Romana Exklusiv Band 407

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

WEIHNACHTSWUNDER IN UPTON MANOR von ELLIE DARKINS

Es muss ein Weihnachtswunder sein! Wie sonst ließe sich erklären, dass die schöne Jess ausgerechnet in der Stunde seiner größten Not bei Rufus auftaucht? Sie berührt sein Herz wie keine Frau zuvor. Doch nach einem Unfall ist er überzeugt, kein Glück verdient zu haben …

BITTERSÜSSES WIEDERSEHEN IN FLORENZ von CATHERINE GEORGE

Sie ist noch schöner als damals, findet Dante, als er die zarte Rose in Florenz wiedertrifft. Er muss an ihre verbotene Liebesnacht vor zwei Jahren denken. Damals war er mit einer anderen verlobt - jetzt ist er frei! Aber Rose weicht ihm aus, als hätte sie etwas zu verbergen …

UNTER DEN STERNEN AUSTRALIENS von ELIZABETH DUKE

Claire ist verzweifelt. Sie sitzt ohne einen Cent in Venedig fest, dabei muss sie dringend zurück nach Melbourne. Der attraktive Witwer Adam macht ihr ein Angebot: Er nimmt sie mit nach Australien, wenn sie sich um seinen Sohn kümmert. Und seine Frau wird ...


  • Erscheinungstag 14.11.2026
  • Bandnummer 407
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539234
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Ellie Darkins, Catherine George, Elizabeth Duke

ROMANA EXKLUSIV BAND 407

Ellie Darkins

1. KAPITEL

Der Schnee knirschte unter den Reifen des Mietwagens, als Jess die geschwungene Auffahrt des prächtigen alten Herrenhauses hinauffuhr. Sie parkte vor dem Eingang und ließ den Blick über die Fassade des stattlichen Anwesens wandern. Auf einmal fragte sie sich, ob es ein riesiger Fehler gewesen war hierherzukommen. Doch was für eine andere Wahl hatte sie gehabt? Sicher war das Hotelzimmer, das sie für die Konferenz in der Nähe gebucht hatte, mittlerweile schon von jemand anderem belegt, jetzt, da das Symposium vorbei war. Außerdem sollte sie eigentlich ihre beste Freundin Lara hier treffen, wenn diese nach ihrem Ski-Trip in den Alpen ihren Flug erwischte.

Nach Hause zu fahren, war keine Option mehr. Die Nachrichten waren voll von Berichten über den Verkehrskollaps im Süden des Landes, wo selbst die Autobahnen mittlerweile unbefahrbar waren. In der Kleinstadt in Südengland, in der ihre Eltern lebten, war an diesem Tag bereits ein halber Meter Schnee gefallen, und es wurde von Reisen jeglicher Art abgeraten.

Immerhin hatte Jess in weiser Voraussicht einen Mietwagen gebucht, der gegen den Winter in Yorkshire gewappnet war. So hatte sie Upton Manor ohne größere Probleme erreicht, obwohl es im Herzen des North York Moors lag, einer bewaldeten Hochebene mit Heide-Bewuchs. Ihre einzige Hoffnung war, dass das Flugzeug ihrer besten Freundin noch landen konnte und Lara vor dem Schneesturm ankommen würde, der selbst die Meteorologen überrascht hatte.

Sie schaute auf ihr Handy, um zu sehen, ob sie eine neue Nachricht von Lara erhalten hatte. Nichts. Sie hatte keinen Empfang. Sie würde sich erst im Haus in das WLAN einwählen müssen, um ihre Nachrichten lesen zu können.

Ein vorweihnachtlicher Kurzurlaub in einem Landhaus, zu dem ihre beste Freundin, ihres Zeichens Influencerin in den sozialen Netzwerken, sie eingeladen hatte, war ihr wie die perfekte Möglichkeit vorgekommen, um sich vor dem traumatisierenden Weihnachtsfest mit ihrer Familie zu erholen.

Als sie ihre Konferenz Mitte Dezember und das Wochenende danach mit Lara geplant hatte, hatte sie nicht ahnen können, dass sie zum ersten Mal überhaupt das Weihnachtsfest zu Hause verpassen könnte.

Jedes Mal, wenn sie überlegt hatte, nicht zu ihren Eltern zu fahren, hatte sie sich vorgestellt, wie betroffen ihre Mutter sie ansehen würde. Das hatte dann schon gereicht, es nicht zu tun. Immerhin konnte sie jetzt nichts dafür, dass der Fall eintrat.

Alle Jahre wieder Weihnachten zusammen zu feiern, war nach dem Tod ihrer Schwester zur Tortur geworden. Damals war Jess vierzehn gewesen und Charlotte gerade erst elf. Die Ehe ihrer Eltern war mit Charlottes Tod kaputtgegangen. Doch das wollten die beiden sich nicht eingestehen. Seit dem Herbsttag, an dem sie zum ersten Mal eine schwarze Strumpfhose angezogen hatte, lastete die Aussicht auf Weihnachten bleischwer auf Jess’ Schultern, bis sie nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag wieder in ihre eigene Wohnung zurückkehrte. Silvester war immer das Licht am Ende des Tunnels gewesen, das ihr durch die zermürbende Woche davor half. Lara, die sie auf die schicksten Partys oder in die neuesten Restaurants geschleppt hatte, war immer ihre Verbündete gewesen.

Jetzt öffnete Jess die Autotür und fröstelte. Gut, dass sie für den Winter in Yorkshire gerüstet war und einige Wollpullover, eine Thermohose und eine knielange Daunenjacke eingepackt hatte. Gerade in diesem Moment war sie darüber sehr froh. Sie schlüpfte in die neue Jacke und suchte auf ihrem Handy nach den Anweisungen, wie sie ins Haus kommen konnte. Glücklicherweise hatte sie davon sicherheitshalber einen Screenshot gemacht, als sie noch eine Netzverbindung gehabt hatte.

Jemand sollte am Haus sein, um Sie in Empfang zu nehmen. Wenn wider Erwarten niemand dort ist, um Sie willkommen zu heißen, benutzen Sie einfach den Schlüsselsafe …

Jess sah im Umkreis keine weiteren Autos oder Reifenspuren im Schnee, also war sie wohl allein. Sie nahm ihre große Lederreisetasche vom Beifahrersitz des Geländewagens und wagte sich hinaus in die Kälte.

Die Eingangstür des Hauses war imposant. Der Schlüsselsafe lag diskret versteckt hinter einer Säule des Vordachs. Schnell tippte sie den Code ein, während ihre Finger vor Kälte immer gefühlloser wurden.

Die Tür öffnete sich knarrend, und vor ihr tat sich, von einem schweren Brokatvorhang etwas abgeschirmt, eine geräumige Eingangshalle auf, die gleichzeitig als Wohnzimmer genutzt zu werden schien. Mit glänzenden Augen bewunderte Jess die dunkle Holzvertäfelung und das frei liegende Mauerwerk und fühlte sich, als wäre sie in der großen Halle in Hogwarts gelandet.

Eine ausladende, unebene Holztreppe führte an einer Wand entlang nach oben und öffnete sich zu einer Galerie, die die anderen beiden Seiten des Raums überspannte. Üppige Girlanden aus Stechpalmen und Tannengrün, in denen filigrane Lichterketten funkelten, waren um Balustraden und Geländer gewunden, und Unmengen von LED-Kerzen tauchten den Raum in ein warmes Licht.

Feuerholz lag perfekt gestapelt in einem riesigen Kamin, vor dem eine gemütliche Sitzecke stand. In der Mitte des Raums prangte ein prächtiger Weihnachtsbaum, der sicher über fünf Meter hoch war und dessen Spitze zu den Holzsparren des alten Dachstuhls aufragte. Lara hatte dieses Haus total unter Wert verkauft. Vielleicht war sie das Luxusleben als Influencerin einfach schon zu sehr gewohnt.

Auf der Anrichte fand Jess einen großen Ordner mit dem WLAN-Passwort. Sie loggte sich ins Netz ein und wartete, dass ihre Nachrichten sich aktualisierten. Doch es waren noch immer keine Neuigkeiten von Lara dabei. Es ist durchaus noch möglich, dass sie morgen kommt, dachte Jess. Doch als sie ihre Wetter-App aufrief, bekam sie ein ungutes Gefühl. Die Wetterlage war schlimm und sollte stündlich schlechter werden. Aufgrund der Aufregung darüber, dass sie ihr albtraumhaftes Weihnachten mit der Familie verpassen würde, hatte sie gar nicht darüber nachgedacht, dass sie hier ganz allein sein würde, wenn Lara nicht auftauchte. Der Gedanke, dass sie allein in diesem riesigen alten Haus mitten im Moor sein könnte, war ihr unheimlich.

Durch den Flur gelangte sie zu einer Küche mit einem Herd und öffnete neugierig den überdimensional großen Kühlschrank. Darin befanden sich Zutaten für ein komplettes Weihnachtsmenü: ein Truthahn, so groß wie ein Bobby Car, mitsamt allen erdenklichen Beilagen. Die Eigentümer des Hauses hatten definitiv geklotzt und nicht gekleckert.

Sie setzte ihre Entdeckungstour durch das Haus fort, schaute hinter alle Türen und in alle Schränke. Schließlich kam eine Nachricht von Lara.

Sorry, mein Akku war leer. Bin immer noch am Flughafen in Genf. Sie sagen, dass es bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag keine Flüge nach England geben wird. Sei nicht böse auf mich, okay? Frohes Fest?!

Nun war es also klar. Sie saß allein an Weihnachten in einem Haus fest, in dem sich vermutlich seit Jahrhunderten immer mehr Geister tummelten. Sie sah sich um, und auf einmal wirkten das flackernde Kerzenlicht und die dunklen Ecken eher gruselig als charmant.

Ein Blick zum Fenster bestätigte ihr, dass es stark geschneit hatte, während sie das Haus erkundet hatte. Außerdem dämmerte es draußen bereits. Doch jetzt war es zu spät, ihre Entscheidung zu bereuen.

Plötzlich flackerten die Deckenlampen in der Küche, und sie kniff die Augen zusammen. War sie hier etwa am Set eines Horrorfilms gelandet? Und das alles für Laras Instagram-Fotos …

Als kurz darauf das Licht ausging, ertönte ein ohrenbetäubendes Läuten. Bis auf das Licht der LED-Kerzen war es im Raum jetzt komplett dunkel. Bevor Jess überhaupt realisierte, wie sehr sie sich fürchtete, klingelte es wieder.

Mit einem mulmigen Gefühl ging sie zur Haustür und öffnete sie. Eine eisige Schneeböe wehte ihr entgegen, und sie bekam eine Gänsehaut. Schnell stieß sie die Tür wieder zu. Doch im nächsten Moment wurde die Tür wieder aufgestoßen. Voller Panik wich Jess zurück und erblickte einen großen, bärtigen Mann mit Lockenschopf, der vor ihr auf die Fußmatte gefallen war und überall Schnee verteilte.

Bei näherem Hinsehen musste sie allerdings einräumen, dass er ziemlich wehrlos aussah und den Eindruck machte, als wäre ihm sehr kalt, denn der Schnee hatte sich in seinem Haar und seiner Kleidung festgesetzt. Er zitterte am ganzen Körper, und sein Gesicht war bleich.

„Muss … mich … auf…wärmen“, stieß er hervor, während seine Zähne aufeinanderschlugen. Da es heftig schneite und die Temperatur weit unter den Gefrierpunkt gesunken war, wäre es sein Todesurteil, ihn auf der Türschwelle liegen zu lassen. Sie hatte deshalb keine andere Wahl, als ihn hereinzulassen. Für alle Fälle wollte sie jedoch einen Schürhaken griffbereit halten. Er schien sich bewegen zu wollen, kam allerdings nicht weit.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Als er nickte, schob sie ihm die Hände unter die Achseln, um ihn ins Haus zu ziehen.

Irgendwie schaffte sie es, ihn so weit in den Raum zu befördern, dass sie die Tür hinter ihm schließen konnte. Jetzt lag er vor ihr und bebte immer noch vor Kälte. Sie musste also schnell etwas unternehmen, damit er nicht vor ihren Füßen erfror.

Sie überlegte, was sie als Erstes tun sollte, und beschloss, in die Küche zu eilen, um einen Kessel mit Wasser auf eine Platte des glücklicherweise dauerhaft heißen AGA-Herds zu stellen. Dann lief sie in die Eingangshalle und brachte ein Feuer im Kamin in Gang.

Schließlich holte sie einige Decken vom Sofa und kehrte zu dem bärtigen Mann zurück, der gerade erfolglos versuchte, sich die Stiefel auszuziehen. In diesem Moment fiel ihr seine nasse Kleidung ins Auge. Nachdem sie ihn von den Schuhen befreit hatte, stand ihr nun nur noch die Mammutaufgabe bevor, den Mann, der mindestens einen Kopf größer und sicher doppelt so schwer war wie sie, aus seinen nassen Jeans zu bekommen. Keiner von ihnen konnte in solch einer Situation die Würde wahren. Doch ihr blieb keine andere Wahl.

Sie schloss die Augen und tastete unter seiner Jacke nach dem Bund seiner Hose. Sofort schlug er ihre Hand weg und versuchte es dann selbst mit vor Kälte steifen Fingern.

„Es tut mir leid, aber Sie müssen Ihre nasse Kleidung loswerden. Ich bin auch nicht gerade erfreut darüber.“

Mit dem Knie drückte sie seinen Arm auf den Boden und machte sich erneut an seiner Hose zu schaffen – diesmal mit offenen Augen. Erst nachdem sie den Reißverschluss der Jeans geöffnet hatte, wurde ihr bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie ihm die Hose über die Hüften ziehen sollte, wenn er auf dem Boden lag. Doch dann hob er mit großer Anstrengung den Po hoch, sodass sie den nassen Stoff hinunterziehen und abstreifen konnte.

2. KAPITEL

Wärme.

Das war alles, was er brauchte. Und Schlaf. Er war so müde. Wie dumm von ihm, in den Schnee hinauszustapfen, anstatt direkt hierherzukommen. Dumm. Er hätte es besser wissen müssen.

Jetzt aber brauchte er nur Wärme … und Schlaf.

Die Fremde, die die Tür geöffnet hatte, deckte ihn jetzt zu und telefonierte leise. Er versuchte, ihr zu sagen, dass er einfach nur schlafen müsse. Doch es kam nur Unverständliches aus seinem Mund. Lara. Hieß sie nicht so? Jetzt war sie weg. Langsam hatte er wieder Gefühl in den Beinen. Er öffnete ein Auge und sah seine Hose in einer Pfütze aus geschmolzenem Schnee liegen, also machte er es lieber wieder zu und versuchte nicht daran zu denken, wie sie dort hingekommen war.

Ein Feuer brannte im Kamin, aber es war zu weit weg, als dass er die Hitze der Flammen spüren konnte. Er versuchte, sich aufzusetzen, doch sein Körper wollte nicht kooperieren. Daraufhin schloss er die schweren Lider wieder und bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch er fühlte sich wie benommen.

Die fremde Frau kam wieder in die Eingangshalle und sah ihn an. Wieder versuchte er, sich aufzusetzen, doch er hatte dazu nicht genug Kraft. Sie näherte sich ihm vorsichtig wie jemand, der auf einen Grizzlybären zugeht, denn so wirkte er sicherlich nach der Stunde im Wald.

„Hey“, sagte sie und schüttelte ihn leicht, „ich habe mit einer Sanitäterin gesprochen, und sie hat gesagt, dass dieses Haus zurzeit absolut unerreichbar sei.“

„Brauche keinen Krankenwagen.“ Es kostete ihn solche Anstrengung zu sprechen. Noch schwerer fiel ihm aber, dem Drang zu schlafen zu widerstehen.

„Nun, offen gesagt bin ich da anderer Meinung“, konterte sie. „Doch das ist eigentlich auch völlig gleichgültig, denn sie schicken keinen. Sie sagte aber auch, ich soll so gut wie möglich dafür sorgen, dass Sie es warm haben. Also müssen wir Sie näher zum Feuer schaffen, und Sie müssen die hier unter Ihre Achseln stecken“, sagte sie bestimmt und wedelte mit ein paar Wärmekissen.

Dann half sie ihm dabei, sich von den Decken zu befreien. Als ihre Finger seine Haut berührten, fühlten sie sich auf seinem eisigen Körper wie Feuer an. Langsam richtete er sich auf, und sie duckte sich unter seinen Arm, um ihn zu stützen. Gemeinsam schafften sie es irgendwie zum Feuer, wo er sich gegen das große Sofa sinken ließ.

Danach zog sie ihm die Decken bis zum Kinn, setzte ihm sogar noch ihre Wollmütze auf, nahm schließlich ihm gegenüber auf einem Sessel Platz und ließ ihn nicht aus den Augen.

Sie hält mich sicher für einen Mörder. Kein Wunder, dachte er, als ihm bewusst wurde, in was für einer Situation sie gerade steckten. Hatte sie nicht noch jemanden mitbringen wollen? Es schien aber sonst niemand im Haus zu sein.

„Wie heißen Sie?“, fragte sie.

„Rufus“, sagte er und versuchte, das Zittern unter Kontrolle zu halten. Es wäre so schön, wenn er jetzt einfach nur die Augen schließen und eindösen könnte. Jetzt, da er drinnen am Feuer saß!

„Rufus …“, sagte sie, und ihm gefiel, wie sein Name aus ihrem Mund klang. Das ließ ihn etwas munterer werden. „Gibt es irgendeinen Grund, warum Sie auf meiner Türschwelle fast erfroren sind?“

„Meine Türschwelle“, sagte er und stöhnte, weil sie ein Gespräch angefangen hatte und ihn wachhielt. Er verfluchte die Person am Telefon, die ihr eingeredet hatte, dass es ihm nicht gut gehe.

„Wie bitte?“

Sie klang so überrascht, dass er die Augen aufschlug. Sie wusste nicht, dass es sein Haus war?

„Das ist mein Haus. Meine Tür. Meine Türschwelle.“ Er hatte das Gefühl, dass seine Erklärung nicht ausreichte, doch sein Kopf fühlte sich wie in Watte gepackt an. Wenn sie ihn einfach schlafen lassen würde, ginge es ihm sicher bald besser.

„Sie sind der Eigentümer dieses Hauses? Oh, wie gut! Ich bin froh, dass wir jetzt klargestellt haben, in wessen Haus wir uns gerade befinden.“ Sie sah ihn einen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen an. Wünschte sie sich etwa, sie hätte ihn doch draußen im Schnee liegen lassen sollen?

„Ich hatte nicht vor zu sterben“, versuchte er ihr klarzumachen.

Sie zuckte die Schultern. „Und ich hatte nicht vor, einen Fremden ins Haus zu zerren und ihm die Hose auszuziehen.“

Er stöhnte. Daran musste sie ihn nun wirklich nicht erinnern.

„Was für eine Schande, dass ich diejenige war, die ihre Pläne umwerfen musste.“

Er runzelte die Stirn, und trotz ihrer Frustration konnte er die Andeutung eines Lächelns auf ihren Zügen erkennen. Es umspielte ihre Mundwinkel, und er bemerkte, dass ihre Unterlippe etwas voller war als ihre Oberlippe.

„Ich hätte Sie nicht dazu zwingen sollen“, sagte er und hoffte, dass er trotz des Zitterns aufrichtig genug klang. „Tut mir leid.“ Dann lehnte er sich zurück, ließ die Lider zufallen und versuchte, seine Arme von den Decken freizubekommen. Sie will mich sicher dringend loswerden, dachte er. Wie auch immer ihre Pläne für das Wochenende in diesem Haus ausgesehen hatten, er war sicherlich nicht darin vorgekommen.

Doch es schneite immer noch heftig, und das würde laut der Wettervorhersage auch noch einige Tage so bleiben. Er fragte sich, ob ihr schon aufgegangen war, dass sie den ganzen Schneesturm über hier zusammen feststecken würden.

„Wollen Sie mir nicht erzählen, was vorgefallen ist?“, fragte sie und traf damit bei ihm einen Nerv.

„Ich war im Wald. Ist kalt geworden“, sagte Rufus und versuchte, mit den Schultern zu zucken, doch die vielen Decken hinderten ihn daran. „Wegen des Schnees.“

„Wow, Sie sind so mitteilsam. Wenn es so etwas wie ein Staatsgeheimnis ist …“

„Ich wollte kommen, um das Haus aufschließen“, sagte er. „Mir ist ein Reh vor das Auto gelaufen. Es ist weggerannt, und ich habe versucht, es zu finden – wollte nicht, dass es langsam stirbt. Doch es hat so stark geschneit. Als ich merkte, dass ich in Schwierigkeiten komme, war ich schon näher am Haus als am Auto.“

Sie betrachtete ihn einen Augenblick lang. „Was hatten Sie mit dem Reh vor?“, wollte sie beunruhigt wissen.

Unwillkürlich fragte er sich, was sie in ihm sehen mochte, weil sie ihm eine solche Frage stellte. „Sind Sie vom Tierschutzbund?“

„Ich bin die Frau, die einen wildfremden Typen auf ihrer Türschwelle gefunden und nicht die Polizei gerufen hat. Noch nicht. Was hatten Sie mit dem Tier vor?“

„Meine Türschwelle. Ich hatte vor, den Tierarzt anzurufen. Darüber hinaus hatte ich keine konkreten Pläne. Was hatten Sie mit mir vor?“

Sie verzog den Mund, und plötzlich spürte er eine Hitzewelle durch seinen Körper jagen, und sie stammte nicht vom Feuer. Der Gedanke, dass er sie zum Lächeln bringen konnte, wärmte ihm das Herz, obwohl er seiner nicht Herr war. Ihre braunen Augen funkelten. Dann zog sie kurz die Augenbrauen hoch und warf ihm einen betont lässigen Blick zu.

„Sie mit einem Schürhaken von Ihrem Elend erlösen und Sie dann in den Gefrierschrank tun.“

Er schloss die Augen und konnte sich nur schwer ein Lächeln verkneifen. „Klingt fair.“

3. KAPITEL

Meine Güte, sein Lächeln. Man konnte es fast nicht als solches bezeichnen. Kaum merklich zeichneten sich Grübchen auf seinen Wangen ab, und die feinen Fältchen um seine Augen vertieften sich, bevor ihm die Augen wieder zufielen. Und doch … deutete es darauf hin, dass es da einen weichen Kern hinter seiner ruppigen Fassade gab. Faszinierend!

Sie stupste ihn sanft in die Rippen. „Ich soll dafür sorgen, dass Sie wach bleiben.“

„Das bin ich doch“, protestierte er wenig überzeugend.

„Normalerweise hat man dabei die Augen offen. Sie müssen sich unbedingt aufwärmen.“

Er sah zum Feuer hinüber.

„Mir ist warm.“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie sind um fünf Uhr nachmittags müde. Sie werden wach bleiben, bis ich sage, dass Sie schlafen können.“

„Sind Sie immer so herrisch?“, fragte er, woraufhin sie erzürnt die Lippen zusammenpresste und den Kopf leicht zur Seite neigt.

„Ich bin nicht herrisch. Ich hätte Sie draußen im Schnee liegen lassen sollen. Was ist nun, bleiben Sie nun wach, oder muss ich härtere Maßnahmen ergreifen?“ Dieses Mal öffnete er beide Augen einen Spalt, und er wirkte wie ein schlecht gelaunter Kater, der überlegte, ob sie seine Aufmerksamkeit wert sei.

„Mehr … Details … bitte.“

Sein Tonfall machte sie stutzig, und auf einmal hatte sie das Gefühl, als hätte jemand die Heizung aufgedreht. Hitze stieg ihr in die Wangen, und sie weigerte sich zu glauben, dass dieser mürrische Grizzlybär und die Art und Weise, wie er die drei Worte zwischen den Zähnen hervorgestoßen hatte, etwas damit zu tun hatte.

„Ich hatte gedacht, ich könnte Ihnen etwas vorsingen“, sagte sie zuckersüß, woraufhin er entgeistert die Augen aufmachte. „Ich meine, das klingt sicher schrecklich, aber ein paar Weihnachtslieder sollte ich schon hinbekommen“, fuhr sie fort. „Dann kommt hier drinnen richtig Weihnachtsstimmung auf.“ Sie knuffte ihn in die Rippen.

Er versuchte, sich etwas aufrechter hinzusetzen, und sah plötzlich deutlich Furcht einflößender als kurz zuvor aus.

„Keine Weihnachtslieder. Keine verdammte Weihnachtsstimmung. Ich flehe Sie an.“

„Willkommen zurück, Sie Weihnachtsmuffel“, sagte sie lächelnd. Das war ziemlich leicht gewesen. Dass dieser Mann sie anflehte, gefiel ihr. Sie spürte es tief in ihrem Innern, wo sich eine Hitze ausbreitete, die sie nicht mehr ignorieren konnte.

„Wenn das Ihr Haus ist“, fragte sie in dem Versuch, das Thema zu wechseln, „und Sie aussehen wie ein verängstigtes Kind kurz vor seinem ersten Krippenspiel, wie ist es dann hier drinnen so hübsch geworden?“

Er murmelte etwas vor sich hin und zuckte die Schultern. „Das ist es doch, was Leute wie Sie wollen. Für Ihre Instagram-Feeds.“ Oh, er dachte also tatsächlich, sie wäre Lara. Das hatte sie sich schon gefragt. Es gefiel ihr, diesen kleinen Wissensvorsprung zu haben, also würde sie die Wahrheit vorerst für sich behalten. „Was meinen Sie denn mit Leuten wie ich?“

Er verdrehte die Augen. „Influencer. Leute aus dem Süden. Stadtmenschen. Sie wollen Mistelzweige und Duftkerzen. Perfekte Fotos, Tiefgang optional.“

„Aha…“, antwortete sie und beschloss, ihn noch nicht aufzuklären, nicht wenn es so viel mehr Spaß machte, ihn an der Nase herumzuführen.

„Und Sie lassen diese Influencer-Stadtmenschen aus dem Süden aus reiner Herzensgüte in Ihrem Haus wohnen. Weil Sie so ein Wohltäter sind.“

Ein Schatten huschte über sein Gesicht, und obwohl sie sich freute, dass sie ins Schwarze getroffen hatte, bereute sie auch schon, dass sie dafür verantwortlich war.

„Ich brauche die Werbung“, sagte er schlicht. „Das Anwesen ist in Schwierigkeiten, und ich versuche, den Laden wieder zum Laufen zu bringen. Ohne die sozialen Netzwerke geht das nicht.“

Sie nickte und beschloss angesichts seines unzufriedenen Gesichtsausdrucks nicht weiter zu sticheln.

„Es ist echt schön dekoriert“, sagte sie und schlug einen lockeren Tonfall an.

Er sah sich um und ließ den Blick vom Weihnachtsbaum zu den Girlanden aus Stechpalmen auf dem Kaminsims und den unzähligen LED-Kerzen, die auf Tischen und Fensterbänken flackerten, schweifen.

„Ich kann dafür nicht die ganzen Lorbeeren ernten. Ich habe nur kopiert, was meine Mum immer gemacht hat, als wir noch hier gewohnt haben. Dieses Jahr hat sie im neuen Haus alles dekoriert, sie ist eine richtige Weihnachtsfrau“, sagte er, und dann fielen ihm wieder die Lider zu.

Sie zielte mit dem Fuß auf seine breite Brust und stieß zu.

„Augen auf. Schlafen können Sie, wenn Sie tot sind.“

Er stöhnte. „Ich habe bis zwei Uhr heute Nacht gearbeitet, brauche nur ein kurzes …“

„Nein.“ Und doch besänftigte sein Geständnis sie ein bisschen. Es erklärte, warum er so müde war, und rückte ihn in ein besseres Licht.

„Wie lange muss ich wach bleiben?“, fragte er und rutschte etwas am Sofa hoch, um aufrechter sitzen zu können.

„Nun ja“, sagte sie ertappt, „das hat mir niemand gesagt.“

„Sie haben nicht nachgefragt?“ Rufus warf ihr einen vernichtenden Blick zu, für den sie ihm normalerweise die Hölle heißgemacht hätte, doch in seinem aktuellen Zustand wollte sie ihm das noch einmal durchgehen lassen.

„Ich war zu beschäftigt damit, Sie nicht sterben zu lassen. Vielleicht hätte ich nicht so gewissenhaft sein sollen. Ich vermute, Sie müssen wach bleiben, bis Sie sich nicht mehr so schläfrig fühlen.“

Er stöhnte erneut, erwiderte jedoch nichts.

Nachdem sie einige Minuten geschwiegen hatten, stand sie auf und stocherte mit dem Schürhaken im Feuer herum. Dann ließ sie sich auf das Sofa sinken, ihn immer noch nicht aus den Augen lassend.

„Was haben Sie jetzt vor? Sollten Sie nicht Aufnahmen von irgendetwas machen?“

Ohne nachzudenken, holte sie ihr Handy heraus und schoss ein Foto von ihm in seinem Decken-Kokon mit der Bommelmütze auf dem Kopf.

„Meine Follower lieben authentische Beiträge. Normalerweise bin ich es, die ihre verletzliche Seite zeigt, aber es ist toll, dass Sie auch mitmachen wollen.“

„Wenn Sie das veröffentlichen, werfe ich Sie unverzüglich aus dem Haus“, fuhr er sie an.

„Ha, das würde ich gern sehen. Vor einer halben Stunde konnten Sie kaum stehen. Ich glaube nicht, dass Sie es mit mir aufnehmen können.“

Er kniff die Augen zusammen, und auf einmal wurde sein Blick ernst, als würde ihm zum ersten Mal dämmern, dass sie beide hier festsaßen.

„Sie wissen, dass es ein Scherz war, oder? Sie sind absolut in Sicherheit hier. Ich gebe Ihnen mein Wort.“

Sie betrachtete seine Gesichtszüge und bemerkte, wie sein Körper sich anspannte, während er sprach. Dass er sich aufrichtig Sorgen um sie machte, ließ sie ein klein wenig dahinschmelzen.

„Das ist ein ziemlich mieses altes Handy“, meinte er schließlich.

Sie schaute auf das unscharfe Bild von ihm vor dem Feuer. Ihr Handy war mit dem schlechten Licht nicht klargekommen, und der Akku war fast leer, obwohl sie das Telefon auf der Fahrt hierher im Auto geladen hatte. Und jetzt war auch noch der Strom ausgefallen.

„Hm, was das betrifft …“, begann sie und bemerkte, dass er die Stirn runzelte. Sie zupfte an ihrem Pony herum und strich sich eine verirrte längere Haarsträhne hinter das Ohr.

„Hat Lara zufällig erwähnt, dass sie dieses Wochenende noch jemanden mitbringt?“

Plötzlich sah er besorgt aus, und Jess zog die Beine an, griff sich eines der Sofakissen und rutschte auf der Couch etwas tiefer.

„Heißt das, Sie sind nicht Lara?“

Sie lächelte leicht und zuckte die Schultern. „Ich bin Jess.“

„Ich bin davon ausgegangen, dass Laras Besucher männlich ist. Nicht …“

„Ich?“

„Ja. Wie dumm von mir, das anzunehmen.“

„Wir sind keine enge Freundinnen und haben uns schon länger nicht gesehen und wollten …“ Sie verstummte, unsicher, warum sie Rufus das überhaupt erklären wollte. „Ich weiß nur, wie viel Lara für so etwas“, sie machte eine ausladende Geste, „verlangt, und jetzt ist sie nicht hier, und stattdessen stecken Sie hier mit mir und meinem uralten Handy fest. Das tut mir leid.“

Er schien nur langsam zu realisieren, was das für ihn in Wirklichkeit bedeutete. Sie war nicht Lara, und weil diese nicht kommen würde, bekam sein Unternehmen nicht die Publicity, die es so dringend brauchte. Sein Gesichtsausdruck drückte aus, dass dies nichts Gutes bedeutete. Sie rutschte zu ihm hinüber, um ihn von einer der Decken zu befreien, die ihn in seiner Bewegungsfreiheit hemmte.

„Ist alles in Ordnung?“

„Ja“, erwiderte er gereizt und sah sie dann entschuldigend an. „Ist schon in Ordnung, wird schon wieder. Ich muss nur nachdenken.“

„Ich schreibe Lara“, erklärte Jess und versuchte, die Sache zu überdenken. „Ich bin mir sicher, dass wir irgendetwas tun können. Selbst mit diesem alten Knochen von Handy.“

„Mein Handy verfügt über eine solide Kamera“, sagte Rufus. „Ich verwende sie für die Marketingfotos auf der Webseite.“

„Dann bin ich mir sicher, dass wir etwas aus der Situation machen können. Doch Lara ist die Expertin. Sie sitzt schon seit fast vierundzwanzig Stunden am Flughafen fest, und ich kann Ihnen garantieren, dass sie jede einzelne Stunde davon damit verbracht hat, einen Plan B zu entwickeln. Wir brauchen nur Strom, damit das WLAN wieder funktioniert.“

„Darum hätte ich mich schon vor einiger Zeit gekümmert, wenn Sie mich hier nicht mit den Decken bewegungsunfähig gemacht hätten.“

„Wir haben reichlich Zeit. Es ist ja nicht so, als hätten wir viele andere Möglichkeiten, als hier zu sitzen. Sie zittern auch nicht mehr“, stellte sie fest und bemerkte, dass sein Gesicht wieder etwas Farbe angenommen hatte und seine Wangen sogar etwas rosig geworden waren.

„Das Feuer hilft“, erwiderte er einsilbig, und Jess sah ihm an, dass er immer noch damit haderte, dass sie nicht Lara war. Also überließ sie ihn seinen Gedanken.

„Wir sollten mehr Feuer anzünden“, sagte er schließlich. „Hier wird hauptsächlich mit Nachtspeicheröfen geheizt. Wenn der Strom aber weiterhin ausbleibt, wird es hier sehr kalt werden. Und selbst wenn die Heizung funktioniert, reicht die Wärme, die sie abgibt, nicht, um die Räume wohnlich zu machen. In dieser Nacht werden Sie ein Feuer in Ihrem Schlafzimmer brauchen.“

Während er das sagte, wurde ihr plötzlich klar, dass sie noch gar nicht über die Schlafsituation nachgedacht hatte. Doch in einem so großen Haus brauchte sie sich wohl keine Gedanken um genügend Schlafplätze für sie beide zu machen.

„Es gibt im Arbeitszimmer ein Liegesofa“, sagte er. Offenbar hatte er geahnt, was ihr gerade im Kopf herumging. „Das restliche Haus steht Ihnen zur freien Verfügung. Ich weiß, dass Sie nicht Lara sind, aber wir hatten eine Abmachung, und die werde ich einhalten.“

„Danke“, sagte sie. Dann aber runzelte sie die Stirn. „Trotzdem sollten Sie nicht das Gefühl haben, dass Sie in Ihrem Arbeitszimmer bleiben müssen. Das Haus ist riesig und bietet genug Platz für uns beide.“

Er befreite sich von den Decken und stand auf. „Es ist schon in Ordnung. Wir werden schon noch herausfinden, wie wir miteinander klarkommen, schätze ich.“

Miteinander klarkommen. Wie charmant!

Sie folgte ihm die Treppe hoch, und mit jedem Schritt spürten sie, wie die Wärme des Feuers nachließ.

Vor einer großen Eichentür in der Mitte der Galerie blieb Rufus schließlich stehen und legte die Hand auf den Türknauf.

„Ich sollte das vermutlich erklären …“, begann er, bevor er die Tür öffnete. „Als Lara sagte, sie würde jemanden mitbringen, dachte ich, es sei ihr Partner … oder ihre Partnerin … und na ja. Sie werden es schon sehen.“

Dann öffnete er die Tür, und Jess rang nach Atem.

In dem Schlafzimmer befanden sich noch mehr Lichter als in der Eingangshalle. Ketten mit winzigen Lämpchen wanden sich um die vier Pfosten des Himmelbetts bis hoch zum Baldachin. Ausladende Blumensträuße zierten beide Nachttische, und Rosenblütenblätter waren großzügig über den traditionellen Quilt auf dem Bett gestreut worden. Das Ganze war unfassbar romantisch und machte sie ziemlich sprachlos.

Wie unangenehm, dachte sie unwillkürlich, hier mit einem Fremden zu stehen, und sprach dann den erstbesten Gedanken aus, der ihr in den Kopf kam, um die Stille zu brechen. „Hat Ihre Mutter das auch so gemacht?“, fragte Jess und spürte, wie ihr sofort die Röte in die Wangen stieg. Sie stand in einem romantisch hergerichteten Schlafzimmer, und ihr erster Gedanke galt seiner Mutter? Was war denn los mit ihr?

Auch er war rot geworden, was ihr signalisierte, dass er ihren Kommentar auch unfassbar peinlich gefunden hatte. „Nein, das habe alles ich gemacht“, beeilte er sich zu sagen.

Mit brennenden Wangen wandte sie sich dem Kamin zu, um Rufus nicht ansehen zu müssen. Sie zog die Streichholzschachtel, die sie von unten mitgenommen hatte, aus der Tasche und ging in die Hocke. Das zusammengeknüllte Zeitungspapier in der Feuerstelle fing schnell Feuer, und Jess beobachtete, wie helle Flammen am Kleinholz entlangzüngelten und dann auf die sorgsam geschichteten Holzscheite übergriffen.

Plötzlich gingen flackernd die Lampen wieder an, und Jess war einerseits erleichtert, dass die Atmosphäre etwas weniger romantisch geworden war, befürchtete aber gleichzeitig, dass Rufus sehen könnte, wie rot ihr Gesicht immer noch war.

„Sie haben alles so schön hergerichtet, und wenn Lara hier wäre, würde sie hier wie verrückt fotografieren. Fassen Sie besser nichts an, ja? Sie sagten doch, Sie haben eine gute Kamera, oder? Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um sie zu holen. Und …“, sie sah an ihm hinunter und spürte, dass sie wieder errötete, „wie wäre es, wenn Sie sich eine Hose anziehen würden? Haben Sie eine, die Sie tragen könnten, bis die Jeans trocken sind?“

„Ich werde schon etwas finden“, sagte er, „und ich bringe auch die Kamera mit.“

„Gut. Ich werde inzwischen Lara anrufen, jetzt, da der Strom wieder da ist.“

Nachdem er den Raum verlassen hatte, atmete Jess erleichtert aus und holte ihr Handy hervor.

„Jess!“, rief Lara, als sie den Anruf entgegennahm. „Hasst du mich? Geht’s dir gut? Du hast mir nicht geantwortet!“

Jess lachte. Nur zu gut kannte sie Laras Angewohnheit, immer völlig überzureagieren.

„Mir geht’s gut, und ich hasse dich nicht. Ich weiß, du wärst hier, wenn du es könntest.“

„Definitiv. Stattdessen befinde ich mich in einem schäbigen Hotel, und mein Zimmer hat nicht einmal eine kostenlose Minibar, und ich werde hier bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag festsitzen. Hast du es bis nach Upton Manor geschafft? Ist es in Ordnung, dass du dort ganz allein bist?“

„Na ja, eigentlich bin ich gar nicht … allein.“

„Was soll das denn heißen?“

„Das heißt … na ja, du hast doch bestimmt mit Rufus, dem Eigentümer, gesprochen, oder? Er ist irgendwie im Schnee stecken geblieben und hier halb erfroren aufgetaucht, und jetzt … na ja, sitzen wir hier beide irgendwie fest.“

„Okay.“ Das schockierte Schweigen am anderen Ende der Leitung war so uncharakteristisch für Lara, dass Jess das Bedürfnis hatte, die Stille zu brechen.

„Und er hat keine Hose an.“

Genau in dem Moment – wie konnte es anders sein? – kam Rufus ins Zimmer zurück. Er trug nun eine Jogginghose und einen dicken Wollpullover. Bei näherem Hinsehen bemerkte sie, dass er mehrere übereinander angezogen hatte.

„Ah, ich sehe gerade, dass diese Information nicht mehr der Wahrheit entspricht“, fuhr sie fort und spürte, dass ihr die Wangen schon wieder brannten. „Wie dem auch sei, du hast das alles mit Rufus ausgemacht, also wäre es wohl gut, wenn ihr auch gemeinsam entscheidet, was wir jetzt tun sollen.“

Sie sah Rufus an und reichte ihm das Handy. Er zog nur eine Augenbraue hoch und meldete sich dann so, als würde sich die Frau ihm gegenüber nicht gerade darüber ausgelassen haben, wie wenig er anhabe. „Hi, Lara.“

Das Gespräch verlief sehr einsilbig.

„Ich glaube, das bekommen wir hin“, sagte Rufus schließlich und gab Jess das Handy zurück. Sie blickte daraufhin auf das Display und sah, dass Lara das Gespräch bereits beendet hatte.

„Verraten Sie mir, worum es ging?“, fragte Jess.

„Lara hat gesagt, wir sollen unbedingt Fotos machen. Sie erstattet mir ihre Gebühr, sie meinte aber, sie würde gern alles teilen, was wir ihr schicken können, und ich kann die Werbung wirklich gut gebrauchen. Sie hat vorgeschlagen, wir sollten das Beste daraus machen, dass Sie hier sind. Anscheinend mögen ihre Follower es, wenn Sie ab und zu in ihrem Feed auftauchen. Besser fürs Geschäft wäre natürlich, wenn Lara hier wäre, aber es ist besser, als nichts zu tun. Ist das in Ordnung für Sie? Die Fotos, meine ich.“

Wenn deine beste Freundin eine Instagram-Berühmtheit ist, lernst du ziemlich schnell, dich daran zu gewöhnen, dass sie Fotos von dir macht, dachte Jess.

„Wenn Lara denkt, dass das Ganze so funktioniert, stellt sich nur noch die Frage, ob es dann für Sie okay ist.“

Rufus rieb sich die Stirn. „Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Am Schnee lässt sich nichts ändern, also müssen wir einfach das Beste daraus machen.“ Er zuckte die Schultern. „Ich habe übrigens mein Handy gefunden“, wechselte er das Thema. „Es war in meiner Jackentasche. Nun können wir die Bilder einfach auf Laras Cloud hochladen, sodass sie diese dann auf Instagram teilen kann. Lara meinte, wir sollten viele Fotos von diesem Zimmer machen, bevor Sie Ihre Sachen auspacken. Anscheinend machen Sie ziemlich viel Unordnung.“

„Also, das ist ja wohl …!“ Eigentlich wahr. Aber trotzdem nicht fair von Lara, das einem Fremden zu erzählen. Dann machte sie mit Rufus’ Handy ein paar Schnappschüsse von seinem Bett.

„Ich habe übrigens eine Hose gefunden“, sagte Rufus plötzlich hinter ihr.

Sie sah ihn überrascht an. „Das ist mir bereits aufgefallen“, antwortete sie, unsicher, was sie sonst dazu sagen sollte.

„Sie hatten Lara erzählt, ich hätte keine an. Ich habe sie bei den Sachen, die wir im Dachboden eingelagert haben, gefunden.“

„Das freut mich.“ War er plötzlich der Gesprächigere von ihnen?

Es fiel ihr auf einmal schwer, in dem Moment, da er ihre Aufmerksamkeit auf die Hose gelenkt hatte, etwas zu sagen. Oder zu denken. Oder zu atmen. Sie fragte sich, ob es ihm bewusst war, dass der weiche Jerseystoff rein gar nichts der Fantasie überließ. Sie konnte jedenfalls absolut alles erahnen. Schnell wandte sie sich ab, schloss die Augen und atmete einige Male tief durch. Sie musste unbedingt an etwas anderes denken, um von diesem Anblick nicht angeturnt zu sein. Sie kniff die Augen zusammen und dachte krampfhaft nach.

„Meine Mutter!“, rief sie plötzlich erleichtert über den Einfall „Ich muss unbedingt meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass ich Weihnachten nicht zu Hause verbringen kann. Sie wird am Boden zerstört sein.“

„Ihre Miene verrät mir, dass Sie es aber keineswegs bedauern, oder?“

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben es erraten.“

Ein Glück, sie war wieder Herr der Lage. Wenn sie zu schnippischen Kommentaren in der Lage war, hatte sie alles wieder im Griff. Rufus hatte sich etwas zur Seite gedreht, sodass die Konturen seines Schritts nicht so ausgeprägt waren.

„Sie verbringen Weihnachten also nicht gern bei Ihren Eltern, oder?“, stellte er fest.

„Es ist dort zu kompliziert“, erwiderte sie bei dem Gedanken, wie traurig und still es die nächsten Tage bei ihren Eltern sein würde.

„Ich lasse Sie jetzt mal allein“, sagte er und ging zur Tür. „Rufen Sie einfach, wenn Sie etwas brauchen.“

Jess’ Gesichtsausdruck nach zu urteilen, würde es ein schmerzhaftes Gespräch mit ihren Eltern werden. Rufus beschloss deshalb, sich später nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen.

Soweit man etwas auf die Wettervorhersage geben konnte, würde es Tage dauern, bis sie hier wieder wegkommen würden. Selbst das Haus seiner Eltern, das nur wenige Meilen entfernt lag, war zurzeit unerreichbar. Das hatte er zur Genüge erfahren, indem er wie ein Vollidiot durch den Wald geirrt war und fast mit dem Leben dafür bezahlt hatte.

Apropos Elternhaus, wenn sein Platz am Tisch seiner Eltern an Weihnachten auch leer sein würde, sollte er sie das wohl auch wissen lassen. In dem Moment klingelte sein Handy. Seine Mutter schien ein übernatürliches Gespür dafür zu haben, dass er gerade an sie gedacht hatte. Er nahm den Videoanruf entgegen und rang sich ein Lächeln ab.

„Rufus, Darling, was hast du denn da auf dem Kopf?“ Erst da bemerkte er, dass er noch immer Jess’ Mütze mit dem Bommel trug.

„Ist bei euch alles in Ordnung, Mum?“, fragte er und zog sich die Mütze vom Kopf.

„Bist du in Upton? Ich habe vorhin schon angerufen, aber du hast dich nicht gemeldet, sodass ich mir schon Sorgen gemacht habe!“

„Ja, ich bin hier. Es ist eine lange Geschichte, denn das Auto hat es nicht hierher geschafft. Außerdem habe ich ein Reh angefahren.“

„Oje!“

„Mir geht’s aber gut, es ist nichts passiert. Du kannst dich also entspannen. Aber ich musste den Rest des Wegs zum Haus laufen.“ Er verschwieg ihr, dass er sich verirrt hatte und fast erfroren wäre.

„Funktioniert der Strom da oben?“

„Mal ja, mal nein. Jetzt gerade mal wieder.“

„Das ist gut. Ich kann allerdings nicht glauben, dass du da ganz …“

„Mum?“, fragte er, als sie plötzlich schwieg.

„Ich wollte allein sagen, aber dann kam deine Freundin ins Bild.“

Er schaute über seine Schulter und sah Jess im Türrahmen stehen und bemerkte dann, dass seine Mutter die Stirn runzelte.

„Oh ja, Mum, das ist Jess. Sie ist einer der Gäste, die das Haus für das Wochenende gebucht hatten.“

Seine Mutter lächelte wissend, was ihn immens nervte.

„Was für ein Glück, Jess, Darling, dass Sie nicht im Schnee stecken geblieben sind. Sie sind allein hergekommen, oder?“

Er sah auf dem Bildschirm, dass Jess näher kam, und wünschte sich, der Boden würde sich auftun und ihn verschlingen. Oder seine Mum. Natürlich würde sie diese Sache mit Jess noch weiter ausschmücken, als sie es sowieso schon war. Sie liebte solche Dinge.

„Ja, meine Freundin Lara hätte auch hier sein sollen, aber ihr Flug ist ausgefallen“, mischte sich nun Jess in das Gespräch ein.

„Also steckt ihr beide da jetzt zusammen fest. Wie … unglücklich!“

Wenn sie nicht so wissend lächeln würde, hätte man ihr fast abnehmen können, dass sie das ernst meinte.

„Ich rufe dich später noch mal an“, riss Rufus das Gespräch wieder an sich. „Schauen wir mal, was das Wetter macht, bevor wir uns zu viele Sorgen um Weihnachten machen.“

„Ach nein. Ich erwarte dich nicht bis nächstes Jahr. Also passt schön aufeinander auf, ja?“

Nachdem Rufus’ Mutter den Anruf beendet hatte, steckte er sein Handy wieder ein.

„Das ist ja ganz gut gelaufen“, stellte Jess fest, woraufhin er sich unangenehm berührt zu ihr umdrehte.

Die Flammen des Feuers, das er im Arbeitszimmer entzündet hatte, ließ Jess, dunkelbraunes Haar golden schimmern. Dass sie schlank war, konnte er trotz der vielen Sachen, die sie übereinander angezogen hatte, sehen. Er vermutete sogar, dass sie in seinen Armen, wenn er sie einfach an sich ziehen würde, fast verschwinden würde. Was er definitiv nicht tun würde. Er riss sich zusammen.

„Ja, Mum ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen“, erklärte er und dachte dabei, dass ihr unerschütterlicher Optimismus maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass sie das letzte Jahr so gut überstanden hatten. „Wie ist Ihr Anruf zu Hause verlaufen?“

„Nicht so gut.“

Ihre Miene sagte alles, und er widerstand dem Drang, ihr den Arm um die Schultern zu legen.

„Sie werden sicher schmerzlich vermisst, oder?“

„Ich … ja … Als ich ein Teenager war, ist meine Schwester Charlotte gestorben“, sagte sie und schien selbst überrascht von ihrer Offenheit zu sein. „Die Adventszeit ist für uns immer eine schwere Zeit, und mein Fortbleiben macht es noch schlimmer.“

„Das mit Ihrer Schwester tut mir sehr leid.“

„Danke. Es ist schon lange her. Aber Weihnachten ist nie leichter geworden.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Das konnte er tatsächlich. Es war fast unheimlich, wie ähnlich die Situation seiner Familie gewesen war, als sie alle nach dem Herzinfarkt seines Vaters an seinem Krankenbett gegessen hatten. Damals hatte er sich gefragt, wie seine Familie mit dem riesigen Verlust klarkommen sollte, wenn sein Vater sich nicht wieder erholte.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz hatte sein Vater es geschafft. Doch anstatt ihn zu verlieren, hatten sie ihr Zuhause verloren. Um Upton Manor einem größeren Publikum zugänglich zu machen, hatte er das gesamte Marketingbudget auf eine Karte – Lara – gesetzt, und dann hatte der Schnee alles vermasselt. Jetzt waren Fotos mit Jess die einzige Möglichkeit, noch Publicity für das Haus zu bekommen.

Er betrachtete sie jetzt etwas genauer und versuchte sich das Wenige ins Gedächtnis zu rufen, was er über Fotografie wusste. Das Licht in diesem Moment war schön. Er musste nur die richtige Einstellung auf seinem Handy finden, um es einzufangen. Doch die Bildkomposition war noch nicht stimmig.

„Wären Sie so gut, sich dorthin zu setzen?“, fragte er und deutete mit dem Handy auf den Ohrensessel am Feuer.

„Ich?“

„Na, von mir will ja wohl niemand Fotos sehen.“

Sie runzelte die Stirn, setzte sich aber auf den Sessel und wickelte sich die Decke, die darauf gelegen hatte, um die Schultern.

Er betrachtete sie und versuchte sich vorzustellen, dass dieses Bild beim Scrollen auf Instagram auftauchte. Es fehlte noch etwas. Er zog ein Buch mit Ledereinband aus dem Regal hinter seinem Schreibtisch und gab es ihr.

„Noch einen Augenblick“, erklärte er und verschwand in die Küche.

Kurz darauf trug er eine Tasse mit heißer Schokolade und Sahne die Treppe hinauf. Im Türrahmen hielt er inne und betrachtete Jess, die sich in den Sessel gekuschelt hatte und in das Buch vertieft war.

Sie musste sein Erscheinen bemerkt haben, denn sie blickte auf.

„Das sieht großartig aus“, sagte sie.

„Hier.“ Er reichte ihr die Tasse, und als sie diese strahlend entgegennahm, schoss er schnell ein Bild von ihr.

„Noch nicht trinken“, sagte er dann und machte ein paar Probefotos mit verschiedenen Einstellungen, um das Beste aus dem Licht der Kerzen, der Wandlampen und des Kaminfeuers zu machen.

„Okay“, sagte er dann, als er zufrieden war. Er machte noch mehrere Fotos, während Jess den ersten Schluck trank, die Hände um die Tasse gelegt und die Augen genießerisch geschlossen. Ein bisschen Sahne blieb an ihrer Oberlippe hängen, und Rufus konnte den Blick davon nicht abwenden, als sie die Zunge darüber gleiten ließ.

Er starrte sie geradezu an. Jeden Moment würde sie aufblicken und ihn dabei erwischen. Schnell schüttelte er den Kopf und riss sich von dem Anblick los. „Die Fotos werden gerade mit Laras Cloud synchronisiert. Lassen Sie es mich wissen, wenn sie etwas dazu schreibt.“

„Diese heiße Schokolade ist wirklich köstlich“, stellte sie fest, nachdem sie noch einen großen Schluck genommen hatte. „Haben Sie sich auch eine gemacht? Das sollten Sie tun. Sie müssen sich immer noch aufwärmen.“

„Mir geht es gut.“ Das schläfrige Gefühl war verschwunden, und seine Arme und Beine fühlten sich nicht mehr so schwer wie noch vor ein paar Minuten an. In diesem Moment wurde ihm auch klar, dass er ihr sein Leben verdankte. Dabei hatte er sich noch nicht einmal bei ihr bedankt, ganz im Gegenteil, bisher hatte er sich nur beschwert und war unfreundlich zu ihr gewesen.

„Ich … Danke“, sagte er unsicher.

Sie sah verblüfft auf und verschüttete dabei etwas heiße Schokolade auf die Untertasse. „Wofür?“

„Dafür, dass Sie mich ins Haus gezogen und versorgt haben. Und … mir das Leben gerettet haben.“

„Ach, na ja. Es wäre schon ziemlich unangenehm gewesen, wenn Sie mir hier weggestorben wären.“

„Meine Erinnerung daran ist nicht die beste, aber ich habe das Gefühl, ich war kein einfacher Patient.“

Sie musste laut lachen.

„Sie waren ein absoluter Plagegeist. Es hat nicht viel gefehlt, und ich hätte Sie wieder vor die Tür gesetzt.“

„Wie gesagt … Danke.“

„Nun, ich denke, ich sollte mich bei Ihnen auch bedanken“, sagte Jess, „wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nur Laras Begleitung war und Sie mich jetzt trotzdem am Hals haben. Ich bin mir nicht sicher, was ich gemacht hätte, wenn ich hier allein gewesen wäre.“

„Sie haben also beschlossen, dass ich kein Serienmörder bin?“

„Ich glaube, Sie hätten zu viel Angst vor dem, was Ihre Mum dazu sagen würde.“

„Da haben Sie nicht ganz unrecht. Sie mag Sie offensichtlich.“

Jess runzelte die Stirn. „Sie hat doch kaum mit mir geredet.“

Er zuckte die Schultern. „Es ist aber so. Das habe ich gleich gemerkt.“

„Es tut mir leid, dass Sie nun Weihnachten zu Hause verpassen. Wer feiert noch mit Ihrer Familie?“

„Außer Mum und Dad mein Bruder und meine Schwester. Vielleicht noch ein älterer Nachbar oder ein Obdachloser. Meine Familie findet immer noch jemanden, den sie aufnehmen kann.“

„Das klingt wundervoll“, sagte Jess, und sie sah plötzlich traurig aus.

Was Rufus über seine Familie und Weihnachten erzählte, kannte Jess seit Charlottes Tod nur aus rührseligen Weihnachtsfilmen und Supermarkt-Werbungen. Rufus’ wehmütiger Gesichtsausdruck sagte alles.

„Und Sie? Haben Sie noch weitere Geschwister?“, wollte er jetzt wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Es gab nur Charlotte und mich. Und jetzt feiern wir Weihnachten immer zu dritt. Mum, Dad und ich.“

„Das klingt … friedlich.“

„Es ist still. Nicht friedlich.“

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht …“

„Ist schon okay. Die Atmosphäre ist nur immer angespannt“, fuhr sie fort und fragte sich, warum sie überhaupt mit einem Fremden darüber redete. „Sie sind nicht glücklich. Aber sie tun so, als wären sie es. Für mich. Was das Ganze noch schlimmer macht.“ Es war das erste Mal, dass sie diesen Gedanken laut ausgesprochen hatte. Lara wusste natürlich, dass es ihr an Weihnachten immer schlecht ging, aber sie hatte noch nie im Detail darüber gesprochen.

„Das klingt hart“, sagte Rufus mit ernstem Gesichtsausdruck.

„Es ist, wie es ist.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber deshalb ist es ehrlich gesagt gar nicht so schrecklich, hier gefangen zu sein.“

„Haben Sie das so geplant?“, fragte er amüsiert.

„Das habe ich natürlich nicht, Hand aufs Herz. Ich musste für eine Konferenz nach York. Als Lara mich gefragt hat, ob ich danach hierherkommen will, sagte ich ihr zu. Es war aber geplant, dass ich an Heiligabend wieder fahre.“

„Sie hätten nicht aufbrechen können, bevor es anfing zu schneien?“

„Nicht, ohne meine Präsentation auf der Konferenz absagen zu müssen. Ich habe einfach zu lange zu hart gearbeitet, um das zu tun. Als ich die Präsentation gehalten hatte, herrschte auf den Straßen im Süden bereits Schneechaos. Hierher zu kommen und zu hoffen, dass Lara es auch noch schafft, war meine einzige Option.“

„Und jetzt stecken Sie mit mir hier fest.“

„So ist es“, bestätigte sie und versuchte sich einzureden, dass es etwas Schlechtes sei. Doch jetzt, da sie in eine Decke eingewickelt in einem Ohrensessel vor dem Feuer saß und heiße Schokolade trank, wollte ihr das nicht so recht gelingen. Außerdem machte dieser große, bärtige Mann einen ziemlich anständigen Eindruck auf sie, und möglicherweise würde das Wochenende doch noch ziemlich passabel werden.

Jetzt, da Rufus zugänglich geworden war und sich wie ein mehr oder weniger gewöhnlicher Mensch verhielt, musste sie sich eingestehen, dass sie durchaus an ihm interessiert war. Mit den rotbraunen Locken und dem Dreitagebart war er ziemlich attraktiv.

Doch das war nicht das Einzige, was sie an ihm reizte. Es waren die Art, wie er mit seiner Mutter am Telefon gesprochen hatte, und das Mitgefühl, das er ihr gezeigt hatte, als sie von ihrer Schwester und den einsamen Weihnachtstagen erzählt hatte. Und auch die Tatsache, dass er rot geworden war, als sie ihn daran erinnert hatte, dass sie ihm die Jeans ausgezogen hatte. Der Gedanke, dass ein Mann, der ihr körperlich so überlegen war – Rufus war größer, schwerer und stärker als sie –, doch auch so verletzlich sein konnte, machte sie irgendwie heiß.

Als ihr Handy plötzlich summte, war es vorbei mit ihren heiklen Gedanken.

Die Fotos sehen gut aus! Ich fasse es nicht, dass ich das verpasse …

Jess rief Laras Instagram-Profil auf und entdeckte dort das Foto von ihr im Ohrensessel. Rufus hatte den Moment, kurz bevor sie den ersten Schluck heiße Schokolade getrunken hatte, eingefangen: Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und ihr Blick verriet, wie sehr sie sich auf den bevorstehenden Genuss freute. Sie verdrehte die Augen und zeigte Rufus das Bild, das Lara ausgewählt hatte.

„Lara mag Ihre Fotos“, sagte sie, und es schien, als ginge es ihren Followern genauso, denn die Likes häuften sich schnell.

Jess scrollte weiter, um die Beschreibung zu lesen.

Nicht zu fassen, dass meine beste Freundin @Jess es sich mit dieser heißen Schokolade gemütlich gemacht hat, während ich im Schneechaos am Flughafen feststecke. Ich bin sehr neidisch und wünschte, ich wäre auf unserem perfekten Weihnachtstrip in @UptonManor. Schaut später wieder rein für Updates von Jess und Rufus. Das ist viel interessanter, als was ich gerade mache, versprochen! Gibt es bei euch auch gerade Desaster beim Reisen? Teilt sie in den Kommentaren mit uns, und seid nett, Freunde!

Jess lächelte. Lara hatte es natürlich perfekt formuliert, und sie hatte keine Zweifel, dass die Instagram-Seite von Upton Manor schnell neue Follower bekommen würde. Sie sah sich Laras Instagram-Storys an und fand dort Fotos vom Entstehungsprozess der heißen Schokolade und noch eine Aufnahme von ihr vor dem Feuer.

Rufus hatte ein gutes Auge. Das in Kombination mit Laras Fähigkeiten, den Lesern die Kulisse schmackhaft zu machen, könnte trotz allem noch zu einem großen Erfolg werden.

„Ich kann es nicht glauben“, rief Rufus, „ich habe schon zweihundert neue Follower! Nach nur einem Post.“

„Teilen Sie den Post auch auf Ihrer Seite und zusätzlich noch in Ihren Storys“, las Jess ihm die Anweisungen von ihrer Freundin vor. „Antworten Sie auf alle Kommentare, und verwenden Sie reichlich Emojis. Lara übernimmt so viel davon, wie sie kann, aber es scheint auch gut zu sein, Ihre authentische Stimme dabei zu hören. Lara sagt außerdem, wir sollen weiter Fotos machen und ihr schicken. Hätte das etwa Ihr erstes Weihnachten werden sollen, das Sie nicht in Upton Manor verbringen?“, fragte sie.

„Ja, Dad ging es letztes Jahr nicht so gut, deshalb haben wir nicht richtig gefeiert.“

„Das tut mir leid“, sagte Jess. „Ich hoffe, es geht ihm jetzt besser.“

„Ah, es geht ihm besser, danke. So ein heftiger Herzinfarkt wirkt wahre Wunder, wenn man sich einen ungesunden Lebenswandel abgewöhnen ...

Autor

Catherine George

Die öffentliche Bibliothek in ihrem Heimatort nahe der walisischen Grenze war der Ort, an dem Catherine George als Kind in ihrer Freizeit meistens zu finden war. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Mutter, die Catherines Lesehunger förderte. Zu einem Teil ist es sicher ihrer Motivation zu verdanken, dass Catherine George...

Mehr erfahren
Elizabeth Duke
Mehr erfahren

Für weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte wenden Sie sich bitte an info@cora.de.