Collection Baccara Band 351

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DOCH ICH WEIß, DASS ICH DICH LIEBE
von DENOSKY, KATHIE

Nach einem Unfall kann sich der reiche Unternehmer Sam Rafferty an nichts erinnern, was in den Monaten zuvor geschah. Er weiß nur eins: Er begehrt seine schöne Frau Bria wie am ersten Tag. Doch bald beschleicht ihn das Gefühl, dass sie etwas Wichtiges vor ihm verbirgt …

VERLANGEN GEGEN JEDE VERNUNFT
von MAYNARD, JANICE

Dieses Kribbeln, dieses Prickeln … Obwohl Larkin Wolff offiziell zu ihrem Schutz da ist, spürt Winnie instinktiv: Ausgerechnet der sexy Sicherheitsexperte kann ihr gefährlich werden. Denn wenn sie seiner Anziehungskraft nachgibt, bricht er ihr bestimmt das Herz, oder?

BETÖRT VON EINER BETRÜGERIN?
von CHILD, MAUREEN

Drei Millionen Dollar! Sage Lassiter ist fassungslos. Warum hat sein Vater der hübschen Krankenschwester Colleen ein Vermögen vererbt? Um sie als Betrügerin zu entlarven, beginnt Sage, sie zu verführen. Ein gewagter Plan mit ungeahnt leidenschaftlichen Folgen …

  • Erscheinungstag 03.03.2015
  • Bandnummer 0351
  • ISBN / Artikelnummer 9783733722500
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kathie DeNosky, Janice Maynard, Maureen Child

COLLECTION BACCARA BAND 351

KATHIE DENOSKY

Doch ich weiß, dass ich dich liebe

Bria sehnt sich nach ihrem Ehemann, seiner Nähe, seiner Fürsorge, seiner Liebe. Aber Sam ist sein Unternehmen wichtiger als sie – egal wie dringend sie ihn braucht. Zutiefst verletzt beschließt Bria, sich von Sam zu trennen. Doch als nur noch seine Unterschrift unter den Scheidungspapieren fehlt, verunglückt er schwer. Und plötzlich ist alles anders …

JANICE MAYNARD

Verlangen gegen jede Vernunft

Sicherheitsexperte Larkin Wolff hat eine eiserne Regel: Lass dich nie mit Klientinnen ein! Allerdings hatte er auch noch nie eine Auftraggeberin wie die zierliche Millionenerbin Winnie. Vom ersten Moment an schrillen die Alarmglocken in Larkins Kopf. Denn Winnies unwiderstehliche Mischung aus Unschuld und Sinnlichkeit weckt ungeahntes Verlangen in ihm …

MAUREEN CHILD

Betört von einer Betrügerin?

Colleen schwebt im siebten Himmel, als der attraktive Milliardär Sage Lassiter sich für sie interessiert. Doch dann muss sie erkennen, dass er wohl nur aus einem Grund ihre Nähe sucht: Um zu beweisen, dass sie seinen Vater durch unlautere Methoden dazu gebracht hat, ihr Geld zu vererben. Wie kann sie ihren Traummann überzeugen, dass sie keine Betrügerin ist?

PROLOG

„He, Sam! Hör auf, Löcher in die Luft zu starren, und mach endlich das Tor auf!“, riss ihn ein Ruf von der anderen Seite des Rodeoplatzes aus seinen Gedanken.

Leise fluchend öffnete er das Gatter und ließ das nächste mächtige Tier durch den engen, von Stahlzäunen gesicherten Korridor in eine der Startboxen. Sam Rafferty führte ein Unternehmen, das Rodeobullen für Veranstaltungen bereitstellte. Er musste bei der Sache bleiben und nicht ständig über seine Probleme nachdenken. Es war sowieso nicht zu ändern, und wenn er sich nicht konzentrierte, dann verletzte sich am Ende noch jemand.

Nate, sein jüngerer Bruder, gesellte sich zu ihm und gemeinsam verfolgten sie, wie ein Teilnehmer über das Gatter einer Startbox kletterte und sich auf den breiten Rücken des Bullen schwang. Obwohl Nate den Stier und seinen Reiter aufmerksam beobachtete, spürte Sam, dass er herauszufinden versuchte, in welcher Stimmung sein älterer Bruder war und wie viel er sagen durfte.

Schließlich fragte Nate: „Kommt Bria heute?“

„Ja.“

Beide schauten unverwandt auf das Rodeopaar.

„Willst du drüber reden?“

„Nein.“ Sam biss die Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte, während er auf die nächste Frage wartete.

Doch offensichtlich hatte Nate begriffen, dass er sich auf dünnem Eis bewegte, denn er nickte nur. Erst als er sich zum Gehen wandte, fügte er hinzu: „Alles Gute für euer Gespräch, Sam.“

Niemandem außer seinen Brüdern hatte Sam erzählt, dass er und seine Frau sich scheiden lassen würden. Bria hatte ihre Gründe, weshalb sie von ihm weg wollte, auch wenn er sie nicht alle verstand und überhaupt nicht damit einverstanden war. Er musste akzeptieren, dass diese Gründe schwer genug wogen, um fünf Jahre Beziehung – von denen sie drei verheiratet waren – einfach wegzuwerfen.

Als er ein Zeichen des Cowboys erhielt, der die Startboxen überwachte, öffnete er automatisch das Gatter, um den nächsten Bullen in den Korridor zu leiten. Bria wollte die Scheidung so schnell wie möglich, damit sie ein neues Leben beginnen konnte. Er nahm das notgedrungen hin, nur der Zeitpunkt, den sie gewählt hatte, war nicht besonders passend. Sie wusste genau, dass Sam und seine Brüder an diesem Wochenende mit dem Hank Calvert Memorial Rodeo alle Hände voll zu tun hatten. Hank Calvert war es gewesen, der die Brüder vor langer Zeit von der Straße geholt hatte. Deshalb hatten sie neben dem wirtschaftlichen, auch ein persönliches Interesse an der Gedenkveranstaltung.

Während Sam einen weiteren Bullen in den Korridor ließ, dachte er an Hank, der sechs verwilderte Jugendliche aufgenommen und sie davor bewahrt hatte, ein Leben hinter Gittern zu verbringen. Als Rodeo-Star, der Preise auf allen großen Events gewonnen hatte, war Hank über die Jahre zu einem reichen Mann geworden, der sich mit achtunddreißig in den Ruhestand verabschiedete. Doch statt sich mit seinem Vermögen ein luxuriöses, verschwenderisches Leben zu gönnen, hatte Hank die Last Chance Ranch gegründet, auf der schwer erziehbare Jugendliche lernten, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Immer wieder hatte er ihnen Mut gemacht und ihnen gezeigt, dass nur sie selbst es schaffen konnten, sich zu ändern, etwas zu lernen und sich aus ihrer Misere herauszuarbeiten.

Dieser wunderbare Mann, ist viel zu früh gestorben, dachte Sam seufzend. Die harte Arbeit auf der Ranch und die Ausbildung zu Rodeoexperten hatten ihm und seinen Brüdern geholfen, ihre Aggressionen abzubauen und die negativen Erfahrungen ihrer Kindheit abzustreifen. Hank hatte mit ihnen über ihre Ängste und ihre Wut geredet, über ihre Hoffnungen und Träume, und hatte ihnen einen Weg gezeigt, rechtschaffene, geschätzte Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Um ihm zu beweisen, dass sie etwas leisten konnten, waren sie zur Schule gegangen. Und er hatte sie unterstützt, wenn sie nicht weiter wussten. Außerdem hatte er für jeden von ihnen einen Fonds angelegt, damit sie aufs College gehen konnten. Hank Calvert hatte sie zu den Männern gemacht, die sie heute waren. Ihn mit diesem Fest zu ehren, war das Geringste, was sie ihm schuldeten.

Deshalb hatte es Sam auch irritiert, dass Bria darauf bestanden hatte, gerade heute zu kommen, um sich seine Unterschrift abzuholen. Warum konnte das nicht noch einen Tag warten? Sie wusste doch genau, was ihm und seinen Brüdern dieses Rodeo bedeutete. Musste sie wirklich so deutlich machen, dass sie ihn lieber heute als morgen loswerden wollte?

Er schaute hinüber zur Ehrentribüne und ließ seinen Blick einen Moment über die Menge wandern, bis er die rothaarige Frau entdeckte, die gerade die Stufen zur Loge für die Angehörigen der Rodeoreiter und des Personals erklomm. Selbst nach allem, was zwischen ihnen schiefgelaufen war, nach all den Vorwürfen und Enttäuschungen, fand er Bria Stanton-Rafferty atemberaubend schön. Sie hatte immer noch die gleiche Wirkung auf ihn wie am Anfang ihrer Beziehung. Wenn er sie sah, beschleunigte sich sein Puls, und er war sich sicher, das würde sich nie ändern.

Als sich ihre Blicke trafen, wurde ihm eng um die Brust, und sein Magen krampfte sich zusammen. Sie hatten sich geeinigt, und er wollte ihr nicht im Weg stehen, wenn die Scheidung ihr so wichtig war. Bria bedeutete ihm zu viel, um sie in einer Ehe festzuhalten, die sie offenbar unglücklich machte.

„Sam!“

„Pass auf!“

„Weg da, Rafferty!“

Laute Rufe seiner Brüder und Mitarbeiter rissen ihn erneut aus seinen Gedanken. Sam drehte sich um, um zu sehen, was los war. In diesem Moment hörte er ein heiseres Brüllen, dann sah er den tonnenschweren Bullen, der mit gesenktem Kopf auf ihn zuraste.

Er hatte keine Zeit mehr, sich hinter dem Zaun in Sicherheit zu bringen, also blieb ihm nur eine Möglichkeit: Er musste sich zur Seite werfen. Wahrscheinlich hätte er mit dieser Strategie sogar Erfolg gehabt – wäre mehr Platz gewesen. Als er dem angreifenden Stier auswich, knallte er mit dem Kopf gegen das Eisengatter. Das Letzte, was er hörte, war der entsetzte Schrei einer Frau. Ein teuflischer Schmerz durchzuckte seinen Kopf, dann spürte er, wie ihm schwarz vor Augen wurde. Er wehrte sich dagegen, weil er Bria doch sagen musste, dass alles in Ordnung war, dass sie die Scheidung bekommen würde, dass er nur das Beste für sie wollte. Doch der Schmerz überwältigte ihn. Sam schloss die Augen und glitt in den schwarzen Abgrund der Bewusstlosigkeit.

1. KAPITEL

Bria stand im Warteraum des Krankenhauses, die Arme schützend um sich geschlungen, und versuchte, gegen ihre Angst anzukämpfen. Doch es hatte keinen Zweck. Kalte Schauer ließen sie zittern, obwohl es jetzt, Anfang Juni, in Texas schon ziemlich warm war. Hilflos zusehen zu müssen, wie der wütende Bulle Sam gegen den Zaun schleuderte und ihn mehrmals mit dem Kopf traktierte, war entsetzlich gewesen. Glücklicherweise war der Stier enthornt, sodass Sam keine Stichwunden davongetragen hatte, und das massive Tier hatte auch nicht auf ihm herumgetrampelt. Nate und Sams andere Brüder waren sofort herbeigeeilt, um den Bullen abzulenken, aber Bria schien es, als wäre alles in Zeitlupe passiert. Es hatte endlos gedauert, bis der Stier von Sam abließ und der Notarzt ihn versorgen konnte.

Unter Tränen dachte sie daran, dass sie schuld an Sams Unfall war. Wenn sie wenigstens noch einen Tag gewartet hätte, um ihm die Scheidungsdokumente zur Unterschrift zu bringen, dann müsste sie jetzt nicht hier im Krankenhaus auf das Ergebnis der Untersuchung warten. Doch das Rodeo war nur zwei Autostunden von ihrem neuen Zuhause in Dallas entfernt, und sie wollte unbedingt frei sein, ehe sie ihren neuen Job als Marketingmanagerin einer großen Kaufhauskette antrat. Leider war sie in einen Stau geraten, und deshalb erst angekommen, als die gefährliche Show bereits begonnen hatte.

Sie unterdrückte ein Schluchzen. War es nicht völlig egal, was sie geplant und warum es nicht geklappt hatte? Sam zahlte nun den Preis für ihre Ungeduld.

„Hast du schon was gehört, Bria?“, drang Nates Stimme wie von Ferne an ihr Ohr.

Als sie sich umdrehte, sah sie ihn und seine Brüder den Krankenhausflur entlangkommen. Alle fünf waren echte Cowboys vom breitkrempigen Hut bis zur Stiefelsohle. Groß, gut aussehend, selbstbewusst. Wie Sam, waren auch seine Brüder mittlerweile schwerreiche Männer geworden, doch sie alle waren die bodenständigen, hart arbeitenden Cowboys geblieben, die lieber Jeans und einfache Hemden trugen als Designerklamotten. Nur Nate war Sams leiblicher Bruder, doch die gemeinsame Zeit bei Hank Calvert hatte die sechs Ziehgeschwister für immer zusammengeschweißt.

„Sie … sie haben ihn gerade zum Röntgen gebracht, und dann soll er in den Computertomografen“, antwortete sie mit brüchiger Stimme.

Nate nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. „Er wird es überstehen, Bria.“

„Sam ist hart wie Stahl“, fügte Lane Donaldson hinzu. Er war so alt wie Sam, hatte Psychologie studiert und verdiente sein Geld als erfolgreicher Pokerspieler. Doch im Moment gelang es ihm nicht sehr gut, seine Nervosität hinter seinem Pokerface zu verbergen.

Ryder McClain, der die Dinge immer leicht nahm, nickte: „Wahrscheinlich nervt Sam die Ärzte längst damit, dass er endlich nach Hause will.“

„Hoffentlich habt ihr recht“, seufzte Bria.

„Möchtest du was trinken, Bria?“, fragte T. J. Malloy. „Einen Kaffee? Oder Mineralwasser?“ Er war der fürsorglichste der sechs Brüder, und kümmerte sich gern um alle.

„Besorg uns allen Kaffee, T. J.“, ordnete Nate an, ohne auf Brias Antwort zu warten.

„Ich komme mit und helfe dir tragen“, bot Jaron Lambert an, doch ehe er T. J. folgte, fragte er Bria: „Möchtest du vielleicht auch was zu essen?“

„Danke, Jaron, aber ich kann jetzt nichts essen“, erwiderte sie, dankbar dafür, dass Sams Brüder ihr zur Seite standen. Sie hatten sie immer wie eine Schwester behandelt, und sie wusste, dass sie die Bande vermissen würde, sobald sie nach der Scheidung nicht mehr Teil der Familie war.

„Komm, setz dich“, forderte Nate sie auf und ging mit ihr zu einer Stuhlreihe an der Wand. „Ist Sam auf dem Weg in die Klinik wieder zu Bewusstsein gekommen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte das Gefühl, dass er wieder zu sich kam, als sie ihn vorhin zum Röntgen brachten, aber ich durfte nicht bei ihm bleiben. Man teilte mir nur mit, der Arzt würde später mit mir sprechen.“

Da das Rodeo in vollem Gang gewesen war, als der Unfall passierte, hatten Sams Brüder zunächst dafür sorgen müssen, dass die Veranstaltung nicht aus dem Ruder lief. Danach galt es, Sams Tiere zu verladen, damit sie zu ihren nächsten Zielen geschickt werden konnten. Bria wusste, dass es ihnen schwer gefallen war, ihren Bruder nicht in die Klinik zu begleiten, doch sie hatten Verpflichtungen und mussten sie auch in Sams Interesse wahrnehmen.

„Habt ihr das Rodeo noch zu einem guten Ende gebracht?“, erkundigte sie sich.

„Ja, wir haben uns um alles gekümmert“, sagte Lane, setzte sich ebenfalls neben sie und streckte seine schlaksigen Beine von sich. „Du brauchst dir um nichts Gedanken zu machen, außer um Sam.“

„Ich wünschte, man würde uns endlich irgendwas sagen“, stieß sie hervor. Nervös sprang sie auf und ging zur Tür, um im Flur nach dem Arzt zu spähen. Doch sie entdeckte nur T. J. und Jaron, die mit dem Kaffee zurückkamen.

„Immer noch keine Nachricht?“, fragte T. J. und reichte ihr einen Becher. Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, betrat ein Mann in blauer Hose und weißem Kittel den Warteraum.

„Mrs Rafferty?“, erkundigte er sich und kam auf sie zu.

Automatisch scharten sich Sams Brüder um ihre Schwägerin. „Ich bin Brianna Rafferty“, sagte sie und machte sich auf das Schlimmste gefasst. „Wie geht es meinem Ma… Wie geht es Sam? Ist … ist alles in Ordnung mit ihm?“

„Mein Name ist Bailey, ich bin der diensthabende Neurologe heute Abend“, erwiderte der Arzt mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck. „Setzen wir uns, dann erkläre ich Ihnen, was mit Ihrem Mann los ist.“ Sobald alle saßen, holte er einen Stuhl heran und setzte sich ihnen gegenüber. „Sam ist wieder bei Bewusstsein, was ein gutes Zeichen ist. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass er sich was gebrochen hat.“

„Und doch höre ich ein ‚Aber‘ in Ihrer Stimme, Doc.“ Nate nahm unwillkürlich Brias Hand.

„Sam hat offensichtlich eine schwere Gehirnerschütterung, aber keine Blutungen“, erklärte der Arzt. „Allerdings gibt es eine Schwellung.“

„Was bedeutet das?“, wollte Jaron wissen. Er war schwarzhaarig und hatte meist eine düstere Miene aufgesetzt.

„Es könnte Komplikationen geben“, antwortete Dr. Bailey schlicht. „In den nächsten vierundzwanzig Stunden wird sich zeigen, ob das Ödem im Gehirn schlimmer wird. Falls das passiert, müssen wir den Schädel partiell öffnen, um den Druck zu vermindern.“

Entsetzt schlug Bria die Hand vor den Mund.

„Ich denke nicht, dass es so weit kommen wird, Mrs Rafferty“, versicherte Dr. Bailey hastig. „Seit Sam eingeliefert wurde, kontrolliere ich den Bluterguss ständig, und bisher hat er sich nicht vergrößert. Trotzdem müssen wir ihn weiter beobachten, auch, weil es neurologische Probleme geben könnte, die man auf dem Röntgenbild nicht sieht.“

„Über welche Art von Problemen sprechen wir hier?“, erkundigte sich Ryder, der aussah, als würde er am liebsten auf irgendetwas einschlagen. Als Bullenreiter war er bekannt für seine absolute Furchtlosigkeit, doch Bria wusste, dass er hinter seiner offenkundigen Frustration tiefe Sorge um Sam verbarg.

„Bei Gehirnverletzungen besteht immer die Gefahr eines Gedächtnisverlustes, dazu können Sprachstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen kommen“, antwortete der Arzt. „Ich sage nicht, dass diese Schwierigkeiten unweigerlich eintreten werden“, beruhigte er Bria sofort. „Und selbst wenn sich solche Störungen zeigen, müssen sie nicht dauerhaft sein.“

„Mein Gott, das darf nicht wahr sein“, flüsterte Bria, während ihr Tränen über die Wangen liefen. Sam war so stark, so selbstsicher. Sich vorzustellen, dass er vielleicht ein Invalide sein würde, war unmöglich. Und dass sie eine Mitschuld an seinem Unfall trug, machte sie fast wahnsinnig. Nie würde sie sich verzeihen, wenn Sams Gesundheit dauerhaft beeinträchtigt sein würde, nur weil sie es so eilig gehabt hatte, die Scheidung durchzubringen.

Nate legte ihr beschützend einen Arm um die Schultern. „Wann dürfen wir ihn besuchen, Doktor?“

„Er ist jetzt zur Beobachtung auf der Intensivstation, und er schläft. Aber jeweils zwei von Ihnen dürfen ein paar Minuten zu ihm, immer in Intervallen von zwei Stunden.“ Der Arzt stand auf und gab allen die Hand. „Morgen früh weiß ich mehr, dann komme ich wieder auf Sie zu. Ich schicke Ihnen eine Schwester, damit Sie sie ins Wartezimmer der Intensivstation begleitet.“

Nachdem Dr. Bailey gegangen war, legte Jaron seiner Schwägerin eine Hand auf den Arm. „Es wird alles wieder gut, Bria. Sam wird das ohne Komplikationen überstehen.“

„Sam ist härter als alle, die ich kenne“, fügte T. J. hinzu. „Ich bin sicher, dass er bald wieder rumläuft, als wäre nichts geschehen.“

Lane atmete tief durch. „Geh mit Nate zu Sam“, schlug er Bria vor. „Wir anderen sehen zu, dass wir im Warteraum ein paar Stühle erobern.“

Während sie mit Nate im Lift nach oben fuhr, fragte sie sich, wie viel Sam seinen Brüdern über die Scheidung erzählt hatte. Sie kannte ihn gut genug, um zu ahnen, dass er ihnen nicht mehr als das Nötigste mitgeteilt hatte. Sie seufzte. Selbst wenn sie aus der Ehe raus wollte, hieß das noch lange nicht, dass sie ihn in seiner Not alleinlassen würde. Andererseits war sie nicht sicher, ob ihr das überhaupt zustand. Sie waren mehr oder weniger geschieden. Vielleicht hatte sie gar nicht das Recht, bei ihm zu sein?

„Nate, soll ich wirklich mitkommen?“, fragte sie unsicher.

Er sah sie an, als sei sie verrückt geworden. „Warum in aller Welt fragst du das, Bria?“

„Weil nur noch Sams Unterschrift fehlt, und wir sind geschieden“, antwortete sie. „Wahrscheinlich will er mich überhaupt nicht sehen.“

Nate schüttelte den Kopf. „Das ist egal. Sein Name steht noch nicht auf dem Dokument, und solange das nicht der Fall ist, seid ihr für uns alle noch verheiratet.“

„Aber …“

„Nichts aber“, schnitt er ihr das Wort ab. „Du bist seine Frau, und solange Sam nicht wieder gesund ist, braucht er dich an seiner Seite. Danach könnt ihr machen, was ihr wollt.“

Wahrscheinlich hatte Nate recht. Solange die Scheidung nicht rechtskräftig war, waren sie Mann und Frau. Falls Entscheidungen über die medizinische Versorgung von Sam getroffen werden mussten, würden sich die Ärzte an sie wenden. Abgesehen davon wollte sie bei ihm sein, bis alles wieder in Ordnung war.

Als sie den Aufzug verließen und den Krankenhausflur entlanggingen, biss Bria sich auf die Unterlippe, damit sie aufhörte zu zittern. Sam bedeutete ihr immer noch unendlich viel, aber sie konnte einfach nicht mehr mit ihm zusammenleben, nach allem, was vor fünf Monaten geschehen war.

Sobald sie sich bei der Nachtschwester registriert und Sams Zimmernummer erfahren hatten, betraten sie leise den Raum. Es fiel Bria schwer, die Tränen zurückzuhalten, als sie Sam im Bett liegen sah. Seine rechte Schläfe war dick geschwollen, und sein Kinn aufgeschrammt, aber seine Augen waren geöffnet und klar. Bria wusste, dass er sie und Nate sofort erkannt hatte.

„Könntest du diesen Leuten hier sagen, dass ich meine Klamotten haben will, damit ich mich anziehen und verschwinden kann?“, fragte er ungeduldig.

„Manche Dinge ändern sich nie“, bemerkte Nate lächelnd. „Scheint, als hätte der Bulle dir deinen Starrsinn nicht aus dem Schädel gerammt.“

Bria war ans Bett getreten und konnte nicht anders, als Sam zärtlich das blonde Haar aus der Stirn zu streichen. „Hast du starke Schmerzen, Sam?“

Er griff nach ihrer Hand. „Keine Sorge, Sweetheart. Mir geht’s gut. Bring mir meine Sachen, dann ziehe ich mich an, und wir gehen nach Hause.“

Seine Berührung machte sie traurig. Sie dachte an alles, was gewesen war, alles, was hätte sein können. „Du musst ein paar Tage in der Klinik bleiben, damit wir sicher sein können, dass du ganz gesund bist.“

„In meinem eigenen Bett werde ich schneller gesund“, beharrte er. „Hey, du darfst sogar Krankenschwester spielen, wenn ich hier rauskomme.“

Bria warf einen forschenden Blick hinüber zu Nate. Weshalb bestand Sam darauf, mit ihr zusammen nach Hause zu gehen und sich von ihr pflegen zu lassen? Sie hatte die Ranch schon vor drei Monaten verlassen. Irgendetwas stimmte nicht mit Sam. Bisher hatte er ihr nie das Gefühl gegeben, dass er sie brauchte. Auch das war ein Grund für die Scheidung gewesen.

„Kannst du mir sagen, welchen Monat wir haben?“, fragte sie ihn behutsam.

Unwillig runzelte er die Stirn, als sei Bria diejenige, die einen Unfall gehabt hatte. „Januar“, erwiderte er, ohne zu zögern. „Wir haben Silvester gefeiert, und dann habe ich die Bullen zu diesem Event nach Oklahoma gebracht. Das war letzte Woche. Und jetzt hör auf, mich so einen Schwachsinn zu fragen, und schaff meine Klamotten her.“

Bria schluckte. Das Rodeo, von dem Sam gesprochen hatte, war sechs Monate her.

„Es ist schon spät, Sam“, sagte Nate. „Bleib heute Nacht hier, und morgen sehen wir weiter.“ Er warf Bria einen Blick zu, ehe er hinzufügte: „Bis dahin treiben Bria und ich auch deine Sachen wieder auf.“

Bria nickte zustimmend. Sams offensichtlicher Gedächtnisverlust machte ihr Sorgen, und sie wollte so schnell wie möglich mit dem Arzt darüber sprechen. „Schlaf jetzt. Morgen früh sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“

Sam wirkte nicht besonders überzeugt, doch er schien zu begreifen, dass er sich nicht würde durchsetzen können. „Na gut. Lässt du mich einen Augenblick mit meiner Frau allein, Nate?“

„Klar, Bruderherz. Ich warte draußen bei den anderen auf dich, Bria.“

Als Nate den Raum verlassen hatte, fragte Sam: „Geht es dir gut? Hoffentlich hast du dich nicht zu sehr aufgeregt.“

Verwundert sah sie ihn an. „Mir geht’s gut. Warum fragst du?“

„Weil wir uns ein Baby wünschen. Als ich dich vorgestern aus Oklahoma angerufen habe, meintest du, du würdest dir gleich einen Schwangerschaftstest aus der Apotheke holen.“ Er schaute sie hoffnungsvoll an. „Waren wir erfolgreich? Bist du schwanger?“

Ihr wurde kalt. Ja, sie hatten versucht, ein Kind zu bekommen. Aber in der siebten Woche der Schwangerschaft hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Das war der Auslöser für die Scheidung gewesen. Damals hätte sie Sam so sehr gebraucht, aber er war nicht da gewesen. Wenn Sam sich wirklich nicht an die aufreibenden letzten Monate erinnerte, dann war tatsächlich etwas faul.

„Ich bin nicht schwanger“, erwiderte sie und nahm sich vor, sofort mit dem Neurologen zu sprechen. „Du musst jetzt schlafen. Später komme ich noch mal und sehe nach dir.“

„Keine Sorge.“ Sam lächelte. „Es klappt bestimmt bald.“

Den Tränen nah, nickte sie und wollte gehen.

„Kriege ich keinen Gutenachtkuss, Sweetheart“, fragte er und hielt ihre Hand fest.

„Ich … ich darf das Gitter am Bett nicht entfernen“, sagte sie hastig, drückte einen Kuss auf die Kuppe ihres Zeigefingers und presste ihn auf Sams Lippen. „Du musst gesund werden, Sam. Schlaf jetzt.“

Mit einem jungenhaften Grinsen, das ihr Herz zum Klopfen brachte, erwiderte er: „Ohne dich in meinem Bett wird mir das schwerfallen.“

Sie musste sich auf die Zunge beißen, um ihm nicht die vielen Nächte vorzuwerfen, die er auch ohne sie verbracht hatte, während er mit seinen Rodeobullen von einem Event zum anderen zog. Dies war nicht der richtige Moment, ihm zum hundertsten Mal zu erklären, wie einsam sie sich gefühlt hatte. So oft hatte sie ihn gebeten, weniger zu arbeiten und den Wohlstand und die Unabhängigkeit, die er erreicht hatte, endlich mit ihr zusammen zu genießen. Trotzdem verursachten ihr sein Anblick und das verführerische Lächeln immer noch ein lustvolles Kribbeln. Es würde sich wahrscheinlich nie ändern, dass sie bei Sam Rafferty schwach wurde, wann immer er es darauf anlegte. Sie musste Abstand halten.

„Gute Nacht, Sam.“

„Ich sehe keinen anderen Weg, Bria“, beharrte Nate. „Du musst mit ihm zusammenbleiben, bis Sam sein Gedächtnis wiederhat.“

Nachdem sie mit dem Arzt gesprochen hatten, waren Sams Brüder und Bria übereingekommen, erst mal schlafen zu gehen und sich am nächsten Morgen zum Frühstück in der Klinik zu treffen. Nun saßen sie in der Cafeteria und besprachen, was zu tun war.

Dr. Bailey war bereits da gewesen und hatte ihnen mitgeteilt, dass Sam heute entlassen werden könne, allerdings weiterhin unter den Folgen der Gehirnerschütterung litt und sich deswegen vorübergehend nicht an die vergangenen sechs Monate erinnerte. Es bestehe allerdings kein Grund zur Sorge, da sein Gedächtnis bald zurückkehren würde. Bis dahin jedoch werde er unter Kopfschmerzen und Schwindel leiden, und es gelte, Stress zu vermeiden. Die Scheidung bedeutete definitiv Stress, und deshalb saßen jetzt alle zusammen, um die Lage zu besprechen. Es musste jemand bei Sam bleiben, bis er wieder ganz gesund war, darüber waren sie sich einig.

„Könnte nicht einer von euch bei ihm wohnen?“, fragte Bria und schaute hoffnungsvoll in die Runde. „Oder man könnte eine Krankenschwester einstellen.“

„Unsinn“, widersprach T. J. „Das würde ihn nur nerven, und du weißt genau, dass er die arme Frau zum Wahnsinn treiben würde. Wenn er krank ist, führt er sich auf wie ein Grizzly mit einer wunden Tatze.“

„Klar könnte einer von uns bei ihm bleiben“, bemerkte Lane. „Aber das würde das Problem mit dem Stress nicht beseitigen. Sam erinnert sich nicht daran, dass ihr euch scheiden lassen wollt oder dass du bereits ausgezogen bist. Wenn er es jetzt erfährt, regt er sich auf, und das ist seiner Gesundheit sicher nicht zuträglich.“

Bria musste zugeben, dass er recht hatte.

„Sam will nicht einen von uns, sondern dich“, gab Ryder nun zu bedenken.

„All meine Sachen sind in Dallas“, erwiderte sie. „Er wird merken, dass im Haus alles fehlt, was mit mir zu tun hat.“ Es war ein schwaches Argument, aber sie hatte Angst um ihr neues Leben, das sie gerade erst begann, sich aufzubauen. Wie sollte sie mit einem Mann zusammenleben, der sich nicht daran erinnerte, dass sie ihn verlassen hatte, geschweige denn, an die Probleme, die dazu geführt hatten?

„Wir haben Lastwagen und können Kisten schleppen“, sagte T. J. schlicht.

Jaron nickte. „Im Handumdrehen sind deine Sachen wieder auf der Ranch.“

Obwohl Bria wusste, dass ihr die Argumente ausgingen, war es schwer einzulenken. Sie hatte drei Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ihr ursprünglicher Lebensplan, Hausfrau und Mutter von vielen Kindern zu werden, nicht funktionierte. Nachdem sie die schwierige Entscheidung getroffen hatte, sich scheiden zu lassen, hatte sie sich einen Job gesucht und war in die Großstadt gezogen. Und jetzt sollte sie wieder den Rückwärtsgang einlegen?

„Wenn ich es tue, dann nur vorübergehend“, sagte sie fest.

„Verstanden“, antwortete Nate.

„In ein paar Wochen fange ich meinen neuen Job in Dallas an, und ich kann es mir nicht leisten, diese Chance zu verspielen. Sie haben mir Zeit gegeben, um die Scheidung durchzubringen und mich in Dallas einzuleben, ehe ich den Job antrete. Mehr kann ich von ihnen nicht verlangen.“

„Ich bin sicher, dass Sam bis dahin längst wiederhergestellt ist“, bemerkte Lane.

„Und nur das allerwichtigste von meinen Sachen kommt zurück auf die Ranch.“

„Sag uns einfach, was du brauchst, und wir holen es, ehe du mit Sam nach Hause kommst“, versprach Ryder lächelnd.

Nate warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Dann sollten wir uns sputen. In zwei Stunden wird Sam entlassen. Viel Zeit, nach Dallas zu fahren und Brias Sachen auf die Ranch zu bringen, bleibt uns nicht.“

„Ich brauche nur meine Kleider und Schuhe“, sagte sie resigniert. „In der Stadt kann ich kaufen, was sonst noch fehlt.“

Sie gab Nate ihre Adresse in Dallas und ihren Schlüssel. „Wenn ihr fertig seid, könntet ihr mir noch den Gefallen tun, und dem Hausverwalter Bescheid geben, damit er meine Post sammelt. In einer Woche komme ich dann und hole sie.“

„Und wie willst du Sam erklären, dass du einen halben Tag weg bist?“, wollte Jaron wissen.

„Gar nicht. Er wird zur Nachuntersuchung hier ins Klinikum kommen müssen. Während einer von euch mit ihm in die Klinik fährt, fahre ich nach Dallas, sehe nach meinem Appartement und hole meine Post.“ Mit einem warnenden Blick in die Runde stand sie auf und ehe einer der Brüder widersprechen konnte, fügte sie hinzu: „Das seid ihr mir schuldig.“

Die fünf Männer standen ebenfalls auf. Sie waren höfliche Jungs, dafür hatte Hank Calvert ebenfalls gesorgt. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel und Bria gehörte zu Sam, also gehörte sie zur Familie.

„Danke für alles, was du für Sam tust“, sagte Nate und küsste sie auf die Wange. „Wir wissen, was für ein Opfer du bringst.“

Sie brachten Bria zum Lift, umarmten sie, und verließen dann das Krankenhaus. Sie blieb zurück mit einem vagen Angstgefühl. Was würden die kommenden Wochen bringen? Wie sollte sie es schaffen, so zu tun, als sei alles wie früher?

Sam würde sich nie ändern. Oft hatte sie versucht, ihm zu erklären, was ihr fehlte, weshalb sie so unglücklich war. Er arbeitete zu viel, kümmerte sich nicht um sie, und als sie ihr Baby verloren hatte, hatte er sie alleingelassen. Sam hatte immer dagegengehalten, dass alles, was er tat, nur ihre gemeinsame Zukunft sichern sollte. Ihr war es völlig egal, wie reich sie waren. Sie wollte Sam, seine Nähe, seine Fürsorge, seine Liebe. Als er sich einen Tag Zeit ließ, um nach ihrer Fehlgeburt nach Hause zu kommen, stand für sie fest, dass sie sich von ihm trennen würde. Sein Unternehmen war ihm wichtiger als sie. Und nun musste sie sich wegen Sams Unfall noch einmal den Problemen stellen, vor denen sie geflohen war.

Und obwohl sie wusste, dass es das Richtige war, sich von Sam zu trennen, weil er sich nie ändern würde, war sie immer noch verrückt nach ihm. Vermutlich würde sich auch das niemals ändern, überlegte sie, als sich der Aufzug in Bewegung setzte.

2. KAPITEL

Bria fuhr die Straße entlang, die zur Ranch führte, und warf einen Blick hinüber zu Sam auf dem Beifahrersitz ihres SUV. Da er die meiste Zeit geschwiegen hatte, nahm sie an, dass er versuchte, sich an die Ereignisse des vergangenen halben Jahres zu erinnern.

„Ist was nicht in Ordnung?“, erkundigte sie sich.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, wann wir dieses Auto gekauft haben“, gab er zu. „Wie lange haben wir den SUV schon?“

„Ungefähr drei Monate“, antwortete sie wahrheitsgemäß, verschwieg aber, dass sie sich den Wagen allein gekauft hatte, als sie nach Dallas gezogen war.

Nachdem er erfahren hatte, dass er an Gedächtnisverlust litt, hatte Sam kaum Fragen gestellt, und sie war dankbar dafür. Es wäre ihr schwer gefallen zu lügen. Zum einen waren sie und Sam in ihrer Ehe immer aufrichtig miteinander gewesen, zum anderen half es ihm nicht, wenn sie ihn belog. Trotzdem konnte sie ihm auch nicht einfach die Wahrheit sagen. Das würde ihn nur verwirren und nicht zur Heilung beitragen, hatte der Arzt gesagt. Am besten war es, wenn sich Sam nach und nach von allein erinnerte.

„Nettes Auto“, bemerkte er und sah sich im Wagen um.

Sie nickte. „Ich mag es auch.“

„Haben wir es gekauft, weil wir eine Familie gründen wollen? Dahinten passt locker ein Babysitz rein.“

„Nein.“

Schon zum zweiten Mal sprach er davon, dass sie geplant hatten, ein Kind zu bekommen, und es versetzte Bria erneut einen Stich, wenn sie an die Fehlgeburt dachte, an ihre Angst, ihre Einsamkeit und ihre Wut auf Sam.

Sie näherten sich jetzt dem Ranchhaus, das drei Jahre lang ihr Zuhause gewesen war. „Scheint, als wären deine Brüder schon da, um dir einen Empfang zu bereiten. Dann kann ich ja kurz in die Stadt fahren, um ein paar Dinge zu besorgen.“

„Ich brauche keinen Babysitter“, erwiderte er genervt.

„Keine Diskussion, Sam.“ Sie schüttelte den Kopf. Sein Stolz war eine Eigenschaft, die sie manchmal fast in den Wahnsinn trieb. „Ich bestimme hier. Der Arzt hat gesagt, jemand müsse rund um die Uhr bei dir sein, und genau das wird geschehen. Nimm es einfach so hin.“

„Wir werden sehen“, meinte er daraufhin nur, und ihr war klar, dass er es ihr nicht leicht machen würde, sich um ihn zu kümmern.

Als sie geparkt hatte, stieg Sam aus, ohne auf ihre Hilfe zu warten. Sie wusste nicht, ob er schon stabil genug war, um allein hinüber zum Haus zu gehen, und seine Sturheit ärgerte sie jetzt schon. Sam deutete auf die fünf Männer, die auf der Veranda saßen und Bier tranken. „Hey, ich will auch so eins“, rief er.

„Wehe!“, warnte ihn Bria und warf die Autotür ins Schloss. „Der Arzt hat dir Alkohol verboten.“ Sie ging um den Wagen herum und erkundigte sich: „Geht es dir gut? Ist dir schwindlig?“

„Ich bin keine Treibhauspflanze, Bria“, gab er ungeduldig zurück. „Ich kann mich zwar nicht an die vergangenen sechs Monate erinnern, aber ansonsten geht es mir blendend. Ich sehe also nicht ein, weshalb ich kein Bier trinken soll. So viel Alkohol ist da gar nicht drin.“

„Eins sage ich dir, Sam Rafferty“, begann Bria drohend, „wenn du nicht genau das tust, was der Doktor angeordnet hat, dann werde ich …“

„Weißt du eigentlich, wie sexy du bist, wenn du dich aufregst?“, unterbrach er sie und streichelte ihre Wange. Seine Geste und sein herausforderndes Lächeln ließen Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen. Wie sehr hatte sie seine Nähe und seine spielerische Art vermisst. Doch nach der Hochzeit, als er die Sugar Creek Rodeo Company gegründet hatte, waren solche Momente immer seltener geworden. „Sobald meine Brüder weg sind, zeige ich dir, was das mit mir macht.“

Bria zwang sich, ihre Sehnsucht zu unterdrücken. Sex mit Sam war immer traumhaft gewesen – allerdings war auch das irgendwann zu kurz gekommen, weil er ja ständig von einem Rodeo zum anderen gefahren war. Nun erinnerte er sich nicht mehr daran, dass sie sich von ihm getrennt hatte, doch das war kein Grund, wieder mit ihm ins Bett zu gehen. Es war traurig genug gewesen, die Koffer zu packen. Erneut in seinen Armen zu liegen, hieße am Ende nur, dass ihr der unausweichliche Abschied, wenn sein Gedächtnis zurückgekehrt war, noch schwerer fallen würde.

„Das, was du meinst, steht ebenfalls auf der Verbotsliste“, erwiderte sie fest. „Du darfst dich weder anstrengen noch stressigen Situationen aussetzen.“

„Sex mit dir ist doch kein Stress, Sweetheart“, widersprach er und legte ihr einen Arm um die Schultern, während sie zum Haus hinübergingen. „Ganz im Gegenteil, er wirkt äußerst entspannend und macht glücklich.“

Sie errötete. „Pst. Deine Brüder können uns hören.“

„Vermutlich wären sie nicht besonders schockiert“, meinte er grinsend. „Sie wissen, dass Eheleute so was machen.“

Mitten auf der Treppe blieb Sam plötzlich stehen, und an der Art, wie er schwer auf ihr lastete, erkannte Bria, dass etwas nicht in Ordnung war. „Nate! Ich brauche Hilfe. Sam ist schwindlig!“

In Sekundenschnelle waren Nate und die anderen vier Männer bei ihr. „Wird Zeit, dass wir dich reinbringen“, sagte Nate und schlang sich Sams Arm um die Schultern, um Bria zu entlasten.

„Ich schaffe das auch allein“, beharrte Sam, doch der zuckende Muskel an seiner Wange verriet, welche Mühe es ihn kosten musste, das Gleichgewicht zu halten.

Kopfschüttelnd stieß Bria einen Seufzer aus. „Passt auf ihn auf, während ich in die Stadt fahre, um ein paar Lebensmittel und andere Dinge einzukaufen.“

„Du kommst doch wieder?“, fragte Nate etwas zu rasch.

„Wieso sollte sie nicht wiederkommen?“, hakte Sam sofort ein. „Sie wohnt hier. Wo soll sie denn sonst hin?“

„Klar komme ich zurück“, versprach sie. „Ich nehme an, ihr habt alles erledigt, während ich Sam abgeholt habe?“, erkundigte sie sich bei seinen Brüdern.

„Haben wir“, antwortete T. J.

„Was geht hier eigentlich vor?“, wollte Sam wissen und sah in die Runde. „Wenn mir nicht sofort jemand erklärt, was los ist, dann werde ich …“

„Mensch, kannst du nerven, wenn es dir nicht gut geht“, unterbrach ihn Nate.

„Wenn du nicht brav bist und dich an die Anweisungen des Doktors hältst, macht sich Bria vielleicht aus dem Staub“, fügte Lane hinzu. „An deiner Stelle würde ich machen, was sie sagt.“

Sam schien zufrieden mit dieser Erklärung, und Bria atmete auf. Noch mehr solcher Fehler, und sie mussten Sam die Wahrheit sagen, ehe er Zeit gehabt hatte, sie selbst herauszufinden.

„Um die Bullen musst du dir auch keine Sorgen machen“, ergänzte Ryder und schaute auf seine Armbanduhr. „Wir haben sie verladen und zum Del Rio Rodeo geschickt. Ich fahre jetzt auch dorthin, um die Startboxen zu überwachen.“

„Danke, Ryder“, sagte Sam. „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“

„Kein Problem. Du würdest für mich genau dasselbe tun, wenn ich Hilfe bräuchte.“

„In ein oder zwei Tagen kommen wir rüber und helfen dir“, verkündete T. J. noch, als Ryder zu seinem Truck ging.

„Feiern wir meinen Geburtstag am Sonntag hier auf der Ranch, Bria?“, fragte Jaron hoffnungsvoll. „Du weißt, wie sehr ich auf deinen Apfelkuchen stehe.“

„Natürlich“, antwortete sie lächelnd und froh darüber, dass Jaron es erwähnt hatte. Die Vorbereitungen würden sie beschäftigen, sodass sie nicht dauernd an ihre Ehemisere denken musste. Außerdem machten ihr Familienfeste großen Spaß, und die fünf Jungs im Haus zu haben, würde ihr den Umgang mit Sam erleichtern.

„Fahr vorsichtig“, rief Sam ihr liebevoll hinterher, als Bria zu ihrem SUV hinüberging. Sie fragte sich, wie sie es schaffen sollte, während der nächsten Wochen nicht durchzudrehen. Sam war schlau und merkte sofort, wenn irgendetwas nicht stimmte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er herausfand, dass die Dinge zwischen ihnen nicht so standen, wie er annahm.

Während sie davonfuhr, seufzte sie tief. Wie war sie nur in solch eine vertrackte Situation geraten? Und schlimmer noch – würde es ihr gelingen, noch einmal zu gehen und ihr neues Leben als geschiedene Frau zu beginnen, wie sie es sich vorgenommen hatte?

Da Rosa, die Haushälterin und Teilzeitköchin, zwei Wochen frei hatte, um ihre Schwester in San Antonio zu besuchen, stand Bria am Herd, um das Abendessen zu kochen, während Sam im Wohnzimmer saß und so tat, als interessiere er sich für die Nachrichten im Fernsehen. Bria wollte, dass er sich entspannte, und er bemühte sich, es ihr recht zu machen, doch es fiel ihm verdammt schwer, untätig herumzusitzen. Er war es gewohnt, hart zu arbeiten, um seiner Frau und sich ein gutes Leben zu ermöglichen und die Familie, die sie planten, zu ernähren.

Als er an sein Unternehmen dachte, musste er unwillkürlich lächeln. Er hatte die Sugar Creek Rodeo Company gegründet, und er konnte stolz darauf sein. Schon jetzt hatte er damit so viel Geld verdient, dass er für den Rest seines Lebens nicht mehr arbeiten müsste. Doch das kam für ihn gar nicht infrage. Hank hatte immer gesagt, jeder Mensch brauche eine Aufgabe. Für Sam bestand diese Aufgabe darin, alles zu tun, damit Bria sich niemals Sorgen machen musste, wie sie das Geld für die nächste Mahlzeit, oder die Miete zusammenkratzen sollte. Anders, als sein Vater es getan hatte, wollte Sam rundum für seine Frau sorgen und ihr geben, was auch immer sie sich wünschte.

Während er dasaß, überlegte er, wann er zum letzten Mal mehr als zwei Tage in Folge zu Hause gewesen war. Es ärgerte ihn, dass er sich an absolut nichts erinnern konnte, nicht einmal an die einfachsten Dinge. Sein Stolz war ziemlich angeknackst. Schwäche zu zeigen, passte nicht zu dem Bild, das er von sich hatte. Noch mehr traf ihn, dass Bria mitbekam, wie unfähig und unnütz er gerade war.

Ein Mann musste stark und in der Lage sein, sich um alles zu kümmern. Nun war er auf Bria angewiesen wie ein Kind, und er hatte das Gefühl, es machte ihr schwer zu schaffen, ihn so zu sehen. Schon, als sie in sein Krankenzimmer gekommen war, hatte er das Gefühl gehabt, dass irgendetwas zwischen ihnen nicht in Ordnung war. Sie war kühl gewesen, und seltsam befangen. Hatte sein Unfall etwa dazu geführt, dass sie ihn als Mann nicht mehr ernst nehmen konnte? Oder war sie einfach nur geschockt gewesen, weil sie gesehen hatte, wie der Bulle ihn angegriffen hatte?

Sosehr er sich auch bemühte – er konnte sich an nichts erinnern. „Bria, kommst du bitte mal?“

Sie sah wunderschön aus, als sie das Wohnzimmer betrat. Eine rote Haarsträhne hatte sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und umschmeichelte Brias vom Kochen leicht erhitztes Gesicht.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt.

„Ja, klar.“ Er lächelte. „Ich habe gerade überlegt, ob du auch beim Rodeo warst. Hast du gesehen, was passiert ist?“

Sie nickte. „Du warst abgelenkt, und dann riss der Bulle sich los … Aber ich dachte, deine Brüder hätten dir das alles schon erzählt, während ich heute Nachmittag in der Stadt war.“

„Haben sie auch.“ Stirnrunzelnd schüttelte er den Kopf. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich so unvorsichtig gewesen sein soll. Normalerweise lasse ich die Tiere niemals aus den Augen, sie sind unberechenbar. Hast du mitbekommen, weshalb ich unkonzentriert war?“

„Haben sie dir das nicht gesagt?“

„Nein.“

Sie atmete tief durch und schaute auf ihre Hände. „Ich war gerade angekommen, und du hast zu mir hinübergeschaut.“

„Das sieht mir gar nicht ähnlich. Ich meine, dass ich mich ablenken lasse, während ich bei der Arbeit mit den Bullen bin.“ Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken. „Und du kommst normalerweise zu Beginn eines Rodeos und nicht, wenn es schon fast vorbei ist. Warum hast du dich so verspätet?“

„Du weißt doch, wie voll die Autobahn sein kann.“ Sie warf einen Blick über die Schulter Richtung Küche. „Ich muss mich um die Spaghetti kümmern.“

„Dann reden wir beim Essen weiter“, sagte er und nickte.

Als Bria in die Küche zurückkehrte, war er noch verwirrter als zuvor. Warum hatte er zu ihr hinübergeschaut, anstatt sich auf die Tiere zu konzentrieren? Und weshalb schien sie deswegen so nervös zu sein? Fühlte sie sich verantwortlich für den Unfall? Oder sogar schuldig?

Das ergab keinen Sinn. Es war sein Fehler gewesen, nicht ihrer.

Plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch seinen Kopf. Sam stöhnte auf und schloss die Augen. Vor sich sah er ein Bild. Bria auf der Treppe, Tränen strömten über ihr Gesicht. Sekunden später war der Flash vorbei, und auch sein Kopf tat nicht mehr weh.

Er öffnete die Augen. War das ein Stück Erinnerung gewesen? Etwas, das in den vergangenen sechs Monaten passiert war? Sein Magen krampfte sich zusammen. Nie zuvor hatte er Bria so unglücklich erlebt. Was konnte dazu geführt haben, dass sie aussah, als habe ihr etwas das Herz gebrochen?

Sicher, sie hatten sich während der letzten Jahre mehrfach gestritten, weil sie ihn gebeten hatte, mehr Zeit mit ihr zu verbringen, doch nie hatte Bria derart verzweifelt gewirkt. Also musste der Grund dafür etwas anderes gewesen sein – etwas, an das er sich nicht mehr erinnern konnte.

Er war so in Gedanken verloren, dass er nicht gemerkt hatte, wie Bria neben ihn getreten war. Als sie ihm eine Hand auf den Arm legte, zuckte er zusammen.

„Geht es dir gut, Sam?“

„Ja, sicher“, murmelte er und fragte sich, ob er sich den Flashback nur eingebildet hatte, oder ob es eine echte Erinnerung gewesen war. Er nahm Brias Hand und zog sie auf seinen Schoß. „Mir geht’s prima.“

„Das ist keine gute Idee, Sam“, wehrte sie ab und presste eine Hand auf seine Brust, als ob sie aufstehen wollte, doch dann hielt sie abrupt inne. „Dein Herz rast. Irgendwas ist nicht in Ordnung.“

Sam zog sie an sich und küsste sie auf die Nasenspitze. „Du weißt doch, dass mein Herz schneller schlägt, wenn du bei mir bist, Sweetheart.“

Er konnte sie jetzt noch nicht fragen, was das, was er gesehen hatte, bedeuten könnte. Die Vorstellung, dass Bria so verzweifelt gewesen war und er sich nicht mal mehr daran erinnern konnte, setzte ihm zu.

„Fühlst du dich fit genug, um in der Küche zu essen, oder möchtest du, dass ich dir ein Tablett hier ins Wohnzimmer bringe?“, erkundigte sie sich und mied seinen Blick.

„Was ist los, Bria?“, wollte er wissen. „Sag nicht: ‚Nichts‘. Ich kenne dich gut genug, um zu spüren, wenn du etwas auf der Seele hast.“

„Ich … ich mache mir einfach Sorgen“, erwiderte sie vorsichtig.

Er strich ihr eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich bin doch da. Mir tun zwar noch die Knochen weh, aber es ist alles gut, Bria. Sobald ich den Arzt überredet habe, mich arbeiten zu lassen, geht alles wieder seinen gewohnten Gang.“

Als er sie küssen wollte, entzog sie sich ihm und stand hastig auf. „Sicher, alles wird wieder wie vorher. Wieso auch nicht?“, gab sie barsch zurück. „Du fährst von einem Rodeo zum nächsten, und ich …“ Sie unterbrach sich, riss sich zusammen und lächelte beschwichtigend. „Alles ist gut. Kommst du jetzt mit in die Küche, oder willst du lieber hier essen?“

Sam runzelte die Stirn. „Bria, was ist los?“

Normalerweise war sie nicht so sprunghaft. Irgendwie hatte er das Gefühl, sie verbarg etwas vor ihm. Doch das ergab keinen Sinn. In ihrer Ehe waren sie immer offen und ehrlich mit Konflikten umgegangen. Sie wussten alles voneinander – mit Ausnahme dessen, was er erlebt und getan hatte, bevor er und Nate zu Hank gekommen waren. Aber das war Vergangenheit und damit wollte er sie nicht belasten. Was Bria betraf, konnte er sich nicht vorstellen, dass es in ihrem Leben etwas gab, das sie ihm vorenthalten würde.

„Kümmere dich nicht um mich. Es war ein langer Tag, und ich bin einfach müde.“ Sie ging Richtung Küche. „Aber ich möchte trotzdem wissen, wo du essen willst. Wenn du lieber Fernsehen willst …“

„In der Küche“, unterbrach er sie und stand auf. „Die Nachrichten interessieren mich nicht. Mir fehlt sowieso der Zusammenhang, weil mir das letzte halbe Jahr fehlt, und ich versteh nur die Hälfte.“

Während er Bria in die Küche folgte, lächelte Sam und genoss den Anblick, wie sie sich beim Gehen in den Hüften wiegte. Auch nach drei Jahren Ehe schlug sein Herz schneller und ihm wurde heiß, wenn er sie ansah. Und heute Abend war sie besonders hübsch, in ihrem pinkfarbenen Sommerkleid mit den Spaghettiträgern, die ständig über die Schulter rutschten.

Irgendwie gefiel ihm plötzlich die Aussicht, ein paar Tage zu Hause herumzuhängen. Schließlich drängte ihn Bria seit Monaten, weniger zu arbeiten und mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Jetzt hatte er unerwarteterweise Ferien und die wollte er am liebsten nutzen, um jenes Baby zu zeugen, das sie sich beide so sehr wünschten.

Bria stand an der Spüle, und wusch das Geschirr ab. Sie spürte, wie Sam hinter sie trat. Noch ehe er seine Hände um ihre Taille legte und sie an sich zog überlief sie ein warmer, erwartungsvoller Schauer. Als sie seinen festen, vertrauten Körper spürte, stieg Verlangen in ihr auf. So war es zwischen ihnen immer gewesen. Sam brauchte nur den Raum zu betreten, und all ihre Sinne wurden lebendig.

„Wieso stellst du die Sachen nicht in die Spülmaschine?“, fragte er dicht an ihrem Ohr. Sein Atem strich über ihren Nacken und verstärkte ihre Sehnsucht.

Nichts hätte sie lieber getan, als sich umzudrehen, sich an ihn zu schmiegen und zuzulassen, dass er sie küsste, bis ihre Knie nachgaben. Aber es durfte nicht sein. Zurück in alte Gewohnheiten zu fallen, würde ihr nicht dabei helfen, ein neues Leben aufzubauen, wenn Sam wieder gesund war und sie die Sugar Creek Ranch für immer verließ. Das durfte sie nicht vergessen.

Sie konzentrierte sich auf den Abwasch und zuckte die Achseln. „Wir machen zu zweit nicht genug Geschirr dreckig, um die Spülmaschine vollzumachen. Außerdem habe ich, seit Rosa für uns arbeitet, kaum noch Gelegenheit, mich im Haushalt auszutoben. Nur, wenn einer von euch Jungs Geburtstag hat, und ich das Fest vorbereite, darf ich kochen und backen. Und es fühlt sich gut an, nützlich zu sein und gebraucht zu werden.“

„Ich könnte mir was viel Schöneres vorstellen, als abzuwaschen. Dabei könnte ich dir auch zeigen, wie sehr ich dich brauche“, murmelte er verführerisch und verteilte kleine, heiße Küsse auf ihrer Schulter. „Stell die Sachen in die Spülmaschine und komm mit mir nach oben. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, wann wir uns das letzte Mal geliebt haben, aber ich habe das Gefühl, als wäre es eine Weile her.“

Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus, dann beschleunigte sich ihr Puls. War das die Erinnerung daran, dass Sam ein wunderbarer Liebhaber war, oder hatte sie bloß Angst, ihm nicht widerstehen zu können? „Das wäre für uns beide nicht gut, Sam“, erwiderte sie wahrheitsgemäß.

Er hielt inne und drehte sie zu sich herum. „Könntest du das bitte erklären?“

Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er mehr als irritiert war. Also musste sie ihm eine Erklärung bieten, die ihn überzeugte. Einen Moment dachte sie nach, dann lächelte sie. „Der Arzt hat dir geraten, dich ein paar Tage lang zu schonen. Und ich werde dafür sorgen, dass du dich daran hältst.“

„Na gut“, antwortete er grinsend. „Dann lege ich mich einfach hin, und du machst es uns beiden schön.“

Sie sah zu ihm auf und erinnerte sich daran, wie sie beide ganz zu Anfang ihrer Ehe gewesen waren. Verspielt und unfähig, die Hände voneinander zu lassen. Doch da hatte es die Sugar Creek Rodeo Company auch noch nicht gegeben. Nachdem Sams Unternehmen so erfolgreich geworden war, arbeitete er nur noch daran, zu wachsen und die Konkurrenz auszustechen.

„Ich habe eine bessere Idee“, sagte sie und wandte sich wieder dem Abwasch zu, ehe Sam dazu kam, sie einfach zu küssen. „Ich spüle, und dann setzen wir uns auf die Veranda und schauen uns den Sonnenuntergang an.“

„Meinst du das ernst?“ Er klang enttäuscht, und sie wusste, dass er nicht so leicht aufgeben würde. „Du guckst dir lieber den Sonnenuntergang an, als mit mir eine heiße Nacht zu verbringen und dabei vielleicht ein Baby zu machen?“

Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie hatten sich so sehr ein Kind gewünscht. Doch Sam konnte sich nicht erinnern, und sie konnte ihm nicht von ihrer Fehlgeburt erzählen. Ganz zu schweigen von ihrer Wut und ihrem Schmerz, als er sie damit alleingelassen hatte.

„Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, Sam.“

„Ah, verstehe“, meinte er liebevoll. „Warum sagst du nicht einfach, dass du deine Tage hast? Früher warst du da nicht so verklemmt.“

Sie hatte ihm eigentlich klarmachen wollen, dass sie, solange er an Gedächtnisverlust litt, nicht darüber nachdenken sollten, Kinder zu kriegen, aber das Missverständnis ersparte es ihr wenigstens für die nächsten paar Tage, weitere Entschuldigungen erfinden zu müssen.

„Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders“, erwiderte sie ausweichend und entschied, dass es Zeit war, das Thema zu wechseln. „Ich bin gleich mit dem Spülen fertig. Geh doch schon auf die Veranda und mach es dir bequem.“

„Also gut. Ganz, wie du willst.“ Er küsste sie auf den Hals und ging dann Richtung Hintertür. „Lass mich nicht so lange warten.“

Sobald Sam die Tür hinter sich geschlossen hatte, stützte sich Bria auf die Spüle und senkte erschöpft den Kopf. Sich ständig Ausreden und Halbwahrheiten auszudenken, war nervenaufreibend, ganz zu schweigen von der Anstrengung, die es sie kostete, seinen Zärtlichkeiten zu widerstehen. Egal, wie wütend und traurig sie in den vergangenen Monaten gewesen war, egal, wie oft sie sich gesagt hatte, dass es besser war, allein zu sein als zu zweit und trotzdem einsam – sie begehrte Sam und sehnte sich nach ihm.

Sie brauchte dringend Unterstützung. Also rief sie nach dem Abwasch ihre Schwester an. Als diese sich nach dem zweiten Klingeln meldete, sagte Bria: „Ich brauche deine Hilfe, Mariah. Komm auf die Ranch, so schnell du kannst. Und richte dich darauf ein, dass du ein paar Tage bleiben musst.“

„Ich dachte, du kämest in ein paar Minuten nach“, beschwerte sich Sam, als Bria auf die Veranda trat. „Gerade wollte ich reingehen, um nachzuschauen, wo du bleibst.“

Anstatt sich neben ihn zu setzen, wie er gehofft hatte, lehnte sie sich an das Geländer. „Ich habe mit meiner Schwester telefoniert.“

„Wie geht es Mariah?“, erkundigte er sich. Er hatte keine Ahnung, wann er seine Schwägerin, die in Amarillo wohnte, das letzte Mal gesehen hatte. Die beiden standen sich so nah wie er und seine Brüder, obwohl Mariah fünf Jahre jünger war als Bria.

„Sie besucht uns am Wochenende“, verkündete Bria und lächelte. „Ich brauche Unterstützung, wenn ich die Party für Jaron vorbereite.“

Das überraschte Sam keineswegs, denn die lebhafte Brünette war immer dabei, wenn es eine Familienfeier gab. Außerdem war es ein offenes Geheimnis, dass Mariah total verknallt in Jaron war. Doch sie war Brias Schwester und zehn Jahre jünger als er und daher aus seiner Sicht, absolut tabu.

„Ich freue mich darauf, sie zu sehen“, sagte Sam ehrlich. „Warum setzt du dich nicht endlich zu mir?“, lud er Bria ein, die immer noch am Geländer stand.

Zuerst zögerte sie, dann kam sie zu ihm und ließ sich neben ihm auf der Bank nieder. „Du hattest es dir so schön bequem gemacht, da wollte ich dich nicht stören.“

Frustriert seufzte Sam. „Verdammt, ich bin kein Invalide, nur weil der Bulle mich überrannt hat. Mir tun ein paar Knochen weh, aber du weißt genau, dass ich nicht aus Zucker bin.“

„Natürlich, aber …“

„Nichts aber“, unterbrach er sie, legte ihr einen Arm um die Schulter und zog sie an sich. „Du bist meine Frau. Ich will dich an meiner Seite haben, denn da gehörst du hin. Genau hier, in meine Arme.“

Ehe sie sichs versah, küsste er sie. Es schien ihm eine Ewigkeit her, seit er ihre vollen, weichen Lippen das letzte Mal gespürt hatte, und er verlor sich in der Süße des Augenblicks. Er liebte und begehrte Bria mehr als alles auf der Welt. Sam spürte ihr Zögern, bevor sie seinen Kuss mit einem kleinen Seufzer so heftig erwiderte, als hätte sie geglaubt, ihn verloren zu haben und nun wiedergefunden. Obwohl er spürte, dass die Intensität ihres Kusses neu war, verdrängte Sam alle Gedanken und gab sich ganz den Gefühlen hin, die ihre atemlose Leidenschaft in ihm erweckte. Er hielt sie in seinen Armen, und das war alles, was zählte.

Als er seine Zunge in ihren Mund gleiten ließ, begann ein sinnliches Spiel. Bria schob die Hände in sein dichtes, kurzes Haar und presste sich an ihn. Seine Erregung steigerte sich ins Unermessliche. Er wollte sie, hier und jetzt. Doch Bria hatte Nein gesagt, und irgendwie hatte er das Gefühl, es gab dafür nicht nur einen Grund. Außerdem musste er zugeben, dass er sich immer noch ein wenig flau fühlte, und er wusste, wenn sie sich liebten, würde er sich verausgaben. Er würde nicht wollen, dass Bria zu kurz käme.

„Sweetheart“, murmelte er dicht an ihren Lippen und sein Atem ging rasch. „Wir sollten nicht weitermachen. Ich habe keine Lust auf eine kalte Dusche.“

Verwirrt, als sei sie in Trance gewesen, blinzelte Bria, dann begriff sie, was gerade geschehen war, und sprang hastig auf. „Ich … ich schaffe es nicht“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme und ging zur Tür. Tränen traten ihr in die Augen. „Ich kriege es einfach nicht hin.“

Sam wollte ihr nacheilen und sie fragen, was los war, doch er kam nicht weit. Kaum war er aufgestanden, wurde ihm schwindlig. Ein weiterer stechender Schmerz fuhr durch seinen Kopf. Aufstöhnend sank er zurück auf die Holzbank, und erneut hatte er ein Bild vor Augen. Wieder sah er Bria vor sich, tränenüberströmt entfernte sie sich von ihm.

„Was ist los, Sam?“, fragte sie besorgt, als sie zu ihm zurückeilte und sich vor ihn kniete.

„Mir ist bloß ein bisschen schwindlig“, antwortete er schnell, während er verzweifelt versuchte, sich zu erinnern, weshalb Bria so wütend und traurig gewesen war. Doch der Erinnerungssplitter verschwand so schnell wie der Schmerz und der Schwindel.

„Geh ins Bett“, meinte Bria und berührte seine Wange kurz mit ihren Fingerspitzen. „Du bist schon zu lange auf den Beinen und solltest dich ausruhen. Dein Unfall hat …“

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich keine Treibhauspflanze bin“, fuhr Sam auf. Es war ihm peinlich, dass sie ihn so schwach und hilfsbedürftig erlebte.

„Lass uns nach oben gehen, dann bringe ich dich zu Bett“, schlug sie vor. „Wenn du es schon nicht deinetwegen tust, dann tu es bitte für mich. Ich will mir nicht ständig Sorgen machen.“

Resigniert nickte er zustimmend. Bria wollte nur das Beste für ihn, und er war ihr dankbar dafür. Wenn er ehrlich war, war er wirklich ziemlich erschöpft. Trotzdem verletzte es seinen Stolz. Ein Mann durfte kein Schwächling sein, schon gar nicht in den Augen seiner Frau. Es war ihm unendlich peinlich, vor Bria als hilfloses Wrack zu erscheinen, und er schwor sich im Stillen, dass ihm so etwas nie wieder passieren würde.

3. KAPITEL

Bereits vor Tagesanbruch stand Bria auf. Sie hatte eine schlaflose Nacht in einem der Gästezimmer verbracht. Wieder hier auf der Sugar Creek Ranch zu sein, war schön und gleichzeitig schmerzhaft. Sie liebte das große, zweistöckige Haus, das Sam gleich nach der Hochzeit hatte bauen lassen. Wie schön war es immer gewesen, abends mit ihm auf der Veranda zu sitzen, in den Sonnenuntergang zu schauen und die Grillen zirpen zu hören. Wenn es dunkel wurde, war sogar ab und zu das Heulen eines Kojoten zu hören gewesen.

Deshalb waren ihre Gefühle auch so intensiv gewesen, als Sam sie geküsst hatte. Alles hatte sie an den Beginn ihrer Ehe erinnert. Damals hatten sie begeistert gemeinsam Zukunftspläne geschmiedet. Doch dann hatte Sam sein Unternehmen gegründet und war nur noch unterwegs gewesen. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie deshalb meist allein auf der Veranda gesessen und darauf gewartet, dass Sam anrief, um ihr Gute Nacht zu sagen, bevor sie allein in dem großen Ehebett einschlief.

Sicher, sie musste sich finanziell keine Sorgen machen, doch Geld war nicht alles. Sie sehnte sich danach, mit Sam zusammen zu sein, mit ihm zu reden, und später, im Bett, in seinen Armen zu liegen. Dass Sam es mittlerweile geschafft hatte, von einem aufstrebenden Unternehmer zu einem sehr reichen Mann zu werden, bedeutete ihr wenig.

Seufzend wendete sie den Speck, der in der Pfanne brutzelte. Als sie vorhin nach Sam geschaut hatte, hatte er noch friedlich geschlafen. Ob er wohl nachts aufgewacht war und gemerkt hatte, dass sie nicht neben ihm lag? Sie bezweifelte es. Sonst wäre er vermutlich auf die Suche nach ihr gegangen.

Sie legte die knusprigen Speckstreifen auf einen Teller und begann wie automatisch mit dem Rührei. Gestern Abend war Sam so erschöpft gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, dass sie in einem anderen Zimmer übernachtete. Aber was war, wenn er sich langsam erholte und fit wurde? Dann würde er sie fragen, weshalb sie nicht im Ehebett schlief. Und was würde sie darauf erwidern?

Lügen kam nicht infrage, die Wahrheit zu sagen, jedoch ebenfalls nicht. Ihm klarzumachen, dass er sich zum Zeitpunkt des Unfalls mitten in seiner Scheidung befunden hatte, würde ihn aufregen, und der Arzt hatte gesagt: keinen Stress. Das Problem war nur, je mehr sie versuchte, den Stress von Sam fernzuhalten, desto mehr fiel er auf sie selbst zurück. Ihre Nerven lagen jetzt schon blank.

Als sie Sams Frühstück fertig angerichtet hatte, stellte sie den Teller auf ein Tablett und beschloss, vorerst nicht mehr über dieses Problem zu grübeln. Ihr würde schon etwas einfallen, und wenn nicht, wollte sie sich darüber jetzt noch keine Gedanken machen.

Während sie das Tablett die Treppe hinauftrug, wappnete sie sich dagegen, dass Sam sich wehren würde, sein Frühstück ans Bett gebracht zu bekommen. Sein übermäßiger Stolz und sein Selbstbewusstsein hatten sie magisch angezogen, als sie sich kennengelernt hatten, doch im Laufe der Jahre war deutlich geworden, dass diese Eigenschaften eine harmonische Partnerschaft auch sehr erschweren konnten. Auch sie hatten am Ende zu ihrer Entscheidung beigetragen, sich von Sam zu trennen.

Nun, wo sie gezwungenermaßen wieder auf der Ranch wohnen musste, hatte Bria zum ersten Mal seit fünf Jahren das Gefühl, dass Sam sie nicht nur als Geliebte, sondern als Partnerin brauchte.

Sie öffnete die Schlafzimmertür, stellte das Frühstückstablett auf die Kommode und ging hinüber zum Bett, um Sam zu wecken. „Sam? Möchtest du aufstehen? Ich habe dir dein Frühstück gebracht.“

Ehe sie kapierte, dass er längst wach war, hatte er ihr die Arme um die Taille geschlungen und sie zu sich aufs Bett gezogen. „Ich bin durchaus in der Lage, in der Küche zu frühstücken“, sagte er und drehte sich mit ihr auf die Seite, sodass sie sich in die Augen schauen konnten. „Allerdings gibt es das, was ich mir zum Frühstück wünsche, nicht in der Küche, sondern hier in meinem Bett.“

Atemlos sah sie in seine tiefblauen Augen und spürte, wie Verlangen in ihr aufstieg. „Ich … ich dachte, wir hätten das gestern Abend geklärt. Ich habe dir doch gesagt, dass du …“

„Weiß ich doch“, erwiderte er mit einem lässigen Grinsen. „Aber es geht ja nicht nur um Sex, Sweetheart.“ Er ließ seinen Worten einen federleichten Kuss folgen. „Es geht auch ums Küssen.“ Mit einer Hand schob er ihr gelbes T-Shirt hoch und streichelte ihren Bauch. „Und ums Fühlen“, schloss er und küsste sie tief und besitzergreifend, während er ihre Brust umfasste.

Seine von der Arbeit rauen Hände erregten Bria, und sie erwiderte seinen Kuss leidenschaftlich, obwohl sie genau wusste, dass sie dieses sinnliche Spiel später bereuen würde. Es führte zu nichts. Trotzdem redete sie sich ein, dass sie gar keine andere Wahl hatte. Sie war immer noch mit Sam verheiratet, und sie konnte ihm im Moment nicht von der Scheidung erzählen. Wenn sie jedoch ehrlich zu sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass sie Sams Zärtlichkeiten einfach genoss.

Bria war gleichzeitig enttäuscht und erleichtert, als Sams Handy auf dem Nachttisch klingelte. Fluchend angelte er danach und sie ergriff die Gelegenheit, sich aus seinen Armen zu winden und aus dem Bett zu springen.

„Dein Anruf kommt ungelegen, kleiner Bruder“, sagte Sam grollend. „Ich hoffe, du hast einen guten Grund dafür.“

Während er Nate versicherte, er sei schon wieder auf dem Damm und fühle sich hier zu Hause viel besser als im Krankenhaus, ging Bria zur Kommode und nahm das Frühstückstablett. „Dein Bruder ist früh auf den Beinen“, kommentierte sie, als Sam das Telefonat beendete und das Handy auf den Nachttisch zurücklegte.

„Ich glaube eher, dass er noch gar nicht im Bett war“, antwortete Sam kopfschüttelnd. „Wie oft habe ich ihm schon geraten, das Geld, das er als Rodeoreiter verdient, in einer Ranch anzulegen und sich dann eine zauberhafte Frau zu suchen, wie ich es getan habe. Aber er meint, er müsse sich noch eine Weile austoben.“

Dagegen gab es von Brias Seite nichts einzuwenden. Sie mochte ihren Schwager sehr, aber Nates Frauengeschichten waren legendär. Er liebte die Frauen, und sie liebten ihn.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich in die Küche komme“, sagte Sam mit Blick auf das Tablett, während er sich aufsetzte.

„Gestern Abend haben wir gemerkt, dass du es langsam angehen solltest“, erwiderte sie und reichte ihm das Tablett. „Ob es dir passt oder nicht – mir gefällt es, endlich mal was für dich tun zu dürfen.“

Sein Stolz und seine Sturheit gingen ihr mächtig auf die Nerven, aber sie wollte nicht, dass er sich aufregte. Der einzige Grund, weshalb sie hier auf der Ranch war, bestand darin, dafür zu sorgen, dass Sam sich schonte und sein Gedächtnis möglichst bald wiederfand. Je eher er sich an das, was im vergangenen halben Jahr geschehen war, erinnerte, desto eher konnte sie alles hinter sich lassen und neu anfangen. Sie schwor sich, immer an dieses Ziel zu denken, dann konnte sie sich vielleicht beherrschen und Sam nicht erwürgen.

„Das gestern Abend auf der Veranda war doch nur Einbildung“, gab er barsch zurück. Er wollte ihr das Tablett zurückgeben, doch sie nahm es nicht. „Ich dusche und ziehe mich an, und dann …“

„Bitte, Sam, lass uns nicht streiten“, versuchte sie, sich zu beherrschen und die Situation zu entspannen. „Mach es dir bequem, iss dein Frühstück, und danach kannst du duschen.“

Als er ihre Bitte ignorierte, das Tablett zur Seite stellte und aufstand, riss ihr der Geduldsfaden. „Ich wünschte, du würdest mich ein einziges Mal als deine Ehefrau ernst nehmen und zulassen, dass ich etwas für dich tue. Es wäre mal was anderes, nützlich sein zu dürfen, anstatt nur gebraucht zu werden, wenn du Sex willst“, brach es aus ihr heraus.

„Was soll das heißen?“, fragte er wie vom Donner gerührt.

Bria wusste, dass sie kurz davor war, Dinge zu sagen, mit denen sie ihn jetzt nicht konfrontieren durfte, daher nahm sie kurz entschlossen das Tablett. „Ich bringe dein Frühstück in die Küche und bitte dich, mit dem Duschen zu warten, bis ich wieder bei dir bin, nur für den Fall, dass dir schwindlig wird. Aber wahrscheinlich bist du zu stur, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Und ich habe keine Lust mehr, dir zu sagen, dass du die Anordnungen des Arztes befolgen sollst.“

„Ich brauche keine …“

„Spar dir deine Worte, Sam“, unterbrach sie ihn und ging zur Tür. „Ich habe das alles schon viel zu oft gehört.“

Unter der Dusche fragte sich Sam stirnrunzelnd, weshalb Bria so aufgebracht war. Sicher, sie hatten sich auch in den vergangenen Jahren immer mal gestritten, doch auch da hatte er nie wirklich verstanden, was das Problem war. Er tat alles für sie! Hatte fast rund um die Uhr gearbeitet, um ihr ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Das war die Aufgabe eines guten Ehemanns. Was wollte sie denn noch?

Etwas wehmütig dachte er an die erste Zeit ihrer Ehe zurück. Natürlich war es damals schön gewesen, viel Zeit miteinander zu verbringen. Aber für Bria und die Familie, die sie einmal sein würden, musste er sich um sein Unternehmen kümmern. Warum begriff sie das nicht?

Plötzlich zuckte wieder ein stechender Schmerz in seiner Schläfe. Er schloss die Augen und lehnte sich gegen die kalte, gekachelte Wand der Duschkabine. Wieder sah er Bria, wie sie weinte. Wie aus weiter Ferne hörte er ihre Stimme.

„Ich hätte dich so sehr gebraucht, als ich das Baby verlor“, flüsterte sie verzweifelt. „Ich wollte, dass du mich in die Arme nimmst und mir sagst, dass alles wieder gut wird. Aber du warst nicht hier. Du bist nie hier. Immer bist du unterwegs und lässt mich allein.“

Sam riss die Augen auf. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt. Es war nicht mehr als ein Erinnerungsfetzen gewesen, aber er wusste, dass es kein Traum war. Bria war schwanger gewesen und hatte ihr Kind verloren. Das Kind, das sie sich so gewünscht hatten.

Ihm wurde eng um die Brust, und er brauchte eine Minute, bis der tiefe Schmerz um sein totes Kind langsam wich.

Verzweifelt versucht Sam, sich zu erinnern, was genau passiert war. Wann Bria die Fehlgeburt gehabt hatte und wo er damals gewesen war. Doch je mehr er sich anstrengte, desto frustrierter wurde er. Es gelang ihm einfach nicht, sich ins Gedächtnis zu rufen, wann Bria schwanger geworden war oder in welchem Monat sie gewesen war, als sie das Kind verlor. War es erst einige Wochen her oder war es schon damals gewesen, als sie den Schwangerschaftstest gekauft hatte?

Er atmete tief durch. Es überraschte ihn nicht, dass er unterwegs zu einem Rodeo gewesen war, als es geschah. Das war sein Beruf, und er hatte gedacht, dass Bria das akzeptierte.

Während er sich bemühte, die jetzt auf ihn einströmenden Erinnerungen zu ordnen, übermannten ihn Schuld- und Schamgefühle. Er war nicht sofort zu Bria gekommen, als sie ihn gebraucht hatte. Er hatte sie alleingelassen und das würde er sich niemals verzeihen. Wahrscheinlich war er zu stolz gewesen, um ihr zu zeigen, wie sehr er darunter gelitten hatte. Allmählich bekamen die Erinnerungsfetzen einen Sinn. Er hatte gewartet, bis er sich und seine Gefühle wieder im Griff hatte, bevor er zu ihr gefahren war. Plötzlich kehrte der Schmerz zurück, den er gespürt hatte, als er die Nachricht bekam, und er war sich sicher, dass er nicht gewollt hatte, dass Bria ihn so verzweifelt und schwach sah, wie er in dem Moment gewesen war.

Er drehte das Wasser ab, stieg aus der Dusche und trocknete sich rasch ab. Während er in seine Kleider schlüpfte, überlegte er, wie er Bria sagen sollte, dass er sich an die Fehlgeburt erinnerte, ohne ihr wehzutun. Sie hatte es ja sowieso schon schwer genug. Kein Wunder, dass sie in letzter Zeit so nervös und gereizt war. Sein Unfall hatte vermutlich nicht dazu beigetragen, ihre Nerven zu beruhigen. Auch damit, dass er in den letzten Tagen immer wieder davon gesprochen hatte, wie sehr sie sich doch ein Kind wünschten, hatte er nur noch tiefer in die Wunde gestochen.

Trotzdem war das noch nicht alles, das spürte er, und er musste möglichst schnell herausfinden, was nicht in Ordnung war.

Als er sich auf den Weg nach unten machen wollte, fiel ihm auf, dass an der Wand einige Fotos fehlten. Wo waren sie geblieben?

Gleich nach der Hochzeit hatten er und Bria das Treppenhaus mit Familienfotos dekoriert. Gestern Abend war er zu müde gewesen, um irgendetwas um sich herum wahrzunehmen, doch jetzt war es nicht mehr zu übersehen. Das Hochzeitsfoto fehlte, außerdem ein paar Bilder von seinen Brüdern und Brias Familie. Die Ungewissheit, was während der letzten sechs Monate wirklich passiert war, machte ihn verrückt, und er wollte endlich wissen, was sich noch alles verändert hatte.

„Was hast du mit all den Fotos im Flur gemacht, Bria?“, fragte er, als er die Küche betrat.

„Ich habe sie abgenommen“, antwortete sie ohne weitere Erklärung. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, aber an ihrer Körperhaltung erkannte er genau, dass sie sich alles andere als wohlfühlte.

Er setzte sich an den Tisch, wo Bria sein Frühstück aufgedeckt hatte. „Wann hast du sie abgenommen?“

„Vor einer Weile.“

Sam runzelte die Stirn. Weshalb musste er ihr jede Information aus der Nase ziehen? „Gab es einen Grund dafür?“

„Ich fand, sie passten woanders besser hin.“ Sie goss frischen Kaffee in einen Becher und stellte ihn vor Sam auf den Tisch. „Während du frühstückst, gehe ich nach oben und mache dein Bett. Ich bin gleich wieder da.“

Er schaute ihr nach, als sie die Küche verließ, und nahm sich vor, ihr zunächst nicht zu erzählen, dass er sich erinnerte. Bria war so angespannt, und vielleicht kamen ja schon bald noch mehr Erinnerungen, dann wäre er besser vorbereitet, wenn er mit ihr darüber sprechen würde.

Er musste an Brias Bemerkung denken. Warum nahm sie an, er brauchte sie nur, wenn er Sex wollte?

Plötzlich hatte er nicht mehr den geringsten Appetit, legte die Gabel weg und nahm seine Kaffeetasse. Es ergab keinen Sinn, dass sie wollte, dass er hilfsbedürftig und verletzlich war. Keine Frau wollte das!

Sam schüttelte den Kopf. Sein Vater war schwach gewesen, und so wie er würde Sam niemals werden. Joe Rafferty hatte seine Söhne im Stich gelassen, und Sam verdankte es nur Hank Calvert, dass aus ihm und Nate etwas geworden war.

Als ihre Mutter noch gelebt hatte, war es ihnen nicht schlecht gegangen. Klar, sie waren bettelarm gewesen, doch Susan Rafferty hatte versucht, ihre Söhne nicht damit zu belasten. Sie allein hatte für alles gesorgt. Damals waren Sam und Nate noch zu klein gewesen, aber jetzt war ihnen klar, dass ihre Mutter einen hohen Preis dafür bezahlt hatte. Oft arbeitete sie zwölf Stunden am Tag, um ihre Familie ernähren und die Miete bezahlen zu können, während ihr Mann keinen Finger rührte und Ausreden erfand, warum er wieder mal keinen Job hatte. Die Erschöpfung hatte sie schließlich umgebracht.

Autor

Kathie De Nosky
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Janice Maynard
Janice Maynard wuchs in Chattanooga, Tennessee auf. Sie heiratete ihre High-School-Liebe während beide das College gemeinsam in Virginia abschlossen. Später machte sie ihren Master in Literaturwissenschaften an der East Tennessee State University. 15 Jahre lang lehrte sie in einem Kindergarten und einer zweiten Klasse in Knoxville an den Ausläufern der...
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Maureen Child

Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

Ihre liebste...

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