Verliebt in Dr. Playboy

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Chloe liebt ihren Beruf und kümmert sich als Hebamme hingebungsvoll um ihre kleinen Patienten und deren Mütter. Doch sie ist sich sicher: Nie wird es ein Mann schaffen ihr Herz zu erobern. Schon gar nicht einer wie der attraktive Arzt Dr. Oliver Fawkner. Aber er scheint sich nur für sie zu interessieren und versichert ihr, dass er es ehrlich mit ihr meint. Kann sie ihm wirklich vertrauen? Schließlich ist er als herzensbrechender Playboy bekannt …
  • Erscheinungstag 03.05.2016
  • Bandnummer 0008
  • ISBN / Artikelnummer 9783733705312
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Es sieht nicht gut aus, oder?“

Die Hebamme Chloe MacKinnon löste die Manschette von Avril Harveys Arm und versuchte, ihre Patientin mit einem Lächeln zu beruhigen. „Ihr Blutdruck ist ziemlich hoch.“ Um ihre Besorgnis zu verbergen, checkte sie noch einmal die Notizen.

„Und die anderen Symptome?“ In Avrils hellblauen Augen glitzerten Tränen, und sie riss mit ihren geschwollenen Fingern unruhig das Papiertaschentuch in kleine Fetzen. „Ich habe mir schon gedacht, dass etwas nicht stimmt. Aber in meiner letzten Praxis in Birmingham sagten sie, ich solle mir keine Sorgen machen. Es wäre eine ganz normale Schwangerschaft.“

Chloe umschloss ihre zitternden Hände und drückte sie kurz, ehe sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzte. Avril war erst kürzlich nach Penhally Bay gezogen und heute zum ersten Mal bei ihr. Ihr Mann Piers und sie hatten beschlossen, dass ihr lang ersehntes Kind nicht in der Großstadt, sondern im idyllischen Norden Cornwalls aufwachsen sollte. In gesunder, frischer Luft, nahe am Meer und mitten in einem malerischen Fischerstädtchen.

Aber Avril war neununddreißig, zierlich und untergewichtig und litt oft unter Migräne. Faktoren bei einer Erstgebärenden, die eine Hebamme in Alarmbereitschaft versetzten. Kamen dann noch Symptome wie heute Morgen hinzu, bestand tatsächlich Anlass zur Sorge. Chloe befürchtete, dass Avril eine Präeklampsie entwickelt hatte – eine für Mutter und Baby lebensbedrohliche Schwangerschaftskomplikation.

„In meiner alten Praxis war immer ein Arzt dabei.“ Avril biss sich auf die Lippe. „Könnte ich heute auch einen sprechen?“

„Bei uns machen ausschließlich die Hebammen die Vorsorge …“ Chloe sprach nicht weiter, als frische Tränen der werdenden Mutter über die Wangen liefen.

„Ich möchte nicht Ihre Fähigkeiten anzweifeln.“ Avril schluchzte auf. „Aber ich kenne hier niemanden, und ich weiß nicht, was ich von der Sache halten soll. Ich habe solche Angst.“

„Das ist verständlich, Avril“, entgegnete Chloe sanft. „Warten Sie einen Moment, ich frage am Empfang nach, ob einer unserer Ärzte Zeit hat.“

„Danke, Chloe.“ Sie presste die Finger auf ihre Schläfen. „Ich wünschte, mein Mann wäre hier.“

„Möchten Sie, dass ich ihn anrufe?“

„Nein, nein, er ist nach St. Piran gefahren, nachdem er mich hier abgesetzt hatte. Piers ist Kunstlehrer, er hat eine Besprechung am Gymnasium, wo er zum neuen Schuljahr anfangen wird.“ Wieder fing sie an zu weinen. „Wir hatten uns alles so schön vorgestellt, wollten uns den Sommer über in Ruhe einleben und alles für unser Baby herrichten …“

Chloe nickte und griff zum Telefon. „Hallo, Sue“, sagte sie, als sich die leitende Sprechstundenhilfe meldete. „Avril Harvey ist zur Vorsorge bei mir. Könntest du einen der Ärzte bitten, kurz zu uns heraufzukommen? Danke.“

„Was hat Sie dazu bewogen, sich in Penhally Bay niederzulassen?“, fragte sie, um ihre Patientin von den sorgenvollen Gedanken abzulenken.

„Wir haben hier öfter Urlaub gemacht und einige Wochenenden verbracht – sogar unsere Flitterwochen vor zehn Jahren.“ Ein zaghaftes Lächeln erhellte ihr blasses Gesicht. „Wir lieben die friedvolle Stimmung und die zauberhafte Landschaft. Piers malt leidenschaftlich gern, und er findet hier viele Inspirationen.“

„Cornwall hat schon immer Künstler angezogen. Meine Freundin Lauren, unsere Physiotherapeutin, malt auch. Ein paar ihrer Werke hängen unten im Eingangsbereich.“

„Ja, ich habe sie gesehen. Sie sind sehr gut. Piers malt eher abstrakt. Er hofft, seine Bilder irgendwann verkaufen zu können.“

„Also sind Sie nicht nur aus persönlichen, sondern auch aus beruflichen Gründen nach Penhally Bay gekommen?“

„Es passte perfekt, dass man Piers die Stelle in St. Piran anbot. Wir hatten nicht mehr damit gerechnet, ein Kind zu bekommen, aber als ich schwanger wurde, wollten wir ein anderes Leben für unsere Familie. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn unserem Baby etwas passiert.“ Aufschluchzend legte sie die Hand auf ihren gewölbten Bauch.

Chloe stand auf, nahm ein Papiertuch aus der Spenderbox und kam um den Schreibtisch herum. „Denken Sie nicht gleich an das Schlimmste.“ Sie drückte ihr tröstend die Schulter und reichte ihr das Tuch. „Selbst wenn es Komplikationen gibt, können Sie ein ganz normales, gesundes Baby zur Welt bringen. Wir werden alles tun, um Ihnen dabei zu helfen.“

„Danke.“ Avril tupfte sich die Augen trocken und putzte sich die Nase. „Tut mir leid, dass ich mich so albern aufführe.“

„Das ist nicht albern. Sie machen sich Sorgen, das ist nur natürlich.“

Bevor sie weitersprechen konnte, klopfte es kurz, und dann wurde die Tür geöffnet. Chloe blickte auf und unterdrückte ein Aufstöhnen. Oh nein, ausgerechnet er!

Dr. Oliver Fawkner betrat das Zimmer, mit geschmeidigem Gang, selbstbewusst und voller Sex-Appeal wie immer. Gekleidet in dunkelgraue Baumwollhosen und ein weißes Hemd, strahlte er Frische und Energie aus, die den meisten anderen an diesem schwülheißen Julitag fehlte. Das kurzärmelige Hemd enthüllte sonnengebräunte, sehnige, mit feinen dunklen Härchen bedeckte Unterarme.

Chloe zog sich hinter ihren Schreibtisch zurück. Plötzlich brauchte sie eine solide Barriere zwischen sich und Oliver Fawkner. Er arbeitete seit Mitte Juni in der Praxis, um die anderen Ärzte zu entlasten, da Lucy Carter immer noch ihre Elternzeit wahrnahm. Niemand hätte bezweifelt, dass er ein exzellenter Mediziner war. Doch Chloe machte er total nervös. Er war einfach zu … eben alles. Zu männlich, zu sehr der Playboy-Typ, zu draufgängerisch, zu sehr von sich eingenommen. Außerdem sah er unverschämt gut aus, und gegen seinen Charme wäre jede Frau machtlos gewesen. Vor allem eine Frau wie sie, die sich am liebsten ducken würde, wenn ein Mann sie länger ansah.

Aber bei diesem hier war es richtig schlimm. Kein Mann hatte sie je so verlegen gemacht wie Oliver Fawkner.

„Chloe, Sie brauchen mich?“

Die rauchige, leicht heisere Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Obwohl sie mit ihren ein Meter siebzig nicht gerade klein war, musste sie ein ganzes Stück hoch schauen, bis sie ihm ins Gesicht blicken konnte. Dr. Fawkner war breitschultrig und athletisch gebaut und über eins neunzig groß. Mit einem amüsierten Lächeln hielt er ihren Blick fest, und Chloe konnte nur daran denken, dass seine braunen Augen so sündhaft und gefährlich waren wie Schokolade.

Als er ihr jetzt zuzwinkerte, versuchte sie, nicht zu reagieren. Er war ein Charmeur und ließ keine Gelegenheit aus, sie zu necken oder mit ihr zu flirten, was sie jedes Mal dermaßen verunsicherte, dass sie kaum ein Wort herausbrachte. Dass sie sich dann wie eine linkische Landpomeranze fühlte, machte es nicht besser.

„Dr. Fawkner, dies ist Avril Harvey“, stellte sie vor und konzentrierte sich darauf, ihn über Alter und Zustand der Patientin zu informieren.

Mit einem strahlenden Lächeln trat er vor und streckte die Hand aus. „Hallo, Avril, schön, Sie kennenzulernen.“

„Danke, Doktor.“ Avril erwiderte sein Lächeln tapfer. „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen Umstände mache.“

„Überhaupt nicht. Was gibt es für ein Problem?“, fragte er und sah Chloe an.

Wieder hielt sein warmer, intensiver Blick sie gefangen, und sie musste sich räuspern, ehe sie antworten konnte. „Avril ist in der zweiunddreißigsten Woche und zum ersten Mal bei uns, seit sie mit ihrem Mann nach Penhally Bay gezogen ist. Davor wurde sie in einer Praxis in Birmingham betreut.“

„Dort haben sie mir gesagt, ich würde mir viel zu viele Sorgen machen“, warf Avril ein.

„Avril klagt über Kopfschmerzen, die bei einer Migränepatientin zwar nicht ungewöhnlich sind, doch sie hatte auch Probleme mit der Sehschärfe. Hinzu kommen starke Wassereinlagerungen und die Tatsache, dass sie nicht zunimmt.“ Chloe sah Oliver wieder an und stellte erleichtert fest, dass der Charmeur dem Arzt das Feld überlassen hatte. Keine Spur der neckenden Teufelchen in seinen Augen. Dr. Fawkner hörte mit ernster Miene zu.

„Bei der Routinekontrolle heute habe ich erhöhte Eiweißmengen im Urin festgestellt“, fuhr sie fort. „Und auch ihr Blutdruck ist deutlich gestiegen. Ihren Unterlagen zufolge war er nie besonders gleichmäßig, aber bei der letzten Messung vor zwei Wochen lag er bei 145 zu 85, heute bei 190 zu 110.“

Teilnahmsvoll hockte er sich neben die werdende Mutter und unterhielt sich ruhig mit ihr, während er ihre Hände und die geschwollenen Beine und Knöchel inspizierte. Behutsam legte er eine Hand auf ihren Bauch. Chloe vermutete, dass ihm Avrils Untergewicht und die geringe Größe des Babys nicht entgangen waren. Er war ein guter Arzt. Sie wünschte nur, sie könnte mit ihm genauso unbefangen umgehen wie mit seinen Kollegen hier in der Praxis.

„Avril, ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen“, begann er. „Aber ich stimme Chloe zu, dass Ihre Symptome ernster sind, als man in der Praxis in Birmingham wohl angenommen hat.“

„Oh, ich wusste es! Was ist los mit mir, Doktor? Ist es der Stress wegen des Umzugs?“

„Wir müssen davon ausgehen, dass Sie einen Zustand entwickelt haben, den wir Präeklampsie nennen.“

„Das ist gefährlich, oder?“ Avrils Stimme wurde eine Note schriller. „Wird mein Baby sterben?“

Oliver beeilte sich, sie zu beruhigen. „Nicht, wenn wir es verhindern können, Avril. Präeklampsie tritt in einer von zehn Schwangerschaften auf und ist wahrscheinlich auf einen Defekt der Plazenta zurückzuführen.“ Er blickte Chloe an und ermunterte sie mit einem Lächeln, fortzufahren.

Es gefiel ihr, dass er sie respektvoll mit einbezog. „Richtig“, bestätigte sie und erklärte ihrer Patientin die Einzelheiten. „Es bestehen jedoch gute Chancen, dass Sie und Ihr Baby diese Komplikation ohne Schaden überstehen“, schloss sie.

Avril war anzusehen, dass sie die vielen Informationen erst verarbeiten musste. „Gibt es kein Medikament dagegen?“, wandte sie sich mit ängstlichem Blick an Oliver.

„Nein, leider nicht, aber Chloe wird Sie ins Krankenhaus einweisen lassen und …“

„Ist das denn nötig?“, unterbrach sie ihn.

„Ich fürchte, ja.“ Oliver klang freundlich, aber bestimmt. „Man wird Sie und Ihr Baby rund um die Uhr beobachten, Ihren Blutdruck und die Eiweißwerte regelmäßig kontrollieren. In ein, zwei Tagen können Sie vielleicht nach Hause, müssen aber wahrscheinlich strikte Bettruhe einhalten.“

„Sobald Sie liegen, senkt sich Ihr Blutdruck“, fügte Chloe hinzu. „Es hängt alles davon ab, dass man Ihren Zustand stabil hält.“

„Und wenn sie es nicht schaffen?“

Oliver blieb gelassen. „Möglicherweise injiziert man Ihnen Kortison, um die Lungenreife Ihres Babys zu fördern, und vielleicht bekommen Sie etwas, um den Blutdruck zu senken, und Magnesium. Das Beste wäre allerdings ein Kaiserschnitt, doch das müssen Sie mit dem Arzt und der Hebamme im St. Piran besprechen.“

„Aber das geht nicht!“ Sichtlich aufgewühlt ließ Avril sich in ihren Stuhl zurücksinken. „Ich bin erst in der zweiunddreißigsten Woche.“

„Beruhigen Sie sich“, sagte Chloe. „Wir werden tun, was für Sie und das Baby am besten ist.“

Oliver ließ Avrils Hand los und erhob sich. „Kann Ihr Mann Sie abholen und ins Krankenhaus bringen?“

„Er hat einen Termin in St. Piran. Was soll ich jetzt bloß machen?“

„Ich fahre Sie hin.“ Chloe sah von ihren Notizen auf. „Gleich habe ich Mittagspause, und danach muss ich nur ein paar Hausbesuche erledigen, bevor die Nachmittagssprechstunde beginnt. Einer der Hausbesuche liegt auf halber Strecke zwischen Penhally Bay und St. Piran. Wir können Ihren Mann anrufen und uns mit ihm im Krankenhaus treffen.“

Avril entspannte sich sichtlich. „Oh, vielen Dank! Ich möchte nicht so gern allein mit dem Taxi fahren. Macht es Ihnen auch wirklich nichts aus?“

„Überhaupt nicht.“

Chloe bemerkte, dass Oliver sie beobachtete, und ihre Haut fing sanft an zu prickeln. Unwillkürlich blickte sie zu ihm hin, nur um noch unruhiger zu werden, als er sie mit seinen dunklen Augen intensiv musterte. Wie machte er das? Was war an diesem Mann, dass sie drauf und dran war, aufzuspringen und wegzurennen, wenn er sie nur ansah?

Er hatte dichtes, dunkles Haar, dessen Spitzen den Hemdkragen berührten, und sah auf atemberaubende Weise gut aus. Seine gerade Nase, der wohlgeformte Mund und das kantige männliche Kinn, dazu die tiefgründigen braunen Augen – Dr. Oliver Fawkner bot das Bild eines lässigen, reichen Playboys, der, Gerüchten zufolge, leidenschaftlich gern surfte und das Leben in vollen Zügen genoss.

Ein Leben, das von Chloes nicht verschiedener hätte sein können. Sie schüttelte leicht den Kopf, wie um die unerwünschten Gedanken loszuwerden, und besann sich auf ihre Aufgabe. „Danke für Ihre Hilfe, Dr. Fawkner“, sagte sie mit kontrollierter Stimme.

Ein wissendes Lächeln umspielte seinen sinnlichen Mund. „Es ist mir immer ein Vergnügen, Chloe.“

Zehn Minuten später hatte Avril mit ihrem Mann telefoniert und saß in Chloes Wagen. Chloe ging zur Fahrerseite, etwas verunsichert, weil Oliver, der sie begleitet hatte, ihr folgte. Sie öffnete die Tür und zuckte im nächsten Moment zusammen. Es war nur eine kurze, warme Berührung seiner Finger auf ihrem nackten Arm gewesen, aber sie hatte sie bis in die Zehenspitzen gespürt.

„Halten Sie mich auf dem Laufenden, ja?“

Seine Besorgnis rührte sie. „Natürlich. Ich melde mich nachher bei Ihnen.“

„Ich freue mich darauf.“ Nach einem kaum merklichen Zögern streckte er den Kopf in den Wagen, um mit ihrer Patientin zu sprechen.

Sein Körper streifte ihren, und Chloe ertappte sich dabei, wie sie scharf Luft holte. Sofort stieg ihr sein männlicher Duft in die Nase. Fremd, erdig und doch ungeheuer anziehend.

„Alles Gute für Sie und Ihr Baby, Avril“, sagte er. „Ich überlasse Sie jetzt Chloes fähigen Händen. Sie ist eine hervorragende Hebamme, der Sie sich bedenkenlos anvertrauen können.“

Chloe sonnte sich noch in seinem Lob, da richtete er sich auf, blickte ihr wieder tief in die Augen und strich ihr mit dem Finger über die Nasenspitze. „Fahren Sie vorsichtig, babe.“ Seine Stimme klang sanft und leicht heiser. Dann trat er zurück, damit Chloe einsteigen und die Tür schließen konnte.

Verwirrt von diesem geballten Angriff auf ihre Sinne zog sie mit bebenden Händen den Sicherheitsgurt heran und ließ ihn einrasten. Sie startete den Motor, setzte rückwärts aus der Parklücke und bog auf die Harbour Road ein. Als sie Richtung Küste fuhr, warf sie kurz vor der Abzweigung in die Bridge Street einen Blick in den Rückspiegel.

Das Bild sollte sie für den Rest der Fahrt begleiten: Beide Hände in den Hosentaschen, stand Oliver Fawkner auf dem Praxisparkplatz und sah ihr nach.

Oliver begleitete seinen letzten Patienten zur Tür und kehrte an den Schreibtisch seines Sprechzimmers zurück. Genau genommen war es Lucys Zimmer. Die Tochter des Seniorpartners Nick Roberts war mit Ben Carter, dem Chefarzt der Notaufnahme im St. Piran, verheiratet und wollte erst wieder arbeiten, wenn ihre kleine Tochter etwas älter war.

Seufzend vervollständigte er seine Patientennotizen und wandte sich dem Stapel Unterlagen zu, der nie weniger zu werden schien. Doch bald schweiften seine Gedanken ab, hin zu Chloe MacKinnon – wie so oft in letzter Zeit. Ihr Zimmer lag direkt über seinem. Unwillkürlich hob er den Blick zur Decke.

Er dachte ständig an sie, aber sie schien ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Für ihn eine neue und wenig erfreuliche Erfahrung.

Erst seit kurzem in Penhally Bay, hatte er sich schon bei ihrer ersten Begegnung stark zu Chloe hingezogen gefühlt. Und was er vorhin zu Avril gesagt hatte, meinte er ernst. Chloe war die beste Hebamme, mit der er je zusammengearbeitet hatte. Ihre Fähigkeiten, ihre bewundernswerte Art, mit den Patientinnen umzugehen, hatten ihn beeindruckt. Für ihre werdenden Mütter hatte sie immer ein freundliches Lächeln übrig, und das machte ihm bewusst, dass er viel zu lange in einer unpersönlichen, hektischen Großstadtpraxis gearbeitet hatte.

London war faszinierend gewesen. Jedenfalls zu Anfang. Oliver war intelligent genug, um das Medizinstudium ohne großen Aufwand durchzuziehen, hatte eine Erfolg versprechende Karriere begonnen und war dank seiner Familie mit einem Vermögen gesegnet, das ihm ein sorgloses Leben ermöglichte.

Ein sarkastisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Es waren gute Zeiten gewesen, aber dieser aufwendige Lebensstil hatte auch seine Schattenseiten. Inzwischen war er es leid, sich mit Menschen abzugeben, die sich von seinem Namen beeindrucken ließen oder von seinem dicken Bankkonto. Er hatte keine Lust mehr, benutzt zu werden. Oliver wollte er selbst sein und so angenommen werden, wie er wirklich war – und nicht wegen des glanzvollen Familienhintergrunds oder als Mittel, um eine tolle Zeit zu verbringen. Inzwischen war er misstrauisch geworden, vor allem Frauen gegenüber.

Als Vertretungsarzt in Penhally Bay zu arbeiten, versprach eine willkommene Abwechslung. Er hatte die Chance mit beiden Händen ergriffen. Cornwall war seine Heimat, seine Familie lebte hier. Allerdings wohnte sie weit genug von Penhally Bay entfernt, um ihm seine Privatsphäre zu lassen. Oh, er liebte sie, und sie liebten ihn, doch sie hatten ihn noch nie verstanden. Es war ihnen unbegreiflich, dass er lieber eigene Wege ging statt bei Fawkner Yachts zu arbeiten wie sein Großvater, seine Eltern, sein Bruder und seine Schwester.

Wieder in Cornwall zu sein, hatte wirklich immense Vorteile. Fast täglich konnte er seiner Leidenschaft frönen und auf dem Surfbrett oder mit dem Jetski über die Wellen gleiten. Inzwischen fühlte er sich hier wie zu Hause. Er genoss die Arbeit in der Gemeinschaftspraxis, die es ihm erlaubte, auch mal ein persönliches Wort mit seinen Patienten zu wechseln.

Sein Leben zu ändern war eine bewusste Entscheidung gewesen. Bisher hatte er keine Erfahrung mit längeren Beziehungen und noch nie mit einer Frau zusammengelebt. Aber mittlerweile war es einer seiner größten Wünsche, ein nettes Mädchen zu finden, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass er sich schon so bald für jemanden interessieren würde. Und Chloe MacKinnon hatte in ihm viel mehr als nur Interesse geweckt.

Sie war ganz anders als die Frauen, die er bisher kennengelernt hatte. Wenn er an sie dachte, musste er lächeln. Wenn er sie sah, raste sein Blut schneller durch die Adern, und heißes Verlangen stieg in ihm auf.

Chloe war das süßeste Mädchen, das er je gesehen hatte. Sie besaß eine natürliche Schönheit, derer sie sich nicht bewusst zu sein schien. Meistens war sie ungeschminkt, aber sie hatte auch kein Make-up nötig. Ihre Haut war glatt und fast durchscheinend, ihre ungewöhnlich grünen Augen groß und von dichten dunklen Wimpern gerahmt. Ihre vollen Lippen schimmerten rosig und bettelten förmlich darum, geküsst zu werden.

Während der Arbeit trug sie ihr lockiges ebenholzschwarzes Haar zu einem Zopf, einem Knoten oder Pferdeschwanz gebunden. Es juckte Oliver in den Fingern, es zu befreien, mit beiden Händen hindurchzufahren oder das Gesicht darin zu vergraben, um ihren betörenden Duft nach grünen Äpfeln und Sonnenschein tief einzuatmen.

Was ihr Wesen anging, so wäre beherrscht das richtige Wort gewesen, um sie zu beschreiben. Nur manchmal durchbrach ein feiner Humor ihre ernste, kluge Oberfläche, und Oliver erhaschte einen Blick auf ihre weiche Seite. Meistens zeigte sie sie in Gesellschaft ihrer Freundinnen, aber sie drückte sich auch in liebevollen Blicken und einem warmen Lächeln aus, wenn sie ihre Mütter und deren Babys betreute. Er wusste, dass sie eine wundervolle Mutter sein würde.

Doch mehr hatte er über sie noch nicht in Erfahrung bringen können. Allem Anschein nach war alles, was Chloe außerhalb ihrer Arbeit tat, ein Buch mit sieben Siegeln. Abgesehen von den Abenden, die sie mit ihren Freundinnen verbrachte, hatte er nicht die geringste Ahnung, wohin sie ging, was sie tat oder mit wem sie es tat.

Und genau deshalb reizte es ihn erst recht, sie näher kennenzulernen. Aber sie machte es ihm höllisch schwer. Sie wirkte ausgeglichen und schien mit ihrem Leben vollauf zufrieden zu sein. Zuerst hatte er gedacht, sie wäre verheiratet oder hätte einen Freund. Dann hatte er überrascht erfahren, dass sie allein lebte. Warum? Eine schöne und liebenswerte Frau wie sie? Andererseits hatte er dadurch freie Bahn.

Leider war er bisher keinen Schritt weitergekommen. Chloe hielt Abstand. Weit davon entfernt, gekünstelt zu wirken, hatte sie etwas Unschuldsvolles an sich, das in krassem Gegensatz zu den anderen Frauen in seinem Leben stand. Oliver war es gewohnt, dass er umschwärmt wurde – der Name Fawkner und der damit verbundene Reichtum zogen Frauen an wie Motten das Licht. Eine Zeitlang hatte es ihn nicht gestört. Du meine Güte, er war jung und unbeschwert gewesen und hatte die Gelegenheiten genutzt. Doch jetzt wollte er etwas anderes – er wollte Chloe MacKinnon.

Allerdings nützte ihm diese Erkenntnis auch nicht viel. In den ersten Tagen hatte Chloe ihn freundlich wie jeden ihrer Kollegen behandelt. Doch kaum zeigte er persönliches Interesse, reagierte sie nahezu verschreckt auf seine Annäherungsversuche. Er hätte ihre Reaktion amüsant finden können, wäre Chloe ihm gegenüber nicht merklich kühler geworden.

Kopfschüttelnd fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar. Er sah sie deutlich vor sich. Sie hatte einen hinreißenden Körper, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Selbst in der kurzärmeligen weißen Tunika und der locker sitzenden marineblauen Hose, die sie bei der Arbeit trug, erregte sie ihn wie keine Frau je zuvor. Es reizte ihn, ihre schmale Taille mit beiden Händen zu umspannen, über ihre sanft gerundeten weiblichen Hüften zu streichen, ihre vollen, straffen Brüste zu berühren und ihre samtige Haut zu kosten. Doch sie ließ ihn einfach nicht an sich heran, und das frustrierte ihn total.

Es war eine völlig neue Erfahrung, sich dermaßen anstrengen zu müssen, um sich die Aufmerksamkeit einer Frau zu erkämpfen. Außerhalb der Arbeit redete sie kein Wort mit ihm, und noch war überhaupt nicht daran zu denken, einen Abend mit ihr auszugehen. Trotzdem war er wild entschlossen, sie zu erobern. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, und er musste einen Weg finden, ihre Abwehr zu überwinden. Vor allem, wenn er sie eines Tages in seinem Bett sehen wollte.

Er stellte sich vor, wie sie nackt vor ihm lag, die tintenschwarzen Locken auf dem Kissen ausgebreitet, und sich ihm mit diesem göttlichen Körper stöhnend entgegenbog. Die Vorstellung erregte ihn. Leidenschaft brannte lichterloh in ihm und wurde noch verstärkt durch die Frustration, dass Chloe unerreichbar schien.

Es klopfte, und er fuhr zusammen. Sekundenlang glaubte er, es wäre Chloe – herbeigeholt von seinen Sehnsüchten –, und wäre es nur, um ihm zu berichten, wie es Avril ergangen war.

„Herein“, sagte er mit heiserer Stimme, während sein Herz erwartungsvoll klopfte.

Langsam ging die Tür auf, und er wagte kaum, Atem zu holen.

Als Nick Roberts, der Seniorchef, hereinkam, schluckte Oliver die bittere Enttäuschung nur mit Mühe hinunter.

„Oliver, hast du einen Moment Zeit?“

„Sicher, Nick.“ Er zwang sich zu einem Lächeln. „Was kann ich für dich tun?“

Rastlos marschierte Nick zum Fenster, warf einen Blick hinaus und kehrte dann zum Schreibtisch zurück. Gedankenverloren ließ er sich in den Besucherstuhl sinken, verschränkte dabei die Arme vor der breiten Brust. Er war ein großer, athletischer Mann, in dessen dunklem Haar sich die ersten silbernen Strähnen zeigten.

Oliver hatte ihn in kurzer Zeit schätzen gelernt. Nick Roberts konnte zwar schroff und wortkarg sein, aber er war ein in jeder Hinsicht hervorragender Arzt. Und Oliver war mit seinem rätselhaften Boss bisher gut zurechtgekommen. „Stimmt etwas nicht, Nick?“, fragte er nach einer Weile.

„Was?“ Verwundert blickte Nick auf. „Ach so, nein, nein. Ich habe nur gerade den Kopf voll. Wie geht es dir? Alles in Ordnung?“

Oliver beugte sich vor und verschränkte die Arme auf der Schreibtischplatte. „Danke, ausgezeichnet. Ich arbeite sehr gern hier.“

„Gut. Freut mich.“

Wieder Schweigen.

Oliver wartete geduldig. Dabei ging ihm durch den Kopf, was er in letzter Zeit über Nick und Kate Althorp gehört hatte. Kate war Hebamme und früher hier Praxismanagerin gewesen. Jetzt arbeitete sie mit Chloe zusammen. Wann immer Nick und Kate aufeinandertrafen, sprachen sie kaum ein Wort miteinander. Das heißt, Nick redete nicht mit Kate, und die Spannung zwischen beiden war mehr als deutlich.

Was zwischen den beiden vorgefallen war, wusste er allerdings nicht.

„Also, Oliver …“ Nick rieb die Handflächen aneinander. „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

Autor

Margaret Mc Donagh
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