Wehrlos vor Sehnsucht nach dir

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Niemals wollte ich heiraten, und schon gar nicht Vincenzo Argenti! Den berüchtigten Mafiaboss, der als Wolf von Sizilien bekannt ist. Doch dann werde ich von seinen Leuten entführt und zur Heirat mit dem Mann aus meinen düstersten Albträumen gezwungen. Und muss verblüfft feststellen: Vincenzo ist ganz anders als erwartet. Nicht kalt und grausam, sondern charismatisch, faszinierend und überwältigend sexy. Ich kann mich ihm nicht entziehen! Will ich meine Freiheit zurück – oder bei dem Bezwinger meines Herzens bleiben?


  • Erscheinungstag 10.11.2026
  • Bandnummer 2778
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542227
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jackie Ashenden

Wehrlos vor Sehnsucht nach dir

1. KAPITEL

Caterina

Ich umklammere meinen Brautstrauß aus weißen Calla-Lilien mit schwitzigen Händen, mir ist ganz flau im Magen. In voller Brautmontur stehe ich vor dem Altar, ein trägerloses weißes Seidenkleid mit Volants, dazu ein langer Tüllschleier, gehalten von einem diamantbesetzten Diadem. Sogar mein Vater hat widerstrebend eingeräumt, dass ich zumindest angemessen aussehe. Nicht, dass es mir wichtig wäre, was er denkt.

Ich selbst hasse es. Hasse das alles. Ich war nie die brave, stille Salvatore-Prinzessin, die er sich von mir gewünscht hätte. Ich bin zu eigensinnig, zu heißblütig, zu impulsiv, und ich mag es gar nicht, wenn man mir sagt, was ich zu tun habe – alles nach Ansicht meines Vaters unverzeihliche Charakterfehler bei einer Tochter.

Aber heute ist meine Hochzeit, und ich muss meine Rolle spielen, egal, wie sehr ich es hasse. Wie mein Vater mir immer wieder eingebläut hat, muss ich den Tod meiner Mutter und meines Bruders irgendwie wiedergutmachen. Alles zum Wohl der Familie.

Die Kathedrale ist voller Menschen. Meine eigene Familie, die Salvatores, aber auch die Familien all unserer Verbündeten und natürlich die Familie meines Bräutigams, Carlo Bianchi. Unsere Verbindung wurde schon vor Jahren arrangiert, von meinem und Carlos Vater, als ich noch minderjährig war, und die meiste Zeit hatte ich einfach verdrängt, dass ich Papàs wichtigstes Faustpfand in seinen Machtspielen war. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mein Geschichtsstudium an einer Fernuniversität abzuschließen und über mögliche Jobs danach nachzudenken.

Aber mein Vater hatte natürlich andere Pläne. Es sei für mich an der Zeit zu heiraten, erklärte er mir. Unser verhasster Feind, der Wolf von Sizilien, alias Vincenzo Argenti, Oberhaupt der Argenti-Familie, würde immer mächtiger werden, und wenn wir überleben wollten, müssten wir uns mit so vielen Familien wie möglich verbünden. Eine Heirat sei der beste Weg, das zu tun.

Ich habe nichts gegen Carlo, meinen Bräutigam, aber ich kenne ihn kaum, und ich vermute, ihm geht es mit mir genauso. Allerdings haben wir beide keine Wahl. In unseren Familien, in der cosa nostra, steht die Pflicht an erster Stelle. Weigerung ist keine Option. So war es immer, und meine persönlichen Gefühle tun nichts zur Sache.

Das Raunen und Rumoren in den Bänken hinter mir verstummt. Mein Bauch krampft sich zusammen, als der Priester mich anblickt. Bestimmt sieht er, wie blass ich hinter meinem Schleier bin, aber er kann nichts für mich tun. Keiner kann mir helfen. Meine Familie, die Salvatores, war einmal mächtig, aber vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, wurden meine Mutter und mein älterer Bruder bei einem Attentat der Argentis getötet, mein Vater überlebte schwer verletzt. Seitdem versucht meine Familie, sich von diesem Schlag zu erholen, was auch bedeutet, so viele Verbündete wie möglich und wo möglich zu finden.

Ich habe versucht, die Heirat abzuwenden. Tatsächlich habe ich den ganzen letzten Monat mit meinem Vater darüber gestritten, aber er hat darauf beharrt. Ich würde das für die Familie tun, ob es mir gefiele oder nicht. Papà lässt nicht groß mit sich diskutieren.

Dem Familienoberhaupt widersetzt man sich nicht, schon gar nicht als Frau und einzig verbliebenes Kind. Und erst recht nicht, wenn dein Vater dir unmissverständlich zu verstehen gegeben hat, dass der Tod deiner Mutter und deines Bruders in dem Fall umsonst gewesen wäre.

Der Geistliche spricht die Eingangsworte der Zeremonie, und ich fühle unzählige Augen auf mich gerichtet. Eine Hochzeit zwischen zwei bedeutenden Familien ist immer eine große Sache.

Carlo tritt von einem Fuß auf den anderen. Zumindest ist er dem Anlass entsprechend aufgeregt, wohingegen ich nur das Ende meiner Freiheit betrauere. Denn sobald ich seine Frau bin, werde ich sein Eigentum sein. Eine berufliche Karriere wird mir verwehrt werden. Mein einziger Wert liegt in meinem Namen und dem Schutz, den dieser für die Bianchis bedeutet. Ach ja, natürlich werde ich auch noch dem Zweck dienen, Kinder zu gebären, denn woher käme sonst die nächste Generation Familiensoldaten?

Das war nie das Leben, das ich mir gewünscht habe. Ich wollte weiterstudieren, vielleicht Lehrerin werden oder in einem Museum arbeiten. Aber es ist das Leben, in das ich hineingeboren wurde, und ich habe keine Wahl. Der Silberstreif am Horizont ist, dass ich als Carlos Frau endlich dem Haus meines Vaters in Rom entkomme, wo ich behütet und bewacht wie eine Märchenprinzessin in einem goldenen Käfig gelebt habe. Das einzig verbliebene Kind einer Familie zu sein ist gefährlich, da mein Ende auch das Ende der Salvatore-Familie bedeuten würde.

Ein weiterer Grund, warum ich meine Pflicht erfüllen muss. Ich kann nicht für das Aussterben der Salvatores verantwortlich sein, eine Bürde, die zu schwer zu ertragen wäre, schon gar nicht, wenn bereits der Tod meiner Mutter und meines Bruders auf mir lastet. Ich kann also nur Carlo heiraten und hoffen, dass er mir ein gewisses Maß an Freiheit zugesteht. So viel es der Ehefrau eines Mitglieds in einer cosa-nostra-Familie eben gewährt wird. Ha!

Ich blicke hinunter auf meine weißen Hochzeitspumps und versuche, meinen wilden Herzschlag zu beruhigen. Alles wird gut, rede ich mir ein. Es wird nicht so schlimm sein, mit Carlo verheiratet zu sein. Es wird meinen Vater glücklich machen, das Überleben unserer Familie sichern, und wenn ich Glück habe, kann ich mir eine Art eigenes Leben aufbauen, das nicht nur aus Kindern, Shoppen und Cocktails mit den Ehefrauen anderer Männer besteht. Ich meine, es könnte wirklich schlimmer sein.

Nur, dass ich weiß, es wird nicht gut, egal, wie oft ich es mir auch einrede, und die Angst sitzt mir kalt im Nacken. Shopping und Cocktails sind ja ganz nett, aber der Tod lauert überall. Du wirst immer ein Ziel sein, ebenso wie deine Kinder, und das ist kein Leben, das ich mir für mich oder meine zukünftigen Kinder wünsche.

Mitten in meinen trübsinnigen Gedanken höre ich erneut Raunen und Rumoren hinter mir. Der Priester kommt aus dem Konzept und hält mit irritiertem Blick inne. Ich sehe Carlo an, der über die Schulter blickt, ebenfalls sichtlich irritiert. Also drehe ich mich auch um, weil ich herausfinden will, was der Grund für diese Unruhe ist. In diesem Moment wird das große Doppelportal der Kirche aufgestoßen, und bewaffnete Männer stürmen in das Kirchenschiff.

Chaos bricht aus. Schreie, die Leute springen von den Bänken auf und rufen nach der Security, Waffen werden gezogen. Ein einzelner Mann schreitet den Mittelgang entlang. Ganz in Schwarz gekleidet, bewegt er sich mit der kraftvollen Anmut eines Panthers, ein Raubtier inmitten eines Saals voller Beute.

Alles an ihm ist dunkel, einschließlich der Energie, die von ihm auszugehen scheint. Er ist groß, mit schwarzem Haar, scharfen, markanten Zügen, pechschwarzen Augenbrauen. Ein kantiges Kinn und hellgraue Augen wie geschmolzenes Silber.

Augen, die geradewegs mich anblicken.

Ich erstarre, stehe wie angewurzelt da, von kalter Angst gepackt.

Ich kenne ihn. Jeder der Anwesenden kennt ihn. Der sizilianische Wolf höchstpersönlich, Vincenzo Argenti, der im Lauf der vergangenen Jahre langsam, aber sicher Macht angehäuft und Verbündete gewonnen hat. Ich habe Papà sagen hören, dass der Wolf alle Familien unter seinen Einfluss bringen will und zu diesem Zweck vor nichts zurückschreckt. Obwohl keiner das mit Sicherheit weiß.

Sicher ist nur, dass jeder, der sich ihm widersetzt, es nicht überlebt.

Außerdem ist er der Mann, der Claudia, meine Mutter, und Alessio, meinen Bruder, auf dem Gewissen hat.

„Keiner rührt sich“, richtet sich der sizilianische Wolf an alle Anwesenden in der Kathedrale. Seine tiefe, dunkle Stimme hallt in dem hohen Gewölbe wider. „Niemand will ein Blutbad in einer Kirche. Allerdings werde ich nicht davor zurückschrecken, wenn irgendjemand auch nur einen Finger rührt.“

Seine Männer stehen an den Wänden aufgereiht, die halbautomatischen Waffen auf die Hochzeitsgäste gerichtet. Keine Ahnung, wie sie es geschafft haben, die schweren Sicherheitsvorkehrungen zu durchbrechen, die mein Vater persönlich beaufsichtigt hat. Aber um Vincenzo Argenti ranken sich die erstaunlichsten Geschichten. Dass er durch Wände gehen und sich bei Bedarf unsichtbar machen kann. Wer weiß?

Es wird mucksmäuschenstill, als er gelassenen Schrittes auf mich zugeht, wobei er Carlo, den Priester und die versammelte Hochzeitsgemeinde ignoriert, als wären sie überhaupt nicht vorhanden.

„Caterina Salvatore“, sagt er geradezu genüsslich. Der eisige Unterton lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. „Ein hübscher Name. Aber ich denke, Caterina Argenti ist noch hübscher.“

Caterina Argenti? Was redet er da? In meinem Kopf dreht sich alles, bis langsam die Realität Gestalt annimmt. Vincenzo Argenti, der dunkle Dämon aus jener Nacht, als Mamma und Alessio starben, ist hier auf meiner Hochzeit. Ich erinnere mich an ihn. Er war bei den Männern, die in unser Haus stürmten. Er schob mich in einen Schrank und schloss die Tür. Dann hörte ich die Schüsse, die meine Familie töteten. Ich war fünf Jahre alt.

Bis heute weiß ich nicht, warum er mich nicht genauso getötet hat wie Mamma und Alessio, aber ich war sehr lange in dem Schrank eingeschlossen, bis mich jemand gefunden hat. Noch Jahre danach hatte ich Albträume wegen des Schranks, wegen ihm. Und jetzt ist er hier und stürmt meine Hochzeit mit Waffengewalt. Ist er gekommen, um den Job zu beenden? Um die Salvatores ein für alle Mal auszulöschen? Um erst mich vor dem Altar niederzuschießen und dann all meine Hochzeitsgäste?

Ein kleiner Laut kommt über Carlos’ Lippen, bevor er sich rasch wegduckt. Der Priester will etwas sagen, besinnt sich jedoch anders, als der Wolf gebieterisch die Hand hebt.

Der Lilienstrauß entgleitet meinen Händen, weiße Blütenblätter verstreuen sich auf dem Steinboden zu meinen Füßen.

Der Wolf bleibt dicht vor mir stehen. Dann streckt er eine Hand aus. „Wollen wir?“ Seine silbergrauen Augen glitzern eisig; leicht angegraute Schläfen tun seiner überwältigenden physischen Präsenz keinen Abbruch. Noch nie bin ich jemandem begegnet, der so furchteinflößend ist. Ich möchte die Augen schließen und einfach so tun, als wäre er nicht hier.

Aber er ist hier. Ohne Zweifel.

„Nur um es klarzustellen“, fährt er unbeirrt fort. „Das war keine Bitte. Es war ein Befehl.“

Ich bin zu schockiert, um mich zu rühren. Aber das hier passiert, und ganz allmählich dringt zu mir vor, was „das hier“ genau bedeutet. Seine Männer stehen lediglich Wache, ohne in die Hochzeitsgesellschaft zu feuern. Er selbst scheint unbewaffnet zu sein. Jedenfalls hat er keine Waffe auf mich gerichtet. Was bedeutet …

Das hier ist kein Anschlag. Es ist eine Entführung. Er entführt mich.

Als ich nicht sofort reagiere, hebt er nur kurz die Hand, und im nächsten Moment stehen zwei bewaffnete Männer neben mir. Carlo und der Priester weichen panisch zurück. Mein Vater ist aufgesprungen, samt all seinen Verbündeten. Alle rufen wild durcheinander.

„Ruhe!“, donnert der Wolf. Totenstille breitet sich in der Kathedrale aus. Immer noch sieht er nur mich an.

Tief in mir regt sich ein erster Funke Wut.

Ich wollte überhaupt nicht hier sein, und jetzt steht der Dämon meiner Albträume direkt vor mir und macht diesen schrecklichen Tag noch schrecklicher.

Mein ganzes Leben bin ich von Männern herumkommandiert worden. Das jetzt ist der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich bin es so leid. Ich bin es leid, Faustpfand meines Vaters in seiner unerbittlichen Suche nach Verbündeten zu sein. Ich bin es leid, jeden gottverdammten Tag von meinen Pflichten zu hören. Ich bin es leid, mir den Tod von Mamma und Alessio vorhalten zu lassen, um mich zu manipulieren.

Ich bin es leid, nie eine eigene Wahl zu haben.

Also rühre ich mich nicht von der Stelle, hebe nur trotzig den Kopf, denn ich habe nichts mehr zu verlieren. „Du willst mich also entführen? Ist das richtig?“

„Du begreifst schnell.“

„Nun …“ Ich kratze all meinen Mut zusammen und recke das Kinn noch höher. „Ich lehne ab, bei allem Respekt.“

Seine Augen blitzen auf, seine Mundwinkel zucken. „Ob mit Respekt oder ohne, deine Einwilligung ist nicht erforderlich.“ Erneut hebt er eine Hand, und einer der beiden Männer neben mir schultert seine Waffe und umfasst mit beiden Händen meine Taille.

Ich erstarre vor Angst, was der Wolf jedoch nicht sehen soll. „Verstehe“, sage ich so verächtlich wie möglich. „Bist du nicht stark genug, um mich selbst zu tragen? Oder nicht Manns genug?“

Vincenzo Argenti verzieht keine Miene, aber sein Blick verrät Belustigung. „Interessant“, sagt er leise. „Einer Herausforderung konnte ich noch nie widerstehen.“

Ehe ich reagieren kann, winkt er seinen Soldaten beiseite, umfasst selbst meine Taille und wirft mich über seine Schulter. Dann macht er auf dem Absatz kehrt und marschiert mit mir durch den Mittelgang aus der Kirche, während ich ihn in den höchsten Tönen beschimpfe.

Vincenzo

Sie ist ein Knaller, so viel steht fest. Wie sie sich windet und dreht und mir dabei ins Ohr kreischt. Ich muss fester zupacken, damit sie mir nicht herunterfällt, was den Auftritt, den ich soeben in der Kathedrale abgeliefert habe, zunichtegemacht hätte.

Ich darf sagen, es war perfektes Timing. Genau mit Beginn der Zeremonie habe ich die Kirche betreten, als alle Aufmerksamkeit auf die Braut und den Bräutigam gerichtet war. Die Hochzeitsgesellschaft und das Sicherheitspersonal der Salvatores waren entsprechend abgelenkt, sodass wir vergleichsweise leicht in die Kathedrale eindringen konnten. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht vorhatte, selbst Hand an Caterina Salvatore zu legen.

Sie stand vor dem Altar, groß und kerzengerade, das schulterfreie Brautkleid umschmeichelte ihre schlanke Figur wie eine elfenbeinfarbene Wolke. Das lange schwarze Haar war auf ihrem Kopf zu kunstvollen Locken aufgetürmt, gekrönt von einem funkelnden Diadem. Durch den seidenen Tüllschleier waren ihre grünen Augen zu ahnen.

Aus dem kleinen Mädchen, an das ich mich von vor all den Jahren erinnere, ist eine Frau geworden, mit der Haltung einer Kaiserin.

Ich hatte erwartet, dass sie schreien oder wenigstens zurückweichen würde, als ich durch den Mittelgang auf sie zuging, aber sie tat nichts dergleichen. Tatsächlich war sie wütend, womit ich nicht gerechnet hatte, denn ihre Hochzeit war ein rein taktisches Manöver, wie meine Spione mir versichert hatten. Aber die unbestreitbare Wut in ihrem Blick ließ mich fragen, ob sie nicht doch echte Gefühle für den Bianchi-Jungen hegte.

Was natürlich nichts zur Sache tut. Ich hätte sie mitgenommen, auch wenn sie unsterblich in ihn verliebt gewesen wäre.

Trotzdem ist es interessant, dass er voller Angst vor mir zurückwich und nicht sie. Nein, sie hat mich sofort provoziert, ich wäre nicht Manns genug. Und obwohl ich in diesem Punkt meiner selbst höchst sicher bin, habe ich einer Sache noch nie widerstehen können: der Herausforderung vonseiten einer schönen Frau. Es passte einfach zu dem theatralischen Augenblick, weshalb ich kein Problem damit hatte, sie mir über die Schulter zu werfen. Nur dass ich es jetzt bereue, als sie mich wie eine Furie beschimpft. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass ich die Herausforderung annehme.

Ich schreite die Stufen vor dem Kirchenportal hinab zu dem bereitstehenden Wagen, halb taub von ihrem Kreischen. Zweifellos ist sie nicht die brave, folgsame Salvatore-Prinzessin, wie es meine Quellen mir glaubhaft gemacht haben. Genauso wenig scheint sie noch etwas mit dem verschreckten kleinen Mädchen gemein zu haben, das ich vor all den Jahren in einen Schrank geschoben habe. Nein, sie ist mehr wie eine Wildkatze, die sich gegen das Einfangen wehrt. Ihr Pech, denn ich habe sie jetzt gefangen.

Am Ende des Tages wird sie meine Frau sein, die perfekte Geisel, um das gute Benehmen der Salvatores und all ihrer Verbündeten zu erzwingen.

Nachdem Elena, meine Mutter, durch eine Autobombe gestorben war, die Salvatores Männer gelegt hatten, wollte Stefano, mein Vater, die gesamte Salvatore-Familie auslöschen. Was ihm nicht gelang. Nun ist er selber tot, und ich bin das Oberhaupt der Familie. Mein Ziel ist es, sie auf andere Weise loszuwerden. Indem ich ihre letzte Erbin heirate und zu einer Argenti mache.

Die Salvatores und ihre Freunde sind die letzten Verweigerer, die letzten wenigen Familien, die ich noch unter meine Kontrolle bringen muss. Sobald Caterina meinen Ring trägt, sind sie endlich eingereiht, wodurch der Argenti-Clan die mächtigste cosa-nostra-Familie in Sizilien und Italien, wenn nicht in ganz Europa sein wird.

Natürlich habe ich dafür einen Grund, und es geht nicht nur um Macht. Es geht um den Fleck auf der Familienehre der Argentis, den Fleck, den mein Vater durch das gnadenlose Töten Unschuldiger verursacht hat. Einen Fleck, den ich teilweise tilgen konnte, indem ich ihn selbst erledigt habe, aber sein Tod genügt nicht. Ich muss die Dinge von Grund auf verändern, muss der Gewalt ein Ende setzen. Die Familien vereinen, Streitigkeiten und vendettas Einhalt gebieten, das Töten einer Familie durch eine andere beenden. Und dazu brauche ich sie alle unter meiner Kontrolle.

Ich bin den ständigen Kreislauf von Tod und Gewalt leid und werde ihn unterbinden, auch wenn ich dazu vorübergehend zu zweifelhaften Mitteln greifen muss. Am Ende wird der Zweck die Mittel heiligen.

Ironischerweise war es der Tod meiner Mutter und der der Salvatores selbst, der meinen Kreuzzug ausgelöst hat.

Ich war damals der brave kleine Soldat meines Vaters. Als er mir befahl, mir einige Männer zu nehmen und die Familie Salvatore zu überfallen, um den Tod meiner Mutter zu rächen, gehorchte ich.

Doch sobald ich zur Villa der Salvatores kam, änderte sich alles.

Giovanni Salvatore musste gewarnt worden sein, denn er war schon im Begriff zu fliehen, als wir ankamen. Ich schoss auf ihn, aber er konnte schwer verletzt entkommen. Einige meiner Männer setzten ihm nach, während ich mit den übrigen in die Villa eindrang, um die verbliebenen Salvatores zu erledigen.

Meine Männer durchkämmten das Untergeschoss, während ich nach oben ging. Dort fand ich sie. Ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf. Die Salvatore-Tochter, Caterina.

Ich war noch jung, gerade zwanzig, aber schon kampfgestählt. Dazu erzogen, der gnadenlose Nachfolger zu werden, den mein Vater sich wünschte. Ich hatte keine Angst vor dieser Aufgabe, immerhin hatte ich schon zuvor im Kampf getötet.

Aber das war kein Mann, sondern ein Kind. Ein kleines Mädchen mit einer Puppe im Arm und den größten grünen Augen, die ich je gesehen hatte, das lange schwarze Haar zu zwei dicken Zöpfen geflochten. Und sie hatte große Angst vor mir. Bis zu dem Punkt in meinem Leben hatte mein Vater mich gelehrt, nur ihm gehorsam zu sein, ohne Moral, ohne Grenzen. Als ich jedoch in die angsterfüllten Augen dieses kleinen Mädchens blickte, stellte ich fest, dass ich doch Moral und Grenzen besitze.

Ich konnte kein Kind töten. Sie war unschuldig, und obwohl meine Mutter genauso unschuldig gewesen war, würde der Tod dieses Mädchens sie nicht zurückbringen. Mit zwanzig war mir nicht mehr viel von einer Seele geblieben, nachdem mein Vater meine Erziehung in die Hand genommen hatte. Dennoch begriff ich, dass es für mich kein Zurück mehr geben würde, wenn ich dieses Mädchen töten würde. Ich würde ganz und gar mein Vater werden. Und ich wusste in dem Moment, dass ich das nicht wollte. Ich wollte niemals ein Mann werden, der seine Rache über das Leben eines Kindes stellt.

Also schob ich sie in einen Schrank und befahl ihr, keinen Mucks von sich zu geben. Dann schloss ich die Tür.

Ich ging nach unten in der vollen Absicht, das Töten von Claudia und ihrem Sohn Alessio zu verhindern, zur Hölle mit meinem Vater. Aber es war zu spät. Meine Männer hatten den Befehl meines Vaters bereits ausgeführt. Beide waren tot.

Stefano bestrafte mich für mein „Versagen“. Ich trage die Narben immer noch. Dennoch traf ich damals die Entscheidung. Jene Narben sollten meinen Schwur bezeugen, das Töten Unschuldiger zu beenden. Die Gewalt unter den Familien zu beenden.

Caterina Salvatore war der Auslöser für diesen Schwur. Das Schicksal hat sie jetzt in meine Hände gegeben. Sie ist das letzte Puzzleteil, das ich brauche, um die Familien hinter mir zu versammeln. Dann werden sie unter einem Gesetz vereint sein: meinem.

Ein Gefühl von Zufriedenheit breitet sich in mir aus, wie immer, wenn alles ganz nach meinem Plan verläuft, wobei es allerdings angenehmer wäre, sie würde mir nicht wie eine Furie ins Ohr kreischen. Noch dazu fühle ich die Wärme ihres Körpers, während sie sich wie besessen wehrt, und atme einen verführerischen Jasminduft ein.

Auf dem Weg zu dem Wagen trommelt sie mit ihren Fäusten auf meinen Rücken ein. Als wüsste sie nicht, wer ich bin und was mit dem letzten Menschen passiert ist, der es gewagt hat, die Hand gegen mich zu erheben. Dabei sollte sie dankbar sein, dass ich mich entschieden habe, die Salvatores und ihre Verbündeten durch Heirat einzugliedern, anstatt alle in der Kathedrale niederzuschießen. Das hätte mein Vater getan. Mein consigliere hatte seine Zweifel bezüglich dieses Plans, weil es immer ein Risiko ist, Gegner am Leben zu lassen, aber ich wollte kein Blutvergießen.

Dio, ich werde noch einen verdammten Heiligenschein bekommen.

Mein Chauffeur hat den Wagenschlag schon weit geöffnet, und ich stopfe die Wildkatze ins Auto. Wild schlägt sie um sich und trifft mich an der Schläfe. Mein Chauffeur greift sofort nach seiner Waffe. Doch ich winke ihn beiseite. Sie ist keine Bedrohung für mich.

Sie bäumt sich auf, bereit für die nächste Runde, aber ich lege ihr trotzdem den Sicherheitsgurt an. Kein Risiko für meine zukünftige Frau.

„Als du fünf warst, hast du wesentlich weniger Ärger gemacht, gattina“, sage ich.

„Bastard“, zischt sie, als der Wagen losfährt. Meine Männer folgen uns in ihren Limousinen. „Ich bin kein kleines Kätzchen! Und du hättest mich nicht wie einen verdammten Sack Kartoffeln über die Schulter werfen müssen! Ich wäre friedlich mitgekommen.“

„Ach wirklich?“ Theatralisch reibe ich mir die Schläfe. „Ich habe schon Männer für weniger als den Schlag, den du mir versetzt hast, getötet.“

Sie wirft einen flüchtigen Blick auf meine Stirn. Keine Spur von Reue in ihren smaragdgrünen Augen. „Dann töte mich. Ich hätte fester zuschlagen sollen.“

„Liebe Güte.“ Ihr Temperament amüsiert mich. „So blutdurstig.“ Irgendwie auch erfrischend. Ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal eine Frau so wütend auf mich war. Die Leute verhalten sich in meiner Nähe eher vorsichtig.

Ich lehne mich in meinem Sitz zurück, um sie in Ruhe zu betrachten. Sie sprüht vor Wut, starrt mich mit funkelnden Augen an, als wäre ich nicht der meistgefürchtete Mann in ganz Europa. Obwohl ich den Verdacht hege, dass sich hinter ihrer Wut Angst verbirgt. Der sie aber nicht nachgibt, was ein gehöriges Maß an Mut erfordert. 

Interessant. Wie es aussieht, ist meine zukünftige Braut eine kleine Kriegerin, obwohl sie in ihrem prächtigen Brautkleid samt Schleier nicht wie eine aussieht. Ihr Diadem sitzt etwas schief, und aus ihrer kunstvollen Frisur haben sich einige seidige schwarze Haarsträhnen gelöst. Ihre blassen Wangen sind vor Zorn gerötet.

Das kleine Mädchen, das ich beschützt habe, ist zu einer sehr schönen Frau herangereift, wie es scheint. Nicht, dass es für mich wichtig wäre, dass sie hübsch oder irgendetwas anderes ist als eine Salvatore. Ihr Name und ihr Wert als Geisel sind das Wichtigste.

„Ich könnte dich wirklich töten“, sage ich. „Möchtest du das?“

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