Ein Schurke für die unschuldige Miss

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Ein skandalöser Roman schockiert und begeistert die Gesellschaft. Klarer Fall, hinter dem Pseudonym kann sich nur der berüchtigte Frauenheld Charles Jameson verbergen! Schließlich hat er reichlich Erfahrung mit Leidenschaft und Verführung. Und er tut ja auch nichts, um die Gerüchte zum Schweigen zu bringen. Sehr zum Ärger der wahren Autorin Collette Jardiniere. Zwar hat sie die Liebe noch nicht am eigenen Leib erfahren, doch das hindert sie nicht daran, sie gekonnt zu Papier zu bringen! Davon will sie den Schurken überzeugen, während er sie nur zu gern verführen möchte. Und schon gerät die unschuldige Collette in einen allzu realen Skandal …


  • Erscheinungstag 14.11.2026
  • Bandnummer 433
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540339
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Donna Lea Simpson

Ein Schurke für die unschuldige Miss

Donna Lea Simpson

liebt das Schreiben mehr als alles andere. Schon im Alter von zwölf Jahren war es ihr Traum, Bücher zu veröffentlichen, und sie ist überglücklich, dieses Ziel erreicht zu haben. Wenn sie nicht schreibt, kocht, singt und liest sie gern, hat Freude an Handarbeiten und einem Glas Wein mit Freunden. Auf www.donnaleasimpson.com erfahren Sie mehr über die Autorin.

Liebe und Tratsch sind das beste Salz in der Suppe.

Henry Fielding – aus
„Die Liebe unter verschiedenen Larven“ – IV.xi

1. KAPITEL

Collette Jardiniere wiegte sich im Rhythmus des Zuges hin und her, schob ihre Brille hoch, entzündete ein Streichholz und versuchte, damit den Docht ihrer Kerze zu entfachen. Eigentlich hätte es mit Professor Stiltsons Erfindung, einem klemmbaren Kerzenhalter, ganz einfach sein sollen, doch wenn sie ihn an der Armlehne ihres Zugsitzes befestigte, schien das Licht der Kerze zu schwach, um zu lesen. So hielt sie den seltsamen kleinen Metallclip in der Hand und versuchte erneut, ein Streichholz zu entzünden. Was für teuflische Erfindungen, beides! Damit es gelang, musste man schon so viele Arme haben wie Kali, eine hinduistische Göttin, über die Collette in einem faszinierenden Buch über die indischen Kolonien gelesen hatte. Kali verkörperte sowohl die Zerstörung als auch die Wiedergeburt und somit die weibliche Kraft, Leben zu gebären. Collette liebäugelte gerade vor allem mit der Kraft der Zerstörung, weil sie es mit dieser dämlichen Kerze zu tun hatte.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die tiefe Stimme erschreckte Collette und ihr Streichholz erlosch. „Oh, verflixt und zugenäht!“, rief sie und hielt sich die verbrannte Fingerspitze.

„Verzeihung, Miss?“

Collette zündete ein weiteres Streichholz an und blickte auf, um vor ihrem erneuten Versuch dafür zu sorgen, dass der Rüpel sie in Ruhe ließ. Doch ihr Blick blieb an ihm hängen. Zu ihrer Seite stand ein elegant gekleideter und stattlich aussehender Gentleman. Wie wild schrieb sie in ihren Gedanken Notizen – Er hatte das markante Aussehen eines Städters, doch in seinen tiefgrauen Augen und seinem durchdringenden Blick lag noch mehr als das, etwas Archaischeres. Er war nicht zu übersehen, ein Mann von solcher Kraft und subtiler …

„Miss?“

Collette schreckte aus ihren Gedanken auf, als das Streichholz erneut heruntergebrannt war und bereits ihre Fingerkuppe berührte. „Verflixt“, rief sie noch einmal, warf das Streichholz hastig weg und berührte den Finger mit ihrer Zunge, um die verbrannte Stelle zu beruhigen.

„Erlauben Sie.“

Der gut aussehende Fremde nahm Collettes andere Hand und ein vorfreudiges Kribbeln durchströmte sie, als er sie berührte. Sie rührte sich nicht; der schwache Kerzenschein sorgte für ein gedimmtes Licht. Wie faszinierend! Es stimmte also doch, was all die anderen Schriftstellerinnen geschrieben hatten! Es gab tatsächlich Männer, die von einer starken, anziehenden Aura umgeben waren – und er war einer von ihnen. Er nahm ihr die Kerze ab, zündete ein Streichholz an und hielt es an den Docht. Ein Licht flammte zwischen ihnen auf. Dann löschte er das Streichholz wieder. Jede seiner Bewegungen war elegant, kontrolliert, beinahe wie orchestriert.

Als sie ihn im flackernden Kerzenlicht betrachtete, sah Collette, dass sie sich nicht geirrt hatte. Nicht nur, dass er gut aussah. Nein, er hatte auch etwas an sich, das eine Frau dazu brachte, sein Gesicht berühren zu wollen, seine Hand zu streicheln, vielleicht sogar … Nun, manche Dinge sollte man besser nicht denken. Ihr Herz spielte verrückt. Was für eine Gelegenheit! Noch nie war sie einem Mann von solchem Charisma und solcher Ausstrahlung so nahe gekommen. Sie hatte es sich nur vorgestellt und nun schien es, als ließe die Realität ihre Fantasievorstellung zu einem Schatten verblassen.

„Vielen Dank, Sir“, erwiderte sie mit all der Gelassenheit, die sie aufbringen konnte. „Eine so lange Reise kann furchtbar langweilig sein, also braucht es ein wenig Zerstreuung.“ Sie sprach leise, denn viele der Passagiere im Zugabteil schliefen oder dösten.

Die Plätze gegenüber von Collette waren frei, doch hinter ihr saß eine abgekämpft aussehende Frau mit zwei kleinen Jungen in kurzen Hosen, die nun endlich eingeschlafen waren, nachdem sie ihre schwarz verschleierte Mutter stundenlang geplagt hatten. Die arme Frau, die ebenfalls tief schlief, musste eine Witwe sein. Zumindest erweckten ihr schwarzes Bombasinkleid und ihr schwarzer Schmuck den Eindruck. Und nun war sie allein mit zwei Jungs, die nicht älter waren als sechs! Vor Collette saß ein älteres Ehepaar. Die Frau, die offenbar krank war, hatte den Kopf auf die Schulter ihres Mannes gelegt, beide Augen geschlossen und schniefte leise im Schlaf. Der Mann war an der letzten Haltestelle galant aus dem Zug geeilt, um etwas Obst für seine Liebste zu kaufen.

Darüber hinaus waren nicht viele Reisende im Zug, da sich die meisten von ihnen in die „Parlamentszüge“ drängten, wie die einzelnen Züge pro Strecke in jede Richtung hießen, für die das Parlament vorschrieb, dass eine Fahrt mit ihnen nicht mehr als einen Penny pro Meile kosten durfte. Für Collette hingegen war die Reise ein so großes Ereignis, dass sie gern für ein Erste-Klasse-Ticket bezahlt hatte.

Der Fremde lächelte und deutete mit einer schwungvollen Geste seiner starken Hand und hochgezogener Augenbraue auf den freien Platz neben ihr. Er war schrecklich aufdringlich. Am besten sagte sie ihm, dass er sie in Ruhe lassen sollte, sonst würde sie dem Zugbegleiter Bescheid geben, dass sie belästigt wurde.

„Bitte nehmen Sie Platz“, sagte sie. Aufregung ließ ihr Herz schneller schlagen.

Er setzte sich und antwortete: „Ich stimme Ihnen zu: Eine so lange Reise kann sehr eintönig sein. Genau das dachte ich gerade, als ich sah, wie Sie versuchten, Licht ins Dunkel zu bringen. Ja, man braucht hin und wieder eine … Zerstreuung. Sie sind eine besonders reizende.“ Sein verhaltenes, neckisches Lächeln lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die wohlgeformten Lippen unter seinem gepflegten Schnurrbart. Im Gegensatz zu den meisten anderen Männern trug er keine buschigen Koteletten; es war, als hielte er nichts von solch einer Art Täuschung, die offenbar dazu diente, ein schwach aussehendes oder rückläufiges Kinn zu kaschieren. Und da er selbst mit einem starken Kiefer sowie mit einem Kinn mit einem verführerischen Grübchen gesegnet war, brauchte er …

Ein wenig Scham ergriff sie, als sie die Bedeutung seiner Worte begriff. „O nein, Sir, das ist nicht, was ich gemeint habe. Ich wollte gerade lesen! Das ist meine Beschäftigung.“

„Was glauben Sie, was ich andeuten möchte?“

Collette, ganz verzaubert von seinem verlockenden, verschmitzten Lächeln, überging seine Frage und nahm lediglich ihr Buch von ihrem Schoß.

Er warf einen Blick auf den Titel. Dann weiteten sich seine schönen grauen Augen und er hob die Augenbrauen. „Meine Güte, was sind Sie für eine ungezogene junge Dame. Die letzten Tage eines Lebemanns? Nie hätte ich gedacht, dass eine junge, unverheiratete Dame Interesse an einem Roman hegt, den einige Mitglieder der Londoner Gesellschaft als unzüchtig, ja, als bösartig verurteilt haben.“

„Unzüchtig? Bösartig?“ Collette wurde wütend und sträubte sich gegen die verleumderischen Worte. „Wenn das jemand behauptet, weiß er nicht, wovon er spricht. Und ich bin nicht ungezogen. Guter Gott, das klingt, als wäre ich noch ein Kind. Ich denke bloß mit meinem eigenen Kopf, Sir! Es wird höchste Zeit, dass wir Frauen uns von den patriarchalischen Fesseln lösen, die unser freies Denken im Keim ersticken. Sind wir denn bloß das Eigentum der Männer? Ich denke …“

Als sie bemerkte, dass ihre Worte ihn offenbar belustigten, verstummte Collette. Verärgert darüber, dass er offenbar genauso war wie alle anderen Männer, obwohl sie sofort eine gewisse Verbundenheit zu ihm gespürt hatte, wollte sie ihn nicht weiter mit ihrem „Geschwätz“ behelligen. Männer! Sobald eine Frau das Wort ergriff, wurden sie gönnerhaft, herablassend, bevormundend …

„Warum hören Sie auf, Miss?“, fragte er und hob dabei eine seiner buschigen Augenbrauen. „Mich würde sehr interessieren, wie Sie zur Frauenrechtsbewegung stehen.“

Das Kerzenlicht zwischen ihnen flackerte auf und sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Ich glaube, ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden, Sir.“

Er zögerte, blickte ihr in die Augen und dann auf das Buch in ihrem Schoß. „Meine Freunde nennen mich Jamie. Ich denke, das wird unserem informellen Treffen gerecht. Formalitäten gehören in den Salon oder den Ballsaal. Finden Sie nicht auch, Miss?“

Collettes Gedanken rasten im Takt des Klack-Klack-Klack ihres Eisenbahnwaggons. Er war es; zum ersten Mal in ihrem Leben traf sie einen echten Lebemann, da war sie sich sicher. Alles an ihm, von seiner makellosen Kleidung bis hin zu seinen fehlenden Manieren, schrie danach. Was dachte er? Wie würde er sich verhalten? Was würde er sagen? Hatte er eine Geliebte? Oder zwei oder sogar drei? Trank er bis in die frühen Morgenstunden und zog von einem Sündenpfuhl zum nächsten? Oder lebte er ein eher prosaisches Leben? Vielleicht war dies ihre letzte Möglichkeit, herauszufinden, was einen Lebemann umtrieb, und sie würde dieses Geschenk nutzen. Eigentlich müsste sie seine Avancen als allein reisende Frau zurückweisen.

Doch das tat sie nicht. „Ich denke, Collette wird unserem informellen Treffen gerecht, finden Sie nicht auch?“ Sie lächelte ihn an. Was um alles in der Welt hatte ihn geritten, als er ihr seinen Spitznamen aus der Kindheit genannt hatte, statt seines richtigen Namens, fragte er sich. Vielleicht lag es an dem Buch in ihrem Schoß und dem Artikel, der kürzlich in der Wilson’s Gazette erschienen war. Er wollte nicht darüber sprechen, dass er der Autor von Die letzten Tage eines Lebemanns war, schon gar nicht mit dieser faszinierenden altjüngferlichen Frau vom Land, die ihm einen ernsten Blick zuwarf – durch ihre im Kerzenlicht glänzende Brille, die ihm gelegentlich die Sicht auf ihre Augen nahm.

Wer war sie, dass sie im Zug nach London, für jedermann sichtbar, so skandalöse Romane las? Selbst die wenigen Frauen aus seinem Bekanntenkreis, die sich für anspruchsvolle Bücher interessierten, lasen es heimlich. Zu wem reiste sie? Bestimmt lebte sie nicht in London. Es schien, als habe sie die englische Landschaft mit der Muttermilch aufgesogen, und sie duftete nach Hecken und Wiesen, Primeln und Nachtviolen. Er hatte sie zuerst gar nicht bemerkt, denn als es noch hell gewesen war, hatte er stundenlang gelesen. Doch als es dunkel wurde, hatte er aufgeblickt, sie dabei beobachtet, wie sie trotz der ruckeligen Zugfahrt versucht hatte, ihre Kerze anzuzünden, und er fand, dass sie … interessant aussah. Nun, wo er mit ihr gesprochen hatte, fand er sie auf entzückende Weise absurd, aber auch auf unerwartete Art und Weise liebenswert. Die verbleibenden Meilen bis zur Stadt könnten noch sehr unterhaltsam werden.

„Sie reisen also nach London“, stellte er fest und sah sie neugieriger an, als er mithilfe von Vernunft hätte erklären können.

„Ja. Ich muss einen kleinen Fehler des Gentlemans aus dem Weg räumen, mit dem ich zusammenarbeite.“

„Zusammenarbeite?“ Was für Geschäften könnte diese junge Frau wohl nachgehen? Er musterte sie kritisch. Sie war dünn, man könnte fast sagen zerbrechlich, ohne den üppigen Busen und die sinnlichen Kurven wie seine sonstigen Liebschaften. Und doch barg ihre Schlankheit etwas Interessantes, als sei sie durch ständiges Nachdenken und unaufhaltsame Aktivität zu einer Art Geist geworden. Ihre Bewegungen waren schnell, wohl genau wie ihre Gedanken. Das waren Eigenschaften, über die seine Freundinnen nicht verfügten. Seiner Meinung nach war ein intelligenter Geist in einem Frauenkörper reinste Verschwendung. Die Geliebte sollte nicht ständig reden. Für einen Mann und eine Frau gab es weitaus bessere Dinge zu tun, als über Politik oder Literatur zu sprechen.

„Ja, zusammenarbeite. Es scheint fast, als hätten Sie dieses Wort noch nie gehört?“

Er lachte leise und amüsierte sich über ihre direkte Art. Sie sprach, als hätte sie einen originellen Verstand, auch wenn er, wenn man ihn dazu drängte, sagen würde, dass Intelligenz bei einer Frau nicht nur unerwünscht, sondern auch selten zu finden war. Seiner umfangreichen Erfahrung nach gab es zwar durchaus Frauen, die des schnellen Denkens fähig waren – und Collette gehörte zweifellos dazu –, doch die meisten von ihnen wiederholten lediglich, was die Männer ihnen vorkauten, ebenso eigenständig wie ein Beo, der ein nachgeplappertes „Hallo“ von sich gab.

Doch für eine halbe Stunde im dunklen Zug könnte die ungewöhnliche Tändelei mit der kleinen Landpomeranze erfrischend sein, ebenso wie ein Schluck Wasser aus einem Brunnen im Wald. Er musterte sie, war fasziniert von dem Gedanken, was ihr schlichtes Kleid wohl verbergen könnte. Ihre zarte Schlankheit könnte ein schöner Kontrast zur übertriebenen Schönheit seiner üblichen Londoner Bekanntschaften sein. Zwar engte ein Korsett ihren Körper ein, doch auch ohne es wäre ihre Taille winzig. Sie war schlank, von durchschnittlicher Größe, auf den ersten Blick unscheinbar, mit einer Brille, die im Kerzenlicht glänzte.

Ah, aber hinter den Brillengläsern verbargen sich Augen von einem kühlen Hellgrün, wie Moos. Ihr sattes Haar tanzte im Kerzenschein, war wellig und kastanienbraun. Sie trug ein altmodisches, graubraunes Kleid und zur Rechten ihrer gepflegt gestiefelten Füße stand eine schwarze Reisetasche, riesengroß und prall gefüllt. Jamie zweifelte daran, ob er je so viel Zeit damit verbracht hatte, eine Frau ihres Typs zu mustern. Es war unhöflich, so lange zu starren, obwohl sie keinen Einwand erhob und auch nicht rot wurde, wie es bei seiner offenen Musterung zu erwarten gewesen wäre. Nein, sie musterte ihn ebenfalls und blickte dabei kühner als die meisten Frauen, die ihn nur verstohlen anblickten. Gefiel ihr, was sie sah? Er lächelte sie an und schlug ein Bein über das andere. „Geschäfte also“, sagte er. „Welche Geschäfte, wenn ich fragen darf?“

„Das dürfen Sie, aber ich muss Ihnen nicht antworten.“ Sie hielt ihre Schroffheit nicht zurück, fast wirkte sie einstudiert.

Es amüsierte ihn. Das hier war sehr viel besser, als untätig in dem dunklen Eisenbahnwaggon zu sitzen, der trostlos hin und her schaukelte. „Stimmt. Dann reden wir über etwas anderes, zum Beispiel … Worüber würde eine junge Dame wie Sie gern sprechen? Vielleicht über die Frauenrechtsbewegung?“

Sie sah ihn an, ihre grünen Augen weiteten sich im flackernden Licht der Kerze. „Was gäbe es zu diesem Thema zu diskutieren, Sir?“

Er hatte sich schon gedacht, dass dies ihr Interesse wecken würde. „Zunächst einmal“, setzte er an. „Stimmen Sie den Grundsätzen der Bewegung zu?“

Ihr Blick war schärfer als das Skalpell eines Chirurgen. „Ja. Es erscheint mir nur logisch, dass Frauen die gleichen Rechte haben sollten wie Männer, denn unser Verstand ist genauso ausgeprägt – und unsere Vernunft sogar noch ein wenig stärker.“

„Stärker? Ihre Vernunft ist besser ausgeprägt?“ Oh, das war köstlich. Nichts war unterhaltsamer als eine Frau, die sich für gleichwertig mit einem Mann hielt. „Wollen Sie damit unterstellen, dass sich Männer unlogisch verhalten?“

„Ich unterstelle es nicht, sondern sage es ganz offen, ja. Nur Männer können darauf kommen, dass Kämpfe Probleme lösen können, wie im aktuellen Konflikt auf der Krim. Man kann Menschen dazu zwingen, ihr Land herzugeben oder den eigenen Forderungen nachzugeben, doch das löst überhaupt nichts. Im Gegenteil, es schafft eine ganze Reihe neuer Schwierigkeiten, die spätere Generationen von Männern dazu veranlasst, noch mehr Gewalt einzusetzen, um sie zu lösen. Männer verursachen Kriege – und wir Frauen müssen die Probleme lösen, die dadurch entstehen.“

„Das ist eine grobe Vereinfachung der schlimmsten Sorte!“, rief er, persönlich angefasst von ihrer absurden Verachtung des männlichen Geschlechts. Wenn Frauen solchen Unsinn von sich gaben, war das die eine Sache, aber wenn sie auch noch wirklich daran glaubten …

„Das mag sein, Sir, aber aus Erfahrung weiß ich, dass manche Gentlemen auf einfache Erklärungen angewiesen sind, damit sie verstehen.“

Er schnappte empört nach Luft und setzte gerade an, ihre absurde Aussage mit einem gut durchdachten Gegenargument zu widerlegen, als er ein verschmitztes Lächeln über ihr schmales, bebrilltes Gesicht huschen sah. Wollte sie ihn auf den Arm nehmen oder war es ihr Ernst? Sie hatte fast genau das Gleiche gesagt, was Männer oft über Frauen behaupteten.

„Ich werde diesen plumpen Versuch, mich zu provozieren, einfach übergehen“, sagte er, nun so fasziniert wie noch nie zuvor, „und lediglich fragen, wie Sie zu der Behauptung kommen, von der ich glaube, dass Sie sie aufstellen, nämlich dass es an den Frauen ist, die von Männern verursachten Probleme aus der Welt zu schaffen?“

„Eine angemessene Interpretation meiner Aussage“, sagte sie nachdenklich, „was überrascht, weil Sie offenbar keinerlei Erfahrung darin haben, den Ansichten einer Frau aufmerksam zuzuhören.“

„Und woher wollen Sie das wissen? Vielleicht bin ich ein wahrer John Stuart Mill.“ Er beugte sich zu ihr und sah ihr tief in die Augen.

Sie hob ihre Augenbrauen, dachte einen Moment nach und sagte dann: „Sie haben recht, Sir, das war meiner nicht würdig.“ Ihre langen Wimpern huschten hinter ihrer Brille nach unten, dann sah sie wieder auf. „Um jedoch unseren ursprünglichen Diskussionspunkt wieder aufzugreifen: Meine Behauptung, dass Frauen die von Männern verursachten Probleme aus der Welt schaffen und dass der Konflikt auf der Krim ein Beispiel dafür ist, halte ich für selbstverständlich. Männer sind es, die diesen Krieg verursacht haben, nicht wahr?“

„Natürlich, denn Männer sind für das Regieren der Menschen verantwortlich und müssen dabei gelegentlich so schwerwiegende Entscheidungen wie die Erklärung eines Krieges treffen.“

Sie blickte ihn von der Seite an, erneut glänzte ihre Brille im Kerzenlicht. „Ja, Männer regieren die Menschen und Männer erklären sich gegenseitig den Krieg. Welch gute Arbeit Männer bisher in der Regierung unserer eigenen Nation geleistet haben! Deshalb gibt es in England keine Armut, keinen Hunger und keine Not, und deshalb erhalten alle kleinen Kinder eine Ausbildung, durch die sie zu nützlichen Mitgliedern einer liebevollen, fürsorglichen Gesellschaft werden.“

Die Bitterkeit in ihrer Antwort überraschte ihn und ihm fiel keine Antwort ein. In Windeseile war aus dem unbekümmerten Schäkern ein Vortrag über die Regierung geworden. Er öffnete den Mund, weil es ihm nicht richtig erschien, angesichts ihrer absurden Aussagen zu schweigen, schloss ihn dann aber wieder. Zum ersten Mal in seinem Leben war er sprachlos.

„Und dann“, sagte sie zufrieden, hob ihr Kinn und blickte in die Ferne, „gibt es Frauen wie Miss Florence Nightingale, die sich um die kümmert, deren Leben durch den Krieg zerstört wurden.“

Er schüttelte den Kopf. Hier konnte er ansetzen; dieses Argument konnte er in seine Bestandteile zerlegen. „Sehen Sie, das ist genau die Art logischen Sprungs, die sich einem rational denkenden Menschen nicht erschließt. Typisch weiblich und sehr trügerisch. Sie wählen einen weit gefassten Begriff wie den Krieg, geben den Männern die Schuld dafür und beschränken sich dann auf eine einzelne Person, eine Frau, als wäre das ein Beweis dafür, dass Frauen besser darin wären, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, wenn man ihnen nur die Macht überließe. Frauen sind nicht für komplexe Gedankengänge geschaffen. Ihre absurden Aussagen bestätigen das nur.“

Ihre Augen funkelten nun smaragdgrün mit goldenen Sprenkeln, wie er fasziniert feststellte, als er die immer intensiver werdenden Farben betrachtete. Wie konnte eine so unweibliche Frau, ein so unerträglicher, zänkischer, schlichter Blaustrumpf, ihn bloß so faszinieren?

„Frauen sind genauso dazu fähig, komplexen Gedankengängen nachzugehen, wie Männer, Sir, aber sie sind oft nicht gebildet. Und dieses Versäumnis, Frauen eine umfassende Bildung zu vermitteln, ist verantwortlich für alle Unterschiede beim Denken. Frauen in England leiden unter dem gleichen Schicksal wie Sklaven in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wussten Sie, dass es dort verboten ist, Männer oder Frauen afrikanischer Herkunft zu unterrichten?“

Er wollte sich die Haare raufen und bei den Wurzeln ausreißen. „Sicher“, sagte er, drehte sich auf seinem Sitz fast vollständig um und sah sie im flackernden Kerzenlicht an. „Aber Sie setzen Ihr Schicksal doch nicht mit den Gräueln der Sklaverei gleich?“ Er konnte nicht glauben, dass diese Frau, die vermutlich ihr ganzes Leben lang von ihrem Vater, ihrem Onkel oder ihren Brüdern verwöhnt und beschützt worden war, die Unverfrorenheit besaß, ein solch falsches Argument vorzubringen.

„Sehen Sie? Sie leiden offenbar an der gleichen bedauerlichen Neigung wie alle Männer: Sie ziehen voreilige Schlüsse, genau das, was Sie uns Frauen vorwerfen. Ich sage bloß, dass das Schicksal der Frauen ein ähnliches ist …“

„Sie haben nicht ähnlich gesagt, sondern Sie haben gleich gesagt.“

„Und es ist vollkommen klar, dass ich damit das Versäumnis meine, Frauen in nützlichen Stoffen zu unterrichten, und die Ähnlichkeit dieses bedauerlichen Schicksals zu dem der Sklaven in Amerika. Es geht in beiden Fällen um den Mangel an Bildung. Wie konnten Sie diesen Bezug übersehen?“, fragte sie mit erhobener Stimme. „Stattdessen werfen Sie mir vor, die Rolle der Frau in der englischen Gesellschaft mit der eines Afrikaners in der amerikanischen Sklaverei gleichzusetzen. Das habe ich zu keiner Sekunde getan.“

Wie konnte sie ihn bloß so missverstehen und in die Irre führen? Er fühlte sich, als würde er durch einen Gartenweg irren, so umständlich und verwirrend waren ihre Argumente. Und dann bezichtigte sie ihn auch noch der fehlenden Logik? Das war empörend! Das war ärgerlich! Und seltsamerweise hatte er dennoch mehr Spaß an dieser Unterhaltung als an jeder anderen in den letzten zwölf Monaten oder vielleicht sogar überhaupt. Wie verzaubert starrte er in ihre Augen und vergaß dabei völlig, dass er sie nicht im Geringsten attraktiv fand.

Collette unterdrückte das Lächeln, das sich auf ihren Lippen abzeichnete. Dieser Gentleman war kurz davor, vor Frust zu schreien, und schon das war höchst unterhaltsam. Nein, sie war nicht mit den Debattierregeln aus Oxford vertraut, und ja, vielleicht war sie genauso schuldig wie er, wenn es darum ging, voreilige Schlüsse zu ziehen.

Aber – und das war das Hauptproblem – wie sollte sie rational denken, wenn er so nah bei ihr saß und sie von seiner männlichen Wärme umhüllt wurde? Die sehr reale und beinahe greifbare Anziehungskraft, die sie zu ihm verspürte, brachte ihre Gedanken durcheinander. Seine Hand streifte ihren Arm und er beugte sich zu ihr hinüber, seine schieferfarbenen Augen dunkel und geheimnisvoll im flackernden Licht der einsamen Kerze. Sie hatte das Gefühl, als wären sie allein. Selbst das Schnarchen und Schniefen der Passagiere um sie herum klang in ihrer Verwirrung wie das Seufzen des Windes.

Ich werde mich später dumm fühlen, wenn ich an meine Worte zurückdenke, dachte sie, aber das ist mir gleichgültig. Trotz des ernsten Gesprächs ließ sie ein Lächeln über ihre Lippen huschen und hoffte, dass es nicht wirkte, als wollte sie ihn veralbern. Ja, sie amüsierte sich köstlich. Er hatte kein weiteres Wort herausgebracht und als er ihr Haar, ihre Augen und schließlich ihre Lippen betrachtet hatte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er lehnte sich zurück, blieb ihr aber dennoch zugewandt. Kurz sah er sich um und warf einen Blick auf ihre schlafenden Reisebegleiter.

„Ich glaube, Collette“, sagte er, „dass Sie mich mit Ihren absurden Argumenten bloß ablenken wollen. In diesem Fall lassen Sie uns nicht über die Frauenrechtsbewegung sprechen, sondern über ein weitaus interessanteres Thema – über Sie.“

„Über mich?“ Es waren die einzigen Worte, die sie hervorbrachte, überrascht von der plötzlichen Kehrtwende in ihrem Gespräch. „An mir ist nichts Faszinierendes, Sir.“

„Psst … Sprechen Sie leiser. Und denken Sie daran: Sie sollen mich Jamie nennen.“

Sie musterte ihn Stück für Stück, nahm sich bewusst Zeit dafür, von seinem dunklen, fast schwarzen Haar, seinen funkelnden grauen Augen, seinem sauber gestutzten Schnurrbart, seinem Kinn mit dem Grübchen bis hin zu seinen breiten Schultern unter dem gut geschnittenen Mantel, seinem schlanken Körperbau und seinen makellosen Stiefeln. Nie zuvor hatte sie sich erlaubt, ihren Blick so wenig damenhaft auf dem Körper eines Mannes ruhen zu lassen, und es verschlug ihr die Sprache, auch wenn sie sich darüber im Klaren war, dass beispielsweise Professor Stiltsons Figur nie eine solche Wirkung auf sie hätte. „Ich finde, dass der Name Jamie überhaupt nicht zu Ihnen passt. Er ist zu leicht, zu schelmisch. Ein Schuhputzer könnte so heißen. Ein Straßenjunge, vielleicht. Aber Sie nicht, Sir.“

Er rückte wieder näher zu ihr. „Wie würden Sie mich dann nennen?“, fragte er mit seiner seidenweichen, tiefen Stimme.

Sie sah auf seine Lippen, die untere voll, die obere etwas dünner, aber beide wohlgeformt. Sie würde ihn nennen …

Gefährlicher Mann, geheimnisvoller Mann, Mann der Träume einer jeden törichten Frau. Er strahlte eine starke Männlichkeit aus, die bei Frauen verbotene Gedanken auslöste und Bedürfnisse aufkommen ließ, die nichts stillen mochte, außer seiner leidenschaftlichen Begierde. Er war dazu fähig, selbst die keuschesten Frauen zu nächtlichen Fantasien und ungestillter Lust zu verleiten. Er war eine Gefahr für die weibliche Tugend und sie konnte nicht anders, als ihm zu verfallen, genau wie jede andere törichte Frau, die seiner Gegenwart ausgesetzt war. Nutzte er diese gefährliche Macht klug? Oder rücksichtslos und hemmungslos, um die Mauern der Jungfräulichkeit zu erklimmen?

„Ich habe gefragt, wie Sie mich nennen würden.“

Teufel, süße Verlockung, Hafen hoffnungsloser Träume …

Sie schüttelte sich. Sie musste ihre Neigung zu Tagträumen in Gegenwart anderer wirklich zügeln. „Ich weiß nicht“, murmelte sie und wandte ihren Blick ab. „Aber nicht Jamie.“

„Dann nennen Sie mich, wie es Ihnen gefällt“, sagte er, immer noch mit leiser Stimme, und beugte sich zu ihr hinüber.

Er streckte die Hand nach ihr aus, legte sie auf ihr Gesicht und drehte es zurück in seine Richtung. Einen Moment lang dachte sie, er wollte sie küssen. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, nahm Haltung an und wartete auf die Berührung seiner Lippen, das Kitzeln seines Schnurrbarts, das unvermeidliche Dahinschmelzen, das sie bei der intimen Berührung durch einen Mann erwartete, wie sie noch nie zuvor einen getroffen hatte.

Stattdessen nahm er ihre Brille ab und schaute ihr tief in die Augen. Sie war zutiefst enttäuscht, tat aber einen tiefen Atemzug. Reiß dich zusammen, du dummes Mädchen, schimpfte sie mit sich selbst. Sie erwiderte seinen Blick und ihr Blick blieb an den kleinen Fältchen und seinen Augen und seinen rußfarbenen, dichten Wimpern hängen. Seine Augen waren nicht bloß grau. Sie waren schieferfarben mit kohleartigen Sprenkeln, die sich von seinen tiefschwarzen Pupillen aus ihren Weg über seine Iris bahnten. Tief liegend und von dichten Augenbrauen betont, waren sie das attraktivste Merkmal dieses umwerfend gut aussehenden Mannes.

„Sie hingegen tragen Ihren Namen zu Recht, meine Liebe“, flüsterte er und nahm ihre Hand in seine. „Collette. Ob Ihre Mutter wohl geahnt hat, was für eine außergewöhnliche junge Frau Sie einmal werden würden? Hat sie vorausgesehen, dass Sie niemals nur eine Jane, Fanny oder Anne sein würden?“ Mit seiner freien Hand klappte er ihre Brille ein und legte sie auf das Buch in ihrem Schoß.

„Ich habe mich nie für besonders ungewöhnlich gehalten, Sir. Ich bin eine eher unscheinbare Frau, eine Jungfer mit wenig Geld und ohne Aussichten. Das Einzige, was ich besitze, das für mich von Wert ist, ist mein Verstand.“

Sein Blick verengte sich. Sollten ihre Worte seinen Widerspruch zur Folge haben? Wollte sie ein Kompliment herbeireden? Das glaubte er nicht. Ihr Blick war standhaft, ihre Augen groß und aufrichtig. Unauffällig? Nun ja, das hatte er auch gedacht, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Aber ihre große Anziehungskraft ließ sich nicht mit der Form ihrer Nase begründen oder der ihres Mundes oder ihrer Augen. Nein, es waren ihr Verstand, der vor Intelligenz nur so sprudelte, und ihr Herz, das Mut und eine liebenswerte Sensibilität ausstrahlte.

Er verlor wohl den Verstand, wenn er tatsächlich so über dieses weibliche Buch mit sieben Siegeln dachte. Sie war streitlustig, doch das bedeutete nicht gleich, dass sie auch intelligent war. Und sie war wagemutig, dadurch aber nicht unbedingt mutig. Was trieb eine junge Dame wie sie auf dem Weg nach London? Er begann, sich darüber zu ärgern, wie seltsam sein Verstand zu arbeiten schien, und starrte ihr in die Augen. Was hätte er dafür gegeben, mehr über ihre „Geschäfte“ zu erfahren, aber er musste ihre Privatsphäre respektieren, so wie er von ihr erwartete, dass sie die seine respektierte. Es wäre gefährlich, sie zu einer Erklärung zu drängen, denn seine eigenen Geheimnisse wollte er nicht preisgeben. Außerdem genoss er die kurze Atempause, eine kleine Auszeit von seinem Leben in London und der Langeweile, die ihn in vollen Zügen oft plagte.

London lag noch ein Stück entfernt. Er bezweifelte, dass er dieses faszinierende kleine Wesen noch einmal wiedersehen würde, sobald sie in der Stadt angekommen waren, also musste er seine Tändelei ein wenig beschleunigen und jede Sekunde davon genießen. Vermutlich war sie auf dem Weg zu einer Arbeitsvermittlung. Wahrscheinlich bestand ihre Aufgabe bei einigen Londoner Gentlemen darin, sie für ihre derzeitige Stelle als … hmm, Nanny zu beschimpfen? Nein, sie hatte nicht den süßlichen Duft oder den gehetzten Blick einer Frau, die den ganzen Tag mit Kindern zu tun hatte. Gouvernante? Vielleicht, obwohl das, was die Kinder von dieser ungewöhnlichen Frau lernen würden, möglicherweise nicht das war, was ihre Eltern sich wünschten.

Plötzlich ließ er ihre Hand los und lehnte sich zurück. „Woher kommen Sie, Collette?“

Sie tastete an ihrer Brille herum und berührte das Buch in ihrem Schoß. Ihre Finger strichen über den Ledereinband, als wäre es ein alter Freund von ihr. Er sah, dass ihre Finger voller Tinte waren, und bemerkte ihre stumpfen, kantigen Nägel und ihre glatte, blasse Haut.

„Ich lebe in einem sehr kleinen Dorf namens Listerwood-on-Sea. Es liegt an der Nordküste der Halbinsel Kent, auf halbem Weg zwischen Margate und Herne Bay.“ Sie machte all ihre Angaben in derselben sachlichen Art und Weise, ohne überflüssige Worte, weibliche Einmischungen und ellenlange Sätze.

Sie war also eine unverheiratete Frau aus Kent, die Spaziergänge am Meer und damenhafte Beschäftigungen gewöhnt war, wie Vögel beobachten oder Zeichnen. Ein Teil von ihm wollte sie als langweilig und fantasielos abstempeln. Das würde es ihm sehr viel leichter machen, sie zu vergessen, sobald sie London erreicht hatten. Der Gedanke erschreckte ihn, denn eine bestimmte Frau zu vergessen, war für ihn noch nie ein Problem gewesen, doch er zwang sich dazu, das Gespräch fortzusetzen, anstatt darüber nachzudenken, was es sein könnte, das es ihm seiner Meinung nach schwer machen könnte, sie zu vergessen.

„Ich komme selbst gerade von dort zurück. Ich war in der Nähe von Margate um … äh … um einem Händler ein seltenes Manuskript von Henry Fielding für meine Sammlung abzukaufen“, lieferte er hastig eine unverfängliche Begründung für seinen Aufenthalt in Kent. „Doch ich wurde enttäuscht. Es gab kein … Es war, äh, nur eine Kopie, eine ziemlich schlechte Fälschung.“ Es war unmöglich, sich ständig neue Worte einfallen zu lassen, ohne dabei zu vergessen, welche Lügengeschichte er ihr gerade auftischte. Sofort versuchte er, jede Gegenfrage im Keim zu ersticken, denn sie sah aus, als hätte sie durchaus welche – doch er wollte nicht weiter über seinen enttäuschenden Ausflug sprechen. „Und wie verbringen Sie Ihre Zeit in Listerwood-on-Sea?“

Ihr Blick verdunkelte sich und sie sah auf ihre Brille hinunter. „Ich lebe sehr zurückgezogen.“

Es klang, als wollte sie ihm ausweichen. Ging sie vielleicht keiner Arbeit nach, weil sie eine jener jungen Damen mit eigenem Vermögen war? Er blickte sie an, während sie damit beschäftigt war, die Schale ihres seltsamen Kerzenhalters mit Wachs zu füllen. Sie drehte die Klammer, bis sie senkrecht zur Kerze stand, und befestigte sie an der Rückenlehne ihres Sitzes. Das flackernde Licht tanzte über ihre blasse Haut.

„Sie sind nicht verheiratet. Leben Sie bei Ihren Eltern?“ Wie alt war sie überhaupt? Man fragte eine Dame nicht nach ihrem Alter, aber vielleicht würde sie es ihm ja verraten. „Ich lebe bei meiner Tante Nettie.“

Haushaltshilfe? Mops-Ausführerin für eine übel riechende alte Schachtel?

„Und Sie reisen nach London, um Geschäfte mit einigen unbekannten Männern zu tätigen.“ Er rückte näher, bis sein Arm fast eine ihrer kleinen Brüste berührte. Sein Atem begann zu stocken und er verfluchte den hohen Kragen seines Mantels.

Amüsiert nahm er Notiz davon, wie sie sich ein kleines Stück, vielleicht ein paar Zentimeter, von ihm entfernte. Die schwarzen Ledersitze des Zuges boten nicht viel Platz, auch wenn sie sehr schlank war, aber sie nutzte das leichte Schaukeln, um so weit von ihm wegzurücken, wie es nur ging. Hatte sie Angst vor ihm? Er hätte nicht gedacht, dass es überhaupt etwas gab, das ihr Angst bereitete. Oder wurde ihr gerade erst bewusst, wie unorthodox ihr Gespräch war, in der Dunkelheit eines Nachtzuges nach London, mit einem Fremden, der ihr noch nicht einmal seinen vollständigen Namen nennen wollte? Ihr musste klar sein, dass sie körperlich in Sicherheit war, aber vielleicht löste seine Berührung die gleiche Aufregung in ihr aus wie umgekehrt? Das hoffte er jedenfalls.

Da seine letzte Bemerkung keine Frage gewesen war, konnte er sich nicht darüber beschweren, dass sie nicht darauf antwortete. Nervös spielte sie an ihrem Buch herum, schlug es auf und zu und fuhr mit ihren Fingerspitzen über die goldenen Buchstaben auf dem Einband.

„Haben Sie es schon ausgelesen?“, fragte er und deutete auf den dünnen Band in ihren Händen. „Oder haben Sie gerade erst damit angefangen?“ Er sah ihr in die Augen und beobachtete ihren Blick.

Er weitete sich und Jamie bemerkte das Lächeln, das über ihre zarten rosafarbenen Lippen huschte. „Oh, ich habe es gelesen, Sir, sogar mehrmals.“

Hatte sie das wirklich? „Was halten Sie davon? Dass es veröffentlicht wurde, hat London in großen Aufruhr versetzt. Es gilt als extrem gewagt und die eher religiösen Zeitschriften haben zahlreiche vernichtende Kritiken abgedruckt. Sogar Königin Victoria selbst hat es als unmoralisch und für Frauen und junge Menschen ungeeignet verurteilt, obwohl sie zugegeben hat, es nicht gelesen zu haben.“

„Gewagt? Ich finde es bloß ehrlich, Sir. Oder halten Sie es nicht für ehrlich, wie der Autor die Läuterung eines Lebemanns und schließlich seinen endgültigen Niedergang behandelt, weil er seine wahre Natur verleugnen muss?“

Wie froh er war, dass er ihr nicht seinen richtigen Namen genannt hatte! Das hätte ihm die nun folgende Beurteilung des Romans sehr erschwert.

„Bis zu einem gewissen Grad halte ich es für ehrlich. Der Ton ist hier und dort etwas düster geraten, aber das passt zum Thema. Wie sonst sollte man mit dem Tod umgehen?“ Er beobachtete ihren Blick und fragte sich, ob sie schon darüber nachgedacht hatte, wer der Autor des skandalösen Romans wirklich war. „Ich kann mich jedoch nicht entscheiden, was die Sichtweise des Autors … äh … Colin Jenkins angeht“, fuhr er vorsichtig fort. „Ich habe gehört, dass es sich dabei um ein Pseudonym handeln soll, aber ich weiß nicht, ob ich das glauben kann. Und verurteilt er den Lebensstil des Lebemanns oder eher dessen Läuterung? Das finde ich nicht eindeutig.“

„Ich glaube, der Autor möchte, dass sich die Figur selbst treu bleibt“, sagte Collette leise, so leise, dass er sich noch weiter vorbeugen musste, um ihre Worte verstehen zu können. „Glauben Sie nicht, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn sich alle selbst treu blieben?“

Sein Blick verengte sich. Was wusste diese kleine Landmaus schon über die wahre Natur eines Lebemanns? Listerwood-on-Sea war sicher keiner der bevorzugten Aufenthaltsorte dieser Spezies. Er selbst war wesentlich geeigneter, sich zur Natur des Lebemanns und zur Wahrheit hinter diesem Buch zu äußern. „Wir sollten uns also selbst treu bleiben? Unseren Wünschen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und Impulsen?“

Sie blickte zu ihm auf und nickte.

Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie.

2. KAPITEL

In einem dunklen, nach Lorbeer duftenden Traum, die Augen instinktiv geschlossen, spürte Collette eine Weichheit auf ihren Lippen, dann ein feuchtes, köstliches Ziehen und schließlich ein kitzelndes Gefühl unter ihrer Nase. Ihr Kopf wurde von zwei starken Händen gehalten, was sie irritierte. Nicht, weil sie hätte zurückschrecken wollen, sondern weil sie sich in den Kuss hineinlehnen, ihn schmecken, durch ihren Körper fließen und jede noch so kleine Empfindung in sich aufnehmen wollte. Sie sehnte sich danach, ihren Kopf zu neigen, sich ihm hinzugeben, um das Beste aus ihrem intimen Kontakt herauszuholen. Es hätte sie schockieren sollen, doch stattdessen verspürte sie die beruhigende Gewissheit, dass sie im Himmel angekommen und auf einer weichen, flauschigen Wolke gelandet war, auf der sie länger verweilen wollte, um sich ganz in das süße Verlangen fallen zu lassen.

Dann endete der Moment. Er löste sich von ihr und Collette wusste, dass sie die Augen wieder öffnen konnte. Doch wenn sie sie noch ein wenig geschlossen ließ, wenn sie den Zauber nicht unterbrach, würde er sie vielleicht …

… genüsslich verführen, mit seinen Fingern über ihre empfindsame Haut tanzen und sämtliche fleischlichen Gelüste, von denen ihr unschuldiges Herz je geträumt hatte, zum Leben erwachen lassen. Er war erfahren, also wäre es nichts Neues oder Aufregendes für ihn, doch für sie wäre es nicht weniger als die Erfüllung ihrer nächtlichen Sehnsüchte und Bedürfnisse, von denen sie wusste, dass die normale Gesellschaft sie als schändlich erachten würde, von denen sie sich aber dennoch nicht freimachen konnte. Er konnte ihren Körper und ihre Unschuld nehmen, aber mehr noch, er war dazu in der Lage, ihrer Seele zu neuen Höhenflügen zu verhelfen, und sie sehnte sich mit einer ungebändigten, verzweifelten Sehnsucht …

Als ihr bewusst wurde, dass sich der süße Moment der Ekstase nicht wiederholen würde, öffnete sie schließlich die Augen. Meine Güte, wenn schon ein Kuss von ihm dafür sorgen konnte, dass es mit ihrer Fantasie durchging, was würde dann passieren, wenn er sie berührte … Sie gab ihm eine schallende Ohrfeige.

„Aua!“ Er zuckte zurück und seine dunklen Augen weiteten sich vor Schreck.

„Oh!“, rief sie und schien ebenso schockiert über ihr Handeln wie er. „Es tut mir leid!“ Sie streckte die Hand aus, mit der sie gerade noch zugeschlagen hatte, und streichelte seine gerötete Wange. Was war nur los mit ihr?

Er betrachtete sie mit einem seltsam gespannten Blick. Seine Augen waren noch immer weit aufgerissen, sein Mund leicht geöffnet, als er ihre Hand in seine nahm und sie gegen seine rote Wange drückte. Collette spürte, wie ihr eine grässliche, verräterische Röte ins Gesicht stieg, und wusste, dass er ihr Erröten und ihre Ohrfeige als mädchenhafte Schreckhaftigkeit missverstehen würde, obwohl es ihr heimliches Bekenntnis zu dem war, was sie gedacht und sich gewünscht hatte.

„Wieso haben Sie mich geküsst?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Warum haben Sie mich geschlagen?“, entgegnete er voller Empörung.

Sie versuchte, ihre Hand wegzuziehen, doch er hielt sie fest. „Es tut mir so leid!“, sagte sie. Schließlich löste er seinen eisernen Griff und ließ von ihr ab. Sie schüttelte den Kopf, räusperte sich und warf einen Blick auf den Kerzenhalter, der an ihrer Rückenlehne befestigt war. Sie wollte sicherstellen, dass kein Wachs verschüttet wurde und der Docht nicht zu kurz war – doch vor allem wollte sie sich beschäftigen, seinen Blicken ausweichen, damit ihrer nicht verraten konnte, in welchem Bewusstsein sie gehandelt hatte. Doch sie stellte fest, dass es ihr nicht gelang, ihren Blick von seinem abzuwenden. „Warum?“, wiederholte sie. „Warum haben Sie mich geküsst?“

Seine dunklen, buschigen Augenbrauen zogen sich über seinen Augen zusammen, die nun aussahen wie glühende Asche. „Man darf einen Gentleman niemals fragen, warum er eine Dame küsst. Man könnte etwas als Antwort bekommen, das einen schockieren oder beunruhigen würde.“

Die Wahrheit war, so dachte er, dass er selbst nicht recht wusste, warum er sie geküsst hatte. Er hatte auf ein Signal reagiert, auf die Erlaubnis, die sie ihm mit ihrer Aussage erteilt hatte, dass jeder Mann und jede Frau sich selbst treu bleiben müsse. Er war seiner Natur und seinem Verlangen danach, sie zu berühren, vollkommen treu geblieben. Die anderen Passagiere, die Umgebung: Alles war aufgrund des exquisiten Geschmacks ihrer Lippen verblasst. Ihr Mund war weich, nachgiebig, voll und köstlich wie reife Sommerbeeren aus der Weinrebe. Er hatte seinen Instinkt unterdrückt, ihren Mund mit seiner Zunge zu öffnen. Beinahe hätte er es getan, doch genau in dem Moment war er zu sich gekommen und hatte den Kuss beendet.

Denk an etwas Abstrakteres, forderte sein Verstand ihn auf, sonst bist du keine angenehme Gesellschaft. Selbst die schallende Ohrfeige, die sie ihm mit einem erschrockenen Ausdruck auf ihrem entzückenden Gesicht verpasst hatte, wollte ihm wohl gefallen.

„Wenn ich Sie noch einmal küssen würde, würden Sie mich dann noch einmal ohrfeigen?“, fragte er sie und benetzte seine Lippen.

„Vielleicht“, erwiderte sie und betrachtete seinen Mund.

„Warum? Waren Sie es nicht, die gesagt hat, dass Männer und Frauen ihren Begierden treu bleiben sollten? Oder war Ihnen nicht bewusst, wohin solche Gedanken führen können?“ Er wusste nur zu gut, wovon er sprach, denn er hatte sein ganzes Leben damit verbracht, seinen fleischlichen Begierden nachzugeben und seinen Leidenschaften zu folgen. Und dieser umfangreiche Erfahrungsschatz ließ ihn glauben, dass in Collette ein heißes Verlangen loderte, ihrer offensichtlichen Unschuld zum Trotz. Ein Verlangen, das mit ihrem Kuss aufgeflammt war und ihn mit einer intensiven Süße versengt hatte, bis er fast verbrannten Zucker hatte riechen können. Er hatte sich schnell zurückgezogen, bevor von ihm nur noch ein Häufchen glühender Asche übrig geblieben wäre. Einen weiteren langen Moment verbrachte er damit, seine Körperregungen zu unterdrücken, allerdings mit mäßigem Erfolg. Unbehagen durchfuhr ihn, als er den ersten Impuls seiner Erregung spüren konnte und ihm bewusst wurde, dass er sich glücklich schätzen konnte, dass die Hosen der Herren heutzutage viel weniger figurbetont waren als früher.

Wusste sie überhaupt etwas über die Begierde und darüber, wo sie hinführen konnte? Hatte sie jemals wirklich darüber nachgedacht, was zwischen einem Mann und einer Frau vor sich ging? Tugendhafte Damen hatten für die Begierde ihre Besonnenheit über Bord geworfen und ihr Leben für einen Moment der Glückseligkeit ruiniert. Regierungen waren gestürzt worden, Männer Gottes hatten ihre Gelübde gebrochen. Mord, Chaos und alle Arten von Gewalt waren das Ergebnis jenes rasenden Drangs nach Ekstase gewesen.

Sie konnte nicht um all das wissen und gleichzeitig die Unschuldige sein, für die er sie hielt. Sie konnte nicht wissen, dass selbst ihre Ohrfeige dafür sorgte, dass er an aufregende Liebesspiele denken musste, an Schläge, an Kitzeln und süße Hingabe, an verspielte Klapse, gefolgt von Liebesübungen. Er schaute sie so verführerisch an, wie er konnte.

„Collette, ich habe Sie geküsst, weil ich es wollte und weil Sie geküsst werden wollten, ob Sie es nun wussten oder nicht. Sie haben mich dazu eingeladen, den Kuss initiiert, auch wenn Sie kein Wort gesagt haben. Frauen und Männer kommunizieren auf einer viel tieferen Ebene als nur mit Worten. Sie haben mich angefleht, Sie zu küssen. Hat es Sie schockiert? Habe ich Sie angewidert? Seien Sie ehrlich. Zu mir und zu sich selbst.“

„Nein“, flüsterte sie mit einer Stimme, die seine Willenskraft auf die Probe stellte. „Nein, es hat mich nicht angewidert. Es hat mir gefallen. Es hat mir sogar sehr gut gefallen. Ich fand es … erquickend.“

Er hob die Augenbrauen. Erquickend? Na, so was! „Und deshalb haben Sie mich geschlagen?“

„Ich glaube, das war ein Reflex“, sagte sie mit gerunzelter Stirn. „Sonst habe ich keine Erklärung dafür.“

Es war eine weitere Ohrfeige wert, diese Lippen erneut zu küssen. Unverwandt sah er in ihre durchdringenden, smaragdgrünen Augen und senkte seinen Kopf zu ihrem. Diesmal schlug sie ihn nicht, legte ihre Hände auf seine Wangen und küsste ihn mit der süßen Feuchtigkeit ihres köstlichen Mundes. Er spürte seinen Puls schneller werden und das Blut in seinen Adern pulsierte im Rhythmus des uralten Fortpflanzungstriebs.

Sanft tanzten ihre Lippen über seine. Ihre Finger fuhren durch sein Haar und es kitzelte ihn an den kleinen Härchen seines Halses, bis das Verlangen in seinem Körper kaum noch auszuhalten war. Alles, was es seltsam gemacht hätte, sich über die Armlehne zwischen ihren Sitzen zu beugen, war vergessen. Er schloss sie in seine Arme, zog ihren schlanken Körper zu sich und verlor sich in ihrem Kuss, wie er es schon seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Nicht mehr seit seiner ersten berauschenden Begegnung mit …

„London! Bitte alle Passagiere aussteigen!“

Die laute, nasale Stimme des Schaffners hallte durch den Waggon und Collette löste sich von ihm, mit glasigen Augen und feuchten Lippen, die von ihrer gemeinsamen Leidenschaft leicht angeschwollen waren. Um sie herum erwachten die anderen Passagiere und schauten verschlafen, wie sie so plötzlich geweckt worden waren. Collette und der Mann, der sich Jamie nannte, fielen kein bisschen auf – selbst dann nicht, als sie sich tief in die Augen sahen und in ihrem Blick das Wissen um all das miteinander teilten, was nun wie ein Strom durch ihre Adern pulsierte.

„London“, sagte sie und lachte leise. Sie benetzte ihre Lippen und er musste schwer schlucken, verwirrt von den Gefühlen, die ihn durchströmten. „Ich war noch nie hier, wissen Sie. Das ist mein erstes Mal. Eine Nacht voller Premieren, wie es scheint.“

Das ließ keine andere Interpretation zu, als dass er ihr ihren ersten Kuss gegeben hatte. War das schon jemals vorgekommen? Dass er einer Dame ihren ersten Kuss gegeben hatte? Oder dass er ihr überhaupt etwas zum ersten Mal gegeben hatte? Er glaubte, dass nicht. Und so war es für ihn ebenfalls eine Nacht der Premieren. Er betrachtete sie, wie sie sich bückte und ihr Buch in die schwere schwarze Reisetasche zu ihren Füßen legte, und er wünschte sich, sie hätten im schwachen Licht der Kerze noch ein paar Minuten zu zweit gehabt. Was hätte er nur dafür gegeben, zu erfahren, wie sie auf andere Unverfrorenheiten reagiert hätte, wie ein Bein, das sich an ihren Oberschenkel presste, eine Hand auf ihrer Brust, eine Zunge, die ihren offenen, verlockenden Mund erkundete. Verdammt sei der Zugfahrplan! Er wünschte sich, London läge noch zehn Meilen weiter entfernt. Oder zwanzig oder dreißig.

Der Rhythmus des fahrenden Zuges änderte sich. Sie setzte ihre Brille wieder auf, blies die Kerze aus und strich ihr weites, schlichtes Reisekleid glatt. Sie nahm ihre Reisetasche auf den Schoß, verstaute den Kerzenhalter in seiner Metallhülle und setzte ein ernstes Gesicht auf, als sie aus dem Fenster sah und der Zug mit quietschenden Bremsen und unter dem zischenden Entweichen der aufgestauten Kraft aus der Dampflokomotive zum Stillstand kam.

Was sollte er sagen? Was konnte er nur tun? Eigentlich hatte er vorgehabt, bloß ein wenig zu schäkern und sich dann von Collette zu verabschieden, doch seltsamerweise widerstrebte es ihm in diesem Fall, den Geboten der Verführungskunst zu folgen. Sie stand auf und schritt den Gang entlang. Nachdem er seine Reisetasche an sich genommen hatte, folgte er ihr, bewunderte ihren wippenden Po und fragte sich, wie er wohl hinter einem durchsichtigen Kleid oder ganz ohne Kleidung aussehen würde, die runden, glatten, rosafarbenen Backen nackt vor seinen Augen und Händen.

Verdammt!

Gemeinsam mit den anderen Passagieren stiegen sie aus ihrem Waggon aus. Einige der kleinen Jungs sprangen die Treppe hinunter, gefolgt von ihren erschöpften Müttern. Ein älteres Ehepaar stützte sich beim Aussteigen gegenseitig und nahm schließlich die Hilfe des wortkargen Schaffners in Anspruch.

Jamie wandte sich an Collette. „Mein Diener wird irgendwo in der Nähe sein und mich mit einer Kutsche abholen.“ Das würde nicht funktionieren. Er klang ängstlich, geradezu übereifrig. Er zwang sich zu einem lässigeren Tonfall und sagte: „Können wir Sie irgendwo hinbringen?“

Sie zögerte. Die Menschenmenge umwirbelte sie wie zwei unbewegliche Gestalten in einer sich bewegenden, wogenden Masse. Durch die Sommerhitze war der Geruch der Menschen in Windeseile schärfer geworden und konkurrierte nun mit dem erdigen Duft von Pferden, Rauch, Abwasser und Fluss. Seine Neugierde war geweckt. Sicher würde eine junge Frau, die sich dafür aussprach, dem eigenen Verlangen zu folgen, sich nicht dagegen sträuben, eine Mitfahrgelegenheit von einem Mitreisenden anzunehmen?

Sie biss sich auf die Lippe, nickte aber schließlich. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. „Gewiss, Sir. Ich würde mich sehr freuen, eine Mitfahrgelegenheit zu meinem Hotel in Anspruch nehmen zu können.“

Zufrieden grinsend blickte er sie an. Er würde erfahren, wo sie wohnte, und die Entscheidung, ob es zu einer Fortsetzung dieser außergewöhnlichen Nacht kommen würde, lag dann bei ihm. Für die Fahrt würde er seinen Leibdiener Mockley auf den Kutschbock setzen, damit er und Collette eine halbe Stunde zu zweit in der dunklen Kutsche hatten. In einer halben Stunde konnte man viel erreichen, sogar eine vollständige Verführung. Er hatte es schon einmal geschafft, von vollständig bekleidet bis nackt und fait accompli – allerdings noch nie in einem sich bewegenden Fahrzeug. Und noch nie mit einem jungfräulichen Mädchen vom Lande. Er verbeugte sich vor ihr. „Ich werde meinen Leibdiener suchen. Bitte warten Sie hier, Collette. Ich komme zurück, sobald ich Mockley gefunden habe.“

Er verschwand in der Menge. Collette stellte ihre Reisetasche neben ihre Füße und sah ihm nach. Sie fragte sich, ob sie sich von ihm begleiten lassen sollte. Er war ein Fremder, und wenn ihre Tante davon erfahren würde, bekäme die Frau Herzklopfen der alarmierendsten Art. Aber dies war nicht Listerwood-on-Sea und Collettes skandalöses Verhalten würde anonym bleiben. Die Einzige, die darunter zu leiden hätte, war sie selbst. Sie war auf ein berauschendes Gefühl der Freiheit gestoßen, indem sie genau das tat, was sie wollte.

Vielleicht würde sie nie wieder einen Mann wie Jamie treffen und wollte dem Schicksal erlauben, sie zum Tanz aufzufordern. Vielleicht war es schon zu spät, um einen Nutzen aus ihren Beobachtungen eines echten Lebemanns zu ziehen, doch es war dennoch faszinierend, und es gab noch so viel zu lernen … und vielleicht auch zu erleben. Sie war bloß etwa hundert Meilen von zu Hause entfernt, hatte sich aber bereits von einer Dorfjungfrau in … in was verwandelt?

„Miss Collette Jardiniere?“

Eine wohlregulierte Stimme, dazu gedacht, den Lärm des Londoner Bahnhofs zu übertönen, erklang hinter ihr, und sie wirbelte herum. Ein junger Mann mit Brille und sanftem Gesichtsausdruck stand ein paar Meter entfernt.

„Das bin ich“, sagte Collette.

„Das habe ich mir gedacht. Sie hatten diesen verlorenen Blick, wie ein Neuankömmling in London. Ich bin David Stuyvesent, Mr. Bellringers Assistent. Sie wissen schon, Mr. Bellringer von Rosewood Publishing? Ich bin hier, um Sie zu Ihrem Hotel zu geleiten. Wir haben ein Zimmer für Sie reserviert.“

„Wie freundlich von Mr. Bellringer und Ihnen, Mr. Stuyvesent. Ich …“ Collette sah sich um.

„Wir müssen los, Miss. Ein Hansom wartet auf mich, und wenn wir uns nicht beeilen, wird vermutlich jemand anderes den Kutscher bestechen. Darf ich Ihnen Ihre Tasche abnehmen?“ Mit jugendlicher Kraft griff er nach ihrer Reisetasche, warf sie über seine Schulter und sagte: „Folgen Sie mir, Miss Jardiniere.“

Sie hatte keine Wahl. Jamie würde nicht wissen, wohin sie gegangen war, und sie kannte noch nicht einmal seinen richtigen Namen. Verflixt und zugenäht, aber es irritierte sie. Was hatte er zu verbergen? War sein Ruf so alarmierend schlecht? Er musste wohl ein Verführer und Schurke sein, aber … Sie sah sich erneut um und Mr. Stuyvesent verschwand bereits in der Menschenmenge, die ihn im schwachen Licht der Bahnhofslaternen umwirbelte. Collette eilte hinter ihm her. London war eine riesige, beängstigende Stadt, und wenn sie den jungen Mann aus den Augen verlor, hätte sie weder Geld noch ihr Gepäck und wüsste auch nicht, in welchem Hotel ein Zimmer für sie reserviert war.

Und was für ein Tempo er vorlegte!

Sie hörte jemanden ihren Namen rufen.

„Collette! Collette!“

Sie wirbelte herum. Jamie! Da stand er, in einiger Entfernung, gemeinsam mit einem vornehm aussehenden Herrn. Doch Mr. Stuyvesent verschwand mit ihrem Gepäck, ihrem Geld, ihrem Leben! Ihr Blick schwankte zwischen rationalem Verhalten und Verzweiflung. Sie zuckte mit den Schultern, blickte Jamie ein letztes Mal tief in die Augen und drehte dann ab, um dem jungen Assistenten durch die düstere Dunkelheit des mit Gaslampen beleuchteten Bahnhofs zu folgen.

„Verdammt! Mockley, sie geht, sie läuft mir davon!“

„Es gibt für alles ein erstes Mal, Sir, so sagt man“, erwiderte der Leibdiener und nahm Jamesons Tasche von einer Hand in die andere.

„Aber ich habe ihr gesagt, sie soll genau dort bleiben, wo sie ist. Ich habe ihr gesagt, ich würde zurückkommen und sie holen!“

„Es scheint, dass sie es nicht gewohnt ist, zu tun, was man ihr sagt, Mr. Jameson.“

Sie ist weg, dachte Jameson, und eine seltsame Trostlosigkeit überkam ihn. Warum war sie einfach gegangen, ja, sogar weggerannt?

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