Die Stimme der Liebe

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"Halte durch, Liebling!" Verzweifelt umklammert Sanitäterin Maggie das Funkgerät, ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Um ein paar Kinder zu retten, die sich beim Spielen verirrt haben, hat sie sich in die alte Mine hineingewagt. Jetzt ist der Eingang verschüttet und die starke, zuversichtliche Stimme, die aus dem Funkgerät klingt, wie ein rettender Anker - die Stimme des Mannes, der ihr vor Jahren das Herz gebrochen hat und den sie dennoch mehr liebt als ihr Leben.
  • Erscheinungstag 15.12.2015
  • Bandnummer 0003
  • ISBN / Artikelnummer 9783733705268
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Halt an, Mike … schnell! Ich verliere ihn!“ Ihre Stimme übertönte den schrillen Alarm des Überwachungsgeräts.

Maggie Pascoe wappnete sich gegen den Ruck, als der Krankenwagen von der Straße auf den holperigen Standstreifen schwenkte und abrupt zum Stehen kam. Dabei ließ sie Walter Dinnis nicht aus den Augen. Ihr Patient hatte keinen Puls mehr.

Routiniert versetzte sie ihm einen präkordialen Faustschlag direkt auf die Brust und begann mit der Herzdruckmassage. Sein Gehirn und die lebenswichtigen Organe brauchten dringend sauerstoffhaltiges Blut.

Die hinteren Wagentüren wurden aufgerissen, und ihr Kollege Mike sprang in den Wagen. Ohne dass sie ihn erst darum bitten musste, übernahm er die Herzmassage. Mit geübten Handgriffen bereitete Maggie den Defibrillator vor.

„Fertig zur Schockabgabe“, plärrte die Automatenstimme, und Mike nahm die Hände vom Patienten, bevor die Maschine einen Stromstoß in das nutzlos flatternde Herz jagte.

„Verdammt! Wieder Kammerflimmern“, fluchte Maggie leise vor sich hin. „Komm schon, Walter. Du schaffst es.“

Mit einem jaulenden Pfeifton lud sich der Defibrillator erneut, während Mike laut und rhythmisch zählend die lebensrettende Massage fortsetzte.

„Zweihundert, Mike. Hände weg!“

Nichts. Die gezackte Linie auf dem Monitor verriet, dass kein Blut durch die Organe gepumpt wurde.

„Untersteh dich, Walter!“ Vor ihrem inneren Auge sah sie das bleiche, entsetzte Gesicht seiner Frau. Betty folgte ihnen im Wagen ihrer Tochter. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war der Anblick des Krankenwagens, der nicht mehr Richtung Klinik raste, sondern still am Straßenrand stand. „Du wirst mir jetzt nicht sterben!“, murmelte sie eindringlich. „Wir erhöhen auf 360 … und weg!“

Der drahtige Körper des alten Fischers bäumte sich auf. Ein paar Sekunden tickten dahin. Dann endlich erschien der ersehnte Sinusrhythmus auf dem Monitor.

„Sieh zu, dass es so bleibt, Walter. Alles andere würde Betty mir nie verzeihen“, sagte Maggie streng zu ihrem Patienten, während Mike die Türen schloss und sich hinter das Steuer setzte. Sie faltete das Protokoll der erfolgreichen Wiederbelebung zusammen und legte es zu Walters Karte. „Auf ins St. Piran, aber fix!“, rief sie ihrem Kollegen zu.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Aus dem Augenwinkel sah sie etwas Buntes zwischen den Ginsterbüschen aufleuchten. Neugierig blickte sie genauer hin, begriff aber erst, als Mike schon wieder auf der Straße war.

„Ein Kinderfahrrad … genau, das war’s“, sagte sie leise und wandte sich ab, um Walters Sauerstoffsättigung zu überprüfen. Zufrieden lächelnd las sie, dass der Wert auf über neunzig gestiegen war. Der Fischer hatte inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt.

Maggie beugte sich über ihn, um ihn zu beruhigen. Das Bild des farbenfrohen Fahrrads, das sich deutlich von dem vertrockneten Wintergras abhob, vergaß sie jedoch nicht. Jetzt fiel ihr auch auf, dass es nicht nur eins gewesen war. Was machten die Kinder auf diesem Feld, weit außerhalb von Penhally Bay? Auf der steilen, kurvenreichen Straße hatten sie ihre Räder meistens schieben müssen, in dem Alter eine beachtliche Leistung.

Vielleicht erkundeten sie nur die Gegend oder bauten sich im Schatten der Bäume ein Versteck. Hier an Cornwalls Küste, wo im Winter Sturmwinde tobten, hatte kaum ein junger Baum die Chance, einen aufrechten Wuchs zu entwickeln. Er duckte sich unter den unaufhörlichen Böen, und so entstanden bizarre Formen, die auf den ersten Blick zeigten, woher der Wind wehte.

Walters Herz schlug brav weiter, und kurze Zeit später übergaben Maggie und Mike ihren Patienten in die Obhut der Schwestern und Ärzte in der Notaufnahme.

Auf dem Rückweg nahmen sie eine Kollegin mit. Maureen, Rettungssanitäterin wie sie, war nach einer ambulanten Leistenbruchoperation entlassen worden.

Es dämmerte bereits, aber die bunten Fahrräder lagen immer noch an derselben Stelle. Ein paar Kids werden heute Abend mächtig Ärger mit ihrer Mum bekommen, dachte Maggie. Mitte Februar waren die Tage viel zu kurz, und sie konnte verstehen, dass Kinder im Spiel die Zeit vergaßen. Aber ihre Mütter würden sich zu Recht große Sorgen machen. Schon tagsüber waren die schmalen Straßen für kleine Radfahrer gefährlich, doch nachts konnten sie tödlich sein. Außerhalb von Penhally Bay fehlte jede Straßenbeleuchtung.

„Da wären wir, meine Damen.“ Mike hielt direkt vor der Praxis und sprang aus dem Wagen, um die Doppeltüren zu entriegeln. Mit einer übertriebenen Verbeugung klappte er die Stufen aus. „Heraus, meine Schöne“, sagte er zu Maureen. „Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst und die Beine hochlegst. Lass dir von deinem Alten einen schönen Tee kochen.“ Er beugte sich vor und fügte augenzwinkernd hinzu: „Mehr nicht. Falls er dir an die Wäsche will, der Chirurg hat’s verboten. Jedenfalls bis zur ersten Nachuntersuchung.“

„Benimm dich, Mike Barber, oder ich erzähle Brian, was du gesagt hast“, warnte Maureen lachend. „Leg dich lieber nicht mit ihm an.“

„Du hättest keine Chance“, meinte Maggie, während sie Maureen nachsah, die langsam über den Parkplatz ging. Brian stieg aus einem Wagen voller Kinder und kam seiner Frau entgegen. „Nicht bei jemanden von seinem Kaliber. Hast du mal seine Muskeln gesehen?“

„Meine sind auch nicht ohne.“ Offensichtlich in seinem männlichen Stolz gekränkt winkelte er den Arm an und ließ seinen Bizeps spielen.

„Sage ich ja gar nicht.“ Sie unterdrückte ein Lächeln. „Aber deine sind aus der Muckibude. Er hat die echten Dinger, gestählt durch harte Arbeit im Hafen.“

Maggie räumte auf, und sie verriegelten die Hecktüren, um ins Depot zu fahren. Mit ein bisschen Glück mussten sie nicht noch einmal ausrücken, bevor sie den Rettungswagen an die Kollegen von der Nachtschicht übergaben.

„He, Maggie! Mike!“, rief eine Stimme, als sie gerade zur Fahrerkabine gingen.

„Hallo, Mrs Furse.“ Maggie machte kehrt, als die mütterliche Gestalt sie zu sich winkte. Die leitende Sprechstundenhilfe der Gemeinschaftspraxis Penhally Bay war eine der liebsten Freundinnen ihrer Mutter gewesen.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du Hazel zu mir sagen sollst! Du bist doch längst erwachsen.“ Sie drückte Maggie an ihren wogenden Busen. „Euch zwei habe ich ja mindestens vierzehn Tage nicht gesehen. Habt ihr Zeit, mit uns etwas zu trinken? Ihr müsst unbedingt endlich unseren neuen Vertretungsarzt kennenlernen. Er …“

„Trinken, Hazel?“, unterbrach Mike sie neckend. „Na, du bist mir eine. Was hast du denn anzubieten?“

„Tee, Kaffee oder Wasser. Das weißt du genau, Mike Barber“, antwortete sie gespielt streng. „Benimm dich, oder ich muss mit deiner Mutter reden.“

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Das ist die Strafe, wenn man sein Leben lang in einem Ort wohnt.“

„Na, so schlimm kann es nicht sein, wenn so viele hierher zurückkommen. Dr. Nick, zum Beispiel“, meinte Maggie, während sie Hazel die Stufen zum Personalraum hinauf folgten. Krampfhaft versuchte sie, nicht daran zu denken, was sie gleich erwartete. Es war kein Zufall gewesen, dass sie die Praxis gemieden hatte.

„Genau. Nick ist nicht der Einzige, der in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt ist. Und hier ist unser neuer Kollege, auch ein Junge aus Penhally Bay.“ Hazel drehte sich um und lächelte breit jemandem zu, der direkt nach ihnen das Zimmer betreten hatte. „Maggie, ich weiß nicht, ob du dich noch an ihn erinnerst. Ihr seid zusammen zur Schule gegangen, aber er muss einige Klassen über dir gewesen sein. Es ist …“

„Adam Donnelly“, flüsterte sie. Ihr schlug das Herz in der Kehle, als sie zum ersten Mal seit einem Jahr in seine ernsten Augen blickte.

Er trug einen gut sitzenden dunkelgrauen Anzug, wie man es von einem angesehenen Allgemeinarzt erwartete. Nur war das Hemd dazu nicht weiß, sondern blau, und es betonte seine ausdrucksvollen Augen.

Zum Glück hatte Maggie ihm nie gesagt, wie sehr diese tiefblauen Augen sie schon immer fasziniert hatten. Es war eines ihrer Geheimnisse gewesen, genau wie die Tatsache, dass sie sich rettungslos in ihn verliebt hatte, lange bevor er zum Medizinstudium nach London aufgebrochen war.

Bedauerlicherweise hatten sie immer noch dieselbe Wirkung wie damals, sosehr sie sich auch dagegen wehrte.

„Maggie.“ Er nickte ihr zu.

Ein Wort nur, aber es genügte, um sämtliche Wunden wieder aufzureißen. Das letzte Mal, als sie diese raue Stimme hörte, hatte Maggie in seinen Armen gelegen und geglaubt …

„Du meine Güte, was hast du für ein Gedächtnis! Ihr müsst euch zuletzt gesehen haben, bevor er zur Uni gegangen ist. Seine Mutter ist doch weggezogen, nachdem …“ Hazel unterbrach sich kurz. „Also, zehn Jahre ist das bestimmt her.“ Anscheinend war es ihr peinlich, alle an den katastrophalen Sturm zu erinnern, bei dem auch Adams Vater unter den Toten gewesen war.

„Wir sind uns erst vor Kurzem begegnet.“ Maggie sah ihn an. „Zufällig, als ich vor einem Jahr zur Fortbildung in London war.“ Sie versuchte, unbefangen zu klingen. Wenn sie damals gewusst hätte, dass er …

„Und dann gab es einen Unfall in der U-Bahn-Station“, fügte Adam hinzu. „Wir waren vor Ort und haben geholfen, bis das Rettungsteam da war.“

Unfassbar, wie locker er über den Zwischenfall reden konnte. Noch Monate danach hatte Maggie Albträume gehabt.

„So, ihr Lieben, was wollt ihr? Kaffee oder Tee?“ Hazel eilte zu der kleinen Küchenzeile und nahm den Wasserkessel vom Herd. „In der Dose müssten noch Kekse sein. Nick hat den ganzen Nachmittag Hausbesuche, sonst wären sie längst alle.“

Maggie hatte schon dankend ablehnen wollen, überlegte es sich jedoch anders. „Was für welche? Deine berühmten Ingwerkekse?“ Die hatte sie schon als Kind geliebt. „Danke, ich nehme gern einen.“

„Ich auch, falls Sie nichts dagegen haben, Hazel.“ Der elegante ältere Herr, der vor einem der Regale stand und die Praxispost durchsah, blickte auf. „Ihr köstliches Gebäck ist einer der Gründe, warum ich meinen Ruhestand vorerst aufgegeben habe, um Nick unter die Arme zu greifen, nachdem die Avantis nach Italien gezogen sind.“

„Vielen Dank, Dr. Fletcher.“ Hazels Wangen waren plötzlich zartrosa überhaucht. „Die Ingwerkekse sind Nicks Lieblingskekse.“ Probehalber schüttelte sie die bunte Blechdose, bevor sie sie öffnete.

„Sie könnten auch meine werden“, sagte Adam und grinste jungenhaft, während er sich gleich zwei genehmigte.

Maggie wurde der Mund trocken. Sie hatte Mühe, die Keksbröckchen hinunterzuschlucken, als sie unerwartet dieses schiefe Lächeln sah, das ihr schon beim ersten Blick unter die Haut gegangen war. Damals war sie fünfzehn gewesen und Adam ein Jahr vor seinem Abitur. Sie hätte nie gedacht, dass der schlanke gut aussehende Junge sie überhaupt beachten würde. Trotzdem hatte sie ihn angestarrt, während ihr das Herz in der flachen Brust klopfte.

Und da passierte es. Er lächelte sie an. Ein bisschen frech, mit einem gewissen Funkeln in den unglaublich blauen Augen, und damit war es um sie geschehen.

Den Rest des Schuljahrs verbrachte sie ihre freien Minuten damit, in den Fluren des Schulgebäudes nach ihm zu suchen. Immer in der Hoffnung, ihn irgendwo zu entdecken. Es blieb nicht bei dem Lächeln, bald fielen die ersten schüchternen Worte. Eines Tages warteten sie zusammen auf den Schulbus, und Maggie nutzte ihre Chance.

Noch vor ihrem sechzehntem Geburtstag hatte sich eine besondere Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Sie vertrauten einander Geheimnisse an, und Maggie wusste, dass Adam Arzt werden wollte. Diesen Geburtstag würde sie nie vergessen – es war der Tag, an dem er sie zum ersten Mal küsste.

Kurze Zeit später hatte er angefangen zu studieren und war seitdem nur für eine einzige Woche wieder hier gewesen. Damals, nach dem verheerenden Sturm, stand ganz Penhally Bay unter Schock. Das Unwetter hatte viele Menschenleben gefordert, auch das von Mr Donnelly. Maggie erinnerte sich noch gut an die bewegende Trauerfeier und an Adam, der aufrecht neben seiner Mutter stand und sie stützte.

Warum ist er hier? fragte sie sich, während Mike und er sich über die alten Bergwerke in Cornwall unterhielten. Schwer vorstellbar, dass die schlanke blonde Schönheit, die sie auf seinem Hochzeitsfoto gesehen hatte, sich freiwillig in einem ländlichen Winkel von Cornwall niederlassen würde.

Na, sie wird wohl kaum versuchen, sich mit mir anzufreunden, dachte sie und unterdrückte das Bedauern, das sie von Zeit zu Zeit überkam. Maggie wäre gern Ärztin geworden. Wie oft hatte sie davon geträumt, Adam nach London zu folgen, um an derselben Universität zu studieren. Aber es sollte nicht sein. In Maggies letztem Schuljahr erkrankte ihre Mutter an Krebs. Es folgten Chemotherapie, Operationen und wieder Chemotherapie, eine Tortur, mit der sie sie nicht allein lassen wollte. Sie hatten ja nur noch einander. Also stellte Maggie ihre eigenen Pläne zurück und widmete sich der Pflege ihrer Mutter.

Als Arztfrau gehörte Adams Frau anderen gesellschaftlichen Kreisen an. Vielleicht war sie selbst auch Medizinerin. Nicht dass Maggie ihren eigenen Beruf für minderwertig hielt, er war einfach anders. Meistens trafen die Sanitäter als Erste beim Patienten ein, und oft hing sein Leben von ihrem Einsatz ab. Aber obwohl sie auf ihre Arbeit und die grüne Uniform, die sie trug, stolz war, war ihr klar, dass die Donnellys in einer anderen Liga spielten.

Jetzt musste sie aufpassen, dass sie nicht stumm danebenstand, während die anderen sich unterhielten. Hazel besaß feine Antennen und würde schnell merken, dass Maggie es vermied, mit Adam zu reden. Noch während sie überlegte, wie sie unauffällig verschwinden könnte, wurde es draußen auf der Straße laut.

„Nick!“, schrie eine Frau. „Ist hier jemand? Hilfe!“

„War das Kate Althorp?“ Hazel bekam große Augen. „Oh nein! Im Hafen muss es einen Unfall gegeben haben.“

Adam und Mike liefen bereits zur Treppe. Mit ihren langen Beinen waren sie eindeutig im Vorteil, sodass Maggie noch damit beschäftigt war, die Männer einzuholen, als diese schon den Empfangsbereich erreicht hatten.

„Was ist passiert, Kate?“ Prüfend musterte Adam die kreidebleiche Frau. „Sind Sie verletzt?“

„Nein, ich nicht. Aber Jem …“ Sie hob die Hand, und da sahen sie das Handy, das sie fest umklammert hielt. „Er hat mich angerufen. Es gab einen Unfall, und sie sind verletzt.“

„Was für ein Unfall, und wer ist verletzt?“, ertönte Nick Roberts’ tiefe Stimme. Gefolgt von einem verdutzten Patienten kam der Chef der Praxis aus seinem Sprechzimmer.

„Jem hat mich angerufen“, wiederholte sie zitternd. „Er ist mit ein paar anderen Jungs in der Mine. Es gab einen Einsturz, sie haben sich verletzt.“

„Welche Mine, Kate?“ Nick drängte sich an Adam vorbei und packte sie bei den Schultern. „In Cornwall gibt es Hunderte.“

„Das weiß ich doch“, stieß sie verzweifelt hervor. „Keine Ahnung, welche!“

Als sie schwankte, machte Maggie automatisch einen Schritt vorwärts, doch Nick hatte die Situation unter Kontrolle. Er legte den Arm um Kate und drückte sie auf den nächsten Stuhl. „Du verschwendest Zeit, Kate. Hör auf zu jammern und denk nach!“, fuhr er sie an.

Alle sahen, wie sie nach Luft schnappte und ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, als hätte er sie geohrfeigt. Der scharfe Ton zeigte jedoch Wirkung. Kate nahm sich zusammen.

„Er hat’s mir nicht gesagt.“ Tränen strömten ihr über die Wangen. „Ich wollte ihn zurückrufen, aber der Empfang war zu schwach. Das ist ja das Problem hier in der Gegend.“

„Also, was hat er gesagt?“

„Dass sie die Mine erkundet haben … und … und etwas … oder jemand … ist gefallen. Oh Gott, Nick, mein Junge braucht Hilfe, und ich weiß nicht, wo er ist, oder wie …“

„Sie? Wen meint er damit … seine Freunde? Wer sind seine Freunde? Wo wollten sie spielen?“

„Ich … was weiß ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Jungs aus seiner Schule, glaube ich. Er hat nur gewinkt und mir zugerufen, er sei zum Abendessen zurück und … und …“ Erneut drohte sie die Fassung zu verlieren, aber ein Blick in Nicks Gesicht belehrte sie anscheinend eines Besseren. „Sie sahen älter aus, aber er ist groß für sein Alter … Das Fahrrad hat er gerade erst zu Weihnachten bekommen, doch es ist ihm bestimmt bald zu klein, und …“

„Sie sind mit Fahrrädern unterwegs?“ Maggie fielen die bunten Kinderfahrräder ein. „Wie viele sind es, vier oder fünf vielleicht?“

„Ja! Hast du sie gesehen? Oh, Maggie, wo waren sie? Du hättest sie mit dem Rettungswagen in die Praxis bringen können. Das hättest du sicher getan, wenn …“

„Kate“, unterbrach sie sie sanft. „Die Jungen habe ich nicht gesehen, aber ich weiß, wo ihre Räder sind.“ Sie wandte sich an ihren Kollegen. „Mike, erinnerst du dich an die Stelle, wo wir angehalten haben, als Mr Dinnis … als wir uns um Mr Dinnis kümmern mussten?“, verbesserte sie sich, um die Schweigepflicht zu wahren. „Hinter der Steinmauer, bei den Ginsterbüschen, lagen Fahrräder. Wie viele es waren, konnte ich nicht genau sehen, aber ich schätze, nicht mehr als ein halbes Dutzend.“

„Bring mich hin, bitte!“ Kate sprang auf. „Ich muss meinen Sohn finden. Er ist alles, was ich noch habe.“

„Du gehst nirgendwohin. Erst verständigen wir die Rettungsleitzentrale.“ Nick drückte sie wieder auf den Stuhl. „Wir …“

„Ich habe schon angerufen und ihnen gesagt, dass Jem in einer Mine festsitzt“, unterbrach sie ihn. „Das Team ist unterwegs. Wir sollen uns hier an der Praxis mit ihnen treffen.“

„Gut, dass wir auch für Rettungseinsätze ausgebildet sind“, sagte Nick. „Das hattest du noch organisiert, als du Praxismanagerin warst.“

„Inzwischen kann ich ja mit Maggie und Mike zu dem Platz fahren, wo sie die Fahrräder gesehen hat, um herauszufinden, welche Mine es ist“, schlug Adam vor.

Die Idee gefiel Maggie nur so lange, bis ihr klar wurde, dass sie ihm dadurch näherkommen würde, als ihr lieb wäre.

Es war schon schwer genug, dass er genauso umwerfend aussah wie damals. Ihn anzublicken und zu wissen, dass er einer anderen gehörte, tat unbeschreiblich weh. Die Vorstellung, regelmäßig mit ihm zusammenarbeiten zu müssen, nahm ihr schon jetzt den Mut. Vielleicht blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr geliebtes Penhally Bay zu verlassen.

„Ausgezeichnet, Adam. Wir warten, bis wir etwas von dir hören, und schicken das Team zu dir, falls Maggies Spur richtig ist.“

Mike war draußen beim Wagen gewesen, kam nun wieder herein und winkte Maggie zu sich. Wahrscheinlich hatte er mit der Einsatzzentrale gesprochen. Falls sie zu einem Herzpatienten ausrücken mussten wie bei Walter Dinnis, würde Adam sich allein umsehen müssen.

„Das war die Zentrale“, bestätigte er ihre Gedanken. „Sie wissen, dass unsere Schicht fast vorbei ist, aber wir sollen hierbleiben und, wenn nötig, helfen. Es kann dauern, bis sie uns die Ablösung schicken.“

„Soll ich bei euch mitfahren oder meinen Wagen nehmen?“, fragte Adam.

„Such dir was aus“, antwortete Maggie munter. Insgeheim war sie froh, dass in der Fahrerkabine kein Platz für ihn war. Ihre Gefühle waren ein einziges Chaos. Da musste er nicht auch noch dicht neben ihr sitzen. Sie wusste ja nicht einmal, ob sie ihn liebte oder hasste – so wie sie vor einem Jahr auseinandergegangen waren.

„Wenn Sie mit uns fahren, müssen Sie hinten rein!“, rief Mike ihm zu. „Aber halten Sie sich gut fest. Die Kurven in den Hügeln hinter Penhally Bay sind so schon nicht ohne. Im Rettungswagen ist es die Hölle.“

„Okay, dann folge ich euch.“

Maggie vergewisserte sich, dass die Hecktüren fest verschlossen waren, und sprintete nach vorn zur Fahrerkabine.

Als Adam den Schlüssel ins Zündschloss steckte, hatte Mike das schwere Fahrzeug schon gewendet und fuhr auf die Straße. Sekunden später raste es mit Blaulicht und Sirene davon. Adam musste das Gaspedal durchtreten, um den Rettungswagen einzuholen.

An der Hafenbrücke verengte sich die Straße. Als ein Autofahrer versuchte, sich die Vorfahrt zu sichern, blendete Mike die starken Scheinwerfer auf und hielt direkt auf ihn zu. Adam blieb dicht hinter ihm. Erst an der nächsten Brücke drosselten sie in weiser Voraussicht die Geschwindigkeit. Die Zufahrt zur Brücke war schmal, und sie konnten es nicht riskieren, ins Schleudern zu geraten und nähere Bekanntschaft mit der massiven Granitbrüstung zu machen.

Sobald sie wieder auf der Straße waren, heulte der Motor auf, und der Krankenwagen gewann an Fahrt. Mike schien entschlossen, auch das Letzte aus seinem Fahrzeug herauszuholen, um die steilen Windungen zu bezwingen.

Obwohl Adam seit Jahren nicht in Penhally Bay gewesen war, hätte er mühelos auf Autopilot schalten können. Die Gegend war ihm so vertraut, dass seine Gedanken abschweiften, hin zu der Frau, die im Rettungswagen saß.

Er hatte gewusst, dass Maggie noch in Cornwall lebte und arbeitete, und sich hauptsächlich deshalb auf die Stelle als Vertretungsarzt beworben. Doch als er vorhin den Aufenthaltsraum betrat und sie dort stehen sah, schlank und zierlich in ihrem grünen Sanitäter-Overall, hatte er im ersten Moment den Atem angehalten.

Nicht nur, weil sie sich die Haare abgeschnitten hatte. Vor einem Jahr waren sie schulterlang gewesen, und sie trug sie meistens zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber die neue kinnlange Frisur unterstrich ihre elfenhafte Schönheit. Ihre ungewöhnlichen haselnussbraunen Augen kamen noch besser zur Geltung.

Unwillkürlich verzog er das Gesicht. Ihrer Miene nach zu urteilen, war sie nicht gerade erfreut gewesen, ihn wiederzusehen. Andererseits, was hatte er denn erwartet? Er war schuld daran, dass ihr letztes Treffen so geendet hatte. Und obwohl es nicht seine Absicht gewesen war, wusste er doch, dass er ihr wehgetan hatte.

Ein Grund mehr, eine Weile in Penhally Bay zu bleiben. Adam sah seine Chance, ihr endlich das Chaos zu erklären, das sein letztes Jahr bestimmt hatte. Und ihr zu sagen, dass er es nicht darauf angelegt hatte, sie dazu zu bringen, ihre moralischen Prinzipien über Bord zu werfen. Die Umstände …

„Vergiss es“, murmelte er, als am Rettungswagen der Blinker aufleuchtete. Adam ging vom Gas. „Erst müssen wir die Kinder finden.“

Mit Maggie zu reden, sie um Verständnis zu bitten, deshalb war er hier. Er hoffte, dass sie ihm verzieh und ihn wieder in ihr Leben ließ, aber bis dahin musste er sich wohl oder übel noch eine Weile gedulden. Nach der Arbeit konnte er versuchen, sie davon zu überzeugen, dass sie sich unbedingt unterhalten mussten.

Adam konzentrierte sich auf die Rettungsaktion, die vor ihnen lag. Keine leichte Aufgabe, weil die hübsche junge Frau dort vorn viel mehr für ihn war als eine Kollegin.

2. KAPITEL

„Fahr langsamer, Mike. Hier links müssen sie irgendwo sein.“ Maggie spähte in die zunehmende Dämmerung.

Jede Sekunde dieser rasanten Fahrt hatte sie an Adam denken müssen. Adam, der in dem Wagen hinter ihnen saß, der erste und einzige Mann, den sie je geliebt und der ihr vor einem Jahr in London das Herz gebrochen hatte.

Ihr war immer noch nicht klar, ob sie sich fürchten oder froh darüber sein sollte, dass er wieder in ihrem Leben aufgetaucht war. Ein Blick in seine blauen Augen hatte genügt, um Schmetterlinge in ihrem Bauch aufzuscheuchen. Und es wurde noch schlimmer. Als er sich zu ihr beugte, stieg ihr der Duft nach Seife und Mann in die Nase, den sie nur mit Adam verband. Sie hatte sich sogar eingebildet, seinen warmen Atem in den Haaren zu spüren.

Autor

Josie Metcalfe
Als älteste Tochter einer großen Familie war Josie nie einsam, doch da ihr Vater bei der Armee war und häufig versetzt wurde, hatte sie selten Gelegenheiten, Freundschaften zu schließen. So wurden Bücher ihre Freunde und Fluchtmöglichkeit vor ihren lebhaften Geschwistern zugleich.
Nach dem Schulabschluss wurde sie zur Lehrerin ausgebildet, mit dem...
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