Die Prinzessin aus Cornwall

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Melinda könnte die Welt umarmen: Sie hat ihr Herz verschenkt. An Dr. Dragan Lovak - ihre große Liebe. Doch sie hat ein Geheimnis. Schon tausendmal hat sie sich vorgenommen, ihm alles über ihre Herkunft zu sagen. Und tausendmal hat sie der Mut verlassen. Jetzt ist es zu spät. Die Paparazzi haben sie gefunden und Dragan hat die Wahrheit schockiert aus den Schlagzeilen erfahren - Melindas Traum vom Glück scheint vorbei!


  • Erscheinungstag 09.02.2016
  • Bandnummer 0005
  • ISBN / Artikelnummer 9783733705282
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Sie auch hier, Dr. Lovak?“ Melinda schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln, als er die Scheibe herunterließ. „Na, so ein Zufall!“

Nur dass es keiner war. Gleich nach der Vormittagssprechstunde hatte sie ihn angerufen, um ihre Hausbesuche mit seinen abzustimmen. Leider hatte sein erster Termin länger gedauert, sodass er erst beim Tierheim auftauchte, als sie schon wieder los musste.

Dragan zwinkerte ihr verwegen zu. „Vorsicht, Dr. Fortesque. Die Leute könnten anfangen zu reden.“

„Dann sage ich eben, ich wollte nur nach meiner Lieblingspatientin sehen. Was macht dein Bein, Bramble?“ Sie blickte über Dragans Schulter zu dem schwarzen Retriever, der im Fond des Wagens auf einer Decke lag.

Die Hündin wedelte mit dem Schwanz und bellte kurz.

„Hast du das gehört? Bramble sagt, sie gibt mir gern ein Alibi.“ Melinda beugte sich ins Wageninnere und küsste Dragan zärtlich auf die Lippen. „Aber wahrscheinlich ahnen die Leute längst etwas, amore mio. Weißt du, wie viele mir im letzten Monat erzählt haben, was für ein wundervoller Arzt du bist?“

„Komisch. Bei mir haben sie dich in den höchsten Tönen gelobt.“ Obwohl sie sich bemüht hatten, ihre Romanze vor der Öffentlichkeit zu verbergen, schien jeder zu ahnen, dass der Doktor und die Tierärztin ein Paar waren. Er stahl sich einen zweiten Kuss. „In kleinen Orten wie Penhally Bay bleibt nichts lange geheim.“

Dragan hätte schwören können, dass Furcht in ihren wunderschönen blauen Augen aufblitzte. Sicher bildete er sich das ein. Wovor sollte Melinda Angst haben? Sie hatte doch nichts zu verbergen. Vor Jahren war sie als Touristin nach England gekommen, hatte sich in das Land verliebt und beschlossen, hierzubleiben und Tiermedizin zu studieren.

Ähnlich wie er. Urlaub war allerdings das Letzte gewesen, woran er gedacht hatte, als er vor siebzehn Jahren das Schiff verließ. Doch das Land gefiel auch ihm auf Anhieb. Vor allem Cornwall mit seinen zerklüfteten Steilküsten, den feinen Sandstränden und dem milden Klima hatte es ihm angetan. Der raue Atlantik ließ sich zwar nicht mit der Adria vergleichen, aber das Rauschen der Wellen war tröstlich vertraut.

„Wollen wir zusammen Mittag essen?“

„Tut mir leid, ich bin spät dran. Ich kann meine Patienten nicht warten lassen.“

„Natürlich nicht.“ Liebevoll strich sie ihm über die Wange. „Dann koche ich uns heute Abend etwas Schönes. Bei dir.“

Dragan wandte den Kopf und küsste ihre Handfläche. „Ich kann es kaum erwarten. Aber du brauchst nicht für mich zu kochen, Melinda. Das schaffe ich auch allein.“

Melinda stemmte die Hände in die schmalen Hüften. „Dragan Lovak, du weißt genau, dass du nie kochst“, meinte sie tadelnd. „Du würdest dich von Brot, Käse, Aufschnitt und Salat ernähren – sogar mitten im Winter!“

„Na und? Essen muss nicht warm sein. Kalt erfüllt es auch seinen Zweck. Wie jeder Treibstoff.“

„Oh, es ist viel mehr als das. Du schluckst nicht einfach nur Kalorien wie ein Ferrari seine nächste Tankfüllung. Essen muss man genießen.“

Zugegeben, seit er Melinda kannte, wusste er köstliche Mahlzeiten wieder zu schätzen. Nicht nur, weil sie eine fantastische Köchin war, nein, mit ihrer Lust am Essen hatte sie ihm beigebracht, Geschmack wahrzunehmen und feine Aromen zu unterscheiden. Dinge, die er in den dunklen Tagen verdrängt und später einfach ignoriert hatte.

„Hast du heute Abend Rufbereitschaft?“, fragte er.

„Nein. Die andere Praxis ist dran. Und du?“

„Auch nicht.“

„Dann haben wir den ganzen Abend für uns. Bene.“ Ihre Augen leuchteten. „Ich fahre gleich nach der Sprechstunde zum Hofladen der Trevellyans und kaufe frisches Gemüse, ja?“

In letzter Zeit hatte sie mehr Nächte in seinem Cottage in der Fisherman’s Row verbracht als in ihrer eigenen Wohnung. Vielleicht sollte ich ihr einen Zweitschlüssel geben, dachte Dragan, und sie fragen, ob sie bei mir einziehen möchte …

Noch scheute er jedoch davor zurück. Seit seine Familie im Kroatienkrieg getötet worden war, hatte er niemanden an sich herangelassen. Er war höflich und freundlich, ein zuverlässiger Kollege, aber sein Privatleben teilte er mit niemandem.

Bis Melinda Fortesque in sein Leben trat. Mit ihrem strahlenden Lächeln hatte sie die Schutzmauer durchbrochen und war direkt in die Festung marschiert, die er um sein Herz herum errichtet hatte.

Einerseits sehnte er sich danach, sie zu fragen, ob sie mit ihm zusammenleben und eine Familie gründen wolle, doch die Angst war stärker. Was, wenn etwas schiefging? Wenn er Melinda verlor? Noch einmal könnte er den Verlust eines geliebten Menschen nicht ertragen.

Schaudernd vertrieb er die Gedanken.

„Dragan, ist dir kalt?“

An einem sonnigen Frühlingstag? Wohl kaum. „Nein. Ich …“ Er unterbrach sich. Falscher Ort, falscher Zeitpunkt. Über das Thema konnte er jetzt nicht sprechen. „Ich komme zu spät zum nächsten Termin“, sagte er stattdessen. „Bis nachher.“

„Okay. Ciao.“ Sie spitzte die Lippen und blies ihm einen Kuss zu. „Zlato.“

Er musste ein seltsames Gesicht gemacht haben, denn Melinda fing hell an zu lachen. „Du bist nicht der Einzige, der mehrere Sprachen spricht.“

Italienisch war ihre Muttersprache, und sie sprach fließend Französisch, Spanisch und Englisch, mit einem charmanten italienischen Akzent. Aber gerade eben hatte sie ihn in seiner Sprache Liebling genannt.

Auf Kroatisch.

Wie lange hatte er dieses Wort nicht mehr gehört?

„Dragan?“ Besorgt blickte sie ihn an. „Was ist? Habe ich es falsch ausgesprochen? Bedeutet es nicht das, was ich dachte? Habe ich dich beleidigt?“

„Nein.“ Das Lächeln fiel ihm unglaublich schwer. „Du hast es genau richtig ausgesprochen. Ich hatte es nur nicht erwartet, das ist alles.“ Und es hatte Erinnerungen geweckt, die er lieber unter Verschluss hielt.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe dir wehgetan. Ich sehe es deinen Augen an. Dragan, das wollte ich nicht …“

„Hey, das weiß ich doch.“ Er stieg aus dem Wagen und zog sie in die Arme. Als er die Wange an ihr seidiges goldblondes Haar schmiegte, stieg ihm Melindas lieblicher Duft in die Nase. „Es ist alles in Ordnung, piccola mia.“

„Ich habe im Internet nachgesehen, was amore mio auf Kroatisch heißt. Ich wollte … dir nur eine Freude machen.“

„Das hast du auch. Du bereitest mir immer Freude, jeden Tag.“ Dragan war kurz davor, ihr zu sagen, wie viel sie ihm bedeutete. Wie sehr er sie liebte. Aber wenn er diese Worte das erste Mal aussprach, dann sollte alles vollkommen sein. Er stellte sich vor, wie sie an der Steilküste standen, vor ihnen der unendliche Ozean, glitzernd im silbrigen Mondlicht. Oder vielleicht bei Sonnenaufgang, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Landschaft in ein mildes, verheißungsvolles Licht tauchten. Das hätte noch mehr Symbolkraft – ein neuer Morgen, ein Neuanfang.

Über die Einzelheiten hatte Dragan sich noch keine Gedanken gemacht. Ein Parkplatz, umgeben von Hundezwingern war jedoch bestimmt nicht die richtige Kulisse, um Melinda seine Liebe zu gestehen.

Erst recht nicht, wenn er arbeiten musste. Und sie auch. Dragan ließ sie los. „Wir sehen uns später. Ich wünsche dir einen schönen Nachmittag.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn liebevoll. „Ich dir auch.“

Die Berührung ihrer warmen Lippen ließ ihn seine Vorsätze vergessen. Er schlang wieder die Arme um sie und vertiefte den Kuss. Ihr Duft hüllte ihn ein, und bald nahm er nichts anderes mehr wahr als ihren weichen, anschmiegsamen Körper.

Bis ein kurzes Räuspern den sinnlichen Zauber zerriss.

Dragan hob den Kopf und entdeckte Lizzie Chamberlain, die Besitzerin des Tierheims. „Entschuldige. Ich …“

Was sollte er sagen? Er hatte sich zu einem Hausbesuch bei Lizzies Mutter angekündigt, um mit ihr über den Bericht des Krankenhauses zu sprechen. Stattdessen stand er mitten auf dem Parkplatz und küsste die Tierärztin!

Lizzie schien nichts dagegen zu haben. „Ich freue mich, dass ihr beide so glücklich ausseht“, meinte sie lächelnd.

Melinda war knallrot geworden, und Dragan hatte das dumme Gefühl, dass er nicht viel besser aussah. Und ihm fiel immer noch keine Antwort ein.

Glücklicherweise schienen ihre Gehirnzellen etwas schneller zu funktionieren als seine.

„Grazie.“

„Wir haben es uns ja schon gedacht, dass ihr mehr seid als gute Freunde. Doch bisher habt ihr uns ganz schön im Dunkeln tappen lassen.“

Melinda verschränkte ihre Finger mit seinen. „Es ist noch ziemlich frisch“, sagte sie sanft. „Dragan und ich … wollten es ruhig angehen lassen.“

„Ohne dass die Gerüchteküche überkocht und euch die Leute fragen, wann für euch die Kirchenglocken von St. Marks läuten werden“, vermutete Lizzie trocken. „Kann ich verstehen.“

„Esattamente.“ Melinda lächelte erleichtert. „Danke, dass du es für dich behältst.“ Sie drückte kurz Dragans Hand. „Ich muss weiter. Ciao.“

„Was für ein nettes Mädchen.“ Lizzie sah dem Wagen nach. „Und eine brillante Tierärztin ist sie auch, deine Melinda. Ein richtiges Goldstück.“

Deine Melinda.

Die beiden Worte erfüllten ihn mit Wärme und einem zärtlichen Gefühl, das er für immer verschüttet geglaubt hatte. „Du würdest mir also nicht glauben, wenn ich dir sage, dass wir nur gute Freunde sind?“

„So wie du sie geküsst hast? Auf keinen Fall!“, neckte Lizzie ihn. „Außerdem hast du dich verändert. Seit sie in Penhally Bay ist, sieht man dich viel öfter lächeln.“

Er hob die Brauen. „Ich heiße Dragan, nicht Drache.“

Lizzie lachte. „Natürlich nicht, aber meine Mutter sagt immer, du seist viel zu ernst.“

„Wenn ich mir eine Harley zulegen oder einen Maserati fahren würde wie Marco, mir die Ohrläppchen piercen ließe und die neueste Markenkleidung trüge, würden alle sagen, ich hätte eine Midlife-Crisis.“

„Oh, ich schätze, wenn du auf einer schweren Maschine durch Penhally Bay braust, werden dich sämtliche Teenies anhimmeln.“

Was für eine Vorstellung! Dragan musste lachen. „Spar dir die Schmeicheleien. Ich bin fünfunddreißig, viel zu alt!“ Er wurde wieder ernst. „Bevor ich mir Stella ansehe – wie geht es ihr, Lizzie?“

„Unterschiedlich. An manchen Tagen ist sie hellwach und an allem interessiert, was um sie herum vorgeht. An anderen braucht sie eine Stunde, bis sie angezogen ist, schafft nicht einmal den Weg vom Wohnzimmer in die Küche, und wenn sie etwas sagt, verstehen wir sie kaum.“

Dragan nickte. „Ich habe gestern den Untersuchungsbericht bekommen. Stella wird in ihrer Beweglichkeit bald noch mehr eingeschränkt sein, und ihre Pflegebedürftigkeit wird zunehmen.“

Lizzie wirkte besorgt. „Ich will sie nicht in ein Heim geben. Sie ist meine Mutter; ich kümmere mich um sie.“

„Niemand sagt, dass sie in ein Heim muss“, antwortete er behutsam. „Aber der Psychologe schrieb etwas von Stimmungsschwankungen. Du weißt, dass Depressionen bei Parkinson normal sind?“

„Aber sie wird doch nicht verrückt, oder?“

„Nein. Allerdings müssen wir bei ihr mit zunehmenden Wahrnehmungsstörungen rechnen. Für dich wäre das eine zusätzliche Belastung.“

„Das schaffe ich schon.“

Ihr Lächeln wirkte ein bisschen zu tapfer, wie er fand. „Und wenn sie einen Vormittag die Woche in die Tagespflege geht? Stella würde neue Freunde finden, ein bisschen Spaß haben, und du könntest einmal Luft holen. Ein paar Stunden, in denen du dich nicht um deine Mutter sorgen musst.“

„Mach dir um mich keine Gedanken.“

„Lizzie, du führst das Tierheim allein, du ziehst Tina allein groß, deine Mutter braucht dich von morgens bis abends. Es lastet ziemlich viel auf deinen Schultern.“

„Ich komme klar.“

„Ich weiß, dass du hart arbeiten kannst, und ich will dich zu nichts drängen, aber es gibt Möglichkeiten, dich zu entlasten.“ Er drückte ihr die Schulter. „Sei nicht zu stolz.“

„Bringst du Bramble mit rein? Meine Mutter würde sich freuen.“

Themawechsel. Dragan verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und nickte nur, bevor er zu seinem Wagen ging.

„Komm.“ Er öffnete die Heckklappe und hob die Hündin heraus. Vielleicht war er übervorsichtig, aber das Bein heilte nur langsam, und er wollte kein Risiko eingehen. Kurz vor Weihnachten hatten Melinda und er das verängstigte Tier mit einem gebrochenen Bein am Straßenrand gefunden. Sie hatte Melinda sogar gebissen, was diese jedoch nicht davon abgehalten hatte, sich ihrer liebevoll anzunehmen.

Bramble wurde von Stella überschwänglich begrüßt. Dragan erkannte jedoch auf den ersten Blick, dass heute einer ihrer schlechten Tage war. Sie kam kaum aus dem Sessel hoch und sprach stellenweise sehr undeutlich. Dennoch hörte sie aufmerksam zu, was er ihr über den Untersuchungsbericht und die neuen Medikamente erzählte. Die Tagespflege wies sie allerdings, genau wie ihre Tochter, vehement von sich.

„Was soll ich in einem Heim mit lauter tauben alten Kröten herumhocken?“ Sie schob das Kinn vor.

„Wer sagt etwas von herumhocken? Es ist …“ Er suchte nach einem verlockenden Vergleich. „… mehr wie ein Kaffeekränzchen. Man sitzt zusammen, redet, lässt sich den Kuchen schmecken und hat viel Spaß.“

„Ich habe keine Lust, mich mit Fremden zu unterhalten.“

Es hatte keinen Zweck. „Nur ein Vorschlag, Stella. Niemand zwingt Sie zu etwas, was Sie nicht wollen.“

„Gut. Weil ich nämlich nicht hingehen werde.“

Vielleicht sollte ich mit Melinda reden, dachte Dragan. Nicht über Stellas Krankheit, das verbot ihm die Schweigepflicht. Aber sie konnte gut mit Menschen umgehen und hatte bestimmt eine Idee, wie er Stella und Lizzie vom Nutzen der Tagespflege überzeugen könnte. Lizzie war schon jetzt überlastet.

„Ruf mich an, wenn du mich brauchst. Jederzeit“, sagte er zu ihr, als er Bramble wieder in den Kombi hob. „Dafür bin ich da.“

„Okay, danke.“

Er wusste genau, dass sie es nicht tun würde. Sie würde die Zähne zusammenbeißen und einfach weitermachen.

Dragan hob grüßend die Hand und fuhr zu seinem nächsten Patienten.

2. KAPITEL

Dragan war seit einer halben Stunde zu Hause, als es an der Tür klingelte. Bramble bellte kurz, nur für den Fall, dass er das Klingeln überhört hatte, und tappte dann hinter ihm her.

„Abendessen in ungefähr dreißig Minuten!“ Melinda hielt zwei braune Papiertüten hoch.

Sie enthielten mit Sicherheit keine Fertiggerichte. Melinda kochte leidenschaftlich gern.

„So, das muss gekühlt werden.“ Schwungvoll förderte sie eine Packung Eis zutage und verstaute sie im Gefrierfach. „Und dies hier ist für dich, weil du so eine Hübsche bist.“ Sie bückte sich und kraulte die Hündin, ehe sie ein paar Hundekekse aus der Tasche zauberte.

Bramble geriet völlig aus dem Häuschen. Sie hat Melinda genauso gern um sich wie ich, dachte Dragan und schaute lächelnd zu. „Du verwöhnst den Hund.“

„Du nicht?“

„Niemals“, erklärte er todernst. „Und was hast du mir mitgebracht?“

Sofort schlang sie ihm die Arme um den Nacken und küsste ihn sinnlich. „Gefällt es dir?“, fragte sie mit einem verführerischen Lächeln.

„Und wie.“ Er hätte gern mehr davon, aber das würde ihren Zeitplan durcheinanderbringen. „Brauchst du Hilfe beim Essen machen?“

„Auf keinen Fall. Ich liebe es, in deiner Küche zu kochen. In meiner kann man sich kaum drehen.“

Sie machte sich gut in seiner Küche. Als ob sie hier zu Hause wäre. Melinda schaltete seinen iPod an und wählte die Stücke einer Interpretin aus, deren Songs sie letzte Woche für ihn heruntergeladen hatte. Opernarien in der Popversion. Dragan hatte keinen einzigen Titel gekannt, aber sie gefielen ihm, vor allem, wenn Melinda mitsang. Der spanische Text bereitete ihr ebenso wenig Mühe wie der italienische, und Dragan liebte ihre helle, melodische Stimme.

Nicht nur das. Er liebte es, wenn Melinda bei ihm war. Sie verwandelte sein Cottage in ein gemütliches Zuhause. Schon bei ihrem zweiten Besuch, als sie ihm den iPod mitgebracht hatte, komplett mit zwei Lautsprechern für die Küche. „Ohne Musik kannst du nicht richtig kochen, Dragan. Man kann nicht ohne Musik leben!“

Melinda sang ständig. Und wenn sie in seinem Wagen saßen, stellte sie immer gleich den CD-Player an. Ja, seit er sie kannte, gab es viel mehr Musik in seinem Leben.

Neben allem anderen.

Vielleicht sollte er sie heute Abend fragen. Mit ihr am Strand spazieren gehen, sie unter dem Sternenhimmel küssen und sie bitten, bei ihm zu bleiben. Für immer.

Dragan genoss es, ihr zuzusehen. Was sie auch tat, geschah graziös und mit bewundernswerter Leichtigkeit. Sie schnitt, schmorte, rührte, probierte, rührte wieder und summte dabei vor sich hin. Schließlich wandte sie sich ihm zu und schenkte ihm das sonnige Lächeln, das er an ihr so sehr liebte. „Wenn du möchtest, kannst du den Tisch decken.“

Der kleine Bistrotisch stand vor den Verandatüren, mit Blick auf den Garten. Unter dem Apfelbaum blühte ein dichter Teppich Blausternchen, hier und da leuchteten Tulpen, Narzissen und andere Frühlingsblumen in den Beeten.

Dragan legte Besteck und Servietten hin, holte eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank, entkorkte sie und füllte zwei Gläser. Melinda brachte zwei große Teller, von denen es verlockend duftete.

Bramble legte sich zwischen die beiden Stühle und hob erwartungsvoll den Kopf. Melinda lachte. „Oh nein, das ist nichts für dich, bellissima. Die scharfe Soße würde dir den Magen verbrennen.“

„Außerdem hat sie schon ein halbes Dutzend Scampi verschlungen, während du dies hier zubereitet hast“, betonte Dragan.

„Sicher. Sie ist mein offizieller Vorkoster.“ Melinda wartete, bis er den ersten Bissen im Mund hatte. „Schmeckt es dir?“

„Hervorragend.“ Er wäre nie auf die Idee gekommen, Avocado mit Scampi und Chili zu kombinieren.

Das Zitronenhuhn mit Brokkoli, Karotten und neuen Kartoffeln war genauso köstlich. Den Nachtisch lehnte Dragan jedoch dankend ab, denn er machte sich nichts aus Süßem. Melinda dafür umso mehr, und er sah ihr gern dabei zu, wie sie mit sichtlichem Genuss das cremige Haselnusseis, eine Spezialität aus dem Hofladen der Trevellyans, löffelte.

„Und, gibst du zu, dass Essen nicht nur Treibstoff ist?“, fragte sie, als sie zusammen den Tisch abräumten.

„Ja. Du hattest recht und ich nicht, carissima.“

Ein schelmisches Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Bekomme ich eine Belohnung?“

Dragan lachte. „Na schön. Sieh mal im Küchenschrank nach, neben dem Kühlschrank.“ Er aß nie Schokolade. Aber Melinda liebte sie. Deshalb hatte er welche gekauft. Dunkle Schokolade mit exotischen Gewürzen und einer feinen Orangennote.

Im Handumdrehen hatte sie die Tafel gefunden. „Für jemanden, der so etwas nie anrührt, haben Sie einen bemerkenswert guten Geschmack, Dr. Lovak.“ Sie brach ein Stück ab und schob es sich in den Mund.

Ihr leiser Seufzer, als sie die schmelzende Schokolade genüsslich auf der Zunge zergehen ließ, hatte etwas ungemein Sinnliches. Dragan durchzuckte heftiges Verlangen. Ihre Blicke trafen sich, und er sah, wie auch in ihren Augen Lust aufflackerte.

Er kochte einen starken schwarzen Kaffee, stellte die beiden Tassen auf den Couchtisch, setzte sich und zog Melinda auf seinen Schoß. Spontan nahm sie sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn innig. Ihm wurde heiß, als sie anfing, an seiner Unterlippe zu knabbern. Ihr süßer Blumenduft berauschte ihn, und er wollte ihren warmen, biegsamen Körper noch intensiver spüren.

Dragan drückte sie aufs Sofa und begann, ihr die Bluse aufzuknöpfen. Doch schon nach drei Knöpfen stöhnte sie auf. „Dragan. Bist du sicher, dass du nicht aus Sparta stammst?“

„Wie bitte?“

„Dein Sofa. Ein Fakirbett ist weniger spartanisch.“

Zugegeben, es war kein besonders bequemes Möbelstück, aber ihm hatte es bisher genügt. Eigentlich nutzte er es eher selten, weil er entweder mit dem Hund unterwegs war, etwas mit Melinda unternahm oder am kleinen Tisch vor seinem Laptop saß. Lächelnd strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Spiel nicht die Prinzessin.“

Sie erstarrte, schob ihn von sich und setzte sich auf, um sich die Bluse zuzuknöpfen.

„Melinda?“ Dragan verstand gar nichts. „Was ist los?“

„Nichts.“ Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. „Ich muss nach Hause.“

Er fiel aus allen Wolken. Vor ein paar Minuten hatten sie sich noch leidenschaftlich geküsst und angefangen, sich gegenseitig auszuziehen. Und jetzt zeigte sie ihm die kalte Schulter. Dragan hatte nicht die blasseste Ahnung, was er verbrochen haben könnte.

„Was? Wieso das denn? Wir haben beide frei, und ich dachte, wir wollten den Abend zusammen verbringen?“ Plötzlich fiel der Groschen. „Das mit der Prinzessin war nur Spaß, tesoro. Du kennst doch das Märchen von der Prinzessin, die so empfindlich war, dass sie eine Erbse selbst durch fünfzig Matratzen hindurch spürte? Daran musste ich denken, als du dich über mein Sofa beschwert hast.“

„Aha.“

Diese Reaktion passte überhaupt nicht zu ihr. Melinda hatte Humor, und er hatte sie noch nie launisch erlebt. Aber falls er sie gekränkt haben sollte, musste er es wiedergutmachen. Er legte den Arm um sie und drückte sie an sich. „Ich wollte damit nicht sagen, dass du verwöhnt bist. Du hast keine Allüren, und dein Jeep sieht nicht so aus wie der von dieser schrecklichen Frau nebenan.“

„Welche Frau?“

„Ich habe nicht richtig zugehört, als sie mir ihren Namen sagte. Natalie, Natasha oder so ähnlich. Ist nicht wichtig.“ Seine Handbewegung verriet genug. „Sie wohnt in einem der Feriencottages. Hoffentlich nicht lange. Die führt sich auf wie eine verwöhnte Prinzessin. Modischer Haarschnitt, Designerkleidung, teure Schuhe, schicker Jeep, der in seinem Leben noch keinen Schotterweg gesehen hat. Deiner dagegen ist außen schlammverkrustet und innen voller Hundehaare.“

Melinda presste die Lippen zusammen. „Mit anderen Worten, ich bin ungepflegt.“

„Nein! Ich will damit sagen, dass du die bezauberndste Frau bist, die ich je getroffen habe. Du brauchst kein Make-up, um schön auszusehen, und wärst selbst in einem Kartoffelsack hinreißend.“ Er seufzte. „Warum streiten wir uns, Melinda? Eigentlich wollte ich dich heute Abend etwas fragen.“

„Und was?“

„Das kann ich nicht sagen, wenn du mich ansiehst, als würdest du mich gleich ohrfeigen.“

„Ich will dich nicht ohrfeigen. Aber was du gesagt hast, hat mich geärgert.“

„Dann entschuldige ich mich. Aufrichtig.“ Anscheinend hatte er einen wunden Punkt getroffen. Dragan wusste immer noch nicht, wieso. Vielleicht hatte er unwissentlich etwas wiederholt, was ein Exfreund ihr vorgeworfen hatte? „Ich würde dir nie wehtun wollen, Melinda. Dafür bist du mir zu wichtig.“

Melinda schwieg eine Weile und nickte dann, anscheinend beruhigt. Sie schlang Dragan den Arm um die Taille und lehnte sich an seine Schulter. „Entschuldigung angenommen. Worüber wolltest du mit mir reden?“

„Ich möchte gern mit dir spazieren gehen. Oben an der Steilküste oder barfuß am Strand. Im Mondlicht. Vielleicht auch bei Sonnenaufgang.“

Melinda verzog das Gesicht. „Ich soll im Dunkeln aufstehen?“

„Ja … Nein.“ Abwesend fuhr er sich mit der Hand durchs Haar. „Melinda … als du mich heute zlato genannt hast, meintest du das ernst?“

„Warum?“

„Ich habe zuerst gefragt.“

„Ja. Aber du hast komisch reagiert.“

„Nur weil ich dieses Kosewort lange nicht gehört habe. Vergiss nicht, ich habe die Hälfte meines Lebens in England verbracht.“

„Wolltest du nie nach Kroatien zurück?“

„Für mich gibt es dort nichts mehr.“

Seinem Gesicht und seiner Stimme war keine Regung zu entnehmen. Und auf einmal wusste Melinda, dass es das war, was diesen großen, ernsten Mann verfolgte. Deshalb die Schatten in seinen dunklen Augen. Sie erinnerte sich an eine Nacht im letzten Monat, als sie in den frühen Morgenstunden aufgewacht war. Dragan hatte nicht mehr neben ihr gelegen, sondern am Fenster gestanden und so verloren aufs Meer hinausgeblickt, dass es ihr fast das Herz zerriss. Als sie ihn fragte, was los sei, wich er aus. Jetzt hatte sie das Gefühl, dass es um dieselbe Sache ging.

Leise, wie eine sanfte Berührung, schlich sich der Gedanke ein, dass dieses Geheimnis das letzte Hindernis auf dem Weg zu seinem Herzen war.

Ha! Als hätte sie das Recht, Offenheit zu fordern. Sie hatte nie darüber gesprochen, was sie nach England geführt hatte. Warum auch? Schließlich war es ihr oft genug passiert, dass die Leute sich schlagartig anders verhielten, wenn sie erfuhren, wer Melindas Familie war. Entweder gingen sie auf Distanz, weil sie glaubten, sie wolle sich nur unters gemeine Volk mischen und wäre an ihrer Freundschaft gar nicht interessiert. Oder sie betrachteten sie als Eintrittskarte in die High Society.

Dabei hatte sie für die High Society überhaupt nichts übrig – zum großen Kummer ihrer Eltern, die sie zwar noch nicht enterbt hatten, aber keinen Hehl daraus machten, wie sehr sie ihren Lebensstil missbilligten. Während ihrer seltenen Besuche in Contarini wurde niemals über ihren Beruf gesprochen. Wenn man ihre Eltern reden hörte, könnte man glauben, Melinda lebe vorübergehend im Ausland, um ihren Horizont zu erweitern und im Übrigen ihre Zeit mit Shopping und Sightseeing zu verbringen.

Meistens gelang es ihr, die Gedanken an zu Hause zu verdrängen, und trotz allem glücklich zu sein. Zu ihren Eltern hatte sie nie ein besonders inniges Verhältnis gehabt, die Playboy-Freunde ihres Bruders Raffi verachtete sie, und mit den gestylten reichen Sprösslingen, mit denen ihre Schwester Serena sich umgab, war sie nie warm geworden. Es machte ihr nichts aus, allein in England zu sein, während der Rest der Familie im Süden lebte.

Dragan hingegen schien sein altes Zuhause so sehr zu vermissen, dass er darunter litt. Melinda wollte ihm helfen, die Wunden zu heilen. Sie nahm seine Hand und küsste sie liebevoll. „Warum nicht?“

Autor

Kate Hardy
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