Falsches Bett, richtiger Mann

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VOR SCHÖNEN MÄNNERN WIRD GEWARNT
Paul sieht einfach verboten gut aus! Doch Gwen ahnt: Sicher kommt für ihn nur eine makellose Schönheit wie ihre Schwester in Frage. Aber dann küsst er Gwen so heiß, dass sie nach Atem ringen muss. Hat sich Mr. Perfect etwa in sie verliebt?


IM BETT MIT ADAM
Drei lustvolle Tage hat die Radiomoderatorin Erica mit ihrem Kollegen Adam im Bett verbracht - und will mehr! Dabei sind Affären im Sender absolut tabu. Aber verbotene Früchte reizen ganz besonders...


HEMMUNGSLOSE LUST EINER NACHT
Und hier ist das … Als Maklerin Hailey die Tür zum Schlafzimmer des Anwesens öffnet, ist sie sprachlos: In dem Bett liegt ein Fremder! Ein faszinierender Fremder. Wie gerne würde sie … Und Rob scheint für alles zu haben zu sein - nur nicht für eine gemeinsame Zukunft …


TRÖSTE MICH, VERFÜHRE MICH
Verblüfft starrt Mitch Kate an, die sich verführerisch auf seinem Bett rekelt. Früher hat er oft mit der kleinen Katie gespielt, sie sogar oft getröstet. Jetzt ist sie erwachsen - und leider mit einem Schuft verlobt. Sucht sie auch diesmal bei Mitch nur Trost - oder mehr?


VERFÜHRUNG IM MONDLICHT
Mit 18 hat sie ihm ein fast unwiderstehliches Angebot gemacht, doch damals blieb Alan standhaft. Jahre später sieht er sie wieder - und verspürt dasselbe Kribbeln: Caley ist einfach hinreißend. Diesmal wird er nicht Nein sagen! Falls er eine zweite Chance bekommt …


DER MANN VOM STRAND - EINE SÜNDE WERT
Ein Blick - und es gibt kein Zurück mehr. Sinnlich prickelt der Wind auf Ambers Haut, als sie gemeinsam mit dem attraktiven Fremden die Bar verlässt und an den Strand geht. Hemmungslos genießt sie ihren allerersten One-Night-Stand. Bis sie merkt, wer ihr Verführer wirklich ist …
  • Erscheinungstag 10.10.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733727956
  • Seitenanzahl 850
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Jo Leigh, Cindi Myers, Nancy Warren, Debbi Rawlins, Kate Hoffmann, Joanne Rock

Falsches Bett, richtiger Mann

IMPRESSUM

Vor schönen Männern wird gewarnt erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
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© 2008 by Jolie Kramer
Originaltitel: „Ms. Match“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY SEXY
Band 63 - 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Christian Trautmann

Umschlagsmotive: GettyImages

Veröffentlicht im ePub Format in 10/2019 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733728045

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Der Coffeeshop in Beverly Hills war wie immer um kurz vor sieben völlig überfüllt. Eine lange Schlange aus Frauen und Männern in Anzügen und Businesskostümen wand sich zwischen den kleinen runden Tischen bis hinaus auf die Straße. Paul Bennet überlegte, ob er auf seinen Bagel verzichten und sich gleich auf den Weg ins Büro machen sollte, aber am Vorabend hatte er bloß zwei Hot Dogs zum Abendessen gehabt, und er wollte den Tag nicht hungrig beginnen.

Dieser Tag würde ohnehin anstrengend werden. Er musste einen neuen Kunden betreuen, eine Fernsehproduktionsfirma, die auf Heimwerkershows spezialisiert war. Sie hatten Pauls Public-Relations-Unternehmen engagiert, nachdem sie von mindestens fünf anderen Unternehmen umworben worden waren. Er hatte die letzte Präsentation selbst gemacht, und sie war fantastisch gewesen.

Er stieß gegen den Arm einer jungen Frau, die ihn wütend anfunkelte. Er lächelte, und ihre Wut verflog sofort.

„Verzeihung“, sagte sie leicht errötend.

„Macht nichts.“

Sie setzte ihren Weg fort, und er beschwor die Schlange im Stillen, sich schneller zu bewegen. Er könnte warten und dann Tina, seine Sekretärin, bitten, telefonisch etwas ins Büro zu bestellen. Aber sie kam nicht vor neun.

Paul war gern der Erste im Büro, um ganz in Ruhe seine Telefonate mit Übersee oder der Ostküste zu führen, seine E-Mails zu lesen und den Großteil der eigentlichen Arbeit zu erledigen. Ab neun war er hauptsächlich damit beschäftigt, zu reden, zu reden und nochmals zu reden. Aber er sollte sich nicht beklagen, denn schließlich war es das, was er am besten konnte und der Grund dafür, warum Bennet Inc. erfolgreich war.

An diesem Morgen würde er allerdings zuerst Autumn Christopher anrufen. Sie würde mittlerweile in ihrem Hotel sein, sich bei einem Drink entspannen und die Aussicht auf die Piazza di Spagna genießen.

Er stellte sie sich in ihrer knallroten Stewardessenuniform vor, mit ihren langen, züchtig hochgesteckten blonden Haaren. Ihr Lippenstift würde zur Farbe ihrer Uniform passen, ihre Lippen feucht und glänzend aussehen, aber dank irgendeines weiblichen Zaubers keine Spur an ihrem Glas hinterlassen. Das war nur eines der Dinge, mit denen sie ihn verrückt machte. Wie ihre rauchgrauen Augen, mit denen sie ihn von Kopf bis Fuß musterte. Der Klang ihres Lachens. Die Tatsache, dass, egal, was er tat, wie charmant oder großzügig er war und wie sehr er alles richtig machte, sie einfach nicht mit ihm schlafen wollte.

Die Frau war nicht dumm.

Die Jagd hatte ihn stets fasziniert. Bis zu einem gewissen Punkt, den er bei Autumn längst überschritten hatte. Warum wollte er dann noch immer etwas von ihr? Er hätte sie schon vor Monaten ziehen lassen und sich anderen Verlockungen zuwenden sollen. Schließlich gab es genügend andere wunderschöne und außergewöhnliche Frauen in Los Angeles.

Endlich erreichte er den Tresen, wo er sein Lächeln erneut einsetzte und vage die Reaktion der Bedienung registrierte. Das Mädchen errötete und senkte den Blick.

„Hallo, Carol. Ich hätte gern einen Zwiebelbagel mit Streichkäse light, dazu einen Becher Kaffee, schwarz. Und ich wäre hocherfreut, wenn Sie dieser Bestellung ein Lächeln hinzufügen könnten.“

Obwohl er den gleichen albernen Spruch jedes Mal benutzte, verfehlte er seine Wirkung auf Carol nicht. Nervös beeilte sie sich für ihn besonders, was sein eigentliches Ziel war. Er stand nicht gern in einer Schlange und wartete.

Schneller als es möglich zu sein schien, kehrte sie mit seiner Bestellung zurück. „Ich habe Ihren Bagel schon aufgewärmt, als noch zwei Kunden vor Ihnen dran waren“, erklärte sie gerade laut genug, dass es nur für seine Ohren bestimmt war.

„Das liebe ich an Ihnen, Carol“, erwiderte er und gab ihr einen Zehner, der bereits ein großzügiges Trinkgeld beinhaltete. „Sie sind ein Schatz.“

Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Danke, Mr. Bennet.“

„Bis bald.“

In zwei Minuten war er wieder draußen und in seinem Bürogebäude. Er hatte in dem Hochhaus eine ganze Etage gemietet. In den unteren Stockwerken waren Banker untergebracht, doch in den oberen arbeiteten Filmproduktionsfirmen, Werbeunternehmen, die für die Filmbranche tätig waren, eine Casting-Agentur und zwei Buchhaltungsfirmen für Klienten aus dem Filmbusiness. Hier oben drehte sich alles ums Showbusiness. Sein Unternehmen beispielsweise beschäftigte sich mit Stars, Filmausrüstern, Produktionsfirmen, einem der kleineren Filmstudios und drei verschiedenen Werbesendern. Sie betreuten außerdem Sportler, Verlage und sechs Autoren.

Er öffnete die Tür zum Empfang, der von einem der führenden Bühnenbildner Hollywoods gestaltet worden war. Das allein hatte Paul mehr gekostet, als er in den ersten zwei Jahren verdient hatte. Es roch nach den frischen Blumen, die wöchentlich geliefert wurden, und nach Geld. Nichts in diesem Geschäft war billig, und genau das gefiel ihm.

Mit seinem Bagel und dem Kaffee in der Hand ging er den Flur entlang zu seinem Büro. Hier, im zwanzigsten Stock, wurde er mit einem phänomenalen Blick über die Stadt belohnt. Vom Rodeo Drive bis zu den Hollywood Hills war dies der Inbegriff von Luxus. Leider gab es nicht viele klare Tage mit einer guten Aussicht.

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Während er aß, überflog er seine E-Mails. Einige erforderten eine rasche Antwort, doch die meisten konnten warten. Er achtete sehr genau auf das Timing, da seine Kunden maßlos wurden, wenn er zu schnell auf ihre Anfragen reagierte.

Einige Minuten später, gestärkt von seinem zugegebenermaßen bescheidenen Frühstück, setzte er sein Headset auf und wählte Autumns Handynummer. Nach dem dritten Klingeln war ihr liebliches, sanftes „Hallo“ zu hören.

„Hallo, meine Schöne.“

„Paul“, sagte sie und legte ihren ganzen Charme in dieses eine Wort hinein.

„Wie ist Rom?“

„Heiß.“

„Armes Ding.“

„So schlimm ist es auch nicht. Es gibt einen Hotelpool. Ich wollte mir gerade meinen Badeanzug anziehen.“

„Anzug? Ist das nicht ein bisschen übertrieben für diesen Bikini, der nicht größer ist als vier Post-it-Zettelchen?“

Sie lachte, und wie immer erregte ihn ihr Lachen.

„Ich weiß genau, was du tun solltest“, sagte er. „Benutz die Videofunktion deines Handys, und lass mich dir beim Ausziehen zusehen.“

Autumn seufzte. „Eines muss ich dir lassen, Paul. Du gibst nicht leicht auf.“

„Da hast du verdammt recht.“

„Das gefällt mir. Aber ich muss das Thema wechseln.“

„Ach?“

„Ja, denn ich muss dich um einen Gefallen bitten.“

Insgeheim hoffte er, dass Unterwäsche und Champagner dabei eine Rolle spielen würden. Er schwang den Sessel herum, um auf die Stadt und das geschäftige Treiben hinunterzuschauen. In New York trug fast jeder Schwarz. Nicht so in der Stadt der Engel. Es war warm, und die Menschen trugen Kleidung, deren Farben so bunt waren wie die der Blumen entlang des Rodeo Drives.

„Meine Eltern feiern Freitag ihren fünfzigsten Hochzeitstag“, erklärte Autumn. „Und ich kann nicht kommen.“

„Ich verstehe“, sagte er.

„Die Sache ist die, dass meine Schwester kein Date hat.“

„Deine Schwester …“

„Ja, Gwen. Sie sagt zwar, es mache ihr nichts aus, allein hinzugehen, aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Daher habe ich mich gefragt …“

„Wenn sie Ähnlichkeit mit dir hat, wäre es mir eine Ehre, sie zu begleiten.“

Autumn lachte erneut. „Nein, nicht du. Aber du kennst bestimmt jemanden, dem es nichts ausmacht.“

„Warum sollte es irgendjemandem etwas ausmachen?“

Sie seufzte frustriert. „Ich will nicht gemein sein, aber Gwen entspricht nicht … nun, sie ist sehr intelligent.“

„Ah, sie ist eine interessante Persönlichkeit.“

„Genau.“

„Wie interessant?“

„Sie ist kein Troll oder so was, aber, na ja. Für sie spricht, dass sie wirklich interessant und witzig ist.“

„Verstanden. Kein Problem. Ich habe schon den geeigneten Mann im Sinn. Gib mir ihre Nummer.“

„Er soll nicht anrufen. Sag ihm, er soll sie abholen. Ich werde ihr sagen, dass er kommt. Ach ja, es ist ein feierlicher Anlass.“

Autumn nannte ihm die Adresse und weitere Einzelheiten. Er schrieb pflichtbewusst alles auf, während er sich insgeheim fragte, wie viel Punkte ihm dieser Gefallen bei ihr einbringen würde. Er würde sie mit fliegenden Fahnen erobern, denn sie würde sich bei ihm bedanken müssen, und da fielen ihm hundert verschiedene Möglichkeiten ein.

„Das ist superlieb von dir, Paul. Im Ernst. Diese Jubiläumsfeier ist sehr wichtig. Danke.“

„Bis jetzt habe ich noch nichts getan.“

„Das wirst du noch. Du warst der Erste, an den ich gedacht habe.“

„Gut, so sollte es auch sein.“

Sie lachte, und aus irgendeinem Grund wusste er, dass das Gespräch beendet war – keine Videobotschaft, kein weiteres Necken. Das war Autumns Art.

„Ich muss los, wenn ich noch schwimmen will.“

„Wann kommst du zurück?“

„Sonntag.“

„Ich kann es kaum erwarten“, sagte er und wusste, dass jede andere Frau bei diesen Worten dahingeschmolzen wäre. Aber nicht sie. Nicht Autumn.

Um vier Uhr vierzig am Freitagnachmittag stellten sich im Büro gedanklich alle allmählich auf das Wochenende ein. Paul hatte sein letztes Telefonat absolviert und machte sich für die kommende Woche Notizen. Er freute sich auf den Abend, weil da sein monatliches Pokerspiel stattfand. Frauen spielten dabei keine Rolle, nur Bier, gute Zigarren und derber Blödsinn, wie er nur von einem Haufen kommen konnte, der sich seit dem College kannte.

Als Sam Ensler sein Büro betrat, ließ Pauls gute Laune schlagartig nach.

„Tu mir das nicht an, Sam.“

„Du weißt, dass ich es nicht tun würde, wenn mir eine andere Wahl bliebe.“

„Heute Abend ist das Hochzeitsjubiläum.“

Sam, sein Mann für literarische PR, sah zerknirscht aus. „Ich muss nach Michigan“, erklärte er. „Meine Mutter hat sich die Hüfte gebrochen und wird morgen früh operiert.“

„Mist.“

Sam nickte. „Sie hat sonst keinen, und sie ist schon fünfundachtzig.“

„Ich verstehe. Geh nur, und kümmere dich um sie. Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“

„Es tut mir wirklich leid, Paul.“

„Schon gut. Um wie viel Uhr erwartet Gwen dich?“

„Um sieben.“ Er legte ein Blatt Papier auf Pauls Schreibtisch. „Das ist ihre Adresse.“

Paul überlegte bereits fieberhaft, welcher seiner Freunde und Bekannten einspringen könnte. „Halte mich auf dem Laufenden, wie es deiner Mutter geht, ja? Und lass dein Handy eingeschaltet.“

Sam lächelte grimmig und verschwand.

Sobald er allein war, fluchte Paul herzhaft. Er hatte keine Ahnung, wen er so kurzfristig fragen konnte. Woody? Nein, der war in New York. Vielleicht Jeff … Mist, der würde einen Freitagabend nicht dafür opfern, um mit einer unattraktiven unbekannten Frau auszugehen. Wem wollte er etwas vormachen? Keiner seiner Freunde würde sich darauf einlassen. Pauls einzige Hoffnung war jemand, der für ihn arbeitete oder ihm einen Gefallen schuldete. In der zweiten Gruppe hätte es noch Möglichkeiten gegeben, wenn es nicht Freitag und noch Zeit gewesen wäre.

Er fluchte erneut, wählte Carys Nummer und hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, dass er es nicht zur Pokerrunde schaffen würde. Dann schaute er sich Gwens Adresse an. Sie wohnte in Pasadena. Er würde sich beeilen müssen, wenn er pünktlich sein wollte. Zum Glück hatte er stets mindestens einen Smoking parat.

Dafür schuldete Autumn ihm einen sehr großen Gefallen.

Du lieber Himmel, sah der gut aus.

Groß, zerzaustes dunkles Haar, umwerfende braune Augen – ein Mann wie vom Titelbild der GQ. Er war einer der attraktivsten Männer, die Gwen Christopher jemals in natura gesehen hatte. Armer Kerl. Autumn hatte ihn immer noch nicht rangelassen. Das war der einzige Grund, der ihr einfiel, weshalb ein Mann mit seinem Aussehen sich einverstanden erklären würde, sie zu begleiten. „Das wird nicht funktionieren.“

„Wie bitte?“

Sie hielt ihm die Tür auf. „Cinderella wird nicht mit Ihnen schlafen, nur weil Sie mit der hässlichen Schwester zum Ball gehen. Sie wird Sie weiterhin zappeln lassen.“

Der blendend aussehende Mann wirkte auf äußerst charmante Weise verwirrt. „Ich bin nicht …“

Seufzend schloss sie die Tür hinter ihm. „Ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich in Schale geworfen haben, deshalb werde ich es Ihnen leicht machen. Ich werde Autumn sagen, dass Sie vollkommen waren, ein wundervolles Date. Und ich werde Ihnen sogar einen Tipp geben: Sie wird Sie erst wollen, wenn Sie sie nicht mehr wollen. Dann werden sich ihre Beine teilen wie das Rote Meer. Der Abend ist noch jung. Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie es noch zu einer Premiere oder sonst einer Veranstaltung, die schöne Menschen für gewöhnlich an einem Freitagabend besuchen.“

„He, Lady, ich bin bloß hier, um Ihnen den Wachturm anzudrehen.“

Gwen lachte, überrascht, dass jemand, den Autumn kannte, Humor besaß. „Sehr gut. Sam, nicht wahr?“

„Nein, Paul. Paul Bennet. Ich bin Sams Ersatzmann. Er musste weg. Seine Mutter hat sich die Hüfte gebrochen.“

„Ah, dann haben Sie wirklich Pech gehabt. Im Ernst, Sie brauchen nicht zu bleiben.“

„Ich hätte nicht einmal herkommen müssen, aber ich würde Sie trotzdem gern zu der Party begleiten.“

„Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht.“

Paul neigte den Kopf zur Seite und hob eine Braue, was ihn noch attraktiver machte. „Na schön, Sie sind tatsächlich Autumns Schwester.“

„Wie meinen Sie das?“

„Sie sind genauso störrisch.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. „Ich habe heute Abend nichts vor, bin dem Anlass entsprechend gekleidet und hätte nichts dagegen, den Rest der Familie kennenzulernen.“

Würde ihre ganze Familie nicht staunen, wenn sie mit Paul Bennet auftauchte? Natürlich würde es nicht lange anhalten – sobald sich der Schock gelegt hätte, würden sie schnell begreifen, dass er sie nur aus Mitleid begleitete. Trotzdem wäre es nett, zu sehen, wie Faith die Kinnlade herunterklappte. „Ich habe Ihnen das Geheimnis verraten, wie Sie Autumn ins Bett bekommen. Glauben Sie mir etwa nicht?“

„Ich bevorzuge es, meine eigenen Schlüsse zu ziehen. Was sagen Sie nun?“

„Ich sage, dass Sie verrückt sind.“

„Das stimmt wahrscheinlich. Andererseits war von einer Bar und einem tollen Buffet die Rede.“

„Schon, aber so viel Alkohol gibt es gar nicht, um die Veranstaltung zu einem angenehmen Abend zu machen.“

„Ich riskiere es trotzdem.“

Sie musterte ihn, immer noch erstaunt, wie gut aussehend er war. Das war geradezu lächerlich. Niemand sollte so attraktiv sein dürfen. Aber Attraktivität hatte nichts mit Fairness zu tun. Sie sollte diesem Unsinn jetzt ein Ende bereiten. Die ganze Situation war grotesk. Zog sie wirklich in Erwägung, mit diesem Adonis zur Feier ihrer Eltern zu gehen?

„Also abgemacht. Holen Sie Ihre Tasche, Gwen, und lassen Sie uns Spaß haben.“

Obwohl sie den Kopf schüttelte, ging sie zum Esszimmertisch und holte ihre Handtasche. Und als Paul ihr seinen Arm anbot, hakte sie sich unter. Es überraschte sie nicht, dass er einen eleganten schwarzen Mercedes fuhr. Verblüffender war da eher das leichte Kribbeln, das sie verspürte, als er ihr beim Einsteigen half.

Auf der Autobahn warf Paul seiner Begleitung einen verstohlenen Blick zu. Autumn hatte schwer übertrieben – so unattraktiv war ihre Schwester gar nicht. Sie spielte nicht in Autumns Liga, aber hässlich war sie absolut nicht. Gwen besaß eher eine natürliche Ausstrahlung und wirkte selbstbewusst. Ihre Augen waren hübsch, die Nase war vielleicht einen Tick zu groß. Auf einer Party wäre sie ihm vielleicht nicht auf den ersten Blick aufgefallen, wohl aber auf den zweiten.

„Woher kennen Sie sie?“, wollte Gwen wissen.

„Ich bin Autumn auf der Party einer meiner Autoren begegnet.“

„Autumn kennt einen Schriftsteller? Sie kann lesen?“

„Ich glaube nicht, dass sie ihn kannte“, erwiderte er, den Seitenhieb ignorierend. „Sie war in Begleitung von jemandem da.“

„Sie müssen meine Verwirrung verstehen, denn sie ist nicht gerade ein Bücherwurm.“

Er lächelte und dachte, dass Gwen recht hatte. „Dafür hat sie andere Vorzüge.“

„Ja, vermutlich.“

„Sie beide stehen sich nicht nahe?“

„Nein. Wir verkehren in völlig unterschiedlichen Kreisen.“

„Erzählen Sie mir von Ihren Kreisen.“

Sie bedachte ihn mit einem Blick, der in ihm den Wunsch weckte, ihr sein College-Diplom zu zeigen. „Ich bin Headhunter bei Rockland-Stewart, hauptsächlich für wissenschaftliche Positionen.“

„Wirklich? Ich habe ein- oder zweimal einen Headhunter in Anspruch genommen.“

„Für …?“

„Public Relations, vorrangig im Bereich Entertainment.“

„Das passt“, sagte sie.

„Warum?“

Sie sah wieder geradeaus auf die Straße. „Sie wirken wie ein Mensch, der in der Unterhaltungsbranche tätig ist.“

„Höre ich da eine gewisse Verachtung heraus?“

„Nein, es ist bestimmt eine faszinierende Arbeit.“

„Das ist sie tatsächlich.“

„Warum PR?“, wollte sie wissen.

„Warum nicht? Ich bin gut darin.“

„Davon bin ich überzeugt. Sie haben Ihre Rolle bisher ziemlich gut gespielt.“

„Wäre Ihnen das ursprünglich geplante Arrangement lieber gewesen? Sam ist ein interessanter Typ.“

Gwen seufzte. „Ich benehme mich schrecklich, verzeihen Sie. Meine Schwester glaubt, sie tut mir einen Gefallen mit diesem Date. Ich habe ihr schon ein Dutzend Mal gesagt, dass ich mich selbst um einen Begleiter kümmern werde, wenn ich einen will.“

„Gehen Sie gern solo aus? Auch auf eine solche Veranstaltung?“ Paul musste die Spur wechseln, weil sie am Autobahnkreuz angelangt waren. Die Party fand im Marriott Hotel in Burbank statt. Das war nicht weit von Gwens Wohnung in Pasadena entfernt, jedenfalls nicht für L. A.

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“

Sie warf ihm erneut einen Blick zu, den er nicht deuten konnte, weil ihr Gesicht jetzt im Dunkeln lag. „Meine Schwester und der Großteil meiner Familie haben keine Ahnung, wie ich lebe, und umgekehrt verhält es sich genauso. Es ist unkomplizierter, allein zu Familienfeiern zu gehen.“

„Ich verstehe.“

„Aber es besteht die Chance, dass Sie sich amüsieren“, erklärte sie. „Es wird voll sein. Außer den Freunden meiner Eltern ist da noch meine große Familie. Wir waren acht Kinder, müssen Sie wissen. Fünf sind mittlerweile verheiratet, Faith ist verlobt. Dann kommen noch deren Kinder dazu.“

„Wow, ich hatte ja keine Ahnung.“

„Und alle ähneln Autumn mehr als mir. Mein Leben lang machten sie Witze darüber, dass meine Mutter eine Affäre mit dem Postboten hatte.“

„Es ist doch gut, etwas Besonderes zu sein.“

„Da spricht der PR-Experte.“

Abgesehen davon, dass Gwen recht hatte, gefiel ihm das Ganze nicht. Schließlich tat er hier jemandem einen großen Gefallen, da konnte sie ruhig ein bisschen dankbarer sein.

„Tut mir leid, ich fange schon wieder an. Es ist nichts Persönliches, ehrlich“, versicherte sie ihm.

„Ist schon gut.“

„Nein, ist es nicht. Was Sie tun, ist sehr nett, auch wenn Ihre Motive nicht ganz koscher sind.“

„Na schön, ich bin kein Heiliger. Trotzdem glaube ich, dass wir das Beste daraus machen können. Wenn Sie sich dadurch besser fühlen, kann ich Sie dort einfach absetzen und Ihnen für die Rückfahrt ein Taxi besorgen.“

Das schien sie zu erschrecken, doch da er dabei war, von der Autobahn herunterzufahren, konnte er sie nur kurz ansehen. Sie antwortete erst, als er an einer Ampel hielt.

„Das überlasse ich Ihnen. Trinken und essen Sie etwas, und gehen Sie, sobald Ihnen danach ist. Um einen Wagen für mich brauchen Sie sich nicht zu kümmern, das kann ich auch selbst erledigen.“

„Gut. Schauen wir mal, wie es läuft.“

Obwohl er ihr Gesicht nicht sehen konnte, hatte er den Eindruck, dass sie sich allmählich entspannte. Er fühlte sich ebenfalls besser. Jetzt, da er die Möglichkeit hatte, mit Anstand davonzukommen, würde er es vielleicht doch noch rechtzeitig zur Pokerrunde schaffen. Lächelnd bog er in die Auffahrt zum Marriott ein.

2. KAPITEL

Als die Fahrstuhltüren aufgingen, hörte Gwen ein Orchester und wusste, dass ihre Eltern im siebten Himmel schwebten. Sie waren beide Anfang siebzig und noch immer sehr verliebt. Gwen vermutete, dass sie deshalb so viele Kinder hatten. Früher waren sie herausragende Tänzer gewesen und hatten alle möglichen Preise gewonnen. Sie lebten für ihr Publikum und eine große Tanzfläche. Wenn sie in Schwung kamen, hielten sie länger durch als viele jüngere Paare.

Kurz vor dem Eingang zum Ballsaal dachte Gwen an die Gesichter, die ihre Familie und deren Freunde machen würden, wenn sie sie mit einem Mann wie Paul hereinkommen sahen. Diese Vorstellung brachte sie zum Lächeln. Sie hoffte nur, dass Paul es nicht bemerkte.

„Gwen?“

Als sie die Stimme ihrer Schwester Faith hörte, verlangsamte sie ihre Schritte. Faith war sechs Jahre älter und Einkäuferin bei Neiman Marcus. Ihr Verlobter Bret, der neben ihr stand, war ebenfalls Einkäufer. Die beiden waren ein Traumpaar. Zusammen hatten sie beinah ein ganzes Gehirn.

„Ja, Faith, ich bin es, Gwen.“

„Und wer ist das?“ Faith musterte Paul, als wäre er ein angesagtes neues Designerjackett. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich Neugier wider, was sie noch schöner machte. Alle fünf Schwestern hatten irgendwann einmal gemodelt. Obwohl Faith schon vierunddreißig war, bekam sie noch immer Angebote von Fotografen.

„Paul Bennet, meine Schwester Faith.“

Paul deutete eine Verbeugung an, was Faith ein Seufzen entlockte, ehe sie sich wieder an Gwen wandte. „Ich muss unbedingt den Namen des Begleitservices haben. Nicht für mich, selbstverständlich, aber ich kenne viele Frauen …“ An ihn gewandt sagte sie: „Wie dem auch sei, ich bin entzückt, Sie kennenzulernen.“

Gwen registrierte Pauls geschockte Miene, aber er gewann seine Fassung rasch wieder.

„Ich sehe die Bar“, sagte er, Faith und ihre idiotische Bemerkung ignorierend. „Wollen wir etwas trinken?“

„Gern.“ Gwen hakte sich bei ihm unter, und gemeinsam drangen sie weiter ins Feindesland vor. Sie überlegte, ob sie sich für Faith entschuldigen sollte, doch wenn sie damit erst einmal anfing, würde sie sich den ganzen Abend lang entschuldigen müssen. Was soll’s. Sie würde etwas trinken, Paul verabschieden und sich ein Taxi bestellen. Im Nu würde es vorbei sein und sie den ganzen Unsinn vergessen können.

Das Orchester war fabelhaft, es spielte all die Sachen, mit denen sie aufgewachsen war, hauptsächlich Swing und dazwischen einige ruhige Klassiker. Bis jetzt hatte sie ihre Eltern noch nicht entdeckt, aber dann sah sie Danny und seine Frau Sandy. Und ihre Schwestern Bethany und Eve.

„Was möchten Sie trinken?“, fragte Paul.

„Gin Tonic, bitte.“

„Keinen Champagner?“

„Nein. Um diesen Abend zu überstehen, brauche ich etwas Stärkeres. Deshalb nehme ich auch einen Doppelten.“

„Klingt sehr vernünftig“, sagte er. „Also, wie viele sind hier?“

Sie wusste genau, was er meinte. „Alle sechs. Und ihre Partner.“

„An welcher Stelle stehen Sie?“

„Jess und Autumn sind jünger als ich, die anderen älter, wenn auch nicht klüger. Mein Angebot gilt noch, Sie können jederzeit gehen. Ich bin an meine Familie gewöhnt.“

„Ich weiß nicht. Das Buffet sieht gut aus.“

„Das ist es bestimmt auch. Meine Familie versteht es, eine Party zu schmeißen.“

Er sah zum Orchester auf der anderen Seite des riesigen Ballsaals. „Das sehe ich. Tanzen Sie?“

„Wir haben es alle gelernt. Meine Eltern waren semiprofessionelle Tänzer, als sie noch jünger waren. Statt Schlaflieder hörten wir Swingbands.“

„Ich musste eine Tanzschule besuchen. Der reinste Albtraum. Ich wurde regelmäßig verprügelt, und, nein, Foxtrott zu lernen machte mich nicht so schnell, dass ich ungeschoren davonkam. Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr hatte ich ständig ein blaues Auge.“

„Aber heute sind Sie froh?“

„Klar. Ich hatte seit Jahren kein blaues Auge mehr.“

Sie grinste. „Ich meinte wegen des Tanzens.“

„Ja, es ist nicht schlecht, tanzen zu können, obwohl es heutzutage nur noch wenige Anlässe gibt, bei denen man seine Fähigkeiten einsetzen kann.“

„Das stimmt, und es ist traurig.“

„Im Valley gibt es ein paar Swingclubs.“

Die Frau vor ihnen in der Schlange an der Bar drehte sich zu Paul um. Er räusperte sich. „Swingtanzclubs“, präzisierte er. „Die anderen gibt es dort aber vermutlich auch.“

Die Frau, die sich zu ihnen umgedreht hatte, war eine der Golfbekanntschaften ihrer Eltern, die einem Club angehörten, dessen Mitgliedsbeiträge ein Vermögen kosteten. Dort verbrachten sie ihre Zeit mit Kartenspielen, Tennis und Rasenbowling. Gwen freute sich für sie, dass sie Geld genug hatten, um ihren Ruhestand genießen zu können.

„Gwen, schön, dich zu sehen. Es ist Ewigkeiten her.“

Wie war noch ihr Name? Bitsy, Kiki oder etwas ähnlich Albernes, nur konnte Gwen sich beim besten Willen nicht erinnern. Aber das war auch egal, da die Dame den Blick ohnehin nicht von Paul abwenden konnte. „Freut mich auch, dich zu sehen. Das ist übrigens Paul Bennet, ein Freund von Autumn.“

Die Frau nickte, als ergäbe das plötzlich alles einen Sinn. „Wo ist denn deine Schwester?“

„In Rom.“

„Die Glückliche. Rom ist herrlich um diese Jahreszeit, finden Sie nicht?“

Paul sah zu Gwen. „Ich bin sicher, Autumn wäre lieber hier.“

„Oh, natürlich.“

Paul stand sehr dicht neben Gwen, berührte sie jedoch nicht. „Genau das denke ich auch.“

Mit einem leicht verwirrten Lächeln wandte die Frau sich ab und ließ Gwen mit der Sehnsucht nach einem Drink und anschließender Flucht zurück.

„Mögen Sie generell keine Partys oder nur keine Familienfeiern?“ Er sprach leise, doch sie hörte ihn trotz des Lärmpegels und spürte seinen Atem seitlich an ihrem Hals.

„Mir ist gemütliches Beisammensein mit Gesprächen und guter Laune lieber. Ah, endlich.“

Sie waren am Tresen angelangt, und Paul bestellte die Getränke. Nachdem sie sie bekommen hatten, trank Gwen einen Schluck und führte Paul zu dem üppigen Buffet mit der Eisskulptur. Alles war wunderbar präsentiert, das Servicepersonal aufmerksam und höflich. Wenn sie sich nur entspannen und es genießen könnte. Sie balancierte ihr Glas und ihren Teller, bis sie genug Essen hatte, um nicht richtig betrunken zu werden, dann ging sie in den hinteren Teil des Ballsaals, wo es ein paar Sitzplätze gab.

Paul fand zwei freie Plätze, und sie setzten sich zu einer Gruppe Fremder. Gwen erkannte einige, konnte sich aber nicht an die Namen erinnern. Es war trotzdem ganz nett, weil das Essen und Trinken eine Unterhaltung schwierig machten. Sie überlegte, ob sie ihm noch einmal sagen sollte, dass er jederzeit gehen konnte, oder ob es sich anhören würde, als wollte sie ihn hinauswerfen.

„Das muss eine von Ihren Schwester sein“, bemerkte Paul.

Sie folgte seinem Blick zum Rand der Tanzfläche. Bethany, die einzige ihrer Schwestern, mit der sie eine gewisse Nähe verband, stand dort mit ihrem Mann Harry. Sie sahen beide toll aus. Beth trug ein langes schimmerndes Silberkleid, das ihre perfekte Figur umschmeichelte. „Das ist Bethany. Ihr Mann heißt Harry. Sie haben eine Tochter, Nickie, knapp ein Jahr alt.“

„Noch eine?“ Er deutete zum Eingang.

„Ja, das ist Eve. Allerdings sehe ich den Rest ihrer Brut nicht.“

„Von den Brüdern erkenne ich keinen.“

Sie hielt Ausschau, konnte aber auch keinen entdecken. „Ich werde sie Ihnen zeigen, wenn sie vorbeikommen.“

„Wie war das, mit so vielen Geschwistern aufzuwachsen?“

„Schön, als ich ganz klein war. Später nicht mehr, da war die Konkurrenz zu groß.“

„Konkurrenz?“

„Im Gegensatz zu diesen wunderbar fröhlichen Großfamilien im Fernsehen ging es bei uns nur um Football, Modelverträge, Cheerleadertruppen.“

„Bildung zählte nicht?“

Sie winkte ab. „Nein, gute Zeugnisse hatten nicht den gleichen Stellenwert. Und bei Ihnen?“

„Bei mir wurden gute Noten erwartet. Es gab nur mich und meine Schwester Val. Sie ist drei Jahre jünger und beängstigend klug. Da musste ich mich ganz schön ranhalten.“

„Haben Sie es geschafft?“

„Ja, ich studierte in Yale Jura, doch sehr zur Enttäuschung meines Vaters gefiel es mir nicht.“

„Sie Glückspilz, Sie haben Ihre Berufung gefunden.“

„Ja, das habe ich.“

Gwen war mit dem Essen fertig und musste erst einmal verarbeiten, dass der Schönling Bennet in Yale studiert hatte. Sie sollte sich wegen ihrer Vorurteile schämen. Ihrer Erfahrung nach besuchten Männer, die aussahen wie Paul, keine Eliteuniversitäten. Ihre Brüder waren mit einem Studium auf mittelmäßigen Colleges ganz gut durchs Leben gekommen. Sie hatten früh gelernt, dass Charme und Schönheit eher Türen öffneten als Abschlüsse von renommierten Universitäten.

„Möchten Sie noch etwas? Noch mehr Shrimps? Einen weiteren Drink?“

„Nein danke.“

Er stand auf, und sie entspannte sich, da sie bald gehen konnte. Paul hielt ihr die Hand hin, doch statt sich zu verabschieden, zog er sie hoch. „Wollen wir tanzen?“

„O nein, ich …“

„Denken Sie daran, was ich wegen meiner jahrelangen Tanzstunden alles durchmachen musste.“

Paul hielt Gwens Hand, bis sie in der Mitte der überfüllten Tanzfläche angekommen waren, aus Angst, sie könnte ihm weglaufen, wenn er sie vorher losließ. Als er sie an sich zog, stellte er zu seiner Verblüffung fest, dass sie lächelte.

Seit Jahren hatte er nicht mehr so getanzt, seit der kurzen Phase, in der Swing wieder angesagt war. Natürlich fiel es ihm leicht mit einer so guten Partnerin.

Als er sie einmal herumwirbelte, warf sie den Kopf zurück und lachte, was ihn ebenfalls zum Lachen brachte, einfach weil es ein fantastisches Gefühl war.

Die ganze Angelegenheit war verrückt – hier mit Gwen zu tanzen und sich so prächtig zu amüsieren, dass er nach diesem Song nicht gehen wollte. Einer mehr konnte schließlich nicht schaden.

„Das war wundervoll“, sagte Gwen und wedelte mit dem Saum ihres Kleids, um sich Kühlung zu verschaffen. „Sie sind ein ausgezeichneter Tänzer.“

„Dann hat sich die Prügel gelohnt?“

„Ich würde sagen, ja.“

„Wollen wir zuerst etwas trinken oder abwarten, was sie als Nächstes spielen?“

In diesem Moment setzte die Musik wieder ein. Paul kannte den Song nicht, aber er fand sofort den Rhythmus. Er schnappte sich Gwen, und sie tanzten so gut, dass sich die Tanzfläche mehr und mehr leerte.

Nach diesem Lied waren sie beide ein wenig außer Atem, und Gwen führte ihn zur Bar, wo sie sich Wasser und einen weiteren doppelten Gin Tonic bestellte. Paul sah keinen Grund, es ihr nicht gleichzutun. Kaum hatte er sein Wasser ausgetrunken, tauchte eine der Schwestern auf. Es war Eve, und ihr Interesse galt allein Paul.

„Ich habe Sie tanzen sehen“, sagte sie, während sie ihn von Kopf bis Fuß musterte. „Wie, um alles in der Welt, hat Gwen Sie gefunden? Erzählen Sie mir nicht, Sie seien einer ihrer Kneipenfreunde.“

„Er war eine Gratisbeilage zu irgendetwas“, erklärte Gwen genervt. „Du weißt ja, dass ich Coupons liebe.“

Paul legte ihr die Hand auf den Rücken und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Erst dann sah Eve ihre Schwester an, und ihre Miene ließ keinen Zweifel daran, dass sie Gwen geschmacklos fand.

Er drehte Eve halb den Rücken zu und sagte zu Gwen: „Bereit für die nächste Runde?“

Lächelnd stellte sie ihr fast leeres Glas auf ein Tablett. Paul trank sein Glas aus, und dann ließen sie Eve einfach stehen.

Diesmal war es ein Samba, ein aufregender lateinamerikanischer Rhythmus, und erneut erwies Gwen sich als perfekte Partnerin. Die wahre Überraschung kam allerdings erst eine Stunde später, nach einer weiteren Runde Drinks, als das Orchester beschloss, dem Publikum eine Pause zu gönnen, und ein paar Songs spielte, bei denen man kein Können zeigen musste, sondern sich eng aneinanderschmiegen konnte.

Ohne groß zu überlegen, zog Paul Gwen an sich. Es gefiel ihm, sie in den Armen zu halten, die Art, wie sie seine Bewegungen vorausahnte. Als er den Duft ihres Parfums einatmete, süß und rauchig trotz der körperlichen Anstrengung, die bereits hinter ihr lag, fragte er sich unwillkürlich, ob sie im Bett genauso auf ihn eingehen würde.

„Was ist los?“

Fragend sah er sie an. „Was?“

„Sie haben aufgehört zu tanzen. Stimmt etwas nicht?“

Verdammt. Er fing wieder an, sich zu bewegen. Es war doch ganz natürlich, dass er sie sich im Bett vorstellte. Er war schließlich ein Mann. Sie war eine Frau. Tanzen war eine intime Angelegenheit, also hatte das überhaupt nichts zu bedeuten.

Auch später nicht, als er feststellte, dass sich der Ballsaal bereits zur Hälfte geleert hatte und dass es am Buffet inzwischen Kaffee und Kuchen gab. Der Abend war wie im Flug vergangen. Irgendwann war Paul Gwens Eltern vorgestellt worden, danach weiteren Brüdern und Schwestern, die sich alle darüber lustig machten, dass er Gwens Date war. Die meiste Zeit über hatten sie jedoch getanzt, bis sie nicht mehr konnten und sich setzen mussten.

Bei jeder Pause nahmen sie weiter weg von der Musik und den anderen Gästen Platz. Gwen suchte einen Tisch, er besorgte die Drinks, und nachdem er festgestellt hatte, dass sie ein Fan der Dodgers war, wurde der Abend noch besser.

Er hätte nie gedacht, dass es ihm so leichtfallen würde, mit einer Frau zu reden, wenn es nicht ums Flirten ging. Ihm waren schon viele Frauen begegnet, für die er sich nicht auf diese Weise interessierte, nur verbrachte er dann auch nicht viel Zeit mit ihnen. An diesem Abend fiel er aus der Rolle. Sicher, er sammelte auch Pluspunkte bei Autumn, aber ansonsten war es völlig entspannt. Es war ganz anders als sonst in seinem Leben, in dem sich alles entweder um Sex oder Geld drehte. Selbst seine geliebten Pokerabende waren von Konkurrenzdenken geprägt.

Heute aber kam es ihm wie das Natürlichste der Welt vor, zu lachen und zu tanzen und zu viel zu trinken. Letzteres hatte zur Folge, dass er auf keinen Fall mehr nach Hause fahren konnte.

„Alles in Ordnung?“

Gwen sah hübsch aus mit ihrem offenen blonden Haar, das ihr auf die Schultern fiel. „Ich muss herausfinden, ob ich hier noch ein Zimmer bekomme.“

Erschrocken schaute sie auf ihre elegante silberne Armbanduhr. „Wow, es ist schon spät. Besser gesagt, früh.“

„Genau.“

„Ich hoffe, es gibt noch zwei freie Zimmer.“

Plötzlich spürte er, wie erschöpft er war. „Wenn nicht, nehmen wir uns ein Taxi.“

„Wo wohnen Sie?“

„Los Feliz.“

„Das ist sehr weit.“

„Ich weiß.“

Sie sah ihn an. „Ich bin ziemlich betrunken.“

„Auch das weiß ich.“ Er nahm ihre Hand und führte Gwen aus dem Ballsaal zum Empfang. Vor ihnen waren noch andere Partygäste an der Reihe, aber das war nicht der Grund, weshalb er seine Schritte verlangsamte.

Er betrachtete Gwen. Sie schien zu leuchten in ihrem hübschen Kleid, und das Gefühl, sie in den Armen zu halten, war noch da. „He.“ Er blieb stehen und drehte sie so, dass sie ihn ansehen musste. „Wie wäre es, wenn wir uns nach nur einem Zimmer erkundigen?“

„Warum?“

Er lachte. „Sie haben wirklich viel getrunken, wenn Sie noch fragen müssen.“

Sie starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Und wer weiß, vielleicht hatte er.

Gwen war nicht mehr so betrunken gewesen, seit sie aus der Hausbar ihrer Eltern eine Flasche Brombeerschnaps gestohlen hatte, als sie noch zur Highschool ging. Sie hatte das Gefühl, noch immer zu tanzen und sich zu drehen und alles um sich herum zu vergessen, während sie in diese unglaublichen braunen Augen sah.

Sie wusste, dass sie sich weder verhört noch seine Worte falsch gedeutet hatte. Paul wollte die Nacht mit einem Quickie beenden. Sie holte tief Luft und blieb so ruhig sie konnte. „Sind Sie verrückt geworden? Ich werde unter gar keinen Umständen mit Ihnen schlafen.“

Sein Lächeln erstarb, und er machte ein enttäuschtes Gesicht. „Warum nicht?“

Gwen wünschte, der Raum würde aufhören, sich zu drehen. „Ich bin betrunken, aber nicht blöd.“

„He, ich habe nie behauptet …“

„Kommen Sie.“ Sie zerrte ihn weiter Richtung Empfang. Vor ihnen waren noch drei Leute in der Schlange. „Besorgen wir uns jeder ein Zimmer und legen uns schlafen. Morgen wird es Ihnen besser gehen.“

„Ich verstehe nicht, warum Sie es nicht wenigstens in Erwägung ziehen.“

Er hörte sich gar nicht allzu betrunken an, doch sie wusste in etwa, wie viele Drinks er gehabt hatte. Und hätte sie es nicht gewusst, wäre sein Angebot Beweis genug für seinen Zustand gewesen. Andernfalls würde er nicht die Nacht mit ihr verbringen wollen. Abgesehen davon war er mit Autumn zusammen. Das allein disqualifizierte ihn schon. Bei der Vorstellung schauderte es sie.

„He“, sagte er wieder, nur dass es diesmal gekränkt klang.

„Was?“

„Ich habe Ihren Blick sehr wohl registriert. Eigentlich dachte ich nicht, dass ich so schlimm bin.“

Sie brachte ein Lächeln zustande, obwohl ihr die Füße wehtaten. „Das war nicht Ihretwegen.“

„Sondern?“

„Wegen Autumn.“ Sie verzog das Gesicht, da sie das eigentlich nicht hatte aussprechen wollen.

„Meine Autumn?“

„Wir sind gleich an der Reihe“, erklärte sie.

Er drehte sich um und schwankte leicht. „Ich fürchte, ich habe mehr getrunken, als ich dachte. Beim Tanzen war mir noch nicht schwindelig.“

Sie nickte, hörte jedoch sofort damit auf, weil ihr flau wurde. Die ganze Situation war lächerlich. Sie wollte nicht im Hotel übernachten. Sie hatte nichts dabei, keine Kleidung zum Wechseln, nicht einmal eine Zahnbürste. Aber mit dem Taxi nach Hause fahren wollte sie auch nicht, weil ihr schon allein bei dem Gedanken daran übel wurde.

Am Empfangstresen brauchte Paul einen Moment, bis er seine Brieftasche hervorgekramt hatte. Dann knallte er eine Kreditkarte auf den Tresen. „Zwei Zimmer bitte.“

„Tut mir leid, Sir. Alles, was wir noch haben, ist ein Einzelzimmer.“

„Dann eben zwei Einzelzimmer.“

„Es gibt nur noch ein Einzelzimmer.“

Paul sah Gwen an, dann wieder den Hotelangestellten. „Wir nehmen es.“

„Warten Sie einen Augenblick.“ Gwen zog Paul ein Stück vom Tresen fort.

„Keine Sorge“, sagte er, bevor sie protestieren konnte. „Sie können das Zimmer haben. Ich nehme ein Taxi.“

„Nein, ich nehme das Taxi.“

„Auf keinen Fall. Sie müssen ins Bett.“

„Sie aber auch“, sagte sie.

Er betrachtete sie, bis er anfing zu schwanken. „Na schön, dann teilen wir uns das Zimmer.“

„Äh …“

„Keine Sorge, ich werde der perfekte Gentleman sein.“

„Ach, na dann.“

Gwen war nicht besorgt, zumindest nicht wegen Paul. Viel mehr Sorgen bereitete ihr ihr Verstand. Und die fehlende Zahnbürste.

Zusammen mit dem Schlüssel händigte der nette Angestellte Paul zwei Körbe mit dem Notwendigsten für die Nacht aus. Einschließlich zweier glänzender Kondompäckchen.

Das Zimmer war praktisch eingerichtet und mit einem schmalen Doppelbett ausgestattet. Erneut überlegte Gwen, ob sie sich ein Taxi rufen sollte, doch die Ausschweifungen des Abends gaben den Ausschlag, sich für das Hotelzimmer zu entscheiden. Mit ihrem kleinen Korb ging sie ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich ab.

Der Inhalt des Korbes reichte für eine notdürftige Toilette, aber weder Make-up-Entferner noch Gesichtscreme waren dabei. Sie putzte sich die Zähne und überlegte, ob sie ihr Kleid anbehalten sollte. Es war sehr schön, und sie wusste nicht, wie es aussehen würde, wenn sie darin geschlafen hatte. Die Alternative allerdings waren Slip und BH.Vielleicht wenn das Licht aus war und er schon schlief. Wenn sie es schaffte, sich auszuziehen, ohne auf dem Hintern zu landen. Im Augenblick konnte sie trotz einer Hand am Waschbecken kaum das Gleichgewicht halten.

Als sie aus dem Bad kam, lehnte Paul an der Wand, ohne Krawatte und mit halb aufgeknöpftem Hemd. Sein Jackett hing über einem der Sessel. Trotzdem sah er noch unverschämt gut aus. „Es gehört Ihnen.“

Kaum lag ihr Kopf auf dem Kissen, drehte sich alles. Nach einer Weile hörte sie Paul wieder aus dem Badezimmer herauskommen, doch sie drehte sich nicht zu ihm um, sondern schloss die Augen, auch wenn der Schwindel dadurch zunahm.

Sie spürte, wie die Decke zurückgeschlagen wurde und sein Gewicht die Matratze herunterdrückte. Mit dem Klicken des Lichtschalters wurde es dunkel im Zimmer. Dann legte er sich neben sie.

Gwen machte die Augen wieder auf und hoffte, sie würde einfach ohnmächtig werden, damit sie sich der Nähe dieses Fremden nicht so sehr bewusst wäre. Er stöhnte, und sie fühlte mit ihm. Ein paar Sekunden später, nachdem er noch einige Male hin und her gerutscht war, lag er still da. Sie entspannte sich ein wenig.

Er duftete nach Seife und feuchten Haaren – ein sehr intimer Duft. Gwen musste daran denken, dass sie in Unterwäsche neben ihm lag. In ihrem schlichten Kaufhausslip und dem BH.

Trug auch er nur Unterwäsche? Boxershorts? Slip? Eine dieser europäischen Unterhosen, die in den Zeitschriften immer so sexy aussahen? Bestimmt war er nicht nackt.

Sie schloss wieder die Augen, und diesmal war sie es, die stöhnte. Aber nicht nur wegen des Schwindels.

„Ist alles in Ordnung?“, flüsterte er.

„Nein. Ich bin ein Idiot.“

Er seufzte. „Ich auch. Alles dreht sich.“

„Ich bin zu alt für diesen Unsinn.“ Sie bewegte sich, hielt aber sofort inne, weil sie ihn nicht berühren wollte. „Selbst als ich jung war, war ich schon zu alt dafür.“

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich zum Beispiel werde mich an diese Nacht nicht erinnern, weil ich betrunken war, sondern weil ich mich prächtig amüsiert habe. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt so getanzt habe.“

Gwen musste lächeln. „Ja, das war schon toll.“

Sie wartete darauf, dass er weitersprach, doch es war nur sein Atem zu hören. Vielleicht war er eingeschlafen. Bestimmt, denn es war schon sehr spät.

Sie versuchte wieder, die Augen zu schließen, und wieder stöhnte sie. Unter der Decke legte Paul ihr die Hand auf den Arm.

„Ich kann Alka Seltzer kommen lassen“, bot er an. „Das fehlte in den Körbchen.“

„Nein danke. Der Schwindel wird bald nachlassen.“

„Versprechen Sie mir das?“

„Ich wünschte, ich könnte es.“

„Es hilft, zu reden und sich abzulenken“, sagte er. „Mir jedenfalls. Aber das ist dumm, also vergessen Sie es.“

„Nein, ist es nicht“, widersprach sie und wünschte, er würde seine Hand fortnehmen. „Ich glaube auch, dass es hilft.“

„Mist.“

„Was ist denn?“ Fast hätte sie sich umgedreht, konnte sich aber gerade noch beherrschen.

„Ich habe vergessen, Wasser zu holen. Bin gleich wieder da.“

Er nahm seine Hand fort, und Gwen atmete auf. Während die Matratze schaukelte, kam ihr in den Sinn, dass Betrunkensein nicht ihre schlimmste Sünde in dieser Nacht war. Diese Ehre wurde ihrer Albernheit zuteil, denn sie benahm sich kindisch und dumm, so wie eine von ihren Schwestern.

Das Licht vom Kühlschrank veranlasste sie, Paul zu betrachten. Boxershorts. Hübsch, aber nicht die Sorte, auf die sie gehofft hatte.

„Möchten Sie auch welches?“, erkundigte er sich.

„Nein danke.“

Er stand da, nackt bis auf die Unterwäsche, den Kopf zurückgelegt, die Wasserflasche an den Lippen. Er trank gierig, und selbst in dem schwachen Licht konnte sie seinen Adamsapfel hüpfen sehen.

Na ja, ganz so kindisch war ihre Reaktion nicht, denn dieser Mann war wirklich außergewöhnlich und die Situation sehr intim. Wen hätte das nicht eingeschüchtert?

Paul wandte sich ihr zu. Das Kühlschranklicht war die perfekte Hintergrundbeleuchtung. „Das tat gut. Wollen Sie wirklich nichts?“

„Ich habe eine Flasche hier.“ Sie versuchte, den Blick auf sein Gesicht gerichtet zu lassen, doch das schaffte sie nicht. Sie betrachtete seine muskulöse Brust und die schmale Taille, bis Paul die Kühlschranktür zumachte.

Im Nu war er wieder bei ihr im Bett. Während sie darauf achtete, ihn ja nicht zu berühren, machte er nicht nur Lärm, sondern drängte sich auch noch an sie. Eine Drehung genügte, und sie würde auf ihm liegen.

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich in der Badewanne schlafe?“, fragte sie.

„Was? Warum?“

„Sie scheinen ziemlich viel Platz zu brauchen.“

„Nein, eigentlich nicht. Ich will nur nah bei Ihnen sein.“

„Ich habe meine Meinung nicht geändert, Paul. Außerdem sind Sie gar nicht in der Verfassung.“

„Da irren Sie sich. Aber ich bin mir sehr wohl bewusst, dass Sie Nein gesagt haben, und deshalb werde ich das Thema nicht weiter strapazieren.“

„Warum wollen Sie mir dann nah sein?“

„Sie duften so gut, und ich will reden.“

Sie schluckte angesichts dieses Kompliments, sagte aber nichts dazu. „Worüber wollen Sie reden?“

„Wir könnten mit Ihren Kneipenfreunden beginnen.“

Gwen seufzte. „Na dann, rücken Sie rüber.“ Brüste hielt, und legte sich ein Kissen hinter den Rücken.

Paul hielt das offenbar für eine gute Idee, denn er folgte ihrem Beispiel. „Kneipenfreunde?“

„Das hat nichts zu bedeuten. Montagabend besuche ich eine Sportkneipe, wo wir ein Sportquiz spielen.“

„Sind Sie gut darin?“, wollte er wissen.

„Sehr gut.“

Paul brummte.

„Was?“

„Nichts.“

Sie sah ihn an, wacher als noch eine Minute zuvor. „Letztes Jahr habe ich die Meisterschaft gewonnen.“

„In allen Sportarten?“

„In allen wichtigen Sportarten. Es ist nicht nur ein lokaler Wettbewerb, sondern landesweit, einschließlich Kanada. Ich spiele im ‚Bats and Balls‘, aber es gibt hunderte Bars, die daran teilnehmen.“

„Es war nicht meine Absicht, Ihre Sachkenntnis anzuzweifeln, aber das beantwortet nicht meine Frage.“

„Wie lautete die gleich?“

„Was ist mit den Kneipenfreunden?“

„Ja, Männer spielen auch dort. Eve findet es verdächtig, dass ich mich mit Männern treffe und wir nur befreundet sind.“

Er sah sie an, doch konnte sie seine Miene nicht deuten. „Eve ist blöd.“

„Ja, das ist sie“, räumte sie lächelnd ein.

Paul streckte sich im Bett. Der Schwindel war zum Glück verflogen und Schlaf wahrscheinlich endlich möglich. Trotzdem wollte er nicht, dass Gwen aufhörte zu reden. Er wollte beim Klang ihrer sanften Stimme einschlafen. Und er wünschte, das wäre alles, was er wollte.

Sie hatten über Baseball geredet, über Football und waren irgendwie auf ihre Lieblingspizzerias gekommen. Worüber sie gerade sprach, wusste er nicht, da er die Bedeutung ihrer Worte schon vor einer Weile ausgeblendet hatte, um sich ganz auf den sinnlichen Klang ihrer Stimme zu konzentrieren. Dabei waren seine Gedanken abgeschweift. Er wusste, dass er nicht mehr lange wach bleiben konnte, trotzdem wollte er sie berühren. Sie einfach nur berühren.

Sie verstummte, und die Stille war nicht halb so angenehm, doch dann bewegte sie sich und lag neben ihm, allerdings mit gebührendem Abstand zwischen ihnen.

Paul drehte sich auf die Seite, um sie anzusehen, und als sie nicht protestierte, rutschte er ein Stückchen näher. In der Dunkelheit konnte er nicht erkennen, ob es ihr unangenehm war, aber er wollte sie auf keinen Fall verschrecken. „Sind Sie noch wach?“, flüsterte er.

„Halbwegs.“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich näher komme?“

Sie schwieg einige Sekunden lang, was Antwort genug war.

„Schon gut. Süße Träume.“ Es war ohnehin eine törichte Idee. Er war noch nie ein Kuscheltyp gewesen, und wahrscheinlich hatte dieses seltsame Gefühl eher mit dem Alkohol zu tun als mit Verlangen.

Sie bewegte sich erneut, und diesmal streifte ihr Po seine Hüfte. Aber was er fühlte, hatte nichts mit Sex zu tun. Er legte den Arm um sie und spürte die vollkommene zarte Haut an ihrem flachen Bauch. In der Löffelchenstellung schmiegte er sich an sie und lächelte zufrieden, denn genau das war es, wonach er sich gesehnt hatte. Und ihrem Seufzen nach zu urteilen, war auch sie nicht unglücklich darüber.

Daher schloss er die Augen und schlief ein.

3. KAPITEL

Gwen erwachte, spürte Pauls Penis an ihrem Po und erstarrte vor Entsetzen. Aber offenbar schlief er noch, denn andernfalls hätte sie dafür gesorgt, dass er für lange Zeit niemanden mehr mit seinem besten Stück bedrängen konnte.

Seine Hand lag auf ihrer Taille, und seine Knie schmiegten sich an ihre Oberschenkel. Warmer Atem streifte ihren Nacken, und sie entspannte sich ein wenig. Er schlief wirklich noch, also konnte sie in Ruhe ihre Flucht planen. Irgendwie musste sie aus dem Bett und ins Badezimmer kommen, ohne ihn aufzuwecken.

Es war zwar dunkel im Zimmer, aber sie wusste, dass es schon hell draußen war. Sie war durstig, ihre Schläfen pochten, und sie wollte nur noch nach Hause. Äußerst vorsichtig hob sie seine Hand und rutschte Zentimeter für Zentimeter zur Bettkante. Sie hätte die Nacht niemals in diesem Hotelzimmer verbringen dürfen. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?

Gleich hatte sie es geschafft. Fast war sie frei. Sie hielt seine Hand hoch, um ihr Kissen als Ersatz für ihren Körper darunterzuschieben. Lautlos setzte sie sich auf und drehte sich zu um.

Das war ein Fehler.

Er sah aus wie ein Filmstar – einfach umwerfend. Gwen gab sich keinen Illusionen über ihr Aussehen gleich nach dem Aufwachen hin. Das Leben war einfach nicht fair. Noch schlief er, sie sollte sich beeilen zu verschwinden.

Langsam stand sie auf, nahm ihre Wasserflasche vom Nachttisch, schnappte sich ihr Kleid und lief ins Badezimmer. Erst dort wagte sie wieder zu atmen. Die Frau im Spiegel sah allerdings schrecklich aus. Wenigstens hatte sie Seife und Zahnpasta.

Sie brauchte nicht lange, um sich anzuziehen. Das Einzige, was im Bad fehlte, war ein Notizblock, denn es wäre unhöflich, zu verschwinden, ohne wenigstens ein paar Zeilen zu hinterlassen. Andererseits würde sie Paul Bennet nie wiedersehen, wozu sich also die Mühe machen?

Nein, so herzlos konnte sie nicht sein. Er war so nett zu ihr gewesen, das beste Date, das sie je gehabt hatte. Sie würde sich gern daran zurückerinnern. Mit der Bürste in der Hand öffnete sie die Badezimmertür und machte sich auf die Suche nach Briefpapier.

Leider schlief Paul nicht mehr, sondern stand direkt vor ihr, nur etwa zehn Zentimeter von ihr entfernt. In seiner Boxershorts. Im Licht, das aus dem Bad ins Zimmer fiel. Und sah dabei aus wie eine antike Statue. Er wirkte ein wenig verzweifelt, als er an ihr vorbei ins Badezimmer eilte. Gwen straffte sich, schüttelte ihre Benommenheit ab, knipste die Nachttischlampe an und fand das Hotelbriefpapier. Hastig kritzelte sie ein Dankeschön auf ein Blatt, riss es ab und schrieb eine neue Nachricht, diesmal etwas netter. Sie war mit ihrer Handtasche schon auf dem Weg nach draußen, als Paul wieder aus dem Bad kam.

Sie hätte keine zweite Nachricht schreiben dürfen, denn dadurch hatte er Zeit gehabt, sich das Gesicht zu waschen und die Haare zu kämmen. Außerdem registrierte sie, dass seine Erektion sich gelegt hatte. Warum auch nicht, die hatte er schließlich nicht ihretwegen gehabt.

„Sie brechen schon auf?“

„Ich brauche Kaffee und eine Dusche.“

„Klar. Soll ich etwas beim Zimmerservice bestellen? Ich bin im Nu angezogen.“

„Nein, schon gut.“ Sie zwang sich, ihm ins Gesicht zu sehen. „Lassen Sie sich Zeit. Ich werde mir ein Taxi nehmen, so weit weg von hier wohne ich ja nicht.“

Er nickte. „Ich verstehe.“

Wenn sie sich nicht irrte, klang er ein wenig enttäuscht, was überhaupt keinen Sinn ergab. Vermutlich war es nichts. Sein Kopf musste sich genauso schlimm anfühlen wie ihrer, deshalb konnte sie sich nicht vorstellen, dass er dies hier noch unnötig in die Länge ziehen wollte.

„Ich habe Ihnen eine Nachricht zum Abschied geschrieben“, erklärte sie. „Aber jetzt kann ich mich ja persönlich bedanken. Der gestrige Abend hat mir gut gefallen. Sie sind ein toller Tänzer.“

„Mir hat es auch Spaß gemacht. Komisch, was?“

„Sehr.“ Sie wollte an ihm vorbeigehen, doch er berührte ihren Arm.

„Autumn hatte recht.“

„Womit?“

„Dass Sie interessant und amüsant sind.“

„Ich war total betrunken.“

Er grinste.

„Haben Sie auch solche Kopfschmerzen?“

Reumütig wie ein kleiner Junge nickte er.

„In der Lobby gibt es bestimmt jede Menge Aspirin. Tja dann …“

„Tja dann …“

Sie schaute auf seine Hand, die auf ihrer nackten Haut lag. Es war eine ganz harmlose Berührung, nur fühlte sie sich leider überhaupt nicht so an.

Einen Moment später registrierte sie, dass er sich zu ihr herüberbeugte. Sie sah genau in der Sekunde auf, in der seine Lippen ihre trafen.

Paul küsste sie.

Gwen erstarrte zum zweiten Mal an diesem Morgen, wagte nicht zu atmen und wartete darauf, dass etwas passierte. Zum Beispiel, dass er sich abrupt wieder von ihr löste oder lachte oder einfach ihren Arm losließ. Stattdessen küsste er sie weiter.

Sie schloss die Augen, obwohl sie das gar nicht wollte und obwohl sie sich ermahnte, diesen Unfug auf der Stelle zu beenden und nach Hause zu fahren. Aber stattdessen erwiderte sie den Kuss voller Hingabe.

Paul seufzte, und sie nahm seinen Atem wahr, der frisch und nach Pfefferminz roch. Die Zeit schien stillzustehen, ihre Gedanken überschlugen sich, und Gwen war zu keinerlei Reaktion mehr fähig.

Dann wich er plötzlich zurück und ließ sie los. Er sah erschrocken aus. „Wow. Tut mir leid. Ich wollte nicht …“

„Macht nichts. Man kann sich ja mal irren. Tja dann …“

„Genau.“ Er machte einen Schritt rückwärts, dann noch einen. „Tja dann …“

„Dann werde ich mal …“

„Klar. Gut.“

Sie schüttelte ihm die Hand und suchte die Tür. „Es hat mir Spaß gemacht. Das Tanzen.“

„Spaß gemacht, sicher.“ Er wich zurück, bis er ans Bett stieß.

Zum Glück fand sie die Tür, bevor sie noch weiteren Blödsinn von sich geben konnte. Auf dem Weg zum Fahrstuhl fragte sie sich immer wieder, was in sie gefahren war. Es war alles sehr seltsam, aber sobald ihr Kopf nicht mehr wehtat, würde sie sicher eine Erklärung für die Schmetterlinge im Bauch finden. Oder einfach so tun, als hätten dieser Abend und dieser Morgen nie existiert.

Paul schaute erneut auf seine Uhr. Autumn verspätete sich zu diesem Abendessen noch mehr als sonst, und er hatte Hunger. Den Tisch im Nobu hatte er vor vierzig Minuten bekommen, weshalb der Kellner allmählich unruhig wurde. Von Pauls Drink waren nur noch die Eiswürfel übrig. Wo steckte sie nur? Schließlich war es ihre Idee gewesen, sich hier mit ihm zu treffen, ein Dankeschön dafür, dass er mit Gwen zum Hochzeitstag ihrer Eltern gegangen war. Allerdings hatte sie zwei Wochen gebraucht, um ihn zu diesem Abendessen einzuladen.

Er wusste nicht einmal, warum er sich diese Mühe machte. Autumn war toll – aber rechtfertigte das eine vierzigminütige Verspätung sowie ein zweiwöchiges Warten?

Er hatte volle vierundzwanzig Stunden gebraucht, um sich von dem Abend mit Gwen zu erholen, und länger, als es gut für ihn war, bis er nicht mehr darüber nachdachte. Noch immer konnte er kaum glauben, dass er mit Autumns Schwester hatte schlafen wollen. Sie war nicht nur nicht sein Typ, es wäre auch schändlich gewesen, weshalb er ernsthaft erwogen hatte, nie wieder Alkohol zu trinken.

Endlich entdeckte er Autumn am Empfang. Es war ein für sie typischer Auftritt, selbstbewusst bis zur Extravaganz. Sie trug ein rotes Kleid, das kurz genug war, um ihre fantastischen Beine zur Geltung zu bringen. Ihre blonden Haare fielen ihr wie Seide auf die Schultern, und ihr Gang war der einer Frau, die sich ihrer Ausstrahlung vollkommen bewusst war.

„Paul“, begrüßte sie ihn lächelnd.

Er stand auf und küsste sie auf die Wange. Allein ihr Duft genügte, um jeden kritischen Gedanken auszulöschen. Verdammt.

Sie orderte sofort einen Nobu-Martini, und er bestellte sich einen neuen Drink. Kaum waren sie allein, schenkte sie ihm einen Blick, der seinen Testosteronspiegel schlagartig erhöhte. „Es geht das Gerücht, du und Gwen hättet einen tollen Abend zusammen verbracht.“

„Fängst du schon wieder damit an? Ich habe es dir doch erklärt. Wir haben getanzt. Es hat Spaß gemacht.“

„Laut Faith sah es nicht so aus, als würdest du mir nur einen Gefallen tun.“

„Was?“

„Sie hat gesagt, beim Engtanz hätte kein Blatt Papier mehr zwischen euch gepasst.“

„Gwen ist eben eine gute Tänzerin.“

Autumn betrachtete ihn eine Weile, dann brach sie in helles Gelächter aus. „Du lieber Himmel, du solltest dein Gesicht sehen! Als wenn du und Gwen …“ Sie lachte noch ein wenig und erntete so viel Aufmerksamkeit, wie sie konnte, ohne es zu übertreiben. „Sie muss glatt umgefallen sein, als sie dich vor ihrer Tür stehen sah. Oh, ich wünschte, ich hätte es sehen können.“

„So lustig war es nicht.“

„Ach, komm schon, Paul. Ich kenne meine Schwester. Das war bestimmt amüsant.“ Sie tupfte sich die Augenwinkel mit der Serviette. „Ich bin dir sehr dankbar für das, was du getan hast. Es muss schrecklich gewesen sein. Faith meinte, du hättest dich den ganzen Abend wie ein echter Gentleman benommen. Sie konnte es gar nicht fassen, dass du nicht bei der erstbesten Gelegenheit verschwunden bist.“

Paul nahm seine Speisekarte, weil er sich darüber ärgerte, wie Autumn über ihre Schwester sprach. Am besten hielt er sich da raus. Autumns Beziehung zu Gwen, wenn man es denn so bezeichnen konnte, ging ihn nichts an. „Ich habe dir gern einen Gefallen getan. Möchtest du eine Vorspeise?“

Sobald Autumn in ihre Speisekarte blickte, wechselte er das Thema, denn es war nicht klug, jetzt an Gwen zu denken. Er wollte das Essen hinter sich bringen und zum angenehmen Teil des Abends mit Autumn kommen. Für diese Gelegenheit hatte er extra neue Kondome gekauft.

Nachdem die Drinks gekommen waren und sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, lauschte er Autumn, wie sie von ihren Abenteuern in Rom berichtete, und freute sich bereits auf das, was die Nacht für ihn bereithielt. Sie würden zu ihm nach Hause fahren. Seine Haushälterin war am Nachmittag da gewesen, deshalb sah alles sauber und ordentlich aus. Im Kühlschrank warteten Champagner und teurer Beluga-Kaviar.

„Woran denkst du?“, fragte sie.

„Hm? Oh. An dich natürlich. Nur an dich.“

Gwen verteilte das Popcorn auf dem Backblech, spritzte Butterspray darüber und würzte es mit ihrer Spezialmischung aus Chili, Zitrone und Salz.

„Bringst du mir ein Bier mit?“

Sie schüttete das Popcorn in eine riesige Schüssel, nahm ein Bier für Holly und eine Cola light für sich selbst und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

Holly hatte es sich wie eine zufrieden schnurrende Katze auf dem Sofa bequem gemacht. Sie war im Pyjama und in Hausschuhen vorbeigekommen. Wenn der Film zu Ende war, brauchte sie nur in ihre Wohnung zwei Stockwerke über Gwen zu gehen. Das war praktisch, besonders weil Holly auch bei Rockland-Stewart arbeitete, wo sie sich kennengelernt hatten. Sie verstanden sich auf Anhieb, und als die Wohnung oben frei geworden war, hatte Holly begeistert zugegriffen.

„Sind wir so weit?“, fragte Gwen. „Fehlt noch etwas?“

Holly nahm ihr Bier und eine Handvoll Popcorn. „Nein, ich glaube, alles ist bestens. Wenn man davon absieht, dass wir an einem Freitagabend hier im Pyjama sitzen und uns einen Film anschauen.“

„Meiner Meinung nach gibt es nichts Besseres.“ Gwen öffnete ihre Cola und goss sie in ihr großes Glas.

Holly hob die Fernbedienung für den DVD-Spieler, drückte aber noch nicht den Startknopf. „Ich glaube, Ito mag dich.“

„Was?“

„Ich glaube, er schwärmt für dich.“

Gwen musste lachen. „Ito? Du spinnst ja. Ich bin seine Konkurrentin. Er hasst mich, weil ich öfter gewinne als er.“

„Nein, er ist in dich verliebt.“

„Holly, starte den Film.“

„Jawohl, Ma’am.“ Sie drückte den Knopf, hielt beim Vorspann aber wieder an. „Du meine Güte, das habe ich ja ganz vergessen, dir zu erzählen. Ich habe ein Foto von Paul Bennet gesehen. Warum hast du mir verschwiegen, dass er noch besser aussieht als Brad Pitt?“

„Weil das nicht stimmt. Können wir uns jetzt den Film ansehen?“

Holly warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Wie können wir befreundet sein, wenn du so gemein zu mir bist?“

„Mir kommen gleich die Tränen.“

„Ach, halt den Mund. Er war jedenfalls der attraktivste Mann, den ich je gesehen habe. Keine Ahnung, was ich getan hätte, wenn der vor meiner Tür gestanden hätte.“

„Er ist mit Autumn zusammen.“

„Dann ist er nicht allzu helle. Man kann Ausnahmen machen.“

„Nein“, erwiderte Gwen scharf, „kann man nicht.“

„Wie war es, in seinen Armen zu liegen?“, wollte Holly wissen, als hätte Gwen nicht protestiert.

„Er war ein guter Tänzer. Sobald ich betrunken genug war, konnte ich mich gut mit ihm unterhalten.“

Holly nahm noch eine Handvoll Popcorn. „Er steht auf die Dodgers.“

„Wir sind in L. A., also ist das keine große Überraschung.“

„Er hat dir ein Zimmer besorgt. Das war nett.“

„Charmant. Lass uns den Film sehen.“ Sie wollte keine Fragen mehr über jene Nacht beantworten. Sie wollte ja nicht einmal daran denken, obwohl ihr das nicht gelang.

„Warum tust du mir das an?“, fragte Holly vorwurfsvoll. „Ich habe kein Liebesleben, und ich brauche mehr als Büroklatsch. Dieser Mann ist das Interessanteste, was uns seit Jahren passiert ist.“

„Er ist mit Autumn zusammen“, wiederholte Gwen. „Können wir uns jetzt bitte den Film ansehen?“

„Spielverderberin.“

Gwen schob sich Popcorn in den Mund und ärgerte sich zum wiederholten Mal, dass sie Paul Bennet nicht aus ihren Gedanken verbannen konnte.

Paul holte den Champagner aus dem Kühlschrank und ließ den Korken knallen. Er hob den Flaschenhals an die Lippen, um den aufsteigenden Schaum aufzufangen. Es kümmerte ihn nicht, dass das meiste auf den Boden tropfte.

Er nahm die Kaviardose und einen Löffel und setzte sich an seinen Küchentresen. Allein.

Sie hatte es schon wieder getan. Dabei hatte er sich bis zur letzten Sekunde Hoffnungen gemacht. Der Mann vom Parkservice hatte sein Trinkgeld bekommen, und Autumn stand vor ihrem Lexus. Paul wollte sie gerade auffordern, ihm hinterherzufahren, als sie ihm den Todesstoß versetzte. So gern sie mit ihm eine intime Nacht verbringen würde, heute ginge es einfach nicht. Ein Frauending.

Sie benutzte tatsächlich das Wort „Frauending“. Ihre Miene verriet, dass sie sich für anbetungswürdig hielt.

Er erklärte ihr, er sei schon ein großer Junge, dem solche „Dinge“ nichts ausmachten, aber sie blieb hart. Dann gab sie ihm einen Kuss, als sei damit alles wieder gut, fuhr davon und ließ ihn mit einer Erektion und dem neuerlichen Entschluss stehen, diese Beziehung zu beenden. Er brauchte diesen Blödsinn nicht, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass sie die beste Geliebte auf der ganzen Welt war.

Er aß einen Löffel voll Kaviar und setzte die Champagnerflasche an die Lippen.

Autumn konnte ihm gestohlen bleiben. Sollte sie ruhig ihre Spielchen spielen, er hatte genug davon.

Entschlossen zog er sein Handy hervor und drückte die Schnellwahltaste. Laurie hatte keine Probleme mit „Frauendingen“ und bisher nie etwas dagegen gehabt, dass er sie nur anrief, wenn er mit ihr ins Bett wollte.

Sie meldete sich. Zwei Minuten später drückte er den Korken wieder in die Flasche, verschloss die Kaviardose und machte sich auf den Weg.

4. KAPITEL

Der Punktestand lautete fünf zu vier im neunten Durchgang, und Takashi Saito stand auf dem Wurfmal. Mit seinem Wurf konnte er das Spiel drehen oder verlieren. Keiner der acht Personen an Gwens Tisch sagte ein Wort. Alle hielten gespannt den Atem an, als Saito zum Wurf bereit machte.

Der Batter holte mit seinem Baseballschläger aus und verfehlte den Ball. In der Bar brach Jubel aus, denn die Dodgers hatten gewonnen. Gwen feierte mit den anderen. Bisher lief die Saison gut für ihr Lieblingsteam, und sie war begeistert. Es war schon lange her, dass die Dodgers auf Siegeskurs waren. Sie setzte große Hoffnungen in die Mannschaft, dieses Jahr die Meisterschaft zu gewinnen.

Holly, die nicht so sportbegeistert war, feierte trotzdem mit, weil sie gern mit Freunden im „Bats and Balls“ war. Die Truppe bestand aus Arbeitskollegen plus einigen Partnern oder Freunden, die alle an einem langen Tisch saßen.

Bevor das Quiz losging, würde es eine zehnminütige Pause geben. Sechs aus ihrer Gruppe waren unverdrossene Spieler, und als Team belegten sie fast immer Plätze unter den ersten zehn. In der Einzelwertung kam allerdings niemand an Gwens Rekord heran.

Ihre Begeisterung für Statistiken und Spieldetails war schon fast zwanghaft, aber Baseball bereitete ihr nun einmal Vergnügen – sich Spiele anzusehen, darüber zu reden und sogar selbst zu spielen. Bei Rockland-Stewart gab es ein Team, das gegen andere Stellenvermittlungsfirmen antrat. Sie managte „The Rocks“ und spielte Third Base. Vor drei Jahren hatten sie sogar die Meisterschaft gewonnen, obwohl es hauptsächlich um Spaß und gemeinsames Pizzaessen nach den Spielen ging.

Holly stieß sie an und hielt ihr leeres Bierglas hoch. „Willst du auch noch eins?“

Gwen schüttelte den Kopf und sagte zur Kellnerin, die hinter ihr stand: „Ein Mineralwasser bitte.“ Seit der Feier ihrer Eltern zwei Wochen zuvor hatte sie kaum etwas anderes getrunken. Für gewöhnlich trank sie nie zu viel, und dieser Abend hatte sie daran erinnert, warum.

„Hast du gewonnen?“

Gwen hatte nicht mehr an den wöchentlichen Einsatz gedacht, seit sie Ken ihr Geld anvertraut hatte. „Nein, ich gewinne nie.“

„Ich auch nicht.“ In vertraulichem Ton meinte Holly: „Was hältst du von Ellens Freund?“

Ellen war aus der Buchhaltung, in den Zwanzigern, hübsch, gut in Form. Sie war kein großer Baseballfan, aber es gefiel ihr, an der Bar Männer kennenzulernen. Gwen kannte den Aktuellen nicht. Wahrscheinlich hatte Ellen ihn anderswo aufgerissen. Er war genau der Typ, auf den Ellen stand – groß, muskulös, attraktiv. Sie lachte über etwas, das ihr derzeitiger Lover gerade gesagt hatte, verstummte jedoch abrupt, als ihr Blick auf jemanden an der Eingangstür fiel.

„Du lieber Himmel“, flüsterte Holly neben Gwen.

Gwen wusste sofort, was sie meinte, denn beim Anblick von Paul Bennet lief ihr ein Schauer über den Rücken. Diesmal trug er keinen Smoking, nur Jeans und ein hellblaues Hemd. Trotzdem konnte er den Verkehr zum Erliegen bringen, was er auch tat, denn sämtliche Frauen in der Bar waren verstummt.

Gwen spürte, wie sie errötete, und das machte sie wütend. Was wollte er hier? War Autumn bei ihm? Das würde alles kaputt machen. Verdammt, das war ihre Bar, waren ihre Freunde. Hierher kam sie, um die Realität zu vergessen, einschließlich ihrer dummen Familie.

Paul entdeckte sie und lächelte.

„Meine Güte, er kommt her.“ Aufgeregt fuhr sich Holly durch ihre lockigen Haare und befeuchtete sich die Lippen. Gwen schaute nicht hin, aber sie hätte wetten können, dass Ellen sich genauso benahm. Sie fragte sich, ob er ihretwegen hier war. Und wenn ja, warum?

Er kam an den Tisch und blieb vor ihr stehen. „Hallo. Habt ihr noch Platz für einen mehr?“

Gwen sah zu ihm auf. Trotz ihres Unmuts über sein Auftauchen reagierte ihr Körper mit Herzklopfen und Kribbeln im Bauch. „Was willst du hier?“

Er ließ sich von ihrem schroffen Ton nicht beirren. „Ich musste dich unbedingt in Aktion sehen. Komme ich zu spät für das Quiz?“

„Nein.“ Holly schob ihren Stuhl so hastig herüber, dass sie beinah Ken umgestoßen hätte. „Es hat noch nicht angefangen. Hinter Ihnen steht ein Stuhl. Ich hole Ihnen schnell eine Konsole.“

Paul verschwendete keine Sekunde. Musste er auch nicht. Holly nahm sich einen anderen Stuhl und errötete wie ein Teenager, als er sich bedankte. Kaum saß er, kam sie mit der Spielkonsole, einem elektronischen Gerät, das die Bar und alle beteiligten Sportkneipen mit der nationalen Anzeigentafel verband.

„Was denn, keine Autumn?“, neckte Gwen ihn.

„Nein“, antwortete er. „Ich bin allein hier. Es hat mich die ganze Zeit beschäftigt, ob du wirklich so gut bist, wie du behauptet hast.“

„Das werden wir ja sehen.“

Er beugte sich zu ihr hinüber, und obwohl es in der Kneipe nach Bier und scharfen Chicken Wings roch, nahm sie seinen verlockenden Duft wahr, an den sie sich noch allzu gut erinnerte.

„Ich hoffe wirklich, es stört dich nicht“, sagte er leise. „Wenn es ein Problem für dich ist, verschwinde ich wieder.“

„Warum sollte es mich stören? Dies ist ein öffentlicher Ort.“

Er musterte sie mit wissendem Blick und, falls sie sich nicht täuschte, ein wenig gekränkt. „Ich bin überwältigt davon, wie du mich willkommen heißt. Na schön, ich gehe wieder. Was soll’s.“

Schnell legte sie eine Hand auf seinen Arm. „Sei nicht albern. Ich war nur überrascht, dich zu sehen, das ist alles. Du wohnst nicht einmal in dieser Gegend.“

„Du hast diese Bar auf der Jubiläumsfeier erwähnt, und es gibt nicht viele Sportkneipen in Pasadena, die ‚Bats and Balls‘ heißen.“

„Stimmt. Und du bist willkommen. Die Kellnerin müsste jeden Moment auftauchen. Es gibt hier leckere Chicken Wings, falls du noch nicht gegessen hast.“

„Ich möchte nichts, danke.“

„Kennst du die Spielregeln?“

„Ich habe schon Ratespiele gespielt.“ Er betrachtete den Punktezähler. Die Fragen waren zum Ankreuzen und erschienen auf großen Bildschirmen, die überall in der Bar standen. Für das Spiel gab es fünf Knöpfe und eine Tastatur, um sich einzuloggen.

„Sie müssen sich einen Spitznamen ausdenken“, erklärte Holly und beugte sich so weit herüber, dass sie fast auf seinem Schoß landete.

„Ach?“

Gwen fiel ein, dass sie vor lauter Nervosität ganz vergessen hatte, ihn mit ihren Freunden bekannt zu machen. „Holly Quentin, das ist Paul Bennet.“

„Hallo.“ Holly hielt ihm die Hand hin und bekam gar nicht mit, dass er sich halb umdrehen musste, um sie zu erreichen.

„Alle anderen, dies ist Paul Bennet“, sagte Gwen, um sich lästige Fragen zu ersparen. „Paul, das sind die anderen.“

Er sagte Hallo. Den Frauen am Tisch genügte das nicht. Die Erste war Ellen, dann Gina, Steph und Tara. Sie alle nannten ihm ihren Vor- und Nachnamen und erzählten ihm, woher sie Gwen kannten und welche Aufgaben sie im Büro hatten.

Gwen fragte sich verstört, ob ihm das ständig passierte. Das musste anstrengend sein.

„Ich danke allen, dass sie mich unangemeldet am Spiel teilnehmen lassen.“ Er wandte sich an Gwen. „Wie war das mit dem Spitznamen?“

„Schalte das Ding ein. Du wirst aufgefordert, dich einzuloggen. Benutze irgendein Wort, es darf nur nicht zu lang oder obszön sein.“

„Mist.“

„Was?“

Mit ausdrucksloser Miene sah er sie an. „Meine Kumpel nennen mich alle ‚Bodhisattva – Der Erleuchtete‘, aber das sind wohl zu viele Buchstaben, was?“

Selbst sie musste darüber grinsen.

„Ich bin ein sehr spiritueller Mensch“, versicherte er ihr.

„Natürlich.“

„Immer wenn Furcal aufs Schlagmal geht, bete ich.“

„Kein Wunder, dass wir seit Jahren nicht mehr in der World Series waren.“

Die Kellnerin kam mit den Getränken, und Paul warf einen skeptischen Blick auf Gwens Mineralwasser. Er bestellte sich ein Heineken, tippte seinen Spitznamen ein und drückte die Bestätigungstaste. Der Name erschien auf der Anzeigentafel: Newbie – was so viel wie „Der Neue“ bedeutete.

„Na schön, Newbie“, sagte sie. „Mach dich bereit für die erste Runde.“

„Hast du Lust, es interessanter zu machen?“

Er beugte sich erneut zu ihr herüber, sodass seine Schulter ihre berührte. Gwen wünschte sich, die Dinge zwischen ihnen wären weniger interessant. Es ergab überhaupt keinen Sinn, dass er hier war. Ein Baseballquiz war toll, aber deswegen konnte er unmöglich hier sein. Abgesehen davon fiel er in dieser Kneipe auf. Nicht nur wegen seines guten Aussehens, sondern weil er diese Ausstrahlung besaß, als trüge er noch immer einen Smoking und als warte eine Limousine draußen auf ihn, inklusive Supermodel und Champagner. Er gehörte weder hierher noch zu ihr. „Wie interessant?“

Sie wagte nicht, in die Runde zu sehen, weil sie wusste, dass ihre Kollegen sie alle mit großen Augen beobachteten und sich fragten, was ein Mann wie er mit einer Frau wie ihr wollte.

„Wenn du gewinnst, nehme ich dich mit in meine Loge im Dodger Stadion.“

„Ich habe Saisontickets“, sagte sie.

„Für eine VIP-Kabine?“

Sie sah ihn an. „So was hast du nicht.“

„Habe ich doch.“

„Für die ganze Saison?“

„Für die ganze Saison.“

Wie sollte sie das ausschlagen? Sie war noch nie in einer dieser VIP-Kabinen gewesen, hatte aber schon viel davon gehört. Die Aussicht war fantastisch, und es gab Flachbildschirme, einen Extraeingang und eine Lounge. Dazu gehörte Bedienung, selbst wenn man bloß Hot Dogs und Popcorn wollte. Es gab sogar einen Concierge, und man konnte sich die Schuhe putzen lassen, während man Champagner schlürfte. Nein, sie hatte gar keine Wahl. „Ich bin dabei.“

„He, Moment mal“, sagte er. „Was bekomme ich, wenn ich gewinne?“

„Wirst du nicht.“

„Du bist dir deiner Sache ziemlich sicher, was? Du weißt doch gar nicht, wie gut ich mich im Baseball auskenne.“

„Ich habe das ganze Land in diesem Quiz geschlagen.“

„Aber du hast nicht gegen mich gespielt“, konterte er.

„Stimmt. Also, was willst du für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass du gewinnst?“

„Darüber muss ich erst nachdenken.“

„Denk nicht zu lange nach. Das Spiel geht gleich los.“

Leises Klicken der Konsolen rings herum, Lachen und Gemurmel waren zu hören. Dann kam die Einführung und Erläuterung der Regeln, und schon fing die erste Runde an. Die Anfangsfragen waren leicht, würden aber schon bald schwieriger werden.

„Ich weiß.“ Pauls Stimme so dicht an ihrem Ohr erschreckte sie. „Wenn ich gewinne, nehme ich dich zu einem Spiel in meine Kabine mit.“

Sie sah ihn an. Sein Gesicht war ihrem so nah, ihre Lippen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Sie wich zurück und war so durcheinander, dass sie glatt die erste Frage verpasste.

„Du musst schon mehr auf dem Kasten haben“, neckte Paul sie und lachte, was Gwen ärgerte.

Sie trank einen Schluck Mineralwasser und machte sich bereit. „Pass gut auf. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du nach deiner Mama weinen.“

Paul lachte über die einfachen Fragen. Wenn das so weiterging, würde er nicht zu schlagen sein. Nicht, dass das eine Rolle spielte, obwohl er wirklich gern gewann. Aber hier ging es nicht um das Quiz.

Er hatte nicht vorgehabt, Gwen zu einem Spiel einzuladen. Genau genommen hatte er nicht einmal die Absicht gehabt, sie wiederzusehen. Aber er hatte ständig an sie denken müssen, und jetzt war er hier.

Die nächste Frage erschien auf der Tafel, und auch die war leicht zu beantworten. Er lächelte Gwen zu, und sie grinste zurück. Sie mochte nicht der Typ Frau sein, mit dem er ins Bett gehen wollte, aber mit ihr zusammen sein? Ja, warum eigentlich nicht? Natürlich nicht an seinen gewohnten Orten, sondern in einer Sportbar wie dieser. Ihm gefiel die lockere Atmosphäre.

Die einzige zwanglose Zusammenkunft, an der er noch teilnahm, war die Pokerrunde, und selbst dort herrschte Konkurrenzdruck. Wann war er vor dieser Hochzeitsfeier zuletzt entspannt gewesen? Wann war einmal nicht jeder Schritt kalkuliert, um entweder einen neuen Kunden zu gewinnen oder eine Frau ins Bett zu bekommen?

Es wurde Zeit, dass er einen echten Freund fand. Nur komisch, dass die Person, die dafür infrage kam, eine Frau war. Er hätte nie gedacht, dass so etwas funktionieren könnte, aber vielleicht hatte er sich geirrt.

„Gwen hat mir gar nicht erzählt, dass Sie sich für Baseball interessieren“, meinte Holly und schielte mit einem Auge auf den Bildschirm.

„Ich bin sportverrückt. Baseball, Football, Basketball. Fußball weniger“, erklärte er.

„Kein Wunder, dass ihr zwei euch so gut versteht. Ich kenne kaum jemanden, der so sportverrückt ist wie Gwen.“

„Arbeiten Sie beide zusammen?“

Holly nickte.

„Und Sie?“, fragte er, auf ihr T-Shirt mit dem Foto eines Dodger-Stars deutend. „Sind Sie auch ein Fan?“

„Ich komme eher wegen der Leute her“, gestand sie. „Ich versuche lieber gar nicht erst, bei diesem Quiz zu gewinnen. Oh, die nächste Frage.“

Er drückte die Taste und bemerkte, dass sie sich für eine falsche Antwort entschieden hatte. Aber er machte sie nicht darauf aufmerksam, da es ihr egal zu sein schien.

Gwen dagegen nicht. Ihr Grinsen verriet, dass sie diese Runde genauso leicht fand wie er. Er wünschte, die Fragen würde eine größere Herausforderung darstellen.

„Eine noch, dann gibt es eine Pause“, verkündete Holly. „Runde zwei wird schwieriger.“

„Das hat Gwen mir auch schon gesagt. Sie ist ziemlich gut, nicht wahr?“

„Und wie. Ich habe keine Ahnung, wie sie all dieses Wissen behält. Und es ist nicht nur Sport. Keiner will mehr Trivial Pursuit mit ihr spielen, weil sie ständig gewinnt. Sie hat ein phänomenales Gedächtnis.“

„Danke für die Warnung“, erwiderte Paul.

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr fair und prahlt nie mit ihren Siegen.“

„Nie?“

„Nur wenn einer sich aufspielt, sobald er gewonnen hat. Männer, meine ich.“

„Ja, ja, wir können schon richtige Idioten sein.“

„Sie bestimmt nicht“, sagte Holly.

Er beantwortete die letzte Frage dieser Runde. „Darauf würde ich lieber nicht wetten.“

Plötzlich spürte er, dass Gwen ihnen zuhörte. Er hielt den Blick auf Holly gerichtet. „Dann wird sie nicht in Tränen ausbrechen, wenn ich heute Abend gewinne?“

Holly lächelte. „Nein.“

„Nicht mal heimlich? Kommen Sie, mir können Sie es ruhig sagen.“

„Na ja, dieses eine Mal hat sie tatsächlich geweint …“

„Holly.“ Gwens Stimme erhob sich deutlich über das allgemeine Gemurmel. „Was erzählst du ihm da?“

„Nichts, ehrlich.“

Paul verkniff sich ein Lächeln und drehte sich zu Gwen um. „Schon gut, ich habe vollstes Verständnis. Frauen sind emotionaler, das macht ihren Reiz aus.“

„Ich bin überhaupt nicht emotio…“ Sie hielt inne und seufzte dramatisch. „Du bist ein gemeiner Kerl. Du hast mich mit dem Tanzen hereingelegt, aber jetzt durchschaue ich dich. Du bist einfach nur gemein.“

„Ich? Nö. Ich bin der netteste Kerl, dem du je begegnet bist.“

Sie musterte ihn. „Mal im Ernst, Paul. Was soll das alles?“

Er beschloss, aufrichtig zu sein. „Ich hatte gehofft, wir könnten Freunde sein.“

„Warum?“, fragte sie eine Spur zu schnell. „Ich habe dir bereits Pluspunkte bei Autumn verschafft. Über das hier wird sie nicht entzückt sein. Ich fürchte sogar, du wirst in ihrem Ansehen sinken.“

Zu diesem Schluss war er selbst schon gekommen, doch er wollte jetzt nicht über Autumn reden. „Ich habe mich neulich ausgezeichnet amüsiert, und das tue ich jetzt auch. Ich habe das Gefühl, dass du jemand bist, den näher kennenzulernen es sich lohnt.“

Gwens Miene veränderte sich, und er wünschte, er hätte nicht hingesehen, denn es war offensichtlich, dass sein Wunsch nach einer Freundschaft keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhte. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie ihn nicht für jemanden hielt, den sie gern besser kennenlernen wollte.

Nach der letzten Fragerunde, bei der sich die Spreu vom Weizen trennte, dauerte es immer zehn Minuten, bis die Endergebnisse auf der Anzeigentafel erschienen. Gwen lehnte sich zurück und wartete. Holly tauchte hinter ihr auf und gab ihr einen Klaps auf den Oberarm. „Komm mal mit.“

„Wohin?“

„Komm einfach mit.“

Gwen kannte diesen Ton, daher folgte sie ihrer Freundin zur Damentoilette, wo Holly die Arme vor der Brust verschränkte. Das war kein gutes Zeichen.

„Was soll das?“

„Wovon redest du?“

„Erstens hast du mir verschwiegen, wie gut Paul aussieht.“

„He …“

„Darüber können wir uns später unterhalten. Jetzt will ich erst mal wissen, warum du dich ihm gegenüber so kratzbürstig verhältst.“

Gwen bemühte sich, geduldig zu bleiben. „Ich habe ihn nicht eingeladen, und ich kenne ihn kaum. Warum sollte ich mir seinetwegen ein Bein ausreißen?“

„Davon bist du weit entfernt. Im Augenblick behandelst du ihn, als hätte er eine ansteckende Krankheit.“

„Das tue ich nicht.“

„Du bist jedenfalls nicht besonders nett zu ihm“, meine Holly. „Selbst wenn du den Kerl nicht magst, hat er doch nichts getan. Also entspann dich, und gib ihm eine Chance.“

„Das sagst du nur, weil er so toll aussieht.“

Holly seufzte. „Ich wünschte, es wäre wahr. Aber das stimmt nicht. Ich sage es, weil du nicht du selbst bist. Sogar wenn du sauer bist, hast du mehr Klasse als jeder andere, den ich kenne. Ich weiß nicht, entspann dich einfach. Er ist ein Gast, ob er nun eingeladen war oder nicht. Du musst ja nicht mit ihm reden, wenn du nicht willst. Aber solange er an deinem Tisch sitzt …“

„Ja, Mom. Muss ich auf dich warten, oder darf ich zurückgehen und mir die Anzeigentafel ansehen?“

„Du darfst zurückgehen.“

Gwen berührte ihre Freundin am Arm. „Ich werde mir Mühe geben.“

Das Lächeln, das sie dafür erhielt, signalisierte ihr, dass alles wieder gut war. Zumindest was Holly betraf.

Gwen fragte sich, ob sie wirklich so kratzbürstig war. Sie fand, dass sie einfach nur ehrlich war. Vielleicht hatten ihre Schuldgefühle weniger mit dem zu tun, was sie sagte, als vielmehr mit ihrem Verhalten.

Paul stand auf, als sie an den alten zerschrammten Tisch zurückkam. Er setzte sich erst wieder, nachdem sie Platz genommen hatte. O ja, er passte wirklich in diese Runde.

„Wann erfahren wir, wer gewonnen hat?“, fragte er.

„Jeden Moment.“ Sie drehte ihren Stuhl so, dass sie ihn ansah. „Wie fandest du die Fragen?“

Er atmete tief ein und wieder aus. „Leicht, mittel, schwer. Wie angekündigt. Und die schweren waren wirklich schwer.“

„Ist das gut?“

„Wenn man nicht ab und zu eine harte Nuss zu knacken hätte, würde es keinen Spaß machen.“

„Ganz meine Meinung“, sagte sie.

„Hör mal, was diese Sache mit der Freundschaft betrifft …“

„Ich war unhöflich …“

„Nein.“ Paul hob die Hand. „Ich habe verstanden. Abgesehen von meinen fragwürdigen Tanzkünsten gab ich dir keinen Grund, mich in irgendeiner Weise zu bewundern. Selbst wenn ich heute Abend gewinne, sagt das nicht viel über mich aus. Außerdem weiß ich, wie du zu Autumn stehst, daher …“

„Ja, ich habe nicht viel Nettes über sie gesagt, nicht wahr?“

„Sie ist gar nicht so schlecht, aber ich verstehe deinen Standpunkt. Ihr zwei seid verschieden wie Tag und Nacht.“

„Das ist einer der Gründe, weshalb ich über deinen Besuch hier staune. Hat Autumn …“

„Sie weiß nicht, dass ich hier bin. Oder mit wem ich meine Zeit verbringe.“

„Ich verstehe.“

„Mir ist klar, dass es anmaßend von mir war, hier einfach aufzutauchen …“

„Nein, war es nicht“, widersprach sie. „Es ist nett, dass du gekommen bist.“

„Wirklich?“

„Verwirrend, aber nett.“

„Verwirrend? Ja, ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Wie auch immer, wirst du mich zu einem Spiel begleiten? Du kannst dir einen Tag aussuchen.“

Nichts von all dem ergab irgendeinen Sinn. Gwen wurde den Verdacht einfach nicht los, dass Autumn etwas damit zu tun hatte. Andererseits wollte sie unbedingt einmal ein Baseballspiel aus einer der VIP-Logen sehen. Was konnte schon passieren? „Wer wird sonst noch da sein?“

„Niemand. Es sei denn, du willst Freunde mitbringen“, sagte er.

„Du willst dir allein mit mir ein Spiel ansehen?“

„Ist das so merkwürdig?“

„Ja“, antwortete sie ehrlich.

„Mach’s trotzdem. Die Aussicht ist unglaublich, vom Essen ganz zu schweigen.“

„Über der First Base oder der Third Base?“

Er grinste. „First.“

„Und ich kann ein Hot Dog bekommen?“

„Alles, was du willst.“

Sie seufzte. „Okay. Versuchen wir es.“

Vorsichtig legte er seine Hand auf ihre und drückte sie. „Ausgezeichnet.“

Fast hätte sie einen Rückzieher gemacht, und zwar nicht wegen seiner Reaktion, sondern wegen ihrer. Sie verspürte ein Kribbeln im Bauch und fragte sich nach dem Grund dafür. Die Antwort lautete: weil er sie berührt hatte. Das war absurd. Mit einem freundlichen Lächeln entzog sie ihm ihre Hand.

„Diesen Sonntag?“, fragte er.

„Gern.“

„Sind das die Endergebnisse?“ Er deutete zur großen Anzeigentafel hinter ihr.

Sie drehte sich um und las die Namen. Newbie war Nummer eins. Sie war zweite geworden, mit einem Punkt Rückstand.

„Na so was“, meinte er nur ein kleines bisschen triumphierend. Die anderen am Tisch waren nicht so zurückhaltend.

„Teufelskerl!“, rief Ken und stand sogar auf, um sein Glas zu erheben. „Die Königin wurde vom Thron gestoßen.“

„Kein Wunder, dass du ihn nicht hier haben wolltest“, bemerkte Ellen, während sie mit Ken anstieß.

„Wir hätten Wetten abschließen sollen“, sagte Steph. „Da hätte ich ein Vermögen gewinnen können.“

„Danke, aber es war nur ein Punkt“, sagte Paul.

„Sie haben es ihr trotzdem gezeigt“, meinte Ken. „Nicht, dass wir nicht verdammt stolz auf unsere Gwen wären.“

Holly boxte Ken gegen den Oberarm. „Das sagst du nur, weil sie deine Chefin ist.“

„Stimmt.“

Gwen musste lächeln. Sie wusste, dass alle es nur gut meinten. Sie war zwar nicht begeistert, dass sie verloren hatte, doch musste sie zugeben, dass Paul nicht gelogen hatte, was seine Baseballkenntnisse betraf. Vielleicht würde der Tag im Baseballstadion Spaß machen, und vielleicht hatte er, was alles andere betraf, auch die Wahrheit gesagt.

Vielleicht.

Paul beendete sein Telefongespräch mit Maggie Crawford von Imagine Films und lehnte sich in seinem Bürosessel zurück, um aus dem Fenster zu schauen. Es war eine harte Woche gewesen, aber jetzt war sie vorbei. Am Sonntag spielten die Dodgers gegen die Braves.

Fünfmal seit Montagabend hätte er beinah abgesagt. Es war nicht richtig gewesen, Gwen zu bitten, mit ihm das Spiel zu besuchen. Trotzdem hatte er diesen Anruf nicht gemacht.

Kein Wunder, dass sie ihn angesehen hatte, als hätte er den Verstand verloren. Denn es stimmte ja. Er hatte seinen Freundeskreis, der zwar nur aus Männern bestand, aber na und? Über einen weiblichen Freund hatte er sich nie Gedanken gemacht, und er war sich nicht sicher, ob er das jetzt sollte.

Worum ging es sonst? Er wollte nicht mit ihr schlafen, noch gewann er irgendetwas durch diese Bekanntschaft. Sie verband ein Faible für Baseball. Aber sonst?

„Paul?“

Er drückte den Knopf seiner Gegensprechanlage auf dem Schreibtisch. „Ja?“

„Hier ist jemand, der Sie sprechen möchte. Sie möchte nicht, dass ich ihren Namen nenne. Es soll eine Überraschung sein.“

„Schicken Sie sie herein.“

Er richtete sich auf, fuhr sich durch die Haare und fragte sich, ob es Gwen war. Ein wenig nervös stand er auf.

Die Tür ging auf, und herein kam Autumn. Er musste sich eine gewisse Enttäuschung eingestehen. Sie hatten sich seit jenem Abend im Nobu nicht mehr getroffen, und als er ihr seidiges Haar, die großen Augen und langen Beine sah, fragte er sich unwillkürlich, warum er das für eine gute Idee gehalten hatte.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, verkündete sie und kam mit diesem Hüftschwung auf ihn zu, bei dem selbst ein Mönch in Versuchung geraten wäre.

„Wofür?“

„Dafür, dass ich dich neulich Abend einfach so habe stehen lassen. Das war sehr ungezogen von mir, nach allem, was du für mich getan hast.“

Sie kam um seinen Schreibtisch herum und blieb direkt vor seinem Sessel stehen. Dann beugte sie sich herunter und stützte sich dabei auf die Armlehnen, sodass er ihren betörenden Duft wahrnahm und direkt auf ihre vollen Brüste im tiefen Dekolleté ihres Kleids sehen konnte.

„Wahrscheinlich bist du heute Abend verabredet, deshalb will ich dich auch nicht lange aufhalten.“ Allein ihr Atem erregte ihn schon.

„Es gibt niemanden außer dir.“

Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Du sagst immer so süße Sachen.“

„Gib mir fünf Minuten, um Tina nach Hause zu schicken. Dann schließe ich die Tür ab.“

Ihrem Schmollmund nach zu urteilen, war das die falsche Reaktion gewesen. „Das hört sich toll an, aber ich dachte eher an …“

Er bezweifelte, dass sie überhaupt dachte, fragte aber trotzdem: „An was?“

„Heute Abend gibt es eine große Party im Chateau Marmont. Ich dachte, wir könnten zusammen hingehen, nur du und ich.“

„Und hundert von deinen engsten Freunden?“

„Es wird eine richtig gute Party.“

Er seufzte. Autumn war nun einmal so, wie sie war. Wahrscheinlich hatte sie einen ganz anderen Begleiter im Sinn gehabt, der aus irgendeinem Grund verhindert war, weshalb sie sich an ihn, Paul, wandte. Am Ende des Abends würde es einen oder zwei Küsse geben, vielleicht auch ein bisschen mehr. Aber obwohl die Party in einem Hotel stattfand, würde es keinen Sex geben.

Gwen hatte ihm einen Tipp gegeben, wie er Autumn umwerben musste, doch er hatte ihr nicht geglaubt. Wenn er schlau wäre, würde er sie wegschicken, nach Hause fahren und ein Buch lesen oder sich irgendetwas im Fernsehen anschauen.

Autumn beugte sich noch weiter herunter und liebkoste mit der Zungenspitze seine Unterlippe.

Nachdem der sinnliche Schauer, der ihn bis in die Lenden hinein durchrieselt hatte, vorbei war und er wieder atmen konnte, sagte er: „Möchtest du vorher noch essen?“

5. KAPITEL

Es hatte etwas Dekadentes, in ausgewaschenen Jeans und einem alten Dodgers-T-Shirt in einer Stretchlimousine zu fahren. Gwen hätte sich mit Paul am Stadion treffen sollen, doch er hatte nun einmal darauf bestanden, sie abzuholen. Wenn sie gewusst hätte, dass er in diesem Luxusschlitten aufkreuzen würde, hätte sie sich glattweg geweigert.

„Komm schon, so schlimm ist es auch nicht. Manch einer würde es sogar genießen.“

Vielleicht war sie zu streng, denn er gab sich wirklich Mühe, sie für sich zu gewinnen, und nach seinen Maßstäben machte er mit einer Limousine eine Menge Pluspunkte. „So wird es den ganzen Tag lang weitergehen, oder?“, fragte sie.

„Du wirst verwöhnt, bis du es nicht mehr aushältst“, bestätigte er. „Ich könnte es verstehen, wenn du in Tränen ausbrichst, wenn du dich zwischen Hummer und Filet Mignon entscheiden musst.“

„Ich werde viel zu sehr damit beschäftigt sein, mir das Spiel anzusehen.“ Aber er hatte vermutlich recht – so unangenehm war der Luxus nicht, und wenn sie es zuließ, würde sie einen wundervollen Tag erleben. Sie hatte schon immer davon geträumt, einmal ein Spiel aus einer VIP-Loge zu verfolgen, und hier war ihre Chance. „Wie kommt es eigentlich, dass du so viel über Baseball weißt?“, fragte sie.

Er schien von der Frage überrascht zu sein. „Ich war schon als Kind begeistert davon und habe während meiner ganzen Schulzeit gespielt. Eine Weile hatte ich sogar gehofft, irgendwann Profi zu werden. Aber dafür war ich nicht gut genug.“

„Das erstaunt mich. Ich dachte, du bist in allem unschlagbar.“

„Darauf haben meine Eltern auch gebaut, aber leider stimmt es nicht. Allerdings war ich schon immer sportbegeistert. Basketball, Rudern und eine Zeit lang sogar Football.“

„Spielst du noch irgendetwas?“

„Nur mal aus Spaß im Sportzentrum, gelegentlich Golf und Tennis.“

„Mit meinen Brüdern hättest du dich besser verstanden.“

„Ich war ganz in Gedanken.“ Er griff in den Eiskübel und zog eine Flasche Heineken-Bier heraus. „Möchtest du?“

„Ich muss mich bremsen. Während des Spiels muss ich ein paar Biere trinken, sonst hat meine Mannschaft keine Chance.“

„Natürlich. Ich glaube, ich habe auch Wasser hier.“

„Schon gut, ich brauche nichts.“

„Treibst du Sport?“

„Wir haben eine Softballliga in der Firma. Wir spielen auch Touchfootball oder gehen zum Bowling, je nach Jahreszeit.“

„Hört sich an, als würdest du viel mit deinen Kollegen unternehmen. Machst du auch etwas in der Freizeit?“

„Nicht viel. Der Job fordert viel Zeit. In der Branche herrscht große Konkurrenz.“ Er machte sich ein Bier auf und lehnte sich zurück. „Bist du nur auf der Suche nach Wissenschaftlern, oder wirbst du auch andere Talente ab?“

„Wir haben mehrere Abteilungen und sind eine der führenden Firmen weltweit mit entsprechend zahlreichen Standorten. Hauptsächlich suchen wir Leute in den Bereichen Finanzen, Wissenschaft und Hightech.“

„Wie bist du hier gelandet?“

„Ich habe Chemie und Wirtschaft studiert. Die Forschung hat mich nicht gereizt, daher schien es mir genau das Richtige zu sein.“

„Chemie?“

„Ja“, bestätigte sie. „Ich weiß eben gern, wie man was in die Luft sprengt.“

Paul lachte. „Und wie oft wendest du dieses Wissen an?“

„Nicht so häufig, wie ich es gern möchte. Es ist trotzdem tröstlich zu wissen, dass ich es könnte.“

Er hob sein Bier an die Lippen. „Hört, hört. Mir fallen spontan einige Dinge ein, die ich gern in die Luft sprengen würde.“

Allmählich fing sie an, die Fahrt in der Limousine zu genießen. Wenn sie nur nicht ständig daran denken müsste, wie unglaublich gut er in seiner engen Jeans und dem hautengen T-Shirt, unter dem sich sogar seine trainierten Bauchmuskeln abzeichneten, aussah.

Paul bot Gwen den besten Platz an. Zwar waren alle großartig, aber dieser war der ultimative Platz. Normalerweise überließ er ihn nie den Frauen, die er hierher mitnahm, da sie es ohnehin nicht zu schätzen wussten. Aber bei Gwen war das etwas anderes.

Er erinnerte sich an den Freitagabend mit Autumn. Sie waren zu der Party gefahren, und sie hatte recht gehabt, denn es waren lauter interessante Leute und Prominente dort gewesen. Sie hatte den ganzen Abend mit ihm geflirtet, leider auch mit allen anderen Männern. Normalerweise störte ihn so etwas nicht. Die meisten seiner Dates waren sich ihrer Ausstrahlung bewusst und setzten sie entsprechend ein, ganz besonders in Gegenwart von Promis. Für gewöhnlich machte ihn das sogar ein wenig stolz.

Diesmal allerdings nicht.

Ihre offen zur Schau gestellte Lust am Flirten hatte ihn so geärgert, dass er am Ende gar nicht mehr versucht hatte, sie ins Bett zu bekommen.

„Das ist der erstaunlichste Ort, an dem ich je war“, bemerkte Gwen und schaute hinunter auf die First Base. „Und ich war immerhin schon im Parthenon, dem Tempel der Athene, der griechischen Göttin der Weisheit, auf der Akropolis in Athen.“

„Warte ab, bis das Spiel beginnt. Du wirst dir wünschen, dass es nie wieder aufhört.“

Sie riss sich vom Anblick des Spielfelds los, um sich umzuschauen. Obwohl es sich um eine der kleineren Logen handelte, konnten hier gut zwanzig Gäste Platz finden. Manchmal brachte er auch so viele Leute mit – Kunden, wichtige Kontakte, hin und wieder seine Pokerfreunde. Nur einmal war er allein mit einer Frau hier gewesen, aber das hatte ihn zu sehr abgelenkt. Wenn er hierherkam, wollte er Baseball sehen.

Er beobachtete, wie Gwen die Bildschirme inspizierte, die das Spielgeschehen aus jedem Winkel übertrugen. Es gab außerdem noch eine Bar und einen Kühlschrank, eine heiße Theke, runde Tische hinter der vorderen Sitzreihe, auf denen jeweils eine Schale mit Erdnüssen, Popcorn und sogar M&Ms stand. Gwen fuhr mit den Händen über die Lehnen ihres Sitzes. Paul wusste, dass es im ganzen Stadion keinen bequemeren Platz gab.

Was er noch wusste, war, dass dies erst der Anfang war. Kellner würden mit lauter Köstlichkeiten auftauchen. Natürlich würde es auch die obligatorischen Dodgers Hot Dogs geben, aber auch noch viel mehr. Das Bier würde frisch gezapft sein, die Stimme des Stadionsprechers direkt in die Loge übertragen werden, das Geschehen auf dem Feld so nah sein, als säßen sie direkt auf der Spielerbank.

Als sie Paul wieder ansah, veränderte ihr Lächeln ihr Gesicht. Diesen Ausdruck hatte er noch nie bei ihr gesehen, nicht einmal, als sie getanzt hatten.

„Ich danke dir. Es ist himmlisch.“

„Ich wusste, dass es dir gefallen würde.“

„Das tut es. Ich kann es nur nicht fassen, dass das alles für uns ist.“

Er zuckte die Schultern. „Während der Saison muss ich hier Geschäfte tätigen. Aber einmal will ich mich ganz auf das Spiel konzentrieren können.“

„Ich glaube nicht, dass ich hier arbeiten könnte. Das wäre ja, als würde man Deals in der Kirche abschließen.“

„Genau. Möchtest du jetzt ein Bier, oder willst du lieber warten, bis es losgeht?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ich werde lieber noch warten“, sagte sie.

„Ganz wie du möchtest.“ Er setzte sich zu ihr und schaute über das Spielfeld hinweg zu Elysian Field. Trotz des Smogs war die Aussicht großartig. Paul liebte diesen Ort.

Gwen stand auf, und als sie an ihm vorbeiging, legte sie ihm die Hand auf die Schulter. Er sah sie an, bemerkte, wie glücklich sie war, und fühlte sich, als hätte er einen Test bestanden.

Es war noch nicht der Sieg, aber wenigstens ein Anfang. Wenn er nur wüsste, warum er unbedingt gewinnen wollte.

Gwen betrachtete sich im Spiegel der zur Loge gehörenden Toilette und staunte über sich selbst. Das Spiel war vor zehn Minuten zu Ende gegangen, ihre Mannschaft hatte vier zu zwei gewonnen. Sie hatte unglaublich edle Sachen gegessen, geschrien, bis sie um ihre Stimme fürchten musste, und viel gelacht. Kurz, sie hatte eine wundervolle Zeit gehabt.

Mit Paul Bennet.

Es gab noch immer viele Fragen, die sie beschäftigten, aber die verdrängte sie. Es war ein Tag, ein Spiel. Sie hatte Spaß gehabt, und das nicht nur wegen des Spiels.

Sie hatte Paul unterschätzt, was seine Intelligenz betraf. Ja, er konnte genauso oberflächlich sein wie all die schönen Menschen in ihrer Familie. Andererseits hatte er an diesem Nachmittag Dinge gesagt, die darauf schließen ließen, dass sich mehr hinter seinem attraktiven Äußeren verbarg.

Das war ein bisschen beruhigend, denn dann brauchte sie kein schlechtes Gewissen zu haben, dass sie jedes Mal weiche Knie bekam, wenn er sie nur ansah. Aber das war auch unheimlich, da sie nicht in der gleichen Liga spielten. Sie sollte sich an ihresgleichen halten, und eigentlich dürfte das auch nicht schwierig werden, da sich ihre Wege nach dem heutigen Tag trennen würden. Sie hatte Wiedergutmachung geleistet dafür, dass sie im „Bats and Balls“ so schroff gewesen war. Er hatte seine anthropologischen Studien treiben können oder was immer sein Motiv war. Die Sache war abgehakt.

Sie zog ihren Lippenstift nach, richtete ihre Frisur und kehrte in die Loge zurück.

Paul lehnte am Kühlschrank, und sein Lächeln zauberte die anziehendsten Grübchen auf seine Wangen. „Eine Überraschung habe ich noch.“

„Ich weiß nicht, ob ich das verkraften kann.“

„Wir können nach unten gehen und ein paar der Spieler begrüßen.“

Am Ende hatte sie fast die gesamte Mannschaft persönlich kennengelernt und alle Autogramme auf ihrem Programmheft, das dadurch zu einem kostbaren Sammlerstück geworden war.

Als Paul die Limousine rief, war sie erschöpft und glücklich. Der Parkplatz vor dem Stadion hatte sich inzwischen fast geleert, da das Spiel bereits zwei Stunden zuvor zu Ende gegangen war.

„Paul, ich …“

Er nickte. „Ja, ich weiß.“

„Aber …“

„Ich weiß.“

„Und du …“

„Im Ernst. Ich verstehe dich vollkommen.“

Nein, das konnte er nicht, denn dies war eines der tollsten Ereignisse ihres Lebens. Sie war noch immer so begeistert und voller Überschwang, dass sie ihn einfach packte und küsste.

Als sie ihn wieder losließ, wirkte er ein wenig erschrocken, weshalb sie sich sofort töricht vorkam und sich fragte, warum sie diesen wundervollen Tag ruinieren musste …

„Verdammt“, sagte er grinsend, „gern geschehen.“

Paul warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett, dann auf den Verkehr, in dem er feststeckte, und fragte sich, ob er kehrtmachen und nach Hause fahren sollte.

Für einen Montag war der Tag gar nicht so schlecht gewesen, ganz anders als die vorangegangene Woche. Er hatte von einem seiner Kunden aus dem Sport einen großen Auftrag bekommen, einem internationalen Star geholfen und einen Anruf von seiner Mutter in Florida bekommen, mit der er sich tatsächlich freundlich unterhalten hatte.

Nach der Arbeit war er im Fitnessclub gewesen. Unter der Dusche war ihm klar geworden, dass er weder nach Hause wollte noch in eine Kneipe. Er wollte ein Baseballquiz spielen. Mit Gwen. Wenn er es schaffte, ein zweites Mal zu gewinnen …

Am Vortag im Stadion hatten sie viel Spaß zusammen erlebt, und ihre Freunde schienen nichts dagegen gehabt zu haben, dass er in der vorigen Woche einfach in der Sportbar aufgetaucht war. Wenn er sich nicht wie ein nervöser Teenager anstellen würde, konnte sich auch niemand etwas dabei denken. Außerdem hatte er ein Geschenk für Gwens Freunde.

Er kam ein Stück voran, dann noch eines, und ein paar Minuten lang sah es so aus, als würde er sogar noch rechtzeitig für eine Plauderei kommen, bevor das Quiz losging. Aber da er sich in Los Angeles befand, kam der Verkehr rasch wieder zum Erliegen.

Er schaltete das Radio ein und wählte National Public Radio, einen Sender, den er erst vor Kurzem entdeckt hatte. Er war selbst überrascht gewesen, wie viele Diskussionen ihn interessierten, die mit seinem Beruf nichts zu tun hatten. An diesem Abend lautete das Thema „Glück“. Ein Professor aus Harvard hatte ein Buch darüber geschrieben. Das Programm war interessant, und wäre er nicht so spät bei „Bats and Balls“ eingetroffen, hätte er sich die Sendung bis zum Schluss angehört.

Stattdessen schnappte er sich die Baseballkappe vom Rücksitz und betrat die Sportkneipe, optimistisch, dass seine Entscheidung die richtige gewesen war.

Er ließ seinen Blick direkt zu Gwens Tisch gleiten. Da war sie. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, da sie sich gerade mit Holly unterhielt. Ihrer begeisterten Miene nach zu urteilen, zeigte sie ihr das Programm vom Sonntagsspiel mit all den Autogrammen.

Jetzt entdeckte sie ihn, und ihre Blicke trafen sich. Für einen kurzen Moment registrierte er ihr Zögern, aber dann war es verschwunden. Holly winkte ihn heran, während sie zu einem freien Platz am Tisch eilte.

„Ich habe ihr gesagt, dass Sie kommen würden. Ich habe Ihnen sogar schon ein Gerät angeschlossen“, verkündete sie.

„Danke.“ Er setzte sich zwischen die beiden Frauen. „Ich musste einfach herausfinden, ob ich es noch einmal schaffe.“

„Damit würde ich lieber nicht rechnen“, erwiderte Gwen. „Letzte Woche hattest du nur Glück.“

„Wenn ich ein Gentleman wäre, würde ich dir zustimmen. Aber zur Hölle damit – ich habe dich geschlagen.“

Sie kniff die Augen zusammen, hatte jedoch Mühe, eine finstere Miene zu machen. „Ich werde dir das durchgehen lassen, aber nur, weil du mich den Spielern vorgestellt hast.“

„Pah.“ Er hielt nach der Kellnerin Ausschau.

„Du lieber Himmel, Paul. Gwen hat uns alles erzählt. Sie hat sogar wildfremde Menschen auf der Straße angehalten, um ihnen zu erzählen, wie sie die berühmten Dodgers kennengelernt hat.“ Holly verdrehte die Augen. „Ehrlich, wenn es Brad Pitt gewesen wäre, hätte ich das ja noch verstehen können.“

„Dann wollen Sie das hier wahrscheinlich gar nicht haben?“ Er legte die Baseballkappe mit den Autogrammen auf den Tisch.

„Soll das ein Witz sein?“ Staunend betrachtete Holly die Kappe. „Ist die für mich?“

Er drehte die Kappe ein wenig, damit sie sehen konnte, wo „Für Holly“ stand.

Sie strahlte übers ganze Gesicht, schnappte sich die Baseballkappe und gab Paul einen Kuss auf die Wange.

„Gern geschehen“, sagte er.

„Gwen, hast du das gesehen?“, fragte sie.

Paul drehte sich zu Gwen um, in der Hoffnung … auf was? Er wusste es nicht, doch ihr Gesichtsausdruck kam dem, was er sich wünschte, schon sehr nah. Auch sie musste direkt von der Arbeit hierhergefahren sein. Sie trug eine Hose und eine Bluse, beides sehr hübsch und elegant. Sie war dezent, aber gekonnt geschminkt, was sie noch attraktiver machte. Und hatte ihr Haar immer schon diesen sanften blonden Ton gehabt?

Gwen musterte die Baseballkappe. „Ich wusste nicht, dass du dir die besorgt hast. Ich war egoistisch und habe nur an mich gedacht.“

„Du solltest auch an niemanden sonst denken. Das war meine Aufgabe.“

Sie erwiderte nichts, sondern sah ihn nur eine Weile schweigend an. Aber er hatte das Gefühl, dass etwas Wichtiges in ihrem Kopf vorging.

„Wie dem auch sei“, sagte er, als er langsam nervös wurde. „Wo steckt denn die Kellnerin? Ich könnte dringend ein Heinie gebrauchen.“

Gwen lachte laut, denn „Heinie“ war auch der Slang-Ausdruck für „Hintern“. „So wie ich die Kellnerin kenne, kannst du das sicher bekommen.“

„Heineken meinte ich. Du meine Güte, ein kleiner Versprecher.“

„Wie ich schon sagte …“

Alle am Tisch schienen das komisch zu finden, weshalb Paul sich unwillkürlich fragte, was es mit dieser Kellnerin auf sich hatte. Als er sich wieder an Gwen wandte, lachte sie nicht mehr, aber ihr Interesse galt weiterhin ihm, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. „Ist alles in Ordnung?“, erkundigte er sich.

Sie nickte.

„Du starrst mich an.“

„Tut mir leid. Ich denke über dich nach. Es ist seltsam, dass du hier bist.“

„Ich kann wieder gehen, wenn du möchtest.“

„Nein, ich freue mich, dass du hier bist.“

„Das klingt sehr begeistert“, meinte er.

„He, ich hatte gestern einen wundervollen Tag, vielleicht hätte ich dir das gleich als Erstes sagen sollen.“

„Ja, er war toll. Müssen wir irgendwann mal wiederholen.“

Sie schaute an ihm vorbei und winkte der berüchtigten Kellnerin, die sofort zu ihnen kam. Die Frau hatte enorme Brüste. „Hallo, Süßer“, begrüßte sie Paul mit rauer Stimme, als käme sie gerade von ihrer Raucherpause zurück. „Dich habe ich hier ja noch nie gesehen.“

„Ein Heineken für mich bitte. Und eine Runde für den Tisch.“

Die Kellnerin, die laut Namensschild Carla hieß, zwinkerte ihm zu, was einen Mascarafleck auf ihrer Wange hinterließ. „Was für ein Mann, und noch dazu spendabel.“ Mit einem Hüftschwung, um den Autumn sie beneidet hätte, verschwand sie wieder.

„Das Spiel beginnt in fünf Minuten, Newbie“, verkündete Gwen. „Mach dich lieber bereit.“

„Ich bin allzeit bereit.“

Gwens Blick signalisierte ihm, dass er lieber auf derart klischeehafte Aussprüche verzichten sollte. Komisch, von Autum hätte er eine anzügliche Erwiderung bekommen. So wie von den meisten Frauen, die er kannte.

Die Leute, mit denen er es hier zu tun hatte, waren ganz anders, sodass er sich vorkam wie ein Ausländer, der eine neue Sprache lernen musste. Das war eigenartig, da er sich schon in allen möglichen gesellschaftlichen Situationen wiedergefunden hatte. Er hatte mit Professoren zu tun gehabt, mit Multimillionären, Managern, Adligen. Aber diese Erfahrungen halfen ihm hier nicht weiter.

Lag es daran, dass sie alle zusammenarbeiteten? Nein, denn er hatte ja kaum mit ihnen gesprochen, mit Ausnahme von Gwen und Holly. Und Holly war nicht diejenige, die ihm dieses Gefühl gab.

Es musste also an Gwen liegen. Ihretwegen war er verlegen, und das passierte ihm sonst nie.

„Hallo?“

Paul sah Gwen an. „Was?“

„Logg dich ein, wenn du mitspielen willst.“

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf das Gerät und konzentrierte sich auf das Spiel.

Gwen war fassungslos wegen der Sache, die sie gerade aus dem Mund ihrer besten Freundin gehört hatte. Denn Holly hatte Paul gesagt, sie könne Gwen nicht nach Hause fahren, und das, obwohl sie beide zusammen zur Arbeit gefahren waren. Ganz zu schweigen davon, dass sie auch noch im gleichen Haus wohnten.

„Ich bringe sie gern nach Hause“, erklärte Paul, „auch wenn sie mich geschlagen hat.“

„Mit zwei Punkten Vorsprung“, sagte Holly und hängte sich ihre Handtasche über die Schulter. „Ich muss mich beeilen. Danke, Paul. Bis morgen, Gwen. Wiedersehen.“

Zurück blieben Gwen und Paul und die Verlegenheit zwischen ihnen.

„Es macht mir wirklich nichts aus“, versicherte er ihr. „Schließlich wohnst du nicht in Connecticut.“

„Ich will dir keine Umstände machen, besonders da Holly dich mit der Bitte überfallen hat und dir gar nichts anderes übrig blieb, als zuzusagen.“

Er schob seinen Stuhl an den Tisch, nahm Hollys und seine Konsole, und dann gingen sie. „Kein Problem.“

„Danke.“

Als sie an Carla vorbeikamen, schenkte die Kellnerin Paul ein anzügliches Lächeln, das er jedoch kaum registrierte.

Draußen auf dem Parkplatz schaltete er die Scheinwerfer seines Mercedes per Fernbedienung ein. Der Abend war kühler, als man im April hätte erwarten können.

„Ich habe eine Jacke im Auto“, sagte Paul.

„Danke, ich brauche keine.“

Nach kurzer Fahrt fand er einen Parkplatz in der Nähe ihrer Wohnung. Bevor Gwen aussteigen konnte, sagte er: „Bist du glücklich?“

Sie hielt inne. „Ja. Meistens schon. Warum fragst du?“

Paul stellte den Motor aus. „Glaubst du, es hat damit zu tun, dass du deinen Kollegen nahestehst?“

„Zum Teil, ja.“

„Womit noch?“

„Darüber habe ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Mir macht meine Arbeit Spaß, aber sie ist nicht mein Leben. Für gewöhnlich habe ich viel zu tun. Ich spiele Baseballquiz, sehe mir im Kino gern alte Horrorstreifen an und besuche einmal im Monat meinen Buchclub. Außerdem sehe ich mir viel zu viele Spiele an, aber wen kümmert das schon. Ich verbringe nicht viel Zeit mit Erinnerungen. Warum willst du das wissen?“

Im Halbdunkel betrachtete er sie sehr eingehend. „Ich habe auch immer viel zu tun und liebe meine Arbeit. Ich habe fast alles, was ich mir wünschen kann – ein tolles Auto, ein Haus, Frauen, Spielzeug. Aber für besonders glücklich halte ich mich nicht.“

„Nein?“

„Nein. Ich habe keine Ahnung, warum, und es fällt mir schwer, das einzugestehen. Ich sollte glücklich sein. Ich habe es schließlich geschafft, wie man so schön sagt.“

„Fühlst du dich schon lange so?“, wollte sie wissen.

„Nein. Früher habe ich jede Sekunde meines Lebens genossen. Ich weiß nicht einmal, wann das aufgehört hat. Aber die Partys kommen mir nicht mehr so toll vor, die Siege begeistern mich nicht mehr so sehr.“

Zum ersten Mal fiel ihr hinter seinem attraktiven Äußeren eine Traurigkeit auf, die sie zu einer Entscheidung veranlasste. „Komm mit. Ich koche uns Kaffee.“

Er lächelte. „Gern.“

Es dauerte eine Weile, bis der Kaffee durchgelaufen war und Gwen und Paul es sich jeder an einem Ende der Couch bequem gemacht hatten. Da die Couch über Eck ging, konnten sie sich dennoch angenehm unterhalten. Gwen hatte nur gedämpftes Licht eingeschaltet, und als sie sich zurücklehnte, war sie froh über ihre Entscheidung, ihn noch mit hineinzubitten.

Seit sie Paul näher kannte, sah sie ihn mit anderen Augen. Sie war schon drauf und dran gewesen, ihn für genauso oberflächlich und langweilig wie ihre Schwester Autumn zu halten.

Es fiel ihr nicht leicht, sich einzugestehen, dass sie die gleichen Vorurteile hatte wie die Leute, die sie nicht leiden konnte.

Ohne ihn besser zu kennen, konnte sie nicht einschätzen, ob eine Freundschaft zwischen ihnen möglich war, doch war sie inzwischen eher bereit, das herauszufinden. Für ihn bedeutete es einen großen Schritt, ihr gegenüber zuzugeben, dass er mit seinem Leben unzufrieden war. Das machte ihn ihr noch sympathischer als der Ausflug ins Stadion.

„Der ist großartig“, sagte er und hielt seinen Kaffeebecher hoch. „Danke.“

„Gern geschehen. Verrate mir eines – gab es ein Ereignis, das deine Empfindungen ausgelöst hat?“

Es schien ihm nichts auszumachen, dass sie auf ihre Unterhaltung von vorhin zurückkam. „Nichts Besonderes. Allerdings habe ich diesem Typen im Radio zugehört, der ein Buch über das Glück geschrieben hat.“

„Dan soundso?“

„Ja, Dan Gilbert. Harvard-Professor. Er meinte, dass die Dinge, von denen wir glauben, sie würden uns glücklich machen, es in der Regel nicht tun, zumindest nicht auf lange Sicht.“

„Stimmt. Er hat gesagt, dass wir uns gern ausmalen, was uns glücklich machen könnte, statt uns die Erfahrungen anderer anzuhören.“

„Genau den meine ich“, sagte Paul. „Mich hat besonders beeindruckt, als er darüber sprach, dass wir alle glauben, je mehr materielle Besitztümer wir hätten, desto glücklicher wären wir. Das ist zwar nicht neu, aber es ist nicht leicht von der Hand zu weisen. Er sagte außerdem, die glücklichsten Menschen seien diejenigen mit starken sozialen Bindungen wie Freunde und Familie. Wie es bei dir der Fall ist.“

„Ich stehe meiner Familie überhaupt nicht nah.“

„Nein, aber mit deinen Kollegen hast du dir einen Ersatz geschaffen. Ich konnte beobachten, wie ihr miteinander umgeht. Bei mir ist das ganz anders.“

„Weil du der Boss bist?“

„Zum Teil. Ich nehme an, ich hätte Freunde unter den anderen Managern finden können.“

„Aber?“

Er stellte seinen Becher hin. „Lass mich dir von meinen Pokerabenden erzählen. Ich gehe etwa einmal im Monat hin, wenn ich es schaffe. Es ist eine lockere Verabredung, weil wir alle viel beschäftigte, erfolgreiche Männer sind. Wir kennen uns seit Jahren. Und jedes Mal, wenn ich hingehe, endet es in einem Kräftemessen.“

„Wie beim Baseballquiz?“

Er seufzte und nahm seinen Becher. „Ja, so ähnlich.“

„Wie stellst du dir den Abend denn stattdessen vor?“

Bevor er antwortete, trank er einen Schluck. „Ich habe Holly heute beobachtet. Die meiste Zeit tippt sie nicht einmal eine Antwort ein, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt ist, sich mit den anderen zu unterhalten oder einfach nur zuzuschauen. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass sie sich keine Gewinnchance ausrechnet. Sie ist einfach gern mit den anderen zusammen.“

„Aber das wäre doch keine Lösung für dich“, sagte Gwen. „Du könntest nie einfach nur so in die Bar kommen und das Spiel ignorieren. Dafür ist dein Konkurrenzdenken zu ausgeprägt.“

„Vielleicht ist es genau das, was mich stört. Vielleicht möchte ich viel weniger davon geleitet sein und nicht auf jeder Party zusehen, wie viele nützliche Kontakte ich knüpfen kann. Mir hat der gestrige Tag so viel Spaß gemacht, dass es mir völlig egal war, wer gewonnen hat. Na ja, fast egal. Ich wollte nur, dass du dich amüsierst. Das war mein Ziel.“

Sie spürte etwas in sich, womit sie nicht gerechnet hatte. Sie bedeutete ihm etwas, das hatte er ihr mit allem, was er seit der Hochzeitsfeier getan hatte, gezeigt. Doch noch immer fiel es ihr schwer, das zu glauben. „Das hast du sehr gut hinbekommen.“

„Danke. Die Sache ist, dass ich dir nicht sagen könnte, wann es zuletzt in meinem Leben nicht ums Gewinnen ging. In gewisser Hinsicht habe ich gestern auch gewonnen, aber es war anders. Ich fühlte mich fantastisch. Nachdem ich dich abgesetzt hatte, fuhr ich nach Hause, las, schaute ein bisschen fern, ging ins Bett. Seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr so gut geschlafen.“

„Wow. Vielleicht solltest du das öfter machen.“

Er lächelte. „Mit dir zu einem Spiel der Dodgers gehen?“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Deine gewohnten Pfade verlassen und dir einen neuen Freundeskreis aufbauen.“

„Ich weiß nicht. Das ist nicht leicht.“

„Du versuchst es doch schon.“

„Stimmt, und das sieht mir gar nicht ähnlich. Bisher musste ich das auch noch nie, weil ich stets zu irgendeiner gesellschaftlichen Gruppe gehörte, ganz wie ich es wollte. Während der Schulzeit hatte ich die richtigen Freunde, war in den richtigen Sportvereinen, später in der besten Studentenverbindung. Was ich momentan versuche, ist total untypisch für mich.“

„Das ist es, was ich nicht verstehe – warum ausgerechnet jetzt?“

Einen langen Moment sah er ihr in die Augen. Seine Miene verriet zunächst Verwirrung, wechselte dann aber zu etwas Intensiverem und Beunruhigenderem.

„Was?“ Sie unterbrach den Blickkontakt, da es ihr plötzlich unangenehm war, welche Empfindungen er in ihr auslöste.

„Ich muss sehr oft an dich denken.“

Sie stellte ihren Becher ab, bevor er ihr aus der Hand fiel. „An mich?“

„Ja, an dich. Es wäre einfacher für mich, wenn ich mir etwas ausdenken würde. Ich bewege mich hier nicht auf sicherem Parkett, also verzeih mir. Jemanden wie dich habe ich noch nie kennengelernt.“

„So einzigartig bin ich nun auch wieder nicht.“

„Ich weiß nicht. Vielleicht ist die Welt voller Leute, die praktisch sind, sensibel und selbstbewusst, ohne ständig gewinnen zu müssen. Du liebst Sport, aber du spielst keine Spiele.“

Paul stand auf, und sie bemerkte seine Anspannung. Er rieb sich die Hände, während er auf und ab ging.

Gwen fühlte mit ihm. Es konnte nicht leicht sein, plötzlich alles infrage zu stellen, was man sich aufgebaut hatte. „Dann unternimm etwas. Wer hat gesagt: ‚Wenn du immer nur das tust, was du schon immer getan hast, kriegst du nur, was du schon immer bekommen hast‘?“

Abrupt blieb er stehen und kam zur Couch zurück, nur dass er sich diesmal neben Gwen setzte. Er sah erwartungsvoll aus, und sein Duft war ihr vertraut, denn er erinnerte sie an die Nacht, die sie zusammen in dem Hotelbett verbracht hatten. „Ich unternehme ja schon etwas, schließlich bin ich hier. Leider willst du mich nicht.“

Sie senkte den Blick auf ihre Hände. „So weit würde ich nun auch wieder nicht gehen.“

„Du hast es nicht laut ausgesprochen, aber ich weiß, dass du mich nicht für jemanden hältst, den es näher kennenzulernen lohnt.“

„Ich …“ Das war genau das, was sie gedacht hatte, doch wenn sie noch eine Chance bekäme, würde sie anders reagieren.

Er berührte sie, seine Hand lag warm auf ihrer. Gwen sah ihm ins Gesicht und las die Unsicherheit in seinen Augen. „Gib mir eine Chance.“

Sie musste schlucken, ihr Herz schlug schneller. „Ich weiß nicht, was das bedeuten soll.“

Langsam beugte er sich zu ihr hinüber, so nah, dass sie seinen Atem spürte. Sie dachte, er würde sie küssen, doch stattdessen sagte er leise: „Ich liebe Horrorstreifen und Softball. Ich war zwar nie Mitglied in einem Buchclub, aber ich würde es ausprobieren. Ich möchte an deinem Leben teilhaben. Es ist verrückt, ich weiß selbst nicht genau, warum. Aber ich glaube, du bist der Schlüssel zu meinem Glück.“

6. KAPITEL

Paul merkte, dass Gwen sich unbehaglich fühlte. Er kam sich dumm vor, dass er so mit ihr geredet hatte, mit einer Frau, die er kaum kannte. Aber er war sich auch sicher, dass es verrückt wäre, es ihr an diesem Abend nicht zu sagen – dass er mehr Sex und weniger nachdenken wollte. Er wusste, wenn er jetzt nicht etwas riskierte, würde er es bereuen, und zwar so sehr, dass er sich nicht mit einem oder zwei Drinks darüber würde hinwegtrösten können.

Es war ein bisschen beängstigend und peinlich, da er nicht einmal genau den Grund dafür benennen konnte. Er wusste nur, dass das, was er empfand, echt war.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Sie sah ihm in die Augen. „Ich weiß nur, dass wir aus völlig verschiedenen Welten kommen. Ich weiß nicht viel über dich, das muss ich zugeben. Wahrscheinlich hatte ich Vorurteile, und das war nicht fair.“

„Welche zum Beispiel?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich kann es verkraften.“

Kurz zögerte sie, dann sagte sie: „Meiner Erfahrung nach schweben sehr attraktive Menschen in höheren Sphären als wir Normalsterblichen.“

„Inwiefern?“

Gwen suchte nach den richtigen Worten. „Wir sind darauf trainiert, Schönheit zu bewundern. Das geht auf Überlebens- und Fortpflanzungsinstinkte zurück, auch wenn das nicht die Welt ist, in der ich lebe. Ich stamme aus einer Familie voller außergewöhnlich gut aussehender Menschen und habe erlebt, wie ihr Aussehen ihnen vieles erleichterte. Sie kamen mit den erstaunlichsten Sachen durch, und alle Türen standen ihnen offen. Dadurch glaubten sie, einen Anspruch darauf zu haben. Aber kratz an der Oberfläche meiner Schwestern und Brüder, und du wirst nicht viel darunter entdecken.“

„Wow.“ Er atmete hörbar aus. „Aber das ist nicht alles, oder? Da ist etwas, was du nicht aussprechen möchtest.“

„Na ja, ich glaube, was ihnen vor allem fehlt, ist Mitgefühl“, sagte sie. „Das ist nicht ihre Schuld. Mitgefühl entsteht durch Schmerz, und sie erleben zwar auch Höhen und Tiefen, aber keiner von ihnen musste je etwas wirklich Schlimmes durchmachen, eine Erfahrung, aus der man gestärkt hervorgeht.“

Er wollte ihr sagen, dass er schon einiges durchgemacht hatte – aber das stimmte nicht, er hatte es immer leicht im Leben gehabt. Es hatte stets den Anschein gehabt, als wollten alle Leute ihn triumphieren sehen. Und meistens hatte ihm das genügt. „Ich bekenne mich all dessen schuldig, was du eben gesagt hast. Ich verstehe, warum du geglaubt hast, ich wäre dir zu oberflächlich.“

Sie stutzte und schien noch einmal über ihre Worte nachzudenken. „Ich gebe zu, voreingenommen zu sein, denn ich habe Jahre der Eifersucht und Bitterkeit durchlitten. Es war hart, immer die Hässliche zu sein.“

„Du bist nicht …“

Entschieden hob sie die Hand. „Wir wollten aufrichtig sein, schon vergessen?“

„Gut. Schön. Ich bin aufrichtig. Du bist nicht wie der Rest deiner Familie, aber du bist auch nicht hässlich.“

„Paul.“

„He, das ist mein Ernst. Ich bin ich der Erste, der zugibt, oberflächlich zu sein, aber selbst ich kann sehen, was für schöne Augen du hast, was für ein wundervolles Lächeln, das dein ganzes Gesicht leuchten lässt. Ich finde dich faszinierend. Aber kommen wir ruhig auf mich zurück, solange ich noch den Mut habe zu fragen. Glaubst du, dass ich dazu verdammt bin, für immer so oberflächlich zu bleiben? Besteht nicht die Möglichkeit, dass da mehr ist, als du denkst?“

„Du bist nicht oberflächlich“, erklärte sie. „Ich habe mich geirrt. Ich hätte nie erwartet …“

Er schüttelte den Kopf. „Du denkst, du bist überrascht.“

Das brachte ihm ein Lächeln ein.

„Du meinst also, es besteht eine Chance? Dass wir Freunde sein können, meine ich.“

„Ja, die Chance besteht.“

Erleichtert atmete er auf und lehnte sich zurück. „Tja, und was soll ich tun?“

„Hast du dir mal überlegt, darüber zu schreiben?“

„Ich? Du lieber Himmel, nein.“

Sie lachte. „Und wenn du einfach weiter das machst, was du ohnehin schon tust?“

„Und was genau wäre das?“

„Zu den Quizabenden kommen zum Beispiel. Möglicherweise ist für dich auch noch Platz in unserem Softballteam, falls du die Zeit dafür findest.“

Er drückte ihre Hand. „Das ist ein Nein, was den Buchclub angeht, oder?“

„Pass auf. Ich werde dir das Buch besorgen, das wir in diesem Monat lesen. Sobald du es gelesen hast, teilst du mir mit, ob du Interesse hast mitzumachen.“

„Handelt es sich um einen Roman?“

„Ja.“

„Ist es ein dickes Buch?“

„Sehr.“

Er seufzte. „Bring es mit. Ich kann dir nichts versprechen, aber was soll’s.“

„Ich habe keinerlei Erwartungen. Einige meiner besten Freunde teilen meinen Buchgeschmack nicht.“

Er kniff die Augen zusammen, um zu zeigen, wie wichtig ihm diese Frage war. „Stehst du auf japanische Horrorfilme?“

„Und wie. Ich war begeistert von ‚Ju-On‘. Die amerikanische Version fand ich schrecklich.“

Erleichtert setzte er sich auf. „Ja, die amerikanischen Regisseure wissen nicht, was sie tun, wenn es um stimmungsvolle Sachen geht. Ich zähle Folterfilme nicht zum Horrorgenre.“

Lachend hob sie die Hand, und er klatschte ab.

„Was ist?“

„Nichts“, sagte sie. „Du erstaunst mich nur immer wieder.“

„Und du mich erst. Heute Abend zum Beispiel finde ich dich atemberaubend.“

„Tatsächlich?“

Sie stand auf und zog ihn vom Sofa. „Es ist schon spät, und ich muss morgen fit und ausgeruht sein.“

„Hast du ein Vorstellungsgespräch mit einem heißen neuen Wissenschaftler?“

„Genau.“ Sie begleitete ihn zur Tür. „Mit unglaublichen physischen Fähigkeiten.“

„Aber schlägt er dich auch im Baseballquiz?“

„Das wird meine erste Frage des Vorstellungsgesprächs sein.“

Er lachte.

„Danke“, sagte sie.

„Wofür?“

„Ist doch egal. Einfach nur …“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Behutsam legte er ihr die Hände auf die Schultern und drehte Gwen ganz zu sich um. Ihre Lippen trafen seine. Genau wie im Hotel, nur dass er diesmal nicht betrunken oder verkatert war.

Sie löste sich, aber nur kurz. Als sie ihn erneut küsste, geschah es voller Leidenschaft, obwohl er nicht genau verstand, warum. Doch er beschloss, sämtliche Fragen und Zweifel zu verbannen und nur den Augenblick zu genießen. Die Zartheit ihrer Lippen, ihr leichtes Erschrecken, als seine Zunge ihre fand.

Der Abend war erstaunlich gewesen, doch dieser Kuss übertraf alles andere.

Paul begehrte Gwen. Er wollte sie nicht nur zum Freund haben, sondern …

O verdammt.

Gwen wartete vor dem kleinen Kino, die Hände in den Taschen ihres Sweatshirts, und fragte sich, ob dieser Abend eine gute Idee war. Paul würde jeden Moment eintreffen, und sie wünschte, sie wäre nicht so nervös.

Im Rialto gab es eine Doppelvorstellung zweier japanischer Horrorfilme – „Ju-On“ und „Ringu“. Das Kino war ein unverfänglicher Ort für zwei Leute, die Freunde werden wollten.

Nur gab es noch das Nachher. Es war immer besser, wenn es nach einem Lieblingsfilm Getränke und Diskussionen gab. Das schien ungefährlich zu sein. Aber irgendwann würde Paul sie zu ihrem Wagen begleiten, und genau vor diesem Augenblick fürchtete sie sich.

In den drei Tagen, seit er bei ihr zu Hause gewesen war, hatten sie fünfmal miteinander telefoniert. Beim ersten Mal hatte er sie nach dem Titel und Autor eines anderen Buches gefragt, das sie erwähnt hatte. Beim zweiten Anruf erkundigte er sich nach dem Softballteam, stellte jedoch fest, dass er vor nächsten Mittwoch nicht mitmachen konnte. Das dritte Telefonat eröffnete er mit einer Frage zu dem Buch, bevor er zugab, dass er bloß mit ihr reden wollte. Dieses Gespräch dauerte eine Stunde und zweiundzwanzig Minuten.

Heute hatte er zweimal angerufen. Einmal, um zu fragen, ob sie mit ihm ins Kino gehen wollte, und dann noch einmal, um sich zu erkundigen, ob er sie abholen solle.

Sie mochte es, mit ihm zu telefonieren, dabei telefonierte sie eigentlich nicht gern.

„Du machst so ein besorgtes Gesicht. Hast du gedacht, ich würde zu spät kommen?“

Erstaunt drehte sie sich um und konnte bei Pauls Anblick gegen ihr Lächeln ebenso wenig tun wie gegen ihr Herzklopfen. „Nein, ich habe nur vor mich hin gegrübelt.“

„Das ist eine gefährliche Sache. Mich bringt es immer in Schwierigkeiten.“

„Wir haben gerade noch Zeit, um uns Popcorn zu kaufen und gute Plätze zu suchen.“

Er schaute auf seine Uhr, die teuer aussah. „Eine halbe Stunde.“

„Ich sagte, gute Plätze.“ Sie zog zwei Tickets aus der Tasche. „Siehst du? Ich wusste, du würdest rechtzeitig hier sein.“

„Ich wollte die Tickets kaufen.“

„Du darfst das Popcorn bezahlen, und das wird teurer, denn ich liebe Popcorn.“

„Ich soll also einen großen Eimer bestellen?“

„Für mich. Bestell du dir, was du willst.“

Er lachte. „Eine große Cola dazu?“

Sie reichte die Tickets dem freundlichen Mann am Eingang. „Nein, Medium, light. Und pass auf, dass sie das Popcorn nach der Hälfte der Zeit buttern und am Schluss auch noch mal. Die sollen damit bloß nicht knausern.“

Er legte ihr die Hand auf den Rücken, als sie zum Tresen des Erfrischungsstandes gingen. Es handelte sich nur um eine harmlose Berührung, eine unter Freunden, und doch war es viel mehr, wie die Reaktion ihres Körpers vermuten ließ.

Das Popcorn rettete sie. Paul bestellte und verzog keine Miene wegen ihrer Bitte nach einer Cola light. Er nahm einen großen Eimer Popcorn, aber ohne Butter. Dummkopf, schalt sie ihn insgeheim.

Das Kino war nur zu einem Viertel gefüllt, hauptsächlich mit Teenagern. Ein paar ältere Leute saßen in entfernten Ecken, doch Gwen wollte in der Mitte sitzen. Alle anderen wollten das auch, trotzdem bekamen sie noch anständige Plätze.

Nachdem sie es sich bequem gemacht hatte, seufzte sie zufrieden.

„Wie oft hast du diese beiden Filme schon gesehen?“, wollte Paul wissen.

„Drei- beziehungsweise zweimal. Ich hoffe nur, dass das Kino eine vernünftige Kopie hat. Manchmal ist die Qualität ziemlich schlecht.“

„Ich habe beide Filme auf DVD, aber ich sehe sie mir lieber im Kino an. Da sind sie unheimlicher.“

Sie nickte und machte sich über ihr köstliches Popcorn her.

„Übrigens gefiel mir das Buch, das du mir gegeben hast.“

„Wirklich?“

„Es hat mich letzte Nacht wach gehalten. Heute Morgen hätte ich deshalb beinah eine Präsentation abgesagt.“

„Das kann ich gut nachvollziehen. Vielleicht solltest du dir mal ein Hörbuch besorgen und es unterwegs hören. Da vergeht die Zeit schneller, besonders wenn man im Stau steht.“

Das Licht wurde gedimmt, und Gwen war sich während der ersten fünfzehn Minuten des Films Pauls Nähe nur allzu bewusst. Aber dann fesselte die Story sie, und sie wartete gespannt auf die gruseligen Szenen. Dabei aß sie ihr Popcorn und hielt nur inne, wenn etwas Schlimmes passierte. Das war der Vorteil, wenn man den Film schon mehrmals gesehen hatte – es bestand keine Gefahr, sich vor Schreck zu verschlucken.

Nach einer Weile berührte Paul ihre Hand, und nach kurzem Zögern verschränkte sie ihre Finger mit seinen.

Seit Jahren hatte niemand mehr im Kino ihre Hand gehalten. Manchmal hatte ein Begleiter den Arm um sie gelegt. Aber dies war viel süßer. Sie kam sich wieder vor wie ein Teenager, nein, noch jünger, denn das Händchenhalten hatte etwas Unschuldiges.

Trotz des erschrockenen Raunens im Kino und der unheimlichen Musik sah sie Paul an und stellte fest, dass er sie betrachtete.

Er lächelte, schob sich Popcorn in den Mund und schaute wieder auf die Leinwand.

Sie hatte keine Angst mehr, wie es ausgehen würde, weder was den Film betraf noch den Abend. Schließlich hatte er ihr versichert, dass er nur mit ihr befreundet sein wollte.

Doch plötzlich erkannte sie mit schockierender Klarheit, dass das nicht stimmte.

Gwen schloss ihre Wohnungstür auf, warf Pullover und Handtasche auf den Tisch und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer auf das Sofa fallen. Einen besseren Abend hätte sie sich nicht wünschen können.

Paul und sie hatten beide Filme über Händchen gehalten. Bei den spannenden Szenen hatte er ihre Hand gedrückt, was ein Kribbeln ausgelöst hatte. Hinterher besuchten sie einen nahe gelegenen Coffeeshop, wo er ein Stück Schokoladenkuchen gegessen hatte, was, wie sie ihm sagte, sein fettarmes Popcorn wieder ausglich. Ihre Logik beeindruckte ihn nicht, denn er genoss jeden Bissen.

Man hätte es fast ein Date nennen können, nur dass es das nicht war. Du lieber Himmel, sie standen ganz am Anfang ihrer Freundschaft, und keiner hatte bisher von mehr gesprochen. Freundschaften waren gut. Und das Händchenhalten war nichts weiter gewesen als … was? Vielleicht sollte sie ihre Definition von Freundschaft überdenken.

Wie sie vorhergesehen hatte, brachte Paul sie noch zum Auto, doch als sie die Tür aufschloss, bekam er einen Anruf von einem Kunden. Voilà, keine peinliche Kussszene. Das perfekte Ende des Abends.

Warum regte sie sich dann darüber auf? Was war nur los mit ihr?

Na schön, perfekt war das Ende ihres Abends nicht gewesen. Dazu hätte Paul sein Handy in die Büsche werfen, sie an sich drücken und verzweifelt küssen müssen …

Stopp. Das wollte sie doch gar nicht wirklich. Dramatik ja, aber ein derartiges Verhalten hätte sie vollkommen verschreckt. Sie wollte nicht, dass er so war, denn sie hatte heimliche romantische Fantasien und wäre sicher nicht immun gegen seine Küsse. Selbst vernünftige Frauen, die es eigentlich besser wissen mussten, durften doch von Zeit zu Zeit Träume haben, oder? Deshalb waren sie nicht gleich blöd. Es gehörte einfach dazu, wenn man eine Frau war.

Kurz bevor sie sich dazu aufraffen konnte, ins Bett zu gehen, klopfte es an der Tür. Wer konnte das um diese Uhrzeit sein, wenn nicht Holly? Gwen lief zur Tür und machte auf.

Es war nicht Holly.

„Gut, du bist noch nicht im Bett. Ich habe zehn Minuten hier gestanden und befürchtet, dass ich dich aufwecken würde.“

„Paul.“

Er lächelte unsicher. „Schon gut, ich gehe wieder.“

Entschlossen hielt sie ihn am Arm fest. „Sei nicht albern. Ich war nur überrascht, das ist alles. Komm rein.“

Er folgte ihr und blieb im Flur stehen. „Die Sache ist die, dass ich nicht richtig Gute Nacht gesagt habe.“

„Macht nichts. Berufliches geht vor. Offenbar war der Anruf wichtig.“

„Ja, schon. Aber du warst so schnell verschwunden. Ich wollte dir sagen, dass ich den Abend sehr genossen habe.“

„Ich auch …“

Er kam näher und umfasste ihren Arm. „Das wollte ich eigentlich nicht sagen. Ich habe den Abend natürlich genossen, aber ich bin hergekommen, weil ich dich noch nicht gehen lassen wollte.“

„Warum?“

„Weil ich dir noch keinen Gutenachtkuss gegeben habe.“

Sie sah ihm in die Augen, fasziniert von der Begierde, die sie in ihnen funkeln sah. Es war ein Blick, wie sie ihn sich nachts in ihren Fantasien ausmalte, aber nie in natura zu sehen erwartet hätte. Es kam ihr falsch vor. Sie errötete und befreite sich aus seinen Armen.

„O verdammt. Verzeih mir, ich dachte …“

„Schon gut“, beruhigte sie ihn. „Ich habe mich nur gefragt, ob das so eine gute Idee ist, weißt du …“

„Klar, ich habe verstanden.“ Paul wich einen Schritt zurück, sah aber verletzt aus. „Mein Fehler.“

Gwen fühlte, wie sie unsicher wurde, etwas, das sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. War es möglich, dass sie ein Liebespaar wurden? Nach allem, was ihre Erfahrung sie gelehrt hatte, nein. Doch wenn sie ihn nur ansah, wünschte sie sich sehnlich, dass sie sich irrte. Nur passierte es selten in dieser Konstellation. Schöne Frauen mit weniger attraktiven Männern? Jede Menge Stoff für Sitcoms. Aber schöne Männer mit Frauen wie ihr? Nur wenn die Frau sich in einen Schwan verwandelte, und das würde in ihrem Fall nicht passieren. Aber herrje, wie er sie ansah!

Zögernd fragte er: „Was willst du?“

„Ich weiß es nicht.“

„Als wir uns neulich geküsst haben, schien es dir nicht zuwider zu sein.“

Für einen Moment schloss sie die Augen. „Du weißt, dass es mir auch nicht zuwider war.“

„Was dann? Wenn du willst, dass ich gehe, verschwinde ich auf der Stelle.“ Er trat wieder näher und hob ihr Kinn, damit sie ihn ansah. „Wenn du aber willst, dass ich bleibe …“

„Ich verstehe es nicht.“

„Versuch es gar nicht erst“, flüsterte er und küsste sie auf atemberaubend zärtliche Weise. Er ließ die Hände hinunter zu ihrer Taille gleiten und zog Gwen an sich. Der Kuss veränderte sich und ließ keinen Raum mehr für Fehlinterpretationen.

Ihr Körper reagierte, als sei er aus tiefem Schlaf erwacht. Sie fühlte alles überdeutlich – Pauls Brust, an die sich ihre Brüste schmiegten, seinen flachen Bauch und seine muskulösen Schenkel, vor allem aber seine Erektion.

Und sie erwiderte den Kuss, ließ sich auf das erotische Spiel seiner Zunge ein, stöhnte vor Verlangen. Was dachte sie sich nur dabei? Das hier war in jeder Hinsicht falsch. Dafür war sie doch eigentlich viel zu intelligent. Paul passte nicht zu ihr, er gehörte höchstens in ihre Träume.

Halbherzig stemmte sie sich gegen seine Brust, aber es war kein ernsthafter Versuch, ihn wegzustoßen, und schon bald ließ sie ihr Becken im sinnlichen Rhythmus ihrer Zungen kreisen. Sie kannten beide jeden Schritt, als hätten sie ihn schon hundertmal geübt.

Paul hörte kurz auf, sie zu küssen, um sie anzusehen. Seine Augen waren dunkel im gedämpften Licht. Er nahm ihre Hände, legte sie sich um den Nacken und küsste Gwen erneut.

Ein Schauer überlief sie bei dem Gedanken daran, wen sie küsste, aber dann hörte ihr Verstand einfach auf zu arbeiten, denn jetzt zählten nur noch ihre Gefühle. Sie wollte seine Hände spüren, seine Lippen. Ihre Brustwarzen richteten sich auf, und sie bekam weiche Knie.

Diesmal war keine Armeslänge zwischen ihnen wie in dem Hotelbett. Dies war etwas, wonach sie sich insgeheim gesehnt hatte. Es gab keine Aussicht auf ein Happy End, zumindest nicht auf lange Sicht. Aber vielleicht für diese Nacht? Die Chance bestand durchaus.

„Ich will mit dir schlafen“, flüsterte er, und seine Lippen waren ihren so nah, dass sie seinen Atem spürte. „Ich wollte es schon vorher, aber nicht so sehr wie heute Nacht. Auch nachdem du weggefahren bist, hörte es nicht auf.“

„Es ist verrückt.“

„Na und?“

„Ich … wir … verdammt“, sagte sie und küsste ihn erneut, in der Gewissheit, dass jener kurze Moment verstrichen war, in dem sie ihn noch hätte nach Hause schicken können.

Die Schwierigkeit bestand nun darin, nicht den Zauber des Augenblicks zu zerstören. Wenn sie aus irgendeinem belanglosen Grund innehielte, würden ihr sofort hundert Argumente einfallen, weshalb sie das nicht tun durfte. Ihr blieb also gar nichts anderes übrig, als weiterzumachen.

Vorsichtig dirigierte sie Paul näher zum Wohnzimmer. Kein Schlafzimmer, kein Bett. Das Sofa war gerade richtig. Dort angekommen, begann sie, ihre Bluse aufzuknöpfen. Das war nicht leicht, ohne den Kuss zu unterbrechen, doch sie schaffte es sogar, sie auszuziehen und anschließend den BH zu öffnen.

Gwen musste Paul zugutehalten, dass er die Sache mit dem Zauber zu verstehen schien, denn auch er hatte rasch sein Hemd ausgezogen und dann die Hose, obwohl sie sich dafür gemeinsam bücken mussten.

Die Choreografie ihrer Bewegungen glich einem erotischen Tanz, zu dem eigentlich Violinen und Cellos hätten erklingen müssen. Doch sie mussten sich mit dem Pochen ihrer Herzen begnügen, dem Geräusch ihres viel zu schnellen Ein- und Ausatmens.

Plötzlich erstarrte Gwen.

„Was ist los?“, wollte er wissen.

„Ich habe keine Kondome.“

„Aber ich.“

„Wo?“

„In meiner Tasche.“

„Dem Himmel sei Dank.“ Sie ließen die restlichen Kleidungsstücke zu Boden fallen und küssten sich erneut. Er strapazierte ihre Geduld, als er das Kondom suchte, aber das Warten lohnte sich, denn er zog sie gleich wieder an sich.

„Denk nicht“, forderte er sie auf und streichelte ihren Rücken auf eine Weise, die sie erschauern ließ. „Fühl einfach nur.“

Sie ließ sich von ihm zur Couch tragen, wobei ihr Schenkel seine Erektion streifte. Sobald sie saß und er vor ihr stand, sah sie die Dinge aus einer völlig neuen Perspektive. Erstens begriff sie, dass Paul nicht nur ein geistiges Interesse an ihr hatte. Seine Erektion war beeindruckend. Trotzdem schaffte sie es, sich von diesem Anblick loszureißen und seine nackte Brust, seine Arme, die breiten Schultern und das attraktive Gesicht zu betrachten. Unwillkürlich schlug sie die Hände vors Gesicht.

Paul kniete sich vor sie, und sie spähte zwischen ihren Fingern hindurch. „Was ist denn los?“

„Es hat keinen Sinn. Du bist viel zu attraktiv für mich.“

„Du denkst schon wieder. Das solltest du doch lassen.“

Sie wollte noch etwas sagen, doch er entkräftete jedes Argument, indem er ihre Beine auseinanderschob.

„Weil du Probleme mit dieser Vorstellung hast, werde ich dir helfen.“

Sie wollte wieder etwas sagen, doch er stoppte sie mit einem Blick. Normalerweise genügten Blicke nicht, um sie zum Schweigen zu bringen, doch in diesem Fall ließ Paul gleichzeitig seine Hände unter ihre Beine gleiten, sodass er sie sich auf die Schultern legen konnte.

„Es ist dir gestattet, jeden Laut von dir zu geben, um deinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.“ Mit diesen Worten brachte er sich und Gwen in die gewünschte Position. „Sprechen ist allerdings verboten. Ich werde ohnehin dafür sorgen, dass du nicht mehr sprechen kannst. Also lehn dich zurück, und entspann dich. Lass dich von mir verwöhnen.“

Natürlich wollte sie protestieren. Bis sie seine Finger an den Innenseiten ihrer Schenkel fühlte. Er ließ sie langsam höher wandern und erreichte schließlich sein Ziel. Behutsam streichelte er ihren sensibelsten Punkt. Sie schloss die Augen und fühlte seinen warmen Atem auf ihrer Haut. Sie legte den Kopf zurück und grub die Finger in die Sofakissen, während sie die Liebkosungen seiner Lippen und seiner Zunge genoss.

Sanft drang er mit dem Finger in sie ein und bewegte ihn langsam, eine Andeutung all dessen, was noch kommen würde. Dabei biss er sie zärtlich erst in den einen, dann in den anderen Schenkel, wobei er den Druck auf ihre empfindlichste Stelle erhöhte. Gwen bog sich ihm entgegen.

Er stöhnte und belohnte sie, indem er sich ganz auf seine Liebkosungen konzentrierte, ehe er sie erneut mit dem Mund verwöhnte.

Gwen sog scharf die Luft ein und fuhr ihm durch das volle dunkle Haar, das sich genauso seidig anfühlte, wie sie es sich vorgestellt hatte. Das nahm sie jedoch nur vage wahr, da er weiter diese unglaublichen Dinge mit ihr tat.

Es hatte sie schon immer erstaunt, wie gern Männer Frauen derart verwöhnten. Zumindest galt das für die meisten Männer in ihrem Leben. Sie hatte ihr Glück nie hinterfragt, sondern diesen wundervollen Bonus einfach akzeptiert. Pauls leises Stöhnen, seine Hingabe und sein Geschick verrieten ihr, dass er es genoss.

Gwen wünschte nur, sie könnte nun auch ihn endlich berühren, denn dieser Körper schrie förmlich danach. Es gab so viel zu erkunden, so viele vollkommene Partien. Allein die Vorstellung, seinen knackigen Po zu umfassen …

Paul liebkoste sie mit der Zunge, küsste und umspielte ihre Perle, bis sie ihre Finger in seine Haare krallte und einen lauten Schrei ausstieß. Jeder Muskel in ihrem Körper schien sich anzuspannen, und Gwen glaubte, diese intensive Lust keine Sekunde länger mehr auszuhalten.

Als er seine Zunge immer schneller kreisen ließ, war es endgültig um sie geschehen. Helle Lichtpunkte tanzten hinter ihren geschlossenen Lidern, als sie zum Orgasmus kam, und sie hob den Po vom Sofa, fort von Pauls Mund, da sie mehr einfach nicht ertragen konnte.

Erst nach einigen Sekunden gelang es ihr, die Augen wieder aufzumachen. Paul schaute zu ihr auf. Er wirkte sehr zufrieden mit sich und mit ihr. Mit dem Handrücken wischte er sich den Mund ab und stand auf.

Sein aufgerichtetes Glied verriet überdeutlich, wie erregt er war.

„Setz dich“, forderte sie ihn auf.

Er stellte keine Fragen, und das war auch gut so. Jetzt war sie an der Reihe, sich hinzustellen. Zuerst suchte sie das Kondom, das auf dem Fußboden neben seinem Fuß lag. Sie riss die Packung auf, streifte es ihm jedoch noch nicht über.

Noch immer leicht zitternd, setzte sie sich vor ihn. Er sah unglaublich aus hier auf ihrer Couch, die Schenkel beinah arrogant gespreizt, während sich seine muskulöse Brust mit jedem Atemzug hob und senkte. Doch sein Blick veranlasste sie wegzusehen.

Sie ließ ihre Hände an seinen Beinen hinaufgleiten, bis sie sein Glied mit beiden Händen umfassen konnte. Sie sehnte sich danach, ihn zu spüren und zu liebkosen.

Paul stöhnte und legte den Kopf zurück, die Lippen leicht geöffnet. Gwen entspannte sich, während sie mit ihm spielte.

Schon bald genügte es ihr nicht mehr, ihn nur zu streicheln, deshalb schloss sie ihre Lippen um seine Spitze und umspielte sie mit der Zunge.

Ein Beben durchlief seinen Körper, und er bog sich ihr ein wenig entgegen. Sie spürte seine Selbstbeherrschung, hörte die Laute, die er vor Erregung von sich gab. Die Augen geschlossen, fuhr sie mit der Zunge an der ganzen Länge seines Gliedes entlang.

„O Gwen.“ Seine Stimme war so angespannt wie seine harten Muskeln. „Bitte.“

Sein Verlangen verlieh ihr ein sinnliches Gefühl der Macht. Sie gab ihn frei. „Sag es mir.“

Er berührte ihr Gesicht. „Nichts. Alles. Einfach mehr.“

Lächelnd nahm sie ihn wieder in den Mund, und diesmal saugte sie, bis er laut aufstöhnte, entschlossen, ihn um Gnade betteln zu lassen.

Das ließ nicht lange auf sich warten. Sein Becken bewegte sich immer schneller, und sie tat alles, um ihn noch weiter anzustacheln.

„Hör auf, um Himmels willen!“ Mit einem Ruck zog er sie zu sich hoch. „Komm. Wo ist das verdammte Ding?“

Sie schnappte sich das Kondom, und als sie es ihm überstreifte, sog er scharf die Luft ein. Kaum war sie fertig, bedeutete er ihr, dass er sie oben haben wollte.

Sie zögerte, doch das duldete er nicht, sodass sie schon im nächsten Augenblick auf ihm saß, ihre Knie links und rechts von seinen Schenkeln.

„Du lieber Himmel, ich brauche …“ Er küsste sie wild und ungestüm und hob das Becken.

Gwen gab nach und nahm ihn tief in sich auf. Ihre Position ermöglichte es ihr, das Tempo zu bestimmen, und sie war froh über ihr Pilates-Training, weil es ihr die nötige Kraft verlieh, die sie brauchte. Pauls Küsse wurden fordernder, ein stummes Drängen, den Liebesrhythmus zu beschleunigen. Doch das wollte sie nicht. Noch nicht.

Ihre Bewegungen waren bewusst langsam, denn sie wollte seine Lust bis zu einem Punkt steigern, an dem er es nicht mehr aushielt. Sie wollte ihm süße, sinnliche Qualen bereiten.

In fieberhafter Eile ließ er seine Hände über ihren Körper gleiten – ihren Rücken und ihre Brüste, deren aufgerichtete Spitzen er zwischen Daumen und Zeigefinger rieb. Damit machte er ihre ganze Strategie zunichte, denn nun schaffte sie es nicht mehr, sich zu beherrschen.

Paul fand ihre empfindsamste Stelle, und das war der Moment, in dem sie ihre Beherrschung verlor. Sofort beschleunigte sie das Tempo und kannte nur noch ein Ziel.

Doch er hielt unvermittelt inne. „Gwen, sieh mich an.“

Sie schüttelte den Kopf, drängte ihn dazu, weiterzumachen.

„Sieh mich an“, wiederholte er und zog sie am Hinterkopf sanft an den Haaren. „Bitte.“

Er hielt sie fest, sodass sie sich nicht mehr bewegen konnte, während er wieder und wieder das Becken hob und in sie eindrang, bis sie das Gefühl hatte, gleich zu explodieren. Pauls Wangen waren vor Erregung gerötet, mit seinem Blick fixierte er sie. Dann spannten sich seine Gesichtszüge an, und als er die Kontrolle verlor, riss er Gwen mit sich. Gemeinsam gelangten sie zu einem überwältigenden Höhepunkt, der ihre Körper erbeben ließ.

Paul bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, und sie hielten einander lange fest.

7. KAPITEL

Paul konnte noch nicht sprechen, obwohl er in besserer Verfassung war als noch fünf Minuten zuvor. Gwen hatte sich an ihn geschmiegt und sie beide mit einer dünnen Decke zugedeckt. Er hatte den Arm um Gwen gelegt, und ihr Kopf lag an seiner Schulter.

„Tja, eigentlich wolltest du nur Gute Nacht sagen“, bemerkte sie.

Er lachte leise. „Es war aber doch ganz passend.“

„Es ist nicht das, was ich erwartet hatte.“

„Nein?“

Autor

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