Die Nanny und der Playboy-Boss

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Ein Findelbaby stellt Desmonds sorgloses Playboyleben auf den Kopf. Zwar engagiert er die schöne Studentin Ivy als Nanny. Doch ausgerechnet Ivy weckt zum ersten Mal nicht nur sinnliche, sondern auch gefährlich romantische Sehnsucht in ihm …


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548083
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Leseprobe

Zuri Day

Die Nanny und der Playboy-Boss

1. KAPITEL

„Au revoir, Desmond. À bientôt.“

„Oui, mon amour, Penelope“, antwortete Desmond mit betont tiefer Bassstimme. „Ja, ich werde euch alle sehr bald wiedersehen.“

„Oui, oui.“ Ihr sanftes, verführerisches Lachen drang durch den Hörer, setzte sich in seiner Leistengegend fest und beendete damit den langen Tag des Geschäftsführers Desmond Eddington. Es war eine anstrengende, aber produktive Woche gewesen. In den letzten drei Monaten war er so sehr damit beschäftigt gewesen, das neueste Angebot des Unternehmens zu überwachen, die einzigartige Kryptowährung von Eddington Enterprise, E-Squared, dass sein Liebesleben schwer gelitten hatte. Es existierte praktisch nicht mehr. Ein unerwartetes Wochenendtreffen mit einer seiner Lieblingsgeliebten aus der ganzen Welt war die perfekte Art zu feiern. Die Aussicht war so aufregend, dass Desmond beschloss, nicht noch mal nach Hause zu fahren und eine Tasche für die Nacht zu packen. Nachdem er einige Berichte und sein Tablet in eine leichte Aktentasche gesteckt und Penelopes Namen auf die Gästeliste für die morgige Feier zum fünfundsiebzigsten Geburtstag seiner Großmutter gesetzt hatte, verließ er sein Büro.

„Packen Sie zusammen, Janice. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.“

Seine Sekretärin, eine ältere Frau mit Brille, tippte konzentriert weiter, den Blick auf den Monitor gerichtet. „Es ist erst vier Uhr.“

„Starten Sie früh ins Wochenende. Es war eine lange Woche.“

Sie hörte auf zu tippen und blickte über den Rand ihrer halbmondförmigen Brille. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Desmond lachte herzhaft. Bei einem Workaholic wie ihm war die Frage durchaus berechtigt. Er drückte ihr die Schulter und ging in Richtung Aufzüge.

„Ich fühle mich großartig! So gut wie schon lange nicht mehr!“ Er erreichte den Aufzug und drehte sich noch einmal um. „So gut, dass ich Sie erst am Montagmittag wiedersehen möchte.“

„Wow, was?“

Penelope hatte einen gesunden sexuellen Appetit, und für ihn war es eine Weile her. Angesichts der Tatsache, dass ihr Flug erst am Montagabend ging, könnte Desmond vielleicht auch ein wenig mehr Freizeit gut gebrauchen.

„Sie haben mich verstanden.“

„Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?“

Lachend stieg er in den Fahrstuhl. „Genießen Sie das Wochenende!“

Desmond, der aussah wie das männliche Covermodel eines Modemagazins, durchquerte die Haupthalle des Bürogebäudes und verließ das Gebäude genau in dem Moment, als sein Wagen vorgefahren wurde.

Der junge Mann, der trotz der immer kälter werdenden Januarluft in Illinois nur seine schwarz-goldene Uniform trug, verbeugte sich leicht, als er aus dem Wagen stieg und die Tür aufhielt. „Guten Abend, Sir.“

„Wo ist Ihr Mantel?“, fragte Desmond und reichte ihm den italienischen Ledertrenchcoat, den er über dem Arm trug, damit er ihn auf den Rücksitz legte.

„Passt nicht zur Uniform“, erwiderte der Junge.

Desmonds unerwartetes, aber willkommenes Date heute Abend war zu heiß, als dass ihm die Kälte etwas anhaben konnte. Der prognostizierte neunstellige Gewinn für das erste Quartal, der durch den erfolgreichen Vorstoß des Unternehmens in die Kryptowährung noch gesteigert wurde, brachte die Branche zum Kochen. Dass es in dem schwarzen Bugatti mit der platinsilbernen Lackierung wohlig warm war, tat auch nicht weh. Beruflich und privat lief es gerade bestens!

„Bei diesem Wetter sollten Sie einen Mantel tragen“, sagte Desmond, griff in seine Hosentasche, zog eine Geldklammer heraus und überreichte dem überraschten Angestellten zwei Hundert-Dollar-Scheine. „Kaufen Sie sich bis Montag einen. Aus Wolle. Schwarz.“

Er ließ sich auf dem beheizten Ledersitz nieder und rieb sich rasch die Hände.

„Ja, Sir. Vielen Dank, Mr. Eddington. Genießen Sie das Wochenende.“

„Genau das habe ich vor.“ Desmond startete sein metallenes Ungetüm und rollte vom Parkplatz. Leichter Schnee bedeckte die gepflegten Straßen von Point du Sable, einem äußerst exklusiven Viertel am Rande des Michigansees, nur einen Steinwurf von der Stadtgrenze Chicagos entfernt. Desmond nahm es kaum wahr. Seine Gedanken kreisten um Penelope, der erotischen Frau aus Paris, die ihn ein Jahr zuvor während einer spontanen Reise zur Fashion Week in die berühmte Stadt der Lichter verzaubert hatte. Sie war ein verführerisches Model und eine gewandte Gesprächspartnerin, eine hervorragende Begleitung während der privaten After-Party des Designers, bei dem sie die Nacht und einen Teil des Morgens auf der beheizten Terrasse der Villa und später im Boudoir durchgetanzt hatten. Ein voller Terminkalender und der Ozean zwischen ihnen machten Dates schwierig, aber sie blieben über soziale Medien, Telefonate und gelegentliche Treffen auf den zahlreichen Spielplätzen der Reichen auf der ganzen Welt in Kontakt. Das letzte Mal hatte Desmond sie in Südafrika auf der Hochzeit eines Prinzen gesehen. Heute Abend war sie in Chicago und gab ihr Schauspieldebüt in einem Projekt, über das sie beim Dinner mehr erzählen wollte. Zum Dessert sollte es sie selbst geben, so hatte sie ihm versprochen. Desmond erreichte eine Ampel. Statt sich links in Richtung Eddington Estate einzuordnen, nahm er die rechte Spur in Richtung Schnellstraße nach Chicago. In dem Moment klingelte sein Handy. Es war Chauncey, der Hausverwalter, Hüter der Geheimnisse, der allgegenwärtige Beschützer der Familie Eddington.

„Was gibt’s, Chauncey?“

„Guten Abend, Sir. Ich habe versucht, Sie im Büro zu erreichen. Sind Sie auf dem Weg nach Hause?“

„Nein, bin ich nicht.“

Eine kurze Pause, dann: „Sie müssen nach Hause kommen, Sir, und zwar sofort.“

„Warum?“

„Es ist eine ziemlich heikle Angelegenheit, Desmond, die wir am besten persönlich besprechen.“

„Worum geht es?“

„Eine an Sie adressierte Lieferung, Sir.“

War das alles? Die Ampel sprang auf Grün. Desmond gab Gas.

„Was ist daran so heikel? Ich bin auf dem Weg nach Chicago und werde wahrscheinlich übers Wochenende weg sein. Lassen Sie die Kiste an die Seitentür stellen oder in die Garage, falls das Wetter dies erfordert.“

„Sir, dieses Paket erfordert Ihre dringende und sofortige Beachtung.“

Desmond stieß einen leisen Seufzer aus. Chaunceys Hingabe und Liebe zum Detail trugen dazu bei, dass das Familienanwesen so gut lief. Aber manchmal konnten die Besorgnis und der übertriebene Beschützerinstinkt des Angestellten, der die Familie kannte, seit Desmonds Vater Derrick ein kleiner Junge war, erdrückend sein.

„Chauncey, ich bin sicher, Sie schaffen es.“

„Nein, Sir. Diese Lieferung ist eine Nummer zu groß für mich.“

„Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie das Paket geöffnet?“

„Es ist eine Kiste, und ja, ich habe sie geöffnet.“

„Also, was ist in der Kiste?“ Desmond überholte einen Wagen.

„Chauncey? Haben Sie mich gehört? Was ist in der Kiste?“

Chauncey räusperte sich. „Ein Baby, Sir.“

Wäre dies ein Film gewesen, hätte dieser Moment einen quietschenden Soundeffekt erfordert. Desmond aber trat vorsichtig auf die Bremse. Offensichtlich hatte das schnelle Fahren sein Gehör geschädigt. Seine Finger krampften sich um das Lenkrad.

„Ein was?“

„Ein weiblicher Säugling. Laut Bernice etwa einen Monat alt.“

Bernice war Chaunceys geliebte Frau und verantwortlich für das Housekeeping.

„An mich adressiert?“

„Und ein versiegelter Umschlag, auf dem auch Ihr Name steht.“

„Von wem?“

„Auf dem Absender steht nur ein Firmenname – Acting UP, LLC.“

Shelly.

„Das Paket wurde vor etwa dreißig Minuten von einem jungen Fahrer in Uniform abgegeben. Er fuhr einen unauffälligen weißen Lieferwagen. Aber wir haben es erst vor zehn Minuten geöffnet, als das Baby, das wahrscheinlich geschlafen hatte, aufwachte und zu schreien begann.“

Während Chauncey sprach, überquerte Desmond drei Fahrspuren, um die nächste Ausfahrt zu nehmen. Er raste zurück nach Point du Sable. Er war keine zehn Minuten mehr vom Eddington Estate entfernt, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. Der Einzige, der ihm in der Fülle der Gedanken, die ihm seit Chaunceys Anruf durch den Kopf gegangen waren, einen Sinn ergab. Das Baby vor seiner Tür musste ein Scherz sein. Ein Scherz, der zweifellos dem Geist seines jüngeren Bruders Jake entsprungen war. Hatte Jake nicht gerade letzte Woche, als sie Jakes besten Freund Cayden und dessen schwangere Frau besucht hatten, Desmond damit aufgezogen, dass er der Nächste in der Reihe der Ehemänner/Väter sein würde? Desmond entspannte sich, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er war versucht, umzukehren und wieder in Richtung Chicago zu fahren. Aber da er schon fast zu Hause war, entschied er sich, Chauncey und das Personal persönlich von ihren Ängsten zu befreien und dann ein paar Toilettenartikel und andere persönliche Dinge für das bevorstehende vergnügliche Wochenende einzupacken.

Natürlich steckte Jake hinter diesem Wahnsinn. Dieser Mistkerl nervte ihn, seit er laufen konnte. Entweder er oder sein bester Freund Cayden. Desmond tippte auf das Telefonsymbol auf seinem Lenkrad und rief im Büro an.

„Jake Eddington.“

„Verdammt, Jake. Netter Versuch, aber nicht witzig.“

„Wovon sprichst du?“

Desmonds Handy klingelte. Penelope. Gut, dass er damit gewartet hatte, sie anzurufen und das Wochenende abzusagen. Ihre Verabredung konnte wie geplant stattfinden.

„Bleib dran, Jake.“ Er tippte auf das Symbol. „Un moment, chéri.“

Dann wieder Jake. „Woher hast du das Baby?“

„Baby? Welches Baby?“

Scheiße! Desmond blickte auf das Display. Der Anruf hatte nicht umgeschaltet. Penelope war noch in der Leitung. Er schlug sich gegen die Stirn und fluchte innerlich.

„Je suis ton bébé. Me suis-je pas?“

Desmond stellte sich vor, wie diese weichen Kusslippen schmollten, und schüttelte den Kopf bei dem Gedanken, dass sein heißes Date mit Penelope schneller zu verblassen schien als unsichtbare Tinte. „Natürlich, du bist mein Baby“, antwortete er und setzte das Gespräch in fehlerfreiem Französisch fort.

„Bist du schon unterwegs?“

„Bald. Es gibt einen kleinen Notfall, um den ich mich kümmern muss.“

„Aber du kommst doch, oder?“

„Auf jeden Fall. Ich habe vor, mehr als ein Mal zu kommen.“

„Oh, du böser Junge.“ Ein Lächeln ersetzte das Schmollen in ihrer Stimme. „Für sieben Uhr ist ein Tisch reserviert.“

„Ich werde da sein.“

Desmond beendete den Anruf und überprüfte das Display, um sicher zu sein, dass Jake und nicht Penelope in der Leitung war. Er schaffte es sogar, über den verrückten Streich seines Bruders zu lächeln.

„Hör zu, Bruder, es war ein ausgeklügelter Plan. Ein Kind zu finden und es zu mir nach Hause bringen zu lassen. Wild und verrückt, selbst für dich, und ich weiß die Mühe zu schätzen. Trotzdem, meine Wette von letzter Woche steht. Du wirst vor mir Vater werden, und wenn es bei mir mal so weit ist, dann wird mein Kind definitiv nicht per Post geliefert. Hol das Kind ab, und bring es zu seiner Mutter zurück.“

Eine Sekunde verging.

Dann fünf weitere.

„Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst.“

Desmonds Lächeln erlosch. „Komm schon, Mann. Wir sind zu alt für solche Spielchen.“

„Desmond, ich weiß wirklich nichts von diesem Baby.“

„Mann, du bist richtig gut. Ich könnte dir fast glauben.“

„Ich schwöre bei Gott, Des. Ich bin seit sieben Uhr heute Morgen im Büro und werde hier vermutlich auch noch eine ganze Zeit bleiben.“

„Wo ist Cayden?“

„Er und Avery sind heute Morgen ganz spontan nach Kalifornien gereist.“

Das bedeutete, dass Shelly, seine langjährige Freundin mit gewissen Vorzügen, die Schuldige war? Sie hatten in letzter Zeit nicht oft miteinander gesprochen und sich auch nicht mehr gesehen, seit sie plötzlich ihre Sachen gepackt hatte und nach Hollywood gegangen war, um, wie sie gesagt hatte, eine A-List-Schauspielerin zu werden. Das war vor etwa … neun oder zehn Monaten gewesen. Die Erinnerungen an ihre letzte gemeinsame Zeit begannen, sich wie ein Film in seinem Kopf abzuspielen. Als Desmond sich dem Wachhäuschen am imposanten schmiedeeisernen Tor des Familienanwesens näherte, machte sich ein Gefühl des Grauens in seiner Magengrube breit. Wenn das, was noch vor wenigen Sekunden unmöglich schien, jetzt plötzlich möglich wurde, war Desmond Eddington dabei, mehr als eine Wette zu verlieren.

2. KAPITEL

Ivy jonglierte mit einer Tüte Salatbeilagen, während sie versuchte, das klingelnde Telefon aus ihrer Handtasche zu ziehen, die gefährlich von ihrer Schulter baumelte. Kurz bevor sie die Tür erreichte, die von der Garage in die Küche führte, hielt sie es in der Hand.

„Hallo?“

„Ivy Marie Campbell. Wow. Ich bin so froh, dass ich Sie erreiche.“

„Hey, Lynn. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen. Warten Sie kurz.“ Ivy öffnete die Tür. Sie hielt das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, während sie durch den Hauswirtschaftsraum ging, im Flur die Überbleibsel der letzten Einkaufsorgie ihrer Mutter umschiffte und ihre Einkäufe auf den Küchentisch stellte.

Ihre Mutter, Helen, schrie über den Ton der Fernsehsendung hinweg, die sie sich gerade ansah. „Wird aber auch Zeit, dass du nach Hause kommst. Musste für den Burger erst eine Kuh geschlachtet werden?“

Oh, Mist. „Einen Moment noch, Lynn. Nicht auflegen!“

Ivy drückte auf die Stummtaste und ging ins Wohnzimmer. „Tut mir leid, Mom. Nachdem ich mich durch die lange Schlange bei der Zulassungsstelle gekämpft hatte und endlich im Lebensmittelladen war, habe ich deinen Burger ganz vergessen. Aber ich mache dir einen Salat mit gebratenem Hühnchen. Wie klingt das?“

„Wie etwas, das ich nicht essen will“, erwiderte Helen mürrisch.

„Ich gehe noch mal los und hole dir einen Burger.“

„Schon gut. Mach mir einfach ein Hühnchensandwich mit Mayo und einer Scheibe Käse. Und bring mir ein Mineralwasser und eine Tüte Chips mit.“

„Natürlich, Mom.“ Ivy hob die Stummschaltung auf. „Lynn, kann ich Sie gleich zurückrufen?“

„Dies kann nicht warten. Ich habe einen Job, und Sie werden sofort gebraucht.“

„Wirklich? Okay, warten Sie.“

Die letzten drei Monate im Haus ihrer Mutter hatten Ivy daran erinnert, warum sie froh gewesen war, von dort wegzukommen. Helen war immer noch die verbitterte, fordernde, undankbare Frau, die sie großgezogen hatte. Während des Studiums nach ihren eigenen Regeln zu leben, weg von der Negativität, hatte Ivy eine neue Sicht aufs Leben gegeben. Die Begegnung mit Gerald hatte sich wie ein weiterer wunderbarer Neuanfang angefühlt. Doch dann geschah eine Tragödie. Ihre Welt stand Kopf. Aber trotz des schrecklichen Unfalls, der ihr die Liebe ihres Lebens nahm, und trotz der Tatsache, dass das Haus ihrer Mutter eine Art Versteck vor denen war, die ihr Böses wollten, konnte sie es kaum erwarten, wieder auszuziehen. Je schneller sie einen Job hatte, desto schneller konnte es geschehen.

„Eine Sekunde, Mom. Ich mach dir ein Sandwich, wenn ich mit dem Telefonat fertig bin.“

Ivy eilte in das Gästezimmer, das ihr Zufluchtsort geworden war, und zog leise die Tür hinter sich zu.

„Okay, Lynn, danke fürs Warten.“ Sie schaltete das Telefon auf Lautsprecher. „Ich habe vielleicht einen Job?“

„Keinen Job, eine berufliche Karriere, die Ihr Einkommen für die nächsten achtzehn Jahre sichern könnte. Wie schnell können Sie in meinem Büro sein?“

Ivy sah auf die Uhr. Es war nach sieben Uhr an einem Freitagabend. „Ich kann gleich am Montagmorgen vorbeikommen. Wann öffnen Sie?“

„Um acht, aber ich brauche Sie jetzt hier. Diese Stelle muss sofort besetzt werden. Wann kann ich Sie also erwarten?“

„Ich bin schon unterwegs.“

Neunzig Minuten nach dem Anruf und einem hastig zubereiteten Sandwich, und dreißig Minuten, nachdem sie Lynns Büro verlassen hatte, nahm Ivy die Ausfahrt nach Point du Sable, einer noblen, sehr exklusiven Stadt nördlich von Chicago, in der einige der reichsten Bewohner des Staates lebten. Sie war immer noch überwältigt von der schnellen Abfolge der Ereignisse, die dazu geführt hatten, dass sie sich bei einer Familie wie den Eddingtons vorstellen sollte. Die Familie hatte zwar keinen Promistatus, und ob man nun reich genug war, um ihre Finanzdienstleistungen in Anspruch zu nehmen oder nicht, die meisten Menschen in Illinois wussten zumindest, wer die Eddingtons waren. Ivy wusste es auf jeden Fall. Wie viele andere Frauen war sie von den Bildern des stattlichen und gut aussehenden Derrick Eddington fasziniert, und noch mehr von seinen beiden Söhnen Jake und Desmond. Und wie die meisten dieser Frauen war sie davon ausgegangen, dass sie diesen Männern nur in ihrer Fantasie, nicht aber in der Wirklichkeit begegnen würde. Aber jetzt befand sie sich auf dem Weg zu Desmonds Haus, um die Familie kennenzulernen und sich als Nanny für ein Kind vorzustellen. Sein Kind, wie sie vermutete. Von Lynn hatte sie nicht viel darüber erfahren.

Sie erreichte ein Wachhaus neben einem imposanten schmiedeeisernen Tor, der breiten Einfahrt zu einer Ansammlung von Häusern – Villen, wie Lynn sagte –, die in ihrer Gesamtheit das Eddington Estate genannt wurden. Ein uniformierter Mann mit der Attitüde eines Militärgenerals öffnete sein Fenster. Sie ließ ihres herunter, und ein eisiger Luftzug wehte herein.

„Guten Abend. Kann ich Ihnen helfen?“

„Ja, ich bin Ivy Campbell und möchte zu Desmond Eddington.“

„Würden Sie sich bitte ausweisen?“

„Sicher.“ Ivy kramte ihren Führerschein aus der Brieftasche und reichte ihn ihm.

„Einen Moment, bitte.“

Ivy beobachtete, wie der Mann einen Anruf tätigte, während er ihren Führerschein kopierte. Es war nicht das erste Mal, dass sie in eine gesicherte Wohnanlage kam, und sie wusste, dass solche Handlungen normal waren, aber es fühlte sich dennoch wie eine Verletzung ihrer Privatsphäre an.

Er kehrte ans Fenster zurück und hielt ihr den Führerschein hin.

Sie nahm ihn.

„Die Wegbeschreibung zu dem Haus, zu dem Sie wollen, wurde über ein internes Navigationssystem auf Ihr Handy geschickt. Tippen Sie einfach auf den Link, und folgen Sie den Anweisungen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

Sie zückte ihr Handy. Mit einem Ping kündigte sich die eingehende SMS an. Majestätisch öffnete sich das schmiedeeiserne Tor. Ihre Finger umklammerten das Lenkrad, als sie aus der Zivilisation in ein irdisches Paradies fuhr. Alles erfüllte sie mit Ehrfurcht. Jedes Haus, das sie sah, war prächtiger als das vorherige. Als sie Desmonds Adresse erreichte, stockte ihr der Atem beim Anblick des modernen mehrstöckigen Meisterwerks auf einem Hügel. Ivy hatte Lynns Empfehlung, beim Vorstellungsgespräch ein Kostüm zu tragen, für übertrieben gehalten. Sie bewarb sich als Kindermädchen, nicht für eine Führungsposition bei Eddington Enterprise. Aber jetzt gab ihr das marineblaue Kostüm, das sie mit einem weißen Kaschmirpullover kombiniert hatte, Selbstvertrauen.

Sie folgte den Anweisungen des Navigationssystem und steuerte den Parkplatz des Hauses an, vorbei an einer Garage, in die ihrer Schätzung nach mindestens sechs Autos passten. Sie fuhr in die Parklücke, die dem Seiteneingang des Haupthauses am nächsten lag, und ermahnte sich, ruhig zu atmen, während sie versuchte, eine professionelle Haltung einzunehmen. Das war nicht leicht, wenn man sich wie Aschenputtel fühlte, das kurz davorstand, einen Prinzen zu treffen.

Kein Prinz. Kein Date. Dein potenzieller Arbeitgeber. Wahrscheinlich ein verheirateter Mann mit einem Neugeborenen. Konzentrier dich!

Diese Gedanken beruhigten die Schmetterlinge in ihrem Bauch und erinnerten sie daran, dass sie eine Pause von Dates einlegte, vielleicht für immer. Romantische Verwicklungen lagen ihr fern. Ivy überprüfte kurz ihr Make-up im Rückspiegel, schlang sich einen Schal um den Hals, stieg aus und eilte einen von schneebedecktem Immergrün gesäumten Weg hinauf. Gerade als sie eine blattvergoldete Ebenholztür erreichte, wurde diese geöffnet.

„Miss Campbell?“

„Ja.“

„Kommen Sie rein, meine Liebe, und schließen Sie die Tür, bevor wir erfrieren. Ich bin Bernice“, stellte die Frau sich vor und führte sie dann einen Flur mit Schachbrettboden entlang.

„Desmonds Mutter?“

„Ha! Ich hätte kein Problem damit, diesen Titel zu tragen, aber eine Frau namens Mona schon!“

Sie erreichten das Ende des Flurs und betraten ein elegant eingerichtetes Wohnzimmer. Ivy blieb abrupt stehen, als sich fünf Augenpaare auf sie richteten. Bevor sie sich fassen und grüßen konnte, blickte ein Mann, für den die Beschreibung groß, dunkel und gut aussehend fast schon eine Beleidigung war, von seinem Smartphone auf und erhob sich, um sie zu begrüßen. Seinem fast unmerklich prüfenden Blick folgte ein kurzes Lächeln, das wie ein Pfeil direkt in ihr Herz schoss und eine Wärme auslöste, die die Kälte des Winters vertrieb und ihr eine Gänsehaut bescherte.

„Hallo, ich bin Desmond Eddington.“

„Ivy Campbell.“

„Danke, dass Sie so kurzfristig kommen konnten.“

Ivy schüttelte die ausgestreckte Hand und antwortete mit einem „Gern geschehen“ oder „Kein Problem“ oder so ähnlich. Zumindest hoffte sie das. Als sie in seine funkelnden tiefbraunen Augen mit den langen Wimpern blickte, vergaß sie, dass Englisch ihre Muttersprache war. Die Denkerin, die zu Pragmatismus neigte, machte einer Frau Platz, die in Sekundenschnelle der Lust verfallen war.

Zwei Dinge wurden Ivy sofort klar. Erstens: Die Fotos von Desmond im Internet waren zwar fantastisch, aber sie wurden ihm nicht gerecht. Zweitens: Wenn ihr Körper so auf seine Anwesenheit reagierte, dann war das ein Zeichen dafür, dass sie in großen, großen Schwierigkeiten steckte.

„Darf ich Ihnen meine Familie vorstellen?“

Sie folgte Desmond zu einer Sitzecke mit einem Sofa, einem dazu passenden Zweisitzer und zwei teuer aussehenden Sesseln, den einzig freien Plätzen. Auf dem einen hatte Desmond gesessen. Der andere, so vermutete sie, war für sie.

„Ivy, das sind meine Mutter Mona, mein Vater Derrick und meine Schwester Maeve.“

„Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.“

„Und das ist mein Bruder Jake.“

„Angenehm.“

Jack stand auf, schenkte ihr ein breites Grinsen und einen festen Händedruck. „Ich weiß nicht, wie angenehm dies alles ist, aber wir sind definitiv froh, Sie zu sehen.“

Dafür erntete er ein „ts, ts“ von Mona. „Benimm dich.“

„Das ist Chauncey, die eine Hälfte des Duos, das sich mit einem Team um dieses Anwesen kümmert.“

„Und ich bin die andere Hälfte“, fügte Bernice hinzu, bevor sie sich neben Chauncey setzte.

„Nehmen Sie bitte Platz, Ivy.“

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