Erobert in der Oase des Lichts?

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Prinz Hamned ist besorgt: Sein wertvollster Araberhengst hat ein rätselhaftes Leiden. Nur der berühmte Pferdeflüsterer Oscar Duchamp könnte Kashmir und damit das Gestüt retten. Doch statt Oscar kommt dessen Enkeltochter Valerie in das Scheichtum – eine zarte Blondine mit himmelblauen Augen. Zunächst ist Hamned skeptisch, dann von ihrem Können beeindruckt. Und schließlich spürt der feurige Wüstenprinz, der nie eine Bindung eingehen wollte, eine überwältigende Sehnsucht nach mehr. Nach Liebe? In der geheimen Oase des Lichts will er Valerie zu der Seinen machen …


  • Erscheinungstag 10.11.2026
  • Bandnummer 2779
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542234
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Anne Taylor

Erobert in der Oase des Lichts?

1. KAPITEL

Die Dämmerung senkte sich über die Wüste, die vor den Toren des Gestüts begann. Das Anwesen lag mehrere Kilometer vor der Stadt, weit entfernt von jedem Trubel und jeder anderen Siedlung. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne übergossen die fernen Berggipfel mit flammendem Rot. Darüber wölbte sich der schwarzblaue Nachthimmel, in dem Tausende von Sternen funkelten.

Vor dem letzten Licht des Tages hob sich die Silhouette von Kashmir ab. Der schwarze Araberhengst trabte auf dem Paddock vor und zurück, sein mächtiger Kopf stolz erhoben. Sein sanft geschwungener Rücken und die schlanken Beine verrieten die Gene seiner Mutter, die ein preisgekröntes Rennpferd gewesen war. Auch auf Kashmir ruhten große Hoffnungen.

Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Hamned lehnte am Zaun der Einfriedung und beobachtete das Tier. Kashmir blähte die Nüstern, seine Ohren zuckten. Er war unruhig. Kündigte sich wieder eine jener geheimnisvollen Koliken an, von denen er schon seit Wochen immer wieder geplagt wurde?

Seufzend streckte Hamned eine Hand aus und rief mit leiser Stimme nach dem Hengst. Kashmir kam heran und blies mit seinen Nüstern auf Neds Hand. Sanft streichelte der junge Mann den Kopf des Pferdes und klopfte seinen kräftigen Hals.

„Was ist los mit dir, mein Freund? Wo liegt das Problem?“

Hamned hatte bereits ein Dutzend Tierärzte zu Hilfe gerufen, aber keiner hatte bisher eine Antwort auf Kashmirs Anfälle gefunden. Körperlich schien alles mit ihm in Ordnung zu sein. Woran lag es dann, dass er immer wieder von diesen mysteriösen Schmerzen geplagt wurde?

Kashmir war mehr als nur ein Hengst für ihn, ein Teil des Gestüts „Bar Alet“, das er leitete. Der Name bedeutete „Silbernes Mondlicht“. Er war Hamned in den Sinn gekommen, als er das Anwesen zum ersten Mal im Licht des Vollmondes gesehen hatte. Es wirkte auf ihn wie aus einer anderen Welt. Und genau das hatte er gesucht. Doch jetzt gab es dunkle Wolken über seinem Paradies.

Seine Gedanken wandten sich wieder Kashmir zu. Das Pferd war ein Freund, der ihn seit vielen Jahren begleitete. Vielleicht, weil sie dasselbe Schicksal teilten. Kashmirs Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Der Tod der wertvollen Stute war ein herber Schlag für Neds Gestüt gewesen.

Tagelang hatte er darum gekämpft, wenigstens das Leben des Fohlens zu retten. Er hatte im Stall übernachtet, das kleine Pferd keine Sekunde aus den Augen gelassen. Seitdem fühlt er sich Kashmir mehr verbunden als irgendjemandem sonst auf dieser Welt.

Er dachte zurück an den Tag, als er seine eigene Mutter verloren hatte. Er war noch zu klein gewesen, um zu verstehen, was vor sich ging; er hatte nur gespürt, dass etwas Gravierendes geschehen war. Sein Vater, der König von Nazrat, war mit bleichem Gesicht an ihm vorbeigegangen, ohne ihn wahrzunehmen. Bedienstete des Palastes eilten hin und her, eine bedrückende Stille lag über allem.

Ned verkroch sich hinter einem der schweren Vorhänge in der Halle und weinte leise vor sich hin. Niemand schien ihn zu vermissen. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so einsam und verloren gefühlt. Erst Stunden später wurde er von seinem Kindermädchen gefunden und in sein Zimmer zurückgebracht.

Seine geliebte Mutter war plötzlich nicht mehr da, aber niemand erklärte ihm, warum. Von da an flüchtete er vor der Kälte und Lieblosigkeit des Palastes immer öfter in die Wärme des Pferdestalls. Der alte Mudir, der sein ganzes Leben mit den Pferden zugebracht hatte, nahm ihn unter seine Fittiche und brachte ihm alles bei, was man über Pferde wissen musste.

Er hatte Ned eine neue Welt eröffnet. Eine Welt, in der er geliebt wurde, nicht als Prinz des Königshauses von Nazrat, sondern als der, der er war. Bei seinen Pferden fühlte er sich frei und glücklich. Schon früh hatte er den Palast verlassen und sich vor den Toren der Stadt ein Pferdegestüt aufgebaut. Hier war er vor den Ränken und Intrigen des Königshauses sicher. Doch das alles war jetzt in Gefahr.

Er drehte sich um, als er hinter sich eine Bewegung hörte. Überrascht erkannte er seinen Bruder Tariq, der sich näherte, gefolgt von Neds Stallburschen Omar.

„Tariq, was führt dich hierher?“

Einmal mehr fiel Ned auf, wie sehr sein Bruder sich in den letzten Wochen verändert hatte. Er, der sogar im Bett einen maßgeschneiderten Designeranzug zu tragen schien, trug plötzlich Polohemden und lässige Chinos. Selbst seine stets akkurat geschnittenen Haare waren etwas länger als üblich. Die Liebe zu seiner frisch angetrauten Ehefrau Emily schien den steifen Tariq mehr als nur ein wenig aufgelockert zu haben.

„Ich wollte wieder einmal nach deinem Wunderpferd sehen“, meinte Tariq mit einem gewinnenden Lächeln. „Geht es ihm schon besser?“

„Ich hoffe es. Aber ich fürchte, die Koliken können jederzeit wieder auftreten. Solange wir die Ursache dafür nicht gefunden haben, kann es keine endgültige Entwarnung geben!“

„Das tut mir leid. Kann ich irgendetwas tun?“ Tariq tätschelte Kashmirs Flanke, obwohl Ned wusste, dass sein Bruder kein großer Pferdefan war.

„Ich fürchte nicht. Wir müssen abwarten.“ Ned wandte sich an Omar. „Bring Kashmir in den Stall zurück. Reib ihn gut ab und stelle die Wärmelampe an. Er ist sehr unruhig heute Abend.“

Omar nickte und führte das Pferd davon. Ned blickte ihm sorgenvoll hinterher. Wenn er seinem Freund nur irgendwie helfen könnte!

„Dann wirst du mit Kashmir wohl nicht am King’s Cup teilnehmen können?“, meinte Tariq.

Der King’s Cup war das höchstdotierte und prestigeträchtigste Pferderennen der gesamten Region. Das Preisgeld betrug umgerechnet zehn Millionen Dollar. Ned senkte den Kopf. „Ich muss“, presste er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„Du musst? Wie meinst du das?“

Ned hörte das Erstaunen in der Stimme seines älteren Bruders. Offenbar war er eine solche Ernsthaftigkeit von ihm nicht gewöhnt. Der Jüngste der al-Assidi-Brüder galt als der Sonnyboy der Familie, der stets mit einem Lächeln durchs Leben ging. Ned erlaubte nicht vielen Menschen, hinter die Fassade zu blicken. „Das Gestüt ist hoch verschuldet. Wenn ich den King’s Cup nicht gewinne, verliere ich meine Pferde!“ Die Wahrheit auszusprechen, war schmerzhaft und erleichternd zugleich.

Betroffen schaute sein Bruder ihn an. „Ned! Ich wusste nicht, dass es so schlimm um dich steht. Warum hast du nichts gesagt?“

„Du standest selbst bis vor Kurzem noch mit dem Rücken zur Wand. War es nicht so?“

Tariq nickte. „Ja, das stimmt. Woher hast du das gewusst?“

Ned grinste. „Ich habe Augen im Kopf. Und ich bin selbst Geschäftsmann. Mir war klar, dass das Einkaufszentrum, das du vor ein paar Wochen in unserer Hauptstadt Azira eröffnet hast, mit deinen letzten Reserven errichtet wurde. Wäre es kein Erfolg geworden, hättest du Bankrott anmelden müssen, richtig?“

„Ich hätte immer noch heiraten können, um meine Apanage zu retten“, erklärte Tariq mit einem leichtfertigen Schulterzucken. „Ich habe es sogar getan.“

„Aber nicht des Geldes wegen“, erinnerte Ned ihn.

Tariq schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, nicht des Geldes wegen, das stimmt.“

Tariq hatte kurz nach der Eröffnung des Einkaufszentrums die bezaubernde Innenausstatterin geheiratet. Er hatte damit zwar dem Heiratsgebot seiner Heimat entsprochen, aber nicht, um seine königliche Apanage zu erhalten, sondern weil Emily seine große Liebe war. Nachdem das Einkaufszentrum genug Ertrag abwarf, hatten Tariq und Emily sich entschlossen, das Geld der königlichen Apanage an wohltätige Organisationen zu spenden. Das hatte Tariq viel Zuspruch in seiner Heimat beschert.

Ned seufzte. Natürlich hatte er sich ebenfalls schon Gedanken über das „Heiratsgebot“, ein altes Gesetz, das seit Jahrhunderten in seiner Heimat galt, gemacht. Es besagte, dass die Brüder des Königs sich innerhalb eines Jahres nach dessen Heirat ebenfalls vermählen mussten, wenn sie nicht die jährlichen Zuwendungen des Königshauses verlieren wollten. Damit sollte der Fortbestand und die Stabilität der königlichen Dynastie gesichert werden.

Eigentlich war Ned noch nie in den Sinn gekommen, überhaupt jemals zu heiraten. Er liebte seine Freiheit zu sehr, um sie für irgendjemanden aufzugeben. Er wollte sein Leben so führen, wie es ihm gefiel. Und er wollte niemals wieder jemanden so lieben, dass der Verlust dieser Person so schmerzlich wäre wie der seiner Mutter.

Aber als sein ältester Bruder Kahan, der König von Nazrat, vor einem Dreivierteljahr die Engländerin Tessa Gordon geheiratet hatte, waren auch Ned und sein Bruder Tariq in Zugzwang geraten. Tariq hatte vor Kurzem der Innenausstatterin Emily Westham sein Jawort gegeben. Jetzt war nur noch Ned übrig. Wenn er bis zum Ende des Jahres keine passende Ehefrau fand, saß er finanziell auf dem Trockenen.

Sein Gestüt hatte in den letzten Jahren einige herbe Rückschläge erlitten. Pferde waren immer wieder krank geworden, manche hatten sich nicht so entwickelt, wie er es erhofft hatte. Deshalb war es so enorm wichtig für ihn, den King’s Cup zu gewinnen. Das Preisgeld des Rennens war tatsächlich die letzte Möglichkeit, die er noch hatte, um sein Lebenswerk zu retten. Aber wie, wenn Kashmir nicht gesund wurde?

„Was willst du dann tun? Können die Tierärzte nicht herausfinden, was mit Kashmir los ist?“, fragte Tariq mitfühlend.

„Bis jetzt nicht“, meinte Ned mit einem Kopfschütteln. „Meine letzte Hoffnung ist Oscar Duchamp!“

„Ist das dieser Pferdeflüsterer, von dem du erzählt hast?“

„Ja, er lebt in Südfrankreich, aber er hat schon Pferde überall auf der Welt betreut. Ich habe ihn angeschrieben und gebeten, herzukommen, um sich Kashmir anzusehen. Er will nächste Woche nach Nazrat reisen, hat er versprochen. Er ist meine letzte Hoffnung!“

Tariq legte Ned eine Hand auf die Schulter. Auch das war eine ungewohnte Geste von ihm. „Ich hoffe, dass er eine Lösung für das Problem findet, Ned.“

„Das wäre enorm wichtig. Der King’s Cup findet ja schon in zwei Monaten statt.“

„Dann ist nicht mehr viel Zeit!“

„Ich weiß“, antwortete Ned bedrückt. Der Termin hing wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf. Bis dahin musste Kashmir fit sein, andernfalls hatte er keine Chance, das Rennen zu gewinnen.

Und ohne das Preisgeld waren sein Gestüt und seine geliebten Pferde verloren.

Valerie Duchamp seufzte. Es sah nicht gut aus! Es sah gar nicht gut aus, wie sie es auch drehte und wendete. Die Ausgaben des familieneigenen Gestüts „Val des Chevaux“, was so viel hieß wie „Tal der Pferde“, überstiegen die Einnahmen bei Weitem. Schon seit Langem lebten sie von ihren Ersparnissen, die jedoch rasch dahinschmolzen. Auch ein Kredit, den sie mühsam abstotterten, hatte nichts an ihrer Misere geändert. Was sollten sie nur tun?

Valerie sah von der Tabelle auf ihrem PC auf und ließ den Blick durch das Fenster des Arbeitszimmers über die weite, hügelige Graslandschaft, die sich davor ausbreitete, schweifen. Wie sie diesen Ausblick liebte! Die Camargue im Süden von Frankreich war ein Paradies für Pferdeliebhaber. Die weißen Wildpferde, die das fruchtbare Schwemmland durchstreiften, konnten sie immer wieder begeistern.

Genauso wollte auch Val leben: frei und ungebunden. Einen normalen Job in einer Firma oder einem Büro zu haben, konnte sie sich nie und nimmer vorstellen. Deshalb kämpfte sie so verzweifelt um das Gestüt, das sie mit ihrem Großvater betrieb.

Oscar Duchamp war der einzige Mensch, den sie auf der Welt noch hatte. Ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als sie zwölf Jahre alt war. Seitdem lebte sie hier in der Camargue bei ihrem Großvater, dem berühmten „Pferdeflüsterer“.

In Reiterkreisen war Oscar Duchamp eine Legende. Mit seiner Intuition und seiner Liebe zu den edlen Tieren hatte er schon vielen Pferden geholfen, die nach Unfällen oder anderen einschneidenden Erlebnissen traumatisiert waren. Auch Val hatte von ihm alles gelernt, was sie über Pferde wusste.

Bevor sie in die Camargue gekommen war, hatte sie noch nie in ihrem Leben auf einem Pferd gesessen. Nur langsam hatte sie Zutrauen zu den großen Tieren gefasst. Dabei hatte sie erlebt, dass der Kontakt zu den Pferden ihren Kummer über den Verlust ihrer Eltern auf beinahe magische Weise geheilt hatte. Es war, als hätte im Haus ihres Großvaters ein neues Leben für sie begonnen.

Aber dieses Leben war mehr und mehr in Gefahr. Die Zeiten, in denen Oscar Duchamp einen lukrativen Auftrag nach dem anderen für betuchte Kunden erledigt hatte, waren schon seit geraumer Zeit vorbei. Mit achtzig Jahren unternahm Oscar kaum noch Reisen ins Ausland. Mehr und mehr verwandelte er sein Gestüt in eine Art Gnadenhof, in dem er Pferden, die alt und ausgedient von ihren Besitzern aufgegeben worden waren, ein Zuhause gab.

Val konnte verstehen, was ihm diese Tiere bedeuteten. Sie selbst liebte die alten Pferde, die auf dem Gestüt ihren Lebensabend verbringen durften, auch heiß und innig. Allerdings kosteten die Tiere ein kleines Vermögen an Futter- und Tierarztkosten. Sie fraßen ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Haare vom Kopf, ohne irgendetwas einzubringen.

Das Geld, das Oscar im Laufe seiner Karriere als Pferdeflüsterer verdient hatte, würde nicht mehr lange reichen. Val setzte ihre ganze Hoffnung auf den neuen Auftrag, den ihr Großvater vor Kurzem angenommen hatte. Ein Prinz aus dem Königreich Nazrat im Norden von Afrika hatte ihn um Hilfe gebeten.

Sein Rennpferd Kashmir litt an mysteriösen Koliken, für die keine Ursache gefunden werden konnte. Der Fall interessierte Oscar. Es war bekannt, dass Koliken bei Pferden auch psychische Ursachen haben konnten. Stress, einschneidende Ereignisse oder Veränderungen konnten solche Anfälle auslösen. Das wollte Oscar ergründen und dem Pferd helfen.

Der Prinz versprach in seinen Mails eine großzügige Vergütung ihrer Dienste. Da er mit seinem Pferd beim prestigeträchtigen King’s Cup antreten wollte, konnte er sich das offenbar ohne Weiteres leisten. Als Prinz schwimmt er bestimmt im Geld, dachte Val ein wenig geringschätzig. Sie hatte keine hohe Meinung von wohlhabenden Menschen, die ihre Pferde nur als Prestigeobjekte betrachteten.

Für sie waren Pferde denkende, fühlende, sensible Wesen, die sie mit ihrer ganzen Kraft schützen und behüten wollte. Trotzdem mussten sie dankbar sein, dass es genügend reiche Pferdebesitzer gab, die sich ihre Dienste leisten konnten.

Val klappte ihren Laptop zu. Genug gegrübelt für heute. Der Auftrag des Prinzen würde sie wieder für eine Weile über Wasser halten. Bis dahin fiel ihnen vielleicht eine andere Möglichkeit ein, das Gestüt zu erhalten. Val hatte bereits daran gedacht, den Betrieb in eine Pferdepension umzuwandeln und interessierten Reitern Ausflüge durch die unvergleichliche Landschaft der Camargue anzubieten. Aber darüber würde sie morgen weiter nachdenken.

Jetzt sollte sie nach ihrem Großvater sehen. Er war seit Tagen mit einem neuen Schützling beschäftigt. Das Pferd war einem Mann abgenommen worden, der es auf seinem heruntergekommenen Bauernhof unter schlimmsten Bedingungen gehalten hatte. Das Tier war bis auf die Knochen abgemagert, verweigerte aber jede Nahrungsaufnahme. Es hatte jedes Vertrauen in Menschen verloren.

Oscar hatte seit der Ankunft des Pferdes sein Lager im Stall aufgeschlagen, um in seiner Nähe zu sein und ihm zu zeigen, dass es ihn nicht fürchten musste. Val musste die Tatkraft ihres Papy, wie sie ihren Großvater liebevoll nannte, immer wieder bewundern. Selbst mit achtzig schreckte er nicht davor zurück, auf einem Feldbett zu schlafen, wenn es um das Wohl seiner geliebten Tiere ging.

Trotzdem machte sie sich Sorgen um ihn. Um seine Gesundheit stand es nicht mehr zum Besten. Er wurde allmählich gebrechlich und vergesslich. Mehr als einmal am Tag musste sie ihn an Dinge erinnern, die eigentlich ganz selbstverständlich waren. Außerdem wirkte sein Gesicht seit einiger Zeit grau und eingefallen.

Aber er wollte einfach zu keinem Arzt gehen, um sich untersuchen zu lassen. Er behauptete, dass er dafür keine Zeit hätte. Val seufzte, als sie das Haus verließ und zu den Ställen hinüberging. Oscar konnte manchmal schrecklich stur sein. So wie ich, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie war ihrem Großvater vermutlich ähnlicher, als sie zugeben wollte.

Im Stall herrschte ein dämmeriges Zwielicht. Einzelne Strahlen der blassen Wintersonne fielen durch die Fenster und tauchten das Innere in goldenes Licht. Es roch nach Heu und dem Schweiß der Pferde, die in ihren Boxen scharrten. Der Stall musste wieder einmal aufgeräumt werden, stellte Val missmutig fest. Sie konnten sich einfach nicht genug Angestellte leisten, um die ganze anfallende Arbeit zu bewältigen.

„Papy!“, rief sie in den Stall hinein.

Ein Schnauben antwortete ihr. Das war der verschreckte Herkules, der in der hintersten Ecke des Gebäudes einquartiert worden war, um ein möglichst ruhiges Ambiente für ihn zu schaffen. Trotzdem wurde er beim geringsten Geräusch unruhig.

Val erwartete eigentlich, die leise, eindringliche Stimme ihres Großvaters zu hören, der auf Herkules einredete, um ihn zu beruhigen, aber es blieb alles still.

„Papy! Wo bist du?“

Sie bog um die Ecke der letzten Box und blieb abrupt stehen.

„Papy!“

Oscar Duchamp lag auf dem festgetretenen Boden vor Herkules’ Box. Sein Gesicht war aschfahl, seine Hände waren vor seiner Brust verkrampft. Val lief zu ihm, während sie gleichzeitig um Hilfe rief:

„Bernard! Annette! In den Stall! Schnell!“

Sie kniete neben ihrem Großvater nieder und beugte sich über ihn. Sein Atem ging röchelnd, seine Züge waren schmerzverzerrt. Val zog ihr Handy aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und wählte den Notruf.

„Ich brauche einen Rettungswagen! Auf dem Gestüt von Oscar Duchamp, Val des Chevaux! Ich glaube, mein Großvater hat einen Herzanfall!“

Ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum das Telefon halten konnte. An ihrer Seite waren bereits Bernard, der alte Aufseher des Gestüts, und die resolute Haushälterin Annette aufgetaucht.

„Mon Dieu!“, rief Annette und bekreuzigte sich. „Wir müssen ihn bequem hinlegen!“

Sie öffnete Oscars Hemdkragen und drehte ihn zur Seite, sodass ihm das Atmen leichter fiel.

„Ich warte auf die Sanitäter!“, bot Bernard an und eilte wieder aus dem Stall.

Val stand wie erstarrt. Er darf nicht sterben, dachte sie verzweifelt. Was sollte sie denn ohne ihn anfangen? Oscar war alles, was ihr noch geblieben war!

2. KAPITEL

Stöhnend rieb Ned sich das schmerzende Genick. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Gegen Mitternacht hatte Omar ihn geweckt, weil Kashmir sich hingelegt und begonnen hatte, sich im Heu zu wälzen. Das war ein sicheres Zeichen dafür, dass er eine Kolik hatte.

Ned war sofort in den Stall geeilt. Mit Omars Hilfe hatte er das Pferd dazu gebracht, wieder aufzustehen. Stundenlang hatten sie Kashmir am Zügel durch den Stall geführt, um seine Darmtätigkeit anzuregen. Das Tier war schweißgebadet gewesen und hatte jämmerlich gewiehert. Schließlich war der Tierarzt gekommen und hatte ihm einige Medikamente verabreicht, die gegen Morgen zu einem Abklingen der Symptome geführt hatten.

Trotzdem war Ned bei ihm geblieben, um ihn zu beobachten. Abwechselnd hatten er und Omar auf der bereitstehenden Liege im Stall ein wenig geschlafen, um beim geringsten Anzeichen einer Verschlechterung von Kashmirs Zustand sofort verfügbar zu sein.

Am frühen Vormittag konnte Ned endlich gehen. Ein zweiter Stallbursche löste Omar ab, mit dem strengen Befehl, sofort Alarm zu schlagen, wenn Kashmir wieder unruhig wurde.

Ned blinzelte in die grelle Morgensonne. Tau glitzerte auf den Wiesen. Im Moment war es noch angenehm kühl, aber bald würden die Temperaturen wieder auf 25 Grad Celsius oder mehr steigen. Er brauchte dringend eine Dusche und eine Tasse Kaffee.

Als er sich dem Haus näherte, das im Stil einer spanischen Hazienda erbaut war, sah er, dass vor dem großen schmiedeeisernen Tor ein Wagen stand. Eine große dunkle Limousine mit getönten Scheiben. Wer verirrte sich so früh am Morgen auf sein Gestüt?

Einer der Arbeiter kam ihm entgegengelaufen. „Hoheit, dieser Herr möchte Euch sprechen!“

Er überreichte Ned eine Visitenkarte. Als er den Namen auf der Karte las, klingelten in Neds Kopf alle Alarmglocken. Akram Mahmoody! Der bekannte Geschäftsmann betrieb ebenfalls ein Gestüt südlich von Azira und hatte schon mehrfach versucht, Pferde von Ned zu kaufen.

Ned hatte bislang immer abgelehnt. Er wusste, dass Mahmoody kein Interesse an den Tieren hatte. Für ihn waren sie nur Investitionsobjekte, die brutal wieder abgestoßen wurden, wenn sie nicht den erhofften Gewinn brachten. Schon des Öfteren hatte es Vorwürfe gegen Mahmoody wegen angeblicher Gewalt gegenüber seinen Pferden gegeben.

Ned überlegte, ob er den Geschäftsmann wegschicken sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Er konnte es sich im Moment nicht leisten, sich Feinde zu machen. Seufzend gab er seinen Leuten ein Zeichen, das Tor zu öffnen und den Wagen passieren zu lassen.

Vor den Stufen der Hazienda erwartete er seinen Besucher. Er war überrascht, als nach Mahmoody auch eine Frau aus dem Fond der Limousine stieg. Dann erkannte er sie. Es war Leyana, die Witwe seines verstorbenen Vaters. Ned verzog das Gesicht.

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