiter. Man rief sie an, wenn man in der Klemme steckte oder jemanden brauchte, der sich mit brenzligen Situationen auskannte. Natürlich taten sie nichts Illegales, doch alle Angelegenheiten wurden stets auf schnelle und effiziente Art geregelt, auch wenn sie damit eine rechtliche Grauzone betraten.

Unter anderem hatte sich seine Firma vor Kurzem um die Entführung eines vierzehnjährigen Mädchens gekümmert. Es war mit seinem Fußballtrainer weggelaufen, einem Mann von fast fünfzig Jahren. Über die Suche nach dem Mädchen im Mittleren Westen der USA war im ganzen Land berichtet worden – und kurz darauf auch darüber, wie „Dalton Security“ den Perversen gefunden, festgenommen und an die Polizei ausgeliefert hatte. Das Mädchen war sicher nach Hause gebracht worden. Daltons Aktienkurse waren in die Höhe geschossen, und alles hatte gut geendet.

Beziehungsweise eher zufriedenstellend, wenn man bedachte, dass Harley nun in spießigen Anzügen hinter einem großen Schreibtisch saß und den ganzen Tag damit verbrachte, mit irgendwelchen Leuten zu sprechen. Er war nicht mehr aktiv im Einsatz, und das gefiel ihm gar nicht. Statt Verdächtige festzunehmen, war er nun ein verdammter Bürohengst. Er hätte nie gedacht, dass man als Millionär so wenig Spaß hatte.

„Mr. Dalton?“, ertönte die Stimme seiner Assistentin über die Gegensprechanlage.

„Ja?“, antwortete er, darum bemüht, Faye nicht anzufahren. Es war schließlich nicht ihre Schuld, dass er heute das Gefühl hatte, von seiner Seidenkrawatte erstickt zu werden.

„Ein Mr. Jeffries will Sie sprechen, Sir.“

Jeffries? Der Name sagte ihm nichts. „Wer ist das?“

„Er sagt, er sei der CEO der St. Francis Klinik in Charleston.“

Wieso sollte der CEO eines Krankenhauses in Charleston ihn anrufen? Harley war zwar dort geboren und aufgewachsen, aber schon seit über zehn Jahren nicht mehr da gewesen, obwohl seine Mutter immer noch dort lebte. Aber wenn ihr etwas passiert wäre, würde er es sicher nicht vom CEO persönlich erfahren. Was konnte es sonst sein? Normalerweise nahm Harley keine Anrufe von Leuten entgegen, die er nicht kannte, aber nun war seine Neugier geweckt. „Stellen Sie ihn durch.“ Kurz darauf läutete das Telefon, und er hob ab. „Dalton hier.“

„Hallo. Hier ist Weston Jeffries. Ich bin der CEO der St. Francis Klinikgruppe in Charleston und würde gern mit Ihnen über ein kleines … Problem sprechen, das wir hier gerade haben.“

„Neue Fälle werden eigentlich von unserer Abteilung für Kundenakquise bearbeitet“, erklärte Harley. Wenn das Krankenhaus besondere Sicherheitsausrüstungen brauchte oder Nachforschungen über potenzielle neue Mitarbeiter anstellen lassen wollte, hatte das wirklich wenig mit ihm zu tun.

„Ja, natürlich“, sagte Mr. Jeffries. „Aber von einem CEO zum anderen: Die Situation ist wirklich heikel. Die Medien sind schon jetzt allzu interessiert an der Sache.“

Die Medien? Anscheinend sollte Harley wirklich genauer darauf achten, was in seiner Heimatstadt so vor sich ging. „Na schön, wieso erklären Sie mir nicht einfach, worum es geht, und dann schauen wir mal, was ich tun kann.“

„Wir wurden von einer Frau kontaktiert, die behauptet, sie sei bei ihrer Geburt im Jahr 1989 in unserer Klinik vertauscht worden. Zuerst dachte sie wohl, sie sei adoptiert worden, aber ihre Eltern beharren darauf, dass sie an jenem Tag im St. Francis eine Tochter zur Welt gebracht haben. Sie glaubt ihnen, und damit bleibt in ihren Augen nur eine Erklärung übrig: Sie muss im Krankenhaus verwechselt worden sein. Also brauchen wir jemanden, der sich mit der Angelegenheit befasst, und das so diskret wie möglich. Die Frau war mit der Geschichte schon in den Lokalnachrichten, und wir wollen die Situation nicht weiter verschlimmern.“

Eine Baby-Verwechslung war zwar interessant und könnte dem Krankenhaus wirklich schaden, aber das erklärte immer noch nicht, warum Mr. Jeffries darauf bestanden hatte, mit Harley persönlich zu sprechen. Andererseits langweilte Harley sich gerade wirklich zu Tode. Er konnte ihm also genauso gut einfach zuhören. „Denken Sie, es könnte wirklich die Schuld der Klinik gewesen sein?“

„Schwer zu sagen. Damals waren weder unsere Technik noch unsere Sicherheitsvorkehrungen so gut wie heute. Darüber hinaus wurde die Frau während des Hurrikans Hugo geboren, und die Klinik befand sich in einem Ausnahmezustand.“

Hurrikan Hugo? Komischer Zufall. Das Mädchen, mit dem Harley in der Highschool zusammen gewesen war, war ebenfalls während des Hurrikans Hugo geboren worden. Sofort wurde er von Erinnerungen an die gertenschlanke Blondine überflutet, die die Hauptrolle in all seinen jugendlichen Fantasien gespielt hatte. Sie war wunderschön, klug und definitiv eine Nummer zu groß für ihn gewesen. Nachdem sie ihm den Laufpass gegeben hatte, hatte er versucht, die Erinnerungen an sie zu verdrängen, doch selbst heute musste er immer noch oft an sie denken. Jetzt gerade zum Beispiel.

„Wie heißt die Frau?“, wollte er von Mr. Jeffries wissen.

„Jade Nolan.“

Der Name traf ihn wie ein Schlag. Jade. Es gab so viele Frauen in Charleston, und doch bekam er gerade ihren Fall in die Hände. Obwohl er es eigentlich besser wissen sollte, stand eines für ihn fest: Seine Firma würde den Fall übernehmen. Aber nicht nur das, er würde sich zum ersten Mal seit Langem selbst darum kümmern.

Rein emotional gesehen war das wohl kaum die beste Entscheidung, aber er musste Jade einfach wiedersehen. Es waren nun fast zwölf Jahre vergangen, seit sie mit ihm Schluss gemacht hatte und mit diesem Langweiler Lance Rhodes durchgebrannt war. Er hatte gehört, dass sie ihn sogar geheiratet hatte. Vielleicht war sie immer noch mit ihm verheiratet. Er hatte wohl all ihre Wünsche erfüllen können – anders als Harley.

Vielleicht war es schiere Neugier. Vielleicht aber auch einfach nur eine willkommene Entschuldigung dafür, aus diesem Büro zu entkommen, dessen Wände ähnlich der Müllpresse in Star Wars immer näher zu rücken schienen. Auf jeden Fall würde er am nächsten Morgen nach Charleston fahren.

„Mr. Dalton?“

Offenbar hatte er zu lange geschwiegen. „Entschuldigung, Mr. Jeffries. Wir kümmern uns darum. Es wird Sie später jemand anrufen und nach den weiteren Details fragen, aber ich komme noch diese Woche nach Charleston.“

„Sie ermitteln also persönlich?“

„In diesem Fall schon.“

„Vielen Dank, Mr. Dalton. Ich freue mich schon darauf, mit Ihnen zu sprechen, wenn Sie in der Stadt sind.“

Mr. Jeffries legte auf, und Harley lehnte sich zurück und dachte über die Konsequenzen dieser Entscheidung nach. Der Fall selbst war nicht das Problem. Sein Team würde herausfinden, was damals geschehen war – falls überhaupt etwas geschehen war –, daran bestand für ihn kein Zweifel. Aber persönlich nachzuforschen war eine ganz andere Sache. Er konnte sich vormachen, er wolle die Gelegenheit nutzen, um seine Mutter zu besuchen, doch jedem, der ihn kannte, würde klar sein, dass er wegen Jade gekommen war.

Sie war nicht die Richtige für ihn. Das hatte er schon während der Highschool gewusst. Er hatte viel Zeit mit Nachsitzen verbracht, während sie Schatzmeisterin der National Honor Society gewesen war. Sie verkehrten in völlig unterschiedlichen Kreisen – sie war mit den Überfliegern befreundet, er mit den jugendlichen Straftätern. Und doch war es um ihn geschehen gewesen, als er sie im Französischunterricht das erste Mal gesehen hatte.

Vielleicht hatte es an ihren großen Rehaugen gelegen, die im Kontrast zu ihrer blassen Haut und dem hellblonden Haar standen. Stets hatte sie ihn mit einer Prise Neugier und leicht beunruhigt angesehen. Die Besorgnis war er gewohnt, schließlich genoss er schon damals einen gewissen Ruf. Aber die Neugier hatte ihn fasziniert.

Eigentlich war er gut in Französisch, aber er hatte so getan, als würde es ihm schwerfallen, und sie um Nachhilfe gebeten. Er wusste, dass ihre Familie nicht viel Geld hatte. Das tat er zwar auch nicht, aber die Zeit mit ihr war es ihm wert. Den Rest des Semesters hatte er ihr zehn Dollar pro Woche dafür gezahlt, dass sie Französisch mit ihm übte. Er hatte einfach Zeit mit Jade verbringen wollen, und er dachte, das wäre der einzige Weg. Doch da hatte er sich geirrt. In einer schwülen Sommernacht hatte er den Mut aufgebracht, sie zu küssen, und alles hatte sich verändert – er selbst eingeschlossen.

In seiner Jugend hatte er tun und lassen können, was er wollte. Seine Mutter war alleinerziehend gewesen und hatte mit zwei Jobs jonglieren müssen, um sie über Wasser zu halten, sodass er fast nie von einem Erwachsenen beaufsichtigt wurde. Aber wenn er mit Jade zusammen war, erschien ihm sein üblicher Zeitvertreib plötzlich nicht mehr so interessant. Sie zu küssen – oder beinahe von ihren Eltern erwischt zu werden, wenn er sich nachts durchs Fenster in ihr Zimmer schlich – war wesentlich berauschender. Sie war alles, von dem er nie gedacht hätte, dass er es sich wünschen könnte.

Jade dachte immer nur über die Zukunft nach. Auf keinen Fall wollte sie wie ihre Eltern enden, die ums Überleben kämpften, und machte sich entsprechend ständig Sorgen um ihre Noten, darum, an welchem College sie angenommen werden und was sie mit ihrem Leben anfangen würde.

Harley machte sich nur Sorgen darum, wie er in ihr Leben passte, und anscheinend war es ihr genauso gegangen. Kurz nach Beginn ihres Studiums trennte sie sich von ihm. Er wusste genau wie jeder andere, dass sie nicht zueinander passten – besser gesagt, dass er nicht gut genug für sie war. Also hatte er nicht um sie gekämpft. Das bereute er noch heute, auch wenn er es nie zugeben würde. Er sah lieber nach vorn. Und genau das hatte er auch getan. Eine Woche nach der Trennung war er ins Rekrutierungsbüro der Navy marschiert und hatte nie zurückgeblickt. Jade hatte er nie wiedergesehen, auch wenn er ständig an sie denken musste.

Er schaute auf die Notizen hinunter, die er sich während des Telefonats mit Mr. Jeffries gemacht hatte. Das würde sich nun wohl ändern.

Es klingelte.

Da Jade wusste, dass der Ermittler vom Krankenhaus heute vorbeikommen wollte, sprang sie sofort auf. Jemand vom St. Francis hatte sie extra angerufen, um sicherzugehen, dass sie zu Hause war. Sie hatte keine Ahnung, was genau sie dem Ermittler sagen sollte – schließlich war sie zum Zeitpunkt des Vorfalls noch ein Baby gewesen –, aber zumindest konnte sie sich so ein Bild vom Ermittler und seiner Vorgehensweise machen.

Das Krankenhaus hatte sie nicht ignorieren können. Ihre beste Freundin und Anwältin Sophie hatte sie also gut beraten. Sie hatte vorgeschlagen, sich an die Presse zu wenden, als die Klinik nicht auf ihre Fragen antworten wollte. Nach ihrem Interview hatte es keine vierundzwanzig Stunden gedauert, bis die Rechtsabteilung der Klinik ihr mitteilte, dass sich ein neutraler Ermittler mit der Sache befassen würde. Anscheinend war die Klinik nach dem Interview heftig kritisiert worden, vor allem weil sie keinen Kommentar zu Jades Anschuldigungen abgeben wollte.

Das war nun eine Woche her. In dieser kurzen Zeit hatte sich wirklich viel verändert.

Jade öffnete die Tür, nur um abrupt innezuhalten, als sie den Mann auf ihrer Veranda erkannte. Ihr Herz geriet ins Stolpern, und sie konnte ihn bloß anstarren.

„Hallo, Jade.“

Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Ihr stand der Mund offen, und die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie brachte nicht mal ein Hallo hervor. Nicht jetzt, da plötzlich ihr Exfreund Harley Dalton vor der Tür stand.

Es war schon ewig her, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte – damals war sie noch im ersten Semester auf dem College gewesen. Seitdem hatte sich Harley ganz schön verändert. Er war muskulöser und reifer geworden. Sie hatte gehört, dass er nach ihrer Trennung der Navy beigetreten war, und das stimmte offenbar; seine breiten Schultern füllten das maßgeschneiderte graue Jackett perfekt aus. Schon während der Highschool war er größer gewesen als sie, doch nun überragte er sie um Haupteslänge.

Ein paar Dinge hatten sich jedoch nicht geändert: Seine dunkelblauen Augen funkelten immer noch verschmitzt, seine Nase war schon damals leicht schief gewesen, und das teuflische Grinsen versprach immer noch mehr Ärger, als sie brauchen konnte. Allerdings sah er sie ganz anders an als früher. Sein hitziger Blick war nicht von Verlangen erfüllt. Nein, er wirkte eher feindselig. Und irgendwie prüfend. Die Veränderung war alarmierend – obwohl es natürlich gut möglich war, dass er ihr die Trennung nie verziehen hatte.

„Jade?“ Fragend hob er eine Augenbraue.

Sie biss die Zähne zusammen und nickte. „Hallo, Harley“, brachte sie schließlich hervor. „Entschuldige.“

„Du erinnerst dich also noch an mich.“ Er grinste.

Als könnte sie ihn je vergessen. Er war ihre erste große Liebe gewesen. Vielleicht sogar ihre einzige, wenn sie ehrlich war. Aber das würde sie ihm bestimmt nicht sagen. „Natürlich erinnere ich mich an dich. Was machst du hier?“

„Das St. Francis hat mich beauftragt – oder vielmehr meine Firma –, angesichts deiner Anschuldigungen Nachforschungen anzustellen.“

Jade war nicht auf dem Laufenden geblieben, was Harley anging, aber der Job als Ermittler passte zu ihm. Vielleicht hätte sie besser aufpassen sollen – dann hätte das Krankenhaus sie nicht so überrumpeln können … mit dem Mann, dem sie all die Jahre erfolgreich aus dem Weg gegangen war.

„Oh“, sagte sie, darum bemüht, nicht allzu erschrocken zu klingen. An der Situation konnte sie so auf die Schnelle nichts ändern. Denn selbst wenn sie die Klinik sofort anriefe, würde das Harley nicht von ihrer Veranda verschwinden lassen. „Man hat mir keinen Namen genannt. Mir war nicht bewusst … Komm doch rein“, sagte sie und trat beiseite, um ihn vorbeizulassen.

All das Selbstbewusstsein, das sie sich über die Jahre hinweg angeeignet hatte, löste sich bei seinem Anblick in Luft auf. Stattdessen hatte sie plötzlich Schmetterlinge im Bauch und wurde sich einiger Körperteile bewusst, die schon lange nicht mehr so geprickelt hatten. Womöglich nicht mehr, seit sie Harley das letzte Mal berührt hatte. Lance war vieles gewesen, aber nicht gerade ein Sexgott.

Doch das hatte Jade nie gestört. Sie hatte diese intensive Leidenschaft gegen Sicherheit und Stabilität eingetauscht – oder zumindest hatte sie das gedacht. Harleys Anwesenheit machte ihr nur allzu bewusst, was sie auf ihrer Suche nach einem besseren Leben alles aufgegeben hatte.

Es war ein hoher Preis gewesen, denn obwohl sie erst eine Minute im selben Zimmer waren, empfand sie seine Gegenwart als beinahe überwältigend. Sie brauchte einen Moment für sich, sonst würde sie sich während der Befragung garantiert zum Narren machen. „Möchtest du was trinken? Einen Tee vielleicht?“

„Gern. Danke.“

Jade wies auf die Couch. „Setz dich ruhig. Ich bin sofort wieder da.“

Sie schlüpfte in die Küche und versuchte, sein Lächeln aus ihren Gedanken zu verbannen. Früher hatte sie sich immer über die geschlossene Raumaufteilung in ihrem Haus beklagt, doch nun war sie darüber erleichtert, durch eine Wand von ihm getrennt zu sein.

Jade ließ sich viel Zeit damit, den Tee einzuschenken, und bereitete sogar einen Teller Plätzchen vor. Harley hatte schon immer eine Vorliebe für Süßes gehabt, und so hatte sie noch ein wenig mehr Zeit, sich zu sammeln. Doch irgendwann würde sie ihm wieder gegenübertreten müssen.

Sie wusste nicht, was sie von seinem plötzlichen Auftauchen oder seiner finsteren Miene halten sollte. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf. Glaubte er etwa nicht, dass sie im Krankenhaus vertauscht worden war? Oder nahm er ihr immer noch die Trennung übel? Wenn ja, wieso hatte er dann den Fall übernommen? Fühlte er sich womöglich immer noch zu ihr hingezogen? Und selbst wenn, wieso interessierte sie das? Für so etwas hatte sie gerade wirklich keinen Kopf; es reichte, dass ihr ganzes Leben im Moment völlig außer Kontrolle war.

„Brauchst du Hilfe?“

Abrupt sah Jade auf. Harley hatte den Kopf zur Tür hereingesteckt. Sie bemühte sich um eine neutrale Miene und reichte ihm den Teller Kekse. „Hier, bring die ins Wohnzimmer. Ich nehme den Tee.“

„Lecker, Shortbread“, sagte er mit leuchtenden Augen.

„Das mochtest du immer am liebsten, nicht wahr?“, sagte sie und hätte die Frage dann gern sofort zurückgenommen. Er sollte nicht wissen, dass sie sich nach all den Jahren noch an solche Details erinnerte.

„Ja, allerdings. Ich kann nicht glauben, dass du das noch weißt.“ Harley steckte sich ein Plätzchen in den Mund und kaute nachdenklich. Jade konnte ihm bloß auf die vollen Lippen starren.

Seit ihrer Trennung war so viel Zeit vergangen, doch wenn sie Harley ansah, fühlten sich die Jahre an wie Sekunden. Beinahe konnte sie seine Lippen auf ihren spüren, als wäre es erst gestern gewesen. Er mochte ein Unruhestifter gewesen sein, aber er konnte auch wirklich gut küssen. Besser als gut.

Wie lange war es her, seit Jade geküsst worden war? So richtig geküsst. Nicht nur flüchtig, sondern ausgiebig, voller Leidenschaft? Sie konnte sich nicht an das letzte Mal erinnern. Auf jeden Fall war es schon lange her. Und diese Küsse hatten leider nicht erst aufgehört, als ihr Mann sich von ihr abgewandt hatte und den Drogen verfallen war.

Tief im Inneren wünschte sie sich, diese packende Anziehungskraft wieder zu erleben. Sich wieder begehrt und geliebt zu fühlen. Aber Harley war wohl kaum der Richtige, um diese Flamme aufs Neue zu entfachen. Sein Feuer würde sie vollkommen verzehren, und das konnte sie einfach nicht riskieren.

Harley schluckte das Shortbread herunter und lächelte sie an; seine Miene gab ihr das Gefühl, dass er genau wusste, was sie dachte. Sie war noch nie gut darin gewesen, ihre Gefühle zu verbergen; daran musste sie wirklich arbeiten – vor allem in seiner Gegenwart. Er war hier, um mit ihr über die Angelegenheit in der Klinik und ihre Anschuldigungen zu sprechen, doch sie fühlte sich wie ein Teenager. Als würde sie ihm bei Tee und Plätzchen Nachhilfe in Französisch geben und darüber fantasieren, mit ihm herumzufummeln.

Er ging zurück ins Wohnzimmer, und sie folgte ihm gezwungenermaßen. Harley setzte sich ans eine Ende der Couch, und sie wählte den Sessel zu seiner Rechten und stellte den Tee auf den Tisch. Wie sollten sie dieses Gespräch bloß beginnen? Wäre es am klügsten, sofort über seine Ermittlungen zu sprechen und das Offensichtliche zu leugnen? Oder wäre es besser, sich erst über ihr Privatleben auszutauschen? Sie hatten sich immerhin seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen.

„Wie geht’s dir?“, fragte er und nahm ihr damit die Entscheidung ab.

„Gut“, sagte sie automatisch. Seit ihrer Scheidung fragten sie alle ständig, wie es ihr ging, und sie hatte festgestellt, dass die meisten keine ehrliche Antwort hören wollten. „Meistens jedenfalls. Es hat sich wirklich viel verändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, aber insgesamt läuft eigentlich alles gut.“

Harley sah auf ihre Hand und runzelte verwirrt die Stirn. „Ich habe gehört, dass du Lance geheiratet hast, aber ich sehe keinen Ring.“

„Stimmt. Ich habe ihn während meines vorletzten Jahrs am College geheiratet“, sagte Jade. „Aber wir sind jetzt schon seit mehreren Jahren getrennt.“

Harley richtete sich auf. Anscheinend hörte er davon zum ersten Mal. Es überraschte sie, dass er sich vor seinem Besuch nicht gründlicher über sie informiert hatte. „Das tut mir leid“, sagte er.

Jade konnte bloß nicken. Sie wollte ihm nicht erzählen, was mit Lance passiert war. Es war keine schöne Geschichte, aber in den Zeitungen war darüber berichtet worden, sodass alle, die es wollten, es nachlesen konnten. Also standen Harley eigentlich alle Details zur Verfügung. „Was ist mit dir? Hast du eine Familie?“

Er lachte kopfschüttelnd. „Nein. Ich war acht Jahre lang bei der Navy und bin um die ganze Welt gereist. Da hatte ich keine Zeit, eine Familie zu gründen oder mir auch nur ein Zuhause zu suchen. Als ich meinen Dienst beendet hatte, habe ich eine eigene Firma gegründet. Das war ebenfalls recht zeitaufwendig, zumindest am Anfang. Aber mittlerweile läuft das Geschäft gut, ohne dass ich mich ständig darum kümmern muss.“

Jade war sich nicht sicher gewesen, was Harley mit seinem Leben anfangen würde. Manche hätten wahrscheinlich darauf gewettet, dass er im Gefängnis landen würde. Andere, dass er es zu nichts bringen würde. Doch sie hatte schon immer sein Potenzial erkannt, und es freute sie, dass er Unternehmer geworden war. „Deine Firma führt also private Ermittlungen durch? Quasi wie eine Detektei?“

„Nicht ganz. Wir machen eine Menge Arbeit, die streng genommen als Sicherheitsdienstleistung eingestuft wird. Personenschutz, Haussicherheit und -überwachung, Fälle vermisster Personen … alles Mögliche, worum sich die Polizei entweder nicht kümmern kann oder will. Ermittlungen sind nur einer der Bereiche, die ‚Dalton Security‘ anbietet.“

Autor

Andrea Laurence
Bereits im Alter von zehn Jahren begann Andrea Laurence damit, Geschichten zu schreiben – damals noch in ihrem Kinderzimmer, wo sie an einer alten Schreibmaschine saß. Sie hat immer davon geträumt, ihre Romane eines Tages in der Hand halten zu können, und sie arbeitete jahrelang hart, bis sich ihr Traum...
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