Julia Ärzte zum Verlieben Band 223

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DER RIVALE UNTERM MISTELZWEIG von JC HARROWAY

Der Chirurg Théo Augustin ist der Bruder ihres besten Freundes – und ihr Rivale im Operationssaal! Trotzdem fühlt die schöne Dr. Connie Dubois sich auf gefährliche Weise zu ihm hingezogen. Geht es Théo ebenso, oder warum lädt er sie über Weihnachten auf sein Château ein?

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  • Erscheinungstag 14.11.2026
  • Bandnummer 223
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540988
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

JC Harroway, Traci Douglass, Louisa Heaton

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 223

JC Harroway

1. KAPITEL

Vier Wochen bis Weihnachten

Connie Dubois steckte sich eine lose Haarsträhne unter die Haube und verließ den Umkleideraum des Operationssaals. Die Wirbelsäulenchirurgin freute sich, nach zwei Tagen Abwesenheit wieder bei der Arbeit zu sein. Sie lächelte einem vorbeikommenden Kollegen auf dem Flur zu und dachte an ihr kostbares Geheimnis.

Endlich hatte sie es getan. Jetzt musste sie nur noch abwarten, ob die künstliche Befruchtung, der sie sich vor zwei Tagen unterzogen hatte, funktioniert hatte. Sie könnte tatsächlich jetzt schon schwanger sein, auch wenn ein Test erst frühestens in einer Woche positiv ausfallen würde.

Connie machte sich auf den Weg zu ihrem zugewiesenen OP. Da klingelte ihr Handy.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte ihr bester Freund Tristan neugierig – ihr bester Freund und ihr Samenspender.

„Gut! Aber ich bin froh, wieder arbeiten zu können.“ Sie legte sich eine Hand auf den flachen Bauch und atmete tief durch. Schon immer hatte sie sich ein Kind gewünscht. Lange war sie davon ausgegangen, dass sie mit fünfunddreißig bestimmt den richtigen Mann dafür gefunden haben würde …

Aber daraus war nichts geworden.

Ihr ehemaliger Verlobter hatte sich als Lügner und Betrüger erwiesen, und der einzige andere Mann mit Potenzial, Tristans Bruder Théo … Nun, das war ein weiterer großer Fehler gewesen.

„Bereust du es?“, fragte Tris.

„Überhaupt nicht“, sagte sie entschlossen.

Sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben. Auch keine Liebe oder Sex. Sie war eine fähige, berufstätige Frau, die das allein schaffen würde.

„Was ist mit dir und Victor? Bereut ihr es?“, fragte sie. Weder Tristan noch sein zukünftiger Ehemann wollten eigene Kinder, und sie hatten sich ganz genau mit all den Vor- und Nachteilen ihrer unkonventionellen Entscheidung auseinandergesetzt.

„Wir bereuen es auch nicht“, sagte Tris. „Ich freue mich, dass der Eingriff nicht allzu schlimm war. Aber hör mal, Connie … Ich muss dir etwas sagen …“

Connie erreichte die Rezeption vor den Operationssälen und gab ihren Pager ab. Erschrocken warf sie einen Blick auf die Wanduhr. „Okay, aber ich rufe dich nach meiner Operation an, ja? Ich muss mich jetzt umziehen und bin schon spät dran.“

Tristan war ebenfalls Arzt im selben Krankenhaus, allerdings in einer anderen Abteilung, und hatte deshalb Verständnis dafür, dass die Patienten und Patientinnen immer Vorrang hatten. Sie beendeten das Gespräch, und Connie wies die Rezeptionistin an, alle dringenden Anfragen an ihren Assistenzarzt Jules weiterzuleiten.

Im Waschraum von OP-Saal 10 griff sie nach einer Maske aus einer Box an der Wand. Es würde ein arbeitsreicher Tag werden, aber sie liebte ihren Job und die langen, komplexen Operationen, die sie wie immer gemeinsam mit einem Kollegen durchführen würde.

Ihre Patientin, die sechzehnjährige Elodie, beschäftigte Connie sehr. Die schwere Skoliose beeinträchtigte langsam, aber sicher die Atmung der jungen Frau.

Connie hatte sich gerade die Maske vor das Gesicht gezogen, als hinter ihr die Tür quietschend aufging. Sie drehte sich lächelnd um, um ihren Kollegen Dr. Bedeau zu begrüßen – doch ihr stockte der Atem.

Nicht ihr vertrauter Kollege stand dort, sondern Théo Augustin, Tristans älterer Bruder.

„Was machst du denn hier?“, fragte sie fassungslos.

Diesen Kerl mochte sie fast genauso wenig wie ihren Ex-Verlobten. Was tat er in ihrem Krankenhaus – und wie konnte er es nur wagen, genauso sexy auszusehen wie bei ihrer letzten Begegnung vor drei Jahren?

Groß, breitschultrig, mit wildem dunkelbraunem Haar und kaffeefarbenen Augen strahlte er Sexappeal und Selbstbewusstsein aus. Connies Körper reagierte mit Hitze – und unangenehmen Erinnerungen an die Nacht, in der sie dummerweise nach zu viel Champagner mit ihm geschlafen hatte.

Es war Anziehung auf den ersten Blick gewesen, als sie sich beim Réveillon de Noël, der Weihnachtsfeier in seiner Pariser Wohnung, begegnet waren, und jedes Mal, wenn sie sich nach ihm umgesehen hatte, hatte auch er sie angesehen. Die sexuelle Spannung zwischen ihnen war irgendwann fast unerträglich geworden.

Als die Gäste sich alle verabschiedet hatten und auch Tristan ins Bett gegangen war, hatte sie Théo angeboten, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen. Stattdessen hatten sie sich endlos geküsst und sich gegenseitig die Kleider vom Leib gerissen, direkt in der Küche.

Beide hatten diese eine Nacht sofort bereut – nun ja, in Connies Fall fast sofort: Am nächsten Morgen schwebte sie noch auf Wolke sieben, denn ganz ehrlich: Es war der beste Sex ihres Lebens gewesen. Doch Théo hatte sie eiskalt fallen gelassen.

„Dr. Dubois“, sagte er nun zur Begrüßung. Sein Blick war kühl und traf sie kaum. Seine tiefe Stimme dröhnte ihr in den Ohren wie eine Kettensäge. „Schön, Sie wiederzusehen.“

Ihr war heiß vor Scham. Ohne weitere Erklärung gesellte er sich zu ihr an die Waschbecken und griff ebenfalls nach einer Maske, die er sich so selbstverständlich festband, als würde er sich auf eine Operation vorbereiten.

„Das ist mein OP-Saal“, sagte Connie und starrte ihn ungläubig an. „Du musst im falschen Raum sein, sogar im falschen Krankenhaus.“

Hatte er sich den Kopf gestoßen und sein Gedächtnis verloren? Er arbeitete im Pariser Universitätskrankenhaus, nicht hier im St. Raphaël.

Wegen ihres dummen Fehlers vor drei Jahren hatte Connie sich trotz ihrer engen Beziehung zu Tris immer bemüht, ihm aus dem Weg zu gehen. Und jetzt stand er vor ihr, viel zu nah, viel zu heiß.

„Hat dir niemand Bescheid gesagt?“, fragte er und drehte das Wasser auf. „Ich assistiere dir heute bei Elodie Verdier.“

„Elodie ist meine Patientin“, schnauzte sie und band sich ihre Maske fester, um seinen Duft auszusperren, der ihr nur noch mehr Erinnerungen bescherte.

„Weiß ich doch“, sagte er unbeeindruckt und seifte routiniert seine muskulösen Unterarme ein. „Sechzehn Jahre, mit einer 53-Grad-Brustwirbelsäulenskoliose, Atemnot und beeinträchtigter Lungenfunktion. Ich bin über den Fall informiert. Ich habe die Patientin gestern getroffen und mir die Scans angesehen.“

Obwohl die Maske den größten Teil seines Gesichts verdeckte, konnte sie erkennen, dass er lächelte. Charmant und sexy.

Vielleicht war er immer noch attraktiv, aber sie hatte sich in den letzten drei Jahren stark verändert. Als sie sich kennengelernt hatten, war ihr Selbstvertrauen gerade auf dem Nullpunkt gewesen, denn nur sechs Monate zuvor hatte sie ihren untreuen Exfreund Guy verlassen.

„Aber du arbeitest nicht hier“, sagte sie und spürte Panik aufsteigen.

„Doch, seit heute“, sagte er ruhig. „Mir wurde die Stelle als Leiter der Wirbelsäulenchirurgie angeboten, und ich habe angenommen. Wir arbeiten jetzt also zusammen. Hat dir der Chefarzt nichts davon gesagt?“

„Nein“, murmelte sie geschockt.

Sie hatte schon oft gehört, dass Théo ein guter Chirurg war.

Aber wie sollte sie mit ihm zusammenarbeiten?

Théo runzelte die Stirn. „Mir ist klar, dass das hier … unangenehm werden könnte, weil wir damals miteinander geschlafen haben.“ Sein Blick ruhte einen Moment zu lang auf ihr, als würde auch er sich an diese leidenschaftliche Nacht erinnern. „Aber die Beförderung konnte ich mir nicht entgehen lassen. Außerdem sind wir doch beide erwachsen. Und Profis. Wir können die Vergangenheit hinter uns lassen.“ Er schrubbte sich die Hände und unter den Fingernägeln. „Wenn es andersherum gewesen wäre, hättest du dir eine solche Beförderung bestimmt nicht entgehen lassen, nur um mir aus dem Weg zu gehen.“

„Ich kann das nicht glauben“, murmelte Connie. „Warum hat Tris mich nicht gewarnt?“

In diesem Moment fiel ihr ein, dass er ihr vorhin etwas hatte sagen wollen, aber sie war in Eile gewesen und mit den Gedanken bei der möglichen Schwangerschaft.

„Das ist meine Schuld“, sagte Théo. „Ich habe Tris gebeten, dir nichts zu sagen, bis ich mir sicher war, dass ich die Stelle annehmen wollte. Und ich habe mich erst gestern entschieden. Danach ging alles ganz schnell.“

„Aber wo ist Dr. Bedeau?“, fragte Connie verzweifelt.

Genau deshalb nahm sie sich nur selten frei. Man verpasste so leicht etwas. Und nun arbeitete Théo Augustin also in ihrem Krankenhaus!

Sie wollte das nicht! Sie wollte ihn nicht ansehen, nicht mit ihm sprechen und nicht einmal an ihn denken. Sie wollte sich ganz sicher nicht an diese eine Nacht erinnern und an die Demütigung am nächsten Morgen, als sie zufällig mitbekommen hatte, wie er zu Tristan sagte, er bedauere, mit ihr geschlafen zu haben.

All der frisch verkrustete Schmerz über Guys Verrat und Ablehnung war wieder aufgebrochen. Natürlich hätte Connie es besser wissen müssen. Guy hatte ihr gezeigt, wie leicht es Männern fiel, sie zu belügen, zu betrügen und eine andere Frau zu schwängern …

„Dr. Bedeau hatte Terminkonflikte“, sagte Théo. „Er hat mich gebeten, für ihn einzuspringen. Ich bin ziemlich gut in meinem Job. Du musst nicht so entsetzt gucken.“

Er lächelte, aber Connie wandte ihren Blick ab und wedelte mit der Hand vor dem Sensor des Wasserhahns hin und her. Auf seinen lockeren Ton wollte sie nicht eingehen. „Du hättest mir allein aus Höflichkeit sagen müssen, dass du mir bei meiner Patientin hilfst.“ Sie schrubbte sich die Fingernägel. „Im Berufsleben erwarte ich Ehrlichkeit und vollständige Transparenz. Wenn du also wirklich vorhast, mit mir zusammenzuarbeiten, solltest du das wissen.“

„Ich habe es versucht“, sagte er stirnrunzelnd. „Ich habe gestern auf der Station mit Jules gesprochen. Hat er dir nichts gesagt?“

„Nein.“ Connie seifte ihre Arme und Hände ein und schrubbte kräftig. Zugegeben, heute Morgen hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihrem Assistenzarzt zu sprechen, weil sie den Termin für die künstliche Befruchtung kurzfristig an ihren Eisprung hatte anpassen müssen.

„Übrigens“, sagte er, „bin ich immer ehrlich und transparent.“

Connie starrte ihn an. Er? Immer ehrlich? Nicht nach ihrer Erfahrung, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für ein persönliches Gespräch.

„Gibt es zwischen uns noch etwas Unerledigtes, von dem ich nichts weiß?“, fuhr er in diesem furchtbar vernünftigen Ton fort. „Ich dachte nicht, dass das der Fall wäre, so wie wir damals auseinandergegangen sind.“

„Nein, überhaupt nichts“, log sie. Er war der letzte Mensch, dem sie auch nur den geringsten Anflug von Verletzlichkeit zeigen wollte. „Was mich betrifft, hat es zwischen uns nie etwas gegeben. Es war unwichtig.“

Er nickte und lächelte. „Ja, du hast dein Bedauern am nächsten Morgen ziemlich deutlich gemacht. Du bist ohne ein Wort gegangen und ignorierst mich seitdem.“

„Alles Vergangenheit.“ Sie würde sich auf die Zukunft konzentrieren und auf ihr Baby. „Alles, was mich interessiert, ist die Tatsache, dass du dich in meine Operation einmischst. Das ist meine Patientin, und ich habe dich nie um Hilfe gebeten.“

„Manche würden meine Hilfe und Erfahrung als unschätzbar wertvoll betrachten, Connie“, spottete er. Er trat vom Waschbecken zurück und hielt seine tropfnassen Arme von sich. „Du hast recht. Wir lassen die Vergangenheit hinter uns und finden einen Weg, zusammenzuarbeiten. Was meinst du?“

Connie biss sich auf die Zunge. Er war ein erfahrener Chirurg. Das war gut für Elodie. Sie musste ihren Stolz und ihre Abneigung überwinden und an das Wohl ihrer Patientin denken. Und wenn er tatsächlich die chirurgische Leitung ihrer Abteilung übernommen hatte, hatte sie sowieso keine andere Wahl.

„Gut“, sagte sie schließlich. „Ich werde deine Hilfe in diesem einen Fall tolerieren.“

Wenn Dr. Bedeau nicht da war, brauchte sie Théos Hilfe. „Aber mach es dir nicht zur Gewohnheit, meine Patientinnen zu besuchen, ohne vorher mit mir zu sprechen.“

„Verstanden“, sagte er und nickte.

Einen Moment lang starrte er sie versunken an, doch dann stieß er die Tür mit dem Rücken auf und ging zum Umziehen.

2. KAPITEL

In Operationskleidung wartete Théo darauf, dass Connie im Operationssaal auftauchte. Drei Jahre war es her, dass sie miteinander geschlafen hatten, und seitdem hatte er sie nur auf Fotos mit Tristan gesehen.

In echt sah sie noch viel besser aus. Noch immer gab sie sich alle Mühe, ihm aus dem Weg zu gehen. Noch immer war sie geheimnisvoll … und unfreundlich. Immer noch viel zu sexy …

Aber so zu tun, als wäre diese Nacht nie passiert? War das ein Scherz?

Théo hatte sein Bestes getan, sie zu vergessen. Aber diese Nacht und dieser heiße Sex waren ihm trotz allem im Gedächtnis geblieben. Es war ein schlechter Zeitpunkt gewesen damals: Er hatte mit Connie geschlafen, als er noch um das Ende seiner kurzen, turbulenten Ehe getrauert hatte.

Théo seufzte. Offensichtlich bereute Connie die Nacht immer noch. Genau deshalb hatte er gezögert, den Job am St. Raphaël anzunehmen. Aber seine Karriere war ihm wichtig, und er hoffte inständig, dass er und Connie die Vergangenheit hinter sich lassen konnten.

Nun kam sie aus dem Vorbereitungsraum und zog mit Hilfe einer OP-Schwester einen sterilen Kittel und Handschuhe an. Bevor er erneut mit ihr sprechen konnte, wurde die betäubte Patientin hereingerollt.

Während das Mädchen mit sterilen Tüchern zugedeckt und an die verschiedenen Geräte angeschlossen wurde, versuchte Théo erneut, Frieden zu stiften.

„Es tut mir leid, dass du so überrascht wurdest“, sagte er.

Wie konnte es nur sein, dass er sie immer noch so anziehend fand, obwohl ihre Begrüßung so frostig gewesen war wie das kalte, leere Bett, in das er an diesem Morgen vor drei Jahren zurückgekehrt war.

„Ich hätte stärker versuchen sollen, dich zu warnen. Aber es hilft alles nichts – wir müssen uns hier die nächsten Stunden zusammenreißen.“

Sie schwieg.

Er hätte nie so kurz nach seiner Scheidung und dem geplatzten Traum einer eigenen Familie mit ihr schlafen dürfen. Er hätte damals mit niemandem schlafen sollen, schon gar nicht mit der besten Freundin seines Bruders.

Und doch war es passiert.

In dem Moment, in dem er Connie zum ersten Mal gesehen hatte, war da ein sofortiger, intensiver, unerwarteter Reiz gewesen. Am nächsten Morgen hatte er dann leider erkannt, dass er noch nicht bereit für eine Beziehung war, und genau das hatte er Connie sagen wollen.

Nur hatte er dazu nie die Gelegenheit gehabt, denn sie hatte die Wohnung verlassen, ohne sich von ihm oder Tris zu verabschieden. Théos Nachrichten hatte sie ignoriert. Das war natürlich auf gewisse Weise einfacher gewesen als gedacht, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich nur leer und schuldig gefühlt.

„Natürlich. Unsere persönlichen Angelegenheiten spielen hier keine Rolle“, sagte Connie steif.

„Okay“, sagte er und fragte sich erneut, was sie mit ihrem Kommentar zu Ehrlichkeit und Transparenz gemeint hatte.

„Fangen wir an“, sagte Connie, während die anderen die bewusstlose Patientin vorsichtig auf die Seite legten.

Théo war gespannt, wie Connie arbeiten würde.

„Planst du eine Wirbelsäulenfusion?“, fragte er. Eine Skoliose ließ sich korrigieren, indem man eine Reihe von Schrauben in die einzelnen Wirbel einsetzte und sie mit einem unter Spannung stehenden Draht verband.

„Ja“, sagte sie und warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. „Warum? Was würdest du tun?“

Théo unterdrückte einen Seufzer. Sie klang so abwehrend. „Ich würde dasselbe tun. Das war keine Fangfrage, Connie. Hast du die neuesten Ansätze zur Skoliose-Chirurgie aus Dänemark gesehen?“

„Ich habe ein paar Artikel über die Holm-Technik gelesen“, sagte sie und legte ihre Instrumente bereit.

Théo nickte beeindruckt. „Ich habe das schon ein paar Mal gemacht und könnte dir das gern irgendwann zeigen.“

Sein Angebot wurde nur mit einem knappen, abweisenden Nicken quittiert.

Die nächsten dreißig Minuten arbeiteten sie fast schweigend zusammen. Wenn Théo daran dachte, dass Connie ihn hier nicht erwartet hatte und er auch nicht gerade zu ihren Lieblingsmenschen gehörte, war er beeindruckt, wie bereitwillig sie mit ihm zusammenarbeitete.

Die Patientin wurde mit einer einseitigen Lungenbeatmung versorgt. Sie bereiteten das Thorakoskop vor, eine Kamera, die sie durch einen kleinen Schnitt zwischen den Rippen in den Brustkorb einführen konnten, um die fehlgestellten Brustwirbel sichtbar zu machen. Diese minimalinvasive Technik war oft besser, erforderte jedoch mehr als zwei Hände.

Während Théo die Kamera in Position hielt, machte Connie einen weiteren kleinen Schnitt zwischen den Rippen und führte ein weiteres Endoskop in die Brust ein. Die Bilder wurden in Echtzeit auf den Monitor übertragen.

Nachdem sie die ersten Schrauben erfolgreich in die fehlgestellten Wirbel eingesetzt hatten, sah man plötzlich nur noch Blut auf den Bildern.

„Absaugen“, sagte Connie und wechselte schnell die Instrumente.

„Lass mich“, sagte Théo und nahm ihr die Absaugvorrichtung ab. „Dann kannst du kauterisieren.“

Théo hielt das Thorakoskop ruhig und kümmerte sich um die Absaugung, während Connie eilig die Diathermiesonde bediente. Sie reagierten schnell aufeinander, und so dauerte es nur wenige Momente, bis Connie die blutende Stelle gefunden und verschlossen hatte.

Théo seufzte, und als Connie zu ihm aufsah, war in ihren Augen ebenfalls Erleichterung zu sehen.

„Wie sieht es aus?“, fragte sie den Anästhesisten, der Elodies Vitalfunktionen überwachte.

„Stabil“, bestätigte er.

Connie holte tief Luft und prüfte noch einmal sorgfältig auf weitere Blutungen. Dann sah sie von den Monitoren auf und Théo an.

„Danke“, sagte sie knapp.

„Kein Problem“, antwortete er. Es fühlte sich an, als hätte er einen großen Sieg errungen.

Das Krankenhaus St. Raphaël befand sich im Quartier Latin von Paris, nur wenige Gehminuten von der Seine entfernt. Als Connie am Abend das Krankenhaus verließ, wickelte sie sich ihren Wollschal fest um den Hals. Nicht weit entfernt lag einer der berühmten Weihnachtsmärkte der Stadt, wo sie nach dem langen Arbeitstag die magische Atmosphäre aufsaugen wollte. An jedem Gebäude, jedem Laternenpfahl und jeder Platane rund um den kopfsteingepflasterten Platz waren Lichterketten angebracht. In der Mitte befand sich eine Eislaufbahn, umgeben von zahlreichen Verkaufsständen, an denen Weihnachtsdekoration in Form des Eiffelturms, Glühwein und alles Mögliche zu essen angeboten wurden.

Connie versuchte, nicht an Théo zu denken, und mischte sich unter die Menschenmenge.

Nach ihrer ersten Überraschung hatte die gemeinsame Arbeit gut funktioniert. Sobald sie das Skalpell in die Hand genommen hatte, war ihre private Vergangenheit völlig egal gewesen. Sie hatte sich auf den Fall konzentriert, und Théo hatte tatsächlich jede ihrer Bewegungen vorausgeahnt, hatte instinktiv das Operationsfeld für eine bessere Sicht freigeräumt und ihr immer die passenden Instrumente angereicht. Nicht ein einziges Mal hatte er versucht, die Operation zu übernehmen, und als sie Elodie wieder zugenäht hatten, war Connie widerwillig dankbar gewesen.

Es war beruhigend, dass die Arbeit mit ihm gut funktionierte. Dennoch hatte sie danach nicht mit ihm sprechen wollen und war schnell verschwunden.

Dieser Mann und all die Erinnerungen, die er in ihr weckte, waren unwichtig. Sie war vielleicht schwanger! Darauf sollte sie sich konzentrieren.

Ein junges Paar schlenderte vor Connie her und blieb stehen, um sich unter einem großen Mistelzweig zu küssen.

Connie lächelte und zog dann eine Grimasse. Der letzte Mann, den sie mit solcher Leidenschaft geküsst hatte, war Théo gewesen. Ihre wenigen, harmlosen Verabredungen in den letzten drei Jahren waren nie über einen keuschen Kuss auf die Wange hinausgegangen.

Zu ihrer großen Bestürzung war Théo immer noch genauso sexy wie damals. Er war ehrgeizig, intelligent und selbstbewusst und sah einen so an, als wäre man die einzige Person im Raum.

Sie schlenderte weiter über den Weihnachtsmarkt. Es roch überall so köstlich, dass ihr der Magen knurrte. Nach dem langen Tag war sie zu müde, um zu Hause kochen zu wollen. Also kaufte sie an einem Stand heiße Zwiebelsuppe mit knusprigem Brot und geschmolzenem Gruyère-Käse, die hoffentlich warm blieb, bis sie die zwei Metrostationen nach Hause gefahren war.

„Ich hatte offenbar die gleiche Idee“, sagte eine tiefe Stimme neben ihr.

Connie blickte auf. Da stand Théo und lächelte breit.

Erneut war sie von seiner umwerfenden Ausstrahlung überrascht. Ihr Puls raste. Mit seinem eleganten Wollmantel und dem karierten Schal, die Wangen leicht gerötet von der Kälte, sah Théo wie eine Werbeanzeige für den typischen Pariser Chic aus. Obwohl sie heute Morgen so unfreundlich gewesen war, blickte er mit seinem typischen selbstbewussten Lächeln und einem Funken Leidenschaft auf sie herab. Connie lächelte gezwungen und wandte ihren Blick ab. Doch ihre Wangen fühlten sich warm an.

„Das Mittagessen ist schon lange her“, murmelte sie und beobachtete, wie der Verkäufer dampfende Suppe in einen Behälter zum Mitnehmen löffelte und das mit Käse überbackene Toastbrot in eine separate Papiertüte schob. In der Hoffnung, Théos Duft und der Wärme seines Körpers zu entgehen, machte sie einen kleinen Schritt zur Seite.

„Allerdings“, sagte Théo und legte Geld für seine eigene Bestellung auf den Tresen. „Kann ich dir einen Glühwein spendieren, um mich für die böse Überraschung heute Morgen zu entschuldigen?“

Connie konnte seine Gesellschaft nicht länger ertragen.

„Nein danke“, sagte sie übertrieben höflich, während der Standbesitzer ihr Essen in eine Tüte steckte und Théos Glühwein in einen Becher zum Mitnehmen goss.

„Schade“, sagte Théo und trank einen Schluck. „Der ist wirklich gut.“

Connie wandte schnell den Blick ab. Seine Lippen zogen sie wie magisch an. Wäre er beim Operieren nicht so nett gewesen, hätte sie ihn jetzt leichter abweisen können. Aber sie waren schließlich keine Freunde. Definitiv nicht.

„Ich gehe nach Hause“, sagte Connie, nahm ihr Abendessen und lächelte Théo höflich an. „Gute Nacht.“

Sie wandte sich ab. Er sollte ruhig wissen, dass sie keinerlei persönliches Interesse an ihm hatte. Sie hatte generell kein Interesse an Männern, schon gar nicht an einem, der sie genüsslich getreten hatte, als sie bereits am Boden gelegen hatte.

Nachdem Connie damals entdeckt hatte, dass Guy sie so gemein betrogen hatte, hatte es Monate gedauert, bis sie sich wieder unter Menschen getraut hatte. Als sie dann endlich eine von Tris’ vielen Einladungen angenommen hatte und mit zur Weihnachtsfeier seines Bruders gegangen war, war es geschehen. Es war idiotisch gewesen, mit Théo zu schlafen, und sie bereute es zutiefst. Sie hätte wissen müssen, dass ihr Urteilsvermögen immer noch getrübt gewesen war. Sie hatte Guy vertraut, hatte geglaubt, er wäre der Richtige für sie – aber er hatte ein richtiges Doppelleben geführt.

„Warte.“ Théo eilte ihr hinterher und holte sie mühelos ein. „Gehst du zur Metro?“

„Ja.“ Sie wollte ihre Schritte beschleunigen, aber um sie herum schlenderten so viele Menschen, dass das schwierig war. Sie musste unbedingt Abstand zwischen sich und Théo bringen.

„Ich auch“, sagte er immer noch dicht hinter ihr. „Ich begleite dich.“

Connie blieb stehen und warf ihm einen entsetzten Blick zu. „Haben wir heute nicht schon genug Zeit miteinander verbracht? Warum kannst du mich nicht einfach ignorieren, so wie wir uns in den letzten drei Jahren ignoriert haben?“

Es war schon schlimm genug, dass sie heute gezwungen gewesen war, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Als Chirurg war er beeindruckend: exakt, fleißig und voller Leidenschaft. Seltsamerweise war in diesem Umfeld nichts von seiner Arroganz zu merken. Die hatte er nur gezeigt, als er Tris erzählt hatte, dass er nur mit ihr geschlafen habe, um über eine Trennung hinwegzukommen. Dass es ein großer Fehler gewesen sei.

„Ich hatte gehofft, wir könnten uns unterhalten“, sagte er. „Außerhalb der Arbeit.“

Ein paar aufgeregte Kinder auf Schlittschuhen liefen wacklig an ihnen vorbei, um auf die Eisbahn zu gelangen. Er lächelte und sah dann wieder Connie an.

Sie erschauerte. Warum tat er so sympathisch und charmant? Seiner Fassade konnte man nicht trauen. Wie dumm sie gewesen war, zu glauben, dass er anders war als Guy.

Vier Jahre lang war sie mit Guy zusammen gewesen, und sie hatten Pläne für die Zukunft geschmiedet – Heirat, eine Familie. Aber dann hatte er sie mit einer anderen Frau betrogen, und die war schwanger geworden. Schwer hatte sie es ihm nicht gemacht, denn ihre Arbeitszeiten waren oft lang und unvorhersehbar gewesen. Da hatte sich eine Affäre offenbar geradezu angeboten.

„Ich hatte gehofft, dich irgendwann mal auf einen Drink einladen zu dürfen“, sagte Théo lächelnd.

„Ich dachte, wir hätten heute Morgen alles gesagt, was es zu sagen gab“, erwiderte sie abweisend und versuchte, endlich vom Weihnachtsmarkt herunterzukommen. Etwas trinken gehen … Meinte er das ernst? Sie wollte sich viel lieber einen schönen Abend machen und von ihrem Baby träumen, das vielleicht schon in ihr heranwuchs.

„Ich will dich etwas fragen“, sagte er und trat beiseite, um einer schwangeren Frau mit einem Kleinkind im Kinderwagen Platz zu machen.

„Über die Arbeit?“, fragte sie. Vielleicht würde er sie in Ruhe lassen, wenn sie ihm schnell antwortete.

„Nein“, sagte er. „Über das, was du im OP gesagt hast, über Ehrlichkeit und Transparenz. Ich weiß, dass dir Beziehungen und Vertrauen schwerfallen …“

Connie zuckte zusammen. An diesem Abend damals hatte sie ihm erzählt, dass sie kürzlich eine schlimme Trennung hinter sich hatte, und Théo hatte ihr wiederum von seiner einvernehmlichen Scheidung erzählt. Weil es ihnen so ähnlich ging, hatte sie das Gefühl gehabt, mehr mit ihm gemeinsam zu haben als den Beruf und eben Tris. Aber natürlich hatte sie Théo überhaupt nicht gekannt.

„Aber ich frage mich, ob ich dich irgendwie beleidigt habe. Oder bist du wirklich wütend, dass ich den Job im St. Raphaël angenommen habe?“

„Willst du wirklich jetzt und hier darüber reden?“, fragte sie.

Sie warf einen vielsagenden Blick auf die fröhliche Menschenmenge um sie herum. Sie hatte wirklich keine Lust, diesen demütigenden Morgen noch einmal zu durchleben. Nach dem Aufwachen hatte sie sich für einen Moment tatsächlich wieder begehrenswert gefühlt – und voller Hoffnung, dass sie endlich über Guy hinwegkommen könnte.

Er runzelte die Stirn. „Ich versuche nur, reinen Tisch zu machen, Connie. Wir müssen schließlich in Zukunft öfter zusammenarbeiten. Außerdem heiraten Tris und Victor bald.“

„Das mit der Zusammenarbeit hast du dir selbst zuzuschreiben“, murmelte Connie.

Wenn sie ihn nur vor drei Jahren zur Rede gestellt hätte, statt mit eingezogenem Schwanz aus seiner Wohnung zu schleichen. Aber sie war so verletzt und einfach nicht in der Lage gewesen, sich nach dem ganzen Streit mit Guy einer weiteren Konfrontation zu stellen.

Jetzt war sie stärker. Härter. Weniger leichtgläubig.

Ein stählerner Glanz trat in seinen Blick. „Du hast recht. Und ich bereue es auch nicht. Es war eine gute Entscheidung für meine Karriere. Allerdings hoffe ich auch, dass wir beide herausfinden können, was vor drei Jahren schiefgelaufen ist. Wenn ich dich verärgert habe, dann sag es mir doch bitte, damit ich mich entschuldigen kann. Außerdem“, fügte er hinzu, trat näher und senkte seinen Blick auf ihren Mund, „habe ich dich in den letzten Jahren nur ignoriert, weil ich dachte, dass du das so wolltest. Du hast dich schließlich nach der Weihnachtsfeier ohne ein Wort davongeschlichen.“

Auch sie trat näher. Empört. „Willst du damit sagen, du wolltest, dass ich zum Frühstück bleibe? Das war nicht wirklich mein Eindruck.“

„Du hast mir ja keine Gelegenheit gegeben. Du bist einfach gegangen und hast dann meine SMS ignoriert.“

Connie holte tief Luft. Sie fühlte sich so gedemütigt, dass jeder Funke, den sie in seiner Nähe verspürt hatte, gelöscht wurde. „Ich habe dich gehört, Théo. Ich habe gehört, wie du Tristan erzählt hast, dass wir miteinander geschlafen haben und wie sehr du es bereust. Deshalb bin ich gegangen. Dir hat es nichts bedeutet.“

Sie wollte wegrennen, so schnell es ihre schwappende Suppe und ihre dicken Winterstiefel zuließen, aber dann sah sie etwas in seinen Augen: ein Zögern. Scham.

„Ich wusste nicht, dass du das gehört hast.“ Er trat näher und senkte seine Stimme. „Aber eine Sache stimmt nicht, Connie: Es hat mir etwas bedeutet. Hast du Tris erzählt, dass du uns zugehört hast?“

„Nein. Ich habe ihm einfach gesagt, dass zwischen uns nie wieder irgendetwas passieren wird“, sagte sie und hob ihr Kinn. „Dass das Thema abgeschlossen ist.“

Sie blickte über die Straße. Die Metrostation war in Sichtweite.

„Offensichtlich nicht“, sagte er trocken. „Du bist immer noch sauer auf mich.“

„Ich bin nicht mehr sauer. Ich habe es einfach vergessen“, log sie mit ruhiger Stimme. „An dem Morgen war ich wütend, ja, aber nicht, weil der Sex so gut war, sondern weil du so getan hast, als ob ich irgendetwas von dir erwarten würde, eine Art Verpflichtung. Das war lächerlich.“

Sie hatte ja gewusst, dass er gerade seine Ehe beendet hatte. Und doch hatte wohl ein Teil von ihr gedacht, dass er bereit für etwas Neues war. So hatte er sich zumindest währenddessen verhalten.

Aber das zu glauben, war dumm gewesen.

„Wir hatten auf einer Weihnachtsfeier mit zu viel Wein unüberlegten Sex“, sagte sie. „Und du hast Tris gesagt, dass du mich nicht wiedersehen wolltest. Warum warst du dir nur so sicher, dass ich dich wiedersehen wollte?“

Einige der Menschen um sie herum warfen ihnen amüsierte Blicke zu. Ein Streit unter Liebenden. Als ein Mann Théo vielsagend ansah und dann den Blick hob, schaute auch Connie nach oben.

Théo und sie standen unter einem mit funkelnden Lichtern geschmückten Torbogen, an dem ein großer Mistelzweig mit einem roten Samtband befestigt war.

Connie errötete. Nur Théo konnte sie dazu bringen, sich an einem öffentlichen Ort vor Publikum zu streiten. Weitere Vorwürfe blieben ihr im Hals stecken, als sie den Ausdruck in seinen Augen sah. Sie erzitterte am ganzen Körper. Wie konnte sie ihn nur immer noch so unwiderstehlich finden?

„Wäre doch schade, sich so eine Gelegenheit entgehen zu lassen“, sagte Théo mit einem vielsagenden Lächeln. Er neigte den Kopf und hob eine Augenbraue.

„Das soll wohl ein Witz sein?“, rief Connie. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie an ihren ersten weihnachtlichen Kuss dachte und wie schnell daraus eine Nacht intensiver, unvergesslicher Leidenschaft geworden war. Théo küsste ganz fantastisch.

„Als ich wusste, dass ich definitiv zum St. Raphaël wechseln würde, habe ich mich gefragt, ob die Chemie zwischen uns immer noch da sein würde.“ Er sah sie aufmerksam an. „Jetzt weiß ich es.“

„Das spielt überhaupt keine Rolle“, sagte Connie. Sie war überrascht, wie eisig sie klingen konnte, obwohl ihr ganzer Körper zu schmelzen schien. „Ich vertraue dir nicht. Außerdem bin ich glücklich und Single. Ich habe mich verändert.“

Bald würde sie das nächste Kapitel aufschlagen und ein Kind bekommen, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Sie hatte ihr Leben selbst in die Hand genommen und es aufgegeben, nach einem Mann zu suchen. „Es tut mir leid für dich, wenn das bei dir nicht der Fall ist.“

Kurz verspürte sie Mitleid für ihn. Er hatte damals auch gerade eine Trennung hinter sich gehabt, war verletzlich und bedürftig gewesen. Sie hatten beide aus ihren eigenen Gründen miteinander geschlafen, und sie würde sich für ihre nicht schämen.

„Und mir tut es leid“, sagte er ernst, „dass ich an diesem Morgen so indiskret war. Du hast vollkommen recht. Ich hätte zuerst mit dir sprechen sollen. Tris und ich stehen uns sehr nahe, und ich habe ihm gestanden, dass ich dich nicht hätte verführen sollen, weil ich noch gar nicht bereit dafür war.“

„Vielleicht habe ich dich verführt“, sagte sie. Sie wollte seine Erklärungen nicht hören, denn es war einfacher, ihn mit ihrem hinterhältigen, egoistischen Ex in einen Topf zu werfen. Nur ein weiterer Mann, dem sie nicht vertrauen konnte.

„Ich glaube, wir haben uns gegenseitig verführt, Connie.“ Sein Blick huschte über ihren Mund, als würde er sich nach einem Kuss unter dem Mistelzweig sehnen. Als würde er sie durchschauen. Als würde er sehen, wie sehr sie ihn immer noch begehrte.

Ihr Puls pochte bis in ihre Fingerspitzen. Er hatte recht mit der Chemie zwischen ihnen. Sie wusste nicht mehr, wer wen damals zuerst berührt hatte, aber sie waren sofort in Flammen aufgegangen.

Sie holte tief Luft. Sie musste endlich weg. „Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Du hast dich entschuldigt, dass du hinter meinem Rücken mit meinem besten Freund über mich gesprochen und so getan hast, als wollte ich dich nach der einen Nacht unbedingt heiraten. Es war ein Fehler, den wir beide bereuen. Belassen wir es einfach dabei.“

Wieder wollte sie gehen.

„Warte“, sagte er und trat einen Schritt näher. Sie wusste noch genau, wie es sich anfühlte, in seinen starken Armen, an seiner breiten Schulter zu liegen. „Ich habe mit Tris über meine Zweifel gesprochen, ob ich für mehr als eine Nacht bereit bin. Genau das, was ich dir selbst auch sagen wollte. Aber das ist alles, was ich falsch gemacht habe. Ich bin kein Betrüger, Connie. Meine Ehe ist aus anderen Gründen kaputtgegangen. In der Nacht, in der ich dich getroffen habe, war ich seit drei Monaten geschieden. Ich glaube, du reagierst ein bisschen zu empfindlich. Du überträgst deine Wut auf den Mann, der dich verletzt hat, auf mich. Vielleicht hätte ich in dieser Nacht nicht mit dir schlafen sollen. Ich bedaure, dass der Zeitpunkt so falsch war, aber ich bereue keine Sekunde lang, was zwischen uns passiert ist.“

Connie war überrascht, wie offen er war.

„Tja, ich schon“, sagte sie und klammerte sich weiterhin an ihre Empörung. Ob sie es auch bereut hätte, mit ihm geschlafen zu haben, wenn sie an dem Morgen nicht zufällig das Gespräch zwischen ihm und Tris mitgehört hätte? „Ich bin froh, dass wir reinen Tisch gemacht haben. Aber wenn wir nicht gerade eine gemeinsame Patientin haben, gibt es wirklich nichts mehr zu sagen.“

Selbst wenn sie Théo vergeben könnte und selbst wenn sie sich noch eine Nacht sinnlicher Leidenschaft mit ihm wünschen würde, hatte sie jetzt andere Prioritäten. Sie bekam ein Baby.

„Okay“, sagte er leise und trat zurück. „Wenn du es so willst.“

„Ja“, sagte Connie. Ein vages Gefühl der Enttäuschung blieb zurück. Aber das lag wahrscheinlich an ihrer Müdigkeit und der weihnachtlich-romantischen Stimmung um sie herum. Endlich hatten sie das Gespräch geführt, das sie drei Jahre lang aufgeschoben hatten. Mit lautem Puls und einem Kloß im Hals zwang sie sich zu einem Lächeln. „Bon appétit.“

Dann überquerte sie die Straße und ging hinunter in die Metrostation. Auf dem Weg nach Hause wiederholte sie im Kopf jedes einzelne Wort ihres Gesprächs, bis nichts mehr Sinn ergab. Am wenigsten ihre verwirrenden Gefühle.

3. KAPITEL

Nach seinem morgendlichen Training im Fitnessstudio kam Théo im Krankenhaus an. Er dachte noch immer an Connie und ihr frustrierendes Gespräch gestern Abend.

Aber gut, er würde sich an ihre Bitte halten und sie ignorieren. Jeden einzelnen ihrer ärgerlichen, wunderschönen Zentimeter würde er ignorieren.

So hatte er sich ein Wiedersehen mit ihr ganz sicher nicht vorgestellt. Insgeheim hatte er gehofft, dass sie alles klären und diesen Funken zwischen sich wiederfinden würden.

Es fühlte sich eher wie ein loderndes Inferno an als wie ein Funke.

Aber er musste das wohl ignorieren.

Sein Leben war endlich wieder in Ordnung. Er hatte eine erfüllende Karriere, und sein Bruder würde demnächst seinen Victor heiraten, die Liebe seines Lebens. Théo war immer glücklich, wenn Tris glücklich war. Ganz zu schweigen davon, dass bald Weihnachten war, Théos Lieblingszeit im Jahr, zu der er gern mit Freunden und Familie zusammen war. Auch sein jährliches Weihnachtsfest war inzwischen eine Tradition geworden.

Er setzte sich an seinen neuen Schreibtisch in seinem neuen Büro, um seine E-Mails abzurufen, als sein jüngerer Bruder in der Tür erschien.

„Schön hast du es hier“, sagte Tris mit einem Blick aus dem Fenster, wo man die Seine sah. „Hast du dich gut eingelebt?“

„Komm rein.“ Théo stand auf und umarmte Tris. Sein Bruder war hier am St. Raphaël als Nephrologe tätig und hatte mit Connie zusammen studiert.

„Was gibt’s?“, fragte Tris und setzte sich.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte Théo, merkte aber, dass Tris abgelenkt war. Er hatte bestimmt wegen der Hochzeitsvorbereitungen viel zu tun.

Doch er holte tief Luft und konzentrierte sich auf seinen großen Bruder. „Womit?“

„Es geht um Connie. Ich habe gestern mit ihr gesprochen.“

Und das hatte ihn viel gekostet: eine unruhige Nacht voller erotischer Fantasien, in denen sie seine Entschuldigung nicht zurückgewiesen, sondern ihm vergeben hatte – und sie sich unter dem Mistelzweig geküsst hatten.

Tris verzog das Gesicht. „Ich wollte ihr gestern von dir erzählen, habe es aber nicht geschafft. Wenn du es mir früher erlaubt hättest …“

„Es schien mir sinnlos, ihr davon zu erzählen“, sagte Théo, „solange es noch nicht feststand.“

„Aber es war klar, dass sich eure Wege kreuzen würden“, sagte Tris.

„Natürlich“, sagte Théo. „Wir arbeiten im selben Fachgebiet und jetzt auch in derselben Abteilung. Ich hatte gehofft, wir könnten reinen Tisch machen. Aber sie ist mir immer noch böse wegen dem, was vor drei Jahren passiert ist. Ich habe ihr offenbar ziemlich wehgetan. Wusstest du davon?“

Tristan schüttelte den Kopf. „Was meinst du?“

Théo seufzte. „Wusstest du, dass sie unser Gespräch am Morgen nach der Weihnachtsfeier mitgehört hat?“

Tris sah überrascht aus. „Nein, das hat sie mir nie gesagt, aber das erklärt einiges.“

„Inwiefern?“ Théo schämte sich immer noch, dass er so indiskret gewesen war. Damals war er noch im Dunkeln aufgewacht, hatte sie schlafend im Bett zurückgelassen, um Kaffee zu kochen, und war in der Küche auf Tris gestoßen. Der hatte sofort verstanden, dass Théo mit Connie geschlafen hatte, und ihm schnell berichtet, wie sehr sie von ihrem Ex verletzt worden war. Théo hatte Tris versichert, dass er ohnehin nicht bereit für mehr war – ohne zu wissen, dass Connie zuhörte.

Tris zuckte mit den Schultern. „Sie wollte gar nicht über dich reden, und ich dachte, dass die Nacht ziemlich enttäuschend gewesen sein muss.“

Théo hustete verlegen. „Die Nacht war ziemlich großartig, glaub mir.“

Dreimal hatten sie Sex gehabt, und er hatte ihr einen Orgasmus nach dem anderen entlockt.

Tris schüttelte sich. „Keine Details bitte. Sie ist meine Freundin und du bist mein Bruder. Ich weiß noch, dass ich sie am Tag darauf gefragt habe, warum sie gegangen ist, ohne sich zu verabschieden, und sie meinte, sie schäme sich, dass sie mit dir geschlafen hatte. Sie hat mich gebeten, nie wieder darüber zu sprechen. Ich dachte, sie war bestimmt immer noch wegen Guy verletzt und noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Und da es dir ja genauso ging, habe ich gedacht, das Thema wäre abgeschlossen.“

Théo trommelte ungeduldig auf den Schreibtisch. „Ich habe sie wohl verletzt. Sie hasst mich abgrundtief, was sehr unangenehm ist, weil wir in Zukunft viel zusammenarbeiten müssen.“

Außerdem war sie immer noch unglaublich sexy.

„Soll ich mit ihr reden?“, fragte Tris, sah aber nicht so aus, als ob er das gern übernehmen würde. „Ich muss mich sowieso bei ihr entschuldigen. Ich hätte sie früher wegen dir warnen sollen.“

„Nein danke, ich kümmere mich schon selbst darum. Ich dachte nur, dass du vielleicht mehr weißt.“

Tris schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich habe halt geglaubt, sie hat es bereut, mit dir geschlafen zu haben.“

Théo presste die Lippen zusammen. „O ja, sie bereut es sogar sehr.“

Es tat ihm leid, dass er sie verletzt hatte, so wie ihr dämlicher ehemaliger Verlobter. Vielleicht hatte seine Ex-Frau Anaïs recht, und er war emotional zu distanziert.

Ein paar Jahre hatte seine Ehe gut funktioniert. Solange sie noch dasselbe gewollt hatten. Aber Anaïs hatte die Familienplanung immer weiter aufgeschoben und ihm die Schuld gegeben, dass etwas in ihrer Beziehung fehle – und ein Baby würde das nicht ändern. Nach einem letzten Streit hatte sie dann gesagt, es sei vorbei.

„Keine Sorge“, beruhigte er Tris. „Ich kläre das mit Connie.“

Er würde sich erneut entschuldigen und die Sache abhaken. Sie mussten sich ja nur einigermaßen verstehen, denn an einer Beziehung hatte er weiterhin überhaupt kein Interesse. Die war all den Kummer und Verlust nicht wert. Was machte es schon, dass er niemanden außer Tris und Victor hatte? Qualität war wichtiger als Quantität.

„Warum bist du eigentlich hier?“, fragte er Tris.

Tris wandte den Blick ab. „Ich muss dir etwas sagen. Etwas Schönes. Und es hat übrigens auch mit Connie zu tun.“

„Okay“, sagte er zögerlich. „Lass hören.“

„Also“, begann Tris zögernd, „du weißt doch, dass Victor und ich definitiv keine Kinder wollen.“

Théo nickte, und Tris fuhr fort: „Das war uns schon klar, als wir uns kennengelernt haben, und wir werden unsere Meinung auch nicht mehr ändern.“

Théo nickte erneut. In fünf Minuten musste er auf der Station sein und sich Elodie Verdier ansehen. Hoffentlich kam Tris schnell zum Punkt.

„Connie hingegen wollte schon immer ein Kind“, sagte Tris, „aber sie hat es inzwischen aufgegeben, den richtigen Mann zu finden. Verständlicherweise hat sie Vertrauensprobleme. Also hat sie beschlossen, es allein zu versuchen, und ich …“

Théo unterbrach ihn. „Bitte sag mir nicht, was ich vermute, dass du mir sagen wirst.“

Tris lief rot an. „Ich wollte nur, dass du es weißt. Victor ist einverstanden, und Connie und ich haben alle Vor- und Nachteile besprochen. Ich habe mich als Samenspender zur Verfügung gestellt.“

Schockiert sah Théo ihn an. Erstens: Connie hatte im Alter von erst fünfunddreißig Jahren die Hoffnung auf einen Mann aufgegeben? Zweitens: Nur weil Tris und Victor glücklich waren und heiraten wollten, bedeutete das nicht, dass es nicht später schwierig sein könnte, wenn Tris Vater war. Und drittens: Welches Recht hatte Théo, auch nur ein Wort dazu zu sagen? Keins. Er selbst hatte vor Jahren, als er Medizin studierte und Geld brauchte, auch einmal Sperma gespendet.

Tris fuhr fort, ohne zu bemerken, wie aufgewühlt Théo war. „So bekommt sie das Kind, das sie sich wünscht, und ich werde Onkel Tris. Und du wohl Onkel Théo.“

Er lachte nervös, aber Théo konnte nicht mitlachen.

Onkel Théo? Er schloss die Augen und seufzte leise.

Sie waren ohne Vater aufgewachsen und hatten seit dem Tod ihrer Mutter und Großmutter im Alter von zwölf und neun Jahren bei Pflegefamilien gelebt. Théo hatte immer versucht, sich um den jüngeren Tris zu kümmern, ihm ein Vorbild zu sein und Stabilität zu geben. Er war stolz auf Tris, seinen freundlichen, intelligenten Bruder, der in einer liebevollen und festen Beziehung lebte – anders als er selbst.

Aber Samenspender? Connie könnte möglicherweise Théos Nichte oder Neffen austragen. Dabei konnte sie ihn nicht ausstehen.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist? Wenn du daran denkst, was wir alles durchgemacht haben?“, fragte Théo vorsichtig. Ihr Vater hatte sie sitzenlassen und sich nie für seine Söhne interessiert. „Auch wenn du das Kind selbst nicht großziehst, ist es trotzdem eine große, emotionale Entscheidung. Du weißt doch selbst, wie wichtig Familie ist. Ein Kind muss beide Elternteile haben, um zu wissen, dass es geliebt wird.“

Tris würde natürlich mit Connie befreundet bleiben und sein leibliches Kind ständig sehen, aber sie würden dem Kleinen nicht sagen, dass er der Vater war. Und was war mit Tris selbst: Würde er sich nicht nach mehr Kontakt sehnen?

Théo könnte das nicht. Und was, wenn die Freundschaft zwischen Tris und Connie zerbräche? Tris würde erneut ein Stück Familie verlieren.

Tris schüttelte entschieden den Kopf. „Connie ist meine beste Freundin. Wir werden immer Teil unseres Lebens sein. Es hat sie sehr mitgenommen, als Guy sie betrogen und mit der anderen Frau ein Kind bekommen hat.“

Théo starrte ihn an. Das hatte er nicht gewusst.

Er überlegte weiter. „Sie könnte einen anonymen Spender nehmen. Heutzutage kann man sich Sperma im Internet kaufen. Tris, ein Kind ist eine große Verpflichtung, auch wenn du es nicht selbst großziehst. Und was passiert, wenn du deine Rechte als Vater abtrittst und Connie dir eines Tages den Zugang zu deinem Kind verweigert?“

Tris lächelte ihn an. „Ich weiß, dass du dir immer Sorgen um mich machst, und ich weiß das zu schätzen. Aber es ist sowieso zu spät. Connie war Anfang der Woche in der Klinik. Sie könnte jetzt schon schwanger sein.“

„Ist das dein Ernst?“ Théo wurde heiß und kalt. Connie konnte von seinem Bruder schwanger sein. Was würde das für ihre Beziehung bedeuten? Okay, nicht, dass es jemals mehr als eine berufliche Beziehung zwischen ihnen geben würde … auch wenn ihre Chemie etwas anderes sagte …

Und was würde aus dem Baby werden, das niemals einen echten Vater haben und dessen Liebe vermissen würde?

„Deshalb sage ich es dir ja“, erwiderte Tris. „Jetzt weißt du, dass du vielleicht bald eine Nichte oder einen Neffen haben könntest. Übrigens ist es für mich vollkommen in Ordnung, meine Rechte als Vater abzutreten. Sonst hätte ich es ihr nicht angeboten.“

„Warum hast du nicht früher mit mir darüber gesprochen?“ Théo war ernsthaft frustriert. Er selbst hatte sich immer eine Familie gewünscht, weshalb es ja auch so furchtbar gewesen war, dass Anaïs plötzlich nicht mehr gewollt hatte.

Den größten Teil seines Lebens hatte er sich nach der perfekten Familie gesehnt. Connie konnte ihn nicht leiden und würde ihm wahrscheinlich nicht einmal erlauben, Kontakt zu ihrem Kind zu haben.

Tris’ Pager piepste. Er schaltete ihn ab und stand auf. „Ich muss los. Meine Schicht fängt an.“

„Warte“, sagte Théo. „Weiß sie, dass du mir das erzählen wolltest?“

„Ja, ich darf es allen erzählen, die es meiner Meinung nach wissen sollen“, sagte Tris. „Wir haben einen Vertrag aufgesetzt.“

„Sehr effizient“, murmelte Théo düster. Er wusste nicht, ob er seinen Bruder umarmen oder ausschimpfen sollte. Aber Tris war kein Kind mehr. Wenn er und Connie meinten, dass alles gut gehen würde, wie sollte Théo da widersprechen?

„Wenn du sie siehst“, sagte Tris zögernd, „sei bitte nett zu ihr, ja?“

Théo lachte, als er daran dachte, wie wenig nett Connie ihn im Krankenhaus empfangen hatte – und dann noch die Standpauke unter dem Mistelzweig.

„Sie spritzt sich wegen der künstlichen Befruchtung Hormone, und das wirkt sich nicht unbedingt positiv auf ihre Laune aus. Könnte sogar noch schlimmer werden, wenn sie wirklich schwanger ist.“ Tris zuckte mit den Schultern. „Sei einfach nett zu ihr.“

4. KAPITEL

Den ganzen Tag lang war sie Théo erfolgreich aus dem Weg gegangen. Jetzt nahm Connie einen dringenden Anruf vom Assistenzarzt der Neurologie entgegen: Sie sollte sich eine Patientin in der Notaufnahme ansehen.

„Ich bin gleich da“, sagte sie und legte auf.

Sie eilte zur Notaufnahme, aber ihre Gedanken kreisten, wie schon fast die gesamten letzten vierundzwanzig Stunden, um Théo.

Vielleicht hatte er recht gehabt, dass sie ihre Wut und ihren Schmerz über Guy an ihm ausließ. Als sie gestern Abend im Bett gelegen und die Augen geschlossen hatte, hatte sie seinen verführerischen Blick vor Augen, als sie auf dem Weihnachtsmarkt unter dem Mistelzweig gestanden hatten.

Sie hatte auch noch einmal über das Gespräch zwischen Tristan und Théo nachgedacht, das sie vor drei Jahren mitgehört hatte. Seine Entschuldigung hatte wohl einen wahren Kern. Als sie mit ihm geschlafen hatte, war sie davon ausgegangen, dass er seine Scheidung glücklich hinter sich gebracht hatte, weil er nicht besonders niedergeschlagen wirkte. Aber sie wusste doch nur zu gut, wie lang es dauern konnte, bis man über eine schlimme Trennung hinweg war.

Vielleicht war diese Nacht wirklich einfach ein ungünstiger Zeitpunkt gewesen. Für beide.

Aber es war egal. Sie würde Mutter werden und brauchte keinen Mann. Richtiges Vertrauen zu jemand anderem würde sie wohl dank Guy nie wieder aufbauen können. Sie wollte sich nie wieder so verletzlich fühlen, denn das Risiko war es nicht wert – selbst wenn das bedeutete, auf Sex zu verzichten, auch auf so heißen, wie sie ihn mit Théo gehabt hatte.

Sie betrat die Notaufnahme und eilte zu dem Assistenzarzt, der sie gerufen hatte und nun gestresst vor einem Computerterminal stand. Bevor Connie einen Blick auf die Notizen werfen konnte, kam Théo mit gerunzelter Stirn auf sie zu.

„Worum geht’s?“, fragte er den Assistenzarzt und warf Connie einen unergründlichen Blick zu, der ihren schnellen Puls noch schneller schlagen ließ.

„Ein vierundfünfzigjähriger Mann mit Schmerzen im unteren Rückenbereich“, sagte der Assistenzarzt an sie beide gewandt. „Er hat die klassischen Symptome eines Cauda-equina-Syndroms – Blasenfunktionsstörungen in Form von Harnverhalt, in die Beine ausstrahlende Schmerzen, Taubheitsgefühl im Gesäß und Schwäche in beiden Füßen.“

„Anzeichen für ein Trauma?“, fragte Connie.

Das Cauda-equina-Syndrom war eine seltene, aber schwere Wirbelsäulenverletzung, die in der Regel durch einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule verursacht wurde.

„Keine“, sagte der Arzt.

„Seit wann hat er die Symptome?“, fragte Théo.

Genau das hatte Connie auch gerade fragen wollen. Beruflich zogen sie also wirklich an einem Strang.

„Gestern“, sagte der Assistenzarzt. „Er dachte, es seien Ischiasschmerzen, die von selbst wieder weggehen würden. Aber es ist nur noch schlimmer geworden.“

„Dann haben wir keine Zeit zu verlieren“, sagte Connie.

Théo sah sie an und nickte. Beide wussten, dass eine unbehandelte Nervenkompression zu einer dauerhaften Lähmung der Beine, zu Blasen- und Darmproblemen und zu sexuellen Funktionsstörungen führen konnte. Deshalb mussten sie die gerissene Bandscheibe dekomprimieren.

„Die MRT-Ergebnisse sollten inzwischen da sein“, sagte der Assistenzarzt und meldete sich am Computer an. Er öffnete den radiologischen Befund, und zu dritt sahen sie sich die Ergebnisse, die Scans und die Röntgenbilder an.

„Hier, zwischen L4 und L5“, sagte Théo und zeigte auf den Bandscheibenvorfall zwischen den beiden untersten Lendenwirbeln.

Connie griff nach den Notizen, die der Assistenzarzt gemacht hatte. „Danke. Dr. Augustin und ich werden den Patienten untersuchen und ihn für eine Notfall-Mikrodiskektomie einweisen. Bitte stellen Sie sicher, dass er für die Vollnarkose bereit ist, führen Sie alle Blutuntersuchungen durch und rufen Sie den Anästhesisten.“

Der Assistenzarzt nickte und verschwand. Connie überflog die Krankengeschichte des Patienten, bevor sie das Tablet an Théo weiterreichte.

„Soll ich das übernehmen?“, fragte sie.

Sie wusste nicht recht, wie sie sich nach ihrem Gespräch am Vorabend verhalten sollte. Aber hier ging es um etwas anderes. Sie mussten ihre persönlichen Probleme beiseitelassen und sich auf die Arbeit konzentrieren.

„Ich muss mich erst noch an euer anderes Protokoll im OP gewöhnen“, sagte er. „Wenn du mit meiner Anwesenheit zurechtkommst, würde ich mich freuen, dir assistieren zu dürfen.“

Connie nickte. Der Patient war wichtiger als die Tatsache, dass sie Théo und seine Attraktivität auf Distanz halten wollte.

„Was hältst du davon, es zuerst endoskopisch zu versuchen?“, fragte er.

„Bei einer Hernie dieser Größe?“, fragte sie überrascht. „Ich würde eine tubuläre Mikrodiskektomie vorschlagen.“

Das war zwar invasiver, aber man hatte einen besseren Überblick, sodass die Narkose kürzer wäre.

„Wir können ihn ja erst einmal untersuchen und uns die Scans gründlicher ansehen, bevor wir entscheiden“, sagte er diplomatisch.

„Klingt nach einem Plan“, sagte Connie und ging los. Sie spürte ihn viel zu nah hinter sich, als ob die Luft zwischen ihnen elektrisch geladen wäre. Sie schien ihm einfach nicht entkommen zu können und auch nicht den Erinnerungen an den Sex. Hoffentlich war sie bald darüber hinweg.

Nach der Notfalloperation wollte Théo gerade seine Schicht beenden, als er Connie entdeckte, die vor ihm aus den Umkleideräumen kam.

Er zögerte. Sein Herz pochte vor Aufregung. Connie war die Art von Frau, die ihn in jeder Hinsicht anzog. Ob sie nun OP-Kleidung oder das eleganteste Kleid trug, ihr glänzendes braunes Haar hochgesteckt oder zu einem Zopf gebunden – sie sah immer elegant, raffiniert und weiblich aus. Sie war klug und ehrgeizig und hatte eine Charakterstärke, die er nur bewundern konnte.

Es war faszinierend, mit ihr zu sprechen. Es machte süchtig, in ihrer Gesell...

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