Bianca Extra Band 168

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DER WEIHNACHTGLANZ IN DEINEN AUGEN von JOANNA SIMS

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  • Erscheinungstag 14.11.2026
  • Bandnummer 168
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538411
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

JoAnna Sims, Sasha Summers, Christine Rimmer, Nancy Robards Thompson

BIANCA EXTRA BAND 168

JoAnna Sims

PROLOG

Grundschule Tenacity

Tenacity, Montana

Dezember 2006

Es war zwei Wochen vor Weihnachten, und Marisa Sanchez, acht Jahre alt, hatte gerade erfolgreich beim Weihnachtsmärchen mitgewirkt. Wie viele andere Kinder hatte sie sich für die Teilnahme beworben, und sie hatte die begehrte Rolle als Stern auf der Spitze des singenden Tannenbaums bekommen. Ihre Mutter, eine Schneiderin, hatte die Kostüme für die Vorstellung genäht.

Verkleidet als leuchtend gelber fünfzackiger Stern mit einem kleinen Loch fürs Gesicht stand Marisa nun in der Schlange, um sich von ihrer Musiklehrerin Mrs. Jankowski zu verabschieden, die das Weihnachtsmärchen inszeniert hatte. Neben ihr warteten ihre Eltern sowie ihre Geschwister Julian, Diego, Luca und Nina. Marisas Gesicht war vor Aufregung gerötet, und ihre Augen leuchteten vor Stolz.

Ehe sie an der Reihe war, um ein paar Worte mit ihrer Lieblingslehrerin zu wechseln, zupfte Marisa an der Hand ihrer Mutter. Sie beugte sich zu ihr herunter. „Ja, mija?“

„Weißt du noch, wie aufgeregt ich war?“

„Oh ja“, antwortete ihre Mutter.

„Und weißt du was?“

„Na?“

Marisa strahlte ihre Mutter an. „Sobald ich auf der Bühne war, hatte ich überhaupt keine Angst mehr. Ich war der allerbeste Weihnachtsstern.“

Ihre Mutter lachte. „Ja, das warst du, mija. Der perfekte Weihnachtsstern.“

Als sie endlich an der Reihe war, flog Marisa in die Arme von Mrs. Jankowski und umarmte sie ganz fest.

„Mein wunderbarer kleiner Stern.“ Die Musiklehrerin erwiderte die Umarmung. „Du warst die perfekte Spitze für unseren Weihnachtsbaum.“

„Danke, Mrs. Jankowski.“ Marisa strahlte übers ganze Gesicht.

„Aber gern.“ Mrs. Jankowski drückte sie noch einmal, ehe sie sich ihren Eltern zuwandte und ihnen die Hand schüttelte.

„Mr. und Mrs. Sanchez, schön, dass Sie gekommen sind. Ich hoffe, die Vorstellung hat Ihnen gefallen.“

„Sie war wunderschön“, antwortete Nicole. „Wir wussten gar nicht, dass Marisa singen kann wie ein Vögelchen.“

„Ihre Tochter ist sehr talentiert. Sie hat eine wunderschöne Stimme. Auch das Klavierspielen fällt ihr leicht.“

„Vielen Dank für alles, was Sie für unsere Tochter getan haben“, ergänzte Will, während Marisa das Lob ihrer Lehrerin strahlend entgegennahm.

„Gern. Und Ihnen, Mrs. Sanchez, möchte ich danken, dass Sie unsere Kostüme geschneidert haben. Das Weihnachtsmärchen hat noch nie so gut ausgesehen.“

„Ich habe gern geholfen.“ Nicole legte den Arm um Marisa.

Will warf einen Blick auf die Eltern und Schüler, die hinter ihm warteten. „Wir machen mal besser Platz.“

Ehe sich ihre Eltern zum Gehen wandten, sagte Mrs. Jankowski: „Bitte denken Sie über Musikunterricht für Marisa nach. Ich würde mit Gesang und Klavier beginnen, denn sie hat wirklich Talent.“

Marisa winkte ihrer Lehrerin zum Abschied zu, ehe sie mit ihrer Familie zum Parkplatz ging. Etwas trübte ihr Glücksgefühl. Als Mrs. Jankowski den Musikunterricht erwähnt hatte, war ein Schatten über das Gesicht ihrer Eltern gefallen. Sie überschütteten ihre Kinder mit Liebe. Aber das Geld war immer knapp. Manchmal, wenn Marisa etwas haben wollte, was ihre Klassenkameradinnen hatten, seufzte ihre Mutter und vertröstete sie auf später. Ihr Vater war Rancharbeiter und nahm regelmäßig zusätzliche Jobs an, während ihre Mutter praktisch sieben Tage die Woche nähte, damit das Geld reichte.

Als die siebenköpfige Familie im Van saß, schaute Nicole ihren Mann an. „Musikunterricht. Können wir uns den leisten?“

Will schwieg eine Weile. Dann schaute er durch die Windschutzscheibe, die einen kleinen Riss in der Mitte hatte, und umklammerte das Steuer. „Wir kriegen das irgendwie hin, Liebes. Unsere süße Kleine soll ihren Unterricht bekommen. Du hast ihre Lehrerin gehört – sie ist talentiert.“

„Ich könnte mehr nähen.“ Ihre Mutter nickte entschlossen.

„Und ich könnte noch weitere Hilfsjobs annehmen“, fügte ihr Vater hinzu.

„Wir können ihr das Geld geben, das wir beim Rasenmähen verdient haben“, warf Julian ein, und seine Brüder Diego und Luca nickten zustimmend.

Will Sanchez drehte sich nach seinen Söhnen um. „Vielen Dank. Wir sind sehr stolz auf euch.“

„Und sie kann auch das Geld haben, das ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe“, piepste die kleine Nina.

„Mein Schatz“, sagte ihre Mutter. „Du bist so süß.“

„Heißt das, ich kann Musikunterricht bekommen?“ Hoffnungsvoll schaute Marisa zwischen ihren Eltern hin und her.

Ihre Mutter lächelte. „Warten wir mal ab, was der Weihnachtsmann für dich unter den Tannenbaum legt.“

1. KAPITEL

Marisa Sanchez, die sechsundzwanzigjährige Musiklehrerin, spähte durch den Spalt des Vorhangs im Theater von Bronco, um nachzusehen, wie viele Leute sich auf ihre Anzeige gemeldet hatten, um an der jährlichen Weihnachtsaufführung teilzunehmen. Die halbrunden Reihen im Zuschauersaal waren gut besetzt. Erleichtert ließ Marisa den Vorhang los. Sie liebte die Herausforderung, die nun vor ihr lag: das alljährliche Weihnachtsstück zu organisieren und zu inszenieren.

Gerade wollte Marisa sich umdrehen, als ihr Blick auf einen hochgewachsenen, gut gebauten Cowboy mit angegrautem Haar fiel, der sich gerade auf einen Platz in der letzten Reihe setzte. Sowohl seine perfekt sitzende hochwertige Kleidung als auch sein Auftreten ließen darauf schließen, dass er wohlhabend und privilegiert war – etwas, das sie alles andere als sympathisch empfand. In seiner Begleitung befand sich eine langbeinige Blondine mit dem Gesicht eines Models. Marisa rümpfte die Nase. Ihrer Meinung nach entsprach der Mann dem Klischee oberflächlich und selbstgefällig.

„Marisa?“

Erschrocken fuhr Marisa herum, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden.

„Was gibt’s, Agnes?“

Agnes, ihr Mädchen für alles, war Ende sechzig und arbeitete schon seit Ewigkeiten im Theater.

„Wollen wir anfangen? Es ist schon sechs Minuten nach eins.“

„Ja. Danke, dass du mich darauf aufmerksam machst.“

„Gern. Stell dich dorthin, und ich ziehe den Vorhang hoch.“

Marisa stellte sich auf den zugewiesenen Platz, schloss die Augen und holte tief Luft. Sie wusste, dass das Lampenfieber sofort vorbei wäre, sobald der Vorhang hochging. Agnes nahm das Seil, mit dem sie den Vorhang per Hand öffnen konnte.

„Bereit?“, fragte sie.

Zu neunzig Prozent war sie bereit. Dass sie ein wenig Lampenfieber hatte, war in dieser Situation normal.

Nach einem Stoßgebet öffnete Marisa die Augen und lächelte Agnes zu. „Also los.“

„Dawson.“ Charity legte die Hand auf seinen Arm und drückte ihn. „Das ist sie.“

Dawson John versuchte, sich auf sein Handy zu konzentrieren, und hoffte, dass er so schnell wie möglich aus dem verstaubten Theater herauskommen und wieder frische Luft atmen würde.

Er hatte Charity angeboten, sie zu diesem Casting zu fahren, weil ihr Wagen in der Werkstatt war. Eigentlich hatte er sie nur absetzen und wieder abholen wollen, aber sie hatte ihn gebeten, als moralische Unterstützung zu bleiben.

„Jede gute Tat wird bestraft“, murmelte er, während er seine Nachricht losschickte.

„Das ist Marisa Sanchez.“ Aufgeregt deutete Charity zur Bühne. „Ich liebe sie. Ich kann nicht glauben, dass sie tatsächlich da vorne steht.“

„Wer zum Teufel ist Marisa Sanchez?“, fragte er ebenso gereizt wie neugierig.

„In der Theaterwelt ist sie gerade total angesagt. Eines ihrer Videos ist auf TikTok viral gegangen“, erklärte Charity.

Dawson sah von seinem Telefon auf. In der Mitte der Bühne stand eine Frau, die etwa so alt wie Charity war. Sie war relativ klein – er bevorzugte große, sportliche Frauen. Ihr langes Haar war rabenschwarz. Blondinen hatten ihm schon immer besser gefallen. Und sportlich wirkte diese seltsame Marisa Sanchez schon gar nicht. Eher wie jemand, der sich mit einem Buch auf die Couch legte, anstatt zu klettern, zu rudern oder Base-Jumping zu machen – Aktivitäten, die er so oft wie möglich betrieb. Nachdem er sie kurz begutachtet hatte, konnte Dawson noch immer nicht verstehen, warum die Leute im Theater sich benahmen, als stünde Elvis Presley vor ihnen.

Sein Handy klingelte, und er war dankbar, dass er den Zuschauerraum verlassen konnte.

Charity schaute kurz zu ihm hin. „Wohin gehst du?“

Er hielt sein Telefon hoch. „Da muss ich rangehen.“

„Okay. Aber sei bitte zurück, wenn ich dran bin.“

Er legte zwei Finger auf sein Herz, zwinkerte ihr zu und nahm das Gespräch im Hinausgehen entgegen.

„Natasha.“ Dawson grinste. „Woher wusstest du, dass ich gerettet werden musste?“

„Warum sollte ein Cowboy wie du ausgerechnet von mir gerettet werden müssen?“

„Du wärst überrascht.“

„Vielleicht“, erwiderte die Frau am anderen Ende der Leitung. „Vielleicht auch nicht.“

Am Abend zuvor hatte Dawson in einem privaten Club für wohlhabende Rancher gegessen. Die Familie John war seit Jahren Mitglied. Neben dem ausgezeichneten Essen und den Kontakten, die man hier pflegen konnte, schätzte Dawson die hübschen Frauen, die dort arbeiteten. Gestern hatte er Natasha kennengelernt, eine attraktive rothaarige Barkeeperin, und sich vorgenommen, ihr eine unvergessliche Zeit in Bronco zu bereiten.

„Du traust mir nicht?“, fragte er mit neckischem Tonfall.

„Nö. Cowboys wie dir traue ich schon lange nicht mehr.“

„Schlechte Erfahrungen gemacht?“

„Nicht nur einmal.“

„Dann habe ich wohl aufs falsche Pferd gesetzt.“ Dawson runzelte die Stirn. Zurückweisung fühlte sich seltsam für ihn an.

„Wenn du so schnell aufgibst, nehme ich das persönlich.“

„Ach, komm. Du weißt genau, wie attraktiv du bist.“

„Das ist bei dir wohl nicht anders.“

Dawson sagte nichts. Vielleicht war Natasha doch komplizierter, als ihm genehm war.

Nach einem kurzen Schweigen sagte die Barkeeperin: „Wie wäre es denn mit einem kleinen Ausflug? Wenn es das ist, was du möchtest.“

„Keine Verpflichtungen?“

„Nicht die geringsten.“

„Und wo ist der Haken?“

Natasha lachte. Er liebte dieses Lachen. „Lade mich zu einem Absacker ein, Dawson. Der Rest wird sich dann schon ergeben.“

„Gern. Natasha, würdest du gern einen Absacker mit mir trinken?“

„Hol mich nach meinem Dienst ab. Um elf. Und sei pünktlich. Ich warte nicht gern.“

„Ich auch nicht.“

Marisa ließ ihren Blick über die Leute schweifen, die zum Vorsprechen gekommen waren. Mütter und Väter mit ihren Kindern schauten sie erwartungsvoll an. Einige Leute standen auf und applaudierten oder filmten mit ihren Handys. Vielleicht ihre TikTok-Fans.

„Vielen Dank.“ Lächelnd klatschte Marisa in die Hände. „Ich freue mich, hier zu sein. Danke, dass Sie gekommen sind. Lasst uns diese Weihnachtsaufführung zur besten und schönsten machen, die Bronco jemals erlebt hat.“

Sie bemühte sich, in jede Richtung zu schauen, damit alle sich willkommen fühlten. Einen Moment lang traf sich ihr Blick mit dem des Cowboys in der letzten Reihe. Er sah nicht fort – ebenso wenig wie sie. Und plötzlich passierte etwas sehr Ungewöhnliches: In ihrem Bauch begannen Hunderte von Schmetterlingen zu flattern.

Der Cowboy unterbrach den Blickkontakt als Erster. Plötzlich stand er auf und verließ das Theater. Ihr Lächeln erstarb. Es fühlte sich wie eine Zurückweisung an. Das irritierte sie. Entschlossen wischte sie das Gefühl beiseite und konzentrierte sich auf das wirklich Wichtige: das Vorsprechen und -singen für die Show.

Marisa hatte vergessen, dass solche Tage zwar aufregend und inspirierend, allerdings auch sehr anstrengend sein konnten. Sie hakte zunächst die Namensliste der Kinder in alphabetischer Reihenfolge ab; dann kamen die Erwachsenen an die Reihe. Als sie beim Buchstaben I angekommen war, beschloss sie, eine fünfzehnminütige Pause einzulegen.

Nach einem angebrannt schmeckenden Kaffee von Agnes kehrte Marisa zu ihrem Platz am Klavier zurück und rief den ersten Namen auf, der mit J begann.

Nachdem Dawson sich für den Abend ein Date mit Natasha gesichert hatte, ließ er sich Zeit, ehe er ins Theater zurückkehrte. Charity hatte schon immer ein Faible für die Künste gehabt, und er wollte sie wirklich gern unterstützen. Aber einen ganzen Nachmittag Leuten dabei zuzuhören, wie sie Weihnachtsklassiker verhunzten? Nein danke! Nachdem er eine Weile durch die Stadt geschlendert war, ging er doch zurück und setzte sich neben Charity. Mit verschränkten Armen saß sie auf der Stuhlkante und würdigte ihn keines Blickes.

„Habe ich was verpasst?“

Sie antwortete nicht, und in dem Moment erkannte er, dass sie stinksauer auf ihn war.

„He.“ Er beugte sich zu ihr. „Tut mir leid.“

„Wo warst du?“, flüsterte sie zurück. Noch immer schaute sie ihn nicht an.

„Zum Teufel, Charity, ich hasse solche Veranstaltungen. Das weißt du ganz genau.“

„Ja. Aber ich habe geglaubt, dass du mich lieb genug hast, um das hier zu ertragen.“

Ihre Bemerkung traf Dawson wie ein Boxhieb. Sie vermittelte ihm das Gefühl, der mieseste Kerl auf der ganzen Welt zu sein.

„Das tue ich, Charity. Du weißt, dass ich das tue. Warst du schon dran?“

„Nein. Noch nicht.“

Dawson bemerkte, dass Marisa in ihre Richtung schaute, und Charity sah es auch.

„Psst. Wir sollten nicht reden, wenn jemand vorsingt.“

Dawson schaltete sofort in den Angriffsmodus und hätte am liebsten mit lauter Stimme geantwortet, dass dies ein freies Land sei und er tun könne, was immer er wollte. Aber weil Charity ohnehin schon wütend auf ihn war, beschloss er, den Mund zu halten. Er applaudierte sogar dem jungen Mann, der seinen Vortrag gerade beendet hatte, um Charity zu demonstrieren, dass er tatsächlich zu ihrer Unterstützung mitgekommen war.

„Charity?“, rief Marisa. „Charity John?“

Charity erhob sich zögernd. Dawson spürte ihre Unsicherheit. Deshalb stand er ebenfalls auf und umarmte sie. „Du schaffst das, Charity“, ermunterte er sie. „Geh nach vorn und zeig Miss TikTok, was in dir steckt.“

Aus den Augenwinkeln hatte Marisa mitbekommen, dass der Cowboy zurückgekommen war und sich neben seine Begleiterin gesetzt hatte. Ihr Gespräch hatte sie irritiert, und wenn sie nicht damit aufgehört hätten, wäre sie zu ihnen gegangen und hätte sie gebeten, still zu sein. Als Charity nun auf die Bühne kam, erkannte Marisa, dass die junge Frau mit ihren von langen dunklen Wimpern umrahmten großen Augen, der kleinen Nase und einem gewinnenden Lächeln, das ihre strahlend weißen Zähne zeigte, eine echte Schönheit war. Und dabei wirkte sie unerwartet sympathisch.

„Hallo, Charity“, begrüßte sie sie. „Schön, dass Sie hier sind.“

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Charity klang ein wenig heiser. „Ich liebe Ihre Videos.“

„Danke. Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Was wollen Sie uns denn vortragen?“

„‚Last Christmas‘ von Wham“, antwortete Charity verlegen. „Ich weiß, das ist eine seltsame Wahl.“

Marisa nahm die Noten, die Charity ihr gegeben hatte, und überflog die Seiten. „Ich finde das gar nicht seltsam. Ganz im Gegenteil – es ist eine gute Wahl.“

Das Kompliment zauberte ein Lächeln auf Charitys Gesicht. „Danke. Ich hatte schon Bedenken.“

„Vergessen Sie’s. Das war eine ausgezeichnete Idee“, versicherte Marisa ihr. „Dann legen Sie mal los!“

Dawson begann sich tatsächlich Sorgen um Charity zu machen, als er sie auf der Bühne sah. Sie war so jung und schien furchtbar nervös zu sein. Unwillkürlich begann er, für ihren Erfolg zu beten. Statt sich wieder hinzusetzen, blieb er stehen und reckte beide Daumen in die Luft, sodass sie lächeln musste. Als Charity zu singen begann, bekam er eine Gänsehaut. Er hatte sie schon länger nicht mehr bei einem Vorsingen erlebt und keine Ahnung gehabt, wie schön ihre Stimme geworden war. Dawson begann zu applaudieren und ermunterte sie lautstark in der Annahme, sie damit zu unterstützen. Erst als sie ihn ungläubig anstierte und den Kopf schüttelte, ließ er die Hände sinken. Marisa unterbrach ihr Spiel, stand auf und ging durch den Mittelgang zu ihm.

„He, Cowboy! Kein Klatschen, Stampfen, Pfeifen oder Rufen während des Vorsingens. Das ist sehr störend. Wenn Sie sich nicht an die Regeln halten, müssen Sie draußen warten, bis Ihre Freundin ihren Vortrag beendet hat.“

Dawson spürte die missbilligenden Blicke der anderen Zuschauer auf sich, während er Marisa nachschaute. Charity wirkte peinlich berührt. Mit seiner Schwester würde er sich später versöhnen können. Doch im Moment musste er das verarbeiten, was er gerade erlebt hatte.

Er war soeben von einer Urgewalt namens Marisa Sanchez überrollt worden.

Dawson brauchte eine Weile, um mit dieser Erfahrung klarzukommen. Er hatte lediglich in Marisa Sanchez’ blitzende braune Augen schauen müssen, um etwas zu erleben, das er nur als kompletten Systemabsturz bezeichnen konnte. Sein Herz hämmerte ihm in der Brust, als hätte er gerade einen Berggipfel erklommen. Er konnte den Blick nicht von der Frau am Klavier abwenden – und genau genommen wollte er das auch gar nicht.

Charity beendete ihr Lied, und alle, er eingeschlossen, applaudierten begeistert. Charity lächelte ihm zu – das bedeutete, dass sie ihm verziehen hatte. Nach einem kurzen Gespräch mit Marisa kehrte Charity an ihren Platz zurück.

„Du warst fantastisch.“ Er umarmte sie und setzte sich. „Du bist ein Star.“

„Danke. Es ist schön, dass du dabei warst.“

„Abgesehen von dem Moment, als ich dein Vorsingen unterbrochen habe.“

„Schon gut.“ Dann beugte sie sich näher und flüsterte: „Ich möchte auch die anderen Bewerber anhören. Ich kenne hier ein paar Leute. Jemand fährt mich bestimmt nach Hause.“

„Nein“, antwortete er rasch. „Ich bleibe auch hier und höre zu.“

Überrascht schaute Charity ihn an. „Warum?“

„Ich weiß, dass mir solche Sachen nicht immer gefallen haben“, erwiderte er so leichthin wie möglich. „Aber …“

„Du findest es doch scheußlich.“

„Das ist ein hartes Wort.“

„Aber so ist es doch“, entgegnete sie schnell, als der Name des nächsten Vortragenden aufgerufen wurde. „Du bist ja fast zu spät gekommen, um mich singen zu hören.“

Dawson wollte etwas erwidern, aber Marisa schaute sie beide an, und er klappte den Mund zu. Er blieb sogar ruhig, als jemand wie ein Nebelhorn klang, und er blieb auch sitzen, als ein anderer so fürchterlich falsch sang, dass es ihm in den Ohren schmerzte. Er ließ jeden Vortrag über sich ergehen. Und Marisa nicht aus den Augen.

Am Ende betrat ein junger Mann die Bühne und sang „Oh Come All, Ye Faithful.“ Sogar Dawson erkannte, dass der Kerl Talent hatte. Die Zuschauer waren hingerissen. Als er zu einem ruhigeren Teil des Liedes überging und auf den emotionalen Schluss zusteuerte, klingelte Dawsons Handy. Er hatte den Klingelton laut gestellt, um ihn trotz der Musik nicht zu überhören. Mehrere Zuschauer in seiner Nähe stöhnten auf, drehten sich um und warfen ihm vernichtende Blicke zu.

„Schalt das aus“, flüsterte Charity und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Ich versuch’s doch. Siehst du das nicht?“

Er stellte das Handy auf stumm und entschuldigte sich bei allen, die in seiner Nähe saßen. Als er wieder zur Bühne schaute, sah er, dass Marisa mit einer energischen Geste zum Ausgang zeigte. Verlegen huschte Dawson aus dem Saal.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, blieb er ratlos stehen. Er hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Und jetzt war er ziemlich sicher, sich geirrt zu haben.

Ebenso sicher war er sich, dass die Frau, die ihn total verwirrt hatte, ihn absolut nicht leiden konnte.

„Na, sieh mal einer an. Dawson John in meinem Theater? Und richtig erwachsen geworden.“ Agnes umarmte ihn, bevor sie zurücktrat und ihn von Kopf bis Fuß musterte. „Bist du auch zum Vorsingen gekommen?“ In der Grundschule hatte er bei Agnes Little Musikunterricht gehabt. Ihre Schüler und Schülerinnen hatten sie ebenso geliebt wie deren Eltern.

„Ich?“ Er verzog schmerzlich das Gesicht. „Vergessen Sie’s!“

„Du nimmst mir doch die Sache mit dem Kaktus nicht etwa noch übel, oder?“ Agnes stützte die Hände in die Hüften. „Jemandem in meinem Alter darf man nicht mehr böse sein.“

„Sie haben gesagt, dass ich ein Talent dafür habe, stocksteif auf der Bühne herumzustehen.“

„Ja. Das habe ich gesagt. Und es stimmte ja auch. Keiner konnte so lange bewegungslos bleiben wie du. Die Rolle des Kaktus war perfekt für dich. Und es würde mir wirklich das Herz brechen, sollte ich deine Bühnenkarriere damit ruiniert haben.“

„Ist schon okay“, antwortete er.

Agnes tätschelte lächelnd seinen Arm. „Na, dann kann ich heute Nacht ja wenigstens ruhig schlafen. Schön, dich getroffen zu haben. Grüß deine Familie von mir. Ich muss los, ich habe noch zu tun.“

„Was wissen Sie über Marisa Sanchez?“

Agnes drehte sich wieder zu ihm um. „Nicht viel. Sie ist Musiklehrerin, also fühle ich mich ihr irgendwie verbunden. Sie kümmert sich um die Kinder und um den Planeten.“

„Sie ist eine Urgewalt.“ Aus irgendeinem Grund musste er jemandem erzählen, was ihm gerade widerfahren war. Dass er wie vom Blitz getroffen war und sich jetzt ganz schwach fühlte vor Liebe.

„Nach dem, was ich über sie weiß, trifft es das ganz gut“, antwortete Agnes.

Dawson schaute Agnes an und versuchte vergeblich, das, was ihm durch den Kopf ging, in Worte zu fassen.

„Dawson, ich mag dich, mein Junge. Wusstest du, dass man immer schneller altert, je älter man wird? Als wir mit unserem Gespräch begonnen haben, war ich siebenundsechzig. Und jetzt stehe ich kurz vorm Achtundsechzigsten. Blinzle zweimal, wenn du mich hören kannst.“

„Ich habe Marisas Vorsingen unterbrochen“, platzte es aus ihm heraus. „Wie kann ich mich bei ihr entschuldigen?“

Agnes schüttelte den Kopf und schaute auf ihre schwarzen Schuhe hinunter. „Liebe. Es geht immer um Liebe, nicht wahr?“

„Keine Ahnung, wovon Sie reden.“ Verwirrt schüttelte Dawson den Kopf. „Ich habe nur in ihre Augen geschaut, und dann …“

„… ist dir schwindelig geworden und dein Herz hat wie verrückt geklopft?“

„Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz plötzlich zu groß für meinen Körper ist.“ Er wischte sich über die Stirn und betrachtete seine Hand. „Ich schwitze. Hier drin ist es heiß. Es ist doch heiß hier drin, oder? Oder liegt das an mir?“

„Es liegt an dir.“

„Ich fühle mich überhaupt nicht wohl, Agnes“, sagte er. „Ich glaube, ich muss zum Arzt.“

„Ich bin zwar keine Ärztin, aber ich habe so eine Idee, was du haben könntest.“

Erwartungsvoll schaute er sie an.

„Meine Diagnose? Das ist ein klassischer Fall von Liebe auf den ersten Blick.“

Dawson schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Doch.“

„Das kann doch nicht sein. Oder?“

„Ich weiß, was ich weiß.“

Dawson fühlte sich vollkommen überrumpelt. „Was soll ich denn tun? Ich glaube nicht, dass ich ihr sympathisch bin. Dabei haben wir uns noch nicht einmal kennengelernt.“

„Das ist zweifellos ziemlich verzwickt“, gab Agnes zu. „Darf ich dir einen Ratschlag geben?“

„Nein.“

„Ich empfehle dir, dich mit einer heißen Schokolade zu entschuldigen.“

Er runzelte die Stirn. „Klingt nicht gerade nach einer glaubwürdigen Entschuldigung. Ist das wirklich Ihr bester Tipp?“

„Ja. Und vergiss die Marshmallows nicht.“ Agnes seufzte. „Wie gesagt, ich habe noch zu tun. Ich wünsche dir viel Glück.“

2. KAPITEL

Das Vorsingen war beendet, und das Publikum strömte aus dem Theater. Marisa war zwar erschöpft, aber auch begeistert von den talentierten Menschen, die sich ihr vorgestellt hatten. Obwohl sie sich nach diesem hektischen Tag nach Ruhe sehnte, redete sie noch mit einigen Teilnehmerinnen, die nach dem Casting noch unbedingt mit ihr sprechen wollten. Zu ihnen gehörte auch Charity John.

„Ich wollte mich noch mal für das Klatschen und Rufen und Handyklingeln entschuldigen“, sagte sie, als sie vor Marisa stand.

Marisa lächelte schwach. „Ist schon okay, Charity. Es ist ja nichts Schlimmes passiert. Bitten Sie Ihren Freund beim nächsten Mal einfach, sein Handy auf stumm zu stellen.“

Charity lachte. „Dawson ist nicht mein Freund. Er ist mein Bruder.“

„Aha.“ Marisa verstand nicht, warum die Tatsache, dass der Cowboy nicht Charitys Freund war, sie so … glücklich machte.

„Sie werden Dawson vermutlich nicht wiedersehen“, fuhr Charity fort. „Er hat mich heute ausnahmsweise hergefahren. Ich habe eben einen Anruf von meiner Werkstatt erhalten, dass mein Auto wieder in Ordnung ist.“

„Verstehe.“ Hörte sie da Enttäuschung in ihrer eigenen Stimme? Seltsam.

„Danke, dass ich heute dabei sein durfte.“

„Sie haben Talent, Charity. Und eine wunderschöne Stimme.“

Charity errötete. „Danke. Ich fürchte, ich habe noch ein paar schlechte Angewohnheiten aus der Zeit, als ich an Schönheitswettbewerben teilgenommen habe. Meine Mom hat mich schon als Baby angemeldet.“ Sie lachte. „Ich habe sogar noch die Krone, die ich bekommen habe, als ich ein Jahr alt war.“

„Nehmen Sie immer noch an Schönheitswettbewerben teil?“, wollte Marisa wissen.

„Nein. Meiner Mom hat’s wahrscheinlich das Herz gebrochen, aber Miss Bronco 2022 war mein letztes Mal.“

„Jetzt wird mir klar, warum Sie sich auf der Bühne so sicher bewegen. Sie fühlen sich dort wie zu Hause.“

Charity umarmte sie fest. „Selbst wenn ich keine Rolle bekomme, verspreche ich Ihnen, dass ich Sie unterstützen werde, so gut ich kann.“

„Das weiß ich zu schätzen. Ich wohne noch nicht lange in der Stadt und kann jede Hilfe gebrauchen.“

Charity sah ihr in die Augen. „Sie können auf mich zählen, Marisa.“

„Danke.“

Eine Tür zum Zuschauerraum wurde geöffnet, und der Cowboy – Dawson, wie sie jetzt wusste – trat ein. Charity winkte ihm zu, bedankte sich noch einmal bei Marisa und eilte ihm entgegen. Dabei nahm sie zwei Stufen auf einmal. Als sie ihn erreicht hatte, drehte sie sich noch einmal um und winkte zum Abschied. Marisas und Dawsons Blicke trafen sich erneut. Die Geschwister gingen ins Foyer, und Marisa musste sich am Klavier festhalten. Plötzlich fühlte sie einen leichten Schwindel und sank auf den Klavierhocker.

Sie schloss die Augen. Ihr war flau im Magen. Dabei raste ihr Herz wie verrückt, und sie fragte sich, ob sie womöglich ein kardiologisches Problem hatte. Sie legte die Arme auf den Klavierdeckel und den Kopf auf die gefalteten Hände.

„Marisa? Alles okay mit dir?“ Agnes betrachtete sie besorgt.

Langsam richtete Marisa sich auf. „Ja. Ich bin nur erschöpft. Oder kriege eine Grippe. Oder beides.“

„Soll ich dir was zu essen holen?“

„Nein.“ Marisa schüttelte den Kopf. „Meine Tante und mein Onkel erwarten mich. Kann ich noch ein bisschen sitzen bleiben?“

„Selbstverständlich. Wir können morgen über das Vorsingen reden, wenn du nicht so groggy bist.“

„Danke.“

„Deine Wangen sind gerötet. Hast du irgendwelche Symptome?“

„Ein bisschen schwindlig. Und mein Herz rast.“

Agnes betrachtete sie prüfend, ehe sie sagte: „Das scheint heute öfter zu passieren.“

„Wirklich?“ Marisa fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Sind irgendwelche Viren im Umlauf? Ich darf jetzt nicht krank werden. Dafür habe ich überhaupt keine Zeit.“

„Mach dir darüber keine Sorgen, meine Liebe. Gegen die Art von Krankheit, die offenbar in diesem Theater grassiert, gibt es keine Pillen.“

Marisa schloss die Augen, legte die Hände auf die Tasten und lauschte in sich hinein. Dann schlug sie einige Töne an und improvisierte ein paar Takte zu „Jingle Bells“.

„So habe ich ‚Jingle Bells‘ noch nie gehört.“

Marisa erstarrte und öffnete die Augen. Vor ihr stand Dawson. Er und sie waren die einzigen Leute im Theater.

„Ich mag natürlich das Original, aber es macht Spaß, es ein bisschen zu variieren“, sagte sie und fragte sich, warum er nicht zusammen mit seiner Schwester gegangen war.

„Mir hat es gefallen. Ich heiße übrigens Dawson. Dawson John.“

„Ich weiß. Charity hat’s mir erzählt.“ Als er nichts darauf erwiderte, fuhr sie fort: „Ich bin Marisa. Aber das wissen Sie wahrscheinlich schon.“

Marisa war noch nie „dahingeschmolzen“, wie man so schön sagt. Aber aus nächster Nähe war Dawson John so gutaussehend mit seiner Sonnenbräune, dem zerzausten aschblonden Haar, den hellblauen Augen, der markanten Nase, den schneeweißen Zähnen und diesen Lippen, die zum Küssen einluden, dass sie kurz davor war, tatsächlich dahinzuschmelzen. Er sah aus, als wäre er soeben von einem Filmset gekommen, wo er natürlich die männliche Hauptrolle spielte. Diese breiten Schultern, die muskulösen Arme und Beine, dieser betörende Duft – Vanille und andere verführerische Gewürze: All das weckte in ihr die merkwürdigsten Empfindungen.

„Kann ich etwas für Sie tun, Dawson?“ Marisa erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder.

„Nein. Oder vielleicht doch.“

In diesem Moment erschien er ihr viel menschlicher, und als sie lachte, lachte er mit ihr. Das peinliche Gefühl von Befangenheit, das sie empfunden hatte, verschwand.

Dawson streckte einen Finger in die Luft. „Warten Sie.“

Er eilte hinunter in den Zuschauersaal und griff nach einer Tüte, die auf einem der Sitze stand. Dann lief er wieder hoch zu ihr.

„Warum haben Sie die Tüte versteckt?“, wollte Marisa wissen. „Da ist doch nicht etwa ein Messer drin?“

Lächelnd öffnete Dawson die Tüte aus dem Coffeeshop. „Nein. Hier ist eine Entschuldigung drin. Ich habe sie versteckt für den Fall, dass Sie mich wieder hinauswerfen.“

„Nur wenn Sie sich nicht an die Regeln halten“, antwortete sie, neugierig geworden. „Und wofür wollen Sie sich entschuldigen?“

„Dafür, dass ich mich nicht an Ihre Regeln gehalten habe.“ Er holte zwei Becher aus der Tüte.

„Ich glaube nicht, dass Sie sich entschuldigen müssen. Ja, Sie haben sich nicht ganz richtig verhalten, aber ich war ja auch nicht gerade nett zu Ihnen. Ich bitte Sie ebenfalls um Verzeihung. Meine einzige Entschuldigung ist, dass ich ziemlich gestresst war.“

„Das hat man aber gar nicht gemerkt. Sie sahen ganz entspannt aus. Wirklich beeindruckend. Wie wäre es, wenn ich Ihnen vergebe und Sie mir vergeben?“

Marisa lächelte und hatte das Gefühl, diesen Augenblick in ihrem ganzen Leben nicht mehr zu vergessen. Sie reichte ihm ihre Hand, und als sie sich berührten, war es, als sprühten Funken zwischen ihnen.

„Haben Sie das auch gespürt?“, fragte er in seiner direkten Art, die ihr ausgesprochen gut gefiel.

Natürlich hatte sie das! Wie auch nicht? „Ja“, gab sie zu. Dann wechselte sie rasch das Thema. „Was ist denn in den Bechern?“

Wieder zeigte er dieses unwiderstehliche Lächeln. „Heiße Schokolade.“

Überrascht riss sie die Augen auf. „Agnes?“

„Agnes.“

Er reichte ihr einen Becher, und sie trank einen Schluck.

„Gut?“, fragte er.

„Sehr gut.“ Sie lächelte dankbar. „Das ist wirklich nett von Ihnen, Dawson. Das wäre nicht nötig gewesen. Aber trotzdem vielen Dank.“

„Gern geschehen. Ich könnte sogar noch eins draufsetzen.“ Er holte eine Tüte mit Marshmallows hervor. Sie musste lachen.

„Sie sind aber gut informiert.“

Er warf ein paar Marshmallows in ihren Becher und in seinen eigenen.

„Bislang war ich nie darauf angewiesen, aber diesmal kam es mir sehr gelegen.“

Marisa wusste nicht genau, was er mit seiner Bemerkung meinte, aber sie hakte nicht nach. Sie verstanden sich gut – ausgezeichnet sogar, und das sollte auch so bleiben. Allerdings fragte sie sich, warum genau Dawson John zurückgekommen war. Nur wegen einer Entschuldigung? Dann hatte er sich allerdings wirklich viel Mühe gegeben. Oder bezweckte er etwas anderes? Sie beschloss, ihn direkt zu fragen.

„Versuchen Sie, mich zu beeinflussen, was meine Entscheidung bezüglich Charity angeht?“

Stirnrunzelnd schaute er sie an. Irrte sie sich, oder wirkte er ein wenig pikiert?

„Nein. Ganz und gar nicht.“

„Warum dann?“

„Warum ich hier bin?“

Sie nickte.

Dawson ließ seinen Blick über die leeren Stuhlreihen schweifen. Als er wieder zu ihr schaute, sagte er: „Ihretwegen.“

Marisa war sprachlos. Nicht, dass sie sich nicht für attraktiv hielt. Aber ein Mann wie Dawson John hatte ihr noch nie Avancen gemacht.

„Ähm …“, begann sie schließlich. „Danke noch mal für die heiße Schokolade.“

Wieder dieses Lächeln, das sie ganz nervös machte. „Schön, dass sie Ihnen geschmeckt hat.“

Sie warf einen Blick auf ihr Handy. „Oh, ich muss los. Meine Tante und mein Onkel erwarten mich.“

Dawson schien enttäuscht zu sein, dass ihre Begegnung schon vorüber war. Er stopfte die leeren Becher in die Tüte, während Marisa einen schweren Rucksack vom Klavier nahm und eine mit Noten vollgepackte Tasche ergriff.

„Darf ich Ihnen helfen?“, erbot er sich, als sie Anstalten machte, die Stufen zum Zuschauerraum hinunterzusteigen.

„Danke“, erwiderte sie. „Das schaffe ich schon.“ Sie wollte vermeiden, dass er sie noch einmal berührte, denn sie war sich nicht sicher, was das mit ihr anstellen würde.

„Erlauben Sie.“ Er streckte die Hand aus, und sie reichte ihm ihren Rucksack. Dabei lächelte sie ihn an und hatte das Gefühl, gar nicht mehr aufhören zu können mit ihrem Lächeln.

Am Ausgang öffnete Dawson die Tür. „Was haben Sie denn als Nächstes vor?“, erkundigte er sich.

„Nach dem Essen schaue ich mir noch mal die Ergebnisse an und werde dann denjenigen, die am besten waren, auf der Website des Theaters das Ergebnis mitteilen. Damit ich so schnell wie möglich mit den Proben anfangen kann.“

„Also noch viel Arbeit und keine Freizeit?“

„Ja. Aber es war schön, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits.“

Auf dem Parkplatz begleitete er sie zu ihrem Wagen.

„Wir sehen uns bestimmt noch mal“, sagte sie, während sie die Tür öffnete.

„Ich habe überlegt, dass ich vielleicht zu den Proben komme.“

Sie war überrascht. „Die Proben sind normalerweise nicht öffentlich. Die Eltern der jüngsten Mitwirkenden können zwar dabei sein, aber Charity ist ja erwachsen … wenn sie denn ausgewählt wird.“

„Können Sie nicht eine kleine Ausnahme machen?“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Ich habe das Gefühl, dass Sie das öfter versuchen, stimmt’s?“

„Da mache ich von meinem Recht zur Verweigerung der Aussage Gebrauch.“

„Dann sehen wir uns also?“

„Das will ich doch hoffen. Tun Sie mir bitte nur einen Gefallen.“

„Und der wäre?“

„Wenn Sie mir erlauben, zu den Proben zu kommen, werfen Sie mich bitte nicht noch mal raus. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.“

Sie setzte sich ans Steuer und warf ihm ein Lächeln zu, ehe sie die Tür schloss. „Ich pflege keine Versprechen zu machen.“

Als Dawson auf die Ranch der Familie, Double J genannt, zurückkehrte, fand er dort nur seinen Bruder Maddox vor, der im Wohnzimmer saß und einen Whiskey trank.

„Kriege ich auch einen?“, fragte Dawson.

Maddox grinste. „Warst du denn brav?“

„War ich jemals nicht brav?“, konterte Dawson.

„Na, ich könnte dir ein paar Beispiele nennen“, antwortete Maddox und goss ein zweites Glas voll. Sie prosteten einander zu und genossen das warme Brennen der goldbraunen Flüssigkeit in ihrer Kehle.

„Was gibt’s Neues?“, wollte Maddox wissen. Er war nach Jameson der zweitälteste Sohn von Randall und Mimi; Dawson war der Dritte und Charity, die Jüngste, die einzige Tochter.

„Nicht viel“, erwiderte Dawson gedankenverloren.

„Das klingt ja spannend.“ Maddox war, ebenso wie Jameson, glücklich verheiratet. Maddox und Adeline hatten einen Sohn namens Matthew. Jetzt musterte er seinen Bruder durchdringend. „Du kannst mit mir reden, wenn du willst.“

„Echt?“, fragte er, nachdem er sein leeres Glas auf den Tisch gestellt hatte. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Klingt nicht gut.“

„Nein“, bestätigte Dawson. „Das tut es nicht.“

Maddox musterte ihn durchdringend. „Muss ich mir Sorgen machen?“

Dawson antwortete nicht.

„Worum geht’s? Ernsthaft. Ich muss es wissen, damit ich dir eventuell helfen kann. Du hast doch nicht etwa eine Frau geschwängert?“

Dawson lachte leise. „Nein. Das habe ich nicht.“

„Na, Gott sei Dank.“ Maddox schenkte sich einen weiteren Whiskey ein. „Aber es hat mit einer Frau zu tun?“

Dawson nickte.

„Eine Frau, die den Ansprüchen unserer Eltern nicht genügen würde?“

„Ja, so ungefähr.“ Randall und Mimi waren nämlich äußerst standesbewusst.

Eine Weile schwiegen sie. „So wie ich es sehe, ist Charity die Prinzessin“, sagte er schließlich. „Jameson ist der Erbe, und du bist die Reserve.“

Maddox lachte. „Und was ist mit dir?“

„Mir ist es schnurz.“

„Dir mag es schnurz sein – aber ich versichere dir, Randall und Mimi ist es nicht egal.“

„Ich weiß“, gab Dawson zu. „Aber man liebt nun mal, wen man liebt, und wenn sie den beiden nicht passt, dann sollten sie mal in sich gehen.“

Schockiert und besorgt schaute Maddox seinen Bruder an. „Liebe?“

„Vielleicht.“ Marisas hübsches Gesicht mit den blitzenden Augen tauchte vor Dawsons innerem Auge auf. „Nur vielleicht.“

Maddox beugte sich vor und schaute ihm direkt in die Augen. „Wenn es eine ist, die du unbedingt willst und die du wirklich liebst, dann ziehe deine Rüstung an und bereite dich auf die Schlacht vor. Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann.“

Leicht verkatert wachte Dawson am nächsten Morgen auf und fand eine wütende Nachricht von Natasha auf seinem Handy, in der sie ihm mitteilte, er solle ihre Nummer löschen, nachdem er sie am Abend zuvor versetzt hatte. Er fühlte sich schlecht deswegen und entschuldigte sich, aber er war sicher, dass sie ihn blockiert hatte.

Zu seiner Verteidigung konnte er nur vorbringen, dass Marisa Sanchez ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Wie hätte er nach dieser Begegnung ein Date mit einer anderen Frau haben können? Nachdem er versucht hatte, die Sache mit Natasha zu regeln, ging er unter die Dusche. Er hatte gehofft, dass er in sein altes, unbeschwertes Leben zurückkehren konnte, wie es vor Marisa gewesen war. Das war jedoch nicht geschehen. Jetzt konnte er nur noch daran denken, wie er bei den Proben dabei sein konnte, wenn sie erst einmal anfingen.

„Du siehst müde aus, Dawson“, stellte seine Mutter fest, als er sich zu seinen Eltern an den Frühstückstisch setzte. „Und du brauchst einen Haarschnitt.“

„Ich kümmere mich darum“, versprach er und füllte seinen Teller.

In dem Moment stürmte Charity ins Zimmer und riss die Arme hoch. „Ich hab’s geschafft“, verkündete sie freudestrahlend. „Ich bin bei der Weihnachtsshow dabei.“

Dawson war dankbar für die Ablenkung.

„Das ist schön.“ Randall ließ die Zeitung sinken und schaute seine Tochter an. „Glückwunsch.“

Mimi lächelte, während sie für ihren Mann einen Toast mit Butter bestrich. „Wunderbar, Schatz. Aber frühstücke doch erst mal.“

Charitys Enthusiasmus ließ spürbar nach. Dawson hatte Mitleid mit ihr. Ihre Eltern meinten es zwar gut, aber ihr Mangel an Begeisterungsfähigkeit war stets ein spürbarer Dämpfer. Dawson stand auf, umarmte Charity und gratulierte ihr.

„Welche Rolle bekommst du denn?“, wollte Mimi wissen, während sie ihrem Mann den Toast reichte.

Charity setzte sich an den Tisch und füllte ihren Teller mit Rührei, Bratwurst und Käse. Dawson goss seiner Schwester ein Glas Orangensaft ein und schob ihr das Honigglas zu.

„Ich habe ein Solo, einen Song mit Ensemble und bin bei allen Chorauftritten dabei. Außerdem habe ich zwei Tanznummern. Eine davon ist im Stil von Bollywood-Filmen.“

Erneut ließ Randall die Zeitung sinken und schaute seine Tochter über den Rand seiner Lesebrille an. „Und wie genau willst du das machen?“

„Ich habe ein paar Bollywood-Filme gesehen. Die sind so bunt und energiegeladen. Aber wie passt das zu unseren traditionellen Weihnachtsliedern?“ Missbilligend verzog Mimi die Lippen. „Ich glaube nicht, dass mir das gefällt.“

„Na ja, einige Weihnachtslieder sind neu arrangiert. Die Arrangements sind beeinflusst von Jazz, Rock, Motown und sogar Hip-Hop.“

„Das ist ja entsetzlich!“, rief ihre Mutter.

„Die Zeiten ändern sich, Mom. Und wir müssen uns mit ihnen ändern“, entgegnete Charity.

„Das ist Ansichtssache, Kleines“, warf Randall ein, ehe er sich wieder seiner Zeitung widmete.

„Ich finde es jedenfalls spannend“, sagte Charity. „Und ich bin stolz, ein Teil der Show zu sein. Wie siehst du das denn, Dawson?“

„Ich?“ Er leerte sein drittes Glas Orangensaft. „Ich finde es auch toll.“

„Danke, Dawson.“ Sie warf ihm ein Lächeln zu.

Je mehr Charity über ihre Rolle im Weihnachtsmärchen erzählte, desto besorgter schaute ihre Mutter drein. Mimi schien die Richtung, in die die Inszenierung zu laufen schien, ganz und gar nicht zu passen.

Schließlich faltete sie ihre Serviette zusammen und legte sie auf ihren Teller. „Ich freue mich für dich, dass du eine Rolle in der Vorstellung übernimmst, denn du singst nicht nur wie ein Engel; du siehst auch wie einer aus.“

„Danke, Mom.“

„Dennoch besorgt mich ein bisschen, was ich höre. Warum in aller Welt engagiert die Gemeinde jemanden für das Weihnachtsmärchen, der nicht aus Bronco stammt? Und ich glaube auch nicht, dass ihr Konzept das Richtige für unser Spiel ist. Wir brauchen die Klassiker, die unserer Tradition entsprechen. Das ist es, was Bronco möchte und erwartet.“

„Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, es gibt auch jede Menge klassische Weihnachtslieder“, entgegnete Charity.

Ihre Mutter seufzte schwer. „Ich möchte, dass du glücklich bist, Charity, das weißt du. Ich werde auch in der ersten Reihe sitzen und dir zujubeln. Aber ich fürchte, diese neue Inszenierung wird durchfallen.“

Mit einem unguten Gefühl stand Dawson vom Frühstückstisch auf. Wenn alle solche Vorbehalte gegen das Weihnachtsmärchen hatten wie seine Eltern … dann lief Marisa Gefahr, krachend zu scheitern. Es gab zwar die junge Generation in Bronco, die Neuerungen durchaus aufgeschlossen gegenüberstand. Aber die Alten konnten ziemlich dickköpfig und unflexibel sein. Wenn sich erst einmal herumsprach, dass Marisa das Weihnachtsmärchen in einer ganz neuen Version auf die Bühne brachte, konnten die Ewiggestrigen die Produktion durchaus erfolgreich boykottieren. Das wollte Dawson auf keinen Fall erleben – und zwar aus mehreren Gründen. Er liebte seine Stadt, er liebte die Weihnachtszeit, und er wollte weder, dass in Bronco diese schönen Traditionen zerstört wurden, noch, dass seine Schwester ins Kreuzfeuer geriet. Aber wichtiger noch – und vielleicht selbstsüchtiger: Dawson wollte verhindern, dass Marisa in Bronco zur geächteten Person wurde, noch ehe er die Gelegenheit gehabt hatte, sie zu einem ersten Date einzuladen.

„Ich muss es ihr irgendwie sagen“, überlegte Dawson, während er sich ans Steuer seines Wagens setzte. „Ich muss Marisa die Augen öffnen, was die Realität in Bronco betrifft. Um ihretwillen – und meinetwillen.“

3. KAPITEL

Am Morgen nach dem Casting postete Marisa die Namensliste derjenigen Kandidaten und Kandidatinnen, für die sie sich entschieden hatte, auf der Website des Theaters. Und auch die Namen derjenigen, die zwar keine Rolle ergattert hatten, aber hinter der Bühne helfen wollten.

Als sie später am Tag das Theater betrat, wurde sie von Agnes herzlich begrüßt.

„Willkommen zurück.“ Agnes strahlte sie an. „Wie fühlst du dich?“

Marisa schlüpfte aus ihrer Jacke, setzte die Mütze ab und zog die Handschuhe aus. „Danke, Agnes, ganz gut. Ich wünschte, ich hätte etwas mehr Schlaf gehabt, aber ich musste fortwährend an die musikalischen Arrangements denken und daran, wie ich die Tanzszenen inszenieren kann. Und ich bin ein bisschen in Sorge, was den Zeitplan angeht.“

„Trinken wir erst mal einen Kaffee und besprechen dabei, wie wir das alles am besten hinkriegen.“

Marisa folgte Agnes in die kleine Küche hinter der Bühne. Agnes goss zwei Becher voll Kaffee ein, und die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch.

„So, dann erzähl mal“, forderte Agnes sie auf. „Was genau ist denn das Problem?“

Marisa holte tief Luft und seufzte. „Ich fühle mich ein bisschen überfordert. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit für alles. Meine Mom kommt morgen aus Tenacity, um die Maße der Darsteller zu nehmen. Sie näht immer die Kostüme für meine Shows.“

„Gute Nachrichten.“

„Ja. Das Orchester probt bereits die neuen Arrangements der Weihnachtslieder. Sie haben mir Videos geschickt. Es klappt besser, als ich gedacht habe. Sie haben wirklich Talent. Aber in drei Wochen müssen die Sänger und Sängerinnen diese Versionen beherrschen. Und ich muss Leuten, die noch nie getanzt haben, ganz ungewohnte Tanzschritte beibringen. Das Bühnenbild habe ich schon in meiner Ferienshow in Tenacity benutzt; die Kulissen stehen in der Garage meines Onkels, und eine ganze Menge Leute haben mir schon ihre Hilfe angeboten, sie hier aufzubauen. Mit dem Team in Tenacity arbeite ich seit Jahren zusammen, und das hat immer reibungslos geklappt. Aber hier ist das ganz anders. Ich weiß aus Erfahrung, dass es sehr herausfordernd ist, mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten. Und, wie gesagt, viel Zeit haben wir auch nicht.“ Marisa rutschte auf ihrem Stuhl zurück. „Habe ich mir vielleicht zu viel vorgenommen? Kalkuliert ihr hier in Bronco immer so knapp mit den Proben bis zur Premiere?“

„Ja, wir haben nicht viel Probenzeit, aber das ist auch nicht nötig, weil wir jedes Jahr die gleiche Vorstellung mit denselben Sängern und Tänzern zeigen. Deshalb brauchen wir nicht so lange.“

„Und jetzt bringe ich alles durcheinander.“

„In mehrfacher Hinsicht.“ Agnes nickte. „Aber zu deiner ersten Frage: Nein, ich glaube nicht, dass du dir zu viel vorgenommen hast. Und so, wie ich dich beim Casting erlebt habe, weiß ich, dass alle ihr Bestes geben werden – genauso wie du dein Bestes geben wirst.“

„Danke, Agnes. Du kannst mir wirklich Mut machen.“

„Ich tue mein Bestes.“

Marisa stand auf, schob ihren Stuhl zurück, spülte ihren Becher aus und stellte ihn beiseite. Und dann dachte sie plötzlich an etwas anderes als die Proben.

„Übrigens …“

„Ja?“ Agnes hatte damit begonnen, den Boden zu fegen.

„Rate mal, wer nach dem Vorsingen noch mal ins Theater gekommen ist – mit heißer Schokolade und einer Tüte Marshmallows.“

Agnes stützte sich auf ihren Besen und verbiss sich ein Schmunzeln. „Keine Ahnung.“

Marisa musste lachen, und es fühlte sich gut an. Es beruhigte ihre Nerven ein wenig.

„Und … hat’s geklappt?“, wollte Agnes wissen.

„Du meinst, ob ich die Entschuldigung angenommen habe?“

„Natürlich. Wenn Adonis als Cowboy verkleidet mit heißer Schokolade und Marshmallows vor dir steht, vergibst du ihm.“

„Er ist ein netter Mensch.“ Agnes klang richtig stolz. „Ich hatte ihn vom Kindergarten bis zur fünften Klasse in Musik.“

Marisa konnte sich die Frage nicht verkneifen. „Wie war er denn so als Junge?“

„Lieb, ziemlich klug, ein bisschen boshaft“, erwiderte Agnes, ehe sie sich wieder ihrer Tätigkeit widmete. „So, und jetzt wünsche ich dir eine tolle Probe, Marisa. Und vor allen Dingen viel Spaß. Wozu macht man es denn sonst?“

Marisa ging auf die Bühne, um die Mitwirkenden zu begrüßen, die bereits auf den Zuschauerplätzen saßen. Verstohlen schaute sie sich um, konnte Dawson jedoch nicht entdecken. Sie spürte einen Stich der Enttäuschung. Vielleicht hatte ihm ihr Treffen nicht so gut gefallen wie ihr.

Doch ihre Enttäuschung machte rasch der Aufregung Platz, die eine erste Probe stets mit sich brachte. Lächelnd und mit ausgebreiteten Armen begann sie: „Guten Tag, liebe Mitwirkende der Weihnachtsshow.“

Sie verteilte die Noten und begann, sie mit den Sängern und Sängerinnen durchzugehen. Alle studierten eifrig die Blätter, und Marisa probte mit verschiedenen Solisten und Gruppen. Rasch stellte sie fest, dass alle mit Feuereifer bei der Sache waren.

„Hallo!“ Charity John, die ein wenig später gekommen war, trat auf sie zu und umarmte sie. „Danke, dass Sie an mich glauben. Ich werde Sie nicht enttäuschen.“

„Ich glaube an dich, Charity. Und jetzt wird es Zeit, dass du auch an dich glaubst. Und, ach ja: Hier duzen wir uns alle.“

Dass Charity allein gekommen war, vermittelte Marisa erneut ein Gefühl der Enttäuschung. Sie beschloss, es zu ignorieren. The show must go on, sagte sie sich im Stillen. Und mal ganz ehrlich: Eigentlich war er gar nicht ihr Typ, und sie war sich ziemlich sicher, dass auch sie nicht sein Typ war. Ihre Enttäuschung war also vollkommen irrational. Das sollte sie nicht vergessen.

Mit den Noten in der Hand stellte Charity sich in die Bühnenmitte, und Marisa setzte sich ans Klavier und spielte eine moderne Version von „Let It Snow“. Charitys erste Versuche waren ein wenig unsicher; sie traf nicht immer die richtigen Töne und verpatzte manchen Einsatz. Marisa spürte Charitys wachsende Frustration. Also erhob sie sich von ihrem Hocker und gab ihr ein paar Tipps zu ihrer Haltung und zur Atmung. Charity wollte die Ratschläge gerade in die Tat umsetzen, als sie ihre Schultern hängen ließ. „Na toll. Das habe ich jetzt gerade gebraucht.“

Marisa drehte sich um und entdeckte Dawson, der an einer der Türen stand. Er hob die Augenbrauen, und sie nickte bestätigend. Dann konzentrierte sie sich wieder auf seine Schwester. Während Charity die Anwesenheit ihres Bruders offensichtlich irritierte, führte sie bei Marisa dazu, dass ihr das Herz in der Brust hämmerte. Dieser Mann hatte eine Wirkung auf sie, die sich jeder Kontrolle entzog.

„Entschuldigst du mich kurz?“, bat Charity.

Marisa nickte und ging zurück zum Klavier. Vor den Tasten zu sitzen vermittelte ihr ein Gefühl von Sicherheit, da sie sich auf die Noten konzentrieren und nicht mehr an den Cowboy denken musste.

„Was tust du hier?“, fragte Charity ihren Bruder verärgert.

Dawson richtete sich auf und grinste. „Ich dachte, du fändest es gut, wenn ich an deinem ersten Probentag in deiner Nähe bin.“

Charity runzelte die Stirn. „Nein, tu ich nicht. Aber wenn du schon mal hier bist, schalte wenigstens dein Handy aus.“

„Schon passiert.“

„Und klatsch nicht oder fang an zu jubeln.“ Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. „Kein Wort, verstanden? Sonst bitte ich Agnes, dir lebenslanges Hausverbot im Theater zu erteilen.“

„Und was ist mit der Show?“

„Lebenslanges Hausverbot“, wiederholte Charity mit erhobener Stimme, was ganz untypisch für sie war.

„Ich benehme mich“, erwiderte er aufrichtig. „Versprochen.“

Charity musterte ihn noch einmal eindringlich, ehe sie sich umdrehte und wieder auf die Bühne ging. Sie war nicht die Einzige, die ihn ignorierte. Nach einem ersten kurzen Blickkontakt schaute Marisa ihn nicht mehr an, obwohl sie spürte, dass er sie nicht aus den Augen ließ. Dass sie ihn keines Blickes würdigte, wurmte ihn. ...

Autor

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