Happy End mit dem Milliardär?

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Die junge, engagierte Devon kann nicht fassen, was ihr skrupelloser Vater verlangt: Sie soll den Milliardär Cain Farrell heiraten - einen Mann, den sie kaum kennt und der als Erstes klarstellt, dass sie von ihm keine Liebe erwarten kann! Doch wenn sie ablehnt, verliert sie alles, wofür sie so hart gearbeitet hat. Was jetzt? Widerstrebend stimmt Devon zu, natürlich nur zu einer Zweckehe! Aber warum prickelt es dann plötzlich so erregend, als Cain sie fürs Verlobungsfoto in seine Arme zieht und stürmisch küsst?


  • Erscheinungstag 16.03.2021
  • Bandnummer 2177
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503587
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Wovon zum Teufel sprichst du?“, stieß Cain Farrell hervor und schoss von seinem Stuhl in der Bibliothek seines Vaters hoch.

Seines toten Vaters.

Barron Farrell hatte erst sterben müssen, damit Cain wieder einen Fuß in das Mausoleum setzte, in dem er eine höllische Kindheit durchlitten hatte. Sobald er mit einundzwanzig seinen Collegeabschluss gemacht hatte, war er gegangen und nicht zurückgekehrt, nicht einmal zu Geburtstagen, zu Weihnachten oder auch nur zu einem zwanglosen Essen. Es war schlimm genug, dass er zwölfstündige Arbeitstage mit seinem Vater in den Büros von Farrell International verbringen musste, dem Konzern, der seit vier Generationen im Besitz der Familie war. Aber Cain hatte sich vor elf Jahren geschworen, nie wieder die heiligen Hallen und marmornen Böden des historischen Anwesens seines Vaters in Beacon Hill zu betreten.

Typisch, dass der alte Mann etwas so Eigensinniges tat, wie einen Herzinfarkt zu bekommen und zu sterben, nur um Cain zu zwingen, seinen Schwur zu brechen.

Er war schon immer ein manipulativer Bastard gewesen.

Apropos Bastarde …

Cain marschierte über den glänzenden Hartholzboden und achtete dabei kaum auf die dunklen Ledermöbel vor dem riesigen Kamin, die Wendeltreppe, die ins nächste Stockwerk führte, und die bis zur hohen Gewölbedecke reichenden Regale voller Erstausgaben von Klassikern, die sein Vater nie gelesen hatte. Wenn Cain zu lange hinsah, würden die Erinnerungen, die immer am Rand seines Bewusstseins lauerten, die Gelegenheit ergreifen, sich hervorzustehlen und ihn zu quälen. Ihn so zu bestrafen, wie er es vor diesem Schreibtisch erlebt hatte, an dem jetzt Daryl Holleran saß, der Anwalt seines Vaters.

Cain hasste dieses Zimmer. Das ganze verdammte Haus.

Wut loderte in ihm auf. Er blieb vor einem großen Erkerfenster stehen, aber der von Mauern umschlossene Garten konnte seinen Blick nicht fesseln. Die Ehre gebührte den beiden anderen Männern, die stumm mit im Raum saßen.

Zwei Fremde, die er nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Zwei Fremde, deren Anwesenheit bei der Testamentseröffnung erforderlich war.

Zwei Fremde, die laut Daryl Cains Brüder waren.

Seine Halbbrüder.

„Cain“, sagte Daryl. Seine samtige Baritonstimme klang beschwichtigend, als hätte er nicht gerade verkündet, dass der Multimilliarden-Dollar-Konzern, zu dessen Führung Cain herangezogen worden war, nicht länger ihm gehörte. „Ich weiß, dass es überraschend kommt …“

Cain wirbelte herum und rammte die fest geballten Fäuste in die Taschen seiner schwarzen Anzughose. „Überraschend? Du untertreibst. Das hier ist kompletter Unsinn, Daryl!“, fuhr er den Anwalt an.

Der ältere Mann ließ sich von Cains bissigem Ton nicht aus der Ruhe bringen. Aber er war ja auch dreißig Jahre lang Barron Farrells Anwalt gewesen. Wahrscheinlich hatte er ein so dickes Fell wie ein Mammut.

„Wie dem auch sei“, sagte Daryl und nahm einen kleinen Papierstapel vom Schreibtisch, „Barron hat sich sehr klar ausgedrückt, was die Bedingungen angeht. Die Anteilsmehrheit an Farrell International fällt an seine lebenden Erben. Aber nur, wenn du und deine Brüder zustimmen, in Boston zu bleiben und die Firma ein Jahr lang gemeinsam zu führen, begonnen mit dem Datum, an dem dieses Testament verlesen wird. Am Ende des Jahres könnt ihr entweder beschließen, das Unternehmen weiter gemeinsam zu leiten, oder du, Cain, kannst deine Brüder auszahlen. Dann gehört Farrell International dir. Wenn auch nur einer von euch sich nicht an diese Bedingungen hält, werden die Firma und ihre Tochterunternehmen gegen Höchstgebot verkauft.“

Es ergab auch beim zweiten Mal nicht mehr Sinn.

„Und es gibt noch eine Bedingung“, fügte Daryl hinzu.

„Typisch“, grummelte Cain.

„Sie betrifft dich, Cain.“ Daryl hielt inne, und zum ersten Mal sah Cain Unbehagen in seinen braunen Augen aufblitzen. Wenn dieser unerschütterliche Mann sich aus der Ruhe bringen ließ, verhieß das nichts Gutes. „Du musst das Jahr über hier leben. In diesem Haus.“

Cain rührte sich nicht. Er konnte es nicht. Denn wenn er auch nur Atem holte, würde er explodieren. Der Zorn, der in ihm tobte, würde dieses Zimmer und die Leute darin vernichten. Barron hatte es nicht gereicht, über Cains Zukunft zu bestimmen. Nein – er musste seinen Sohn auch noch zwingen, seinen persönlichen Albtraum zu durchleben.

Dieser Mistkerl!

„Ich soll also mein Leben in Washington aufgeben und nach Boston ziehen, nur weil der Idiot, der meine Mutter geschwängert hat, es verlangt?“ Der bärtige Riese in schwarzem Thermoshirt, ausgeblichener Jeans und abgenutzten braunen Stiefeln, der laut Daryl Achilles hieß, schüttelte den Kopf. „Sie hat mir ja vielleicht seinen Nachnamen gegeben, aber das ist alles, was ich je von ihm bekommen habe. Ich schulde ihm verdammt noch mal gar nichts.“

Und dir auch nicht.

Achilles sprach diese Worte nicht laut aus, aber sie hingen zwischen ihm und Cain in der Luft. Cain biss die Zähne zusammen. Natürlich kümmerte es diesen Mann nicht, dass das Unternehmen, für das Cain schon sein Leben lang arbeitete, vielleicht zerschlagen werden würde. Die Firma zu verlieren, für die er den intoleranten, gnadenlosen Barron ertragen hatte, die Firma, von der er gehofft hatte, sie eines Tages zu leiten … Das störte Achilles natürlich auch nicht.

Er hatte nicht für den Konzern gelitten.

Hatte nichts dafür geopfert.

Aber Cain sehr wohl.

Die Firma war sein Erbe. Das, was ihm zustand, dafür, dass er Barron Farrell überlebt hatte.

Und doch hatte Barron einen Weg gefunden, ihm alles wegzunehmen.

„Als man mich zu diesem mysteriösen Termin gebeten hat, habe ich nicht mit einem Familientreffen gerechnet, das muss ich zugeben“, sagte der zweite Mann, Kenan Rhodes, und zog die Augenbrauen über den unverkennbaren blaugrauen Farrell-Augen hoch, die sie alle hatten. „Aber ich muss Achilles zustimmen.“ Kenan zuckte die Schultern. „Ich habe eine Stelle im Unternehmen meiner Familie. Eine gute. Und sie aufzugeben hieße, meine Verwandten im Stich zu lassen. Warum sollte ich das tun? Ich habe Barron Farrell nicht persönlich gekannt, aber ich weiß, welchen Ruf er hatte. Und bei allem, was recht ist: Ich schulde ihm keine Loyalität.“

Cain starrte die beiden Fremden an. Obwohl sie laut Testament seine Brüder waren, empfand er keine Zuneigung zu ihnen. Keine Gefühl von Verbundenheit. Wenn die Augen nicht gewesen wären, hätte man sie gar nicht für Verwandte gehalten.

Kenan hatte hellbraune Haut, kurzes dunkles Haar und ein Kinnbärtchen. Er hatte offenbar afroamerikanische Wurzeln. Obwohl sie alle hochgewachsen und muskulös waren, hatten Cain und Kenan einen schlanken, wenn auch breitschultrigen Körperbau, während Achilles ein kraftstrotzender Hüne war, der sich gut als Verteidiger beim Football gemacht hätte. Mit seinen schulterlangen, fast schwarzen Locken, dem Bart und seiner sonnengebräunten Haut verlieh er der Familie eine eigene Komponente, sodass sie zusammen mindestens so bunt gemischt wirkten wie die Kinderschar von Brad Pitt und Angelina Jolie.

Dass Cains Vater seine Mutter betrogen hatte, schockierte Cain nicht. Barrons Untreue war ein offenes Geheimnis gewesen. Was ihn erstaunte, war, dass Barron nicht nur ein uneheliches Kind gezeugt hatte, sondern gleich zwei. Dass er das Schicksal seiner Firma den Launen von Männern überließ, die er gar nicht gekannt hatte, konnte Cain einfach nicht mit dem Kontrollfreak vereinbaren, der sein Vater gewesen war.

Doch anscheinend hatte Barron von seinen Söhnen gewusst. Und er hatte sich erst die Mühe gemacht, von ihrer Existenz Notiz zu nehmen, als es ihm in den Kram passte.

Das wiederum war typisch für den Barron Farrell, den Cain kannte.

„Ich erwarte keine Loyalität von euch und bitte euch auch nicht darum“, stellte er nun klar. Sein neutraler Ton überspielte die Wut und die Angst, die in ihm tobten. „Ihr habt beide recht – ihr habt euer eigenes Leben. Aber meines hat sich heute für immer verändert. Ich habe nicht nur herausgefunden, dass ich zwei Brüder habe, sondern alles, wofür ich …“, gelitten, „… gearbeitet habe, ist plötzlich meiner Kontrolle entzogen worden. Ja, ihr könnt gehen, und für euch ändert sich nichts. Aber für mich? Für mich wird alles anders. Ich habe nicht die Möglichkeit, einfach zu gehen.“

Panik stieg in ihm auf. „Ich habe kein …“

Kein Erbe. Keine Kontrolle. Keine Macht. Keine Stimme.

Er biss die Zähne zusammen und schluckte die verräterischen Worte hinunter. Ebenso wie die flehentliche Bitte, die ihnen unweigerlich gefolgt wäre.

Hatte sein Vater ihn wirklich so sehr gehasst, dass er gewollt hatte, dass Cain sich vor diesen Fremden demütigte, damit sie ihm halfen? Ihn retteten?

Ja.

Die knappe Antwort hallte in Cains Kopf wider. Alles, was er je seinem Vater gegenüber empfunden hatte – Zorn, Angst, Verwirrung, Verbitterung und, Gott steh mir bei, sogar Liebe –, wirbelte wie ein Tornado durch seine Brust.

„Zum Teufel“, knurrte er, marschierte durchs Zimmer und riss die schwere Tür auf, um hinauszustürmen. Frische Luft. Er brauchte Luft, die nicht von seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit verbraucht war. Von seiner Schwäche.

Als er auf den Flur kam, brandeten sofort unpassend fröhliche Stimmen auf ihn ein.

Ach ja, der Empfang! Wie verrückt, dass der Zirkus in der Bibliothek ihn hatte vergessen lassen, dass drüben im großen Saal und im Esszimmer über hundert Leute zusammengekommen waren, um seinen Vater zu betrauern. Er schnaufte. Betrauern? Wohl kaum. Aus dem lauten Geplauder, dem hellen Lachen und dem Klirren der Gläser ging nicht hervor, ob sie Barrons Leben feierten – oder seinen Tod.

Cain atmete aus, drehte sich um und ging zur Rückseite des Hauses, weit weg von seinen „Gästen“. In seiner derzeitigen Stimmung war er keine gute Gesellschaft, und er konnte keine Beileidsbekundungen ertragen.

Wenigstens war Barron nun an einem besseren Ort.

Falls man die Hölle einen besseren Ort nennen wollte.

2. KAPITEL

Devon Cole musterte stirnrunzelnd die Hecke, vor der sie stand. Ihr kamen zwei Gedanken.

Erstens: Wie um alles in der Welt schaffte es der Gärtner, die Blätter Mitte Oktober noch so grün und üppig zu halten? Mit Spezialdünger? Pestiziden? Zauberei?

Und zweitens: Wenn sie noch ein paar Sekunden wartete, würde dann David Bowie im Kostüm des Goblin-Königs auftauchen?

Es waren beides angemessene Fragen, da sie in einem Garten mit hohen, labyrinthartigen Hecken stand, die gemütliche Nischen und Verstecke für romantische Treffen boten. Wer hätte gedacht, dass solch ein schöner, magischer Ort hinter dem kalten Mausoleum lag? Es sei denn natürlich, der Besitzer verbannte alle hierher, die ihn verärgert hatten, damit ein hungriger Minotaurus sie verschlingen konnte …

Oh, und noch etwas … Sie starrte in das Glas Rotwein hinab, das sie in der Hand hielt. Sollte dieses dritte Glas Cabernet Sauvignon das letzte bleiben? Wenn man sich innerhalb von zehn Sekunden Gedanken über Gartentipps, David Bowie und griechische Mythologie machte, war es vielleicht klug, mit dem Alkohol aufzuhören.

Sie seufzte. Sie war Barron Farrell nur ein paarmal kurz begegnet, als ihr Vater sie wieder einmal gezwungen hatte, an gesellschaftlichen Anlässen teilzunehmen. Aber man musste dem Toten die letzte Ehre erweisen. Und sei es seinem Sohn zuliebe.

Ihr wurde flau im Magen, als ein Bild von Cain Farrell vor ihrem inneren Auge erschien. Sie hatte Barrons Sohn und Erben heute zum ersten Mal getroffen. Kein Wunder, da sie den Galas, Benefizveranstaltungen und Dinnerpartys, die ihr Vater so liebte, oft aus dem Weg ging.

Sie schloss die Augen und ließ sich auf eine der Marmorbänke sinken, die überall in den kühlen, schattigen Winkeln des Gartens standen. Sie hatte an der überfüllten Trauerfeier in der prächtigen katholischen Kirche teilgenommen, aber erst am Grab hatte sie Cain Farrell zum ersten Mal gesehen. Selbst aus der Ferne war es nicht schwer gewesen, ihn zu entdecken. Er hatte die meisten anderen Anwesenden überragt.

Trotz seiner ausdruckslosen Miene war er … schön. Ein schmales, kantiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, mit fast schon zu perfekten Zügen, einem sinnlichen, aber festen Mund und einem markanten Kinn, das kompromisslos wirkte. Sein schwarzer, eng anliegender, maßgeschneiderter Anzug betonte seine breiten Schultern, den Brustkorb, die schlanke Taille und die langen, athletischen Beine. Er erinnerte sie an einen König, der Macht als sein Geburtsrecht betrachtete, aber auch kein Problem damit hatte, sich mit Schwert und Schild an der Seite seiner Männer in den Kampf zu stürzen. Durchsetzungsstark, eindrucksvoll und, wenn es sein musste, gnadenlos. Das einzig Weiche an ihm waren die dichten, dunklen Locken, die sich um seine Ohren und oberhalb des Jackettkragens ringelten. Doch statt seine imposante, arrogante Schönheit sanfter wirken zu lassen, unterstrichen diese Haare nur die schiere Kraft seiner Gesichtszüge, besonders den Anflug von Härte im sinnlichen Schwung seines Munds …

Auf einmal schämte sie sich.

Er trauerte um seinen Vater, und sie hatte ihn angegafft wie Mr. Dezember aus einem „Heißeste Milliardäre des Jahres“-Kalender. Vielleicht hatte ihr Vater recht, und man konnte sich mit ihr wirklich nirgendwo blicken lassen.

Heftige Sehnsucht durchzuckte ihre Brust. Sie presste sich eine Hand aufs Herz und rieb den Phantomschmerz. Seit Jahren lebte sie nun schon in dieser glitzernden Welt des Reichtums und passte trotzdem nicht hierher. Allen Benimmkursen und Designerkleidern zum Trotz.

Was hätte sie nicht darum gegeben, Beacon Hill, ja ganz Boston verlassen zu können und wieder in dem alten Doppelhaus in Plainfield, New Jersey zu sein. Auf der einen Seite hatten sie und ihre Eltern gewohnt, auf der anderen ihr Onkel, ihre Tante und deren drei Kinder. Das Haus war eigentlich zu klein gewesen, mit Türenschlagen, lauten Stimmen und Gelächter. Es war ein schönes Zuhause gewesen.

Aber dann war Devons Mutter gestorben, nachdem sie sich geweigert hatte, mit einem Husten, den sie einfach nicht loswurde, zum Arzt zu gehen. Einem Husten, der sich zu einer schweren Lungenentzündung entwickelt hatte. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Devons Vater sich in seiner Trauer mit Feuereifer in den Ausbau seiner Kette von Elektroläden gestürzt. Am Ende hatte er sie an eine größere Firma verkauft. Den Gewinn aus dem Verkauf hatte er klug investiert. Statt wohlhabend waren sie inzwischen steinreich.

Daraufhin hatte er beschlossen, dass Plainfield zu „kleinbürgerlich“ für ihn und seine Tochter war – seine Formulierung, nicht ihre. Sie liebte ihre Heimatstadt und ihre Familie. Aber er hatte den Kontakt abgebrochen und war mit Devon nach Boston gezogen, wo er es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in die elitären Kreise der High Society vorzudringen. Aber Geld allein konnte einem Neureichen wie ihm keinen Zugang erkaufen.

Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, es zu versuchen.

Deshalb waren sie auch auf Barron Farrells Beerdigung. Ihr Vater wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich unter die reichen Geschäftsleute und Prominenten zu mischen. Aber er war nicht der Einzige, der die Trauerfeier des Milliardärs als eine Teeparty verstand.

Sie seufzte noch einmal, nahm ihr Glas und stand von der Bank auf. Am besten ging sie wieder ins Haus, bevor ihr Vater sich auf die Suche nach ihr machte und sie wie immer enttäuscht und missbilligend ansah. Kurz schloss sie die Augen, weil es sich anfühlte, als hätte sich ein Schraubstock um ihr Herz gelegt. Sie konnte sich noch an Zeiten erinnern, in denen nur Zuneigung, Liebe und Stolz aus seinen dunklen Augen geleuchtet hatten. Damals war er noch Ehemann und Vater gewesen, zufrieden, ein paar Läden zu besitzen. Bevor der Tod ihrer Mutter ihr Leben aus der Bahn geworfen hatte.

Sie starrte die Spitzen ihrer schwarzen Louis-Vuitton-Schuhe an und betrat den gepflasterten Gartenweg.

„Verdammt.“

Sie hörte den leisen Fluch, unmittelbar bevor eine hochgewachsene, muskulöse Gestalt um die Ecke bog und wenige Zentimeter vor ihr stehen blieb. Die Hecke bot ihr kein gutes Versteck. Sie machte sich klein und starrte den Mann an, der hin und her lief. Von der Bank, auf der sie eben noch gesessen hatte, bis zum schmalen Weg und wieder zurück.

Cain Farrell.

Seine Körpersprache strahlte Ärger aus. Nein, keinen Ärger. Wut. Sein schwarzes Haar, sein schwarzer Anzug und seine Schritte ließen ihn gefährlich wie ein Raubtier wirken. Geschmeidig, dunkel und tödlich. Auf der Suche nach der richtigen Beute, um sich auf sie zu stürzen … Sie zu verschlingen …

War es nicht verrückt von ihr, dass sie sich nicht sicher war, ob sie lieber vermeiden wollte, zu dieser Beute zu werden, oder dem unvernünftigen Drang nachgeben sollte, ihn zu trösten? Ihm die Haare zu tätscheln und die breiten Schultern zu streicheln? Ja. Ich bin verrückt. Denn man versuchte lieber nicht, ein Raubtier zu trösten.

Auch dann nicht, wenn es unglaublich sexy war.

Cain blieb ruckartig stehen und nagelte sie mit einem funkelnden Blick aus zusammengekniffenen Augen fest. Devon bekam keine Luft mehr.

Verdammt.

„Wer sind Sie?“, fragte er. Seine Stimme war dunkel wie die Nacht, berauschend wie teurer Scotch … und Schokolade. Zum Anbeißen.

„Ich?“, stieß sie heiser hervor und machte den Fehler, ihm in die unfassbar schönen Augen zu sehen. Wow. Aus der Entfernung hatte sie auf dem Friedhof die Farbe nicht genau erkannt. Aber jetzt. „Ich habe mich gefragt …“, hauchte sie.

Er zog die dunklen Brauen arrogant über seinen erschreckend schönen blaugrauen Augen zusammen. Wolfsaugen. Das Gefühl, vor einem Raubtier zu stehen, wurde noch stärker, aber statt Angst kitzelte unter ihrer Haut eine Mischung aus Erregung und Nervosität.

„Sie haben sich was gefragt?“, erkundigte Cain sich ungeduldig.

„Ihre Augen“, platzte sie heraus und verfluchte ihre Entscheidung, sich das dritte Glas Wein gegönnt zu haben. „Bei der Beerdigung konnte ich die Farbe nicht genau erkennen. Aber jetzt, äh, weiß ich Bescheid.“ Sie versuchte zu lächeln, machte einen Schritt auf ihn zu und überbrückte so das letzte bisschen Abstand zwischen ihnen, bevor sie sich vorstellte: „Devon.“

Sie streckte ihm die freie Hand hin. Mehrere Sekunden lang starrte er angespannt darauf herab. Dann hob er langsam den Arm.

Seine langen, eleganten Finger schlossen sich um ihre. Verbrannten sie. Feuer züngelte durch ihre Handfläche ihren Arm hinauf und loderte dann in ihrer Brust wie ein Stern. Cain hob den Blick von ihren umschlungenen Händen und folgte dem Weg, den die Flammen genommen hatten. Nur, dass er dann noch den Rest ihrer zierlichen Gestalt musterte, bevor er ihr ins Gesicht sah.

Sie entzog ihm ihre Hand und kämpfte gegen den Drang an, sich die prickelnde Handfläche am Oberschenkel zu reiben. Sie hob das Kinn, um seinem Wolfsblick zu begegnen. Sie wusste, was er sah. Was alle sahen. Klein. Nichtssagende Gesichtszüge. Sie hatte einmal gehört, wie ein angeblicher Gentleman behauptet hatte, dass man sie sofort wieder vergaß. Ihre Brüste und Hüften waren zu ausgeprägt, um elegant zu wirken. Das Beste an ihrem Äußeren waren ihre dichten, karamellbraunen Locken, die sie heute zu einem Knoten am Hinterkopf hochgesteckt hatte. Wenn sie die Haare offen trug, reichten sie bis zur Mitte ihres Rückens. Die Haare hatte sie von ihrer Mutter.

Eine große Schönheit war sie nicht, und er ging bestimmt regelmäßig mit Filmstars und Bademodenmodels aus. Egal. Eine der ersten Lektionen, die sie in Boston gelernt hatte, war die gewesen, sich keine Schwäche anmerken zu lassen. Lieber verstellte sie sich, bis sie es sich zu Hause in ihrem Schlafzimmer mit Chips und Netflix gemütlich machen konnte.

Das funktionierte.

Cain starrte sie stumm an. Obwohl sie innerlich zitterte, wankte sie nicht. Aber diese Augen … Gespenstisch in ihrer Schönheit. Als könnte er bis in ihre Seele blicken.

„Ja, jetzt wissen Sie Bescheid“, sagte er gedehnt, und die Flammen, die zu einem Glimmen zusammengeschrumpft waren, loderten wieder auf. In ihrem Gesicht.

Oh, Gott. Glaubt er etwa, dass ich mit ihm flirte?

„Was machen Sie hier draußen, Devon?“, fragte er. „Die Party …“, er verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, „… findet drinnen statt. Dieser Teil des Geländes ist für Gäste gesperrt.“

„Oh, tut mir leid. Das Schild muss ich übersehen haben“, entschuldigte sie sich. Sobald die Worte zwischen ihnen in der Luft hingen, wurde ihr klar, wie gedankenlos sie klangen. „Das heißt – natürlich gibt es kein Schild. Aber in einem so großen Haus sollte man vielleicht welche aufhängen. Vielleicht so kleine, diskrete wie an Badezimmertüren … Ach, verdammt.“

„Wie bitte?“ Cains Stirnrunzeln vertiefte sich.

Sie schüttelte den Kopf und hob den Finger, um ihn zu bitten, kurz zu warten. Sie nahm sich die Zeit, einen großen Schluck Wein zu trinken. Dann noch einen. „Sonst nippe ich immer nur am Wein, ehrlich, und zwei Gläser sind eigentlich mein Limit. Ich weiß auch nicht, was mich auf den Gedanken gebracht hat, ich könnte drei verkraften. Hier.“ Sie hielt ihm das Glas hin, und er nahm es. „Da Sie gerade so geflucht haben, brauchen Sie es wahrscheinlich mehr als ich.“

Wieder starrte er sie an. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Sie benahm sich wie eine Verrückte. Eine beschwipste, redselige Verrückte, die in seinen Garten eingedrungen war.

Langsam, ohne den Blickkontakt zu ihr zu unterbrechen, hob er das Glas an seinen grausam schönen Mund. Und nippte am Wein.

Ihre Knie gaben nicht unter ihr nach, aber weich wurden sie doch. Warum dieses Nippen so sexy war, wusste sie selbst nicht. Aber tief in ihrem Bauch ballte sich Hitze zusammen.

„Sie haben recht“, sagte er, „ich kann es brauchen. Danke.“

Den Wein. Er brauchte den Wein. Nicht sie, wie ihr Körper seine Worte interpretierte wollte.

„Gern geschehen.“ Unfähig, weiter in seine ungewöhnlichen Augen zu sehen, strich Devon sich einen unsichtbaren Fussel vom Rock ihres dunkelgrauen Etuikleids. Während sie wieder einen Schritt von ihm abrückte, verflogen ihre Verlegenheit und Verwirrtheit. „Mein Gott, ich war so darauf konzentriert, in die Hölle zurückzukehren, dass ich es ganz vergessen habe.“ Sie legte ihm eine Hand auf den Unterarm. Straffe Muskeln spannten sich unter ihren Fingern an. Aber davon ließ sie sich nicht ablenken. „Herzliches Beileid zum Tod Ihres Vaters. Leider kenne ich den Schmerz, den Sie empfinden, und ich wünsche ihn niemandem.“

Sein prüfender Blick verlagerte sich auf seinen Arm, wo ihre Finger immer noch ruhten. Er wich ihrer Berührung nicht aus, und obwohl es klüger gewesen wäre, zog sie die Hand nicht zurück.

„In die Hölle zurückzukehren?“, wiederholte er, ohne auf ihre Beileidsbekundung einzugehen. Sie hatte Verständnis dafür; nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie auch nicht darüber reden wollen. „Wo ist die denn?“

Sie zog den Kopf ein. „Versprechen Sie mir, nicht gekränkt zu sein?“ Er hob eine dunkle Augenbraue, nickte aber. „Dieser Empfang. Gesellschaftliche Anlässe sind für mich ohnehin schon eine Qual, aber da drinnen …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich komme aus einer großen italienischen Familie, deshalb kenne ich es durchaus, dass ein Leichenschmaus zu einer lauten und lustigen Feier wird. Aber nicht so. Niemand spricht über Ihren Vater und erinnert sich an ihn. Es herrscht keine Trauer über einen geliebten Menschen. Es ist … makaber.“

Sie ließ die Hand sinken und wappnete sich für seine Vorwürfe. Für ein hämisches Grinsen, wie sie es von ihrem Vater zu sehen bekommen hatte, als sie ihm dieselben Gedanken anvertraut hatte, bevor sie vor der ganzen Falschheit hierher geflüchtet war.

Aber Cain machte sich nicht lustig über sie.

Stattdessen musterte er sie mit undurchdringlichem Blick.

Als sie gerade den Mund aufmachen wollte, um sich für ihre unsensiblen Worte zu entschuldigen, murmelte er: „Danke, Devon.“

„Wofür?“

„Dafür, dass Sie den Mut haben, ehrlich zu sein.“ Ein halbes Lächeln huschte über seine sinnlichen Lippen. „Und dafür, dass Sie mir eine Atempause von ein paar Minuten verschafft haben, bevor ich in meine eigene Hölle zurückmuss.“ Er reichte ihr das Weinglas, und als sie es nahm, hob er die freie Hand und schockierte sie, indem er ihr über die Wange strich. „Das weiß ich mehr zu schätzen, als Sie ahnen.“

Er trat zurück. Ihre Haut brannte von seiner Liebkosung. Sie rührte sich nicht – konnte es nicht –, als er sich auf dem Absatz umdrehte und so schnell und leise wieder verschwand, wie er gekommen war.

Erst dann legte sie ihre zitternden Finger auf die Stelle, die er so zärtlich berührt hatte. Voller Dankbarkeit. Denn bestimmt hatte sie sich das Aufblitzen von Begehren in seinen Augen nur eingebildet. Es war nur Wunschdenken gewesen, dass sie ihr eigenes Verlangen in ihnen gespiegelt gesehen hatte.

Ja, das ist alles.

Aber was schadete es, an diese Fantasie zu glauben?

Sie würde Cain Farrell ja ohnehin nie wiedersehen.

Nein. Es schadet überhaupt nicht.

Autor

Naima Simone
Bestsellerautorin Naima Simone entdeckte ihre Liebe zu romantischen Geschichten beim Schmökern von Harlequin-Büchern, die sie ihrer Großmutter stibitzte. Inzwischen verbringt sie ihre Tage mit dem Schreiben humorvoller Liebesromane. Im wirklichen Leben ist sie mit ihrem persönlichen Superhelden verheiratet und Mutter zweier Kinder. Die Familie lebt – trotz aller Herausforderungen des...
Mehr erfahren

Entdecken Sie weitere Bände der Serie

Milliardäre von Boston