Einmal um die Welt - Milliardäre zum Verlieben

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Ballnacht mit dem griechischen Milliardär
Ein Milliardär hält sein Versprechen: Der griechische Tycoon Nikos Pandakis wird Helena helfen, ihre verschollene Mutter zu finden. Unter einer Bedingung: Helena soll ihn zu einer Party der Highsociety begleiten. Das wird seine aufdringlichen Verehrerinnen hoffentlich auf Abstand halten! Gesagt, getan – doch als Helena in Ilias' Armen über das Tanzparkett schwebt, seine warmen Hände und später seine heißen Lippen spürt, erkennt sie erschrocken: Sie ist dabei, ihr Herz zu verlieren. Und das ausgerechnet an einen Mann, der geschworen hat, niemals zu lieben.

Wenn ein Milliardär dich küsst …
Höchste Zeit zu handeln! beschließt der Milliardär Maguire Cochran. Kurzentschlossen lädt er die zarte Lehrerin Carolina in seinen Privatjet ein und fliegt mit ihr zu seinem Anwesen. Hier, wo der Himmel die schneebedeckten Berge küsst, will er der weichherzigen Blondine erklären, warum sein Vater ihr unerwartet ein Riesenvermögen hinterlassen hat. Sie muss lernen, hart zu sein, keine falschen Freunde an sich heranzulassen! Doch nichts hat den starken Retter darauf vorbereitet, dass er sich plötzlich ganz schwach fühlt. Schwach vor Liebe für Carolina.... …

Die Schöne und der Milliardär
Als Sonya mit dem Unternehmer Marcus Wainwright eine Party in Sydney besucht, gerät sie unerwartet ins Rampenlicht. Ist die junge Schönheit am Arm des alten Mannes eine Erbschleicherin? fragt sich bald nicht nur die High Society der Stadt. Sonya ist verzweifelt. Denn auch Marcus’ faszinierender Neffe, der Milliardär Holt Wainwright, scheint inzwischen den Gerüchten über sie zu glauben. Und das darf nicht sein! Seit Holt sie voller Zärtlichkeit geküsst hat, sehnt Sonya sich verzweifelt nach seiner Liebe. Was kann sie nur tun, damit er ihr Vertrauen – und sein Herz – schenkt?

Die Nanny und der Milliardär
Nanny in New York gesucht! Die bezaubernde Reese kann ihr Glück kaum fassen: Der Milliardär Nick Wainwright engagiert sie als Kindermädchen. Einen Sommer lang soll sie sich in seinem luxuriösen Penthouse an der Park Avenue um seinen Sohn kümmern. Doch nicht nur der süße kleine Jamie erobert ihr Herz im Sturm. Ohne es zu wollen, ist Reese magisch angezogen von Nick. Ein verbotenes Gefühl, dem sie mit aller Kraft widerstehen muss! Doch dann fliegt sie mit Nick auf die idyllische Insel Martha’s Vineyard. Zum ersten Mal allein mit ihm, zieht er sie in die Arme und küsst sie voller Verlangen.


  • Erscheinungstag 20.07.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787264
  • Seitenanzahl 576
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Rebecca Winters, Jennifer Greene, Margaret Way, Marian Mitchell

Einmal um die Welt - Milliardäre zum Verlieben

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IMPRESSUM

ROMANA erscheint 14-täglich in der Harlequin Enterprises GmbH

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Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Cheflektorat:

Ilse Bröhl

Lektorat/Textredaktion:

Ilse Bröhl

Produktion:

Christel Borges, Bettina Schult

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Vertrieb:

Axel Springer Vertriebsservice GmbH, Süderstraße 77, 20097 Hamburg, Telefon 040/347-29277

Anzeigen:

Christian Durbahn

Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

 

© 2011 by Rebecca Winters

Originaltitel: „The Nanny And The CEO“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: ROMANA

Band 1912 (20/2) 2011 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg

Übersetzung: Iris Pompesius

Fotos: RJB Photo Library_shutterstock

Veröffentlicht als eBook in 09/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN: 978-3-86349-180-2

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

ROMANA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, HISTORICAL MYLADY, MYSTERY, TIFFANY HOT & SEXY, TIFFANY SEXY

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Rebecca Winters

Die Nanny und der Milliardär

1. KAPITEL

„Ms Chamberlain? Sie sind die Nächste. Zweite Tür links, bitte.“

Reese stand auf, bedankte sich bei der Frau am Empfang und ging in die Halle. Obwohl es erst zehn Uhr war, warteten mit ihr schon viele andere Menschen in der Arbeitsagentur auf der New Yorker Eastside. Man hatte sie ihr als eine der besten in der Stadt empfohlen. Doch nun fühlte Reese sich hier ein bisschen wie in der immer überfüllten Praxis ihres Zahnarztes zu Hause in Nebraska.

Dem war es allerdings egal, wie sie gekleidet war. Doch war sie für ein Vorstellungsgespräch passend angezogen? Nach langem Überlegen hatte sie sich wieder für das gelbe Ensemble, gelbe Bluse und dazu passendem Rock, entschieden, in dem sie schon vor drei Tagen hergekommen war, um sich für eine Stelle als Kindermädchen zu bewerben. Mehr als ein einziges Angebot hatte ihr die Agentur bisher noch nicht gemacht. Wenn sie diesen Job nicht bekam, würde sie morgen nach Hause zurückfliegen müssen. Und das war das Letzte, was sie wollte.

In der Holzhandlung ihres Vaters konnte sie zwar jederzeit arbeiten, doch bei ihm verdiente sie weniger, als sie benötigte. Außerdem würde ihr Exverlobter von ihrer Rückkehr erfahren, weil er die Darlehen in der Bank vergab, bei der ihr Vater Kunde war, und diese Aussicht gefiel ihr gar nicht.

„Kommen Sie herein, Ms Chamberlain.“

„Schön, Sie wiederzusehen, Mr Lloyd.“

„Ich möchte Sie Mrs Tribe vorstellen. Sie ist die Sekretärin von Mr Nicholas Wainwright hier in New York und sucht für ihn nach dem richtigen Kindermädchen. Am besten, ich lasse Sie beide ein paar Minuten allein miteinander sprechen.“

„Setzen Sie sich doch, bitte“, sagte die gepflegte dunkelhaarige Frau im Geschäftskostüm. Reese schätzte sie auf Anfang fünfzig.

„Ihren Unterlagen entnehme ich, dass Sie Studentin sind. Ihre Beurteilungen sind ausgezeichnet. Doch Sie haben offenbar keinerlei Erfahrungen mit eigenen oder fremden Kindern vorzuweisen. Deshalb frage ich mich, weshalb Sie ausgerechnet eine Stelle als Kindermädchen suchen?“

Reese hielt nichts von Notlügen, und Mrs Tribe sah so aus, als könnte sie jede durchschauen. „Ich muss in diesem Sommer genug Geld verdienen, um bis zum Examen weiterstudieren zu können. Mein Stipendium deckt nicht die Lebenshaltungskosten“, gab sie zu. „Und selbst wir aus der Provinz wissen, dass Kindermädchen in New York sehr gut bezahlt werden. Deshalb habe ich es versucht.“ Eine ehrlichere Antwort konnte sie nicht geben.

„Kinder zu versorgen ist eine verantwortungsvolle und anstrengende Angelegenheit. Das weiß ich, weil ich zwei eigene großgezogen habe.“

„Natürlich.“ Reese lächelte. „Ich bin die Älteste von sechs Geschwistern und habe oft auf die jüngeren auspassen müssen. Als die Kleinste geboren wurde, war ich vierzehn. Meiner Mutter ging es nach der Geburt gesundheitlich lange nicht gut. Ich habe ihr viel mit dem Baby geholfen. Es hat mir große Freude gemacht. Meine Schwester war ein niedliches Baby. Das ist nun zwölf Jahre her.“ Sie seufzte. „Doch ich bin sicher, dass ich nichts vergessen habe. Wer schwimmen kann, verlernt es nicht mehr. Und den liebevollen Umgang mit Kindern auch nicht. Was glauben Sie?“

„Das sehe ich auch so.“

„Wie viele Kinder hätte ich bei der Familie zu versorgen?“, fragte Reese und hoffte inständig, dass es nicht mehr als drei waren. Obwohl sie auch eine solche Aufgabe nicht ablehnen würde, wenn das Gehalt stimmte.

„Mr Wainwright ist Witwer und hat einen zehn Wochen alten kleinen Jungen namens Jamie.“

Nur ein einziges Baby? Mit so viel Glück hatte Reese nicht gerechnet. Andererseits taten ihr Vater und Sohn unendlich leid. „Dann trauert er noch um seine Frau.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wie furchtbar für ihn und den Kleinen. Er wird seine Mutter nie kennenlernen.“

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und dachte an ihre eigene wunderbare Mutter. Sie war ungefähr im Alter von Mrs Tribe, immer noch jung und sehr vital.

„Ja, es ist ein tragischer Verlust für die beiden. Eigentlich hat Mr Wainwright bereits ein Kindermädchen gefunden, doch die Dame kann erst im September anfangen, für ihn zu arbeiten. Deshalb passt es sehr gut, dass Sie keine unbefristete Stelle suchen, sondern sich nur für diesen Sommer zur Verfügung stellen. Das ist einer der Gründe, weshalb mich Ihre Bewerbung interessiert hat.“

„Und was sind die anderen Gründe?“, fragte Reese neugierig.

„Sie haben keine unrealistischen Gehaltsforderungen gestellt. Und Sie sind intelligent. Ein Stipendium für ein Master-Studium an der Wharton School erhalten nur die allerbesten Studenten. Vor ihnen liegt eine glänzende Karriere.“

„Ich habe schon Pläne“, sagte Reese und meinte damit den Aufbau einer eigenen Wertpapier-Maklerei. Diesem Traum hatte sie bereits ihr privates Glück geopfert. Jeremy hatte ihr krankhaften Ehrgeiz vorgeworfen. In Wirklichkeit wollte er aber keine Frau, die arbeitete. Und Reese hatte bei den Auseinandersetzungen herausgefunden, dass sie keinen Ehemann wollte, der ihre berufliche Zukunft bremste. Die Trennung war schmerzlich, doch unvermeidlich gewesen. Inzwischen ging es ihr wieder besser, und sie war entschlossener denn je, ihre Ziele weiterzuverfolgen.

Mrs Tribe hatte sich zurückgelehnt und Reese beobachtet. „Auch ich hatte einen Traum“, sagte sie. „Doch ich konnte nicht solche Noten vorweisen wie sie. Einer ihrer Professoren hat mir am Telefon sogar gestanden, dass er Sie für genial hält. Das habe ich gern gehört.“

Reese wurde rot vor Freude. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, welcher ihrer Hochschullehrer so etwas gesagt haben könnte. „Danke. Damit ist der Tag gerettet.“

Mrs Tribe betrachtete sie nachdenklich. „Jedenfalls halte ich Sie für geeignet. Aber die letzte Entscheidung liegt bei Mr Wainwright und bei Ihnen natürlich. Auch über das Gehalt kann ich Ihnen nichts sagen. Und vor allem sollten Sie das Baby kennenlernen.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Mrs Tribe“, sagte Reese. Besser hätte das Gespräch nicht verlaufen können. „Ich verspreche, dass ich Sie und Mr Wainwright nicht enttäuschen werde. Haben Sie ein Foto von dem kleinen Jamie bei sich?“

Irritiert runzelte die Frau die Stirn. „Nein, habe ich nicht. Doch Sie werden das Baby und seinen Vater schon heute Nachmittag kennenlernen. Wo sind Sie hier in New York zu erreichen?“

„Im Chelsea Star Hotel, in der 30th Street.“

„Sagten Sie nicht, dass Sie sofort anfangen können zu arbeiten?“

„Ja.“ Das Bett im Schlafsaal kostete fünfzig Dollar die Nacht. Spätestens morgen musste sie ausziehen, da ihr Erspartes zur Neige ging.

„Gut. Wenn Mr Wainwright meiner Empfehlung vertraut und Sie mit seinem Gehaltsangebot einverstanden sind, können Sie noch heute anfangen zu arbeiten.“

„Brauche ich dafür irgendeine Arbeitskleidung? Und was soll ich zum Vorstellungsgespräch anziehen? Das Ganze ist ja ganz neu und ungewohnt für mich“, platze Reese heraus.

„Behalten Sie einfach an, was Sie tragen. Wenn er andere Vorstellungen hat, wird er es Ihnen mitteilen“, sagte Mrs Tribe.

„Das Baby wird sich bestimmt nur schwer an mich gewöhnen“, murmelte Reese nachdenklich. „Es ist daran gewöhnt, von seinem Daddy versorgt zu werden.“

Mrs Tribe antwortete nicht gleich. Dann räusperte sie sich. „Nun. Jamie wurde bis jetzt nicht von seinem Vater, sondern von den Eltern seiner verstorbenen Mutter versorgt.“

„Ach. Mr Wainwright wohnt mit seinen Schwiegereltern zusammen?“

„Nein. Die Hirsts leben in White Plains. Bei starkem Verkehr braucht man eine Stunde bis zu ihrem Wohnsitz.“

Dann war das Baby in seinen ersten Lebenswochen nicht beim Vater gewesen? Das konnte nicht sein. Wahrscheinlich waren die Großeltern erst kürzlich in ihr Haus zurückgezogen.

„Hat Jamie auch väterlicherseits Großeltern?“

„Ja. Doch die sind zurzeit auf Reisen.“

Auch das fand Reese merkwürdig. Sie kam aus einer großen Familie. Beide Großelternpaare lebten noch und waren immer eingesprungen, solange ihre Eltern Hilfe brauchten, obwohl sie noch andere Kinder und Enkelkinder hatten. Sieben Tanten und Onkel gehörten zu ihrer Familie, und einundzwanzig Cousinen und Cousins. Dann kamen noch sie selbst, ihre fünf Geschwister und die ersten Urenkel hinzu … Ihr Arbeitgeber hatte wohl keine Brüder und Schwestern.

„Sie scheinen Mr Wainwright schon eine Weile zu kennen. Gibt es etwas Wichtiges, das ich über ihn wissen sollte?“

„Er legt Wert auf Pünktlichkeit.“

„Das kommt mir entgegen.“

„Um ein Uhr wird Sie sein Wagen vom Hotel abholen“, sagte Mrs Tribe und erhob sich. „Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“

„Danke, dass Sie mir eine Chance geben, Mrs Tribe. Ich werde vor dem Hotel warten. Oh, ich habe noch eine Frage. Was macht Mr Wainwright beruflich?“

„Entschuldigen Sie. Ich habe angenommen, Sie als Wharton-Studentin wüssten es ohnehin. Er ist Generaldirektor der Sherborne-Wainwright & Co am Broadway.“

„Danke“, murmelte Reese. Nicht mal im Traum wäre sie darauf gekommen, dass ihr künftiger Arbeitgeber etwas mit dem angesehenen Wertpapierhandelsunternehmen zu tun hatte. Es war nicht nur eines der besten der Welt, sondern auch eines der traditionsreichsten. Automatisch hatte sie sich vorgestellt, dass es von einem älteren Herrn mit langer Erfahrung geleitet wurde. Aber vielleicht war Mr Wainwright wirklich schon fünfzig oder älter, und die verstorbene Mutter seines Babys war sehr viel jünger als er und vielleicht nicht einmal seine erste Ehefrau gewesen.

Nick Wainwright stand vor dem Grab mit der Inschrift „In liebevollem Gedenken an Erica Woodward Hirst Wainwright“.

Zweiunddreißig Jahre war sie geworden. Viel zu jung, um zu sterben.

„Es tut mir leid, dass ich dich vernachlässigt habe, Erica“, sagte er leise. „Ich bedauere unsere Trennung. Ich wusste nicht, dass du schwanger warst, als wir uns scheiden ließen. Schon gar nicht, dass du bei der Geburt sterben würdest. Es macht mir Kummer, dass unser Sohn ohne Mutter aufwachsen muss. Ich will nun deinen letzten Wunsch, dass ich ihn großziehe, erfüllen. Doch ich habe lange daran gezweifelt, ob ich ihm ein guter Vater sein kann. Nur deshalb habe ich ihn bis jetzt deinen Eltern überlassen. Nun bin ich so weit und verspreche dir, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun will, ihm ein besserer Vater zu werden, als ich dir Ehemann war. Wenn du mich nur hören könntest! Ich will dir schwören, dass ich dieses Versprechen halte.“

Nachdem er die frischen Blumen auf den Grabstein gelegt hatte, drehte er sich um und ging rasch zurück zu der Limousine, die vor dem Friedhof auf ihn wartete. Seit der Beerdigung war Nick nicht mehr hier gewesen. Der Besuch erfüllte ihn mit Trauer über die Vergangenheit, bestärkte ihn aber auch in der Entscheidung, Jamie nach Hause zu holen. Es war richtig gewesen, vorher hierher zu kommen.

Kaum hatte er die Tür des Wagens geschlossen, fiel sein Blick auf den nagelneuen Babysitz. Darin wollte er seinen zehn Wochen alten Jungen mit sich in die Stadt nehmen.

„Fahren wir zu meinen Schwiegereltern“, sagte er.

Paul, sein Chauffeur, nickte und startete den Motor. Er kannte Nick schon viele Jahre. Erst seitdem dessen Vater die Leitung des Unternehmens abgegeben hatte, arbeitete er für den Sohn. Nick und Paul hegten Sympathie füreinander und kamen bestens miteinander aus.

Sobald sie den Friedhof von White Plains mit der hundertfünfzig Jahre alten Grabstätte der Familie Hirst hinter sich gelassen hatten, rieb sich Nick die Stirn. In wenigen Minuten würde es eine Szene geben. Doch darauf war er innerlich vorbereitet.

Während Ericas Schwangerschaft hatte er nicht mehr mit ihr zusammengelebt. Ihr Tod war ein Schock für ihn gewesen. Er hatte sich zwar damit einverstanden erklärt, dass seine Schwiegereltern das Baby vorerst zu sich nahmen. Doch dass er so lange brauchen würde, um seinem Sohn ein Zuhause zu schaffen, war nicht geplant gewesen.

Spätestens seit er mit Jamies Kinderarzt telefoniert hatte, wusste er dann, dass er das Kind so rasch wie möglich selbst versorgen musste, wenn ihm eine enge Vater-Sohn-Bindung am Herzen lag. Der Arzt hatte ihm auch einen Kollegen in der City empfohlen, der seine kleinen Patienten in der Kinderklinik auf der New Yorker Upper Westside weiterbehandelte, wenn sie sehr krank waren.

Doch Nick hatte noch eine Weile gezögert, seinen Anwalt über seine Pläne zu informieren, damit der sich mit dem der Hirsts in Verbindung setzte. So hatten seine Schwiegereltern erst kürzlich erfahren, dass er bereit war, seinen väterlichen Pflichten nachzukommen und Jamie zu sich nach Hause zu nehmen.

Ericas Eltern wiederum hatten sich darauf eingerichtet, den Kleinen so lange zu behalten, bis das Kindermädchen, auf das sie schon so lange aus waren, seine Stelle antreten konnte. Sie wollten die Kontrolle über die Erziehung ihres einzigen Enkelkindes nicht ganz aus der Hand geben. Zumindest verlangten sie Mitspracherecht, was Jamies Umgang anging, welche Schule er einmal besuchte und an welcher Universität er später studierte, damit aus ihm ein echter Hirst würde, der die Familientradition fortsetzte.

Doch Nick ließ sich nicht länger vertrösten. Über die Anwälte hatte er zugesichert, bestimmte Angelegenheiten auch in Zukunft mit seinen Schwiegereltern zu besprechen und ihnen das Kind besuchsweise zu bringen, doch im tiefsten Inneren wusste er, dass sie das nicht zufriedenstellte.

Die Probleme waren vorprogrammiert. Zumal auch seine Familie, die auf Long Island lebte, die Kontrolle über die Erziehung ihres einzigen Enkels verlangte. Allerdings hielten sich seine Eltern zurzeit mit Freunden in ihrer Villa in Cannes auf und vertrauten darauf, dass Nick ihre Ansprüche gegen die der Hirsts geschickt vertrat. Ihr Plan war es, Jamies anderen Großeltern den Vortritt zu lassen, solange er klein war, um ihn dann später unter den eigenen Einfluss zu stellen.

„Wenn Ericas Eltern Jamie jetzt bei sich haben“, hatte seine Mutter am Telefon gesagt, „dann überlass ihnen doch das Kind für das nächste Jahr oder so. Du kannst ihn schließlich jederzeit besuchen, wenn du Zeit hast. Unter den gegebenen Umständen ist es die beste Lösung. Später sehen wir dann weiter.“

Nick kannte seine Eltern. Vorerst gönnten sie den Hirsts noch den gemeinsamen Enkel. Sie sahen ihn als eine Art Trostpreis an, auch als Wiedergutmachung, weil die Ehe ihrer Kinder gescheitert war. Inzwischen suchten sie schon wieder nach einer neuen passenden Partie für ihren einzigen Sohn.

Sie hatten ihm die ihrer Meinung nach allerbeste Erziehung angedeihen lassen. Viele Menschen hatten sich um ihn gekümmert, nur sie selbst nicht. Dass er ein einsames und unglückliches Kind gewesen war, hatten seine Eltern weder bemerkt noch für möglich gehalten. Jamie sollte es nicht auch so ergehen. Mit seinem Sohn wollte Nick es anders machen. Aber wie?

Obwohl er alle Erwartungen und Ansprüche mit mehr oder weniger großer Leichtigkeit erfüllt hatte und seit einiger Zeit das Familienunternehmen leitete, das seit Jahren erfolgreich mit Wertpapieren handelte, fühlte er sich als Vater vollkommen hilflos. Die Welt seines dreieinhalb Monate alten Babys war ihm schleierhaft geblieben, obwohl er es jeden Sonntag besuchte.

Wegen des vielen Personals und der Kinderschwester, die Jamie fütterte, badete und wickelte, hatte Nick sich immer überflüssiger gefühlt. Um dieser aufdringlichen Frau in weißer Tracht zu entkommen, war er mit dem Kleinen spazieren gegangen, wann immer das Wetter es zuließ. Doch die meiste Zeit hatte er im Kinderzimmer zugebracht und sein sattes, sauberes und schlafendes Kind angeschaut. Auf diese Weise war er ihm jedoch nicht nahegekommen.

Als das Auto in die Auffahrt des Anwesens einbog und die alte, noch aus der Kolonialzeit stammende Villa seiner Schwiegereltern in Sicht kam, beschloss Nick, ab sofort alles zu ändern. „Es wird nicht lange dauern“, teilte er Paul mit, bevor er ausstieg.

„Ich freue mich, Jamie wiederzusehen“, sagte der Chauffeur, dessen Kinder schon fast erwachsen waren. „Bin gespannt, wie viel er diesmal gewachsen ist.“

Genau darin bestand das Problem für Nick. Mit jedem Tag hatte das Baby sich verändert, und er war nicht da gewesen. Er wollte kein Sonntagsvater mehr sein, sondern ein richtiger Vater.

Noch bevor er die weiße Eingangstür erreicht hatte, wurde sie geöffnet. Ericas Vater, das dichte braune Haar vom Golfspielen noch windzerzaust, das gut geschnittene Gesicht von der Sonne gebräunt, trat ihm entgegen wie meist, nämlich mit finsterer Miene.

Nick ärgerte sich darüber, und musste sich zusammenreißen. „Walter?“

„Bevor ich dich hereinlasse, möchte ich dich darauf vorbereiten, dass Anne äußerst angespannt ist.“

„Damit habe ich gerechnet.“

„Sie hat mich gebeten, dir zu sagen …“

„Ich kann mir denken, was“, unterbrach Nick ihn. „Ich kann die Vergangenheit leider nicht ändern, aber ich kann ab jetzt das Richtige für die Zukunft unseres Sohnes tun. Das habe ich Erica versprochen. Ich war gerade an ihrem Grab.“

Walter sah ihn unsicher an. Dann trat er beiseite. „Komm herein. Die Kinderschwester hat Jamie für die Abreise fertig gemacht.“

„Ich danke dir.“

Noch immer war es nicht leicht für Nick, das Elternhaus von Erica zu betreten. Es weckte die Geister der Vergangenheit. Hierher war seine verstorbene Exfrau im letzten ihrer drei Ehejahre während des Scheidungsverfahrens zurückgekehrt. Und hier hatte sie auch schon vor der Trennung mehr Zeit verbracht als in der gemeinsamen Wohnung in der Stadt. Dabei waren sie bei der Hochzeit recht glücklich gewesen. Doch schon bald hatte sich herausgestellt, dass sie nicht zueinander passten.

Er hatte ihre stillen Erwartungen enttäuscht und sie seine. Das, was andere und sie selbst für einen Vorteil gehalten hatten, nämlich die gleiche Herkunft und Erziehung, war schließlich zum Grund ihrer Entfremdung geworden. Der förmliche, bald hölzerne Umgang miteinander hatte jede Lebensfreude erstickt. Das letzte intime Beisammensein war Nick als halbherziger Versuch in Erinnerung geblieben, das, was sie in den Flitterwochen verbunden hatte, wieder aufleben zu lassen.

Nick folgte seinem Schwiegervater ins Besucherzimmer, einem hellen, modern eingerichteten Raum, von Erica gestaltet, nachdem sie zu den Eltern zurückgezogen war. Zweifelsohne hatte sie die Änderungen vorgenommen, um sich bis zur Geburt des Babys zu beschäftigen. Von hier sah man durch hohe Fenster in einen weitläufigen Garten, dessen gepflegter Rasen wie grüner Samt aussah.

Inzwischen zeigte der Raum aber auch die Handschrift seiner Schwiegermutter. Anne hatte ihn mit Blumen und antiken Sammlerstücken dekoriert. Jetzt saß sie reglos und kerzengerade auf einem Stuhl. Daneben, auf dem Fußboden, stand eine schicke Babytragetasche. Darin lag ihr Enkelkind. Satt, trocken, für die Reise angezogen und – hellwach. Aber sie würdigte es keines Blickes.

Mit einemmal konnte Nick es kaum abwarten, Jamie von hier fortzubringen. Das Baby war bei den Hirsts gewiss perfekt versorgt worden, doch er wollte es keine Stunde länger in ihrer Obhut lassen. Er war ein emotional vernachlässigtes Kind gewesen, ebenso wie Erica, obwohl sie es weder sich noch ihm je eingestanden hatte. Seinen Sohn sollte nicht das gleiche Schicksal ereilen.

„Guten Tag, Anne.“

Seine Schwiegermutter ignorierte seinen Gruß, ja, sie schaute ihn nicht einmal an. Nick ging darüber hinweg und näherte sich der Tragetasche. Dieses winzige Wesen war sein Sohn. Er hatte sein schwarzes Haar geerbt. Von seiner Mutter den Mund. Erica war eine hübsche Frau gewesen, zart und nicht sehr groß.

„Hallo, mein Kerlchen. Kannst du dich an mich erinnern?“ Nick kniete sich neben die Tasche und griff nach Jamies Händchen. Das Baby begann zu strampeln und zu glucksen. Die Augen des Kleinen hatten in der letzten Zeit eine undefinierbare Farbe angenommen. Wahrscheinlich werden sie einmal braun, dachte Nick. Wie seine eigenen. Ob Jamie wohl schrie und weinte, wenn er sich bald in einer fremden Umgebung wiederfand, ohne die ihm vertraute Kinderschwester und seine Großeltern? Am besten erleichterte er ihm den Abschied, indem er ihn verkürzte.

Deshalb hob er seinen Sohn aus der Tragtasche und legte ihn sich gegen die Schulter. „Na los, mein Sohn. Wir machen jetzt eine kleine Spritztour mit Paul. Das wird dir bestimmt gefallen.“

Walter drückte ihm Decke und Wickeltasche in die freie Hand. Dabei sah er ihn warnend an, sich ja an die Abmachungen zu halten. „Im Seitenfach findest du ein Papier mit Informationen von der Kinderschwester über Jamies Tagesablauf, wie viel und wie oft er trinken muss, aber auch, was du an Ausstattung brauchst.“

„Ich danke euch, dass ihr das Kind bis jetzt versorgt habt. Nächsten Sonntag bringe ich ihn euch zu Besuch.“

„Wir freuen uns auf ihn“, sagte Walter. Anne hob nicht einmal die Augen.

„Wenn ihr ihn zwischendurch sehen möchtet, könnt ihr ihn gerne bei mir zu Hause besuchen. Sollte ich noch im Büro sein, lässt euch das Kindermädchen herein.“

Nun hob Anne den Kopf. Ihr Blick verriet Feindseligkeit. „Barbara Cosgriff kann ihr Kindermädchen bis September nicht entbehren. Es gibt also keinen Grund dafür, uns jetzt schon den Enkel wegzunehmen“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Doch, es gibt einen Grund, Anne, einen schwerwiegenden sogar. Ich vermisse meinen Sohn. Deshalb stelle ich übergangsweise ein anderes Kindermädchen ein.“

„Wen?“, fragte sie herrisch.

„Das weiß ich noch nicht. Meine Sekretärin hat die letzte Woche mit Bewerberinnen gesprochen. Spätestens morgen werde ich persönlich mit denen sprechen, die infrage kommen, und mich für eine entscheiden. Ich bin sicher, eine geeignete zu finden. Auf Mrs Tribe ist Verlass.“

„Was kann sie schon von Kindermädchen verstehen?“, kam es verächtlich von seiner Schwiegermutter.

„Das wirst du vielleicht nicht zu schätzen wissen, Anne, aber sie ist mir in den vergangen Jahren nicht nur eine unentbehrliche Mitarbeiterin gewesen, sondern hat währenddessen auch ihre Kinder großgezogen. Deshalb wusste sie, wonach sie suchen musste. Wie gesagt, es ist nur eine Zwischenlösung, bis die richtige Nanny frei ist.“

In Wirklichkeit war Nick sich keineswegs sicher, ob er das Kindermädchen der Cosgriffs übernehmen wollte. Doch damit durfte er seine Schwiegereltern jetzt nicht beunruhigen. „Den Sommer über werde ich weniger arbeiten, deshalb ist die Nanny nicht zwölf Stunden mit dem Kind allein.“

„Wenn du schon früher weniger gearbeitet hättest und mit Erica mehr verreist wärst, hätte das eure Ehe gerettet.“

Nein, nichts hätte die Ehe gerettet. Doch was nützte es, nach Ericas Tod mit ihrer Mutter darüber zu streiten? Also schwieg Nick.

„Dein Penthouse ist für ein Baby doch gar nicht geeignet. Aber schon mit Erica musstest du unbedingt dort leben, um schnell an deinen Arbeitsplatz zu kommen. Dabei hat sie sich so sehr ein schönes großes Haus gewünscht, wo man viele Gäste empfangen mag.“

Nick unterdrückte den aufsteigenden Ärger. „Ihre Freunde hätte sie allemal nach Opern- oder Ballettbesuchen mitbringen können. Ich habe ihr sogar angeboten, Sedgewick Manor in den Hamptons zu kaufen, doch sie wollte lieber hierher zu euch kommen. Jamie und mir wird das Penthouse reichen. Wir kommen zurecht.“

Wie, das wusste er zwar selbst noch nicht, doch er war zuversichtlich, dass er das Richtige tat. Er küsste Jamies seidiges Haar. „Und vielen Dank an die Kinderschwester. Ihre Liste wird mir in der ersten Zeit bestimmt weiterhelfen.“

Anne rührte sich noch immer nicht, sondern hielt die Hände fest im Schoß gefaltet. „Jedenfalls braucht das Kind gegen Mittag die nächste Flasche, hat die Schwester gesagt.“

„Gut zu wissen. Bis dahin sind wir längst zu Hause.“ Und hoffentlich würde er bis dahin von Leah Tribe wegen des Kindermädchens gehört haben. „Wir sehen uns am Sonntag. Und wie gesagt, ihr könnt jederzeit anrufen.“

Als er mit seinem Sohn im Arm das Haus seiner Schwiegereltern verließ, fühlte er sich plötzlich wie befreit. Von seinem schlechten Gewissen, von den Schatten der Vergangenheit. Er konnte es kaum fassen.

Mit Pauls Hilfe legte er Jamie in den Babysitz.

„Was für ein hübsches Kerlchen!“, sagte der Chauffeur und betrachtete den Kleinen. „Und er hat eine Menge von Ihnen.“ Dann legte er Nick die Hand auf die Schulter. „Ich werde ganz vorsichtig fahren.“

Nick verstaute die Wickeltasche, setzte sich neben sein Kind und schnallte sich an. Bevor sie losfuhren, sah er sich noch einmal um. Die Haustür von Hirst Hollow hatte sich wieder geschlossen. Das wunderte ihn nicht. Seine Schwiegereltern, aber auch seine eigenen Eltern zeigten ihre Gefühle nicht. Und manchmal fragte er sich, ob sie überhaupt welche hatten.

Schon längst hätte er seinen Sohn von hier fortholen sollen.

Als er in den Kindersitz sah, bemerkte er, dass das Baby ihn anschaute. Unwillkürlich musste Nick lächeln. Er streckte den Zeigefinger aus, damit Jamie danach greifen konnte. Wie fest der Kleine schon zupackte! Und bis jetzt hatte er noch keine einzige Träne vergossen und keine Unzufriedenheit gezeigt. Noch vermisste er das vertraute Gesicht der Kinderschwester nicht.

In Nick erwachten wieder die Selbstvorwürfe, weil er so lange gezögert hatte, sein Kind zu sich zu nehmen. Er war einfach nicht dazu in der Lage gewesen. Noch verstrickt und gefangen in Schuldgefühlen wegen der gescheiterten Ehe, hatte ihn Ericas plötzlicher Tod in ein tiefes Loch gestoßen. Und nun schnürte ihm Trauer die Kehle zu, weil er unfähig und mutlos gewesen war, sich dem gemeinsamen Kind schon früher zu widmen.

Erst die beiläufig gemachte Bemerkung eines Kunden hatte ihn aus der Starre gerissen. „Nach dem Tod Ihrer Frau muss das Baby ein großer Trost für Sie sein. Nichts gibt dem Leben mehr Sinn als ein Kind“, hatte er gesagt. Seitdem wagte Nick zu hoffen, dass aus ihm vielleicht doch noch ein guter Vater wurde.

Gleich nachdem der Mann gegangen war, hatte er zum Hörer gegriffen und seinen Anwalt angerufen. Das war vergangene Woche gewesen. Und seitdem suchte Leah nach einem Kindermädchen für Jamie.

Das kleine Bündel Mensch, das im Kindersitz neben ihm strampelte, war sein Sohn. Sein Fleisch und Blut. Er war sein Vater. Die Erkenntnis traf ihn bis ins Mark. „Ich weiß, dass für dich alles neu ist. Für mich aber auch“, flüsterte er über das Baby gebeugt. „Ehrlich gesagt, fühle ich mich selbst wie ein Neugeborener. Und Angst habe ich auch. Du wirst mir helfen, das alles zu schaffen, ja?“

Jamie antwortete, indem er den Mund aufriss und gähnte. Nick musste lachen.

Bisher war er noch nie für einen Menschen verantwortlich gewesen. Nein, das stimmte nicht! Bei der Trauung hatte er versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten zu seiner Frau zu stehen. Diesen Schwur hatte er gebrochen. Doch jetzt gab ihm Jamie eine zweite Chance, sich zu bewähren.

Allerdings fehlte es ihm an Übung. Er war allein aufgewachsen. Was es hieß, sich mit Geschwistern zu verbünden, sich gegen sie durchzusetzen und für sie zurückzustehen, wusste er nicht. Er hatte auch nie ein Tier gehabt, das er verhätscheln und versorgen durfte. Seine Eltern waren dagegen gewesen.

Nur selten hatte er mit seiner Cousine Hannah und seinem Cousin Greg gespielt, den Kindern seines Onkels Lew. Und erst seitdem er und Greg für das Familienunternehmen arbeiteten, lernten sie sich besser kennen. Fast immer hatte er sich allein beschäftigen müssen. Wahrscheinlich war er aus Einsamkeit schon sehr früh zur Leseratte geworden und hatte sich später ins Studium und dann in die Arbeit gestürzt.

Zur Kenntnis nahm ihn sein Vater überhaupt erst, seit Nick begonnen hatte, im Familienunternehmen zu arbeiten und sich als guter Geschäftsmann erwies. Doch menschlich waren sie sich nicht näherkommen. Und das Interesse seiner Mutter galt nach wie vor dem vergnüglichen Gesellschaftsleben der Schönen und Reichen. Erica war ihr darin ganz ähnlich gewesen.

Er griff nach Jamies Füßen, drückte sie zärtlich und ließ ihn dann weiterstrampeln. Nein, der Junge sollte nicht durchmachen, was er selbst mit seinen Eltern erlebt hatte. Die ersten dreieinhalb Lebensmonate hatte eine fremde Frau seinen Sohn versorgt. Das wollte er nun so oft wie möglich selbst übernehmen.

Deshalb nutzte Nick die Fahrt, um sich in das Informationsblatt der Kinderschwester zu vertiefen. Einiges, das Jamie brauchte, hatte er bereits liefern lassen, den Kindersitz, beispielsweise, aber auch ein Bettchen, doch auf der Liste standen noch andere Dinge, an die er nicht gedacht hatte.

Sein Handy klingelte. Und da seine Sekretärin anrief, meldete er sich.

„Leah? Haben Sie gute Neuigkeiten?“

„Ja. Ich habe eine Nanny gefunden, die Ihnen und dem Baby gefallen könnte.“

„Die Hauptsache ist, sie mag Kinder und ist ein mütterlicher Typ. Ich vertraue Ihrem Urteil.“

„Das letzte Wort haben Sie, Nick. Die Bewerberin weiß, dass sie noch nicht eingestellt ist. Ich habe mit ihr verabredet, dass Sie sie um ein Uhr mit der Limousine abholen und sich dann erst entscheiden.“

„Heißt das, sie könnte heute schon anfangen?“

„Ja. Sie braucht dringend einen Job.“

Nick fiel ein Stein vom Herzen. „Wie heißt sie?“

„Reese Chamberlain.“

„Können Sie mir mehr über sie erzählen?“

„Ja, könnte ich. Aber ich finde, Sie sollten sich selbst ein Bild von ihr machen. Sie gehen doch auch sonst unvoreingenommen an neue Projekte heran. Dabei sollten Sie bleiben! Besonders in diesem Fall. Sie wartet vor dem Chelsea Star Hotel an der 30th Street West.“

Diese Ms Chamberlain musste wirklich in finanziellen Schwierigkeiten stecken, wenn sie dort abgestiegen war.

„Sagen Sie Paul, er soll nach einer Frau in Gelb Ausschau halten.“

„Sie machen es wirklich spannend, Leah. Ein bisschen mehr könnten Sie mir schon verraten.“

„So jemanden haben Sie noch nie kennengelernt. Darauf könnte ich wetten.“

„Klingt vielversprechend.“

„Falls ich mich geirrt habe und Sie enttäuscht sind, rufen Sie mich später an. Dann suche ich weiter nach der richtigen Person.“

„Danke. Ich würde Ms Chamberlain gerne auf dem Weg nach Hause aufsammeln. Könnten Sie sie anrufen und fragen, ob Sie schon in einer Dreiviertelstunde aufbruchbereit ist?“

„Mal sehen, was ich ausrichten kann. Ich rufe Sie gleich zurück.“

Nick steckte das Handy wieder ein und hoffte, dass Leah nicht weitersuchen musste. Er wollte, dass Jamie sich so schnell wie möglich an ein neues Kindermädchen gewöhnte. Würde er das können? Oder hielt er bereits die Frau in der gestärkten Schwesterntracht für seine Mutter? Dann würde es ein fürchterliches Theater geben.

2. KAPITEL

Kaum hatte Reese das Hotel erreicht, als ihr Handy klingelte. Ihr Magen zog sich zusammen. Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Trotzig nahm sie den Anruf entgegen. Sie würde die schlechte Nachricht mit Fassung tragen und sich dann auf den Weg zum Flughafen machen. Noch eine Nacht im Hotel konnte sie sich nicht leisten.

„Mrs Tribe?“

„Gut, dass ich Sie erreiche, Ms Chamberlain. Ich habe inzwischen mit Mr Wainwright gesprochen. Er hat wenig Zeit und würde Sie gerne schon in spätestens vierzig Minuten vor dem Hotel abholen. Wäre das möglich?“

Reese fiel ein Stein vom Herzen. „Kein Problem.“

„Wunderbar. Ich richte es ihm aus. Viel Glück, Ms Chamberlain!“

„Danke.“

Danach eilte Reese in das Zimmer, das sie sich mit drei anderen Mädchen teilte. Das eine mit den roten Strähnen im Haar und dem Piercing in der Unterlippe war gerade dabei, all seine auf dem Bett verstreuten Habseligkeiten in den Rucksack zu stopfen. „Wie ist das Vorstellungsgespräch gelaufen, Reese?“

„Wenn nichts dazwischen kommt, kriege ich den Job.“

„Lieber gebe ich mir die Kugel, als Nanny zu werden“, sagte das Mädchen. „Nicht mal für viel Geld würde ich es tun.“

Reese antwortete nicht, sondern machte sich daran, ihren Koffer zu packen.

„Ich hau jetzt ab. Pass auf dich auf.“ Das Mädchen setzte sich den Rucksack auf.

„Du auf dich auch. Und viel Glück.“

„Kann ich brauchen.“

Sobald sie allein war, eilte Reese ins Badezimmer, um sich frisch zu machen. Vor dem Spiegel entschied sie sich zu einem Pferdeschwanz. Babys griffen sofort nach langen Haaren und zogen daran, sobald man sich über sie beugte. Es war schwer, sie ihnen wieder zu entreißen. Schon in kürzester Zeit würde sie strubbelig aussehen und keinen gepflegten Eindruck mehr machen. Nachdem sie die Haare zusammengebunden hatte, legte sie noch einmal Lippenstift auf und hoffte, dass sie die letzte Hürde nehmen würde. Dann ging sie mit ihrem Koffer, Portemonnaie und Brieftasche griffbereit, hinunter in die Lobby, um ihre Rechnung zu begleichen.

Am Empfangstresen herrschte Aufregung. Die Computer waren abgestürzt. Wenn das Problem nicht bald behoben wurde, würde sie sich verspäten. Nach zehn Minuten entschied Reese sich, vor die Tür zu gehen. Das hieß leider, dass sie sich wieder hinten anstellen musste. Wenn der Wagen käme, würde sie den Fahrer bitten, so lange zu warten, bis sie die Rechnung bezahlt hatte.

Pünktlich auf die Minute hielt eine schwarze Limousine mit verdunkelten Scheiben vor dem Hotel. Als sie darauf losstürmte, stieg ein uniformierter Chauffeur aus. „Ms Chamberlain?“

„Ja. Es tut mir so leid. Aber es gibt Gedränge an der Rezeption, und ich muss noch meine Rechnung bezahlen. Darf ich meinen Koffer hierlassen? Ich laufe schnell zurück. Lange kann es nicht mehr dauern.“

„Lassen Sie sich Zeit.“

„Vielen Dank.“

Zehn Minuten später war sie wieder da. Der Chauffeur öffnete ihr die Tür, damit sie einsteigen konnte.

„Oh …“

Ein Oh hätte auch Nick gerne von sich gegeben, als die langbeinige aschblonde Frau auf dem Sitz ihm und Jamie gegenüber Platz nahm. Sie brachte einen frischen Blumenduft mit, der die Atmosphäre veränderte. Wie alt mochte sie sein? Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig vielleicht.

Der unauffällige Rock und die hochgeschlossene Bluse konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine sehr weibliche und gut proportionierte Figur hatte. Zierlich waren auch ihre Füße, die in naturfarbenen Ledersandaletten steckten. Nick wunderte sich, wie Mrs Tribe ihn derart missverstanden haben konnte. Er hatte doch ausdrücklich von einem mütterlichen Typ gesprochen und sich darunter eine rundliche Frau in den Vierzigern vorgestellt.

Vielleicht war die falsche Frau in den Wagen gestiegen. Und dass auch sie Gelb trug, war ein merkwürdiger Zufall.

„Sind Sie Reese Chamberlain?“

„Ja, das bin ich.“

„Ich bin Nicholas Wainwright.“

Mit ihren hellblauen Augen schaute sie ihn überrascht an. „Sehr erfreut.“

Ihre Stimme gefiel ihm. Auch, dass ihr nächster Blick dem Baby galt. Es war eingeschlafen. Sie beugte sich vor und betrachtete Jamie mit leuchtenden Augen. „Oh, ist der niedlich! So viele schwarze Haare und so lange seidige Wimpern!“

Es dauerte eine Weile, bevor sie sich wieder zurücklehnte und Nick anschaute. „Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung. Von Mrs Tribe weiß ich, wie wichtig Pünktlichkeit für Sie ist. Und nun habe ich gleich zu Beginn eine Sünde begangen. Aber die Computer im Hotel waren ausgefallen, und ich stand in einer Warteschlange, um bezahlen zu können.“

Aus New York und Umgebung stammte sie nicht. Wahrscheinlich aus dem mittleren Westen. „Das hat mir mein Chauffeur schon erklärt. Jamie scheint auf Ihrer Seite zu sein. Er ist währenddessen eingeschlafen.“

„Ein wunderbares Baby.“ Ihre Augen verdunkelten sich. „Es tut mir leid, dass Sie jetzt eine schwere Zeit durchmachen. Mrs Tribe hat mir von Ihrem Verlust erzählt. Falls Sie mich einstellen, will ich alles tun, damit es Jamie gut geht, bis seine richtige Nanny kommt.“

Entweder sie war eine ausgezeichnete Schauspielerin, oder sie war wirklich so, wie sie sich zeigte. Leah besaß eine untrügliche Menschenkenntnis. Es musste also triftige Gründe geben, weshalb seine Sekretärin diese Frau ausgewählt hatte, deren Alter und Schönheit sie für die Stelle völlig ungeeignet machten. Wenn sie nicht so kerngesund ausgesehen hätte, wäre sie als Model durchgegangen. Größe und Figur passten jedenfalls. Wenn Walter und Anne oder andere sie sähen, könnten sie auf falsche Gedanken kommen.

Der Wagen hatte sich längst in den Verkehr eingefädelt. Früher oder später würden sie die Wohnung erreichen. Bis dahin brauchte Nick noch mehr Informationen, ob er diese Frau vielleicht doch lieber zurück in ihr Hotel schicken sollte.

„Welches Gehalt erwarten Sie bei freier Kost und Unterkunft, Ms Chamberlain?“

Sie nannte einen Preis, der unter dem lag, den er veranschlagt hatte. „Wären Sie damit einverstanden?“

„In Ordnung“, murmelte er irritiert. Nichts von dem, was diese Frau sagte, passte in seine Vorstellungen. „Was haben Sie ab September vor?“

„Dann gehe ich zurück nach Philadelphia.“

Er runzelte die Stirn. „Wartet dort eine neue Stelle als Kindermädchen auf Sie?“

Nun schaute sie ihn irritiert an. „Nein, ich gehe wieder in die Uni. Hat Mrs Tribe vergessen, Ihnen das zu sagen?“

Er verstand Leah nicht mehr. Warum hatte sie ihm Informationen vorenthalten, die er doch dringend für eine richtige Entscheidung brauchte. Er rieb sich die Stirn. „Das weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich war ich mit den Vorbereitungen für meinen Sohn zu beschäftigt.“

„Ja natürlich. Mrs Tribe hat mir erzählt, dass Ihre Schwiegereltern ausgeholfen haben. In Krisenzeiten geht nichts über die Hilfe der Familie. Das Baby wird seine Großeltern vermissen und es nicht leicht haben, sich an mich zu gewöhnen. Geben Sie mir eine Bewährungszeit? Ich werde mir Mühe geben. Aber wenn Sie mich nicht behalten wollen, müssen Sie sich keine Sorgen machen. Ich kann auf einen Notplan zurückgreifen.“

Das überraschte ihn jetzt. „Ich dachte, Sie brauchen diesen Job so dringend.“

„Das stimmt. Aber wenn es nun mal nicht anders geht, fliege ich zurück nach Hause. Dort kann ich den Sommer über bei meinem Vater arbeiten. Es ist zwar nicht das, was ich mir wünsche, aber wie ich schon sagte, in Krisenzeiten kann man sich immer auf die Familie verlassen. Mein Dad ist eine Seele von Mensch.“

Was hatte Leah ihm gesagt? Sie wette darauf, dass er so einen Menschen noch nicht kennengelernt hatte?

„Wo sind Sie denn zu Hause?

„In Lincoln, Nebraska.“

Mittlerer Westen. Er hatte also richtig geraten. „Und was macht Ihr Vater beruflich?“

„Er betreibt einen Holzhandel. Ich habe schon früher im Büro ausgeholfen.“

„Das Studium hat Sie also an die Ostküste verschlagen.“

„Richtig. Ich mache bald meinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaft.“

„Und wann haben Sie als Kindermädchen gearbeitet?“, fragte Nick ungeduldig.

„Noch nie“, gab sie zu. „Aber ich komme aus einer großen Familie und habe mich immer um meine jüngeren Geschwister gekümmert.“

„Dann hat Ihre Mutter also gearbeitet.“

Sie lachte auf. „Oh, ja, das hat sie. Aber zu Hause. Eine Mutter von sechs Kindern leitet praktisch ein Kleinunternehmen. Seit meiner Geburt ist sie sieben Tage rund um die Uhr im Dienst.“ Sie beugte sich zu Jamie hinüber. „Es gibt nichts Schöneres als ein neues Baby. Alles, was sie außer Mahlzeiten und Schlaf brauchen, ist Liebe.“

Plötzlich öffnete Paul die Tür. Nick hatte nicht einmal bemerkt, dass sie angekommen waren. So sehr hatte ihn das Vorstellungsgespräch beansprucht. Wenn er nicht sofort einen triftigen Grund fand, diese Frau nicht zu engagieren, musste er sie mit nach oben bitten. Und das bedeutete, dass er sie behalten musste.

Während er noch zögerte, sauste ein Polizeiwagen mit schriller Sirene vorbei. Jamie wachte davon auf und begann sofort zu schreien. Doch noch ehe Nick nach dem Sicherheitsgurt des Kindersitzes greifen konnte, hatte Ms Chamberlain ihn schon geöffnet und das Baby herausgenommen.

Es lag jetzt an ihrer Schulter, und sie umfasste beruhigend sein Köpfchen. „Hat dich die böse Sirene erschreckt?“ Sie schaukelte ihn. „Mich auch. Aber nun ist sie schon längst wieder fort.“ Sie legte die Lippen auf sein flaumiges Haar und summte vor sich hin, bis Jamie aufhörte zu schreien und nur noch leise wimmerte.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie zu Nick. „Ich wollte ihn nicht an mich reißen. Aber diese Sirene war so furchtbar laut, und ich saß günstiger als Sie. Sein kleines Herz pocht immer noch wie wild.“ Sie wollte ihm das Kind übergeben.

Nick schüttelte den Kopf. „Er scheint sich wohl zu fühlen, wo er gerade ist.“

Mit diesen Worten hatte er auch sein eigenes Schicksal besiegelt. Immer noch irritiert über das, was passiert war, wandte er sich an den eigentümlich schweigsamen Paul, der bereits die Windeltasche und den Koffer des Kindermädchens aus dem Auto geholt hatte.

Das Baby war entzückend. Er sah seinem beeindruckenden Vater ähnlich, aber man erkannte auch, dass seine Mutter eine Schönheit gewesen sein musste. Kein Wunder, dachte Reese, dass Mr Wainwright, auch wenn er mit mir spricht, mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein scheint. Schließlich war seine Frau erst vor ungefähr einem Vierteljahr gestorben.

Reese wusste aus eigener Erfahrung, wie sehr eine Trennung schmerzte. Dabei war sie mit Jeremy nicht einmal verheiratet gewesen, hatte kein Kind, und Jeremy lebte noch. Mit der tiefen verzweifelten Trauer, die Jamies Vater jetzt niederdrückte, mochte sie ihre Erfahrung nicht vergleichen. Es musste entsetzlich sein, was er durchmachte.

Und sie konnte nichts tun, um seine Qualen zu lindern. Nur seinen kleinen Sohn lieben und ihm Sicherheit geben, solange sein Vater nicht bei ihm sein konnte, weil er arbeiten musste. Wenn dann im Herbst das richtige Kindermädchen kam, hätte er vielleicht das Schlimmste hinter sich.

Noch am vergangenen Weihnachtsfest hatte die Trennung von Jeremy sie fast umgebracht. Doch heute, sechs Monate später, lebte sie immer noch, und ihr ging es sogar richtig gut. Bei Mr Wainwright würde es länger dauern, bis die Wunde heilte, aber auch er würde nicht an einem gebrochenen Herzen sterben. Natürlich konnte sie ihm das nicht sagen.

„Wollen wir nach oben gehen?“

Seine tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er war schon ausgestiegen. Hieß das, er hatte sie engagiert?

Irgendwie kam ihr alles recht unwirklich vor. Nur das Kind in ihrem Arm gab ihr das Gefühl von Realität. In diesem Moment spürte sie, dass sie von Herzen gern seine Nanny sein wollte.

„Jamie scheint sich wieder beruhigt zu haben“, sagte sie.

„Das haben wir Ihnen zu verdanken.“ Er streckte die Arme aus, und sie gab ihm das Kind. An der Schulter seines großen Vater wirkte es noch winziger. Der Anblick rührte sie. Die beiden gehörten zusammen, das sah man. Sogar der Strampelanzug und der Geschäftsanzug passten farblich gut zueinander. Sie schätzte Mr Wainwright auf Mitte dreißig, obwohl sie wusste, dass Trauer Menschen älter wirken ließ. Aber darüber durfte sie sich nicht länger den Kopf zerbrechen. Für Jamie musste sie fröhlich sein. Schon deshalb, weil sein Vater traurig war.

Sie folgte ihm zu einem Hochhaus aus der Vorkriegszeit. Es musste vollkommen entkernt worden sein, denn die Eingangshalle wirkte modern und luxuriös. Mit dem Fahrstuhl fuhren sie zum vierzehnten Stockwerk hinauf.

Als sich die Tür öffnete, entdeckte Reese ein Penthouse, das normale Sterbliche nur in Architekturzeitschriften zu sehen bekamen.

Im riesigen Wohnraum befand sich eine beeindruckende Bibliothek, aber auch europäische Antiquitäten, ein Bronzeregal mit mittelamerikanischen Stücken, moderne Plastiken und Gemälde. Außerdem stand hier ein Flügel. Wohin sie auch schaute, überall war etwas Kostbares zu entdecken. Auch einen Kamin gab es hier. Davor waren bequem aussehende Sessel gruppiert. Reese kam aus dem Staunen gar nicht heraus. Schließlich war es das erste Mal, dass sie ein Haus in der vornehmen Park Avenue von innen sah.

Vor ein paar Monaten hatte sie über eine Luxuswohnung gelesen, die für eine zweistellige Millionenzahl den Besitzer gewechselt hatte. Wahrscheinlich hatte Mr Wainwright seinen Reichtum durch eigene Leistungen erworben. Doch er stammte auch aus einer Familie, die seit Generationen an der Wallstreet erfolgreich Geschäfte machte. Darüber hatte Mrs Tribe sich nicht weiter ausgelassen. Reese hätte das an ihrer Stelle auch nicht getan.

„Da Sie aus Nebraska kommen, wo man weit ins Land schauen kann, müsste es Ihnen hier eigentlich gefallen.“

Sie folgte ihm über orientalische Teppiche zu einer Reihe von Fenstern, die bis zum Boden reichten. Eines schob er zur Seite, und schon befanden sie sich auf einer Terrasse. Mit Bäumen, Büschen, einem Swimmingpool und Kübeln voller blühender Blumen und Sträucher. Von der Balustrade aus blickte Reese hinunter auf die Park Avenue bis zum Helmsley Building. Unglaublich!

Dann entdeckte sie auch noch ein Teleskop. Das war etwas für Jamie, wenn er laufen und sprechen gelernt hatte. Was er da entdecken konnte!

„Es muss schön sein, nach einem anstrengenden Arbeitstag hierher zurückzukehren“, sagte sie.

„Ja, wenn es nicht zu heiß ist. Ich halte mich nicht oft hier draußen auf. Aber ich bin täglich oben im ersten Stock, wo die Sportgeräte stehen. Sie dürfen sie gerne auch benutzen.“

„Danke.“

Er sah nicht gerade fröhlich aus. „Lassen Sie uns wieder hineingehen, und Sie suchen sich ein Zimmer aus, das Ihnen gefällt. Oder möchten Sie sich vorher frisch machen? Zum Gästebad geht es dorthinaus.“

„Danke. Aber vorher möchte ich Jamies Windel wechseln. Wo befindet sich das Kinderzimmer?“

„Bis jetzt gibt es nur ein Kinderbettchen. Es wurde gestern geliefert und steht in meinem Schlafzimmer. Ich habe mich noch nicht entschieden, welchen Raum das Baby bekommen soll.“

Dann war Jamie seit seiner Geburt bei den Großeltern gewesen? Warum nur?

„Verstehe. Gut, dann wasche ich mir jetzt die Hände.“

Nachdem sie aus dem Bad, das eher wie ein Gewächshaus wirkte, zurück war, folgte sie ihm bis zu seinem Zimmer. Es war männlich nüchtern und zweckmäßig eingerichtet. Offenbar hatte er es nach dem Tod seiner Frau verändert, denn es wirkte unpersönlich. Kein einziges Foto entdeckte sie. Nicht einmal eines von der Hochzeit. Überhaupt hatte sie bisher nirgends Familienfotos gesehen. Hatte er sie vielleicht abgehängt, um nicht an glückliche Zeiten erinnert zu werden?

Am Fußende des breiten Bettes stand das Kinderbettchen, mit Matratze, ohne Seitenpolsterung. Entschlossen griff Reese nach der Babytasche, die auf dem Bett abgestellt worden war. Darin befand sich das Allernötigste: ein Dutzend Windeln, Unterwäsche, Strampelanzüge, drei Fläschchen mit Milchpulver und eine Wickelunterlage.

„Würden Sie Jamie bitte auf diese Decke legen?“

Das tat er. „Okay, mein Sohn. Nun beginnt für uns das Abenteuer.“

Aha, Mr Wainwright gehörte zu den Vätern, die noch nie eine Windel gewechselt hatten.

„Machen wir es also gemeinsam. Ich glaube, er möchte lieber von Ihnen ausgezogen werden.“

Reese lächelte in sich hinein, als er sich über sein Baby beugte. Er hantierte vorsichtig, aber nicht ungeschickt. Es dauerte eine eine Weile, ehe er alle Druckknöpfe geöffnet hatte und Jamies Beine nackt waren. Dann löste Reese die Klebestreifen der Windel.

„Heben Sie ihn an den Beinchen ein bisschen an.“ Sie zog die nasse Windel fort und schob dem Kleinen eine frische unter den Po. „Gut. Nun können Sie ihn wieder absetzen, die Windel vorne hochschlagen und mit den Streifen an den Seiten schließen.“

Jamie hielt natürlich nicht still, sondern strampelte nach Leibeskräften und schnaufte dabei vor Anstrengung. „Er mag es, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Nicht wahr, Jamie? Das genießt du, ja?“ Sie küsste den Kleinen auf den nackten Bauch, als er endlich fertig gewickelt war.

„Gut gemacht“, lobte sie seinen Vater. „Sie waren so schnell, dass er nicht einmal die Chance hatte, Sie nass zu machen.“

Nicholas Wainwright lachte auf. Das gefiel Reese, obwohl es ihr eigentlich gleichgültig sein sollte. Er war ihr Arbeitgeber und durfte sie nicht interessieren.

„Während Sie Jamie fertig anziehen, werde ich das hier in den Müll werfen.“ Sie nahm die schmutzige Windel und öffnete die nächste Tür, hinter der sie sein Badezimmer vermutete. Doch sie führte in ein Arbeitszimmer. „Oh. Das war die verkehrte.“

„Auf der anderen Seite geht es ins Bad.“

Inzwischen lag Jamie schon wieder an seiner Schulter. Reese fand, dass Vater und Sohn ein schönes Bild abgaben.

Während sie sich in dem eleganten marmornen Badezimmer die Hände wusch, schrieb sie in Gedanken eine Liste mit Dingen, die sie brauchten, um die Wohnung babyfreundlich zu verändern.

„In diesem Bad könnte sich meine ganze Familie gleichzeitig fertig machen“, sagte sie, als sie herauskam.

Er lächelte. Und irgendwie sah er jetzt entspannter und irgendwie noch attraktiver aus.

„Wie viele Bäder gibt es in dieser Wohnung?“

„Noch zwei weitere. Warum?“

„Ich habe nachgedacht … Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihr Arbeitszimmer zu räumen und damit in ein anderes Zimmer zu ziehen?“

Er hob den Kopf. „Nein. Aber warum?“

„Ihr Büro könnte das perfekte Kinderzimmer werden. Es ist vom Flur und von Ihrem Schlafzimmer aus zugänglich. Jamie wäre immer in Ihrer Nähe. Das ist es doch, was Sie möchten. Ich könnte das Zimmer gegenüber nehmen. Dann würde auch ich ihn hören. Ich weiß nicht, wie es Ihnen als Kind gegangen ist, aber ich wollte immer dort sein, wo meine Eltern waren.“

Er sah sie so merkwürdig an, dass sie fürchtete, eine Taktlosigkeit begangen zu haben. „Was denken Sie?“

„Es ist eine glänzende Idee, auf die ich selbst nie gekommen wäre.“

„Da bin ich aber froh.“ Sie war wirklich erleichtert. Und dass er nicht zu stolz war, gute Ideen nur für sich in Anspruch zu nehmen, nahm ihn noch mehr für sie ein. Bis jetzt hatte sie noch nichts gefunden, was sie an ihm nicht mochte.

Merkwürdig fand sie allerdings, dass er und seine Frau in den letzten Wochen der Schwangerschaft kein Kinderzimmer eingerichtet hatten. War er vielleicht erst nach ihrem Tod in das Penthouse gezogen? Und warum hatte er die Kindersachen nicht mitgenommen? Aber was ging sie das eigentlich an?

„Wissen Sie was? Wenn Sie mit Jamie hierbleiben möchten, könnte ich vielleicht mit Ihrem Chauffeur losfahren, um gleich das Nötigste zu besorgen. Es muss doch ein Geschäft geben, wo man alles für Babys bekommt. Und in das große Auto passt gewiss viel hinein.“

Er schwieg.

„Oder möchten Sie lieber, dass ich bei Jamie bleibe und Ihnen eine Liste schreibe? Die Möbel können wir später rücken. Es macht ja auch Spaß, eine Wohnung umzuräumen. Jamie kann uns dabei zuschauen. Heute Abend sind wir fertig. Er wird gleich die erste Nacht in seinem Zimmer schlafen und lernen, dass Daddy nebenan ist.“

Nick Wainwright griff zum Handy. „Ich bitte Paul, vor der Tür auf Sie zu warten. Er bringt Sie zu dem Geschäft, wo ich das Bett gefunden habe. Kaufen Sie dort alles, was Sie für nötig halten, und lassen Sie es auf meine Rechnung setzen. Wenn Sie zurück sind, wird der Hausmeister alles nach oben schaffen.“

Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass Reese sich um Geld keine Gedanken machen musste. Und da sie es nicht für sich, sondern für Jamie ausgab, wollte sie genießen, es auszugeben.

„Wenn Sie zurückkommen, werde ich uns Essen bringen lassen.“

„Sehr gut. Und nun entschuldigen Sie mich bitte ein paar Minuten.“

Sie nahm ihren Koffer und rollte ihn über den Flur in das Zimmer, das Jamies gegenüber lag. Das dazu gehörige römisch anmutende Badezimmer hatte ebenfalls zwei große Waschbecken. Darin konnte sie Jamie baden. Reese schaute sich um und fasste ihr Glück nicht.

Und dann fiel ihr ein, dass sie nicht nur in Jamies Nähe, sondern auch in der seines Vaters schlief. Ihr wurde siedendheiß.

Nachdem Ms Chamberlain die Wohnung verlassen hatte, gab Nick dem Kleinen die Flasche. Danach legte er ihn sich über die Schulter und ließ ihn sein Bäuerchen machen, wie er es bei der Kinderschwester gesehen hatte. Und schon fielen dem Kind die Augen zu. Nick legte es in die Mitte seines Bettes und deckte ihm die Beine zu. Dann schaute er auf die Uhr. Es war schon drei. Die Zeit war ihm davongerannt.

Er griff zum Handy und rief im Büro an. „Onkel Stan?“

„Wo steckst du bloß? Ich wollte mit dir die Grayson Fusion besprechen. Es gibt Schwierigkeiten, und ich brauche deine Hilfe.“

„Das weiß ich, aber heute und morgen habe ich keine Zeit. Warum sprichst du nicht mit Greg?“

„Der ist schon den ganzen Nachmittag beim Zahnarzt.“

„Tut mir leid, ihr müsst bis Montag ohne mich zurechtkommen.“

„Ich fürchte, dann ist es zu spät, Nick.“ Der jüngere Bruder seines Vaters war der Bedenkenträger in der Familie.

„Entschuldige, aber ich kann es nicht ändern.“

„Das verstehe ich nicht.“

Nick war sicher, dass Erklärungen nichts nützten. Dieser Onkel und seine Frau waren kinderlos geblieben. „Ich habe Jamie heute zu mir geholt. Für immer.“

„Aber ich dachte …“

„… er war viel zu lange bei seinen Großeltern“, unterbrach ihn Nick.

„Aber wie willst du das machen?“

Bis jetzt lief es besser, als Nick gedacht hatte. „Ich habe ein Kindermädchen engagiert.“ Eine sehr weibliche, hübsche und unerwartet junge Frau. Und fürsorglich war sie außerdem. Wie eine Mutter hatte sie Jamie an sich gedrückt, als er vor der Polizeisirene erschrak. Aber dieses Bild durfte er sich nicht wieder und wieder in Erinnerung rufen.

„Ich wusste nicht einmal, dass du nach einem gesucht hast. Dein Vater hat nichts davon erzählt.“

„Er und Mutter waren schon längst in Cannes, als ich mich dazu entschied.“

„Es soll sehr schwer sein, eine gute Nanny zu bekommen, habe ich gehört. Ich hoffe, sie ist über vierzig.“

„Wieso?“

„Weil jede jüngere sofort ein Auge auf dich werfen würde. Des Geldes wegen, natürlich.“

Das war typisch für seinen Onkel. Nick teilte dessen Bedenken nicht. Er vertraute auf die gute Menschenkenntniss von Leah Tribe.

„Wir sehen uns Montag, Onkel Stan.“

Solange Jamie schlief, wollte Nick sein Arbeitszimmer ausräumen. Doch vorher zog er sich etwas Bequemeres an.

Die nächsten zwei Stunden gab der Kleine keinen Laut von sich, sodass Nick tatsächlich fertig war, als der Hausmeister anrief und sagte, dass er mit Ms Chamberlain auf dem Weg nach oben sei. Nick rollte noch schnell das Kinderbett in den leeren Raum, bevor er zur Tür ging. Ms Chamberlain stand schon davor, beide Hände voller Pakete und Tüten.

„Frohe Weihnachten“, sagte sie und strahlte ihn an.

Hinter ihr schob der Hausmeister einen Paletten-Transporter vor sich her, auf dem sich Kartons stapelten. Auch Paul war nicht mit leeren Händen mitgekommen. Er hob die Arme, an denen weitere Tüten hingen.

„Diese hier können gleich in die Küche“, sagte er zu Nick. „Und dann müssen wir noch einmal zu dritt hinunter, um die zweite Ladung zu holen.“

Diesmal ging Nick mit, und Ms Chamberlain blieb bei Jamie.

Endlich waren alle Sachen im neuen Kinderzimmer und im Flur abgelegt. Chauffeur und Hausmeister hatten sich verabschiedet, und Jamie schlief immer noch.

„Toll, was Sie in der kurzen Zeit alles geschafft haben“, rief Ms Chamberlain begeistert. „Nun können wir ein richtig schönes Zimmer für Jamie daraus machen.“

So einen Menschen wie sie hatte er wirklich noch nicht kennengelernt. Lebhaft, tatkräftig und herzlich. Kein Wunder, dass Leah sie ausgesucht hatte. Kein Wunder, dass er sie …

„Ich wasch mir nur schnell die Hände und nehme ihn hoch. Sonst verhungert er uns noch im Schlaf.“ Sie lachte.

„Gut, dass sie mich daran erinnern. Wir müssen schließlich auch essen.“ Er griff zum Telefon.

Danach schaute er neugierig in die Tüten und Kartons. Doch es klingelte noch einmal, und der Hausmeister brachte die letzten Kartons.

„Viel Freude beim Einrichten, Mr Wainwright“, sagte er. „Stellen Sie die leeren Verpackungen ruhig vor die Tür. Ich hole sie dann ab.“

Kaum war der Mann draußen, brachte der Kellner das Essen. Nick bat ihn, im Esszimmer aufzutragen.

Dann kam ihm Ms Chamberlain mit Jamie auf dem Arm entgegen. „Der Kleine hier hatte schon die Augen geöffnet. Wahrscheinlich aus Neugier, wer hier alles ein und aus geht. Außerdem brauchte er eine frische Windel. Er hat erlaubt, dass ich sie wechsele. Doch jetzt möchte er, dass ihm sein Dad die Flasche gibt.“

„Und danach essen wir Erwachsenen.“

„Haben Sie ein Paket gesehen, auf dem Baby-Wipper steht? Ich möchte es als Erstes auspacken. Dann kann Jamie uns gleich beim Essen zugucken.“

Nick hatte keine Ahnung, wie ein Wipper aussah. Bei den Hirsts hatte er keinen gesehen. Er gab Jamie im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange. „Mal sehen, ob du gerne wippst“, sagte er und machte sich auf die Suche.

Dies war ein ganz besonderer Tag, einer, bei dem sich alles nur um das Baby gedreht hatte. Sein Sohn und all das, was er brauchte, hatte ihn vollkommen in Anspruch genommen. Jetzt musste er noch den Wipper für ihn finden.

„Ist er das?“, rief er.

„Dein Daddy lernt schnell“, sagte Ms Chamberlain zu Jamie.

„Sie sollten den Tag nicht vor dem Abend loben.“

„Jamie und ich haben keine Bedenken.“

Nick schaute in ihre schimmernden blauen Augen und wunderte sich wieder über Leahs Fund. „Sollten Sie aber.“

3. KAPITEL

Als Nick sie so merkwürdig ansah, bekam Reese Herzklopfen. Warum, das wollte sie jetzt lieber nicht wissen.

Sie folgte ihm ins Wohnzimmer und durch eine Flügeltür hindurch in ein Esszimmer. Wieder musste sie staunen. Über den Kronleuchter aus Kristall, die Vitrine mit bunten italienischen Gläsern an der einen, die mit Fasanen und Pfauen bemalte Anrichte an der anderen Wand. Auf dem rechteckigen Tisch aus dunkler Eiche standen zwei schwere Kerzenhalter und eine Vase mit frischen Lilien und Rosen. Um ihn herum zählte sie sechzehn Stühle. Es war für zwei Personen gedeckt und aufgetragen.

„Dieses Zimmer ist ein Meisterwerk“, sagte sie schließlich.

„Bei der Einrichtung habe ich meiner Frau weitgehend freie Hand gelassen.“ Nick schaute sich um. „Und wohin soll ich nun den Wipper stellen?“

„Auf den Tisch, würde ich vorschlagen.“

Nick nahm ihr das Baby ab und setzte es hinein. „Mal sehen, ob du das magst.“

Jamie sah seinen Vater an und strampelte. Nick lächelte.

Die Wainwrights hatten also hier in dem Penthouse zusammen gelebt. Und Mrs Wainwright musste einen guten Geschmack besessen haben.

„Es freut mich, dass Ihnen das Zimmer gefällt. Mir kommt es eher wie ein Museum vor.“

Das konnte Reese gut nachvollziehen. Die Wohnung musste ihm leer und ausgestorben vorkommen ohne seine Frau. Doch nun würde sein Sohn sie mit Leben erfüllen und ihn für den Verlust entschädigen.

Sie überließ ihm den Platz an der Stirnseite des Tisches. Er nahm die Servierhauben von den Tellern. „Was möchten Sie trinken?“

„Wasser, bitte.“

„Das Hühnchen schmeckt köstlich“, sagte sie, nachdem sie probiert hatte.

„Ich werde es an den Koch weitergeben. Er hat vorher in einem guten Hotel in Paris gearbeitet.“

„Das merkt man. Er verwendet viel Butter. Das mag ich. Mir kann es gar nicht buttrig genug sein.“

Er warf ihr einen neugierigen Blick zu. Welche Farbe hatten seine Augen eigentlich? Waren sie braun oder schwarz?

„Isst man in Nebraska viel Butter?“

„Wir Provinzler haben noch nie etwas von Cholesterin gehört“, scherzte sie. „Aber uns Bauernmädchen hält es kerngesund.“

Er runzelte die Stirn. „Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, bitte ich um Entschuldigung.“

Sie lächelte. „Sind Sie nicht. Ich mache gerne Scherze.“

„Das finde ich sehr erfrischend an Ihnen, Reese. Darf ich Sie so nennen?“

Und sie fand ihn unerwartet warmherzig. Den Generaldirektor eines Unternehmens hatte sie sich anders vorgestellt. Vielleicht war gerade das neben seinen intellektuellen Fähigkeiten das Geheimnis seines Erfolgs.

„Natürlich. Ms Chamberlain klingt so steif und förmlich. Finden Sie nicht auch, Mr Wainwright?“

Er grinste jungenhaft. „Danke für den Hinweis. Bitte nennen Sie mich Nick.“

„Gern. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.“

Er lachte auf. „Bin ich so schlimm?“

„Nein, gar nicht. Aber ich wollte, dass Jamie bald meinen Vornamen hört. Ms Chamberlain klingt viel zu kompliziert.“ Reese legte die Gabel nieder. „Da wir gerade bei dem Baby sind. Denken Sie bloß nicht, ich hätte den ganzen Laden leergekauft. Nichts davon ist überflüssig, was ich mitgebracht habe. Aber wenn Sie anderer Ansicht sind, bringe ich es zurück.“

„Darüber werde ich bis morgen nachdenken. Für heute haben wir genug getan.“

„Aber Jamies Kinderbettchen müssen wir noch fertig machen.“

„Wieso? Was haben Sie daran auszusetzen?“

„Nichts. Aber es fehlen noch der Matratzenschoner unter dem Bettlaken und die Polsterung, damit er sich nicht den Kopf an den Gitterstäben stößt. Und dann möchte ich noch das Mobile mit Tieren und die Spieluhr anbringen, damit er etwas zu hören und zu sehen hat.“

Nick beugte sich zu Jamie. „Weißt du was, mein Sohn? Ich glaube, Reese verwöhnt dich über alle Maßen.“

„Genau das habe ich vor“, sagte sie fröhlich und strich über Jamies Kopf. „Babys kann man gar nicht genug verwöhnen.“

„Möchten Sie Nachtisch?“, murmelte Nick.

Sie fühlte seinen Blick auf sich, und ihr wurde heiß. „Nein, danke. Ich bin satt. Das Essen war wunderbar.“

Reese begann, das Geschirr abzuräumen.

„Lassen Sie es ruhig stehen“, sagte er. „Das erledigt einer der Kellner. Sie haben einen Schlüssel zur Wohnung. Die Zugehfrauen auch.“

„Das wusste ich nicht.“

„Die schmutzige Wäsche von Jamie und auch Ihre stecken Sie bitte in einen Wäschebeutel. Sie finden welche in dem Schrank unter den Waschbecken. Wenn Sie etwas zum Bügeln oder Ausbessern haben, rufen Sie unten an und sagen Bescheid.“

Reese faltete ihre Stoffserviette zusammen. „Lassen Sie sich immer das Essen bringen?“

„Nein. Meist gehe ich in ein Restaurant. Gelegentlich bereite ich mir auch selbst etwas zu und esse in der Küche. Und Sie machen es bitte so, wie es für Sie am bequemsten ist. Wenn sie eine Eins wählen, sind sie mit dem Koch verbunden. Bei einer Zwei mit dem Reinigungsservice. Der kommt ohnehin jeden Morgen. Sie brauchen sich also nur um Jamie zu kümmern.“

„Verstehe.“

„Morgen sollten Sie sich in der Küche umsehen und eine Liste machen, welche Grundnahrungsmittel immer im Haus sein sollten. Darum kümmert sich dann der Hausmeister. Er ist über die Drei des Haustelefons zu erreichen.“

Nick stand auf und griff nach dem Baby-Wipper. „Los, Jamie. Mal sehen, wie lange es dauert, bis dein alter Vater das Mobile zusammengesetzt hat.“

„Könnten Sie es danach noch am Kopfende des Bettchens befestigen und die Batterien in die Spieluhr einsetzen? Aber lassen Sie mich vorher das Bett auspolstern.“

Im Kinderzimmer widmeten sie sich schweigend ihren Tätigkeiten.

„So, das Bett ist fertig“, sagte Reese schließlich. „Ich füttere jetzt das Baby.“

Dazu setzte sie sich auf die Kante von Nicks Bett nebenan. Der Kleine trank glucksend. „Du bist aber hungrig, kleiner Mann. Verschluck dich nur nicht.“

Zwischendurch ließ sie ihn Bäuerchen machen und lachte über die lauten Geräusche. Sobald die Flasche leer war, trug sie ihn ins Kinderzimmer zurück, wo Nick das sich drehende Mobile betrachtete und der Spieluhr zuhörte.

„Ich habe so etwas ganz bestimmt nicht gehabt“, sagte er.

Reese küsste Jamies Nacken. „Na, gefällt dir, was Daddy für dich aufgehängt hat?“ Sie legte das Baby hin, und der Kleine verfolgte mit den Augen die Bewegungen der Tiere.

„Nick, sehen Sie doch, wie aufgeregt er ist! Er versucht ja schon, danach zu greifen. Er mag das Mobile.“

„Ja, wirklich.“ Stolz beugte sich Nick auch über das Bettchen.

Als sie gleichzeitig ihre Köpfe hoben, begegneten sich ihre Blicke.

Reese zwang sich weiterzuatmen. Warum schaute er sie so an?

„Den ersten Nachtdienst übernehme ich. Morgen können wir dann den Rest erledigen und einen Plan aufstellen“, sagte er.

Als er dann wieder sein Kind anschaute, spürte Reese, wie sehr er es liebte. Und sie verstand den Hinweis sofort. Nick wollte mit Jamie allein sein. Es war die erste Nacht, die das Baby zu Hause schlief. Und sein Vater wollte ihm beistehen, falls es mit der neuen Umgebung fremdelte.

„Gute Nacht, die Herren. Bis morgen früh.“ An der Tür blieb Reese noch einmal stehen. „Danke für die Chance. Jamie ist ein kleiner Schatz.“

Dann war sie draußen. Sie ging in ihr Zimmer, duschte und legte sich ins Bett, um zu telefonieren. In Lincoln war es eine Stunde früher als in New York.

„Reese? Wie schön, dich zu hören. Ich habe gehofft, dass du anrufst.“

„Früher ging es nicht, Mom. Ich hatte viel zu tun. Stell dir vor, ich habe den Job als Kindermädchen bekommen.“

„Das freut mich für dich.“

„Mit dem Geld, das ich hier verdiene, kann ich weiterstudieren. Ende Juli muss ich noch die Tests bestehen, und dann geht es im September wieder nach Philadelphia. Ich glaube, das Baby lässt mir genug Zeit zum Lernen.“

„Du musst dich nur um ein Baby kümmern?“

„Ja. Jamie ist gut drei Monate alt und das hübscheste Kerlchen, das ich kenne.“ Schon deswegen, weil ihr sein Vater auch gefiel. Und nicht nur, weil der gut gebaut und durchtrainiert war.

„Und was sind seine Eltern für Menschen? Wirst du mit ihnen zurechtkommen?“

Reese biss sich auf die Unterlippe. „Jamie hat nur einen Vater. Seine Mutter ist bei der Geburt gestorben.“

„Oh …“

„Es ist schrecklich traurig.“

„Das kann ich mir vorstellen Wie heißt er?“

„Nick Wainwright. Er ist Generaldirektor bei Sherborne-Wainwright. Die Studenten in Wharton würden sich ein Bein ausreißen, um dort arbeiten zu dürfen. Kannst du dir vorstellen, dass ich für die nächsten Wochen in einem Penthouse an der Park Avenue lebe?“

„Soll das ein Scherz sein?“

„Nein, Mom. Ich habe einfach viel Glück gehabt.“

„Wie alt ist dieser Mann“

„Vielleicht vierunddreißig.“

„Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Reese und wirst deine Gründe gehabt haben, dich von Jeremy zu trennen. Ich muss mir doch jetzt um dich keine Sorgen machen?“

„Aber nein, Mom.“

„Gut. Dann erzähl mir mehr von diesem Goldprinzen aus der Park Avenue.“

„Goldprinz…“ Reese lachte. „Was dir immer so einfällt, Mom!“

„Er sieht also auch noch gut aus.“ Reese Mutter seufzte.

„Ja. Du weißt doch, ich kann schlecht lügen.“

„Aber er wird dich nicht vom Lernen abhalten. Du wirst den Weg gehen, den du dir vorgenommen hast. Da bin ich mir sicher.“

„Danke, dass du an mich glaubst, Mom.“

„Und vergiss nicht, dass du nur das Kindermädchen und nicht die Mutter des Kleinen bist.“

Reese wusste, dass das die größte Schwierigkeit ihres Jobs sein würde. Jamie war so ein niedliches Baby, dass es ihr schwerfallen würde, ihn nicht mit Haut und Haaren zu lieben. Sie durfte nicht vergessen, dass sie sich von ihm trennen musste. Und Jamie durfte sich auch nicht zu sehr an sie gewöhnen.

„Mom, ich umarme dich. Und gib Dad und den anderen einen Kuss von mir. Ich rufe dich bald wieder an.“

Danach hörte sie die Nachrichten auf ihrem Handy ab. Eine war von ihrer Zimmernachbarin. Pam würde diesen Sommer nicht nach Hause nach Florida fahren. Reese beschloss, sie morgen anzurufen.

Die andere Nachricht kam von ihrem Kommilitonen Rich Bonner. Er bat um einen raschen Rückruf. Er war zu seinen Eltern nach Kalifornien geflogen, bevor er nach Philadelphia zurückkehrte. Wie sie, bereitete er sich auf die Tests vor. Sie hatten oft zusammen gelernt, und Reese hatte gemerkt, dass er mehr als Freundschaft für sie empfand. Doch sie konnte seine Gefühle nicht erwidern. Wenn sie nicht gleich zurückrief, würde er vielleicht aufhören, sich Hoffnungen zu machen.

Vor allem seine konkurrierende Art störte sie. Solange sie Abstand hielt, würde er auch nett zu ihr bleiben, wenn sie besser abschnitt als er. Als seine Freundin müsste sie sich gewiss anhören, wie sie zu leben habe. Und falls sie irgendwann einen besseren Job bekäme als er, wäre der Teufel los. Nein, einen zweiten Jeremy wollte sie sich nicht wieder einhandeln.

Sie seufzte, knipste das Licht aus und kuschelte sich unter die Bettdecke. Das Babyphon hatte sie gar nicht erst eingeschaltet, weil Nick sich um Jamie kümmerte. Sie war froh darüber, denn der Tag war sehr aufregend gewesen, und sie war müde. So wunderbar hatte sie sich ihren Job als Nanny nicht vorgestellt. Ihren Arbeitgeber auch nicht.

„Guten Morgen, Reese.“ Nick legte die Zeitung beiseite. Er hatte das Wippen ihres Pferdeschwanzes aus den Augenwinkeln gesehen, als sie auf die Terrasse getreten war. Sie trug ein aprikotfarbenes Oberteil zu Jeans, was ihre weibliche Figur besonders gut zur Geltung brachte. Es fiel ihm schwer, die Augen von ihr abzuwenden.

„Ach, hier seid ihr!“ Sie kam gradewegs zu ihnen und beugte sich zu Jamie, der hellwach in seinem Wipper saß. „Ich habe dich schon gesucht.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „He, du bist ja noch im Schlafanzug. Weißt du, wie gut der dir steht?“

Jamie schaute sie an, als ob er sie wiedererkannte. Natürlich erkannte er sie wieder. Schon allein an ihrem frischen Duft. Nick erinnerte er an Wildblumen. Jetzt kitzelte sie seinen Sohn am Bauch, damit er lachte. „Bist du ausgeschlafen? Warst du brav, mein Schatz?“

„Er wollte um halb drei eine Flasche haben und wachte dann erst wieder um halb acht auf.“

„Du Glückspilz“, sagte sie und kitzelte sein Kinn. Jamie gluckste vor Freude. „Dir geht es wohl gut. Aber wie geht es deinem Dad?“ Sie schaute Nick mit schimmernd blauen Augen an. Die Farbe faszinierte ihn.

„Seinem alten Herrn geht es gut. Und wie geht es Ihnen?“

„Ich habe wunderbar geschlafen. Wollen wir gleich das Kinderzimmer einrichten?“

„Erst wenn Sie gefrühstückt haben. Sonst verletzen Sie Cäsars Gefühle.“

„Der Koch heißt Cäsar?“

„Richtig. Er hat Ihnen zu Ehren Krabben-Omelette gemacht. Und zwar mit viel Butter.“

„Hast du das gehört, Jamie? Ich muss jetzt essen, bevor es kalt wird.“ Sie setzte sich Nick gegenüber.

Er nahm die Servierhaube ab. „Na, was sagen Sie?“

„Frische Croissants auch?“

Während sie aß, schaute sie immer wieder zu Jamie hinüber, der ihre Bewegungen mit den Augen verfolgte. „Ja, pass nur auf, dass ich ordentlich esse. Wenn ich Speck ansetze, muss ich lange Spaziergänge mit dir machen. Das wird dir gefallen. Das Essen ist köstlich. Du versäumst etwas, Jamie.“

„Möchten Sie Kaffee?

„Ja, gerne.“

Ihm gefiel ihre Genussfähigkeit. Das Frühstück ließ Reese sich jedenfalls schmecken. Bissen für Bissen. So etwas hatte er bei Frauen seiner Kreise noch nie beobachten können. Schon gar nicht bei Erica. Sie hatte immer auf ihre Figur geachtet und nur mit schlechtem Gewissen gegessen.

Außerdem wirkte Reese völlig unbefangen. Das faszinierte ihn auf geradezu besorgniserregende Weise. Schließlich hatte er sie als Nanny angestellt.

Nachdem sie den Kaffee ausgetrunken hatte, sah sie ihn lächelnd an. „Bevor wir an die Arbeit gehen, möchte ich noch gern wissen, ob irgendetwas Besorgniserregendes im Wall Street Journal steht.“

Er lachte. „Höchstens für die, die die Entwicklung des Euro verfolgt haben.“

„Und wie steht er?“

Ihre Frage überraschte ihn. Sie konnte sich doch nicht wirklich dafür interessieren. Wahrscheinlich wollte sie nur höflich sein. „Er ist wieder gestiegen und hat den Dollar in Bedrängnis gebracht. In der Folge sind die australische und die brasilianische Währung abgestürzt.“

Sie runzelte die Stirn. „Halten Sie das für kritisch?“

„Nein, aber es hat einige Volkswirtschaftler in der Welt aufgerüttelt.“

„Na, gut. Wenn es Sie nicht beunruhigt, will ich mich auch nicht aufregen.“ Sie stand auf. „Ich werde Jamie jetzt baden. Und dann stehe ich Ihnen zu Verfügung.“

Nick hatte keine Ahnung, was sie damit meinte. Doch eins war sicher: Sein Sohn befand sich bei ihr in den besten Händen. Noch gestern hatte er all die Veränderungen nicht vorhersehen können, die mit ihr Einzug hielten.

Er nahm den verwaisten Wipper und stellte ihn ins Kinderzimmer. Einem Impuls folgend schaute er in ihr Zimmer. Da Reese alle Türen hatte offen stehen lassen, erlaubte er sich, auch das Bad zu betreten. Was er dort sah, schnürte ihm die Kehle zu.

Reese hatte eines der Waschbecken voll Wasser laufen lassen und Jamie hineingelegt. Mit der einen Hand stützte sie sein Köpfchen, mit der anderen schamponierte sie sein Haar. Dabei sprach sie leise und zärtlich mit ihm. Jamie hielt still und genoss fast andächtig die Schwerelosigkeit. Vorsichtig spülte sie den Schaum ab, nahm dann Babyseife und wusch Körper, Arme und Beine. Dann drehte sie ihn auf den Bauch und seifte ihm den Rücken ein. Sein Sohn schnurrte förmlich vor Wohlbehagen. Es ging Nick durch und durch.

Ohne nachzudenken griff er nach einem frischen Handtuch, faltete es auseinander und streckte die Hände nach seinem Sohn aus. Als Reese ihm das Baby überreichte, begegneten sich für einen Bruchteil einer Sekunde ihre Blicke.

„Während Sie ihn abtrocknen, hole ich schnell frische Wäsche für ihn.“

Nun lag sein nasser duftender Sohn an seiner Brust. Und als das Baby das Köpfchen an seinen Hals schmiegte, durchströmte ihn eine solche Liebe für dieses kleine Wesen, dass er wie betäubt dastand.

Als er dann ins Kinderzimmer ging, hielt Reese drei Strampler in die Höhe. „Welchen wollen wir ihm anziehen?“

„Vielleicht hat Jamie eine Vorliebe.“ Nick drehte ihn herum und kam näher. „Ich bin gespannt, welchen er aussucht.“

Reese kicherte und hielt Jamie die Anzüge hin. „Er schaut auf den mit dem Hund.“

„Dann hat Snoopy gewonnen“, sagte Nick. „Jeder Junge sollte einen Hund haben.“

„Hatten Sie einen?“

„Nein. Und Sie?“

„Wir hatten drei nacheinander, bis ich von zu Hause wegzog.“

Reese reichte ihm eine Windel. Nick legte Jamie aufs Bett, band ihm die Windel um und zog ihm den Einteiler an. Diesmal ging es ihm schon leichter von der Hand.

„Nun will ich ihm noch die Haare bürsten. Dann sieht er richtig fein aus.“ Sie hob den Arm und streifte dabei Nicks. Es war nur eine leichte zufällige Berührung. Doch als er ihre Wärme auf der Haut spürte, geriet sein Körper in Aufruhr.

Seit dem letzten Beisammensein mit Erica hatte er mit keiner Frau mehr geschlafen. Wahrscheinlich war das der Grund dafür. Anders konnte er sich seine Reaktion nicht erklären.

„Das Wichtigste zuerst“, sagte Reese und schaute sich um. „Irgendwo muss hier der Windeleimer stehen, den ich mitgebracht habe. Den brauchen wir.“ Sie öffnete einen Karton. „Hier.“ Sie bestückte ihn mit Tüten und stopfte die schmutzige Windel hinein. Dann hob sie den Kopf. Ihr Pferdeschwanz tanzte. „Und wo wollen wir das Kinderbett hinstellen?“

Nick versuchte, sich zu konzentrieren. „Dort hinten vielleicht. Da belästigt ihn die Sonne nicht.“

„Sehr gut.“ Sie räumte Schachteln und Tüten aus dem Weg.

Nick setzte Jamie wieder in den Wipper, sie stellten sein Bett an den neuen Platz und begannen die Einkäufe auszupacken.

Er baute die Wickelkommode auf, Reese verstaute Babykleidung und Windeln, legte Reinigungstücher, Puder und Körperlotion bereit. Auch einen Schnuller, ein Fieberthermometer und eine Babyrassel. Sie hatte an alles gedacht.

Sogar eine Lampe mit angenehm schummrigem Licht packte er aus und einen bunten Teppich mit lustigen Figuren.

Der größte Karton enthielt einen Schaukelstuhl.

„In den können Sie sich setzen, wenn Sie Jamie füttern. Dann schläft er schneller wieder ein.“ Es gefiel ihm, was sie ausgesucht hatte. Sie gefiel ihm.

Er brachte die leeren Kartons, Schachteln, Tüten und Packpapiere hinaus vor die Wohnungstür. Reese hatte inzwischen alles aufgeräumt und einen kleinen Teddybären in das Bettchen gelegt.

„Danke für Ihre Hilfe“, sagte er. „Das Kinderzimmer ist richtig hübsch geworden. Jamie wird sich darin wohlfühlen.“

„Das glaube ich auch. Und mir hat das Räumen große Freude gemacht.“

Ihm auch. Sehr sogar.

„Es ist Mittag. Wir brauchen eine Pause.“

Reese nickte. „Und Ihr Sohn braucht wieder die Flasche. Ich wasche mir nur schnell die Hände. Dann probieren wir gleich den Schaukelstuhl aus.“

Er durfte gar nicht darüber nachdenken, was er ohne sie gemacht hätte, dann überfielen ihn sofort wieder Leere und Lähmung, die ihn so lange gequält hatten. Nein, er wollte vorwärts schauen. Reese hatte ein ledergebundenes Buch gekauft, in das er Jamies Entwicklungsschritte aufschreiben sollte. Und sie hatte in Windeseile ein zweites Schild an der Wohnungstür angebracht, auf dem Jamies Name stand. Nun war das Penthouse das gemeinsame Zuhause von Vater und Sohn.

Nick nahm den Kleinen aus dem Wipper. Wie wunderbar, ihn in den Armen zu halten! Er setzte sich in den Schaukelstuhl. Reese hatte die Flasche schon bereitgestellt. Als sie zurückkam, legte sie ihm ein Spucktuch über die Schulter. Dann machte sie mit ihrem Handy Fotos, wie er seinen Sohn fütterte.

„Davon werde ich Abzüge machen und sie in das Babybuch einkleben. Meine Mutter hat uns allen so ein Buch gemacht. Wer auszog, bekam es mit. Ich schaue mir meins regelmäßig an und freue mich darüber. Sie haben doch sicher noch Fotos, die in dieses Buch passen.“

„Ja, natürlich.“

Nach der Trennung hatte er alle Fotos von Erica, auch die Hochzeitsfotos in eine Kommode gelegt.

„Es gibt darin auch ein Fach für seine Geburtsurkunde. Unbedingt gehört auch die Aufnahme nach seiner Geburt mit hinein. Und es gibt auch einen Familienstammbaum darin. Wenn sie möchten, klebe ich Bilder von Ihnen, seiner Mutter und allen Großeltern ein. Wenn er größer ist, wird ihn das sehr interessieren.

Nick musste über ihren Eifer lächeln. Jamies Zukunft schien ihr ehrlich am Herzen zu liegen.

„Mal sehen, was ich alles auftreiben kann“, sagte er.

„Gut.“

Sie fotografierte noch den Teddy im Gitterbett und machte Aufnahmen vom Kinderzimmer. „Wir könnten es die Bärenhöhle im Penthouse nennen.“

Er lachte. Diese Frau war eine unversiegbare Quelle der Freude.

„Und nun lass ich Sie und Jamie in Ruhe. Darf ich mir den Rest des Apartments anschauen, solange Sie ihn füttern?“

„Aber natürlich. Für die nächsten drei Monate ist es auch Ihr Zuhause.“

In Wirklichkeit wollte Reese sich zurückziehen, um ihn mit seinem Sohn allein zu lassen. Am Montag musste er wieder arbeiten, und deshalb sollte er jetzt die kostbare Zeit mit dem Baby genießen.

Sie wollte sich vor allem mit der Küche vertraut machen, denn die fertigen Fläschchen, die die Kinderschwester Nick mitgegeben hatte, gingen zur Neige, und die neuen mussten ausgewaschen und mit Nahrung gefüllt werden.

Während sie sich noch die Luxusküche anschaute, schrillte das Haustelefon. Sie lief schnell hin, damit Jamie von dem Klingeln nicht gestört wurde.

„Hallo?“

„Ms Chamberlain? Hier ist Albert, der Hausmeister.“

„Albert, vielen Dank noch einmal für Ihre gestrige Hilfe.“

„Gern geschehen. Sind Sie denn weitergekommen mit dem Kinderzimmer?“

„Ja, es ist schon fertig.“

„Na, so was! Dann störe ich hoffentlich nicht. Kann ich Mr Wainwright sprechen? Seine Schwiegereltern sind nämlich hier und möchten gerne hochkommen.“

Reese war ziemlich sicher, dass Nick sie nicht erwartete. Doch das ging sie nichts an. „Einen Moment, bitte. Ich hole ihn ans Telefon.“ Sie legte den Hörer beiseite und lief ins Kinderzimmer.

Jamie hatte ausgetrunken und lag schläfrig über der Schulter seines Vaters. Es fiel ihr schwer, die beiden zu stören.

„Albert ist am Telefon. Ihre Schwiegereltern sind da und möchten Sie besuchen“, flüsterte sie.

Nick küsste Jamies Haar, bevor er sich erhob. „Ich gehe an den Apparat in meinem Schlafzimmer.“

Reese legte den Hörer in der Küche auf, packte die Flaschen aus, stellte sie in den Geschirrspüler und stellte die Maschine an. Dann las sie die Gebrauchsanweisung auf der Verpackung der Babynahrung durch.

In diesem Moment betrat Nick mit einem elegant gekleideten älteren Paar die Küche. „Entschuldigung, ich kümmere mich gerade um Jamies Fläschchen.“ Sie trocknete ihre Hände ab.

„Kein Problem. Reese Chamberlain, ich möchte Sie Jamies Großeltern, Anne und Walter Hirst, vorstellen.“

„Ja, gerne.“ Sie begrüßte die beiden mit Handschlag. „Schön, Sie kennenzulernen.“

4. KAPITEL

Reese fühlte sich an ein berühmtes Gemälde erinnert, das einen Farmer und seine Frau zeigt, wie sie mit finsterer Miene vor ihrem weißen Haus stehen. Der Mann auf den Stil seiner Mistforke gestützt. Nicks Schwiegereltern hätten dem Maler Modell stehen können, obwohl sie eigentlich gut aussehende Großstädter waren.

Wäre Mr Hirst mit einer Mistgabel bewaffnet gewesen, hätte er gewiss zugestochen. Feindselig schaute er sie an, als er ihr die Hand gab, während seine Frau sich nicht einmal regte und schwieg. Vor allem die Frau tat Reese leid. Schließlich hatten sie erst kürzlich ihre Tochter verloren, und tiefer Gram hatte sich in ihr Gesicht gegraben.

Für Nick, der auch mit seinem Kummer fertig zu werden versuchte, musste der Anblick der beiden eher eine Belastung sein. Er legte sich Jamie über die andere Schulter. „Ich habe gerade erklärt, dass wir drei uns erst noch aneinander gewöhnen müssen. Unterbrechen Sie doch bitte Ihre Arbeit, und kommen Sie mit uns. Ich möchte Jamies Großeltern das Kinderzimmer zeigen.“

Warum er sie darum bat, wusste Reese nicht. Doch sie erfüllte ihm den Wunsch, ohne zu fragen.

Als sie das Kinderzimmer betraten, schlug seine Schwiegermutter die Hand vor den Mund.

„Wo ist denn dein Arbeitszimmer abgeblieben“, fragte der Schwiegervater.

„Das habe ich ausgeräumt. Wie ihr seht, haben wir mit Ms Chamberlains Hilfe einiges auf die Beine gestellt. Ihr braucht euch also um Jamie keine Sorgen zu machen. Setz dich doch in den Schaukelstuhl, Anne, und nimm Jamie auf den Arm. Er ist sauber und satt.“

Nick gab ihr das Baby, und Reese fürchtete, er würde schreien. Doch zu ihrer Erleichterung sah es seine Großmutter nur groß an und blieb ruhig. Was für ein netter kleiner Kerl er war.

„Ich hole für dich einen Stuhl, Walter.“ Kurz darauf war Nick wieder zurück. „Nun könnt ihr ihn beide genießen.“

Sein Schwiegervater setzte sich und sah aus, als hätte er einen Stock verschluckt.

Wortlos verließen Reese und Nick den Raum und gingen in die Küche. „Womit kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

Ohne zu sprechen, bereiteten sie acht Milchflaschen zu und stellten sie in den Kühlschrank.

„Ich dachte mir schon, dass sie unangemeldet kommen. Doch vor morgen habe ich nicht damit gerechnet“, murmelte er.

„Sie vermissen Jamie“, sagte Reese. „Das kann ich verstehen. Er ist wunderbar. Bisher hat er noch keine Träne vergossen.“

„Stimmt. Aber ich rechne ständig damit.“

„Nicht alle Babys sind so friedlich. Es sollte Ihre Schwiegermutter beruhigen, dass er sich so mühelos an die neue Umgebung gewöhnt.“

Er sah sie durchdringend an. „Sie haben ihm keine Chance gegeben, unzufrieden zu sein, Reese. Als ich nach einer Nanny suchte, hatte ich nicht mit so viel Glück gerechnet.“

Sie lächelte. Seine Worte trösteten sie über die Unfreundlichkeit seiner Schwiegereltern hinweg.

„Ich habe aber auch Glück. Ich hatte damit gerechnet, eine Bande vorlauter Gören zähmen zu müssen.“

Sein leises Lachen hallte durch die Küche. Und so sehr sie sich auch dagegen wehrte, es tat seine Wirkung. Wie kleine Stromstöße fuhr es durch ihren Körper. Unwillkürlich schaute sie ihn an. Die Atmosphäre zwischen ihnen geriet in Schwingung. Reese fiel das Atmen schwer.

„Nick?“

Beide fuhren erschrocken zusammen. Anne Hirst stand in der Tür.

„Wir würden gern mit dir sprechen.“

Die spröde und fordernd geäußerte Bitte ließ keinen Zweifel daran, dass sie gehört hatte, wie Nick und Reese miteinander gelacht hatten. Jetzt war sie gekränkt. Schrecklich! Nick hätte nicht in die Küche kommen dürfen.

„Aber sicher, Anne.“ Und an Reese gewandt: „Entschuldigen Sie mich bitte. Warum bestellen Sie nicht bei Cäsar ein paar Sandwiches und Salat für uns? Dann können wir alle auf der Terrasse essen.“

„Mach ich.“ Sie griff zum Hörer, gab seine Wünsche durch und bat außerdem um eine Kanne Kaffee. Danach räumte sie die Küche wieder auf. Erst dann ging sie hinaus auf die Terrasse. Während sie auf den Service wartete, schaute sie durch das Teleskop. Es war aufregend, sich die Stadt aus der Vogelperspektive anzusehen. Morgen wollte sie Jamie in den Kinderwagen legen und mit ihm in den Central Park gehen, der nur zwei Blocks entfernt lag.

Im vergangenen Jahr war sie mit ihrer Freundin Pam ein paar Tage in New York gewesen, aber außer dem Metropolitan Museum hatten sie wenig gesehen.

„Ms Chamberlain?“

Sie schaute sich um und entdeckte einen jungen Kellner mit einem Tablett. „Sie haben mich bisher noch nicht gesehen. Ich heiße Toni.“

„Hallo.“

„Sie sind die neue Nanny, habe ich gehört.“

„Das stimmt.“

„Ich arbeite von Donnerstag bis Sonntag hier.“

„Gefällt Ihnen die Arbeit?“

Er lachte. „Jetzt ja. Wenn Sie etwas aus der Küche brauchen und ich Dienst habe, fragen Sie nach mir.“

„Wir haben alles, was wir brauchen“, sagte eine tiefe männliche Stimme. Nick war auf die Terrasse gekommen. Geradezu einschüchternd wirkte er auf Reese. Auf den jungen Kellner aber auch.

„Auf Wiedersehen, Mr Wainwright“, sagte er und ging schleunigst davon.

„Hat er Sie belästigt, Reese?“

Sie schüttelte den Kopf. „Er wollte nur freundlich sein.“ Sie ging zum gedeckten Tisch unter dem Sonnenschirm. „Sind Ihre Schwiegereltern schon gegangen?“

Nick nahm ihr gegenüber Platz. „Nachdem Jamie eingeschlafen war, sind sie aufgebrochen, um sich mit Freunden zum Mittagessen zu treffen.“

„Glauben Sie, dass der Besuch sie beruhigt hat?“

Nick nahm die Servierhauben ab. Darunter kamen reich belegte Club Sandwiches zum Vorschein. Reese lief das Wasser im Mund zusammen.

„Ich glaube nicht. Aber sie fanden auch nichts, das sie beanstanden konnten.“

Nur an dem Kindermädchen haben sie wohl kein gutes Haar gelassen, nahm Reese an. Mrs Hirsts Blicke waren sehr beredt gewesen.

„Schon vorher hat Walter angedeutet, dass Anne ziemlich mitgenommen sei.“ Nick sprach, als wählte er die Worte mit Vorsicht. „So, wie sie sich heute benommen haben, bin ich sicher, dass sie mir Jamie äußerst ungern überlassen. Ich hätte ihn früher zu mir nehmen müssen.“

Nick war bedrückt, das spürte Reese. „Es ist schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn man trauert“, versuchte sie, ihn zu trösten.

„Haben Sie Erfahrung damit?“

„Zu Weihnachten haben mein Verlobter und ich uns getrennt. Das hat mich hart getroffen. Es ist natürlich nicht mit dem zu vergleichen, was Ihnen zugestoßen ist. Sie haben ein Kind bekommen und nicht damit gerechnet, es ohne ihre Frau aufziehen zu müssen.“

Seine Augen verfinsterten sich. „Erica war bis zum Ende der Schwangerschaft gesund. Das Problem begann, als die Wehen einsetzten. Kaum war sie im Krankenhaus, verlor sie schneller Blut, als man durch Konserven ersetzen konnte. Deshalb entschieden die Ärzte sich für einen Kaiserschnitt, um Jamies Leben nicht zu gefährden.“

„Gott sei Dank“, flüsterte Reese. „Er ist ein Geschenk des Himmels.“

Nick schaute sie fragend an. „Dann wollen Sie also nicht von Ihrem Vertrag zurücktreten?“

„Das ist nicht meine Art. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ihre Schwiegereltern es gerne sähen. Vermutlich haben sie kein Vertrauen in mich.“

„Aber ich vertraue Ihnen. Und ich bin froh, dass Sie hier sind, um mir mit Jamie zu helfen. Deshalb sollten Sie sich wegen meiner Schwiegereltern keine Gedanken machen. Sie trauern. Und nichts kann sie trösten.“

Das traf offensichtlich auch auf Nick zu. Und deshalb wechselte Reese das Thema. „Was halten Sie davon, wenn ich Montag beginne, Jamie im Kinderwagen auszufahren? Vielleicht gefällt es ihm ja.“

„Das ist eine gute Idee. Ich werde nachher meine Nummer und die von Paul in Ihr Handy speichern, dann können Sie uns jederzeit erreichen. Sollten Sie mit Jamie größere Ausflüge machen wollen, wird Paul sie gerne fahren. Ich wollte Ihnen ohnehin einen Schlüssel zum Apartment geben. Allerdings bitte ich Sie, sich immer von Albert hinein- und hinausbegleiten zu lassen. Es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

Was wohl hieß, dass Leute wie Nick ständig damit rechnen mussten, gekidnappt zu werden. Erst jetzt wurde ihr klar, welch große Verantwortung sie trug. „Ich werde mit Jamie sehr vorsichtig sein“, versprach sie.

„Daran zweifele ich nicht.“ Er aß seinen Salat auf. „Montag werde ich als Erstes ein Bankkonto für Sie eröffnen, damit Sie die nötigen Einkäufe machen können.“

„Danke.“

„Auch Ihre Arbeitszeiten sollten wir regeln. Wenn Sie wochentags bis fünf Uhr bei Jamie sind, können Sie den Rest der Zeit machen, wozu Sie Lust haben. Sind Sie damit einverstanden?“

Reese fand das unglaublich großzügig. „Sehr sogar. Doch ich bin auch bereit, mich am Abend oder am Wochenende um Jamie zu kümmern, wenn Sie etwas vorhaben.“

„Danke. Falls ich darauf zurückkommen muss, werde ich die Überstunden bezahlen.“

„Bitte nicht. Ich darf hier doch umsonst wohnen und essen. Das betrachte ich als zusätzliches Gehalt. Mehr Geld, als wir ausgemacht haben, möchte ich nicht annehmen.“

Er beobachtete sie, während sie aß. Ihr Puls begann zu rasen. Das war nicht das erste Mal. Es passierte immer wieder in seiner Gegenwart.

„Möchten Sie sonst noch etwas mit mir besprechen?“, fragte er.

„Mir fällt nur noch eins ein. Wissen Sie, wann Jamie seine nächste Kontrolluntersuchung hat?“

„Die letzte war vor drei Wochen. Bei der nächsten bringe ich ihn zu einem neuen Arzt. Morgen werde ich Dr. Wells anrufen und fragen, wann er Jamie sehen will. Bis dahin wird er die Untersuchungsergebnisse zugeschickt bekommen haben.“

„Das ist gut. Vielleicht braucht er eine neue Impfung.“

Nick lehnte sich zurück und trank seinen Kaffee aus. Wieder fiel Reese auf, dass er keinen Ehering trug. Das fand sie merkwürdig, weil seine Frau erst kürzlich gestorben war. Doch vielleicht hatte er ja nie einen getragen. Manche Männer mochten keine Ringe.

„Wenn Sie an diesem Nachmittag noch etwas unternehmen möchten, Reese, dann können Sie das gerne tun. Ich gehe ein paar Runden schwimmen und danach arbeite ich ein bisschen.“

„Wie können Sie arbeiten, wenn sie kein Arbeitszimmer mehr haben?“

Er lachte. „Darüber mache ich mir nachher Gedanken.“

„Später wird es nicht besser aussehen als jetzt. Warum nutzen wir nicht Jamies Schlafzeit, um es herzurichten? Ich würde mich besser fühlen. Schließlich war der Zimmertausch mein Vorschlag. Und ich mag nicht aufhören, bis alles fertig ist.“

Sein Lächeln ging ihr durch und durch. „Gut. Dann legen wir jetzt los.“ Er stand auf und streckte sich zu voller imponierender Größe. „Aber danach übernehme ich Jamie, bis ich Montag früh zur Arbeit gehe.“

„Er wird sich freuen.“

Sie lief sofort los, um einen Blick ins Kinderzimmer zu werfen. Jamie schlief. Sein entspannter kleiner Körper und der friedlich geöffnete Mund rührten sie.

Autor

Rebecca Winters

Rebecca Winters und ihre Familie leben in Salt Lake City, Utah. Mit 17 kam Rebecca auf ein Schweizer Internat, wo sie französisch lernte und viele nette Mädchen traf. Ihre Liebe zu Sprachen behielt sie bei und studierte an der Universität in Utah Französisch, Spanisch und Geschichte und später sogar Arabisch.

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