Feuriges Verlangen im Urlaubsparadies (2 Miniserien)

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SAMBANÄCHTE MIT DEM BOSS von MAGGIE COX
Ich darf mich nicht in meinen Boss verlieben, beschwört Marianne sich. Vergebens: Als Eduardo de Souza sie heiß küsst, schlägt ihr Herz plötzlich im Sambatakt. Bis sie mit dem attraktiven Geschäftsmann nach Rio de Janeiro fliegt und dort eine schockierende Entdeckung macht …

DER MILLIONÄR UND DIE GÄRTNERIN von CHRISTINA HOLLIS
Als Stefano mit dem Hubschrauber auf seinem Gut in der Toskana landet, bleibt Kira die Luft weg: Die hübsche Landschaftsgärtnerin fühlt sich stark zu dem unverschämt attraktiven Millionär hingezogen. Doch nach einer romantischen Nacht ist er spurlos verschwunden …

DER KLANG DER VERSUCHUNG von SUSAN STEPHENS
Nacho Acostas wilde Locken, sein verwegenes Lächeln – das alles sieht Grace nur noch in ihren Träumen, denn die schöne Weinexpertin hat ihr Augenlicht für immer verloren. Dennoch zieht allein die Ausstrahlung des Argentiniers sie sofort wieder in seinen Bann, als sie auf seinem Weingut eintrifft. Von ihrem Urteil hängt der Fortbestand der Winzerdynastie ab – doch der stolze Erbe bezweifelt ihr Können. Bis Grace beweist, dass ihren Sinnen nichts entgeht. Kein Geruch, kein Geschmack – und erst recht nicht der erregte Klang seiner Stimme, als er sie eines Nachts in seine Arme zieht …

VERLOCKUNG UNTER GRIECHISCHER SONNE von MICHELLE CONDER
"Ich soll mit Ihnen nach Griechenland reisen?" Überraschend muss die Kindergärtnerin Lexi ein Wochenende auf der Luxusjacht des Milliardärs Leo Alexandrov verbringen. Natürlich bloß, weil er eine Nanny für seinen Sohn benötigt! Aber dann beginnt Leo sie zu verführen …


  • Erscheinungstag 23.03.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751521819
  • Seitenanzahl 475
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

Sambanächte mit dem Boss erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung: Katja Berger, Jürgen Welte
Leitung: Miran Bilic (v. i. S. d. P.)
Produktion: Christina Seeger
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2009 by Maggie Cox
Originaltitel: „Brazilian Boss, Virgin Housekeeper“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 318 - 2010 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Tina Beckmann / SAS

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 03/2023 .

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783751521840

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook .

1. KAPITEL

Nichts schien sie aus der Ruhe bringen zu können, nicht einmal der schneidend kalte Wind, der durch die Straße fegte.

In den vergangenen drei Wochen war Eduardo mehrmals hier vorbeigekommen. Und er hätte schon blind sein müssen, um das Mädchen zu übersehen, das am Straßenrand Gitarre spielte und dazu melancholische Folksongs sang. Anscheinend hatte es weder Eltern noch sonst jemanden, der sich um es kümmerte. Dass ein so junger Mensch gezwungen war, sich auf diese Weise das Geld für eine warme Mahlzeit zu verdienen, schockierte Eduardo.

Nach kurzem Zögern blieb er vor dem Mädchen stehen. Seit den tragischen Ereignissen vor zwei Jahren war es das erste Mal, dass ihn das Schicksal einer anderen Person mehr als nur oberflächlich berührte. Vermutlich war es eine sentimentale Anwandlung, die sich rasch wieder verflüchtigen würde. Trotzdem legte er eine Banknote in die abgetragene Tweedmütze vor ihren Füßen und beschwerte sie mit zwei Fünfzigpencemünzen, damit der Wind sie nicht davonwehte.

„Ein hübsches Lied“, murmelte er und wollte gerade wieder gehen, als die junge Sängerin zu spielen aufhörte.

„Vielen Dank, aber das ist bei Weitem zu viel.“ Zu Eduardos Verblüffung nahm sie den Geldschein wieder aus der Mütze und drückte ihn energisch in seine behandschuhte Hand zurück. „Falls Sie etwas für einen guten Zweck spenden möchten, gibt es am Ende der Straße eine Kirche, wo für die Obdachlosen des Viertels gesammelt wird. Ich bin weder ein Fall für die Wohlfahrt, noch lebe ich auf der Straße.“

Jäher Ärger stieg in Eduardo auf, dessen Intensität ihn selbst überraschte. „Und warum stehen Sie dann mit diesem Hut vor sich in der Kälte und singen, wenn es Ihnen an nichts fehlt?“, erkundigte er sich sarkastisch. Noch nie hatte jemand seine Großzügigkeit zurückgewiesen. Warum machte er sich überhaupt die Mühe, ihr zu antworten?

„Ich singe, weil ich das Bedürfnis danach habe, nicht wegen des Geldes. Haben Sie noch nie etwas allein aus Liebe zur Sache getan?“

Die schlichte Frage brachte Eduardo aus dem Konzept, und er wusste nicht recht, wie er mit seinem plötzlichen Unbehagen umgehen sollte. „Ich muss jetzt weiter“, erklärte er schroff und wandte sich ein zweites Mal zum Gehen.

„Wie Sie meinen“, sagte das Mädchen. „Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie es waren, der mich angesprochen hat.“

„Ich bin keineswegs stehen geblieben, um Sie anzusprechen “, fuhr Eduardo sie an. Der Blick aus ihren haselnussbraunen Augen ließ urplötzlich sein Temperament aufflammen.

„Den Eindruck habe ich inzwischen auch.“ Ihr Tonfall verriet, dass sie nun ebenfalls ärgerlich wurde. „Vermutlich wollten Sie mit diesem lächerlich hohen Geldbetrag Ihr soziales Gewissen beruhigen und sich in dem Gefühl sonnen, für diesen Tag Ihre gute Tat vollbracht zu haben.“

Eduardo umfasste den Elfenbeingriff seines Gehstocks so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ohne ein weiteres Wort wandte er ihr abrupt den Rücken zu und ging davon.

Erst als er am Ende der Straße angekommen war, setzten das Gitarrenspiel und der Gesang wieder ein. Daraus schloss Eduardo, dass das Mädchen ihm nachgeblickt und dabei zweifellos sein Hinken bemerkt hatte. Der Gedanke, dass sie jetzt wahrscheinlich Mitleid für ihn empfand, breitete sich wie Gift in ihm aus. Er beschloss, in Zukunft einen großen Bogen um sie zu machen. Für wen hielt sie sich überhaupt, dass sie seine wohlmeinende Geste so rüde zurückwies und ihn auch noch behandelte wie einen verkorksten Spinner auf dem Wohltätigkeitstrip?

Trotz seiner Schmerzen zwang Eduardo sich zu einem zügigen Schritt, während die Frage des Mädchens gnadenlos in seinem Kopf widerhallte: Haben Sie noch nie etwas allein aus Liebe zur Sache getan? Zu seinem Entsetzen spürte er plötzlich ein heißes Brennen hinter den Augenlidern. Er murmelte einen unverständlichen Fluch und setzte grimmig seinen Weg fort, ohne Rücksicht auf sein verletztes Bein zu nehmen.

Es war lange her, dass er sich so hilflos und angreifbar gefühlt hatte. Und das nur wegen der unbedeutenden Bemerkung eines Mädchens, das sein Geld zurückgewiesen und seinen Stolz verletzt hatte.

Als die Temperaturen am späten Nachmittag unter den Gefrierpunkt fielen und Marianne ihre Finger kaum noch spürte, beschloss sie, es für diesen Tag gut sein zu lassen. Der Gedanke an eine heiße Schokolade vor einem warmen Feuer zog sie rasch heimwärts. Auf dem Weg dorthin versuchte sie, möglichst nicht an das leere Haus zu denken, das sie bei ihrer Rückkehr erwartete. Jedes einzelne Stück dort – vom kleinsten Ziergegenstand bis zu dem schönen Musikzimmer mit dem schimmernden Flügel – erinnerte sie an Donal. Ihren Ehemann und besten Freund, der ihr viel zu früh genommen worden war.

„Du musst mir versprechen, dein Leben weiterzuleben, wenn ich nicht mehr da bin“, hatte Donal sie vom Krankenbett aus beschworen. Der fiebrige Glanz, der dabei in seinen Augen lag, hatte Marianne Angst gemacht. Er verriet, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. „Schau dir die Welt an, triff neue Menschen … was auch immer, aber lebe ! Tu es für uns beide.“

Das würde sie auch tun, aber so etwas ging nicht von heute auf morgen. Ohne den einzigen Menschen, dem sie je etwas bedeutet hatte, kam ihr das Leben vor, als würde sie nie wieder festen Boden unter den Füßen spüren.

Straßenmusik zu machen mochte vielleicht ein merkwürdiger Anfang sein, aber Marianne sah es als positiven Schritt. Wenn sie erst ihre Angst überwunden hatte, vor Publikum zu singen, könnte sie vielleicht in dem lokalen Folkclub auftreten – als erste Etappe auf ihrem neuen eigenen Weg. Jeden Tag gewann sie ein kleines bisschen mehr Selbstvertrauen, und wieder einmal hatte die Musik sie gerettet. Donal wäre stolz auf sie gewesen, dass sie den Mut gefunden hatte, einen so unkonventionellen Weg zu ihrer inneren Heilung einzuschlagen.

Seine beiden erwachsenen Kinder dagegen würden es als weiteres Zeichen ihrer labilen Gemütsverfassung interpretieren. Als weiteren Beweis dafür, dass Marianne einen katastrophalen Einfluss auf ihren Vater gehabt und ihn schließlich dazu gebracht hatte, seine leiblichen Nachkommen zu übergehen und stattdessen seine Frau als Alleinerbin einzusetzen.

Die Hände um den warmen Kakaobecher geschlossen, den Blick starr auf das knisternde Kaminfeuer gerichtet, verlor Marianne sich in ihren Erinnerungen an Donal … bis unvermittelt ein anderes Gesicht das vertraute Antlitz ihres Mannes überlagerte.

Verstört erkannte Marianne, dass es die Züge des Fremden waren, der die Fünfzigpfundnote in ihren Hut gelegt hatte. Noch nie hatte sie Augen von einem solchen Blau gesehen – wie ein frostiger, klarer Winterhimmel. Der warme Bernsteinton seines Haars, das von hellen Strähnen durchzogen war, bildete dazu einen reizvollen Gegensatz. Seine Kleidung – und mehr noch seine Ausstrahlung – hatten verraten, dass er einen Lebensstil pflegte, den die meisten Menschen nur aus Filmen und Zeitschriften kannten, und dass er Macht und Einfluss besaß und vermutlich nur sehr selten auf Widerstand stieß. In seinem perfekten Englisch hatte ein leichter Akzent mitgeschwungen – vielleicht südamerikanisch – und eine Autorität, die Marianne noch vor Kurzem eingeschüchtert hätte. Aber in den Wochen und Monaten, in denen sie Donal bis ans Ende seiner langen, schrecklichen Krankheit begleitet hatte, waren Stärke, Mut und ein eiserner Wille zur Selbstbehauptung in ihr gewachsen. Diese unschätzbaren Fähigkeiten wollte sie sich von nichts und niemandem wieder nehmen lassen.

Insofern schien es ihr absolut richtig, die übertrieben, ja fast beleidigend großzügige Spende ihres unbekannten Gönners abgelehnt zu haben, auch wenn sie es ruhig etwas freundlicher hätte tun können. Immerhin war es eine gut gemeinte Geste gewesen. Der Mann wusste schließlich nichts von ihrer Vorgeschichte. Doch bevor Marianne dazu kam, sich zu entschuldigen, war er bereits weitergegangen, schwer auf seinen Stock gestützt und das rechte Bein hinter sich herziehend.

Betroffen hatte sie sich gefragt, ob er einen Unfall gehabt hatte oder an einer schweren Krankheit litt. Irgendwie kam es ihr nicht richtig vor, dass ein so schöner, wohlgestalteter und noch relativ junger Mann mit einer solchen Behinderung leben musste. Allerdings tat sie seiner imponierenden Erscheinung und seinem fesselnden Gesicht keinerlei Abbruch. Im Gegenteil – auf eine unergründliche Weise schien sie seine Vorzüge noch zu verstärken.

Wie hypnotisiert hatte Marianne ihm nachgeblickt und dabei alles andere vergessen, bis die beißende Kälte ihr mit scharfen Messern ins Gesicht schnitt und sie wieder in die Gegenwart zurückholte.

„Sie haben es wieder einmal übertrieben, habe ich recht?“

Eduardo warf seinem Arzt einen grimmigen Blick zu. Er hätte gern auf Evan Powells vierzehntägige Besuche verzichtet. Aber nach seinem schweren Unfall war regelmäßige ärztliche Betreuung unerlässlich. Und sein Arzt in Rio de Janeiro hatte ihm Dr. Powell, der in London als die Koryphäe auf dem Gebiet der Orthopädie galt, ausdrücklich empfohlen.

„Mir wurde gesagt, ich könnte mein Bein nach einer gewissen Zeit wieder ganz normal belasten“, erwiderte Eduardo ungehalten. „Warum, zum Teufel, dauert es so lange?“

„Was erwarten Sie, Mr. de Souza? Ihr Oberschenkelknochen ist bei dem Unfall völlig zerschmettert worden und musste neun Mal operiert werden. Von so etwas erholt man sich nicht wie von einer Erkältung.“

Der geduldige Tonfall des Arztes machte Eduardo noch gereizter. „Ach, hören Sie doch auf mit diesen abgedroschenen Phrasen“, fuhr er den älteren Herrn scharf an.

„Nun ja, dann …“ Dr. Powell legte sich sorgfältig seinen Mantel über den Arm und ging zur Tür. „Bemühen Sie sich nicht, Ihren Diener zu rufen, ich finde selbst hinaus. Guten Abend, Mr. de Souza.“

Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut hievte Eduardo sich von der Untersuchungsliege hoch. „Bitte verzeihen Sie mir mein schlechtes Benehmen, Dr. Powell“, bat er mit rauer Stimme. „Ich hatte einen ziemlich schlechten Tag, aber das ist natürlich kein Grund, mich so unhöflich zu benehmen. Zumal Sie an einem so grässlichen Tag den weiten Weg hierher auf sich genommen haben.“

Einen Moment ließ Dr. Powell den Blick durch den behaglichen Raum schweifen und trat dann an eins der großen Erkerfenster, die den Blick auf einen breiten Wassergraben und die dahinterliegenden Felder und Wälder freigaben. Eine märchenhafte Landschaft, die jetzt von einer hohen, weißen Schneedecke überzogen war. „Sie leben hier sehr isoliert“, bemerkte er vorsichtig. „Möglicherweise würde ein wenig Gesellschaft Sie auf andere Gedanken bringen.“

Eduardo kniff die Augen zusammen. „Sie meinen eine Frau?“ Zu seiner Überraschung verwarf er zum ersten Mal seit zwei Jahren die Idee nicht sofort. Was ihn jedoch noch mehr überraschte, war die Tatsache, dass dabei unversehens das Bild der hübschen Straßensängerin vor seinem geistigen Auge auftauchte. Große haselnussbraune Augen … ein hübscher weicher Mund … langes honigblondes Haar …

Im nächsten Augenblick erschrak Eduardo vor sich selbst. Wie alt mochte dieses Mädchen sein? Siebzehn vielleicht? Anscheinend hatte ihn mit allem anderen auch sein gesunder Menschenverstand verlassen. Hin und wieder ein anregendes Gespräch mit einem kultivierten Menschen zu führen war vielleicht wirklich ein guter Gedanke. Aber zu mehr war er nicht bereit. Nicht nach dem, was mit Eliana und seinem ungeborenen Kind geschehen war.

Als Eduardo nicht sofort antwortete, zuckte der Arzt die Schultern und deutete ein Lächeln an. „Es war nur ein Vorschlag, Mr. de Souza, nichts weiter. Und bitte hören Sie auf meinen Rat und gehen Sie vorsichtig mit Ihrem Bein um. Ich empfehle einen zwanzigminütigen Spaziergang pro Tag. Wenn es sein muss, eine halbe Stunde, aber auf keinen Fall mehr. Sollte irgendetwas sein, können Sie mich jederzeit anrufen. Bis zum nächsten Mal dann. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Dr. Powell. Danke nochmals, dass Sie an einem Abend wie diesem zu mir herausgekommen sind. Und … fahren Sie vorsichtig.“

Wie so oft, wenn er nicht einschlafen konnte, versuchte Eduardo auch in dieser Nacht, sich die kritischen Stunden bis zum Morgengrauen mit einer Komödie aus den Vierzigerjahren zu vertreiben. Ausgestreckt auf dem bequemen Ledersofa im Wohnzimmer, sah er dem Treiben der Figuren auf dem großen Flachbildschirm zu und döste vor sich hin, während ihm immer wieder brennend der Schmerz durch sein verletztes Bein schoss.

Als er erkannte, dass seine bewährte Methode diesmal nicht funktionieren würde, schaltete er den Fernseher aus. Es war, als würde er ständig in einen schwarzen Abgrund hinabstarren, vor dem es kein Entrinnen gab. Als wäre jede Hoffnung, eines Tages wieder ans Licht zu treten oder Wärme zu spüren, für immer verloren. Voller Bitterkeit erkannte er, dass selbst die kleine Straßensängerin mit ihrem Leben von der Hand in den Mund besser dran war als er mit seinem immensen Reichtum.

Seltsam, dass er so fixiert auf sie war.

Ihr Verhalten ihm gegenüber hatte an Feindseligkeit gegrenzt. Dennoch kehrten Eduardos Gedanken immer wieder zu ihr zurück. Er fragte sich, ob sie wirklich ein Dach über dem Kopf hatte. Ob sie an diesem Tag genug Geld zusammengebracht hatte, um zu essen. Ob ihr in dieser bitterkalten Winternacht wenigstens warm genug war.

Als endlich das graue Morgenlicht durch die leicht geöffneten Samtvorhänge fiel, hatte er einen Entschluss gefasst. Wenn er das nächste Mal in die Stadt käme, würde er sie nicht wie beabsichtigt ignorieren, sondern sie über ihre Lebensumstände befragen und herausfinden, ob er ihr vielleicht bei der Verbesserung ihrer Situation behilflich sein konnte.

Wahrscheinlich würde sie ihm nur ins Gesicht lachen und ihn auffordern, sich ein anderes heruntergekommenes Subjekt zu suchen, dem er sein Geld aufdrängen konnte. Trotzdem würde er es versuchen, denn er hatte ständig das Bild seines eigenen Kindes in einer ähnlichen Notlage vor sich – wenn es die Chance gehabt hätte, zur Welt zu kommen und so alt zu werden wie dieses Mädchen …

Ein heftiger Schmerz schnürte Eduardo die Kehle zu. Er drehte sich auf die Seite und starrte reglos ins Zwielicht, bis ihm irgendwann vor Erschöpfung die Augen zufielen.

2. KAPITEL

Marianne trank gerade einen Schluck von dem Milchkaffee, den sie sich im Coffeeshop geholt hatte, als sie den Fremden mit dem strengen Mund und dem elfenbeinverzierten Gehstock auf sich zukommen sah.

Ihr Magen machte einen Satz, als er vor ihr stehen blieb und die Lippen zu einer Art Lächeln verzog. „Wie ich sehe, machen Sie gerade eine Pause“, bemerkte er, wobei sein Atem kleine Dampfwolken in der kalten Luft bildete.

Sie nickte stumm und musste sich zwingen, seinem Blick nicht auszuweichen. Ob er überhaupt eine Ahnung hatte, wie intensiv er sie anstarrte? Seine Augen schienen wie Laserstrahlen direkt in ihr Innerstes zu dringen. Ganz anders als bei Donal, dessen gütiger Blick sie niemals in Bedrängnis gebracht hatte.

„Wie läuft das Geschäft?“, erkundigte er sich in beiläufigem Tonfall.

Unwillkürlich streifte Mariannes Blick die wenigen Kupfermünzen in ihrem Hut. „Wie gesagt, ich …“

„Ja, ich weiß“, unterbrach er sie gelassen. „Sie singen nicht für Geld, sondern für das Vergnügen, das es Ihnen bereitet, richtig?“

„Richtig.“ Beschämt erinnerte Marianne sich an ihr aggressives Verhalten bei ihrer letzten Begegnung und fügte rasch hinzu: „Hören Sie, es tut mir leid, wenn ich Sie neulich beleidigt haben sollte. Aber hier leben tatsächlich sehr viele Menschen, die weitaus hilfsbedürftiger sind als ich. Genau genommen bin ich überhaupt nicht hilfsbedürftig. Der äußere Eindruck kann manchmal täuschen, wissen Sie?“

Statt einer Antwort musterte Eduardo ihr abenteuerlich zusammengestelltes Outfit, das an diesem Tag aus pinkfarbenen Wollstrumpfhosen, einem cremefarbenen Pullover über einem scharlachroten Kleid, braunen Stiefeln und Donals mit Schaffell gefütterter Lederjacke bestand, in deren Ausschnitt ein riesiger beigefarbener Schal steckte.

„Nun, falls es Sie beruhigt, ich habe das Geld tatsächlich der Kirchensammlung gespendet, wie Sie es vorgeschlagen haben“, informierte er sie, nachdem er seine Inspektion beendet hatte. „Aber ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Eduardo de Souza.“

Bevor sie seine höflich ausgestreckte Hand ergriff, zögerte Marianne einen Moment. Die Berührung löste ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Arm aus. Selbst durch die dicke Wolle ihres Handschuhs hindurch konnte sie seine Körperwärme spüren. „Ich bin Marianne“, erwiderte sie leicht befangen. „Marianne Lockwood. Sie sind nicht von hier, oder?“

„Nein“, bestätigte Eduardo. „Ich lebe zwar seit einiger Zeit in England, aber Sie haben recht. Ich komme aus Brasilien. Aus Rio de Janeiro, genauer gesagt.“

„Und Sie ziehen es vor, sich hier langsam, aber sicher in einen Eisblock zu verwandeln, anstatt sich zu Hause in der Sonne zu aalen?“, zog Marianne ihn auf. Doch seine ernste Miene zeigte nicht die geringste Regung.

„Selbst die perfektesten Dinge verlieren ihren Reiz, wenn man zu viel davon bekommt“, antwortete er nüchtern. „Außerdem bin ich halber Brite, sodass mir das Klima hier nicht ganz fremd ist. Und auf den Winter folgt unweigerlich der Frühling, was immerhin ein tröstlicher Gedanke ist, finden Sie nicht?“

Da sie das Frühjahr von allen Jahreszeiten am meisten liebte, stimmte sie ihm in diesem Punkt vorbehaltlos zu. „Was hat Sie denn heute hierhergeführt?“, erkundigte sie sich neugierig. „Gehen Sie einkaufen, oder treffen Sie sich mit einem Freund?“

Eduardo schüttelte den Kopf. „Weder noch. Ich habe mir gerade eine Ausstellung im Rathaus angesehen. Überraschenderweise gibt es in dieser kleinen Stadt viel Interessantes zu besichtigen.“

„Das ist wahr. Sie werden es kaum glauben, aber im Sommer wimmelt es hier von Touristen.“

„Das glaube ich sofort.“

Zu Mariannes Überraschung lächelte er, und für einen kurzen Moment leuchteten seine intensiv blauen Augen wie Sterne. Etwas in ihrem Inneren reagierte so stark darauf, dass sich ihr ganzer Körper plötzlich wie elektrisiert anfühlte.

Entschlossen stellte sie ihren leeren Pappbecher neben sich und griff nach ihrer Gitarre. „Tut mir leid, aber ich muss weitermachen.“ Sie zog ihre Handschuhe aus und schlug einige Akkorde an, um ihre Gitarre zu stimmen. Eine Gruppe junger Studenten blickte im Vorbeigehen interessiert zu ihr herüber, während Mariannes Besucher sich nicht vom Fleck rührte. Offenbar hatte er keine Eile.

„Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin, würde ich Sie gern zum Mittagessen einladen“, schlug er unvermittelt vor.

Mit einem verwirrten Blinzeln sah sie zu ihm. Sie hatte es schon seltsam gefunden, dass ein so attraktiver, weltgewandter und offensichtlich wohlhabender Mann wie Eduardo de Souza sich jemandem wie ihr überhaupt vorstellte. Und nun lud er sie auch noch zum Essen ein! Schon bei dem Gedanken, ihm in einem schicken Restaurant gegenüberzusitzen, wurde ihr abwechselnd heiß und kalt. Und überhaupt – was hätten sie und er schon miteinander zu reden?

„Vielen Dank, aber lieber nicht“, erwiderte sie darum rasch. „Ich esse normalerweise nicht zu Mittag, wenn ich arbeite.“

„Sie meinen, Sie gönnen sich nicht einmal eine Pause, um Ihren Körper bei Kräften zu halten?“ Zwar lächelte er nicht, aber seine Stimme klang amüsiert.

„Doch, aber nur für einen Kaffee und vielleicht ein Croissant oder einen Muffin. Ich nehme meine Hauptmahlzeit abends ein, wenn ich zu Hause bin.“

„Und wenn ich Sie stattdessen zu Kaffee und Kuchen einlade?“

Da ihr beim besten Willen kein guter Grund mehr einfiel, sein Angebot abzulehnen, nickte sie widerstrebend. „Also gut. Aber nun muss ich wirklich weitermachen.“

„Dann verabschiede ich mich jetzt.“ Eduardo nickte ihr mit unerforschlicher Miene zu, bevor er hinzufügte: „Bis zum nächsten Mal, Marianne.“

Das nächste Mal kam zwei Tage später. Marianne, die über eine Stunde tapfer unter ihrem klapprigen Regenschirm ausgeharrt hatte, wollte gerade zusammenpacken und nach Hause gehen, als die Sonne herauskam und der heftige Schneeregen plötzlich aufhörte.

Im selben Augenblick erschien wie durch Zauberhand Eduardo de Souza. Mit seinem eleganten Kaschmirmantel und dem lässig um den Hals geschlungenen Schal schien er eher für eine Theaterpremiere als für den Besuch einer Kleinstadt gekleidet zu sein.

„Hallo“, begrüßte er Marianne mit seiner volltönenden Stimme, die ihr eine Spur heiserer erschien, als sie sie in Erinnerung hatte. Gleichzeitig erkannte sie, dass sie in den letzten zwei Tagen unbewusst nach ihm Ausschau gehalten hatte – was sie ziemlich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Hi“, erwiderte sie so locker wie möglich. „Da haben Sie sich aber nicht gerade das beste Wetter für einen Stadtbummel ausgesucht.“

Eduardo zuckte mit den Schultern. „Zum Glück habe ich den Schauer verpasst. Ich war wieder in der Ausstellung.“

„In derselben wie neulich?“

Er nickte.

„Die muss Sie ja sehr faszinieren. Was gibt es denn dort zu sehen?“

„Die Arbeiten eines französischen Fotografen, den ich sehr bewundere. Es ist eine Retrospektive über sein Leben in Paris nach dem Krieg. Er ist kürzlich gestorben, und ich habe durch einen Artikel in der lokalen Zeitung von der Ausstellung erfahren.“

„Verstehe.“ Marianne nahm ihre Gitarre aus dem Koffer und warf Eduardo dabei ein verlegenes Lächeln zu. „Vielleicht sollte ich einmal hingehen, bevor sie vorbei ist. Es klingt sehr interessant.“

„Sie interessieren sich für Fotografie?“

„Ja, das heißt, eigentlich für jede Form von Kunst oder Kreativität. Ich finde es unglaublich spannend zu sehen, wie Künstler die Welt wahrnehmen und wie sie das, was sie wahrnehmen, interpretieren. Das macht mir immer wieder klar, dass ungefähr so viele Universen existieren, wie es Lebewesen gibt.“

Eine Weile dachte Eduardo schweigend über ihre Worte nach. Dann blickte er auf seine Armbanduhr. „Was halten Sie davon, wenn wir jetzt zusammen einen Kaffee trinken?“

Wieder war Marianne um eine gute Ausrede verlegen. Außerdem war sie bis auf die Knochen durchgefroren, und letztlich war dieser Zeitpunkt so gut oder schlecht wie jeder andere.

Das gemütliche Café mit den rot-weiß karierten Vorhängen und den dazu passenden Tischdecken empfing sie mit wohliger Wärme und dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Wegen des schlechten Wetters war es ziemlich voll, aber sie ergatterten noch einen freien Tisch.

Die Kellnerin erschien beinahe augenblicklich, um ihre Bestellung aufzunehmen. Insgeheim schrieb Marianne das Eduardos Eleganz und seinem beeindruckenden Auftreten zu, das wie selbstverständlich nach sofortiger Aufmerksamkeit verlangte.

Nachdem er Kaffee und Kuchen bestellt und die junge Bedienung den Tisch verlassen hatte, begann er wieder, Marianne auf diese beunruhigend intensive Weise zu betrachten. Nervös fragte sie sich, was er wohl gerade dachte, und zwang sich zu einem etwas verkrampften Lächeln.

„Verzeihen Sie, wenn meine Frage zu persönlich sein sollte“, brach er schließlich das Schweigen, wobei sein Blick noch eindringlicher wurde. „Aber finden Ihre Eltern es in Ordnung, dass Sie als Straßenmusikerin arbeiten?“

Die offensichtliche Missbilligung in seinem Tonfall brachte Marianne auf die Barrikaden. Dieser Mensch kannte ihre Eltern überhaupt nicht, also stand ihm auch keine Kritik an ihnen zu. „Sie sind nicht in der Nähe, um ihre Meinung dazu abgeben zu können“, antwortete sie kurz angebunden. „Und außerdem finde ich Ihre Frage tatsächlich zu persönlich.“

Falls Eduardo es ihr übel nahm, so unumwunden in seine Schranken verwiesen zu werden, ließ er es sich nicht anmerken. „Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“, erkundigte er sich stattdessen. „Siebzehn? Achtzehn?“

Marianne hörte auf, mit der Zuckerdose herumzuspielen. „Zu Ihrer Information, Mr. de Souza“, erwiderte sie kühl. „Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und absolut in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.“

„Selbstverständlich“, lenkte er sofort ein. „Es ist nur so, dass Sie sehr viel jünger aussehen und ich besorgt war, dass Sie sich mit Ihrer Lebensweise allen möglichen Gefahren aussetzen könnten. Gibt es hier denn keinen sichereren Ort, an dem Sie Musik machen können?“

Seine offensichtlich ehrliche Sorge um ihr Wohl ließ ihren Ärger verfliegen. „Ich trete manchmal in einem Folkclub auf“, erklärte sie ihm bereitwillig. „Allerdings findet dort nur zweimal im Monat ein Live-Programm statt. Aber die Marktverkäufer in der Straße haben ein Auge auf mich. Sobald mich jemand auch nur schief ansieht, kommt sofort einer von ihnen herüber und regelt die Angelegenheit.“

„Ich bin froh, das zu hören.“

Der Widerspruch zwischen seinen Worten und seiner todernsten Miene war so auffällig, dass Marianne unwillkürlich lachen musste. „Wirklich, Mr. de Souza, Sie sollten keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Ich mache das jetzt seit über einem Jahr und bin bisher noch nie in eine schwierige Situation geraten.“

Die Kellnerin brachte ihnen den bestellten Kaffee und Kuchen, und Eduardo wartete schweigend, bis sie wieder allein waren. Dann zog er eine Geschäftskarte aus seiner Brieftasche, reichte sie Marianne und sagte: „Für den Fall, dass Sie irgendwann einmal etwas brauchen.“

Sekundenlang starrte sie verständnislos auf die Karte, während völlig unerwartet die widersprüchlichsten Emotionen auf sie einstürmten. „Was sollte ich wohl von einem völlig Fremden brauchen?“, stieß sie heftig hervor und spürte entsetzt, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen. Anscheinend hatten die Ereignisse der letzten Zeit sie weit tiefer verstört, als ihr bewusst gewesen war.

„Einen Job zum Beispiel“, schlug er ruhig vor. „Und da wir jetzt hier zusammensitzen und miteinander reden, hoffe ich, nicht länger ein Fremder für Sie zu sein. Sollten Sie also eine Beschäftigung in Erwägung ziehen, die Ihnen ein ausreichendes Einkommen, ein Dach über dem Kopf und regelmäßige gesunde Mahlzeiten verschafft, lassen Sie es mich wissen.“

„Und was für eine Beschäftigung wäre das?“ Um ihr widerstrebendes Interesse an seinem Angebot zu kaschieren, sah Marianne aus dem Fenster in den bleigrauen Himmel, der noch mehr Schnee und Hagelschauer verhieß. Unwillkürlich erschauerte sie.

„Ich brauche eine Haushälterin“, eröffnete Eduardo ihr. „Zurzeit beschäftige ich eine Reinigungsfirma, und mein Diener Ricardo kümmert sich um meine persönlichen Bedürfnisse. Aber nachdem ich jetzt fast ein Jahr hier lebe, ist mir klar geworden, dass wir noch eine zusätzliche Hilfe im Haus brauchen. Denken Sie darüber nach und rufen Sie mich an, falls Sie einen Versuch wagen wollen. Mein Haus liegt zwar etwas abgelegen, aber wenn Ihnen das nichts ausmacht und Sie eine schöne Aussicht zu schätzen wissen, werden Sie bestimmt nicht enttäuscht sein.“

Ein skeptischer Ausdruck trat in Mariannes haselnussbraune Augen. „Und Sie wollen mir einfach so diesen Job geben, ohne zu wissen, ob ich dafür überhaupt qualifiziert bin?“

Er zuckte lässig mit den breiten Schultern. „Ich habe den Eindruck, dass Sie eine sehr selbstständige junge Frau sind, die schnell lernt und Dinge erledigt, ohne viel Wind darum zu machen. Mit anderen Worten, ich bin sicher, dass Sie der Aufgabe absolut gewachsen sind.“

„Sind Sie Fremden gegenüber immer so vertrauensselig?“, forderte Marianne ihn heraus. „Wenn ich mich nun an Ihrem Silber oder einem kostbaren Familienerbstück vergreife?“

Unglaublicherweise umspielte ein echtes Lächeln Eduardos strenge Lippen, und in seinen hellblauen Augen blitzte es kurz auf. Die Wirkung war spektakulär. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Marianne einen völlig anderen Mann vor sich. Einen warmen, humorvollen und überaus anziehenden Mann, unter dessen Blick ihr auf einmal so heiß wurde, als hätte er sie tatsächlich berührt.

„Würde ein Mädchen, das ohne zu zögern eine Fünfzigpfundnote zurückgibt und darum bittet, sie den Obdachlosen zu spenden, seinem Arbeitgeber auch nur eine Brotkrume stehlen?“ Er schüttelte langsam den Kopf, und seine Miene wurde wieder ernst. „Ich glaube nicht.“

Um ihre Stimme wieder in den Griff zu bekommen, räusperte Marianne sich. „Ihre noble Meinung ehrt mich, und Ihr Jobangebot klingt wirklich verlockend, Mr. de Souza. Aber ich denke, ich bin für eine Veränderung noch nicht bereit. Solange uns also kein Blizzard heimsucht, werde ich auf absehbare Zeit weiter auf der Straße singen.“

Zwanzig Minuten später gingen sie auseinander. Mit heftig klopfendem Herzen sah Marianne Eduardo nach, wie er die Straße hinunterging. Sie dachte an sein überraschendes Angebot und fragte sich, warum sie sich so elend fühlte, weil sie es abgelehnt hatte.

Lag es an der Melancholie oder Traurigkeit, die sie hinter seiner beherrschten Fassade erspürt hatte?

Oder hing es mit seiner Gehbehinderung zusammen?

Marianne hätte es nicht sagen können, aber es fühlte sich wie ein starkes und sehr unnachgiebiges Ziehen in ihrem Innersten an.

Warum habe ich das nur getan, fragte Eduardo sich erneut.

Als er das seltsam zwingende Bedürfnis verspürte, der kleinen Straßensängerin zu helfen, hatte er keinen Moment lang daran gedacht, ihr einen Job anzubieten. Doch dann hatte er sich plötzlich die Worte aussprechen hören, als kämen sie aus dem Munde eines anderen.

Dabei war er nach England gekommen, um Ruhe, Einsamkeit und ein ungestörtes Privatleben zu suchen. Ricardo, den Eduardo aus Rio mitgebracht hatte, war ihm vertraut, und die Mitarbeiter der Reinigungsfirma konnte er leicht auf Abstand halten. Aber einer jungen Frau, die er kaum kannte, anzubieten, unter seinem Dach zu leben und für ihn als Haushälterin zu arbeiten, war etwas völlig anderes. Andererseits brauchte er tatsächlich eine Haushälterin, und als er Marianne zitternd in der Kälte hatte stehen sehen, schien es ihm auf einmal die ideale Lösung zu sein.

Aber das war jetzt ohnehin nicht mehr wichtig, denn sie hatte sein Angebot rundheraus abgelehnt – was er im Grunde erwartet hatte. Dennoch traf ihre Abweisung Eduardo tiefer, als er zugeben wollte. Außerdem ging ihm die Tatsache nicht mehr aus dem Kopf, dass Marianne Lockwood kein Teenager mehr war, sondern bereits vierundzwanzig.

Eine erwachsene Frau!

Er dachte an das Feuer in ihren mandelförmigen haselnussbraunen Augen, als sie sich seine Einmischung in ihr Leben verbeten hatte, und spürte einen Hitzestrom in sich aufsteigen. Verärgert unterdrückte er die unerwünschte Empfindung und nahm sich stattdessen vor, seine Energien von jetzt an auf seine Genesung zu richten. Er würde sich streng an Dr. Powells Anweisungen halten und fest daran glauben, dass er sich eines Tages wieder so würde bewegen können wie vor dem Unfall – selbstbewusst, kraftvoll und ohne jede Spur von Plumpheit.

Vor dem großen ovalen Spiegel im Bad betrachtete Eduardo die Spuren, die körperlicher und seelischer Schmerz und chronischer Schlafmangel in sein Gesicht gegraben hatten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als einen Tag nach dem anderen anzugehen. Doch es fiel ihm schwer, eine Zukunft für sich zu sehen, die weniger trost- und glücklos war als seine Gegenwart.

Wie sollte so eine Aussicht auch bestehen, solange er Nacht für Nacht den furchtbaren Unfall wieder durchlebte, dem die beiden Menschen zum Opfer gefallen waren, denen er am meisten auf der Welt verbunden war?

Den Unfall, an dem er die Schuld trug.

3. KAPITEL

In jener Nacht herrschte schweres Schneegestöber. Nachdem Marianne am nächsten Morgen mit dem Schneeschippen fertig war, räumte sie das Haus auf und machte sich einen Tee. Dann setzte sie sich ans Klavier und arbeitete an dem Song weiter, den sie vor einer Woche begonnen hatte. Es kam aber nicht viel dabei heraus, da sie ständig gegen eine tiefe Traurigkeit ankämpfen musste, die sie immer wieder zu überwältigen drohte. Schließlich zog sie Mantel und Stiefel an, setzte sich eine Mütze auf und ging hinaus.

Die eisige Luft raubte ihr den Atem und trieb ihr die Tränen in die Augen. Aber ihre Stimmung hob sich augenblicklich, als sie den klaren blauen Himmel über sich sah. Sie ging in den nahe gelegenen Park und sah eine Weile den Kindern zu, die den glitzernden, verschneiten Hügel hinabrodelten und einander lachend und kreischend mit Schneebällen bewarfen. Ihre Lebensfreude schien alles wieder in die richtige Perspektive zu rücken und erfüllte Marianne mit neuer Zuversicht.

Wieder zu Hause, war sie fest entschlossen, jede düstere Erinnerung zu bekämpfen, die sie in ihren Trübsinn zurückstoßen könnte. Als die Dämmerung einsetzte, machte sie alle Lichter im Haus an, zog die Vorhänge zu und setzte sich vor den Kamin. Sie beobachtete, wie die Flammen an den knackenden Holzscheiten leckten, und überlegte, wie es mit ihrem Leben weitergehen sollte.

Donal hätte nicht gewollt, dass sie sich selbst bemitleidete, so viel stand fest. Doch kaum hatte dieser Gedanke in ihrem Kopf Gestalt angenommen, da brach Marianne auch schon in Tränen aus. Eine unaufhaltsame Flut von Schmerz und Traurigkeit, die sie so lange zurückgehalten hatte, brach sich Bahn. Sie weinte, bis sie völlig erschöpft war und keine Tränen mehr hatte.

Um kurz vor Mitternacht ging sie nach oben, rollte sich wie ein Baby in ihrem Bett zusammen und zog sich die Decke über den Kopf. Alles in ihr fühlte sich taub und leer an. Doch kurz bevor sie die Augen schloss, schwor Marianne sich, nie wieder in einer so tiefen Hoffnungslosigkeit zu versinken. Morgen war ein neuer Tag, und sie nahm sich vor, das erste Tageslicht als Omen für einen neuen, positiveren Anfang zu nehmen.

Als sie am nächsten Morgen jedoch die Vorhänge beiseitezog und das düstere Schneetreiben hinter dem Fenster erblickte, musste sie sich mit aller Kraft zusammenreißen, um nicht gleich wieder in eine depressive Stimmung zu verfallen. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, und es gab viel zu tun, um sie in die Tat umzusetzen.

Donals Kinder Michael und Victoria fochten jetzt schon seit fast anderthalb Jahren sein Testament an, in dem er Marianne sein Haus und all seine weiteren Besitztümer hinterlassen hatte. Ständig erhielt sie Briefe von deren Anwälten, die höflich, aber unmissverständlich andeuteten, dass Donal nicht mehr bei klarem Verstand gewesen sei, als er seinen Letzten Willen zu Mariannes Gunsten geändert hatte.

Mit diesem zermürbenden und demütigenden Kleinkrieg war jetzt Schluss!

Marianne würde ihnen das Haus und das gesamte restliche Erbe überlassen und dabei nicht einmal einen Funken von Bedauern empfinden. Donal würde es sicher verstehen. Für alles, was er getan hatte, um ihr schwaches Selbstwertgefühl aufzubauen und sie zu ermutigen, an ihre Talente und Fähigkeiten zu glauben, würde sie ihm ewig dankbar sein. Aber die Wahrheit war, dass Marianne niemandem mehr verpflichtet sein wollte – nicht einmal ihrem verstorbenen Ehemann. Sie musste wieder frei sein, um ihr Leben auf ihre Weise zu leben, egal, wie andere das beurteilen mochten.

Derart von neuem Lebensgeist beflügelt, verbrachte sie den Tag damit, ihre wenigen Sachen zu packen, herumliegende Bücher in die Regale einzusortieren und die Möbel wieder dorthin zurückzustellen, wo sie gestanden hatten, bevor sie zu Donal gezogen war. Als alles erledigt war, pulsierte ihr Körper vor Wärme und dem befriedigenden Gefühl, einen guten Job gemacht zu haben.

In dieser Nacht schlief Marianne so tief und sanft wie ein Baby. Doch als sie am folgenden Morgen feststellte, dass es immer noch wie verrückt schneite und keinerlei Aussicht bestand, in die Stadt zu kommen, drohte ihr neu gewonnener Lebensmut wieder in sich zusammenzufallen.

Rastlos wanderte sie von einem Raum zum andern, bis sie schließlich ins Wohnzimmer ging und die Karte von Eduardo de Souza aus ihrer Tasche hervorkramte.

Nachdem sie sich entschieden hatte, die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen, konnte sie es kaum abwarten, endlich ihr neues Leben zu beginnen.

Außerdem musste sie dringend etwas unternehmen, um ihr Überleben zu sichern. Ihre persönlichen Ersparnisse würden nicht weit reichen, sodass sie nun tatsächlich ein Einkommen und ein Dach über dem Kopf brauchte. Und Eduardo de Souzas Angebot war die einzige Option, die sie im Moment besaß.

Mit zitternden Fingern wählte Marianne seine Privatnummer. Als sich schon nach dem zweiten Freizeichen eine männliche Stimme mit weichem, südlichem Akzent meldete, umklammerte sie den Hörer unwillkürlich fester. „Spreche ich mit Mr. de Souza?“, fragte sie, während ihr das Herz bis zum Hals schlug.

„Nein“, antwortete die Stimme am anderen Ende höflich. „Darf ich fragen, worum es geht?“

Das ist sicher sein Diener, ging es Marianne durch den Kopf. Sie atmete tief durch und sagte mit fester Stimme: „Mein Name ist Marianne Lockwood, und ich würde gern mit Mr. de Souza sprechen, falls das möglich ist.“

„Warten Sie bitte einen Moment. Ich werde nachsehen.“

Als nach zwei Minuten noch immer Schweigen in der Leitung herrschte, hätte Marianne fast wieder aufgelegt. Was tust du da eigentlich, fragte sie sich. Du verstehst weder etwas von der Arbeit einer Haushälterin, noch hast du die leiseste Ahnung, als was für eine Art Arbeitgeber dieser Eduardo de Souza sich entpuppen wird. Bestimmt war er übertrieben anspruchsvoll. Er würde ständig etwas an ihrer Arbeit zu bemängeln haben und sie unentwegt mit diesem intensiv starrenden Blick verfolgen, bis sie den Tag verwünschte, an dem sie die hirnverbrannte Entscheidung getroffen hatte, für ihn zu arbeiten.

Doch trotz all ihrer Zweifel und Befürchtungen drängte sie eine innere Stimme, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

„Marianne?“ Ungeduldig und ein wenig außer Atem, als wäre er bei etwas Wichtigem unterbrochen worden, drang die Stimme ihres zukünftigen Chefs an ihr Ohr.

„Hallo, Mr. de Souza“, begrüßte Marianne ihn nervös. „Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich Sie so einfach überfalle. Aber ich würde gern wissen, ob die Stelle als Haushälterin noch frei ist.“

„Verdammt noch mal, Mann!“, brüllte Eduardo. „Wollen Sie mich umbringen, oder was?“

Erschrocken ließ der Physiotherapeut von seinem Patienten ab. Er hatte dessen Oberschenkel gerade in eine bestimmte Position drehen wollen, um die Beweglichkeit zu testen. Aber angesichts der höllischen Schmerzen, die er damit offenbar ausgelöst hatte, brachte er das vernarbte Bein mit einer gemurmelten Entschuldigung schnell wieder in seine Ausgangsposition zurück.

Kalter Schweiß stand Eduardo auf der Stirn, und seine Brust hob und senkte sich heftig, während er mit zusammengepressten Lippen an die hohe, stuckverzierte Decke der Bibliothek starrte.

„Sind wir jetzt fertig?“, erkundigte er sich schroff, sobald sich sein rasender Herzschlag wieder einigermaßen beruhigt hatte.

Der Physiotherapeut strich sich das blonde Haar aus der Stirn und nickte mitfühlend. „Ja, ich denke, für heute ist es genug, Mr. de Souza. Ich rate Ihnen, sich für den Rest des Tages zu schonen. Versuchen Sie, zu einer guten Nachtruhe zu kommen, und übertreiben Sie nichts.“

„Hat man Ihnen diese nichtssagenden Floskeln in der Ausbildung beigebracht?“, spottete Eduardo, als er sich stöhnend in eine aufrechte Position hievte und dabei geflissentlich die hilfsbereit ausgestreckte Hand des Therapeuten übersah.

Der junge Mann schien nicht im Geringsten beleidigt zu sein. „Bei schweren physischen Traumata ist Ruhe tatsächlich das beste Heilmittel“, fuhr er sachlich fort. „Der Körper muss Zugang zu den eigenen Heilkräften bekommen, und mit Ruhe verschafft man ihm die Gelegenheit dazu. Es tut mir leid, dass die Behandlung heute besonders unangenehm war, aber ich kann Ihnen definitiv versichern, dass der Heilungsprozess gut voranschreitet. In ein bis zwei Monaten sollten Sie beim Laufen eine deutliche Verbesserung feststellen.“

„Ich werde Sie beim Wort nehmen“, knurrte Eduardo. Beim Heruntersteigen von der Liege akzeptierte er die Hilfe des Therapeuten, wenn auch mit sichtlichem Widerwillen. Nachdem er früher enorm fit und leistungsfähig gewesen war, empfand er es als schwere Demütigung, dass er nicht einmal allein von diesem lächerlichen Tisch herunterkam.

Er hörte, wie in der Halle die Eingangstür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Das musste Ricardo sein, dem er aufgetragen hatte, Marianne mit dem Geländewagen abzuholen. Eduardo hatte keine Ahnung, warum sie sich plötzlich doch noch entschlossen hatte, die Stelle als Haushälterin anzunehmen. Im Wesentlichen führte er es aber auf ihren gesunden Menschenverstand und die ständig weiter fallenden Temperaturen zurück.

Als von unten ein helles Lachen ertönte, zog der Physiotherapeut überrascht die Brauen hoch. „Hört sich an, als hätten Sie Gesellschaft bekommen, Mr. de Souza“, bemerkte er fröhlich. „Lassen Sie mich schnell zusammenpacken, dann bin ich weg.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass Miss Lockwood eine heiße Schokolade zum Aufwärmen guttun würde, Ricardo. Du findest uns im Wohnzimmer.“

Während Ricardo den übergroßen Tweedmantel seiner neuen Arbeitskollegin zur Garderobe trug, wanderte Eduardos Blick über Mariannes farbenfrohe Kleidungsstücke.

„Vielleicht sollten Sie die vorher abnehmen“, schlug er vor und deutete auf ihre kirschrote Wollmütze, unter der ihr langes, gewelltes Haar wie ein honigfarbener Wasserfall hervorquoll.

„Ach ja, die hatte ich ganz vergessen.“ Mit einem verlegenen Lächeln zog Marianne sich die Mütze vom Kopf und stopfte sie in ihre große Tasche, einem Ungetüm aus zahllosen bunten Samtquadraten.

Unwillkürlich musste er an Mary Poppins denken, den Inbegriff des exzentrischen englischen Kindermädchens. Nur leider amüsierte ihn der Vergleich kein bisschen. Nachdem er auf so schreckliche Weise sein ungeborenes Kind verloren hatte, brauchte er keine hübsche, fröhliche Nanny, sondern eine vernünftige, bodenständige Person, die dafür sorgte, dass das tägliche Leben in seinem selbst gewählten Exil etwas erträglicher und glatter verlief.

„Bitte folgen Sie mir“, forderte er sie auf und geleitete sie durch einen breiten Korridor, an dessen Ende eine halb geöffnete Tür in ein großes, behaglich eingerichtetes Wohnzimmer führte. Als sie eintraten, empfing sie eine wohltuende Stille, die nur durch das Knacken und Zischen des Kaminfeuers und das beruhigende Ticken einer antiken Standuhr unterbrochen wurde.

„Oh, wie himmlisch!“, rief Marianne, womit sie jedoch nicht den Raum selbst meinte, sondern die atemberaubende Aussicht, die sich hinter den hohen Bogenfenstern bot. Tiefschwarz zeichnete sich die Silhouette majestätisch hoher Tannen vor dem dunkelblauen Himmel ab, dem Millionen funkelnder Sterne und eine hell schimmernde Mondsichel eine fast unwirkliche Schönheit verliehen.

Mit einem Anflug von Stolz trat Eduardo neben Marianne. „Ich sagte Ihnen ja bereits, dass die Aussicht Ihnen gefallen würde. Und das ist noch nichts im Vergleich mit dem Anblick bei Tageslicht.“

„Es ist einfach überwältigend!“

Marianne wandte sich ihm kurz zu und schenkte ihm dabei ein so freudestrahlendes Lächeln, dass Eduardo Mühe hatte, seine gleichmütige Fassade beizubehalten. Eine Welle sinnlicher Sehnsucht durchströmte ihn, machtvoll und unberechenbar. Der Grund dafür war einzig und allein dieses bezaubernde Lächeln. Sekundenlang konnte er nichts anderes tun, als dazustehen und ihr fein gezeichnetes Profil anzustarren, während sein Körper eine Erregung erfasste, wie er sie seit Ewigkeiten nicht mehr empfunden hatte.

Zum Glück war Marianne so tief in die Betrachtung der Landschaft versunken, dass sie nichts von alldem bemerkte. „Es ist, als würden wir uns in einem fernen Königreich befinden“, schwärmte sie mit leuchtenden Augen. „Wie ist es Ihnen nur gelungen, einen solchen Ort zu finden?“

„Meine Mutter ist in der Nähe aufgewachsen. Als Kind bin ich manchmal mit ihr hierhergereist, und als ich beschloss, ein Haus in England zu kaufen, wusste ich, dass es in dieser Gegend sein musste. Ich hatte vorher schon einige andere Anwesen besichtigt, aber als ich dieses sah, war mir sofort klar, dass ich das richtige gefunden hatte.“

„Es ist sehr abgelegen“, bemerkte Marianne. „Als Ricardo mich hierhergefahren hat, habe ich meilenweit kein anderes Haus gesehen.“

„Heißt das, dass es für Ihren Geschmack zu einsam liegt?“

„Absolut nicht! Ich bin zwar gern mit anderen Menschen zusammen, aber ich würde verrückt werden, wenn ich nicht genug Frieden und Ruhe hätte, um mein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Wissen Sie, was ich meine?“

„Allerdings, sonst würde ich kaum hier leben.“ Mit einem zögernden Lächeln deutete Eduardo auf die beiden lederbezogenen Armsessel vor dem Kamin. „Wollen wir unser Gespräch nicht lieber im Sitzen weiterführen?“

Nachdem sie Platz genommen hatten, beobachteten sie eine Weile in einträchtigem Schweigen die hell lodernden Flammen. „Ist Ihnen warm genug?“, erkundigte Eduardo sich schließlich. Doch im Grunde widerstrebte es ihm, die friedvolle Stille zu unterbrechen.

Marianne hob den Kopf und blinzelte, als wäre sie mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen. „Oh ja, vielen Dank.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Ich nehme an, Sie fragen sich, warum ich meine Meinung bezüglich Ihres Angebots geändert habe.“ Ihre schlanken Hände bewegten sich unruhig in ihrem Schoß. „Wissen Sie, ich war drei Tage lang eingeschneit und hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken. Die Musik bedeutet mir zwar immer noch mehr als alles andere, aber mir ist klar geworden, dass ich in meinem Leben dringend eine Veränderung brauche. Und da habe ich mir überlegt … also, ich dachte, ich könnte vielleicht …“

„… auf mein Angebot zurückkommen?“, kam Eduardo ihr zu Hilfe. Das Kinn auf die zusammengelegten Fingerspitzen gestützt, betrachtete er nachdenklich das feenhafte ovale Gesicht mit den ausdrucksvollen braunen Augen. Dabei gingen ihm tausend Fragen im Kopf herum. Lief sie vor etwas davon? Hatte sie etwas Grausames oder Schmerzliches erlebt, worüber sie nicht sprechen konnte? Missbrauch in einer Beziehung vielleicht oder …

„Ja“, unterbrach Marianne seine Gedanken. „Sie nehmen es mir doch nicht übel, oder?“

„Dann hätte ich Ihnen meine Karte nicht gegeben.“

„Gut, ich wollte nur sicher sein.“

„Darf ich fragen, was Sie vor dem Singen beruflich gemacht haben?“

Wieder richtete Marianne ihre Aufmerksamkeit auf das Kaminfeuer. „Na ja, ich habe vor allem als Verkäuferin gearbeitet. Zuerst in einem großen Bekleidungsgeschäft und später in einer Musikhandlung, die auf Noten und alte Instrumente spezialisiert war.“

„Da müssen Sie ja in Ihrem Element gewesen sein“, bemerkte Eduardo, da Musik ihre Leidenschaft war. So wie sein Beruf es einmal für ihn gewesen war. Aber diesen Gedanken schob er rasch beiseite.

„Ja, das stimmt.“ Unversehens war dieses betörende Lächeln wieder da, offen und unverstellt. Es kam Eduardo vor, als hätte sich ein seltener und schöner Vogel in eine graue Gefängniszelle verirrt.

„Ich weiß selbst, dass ich mich damit nicht gerade als Haushälterin qualifiziere“, fügte Marianne rasch hinzu. „Aber ich lerne schnell, und es macht mir großen Spaß, all die Dinge zu tun, die ein Haus zu einem gemütlichen Heim machen.“

„Apropos Heim“, ergriff Eduardo die günstige Gelegenheit, mehr über sie zu erfahren. „Wo haben Sie denn bis jetzt gelebt, Marianne? In einer Kommune oder einem besetzten Haus vielleicht?“

Sie warf ihm einen irritierten Blick zu. „Nein, ich habe in einem ganz normalen, bürgerlichen Haus mit einem kleinen Garten gewohnt.“

„Mit Ihrem Freund?“

„Nein“, antwortete sie knapp. „Hören Sie, Mr. de Souza, könnten wir jetzt vielleicht über die Aufgaben sprechen, die mich hier erwarten? Je schneller ich einen Überblick über meine Pflichten bekomme, umso weniger muss ich Sie später mit Fragen belästigen.“

Widerstrebend bändigte Eduardo seine Neugier. Eine so professionelle Herangehensweise an die Arbeit war das Letzte, was er von einer Lebenskünstlerin wie Marianne Lockwood erwartet hätte. Doch es konnte ihm nur recht sein. Ein reibungslos laufender Haushalt würde ihn zwar weder von seinen Schmerzen noch von seinen Selbstvorwürfen befreien, wäre aber immerhin eine Annehmlichkeit.

„Gehen Sie morgen früh zu Ricardo in die Küche, dann wird er Ihnen alles erklären. Ich habe ihn bereits gebeten … ah, da kommt er ja selbst.“

Als der große, dunkeläugige junge Mann mit dem dichten schwarzen Lockenschopf hereinkam und Marianne lächelnd eine Tasse köstlich duftender Schokolade überreichte, beneidete Eduardo seinen Angestellten im Stillen um dessen unkomplizierte Art. Im Vergleich zu ihm kam er sich plötzlich wie ein gebrechlicher Greis vor und nicht wie ein Mann von siebenunddreißig Jahren.

„Ich habe Miss Lockwood gerade gesagt, dass du sie morgen in ihre Pflichten einweisen wirst“, teilte er Ricardo mit, bevor er sich wieder Marianne zuwandte. „Während Sie die Schokolade trinken, wird Ricardo Ihr Gepäck aus dem Wagen holen und Ihnen dann Ihr Zimmer zeigen.“

Ricardo verschwand, und Marianne nippte dankbar an dem heißen Getränk. Sie sieht müde aus, stellte Eduardo fest. Bestimmt konnte sie es kaum erwarten, auf ihr Zimmer zu kommen und darüber nachzudenken, was ihr die nächsten Tage und Wochen an diesem isolierten Ort mit ihrem wortkargen neuen Arbeitgeber bringen mochten. Würde sie ihre Entscheidung bereuen, sobald ihr klar geworden war, worauf sie sich eingelassen hatte?

Sich bitter seiner körperlichen Unzulänglichkeiten und der Tatsache bewusst, dass Depressionen und Verzweiflung ihn zu einem schroffen, chronisch schlecht gelaunten Langweiler gemacht hatten, unterdrückte Eduardo einen Fluch.

Zum Glück kehrte in diesem Augenblick Ricardo zurück, der mit seinem sonnigen Gemüt fraglos besser in der Lage war, Marianne das Gefühl zu geben, in diesem Haus willkommen zu sein.

Marianne war restlos entzückt von dem Raum, der von jetzt an ihr persönliches Reich sein würde. Noch nie hatte sie ein so einladendes, gemütliches Schlafzimmer gesehen. Sie bedankte sich bei Ricardo, der ihre Reisetasche auf dem breiten Messingbett abgelegt und den Koffer mit ihrer geliebten Gitarre sorgsam an die Wand gelehnt hatte, und wünschte ihm eine gute Nacht.

Beim Anblick der fülligen weißen Kissen und der mit Rosenblüten bestickten Tagesdecke gestand sie sich endlich ein, wie erschöpft sie war – körperlich, seelisch und emotional. Doch als sie ans Fenster trat und in die kalte, mondhelle Nacht hinausblickte, überkam sie ein unerklärliches Gefühl von Frieden. Sie hatte sämtliche Brücken hinter sich abgebrochen, jede Sicherheit aufgegeben, aber eine innere Stimme sagte ihr, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auch ahnte sie instinktiv, dass sich hinter Eduardo de Souzas schroffer, undurchschaubarer Fassade ein guter Mensch verbarg, von dem sie nicht das Geringste zu befürchten hatte.

Nachdem sie eine Weile reglos dagestanden hatte, wandte Marianne sich vom Fenster ab und ging über den sanft schimmernden Eichenholzboden zu der schönen Mahagonikommode an der gegenüberliegenden Wand. Auf der Kommode stand eine schlanke Vase, in der einige Freesien mit noch fest geschlossenen Blütenknospen standen.

Beim Aufziehen der geräumigen Schubladen stellte Marianne fest, dass jede von ihnen mit zart duftender Seide ausgekleidet war. Das Innenleben des Kleiderschranks war nicht minder elegant. Unwillkürlich spielte ein Lächeln um ihre Lippen, als sie sich vorstellte, dass ihre magere Garderobe darin aussehen würde wie eine Gruppe ärmlicher Flüchtlinge im Foyer eines Luxushotels.

Bei der weiteren Erkundung ihres neuen Domizils entdeckte sie eine tapetenbezogene Tür, die zu einem Bad führte, das jedes Frauenherz hätte höherschlagen lassen. In der Mitte prangte auf Klauenfüßen eine perlweiße Badewanne mit vergoldeten Armaturen. Die marmornen Ablageflächen rundherum waren großzügig mit hübschen Flakons bestückt, die alle möglichen Arten exklusiver Badezusätze enthielten. Auf taubengrauen Regalen neben dem Fenster stapelten sich blütenweiße Handtücher in verschiedenen Größen.

Mit gemischten Gefühlen kehrte Marianne ins Schlafzimmer zurück. Einerseits war sie gerührt, dass ihr neuer Arbeitgeber so viel Aufwand betrieben hatte, damit sie sich wohlfühlte. Gleichzeitig befremdete sie seine Aufmerksamkeit auch. Ein solcher Empfang stand eher einem geschätzten Gast des Hauses zu als einer schlichten Haushälterin.

Dann erinnerte Marianne sich an Eduardo de Souzas Fragen bezüglich ihrer Lebensumstände. Vermutlich hatte er sie in diesem feudalen Zimmer untergebracht, um sie für das entbehrungsreiche Dasein zu entschädigen, das sie seiner Ansicht nach bisher gefristet hatte. Aber aus welchem Grund sollte er sich dazu veranlasst fühlen? Es passte in keiner Weise zu dem brüsken, unzugänglichen Auftreten dieses Mannes, der ihr ein einziges Rätsel zu sein schien.

Seufzend schob sie ihre Reisetasche beiseite und ließ sich aufs Bett fallen. Welche Motive ihn auch immer bewegt haben mochten – er hatte ihr die Chance geboten, ein neues Leben zu beginnen. Sie wollte ihn nicht irreführen. Sobald sich die Gelegenheit dazu ergab, würde sie ihm die Wahrheit über sich erzählen. Dass sie einen wesentlich älteren Mann geheiratet hatte, der schon bei ihrer ersten Begegnung todkrank gewesen war. Einen Mann, für den sie zwar keine brennende Leidenschaft empfunden, mit dem sie jedoch eine tiefe Freundschaft und die gemeinsame Liebe zur Musik verbunden hatte.

Als Donal herausfand, dass Marianne keine Familie mehr hatte, bat er sie, seine Frau zu werden, um ihr all die Sicherheit und Unterstützung zu bieten, die sie bis zu diesem Zeitpunkt nie kennengelernt hatte. Und noch über seinen Tod hinaus hatte er für sie gesorgt, indem er sie zu seiner Alleinerbin eingesetzt hatte.

Bis vor wenigen Tagen war sie also keineswegs so mittellos gewesen, wie Eduardo de Souza annahm, sondern sogar eine recht wohlhabende Frau. Jetzt allerdings brauchte sie tatsächlich einen Job und ein Dach über dem Kopf. Sie hatte Michael und Victoria schriftlich mitgeteilt, dass sie auf das Erbe verzichte, und eine Postfachadresse angegeben, an die sie ihr alle Papiere schicken sollten, die ihre Unterschrift erforderten.

Den Umschlag, der auch die Hausschlüssel enthielt, in den Postkasten zu werfen hatte Marianne als enorme Befreiung empfunden. Von jetzt an wollte sie auf eigenen Füßen stehen. Nie wieder würde sie ihr Wohlergehen oder ihren Seelenfrieden von einer anderen Person abhängig machen. Donal hatte ihr vorübergehend das Gefühl gegeben, geborgen zu sein. Aber nun war er nicht mehr da, und es würde sehr lange dauern, bis Marianne sich wieder eine Beziehung vorstellen könnte – wenn überhaupt. Denn bisher hatte sie stets die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, die ihr nahestanden, sie entweder enttäuschten oder sie auf die eine oder andere Weise verließen.

Wahrscheinlich würde ihr neuer Arbeitgeber annehmen, dass sie aus reiner Geldgier einen viel älteren Mann geheiratet hatte. Aber das kümmerte sie nicht. Sie wusste, dass Donal und sie einander wirklich geliebt hatten. Nur das zählte.

Tränen schossen Marianne in die Augen, als ihr erneut bewusst wurde, dass sie das einzige wirkliche Zuhause verloren hatte, das sie je gekannt hatte. Doch die Phase des Selbstmitleids war vorbei. Statt zu trauern, würde sie nach vorn schauen und dafür sorgen, dass Eduardo de Souza sein Vertrauen in sie nicht bereuen musste. Vorhin am Kamin war ihr das gelegentliche Aufflackern von Schmerz in seinen Augen nicht entgangen, obwohl er sich eisern bemüht hatte, es zu verbergen. Offenbar war seine Verletzung oder Krankheit noch relativ frisch, und sie hatte das deutliche Gefühl, dass ihm ein wenig liebevolle Fürsorge guttun würde.

So gesehen war es ein Glücksfall, dass Marianne im Laufe ihres jungen Lebens schon viel zu viel Bekanntschaft mit menschlichem Elend gemacht hatte.

4. KAPITEL

Trotz der neuen Umgebung schlief Marianne in der ersten Nacht wie ein Murmeltier. Kaum war sie am nächsten Morgen aufgewacht, stieg sie aus dem Bett und lief barfuß an eins der Fenster. Es war noch immer dunkel, aber zartrosa und graue Streifen durchzogen bereits den Himmel. Der Schnee schimmerte geheimnisvoll, und die Umrisse der Hügel und Wälder waren jetzt deutlich sichtbar.

Wie schon am vergangenen Abend ließ die Schönheit der Landschaft Mariannes Herz höherschlagen. Sie schlang die Arme um sich und atmete tief durch, als eine Mischung aus Nervosität und Vorfreude ihren Körper durchrann. Was immer der vor ihr liegende Tag auch bringen mochte – sie war entschlossen, ihn voller Elan und Optimismus zu beginnen.

Die makellose Schneedecke, die die Hügel aussehen ließ, als wären sie mit Zuckerguss überzogen, und die hohen Bäume, deren kahles Geäst zum Himmel aufragte, regten ihre Fantasie an. Unversehens sah sie sich als schöne Prinzessin, die in einer Burg gefangen gehalten wurde und das märchenhafte Reich ihres finsteren Entführers bestaunte …

Wo bist du wieder mit deinen Gedanken, Marianne Lockwood? Wenn du weniger träumen und dich mehr auf den Unterricht konzentrieren würdest, könntest du möglicherweise in einigen Jahren deinen Beitrag leisten, um die Arbeitslosenstatistik zu senken.

Marianne straffte unwillkürlich die Schultern, als aus dem Nebel der Zeit die schnarrende Stimme ihres Grundschullehrers an ihr Ohr drang. Heute hätte sie ihm entgegengehalten, dass es manchmal gute Gründe für die Unaufmerksamkeit eines Kindes gab. Zum Beispiel ständige Spannungen in der Familie oder ein Elternteil, das sich langsam, aber sicher um den Verstand trank. Für ein Kind in dieser Lage waren Tagträume überlebenswichtig. Damals jedoch war sie natürlich nicht in der Lage gewesen, das zu erkennen, geschweige denn zu formulieren. Stattdessen hatte sie schuldbewusst den Kopf gesenkt und sich nur noch tiefer in ihre eigene kleine Welt zurückgezogen.

Widerstrebend riss Marianne sich vom Fenster los und ging ins Bad. Es war kurz nach sechs. Ihr neuer Boss hatte gesagt, dass Ricardo schon sehr früh auf den Beinen sein würde. Besser sie beeilte sich, um sich so schnell wie möglich über ihre neue Rolle als Haushälterin ins Bild setzen zu lassen.

„Guten Morgen“, begrüßte Ricardo sie munter, als sie nach längerem Herumirren in den schier endlosen Korridoren voller unbekannter Nischen und Türen endlich die Küche gefunden hatte. „Haben Sie Hunger?“

Angetan mit einer blau-weiß gestreiften Schürze, stand er vor dem Herd und briet Eier und Schinken, als wäre er für diese Aufgabe geboren. Marianne, die gestern vor lauter Aufregung kaum einen Bissen heruntergebracht hatte, knurrte inzwischen der Magen. Und die appetitlichen Düfte, die die Küche erfüllten, ließen ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

„Guten Morgen“, erwiderte sie lächelnd seinen Gruß. „Und ja, ich könnte jetzt wirklich etwas zu essen vertragen.“ Ihr Blick glitt über den großen, dunklen Holztisch, der mit Vollkornbrot, Toast, Butter, verschiedenen Marmeladensorten, frischen Früchten, Müsli und einer großen Kanne Orangensaft gedeckt war. „Wird Mr. de Souza mit uns zusammen frühstücken?“, erkundigte sie sich angesichts der reichhaltigen Auswahl.

Ricardo drehte sich kurz zu ihr um. „Nein, er schläft noch und wird später essen“, klärte er Marianne auf. „Nehmen Sie ruhig schon Platz und fangen Sie an. Die Eier sind gleich fertig.“

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie setzte sich an den Tisch, goss sich ein Glas Saft ein und bestrich eine Scheibe Toast mit Butter. „Wann steht Mr. de Souza denn normalerweise auf?“

Ricardo wendete geschickt den Schinken in der Pfanne. „Das hängt ganz davon ab“, antwortete er vage. Er hob die Pfanne vom Herd, ließ Eier und Schinken auf eine vorgewärmte Platte gleiten und stellte sie vor Marianne hin. „Voilà“, sagte er. „Ein traditionelles englisches Frühstück extra zu Ihrer Begrüßung. Ich mache uns schnell einen Kaffee, und dann sprechen wir über Ihren neuen Job.“

„Tausend Dank, Ricardo, das sieht absolut köstlich aus!“ Heißhungrig machte Marianne sich über ihr Essen her. Dabei sah sie dem großen jungen Mann zu, der sich in der Küche bewegte, als wäre sie schon immer seine angestammte Domäne gewesen. Offensichtlich hatte er nichts gegen Hausarbeit und schien sich durch diese Tätigkeit auch keineswegs in seiner männlichen Ehre gekränkt zu fühlen. Es war nicht zu übersehen, dass er sich in seiner Haut vollkommen wohlfühlte. Marianne spürte, dass er seinem Arbeitgeber mit Haut und Haar ergeben war.

Ihre Neugier bezüglich Eduardo de Souza wuchs. Was für ein Mensch war er wirklich, und warum gab es zum Beispiel keine Mrs. de Souza? Aber vielleicht gab es ja eine, und sie hatte sich entschieden, in Brasilien zu bleiben. In den kurzen Gesprächen, die Marianne mit ihm geführt hatte, war es immer nur um ihre Situation gegangen, während er selbst so gut wie nichts über sich preisgegeben hatte.

Während sie alle möglichen Spekulationen über seine Vergangenheit anstellte, drückte Ricardo das Sieb der Cafetière herunter. Er schenkte den dampfenden Kaffee in zwei Becher, stellte Milch und Zucker auf den Tisch und setzte sich Marianne gegenüber. „So, und nun können wir in Ruhe alles besprechen“, verkündete er.

Marianne rührte einen Löffel Zucker in ihren Kaffee. „Hatte Mr. de Souza schon vorher eine Haushälterin?“

„In Rio ja, aber nicht in diesem Haus.“ Nach einem kurzen Zögern fügte er hinzu: „Ich glaube, es ist gut für ihn, dass Sie jetzt hier sind, Marianne, und ich hoffe sehr, dass Sie bleiben.“

Die Zweifel in seiner Stimme ließen Marianne aufhorchen. „Warum sollte ich denn nicht bleiben wollen?“

„Aus keinem besonderen Grund“, versicherte er ihr eilig. „Ich dachte nur, es könnte Ihnen auf Dauer vielleicht doch zu einsam werden, das ist alles.“

Obwohl sie keineswegs überzeugt war, dass er nur das gemeint hatte, ließ sie es dabei bewenden. „Arbeitet Mr. de Souza von zu Hause aus?“, erkundigte sie sich stattdessen.

„Ja. Das heißt, augenblicklich macht er beruflich eine Pause, aber es gibt verschiedene Wohltätigkeitsprojekte, für die er sich sehr engagiert.“

Anscheinend betrachtete Eduardo de Souza es als seine Mission, den vom Schicksal weniger Begünstigten zu helfen. Bei dem Gedanken überfielen Marianne heftige Gewissensbisse, und sie beschloss erneut, ihn so rasch wie möglich über ihre wahren Lebensverhältnisse aufzuklären. Oder besser gesagt, über die Verhältnisse, in denen sie gelebt hatte, bevor sie zu ihm gekommen war.

Sie bemerkte, dass ein wachsamer Ausdruck in Ricardos Augen getreten war, als befürchtete er, sie könnte ihm weitere persönliche Fragen über seinen Chef stellen. Um ihn diesbezüglich zu beruhigen, sagte sie resolut: „Dann geben Sie mir jetzt am besten einen Überblick über meine Aufgaben, und danach nehme ich den Abwasch in Angriff.“

Eine Stunde später saugte Marianne den endlos langen Läufer in der Galerie im zweiten Stock. Um sich die eintönige Tätigkeit zu versüßen, betrachtete sie dabei die beeindruckenden Ölgemälde, die die hohen Wände schmückten. Eines von ihnen erregte ihre Aufmerksamkeit besonders. Kurzerhand stellte sie den Staubsauger aus, um es sich näher anzusehen.

Es zeigte das Anwesen und stammte – wie die kleine Plakette unter dem vergoldeten Rahmen verriet – vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Genau wie heute waren die zinnenbewehrten Dächer und Türme und die Landschaft ringsum mit einer glitzernden Schneedecke überzogen.

Wer mochte früher hier gelebt haben, fragte Marianne sich unwillkürlich. Waren die ursprünglichen Besitzer in finanzielle Not geraten und gezwungen gewesen, ihren Besitz zu verkaufen? Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass ihr neuer Arbeitgeber schwerreich sein musste, um ein solches Anwesen kaufen und unterhalten zu können. Diese Erkenntnis führte sie automatisch zu der Frage, woher dieses Vermögen stammte. Doch bevor sie irgendwelche Theorien dazu aufstellen konnte, öffnete sich eine Tür am Ende des Korridors, und Eduardo de Souza trat heraus.

Marianne, die sofort seine auffallende Blässe registrierte, begrüßte ihn mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Das quittierte er mit einem so eisigen Blick, als hätte sie ihn gerade schwer beleidigt.

„Wenn Sie das nächste Mal Staub saugen“, instruierte er sie ungnädig, „fangen Sie gefälligst unten an und kommen nicht eher hoch, bis ich aufgestanden bin und gefrühstückt habe.“

Im ersten Augenblick war sie wie erstarrt, dann wurde sie wütend. Wie kann er es wagen, in diesem Ton mit mir zu reden, dachte sie empört. Doch als er, schwer auf seinen Gehstock gestützt, an ihr vorbeiging, verflog ihr Ärger augenblicklich. Seine Züge waren so tief von Schmerz gezeichnet, wie sie es bisher nur bei Donal in den letzten Wochen seiner Krankheit erlebt hatte.

Entschlossen, ihn ohne Umschweife zu fragen, was mit ihm los war, lief sie ihm nach. „Mr. de Souza …“

„Was?“ Abrupt verharrte er in der Bewegung und drehte sich gereizt zu ihr um.

„Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen“, sagte sie mit heftig klopfendem Herzen, „aber falls mit Ihnen etwas nicht in Ordnung ist, würde ich gern helfen, wenn ich kann.“

„Helfen?“ Er verzog spöttisch die Lippen. „Sind Sie so etwas wie eine Wunderheilerin? In dem Fall sollte ich Sie wohl besser Die Heilige Marianne nennen.“ Seine Stimme troff vor Sarkasmus, während sein eisblauer Blick sie förmlich durchbohrte. „Soweit ich weiß, habe ich Sie als Haushälterin eingestellt, aber vielleicht fühlen Sie sich ja zu einer anderen Rolle berufen?“

„Nein, natürlich nicht“, versicherte Marianne ihm mit hochrotem Kopf. „Ich wollte nur …“

„Dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich in Zukunft auf die Aufgaben beschränken würden, für die ich Sie bezahle. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Da sie wusste, dass jedes weitere Wort die Situation nur verschlimmern würde, biss Marianne sich auf die Lippen und trat eilig den Rückzug an. Doch schon nach wenigen Schritten hielt Eduardo sie zurück.

„Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie so angefahren habe“, bat er rau. „Ich schlafe nicht sehr gut, und es dauert eine Weile, bis ich mich menschlich genug fühle, um auch nur ein halbwegs zivilisiertes Gespräch zu führen. Es erstaunt mich, dass Ricardo Sie nicht vorgewarnt hat. Wahrscheinlich liegt das an seiner hartnäckigen Hoffnung, dass plötzlich irgendein Wunder mit mir geschieht.“ Er hielt kurz inne und sah sie stirnrunzelnd an. „Haben Sie überhaupt schon gefrühstückt?“

„Ja, danke. Ricardo hat mich erstklassig versorgt.“

„Gut. Dann überlasse ich Sie jetzt wieder Ihrer Arbeit.“

Marianne nickte. „Es tut mir leid, dass ich Sie gestört habe, Mr. de Souza. In Zukunft werde ich erst später hier saugen.“

„Dafür wäre ich Ihnen sehr verbunden.“ Sekundenlang ließ er den Blick auf ihrem Gesicht ruhen, dann setzte er seinen Weg zur Treppe fort. Seine Bewegungen waren deutlich schwerfälliger als am Vorabend. Marianne wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und begann eifrig, das Gemälde abzustauben, das sie vorhin betrachtet hatte.

Nur für den Fall, dass er sich beobachtet fühlte und sich noch einmal zu ihr umdrehte.

Mit zusammengepressten Lippen schob Eduardo die zwei weißen Kapseln von sich, die Ricardo zusammen mit einem Glas Wasser neben sein Frühstücksgedeck gelegt hatte. „Ich nehme dieses verdammte Zeug nicht, wie oft soll ich dir das noch sagen?“

Er hasste sich selbst für seinen harschen Tonfall, den der arme Ricardo wahrlich nicht verdiente. Aber nach so höllischen Nächten wie der letzten, in der die Schmerzen ihn fast ununterbrochen wach gehalten hatten, lagen seine Nerven blank, und schon die geringste Kleinigkeit konnte ihn zum Explodieren bringen.

Erfahrungsgemäß beruhigte sich das Toben in seinem Bein im Laufe des Tages auch ohne Schmerzmittel – vorausgesetzt, es gelang ihm, sich ausreichend zu entspannen. Ob er dieses Kunststück heute fertig bringen würde, war jedoch fraglich. Noch immer stand ihm Mariannes Gesicht vor Augen, als sie sich besorgt nach seinem Befinden erkundigt und ihm ihre Hilfe angeboten hatte. In diesem Augenblick hatte ihn ein so überwältigendes Bedürfnis nach ihrer Nähe überkommen, dass er nur mit äußerster Willensanstrengung dem Drang widerstehen konnte, sie in die Arme zu reißen. Zu gern hätte er sich in ihrer Wärme und ihrem zarten, blumigen Duft verloren.

Zum Glück war es ihm rechtzeitig gelungen, seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen und sich nichts anmerken zu lassen. Was, zum Teufel, hätte er auch erwartet, wenn er der Versuchung nachgegeben hätte? Marianne Lockwood mochte süßer duften als ein blühender Sommergarten, Tatsache war, dass sie ihm nicht helfen konnte. Und er würde sie dafür hassen, wenn sie es dennoch versuchte.

Momentan gab es nur eines, das eine attraktive Frau ihm schenken konnte, und dafür kam seine kleine Straßensängerin definitiv nicht in Betracht. Er hatte ihr einen Job angeboten und einen Ort zum Leben, an dem sie vermutlich seit langer Zeit zum ersten Mal sicher war. Eine solche Situation auszunutzen war völlig ausgeschlossen! Man konnte ihm mit einigem Recht vorwerfen, ein unzugänglicher, launischer Eigenbrötler zu sein, aber ein gewissenloses Schwein war er nicht.

Eduardo griff nach seinem Stock und erhob sich mühsam. Als sein Blick dabei Ricardo streifte, verzog er reumütig das Gesicht. „Ich hatte nicht die Absicht, so zu klingen, als wollte ich dir den Kopf abreißen“, sagte er, „aber du weißt ja, wie es ist.“

„Eines Tages wird sich alles zum Guten wenden, da bin ich ganz sicher.“

Als Eduardo das Mitgefühl und Verständnis in den dunklen Augen seines Dieners sah, der ohne zu zögern seine Familie und alles, was ihm vertraut war, hinter sich gelassen hatte, um seinem Boss in ein ungewisses Leben nach England zu folgen, wurde seine Kehle eng. Aufgewachsen in den Slums von Rio, war Ricardo mit fünfzehn zur Familie de Souza gekommen. Sie hatten ihm einen Job und ein Zuhause gegeben, und es stand für ihn außer Frage, dass er Eduardo bedingungslos zur Seite stehen würde, solange dieser ihn brauchte.

„Ich wünschte, ich könnte das auch glauben, mein Freund“, erwiderte Eduardo rau. „Aber wie sollte das möglich sein? Ich lebe in der Hölle, und so wird es immer sein, egal, ob mein Bein wieder in Ordnung kommt oder nicht.“

Ricardo antwortete nicht sofort. Stattdessen wandte er Eduardo den Rücken zu und wischte mit dem Geschirrtuch einen nicht vorhandenen Fleck von der Arbeitsplatte. „Ich glaube nicht, dass Ihre Frau gewollt hätte, dass Sie so leiden“, murmelte er schließlich. „Und sie hätte es auch nicht richtig gefunden, dass Sie sich für das, was geschehen ist, bis in alle Ewigkeit mit Selbstvorwürfen zerfleischen.“

Sekundenlang stand Eduardo da wie versteinert, bevor er sich abrupt zur Tür wandte. „Ich gehe in mein Arbeitszimmer“, teilte er Ricardo mit. „Das ist kein gutes Thema, und es gibt weitaus Sinnvolleres zu tun, als darüber nachzugrübeln.“

Kurz bevor er den Raum verließ, blieb er noch einmal stehen. „Was hast du übrigens für einen Eindruck von unserer neuen Haushälterin?“, erkundigte er sich betont beiläufig.

Sofort hellte sich Ricardos Miene auf. „Ich kann jetzt schon sagen, dass sie sehr energisch und fleißig ist“, erwiderte er grinsend. „Sie sieht zwar aus, als ob ein Windhauch sie umpusten könnte, aber ich glaube, sie ist ziemlich hart im Nehmen.“

Nach einem knappen Nicken ging Eduardo hinaus. Trotz der Schmerzen hatte die Einschätzung seines Dieners ein amüsiertes Lächeln auf seine Lippen gezaubert.

Als ein leises Klopfen an der Tür ertönte, löste Eduardo den Blick von seinem Computerbildschirm. „Ja, bitte“, rief er und ließ einige Male die Schultern kreisen, um seine verspannten Muskeln zu lockern.

„Entschuldigen Sie die Störung …“

Mit Wangen, die glühten, als hätte sie sich in der Nähe eines Feuers aufgehalten, betrat Marianne das Zimmer. Ihr langes Haar war zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, und sie hatte sich eine von Ricardos Schürzen umgebunden. Darunter trug sie eine rote Baumwollhose und ein übergroßes weißes Sweatshirt, das ihr fast bis zu den Knien reichte. In diesem Aufzug wirkte sie rührend zerbrechlich und zugleich auf eine unerklärliche Weise begehrenswert.

Eduardo fragte sich, ob sie bei ihrer Begegnung heute Morgen schon dieselben Sachen getragen hatte, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Ihr Hilfsangebot und die Besorgnis in ihren sanften braunen Augen hatten ihn so aus der Fassung gebracht, dass er nicht darauf geachtet hatte.

„Was gibt es?“, erkundigte er sich interessiert. Die Müdigkeit, mit der er gerade noch gekämpft hatte, war auf einmal wie weggeblasen.

„Ich wollte nur Bescheid sagen, dass das Mittagessen fertig ist. Ich habe Brot gebacken und eine Suppe gekocht, was leider etwas länger als geplant gedauert hat.“

Überrascht hob er die Brauen. „Sie haben gebacken und gekocht? Ich bin ehrlich beeindruckt. Was für eine Suppe ist es denn?“

„Kartoffeln und Lauch. Sie wird Ihnen bestimmt schmecken, und bei diesem Wetter gibt es nichts Besseres als …“ Sie verstummte mitten im Satz, als wäre ihr Enthusiasmus ihr plötzlich peinlich. „Wie auch immer“, fügte sie mit einer verlegenen Handbewegung hinzu. „Eigentlich wollte ich fragen, ob ich Ihnen ein Tablett hochbringen oder lieber im Speisezimmer decken soll.“

„Wo essen Sie denn? In der Küche?“

„Ja. Ricardo ist zum Einkaufen in der Stadt und wird später essen.“

Eduardo nahm seinen Stock und stand auf. „Dann werde ich Ihnen Gesellschaft leisten, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Absolut nicht.“ Mariannes Lächeln schien den ganzen Raum zu erhellen, als sie zur Seite trat, um Eduardo den Vortritt zu lassen.

5. KAPITEL

„Hm … das ist wirklich köstlich.“

Eduardo blickte von seinem Teller auf und löste mit dem durchdringenden Blick seiner blauen Augen ein nervöses Flattern in Mariannes Magen aus.

„Danke“, murmelte sie etwas befangen, während er ein Stück von dem knusprigen, noch warmen Brot probierte, das ihm ebenso zu schmecken schien wie die Suppe.

„Ich muss sagen, Sie verstehen wirklich etwas vom Kochen“, stellte er anerkennend fest. „Wo haben Sie das gelernt?“

„Die Notwendigkeit ist der beste Lehrer, sagt man. Meine Eltern hatten nicht viel Geld, aber einen kleinen Garten, in dem sie Gemüse anbauten. In einem Jahr hatten wir so viele Rüben, Lauch und Karotten, dass wir alle möglichen Rezepte ausgetüftelt haben, um sie abwechslungsreich zu verwerten. Auf diese Weise habe ich meinen Spaß am Kochen entdeckt.“

Ein irritierter Ausdruck trat in Eduardos Augen. „Hatten Sie nicht gesagt, Sie hätten keine Familie?“

„Das ist schon lange her.“ Marianne verstummte und aß einen Löffel von ihrer Suppe.

„Was ist mit Ihren Eltern passiert?“, hakte Eduardo nach.

„Als ich vierzehn war, hat meine Mutter sich in einen anderen Mann verliebt und ist mit ihm nach Amerika gegangen. Und mein Vater …“

„Ja?“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. „Vermutlich ist er tot oder liegt betrunken unter irgendeiner Londoner Brücke. Bei unserem letzten Treffen war die Tower Bridge sein bevorzugter Aufenthaltsort.“

„Und wann war das?“

„Vor drei Jahren.“ Mit gesenktem Blick schob sie geistesabwesend einige verstreute Brotkrumen hin und her. „Er ist ein hoffnungsloser Alkoholiker. Das ist auch der Grund, warum meine Mutter es nicht mehr mit ihm ausgehalten hat.“

Bevor Eduardo etwas erwidern konnte, stand sie auf und ging zur Spüle. „Essen Sie Ihre Suppe, bevor sie kalt wird“, forderte sie ihn auf, während sie kaltes Wasser in ein Glas laufen ließ. Ihre Kehle fühlte sich wie ausgetrocknet an, und sie spürte einen dumpfen Druck auf der Brust.

Bevor sie nach Amerika ging, hatte ihre Mutter sie immer wieder angefleht, mit ihr zu kommen. Aber Marianne hatte es nicht übers Herz gebracht, ihren Vater einfach seinem Schicksal zu überlassen. Nicht bei all den schönen Erinnerungen an die Zeit, als sie noch klein gewesen war und er mit ihr gespielt, gelacht und sie seinen Engel genannt hatte.

Später, als sie nur noch zu zweit in dem Haus lebten, das kein Heim mehr war, kamen traurige, herzzerreißende Erinnerungen dazu. Noch immer sah Marianne ihn vor sich, wie er nach seinen Sauftouren weinend vor ihr auf den Knien lag und sie um Vergebung bat. Weil er nicht in der Lage gewesen war, sein Geschäft zu halten. Weil er im Alkohol Zuflucht gesucht hatte, um seine Existenzängste zu betäuben. Weil er es nicht schaffte, vom Trinken loszukommen, und damit ihre Familie zerstört hatte …

Schon damals hatte Marianne verstanden, warum ihre Mutter es nicht mehr ertragen hatte, mit so einem Mann zu leben. Doch das änderte nichts an dem Gefühl, von ihr im Stich gelassen worden zu sein. Die Erfahrung, allein zurückzubleiben und plötzlich für jemanden verantwortlich zu sein, dem es egal war, ob er lebte oder starb, solange er nur den nächsten Drink bekam, hatte unauslöschliche Spuren in ihr hinterlassen.

„Marianne …?“

„Tut mir leid, ich brauchte nur einen Schluck Wasser.“ Mit einem gezwungenen Lächeln kehrte Marianne zum Tisch zurück und setzte sich wieder. Eduardos Miene war unergründlich wie immer, aber in seinen Augen entdeckte sie Verständnis und noch etwas anderes, das sie tief berührte, ohne dass sie es hätte benennen können. Etwas, das es ihr unmöglich machte, den Blick von ihm abzuwenden …

„Jedes Kind braucht einen Vater“, sagte er ruhig. „Und es tut mir leid, dass Ihrer nicht so für Sie sorgen konnte, wie er es hätte tun sollen.“

Mit einem stummen Nicken bekämpfte sie den dicken Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. „Leben Ihre Eltern noch?“, fragte sie dann, um das Gespräch von ihrer Person abzulenken. „Und haben Sie Geschwister?“

„Ja und nein“, erwiderte er mit einem kleinen Lächeln. „Meine Eltern wohnen in der Nähe von Ipanema, seit mein Vater sich aus seinen Geschäften zurückgezogen hat, aber Geschwister habe ich keine. Ich bin leider als Einzelkind aufgewachsen.“

Eine Weile schwiegen beide. Marianne war froh, dass Eduardo sie nicht weiter nach ihrer Vergangenheit fragte, und vermutete, dass es ihm umgekehrt genauso ging. Offenbar sprach er ebenso ungern über sein Privatleben wie sie, und sie hatte nicht vor, ihn mit aufdringlichen Fragen zu quälen. Nachdem er ihr einen Job und ein Zuhause gegeben hatte, war es das Mindeste, dass sie seine Privatsphäre respektierte, auch wenn die Ungewissheit über seinen Gesundheitszustand sie ernsthaft sorgte. Aber vielleicht ergab sich ja demnächst eine Möglichkeit, Ricardo diskret danach zu fragen.

Eduardo stand auf und griff nach seinem Gehstock. „Nach dem Essen mache ich normalerweise einen Spaziergang. Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?“

Sehnsüchtig sah Marianne aus dem Fenster. Unter einem kobaltblauen Himmel glitzerte die verschneite Landschaft in der Wintersonne. Sie hätte Eduardos Angebot liebend gern angenommen, rief sich aber in Erinnerung, dass sie seine Haushälterin und nicht sein Gast war.

„Lust hätte ich schon“, gab sie zu, „aber ich muss noch in so vielen Räumen sauber machen, dass ich sicher den ganzen Nachmittag damit beschäftigt sein werde.“

„Das kann warten“, wischte er ihren Einwand ungeduldig beiseite. Mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, fügte er im Hinausgehen hinzu: „Ich treffe Sie in einer Viertelstunde am Hinterausgang.“

Es schneite wieder. In einem Moment begrüßte Eduardo den Umstand, dass das Wetter die Stille und Einsamkeit seiner Zuflucht noch verstärkte, im nächsten Augenblick sehnte er sich nach der Wärme, den Geräuschen, Gerüchen und der Lebendigkeit seiner Heimat.

Er unterdrückte einen Seufzer und warf seiner Begleiterin einen raschen Seitenblick zu. Ihre Nasenspitze und die Wangen waren an der eisigen Luft hochrot geworden, und ihr Atem gefror zu kleinen weißen Wölkchen. „Wenn Ihnen zu kalt ist, können wir wieder umkehren“, bot er an, obwohl der Gedanke ihm gar nicht gefiel.

Marianne schüttelte entschieden den Kopf und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Nein, es geht mir großartig. Und außerdem ist das Gute an der Kälte, dass man sich hinterher wieder aufwärmen kann, oder? Wohin geht es denn in dieser Richtung?“

Nachdem sie die hölzerne Brücke über dem zugefrorenen Wassergraben überquert hatten, standen sie nun an einer Weggabelung. Die rechte Abzweigung führte weiter durch die weitläufigen Außenanlagen des Besitzes, die linke – auf die Marianne deutete – verschwand im dichten Gehölz des angrenzenden Waldes.

„Keine Ahnung. Ich habe diesen Weg noch nicht ausprobiert.“

„Ist das Ihr Ernst?“ Abrupt blieb Marianne stehen und sah ungläubig zu ihm auf. „Sind Sie denn gar nicht neugierig, welches Abenteuer Sie dort vielleicht erwartet?“

„Offen gesagt sind Abenteuer nicht gerade das, wonach mir zurzeit der Sinn steht.“ Er verzog das Gesicht zu einer selbstironischen Grimasse, während sein Blick wie von selbst zu seinem verletzten Bein wanderte.

„Sie meinen wegen Ihrer Gehbehinderung?“, fragte sie ihn unverblümt.

Heftiger Ärger auf sich selbst erfasste Eduardo. Seit seiner scharfen Zurechtweisung am Morgen hatte Marianne das unselige Thema mit keinem Wort mehr angesprochen. Aber nun hatte er sie mit seiner unbedachten Bemerkung praktisch mit der Nase darauf gestoßen.

Eine große schwarze Krähe flog über ihre Köpfe hinweg. Ihr durchdringendes Krächzen verstärkte Eduardos innere Spannung noch. Plötzlich hatte er das irrationale Gefühl, belagert und in die Enge getrieben zu werden. „Ich glaube, das Wetter schlägt um“, sagte er brüsk. „Wir sollten besser wieder ins Haus gehen.“

„Sind Ihre Schmerzen schlimmer geworden?“

Ihre braunen Augen waren sanft und voll echter Anteilnahme. Die unsichtbare Schlinge, in der Eduardo sich gefangen fühlte, zog sich beängstigend zusammen. Schneeflocken fielen auf sie herab, lautlos und unablässig. Große, schwerelose Eiskristalle, die langsam, aber sicher alles unter sich begruben …

„Ich würde dieses Thema gern aus unseren Gesprächen herauslassen, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Ruhig erwiderte sie seinen Blick. „Ich frage nur, weil ich mir Sorgen um Sie mache.“

„Dann möchte ich Sie bitten, das von jetzt an nicht mehr zu tun.“

In seinem Tonfall lag eine deutliche Warnung, aber Marianne hielt diesen Punkt für zu wichtig, um so schnell klein beizugeben. „Ich weiß, dass es Ihnen vorkommen muss, als wollte ich in Ihre Privatsphäre eindringen. Aber das ist absolut nicht meine Absicht“, versicherte sie ihm. „Es ist einfach so, dass ich … ich meine, falls Sie ernsthaft krank sind, könnte es hilfreich sein, wenn ich davon wüsste.“

„Und genau da liegen Sie völlig falsch!“ Jäher Zorn stieg in Eduardo auf.

Auf sie.

Auf sich selbst.

Auf seine idiotische Idee, diesen Spaziergang überhaupt erst vorzuschlagen!

„Andererseits soll es für Kinder von Alkoholikern ja typisch sein, dass sie sich als Erwachsene dazu berufen fühlen, die Probleme anderer zu lösen“, fügte er sarkastisch hinzu. „Sie sollten allerdings nicht den Fehler begehen, in Ihrer Arroganz zu glauben, dass Sie meine lösen könnten!“

Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte grimmig auf die Brücke zu, über die sie gerade gekommen waren. Er war so wütend, dass er am liebsten auf irgendetwas eingeschlagen hätte. Nicht nur, weil diese verdammte Verletzung ihn daran hinderte, schneller vorwärtszukommen, sondern vor allem, weil er die Kontrolle verloren und Marianne diesen niederträchtigen Schlag unter die Gürtellinie versetzt hatte. Für eine solche Gemeinheit gab es keine Entschuldigung. Sie hatte sich ihm anvertraut, ihm von ihrer traumatischen Kindheit erzählt, und er hatte diese intimen Informationen bei der ersten Gelegenheit als Waffe gegen sie benutzt.

Was ist nur für ein Mistkerl aus dir geworden, fragte Eduardo sich verbittert. Er hatte geglaubt, er könnte sich nicht noch mehr verabscheuen, als er es schon getan hatte. Offenbar hatte er sich da getäuscht.

Geistesabwesend polierte Marianne immer wieder dieselbe Stelle an der Mahagonianrichte, während Eduardos Worte unablässig in ihrem Kopf kreisten. Es waren harte Worte gewesen, mit denen er sie nicht nur streng an ihren Platz zurückverwiesen, sondern auch ihr Selbstbild schwer erschüttert hatte.

Stand sie wirklich unter dem Zwang, die Probleme anderer zu lösen? Hatte sie – die Tochter eines Alkoholikers – genau das bei jedem Menschen versucht, der ihr am Herzen lag? Und wenn es so war … was trieb sie dazu? Die Überzeugung, nicht glücklich sein zu dürfen, bevor sie auch das Leben aller anderen in Ordnung gebracht hatte? War sie darum bei ihrem Vater geblieben, anstatt die Chance auf ein neues, besseres Leben in Amerika zu ergreifen?

Ihre Mutter schrieb ihr noch immer regelmäßig und bat sie in jedem ihrer Briefe inständig, zu ihr und ihrem zweiten Mann Geoff nach Kalifornien zu ziehen. In ihrem letzten Antwortbrief vor neun Monaten hatte Marianne ihr mitgeteilt, dass sie sich definitiv entschieden habe, in England zu bleiben. Nur für den Fall, dass Dad dich braucht, hatte dabei eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf geflüstert. Dabei hatte sie schon vor drei Jahren jeden Kontakt zu ihrem Vater verloren.

Immer wieder hatte Marianne versucht, ihn unter den zahllosen Stadtstreichern Londons ausfindig zu machen. Es war wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen gewesen. Eine Suche, die ihr gar nicht gutgetan hatte, denn die permanente Sorge um ihn hatte wie eine schleichende Krankheit an ihr genagt und ihr schließlich jede Lebensfreude geraubt.

„Marianne?“

Erschrocken wirbelte sie herum und sah Ricardo mit nachdenklicher Miene hinter sich stehen. „Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe“, sagte er. „Aber Mr. de Souza möchte gern einen Kaffee. Ich hätte das ja selbst erledigt, aber er wollte, dass Sie sich darum kümmern.“

„Natürlich.“ Marianne nahm das Staubtuch und die Bienenwachspolitur und ging zur Tür, doch auf halbem Weg hielt sie plötzlich inne. Unschlüssig biss sie sich auf die Lippe, bis sie schließlich herausplatzte: „Ich glaube, er ist ziemlich wütend auf mich, Ricardo.“

Darauf hob der junge Brasilianer erstaunt die dunklen Brauen. „Warum sollte er?“

„Ich habe ihn auf sein Bein angesprochen und gefragt, ob er an einer ernsthaften Erkrankung leidet, von der ich vielleicht wissen sollte. Darauf hat er sehr verärgert reagiert und mir ziemlich unverblümt zu verstehen gegeben, dass er mich für eine aufdringliche Wichtigtuerin hält.“

Ricardo schwieg einen Moment, bevor er ihr antwortete. „Um Eduardo de Souza zu verstehen, müssen Sie eines wissen“, begann er vorsichtig. „Er ist ein Mann, der …“ Auf der Suche nach den richtigen Worten richtete er den Blick kurz zur Decke. „Er lässt andere Menschen nicht gern in sein Privatleben blicken, Marianne. Und wenn er über bestimmte Themen nicht sprechen will, dann hat er seine Gründe dafür. Sie sollten das respektieren, selbst wenn Sie diese Gründe nicht kennen.“

„Aber das tue ich doch!“, beteuerte Marianne. „Ich verstehe nur nicht, was verkehrt daran ist, meine Besorgnis auszudrücken, wenn jemand Schmerzen hat oder in … irgendwelchen Nöten ist.“

Der Brasilianer schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Sie haben ein gutes Herz, und das ist ganz sicher kein Verbrechen. Gehen Sie einfach einen Tag nach dem anderen an, und haben Sie Geduld mit ihm. Mit der Zeit wird er sicher erkennen, dass Sie ein aufrichtiger Mensch sind und ihm keine Schwierigkeiten machen wollen.“

Dankbar erwiderte sie sein Lächeln. Ricardos Worte hatten sie zwar in der Überzeugung bestärkt, nichts Falsches getan zu haben, trotzdem löste die bevorstehende Begegnung mit Eduardo ein nervöses Flattern in ihrem Magen aus.

Als Marianne das Zimmer verließ, atmete sie tief durch, um sich gegen Eduardos feindseligen, misstrauischen Blick zu wappnen, und sagte sich, dass sie schon weit Schlimmeres überstanden hatte.

„Hoffentlich mussten Sie nicht zu lange warten. Ich habe Ihnen auch ein paar Kekse mitgebracht.“

Marianne betrat das Wohnzimmer und stellte das Tablett auf dem Couchtisch ab. Unter gesenkten Wimpern beobachtete sie, wie Eduardo seine Zeitung zusammenfaltete, sie neben sich aufs Sofa legte und sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn strich. Im flackernden Schein des Kaminfeuers wirkte sein Gesicht geheimnisvoll und überaus männlich, was die bläulichen Bartschatten auf Kinn und Wangen noch verstärkten. Er hatte die Ärmel seines Pullovers hochgeschoben. Als er nach der Kanne griff, wurde Mariannes Blick wie magisch von den muskulösen Unterarmen angezogen.

„Und wie kommen Sie zurecht?“, erkundigte er sich schroff, während er den aromatisch duftenden Kaffee in seine Tasse goss.

Sie hob den Kopf und begegnete dem forschenden Blick seiner eisblauen, von dichten Wimpern umkränzten Augen. Plötzlich schien ihr Herz doppelt so schnell zu schlagen wie vorher. Sie wollte etwas erwidern, doch ihr Kopf war wie leer gefegt, sodass sie nur stumm dastehen und ihn mit großen Augen ansehen konnte wie ein hypnotisiertes Kaninchen.

„Ich meine mit Ihrer Arbeit“, fügte er erläuternd hinzu. „Ich hoffe, sie ist nicht zu hart für Sie.“

Energisch riss Marianne sich zusammen. „Nein, überhaupt nicht, sie macht mir sogar Spaß“, versicherte sie ihm. „Dieses Haus ist einfach herrlich. Jedes Mal, wenn ich einen neuen Raum betrete, ist es für mich wie eine … Offenbarung.“

„Oder wie ein Abenteuer ?“ Die Andeutung eines Lächelns spielte um Eduardos Lippen, woraufhin Marianne hochrot anlief.

„Ich nehme an, Sie halten das für sehr kindisch.“

Autor

Maggie Cox
Schreiben und Lesen gingen bei Maggie Cox schon immer Hand in Hand. Als Kind waren ihre liebsten Beschäftigungen Tagträumen und das Erfinden von Geschichten.
Auch als Maggie erwachsen wurde, zu arbeiten begann, heiratete und eine Familie gründete blieben ihre erfundenen Heldinnen und Helden ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Was immer auch...
Mehr erfahren
Christina Hollis
Christina Hollis wurde ein paar Meilen entfernt von Bath* in der englischen Grafschaft Somerset geboren. Sie schreibt, seitdem sie und einen Stift halten konnte. Ihr erstes Buch bestand aus ein paar Sätzen über Puppen, die in einem Korb lebten. Damals war sie drei Jahre alt! Die Schule verließ sie mit...
Mehr erfahren
Susan Stephens
Das erste Buch der britischen Schriftstellerin Susan Stephens erschien im Jahr 2002. Insgesamt wurden bisher 30 Bücher veröffentlicht, viele gehören zu einer Serie wie beispielsweise “Latin Lovers” oder “Foreign Affairs”.

Als Kind las Susan Stephens gern die Märchen der Gebrüder Grimm. Ihr Studium beendete die Autorin mit einem MA in...

Mehr erfahren
Michelle Conder

Schon als Kind waren Bücher Michelle Conders ständige Begleiter, und bereits in ihrer Grundschulzeit begann sie, selbst zu schreiben. Zuerst beschränkte sie sich auf Tagebücher, kleinen Geschichten aus dem Schulalltag, schrieb Anfänge von Büchern und kleine Theaterstücke. Trotzdem hätte sie nie gedacht, dass das Schreiben einmal ihre wahre Berufung werden...

Mehr erfahren