Cora Collection Band 39

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SO LEICHT GEB ICH NICHT AUF von RENEE ROSZEL

Ivy denkt gar nicht daran, Niko Varos zu heiraten! Vor allem, weil ihre griechische Verwandtschaft ihn für sie ausgesucht hat! Der erfolgreiche Niko ist jedoch begeistert von ihr und setzt alles daran, ihr Herz zu erobern. Selbst wenn er dafür eine alte Villa kaufen und sie von Innenarchitektin Ivy umgestalten lassen muss …


AUF DER INSEL DER TRÄUME von JACQUELINE BAIRD

„Werde meine Frau.“ Hat Jemma sich verhört? Nein, der griechische Multimillionär Luke Devetzi hat es tatsächlich gesagt! Dabei sind es drei andere zärtliche Worte, nach denen sie sich sehnt …


ZWISCHEN VERNUNFT UND SINNLICHKEIT von SARAH MORGAN

Liebeskummer, nein danke! Lily Rose will jetzt nur noch Affären … wie ihr Boss, der attraktive Milliardär Nik Zervakis! Um sich zu testen, wagt sie mit ihm einen One-Night-Stand und genießt den Zauber seiner erfahrenen Hände. Doch sein verlangender Blick trifft sie mitten ins Herz …


  • Erscheinungstag 07.05.2021
  • Bandnummer 39
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502160
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Renee Roszel, Jacqueline Baird, Sarah Morgan

CORA COLLECTION BAND 39

1. KAPITEL

Von tiefer Trauer und blinder Panik erfüllt, stürmte Ivy Angelis in Nikolos Varos’ Büro, das in einem Hochhaus in San Francisco lag. Wie gut, dass sein Vorzimmer verwaist gewesen war, denn es hätte sie momentan überfordert, erst noch seiner Sekretärin Rede und Antwort zu stehen. Sie musste Mr. Varos etwas erklären – und zwar so schnell wie möglich und hoffentlich auch ohne die Beherrschung zu verlieren.

Ivy nahm die vornehme Umgebung überhaupt nicht wahr. Sie wusste bereits, dass Mr. Varos ein ausgesprochen wohlhabender Mann war, und interessierte sich in ihrer jetzigen Gemütsverfassung nicht im Geringsten für irgendwelche Äußerlichkeiten. Hektisch versuchte sie, die Tränen zurückzudrängen, als sie auf den großen, hageren Mann zuging, der hinter dem aufgeräumten Schreibtisch aus Glas und Chrom stand. Sie stützte sich mit beiden Händen auf die glänzende Platte und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die gestreifte Krawatte ihres Gegenübers, während sie sich insgeheim einen Feigling nannte.

Sieh ihn an, forderte sie sich stumm auf, auch wenn dir noch so schrecklich zu Mute ist und du dich entsetzlich schämst. Jede Frau, die ihrem Bräutigam am Hochzeitstag erklärte, dass sie ihn nun doch nicht heiraten wolle, sollte dies zumindest von Angesicht zu Angesicht tun.

Ihr Herz klopfte wie verrückt, und jeder einzelne Schlag schien ihr in den Ohren zu dröhnen. Vermutlich werde ich meine eigenen Worte nicht verstehen, dachte sie, während sie sich zwang, ihn anzublicken, und wunderte sich, wie fest ihre Stimme klang, als sie sich an ihn wandte. „Mr. Varos, ich kann Sie nicht heiraten.“

Überraschung spiegelte sich in seinem Gesicht, und noch bevor er etwas erwidern konnte, fuhr sie eilig fort: „Mein Großvater ist vergangene Nacht gestorben. Als meine Mutter mich angerufen und es mir erzählt hat, ist mir klar geworden, dass ich seinetwegen unserer Hochzeit zugestimmt habe … weil ich ihn liebe … geliebt habe. Diese Verbindung war sein Wunsch, nicht meiner. Ich habe aus Loyalität zu meiner Familie eingewilligt.“

Er wollte etwas sagen, aber sie hob Einhalt gebietend die Hand. „Ich weiß, ich weiß, wir stammen beide aus einer griechischen Familie, die sehr in Traditionen verhaftet ist. Und es ist richtig, dass die arrangierte Ehe meiner Mutter glücklich war. Ja, und es stimmt auch, dass unsere Großväter ihr Leben lang befreundet gewesen sind und es sich sehnlichst gewünscht haben, unsere Familien miteinander zu vereinen.“ Verzweifelt rang sie nach geeigneten Worten, die sich irgendwie überzeugend anhörten. „Aber ich bin Amerikanerin, Mr. Varos. Ich wurde hier geboren … und kann das einfach nicht tun. Bitte verstehen Sie mich … und versuchen Sie, mir eines Tages zu vergeben.“

Ivy drehte sich auf dem Absatz um und flüchtete aus dem Zimmer, während sie sich erneut einen Feigling nannte. Davonzulaufen war unverzeihlich! Aber sie war kurz davor, die Fassung zu verlieren, und würde sich bestimmt nicht mehr beherrschen können und vielleicht sogar hysterisch werden, wenn er ihr – zweifellos berechtigte – Vorwürfe machte.

Die Hochzeit abzusagen war das Beste, überlegte sie. Sie hätten auf Wunsch ihrer Familien geheiratet, nicht etwa aus Liebe. Ihre Heirat war kaum mehr als ein geschäftliches Abkommen. Konnte es einen schlagenderen Beweis dafür geben als die Tatsache, dass sie, Ivy, ihren Bräutigam am Tag ihrer geplanten Eheschließung um sieben Uhr morgens in seinem Büro angetroffen hatte!

Auch war es das erste Mal überhaupt gewesen, dass sie ihn gesehen hatte. Seine internationalen Geschäfte hatten ihn bis zur letzten Minute im Ausland festgehalten. In Anbetracht all dessen durfte man sicherlich an der Wichtigkeit zweifeln, die ihre Hochzeit oder auch sie, Ivy, für ihn besaßen.

Bestimmt hatte er, der erfolgreiche Finanzberater, schon früher die Erfahrung gemacht, dass Verträge gelöst oder nicht erfüllt wurden. Vermutlich war er jetzt enttäuscht, vielleicht sogar auch ärgerlich, aber er würde den Fehlschlag verwinden. Und wenn sie, Ivy, wieder mehr sie selbst war und ihre Trauer etwas überwunden hatte, würde sie ihm einen Brief schreiben und ihn um Entschuldigung bitten.

Sie fühlte sich schrecklich einsam. Wenn sich doch nur der Gesundheitszustand von Großvater Chris nicht so drastisch verschlechtert hätte, gerade als sie und ihre Mutter nach Kalifornien hatten fliegen wollen. Zoe Angelis hatte sich schon jahrelang um ihren Schwiegervater gekümmert und sehr mit sich gerungen, was sie tun sollte. Schweren Herzens war sie dann bei dem Kranken geblieben, hatte ihn im Sterben nicht allein lassen wollen und können, selbst wenn das bedeutete, dass sie die Hochzeit ihres einzigen Kindes versäumte.

Ivy wusste, dass ihre Mutter sich die Entscheidung nicht leicht gemacht hatte, und sie verstand sehr gut, dass Zoe Großvater Chris in seinen letzten Stunden nicht hatte allein lassen mögen. Sie, Ivy, hätte es auch überhaupt nicht anders gewollt. Aber dennoch fühlte sie sich jetzt entsetzlich einsam und verloren und hätte gern ihre Mutter an ihrer Seite gehabt.

Da die Heirat nun allerdings nicht stattfand, brauchte sie nur in ihr Hotelzimmer zurückzukehren, die Koffer zu packen und aus San Francisco abzureisen. Irgendwann heute würde sie wieder zu Hause in Kansas City sein, wo die traurige Aufgabe auf sie wartete, sich von ihrem geliebten Großvater zu verabschieden.

Der erste Juni entwickelte sich für Nikolos Varos mehr und mehr zu einem wahren Albtraumtag. Die Maschine, mit der er von Tokio hatte zurückfliegen wollen, startete mit zweifacher Verspätung, sodass er fast die eigene Hochzeit versäumt hätte. Als er schließlich in den frühen Morgenstunden in sein Penthouse gekommen war, hatte er feststellen müssen, dass sich dort während seiner Abwesenheit ein Wasserrohrbruch ereignet hatte und in der Wohnung ein einziges Chaos herrschte. Es war ihm nichts anderes übrig geblieben, als in sein Büro zu fahren, um sich dort im Badezimmer für das offizielle Hochzeitsfrühstück umzukleiden.

Und als er gerade das Smokingjackett angezogen hatte, war seine ihm noch unbekannte Braut ins Zimmer gestürmt und hatte seinem verblüfften Assistenten erklärt, dass sie ihn nicht heiraten könne.

Vorsichtig blickte Niko um die Ecke. Das Zimmer war leer – bis auf seinen Privatsekretär, der wie vom Donner gerührt hinterm Schreibtisch stand.

Niko lehnte sich gegen den Türrahmen und atmete hörbar aus. „Was ist los, Charles?“, erkundigte er sich mit zynischem Unterton in der Stimme. „Hat man Ihnen noch nie den Laufpass gegeben?“

Die sarkastische Frage riss seinen Assistenten offenbar aus dem Zustand der Benommenheit, denn er wandte sich ihm mit blassem Gesicht zu. „Ist das gerade passiert, Sir?“

Niko fühlte sich ziemlich erschöpft. Er hatte in den vergangenen zweiundsiebzig Stunden kaum geschlafen, um alles so weit wie möglich zu regeln, damit er in Ruhe die Flitterwochen genießen konnte. „Ich bin ein Neuling auf dem Gebiet, Charles, aber die kleine Ansprache eben hörte sich für mich nach ‚auf Wiedersehen‘ an.“

Angelegentlich betrachtete er seinen wie immer mustergültig gekleideten Assistenten, bemerkte, dass er noch etwas blasser war als sonst, und hätte fast Mitleid mit ihm gehabt.

Mit ihm?

Schlagartig erkannte er, dass ihm die ganze Tragweite dessen, was sich eben abgespielt hatte, noch nicht wirklich bewusst geworden war. Er war zu müde, um wütend zu sein, spürte aber, dass sich sein Gemütszustand jeden Moment ändern konnte. Energisch stieß er sich vom Türrahmen ab und zog sich das Jackett zurecht.

„Es ist sinnlos, hier herumzustehen und sich die Wunden zu lecken. Es gibt einiges zu tun.“

„Soll ich die Gäste informieren, Sir?“

„Wie bitte?“ Verwundert runzelte er die Stirn. „Natürlich nicht.“

„Aber, Sir …“

„Charles“, unterbrach Niko ihn scharf. Er hatte nicht vor, mit ihm darüber zu diskutieren, wessen Aufgabe es war, seinen Freunden mitzuteilen, dass seine Hochzeit von seiner Braut abgesagt worden war. „Während ich meinen Gästen die schlechte Nachricht überbringe, finden Sie die Telefonnummer dieser Dame heraus.“

„Sie wollen, dass ich Ihre Verlobte im Hotel anrufe?“, fragte er beunruhigt.

Niko war bereits an der Tür, drehte sich aber noch einmal um. Was eben geschehen war, wurde ihm in seiner Bedeutung von Sekunde zu Sekunde klarer, und er spürte, wie er allmählich zornig zu werden begann. Man hatte ihn wie ein abgetragenes Paar Schuhe einfach ausrangiert, und das auch noch ausgerechnet an seinem Hochzeitstag. Aus aller Welt waren die Leute angereist, um mit ihm und seiner zukünftigen Frau zu feiern. Und während die fünfhundert geladenen Gäste aus Politik, Hochadel und Filmwelt fünfzig Stockwerke tiefer im Festsaal auf das Erscheinen des Brautpaares warteten, hatte diese Frau aus Kansas seine Zukunft und seinen Stolz mit Füßen getreten. Jetzt stand er da wie ein verdammter Oberkellner, der gerade seinen Job verloren hatte!

„Ja, verflixt, Sie sollen meine Verlobte im Hotel anrufen. Besser gesagt, meine Exverlobte.“

„Was soll ich ihr sagen, Sir?“

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken, Charles. Das erkläre ich Ihnen, sobald ich zurück bin.“

Er verließ das Büro und wartete wenig später mit gesenktem Kopf auf den Lift, um sich der größten Demütigung seines Lebens zu stellen. Gleich würde er vor die internationale Hochzeitsgesellschaft treten und ihr mitteilen müssen, seine zukünftige Frau habe in letzter Minute erkannt, dass sie ihn nun doch nicht heiraten könne.

Starr blickte er auf die Aufzugtür und fragte sich, ob dort wohl eine Delle entstehen würde, wenn er mit der Faust dagegen schlug. Müde schüttelte er den Kopf und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Es wäre dumm, sich die Knöchel zu verletzen, nur weil eine kleine Landpomeranze ihn zurückgewiesen hatte. Energisch drückte er erneut auf den Rufknopf und spürte, wie ihn ein Anflug von Selbstverachtung überkam.

Wie arrogant hatte er, Niko, immer die Nase gerümpft, wenn in seinem Bekanntenkreis Ehen gescheitert und Familien zerbrochen waren. Ihm würde dergleichen nie passieren, hatte er gedacht und sich für besser gehalten. Sogar seine Eltern, die aus Liebe geheiratet hatten, waren auseinandergegangen, und dennoch hatte er gemeint, dass ihm das nicht widerfahren würde. „Sieh dich an“, schimpfte er sich leise, „du schaffst es noch nicht einmal, einen Bauerntrampel zum Altar zu führen.“

Nachdem er jahrelang die Streitereien seiner Eltern mitbekommen und immer wieder gehört hatte, wie sich seine Freunde niedergeschlagen über Frauen beklagten, hatte er sich entschieden, es wie seine Ahnen zu machen – und eine Ehe auf der Basis von Vernunft und gemeinsamen Glaubens- und Wertvorstellungen zu schließen.

Niko biss die Zähne zusammen, als er unwillkürlich an Ivys hastige, unverblümte Zurückweisung denken musste. Sein Großvater Dionysus hatte ihm ein ums andere Mal von der Angelis-Familie vorgeschwärmt und wiederholt erzählt, wie er Christos Angelis im Alter von zwölf Jahren vor dem Ertrinken gerettet hatte. Die beiden waren seitdem eng befreundet gewesen und hatten sich geschworen, ihre Familien zusammenzuführen.

Anfangs hatte er, Niko, nur über die Idee gelacht, eine fremde Frau aus Kansas zu heiraten. Dann hatte ihm sein Großvater ein Bild von Ivy gezeigt, das ihm ausgesprochen gut gefallen hatte. Sie war zwar keine klassische Schönheit, besaß jedoch herrlich glänzendes dunkles Haar, faszinierend große blaue Augen und ein unvergessliches, gewinnendes Lächeln.

Auch hatte ihm die Vorstellung behagt, dass ihre beiden Familien aus der griechischen Stadt Kouteopothi stammten. Sie hatten gemeinsame Wurzeln, dachten in gewisser Weise gleich und pflegten dieselben Traditionen. Und eines war ihm besonders wichtig gewesen: Mit der Heirat würde sich ein Versprechen erfüllen, das den zwei Menschen, die es sich einst gegeben hatten, sehr am Herzen lag.

Er war selbst etwas überrascht gewesen, dass es ihm eigentlich nicht allzu schwer gefallen war, sich mit der Idee anzufreunden. Sicher, er war ein vernunftbegabter Mann, der stark vom Verstand und Pflichtbewusstsein geleitet wurde, und so hatte er schließlich dem liebevollen Drängen seines Großvaters nachgegeben.

Geschäfte hatten ihn dann länger als erwartet im Ausland festgehalten, sodass er geplante Treffen mit Ivy erst verschoben und dann ganz abgesagt hatte. Aber das hatte nicht etwa zu bedeuten, dass er der arrangierten Heirat zweifelnd entgegensah. Er hatte sich an den Gedanken, sie zu heiraten, gewöhnt und einen ausgesprochen fairen Vorehevertrag für Ivy ausarbeiten lassen. Sogar sein Testament hatte er geändert!

Und dann schneit die kleine Hinterwäldlerin an unserem Hochzeitstag ungeniert in mein Büro herein und macht meine sorgfältige Planung zunichte, dachte er wütend, als sich die Fahrstuhltür endlich öffnete.

„Ivy Angelis, das wirst du mir büßen“, schwor er leise, während er voller Rachedurst in den Aufzug stieg. „Ich werde nicht viel Zeit brauchen. Drei Wochen dürften mir für mein Vorhaben genügen.“

Ivy wollte im Moment an nichts denken – weder an den Gesichtsausdruck ihres Exverlobten, als sie ihm erklärt hatte, dass sie ihn nicht heiraten könne, noch an den langen Tag, der vor ihr lag, bis sie endlich wieder zu Hause war, und ganz bestimmt nicht daran, wie man ein nicht getragenes Brautkleid am besten wieder einpackte.

Was soll ich überhaupt damit machen, es vielleicht verkaufen? fragte sie sich, als sie es vom Bügel nahm. Ihre Mutter und sie hatten Stunden damit verbracht, Hunderte von Perlen auf das langärmelige Oberteil aus Spitze zu nähen. Welch eine Zeitverschwendung! Was hatte sie, Ivy, nur bewogen, der arrangierten Ehe zuzustimmen? Sie musste wohl vorübergehend verrückt gewesen sein!

Seufzend packte sie das Hochzeitskleid zu den übrigen Sachen in den Koffer und drückte den Deckel herunter. „Hör auf, dich zu bemitleiden“, ermahnte sie sich. „Der Mann bedeutet dir nichts. Du kennst ihn nur von einem Bild her – das ihn als Siebzehnjährigen zeigt.“

Tatsächlich hatte der hagere Mann hinterm Schreibtisch kaum dem auf dem Foto geähnelt, das Großvater Chris schon seit vielen Jahren in seiner Brieftasche stecken hatte. Es war in dem Sommer aufgenommen worden, bevor ihr Großvater von Kouteopothi nach Amerika gezogen war, um bei ihrer Mutter und ihr zu leben. Vielleicht liegt es an dem Lächeln, überlegte Ivy. Denn gelächelt hatte Nikolos Varos heute Morgen zweifellos nicht, als sie in sein Büro gestürmt war.

Er hatte so blass und steif gewirkt und gar nicht dem Bild entsprochen, das ihr Großvater von ihm gezeichnet hatte. Chris Angelis hatte ihn als dynamisch, fröhlich und stets zu Späßen aufgelegt beschrieben. Aber möglicherweise hatte Niko seine Heiterkeit und Spontaneität im harten Alltag der Finanzwelt verloren.

„Und nur weil Großvater ihn so wunderbar gefunden hat, heißt das noch lange nicht, dass er auch gut zu mir gepasst hätte. Geld und Stellung sind nicht alles im Leben.“

Energisch hob Ivy den Koffer vom Bett und ließ ihn vor Schreck auf ihren Fuß fallen, als das Telefon klingelte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte sie zum Apparat. Wer sonst als ihre Mutter sollte sie hier anrufen? Es könnte allerdings auch Niko Varos sein, der seinen Ärger an mir abreagieren möchte, bevor ich die Stadt verlasse, schoss es ihr durch den Kopf, während sie zum Telefon humpelte. Wenn ja, könnte sie den Hörer gleich wieder auflegen. Das wäre zwar erneut eine feige Haltung, aber im Moment hatte sie genug mit sich selbst zu tun.

„Hallo, Mama?“

Einen Augenblick herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann folgte ein knappes, gedämpft klingendes „Nein.“

Ivy wusste sofort, dass er es war. „Oh … Mr. Varos.“ Sie schluckte. „Ich … ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss mein Flugzeug erreichen“, erklärte sie und griff zu einer kleinen Notlüge, denn sie hatte keinen Platz mehr auf einer Maschine nach Kansas City reservieren lassen können. Alle Flüge waren ausgebucht gewesen, sodass man sie auf die Warteliste gesetzt hatte.

„Es wird nicht lange dauern.“

Sie schloss die Augen und setzte sich aufs Bett. „So?“ Seine entsetzlich ruhig klingende Stimme brachte sie aus dem Konzept. Anstatt den Hörer wie beabsichtigt aufzulegen, fragte sie zu ihrer eigenen Überraschung: „Was kann ich für Sie tun?“

„Da Sie von Beruf Restauratorin historischer Gebäude sind, möchte ich, dass Sie drei Wochen in Kalifornien bleiben, auf meinem kürzlich erworbenen viktorianischen Anwesen wohnen, das Ihr Zuhause hätte sein sollen, und Ihre Fachkenntnisse einbringen, um es wieder in seinem alten Glanz erstrahlen zu lassen. Wie Sie wissen, ist die Renovierung Teil des Ehevertrags gewesen. Die Arbeiten müssen in sechs Monaten abgeschlossen sein, denn dann soll dort eine wichtige Veranstaltung stattfinden. Die Zeit drängt also.“

Ungläubig schüttelte Ivy den Kopf. Das hatte sie nun wahrlich nicht erwartet. Sachlich und ohne jeden Anflug von Ärger in der Stimme unterbreitete er ihr ein Angebot. Er verhielt sich ganz wie ein nüchtern denkender Unternehmer, der routiniert einen Auftrag erteilte. Wie dumm war sie doch gewesen, dass sie befürchtet hatte, sie hätte ihn mit der Zurückweisung in letzter Minute verletzt haben können! Geschäftsabschlüsse wurden im Allgemeinen doch nur mit dem Verstand getätigt und kein bisschen mit dem Herzen!

Und der kaltblütige Finanzberater am anderen Ende der Telefonleitung war nicht nur nicht wütend, sondern bot ihr einen Traumjob an. Abgesehen davon, dass sie ihrem Großvater eine Freude hatte machen wollen, hatte sie unter anderem deshalb der Heirat zugestimmt, weil Niko Varos ein einflussreicher Mann mit besten Verbindungen war.

Wiederholt hatte sie sich in den vergangenen Wochen gesagt, dass er von der Ehe profitiere, indem er sich eine Frau und Gastgeberin sowie – laut Vertrag – zwei Kinder sicherte, und dass ihr die Heirat beruflich sehr nutzen würde. Sie hatte die Situation mit dem Verstand betrachtet, denn von Gefühlen war in der Abmachung nicht die Rede gewesen. Wenn sie Nikos Herrenhaus in ein Schmuckstück verwandelte, hatte sie nüchtern analysiert, würde ihr Werk bestimmt in der Fachpresse lobend kommentiert werden und sie sich einen guten Ruf erwerben. Warum sollte nur er durch die Hochzeit gewinnen? Wenn er Beruf und Familie miteinander verbinden konnte, wieso dann nicht auch sie?

„Miss Angelis?“

„Oh, ja, ich bin noch am Apparat.“

„Wie lautet Ihre Antwort?“

Ivy hatte noch keine Sekunde darüber nachgedacht, ob sie das Angebot vielleicht annehmen sollte, denn sie konnte noch immer nicht fassen, dass er sie überhaupt fragte. Die Situation war einfach zu absurd. Vor einer Stunde hatte sie ihn als Bräutigam zurückgewiesen, und jetzt bot er ihr einen absoluten Traumjob an. „Aber … Das ist sehr … Sind Sie sicher?“

„Wie Sie mir bereits gesagt haben, Miss Angelis, haben Sie nicht lange Zeit. Dürfte ich also um Ihre Antwort bitten?“

Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Das Angebot auch nur flüchtig zu erwägen schien ihr ein Beweis dafür zu sein, dass sie nicht mehr recht bei Verstand war. Verwirrt atmete sie ein. Sie hatte wegen ihres gebrochenen Versprechens ein entsetzlich schlechtes Gewissen und fand es sehr großmütig von ihm, dass er ihr dennoch den Auftrag erteilen wollte. Durfte sie überhaupt darüber nachdenken? Durfte sie ihn überhaupt ablehnen? Wie viele Restauratorinnen aus Kansas City erhielten schon die Chance, dass man in der Fachpresse über sie schrieb?

„Sind Sie noch da?“

„O ja, das bin ich.“ Plötzlich kam ihr ein Gedanke, den sie unbedingt aussprechen musste. „Es ist nett von Ihnen, mir den Job anzubieten … in Anbetracht der ganzen Situation. Nur sorge ich mich …“

„Wenn ich überhaupt dort sein werde, Miss Angelis, dann nicht, um Sie zu sehen, und jeder Besuch wird kurz sein.“

Woher hatte er gewusst, was sie hatte sagen wollen? Konnte er Gedanken lesen? Er schien nicht nur großzügig, sondern auch ein ausgesprochen intuitiver Mensch zu sein. Ivy begann zu schwanken. Wenn ihn ihr Wortbruch nicht störte, warum sollte sie sich dann diese einzigartige Chance entgehen lassen?

„Natürlich müsste ich erst einmal nach Kansas City zurückkehren, um von meinem Großvater …“ Die Stimme versagte ihr vor Schmerz über den noch so frischen Verlust.

„Das ist selbstverständlich. Ich schätze, eine Woche dort dürfte Ihnen reichen. Teilen Sie mir die Ankunftszeit Ihres Fluges mit. Man wird Sie dann abholen.“

Ivy bemerkte erst nach einigen Sekunden, dass er das Telefonat beendet hatte. Offenbar betrachtete er die Angelegenheit als abgemacht.

Verwirrt blickte sie den Hörer an und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Eigentlich tut er das nicht ganz zu Unrecht, führte sie sich vor Augen, denn schließlich habe ich nicht Nein gesagt. Auch würden sie beide davon profitieren, wenn sie die Renovierung des Herrenhauses übernahm. Sie könnte durch hervorragende Arbeit ihr schlechtes Gewissen etwas beruhigen, und er würde eine enorme Wertsteigerung seines Anwesens erfahren. Außerdem wäre bei dem Projekt ihre gesamte Aufmerksamkeit gefordert, sodass sie kaum Zeit hätte, um über den Verlust ihres geliebten Großvaters nachdenken zu können.

„Okay, Mr. Varos, wir sehen uns dann in einer Woche“, sagte sie leise und legte den Hörer auf.

Reglos blieb sie auf dem Bett sitzen und blickte starr ins Leere. Was war das bis jetzt für ein schrecklicher Tag gewesen, voller Leid und Schuld. Sie hatte sich noch nie im Leben so schlecht benommen und schämte sich entsetzlich. Es erschien ihr absolut widersinnig, dass sie ausgerechnet von demjenigen für ihr schlimmes Verhalten belohnt wurde, den sie damit verletzt hatte.

Aber hatte sie Niko Varos wirklich verletzt? Eben am Telefon hatte er sich ausgesprochen gleichmütig angehört, als machte ihm das Ganze überhaupt nichts aus. Ivy schüttelte verständnislos den Kopf und wusste nicht, ob sie über seine Unerschütterlichkeit verwirrt oder bestürzt sein sollte. Doch eines wusste sie genau: Sie sollte endlich zum Flughafen aufbrechen, damit sie so schnell wie möglich nach Hause kam, um ihre Mutter zu trösten und sich von ihrem geliebten Großvater zu verabschieden.

Bekümmert stand sie auf, nahm ihr Gepäck und verließ schweren Herzens das Hotelzimmer.

Auch nachdem Niko den Smoking gegen legere Kleidung getauscht hatte, fühlte er sich nicht besser. Er war noch immer so wütend, dass er sich wunderte, keinen Schaum vor seinem Mund zu sehen, als er kurz in den Spiegel sah, bevor er das Badezimmer verließ und in das angrenzende Büro zurückkehrte. Sein Assistent hatte gerade zu Ende telefoniert und stand vom Schreibtischstuhl auf.

„Wann kommt sie?“

Charles wandte sich ihm mit ernster Miene zu. „Nächste Woche. Ich habe mich genau an Ihre Anweisungen gehalten und ihr gesagt, dass sie vom Flughafen abgeholt wird.“ Hektisch begann er, die Papiere auf dem Schreibtisch zu ordnen. „Woher wussten Sie, dass sie das Angebot annehmen würde, Sir?“ Kurz blickte er auf.

„Gier und Stolz, Charles. Man muss nur den richtigen Köder auswerfen.“

Charles ergriff einige Aktenmappen und presste sie an sich. „Sie hat mich für Sie gehalten, Sir“, meinte er mit fast vorwurfsvoller Miene.

Niko fluchte leise. Ein skrupulöser Mitarbeiter war nicht immer nur ein Segen. Es verstieß sogar schon gegen Charles’ Auffassung von Korrektheit, dass er dieses kleine Missverständnis nicht hatte aufklären dürfen.

„Sie werden doch nichts Unbesonnenes tun, Sir?“

Niko hörte den besorgten Unterton in der Stimme seines Assistenten und musste sich sehr zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. „Natürlich nicht. Ich werde mir meinen Racheplan sorgfältig überlegen“, erwiderte er und hatte den Eindruck, dass Charles noch blasser wurde, soweit dies überhaupt noch möglich war.

„Aber … aber Sir, Sie haben den Direktor von Megatronics zum Weinen gebracht. Sie können so …“

„Reden Sie keinen Unsinn. Er hat nicht geweint. Er hatte eine Augenentzündung“, belehrte er ihn grimmig, denn er war mit seiner Geduld fast am Ende. „Außerdem hat er sich idiotisch benommen. Er hat Millionen verschwendet, weil er nicht wie versprochen auf meinen Rat gehört hat. Ich habe ihm nur aufgezeigt, wie falsch seine Vorgehensweise war. Miss Angelis wird lediglich einige praktische Erfahrungen darin sammeln“, fuhr er leiser, eigentlich im Selbstgespräch fort, „was ich mit Leuten mache, die mir gegenüber ihr Wort nicht halten.“

„Du meine Güte …“

Niko sah Charles’ besorgte Miene und spürte, wie sich Mitleid in ihm regte. Sein Assistent war ein ausgesprochen fähiger Mitarbeiter, aber die kleinste Rücksichtslosigkeit bereitete ihm Schwierigkeiten.

Beschwichtigend legte er ihm die Hand auf die Schulter. „Blicken Sie nicht so beunruhigt drein. Ich verspeise Miss Angelis nicht bei lebendigem Leib.“ Er rang sich ein Lächeln ab. „Ich lasse meiner lieben Ex nur … meine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen.“

Charles zuckte leicht zusammen, und Niko wurde sich bewusst, dass er die Finger fest in dessen Schulter krallte. Schnell zog er die Hand zurück. „Finden Sie nicht, dass sie einen kleinen Denkzettel verdient hat?“

Charles schluckte, sagte aber nichts.

Niko hatte eigentlich etwas Mitgefühl von ihm erwartet, war allerdings nicht darauf angewiesen. Kritisch betrachtete er seinen Assistenten, der die Aktenmappen immer noch wie einen Schutzschild an sich presste. „Vielleicht hätten Sie eine andere Sichtweise der Dinge“, erklärte er grimmig, „wenn es Ihr Gesicht wäre, das morgen auf der Vorderseite jeder Zeitung in San Francisco prangte, und Sie die Witzfigur des Tages wären.“

2. KAPITEL

Als Ivy eine Woche später um die Mittagszeit in San Francisco aus dem Flugzeug stieg, wusste sie nicht, wer oder was sie erwartete. Morgens hatte sie in Mr. Varos’ Büro angerufen, um ihm mitzuteilen, wann sie ankommen würde, ihn aber nicht persönlich sprechen können. Die Sekretärin am Apparat hatte ihr jedoch versichert, dass sie die Nachricht weiterleiten würde.

Hoffentlich werde ich auch abgeholt, dachte Ivy, während sie den langen Gang entlangstöckelte und ein ums andere Mal Mitpassagieren auswich, die unvermittelt stehen blieben, um Freunde oder Angehörige zu begrüßen. In den vergangenen Tagen hatte sie sich wiederholt gefragt, ob es richtig gewesen war, diesen Job anzunehmen. Auch konnte sie sich noch immer nicht recht vorstellen, dass Mr. Varos oder überhaupt irgendjemand sich so großmütig zeigte, ihr unter den gegebenen Umständen den Auftrag zu erteilen. Was, wenn es sich vielleicht nur um einen üblen Scherz handelte und sie am Ende umsonst hergekommen war? Diese Möglichkeit konnte sie nicht völlig ausschließen.

Im Terminal für Inlandsflüge herrschte ein geschäftiges Treiben. Ivy blieb bei einer Säule stehen, wo sie niemandem den Weg versperrte, und stellte die Reisetasche ab, die sie mit an Bord genommen hatte. Suchend blickte sie sich um. Wie würde ihr „Abholer“ – falls es ihn überhaupt gab – sie erkennen? Hatte man ihm oder ihr das Bild gezeigt, das sie Mr. Varos geschickt hatte, bevor die Hochzeit arrangiert worden war?

Was ist das doch für eine seltsame Situation, dachte sie wohl zum tausendsten Mal innerhalb der letzten sieben Tage. Erst wies sie Mr. Varos zurück, dann rief er sie in ihrem Hotelzimmer an, bot ihr den tollen Job an, das alte Herrenhaus zu renovieren, und beendete das Telefonat, bevor sie ihm wirklich eine Zusage erteilt hatte.

Immer wieder hatte sie während der vergangenen Woche überlegt, ob sie den Auftrag nicht doch noch ablehnen sollte. Sie hatte sich sogar Fotos von dem einstigen Gladingstone House herausgesucht, und schon die Bilder hatten sie gewaltig beeindruckt. Das Anwesen aus nächster Nähe zu sehen würde ihr bestimmt den Atem rauben. Und daran mitzuwirken, das alte Gemäuer wieder in seinem vollen Glanz erstrahlen zu lassen, war eine einzigartige Gelegenheit, von der man im Leben nur träumen konnte.

Allerdings war das nicht der Hauptgrund, warum sie nach San Francisco zurückgekehrt war. Sie, Ivy, schuldete Mr. Varos etwas, weil sie ihm gegenüber ihr Wort gebrochen hatte. Und sie wusste, dass sie in ihrem Beruf sehr gut war. Sie würde den Auftrag ausgezeichnet erledigen und all ihr Können einbringen, um ihn für das gebrochene Versprechen zu entschädigen.

Nervös strich sie sich über die blaue Kostümjacke. Wenn ihr doch nur die Füße nicht so wehtun würden! Doch auf die hochhackigen Schuhe hatte sie unmöglich verzichten können. Sie hatte sich wie eine erfolgreiche Geschäftsfrau gekleidet, um einen erstklassigen Eindruck zu machen. Auch wenn sie Mr. Varos nicht begegnen würde, sollte ihm doch kein schlechtes Wort über sie oder ihre Arbeit zu Ohren kommen. Alles würde bestens laufen, und sie würde ihm beweisen, dass er ihr zu Recht vertraute.

Immer wieder blickte Ivy sich um und lächelte jeden an, der sich ihr näherte, in der Hoffnung, es könnte ihr „Abholer“ sein. Nach einer Dreiviertelstunde vergeblichen Wartens brachten ihre schmerzenden Füße sie fast um, und auch ihre Gesichtsmuskeln begannen, von dem vielen unnötigen Lächeln wehzutun. Warum hatte sie sich auch nicht hingesetzt? Auf einem Stuhl hätte man sie genauso leicht übersehen oder entdecken können wie hier bei der Säule.

Hat sich Mr. Varos vielleicht doch nur einen schlechten Scherz mit mir erlaubt? fragte sie sich unglücklich, wollte es aber nicht glauben. Bestimmt gab es eine plausible Erklärung, warum sich ihr „Abholer“ verspätet hatte, und wenn sie geduldig hier ausharrte, würde er sicherlich irgendwann kommen. Möglicherweise war er mit dem Wagen in einen Verkehrsstau geraten.

Sie könnte allerdings auch noch einmal in Mr. Varos’ Büro anrufen und sich erkundigen, ob man sie vielleicht vergessen habe. Die Nummer hatte sie sich vorsichtshalber in ihr kleines Notizbuch geschrieben, das sie immer in der Handtasche bei sich trug. Nur, wie lange sollte sie warten, bis sie sich auf die Suche nach einem Telefon machte? Warum hatte sie sich nicht auch schon längst ein Handy gekauft? Das tust du gleich als Nächstes, versprach sie sich, sobald du diesen Job – oder diesen üblen Streich – hinter dir hast.

Seufzend lehnte sie sich gegen die Säule. Das endlose Herumstehen machte entsetzlich müde. Was ist, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf, wenn mein „Abholer“ bereits hier gewesen ist und mich nur nicht erkannt hat, weil meine Haare auf dem Foto wesentlich kürzer sind, als ich sie jetzt trage?

„Vielleicht hätte ich mir ein Schild umhängen sollen, dass ich Ivy Angelis bin“, sagte sie leise.

„Das ist nicht nötig“, erklang eine sonore Stimme hinter ihr.

Ivy schreckte zusammen, fasste sich ans Herz und drehte sich um. Stumm blickte sie den großen, breitschultrigen Mann mit dem braunen Haar an, der in den Jeans und dem rostfarbenen Hemd eine ausgezeichnete Figur machte. Er hatte ein markantes Gesicht und schien sie amüsiert zu betrachten, dem leicht spöttisch verzogenen Mund nach zu schließen. Leider konnte sie seine Augen nicht sehen, denn sie waren hinter einer Sonnenbrille verborgen.

„Ich bin Ihr Chauffeur, Miss Angelis.“

„Danke, das ist wunderbar“, erwiderte sie, nachdem sie einen Moment seine ziemlich sexy klingende Stimme auf sich hatte wirken lassen.

„Es ist mir ein Vergnügen“, erklärte er und nahm ihre Reisetasche auf. Als er Ivy erneut ansah, bemerkte sie seine leicht verdrießlich zusammengekniffenen Lippen und wusste, dass es ihm bestimmt kein Vergnügen war.

„Ich … ich dachte schon, man hätte mich vergessen … Sie sind so spät dran.“

„Wirklich?“ Spöttisch verzog er den Mund. „Vielleicht habe ich die Ankunftszeit falsch verstanden“, meinte er und ging los. „Hier entlang.“

Verblüfft über den plötzlichen Aufbruch, stöckelte Ivy hinter ihm her. „Jetzt sind Sie ja da. Nur das zählt. Ich schätze, Sie bringen mich zu Mr. Varos’ Anwesen?“

Kurz blickte er sie an. „Gut geraten.“

Was soll der mürrische Ton? fragte sie sich leicht verärgert, während sie sich entsetzlich anstrengen musste, um mit ihm Schritt zu halten. „Sind wir in großer Eile?“

„Groß? Nein.“ Er sah sie weder an, noch verlangsamte er das Tempo.

„Und wie schnell würden wir laufen, wenn wir in großer Eile wären?“

„Gehe ich zu schnell?“ Er blickte sie an und blieb stehen.

„Nicht, wenn wir einen Marathon bestreiten. Sollten Sie mich allerdings im Flughafen nicht verlieren wollen, könnte es zutreffen. Ich habe nicht unbedingt Joggingschuhe an.“ Sie deutete auf ihre hohen Absätze, konnte jedoch wegen seiner Sonnenbrille nicht erkennen, ob er auch nur flüchtig auf ihre Füße sah.

„Entschuldigen Sie.“ Schon ging er fast im gleichen Tempo weiter.

„Wunderbar!“ Ivy hastete hinter ihm her. „Das ist viel besser. Danke.“

„Keine Ursache“, antwortete er so bissig, dass sie sich fragte, warum er nicht direkt gesagt hatte, dass sie sich zum Teufel scheren solle.

„Wir müssen noch … mein Gepäck abholen. Kennen … Sie den Weg?“ Ärgerlich stellte sie fest, dass sie wie eine durstige Hundedame japste.

Er blickte sie kurz grimmig an, erwiderte allerdings nichts. Zumindest scheint er zu wissen, wohin wir müssen, dachte Ivy und folgte ihm, als er um eine Ecke bog.

„Was tun Sie … wenn Sie nicht gerade Leute vom Flughafen abholen?“, erkundigte sie sich, um Konversation zu betreiben.

„Ich kümmere mich um meine Angelegenheiten.“

Sie geriet ins Stolpern, schaffte es aber gerade noch, sich vorm Fallen zu bewahren. Eilig tippelte sie hinter ihm her. „Das war ausgesprochen unhöflich!“ Sie fasste ihn am Arm und hatte das Gefühl, einen elektrischen Schlag zu bekommen. „Ich schätze, Sie arbeiten für Mr. Varos. Er sollte erfahren, wie Sie sich anderen gegenüber benehmen.“ Natürlich würde sie kein Wort über die ganze Angelegenheit verlieren, doch das brauchte dieser ungehobelte Kerl nicht zu wissen.

Sekunden später blieb er so unvermittelt stehen, dass sie fast in ihn hineingelaufen wäre. Bezeichnend blickte er auf ihre Hand, bevor er den Arm etwas drehte und sich aus ihrem Griff befreite. „Suchen sie sich einen Koffer aus, Miss Angelis“, forderte er sie auf, während er auf das nächstgelegene Gepäckkarussell zeigte.

„Das ist nicht schwer. Es gibt nur noch einen.“

„Dann hole ich ihn doch für Sie, Madam.“ Er salutierte flüchtig mit spöttischer Miene und wandte sich ab.

Ivy verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihm missbilligend nach. Wenn er sich nicht mit mir unterhalten will, dachte sie ärgerlich, soll er es bleiben lassen. Sie konnte mindestens genauso schweigsam sein wie er!

Stumm folgte sie ihm wenig später zu dem offenen Sportwagen, in dessen Kofferraum gerade genug Platz für ihr Gepäck war. Offenbar hatte ihr reizender „Chauffeur“ den Auftrag, sie abzuholen, auf die leichte Schulter genommen, denn von sorgfältiger Planung konnte zweifellos nicht die Rede sein.

Sie verließen San Francisco in nördlicher Richtung, und Ivy hoffte, dass die Fahrt zum Varos-Anwesen nicht allzu lang dauern würde. Es war wirklich kein Vergnügen, neben so einem mürrischen Menschen zu sitzen. Doch zumindest war der Wettergott ihr freundlich gesonnen, denn die Sonne lachte am Himmel. Und so lehnte Ivy sich im Polster zurück und genoss es, den kühlen Fahrtwind und die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren.

Als sie nach einiger Zeit bemerkte, dass sie sich auf der Golden Gate Bridge befanden, setzte sie sich wieder aufrecht hin, um sich die Bucht von San Francisco anzusehen. Was für ein herrliches Panorama, dachte sie beeindruckt und ließ den Blick voller Begeisterung ein ums andere Mal in die Runde schweifen. Salziger Meergeruch stieg ihr in die Nase, und es war ihr, als wollte der Pazifik sie willkommen heißen. Tief atmete sie den scharfen, würzigen Duft ein und genoss dieses für sie außergewöhnliche Erlebnis.

Spontan wandte sie sich ihrem Begleiter zu, doch als sie seine verdrossene Miene sah, erlosch ihre Freude sofort. Dennoch blickte sie ihn einen Moment länger an. Sein markantes Gesicht mit dem sprechenden Ausdruck faszinierte und beunruhigte sie zugleich. Widerstrebend stellte sie fest, dass sie sich auf seltsame Weise zu diesem wortkargen Griesgram hingezogen fühlte. Was fand sie nur an ihm? Er war unhöflich, verschlossen und unfreundlich, und je schneller er aus ihrem Leben wieder verschwand, desto besser.

Lenk dich von deinen dummen Empfindungen ab, und versuch zumindest noch einmal, dich mit ihm zu unterhalten, forderte sie sich im Stillen auf.

„Ein schönes Kabrio. Ist es Ihres?“

„Es gehört zum Varos-Fuhrpark.“

Ivy nickte. Ja, das machte Sinn. Nicht viele Menschen konnten sich ein solches Auto leisten. „Sie arbeiten also als Chauffeur?“

„Manchmal.“

„Wenn Sie nicht gerade einen Sensibilisierungskurs abhalten?“, fragte sie, um ihn aus der Reserve zu locken, was ihr leider nicht gelang, denn er blickte starr geradeaus auf die Straße.

Dann bemerkte sie, dass er das Lenkrad fester umspannte, und frohlockte insgeheim. Offenbar schaffte sie es doch, ihn zu reizen. „Haben Sie auch einen Namen? Oder sind Sie ein Androide mit einem Programmierfehler?“

Sein Gesichtsausdruck wurde noch etwas verbissener, ansonsten zeigte er keine Reaktion. Fasziniert beobachtete sie die Licht- und Schattenwirkung auf seinen klaren, scharfen Zügen, wurde sich dessen jedoch im nächsten Moment bewusst und sah sofort beiseite. Als er allerdings immer weiter schwieg, wandte sie sich ihm erneut zu, legte die Hände trichterförmig um den Mund und rief: „Ich fragte, ob Sie einen Namen haben oder …“

„Ich hatte Sie verstanden, Miss Angelis.“

Finster blickte sie ihn an, sagte aber keinen Ton mehr. Wenn er sich danebenbenehmen wollte, sollte er es tun. Es war ihr eigentlich egal, wie er hieß.

„Manche nennen mich Pal“, erklärte er nach einigen Minuten zu ihrer grenzenlosen Verwunderung. „Eine Kurzform von Palikaraki.“

„Palikaraki? Aber das ist das griechische Wort für ‚kleiner Held‘.“

Er nickte kaum merklich, während er sich weiter auf die Landstraße konzentrierte, die sich durch einen Kiefernwald schlängelte.

„Sind Sie etwa Grieche?“

Wieder deutete er ein Nicken an.

„Ich auch.“ Neugierig blickte sie ihn an. Eigentlich war es nicht merkwürdig, dass Mr. Varos griechische Angestellte hatte. Das machte sogar in zweifacher Hinsicht Sinn.

Wenn er einerseits so weit ging, eine ihm unbekannte Frau heiraten zu wollen, nur weil sie Griechin war, würde er sicherlich auch Griechen beschäftigen. Zum anderen beantwortete das ihre brennende Frage, warum ein so unhöflicher, mürrischer Mensch wie Pal überhaupt einen Job bekommen hatte – natürlich nur, weil er Grieche war.

„Und ich hatte gedacht, Sie hätten ‚kleiner Held‘ einfach geraten.“ Kurz sah er sie an. „Jetzt bin ich aber enttäuscht.“

Sein Spott ließ sie erneut ärgerlich werden. „Sie sind enttäuscht? Sie sind enttäuscht! Ich erzähle Ihnen mal etwas über Enttäuschung, Pal!“

Er bremste und hielt den Wagen vor einem hohen, kunstvoll gestalteten schmiedeeisernen Tor an, das an zwei massiven, eckigen Steinpfeilern befestigt war, auf denen jeweils eine prächtige schmiedeeiserne Laterne thronte. Ivy bemerkte, dass er den Kopf nach links wandte, und folgte seinem Blick. Zunächst sah sie nichts Besonderes, aber dann entdeckte sie die kleine Kamera, die in eine Vertiefung im Steinpfeiler eingebaut war und von den Zweigen einer Zeder fast verdeckt wurde. Sekunden später schwang das Tor auf wie von Geisterhand geöffnet.

„Sind die Augenformen eines jeden Angestellten gespeichert?“, erkundigte sich Ivy, denn sie war überrascht, dass er überhaupt nichts sagen musste.

Pal ignorierte ihre Frage und fuhr einfach los. Neugierig drehte Ivy sich um und beobachtete, wie sich das Tor langsam wieder schloss, sodass niemand mehr auf das Varos-Anwesen gelangen konnte.

„Sie wollten mir etwas über Enttäuschung erzählen, Miss Angelis.“

„Oh!“ Er schien es vortrefflich zu verstehen, sie immer wieder aufzuschrecken. Wie schaffte er das nur? So stark hatte sie noch auf keinen Mann reagiert, der so wenig gesprächig war. Irgendwie gelang es ihm stets aufs Neue, sie so zu reizen, dass sie sich sehr zusammennehmen musste, um nicht die Beherrschung zu verlieren.

„Über Enttäuschung?“ Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich wieder zu konzentrieren.

Beim Anblick des sich majestätisch schließenden Tores hatte sie sich unvermittelt daran erinnert, warum sie eigentlich hierher gekommen war. Und zum ersten Mal, seit Nikos Anwälte den Vorschlag unterbreitet hatten, die Renovierung des Varos-Hauses zum Bestandteil des Ehevertrags zu machen, hatte sie wieder mit freudiger Erregung an die Arbeit gedacht, die sie erwartete.

Ivy schluckte, denn ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Wie hatte sie nur die verrückte Idee einer arrangierten Ehe überhaupt in Erwägung ziehen können! „Ja, richtig, es ging um Enttäuschung.“

Sie blickte geradeaus und meinte, zwischen den Baumwipfeln einen Turm und auch einen Schornstein zu erkennen. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Gleich würde sie das alte Gemäuer sehen – und bräuchte auch diesen unfreundlichen Menschen neben sich nicht länger zu ertragen. Die Gewissheit machte sie mutig.

„Ich erzähle Ihnen etwas über Enttäuschung, Pal“, erklärte sie und ließ ihrer Antipathie gegen ihn freien Lauf. „Es ist eine Enttäuschung, wenn man von einem mürrischen Ekel vom Flughafen abgeholt wird und eine Ewigkeit in seiner Gesellschaft zubringen muss. Und es ist eine totale Enttäuschung, wenn man feststellt, dass jenes mürrische Ekel ein Grieche ist, eine Schande für ein ansonsten so liebenswürdiges Volk!“

Sie beugte sich mit finsterer Miene etwas zu ihm und blitzte ihn streitlustig an in der Hoffnung, ihn durch ihre drohende Haltung ein wenig aus der Reserve zu locken. „Das ist eine totale Enttäuschung, Pal. Eine abgrundtiefe Enttäuschung.“

Gelassen lenkte er den Wagen um eine Kurve und dann eine kleine Anhöhe hinauf. Ivy stutzte und meinte, aus den Augenwinkeln etwas gesehen zu haben, das nicht zu der grünen Umgebung gehörte. Unwillkürlich wandte sie den Kopf und erblickte inmitten blühender Sträucher und Pflanzen das dreistöckige viktorianische Herrenhaus, das ihr mit seinem eleganten Turm, den bezaubernden Giebeln und den herrlichen Rundbogenfenstern wie ein Märchenschloss erschien.

„Oh!“, stieß sie überwältigt hervor, und ihr Restauratorinnenherz quoll schier über vor heller Freude auf die Arbeit, die vor ihr lag. „Da steckt so viel … so viel …“ Die Stimme versagte ihr, und so deutete sie mit den Händen das riesige Potenzial an, das dieses Kleinod in sich barg.

Ivy liebte ihren Beruf und übte ihn voller Leidenschaft aus. Ein Haus bestand für sie nicht nur aus Putz und Stein, es lebte und atmete, besaß eine Seele und einen Charakter. Doch leider wurde ihm zuweilen im Lauf der Zeit durch geschmacklose Anstriche und scheußliche An- und Umbauten Gewalt angetan.

Und ich darf diesem Juwel wieder zu seinem alten Glanz verhelfen, dachte sie ehrfürchtig und war überwältigt von dem Vertrauen, das Mr. Varos offenbar in sie setzte. Jeder Restaurator konnte nur davon träumen, einen solchen Auftrag zu bekommen. Starr blickte sie auf das Herrenhaus und spürte, wie ihr Tränen der Dankbarkeit in die Augen traten, die sie schnell wegzublinzeln versuchte, als Pal den Wagen anhielt.

„Ich schätze, das Haus ist eine totale, abgrundtiefe Enttäuschung.“

Als sie seine zynisch klingende Stimme so nah an ihrem Ohr hörte, schrie sie unwillkürlich auf und drehte sich um. „Sie haben mich erschreckt!“ Ärgerlich wischte sie sich mit der Hand die Tränen weg, schämte sich ihrer aber nicht. Über manche Dinge durfte man weinen, und dieses prachtvolle historische Herrenhaus zählte dazu.

Pal setzte sich so hin, dass er den Arm auf die Rückenlehne des Beifahrersitzes legen konnte. „Ich dachte, Sie wüssten, dass ich hier bin“, erwiderte er spöttisch. „Es tut mir leid.“

Wenn das keine Entschuldigung war! Ivy wandte ihm den Rücken zu und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Haus. Bebend vor Zorn zog sie die Kostümjacke zurecht und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

„Es sollte Ihnen auch leidtun“, stieß sie schließlich hervor und drehte sich wieder um. „Und nein, das Haus ist keine Enttäuschung. Im Gegenteil, es ist wunderbar und besticht durch seine natürliche Schönheit und anmutige Erhabenheit. Ich bin zutiefst bewegt, dass Mr. Varos es mir anvertraut, den alten Glanz wieder herzustellen. Mit Kreativität und künstlerischem Gespür könnte es erneut zu einem wahren Schmuckstück werden.“

Irgendetwas hinter ihr schien sein Interesse zu erregen und ihn abzulenken. Verletzt fragte sie sich, warum sie sich überhaupt bemühte, ihm etwas zu erklären. Er hörte ihr doch gar nicht zu. Außerdem dürfte dieser ungehobelte, unfreundliche Zeitgenosse auch kaum verstehen, wovon sie sprach.

„Lassen wir das.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wenn Sie den Kofferraum öffnen, hole ich mein Gepäck heraus. Ich möchte Sie nicht unnötig aufhalten.“

„Ich kümmere mich um Ihr Gepäck, Miss.“

Ivy fuhr beim Klang der fremden Stimme herum und sah auf der Steintreppe, die von der großzügigen, überdachten Veranda nach unten führte, einen in Schwarz gekleideten weißhaarigen Mann stehen, der weiße Handschuhe trug und sie reserviert, aber freundlich anlächelte. Als Nächstes hörte sie ein Klicken und wusste, dass der Kofferraum entriegelt war.

Sofort ging der Diener die letzten Stufen herunter, um sich wie versprochen ihrer Sachen anzunehmen. Ivy stieg aus dem Wagen, schlug die Tür zu und widerstand dem verrückten Wunsch, sich noch einmal umzudrehen, indem sie schnell einen Schritt vom Auto wegtrat.

Als sie sich zur Treppe wandte, sah sie einen großen, schlanken Mann in dunklem Anzug und grünblau gestreifter Krawatte mit einer Aktentasche aus dem Haus kommen. Sein blasses Gesicht schien ihr seltsam bekannt.

Sie musterte ihn eindringlich. Und während sie noch überlegte, wo sie ihm schon einmal begegnet war, trafen sich ihre Blicke, und er blieb unvermittelt stehen und sah sie überrascht an.

Plötzlich wusste sie wieder, wo es gewesen war, und ihr stockte einen Moment der Atem. „Aber Sie haben gesagt, Sie würden nicht da sein!“, stieß sie schließlich erregt hervor und zeigte vorwurfsvoll mit dem Finger auf ihn.

Und während sie sich verwünschte, weil sie sich weder ruhig noch gelassen und bestimmt nicht geschäftsmäßig angehört hatte, wurde sie sich ihrer Geste bewusst und ließ, entsetzt über ihr schlechtes Benehmen, den Arm sinken. Sie hatte Mr. Varos wahrlich schon genug zugemutet. Tief atmete sie ein, um sich wieder zu fangen.

„Ich … ich will gerade gehen“, antwortete er und eilte die restlichen Stufen herunter der gepflasterten Auffahrt zu.

Ivy fühlte sich furchtbar. Wie hatte sie nur so laut und unhöflich werden können! Sie lief zu ihm und umschloss seine freie Hand mit ihren Händen. „Oh, Mr. Varos, Sie müssen mich für eine undankbare, streitsüchtige Frau halten.“ Sie umfasste seine kalte Hand noch fester. „Vielen Dank für diese Chance. Ich werde mein Allerbestes geben, um Ihr Zuhause zu dem Schmuckstück zu machen, das es zu sein verdient. Ich freue mich ganz schrecklich, dass ich hier sein darf. Sie sind so freundlich, und ich werde es Ihnen nie vergessen …“

„Miss Angelis“, unterbrach Pal ihren Redefluss, „würden Sie bitte meinen Assistenten loslassen. Er hat es eilig.“

Noch bevor Ivy ihn fragen konnte, was das nun wieder heißen sollte, wandte er sich dem blassen Mann zu, dessen Hand sie noch immer umschloss.

„Charles, ich habe die Magnason-Verträge auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Schicken Sie sie gleich per Express weg. Und bringen Sie dann bitte den Wagen zur Inspektion in die Werkstatt.“

„Ja, Sir.“ Er blickte von Ivy zu Pal und wieder zurück zu Ivy.

Pal hielt ihm die Schlüssel hin, runzelte die Stirn, als Charles sie nicht sofort nahm, und sah dann bezeichnend auf die Hand, die Ivy noch immer mit aller Kraft drückte. „Brechen Sie sie ihm nicht, Miss Angelis. Charles braucht sie noch. Er schreibt hundert Worte in der Minute.“ Er nahm die Sonnenbrille ab, und der Blick aus seinen rauchgrauen Augen stürzte Ivy in noch tiefere Verwirrung und raubte ihr den Atem. „Bringen Sie das Gepäck von Miss Angelis ins Haus, Belkin“, erklärte er dem Diener, ohne den Blick von ihr zu wenden. „Sie freut sich ganz schrecklich, dass sie hier sein darf.“

Reglos stand sie da und beobachtete unwillkürlich, wie er den beunruhigend sinnlichen Mund spöttisch verzog und ihr dann frech zuzwinkerte. „Was … was geht hier vor?“, fragte sie leise und meinte, einer Ohnmacht nahe zu sein. Vorwurfsvoll sah sie den blassen Mann an, dessen Hand sie noch immer fest umschloss. „Sind Sie nicht …“

„Nein, Miss. Ich bin Charles Early.“ Er lächelte sie kläglich an. „Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Unwillkürlich ließ sie die Arme sinken. „Aber … aber …“ Entsetzt blickte sie Pal an. Nein, das war unmöglich, das durfte einfach nicht sein. „Aber Sie können nicht …“

Er deutete eine kleine Verbeugung an. „Nikolos Varos, zu Ihren Diensten.“ Ohne den Blick von ihr zu wenden, steckte er Charles die Autoschlüssel in die Jacketttasche. „Es ist mir ein Vergnügen, Sie … endlich … kennenzulernen.“

Wenngleich sich Ivy schrecklich benommen fühlte, erfasste sie dennoch die Situation. Er hatte sie zum Narren gehalten und genoss seinen Triumph! Und dass er von Vergnügen redete, war der blanke Hohn, denn sie spürte seine feindselige Einstellung ihr gegenüber am ganzen Körper. Er mochte sie nicht und wünschte sie weit weg. Warum also …

Niko nahm ihren Arm und schreckte sie aus ihren Gedanken. „Gestatten Sie mir, Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen.“

Verzweifelt versuchte sie, ihrem inneren Chaos Herr zu werden, und befreite sich erst mit Verzögerung aus seinem Griff. „Sie haben mir versprochen, dass Sie nicht hier sein würden!“

Eindringlich blickte er sie an. „Charles hat das gesagt, nicht ich“, erklärte er und zog die Augenbrauen hoch. „Allerdings haben Sie versprochen, dass Sie mich heiraten würden. Warum also heißen Sie noch Miss Angelis?“

Seine Frage traf Ivy völlig unvorbereitet. Ihr wurde leicht schwindlig, und sie wusste einen Moment nicht, was sie sagen sollte. Du kannst nicht hierbleiben, das wird nicht gut gehen, schoss es ihr durch den Kopf, und ihr wurde plötzlich ganz kalt, sodass sie schützend die Arme um sich legte. „Es ist unmöglich, Mr. Varos. Unter den gegebenen Umständen kann ich nicht bleiben.“ Sie hatte zwar ihrem Exverlobten mit ihrer Zurückweisung wohl nicht das Herz gebrochen, aber er sann zweifellos auf Rache, das war nur zu offenkundig.

Niko runzelte kaum merklich die Stirn und machte dann eine unergründliche Miene. „Das ist natürlich Ihre Entscheidung“, erwiderte er mit einer ausgesprochen sexy klingenden Stimme. „Die meisten Ihrer Berufskollegen würden für so eine prestigeträchtige Aufgabe die Hölle auf Erden erdulden.“ Er deutete zum Haus. „Sehen Sie es sich noch einmal an, Miss Angelis, und sagen Sie mir dann, dass ich mich irre.“

Nein, sie brauchte es sich nicht erneut zu betrachten, um zu wissen, dass er recht hatte. Sie hatte noch nie ein beeindruckenderes Herrenhaus im amerikanisch-viktorianischen Stil gesehen. Und wie viele Menschen bekamen schon die fantastische Gelegenheit, maßgeblich daran mitzuwirken, dass so ein großartiges historisches Bauwerk wieder zu einem richtigen Schmuckstück wurde?

Was sollte sie nur tun? Ratlos schüttelte sie den Kopf. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Doch über eines war sie sich absolut im Klaren: Sie musste Mr. Varos endlich mutiger begegnen. „Ich weiß, dass Sie mich verabscheuen“, sagte sie rundheraus und sah ihn entschlossen an. „Warum bieten Sie dann ausgerechnet mir diesen Traumjob an? Das verstehe ich nicht.“

„Die Erklärung ist ganz einfach, Miss Angelis.“ Seine Stimme klang messerscharf. „Ich halte meine Versprechen.“

3. KAPITEL

Niko sah, wie seine Exverlobte zusammenzuckte, empfand aber seltsamerweise nicht die große Genugtuung, die er zu fühlen erwartet hatte. Ivy wollte etwas erwidern, doch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, fasste er sie am Arm und führte sie energisch die Steintreppe hinauf über die Veranda ins Haus.

„Aber Mr. Varos …“

„Übrigens“, unterbrach er sie, finster entschlossen dieser wankelmütigen Person eine Lektion zu erteilen, „was Ihren überschwänglichen Dank von eben angeht … Keine Ursache. Gern geschehen.“ Streng blickte er sie an, wohl wissend, dass er seiner Lüge so nur noch stärkeren Nachdruck verlieh.

Ivy riss sich zu seiner Überraschung los und wandte sich ihm unmittelbar zu. „Werden Sie die ganze Zeit hier sein?“ Feindseligkeit und Verzweiflung spiegelten sich in ihren blauen Augen.

Niko betrachtete das ovale Gesicht, das er schon auf dem Foto bewundert hatte. Es war jetzt leicht gerötet und wurde von etwas längerenm, dichtem schwarzem Haar eingerahmt, das nach der Fahrt im offenen Kabrio ein wenig zerzaust waren.

Sie sieht auf bezaubernde Weise ein bisschen verrückt aus, dachte er und ärgerte sich sogleich über seine Unbeherrschtheit. Er mochte diese Frau nicht. Ja, sie war attraktiv, aber vor allem war sie launisch und wortbrüchig. Diese Charakterfehler hatten ihn in eine unendlich peinliche Situation gebracht. Er hatte in San Francisco nirgendwo mehr hingehen können, ohne nicht von Fremden angestarrt oder von Bekannten damit aufgezogen zu werden, dass er am Altar stehen gelassen worden war.

„Was ist? Haben Sie nun vor, hier zu sein?“ Herausfordernd blickte sie ihn an.

Scheinbar die Ruhe in Person, schob er die Hände in die Hosentaschen. „Wenn Sie sich erinnern … Ich bin zurzeit im Urlaub.“

„Haben Sie denn keine Wohnung in der Stadt?“

Niko freute sich diebisch über ihre hohe, schrill klingende Stimme. Seine Exverlobte war offenbar ernstlich besorgt. „Meine Stadtwohnung muss renoviert werden. Ich bleibe solange hier.“

„Wie lange?“

„Drei Wochen“, antwortete er und hätte beinah über ihren entsetzten Ausdruck gelacht.

„Aber … aber das ist genauso lang …“ Die Stimme versagte ihr. Sie wussten beide, dass sie solange hierbleiben musste. Ivy schluckte mehrere Male und fuhr schließlich leise fort: „Sie haben mich belogen.“

„Habe ich das?“, fragte er mit Unschuldsmiene.

„Ja!“ Wenn Blicke doch nur töten könnten! „Als sie mir erklärt haben, Sie würden nicht hier sein. Das war eine Lüge.“

„Charles hat Ihnen erklärt, er würde nicht hier sein.“

„Aber er, nein, Sie haben mich annehmen lassen …“

„Was Sie annehmen, Miss Angelis, ist allein Ihre Sache.“

Sie sah erst erstaunt drein und runzelte dann die Stirn, als wäre ihr plötzlich ein schrecklicher Gedanke gekommen. „Meinen Sie, Sie müssten ein wachsames Auge auf mich haben? Sind Sie deshalb hier? Glauben Sie, ich wäre der Aufgabe nicht gewachsen und würde die Arbeit nicht schaffen?“

Nein, das war nicht der Grund. Allerdings war die Idee absolut nicht schlecht. „Warum sollte ich das müssen? Wann hätten Sie je schon einmal nicht Wort gehalten?“

Seine Antwort verschlug ihr die Sprache, und bevor sie sich von dem Schock erholen konnte, fuhr Niko auch schon fort: „Zweifellos ist dies ein herrliches Anwesen. Es gehört mir. Warum sollte ich also nicht bleiben? Schließlich bin ich eigentlich in den Flitterwochen.“

Ivy stöhnte auf, und er wusste, er hatte einen Treffer erzielt.

„Das … das ist übel.“ Sie massierte sich die Schläfen, als wollte sie drohenden Kopfschmerzen vorbeugen. „Ich kann Ihre Beleidigungen nicht drei Wochen ertragen. Ich kann sie noch nicht einmal drei Minuten ertragen.“ Sie hörte den Diener die Treppe herunterkommen und drehte sich um. „Entschuldigen Sie, Sir. Würden Sie bitte mein Gepäck wieder holen, ich reise ab.“

„Ja, das dachte ich mir, dass Sie wieder davonlaufen würden“, erklärte Niko und provozierte sie bewusst.

Ivy fuhr herum. „Davonlaufen? Wie können Sie es wagen, so etwas zu sagen! Von Davonlaufen kann nicht die Rede sein! Ich bin nur nicht gewillt, mich Ihrem Spott und Ihren Beleidigungen auszusetzen. Und wenn Sie das je angenommen haben, sind Sie … sind Sie verrückt.“

„Ich habe es nicht angenommen“, log er, denn er wusste sehr genau, was sie tun würde. Und während sie sich laut davon zu überzeugen suchte, dass sie kein Mensch war, der immer gleich aufgab, fixierte er sie mit seinem Blick.

O ja, dachte er, sie ist zwar vor mir und unserer Ehe davongelaufen, aber sie hat mich auch nicht gekannt. In ihrem Beruf würde sie sich anders verhalten, denn sie war mit Leib und Seele Restauratorin. Er hatte genug Erkundigungen über sie eingezogen, um sich dessen sicher zu sein. Sie würde bleiben, oder er war nicht der erstklassige internationale Finanzberater, für den die Leute ihn hielten.

„Nichts … auch nicht dieses Haus … ist es wert“, erklärte sie, während sie den Blick durch den im Stil der Fünfzigerjahre gestalteten großzügigen Eingangsbereich gleiten ließ, „dass ich mich Ihrem …“ Sie verstummte unvermittelt und machte ein so entsetztes Gesicht, als würde sie erst jetzt wirklich in sich aufnehmen, was man dem einst stolzen viktorianischen Herrenhaus angetan hatte.

Die Dielen waren abwechselnd gelb und grün gestrichen und die Wände mit neuzeitlichen Tapeten beklebt, deren auffällige Musterung Niko an unordentlich gestapelte Rohre erinnerte. Von der Decke hingen drei kugelrunde gelbe Plastiklampen, die so groß wie Wasserbälle waren und einen von vier dünnen Metallbeinen getragenen, länglichen, unregelmäßig geformten Garderobentisch mit einem in Mamor gefassten Spiegel beleuchteten.

Ivy drehte sich etwas und schlug erschrocken die Hände vor den Mund, als sie den runden Sperrholztisch sah, der vor der schmalen Wand zwischen zwei Türen stand und von einer Lampe verziert wurde, die einer Glühbirne nachempfunden war. Dann entdeckte sie die große, rechteckige gelbe Wanduhr, deren rote Zeiger versetzt von der Mitte angebracht waren, und ihr stockte der Atem.

Niko beobachtete sie aufmerksam und musste ein wissendes Lächeln unterdrücken. O ja, sie litt entsetzliche Qualen und wünschte sich verzweifelt, etwas für das verunstaltete Haus zu tun.

„Ist es nicht zauberhaft?“, fragte er spöttisch und war sich im Klaren, wie grausam er war. „Die Musterung der Tapete gefällt mir besonders gut.“

„Es ist schauderhaft … einfach grauenhaft“, stieß sie kopfschüttelnd hervor.

„Grauenhaft genug, um eine kurze Gefangenschaft in der Hölle auf Erden auszuhalten?“

Ivy stand mit dem Rücken zu ihm und hatte die Schultern leicht vorgebeugt. Deutlich spürte er, wie sie mit sich rang, und ließ ihr Zeit, die Scheußlichkeiten auf sich wirken zu lassen. Fast meinte er, ihre innere Stimme zu hören, die ihr sagte, dass sie das Haus retten könne, ja, es retten müsse, und unterdrückte abermals ein wissendes Lächeln.

Jemand kam die Treppe herunter. Niko wandte sich kurz um, und auch Ivy blickte nach oben. Es war der Butler mit ihrem Gepäck.

Reglos stand Niko da und sagte kein Wort. Es wäre höchst unklug, sie an seine unerwünschte Gegenwart zu erinnern. Sie durfte nur an das Haus denken, denn dieser Gedanke allein würde sie zum Bleiben bewegen – und seine Rache ermöglichen.

„Es … es tut mir leid“, erklärte sie schließlich, straffte sich und ging zur Treppe. „Ich reise doch nicht ab.“ Sie eilte die Stufen hinauf und nahm dem Diener die Schultertasche ab. „Bitte zeigen Sie mir mein Zimmer.“

Verwirrt blickte Belkin Niko an. Er nickte und lächelte dann zufrieden, während er genüsslich beobachtete, wie Ivy mit steifer Haltung dem Butler weiter in die Höhle des Löwen folgte.

Du hast zugestimmt, drei Wochen unter einem Dach mit diesem Mann zu wohnen, der dich zweifellos verabscheut, dachte Ivy, während sie wie in Trance den Koffer auspackte. Hatte sie den Verstand verloren?

In einem Punkt hat Mr. Varos allerdings Recht, meldete sich die Restauratorin in ihr zu Wort: Die Gelegenheit, diesem missbrauchten viktorianischen Juwel wieder zu altem Glanz zu verhelfen, ist es wert, drei Wochen in der Hölle auf Erden zu verbringen.

Aber würde sie das ertragen? Er hasst mich und wird mir das Leben entsetzlich schwer machen, überlegte sie und wusste nicht, ob sie das aushalten konnte. Unentschlossen ließ sie den Blick durchs Zimmer gleiten, dessen einstige Pracht nur noch zu erahnen war.

Die Wände waren graugrün gestrichen. Der Boden war mit grünen und umbrabraunen Teppichen ausgelegt, in die man willkürlich Würfel- und Ringmuster eingearbeitet hatte. Die Möbel stammten aus den Fünfzigerjahren und passten einfach nicht in diese Umgebung.

Aufseufzend setzte sich Ivy aufs Bett. Ja, sie konnte die schlafende Schönheit dieses Hauses wecken, aber war das drei Wochen in der Hölle auf Erden wert? Tief atmete sie ein und sah sich erneut um. Das Haus braucht dich, mahnte eine innere Stimme sie immer lauter, und während sie geistesabwesend zu dem noch erhaltenen Flügelfenster blickte, wurde ihr klar, dass sie es sowohl der Restauratorin als auch der Privatperson Ivy nicht verzeihen könnte, wenn sie jetzt aufgab und abreiste.

„Wenn Sie Ihre Ferien damit verbringen wollen, mich zu beleidigen und zu quälen, dann nur zu, Mr. Varos. Verfolgen Sie mich ruhig auf Schritt und Tritt, doch Sie werden an meiner Arbeit nichts auszusetzen finden. Und ich werde auch nicht davonlaufen, denn ich bin aus härterem Holz geschnitzt, als Sie glauben. Ich werde das Haus wieder in ein Schmuckstück verwandeln, egal, wie schwer Sie mir das Leben machen.“

Ivy verlor keine Zeit. Noch am selben Nachmittag begann sie, sich einen Überblick über die Räumlichkeiten zu verschaffen, fotografierte vieles und machte sich eifrig Notizen.

Wenn immer sie ein Zimmer betrat, erfüllten sie ehrfürchtiges Staunen und maßloses Entsetzen gleichermaßen. Mr. Varos hatte das Anwesen offenbar samt Inventar erworben, denn es war schlecht vorstellbar, dass er erst kürzlich passende Möbel für das verunstaltete Haus gekauft hatte, um es dann sofort anschließend renovieren zu lassen.

Obwohl Ivy mit großer Aufmerksamkeit arbeitete, merkte sie immer, wenn sich Niko in der Nähe aufhielt. Sie erkannte ihn unwillkürlich am Geräusch seiner Schritte oder auch am Duft seines After Shave und spürte, wie ihre Konzentration dann jedes Mal nachließ. Woran lag das nur? Hatte sie vielleicht Angst? Wenn ja, wovor? Dass er sie plötzlich mit einem lauten Ruf erschreckte oder mit dem Wasserschlauch bespritzte?

Der Nachmittag verging ohne den geringsten Zwischenfall. Niko redete nicht ein einziges Mal mit ihr und leistete ihr auch beim Abendessen keine Gesellschaft. Allein saß sie in dem großen Raum, in dem man einen Doppeldecker-Bus hätte unterbringen können, und aß den köstlichen Gemüsereis mit Krabbenfleisch. Ohne jedoch viel davon zu schmecken, denn ihr Interesse galt ihrer Umgebung.

Die Wände, einst bis auf etwa halbe Höhe mit Walnussholz getäfelt, waren mit einem grässlichen Orange überstrichen. Die restliche Fläche war mit einer Tapete beklebt, auf der schreiende Farben und aufdringliche Muster um die Vorherrschaft stritten, sodass Ivy sich am liebsten unter den Tisch geflüchtet hätte, wäre dieser nicht ein solches Monstrum aus Chromstahl gewesen. Seine aufgeraute, mit Schlangenlinien durchzogene Platte fühlte sich so kalt an, dass sie, Ivy, das Besteck ganz außen gefasst hatte, um nicht mit der Tischoberfläche in Berührung zu kommen.

Zwanzig Glasfaserstühle mit dünnen Metallbeinen und zitronengelben Vinyl-Sitzpolstern schienen dieses Ungetüm irgendwie in Schach halten zu wollen. Ivy lachte ironisch auf. Zweifellos war sie nicht mehr in Kansas, sondern in Oz.

Sie ließ den Blick zur getäfelten Decke schweifen. Wo einst bestimmt prächtige Kristalllüster ihr Licht verbreitet hatten, hingen jetzt kegelförmige Kunststofflampen, deren Lichtstrahl hierhin und dorthin ausgerichtet war.

Die kühle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, schien sich allmählich auf ihren Körper zu übertragen, denn plötzlich spürte Ivy, dass es sie fröstelte. „Wenn Sie meine Meinung hören wollen, Mr. Varos“, sagte sie leise, „passt die Inneneinrichtung gut zu Ihnen.“

„Vielen Dank.“

Erschrocken drehte sie sich um und presste die Hände auf die Brust. „Wollen Sie, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?“, fragte sie, als sie ihn im Torbogen zum Speisezimmer stehen sah. Er trug noch dieselbe Kleidung wie am Nachmittag und wirkte darin eher wie ein Heimwerker, der hier seine Arbeit fortsetzen wollte, als wie ein Hausherr und Gastgeber.

„Schmeckt Ihnen das Essen?“

„Wieso? Ist es vergiftet?“ Skeptisch beobachtete sie, wie er lächelnd ihr gegenüber Platz nahm.

„Warum ist unser Anfang nur so schlecht gewesen, Miss Angelis?“

Sie stützte die Arme auf den Tisch und beugte sich etwas vor. „Vielleicht weil Sie mich verabscheuen und es nur schwer verbergen können?“

„Ich versuche es überhaupt nicht zu verbergen“, antwortete er, nachdem er sich genauso hingesetzt hatte wie sie.

Ivy lehnte sich wieder zurück. Es war zwecklos, ihn einschüchtern zu wollen. Jeder Versuch war schon zum Scheitern verurteilt. Wohingegen er das glänzend zu beherrschen schien – und dabei sogar noch lächeln konnte.

„Also abgesehen von der Tatsache, dass die Inneneinrichtung gut zu mir passt, wie ist Ihr sonstiger Eindruck von meinem Haus?“

Warum hat er mich nicht in Ruhe allein essen lassen? dachte sie ärgerlich und störte sich auch an seinem zynischen Lächeln, aus dem seine ganze Verachtung sprach. Doch jetzt galt es, alle persönlichen Gefühle zurückzudrängen, denn er hatte, zumindest vordergründig, der Restauratorin Ivy eine Frage gestellt.

„Eigentlich, Mr. Varos“, begann sie, nachdem sie sich geräuspert hatte, und legte die Hände in den Schoß, damit sie sie zu Fäusten ballen konnte, ohne dass er es bemerkte, „habe ich noch …“

„Niko“, unterbrach er sie und lehnte sich zurück.

„Wie bitte?“ Erstaunt blickte sie ihn an.

„Niko“, wiederholte er und winkte einen Diener herbei, der ihm einen Teller mit dampfendem Essen servierte.

Hatte er etwa vor, gemeinsam mit ihr zu speisen? War er womöglich absichtlich später gekommen, um sie zu verletzen? Unwillkürlich beobachtete Ivy, wie ein zweiter Diener mit einem Tablett zu ihnen trat, auf dem alles stand, was man zum Kaffee benötigte.

„Nennen Sie mich Niko, Miss Angelis. Ich bestehe darauf.“

Zweifellos erwartete er nun von ihr, dass sie ihm ihrerseits das gleiche Vorrecht einräumte. Doch dazu konnte sie sich nicht durchringen. Sie wollte von diesem rachsüchtigen, süffisant lächelnden Mistkerl nicht mit Vornamen angeredet werden und ihn genauso wenig Niko nennen. Es erschien ihr zu vertraut angesichts der Art und Weise, wie sie sich entlobt hatten und er sich ihr gegenüber verhielt.

Aber vielleicht benimmt er sich auch nur mir gegenüber so, weil ich ihn am Hochzeitstag zurückgewiesen habe, und ist zu anderen Leuten freundlicher, überlegte sie und schluckte. Was geschehen war, war geschehen, daran konnte sie jetzt nichts mehr ändern. Und ihr Nein wollte sie auch ganz bestimmt nicht rückgängig machen.

Allerdings war sie nicht stolz darauf, wie sie sich von ihm getrennt hatte. Sie hätte es nicht so überstürzt, sondern besonnener tun müssen. Sicher, der Tod von Großvater Chris hatte sie sehr mitgenommen und traurig gemacht, doch das entschuldigte ihr Verhalten kaum.

Wie habe ich auch nur so verrückt sein können, eine arrangierte Ehe zu erwägen, dachte sie ärgerlich. Nein, sie konnte Mr. Varos nicht Niko nennen, nicht in einer Million Jahren. Allein die Vorstellung weckte viel zu viele Schuldgefühle und ungute Erinnerungen.

„Und wie möchten Sie von mir angeredet werden?“, fragte Niko, sobald der Diener alles auf den Tisch gestellt und sich zurückgezogen hatte, und griff zur Gabel.

„Wissen Sie …“ Ivy spürte, wie sie in Panik geriet. „Der Stil der Fünfzigerjahre ist völlig okay.“ Wie war sie nur auf dieses Thema gekommen? Das ist jetzt egal, ermahnte sie sich im Stillen, verfolg es einfach weiter, bis du dir die richtigen Worte zurechtgelegt hast und ihm ruhig und vernünftig erklären kannst, warum du ihn nicht beim Vornamen nennen möchtest.

„Ich habe schon viele schöne Häuser gesehen, die so eingerichtet waren. Aber dieser moderne Stil und der viktorianische lassen sich meiner Auffassung nach nicht miteinander kombinieren. Ich bin allerdings eine ausgesprochene Puristin. Als ich sagte, die Inneneinrichtung passe gut zu Ihnen, sollte das nicht unbedingt …“

„Doch das sollte es, Miss Angelis.“ Er schenkte sich Kaffee ein und blickte sie fragend an. „Möchten Sie auch einen?“

Rot vor Scham, schüttelte sie den Kopf. Niko hatte natürlich recht. Es hatte eine Beleidigung sein sollen. Aber ihre Äußerung war nicht für seine Ohren bestimmt gewesen! Ein einziges Mal hatte sie seine Nähe nicht bemerkt, und ausgerechnet dann hatte sie den Mund nicht halten können!

„Warum sage ich nicht einfach Ivy? Wir müssen nicht so förmlich sein.“

Da sie immer noch nicht wusste, was sie antworten sollte, konzentrierte sie sich erst einmal aufs Essen, um etwas Zeit zu gewinnen.

„Wenn wir tatsächlich geheiratet hätten“, fuhr er fort, als würde ihm ihr Schweigen nicht auffallen, „würde ich Sie auch Ivy nennen.“

Ärgerlich legte sie die Gabel aus der Hand. Er hatte ihr jetzt wahrlich genug zugesetzt. „Mir ist klar, Mr. Varos, dass Sie wütend auf mich sind, und Sie haben auch jedes Recht dazu. Ich hätte mein Versprechen nicht so brechen dürfen. Seien Sie ruhig so lange zornig auf mich, wie Sie wollen. Ich entschuldige mich. Ich entschuldige mich aus tiefster Seele. Wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich es tun. Aber das kann ich nun mal nicht.“

Sie legte die Hände auf den Tisch und beugte sich leicht vor. Tränen stiegen in ihr auf, und sie schluckte, bevor sie weitersprach. „Sie und ich, wir sind keine Freunde. Wir wissen beide, dass Sie mich verabscheuen und mir auch nicht trauen. Quälen Sie mich ruhig nach Herzenslust, wenn es Ihrem verletzten Stolz hilft. Doch erwarten Sie nicht von mir, dass ich Sie Niko nenne.“

Energisch schob sie den Stuhl zurück und stand auf. „Und ich hätte es gern, dass Sie mich mit Miss Angelis anreden.“ Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen. Ich möchte schlafen gehen, damit ich morgen zeitig und ausgeruht mit der Arbeit anfangen kann. Ich werde diesen Job erledigen – und zwar gut erledigen –, so schnell es eben möglich ist. Je früher sich unsere Wege trennen, desto glücklicher sind wir beide.“ Sie atmete tief ein. „Haben wir uns verstanden?“

Er betrachtete sie mit nachdenklicher Miene, und als Ivy schon meinte, die Zeit würde stillstehen, nickte er endlich. „Sie haben sich ausgesprochen klar ausgedrückt.“

Unvermittelt wurde sie sich ihres Verhaltens bewusst und fühlte sich entsetzlich. Ihr wurde flau im Magen, und sie bekam ganz weiche Knie. Was hatte sie nur getan! Sie hatte nichts, rein gar nichts, ruhig und vernünftig erklärt. Und die Entschuldigung hatte auch nicht gerade bedauernd geklungen. Was war nur mit ihr los? Warum schaffte dieser Mann es immer wieder, sie so zu reizen, dass sie die Beherrschung verlor und auch ihre gute Erziehung vergaß? Sie brüllte normalerweise niemanden an, vor allem nicht, wenn sie sich entschuldigte. Und um den Job hatte sie sich jetzt bestimmt auch gebracht.

Tränen stiegen in ihr auf, und sie verwünschte ihre Unbesonnenheit. Herausfordernd verschränkte sie die Arme vor der Brust und hoffte, so ihren Kummer zu verbergen. „Ich bin gefeuert, stimmt’s?“ Das ist doch nicht so schlimm, machte sie sich insgeheim Mut, du hast dir vielleicht in beruflicher Hinsicht die Chance deines Lebens verdorben, aber zumindest brauchst du die Launen dieses Mistkerls nun nicht länger zu ertragen.

Autor

Jacqueline Baird
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