Eine Nacht ohne Tabus

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Eine Nacht ohne Tabus will Diplomatentochter Sasha erleben. Auf einem verruchten Maskenball lässt sie sich zu einem One-Night-Stand hinreißen. Erst am nächsten Morgen erkennt sie: Der Mann, mit dem sie die sündigsten Stunden ihres Lebens verbracht hat, ist Jake Eddington, der beste Freund ihres Bruders – und damit tabu!


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548106
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Leseprobe

Zuri Day

Nur eine Nacht ohne Tabus

1. KAPITEL

„Lone Ranger oder Zorro?“

Der berauschende Duft und die laszive Frauenstimme waren so nah, dass ihr feuchter Atem sein Ohrläppchen kitzelte. Jake Eddingtons Körper, ganz in Schwarz gekleidet, kribbelte vor Erregung. Jake liebte den Klang von Frauenstimmen. Ebenso sehr wie all ihre warmen, feuchten Stellen. Er war ein Connaisseur, wenn es um Frauen ging, vor allem für Stimmen. Und für natürliche Brüste, Hintern und schöne Augen, wie die, die ihn gerade ansahen und in ihren Bann zogen, als er sich umdrehte. Braune Augen, die mit goldenen Tupfern gesprenkelt waren und zu ihrem Tigerkostüm passten. Das kurze, eng anliegende Kleid und die darauf abgestimmten Stiefel bis über die Knie betonten ihre zarten Kurven. Tigerohren, ein Schwanz und eine lange, rotgoldene Mähne rundeten das Outfit ab.

Und natürlich eine Maske.

„Was denkst du?“ Während er die Frage stellte, versuchte er bereits, das Gesicht hinter der Maske zu erkennen, die kaum mehr als ihre Augen und ihren Mund zeigte. Jake war im nahe gelegenen Point du Sable aufgewachsen, einer ausgesprochen gehobenen Gemeinde, in der die meisten Partygäste lebten oder aufgewachsen waren. Er war ein bekanntes Gesicht in der elitären Partyszene Chicagos. Mit anderen Worten – er kannte fast jede und jeden. Doch das, was er von dieser Femme fatale sehen konnte, kam ihm überhaupt nicht bekannt vor.

Jake nahm sich sofort vor, das zu ändern.

Sie warf ihre Locken zur Seite und schaute ihn nachdenklich an. „Eindeutig Zorro“, stellte sie fest. „Du kommst mir nicht wie jemand vor, der lange alleine ist.“

Ein paar Schritte genügten, um der Tigerin noch näher zu kommen. Jake zögerte nicht.

„Und du bist …?“

Er war ihr nahe genug, um einen weiteren Hauch ihres Parfüms zu erhaschen, ein würziger, blumiger Duft, der ihn noch näher heranlockte. Noch ein Schritt, und sein Mund berührte beinahe ihr Ohr.

„Abgesehen von der verführerischsten Raubkatze, die mir je begegnet ist.“

Sie beugte sich vor, drückte seinen Arm und antwortete ihm mit einem langgezogenen Schurren.

Jakes Mund verzog sich zu einem Lächeln. Gleichzeitig spürte er, wie sich seine Männlichkeit regte. Er erkannte weder ihre Stimme noch die Teile ihres Gesichts, die nicht von der Maske verdeckt wurden. Aber bis jetzt gefiel sie ihm. Und zwar sehr.

Er versuchte noch einmal, mehr über sie herauszufinden. „Wie heißt du?“

„Wir sind auf einer Maskenparty – wieso fragst du mich das?“

„Weil es unangemessen wäre, eine Wildfremde zu küssen.“

„Genauso unangemessen, wie einem Fremden eine Ohrfeige zu verpassen. Aber genau das würde dich so ein Überfall kosten.“

Feurig. Das gefällt mir. Er beschloss, dass diese köstlich aussehenden Lippen eine Ohrfeige wert waren. Das behielt er aber besser für sich.

Jake legte seine großen, kräftigen Hände auf sein Herz und tat so, als hätte sie seinen Stolz verletzt. „Ach, komm schon. Wir tragen bei solchen Partys genau deswegen eine Maske, um uns ganz frei … ausleben zu können. Wenn du schon einmal auf so einer Veranstaltung gewesen wärst, wüsstest du das, also ist das wohl dein erstes Mal.“

Das war eindeutig ein Versuch, mehr über sie herauszufinden. Sie biss aber nicht an. Und faszinierte Jake immer mehr. Er würde sich selbst nicht unbedingt als promiskuitiv bezeichnen, aber wenn er in keiner festen Beziehung war, nutzte er die Gelegenheiten, die sich ihm boten. In den letzten Jahren war es bei diesen Halloween-Partys ziemlich wild zugegangen. Je später es wurde und je mehr Alkohol floss, desto häufiger erlebte man, wie mehr oder weniger entblößte Partygäste mitten auf der Tanzfläche auf Tuchfühlung gingen. Mehr als einmal hatte er die Tür eines der zehn Schlafzimmer der Villa geöffnet und festgestellt, dass ihm jemand zuvorgekommen war. Ihm selbst war das allein deswegen noch nie passiert, weil er die Regel kannte: Vergiss nicht, zuzuschließen. Aufgrund der jüngsten Ereignisse hatte die ehemals unbeschwerte Partyszene einen Dämpfer erhalten, aber er war auf genügend Privatpartys seiner Klienten aus der Profisportlerszene gewesen, um zu wissen, dass Erwachsene immer noch das taten, was Erwachsene eben gerne taten. Jake war zurückhaltend, aber nicht enthaltsam. Und blind war er auch nicht. Er war noch nicht einmal zehn Minuten auf der Party, war noch keine zehn Schritte gegangen und wusste bereits, dass er mit einer der schönsten Frauen des Abends sprach.

„Wenn dein Name tabu ist, was darf ich dann über dich wissen?“ Jake ließ seinen Blick über ihr Kostüm schweifen und nahm dabei ihre natürlich geformten Brüste, ihren flachen Bauch und die schmale Taille wahr. „Allein dein Outfit sagt mir, dass du gefährlich bist. Oder zumindest Lust auf ein Abenteuer hast.“

„Vielleicht.“

„Und wie kann ich dich überzeugen? Ein paar Runden auf der Tanzfläche? Wollen wir uns einen Vorspeisenteller teilen? Im dritten Stock gibt es ein großartiges Spielzimmer. Spielst du gern?“

„Du stellst eine Menge Fragen.“

Sie hatte recht. Jake stellte wirklich viele Fragen. Das war ganz und gar nicht seine Art. In der exklusiven Gesellschaftsschicht, in der Jake verkehrte, waren es häufig die Frauen, die auf Beutefang gingen. Andererseits kam es auch nicht alle Tage vor, dass er mit einer schönen Tigerfrau plauderte. Er beschloss, nicht so streng mit sich zu sein und seine Aufmerksamkeit auf den feinen Leckerbissen vor ihm zu lenken, den er – wenn er seine Karten richtig ausspielte – vielleicht noch vor Ende des Abends vernaschen würde.

„Ich habe das Gefühl, dass das deine erste HalloMask-Party ist. Ich führe dich gern herum.“

„Danke, aber ich bin ein großes Mädchen und kann auf mich selbst aufpassen.“

„Wenn das so ist, verzichte ich auf die Höflichkeitsfloskeln und komme gleich zur Sache, anstatt dir zu erzählen, wie wunderschön du bist und wie sehr ich mein ganzes Leben lang auf eine Frau wie dich gewartet habe. Ich würde nichts lieber tun, als dir dieses Kostüm langsam auszuziehen und zu sehen, ob das, was darunterliegt, so süß schmeckt, wie es von außen aussieht.“

„Ach, so ist das also, ja?“

Ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert und zeigte weder Verlangen noch Verachtung. Dennoch hätte Jake schwören können, dass die Luft um zehn Grad wärmer geworden war. „Genauso ist es.“

Eine Sekunde verging. Noch eine.

„Nicht so voreilig, Zorro.“ Sie schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln und zeigte ihre strahlend weißen Zähne.

Wer war diese Frau? Nach all den Drama-Queens, Goldgräberinnen und Debütantinnen war ihre unbekümmerte Art eine wohltuende Abwechslung. Sie kam definitiv nicht aus Chicago. Die Frauen aus dieser Stadt, die bekannt für ihren bitterkalten Wind war, verströmten nicht diese Art von Leichtigkeit. Jake war nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung, nicht einmal nach etwas Regelmäßigem. Er war allerdings offen für einen One-Night-Stand. Wenn der Sex gut genug war, dann auch für ein ganzes Wochenende. Vor allem, da seine Freiheit nach diesem Wochenende dank Lincoln Trotter sowieso eingeschränkt sein würde. Lincoln, der nicht nur auf dem besten Weg war, einer der reichsten Unternehmer in Washington zu werden, sondern auch als politischer Berater für die Wahlen im nächsten Jahr tätig war, hatte Jake gebeten, auf seine Verlobte Sasha McDowell aufzupassen. Die Tochter der bekannten und einflussreichen McDowell-Familie aus Washington würde nach Chicago kommen, um mit ihrer Patentante eine Benefizveranstaltung zu organisieren. Lincoln hatte seinen Freund und potenziellen Geschäftspartner damit betraut, die gierigen Alphawölfe aus Chicago in Schach zu halten, die Sasha mit Sicherheit früher oder später nachstellen würden. Keine unbedeutende Aufgabe und nicht die Art von Verantwortung, die Jake normalerweise auf sich nehmen würde. Dennoch hatte Jake widerwillig zugestimmt. Wenn dies sein letztes Wochenende als freier Mann bis zum Jahresende sein würde, dann wäre eine Nacht voll wildem, unverfänglichem Sex genau richtig. Aber nicht mehr als das. Keine tiefen Gefühle. Keine Verpflichtungen. Zwanglose Verabredungen waren Jakes Modus Operandi. Sein bester Freund und seine älteren Geschwister waren bereits alle verheiratet. Doch der Gang zum Altar kam für ihn vorerst nicht infrage. Dessen war sich Jake sicher.

Die Tigerfrau wandte sich zum Gehen. Jake wollte nicht, dass sie ging. In diesem Moment ertönte ein bekannter R’n’B-Hit.

„Hast du Lust zu tanzen?“

„Später vielleicht“, rief sie ihm über ihre Schulter zu.

Als sie anmutig davonging, konnte Jake ungehindert ihren reizvollen Hintern bewundern, eindeutig eine ihrer Schokoladenseiten. Ihr Tigerschwanz schwang langsam hin und her. Wie gebannt stand er da, fast wie hypnotisiert, so als ob ein Therapeut ihm einen Zauberstab vorgehalten und dabei von zehn bis eins runtergezählt hätte. Er war schon vor der Party hungrig gewesen und hatte eigentlich geplant, sich direkt auf das wie immer üppige Buffet zu stürzen. Aber eine gewisse Raubkatze hatte in ihm eine andere Art von Appetit geweckt, den er nun unbedingt stillen wollte.

„Wie ich sehe, hast du dich endlich mal an den Dresscode gehalten.“

Jake drehte sich um und entdeckte Claude, einen ehemaligen Klassenkameraden aus der Highschool, der ebenfalls in Point du Sable groß geworden war und heute mit der Langhaarperücke, der dunklen Sonnenbrille und den ausgefallenen Rockerklamotten an Rick James erinnerte.

„Ein bisschen.“

Jake rückte die etwas unbequeme Maske zurecht. Das war einer der Gründe, warum er sich bei den letzten HalloMask-Partys nie die Mühe gemacht hatte, sich zu verkleiden. Bislang war er normalerweise direkt nach der Arbeit auf die Party gegangen. Heute Abend hatte er ein paar Stunden Zeit gehabt, sich zu entspannen, bevor er sich auf den Weg gemacht hatte. Er trug noch immer das legere Business-Outfit ohne Sakko, doch seitdem er die einfache schwarze Maske aufgesetzt hatte, bewegte Jake sich plötzlich ganz anders durch den Raum. Und beim Gespräch mit der Tigerin hatte ihm die Maske definitiv eine Extraportion Selbstvertrauen verliehen, was ihn zu der Überzeugung brachte, dass die Masken vielleicht doch nicht so schlecht waren.

„Die Verkleidungen machen das Ganze interessanter, als ich dachte. Obwohl man bei den meisten Gästen trotzdem erahnen kann, wer sich dahinter verbirgt.“ Er blickte in die Richtung, in die die geheimnisvolle Verführerin gegangen war. „Bis auf eine gewisse Raubkatze, deren Identität mir noch immer ein Rätsel ist.“

„Wenn es nach mir geht, werden wir uns bald näher kennenlernen.“

Claudes Kommentar ärgerte ihn. Eine irrationale Reaktion, aber das ließ sich nicht ändern. Diese Frau hatte etwas an sich, das über die normale Anziehungskraft hinausging, die schöne Frauen auf Jake ausübten. Sie war ihm beinahe vertraut, auch wenn das keinen Sinn ergab. Der Gedanke daran, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war, gefiel ihm ganz und gar nicht. Genauso wenig wie die Vorstellung, dass sie sich nicht mit ihm vergnügen wollen würde.

„Wo ist das Buffet?“, fragte er, um vom Thema abzulenken. „Wie immer auf der ersten Etage?“

Claude schüttelte den Kopf. „Das Essen ist heute Abend auf der zweiten Etage. Der Ablauf wurde wohl wegen des neuen Spiels geändert.“

Jake zog fragend eine Augenbraue hoch. Er war die letzten vier Jahre auf dieser Party gewesen und hatte der Einladung abgesehen von Datum und Uhrzeit wenig Beachtung geschenkt.

„Schnitzeljagd um Mitternacht.“

„Mal was anderes. Hört sich gut an.“ Jakes machte sich auf den Weg zur Treppe, um seinen wieder entfachten Heißhunger zu stillen. Als er die Treppe hinaufging, schmiedete er bereits einen Plan. Er würde zweifellos auf die Jagd gehen und dabei die mysteriöse Tigerfrau ins Visier nehmen.

So ruhig und natürlich, wie es ihre plötzlich puddingweichen Beine und ihr hämmerndes Herz zuließen, bahnte sich Sasha ihren Weg durch das Gedränge. Sie durchquerte ein schick eingerichtetes Wohnzimmer, in dem ein sechs Meter hoher Weihnachtsbaum stand, ging einen mit Kunstwerken gesäumten Flur entlang und betrat eines der vierzehn Badezimmer der prunkvollen Villa. Erst dann ließ sie die Luft entweichen, die sie bis jetzt angehalten hatte, und plumpste auf den mit Fell bezogenen Hocker neben ihr. Keine zehn Minuten auf der Party, und sie hatte bereits ihr Ziel gefunden. Der Mann, der ihr bei der Umsetzung ihres gewagten, etwas lüsternen und völlig untypischen Plans helfen würde, der vor wenigen Tagen Form angenommen hatte. Sasha wollte wissen, wie es sich anfühlte, frei zu sein. Inkognito. Wie es war, in einer Stadt zu wohnen, in der niemand ihren Namen oder ihre Familie kannte. Hier kannte niemand ihren Vater. Niemand wusste von der Last, die auf den Schultern eines jeden Kindes der McDowell-Familie lastete. Nachdem sie einen Monat vor ihrer Abreise aus Washington heimlich ihre Verlobung aufgelöst hatte, wollte Sasha ihre persönliche Fantasie ausleben und eine hemmungslose, unverbindliche Nacht mit einem Mann verbringen, zu dem sie sich ausschließlich körperlich hingezogen fühlte.

Diese Art der Intimität hatte sie nicht mehr erlebt, seit sie mit Lincoln zusammengekommen war. Der Sex mit ihm war durchschnittlich, vorhersehbar und meist unbefriedigend für Sasha. Lincolns Künste im Bett waren ungefähr so konservativ wie seine politischen Überzeugungen. Das eine Mal, als sie Oralsex vorgeschlagen hatte, war er so entsetzt gewesen, dass man hätte meinen können, sie hätte gefragt, ob sie seinen Penis abbeißen dürfe. Der Doggy-Style war das Unanständigste, was er sich vorstellen konnte. Wie wäre es, eine der Frauen aus den Liebesromanen zu sein, die sie und ihre Freundinnen in der Schule verschlungen hatten? Bis zum Orgasmus getrieben zu werden, danach zitternd und ausgelaugt vom Rausch der Lust zu sein? Gab es so etwas wirklich nur in Büchern und Filmen?

Sasha wollte es wissen und hatte das Gefühl, dass eine Party wie diese ihre Chance war, es herauszufinden. Reign, die Schwester von Lincolns gutem Freund Jake Eddington, hatte ihr kürzlich bei einem Telefonat von der HalloMask-Party erzählt. Sie hatte verschwörerisch gelacht, als sie Sasha einige der wilden Geschichten auftischte, die sich dort ereignet hatten. Sobald sie aufgelegt hatte, schmiedete Sasha einen Plan und begann, ihn so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen, bevor die Vernunft siegte und sie es sich anders überlegte. Der Plan ging auf. Jetzt war sie hier, mit weichen Knien und einer feuchten Yoni, und fantasierte davon, wie sie Zorro in ihr Bett locken konnte.

Es gab einen Mann, um den sie einen Bogen machen musste – Jake, der während ihres Aufenthalts in Point du Sable zweifelsohne Lincolns Auge und Ohr sein würde. Nicht, dass sie ihn nicht sehen wollte. Ganz im Gegenteil. Wenn sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen könnte, dann wäre er Teil ihrer Sex-Eskapade. Aber um die Gründe aufzuzählen, warum Jake tabu war, bräuchte sie mehr als nur zwei Hände. Trotzdem hatte sie seit der Einladung ihrer Patentante, sie in Chicago zu besuchen, darüber nachgedacht, wie sie Jake näherkommen könnte. Das war keine leichte Aufgabe angesichts seiner Beziehung zu Lincoln und schien beinahe unmöglich, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Ex-Verlobter ausgerechnet den Mann gebeten hatte, ihr Beschützer zu sein und potenzielle Verehrer fernzuhalten, den sie sexuell begehrte. Dass sie sich heimlich getrennt hatten, spielte keine Rolle. Sasha wusste, warum Lincoln ihre Entscheidung so gelassen aufgenommen hatte. Er dachte, dass es dieses Mal so sein würde wie immer. Dass sie es sich nach ein oder zwei Monaten anders überlegen würde. Da irrte er sich, denn das würde dieses Mal nicht passieren. Sobald die Feiertage vorbei waren, würde sie die Trennung bekannt geben. Dann würde es auch ihr Ex-Verlobter begreifen.

Ihr Verlangen nach Jake spielte keine Rolle, besonders heute Abend nicht. Laut Reign war die Wahrscheinlichkeit, dass er hier sein würde, sehr gering. Die Party fand am selben Abend statt wie ein Footballspiel, das er sich so gut wie nie entgehen ließ – die Bears, eine Mannschaft, in der mehrere von Jakes Klienten spielten, traten gegen ein bekanntes, rivalisierendes Team an. „Und wenn er doch auftaucht“, hatte Reign gesagt, „wird er definitiv keine Maske tragen.“

„Warum nicht?“

„Ich vermute, weil mein eingebildeter Bruder nicht will, dass sein ach-so-gut-aussehendes Gesicht verdeckt wird. Er verkleidet sich normalerweise nicht.“

Sasha hatte gleich zu Beginn einen schnellen Rundgang durch alle drei Etagen gemacht. Es gab mehrere Männer ohne Maske. Jake war nicht dabei. Seine Abwesenheit war zumindest in diesem Moment eine große Erleichterung für Sasha und gab ihr die notwendige Freiheit, diese neue, abenteuerlustige Version ihrer selbst zu sein. Nur so konnte sie auf einen Fremden zugehen und schamlos mit ihm flirten, ohne fürchten zu müssen, dass sie jemand sah und Lincoln davon erzählte. Oder ihren Brüdern. Oder ihren Eltern.

Sasha verscheuchte die Gedanken an ihren Ex, ihre Familie und Washington und konzentrierte sich darauf, was jetzt zu tun war. Du hast ihn gefunden, deinen Lover für die Nacht. Was jetzt?

Gute Frage. Zum ersten Mal, seit sie diesen verrückten Einfall hatte, nahm sie sich die Zeit, um darüber nachzudenken, was sie hier eigentlich machte. Und wie vernünftig es war, heimlich einen völlig Fremden zu verführen und eine Gelegenheit zu nutzen, die sich so vielleicht nie wieder ergeben würde.

Damals hatte sich die Idee gut angehört. In ihrem Kopf. In ihrem sicheren, gemütlichen Schlafzimmer in einem Vorort von Washington, D. C. Reign hatte Sasha angerufen, um ihr zu sagen, dass sie nicht da sein würde, um Sasha in Empfang zu nehmen, wenn sie am Sonntagmorgen landete. Reign musste wegen der kurzfristigen Absage eines Models spontan an die Westküste fliegen und einer befreundeten Modedesignerin aus der Patsche helfen. Im Gespräch erwähnte Reign beiläufig etwas anderes, das ihr entgehen würde: die HalloMask-Party, eine Pflichtveranstaltung für die Chicagoer Elite. Aufwendige Kostüme wären ein absolutes Muss, hatte Reign erklärt, um die eigene Identität in einem Raum voller Menschen geheim zu halten, sie sich sehr gut kannten. Das war Teil der Herausforderung des Abends, um zu sehen, wer am längsten unerkannt blieb, obwohl Reign zugegeben hatte, dass die meisten Identitäten noch vor Ende des Abends aufgedeckt wurden.

Es war eine sehr private Angelegenheit. Dennoch war es einfach, die nötigen Details zu erfragen. Angetan von ihrer Idee hatte Reign ihr alles über die protzige Villa, die detaillierte Einladung und den vierstelligen Zugangscode erzählt, den nur die Gäste kannten. Sie kannte die Eddington-Familie gut und würde offiziell erst Sonntag in Chicago landen. Was konnte es schon schaden? Und schon nahm ihr Plan Gestalt an. Sie würde etwas Kühnes, etwas Untypisches tun und die Rolle ablegen, an die sie als die Tochter eines Botschafters und prominenten Insiders im US-Kongress gefesselt war. Sie stand unter ständiger Beobachtung. Soweit sie sich erinnern konnte, wurde jeder ihrer Schritte überwacht. Ihr Leben wurde sorgfältig für sie geplant, um mögliche Skandale zu vermeiden. Ihre Kleidung, Schulbildung, bis hin zu ihrem Liebesleben. Sogar ihren Verlobten hatten ihre Eltern ausgesucht und abgesegnet, weswegen die Trennung auch nach einem Monat noch streng geheim war. Lincoln hatte sie gebeten, diese Neuigkeit geheim zu halten. „Bis du aus Chicago zurückkommst“, hatte er hinzugefügt, sicherlich im Glauben, dass sie es sich anders überlegen würde. Schließlich war es immer so gewesen, wenn sie versucht hatte, die Beziehung, die sich für sie nie wirklich richtig angefühlt hatte, zu beenden. Dieses Mal war es anders, denn Sasha hatte sich verändert. Dennoch willigte sie ein, mit der Bekanntgabe der Neuigkeiten zu warten. Einerseits, weil er sie darum gebeten hatte, aber auch, weil sie nicht gerade scharf darauf war, einen Familienstreit auszulösen und allen die Feiertage zu verderben.

Weniger als eine Stunde nach ihrem Telefonat mit Reign hatte Sasha bereits ihre Flüge umgebucht, einen Fahrdienst bestellt und ein Zimmer in einem gehobenen Hotel in Chicago reserviert. Dann rief sie ihre Patentante an, um ihr zu sagen, dass sie nicht vom Flughafen abgeholt werden müsse und sie sich beim geplanten Brunch mit der Eddington-Familie sehen würden. Ihr Ex-Verlobter hatte die Planänderung nicht hinterfragt, und ihre Eltern wussten nichts davon. Sie liebten und vertrauten Lincoln und gingen davon aus, dass Sasha die Nacht vor ihrem Abflug bei ihm verbringen würde. Dass dem nicht so sein könnte, würde ihren Eltern nicht im Traum einfallen. Für sie war Sasha immer noch die schüchterne, behütete Internatsschülerin, die sich an die Regeln hielt, und nicht die selbstbewusste, wagemutige vierundzwanzigjährige Frau, die einst ihren damaligen Freund in die Mädchenschule in der Schweiz geschmuggelt hatte oder allein durch Europa gereist war, um eine Wette zu gewinnen.

Es verlief alles nach Plan. Sie war in Chicago angekommen, hatte im Hotel eingecheckt und sich umgezogen. Danach hatte sie sich in das schicke Viertel chauffieren lassen, in dem die Party stattfand. Lediglich beim Eintippen des Codes verspürte sie einen kleinen Anflug von Panik. Doch als hinter der Tür die Menschenmenge zu sehen war und die Musik, das Gelächter und der Geruch von fabelhaftem Essen auf sie einströmten, war Sasha in ihrem Element. Sie hatte sich zunächst mit der Location vertraut gemacht und ihn dann entdeckt. Zorro. Die pure Verkörperung einer jeden Frauenfantasie. Sofort verspürte sie das Kribbeln einer ganzen Schar von Schmetterlingen in ihrem Bauch. In diesem Moment wusste sie, dass er der Richtige war. Es war ausgeschlossen, dass ein Mann, der sie binnen Sekunden zum Dahinschmelzen brachte, ohne sie auch nur berührt zu haben, nicht auch verdammt gut im Bett war.

Es gab nur eine Sache, die noch beängstigender war, als solch einen verrückten Plan zu schmieden: ihn in die Tat umzusetzen.

Jemand rüttelte an der Türklinke und riss Sasha aus ihren Gedanken. „Eine Sekunde!“

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