Julia Collection Band 230

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Gestrandet mit dem Milliardär

Keine Pflichten, keine Kompromisse – am liebsten würden die drei Milliardäre wie Einsiedler auf einer Insel leben. Doch sie haben die Rechnung ohne die faszinierenden Frauen gemacht, die ihren Alltag gehörig durcheinanderwirbeln …

Miniserie vonDONNA ALWARD

EIN UNERWARTETES GESCHENK

Ich werde Vater!? Milliardär Jeremy Fisher ist fassungslos. Die flüchtige Sommeraffäre mit Tori hat süße Folgen. Doch er steht zu seinem Kind und lädt das Kleinstadt-Girl ins weihnachtliche New York ein. Dort weckt das nahende Fest ungeahnt Gefühle …

STÜRMISCHE BEGEGNUNG MIT DEM GEHEIMNISVOLLEN MILLIONÄR

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  • Erscheinungstag 07.11.2026
  • Bandnummer 230
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541244
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Donna Alward, Donna Alward, Donna Alward

JULIA COLLECTION BAND 230

Donna Alward

1. KAPITEL

Es gibt Tage, an denen jedes Mädchen lieber im Bett bleiben würde. Leider sprachen allerdings gerade zwei extrem gute Gründe dafür, trotzdem aufzustehen. Zum einen drückte die Blase empfindlich und zum anderen kam niemand sonst für ihren Lebensunterhalt auf, weshalb kein Weg an dem zu ihrer Arbeit vorbeiführte.

Kurz schloss Tori noch einmal die Augen, dann ermahnte sie sich aufzustehen und schob entschlossen die Bettdecke zur Seite. Nicht dass sie nicht gern arbeiten würde – im Gegenteil, sie liebte ihren Beruf. Das Strandläufer-Resort war ihr Leben. Schon als Teenager hatte sie in dem Hotel kleine Aufgaben übernommen. Mittlerweile war sie Assistentin der Geschäftsleitung und verantwortlich für tagesaktuelle Projekte. Wenn sie morgens die Empfangshalle betrat, fühlte sie sich dort ebenso heimisch wie in ihrem eigenen kleinen Haus, das sie letztes Jahr gekauft hatte.

Deshalb zögerte sie jetzt nicht länger, schaltete das Licht an, stand auf und ging unter die Dusche. Dabei ignorierte sie geflissentlich, wie müde sie eigentlich noch war, obwohl sie die ganze Nacht geschlafen hatte. Zum Glück hatte wenigstens die morgendliche Übelkeit nachgelassen. Tori war jetzt im zweiten Drittel der Schwangerschaft und schneller erschöpft als sonst. Außerdem musste sie über neue Kleidung nachdenken, weil mittlerweile kaum noch etwas passte.

Eine halbe Stunde später machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Für Ende November war es erstaunlich mild. Sie war froh, dass sie heute ihre Windschutzscheibe nicht freikratzen musste.

Als sie die Hotelhalle betrat, atmete sie tief ein und genoss den Duft der Tannenzweige. Die Weihnachtsdekoration verwandelte das Resort in ein Märchenland mit kleinen Lichtern, Kiefernzapfen und üppigen Girlanden aus Tannenzweigen, die mit roten und goldenen Bändern geschmückt waren.

Lächelnd begrüßte Tori die Mitarbeiter an der Rezeption und schaute kurz in der Küche vorbei, wo sie um einen Bagel und etwas Obst bat, ihr übliches Frühstück.

„Wie wär’s mit ein paar Eiern?“, schlug der Küchenchef Neil vor. „Das Kleine braucht Proteine.“ Als er mit einem Kopfnicken auf ihren noch kaum sichtbaren Babybauch deutete, geriet seine Kochmütze gefährlich in Schieflage.

„Wann hörst du endlich auf, mich zu bemuttern?“, gab Tori lachend zurück und nahm einen Schluck von ihrem entkoffeinierten Kaffee. Noch vor ein paar Wochen war ihr von dem Kaffeearoma übel geworden, mittlerweile genoss sie den Duft wieder.

„Vermutlich nie“, erwiderte er mit einem Augenzwinkern, und die Lachfältchen um seine Augen vertieften sich. Neil hatte hier schon in der Küche gearbeitet, als Tori ihren ersten Ferienjob im Resort angetreten hatte. Bald würde seine Enkeltochter ebenfalls ihr Taschengeld hier aufbessern.

Sein Vorschlag klang vielversprechend, das musste sie zugeben. „Du weißt ja, wie ich sie am liebsten mag“, sagte sie. „Danke, Neil. Du bist ein Schatz.“

„Schön, dass du das auch schon merkst.“

Zehn Minuten später brachte Ellen vom Zimmerservice ihr das Frühstück mit einem Glas Milch. „Neil meint, du brauchst auch Kalzium“, erklärte sie. Und obwohl sie jünger war als Tori, klang ihre Stimme fürsorglich.

„Neil hat einen gewaltigen Beschützerinstinkt, und dafür liebe ich ihn“, lachte Tori. „Danke, Ellen. Ist im Speisesaal alles in Ordnung?“

Ihre Kollegin nickte. „Es ist ruhiger geworden, seit die Badesaison zu Ende ist.“

„Ich weiß. Es tut mir leid, dass eure Stunden gekürzt worden sind.“

„Das ist ja saisonal bedingt. Wir verstehen das alle“, versicherte Ellen.

„Im Moment planen wir einige Veranstaltungen. Wenn du Lust hast, sehe ich zu, dass du dafür eingetragen wirst.“

Die zusätzlichen Events bedeuteten für die Servicemitarbeiter meistens ein gutes Trinkgeld. Daher war es kein Wunder, dass sich Ellens Miene aufhellte. „Das wäre großartig. Danke, Tori.“

„Kein Problem.“

Ellen war zwar erst seit Mai im Hotel, doch sie hatte sich als kompetente und zuverlässige Mitarbeiterin erwiesen. Tori fand es selbstverständlich, sich mit zusätzlichen Einsätzen dafür bei ihr erkenntlich zu zeigen.

Nachdem Ellen gegangen war, widmete sich Tori ihrem Frühstück. Neil hatte ein bisschen Käse in ihr Rührei gerieben und frische Petersilie darüber gestreut – köstlich. Auf einem Extrateller lagen zwei Scheiben Honigmelone, ein paar frische Erdbeeren und ein Vollkornbagel mit Frischkäse und Zimtzucker.

Das Team war wie eine Familie. Jeder gab auf den anderen acht. Tori genoss das, denn ihre Familie bestand nur noch aus ihr und ihrer Mutter. Ihre Mom arbeitete als Krankenschwester und war nach dem Tod ihres Mannes nach Lunenburg gezogen. Von dort war es nur ein Katzensprung bis zu dem Krankenhaus, in dem sie arbeitete. Für Tori aber war es ein Weg von fünfzig Kilometern. Nah genug für wöchentliche Besuche, aber zu weit für spontane Treffen.

Gedankenverloren legte Tori sich eine Hand auf den Bauch. Nun würde sie bald ihre eigene kleine Familie haben. Tief in ihrem Innern war sie glücklich. Die Frage, ob sie das Baby bekommen sollte oder nicht, hatte sie sich nie gestellt, obwohl die Umstände nicht ideal waren. Für Tori war es Schicksal gewesen, als sich das Baby angekündigt hatte, und sie freute sich darauf, diesen kleinen Menschen zu lieben und zu umsorgen.

Dennoch fiel ihr das Schlucken etwas schwerer, als sie an ihren Entschluss dachte, dem Vater des Babys nichts von ihrer Schwangerschaft zu erzählen – zumindest noch nicht. Diese Entscheidung nagte an ihr.

Ihre Mutter hatte sie beschworen, mit Jeremy zu sprechen. „Er hat ein Recht, es zu erfahren“, hatte sie immer wieder betont.

Das größte Problem war, dass Tori ihr darin sogar zustimmte. Sie würde das Geheimnis nicht ein Leben lang für sich behalten können. Aber zuerst einmal musste sie für sich selbst herausfinden, wie es weitergehen sollte.

Jeremy Fisher … Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich im Sommer auf ihn einzulassen? Sie hatten zwei Wochen absoluter Glückseligkeit erlebt, und Tori hatte völlig den Kopf verloren. Beide waren sich einig gewesen, dass es eine Urlaubsromanze war, und sie hatten die gemeinsame Zeit in vollen Zügen genossen. Anschließend war er in sein New Yorker Leben zurückgekehrt, und sie war in der Kleinstadt in Neuschottland geblieben, in ihrem winzigen Häuschen am Meer. Genauso hatte Tori es gewollt. Sie war nicht die Art Frau, die an Märchen glaubte und an eine Liebe bis in den Tod.

Gut, irgendwann einmal hatte sie daran geglaubt. Nachdem sie sich Hals über Kopf in einen gut aussehenden Mann verliebt und unzählige Pläne geschmiedet hatte. Riley schien absolut der Richtige für sie zu sein. Doch dem Schweben auf Wolke sieben war ein Sturz ins Bodenlose gefolgt.

Irgendwann hatte sie entdeckt, dass er ein Doppelleben führte. Während er Tori mit Geschenken überhäuft hatte, war er längst hoch verschuldet gewesen und hatte andere Menschen skrupellos betrogen. Lange hatte sie damit gehadert, so naiv gewesen zu sein, dass sie auf ihn hatte hereinfallen können.

Nachdenklich biss Tori in eine Erdbeere und dachte an ihre Sommeraffäre. Für sie beide war von Anfang an klar gewesen, dass es nur ein Flirt war. Niemals würde eine Beziehung daraus werden. Eigentlich ließ sie sich grundsätzlich nicht mit Hotelgästen ein. Aber nach zwei Jahren, in denen sie nur gearbeitet hatte und noch dazu den Tod ihres Vaters verkraften musste, hatte sie sich einfach nach ein bisschen Spaß in ihrem Leben gesehnt.

Allerdings hätte sie nie geahnt, dass die Affäre solche Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Damals hatte es keine Rolle gespielt, dass Jeremy ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann war. Jetzt aber lagen die Dinge anders. Jeremy war vermögend und einflussreich, und sie war … niemand. Zwar mangelte es Tori nicht an Selbstbewusstsein, aber ihr war klar, dass sie es nicht mit jemandem wie Jeremy aufnehmen konnte. Sie würden sich nie auf Augenhöhe begegnen, und diese Vorstellung machte ihr in Bezug auf das Baby Angst.

Kopfschüttelnd schob sie das Tablett beiseite und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Tom, der Hotelmanager, hatte Urlaub, darum leitete Tori in dieser Woche das Resort. Sie verbrachte den Vormittag am Schreibtisch, anschließend traf sie sich zu Besprechungen mit dem Bankettleiter und dem Chef des Caterings, um mit ihnen die Details für eine Veranstaltung Mitte Dezember und zwei Hochzeiten zu besprechen.

Erst am späten Nachmittag schaffte sie es, ihre tägliche Runde durch das Hotel zu drehen. Es war ihr wichtig, sich mit den Mitarbeitern zu unterhalten, über Neuigkeiten und eventuelle Probleme informiert zu sein und mit geschultem Blick durch die Räume zu gehen. Hier brauchte eine Wand einen neuen Anstrich, dort könnte die Weihnachtsdekoration noch etwas liebevoller gestaltet werden. Ihr fiel auf, dass eines der Bäder besonders sorgfältig geputzt worden war, und sie nahm sich vor, der Mitarbeiterin dafür zu danken.

Sie war gerade auf dem Rückweg zu ihrem Büro, als sich die Eingangstür öffnete und ein Windstoß einige gelbe und braune Blätter hereinwehte. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass auch ein Gast quasi mit hereingeweht worden war. Sobald er im Trockenen war, zog er seinen tropfnassen Mantel aus – und hielt mitten in der Bewegung inne.

„Tori?“

Beim Klang seiner Stimme erstarrte sie.

Nein! Das darf nicht wahr sein.

„Jeremy.“

Er schenkte ihr ein strahlendes Tausend-Watt-Lächeln, das sie bis in ihr Innerstes traf. Warum musste er nur so attraktiv sein?

„Ich hatte gehofft, dich wiederzusehen. Wie lange ist es her – vier Monate?“

Vier Monate, drei Wochen und fünf Tage, hätte sie am liebsten erwidert, doch ihre Stimme versagte. Was macht er hier? Schaffe ich es zu verschwinden, bevor er meinen Zustand bemerkt?

Nein, den Gefallen tat er ihr nicht. Jeremy musterte sie von Kopf bis Fuß, sein Blick ruhte sekundenlang auf ihrem Bauch, ehe er sie fragend und verwirrt ansah.

Ausgerechnet heute hatte sie sich für ein Stück aus ihrer neu erworbenen Schwangerschafts-Garderobe entschieden. Ihr Zustand war unschwer zu erkennen.

„Komm doch mit in mein Büro“, schlug sie hastig vor. „Dann können wir uns gegenseitig auf den neusten Stand bringen. Was verschlägt dich in den Strandläufer?“ Dankbar stellte sie fest, dass sie ihre Stimme unter Kontrolle hatte. Es wäre wenig hilfreich, wenn er sofort bemerken würde, wie aufgeregt sie war.

Mit zitternden Knien wandte sie sich um und ging voraus. Eilig steuerte sie auf den Verwaltungstrakt zu. Unabhängig von ihrer Schwangerschaft, von der sie ihm nichts erzählt hatte, brachte allein sein Anblick sie aus der Fassung.

Ohne sich nach ihm umzudrehen – sie hörte seine Schritte und wusste, dass er ihr folgte –, ging sie in ihr Büro und schloss die Tür, nachdem er eingetreten war. Erst dann wandte sie sich ihm zu und versuchte, eine Mauer zu errichten, die keine Gefühle hinauslassen würde.

Doch das war schwieriger als erwartet. Jeremy strahlte eine beinahe magische Präsenz aus. Er trug einen dunkelgrauen Anzug mit einer perfekt gebundenen Krawatte. Die dicke Jacke darüber schützte ihn vor dem eisigen Wind, der über den Atlantik fegte. Sein Haar allerdings war so zerzaust, dass die Meeresbrise hier definitiv ihre Finger im Spiel gehabt hatte. Und seine Augen … Sie hatten das gleiche kühle Stahlblau wie die Wellen, die sich draußen am Strand brachen.

„Also, was treibt dich hier in die Gegend?“, wiederholte sie und zwang sich zu einem Lächeln, während sie hinter ihrem Schreibtisch Platz nahm. So konnte er ihren Babybauch wenigstens nicht mehr sehen.

„Immobilienangelegenheiten. Und da dachte ich, dass ich mal bei dir vorbeischaue. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass du schwanger bist.“

Die unverblümte Feststellung traf sie wie eine Ohrfeige. Ganz offensichtlich hatte er sofort die richtigen Schlüsse gezogen.

„Ehrlich gesagt, hat es mich auch überrascht“, gab sie unumwunden zu.

„Ist es von mir?“

Wie ertappt zuckte Tori zusammen. Jeremy kam immer direkt auf den Punkt. Als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte er keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihm gefiel. Er hatte die größte Suite im Strandläufer gebucht, und sie hatte sich erkundigen wollen, ob alles zu seiner Zufriedenheit sei. Er hatte sie in ein Gespräch verwickelt, und sie hatten sich lange über die Region unterhalten und darüber, dass es hier völlig anders war als sein Leben in New York. Ohne jede Zurückhaltung hatte er sie zu einem Drink eingeladen, und sie hatte ebenso geradeheraus angenommen.

Damals hatte sie seine Ehrlichkeit und Selbstsicherheit bewundert. Im Moment allerdings war sie kein so großer Fan mehr.

Für den Bruchteil einer Sekunde erwog sie, seine Vaterschaft zu leugnen. Das würde die Sache vereinfachen. Aber ihr Gewissen machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Es hatte ihr schon genug Kopfzerbrechen bereitet, dass sie ihm bisher noch nichts von der Schwangerschaft erzählt hatte. Außerdem stand auch ihr guter Ruf auf dem Spiel.

„Natürlich ist es von dir. Ich bin keine Frau, die sich mit ständig wechselnden Männern vergnügt.“

Prüfend musterte er sie. „Woher soll ich das wissen?“ Dann schob er sofort die nächste Frage nach. „Hättest du es mir irgendwann erzählt?“

Sie hielt seinem Blick stand. „Selbstverständlich. Danke, dass du so eine gute Meinung von mir hast.“

Kurz senkte er den Blick, dann sah er sie reuevoll an. „Entschuldige bitte. So habe ich das nicht gemeint. Es ist nur … das ist eine ziemliche Überraschung, Tori.“

„Ich weiß“, erwiderte sie.

„Wann … wie …“

Gedankenverloren griff Tori nach einem Stift und spielte damit herum. „Die Antwort auf deine Fragen kennen wir beide. Anfang Juli. Und ziemlich sicher, während wir miteinander geschlafen haben.“

Ganz bewusst vermied sie den Ausdruck „während wir uns geliebt haben“, auch wenn es für sie so gewesen war. Sobald sie daran dachte, röteten sich ihre Wangen. Auch wenn es seltsam klang – sie hatte das Gefühl, genau zu wissen, wann es passiert war. Jenen Tag hatten sie gemeinsam am Strand verbracht, im Wasser herumgealbert und im weichen Sand gepicknickt. Am späten Nachmittag waren sie zurückgekehrt und für den Rest des Tages im Bett geblieben.

Er war ein großartiger Liebhaber gewesen. Zärtlich, aufmerksam, leidenschaftlich.

Und jetzt stand er hier vor ihr in ihrem Büro, und ihre Erinnerungen verblassten angesichts der Wut, die sie empfand.

Jeremy atmete hörbar aus. „Darf ich mich setzen?“

„Selbstverständlich“, erwiderte sie. Schließlich war sie nicht gerade in der Position, ihm weitere Informationen zu verwehren. Die Angst, wie er auf die Nachricht reagieren mochte, hatte sich in den vergangenen Monaten in ihrem Kopf festgesetzt und ließ sich auch jetzt nicht ignorieren. Aber vielleicht konnte sie das Gespräch zumindest auf einen anderen Zeitpunkt verlegen, sodass sie besser vorbereitet war.

Nachdem Jeremy seinen Mantel ausgezogen und ordentlich über die Rückenlehne des Besuchersessels gelegt hatte, nahm er Platz. Erwartungsvoll beugte er sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie.

Tori biss sich auf die Lippen.

„Ich werde also Vater“, begann er mit rauer Stimme. „Wann wolltest du mir davon erzählen?“

Sie verschränkte die Hände, um zu verbergen, wie sehr ihre Finger zitterten. „Keine Ahnung“, gab sie zu. „Ich habe auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht darüber nachgedacht habe.“ Hier war Ehrlichkeit angebracht, das wusste sie. Mit Ausflüchten würde sie alles nur noch schlimmer machen.

„Ich hatte ein Recht, es zu erfahren“, stellte er unnachgiebig fest.

Solange er es nicht gewusst hatte, hatte sie sich relativ bequem in ihrem Leben eingerichtet und das Unvermeidbare verdrängt, so gut es ging. Das war vielleicht das Schwierigste – mit seinen Fragen holte Jeremy sie aus ihrer Komfortzone.

Dennoch zwang sie sich, ihn direkt anzusehen. „Die Umstände sind durchaus … ungewöhnlich. Das weißt du genauso gut wie ich. Wir hatten eine Affäre, aber wir leben in völlig unterschiedlichen Welten. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie es funktionieren soll, mit dir gemeinsam ein Kind zu erziehen. Du bist … ein Fremder für mich.“

Dann atmete sie tief durch. „Natürlich ist mir klar, dass du ganz andere Möglichkeiten hast als ich. Wenn du um das Sorgerecht kämpfen würdest, hätte ich vermutlich schlechte Karten.“ So, jetzt war es heraus.

Sein gerade noch fragender Blick wich einem Ausdruck von – konnte das sein? – Verletztheit.

„Glaubst du wirklich, das würde ich tun?“

Sie setzte sich aufrecht hin. „Wie ich schon sagte, wir kennen uns eigentlich kaum. Und ich wollte dieses Risiko nicht eingehen. Bevor ich mein Baby weggebe, sterbe ich lieber.“

Jeremy versuchte, gegen die Beklemmung in seiner Brust anzuatmen. Er hatte sich so darauf gefreut, Tori heute zu überraschen. Ein Kunde hatte ihn gebeten, sich mehrere Landhäuser in der Region anzusehen, die zum Verkauf standen. Die ganze Zeit schon hatte er sich ausgemalt, wie er ins Hotel kommen und sich die Leidenschaft, die zwischen ihnen gelodert hatte, wieder entzünden würde. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er sie in all den Monaten nicht hatte vergessen können. Dieser Geschäftstermin war der perfekte Grund gewesen, noch einmal herzukommen.

Ursprünglich hatte er gehofft, sie sich auf diese Weise aus dem Kopf schlagen zu können. Stattdessen wurde er nun damit konfrontiert, dass sie schwanger von ihm war. Das war ein Schock. Doch dass sie ihn für fähig hielt, ihr das Kind wegnehmen zu wollen, war ein echter Schlag in die Magengrube.

Jeremy war ehrlich und geradlinig, und er hielt sich für einen rechtschaffenen Mann. Doch die Worte, die ihm jetzt durch den Kopf schossen, sprachen nicht gerade für eine gute Kinderstube. Deshalb zwang er sich, keines davon auszusprechen. Er war wütend, verletzt und verwirrt, und da war noch ein anderes Gefühl, das er nicht genau erklären konnte.

Er steckte in einem Albtraum. Eine Familie, Kinder, geschweige denn eine Ehefrau standen nicht auf seiner Agenda.

„Aber wir haben doch verhütet“, brachte er schließlich heraus.

„Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“, erwiderte Tori. „Offensichtlich waren wir nicht vorsichtig genug. Glaub mir, das war so nicht geplant.“ Mit ihren großen haselnussbraunen Augen sah sie ihn an.

Sein maßgeschneidertes Hemd schien plötzlich zu eng, und die Krawatte schnürte ihm die Luft ab. Dennoch schaffte er es, die Hände auf den Armlehnen des Sessels liegen zu lassen. Verstohlen warf er einen weiteren Blick auf ihren Babybauch, doch der war hinter dem Schreibtisch verborgen.

Sein Kind. Und eine Frau, die er kaum kannte. Mit der er nur ein paar schöne Wochen im Sommer verbracht hatte. Er war mit der Vorstellung hergekommen, dieses Vergnügen noch einmal aufleben zu lassen. In einer Geste der Hilflosigkeit fuhr er sich mit der Hand durchs Haar.

Er hätte wissen müssen, dass sein Verhalten ihn irgendwann in Schwierigkeiten bringen würde. Unverbindliche Liebschaften waren es, was er bevorzugte. Normalerweise wärmte er keine seiner Affären wieder auf, doch auf die Entfernung hatte Tori Sharpe auf ihn wie eine perfekte und sichere Ablenkung gewirkt.

Im eigentlichen Sinne war er kein Frauenheld, aber sein Verhältnis zu einer Romanze hier und da war durchaus … ungezwungen. Sein bester Freund Cole nannte ihn einen Fließband-Dater. Und Branson hatte dieser Bezeichnung schweigend zugestimmt. Jeremy hatte tatsächlich seit dem College keine Beziehung mehr gehabt, die länger als einen Monat gedauert hatte.

Während er ausatmete, versuchte er, seine Schultern zu lockern. „Okay. Das Geheimnis ist also gelüftet, ob es mir gefällt oder nicht.“ Prüfend sah er Tori an. „Und ich habe keine Ahnung, was du jetzt von mir erwartest.“

Er bemerkte, wie ihre Miene weicher wurde. „Kein Problem. Ich habe das im Griff. Und ich erwarte nichts von dir, Jeremy. Du musst nicht befürchten, dass ich horrende Unterhaltszahlungen von dir fordern werde oder etwas in der Art. Ich werde das Kind hier großziehen. Es gibt eine Menge Freunde, auf die ich zählen kann. Meine Mutter lebt ebenfalls hier, und auch sie freut sich auf das Baby. Wenn dir das lieber ist, unterschreibe ich auch eine Verzichtserklärung.“

Keine Unterstützung für das Kind? Kein Kontakt? Und es sollte hier in diesem winzigen Ort aufwachsen, der außerhalb der Saison so gut wie ausgestorben war?

„Oh, nein“, erwiderte er.

2. KAPITEL

Die Spannung, die nun folgte, war kaum zu ertragen. Tori betonte, dass nichts auf die Schnelle entschieden werden müsse und sie das Gespräch wiederaufnehmen könnten, wenn sie beide Zeit zum Nachdenken gehabt hatten. Auch wenn Jeremy nicht gerade begeistert ausgesehen hatte, war sie überzeugt, dass dieser Vorschlag richtig war. Ansonsten würden sie sich nur im Kreis drehen.

Sie brauchte Zeit, um herauszufinden, was sie wirklich wollte – und wie sie es Jeremy am besten präsentierte. Sein plötzliches Auftauchen beunruhigte sie.

Kompromisse zu schließen, war für sie kein Problem. Allerdings betraf das nicht die grundsätzlichen Dinge des Lebens. Und das galt auch für ihr Baby. Das Kind würde hier aufwachsen, bei ihr. Wie Jeremys Rolle dabei aussah, war verhandelbar. Nachdem er nun von der Schwangerschaft wusste, konnte sie ihn schlecht komplett ignorieren – außer er selbst wollte es so.

Sie befürchtete, dass er die Muskeln spielen lassen würde, wenn sie ihn komplett aus dem Leben des Kindes ausschloss. Er verfügte sowohl über das Geld als auch über die Beziehungen, ihr das Leben schwer zu machen. Die romantische Blase der Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit zerplatzte. Es war absolut so, wie ihre Mutter immer behauptete: Wenn etwas zu schön schien, um wahr zu sein, dann war es genau das.

Tori hoffte, dass Jeremy nicht länger als ein paar Tage blieb.

Nachdem er gegangen war, um sein Zimmer zu beziehen, meldete sie sich im Reservierungsprogramm an, um Details seines Aufenthalts in Erfahrung zu bringen. Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass er für zwölf Tage gebucht hatte. Mehr als genug Zeit, um die Dinge zu verschlimmern. Nervös trommelte sie mit den Fingern auf dem Schreibtisch herum. Wie, um Himmels willen, sollte sie das überstehen?

Sie dachte an seine Reaktion, als sie frei heraus gesagt hatte, sie wisse, dass sie einen Machtkampf gegen ihn nur verlieren könne. Er hatte sie völlig entgeistert angesehen. Fassungslos, dass sie so etwas überhaupt denken konnte. Dann war er sich mit den Fingern durchs Haar gefahren und hatte schwer geschluckt.

Offensichtlich hatten ihre Worte ihn alarmiert. Tori wertete es als gutes Zeichen, dass es ihn überhaupt berührt hatte. Jeremy war kein eiskaltes, berechnendes Monster, aber wenn es darauf ankam, kämpfte er mit allen Waffen, das wusste sie. Dafür hatte sie ihn im Sommer oft genug beobachtet, wenn er Verhandlungen zum Abschluss brachte. Damals hatte sie ihn für seine Unnachgiebigkeit und Zielstrebigkeit bewundert.

Der Ausdruck von Verletztheit in seinen sonst so kühlen grauen Augen hatte etwas in ihr angerührt, was sie lieber verleugnet hätte. Er war ihr noch immer wichtig. Die gemeinsamen zwei Wochen im Sommer hatten mehr als ausgereicht, um ernsthafte Gefühle in ihr zu wecken.

Natürlich war es keine Liebe, aber sie fühlte sich von ihm angezogen. Es war mehr als nur Sex gewesen. Jeremy hatte sich von seiner charmanten, witzigen und klugen Seite gezeigt. Um ehrlich zu sein: Dieser Mann war nahezu perfekt. Selbst wenn es für sie im Grunde völlig in Ordnung war, dass sie mit Jeremy nicht mehr verband als ein Urlaubsflirt, war die Vorstellung für sie unerträglich, dass er ein völlig leidenschaftsloser Vater sein könnte. Für sie war er nicht nur der Erzeuger ihres Babys.

Eines Morgens – das Sonnenlicht hatte direkt aufs Bett geschienen – hatte er ihr erklärt, warum ihm Immobilien wichtig waren. Es gehe nicht nur um den Handel und den Gewinn. Während er sanft mit den Fingern über ihren Arm streichelte, räumte er ein, dass es ihm gefiel, ein Zuhause für Menschen zu finden. Orte, denen sie sich zugehörig fühlten und an denen sie glücklich sein konnten. Doch sobald er realisiert hatte, dass er ihr einen Einblick in seine tiefsten Gedanken gewährt hatte, zog er sich wieder hinter seinen Schutzpanzer zurück und fügte lässig hinzu, dabei schade es allerdings nicht, dass seine Kunden alle steinreich seien.

Sie war überzeugt, dass das nur eine Schutzbehauptung war. Und es hatte ihr gefallen, einen Blick in die Seele dieses Mannes erhascht zu haben.

Vielleicht erreichte sie ihn am besten, wenn sie das Gespräch auf eine menschliche Ebene brachte. Ihre Gefühle für ihn sollte sie dabei problemlos heraushalten können.

Als sie die Hand auf ihren Bauch legte, spürte sie, wie das Baby sich bewegte. Das war neu. Und es bestärkte sie in ihrem Ziel, alles zu tun, damit dieses Kind in Sicherheit und Liebe aufwachsen konnte. Was auch immer der Preis dafür sein mochte.

Selbst jetzt, Ende November, war der kilometerlange Strand vor dem Strandläufer wunderschön. Das Meer war nicht mehr blau wie im Sommer, sondern grau. Jeremy liebte es, wie die Wellen wild ans Ufer schlugen. Das Rauschen beruhigte ihn.

Denn er war aufgewühlt.

Der Wind zerzauste sein Haar und zerrte an seiner offenen Jacke. Vor ein paar Monaten noch war er mit Tori hier gewesen. Sie hatte einen roten Bikini getragen, ihr Haar war nass vom Salzwasser. Sie hatten so viel Spaß miteinander gehabt, und er hatte eine Lebensfreude in sich gespürt wie schon viel zu lange nicht mehr.

In diesen zwei Wochen hatte er seine Sorgen beiseitegeschoben und einfach den Moment genossen. Ihr war es genauso gegangen – zumindest hatte er das geglaubt. Gemeinsam hatten sie auf einem Handtuch im Sand gelegen und sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Manchmal hatte sie einen Picknickkorb aus der Hotelküche mitgebracht. Manchmal hatten sie Muscheln gesucht. Und dann, an einem Tag, hatte Tori ihn mit zu sich nach Hause genommen, und sie hatten sich die ganze Nacht geliebt.

Allein die Erinnerung daran weckte sein Verlangen, und ganz kurz zog er in Erwägung, ins Meer zu springen und sich abzukühlen.

Es war alles so einfach gewesen. Sie hatten beide gewusst, dass sie nur eine begrenzte Zeit miteinander verbringen würden. Tori war nicht der Typ Frau, mit dem er sich normalerweise einließ. Wegen seiner Familie und seines Geldes kam er gar nicht in die Verlegenheit, sich mit Frauen zu treffen, die dem Klischee des Kleinstadtmädchens von nebenan entsprachen. Aber er musste zugeben, dass er Tori ausgesprochen erfrischend fand. Und nun war er für immer mit ihr verbunden – denn sie erwartete sein Baby. Und um nichts auf der Welt würde Jeremy sein Kind verleugnen.

Er hatte nie eine Familie geplant, aber nun, da er Vater wurde, musste er sich der Situation stellen. Für ihn stand fest, dass er ein besserer Vater sein wollte, als sein eigener es gewesen war.

Aber er konnte nicht verlangen, dass Tori ihr Leben hier aufgab. Das wäre nicht fair. Auch wenn Jeremy gewohnt war zu bekommen, was er wollte, war er doch gerecht. Zumindest wollte er das gern glauben.

Deshalb brauchte er einen Plan. Es fiel ihm schwer, logisch zu denken, denn die Aussicht, Vater zu werden, hatte ihn aus der Bahn geworfen.

Die Vorstellung war erschreckend.

Gegen den scharfen Wind gelehnt setzte er seinen Weg am Strand entlang fort. Seine Eltern hatten sich scheiden lassen, als er zwei Jahre alt gewesen war. Jeremy konnte sich kaum an seinen Dad erinnern. Er war so häufig zu einer Schachfigur in den Auseinandersetzungen seiner Eltern geworden, dass er manchmal überlegte, ob sie ihn überhaupt als ihr Kind wahrgenommen hatten oder er nur ein Streitgegenstand für sie gewesen war.

Zwei Jahre später hatte seine Mutter wieder geheiratet. Seine neuen Geschwister waren deutlich älter als er. Seine Stiefschwester war achtzehn gewesen, als er auf die Highschool gekommen war, und sein Bruder arbeitete damals schon im Silicon Valley. Jeremy war auf eine Privatschule gegangen, die gleichzeitig ein Internat war. Daher war er kaum mehr zu Hause gewesen.

Von außen betrachtet wirkte er zweifellos privilegiert. Geld war nie ein Thema gewesen. Was fehlte, waren Liebe und Wärme.

Er blieb stehen und starrte gedankenverloren in die Wellen, die weiße Schaumkronen vor sich hertrieben. Gestern hatte er Tori dabei beobachtet, wie sie sich über den Bauch gestrichen hatte. Auf ihren Lippen hatte ein glückliches Lächeln gelegen. Ganz offensichtlich freute sie sich auf das Baby. Dieses Gefühl war ihm vollkommen fremd.

Was auch geschah, er würde ihr das Kind niemals wegnehmen. Genauso wenig würde es zum Spielball eventueller Streitigkeiten zwischen ihnen werden. Nicht, solange er es in der Hand hatte.

Zielstrebig trat er den Rückweg zum Resort an. Der Spaziergang hatte nichts an seinem inneren Aufruhr geändert. Wenn Tori ihm allerdings keine Wahl ließe, wäre das etwas anderes. Was, wenn sie versuchte, ihm das Baby vorzuenthalten? Er konnte nicht zulassen, dass sie ihn aus dem Leben des Kindes ausgrenzte. Auf keinen Fall sollte sein Sohn oder seine Tochter sich vom Vater ungeliebt fühlen. Darum musste die ganze Sache mit äußerster Vorsicht angegangen werden.

Als er fast am Hotel angekommen war, entdeckte er auf der Terrasse eine Gestalt, die dort auf und ab ging. Er sah genauer hin und erkannte, dass es eine Frau in einem warmen Mantel war. Sie hatte das Haar zu einem Zopf gebunden. Der Wind zerrte an ihren dunklen Strähnen. Tori. Beim Näherkommen sah er, dass sie Lichterketten um das Geländer schlang.

Die letzten Meter bis zum Hotelgebäude lief er, dann nahm er zwei Stufen auf einmal hinauf zur Terrasse.

„Ziemlich kalter Arbeitsplatz“, rief er ihr atemlos zu.

Beinahe erschrocken hob sie den Kopf.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht stören“, schob er hastig nach.

„Bei dem Wind und dem Meeresrauschen habe ich dich nicht kommen hören.“

Er öffnete das kleine Tor und trat auf die Terrasse. Ihre Finger waren von der Kälte gerötet. „Du solltest Handschuhe tragen.“

„Dann kann ich die Hände nicht vernünftig bewegen“, erklärte sie und widmete sich wieder der Lichterkette, deren Ende sie in der Hand hielt.

Mit einem weiteren Schritt war Jeremy bei ihr, nahm ihr die Weihnachtsbeleuchtung aus der Hand, zog seine Handschuhe aus und wärmte ihre Finger. Sie waren tatsächlich eiskalt, wie er befürchtet hatte. „Zieh meine Handschuhe an“, bot er an.

„Jeremy, ich …“

„Pst. Sie sind schön warm.“ Schon schob er das weiche, gefütterte Leder über ihre Hände. Die Handschuhe waren viel zu groß, aber er wusste, dass Tori die Wärme genoss.

Eben noch war er bereit gewesen, sich ernsthaft mit ihr anzulegen, wenn sie nicht mit ihm kooperieren würde. Jetzt wärmte er ihre Hände. Kurz dachte er darüber nach, ob er wirklich so schwach war. Doch dann sagte er sich, dass er die ganze Geschichte ja im Guten regeln wollte – und dies konnte ein erster Schritt sein.

„Ich kann hier weitermachen. Sag mir einfach, wie du die Ketten drapiert haben möchtest.“

„Man schlingt sie um jeden der Pfeiler, siehst du? Dann kannst du sie mit den Klammern befestigen, die dort auf dem Tisch liegen.“

Er versuchte, es genauso zu machen wie sie, stellte aber schnell fest, wie ungeschickt er war. Wenn er die Lichterketten um die Pfeiler schlang, sah es nicht so gut aus wie bei ihr. Offensichtlich war er nicht besonders fingerfertig, weil er nie solche Arbeiten machte.

„Hast du noch nie eine Weihnachtsbeleuchtung aufgehängt?“, lachte sie.

„Nein, das ist mein erstes Mal“, gab er zu und zog an der Kette, bis sie stramm genug hing. Schon jetzt waren seine Finger kalt und unbeweglich. Wie hatte sie es nur geschafft, ohne Handschuhe zu arbeiten? Verbissen machte er weiter, denn sie sollte ihn nicht für ein Weichei halten.

Tori half ihm. Wortlos reichte sie ihm die Lichterketten und die Halterungen, und schließlich hatten sie die letzten Lämpchen über dem geschwungenen Eingang zum Hotel angebracht.

„Kommt überhaupt einer der Gäste mal nach draußen, um die Beleuchtung zu würdigen?“, erkundigte Jeremy sich. Mittlerweile war ihm so kalt, dass er meinte, seine Ohren müssten abgefroren sein.

„Nein, aber wir schmücken jedes Jahr mit Lichterketten und einem großen beleuchteten Weihnachtsbaum. Vom Strand aus und auch vom Restaurant sieht es wunderschön aus.“

Er rieb seine Hände, um sie wieder warm zu bekommen. „Willst du damit sagen, wir müssen jetzt auch noch einen Baum raustragen und schmücken?“

„Was ist los? Frierst du etwa?“, neckte sie ihn.

Auch in New York wurde es im Winter bitterkalt, doch der eisige Wind hier am Meer ging ihm bis unter die Haut. Als er die Antwort schuldig blieb, lachte Tori – ein weicher, klingender Ton, der sein Herz leicht machte.

„Deine Ohren sind schon fast blau. Wir sollten hineingehen. Keine Sorge – wir schmücken den Baum drinnen und tragen ihn dann auf die Terrasse. Danke für deine Hilfe.“

„Gern geschehen.“ Unabhängig von der Kälte hatte es ihm sogar Spaß gemacht.

„Es ist fast schon Mittag“, stellte sie mit einem Blick auf die Uhr fest. „Hast du Lust, mit mir zu essen, oder hast du andere Pläne?“

„Um zwei bin ich verabredet, bis dahin habe ich Zeit.“

Tori öffnete die Tür, die von der Terrasse ins Restaurant führte. „Neil, unser Küchenchef, macht eine Möhrensuppe mit Ingwer und Curry, die großartig schmeckt. Sie wärmt sofort.“

Drinnen beobachtete Jeremy, wie sie an die Bar ging und mit dem Kellner sprach. Als sie zurückkam, steuerte sie einen Tisch am Kamin an und hängte ihre Jacke über die Stuhllehne. „Ich muss zugeben, dass ich auch ziemlich durchgefroren bin“, räumte sie ein und hielt die Hände ans Feuer.

Nur eine Handvoll Gäste saß an einigen der Tische, die Atmosphäre war ruhig und gemütlich.

„Nicht gerade Hauptsaison, hm?“, bemerkte Jeremy.

„An den Wochenenden ist mehr los. Die Leute verbinden einen Strandspaziergang mit dem Dinner oder kommen samstags zum Brunch.“

Sie sah auf, und er verlor sich in ihren tiefbraunen Augen, die heute fast grün schimmerten. Unwillkürlich ertappte er sich bei der Frage, ob ihr Baby Toris Augen und ihre dichten dunklen Wimpern bekommen würde.

Als die Kellnerin mit einem Korb warmer Brötchen und einer Schale Butter kam, lehnte er sich zurück. „Der Lunch kommt auch sofort, Tori.“

„Danke, Ellen.“

Mit einem Lächeln auf den Lippen sah Tori ihn an. „Wird dir langsam wieder warm? Deine Ohren bekommen ihre normale Farbe zurück.“

Sein Blick lag auf ihren Lippen, während er leise lachte. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie es war, diesen Mund zu küssen. Aber das gehörte nicht hierher. „Das Kaminfeuer ist wunderbar. Der Wind war wirklich heftig.“

„Warum bist du überhaupt am Strand spazieren gegangen?“, wollte sie wissen, während sie ein Brötchen aus dem Korb angelte und es in zwei Hälften brach.

„Ich brauchte Zeit zum Nachdenken“, erklärte er und sah sie direkt an. „Es gibt schließlich einiges zu besprechen.“

„Und? Bist du zu einem Ergebnis gekommen?“

Ihre Stimme war ruhig, doch er sah, dass ihre Lippen zitterten. Auch sie war also nervös. Das tröstete ihn. Immerhin wurde auch ihr Leben ziemlich erschüttert.

„Mehr oder weniger“, erwiderte er. „Aber ich weiß nicht, ob du schon etwas davon hören möchtest.“

3. KAPITEL

Der Gedanke, dass Jeremy so unvermittelt auf das Thema zu sprechen kam, bereitete Tori Unbehagen. Natürlich wäre es zu keinem Zeitpunkt einfach. Aber obwohl auch sie in den vergangenen vierundzwanzig Stunden viel nachgedacht hatte, fühlte sie sich noch vollkommen unvorbereitet auf das, was er ihr zu sagen haben mochte. Sie knabberte an der Brötchenhälfte, aber ganz plötzlich hatte sie keinen Appetit mehr.

„Und zwar?“, hakte sie nach und versuchte, lässig zu klingen.

Er hielt ihren Blick. „Eines ist klar, Tori – ich kann nicht nach New York zurückkehren und so tun, als wäre nichts passiert. Immerhin werde ich Vater. Und ich werde weder dich noch unser Kind im Stich lassen.“

Tränen traten ihr in die Augen, und sie senkte hastig den Blick. Es war rührend, dass er zu dem Kind stand und Teil seines Lebens sein wollte. Doch natürlich war es für ihn nur eine selbstverständliche Pflicht, und das schmerzte sie. Was sie verband, waren Pflichtgefühl und DNA, nicht Zuneigung.

„Danke“, flüsterte sie.

„Wenn du etwas brauchst, musst du es nur sagen. Du sollst wissen, dass ich dich finanziell in jeder Hinsicht unterstützen werde.“

Finanziell. Sie krampfte die Finger um die Serviette in ihrem Schoß.

„Tori?“ Vorsichtig legte er seine Hand auf ihren Arm, als sie nicht reagierte.

Sie atmete tief durch und sah ihn an. „Das ist nett von dir, Jeremy, aber ich kann für mich und das Kind sorgen“, erklärte sie dann mit fester Stimme.

Verwirrt sah er sie an. „Was erwartest du dann von mir?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Ganz ehrlich? Das weiß ich selbst nicht. Zeit wahrscheinlich, um genau das herauszufinden.“

Kurz sah er auf ihren Bauch, dann hob er den Blick wieder. In seinen Mundwinkeln spielte ein Lächeln. „Die Uhr tickt, oder? Allzu viel Zeit haben wir nicht mehr.“

Fast unmerklich hob sie eine Augenbraue. „Ich bin kein gefallenes Mädchen, das gerettet werden muss. Ich komme klar.“

Genau in diesem Moment kam ihr Lunch. Die Suppe, die in den Tellern dampfte, wurde zusammen mit Avocado-Schinken-Panini serviert. Es war genau das, was Tori jetzt brauchte.

„Es duftet köstlich“, stellte Jeremy fest.

„Allerdings. Ich bin süchtig nach diesen Panini, seit ich schwanger bin. Offensichtlich liebt das Baby entweder Avocado oder Schinken.“

„Es fühlt sich so ungewohnt an“, meinte Jeremy, nachdem sie eine Weile schweigend gegessen hatten. „Letzten Sommer …“

Er brach ab, und Tori spürte, wie sie errötete. Im Sommer hatte sie sich zehn Jahre jünger und völlig sorglos gefühlt. Die Tage am Strand, barfuß im Sand, Sex zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie hatte sich gesagt, ihr stehe ein bisschen Spaß zu, aber sie war zu unbekümmert gewesen. Sie beide waren zu unbekümmert gewesen.

„Es war … was es eben war.“ Sie tupfte mit der Serviette über ihre Lippen und versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. „Wir haben getan, wozu wir Lust hatten, und jetzt müssen wir die Konsequenzen tragen. In dieser Situation nützt es nichts, spontan sein zu wollen. Wir müssen die richtigen Entscheidungen treffen.“

„Das ist mir klar.“

Sie dachte an ihre Mutter, die entsetzt war, wie es zu der Schwangerschaft gekommen war, sich aber unendlich freute, Großmutter zu werden. Tori war Einzelkind. Dass sie überhaupt auf der Welt war, grenzte an ein Wunder, denn die Ärzte hatten ihrer Mutter gesagt, sie könne keine Kinder bekommen. Ihr Vater war vor zwei Jahren gestorben, ihre Großeltern lebten in Neufundland. Es gab niemanden außer ihrer Mutter und ihr, und Tori fühlte sich verantwortlich für ihre Mom.

„Hast du Geschwister?“, wollte sie wissen.

„Einen Bruder und eine Schwester.“

Darüber hatten sie während ihrer Affäre nie gesprochen. Im Rückblick wurde Tori klar, dass er immer ausgewichen war, wenn sie das Thema Familie angesprochen hatte. Auch jetzt ging er nicht weiter darauf ein.

„Und deine Eltern? Leben sie auch in New York?“

„Meine Mutter wohnt in Connecticut, mein Vater auf den Jungferninseln. Sie haben sich scheiden lassen, als ich noch klein war.“

Er brach ein Stück Brot ab, doch selbst als er kaute, blieb seine Miene grimmig.

Was würde es für ihr Kind bedeuten, wenn er keinen Familiensinn hatte?

„Cousins und Cousinen? Einen Lieblingsonkel?“

Er schluckte und wischte die Finger an der Serviette ab. „Was wird das? Erstellst du heimlich einen Familienstammbaum?“

Jegliche Wärme war aus seiner Stimme verschwunden, und sie ruderte etwas zurück. „Wir … wissen einfach so wenig voneinander, das ist alles. Unter diesen Umständen finde ich, dass wir uns besser kennenlernen sollten. Und außerdem …“ Sie reckte das Kinn vor. „Diese Menschen werden zur Familie unseres Kindes gehören. Ist es da nicht normal, dass ich mehr über sie wissen möchte?“

Er nahm einen Schluck Wasser, stellte das Glas wieder ab und legte seine Serviette ordentlich neben den Teller. „Entschuldige, ich sollte mich jetzt auf meinen Termin vorbereiten. Danke für den Lunch.“

Hastig stand er auf und wollte gehen, doch sie hielt ihn zurück. „Ist deine Familie so schlimm, dass du nicht über sie reden magst?“

Als er sie ansah, konnte sie seinen Blick nicht deuten. „Das ist nichts, was man mal eben beim Lunch bespricht.“

„Später?“

Er schüttelte ihre Hand ab. „Ich muss los, Tori.“

Die Art, wie er ihren Namen aussprach, sagte ihr, dass er sich nicht so sehr sperrte, wie es schien. Vielleicht brauchten sie ein bisschen Zeit, um in Ruhe über ihre Zukunft zu reden.

„Fahr vorsichtig“, gab sie deshalb nur zurück.

Als er fort war, wandte sie sich wieder ihrem Essen zu. Doch der Appetit war ihr vergangen.

Nach dem langen Tag war eine heiße Dusche genau das, was Jeremy brauchte. Am Nachmittag hatte er sich drei Grundstücke an der Südküste angesehen. Er war auf der Suche nach dem perfekten Ort für einen seiner Kunden, Branson Black. Sie waren schon zusammen zur Schule gegangen, und bis heute war Branson einer seiner engsten Freunde. Obwohl Branson ähnlich vermögend war wie Jeremy, interessierte ihn das Geld nicht. Er wollte nichts damit zu tun haben. Was bei Jeremy auf Unverständnis stieß.

Jetzt sollte er für seinen alten Freund ein einsames Grundstück mit Meerblick finden. Wie immer gab Jeremy alles, um seinen Kunden zufriedenzustellen, obwohl er befürchtete, dass Bran versuchte, sich von der Welt zurückzuziehen, anstatt sich von seinem Trauma zu erholen.

Unabhängig von seiner Sorge hatte er das perfekte Stück Land gefunden, und es kostete weniger als drei Millionen. Auf dem Grundstück stand ein alter Leuchtturm. Er war zwar außer Betrieb, doch er verlieh der Umgebung einen Hauch von Geschichte und Einzigartigkeit. Im Lauf der Woche würde er sich noch weitere Angebote ansehen und dann eine erste Auswahl an Bran schicken.

Er war den ganzen Tag draußen gewesen und bis auf die Knochen durchgefroren. Zwar war er zwischendurch immer zügig gegangen, um sich aufzuwärmen, und hatte auf den Fahrten die Autoheizung hochgeregelt. Dennoch genoss er die Wärme in seinem Zimmer und das heiße Wasser, das jetzt auf ihn niederprasselte.

Doch so gemütlich das Hotel auch war – Jeremys Gedanken waren eher finster.

Er hatte das Gespräch mit Tori vergeigt. Ihm hätte klar sein müssen, dass sie Fragen über seine Familie stellen würde, denn sie war der Typ Frau, den das interessierte. Für Tori kam die Familie an erster Stelle, und sie würde alles tun, um ihre Liebsten zu schützen. Er dagegen war völlig anders aufgewachsen. Im Sommer hatte sie viel von ihrer Mutter erzählt und zugegeben, wie sehr sie ihren Dad vermisste.

Hilflos hatte Jeremy immer wieder versucht, das Thema zu wechseln. Sie musste nicht erfahren, dass sein Dad die Familie verlassen hatte, als er ein kleiner Junge gewesen war, und dass seine Mutter wenig Mütterliches an sich hatte. Die Erziehung hatte sie den wechselnden Kindermädchen überlassen. Und es waren viele gewesen, weil seine Mutter mit schlafwandlerischer Sicherheit junge Frauen eingestellt hatte, für die es nur ein Abenteuer gewesen war, eine Zeit lang in einer wohlhabenden Familie zu leben.

Einige von ihnen waren nett gewesen, andere hatten sich vor allem für den Luxus und ihre Freizeit interessiert. Die letzte junge Frau hatte eine Affäre mit seinem Stiefvater angefangen. Damit war das Kapitel der Kindermädchen beendet gewesen. Jeremy war aufs Internat geschickt worden, sein Stiefvater war geblieben.

Doch wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass es ein Segen gewesen war, seiner Mutter auf diese Weise zu entkommen. Nachdem er die zehnte Klasse geschafft hatte, war er ins völlig abgelegene Merrick Hall geschickt worden. Dort hatte er seine eigene Familie gefunden – oder so etwas Ähnliches. Samt Branson.

Er kuschelte sich in einen warmen Pulli und rief den Zimmerservice an. Als es eine halbe Stunde später klopfte, stand Tori vor der Tür mitsamt seiner Bestellung für das Dinner.

„Zimmerservice“, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln.

Er öffnete die Tür weiter und sah zu, wie sie den Wagen hineinschob. Beim Schwung ihrer Hüften musste er schlucken. Tori Sharpe hatte auch in der Schwangerschaft nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt. Sie besaß eine unterschwellige Sinnlichkeit, die verlockend war.

Sie wandte sich um, und er bemerkte ihren leicht gerundeten Bauch. Dies ist mein Kind, dachte er, und sein Herz machte einen Satz. Er hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, aber er wollte unbedingt ein besserer Vater sein, als sein eigener es gewesen war.

„Es ist schon spät. Ich hätte nicht erwartet, dass du noch arbeitest“, sagte er, ehe ihm bewusst wurde, wie tadelnd er klang. „Danke, dass du dich extra herbemüht hast“, fügte er deshalb sofort versöhnlicher hinzu. Immerhin hatte er beim Lunch feige die Flucht ergriffen.

„Ich habe auf deine Rückkehr gewartet“, gab sie unumwunden zu. „Tut mir leid, dass ich heute Mittag so aufdringliche Fragen gestellt habe.“

„Du hattest jedes Recht, diese Fragen zu stellen. Es ist nicht deine Schuld, dass ich nur ungern darauf antworte.“

„Ich decke schnell den Tisch. Du solltest essen, solange es heiß ist.“

Geschickt legte sie eine Decke auf den kleinen Tisch am Fenster, stellte Teller und Schüsseln darauf, schenkte ihm Bier ein und hob die Haube vom ersten Tablett, einem knusprigen Steak mit Ofenkartoffeln und gegrilltem Spargel. Es duftete verführerisch, und sein Magen knurrte vernehmlich.

„Hast du schon gegessen?“, erkundigte er sich.

„Ja, habe ich“, erwiderte sie. „Setz dich einfach, ich lasse dich jetzt wieder allein.“

Als sie schon fast an der Tür war, rief er sie zurück. „Tori? Bitte, bleib.“

Der Moment, bis sie reagierte, war ausgefüllt mit … ja, mit was? Etwas veränderte sich, das spürte er. Als hätte er mit der Einladung eingewilligt, mit ihr über seine Familie zu reden. Dabei war das höchstens unbewusst geschehen.

Als sie sich umwandte und ihn ansah, zog sich sein Magen zusammen. Noch nie hatte er sich wirklich auf jemanden eingelassen. Aber offensichtlich musste er das bei ihr ändern. Zumindest, wenn er eine echte Beziehung zu seinem Kind aufbauen wollte, die über einen Kurzbesuch einmal im Monat hinausging.

„Bist du sicher?“

Er nickte. „Ich war sehr unhöflich heute Mittag. Tut mir leid.“

Zögernd kam sie zurück. „Wir wissen beide nicht, wie man mit einer solchen Situation richtig umgeht“, räumte sie ein.

Wortlos deutete er auf den zweiten Stuhl ihm gegenüber. „Setz dich. Möchtest du Tee? Oder irgendetwas anderes?“

„Ich nehme mir ein Wasser, danke. Mehr brauche ich nicht.“

Nachdem er ihr eingeschenkt hatte, begann Jeremy zu essen. Zunächst schien es seltsam, doch dann fing er an, sein Mahl zu genießen, auch wenn Tori nur zusah.

„Euer Chefkoch ist ausgezeichnet“, lobte er. „Das Essen ist köstlich.“

„Die Gäste erwarten hier keine Genussabenteuer, darum kann er sich auf einfache Gerichte konzentrieren, denen er dann seine eigene Handschrift verleiht.“ Sie lächelte. „Neil ist seit Ewigkeiten hier, und das gesamte Team ist von ihm geschult worden. Dadurch kann die Küche eine gleichbleibende Qualität bieten.“

„Du bist auch schon ziemlich lange dabei, oder?“

„Seit der Highschool. Ich habe in den Ferien als Zimmermädchen hier gejobbt, später an der Rezeption. Nach und nach habe ich die verschiedenen Abteilungen durchlaufen. Ich war im Veranstaltungsmanagement, und dann habe ich irgendwann den Job als Assistentin der Geschäftsleitung bekommen.“ Toris Augen strahlten, als sie ihn ansah. „Diese Woche habe ich sogar die Leitung, denn Tom ist im Urlaub auf Santa Lucia.“

„Du bist hier verwurzelt“, stellte Jeremy fest.

„Mehr geht nicht“, bekräftigte sie. „Meine Mutter hat niemanden außer mir – gut, natürlich hat sie Freunde, aber ich bin ihre Familie.“

„Du könntest dir nicht vorstellen, von hier wegzuziehen?“

Sie hatte gerade nach ihrem Wasserglas greifen wollen, erstarrte jedoch mitten in der Bewegung. Ihre Hand zitterte, bemerkte er.

„Wegziehen? Wohin?“

„In meine Nähe. Dann hätte das Baby beide Eltern vor Ort.“

„Ich kann nicht zu dir ziehen.“

Jetzt war er es, der erschrak. Glaubt sie, ich will ihr einen Antrag machen? Ihre Affäre hatte er genossen, doch sie liebten sich nicht.

„Wir leben nicht mehr in den Fünfzigern. Ein Kind ist kein Grund zu heiraten. Ich habe mich nur gefragt, ob du dir vorstellen könntest, nach New York zu ziehen. Um das Finanzielle müsstest du dir keine Gedanken machen, ich würde dafür aufkommen.“

Sie schluckte, dann senkte sie den Kopf und betrachtete angelegentlich ihre Finger. Als sie wieder aufsah, war ihr Blick klar und offen. „Das ist ein sehr großzügiges Angebot, Jeremy. Aber meine Wurzeln sind hier, das hast du gerade selbst gesagt. Ich freue mich, dass du am Leben unseres Kindes teilhaben willst. Aber ich werde nicht alles umkrempeln, um das möglich zu machen – ebenso wenig wie du.“

Treffer. Wäre es andersherum, würde er niemals zustimmen, sein Leben in der Großstadt aufzugeben und nach Neuschottland zu ziehen. Sie kamen einfach aus völlig unterschiedlichen Welten.

„Das respektiere ich. Ehrlich. Ich dachte nur, dass ich wenigstens die Möglichkeit zur Sprache bringen müsste.“

„Natürlich.“

„Das müssen wir ja auch nicht jetzt entscheiden. Immerhin sind es noch ein paar Monate.“

Als sie nickte, wurde ihre Miene weicher. „Wegen heute Mittag … es tut mir leid, wenn ich da einen wunden Punkt angesprochen habe. Hattest du so eine schreckliche Kindheit? Möchtest du deshalb nicht über deine Familie sprechen?“

Während er ein Stück von seinem Steak abschnitt, überlegte er. Irgendwann würde sie es sowieso erfahren. Dafür müsste sie nur im Internet recherchieren. Mit den richtigen Suchbegriffen würde sie schnell erfahren, wer er war.

„Meine ältere Schwester arbeitet an der Wall Street. Und mein Bruder ist direkt nach dem Studium an der MIT nach Kalifornien gezogen. Anfangs hat er für ein paar Start-up-Firmen gearbeitet, mittlerweile ist er selbstständig. Sein Unternehmen gehört zu den 500 umsatzstärksten weltweit.“

„Wow!“

„Genau. Mit meiner Immobilienfirma bin ich sozusagen das kleinste Licht der Familie.“

„Aber du bist doch ebenfalls erfolgreich“, widersprach sie. „Du verkaufst schließlich keine gewöhnlichen Häuser. Deine Kunden sind sehr vermögend, oder?“

„Ja, sie können ein paar Millionen investieren.“ Ihm wurde bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, wie reich er tatsächlich war. Das amüsierte und freute ihn gleichermaßen.

„Das ist eine komplett andere Welt als meine.“

Er sah sie an und hielt ihren Blick. „Reiche Menschen sind Menschen wir alle anderen auch. Auch sie haben Dinge, die sie unter Druck setzen, Unsicherheiten, Liebeskummer. Es ist was Wahres daran, dass Geld allein nicht glücklich macht.“

„Aber es vereinfacht vieles“, erwiderte sie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wie reich bist du eigentlich, Jeremy?“

Auch wenn sie es wie nebenbei sagte, fast scherzhaft, war ihm klar, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, ehrlich zu sein.

„Etwas über eine Milliarde“, gab er zu.

Tori lachte, doch als er ernst blieb, verstummte sie. Natürlich war das unvorstellbar viel Geld. Manchmal konnte er es selbst nicht glauben.

„Warte. Das ist kein Scherz, oder?“

„Nein, ist es nicht.“

„So viel Geld hast du als Immobilienmakler verdient?“ Mit offenem Mund sah sie ihn an.

„Natürlich nicht.“ Er schob den Teller von sich und griff nach seinem Bier. „Mein Vater hat mir einen Treuhandfonds hinterlassen. Und wie gesagt habe ich eine Schwester an der Börse, sie managt das Geld für mich. Wenn man alle Beteiligungen zusammenzählt, kommt man auf diese Summe.“

Fassungslos fluchte sie, und er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Mir war bewusst, dass du Geld hast … aber so viel …“, murmelte sie verblüfft.

„Finanzielle Sorgen wird unser Kind also auf keinen Fall haben – und du auch nicht.“ Ohne nachzudenken, griff er über den Tisch nach ihrer Hand. „Ich weiß nicht, wie das für dich aussieht, aber eines verspreche ich dir: Ich werde weder unser Kind noch dich jemals im Stich lassen. Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an, und ich bin für dich da.“

Jedes seiner Worte meinte er ernst. Auch wenn er wusste, dass es ihn für immer an Tori binden würde.

Was habe ich da nur gerade gesagt?

4. KAPITEL

Tori versuchte, die Erregung zu unterdrücken, die sie durchfuhr, als Jeremy ihre Hand nahm und ih...

Autor

Donna Alward

Als zweifache Mutter ist Donna Alward davon überzeugt, den besten Job der Welt zu haben: Eine Kombination einer „Stay-at-home-mom“ (einer Vollzeit – Mutter) und einem Romanautor. Als begeisterte Leserin seit ihrer Kindheit, hat Donna Alward schon immer ihre eigenen Geschichten im Kopf gehabt. Sie machte ihren Abschluss in Englischer Literatur...

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