Historical Exklusiv Band 98

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VERFÜHRUNG IM WINTERPALAST von AMANDA MCCABE
Am Hof von Queen Elizabeth trifft Lady Rosamund auf den faszinierenden schwedischen Gesandten Anton Gustavson. Schnell lässt sie sich von seinem Charme bezaubern. Und als er sie auf dem Weihnachtsmarkt auf der zugefrorenen Themse verlangend küsst, träumt sie schon von einer Zukunft an seiner Seite. Da wird ein Mordanschlag auf die Königin verübt – und Anton gerät unter Verdacht …

LORD WEYBOURNS WEIHNACHTSWUNDER von LOUISE ALLEN
Vertrauensvoll schmiegt Tess sich an ihren muskulösen Retter: Alexander Tempest, Viscount Weybourn, trägt sie durch die vereisten Straßen zum Arzt. Ein Zusammenstoß mit ihm hat ihr einen verstauchten Knöchel beschert. Doch zum Weihnachtsfest beschert der Adelige der schönen Bürgerlichen noch etwas anderes: eine Anstellung in seinem eleganten Stadthaus als Haushälterin – und verboten sinnliche Küsse unterm Mistelzweig!


  • Erscheinungstag 08.11.2022
  • Bandnummer 98
  • ISBN / Artikelnummer 9783751510981
  • Seitenanzahl 512
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Amanda McCabe, Louise Allen

HISTORICAL EXKLUSIV BAND 98

1. KAPITEL

Dezember 1564

 und wir hoffen aus tiefstem Herzen, dass Dir der Aberwitz Deiner Handlungen bewusst werden möge, wenn Du erst einmal bei Hofe bist. Eines Tages wirst Du sicherlich Dankbarkeit dafür empfinden, dieser unglückseligen Verbindung entronnen zu sein. Königin Elisabeth lässt unserer Familie eine große Ehre zuteilwerden, indem sie Dich als Hofdame in ihre Dienste nimmt. Dadurch erhältst Du die Gelegenheit, nicht nur Deinen eigenen, sondern auch den guten Namen unserer Familie wieder reinzuwaschen. Finde heraus, was wirkliches Glück bedeutet, und enttäusche weder Ihre Majestät noch uns.

Lady Rosamund Ramsay knüllte den Brief ihres Vaters in ihrer behandschuhten Hand zusammen und lehnte sich zurück in die Polster der schwankenden Reisesänfte. Wenn es ihr doch gelänge, die Worte ihres Vaters aus ihren Gedanken zu verbannen! Wenn sie doch nur vergessen könnte, was seit jenen warmen, verheißungsvollen Sommertagen geschehen war! War es wirklich erst wenige Monate her, dass sie nicht mehr fähig war, wie eine Neunzehnjährige zu empfinden? Sie fühlte sich vielmehr wie eine alte Frau, die nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern auch das Wissen um die Natur ihrer Sehnsüchte verloren hatte.

Mit zitternden Händen warf Rosamund die Papierkugel in die kunstvoll bestickte Reisetasche. Ihre Füße waren trotz der Stiefel kalt geworden, und sie schmiegte sie dichter an das Fußöfchen. Aber dieses spendete schon längst keine Wärme mehr, denn von den Kohlestücken in seinem Inneren waren nur noch glimmende Glutreste übrig. Unwillkürlich musste Rosamund an Richard denken und daran, was sie füreinander empfunden hatten – oder zu empfinden geglaubt hatten. Ihr kamen die Küsse in den Sinn, die sie verstohlen im Schutz blühender Hecken getauscht hatten. Dennoch hatte er nicht einen einzigen Versuch unternommen, sie wiederzusehen, nachdem sie von ihren Eltern getrennt worden waren.

Und jetzt schickte man sie fort von Ramsay Castle, ihrem vertrauten Heim, damit sie in den Dienst von Königin Elisabeth trat. Zweifellos glaubten ihre Eltern, dass sie inmitten der Vergnügungen bei Hofe bald auf andere Gedanken kommen und Richard vergessen würde. Sie meinten anscheinend, man könne sie mit glitzerndem Spielzeug besänftigen wie ein weinendes Kleinkind. Außerdem vertrauten sie wohl darauf, dass die Gunst der Königin sowie eine erlesene Auswahl neuer Kleider dazu gereichen würden, einen passenden Mann für sie zu finden. Einen, der besser geeignet war, das Ansehen der Ramsays sowie deren Vermögen zu mehren. Ihre Eltern dachten offensichtlich, in den Augen junger Damen wäre ein ansehnlicher Jüngling wie der andere – und daher leicht auszutauschen.

Sie haben sich geirrt, wenn sie mich für ein schüchternes Mäuschen halten, dachte Rosamund. Sie ahnten ja nicht, dass ihre Tochter wie eine Löwin für das, was sie von ganzem Herzen begehrte, zu kämpfen vermochte. Doch im Moment konnte sie selbst nicht sagen, wonach sie sich wirklich sehnte …

Rosamund schob die Vorhänge des Sänftenfensters zur Seite, um einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft zu werfen. Ihre Eltern waren entschlossen gewesen, sie so schnell wie möglich von zu Hause fortzuschicken, und hatten sie daher gleich nachdem sie den Brief der Königin erhalten hatten, nach London aufbrechen lassen – und das mitten im tiefsten Winter. Entlang der schmalen, vom Frost zerfurchten Straße schienen die kahlen Bäume ihre Zweige wie die knöchernen Finger eines Skeletts dem dunkelgrauen Himmel entgegenzustrecken. Obwohl es im Augenblick ausnahmsweise einmal nicht schneite, türmte der Schnee sich am Wegesrand.

Eiskalter Wind schüttelte die Baumwipfel. Die berittenen Wächter und Jane, ihre Kammerjungfer, die auf dem Gepäckwagen mitreiste, mussten der Kälte lediglich in ihre Mäntel gehüllt trotzen. Rosamund hatte ihre Begleiter kein Wort miteinander reden hören, seit sie den Gasthof, in dem sie die vergangene Nacht verbracht hatten, hinter sich gelassen hatten. Wie es schien, würden sie bis zu ihrer Ankunft in London weiter schweigen.

London. Das schien so unglaublich weit weg zu sein. Die Vorstellung von knisternden Kaminfeuern in Whitehall Palace kam ihr genauso unwirklich vor wie die verblassende Erinnerung an den gemütlichen Gasthof der letzten Nacht. Ihre Welt bestand einzig aus der unwegsamen Straße, dem Schnee sowie dem niemals nachlassenden Wind, dessen Kälte selbst ihren pelzverbrämten Mantel und das wollene Kleid durchdrang.

Rosamund fühlte sich von der Trauer und der Einsamkeit dieses trostlosen Tages überwältigt. Sie hatte nicht nur von ihren Eltern und ihrem Zuhause Abschied nehmen müssen, sondern auch von Richard und dem zarten Liebesband, das sich zwischen ihnen entsponnen hatte. Ganz allein auf sich gestellt, trat sie nun in ein neues Leben in einer völlig fremden Umgebung ein. Sollte ihr nur ein einziger Fehler unterlaufen, so musste sie fürchten, dass man ihr die Rückkehr nach Ramsay Castle auf ewig verwehren würde.

Sie nahm einen tiefen Atemzug von der eisigen Luft und straffte entschlossen die Schultern. Nichtsdestotrotz war sie eine Ramsay, und die Ramsays gaben nicht so leicht auf! Ihre Familie hatte bisher die Launen der Herrscher aus dem Geschlecht der Tudors unbeschadet überstanden – und zudem einen Titel und ein stattliches Anwesen vorzuweisen. Da sollte es ihr zweifellos gelingen, das Leben am Hofe von Königin Elisabeth zu meistern, ohne sich weiteren Ärger einzuhandeln!

Vielleicht kam schon bald Richard, um sie zu retten und ihr seine Liebe zu beweisen. Dann galt es lediglich, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass er doch keine so schlechte Partie war.

Rosamund lehnte sich ein Stück weit aus der Sänfte hinaus, um nach dem Gepäckwagen Ausschau zu halten, der ihr auf dem holprigen Weg folgte. Dort saß Jane, eingezwängt zwischen Kisten und Truhen, seit sie vor mehreren Stunden den Gasthof verlassen hatten. Vermutlich fühlte sie sich nicht besonders wohl, ihr musste erbärmlich kalt sein. Sogar sie selbst fror, obwohl sie in wärmende Kleidung gehüllt war und auf weichen Kissen saß. Mit einem Male war ihr ziemlich kläglich zumute, sodass sie dem Hauptmann ihrer Leibwache mit einem Handzeichen bedeutete, dass sie anzuhalten wünschte.

Jane sprang umgehend von ihrem Platz auf und eilte herbei, um Rosamund beim Aussteigen behilflich zu sein. „Oh, Mylady!“, stieß sie atemlos hervor, während sie sich mit dem weißen Wollmantel und den Handschuhen ihrer Herrin abmühte. „Ihr müsst ja völlig durchgefroren sein! Was für eine unpassende Jahreszeit, um eine solche Reise zu unternehmen!“

„Es ist durchaus in Ordnung, Jane“, versuchte Rosamund sie zu trösten. „Wir haben London bald erreicht. Sicher werden wir nirgendwo einen wärmeren und angenehmeren Ort finden als den Hof der Königin. Stell dir bloß einmal die knisternden Feuer vor! Den knusprigen Braten, den erlesenen Wein und das süße Naschwerk! Ganz zu schweigen von sauberer Bettwäsche und wärmenden Decken.“

„Wenn wir bloß diese furchtbare Reise überstehen, Mylady“, entgegnete Jane seufzend. „Das ist wahrlich der strengste Winter, den ich je erlebt habe.“

Rosamund überließ es ihrer Kammerjungfer, die Kissen aufzuschütteln, und begab sich zu einer dichten Baumgruppe am Wegesrand. Jane gegenüber hatte sie vorgegeben, einem unaufschiebbaren Bedürfnis nachkommen zu müssen. In Wahrheit sehnte sie sich nur nach einem Moment der Stille ohne das lästige Geschaukel der Sänfte.

Als ihre Stiefel in den tiefen Schnee einsanken und sie über vereiste Pfützen rutschte, bereute sie fast ihre Entscheidung. Bald darauf verlor sie ihre Reisegesellschaft aus den Augen, denn die Bäume des Wäldchens standen dicht an dicht. Das Astwerk wurde immer undurchdringlicher, sodass sie sich beinahe in einem verzauberten Märchenwald wähnte. Sie hatte eine unbekannte Welt betreten, in der sie völlig auf sich allein gestellt war – und in der es keinen Ritter gab, der heldenhaft zu ihrer Rettung herbeieilen würde.

Plötzlich verspürte Rosamund einen unbändigen Drang nach Freiheit – sie wollte die Natur, die Kälte und den Wind mit allen Sinnen erfahren. Schon schob sie die Kapuze zurück und nahm ihre Haube ab, sodass ihr langes silberblondes Haar vom Wind erfasst wurde und ihre Schultern umwehte. Sie sah zum Himmel hinauf, über den sturmgepeitschte Winterwolken jagten. Nicht mehr lange und London mit seinen vielen Menschen und seinem lautem Treiben würde diese wundervolle Ruhe zunichtemachen. Dann würde sie sich nicht mehr in aller Stille ihren Gedanken hingeben können. Sie würde das Rauschen des Windes, das Knacken der kahlen Zweige und das Lachen nicht mehr genießen können, so wie sie es jetzt tat.

Das Lachen? Angestrengt lauschte Rosamund. War sie möglicherweise doch in ein Märchenland geraten, das von Waldfeen und anderen wundersamen Geschöpfen bevölkert war? Abermals vernahm sie trotz des heulenden Windes fröhliches Gelächter und Stimmengewirr, welches eindeutig menschlichen Ursprungs zu sein schien. Gebannt folgte sie dem verlockenden Klang bis zu einer Lichtung. Dort betrachtete sie verwundert das seltsame Geschehen, das sich ihren Augen darbot. Vor ihr lag ein kleiner See, dessen Oberfläche von silbrig glänzendem Eis überzogen war. Am Ufer loderte ein knisterndes Lagerfeuer, und Rosamund meinte förmlich, die Wärme der rotgoldenen Flammen an ihren eigenen kalten Wangen zu spüren.

Vier Personen in prächtigen pelzverbrämten Gewändern – zwei Männer und zwei Frauen – waren um das Feuer versammelt. Lachend unterhielten sie sich, tranken Wein und rösteten an langen Spießen Fleisch über dem offenen Feuer. Auf der Mitte des Sees entdeckte sie eine weitere Gestalt, die über die gefrorene Wasserfläche glitt.

Fasziniert beobachtete Rosamund die anmutigen Bewegungen, mit denen der schlanke Mann formvollendete Kreise zog. Er war lediglich mit einem schwarzen Samtwams und ledernden Kniehosen bekleidet. Immer schneller und schneller drehte er sich im Kreis und schien schließlich nur noch ein verschwommener Schatten auf der glänzenden Eisfläche zu sein. Allmählich wurde er wieder langsamer, bis er – einem Gott des Winters gleich – am Ende völlig bewegungslos auf dem Eis stand.

Alles um Rosamund herum – die Böen des eisigen Windes, die dahinjagenden Wolken am Himmel – schien ebenfalls zum Stillstand gekommen zu sein.

„Anton!“, rief eine der Damen und klatschte begeistert in die behandschuhten Hände. „Das war ganz und gar erstaunlich!“

Der Mann auf dem Eis verbeugte sich voller Anmut, bevor er zu einer eleganten Rückwärtsdrehung ansetzte, um langsam auf das Ufer zuzugleiten.

„Aye, Anton ist in der Tat ganz erstaunlich“, bestätigte einer der Männer am Feuer. Er sprach mit nordischem Akzent. „Ein erstaunlich eitler Pfau, der sich vor den Damen aufzuplustern beliebt.“

Der Eisläufer – Anton? – lachte, als er das verschneite Ufer erreichte. Er setzte sich auf einen Baumstumpf, um die eisernen Kufen von seinen Stiefeln zu lösen. Dabei fiel ihm eine Locke seines tiefschwarzen Haares in die Stirn.

„Höre ich da etwa Neid heraus, Johan?“, fragte er mit demselben fremdartigen Akzent. Trotz seiner kunstvollen Darbietungen auf dem See war er kein bisschen außer Atem.

Johan stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Euch um Eure affigen Eskapaden auf dem Eis beneiden? Das kann ich wohl entschieden verneinen!“

„Oh, ich bin sicher, dass Anton nicht nur auf dem Eis Vortreffliches leistet“, gab eine der Damen säuselnd zu verstehen und füllte einen Kelch mit Wein, den sie dem Eisläufer brachte. Sie war von großem Wuchs und auffallender Schönheit. Ihr dunkelrotes Haar bildete einen reizvollen Kontrast zum Weiß der Schneelandschaft. „Habe ich nicht recht?“

„In Stockholm würde kein Gentleman jemals einer Dame widersprechen, Lady Essex“, erwiderte Anton mit charmantem Lächeln und erhob sich, um den dargebotenen Kelch entgegenzunehmen.

„Was pflegt man sonst noch so in Stockholm zu tun?“, erkundigte sich die Lady in einem koketten Tonfall.

Lachend nahm Anton einen langen Zug von dem Wein. Als er sich umwandte, kam Rosamund nicht umhin zuzugeben, dass er außerordentlich stattlich war. Keineswegs der Pfau, als den sein Begleiter ihn geschimpft hatte – dafür war seine Kleidung viel zu dezent. Eine Perle im Ohrläppchen war sein einziger Schmuck. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Richard, dessen englische Abstammung deutlich an dem blonden Haar und dem robusten Körperbau zu erkennen war. Dieser Anton war jedoch auf seine fremdländische Weise zweifellos ein überaus gut aussehender Mann.

Sein schlanker Körper zeugte von der Sportlichkeit, die er eben auf dem Eis unter Beweis gestellt hatte. Sein lockiges rabenschwarzes Haar fiel über den Kragen seines Wamses. Energisch schob er es beiseite und gab somit den Blick frei auf hohe Wangenknochen und dunkle Augen – die er erstaunt aufriss, als er Rosamund entdeckte, die ihn unverwandt anstarrte. Er reichte Lady Essex den leeren Kelch und schritt leichtfüßig auf Rosamund zu. Obwohl diese sich am liebsten sofort umgewandt hätte und in den Wald geflohen wäre, schienen ihre Füße plötzlich im Boden verwurzelt zu sein. Sie war weder imstande zu fliehen, noch den Blick von Anton abzuwenden.

„Sieh da, sieh da“, sagte der Eisläufer, und ein leichtes Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen. „Wen haben wir denn hier?“

Das brachte Rosamund vollends aus der Fassung. Mit einem Mal fühlte sie sich wie ein einfältiges Bauernmädchen. Endlich erwachte sie aus ihrer Starre, machte auf dem Absatz kehrt und ergriff die Flucht. Der Klang von Antons tiefem Lachen begleitete sie auf dem Weg zurück, bis sie sich in die Sicherheit ihrer Sänfte geflüchtet hatte.

2. KAPITEL

Nun ist es nicht mehr weit, Lady Rosamund“, versprach der Hauptmann der Leibwache. „Aldgate liegt dort vorne.“

Rosamund gelang es nur allmählich, die Benommenheit des Schlafes abzuschütteln. Die Kälte hatte sie in einen seltsamen Traumzustand versetzt, in dem ihre Gedanken um den geheimnisvollen Anton gekreist waren. Anton, der wie eine Märchengestalt voller Anmut und Schönheit, die nicht von dieser Welt zu sein schien, über das Eis gewirbelt war. Hatte sie ihn wahrhaftig gesehen, oder hatte sie lediglich von ihm geträumt?

Ob Wirklichkeit oder Traum, so viel stand fest: Sie hatte sich wie ein kleines dummes Mädchen benommen, als sie gleich einem verängstigten Häschen vor ihm davongelaufen war. Warum hatte sie das eigentlich getan? Aus Furcht? Aye, möglicherweise hatte sie befürchtet, einem geheimnisvollen Winterzauber anheimzufallen und sich von dem fremden Mann in seinen Bann schlagen zu lassen. Mit Richard war ihr dieser Fehler unterlaufen – noch einmal würde ihr dies nicht passieren.

„Du bist wahrhaftig ein törichtes Mädchen“, schalt sie sich leise, „zweifellos wird Königin Elisabeth dich umgehend wieder nach Hause schicken.“

Sie schob die Vorhänge der Sänfte beiseite und sah neugierig hinaus in das trübe Grau des Tages. Vor ihr befand sich tatsächlich Aldgate, das östliche Tor Londons. Während sie vor sich hingeschlummert hatte, hatten sie die ländliche Gegend hinter sich gelassen und eine völlig andere Welt betreten – die laute und lebhafte Welt Londons. Nachdem ihr kleiner Tross das Stadttor passiert hatte, war er augenblicklich von einem Strom geschäftiger Menschen umgeben. Karren und Kutschen ratterten vorbei, Pferde, Maultiere und Fußgänger schlidderten über das vereiste Pflaster. Die Luft war durchdrungen von Rufen und Schreien. Rosamund kam es wie eine einzige Dissonanz von Tönen und Lauten vor.

Sie war als Kind das letzte Mal in London gewesen. Ihre Eltern gaben dem Leben auf dem Lande den Vorzug, und die seltenen Male, die ihr Vater am Hof hatte erscheinen müssen, war er allein gereist. Selbstverständlich war sie nach der weltoffenen Art des elisabethanischen Hofes erzogen worden, wenn es um Mode, Tanz, Konversation und Musik ging. Doch gleich ihren Eltern gab Rosamund der Ruhe des Landlebens den Vorzug, den stillen Tagen voller Muße zum Lesen und Nachdenken. Besonders nach all den einsamen Wegen und Hainen ihrer Heimat, die sie nur vom Gesang der Vögel begleitet durchstreift hatte, war London einfach erstaunlich. Völlig fasziniert sah Rosamund nach draußen.

Auf den dicht belebten Straßen kamen sie nur langsam voran. Das ohnehin schon schwache Licht des grauen Tages wurde von den hohen, dicht beieinanderstehenden Fachwerkhäusern fast gänzlich verschluckt. Die spitzen Dächer ragten hoch über die Straße, während auf Höhe des Fußweges die Fensterläden der Geschäfte offen standen und reiche Auslagen feilboten: Da entdeckte Rosamund Schleifen und Handschuhe, Schmuck aus feinstem Gold und Silber und wundervolle in Leder gebundene Bücher, die sie mehr als alles andere fesselten. All diese Dinge schimmerten im Dämmerlicht, bevor sie sie im Vorbeiziehen wieder aus dem Blick verlor.

Und dieser Geruch! Sie presste den pelzverbrämten Saum ihres Mantels an die Nase. Ihre Augen tränten, als sie versuchte, tief Luft zu holen. Glücklicherweise stand ihr das kalte Wetter bei, denn der Latrinengraben in der Mitte der Straße war nahezu zugefroren und bot mit seiner Mischung aus Eis und Abfällen einen seltsamen Anblick. Dennoch hing der Gestank von verrottendem Gemüse, Pferdeäpfeln und sonstigem Unrat, der achtlos aus den Fenstern auf die Straße gekippt wurde, in der Luft. Dieses ekelhafte Gemisch wurde überlagert von den verlockenden Düften gebratenen Fleisches, gebrannter Nüsse und heißen Apfelmosts sowie dem Rauch der Kamine.

Im vergangenen Jahr hatte die Pest furchtbar gewütet, doch angesichts der hier versammelten Menschenmenge schien dies keine nennenswerten Auswirkungen auf die Londoner Bevölkerung gehabt zu haben. Jeder schubste und schob sich den Weg frei, um seinen Geschäften nachzugehen und auf dem Kopfsteinpflaster und dem gefrorenen Schneematsch hin und her zu hasten.

Ein paar Bettler in zerlumpter Kleidung machten Anstalten, sich der Sänfte zu nähern, aber die Wachen hielten sie auf Abstand.

„Aus dem Weg, Gesindel!“, rief der Hauptmann. „Dies ist eine Ehrendame der Königin!“

Besagte Ehrendame beobachtete indes alles so erstaunt, als wäre sie eine Melkerin vom Lande. In diesem Moment fiel ihr der Grund ihrer Anwesenheit in der Stadt wieder ein, und sie sank unvermittelt in die Kissen zurück: Sie war nicht hierhergekommen, um die Menschen und Geschäfte zu bestaunen, sondern um ihre Pflichten bei Hofe zu versehen. Mit jedem Atemzug kam sie Whitehall Palace unaufhaltsam näher.

Rosamund nahm einen kleinen Spiegel aus ihrer Reisetasche und betrachtete sich bestürzt darin. Nach ihrem Ausflug in den kleinen Wald hatte sie die silberblonden Haarsträhnen, die stets einen eigenen Willen zu haben schienen, nur flüchtig unter die Haube gesteckt – und das sah man ihnen an. Ihre Wangen waren vor Kälte gerötet, und den zahlreichen Nächten, in denen sie kaum geschlafen hatte, waren die roten Ränder um ihre Augen anzulasten. So ähnelte sie mehr einem Waldgeist denn einer Lady!

„Vermutlich hoffen meine Eltern vergebens, dass ich eine gute Partie bei Hofe mache“, murmelte sie, während sie, so gut es eben ging, ihr Haar zu ordnen versuchte. Sie setzte einen federbesetzten Samthut auf die Haube und strich den Stoff ihrer Handschuhe an den Handgelenken glatt. Nachdem sie mit ihrem Äußeren wieder zufriedener sein konnte, sah sie abermals nach draußen. Mittlerweile hatten sie das dichteste Gedränge hinter sich gelassen und näherten sich endlich Whitehall Palace, der Hauptresidenz der englischen Königin.

Der größte Teil des imposanten Bauwerkes lag zwar hinter Mauern verborgen, aber aus Büchern und den Erzählungen ihres Vaters wusste Rosamund, was sich dahinter befand: große Bankettsäle, prunkvolle Räume und wunderschöne Gärten mit Labyrinthen, Zierbrunnen und Blumenbeeten. Und alles wurde bevölkert von prächtig gekleideten, neugierigen und schwatzenden Höflingen.

Rosamund holte tief Luft, denn plötzlich war ihr ganz schwach zumute. Sie schloss die Augen und versuchte, an etwas anderes zu denken, zur Not auch an Richard – nur nicht an das, was sie hinter diesen Mauern erwarten mochte.

„Mylady?“, sprach ihr Hauptmann sie an. „Wir sind angekommen.“

Als sie die Augen öffnete, sah sie, dass er vor der stehenden Sänfte wartete und Jane hinter ihm bereitstand. Rosamund nickte und reichte ihm die Hand, sodass er ihr beim Aussteigen behilflich sein konnte.

Einen Augenblick lang kam es ihr so vor, als würde der Boden unter ihren Füßen schwanken. Der Wind am Fuße des Treppenaufgangs, der von dem schmalen Weg im St. James Park zum Eingang der lang gestreckten Privy Gallery führte, war schneidend kalt. Hier gab es weder Menschenmengen noch dicht beieinanderstehende Gebäude – einzig und allein dieses Treppenhaus, ein monumentales Bauwerk aus Ziegeln und Steinen. Auch den fürchterlichen Gestank hatten sie hinter sich gelassen, stattdessen roch es in dem Park nach Rauch und Frost – eindeutig ein gutes Omen, wie Rosamund fand.

„Oh, Mylady!“, rief Jane bekümmert aus und strich über den Mantel ihrer Herrin. „Euer Umhang ist ja völlig zerdrückt!“

„Das ist nicht von Bedeutung, Jane“, antwortete Rosamund. „Wir haben schließlich eine lange Reise hinter uns. Niemand erwartet, dass wir in dieser Aufmachung sogleich an einem königlichen Festmahl teilnehmen.“ Das hoffte sie zumindest, denn eigentlich wusste sie nicht im Entferntesten, was sie hier erwarten würde. Seitdem sie diesen Anton auf dem Eis gesehen hatte, war sie von dem Gefühl erfüllt, ein neues Leben zu beginnen, das ihr gänzlich fremd und unbekannt war.

Das dumpfe Geräusch bedächtiger Schritte auf Steinstufen ließ sie aufblicken. Sie sah eine Dame die Treppe herunterkommen. Dass es sich dabei nicht um eine Bedienstete handelte, war an der feinen dunkelgrünen Wollrobe mit gelbem Rüschenkragen sowie an dem gelben Seidenstoff, der unter den geschlitzten Ärmeln hervorblitzte, unschwer zu erkennen. Graue Strähnen durchzogen das braune Haar unter der grünen Haube, und das blasse, faltige Gesicht der Frau hatte einen vorsichtigen und wachsamen Ausdruck. Anscheinend gehörte sie dem Hof schon für längere Zeit an.

Vorsichtig und wachsam – das sollte ich auch besser sein, dachte Rosamund. Zwar war sie lediglich mit dem Leben auf dem Land vertraut, aber sie wusste sehr wohl um die Stolpersteine des höfischen Lebens.

„Lady Rosamund Ramsay?“, sprach die Frau sie an. „Ich bin Blanche Parry, die zweite Hofdame Ihrer Majestät. Willkommen in Whitehall.“

Rosamund bemerkte den Bund glänzender Schlüssel, den die ältere Frau an der Hüfte trug. Sie hatte gehört, dass Blanche Parry in Wahrheit die erste Hofdame war, seitdem Kat Ashley – die eigentlich diesen Titel innehatte – alt und krank geworden war. Mistress Ashley und die Parrys kannten die Königin schon seit ihrer Kindheit. Ihnen entging nichts, was bei Hofe geschah. Sicherlich wäre es nicht ratsam, ihre Missgunst auf sich zu ziehen.

Rosamund machte einen Knicks und hoffte, dass ihre müden Beine ihr nicht den Dienst versagten. „Sehr erfreut, Mistress Parry. Es ist mir eine große Ehre, hier zu sein.“

Blanche Parry verzog die blassen Lippen zu einem ironischen Lächeln. „Und das sollte es Euch auch – obwohl ich befürchte, dass Ihr schon bald anders darüber denken werdet. Wir werden Euch sehr beschäftigt halten, Lady Rosamund, denn das Weihnachtsfest steht bevor. Es ist der Wunsch Ihrer Majestät, dass der Festtagsschmuck in diesem Jahr besonders prächtig ausfallen soll.“

„Ich mag das Weihnachtsfest wirklich sehr, Mistress Parry“, erwiderte Rosamund. „Und ich freue mich darauf, Ihrer Majestät dienen zu dürfen.“

„Ausgezeichnet. Ich bin angewiesen, Euch augenblicklich zu Ihr zu bringen.“

„Augenblicklich?“, rief Rosamund entsetzt aus. Sollte sie der Königin in der zerknitterten Reisekleidung gegenübertreten? Sie sah unauffällig zu Jane hinüber, die ebenso bestürzt wirkte. Seit Tagen hatte sie geplant, welches Gewand, welche Ärmel und welche Frisur ihre Herrin tragen sollte, wenn sie Königin Elisabeth das erste Mal gegenübertrat.

Mistress Parry hob die Augenbrauen. „Wie ich bereits erwähnte, Lady Rosamund, sind wir um diese Jahreszeit überaus beschäftigt. Ihre Majestät legt größten Wert darauf, dass Ihr Euren Dienst unverzüglich antretet.“

„Selbst…selbstverständlich, Mistress Parry. Was immer Ihre Majestät wünscht.“

Mistress Parry nickte und wandte sich wieder dem Treppenaufgang zu. „Wenn Ihr mir dann bitte folgen würdet? Man wird sich um Eure Bediensteten kümmern.“

Bevor sie hinter Mistress Parry hereilte, nickte Rosamund aufmunternd in Janes Richtung. An diesem Ende war die Privy Gallery, einer der Hauptkorridore von Whitehall Palace, zu dem die Öffentlichkeit keinen Zutritt hatte, schmucklos und still. Dunkle Wandbehänge dämpften die Geräusche von drinnen und draußen gleichermaßen. Ein paar Menschen hasteten an ihnen vorbei, waren aber offensichtlich zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um Rosamund Beachtung zu schenken.

Sie schritten den Gang entlang, der zwischen den mit Zinnen versehenen Türmen des Holbein Gates über einen Weg führte, und befanden sich kurz darauf im Haupttrakt des Palastes. Durch ein geöffnetes Fenster sah man auf den verschneiten Turnierplatz. Die blau-goldene Bogendecke über ihnen kam einem freundlichen Farbtupfer an diesem grauen Tag gleich, und der dicht gewebte Teppich wärmte den Boden unter ihren Füßen und dämpfte ihre Schritte.

Rosamund wusste gar nicht, wo sie zuerst hinsehen sollte. In Samt und Seide gekleidete Höflinge, Männer und Frauen gleichermaßen, standen bei den Fenstern und unterhielten sich leise. Ihre Worte und ihr Lachen hallten wie liebliche Musik von den getäfelten Wänden wider. Neugierig sahen sie ihr hinterher, und sie selbst hätte nur zu gerne ihre Blicke erwidert.

Doch gab es noch so viel anderes Erstaunliches zu sehen. Neben den Wandteppichen hingen Porträts von der Königin und ihren Verwandten sowie Stillleben mit Blumen und Früchten. Daneben befanden sich Vitrinen mit den seltsamsten Kuriositäten, die von den zahlreichen Herrschern über die Jahrhunderte hinweg gesammelt worden waren: eine Spieluhr, die einen Äthiopier darstellte, der auf einem Rhinozeros ritt, Büsten von Caesar und von Attila dem Hunnen, Kristalle und Kameen sowie eine gestickte Landkarte Englands, die von einer der zahlreichen Stiefmütter der Königin gefertigt worden war. Und in derselben Galerie ein Gemälde der Familie Heinrichs VIII.

Gleichwohl blieb Rosamund keine Zeit, auch nur eines der Ausstellungsstücke näher zu betrachten. Mistress Parry führte sie einen weiteren Korridor entlang, an dessen Seiten sich verschlossene Türen befanden. Im Vergleich zu der prächtigen Privy Gallery war es hier ruhig und dunkel.

„Einige Damen der Königin haben hier ihre Schlafzimmer“, erklärte Mistress Parry. „Das Dormitorium der Ehrendamen befindet sich dort hinunter.“

Verstohlen warf Rosamund einen Blick in die Richtung, wo ihre eigene Unterkunft lag, bevor sie schon in den nächsten Gang geleitet wurde. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich jemals in diesem Labyrinth zurechtfinden sollte, ohne sich ständig zu verirren. In dem Bereich, den sie jetzt betraten, hingen prunkvolle Teppiche an den Wänden. Hier hielten sich noch eleganter gekleidete Höflinge, Wachen in der rot-goldenen Livree der Königin sowie Dienstboten auf, die Päckchen und Tabletts trugen.

„Hier bei den Privatgemächern der Königin befindet sich die Privy Chamber“, erklärte Mistress Parry und nickte einigen Menschen zu, an denen sie vorbeikamen. „Wenn Ihre Majestät Euch mit einer Nachricht für jemanden beauftragen sollte, dann findet Ihr diese Person bestimmt hier.“

Rosamund betrachtete all die plaudernden Menschen, die an den Tischen entlang der Wand Karten spielten oder sich unterhielten. Sie alle wirkten unbekümmert und müßig. Jedoch verrieten ihr deren aufmerksame Blicke, dass ihnen nichts entging.

„Wie soll ich denjenigen denn erkennen?“, murmelte sie besorgt.

Mistress Parry lachte. „Oh, glaubt mir, Lady Rosamund, schon bald werdet Ihr die hier Anwesenden zu unterscheiden wissen.“

Ein Mann trat aus der nächstliegenden Kammer. Er war groß, schlank und dunkelhaarig und trug ein glänzendes pfauenblaues Wams. Obwohl er niemanden zu beachten schien, traten ihm alle schleunigst aus dem Weg, als er an ihnen vorbeiging.

„Das ist der Erste, den Ihr Euch merken müsst“, sagte Mistress Parry. „Der Earl of Leicester, wie er seit dem Herbst heißt.“

„Wirklich?“ Rosamund sah über ihre Schulter zurück, aber die dunkle Gestalt war bereits aus ihrer Sicht entschwunden. Das war also der berühmte Robert Dudley, der mächtigste Mann am Hof! „Er hat nicht sehr zufrieden gewirkt“, bemerkte Rosamund.

Traurig schüttelte Mistress Parry den Kopf. „Er ist ein wahrer Gentleman, Lady Rosamund, aber in der letzten Zeit bereiten ihm viele Sorgen Ungemach.“

„Tatsächlich?“ Rosamund hatte eigentlich gedacht, dass er mittlerweile über den mysteriösen Tod seiner Frau hinweggekommen sei. Auf der anderen Seite gab es vermutlich ständig Ungemach für einen so vornehmen und ehrgeizigen Mann wie Robert Dudley. „Und das wäre …?“

„Ich bin sicher, dass Euch das früh genug zu Ohren kommen wird“, erwiderte Mistress Parry ungehalten. „Kommt hier entlang.“

Rosamund folgte ihr aus der belebten Privy Chamber in einen kleineren Raum mit kostbaren Musikinstrumenten und dann in einen weiteren, der ganz offensichtlich als Esszimmer diente. Erlesene, mit Schnitzereien verzierte Tische sowie prunkvolle Polsterstühle und mit Tabletts beladene Anrichten waren vor einer dunkel getäfelten Wand aufgereiht. Rosamund erhaschte auf dem weiteren Weg einen Blick in eine verheißungsvoll wirkende Bibliothek, aber auch hier wurde sie vorbeigeführt und durch das verlassene Audienzzimmer geleitet, bis sie das Schlafgemach der Königin erreichten.

Plötzlich spürte Rosamund wieder die Angst, die sie vorübergehend beim Anblick der kostbaren Einrichtung und Lord Leicesters vergessen hatte. Mit einem Mal wurde ihr eiskalt, und sie griff fest nach dem Pelzbesatz an ihrem Mantel. Sie hoffte inständig, nicht ohnmächtig oder auf andere Weise unpässlich zu werden.

Die Schlafkammer war nicht besonders groß und recht dunkel, da es lediglich ein Fenster gab. Rote Vorhänge aus schwerem Samt waren zur Seite gezogen und gaben den Blick frei auf eine vertikal unterteilte Glasscheibe. Im Kamin brannte knisternd ein Feuer und warf einen rot-orangefarbenen Schein in den Raum.

Das Bett, das auf einem Podest stand, bildete den Mittelpunkt des Gemachs. Es bestand aus verschiedenen Holzarten, die sich zu einem komplizierten Intarsienmuster verbanden. Dies allein machte es schon zu einem Kunstwerk, doch aufwendige Schnitzereien ließen es noch wertvoller erscheinen. Auf der Schlafstatt stapelten sich Decken und Kissen aus Samt und Satin. Die schwarzen Samtvorhänge waren mit Goldfäden durchwirkt und mit dicken goldfarbenen Kordeln zurückgebunden. In der Nähe des Fensters stand ein Frisiertisch, auf dem sich Flakons und Schälchen aus wertvollem venezianischem Glas aneinanderreihten. Dahinter befand sich ein verschlossener Lackschrank. Nur wenige Stühle und Kissen waren im Raum verteilt, auf denen Damen in schwarzen, weißen, goldenen und grünen Gewändern saßen. Obwohl sie alle schweigend lasen oder nähten, sahen sie auf, als Rosamund den Raum betrat.

An einem kleinen Tisch neben dem Fenster saß eine Dame und schrieb – es konnte sich dabei nur um Königin Elisabeth handeln, die einunddreißig Jahre zählte und in ihrem sechsten Regierungsjahr stand. Ihr rotgoldenes Haar war zu Locken gedreht und unter einer kleinen roten Samtkappe mit Perlenbesatz festgesteckt. In dem dämmerigen Licht erinnerte seine Farbe an einen Sonnenuntergang. Wie auf ihren Porträts hatte Elisabeth eine feine blasse Haut und ein spitzes Kinn. Ihr Mund ähnelte einer Rosenknospe; indes waren die Mundwinkel konzentriert nach oben gezogen, während sie schrieb. Anders als auf den Gemälden schien von der Königin jedoch eine Aura reiner Energie auszugehen, welche sie wie ein helles Licht umgab. Ein Ausdruck von Aufmerksamkeit lag fortwährend in ihren dunklen Augen – Augen, die denen ihrer Mutter Anne Boleyn glichen, deren Porträt auf der rechten Seite des Bettes hing.

Königin Elisabeth sah auf, die Schreibfeder noch in der Hand. „Das muss Lady Rosamund sein“, sagte sie mit tiefer sanfter Stimme im gebieterischen Tonfall. „Wir haben Euch bereits erwartet.“

„Eure Majestät.“ Rosamund versank in einem tiefen Knicks. Zu ihrer großen Erleichterung war weder an ihren Worten noch an ihrem Gruß etwas zu bemängeln – und das, obwohl sich ihre Kehle wie ausgetrocknet anfühlte. „Meine Eltern lassen Euch ehrerbietig ihre Grüße übermitteln. Es ist uns allen eine große Ehre, Euch dienen zu dürfen.“

Elisabeth nickte und erhob sich langsam von ihrem Sessel. Über ihrem Kleid trug sie einen weiten dunkelroten Mantel, der mit Gold verziert war. Der Pelzkragen wurde als Zugeständnis an den kalten Tag mit einer Perlenbrosche fest zusammengehalten. Als die Königin ihr die beringte Hand entgegenstreckte, bemerkte Rosamund an den schlanken weißen Fingern Tintenflecke.

Rasch küsste sie die ihr dargebotene Hand und wurde anschließend von der Königin emporgezogen. Zu ihrem Entsetzen hielt Elisabeth sie am Arm fest und zog sie dichter zu sich heran. Die Königin roch angenehm nach Lavendelseife, den Duftkugeln mit Blütenaroma, die an ihrer Taille hingen, und nach kandierten Zitronenschalen. In diesem Moment wurde sich Rosamund ihres eigenen Äußeren bewusst, das von der Reise arg in Mitleidenschaft gezogen worden war.

„Wir freuen uns darüber, Euch an unserem Hof begrüßen zu dürfen, Lady Rosamund“, sagte die Königin und musterte sie sorgfältig. „Kürzlich haben wir unglücklicherweise einige Unserer Damen verloren, dabei steht das Weihnachtsfest kurz bevor. Wir hoffen, dass Ihr willens seid, uns bei den Feierlichkeiten behilflich zu sein.“

An Feierlichkeiten hatte Rosamund in der letzten Zeit kaum gedacht, aber als sie jetzt den festen Blick der Königin auf sich spürte, hätte sie vermutlich allem zugestimmt.

„Selbstverständlich, Eure Majestät“, erwiderte sie. „Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest auf Ramsay Castle haben mir stets sehr viel Vergnügen bereitet.“

„Ich bin erfreut, das zu hören“, sagte die Königin. „Meine teure Kat Ashley, befindet sich nicht bei bester Gesundheit. Es scheint, als würde sie mehr und mehr in den Erinnerungen leben. Ich möchte sie daher an die freudigen Weihnachtsfeste ihrer Jugendzeit erinnern.“

„Ich hoffe, Euch dabei von Nutzen sein zu können, Madam.“

„Dessen bin ich mir sicher.“ Die Königin löste sich endlich von Rosamunds Arm und kehrte an ihren Schreibtisch zurück. „Sagt, Lady Rosamund, wünscht Ihr zu heiraten? Ihr seid in der Tat sehr hübsch und sehr jung. Seid Ihr an meinen Hof gekommen, um nach einem passablen Ehemann Ausschau zu halten?“

Rosamund hörte, wie eine der anderen Damen tief Luft holte. Auf einmal herrschte vollkommene Stille und eine äußerst angespannte Atmosphäre im ganzen Raum. Sie dachte an Richard, seine schönen blauen Augen und seine wertlosen Versprechen. „Nein, Majestät“, entgegnete sie ehrlich. „Ich bin nicht hierhergekommen, um einen Gemahl zu finden.“

„Es freut mich überaus, dies zu hören.“ Königin Elisabeth faltete anmutig die Hände über den Papieren auf dem Tisch. „Die Ehe kann von Nutzen sein, aber ich wünsche nicht, dass eine meiner Damen in ihre Fänge gerät. Ich muss ihrer äußersten Loyalität und Ehrlichkeit versichert sein können, oder es hat Folgen – wie meine eigensinnige Cousine Katherine am eigenen Leib erfahren musste.“

Rosamund schluckte, als sie sich an die Gerüchte über Katherine Grey erinnerte, die sogar bis Ramsay Castle vorgedrungen waren. Heimlich hatte jene Dame Lord Hertford geheiratet und war daraufhin im Tower festgesetzt worden, wo sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Ganz gewiss will ich nicht auf dieselbe Weise enden, dachte Rosamund entsetzt.

„Ich wünsche, allein Euch zu dienen, Eure Majestät“, antwortete sie.

„So soll es denn sein. Heute Abend könnt Ihr alsbald damit beginnen“, befand die Königin. „Wir geben ein Fest zu Ehren der schwedischen Delegation, und ich wünsche, dass Ihr uns Gesellschaft leistet.“

Ein Fest? Jetzt schon? Abermals machte Rosamund einen Knicks. „Selbstverständlich, Eure Majestät.“

Endlich wandte Elisabeth den Blick von ihr ab und nahm ihre Schreibarbeit wieder auf. „Dann geht und ruht Euch bis dahin aus. Mistress Percy, eine meiner Ehrendamen, wird Euch Euer Quartier zeigen.“

Eine zierliche junge Frau am Kamin erhob sich. Sie war außerordentlich hübsch, hatte brünettes Haar und wirkte überdies lebhaft und aufgeweckt. Ihr Kleid war aus weißer Seide, darüber trug sie eine ärmellose Robe aus schwarzem Samt.

Ein letztes Mal verbeugte sich Rosamund vor der Königin. „Vielen Dank, Madam, für Eure Freundlichkeit.“ Nachdem Elisabeth sie mit einem huldvollen Winken entlassen hatte, folgte Rosamund Mistress Percy in den Audienzraum.

„Ich heiße Anne Percy“, sagte diese und hakte sich bei Rosamund unter, als würden sie einander schon seit Monaten und nicht erst seit einigen Minuten kennen.

Rosamund hatte weder Geschwister noch Freundinnen – Ramsay Castle lag viel zu abgeschieden, um enge Freundschaften zu pflegen. Daher wusste sie nicht recht, wie sie mit Mistress Percys offener Art und deren freundlichem Lächeln umgehen sollte. Es fühlte sich allerdings gut an, zu wissen, dass sie bei Hofe nicht ganz allein war.

„Und ich bin Rosamund Ramsay“, antwortete sie, weil sie nicht genau wusste, was sie sonst erwidern sollte.

Lachend lotste Anne sie um eine Gruppe junger Männer herum, die neben dem Eingang standen. Einer von ihnen lächelte und zwinkerte Anne zu, sie jedoch drehte demonstrativ den Kopf in die andere Richtung.

„Das weiß ich doch“, sagte Anne, nachdem sie aus den Gemächern der Königin wieder in den Korridor gelangt waren. „Seit Tagen schon sprechen wir über nichts anderes mehr!“

„Über mich?“, fragte Rosamund verwundert. „Aber ich bin noch nie zuvor am Hof gewesen. Und selbst wenn ich hier gewesen wäre, würde ich mich furchtbar langweilig gegenüber all den aufregenden Dingen ausnehmen, die hier geschehen.“

Anne stieß ein recht undamenhaftes Schnauben aus. „Aufregend? Oh, Lady Rosamund, Ihr beliebt zu scherzen, wie ich meine. Unsere Tage hier sind lang, und einer gleicht dem anderen. Wir haben über Euch geredet, da wir schon seit Monaten kein neues Gesicht mehr unter den Damen gesehen haben. Mit Spannung erwarten wir, dass Ihr uns die neuesten Gerüchte zutragt.“

„Gerüchte?“, fragte Rosamund und musste nun auch lachen, als sie an die langen schönen Tage auf Ramsay Castle dachte und daran, wie sie Stunden damit verbracht hatte, zu nähen, zu lesen oder Laute zu spielen – und dabei kindische Wege zu ersinnen, wie sie sich mit Richard treffen konnte. „Ich fürchte, dass ich nichts dergleichen zu bieten habe. Gleichgültig, was Ihr sagt, aber ich denke, mein Leben auf dem Lande war wesentlich langweiliger als Eures hier bei Hof. Zumindest trefft Ihr jeden Tag auf Menschen – auch, wenn es stets dieselben sind.“

„Wohl wahr. Als ich noch auf dem Anwesen meines Bruders lebte, habe ich morgens manchmal mit den Schafen reden müssen, um meine eigene Stimme zu hören!“ Anne kicherte derart ansteckend, dass Rosamund am liebsten mit eingestimmt hätte.

„Da ich mich nur wenig mit den Gepflogenheiten bei Hofe auskenne, müsst Ihr mir alles erzählen, was Ihr wisst. Vielleicht gewinnen die alten Gerüchte dann wieder neuen Reiz für Euch.“

„Ach, das kann ich ganz bestimmt tun“, erwiderte Anne. „Eine Ehrendame hat nicht allzu viele Pflichten, wie Ihr selbst bald herausfinden werdet. Wir gehen mit der Königin im Garten spazieren, begleiten sie in die Kirche oder stehen in ihrem Gefolge, wenn sie ausländische Gesandte willkommen heißt. Wir nähen und lesen mit ihr – und versuchen, uns zu ducken, wenn sie gereizter Stimmung ist und einen Schuh nach uns wirft.“

„Das macht sie wirklich?“, fragte Rosamund ungläubig.

Anne nickte feierlich. „Fragt Mary Howard, woher die Beule an ihrer Stirn stammt – dabei ist sie die Tochter des Großonkels unserer Königin! Allerdings geschieht so etwas nur an sehr schlechten Tagen. Die meiste Zeit über ignoriert sie uns.“

„Wenn wir nur so wenige Pflichten erfüllen müssen, womit verbringen wir unsere restliche Zeit?“

„Mit Zusehen natürlich. Und Lernen.“ Anne machte an einem bleiverglasten Erkerfenster in der Galerie halt, öffnete es, sodass man auf die prächtige Gartenanlage sehen konnte. Gepflegte Kieswege führten zwischen rechteckigen Blumenbeeten hindurch, welche von niedrigen Hecken umgeben waren. Die Springbrunnen waren angesichts der Winterkälte abgestellt, und Blumen und Sträucher schienen unter einem Mantel von silbrigem Frost und Schnee zu schlummern.

Trotzdem mangelte es im Garten nicht an bunten Farben und lebendigem Treiben. Unzählige Menschen lustwandelten in Gruppen oder zu zweit auf den Wegen, sodass sie von oben betrachtet wie eine bunte Schlange wirkten, die sich zwischen den Beeten hindurchwand. Ihre Kleidung aus verschiedenfarbigem Samt und Pelz trat an die Stelle der Blumen, die dort zu anderen Jahreszeiten blühten.

Rosamund erkannte Leicesters pfauenblaues Wams wieder. Sein schwarzes Haar glänzte im Winterlicht. Er stand inmitten einer Gruppe anderer Männer, die alle weniger farbenfroh gekleidet waren. Sogar aus der Entfernung bemerkte Rosamund den verärgerten Ausdruck in seinem makellosen Gesicht.

„Dieses Jahr verbringen sogar drei Delegationen das Weihnachtsfest hier am Hof“, berichtete Anne. „Und sie alle können einander nicht ausstehen. Es bereitet uns viel Vergnügen, ihnen dabei zuzusehen, wie sie um die Gunst Ihrer Majestät buhlen.“ Sie senkte die Stimme zu einem vertraulichen Flüstern. „Wahrscheinlich werden sie versuchen, Euch dazu zu bringen, für ihre Sache bei der Königin einzutreten.“

„Sprecht Ihr etwa von Bestechung?“, fragte Rosamund leise.

„Oh, ja.“ Anne streckte ihr Handgelenk vor, das von einem erlesenen Perlenarmband geschmückt wurde. „Doch seid vorsichtig bei der Wahl der Partei, mit der Ihr Euch einlasst, Lady Rosamund.“

„Und wer steht mir zur Auswahl?“

„Also, dort drüben seht Ihr die Österreicher.“ Anne deutete zum Ende des Gartens. Dort standen einige Männer in schwarzer und grauer Kleidung. Sie wirkten wie ein Schwarm zu groß geratener Krähen. „Sie sind hier, um ihren Kandidaten für die Hand der Königin vorzustellen – Erzherzog Karl. Wahrlich, sie scheinen die neuen Spanier zu sein, seitdem König Philipp schließlich aufgegeben und seine französische Prinzessin geheiratet hat. Niemand nimmt sie ernst – mit Ausnahme von ihnen selbst. Und sie sind in der Tat sehr ernsthaft.“

„Wie schrecklich“, erwiderte Rosamund. „Wen gibt es sonst?“

„Dort haben wir die Schotten“, fuhr Anne fort und wies auf eine andere Gruppe von Männern. Entgegen Rosamunds heimlicher Hoffnung trugen sie keineswegs Plaids mit Karomustern, sondern waren stattdessen in feinste Stoffe und Pelze gekleidet. Immerhin dienten sie ja auch einer sehr eleganten Königin – vielleicht hatte Maria Stuart ihren Untertanen die französische Kleidermode nahegebracht.

„Das ist ihr Anführer, Sir James Melville, und dort sein Begleiter, Staatssekretär Maitland. Und Maitlands Cousin, Master Macintosh“, erklärte Anne weiter. „Die hochgewachsenen Rotschöpfe, seht Ihr? Sie scheinen wesentlich fröhlicher als die Österreicher zu sein. Jeden Abend tanzen sie und spielen Karten. Ihre Majestät scheint sie recht gern zu haben. Ich wäre allerdings nicht zu ehrlich und vertrauensselig in ihrer Gegenwart.“

„Warum sind sie hier? Sicherlich nicht, um einen Heiratsantrag zu unterbreiten?“

„Ganz im Gegenteil. Die schottische Königin ist mit ihren eigenen Hochzeitsplänen beschäftigt.“

Rosamund starrte die Schotten im Garten an. „Sie sucht einen englischen Ehemann? Nachdem sie mit dem französischen König verheiratet war?“

„Möglicherweise. Jedoch nicht den, den Königin Elisabeth für sie vorgesehen hat.“

„Was meint Ihr damit?“

Anne beugte sich dicht zu ihr herüber und flüsterte so leise, dass Rosamund sie kaum verstehen konnte. „Königin Elisabeth wünscht, dass Robert Dudley der Gemahl Marias wird. Man sagt, sie habe ihn aus diesem Grund im letzten Herbst zum Earl ernannt.“

„Nein!“, stieß Rosamund hervor. „Aber ich habe gedacht, die Königin selbst …“

Anne nickte. „Das haben wir alle. Es ist überaus seltsam. Ich vermute, Melville denkt das auch, weswegen er hier den günstigsten Augenblick abwartet, anstatt zu Königin Maria zurückzukehren und sie mit diesem Vorschlag zu bedrängen.“

„Das ist also der Grund für die Gewittermiene des Earls?“

„So ist es.“

„Und woher kommt die dritte Delegation? Was hat sie hier zu suchen?“

Entzückt lachte Anne auf, und jeglicher Ernst, den sie soeben noch bei dem Gespräch über Österreicher und Schotten gezeigt hatte, war verschwunden. „Nun, die Schweden sind eine ganz andere Angelegenheit.“

„Die Schweden?“

„Sie sind hier, um Ihrer Majestät das Heiratsgesuch ihres Königs Erik anzutragen“, berichtete Anne. „Es scheint, als benötige er die Unterstützung einer mächtigen Ehefrau. Kein Wunder, wo er mit Dänemark und Russland im Krieg liegt und sein eigener Bruder Intrigen gegen ihn spinnt.“

„Das klingt nicht unbedingt nach einem vielversprechenden Ehegatten“, meinte Rosamund nachdenklich.

„Ja, genauso ist es! Aus diesem Grunde wurde er bereits vor einigen Jahren abgewiesen. Ich bin sicher, dass Ihre Majestät keineswegs die Absicht hat, ihn zu akzeptieren.“

„Warum duldet sie dann seine Delegation hier in Whitehall?“

„Seht selbst, warum!“ Anne deutete auf eine weitere Gruppe Männer, die durch einen der steinernen Torbögen in den Garten traten. Sie waren allesamt überaus ansehnlich, groß und schlank. Unter den feinen Wämsern und pelzgesäumten kurzen Capes war zu erahnen, dass sie muskulös und stark waren. Als sie laut und herzlich lachten, wirkten sie so beeindruckend wie nordische Götter. Inmitten der Gruppe erblickte Rosamund den eindrucksvollsten von ihnen – den geheimnisvollen Anton, der solche erstaunlichen Kunststücke auf dem Eis vollführen konnte.

Er trug die glänzenden Kufen über der Schulter, sodass sie sich von dem dunklen Leder und Samt seines Wamses abhoben. Eine schwarze Samtkappe bedeckte sein rabenschwarzes Haar. Sein warmes Lächeln vertrieb die Tristesse des grauen Wintertages. Neben ihm ging die rothaarige Schönheit vom See, die seinen Arm regelrecht umklammerte und so hingerissen zu ihm aufsah, als ob ihr Leben von seinen nächsten Worten abhinge.

Rosamund fürchtete, nur allzu gut zu wissen, was diese Frau empfand. Ihr selbst wurde auf einmal die Kehle eng, und ihr Gesicht glühte vor Wärme – trotz der kalten Luft, die durch das Fenster drang. Denk an Richard, ermahnte sie sich und schloss die Augen. Doch als sie sich zu erinnern versuchte, wie Richards Sommerküsse und seine Umarmungen sich angefühlt hatten, vermochte sie lediglich eine schlanke dunkelhaarige Erscheinung zu sehen, die über die Eisfläche eines Sees wirbelte.

„Aus diesem Grund gestattet die Königin ihnen zu bleiben“, erklärte Anne. „Sie sind eine große Zierde für den Hof – und beinahe den ganzen Ärger wert.“

Als Rosamund die Augen öffnete, stand Anton noch immer im Garten und flüsterte seiner Begleiterin etwas ins Ohr. Diese bedeckte daraufhin ihren Mund mit ihrer behandschuhten Hand, zweifellos, um ein kokettes Lachen zu verbergen.

„Ärger?“, murmelte Rosamund. Ja, sie konnte sich gut vorstellen, dass dieser Mann verstand, eine Menge Ärger zu verursachen – besonders bei den gelangweilten Damen am Hof.

„Die Schweden und die Österreicher verabscheuen einander“, sagte Anne unbeschwert. „Deswegen hat die Königin ihnen strikt untersagt, sich zu duellieren. Und ich bin sicher, dass die Schotten auch irgendwie ihre Finger im Spiel haben, obwohl ich noch nicht weiß, wie sie es anstellen.“

„Oh.“ Rosamund nickte, war indes völlig verwirrt. Sie hatte wahrlich viel über das Leben bei Hofe zu lernen! Im Gegensatz zu den Verstrickungen, die hier alltäglich waren, schien ihr das Übersetzen griechischer Texte ein Kinderspiel zu sein.

„Der Dunkelhaarige dort heißt Anton Gustavson“, fuhr Anne fort. „Angeblich ist er nur Halbschwede, denn seine Mutter soll Engländerin gewesen sein. Er ist nicht auf Befehl von König Erik hierhergekommen, sondern in eigener Sache. Sein Großvater hat ihm ein Anwesen in East Anglia hinterlassen, ein äußerst profitables Landgut, das er für sich beansprucht. Allerdings gibt es in dieser Angelegenheit wohl Streit mit einem Cousin.“

Rosamund beobachtete, wie Anton mit der rothaarigen Frau scherzte, während sie den Gartenweg entlanggingen, als kümmere sie nichts auf der Welt.

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Mann wie dieser sich mit einem anderen streitet. Sicher versteht er es, selbst die Vögel in den Bäumen mit seinem Charme zu bezaubern.“

Aufmerksam sah Anne sie an. „Seid Ihr Master Gustavson denn schon begegnet?“

„Nein“, Rosamund schüttelte den Kopf. „Das sagen mir lediglich meine Beobachtungen.“

„Oh, Ihr müsst Euch vorsehen mit solchen Schlussfolgerungen! Hier bei Hofe trügt der Schein oft. Niemand zeigt sein wahres Gesicht. Nur auf diese Weise vermag man zu überleben.“

„Tatsächlich? Und muss ich mich auch vor Euch vorsehen, Mistress Percy?“

„Natürlich“, antwortete Anne fröhlich. „Wisst Ihr, meine Familie ist alt und einflussreich, hängt jedoch verbissen dem katholischen Glauben an. Meine Anwesenheit hier wird allein deshalb stillschweigend geduldet, weil meine Tante mit der Königin befreundet ist. Aber ich sage Euch, Lady Rosamund – ich bin meinen Freunden stets eine verlässliche Quelle für erquickenden Tratsch.“

Rosamund lachte. „Dann wisst Ihr sicher auch, Mistress Ehrlichkeit, wer diese Lady ist, die dort mit Master Gustavson spazieren geht? Ist er etwa auf der Suche nach einer englischen Gemahlin, die ihn auf das neue Landgut begleitet?“

Abermals sah Anne aus dem Fenster. „Falls er das vorhat, dann begeht er mit ihr einen großen Fehler. Das ist Lettice Devereaux, Gräfin von Essex – eine Cousine der Königin. Ihr Mann, der Graf, kämpft zurzeit gegen die unzivilisierten Iren, doch das hält sie nicht davon ab, sich hier bei Hofe zu amüsieren.“

Sie zupfte an Rosamunds Arm und zog sie von dem Fenster und der verlockenden Aussicht fort. „Kommt, ich zeige Euch unsere Kammer. Vor dem Fest heute Abend kann ich Euch noch eine Menge Klatschgeschichten erzählen.“

Das Fest, das zu Ehren der rivalisierenden Parteien ausgerichtet wird, dachte Rosamund, während sie Anne durch den Gang folgte. Es versprach ein überaus interessanter Abend zu werden.

Wenn sie Richard davon schrieb, würde er ihr vielleicht antworten – vorausgesetzt, der Brief würde ihn jemals erreichen. Zwar interessierte er sich als Gentleman vom Land nicht sonderlich für die Ränkespiele am Hof der Königin, aber für einen guten Spaß war er stets zu haben. Dies war eine der Eigenschaften, die Rosamund so sehr an ihm gemocht hatte. Allerdings war sie sich im Moment gar nicht sicher, ob sie überhaupt von ihm hören wollte.

Anne führte Rosamund in einen der schmaleren und ruhigeren Korridore. Hier gab es keine Fenster, und es war dunkel, da die Fackeln an den Wänden noch nicht angezündet waren. Als sie vorübergingen, bewegten sich die Tapisserien in der Zugluft. Rosamund spürte, wie sich der Einfluss des höfischen Lebens bei ihr bereits bemerkbar machte, denn unwillkürlich musste sie sich vorstellen, welche Ränke an einem solchen Ort unbehelligt gesponnen werden konnten.

„Das ist die Privy Council Chamber, der geheime Ratssaal“, flüsterte Anne und deutete auf eine halb geöffnete Tür. Der Raum war leer, aber Rosamund erhaschte einen Blick auf einen langen Tisch, an dem Stühle mit geraden Rückenlehnen standen. „Wir Ehrendamen gehen niemals dort hinein.“

„Fragt Ihr Euch denn nicht, was dort vor sich geht?“, erkundigte Rosamund sich leise. „Was dort besprochen wird?“

„Selbstverständlich! Indes fragt Ihre Majestät uns nicht nach unserer Meinung, wenn es um Staatsangelegenheiten geht. Sie will jedoch von uns wissen, welche neuen Gerüchte es gibt, was ungefähr dasselbe ist.“ Anne nahm Rosamunds Arm und führte sie in das Quartier der Ehrendamen. Es handelte sich um einen langen rechteckigen Raum mit drei Betten auf jeder Seite. Diese waren aus dunklem Holz geschreinert und bei Weitem nicht so luxuriös und groß wie die Bettstatt der Königin. Dennoch wirkten sie behaglich mit den grünen, golden gesäumten Vorhängen und den grünen Decken aus Samt und Wolle, die auf ihnen lagen. An jedem Bett standen eine große Kleidertruhe sowie ein Waschtisch, außerdem befanden sich zahlreiche Frisiertische und Spiegel im Zimmer. Im Augenblick wirkte der Raum überaus friedlich, doch Rosamund konnte sich das lebhafte, lautstarke Stimmengewirr vorstellen, das hier herrschen musste, wenn alle sechs Damen gleichzeitig anwesend waren.

Jane, ihre Kammerjungfer, packte neben einem der Betten die Reisetruhen aus. Sie bemühte sich um die zerknitterte Kleidung und schichtete sie zu einem schimmernden Berg aus Satin, Samt, Brokat und Pelz auf.

„Oh, wie wunderbar!“, rief Anne aus. „Ihr habt das Bett neben meinem. Dann können wir nachts miteinander flüstern. Es ist so still geworden, seitdem Eleanor Mortimer nicht mehr da ist.“

„Was ist mit ihr geschehen?“, fragte Rosamund und hob einen Zobelmuff auf, der von dem Stapel erlesener Kleidungsstücke gefallen war.

„Das Übliche, wie ich fürchte. Sie erwartete ein Kind und musste Whitehall in Schimpf und Schande verlassen. Dabei hatte sie noch Glück, dass sie nicht im Tower gelandet ist wie die arme Katherine Grey!“ Anne setzte sich auf ihr eigenes Bett und ließ die Beine baumeln. Ihre Satinschuhe schimmerten dabei unter dem Saum ihres Kleides hervor. „Habt Ihr das wirklich ernst gemeint, als Ihr der Königin erzählt habt, dass Ihr nicht wegen eines Ehemannes hergekommen seid?“

„Gewiss“, erwiderte Rosamund. Sie musste an Richard denken und an die Briefe, auf die er sie vergeblich warten ließ. Ein Mann, um den ihre Gedanken kreisten, reichte ihr völlig aus.

„Ausgezeichnet. Es steht Euch gewiss gut an, bei dieser Auffassung zu bleiben. Eine Ehe ohne Einverständnis der Königin ist eine sehr unerfreuliche Angelegenheit. Oh, Rosamund! Ihr solltet dieses Kleid hier heute Abend tragen, es ist ja wirklich ganz hinreißend …“

3. KAPITEL

Sie hat ein Auge auf dich geworfen, Anton“, sagte Johan Ulfson. Obwohl er lachte, konnte man heraushören, dass er neidisch war.

Anton beobachtete, wie Lady Essex auf dem Gartenpfad davonschlenderte. Ihr rotes Haar glänzte gleich einem Leuchtfeuer an diesem grauen Wintertag. Nachdem sie kurz über die Schulter zu den Männern zurückgeschaut hatte, ging sie mit ihren Freundinnen weiter. Der kalte Wind trug ihr unbeschwertes Lachen herüber.

Auch Anton konnte sich eines Lachens nicht erwehren. Die junge Countess war in der Tat überaus verführerisch mit ihren glänzenden Augen und dem schelmischen Lächeln. Darüber hinaus litt sie offenbar unter Einsamkeit, die durch die Abwesenheit ihres Gatten, der sich derzeit in Irland befand, hervorgerufen wurde. Eine kleine Liebelei könnte ich durchaus genießen, dachte Anton. Denn diese würde ihn von seinen schwierigen Aufgaben, die er am englischen Hof zu verrichten hatte, ablenken. Er vermochte allerdings Lettice Devereaux und ihr kokettes Verhalten als das zu durchschauen, was es war.

Außerdem fiel es ihm schwer, seine Aufmerksamkeit auf das verlockende Äußere der Countess zu richten. Stattdessen kreisten seine Gedanken um eine liebreizende Erscheinung aus Silber, Elfenbein und mit großen blauen Augen. Wer mochte sie gewesen sein, jene wunderschöne Winterfee? Warum war sie vor ihm davongeeilt, bevor er erfahren konnte, wie sie hieß?

Wie sollte er sie jemals wiederfinden?

„Du lässt dich von einem schönen Gesicht zu sehr einnehmen“, erklärte er Johan. „Die Countess hat durchaus ihre Pläne. Ich bin für sie kaum mehr als eine Bauernfigur beim Schachspiel.“ Er nickte in die Richtung von Lord Leicester, der auf der anderen Seite des Gartens inmitten einer Schar seiner Anhänger stand. Es schien, als wäre niemand bei Hofe imstande, auch nur einen Schritt allein zu tun. Die Höflinge traten stets in Rudeln auf, ganz so wie die Wölfe in den Wäldern Schwedens.

Lady Essex mag ihr Interesse zwar auf mich richten, doch Leicester strebt nach Höherem, überlegte Anton. Es wäre amüsant zu beobachten, wer von beiden aus diesem Wettstreit als Sieger hervorgehen würde – falls er dann überhaupt noch hier wäre. Entweder zog er auf das englische Gut Briony Manor, das nach Geburtsrecht seiner Mutter zustand und nun, nach deren Tod, ihm selbst. Oder er würde nach Stockholm zurückkehren und am schwedischen Hof dem gefährlichen Balanceakt zwischen dem launischen König und seinem rebellischen sowie ehrgeizigen Bruder ausgesetzt sein. Daher musste er seine Aufgabe hier zu einem erfolgreichen Abschluss bringen, wenn er unerfreuliche Folgen vermeiden wollte.

Lady Essex war sicherlich eine Ablenkung, doch eine, mit der er leicht fertig werden würde. War sie nicht da, dachte er auch nicht an sie. Jene Winterfee allerdings …

Möglicherweise war es zu seinem Besten, dass er nicht wusste, wer sie war oder wo er sie finden konnte. Ihm schien, dass sie eine Ablenkung darstellte, die er nicht so leichtfertig beiseiteschieben könnte.

„Bauer oder nicht Bauer, du solltest nehmen, was sie dir anbietet, Anton“, beharrte Johan. „Unser Aufenthalt hier ist nicht sehr abwechslungsreich.“

„Ja“, bekräftigte Nils Vernerson und ließ den Blick über die Höflinge schweifen, die durch den winterlichen Garten spazierten. „Königin Elisabeth wird unseren König Erik niemals akzeptieren. Wir dienen lediglich ihrem Amüsement.“

„Ist es besser, der Spielball einer Königin zu sein oder der einer Gräfin?“, fragte Anton und lachte. „Vorausgesetzt, unser diesjähriges Weihnachtsfest steht unter dem Stern, dass wir den Damen zur Belustigung dienen sollen.“

„Ich kann mir Schlimmeres vorstellen“, entgegnete Johan. „Beispielsweise gegen die Russen in den Krieg geschickt zu werden.“

„Lieber Wortgefechte mit Königin Elisabeth austragen“, bestätigte Nils, „als gegen Zar Iwan und seine barbarischen Horden im eiskalten Baltikum anzutreten. Ich hoffe inständig, dass wir nie nach Stockholm zurückbeordert werden.“

„Es ist besser, wenn wir unseren Dienst für Schweden hier unter all den gelangweilten Hofdamen verrichten“, stimmte Anton zu. „Mit ihrer Hilfe wird es ganz bestimmt ein heiteres Weihnachtsfest.“

„Falls es dir gelingen sollte, das Rätsel zu lösen“, sagte Johan.

„Welches meinst du?“, erkundigte sich Anton. „Es gibt eine Menge Rätsel in der letzten Zeit.“

„Auf dich trifft das sicherlich zu. Aber du hast uns noch nicht verraten, ob du lieber der Gräfin oder der Königin zu Diensten sein möchtest?“

„Oder einer anderen Dame aus der endlos langen Reihe deiner Bewunderinnen“, ergänzte Nils, als Mary Howard mit zwei Freundinnen kichernd an ihnen vorbeiging. Mary sah flüchtig zu Anton, errötete und wandte dann verlegen ihren Blick ab. „Sie alle sind regelrecht vernarrt in dich seit deiner eindrucksvollen Darbietung auf dem Eis“, fügte Nils leicht missmutig hinzu.

„Und jetzt, da die Themse beinah völlig zugefroren ist, wird er sie noch öfter beeindrucken können“, merkte Johan an.

„Gewiss finden all die Damen eine Ausrede dafür, dir von der königlichen Galerie aus auf dem Fluss zuzusehen“, sagte Nils. „Um dir Küsse zuzuhauchen und Naschwerk aus den Fenstern zu werfen.“

Anton lachte über ihren gutmütigen Spott. Er genoss jene seltenen Momente auf dem Eis, in denen nur die Kälte, die Bewegung und der herrliche Rausch der Freiheit von Bedeutung waren. Es war kaum sein Verschulden, dass andere ihm dieses ekstatische Gefühl ein wenig neideten. „Sie wollen lediglich das Eislaufen erlernen“, erwiderte er.

„Eislaufen heißt das also?“, entgegnete Nils. „Ich habe gar nicht gewusst, dass man das jetzt so nennt.“

Anton schüttelte den Kopf, hängte sich die Riemen seiner Kufen über die andere Schulter und ging auf den Palast zu. „Du solltest deine Aufmerksamkeit besser auf das Fest heute Abend richten“, rief er zurück. „Ihre Majestät missbilligt Verspätungen.“

„Also hast du dich dafür entschieden, der Königin zu Diensten zu sein?“, stellte Nils fest, als er gemeinsam mit Johan zu Anton aufgeschlossen hatte.

Dieser lachte. „Ich fürchte, nicht das Geschick eines Lord Leicesters in solchen Belangen mein Eigen nennen zu können. Vermutlich würde ich sie nicht lange bei Laune halten. Außerdem bin ich nicht so ergeben wie Melville oder Maitland. Zwei Königinnen zu dienen – der schottischen und der englischen – scheint mir ein anstrengendes Unterfangen. Indes sind wir ebenfalls mit einer diplomatischen Aufgabe hierher entsandt worden. Wenn wir dafür im Palast Ihrer Majestät fröhlich feiern müssen, so werden wir das eben tun.“

Angesichts der verwirrten Gesichter seiner beiden Begleiter musste Anton lächeln. Umso besser, wenn er die anderen im Unklaren über seine wahren Motive und Beweggründe ließ. „Auch wenn es ein großes Opfer ist, den Wein der Königin zu trinken und mit ihren hübschen Hofdamen zu plaudern.“

Mit diesen Worten wandte er sich von Johan und Nils ab und stieg die Treppe zur Galerie empor. Normalerweise hielten sich hier allerlei Höflinge auf, die entweder neugierig, gelangweilt oder aber mit wichtigen Aufträgen betraut und daher in Eile waren. Doch um diese Stunde war nahezu keine Menschenseele zu sehen. Alle hatten sich in ihre privaten Gemächer zurückgezogen, um sorgfältig die Garderobe für den heutigen Abend auszuwählen. Oder den nächsten Schachzug in dem niemals endenden Spiel der höfischen Intrigen zu planen.

Er selbst musste ebenfalls Ränke schmieden. Ihm war zu Ohren gekommen, dass seine Cousine nach Whitehall unterwegs war, um den nächsten Zug im Spiel um Briony Manor in die Wege zu leiten. Bisher war er seiner Widersacherin noch nicht begegnet, obwohl Briony in der Tat ein lohnendes Objekt war. Keiner von ihnen würde es widerstandslos dem anderen überlassen, gleichgültig, was der Letzte Wille ihres Großvaters ihnen auferlegte.

Auch Anton verstand es, um eine Sache zu kämpfen, zumal Briony für ihn mehr war als einfach nur ein Anwesen mit einigen Parzellen Grundbesitz. Er war bereit, alles dafür zu geben – selbst wenn er auf seinen Charme, Schmeicheleien und Irreführung zurückgreifen müsste.

Er ging auf die Gemächer zu, die der schwedischen Delegation in den weitläufigen Räumlichkeiten Whitehalls zugewiesen worden waren. Im nächsten Augenblick vernahm er leises Gelächter. Obwohl es nur gedämpft erklang, erschien es ihm wie ein goldenes Band, das Glanz in den grauen Tag und seine trüben Gedanken brachte.

„Pst“, flüsterte eine junge Frau. „Hier geht es entlang. Wir müssen uns sputen!“

„Oh, Anne! Ich bin nicht sicher …“

Neugierig spähte Anton um die Ecke und erblickte zwei Frauen, die – wie es sich für die Ehrendamen der Königin geziemte – in Silber und Weiß gekleidet waren und einen schmalen Gang entlangeilten. In einer von ihnen erkannte er Anne Percy, die hübsche lebhafte Brünette, die Johans Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Bei der anderen handelte es sich um seine Winterfee, deren silberblondes Haar im gedämpften Licht des Korridors schimmerte. Fast schon hatte er geglaubt, dass seine Augen ihm einen Streich gespielt hatten und dieses Mädchen nur ein wundersames Trugbild aus Schnee und Eis gewesen war.

Doch sie war Wirklichkeit! In diesem Augenblick schritt sie fröhlich lachend durch den Palast. Als sie einen Blick über ihre Schulter zurückwarf, verbarg sich Anton rasch im Schutz der Schatten. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Er hatte ihr schönes blasses herzförmiges Gesicht und ihre hellblauen Augen, von denen ein zauberhafter Glanz ausging, gesehen.

Plötzlich erstarrte sie und verstummte, sodass Anton schon befürchtete, sie habe ihn entdeckt. Aber als Anne Percy am Ärmel des wunderschönen Mädchens zog, gingen sie weiter, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwanden. Anton starrte auf die Stelle, wo sie eben noch gegangen waren. Es kam ihm vor, als würde die Luft dort schimmern, als hätte ein Stern kurz aufgeleuchtet und wäre dann weiter seines Weges gezogen. Wer war sie? Seine Gedanken wurden von Johan und Nils unterbrochen, die in der Zwischenzeit seinen Vorsprung aufgeholt hatten.

„Weshalb starrst du so?“, erkundigte sich Nils.

Mit einem Kopfschütteln versuchte Anton, seine Träume von der Winterfee zu vertreiben. Die Gedanken an sie lenkten ihn zu sehr von seinen Plänen ab. „Ich dachte, ich hätte etwas gehört“, antwortete er.

„Vermutlich nur eine deiner Bewunderinnen, die dir auflauern wollte.“ Johan lachte.

Wenn dem doch nur so wäre! dachte Anton traurig. Da die schöne Unbekannte am See vor ihm geflüchtet war, war es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie jemals ihr Herz für ihn erwärmen würde. Und darüber sollte er froh sein, denn in seinem Leben gab es keinen Platz für geheimnisvolle Winterfeen und ihre Zaubersprüche.

Außerdem sollte er sie vor der unheilvollen Bekanntschaft mit ihm bewahren. Seine ungewissen Zukunftsaussichten würden nur dazu gereichen, ein derart liebreizendes Geschöpf unglücklich zu machen.

4. KAPITEL

Das Fest der Königin wurde nicht in der Great Hall, dem großen Festsaal von Whitehall, abgehalten, da diese bereits für das nahende Weihnachtsfest vorbereitet wurde. Stattdessen versammelte man sich in einem etwas kleineren Saal in der Nähe der königlichen Privatgemächer. Allerdings war auch dieser Raum beeindruckend genug: Schimmernde Wandteppiche zeigten Szenen von Jagdgesellschaften, holzgetäfelte Wände und ein prasselndes Kaminfeuer riefen eine behagliche Stimmung hervor. Die orangefarbenen Flammen warfen einen flackernden Lichtschein an die mit Blattgold verzierte Decke, auf das erlesene Tafelgeschirr und die geschliffenen Gläser, die auf einem weißen Damasttischtuch standen.

Zwei Lautenspieler hatten eine wunderschöne Melodie angestimmt, als Rosamund auf einer der mit Kissen versehenen Bänke unterhalb des Sessels der Königin Platz nahm. Die livrierten Diener trugen üppig beladene Tabletts in den Saal und schenkten Ale und Gewürzwein ein.

Rosamund spürte, dass sie noch immer müde war von den Anstrengungen der Reise und all den neuen Eindrücken, die sie umgaben. Das fröhliche Treiben um sie herum schien zu einem bunten Wirbel zu verschwimmen, als ob sie durch eine bunte Glasscherbe blickte – alles wirkte sonderbar verzerrt. Das Gelächter war laut, und das Klirren der Messer auf dem Silber hallte wie Donnerschläge in ihren Ohren. Die Mischung der verschiedenen Gerüche von Wein, Bratenfleisch, Kaminrauch und blumigem Frauenparfüm wirkte nahezu erdrückend.

Anstatt sich unter die Gäste zu mischen, saß sie mit den anderen Ehrendamen in einer Gruppe zusammen. In ihren weißen und silbernen Gewändern wirkten sie wie anmutige Schwäne. Rosamund war erleichtert, dass sie noch nicht mit den klatschsüchtigen Höflingen Konversation machen musste. Stattdessen nippte sie an ihrem Weinglas und lauschte dem Gespräch zwischen Anne und Mary Howard.

Königin Elisabeth saß auf ihrem Ehrenplatz, den österreichischen Botschafter Adam von Zwetkovich auf der einen, den Anführer der schwedischen Delegation auf der anderen Seite. Glücklicherweise war dies nicht der dunkelhaarige Eisläufer mit dem entwaffnenden Lächeln, den sie vorhin im Garten beobachtet hatte. Der Schwede neben der Königin war ein blonder, etwas kleinerer Mann namens Nils Vernerson, der die meiste Zeit damit verbrachte, die Österreicher anzustarren. An seiner anderen Seite saß der Schotte Sir James Melville.

Wenn der dunkelhaarige Schwede jedoch nicht hier war, wo war er dann? Rosamund saß mit dem Rücken zu einer weiteren Tafel, die u-förmig angeordnet war. Nur mühsam konnte sie dem Verlangen widerstehen, sich umzudrehen.

„Rosamund, davon musst du etwas probieren“, rief Anne und schob ein wenig Fleischpastete auf Rosamunds Teller. Die beiden jungen Frauen waren rasch dazu übergegangen, sich mit dem vertraulichen Du anzureden. „Das schmeckt vorzüglich, und du hast seit deiner Ankunft hier noch nichts gegessen.“

„Es ist nicht à la mode, derart dünn zu sein“, stieß Mary Howard hervor und musterte Rosamunds schmale Schultern mit einem spöttischen Ausdruck. „Möglicherweise kümmert man sich auf dem Land nicht um die Mode, aber hier, Lady Rosamund, ist sie von größter Bedeutung.“

„Lieber etwas dünner, als sich mühsam in das Korsett zu quetschen“, konterte Anne. „Oder soll die straffe Schnürung die Aufmerksamkeit von Lord Fulkes erwecken?“

„Obwohl er ja bereits mit Lady Ponsby verlobt ist“, ergänzte Catherine Knyvett, eine weitere Ehrendame der Königin.

Mary Howard neigte den Kopf. „Mich interessieren weder Lord Fulkes noch seine Verlobte im Geringsten. Vielmehr wollte ich Lady Rosamund nur einen freundlichen Rat geben, da sie ja gerade erst in Whitehall angekommen ist.“

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie Euren Rat nötig hat“, entgegnete Anne. „Die meisten Männer hier können sowieso kaum den Blick von ihr wenden.“

„Anne, das stimmt doch gar nicht“, murmelte Rosamund verlegen und sehnte sich danach, sich hinter ihrem Bettvorhang zu verstecken, um den Zänkereien zu entgehen.

„Rosamund, du bist zu bescheiden“, widersprach Anne. „Sieh dort hinüber, dann verstehst du, was ich meine.“ Mit diesen Worten zog sie an Rosamunds Arm, sodass diese gezwungen war, einen Blick in den anderen Teil des Festsaals zu werfen. Zunächst verstand sie nicht, was Anne gemeint hatte – alle schienen wie gebannt an den Lippen Elisabeths zu hängen, um ihre Stimmung einzuschätzen und rechtzeitig zu lachen, wenn auch sie es tat. Die Königin war wie ein Stern, um den sie alle kreisten. Tatsächlich glich sie heute Abend in einem Kleid aus glänzendem Goldbrokat und mit einer goldenen Krone im hellroten Haar einem leuchtenden Himmelsgestirn.

Dennoch richtete ein Mensch seine Aufmerksamkeit nicht auf sie. Stattdessen sah er mit seinen dunklen Augen unverwandt zu Rosamund hinüber. Es handelte sich dabei um niemand anderen als Anton Gustavson.

Im hellen Tageslicht war er überaus anziehend gewesen, wie er lachend und unbeschwert über das Eis geglitten war. Wie eine Erscheinung aus dem Märchen war er Rosamund vorgekommen. Nun, im Schein des Feuers und der Fackeln, war er nicht weniger ansehnlich. Sein glänzendes, nahezu schwarzes Haar hatte er aus der Stirn gekämmt. Der Schein des Feuers warf Schatten auf die edlen Gesichtszüge, die hohen Wangenknochen, die sinnlichen Lippen und das kräftige Kinn. Das Wams aus dunkelviolettem Samt mit Einsätzen aus schwarzem Satin betonte seine schlanke und doch stattliche Figur. Im Augenblick lachte er nicht, sondern betrachtete Rosamund mit ernstem Gesichtsausdruck.

Plötzlich fiel es ihr schwer, Luft zu holen, und sie fühlte sich genauso gefangen und beengt wie Mary Howard in ihrem Korsett. Ein besorgniserregendes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, und ihre Wangen wurden heiß. Obwohl sie dicht am Feuer saß, zitterte sie. Was stimmte nicht mit ihr? Was mochte Anton Gustavson denken, wenn er sie so ernst ansah? Vielleicht erinnerte er sich daran, wie lächerlich sie sich benommen hatte, als sie am See vor ihm davongelaufen war.

Sie streckte das Kinn vor und zwang sich, seinem Blick zu begegnen. Sofort wandelte sich sein ernster Ausdruck zu einem Lächeln. Mit einem Mal ähnelte er wieder dem Mann, den Rosamund auf dem Eis gesehen hatte. Doch der Ausdruck in den dunklen Augen unter den – für einen Mann unerhört langen – Wimpern gab keinen Gedanken preis.

Unwillkürlich erwiderte Rosamund das Lächeln. Dies schien ihr so selbstverständlich wie das Atmen, denn Antons Lächeln war unwiderstehlich ansteckend. Verlegen wandte sie sich ab. Während die Diener die Reste der Pasteten, der geschmorten Braten und anderer Köstlichkeiten forträumten und Wein nachschenkten, aß Rosamund ein wenig Hasenfrikassee. Sie fragte sich, ob Anton Gustavson sie noch immer beobachtete. Was mochte er von ihr halten? Welche Gedanken verbargen sich hinter diesen geheimnisvollen Augen? „Ach, was kümmert mich das überhaupt?“, sagte sie zu sich selbst und riss ein Stück von dem zarten Weißbrot ab.

„Was kümmert dich denn, Rosamund?“, fragte Anne. „Hat einer der Gentlemen deine Aufmerksamkeit geweckt?“

Rosamund schüttelte den Kopf. Sie konnte Anne wohl kaum verraten, wie anziehend und betörend sie Anton fand. Zwar hatte Anne sich bereits als amüsante Begleiterin erwiesen, die gewiss gute Ratschläge für das Leben bei Hofe geben konnte, jedoch befürchtete Rosamund, dass ihre Freundin sie verspotten könnte.

„Ich verrate dir ein Geheimnis, Anne“, flüsterte sie. „Aber du musst schwören, es niemandem zu erzählen.“

„Oh ja!“, stieß Anne aufgeregt hervor. „Bei mir sind Geheimnisse bestens aufgehoben.“

„Ich habe kein Interesse an den Herren hier am Hof“, sagte Rosamund, „denn es gibt bei mir zu Hause einen Gentleman, dem ich meine Gunst schenke.“ Hoffentlich reichte das aus, damit Anne sie in Ruhe ließ.

„Ein Gentleman zu Hause?“, wiederholte Anne mit heller Stimme.

„Pst!“, machte Rosamund. Da die Diener weitere Gerichte auftrugen, musste sie schweigen.

„Du musst mir später mehr erzählen“, verlangte Anne.

Rosamund nickte. Eigentlich wollte sie nicht von Richard erzählen, indes war er sicher ein unverfänglicheres Thema als Master Gustavson. Zur Ablenkung nahm sie ein Stück geröstetes Taubenfleisch in Minzsoße. „Gibt es jeden Abend so viel zu essen?“

„Oh, das ist noch gar nichts!“, antwortete Mary Howard. „Wartet bis zum Weihnachtsbankett, Lady Rosamund. Dort gibt es Dutzende von Gängen. Und Plumpudding!“

„Wir können niemals alles aufessen“, sagte Anne. „Noch nicht einmal Mary.“

Mary überhörte ihre Bemerkung. „Und die Reste werden an die Armen verteilt.“

Als die Gespräche der Ehrendamen sich den neuesten Klatschgeschichten zuwandten, wurden süße Waffeln und rot-weiße Tudorrosen – das Symbol für die Vereinigung der Häuser Lancaster und York – an die Tische gebracht. Der Wein floss in Strömen, was zur Folge hatte, dass die Stimmen heller, die Gespräche und das Gelächter lauter wurden. Selbst Rosamund fühlte sich mit einem Mal weniger befangen. Beinah hätte sie sogar vergessen, darüber nachzusinnen, ob Anton sie noch beobachtete. Als sie sich einmal verstohlen zu ihm umgesehen hatte, sprach er gerade mit einer Dame in einem gelbgoldenen Seidenkleid. Die Frau sah ihn dabei aufmerksam an und lauschte, den Mund leicht geöffnet, als hinge sie förmlich an seinen Lippen.

Enttäuscht – aus welchem Grund, wusste sie selbst nicht zu sagen – drehte Rosamund sich wieder um. Inständig hoffte sie, dass das Leben am Hof sie nie dazu verleiten würde, sich dergestalt zu benehmen.

Als die letzten Leckereien fortgeräumt waren, stand die Königin auf und hob die juwelengeschmückten Hände. Augenblicklich verstummten alle Gespräche.

„Meine lieben Freunde“, begann sie. „Ich danke euch dafür, dass ihr gemeinsam mit mir unsere ehrenwerten Gäste willkommen heißt. Dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das Weihnachtsfest, das uns in nicht allzu ferner Zukunft erwartet. Da der heutige Abend noch jung ist, hoffe ich, dass Master Vernerson uns mit einem Tanz beehren wird.“

Nils Vernerson verbeugte sich als Zeichen seiner Zustimmung. Alle erhoben sich von ihren Plätzen und warteten, bis die Diener Tische, Bänke und Stühle fortgeschafft hatten. Währenddessen betraten weitere Musiker den Saal, um die Lautenspieler zu unterstützen. Anton stand auf der anderen Seite des Raumes, die hingebungsvolle Dame noch immer an seiner Seite. Rasch wandte Rosamund ihren Blick ab.

„Ich hoffe, Ihr seid mit den neuesten Tänzen aus Italien vertraut, Lady Rosamund“, bemerkte Mary Howard besorgt. „Die Königin legt sehr viel Wert darauf, dass man sich auf der Tanzfläche anmutig zu bewegen versteht.“

„Sehr freundlich von Euch, dass Ihr Euch meinetwegen Sorgen macht“, entgegnete Rosamund höflich. „Zu Hause hatte ich einen Tanzlehrer, außerdem habe ich das Lautenspiel und das Musizieren am Spinett erlernt. Darüber hinaus wurde ich in Latein, Spanisch, Italienisch und Französisch unterrichtet.“

Mary Howard kniff kurz die Lippen zusammen. „Wie bedauerlich, dass Eure Studien nicht auch das Schwedische zum Gegenstand hatten. Im Augenblick ist es hier sehr in Mode.“

„Als ob sie etwas anderes wüsste, außer ‚ja‘ und ‚nej‘“, flüsterte Anne ihrer Freundin zu. „Vor allem ‚ja‘ – für den Fall, dass sie eine Gelegenheit erhält, es bei Master Gustavson anzuwenden. Es ist schon sehr traurig, dass er sie nicht eines Blickes würdigt.“

Rosamund begann zu lachen, verstummte aber rasch wieder, als sie bemerkte, dass die Königin mit dem Schotten Maitland auf sie zukam.

„Mistress Percy“, sagte Elisabeth, „Master Maitland möchte wissen, ob Ihr bei einer Galliarde seine Partnerin sein wollt.“

„Selbstverständlich, Eure Majestät“, erwiderte Anne und knickste.

„Und Lady Rosamund“, fuhr die Königin fort, „ich hoffe, dass Ihr mit Fertigkeiten im Tanz an meinen Hof gekommen seid?“

„Ja, Eure Majestät“, antwortete Rosamund und machte ebenfalls einen Knicks. „Ich habe sehr viel Freude am Tanzen.“

„Dann werdet Ihr Master Macintoshs Partnerin seid. Er konnte seine Leichtfüßigkeit bereits unter Beweis stellen.“

Ein großer, breitschultriger Mann mit roter Haarmähne und einem sorgfältig gestutzten Bart verneigte sich vor Rosamund und bot ihr den Arm.

Rosamund ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Whitehall fühlte sie sich ihrer Sache sicher. Ihre Tanzstunden hatten ihr immer sehr am Herzen gelegen. Besonders in den Monaten, die von dem Streit mit ihren Eltern und dem Kummer über Richard erfüllt gewesen waren, waren sie die Sternstunden ihres Alltags gewesen. In diesen Momenten des Drehens und Springens vermochte sie sich der Musik und der Bewegung völlig hinzugeben und sich selbst zu vergessen.

Ihr Lehrer hatte beteuert, dass sie ein Naturtalent sei. Im Gegensatz dazu fiel es ihr bedeutend schwerer, sich mit fremden Menschen zu unterhalten, sodass sie in solchen Situationen kaum einen Ton hervorbrachte. Doch glücklicherweise musste man beim Tanz selten ein geistvolles oder wie auch immer geartetes Gespräch bestreiten.

Die Galliarde konnte erst beginnen, wenn die Königin ihren Platz eingenommen hatte, um die Figuren vorzugeben. Vorerst war sie jedoch noch immer damit beschäftigt, im Saal umherzugehen und Tanzpaare zusammenzuführen. Rosamund stand Master Macintosh gegenüber, zupfte ihre Ärmel zurecht und versuchte zu lächeln.

„Lady Rosamund Ramsay“, sagte dieser freundlich, als ob er ihre Schüchternheit bemerkt hätte. Dennoch lag etwas in seinem Blick, das Rosamund nicht zu deuten vermochte. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Ramsay ein schottischer Name ist?“

„Vielleicht war er das vor vielen Jahren“, entgegnete Rosamund. „Mein Urgroßvater besaß ein Anwesen nahe der Grenze.“ Von dem aus er mit Vorliebe auf Raubzüge gegen seine schottischen Nachbarn gezogen war. Dafür hatte ihn der Großvater der Königin mit einem einträglicheren Gut im Süden des Landes sowie mit der Grafenwürde belohnt. Allerdings dünkte Rosamund dies ein reichlich unpassender Gesprächsgegenstand für die Konversation mit einem Schotten.

„Dann seid Ihr ja förmlich eine Landsmännin von mir“, erwiderte Macintosh.

„Leider habe ich Schottland noch nie besucht. Die Reise nach London ist die weiteste, die ich bisher unternommen habe.“

„Ah, Ihr seid also neu am Hof. Ich hätte mich auch an ein solch hübsches Gesicht erinnert, wenn wir uns schon einmal begegnet wären.“

Rosamund lächelte. „Ihr seid zu freundlich, Master Macintosh.“

Nay, ich spreche nur die Wahrheit. Eine Schwäche der Schotten ist, dass wir keinerlei Talent für höfliche Zweideutigkeiten haben. Offen gestanden seid Ihr so ziemlich die hübscheste Dame in diesem Saal, Lady Rosamund.“

Erneut lächelte Rosamund und betrachtete dabei die safrangelb-schwarze Kleidung ihres Tanzpartners sowie die juwelenbesetzte Distelbrosche am Kragen seines Wamses. Die Distel symbolisierte, dass er im Dienste der schottischen Königin stand – einer Lady, die, wie Rosamund hatte sagen hören, höchst bewandert war in der Kunst der höflichen Zweideutigkeiten. „Ihr seid sicher ein Gewinn für jeden Hof, Master Macintosh. Sogar für einen so vornehmen, wie ihn Königin Maria in Edinburgh führen soll.“

Nun musste der Schotte lachen. „Ah, Lady Rosamund, wie ich sehe, habt Ihr die Kunst der Schmeichelei bereits erlernt. Königin Maria führt in der Tat einen sehr angesehenen Hof, und wir sind stolz, in ihrem Auftrag hier sein zu dürfen.“

Ein Auftrag, der ein Ehebündnis zur Folge haben würde? Rosamund bemerkte Robert Dudley, der mit seinen Freunden etwas abseits stand. Trotz seines hellroten Wamses wirkte er sehr finster. Er nahm nicht am Tanz teil, obwohl Rosamund gehört hatte, dass er stets der Lieblingstanzpartner der Königin sei. Er wirkte nicht besonders erpicht darauf, der Bräutigam einer Königin zu werden – welcher auch immer.

„Ist sie so schön, wie man sich erzählt, Eure Königin Maria?“, fragte sie.

„Aye, genauso schön, wie man sagt“, antwortete Master Macintosh.

Rosamund warf einen Blick auf Elisabeth, die vor Lebenslust und Freude strahlte, als sie mit Master Vernerson die Tanzfläche betrat. „So schön wie Königin Elisabeth?“

„Ah, das müsst Ihr schon selbst beurteilen, Lady Rosamund. Man sagt, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt.“

„Werde ich denn dazu die Gelegenheit haben? Kommt Königin Maria vielleicht schon bald zu einem Staatsbesuch nach England?“

„Bereits seit Langem sehnt sie sich danach, ihre Cousine Elisabeth kennenzulernen, aber ich weiß nichts von solchen Plänen in der nächsten Zeit. Möglicherweise gestattet Lord Leicester Euch das Porträt zu betrachten, das sich in seinen Gemächern befindet. Dann müsst Ihr mir unbedingt sagen, wie Eure Meinung ist.“

Rosamund blieb keine Zeit zum Antworten, denn die Musiker stimmten eine lebhafte Galliarde an, und die Königin gab die ersten Schrittfolgen vor. Rosamund hätte sowieso nicht gewusst, was sie auf die Bemerkung Macintoshs hätte erwidern sollen. Sie verspürte nicht das geringste Verlangen, sich in die Belange der Königinnen und ihrer Höflinge einzumischen. Stattdessen gab sie dem friedlichen Leben auf dem Land den Vorzug. Die wenigen Stunden, die sie bisher bei Hofe verbracht hatte, reichten bereits aus, um alles zu verändern. Es schien ihr, als würde die ihr vertraute Welt Stück für Stück zerbrechen. Dahinter kamen die bunten Farben und geschwungenen Umrisse eines neuen Lebens zum Vorschein. Gleichwohl waren sie noch zu schemenhaft, als dass Rosamund sie hätte erkennen können.

Sie nahm Macintoshs Hand und umkreiste ihn mit raschen kleinen Sprüngen, bevor sie gemeinsam das nächste Paar umtanzten. Über das Gespräch mit dem Schotten hatte sie Anton Gustavson völlig vergessen, doch als sie vorwärtsschritt, um die nächste Figur zu beginnen, sah sie sich ihm plötzlich gegenüber.

Er gehörte nicht zu den Tanzenden, sondern stand mit verschränkten Armen am Rand der Tanzfläche und beobachtete das fröhliche Treiben. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen, seine Augen schienen im flackernden Lichterschein schwarz wie Onyx.

Unwillkürlich wollte Rosamund zu ihm gehen und ihn fragen, was ihm durch den Kopf ging, wenn er die feiernden Menschen betrachtete. Wenn er sie betrachtete. Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, verbeugte er sich leicht in ihre Richtung.

Rosamund wirbelte zurück in die Mitte der Tanzfläche, wo sich alle Paare schneller und schneller drehten. Der Saal schien zu einem bunten Wirbel aus Farben und Licht zu verschwimmen. Als sie am Ende der Schrittfolge schließlich etwas langsamer wurde, war Anton nicht mehr zu sehen.

Nachdem die Musik verstummt war, verbeugte sich Master Macintosh und Rosamund knickste. „Seid Ihr sicher, dass Ihr nie zuvor bei Hofe gewesen seid, Lady Rosamund?“, fragte er lachend und nahm ihre Hand, um sie zu den anderen Ehrendamen zurückzuführen.

„Oh, ja“, erwiderte Rosamund. „Ich würde mich sicher daran erinnern, wenn ich bereits einmal eine solch lange Reise gemacht hätte.“

„Ihr tanzt, als wäret Ihr schon eine Ewigkeit hier“, bemerkte Macintosh und fügte mit leiser Stimme hinzu: „Ihr tanzt sogar besser als Eure Königin, Mylady, aber Ihr dürft niemandem verraten, dass ich das gesagt habe!“

Mit einer weiteren Verbeugung empfahl er sich und ließ Rosamund in der Gesellschaft von Anne Percy zurück.

„Hat dir der Tanz mit dem Schotten gefallen?“, erkundigte sich Anne.

„Ja, sehr sogar“, antwortete Rosamund.

„Das ist gut. Obwohl ich an deiner Stelle nicht zu vertraulich mit ihm umgehen würde.“

„Warum denn, Anne?“

„Man erzählt sich, dass er sich letzthin mit Lady Lennox, also Margaret Steward, trifft.“

„Die Cousine der Königin?“

„Aye, genau die.“ Mit ihrem Fächer wies Anne auf eine beleibte Dame mit blassem Gesicht, die in schwarze Atlasseide gekleidet war. Sie stand in der Nähe des Kamins und beobachtete die Festgesellschaft mit sauertöpfischer Miene. „Sie hält nichts von den Plänen der Königin, Leicester mit Maria Stuart zu verheiraten, und man sagt, dass einige andere Schotten ihre Meinung teilen.“

Rosamund betrachtete die verdrießlich dreinschauende Frau. „Und welcher ehelichen Verbindung würden sie stattdessen den Vorzug geben?“

„Natürlich der mit Lady Lennox’ Sohn, Lord Darnley. Ich habe ihn heute Abend bisher nicht gesehen. Wahrscheinlich ist er damit beschäftigt, den Dienstmägden hinterherzujagen – oder den Dienern, je nachdem, wie er gerade gelaunt ist“, erklärte Anne.

„Ich werde mir sicherlich nie die Namen all dieser Menschen hier merken können“, klagte Rosamund. „Oder wer auf wessen Seite ist!“

Anne lachte. „Oh, das wirst du noch früh genug! Dafür werden die anderen schon sorgen.“

Sie mussten ihr Gespräch unterbrechen, da Königin Elisabeth mit den österreichischen und schwedischen Delegierten in ihrem Gefolge auf sie zukam.

Rosamund und Anne machten einen tiefen Knicks. Als Rosamund sich wieder aufrichtete, sah sie sich abermals Anton Gustavson gegenüber. Obwohl er dieses Mal nicht lächelte, konnte sie sich nicht des Gefühls erwehren, dass ihn etwas amüsierte.

Etwa ich? fragte sie sich. Oder das glanzvolle Fest? Oder ein Scherz, den er mit niemandem teilt? Sie wünschte, er wäre ein Buch – ein lateinischer oder griechischer Text, den sie entschlüsseln könnte, wenn sie nur fleißig daran arbeitete. Mit der Zeit gaben Bücher stets ihre Geheimnisse preis. Doch sie fürchtete, dass Anton rätselhafter war, als sie zu erahnen vermochte. Vielleicht bin ich einfach zu ungeduldig, dachte sie, während sie seinen schlanken Körper in der feinen Samtkleidung betrachtete. Schließlich habe ich ja noch kein Wort mit ihm gesprochen.

„Ihr seid eine gute Tänzerin, Lady Rosamund“, lobte die Königin sie. „Eure Tanzstunden haben sich gelohnt. Ihr wurdet von Master Geoffrey unterrichtet, habe ich recht?“

„Ja, Eure Majestät“, erwiderte Rosamund und riss ihren Blick von Anton los, um die Königin anzusehen. Diese musterte sie so aufmerksam, dass Rosamund sicher war, Elisabeth könne jeden ihrer Gedanken lesen. „Das Tanzen bereitet mir großes Vergnügen, aber ich muss noch viel lernen.“

„Ihr seid zu bescheiden, Lady Rosamund. Sicher müsst Ihr nicht so viel lernen wie einige andere hier am Hof.“ Die Königin wandte sich abrupt an Anton. „Master Gustavson beteuert, überhaupt nicht tanzen zu können.“

„Überhaupt nicht, Madam?“ Rosamund dachte daran, wie geschmeidig und kraftvoll er sich auf dem Eis bewegt hatte. „Das mag ich kaum glauben.“

„Genau, Lady Rosamund. Es ist einfach unvorstellbar, dass jemand an meinem Hofe des Tanzens nicht mächtig sein soll – vor allem, wenn das prächtigste aller Feste so kurz bevorsteht.“

Anton verbeugte sich. „Ich bedauere, nie die Gelegenheit gehabt zu haben, das Tanzen zu erlernen, Eure Majestät. Überdies bin ich ziemlich unbeholfen.“

Das war eindeutig eine Lüge, wie Rosamund wusste. Niemand, der unbeholfen war, konnte aufrecht mit nur zwei dünnen Kufen unter den Füßen auf dem Eis stehen – und erst recht nicht solche eleganten Pirouetten drehen.

„Jeder kann tanzen lernen“, widersprach die Königin. „Vielleicht vermag er den Übungsstunden nicht so viel Angenehmes abzugewinnen, wie es offensichtlich bei mir oder bei Lady Rosamund der Fall war. Indes kann jeder die richtigen Schrittfolgen lernen und wie er sich zur Musik zu bewegen hat.“

Abermals verbeugte sich Anton. „Ich fürchte, ich bilde eine bedauerliche Ausnahme, Eure Hoheit.“

Die Königin sah ihn nachdenklich an und tippte sich mit einem ihrer schlanken blassen Finger ans Kinn. „Würdet Ihr Euch wohl auf eine Wette einlassen, Master Gustavson?“

Er zog eine Braue hoch und hielt dem herausfordernden Blick der Königin stand. „Was haben Eure Majestät im Sinn?“

„Ganz einfach – ich wette, dass jeder tanzen kann, sogar ein Schwede, wenn er nur den richtigen Lehrmeister hat. Ihr müsst es versuchen und uns zum Dreikönigsfest eine Volta darbieten. Bis dahin bleibt Euch genügend Zeit für einen gründlichen Unterricht.“

„Ich fürchte nur, dass ich keinen Lehrmeister kenne, Eure Majestät“, antwortete Anton lächelnd. In diesem Moment wurde es Rosamund bewusst, dass er augenscheinlich die Herausforderung genoss, mit der Königin eine Wette einzugehen.

Rosamund beneidete ihn um diese kühne Einstellung.

„Da irrt Ihr Euch, Master Gustavson.“ Die Königin wandte sich an Rosamund. „Lady Rosamund hat soeben unter Beweis gestellt, dass sie eine sehr talentierte Tänzerin ist. Auch verfügt sie über ein geduldiges und ruhiges Temperament, was man hier im Palast äußerst selten findet. Also, Mylady, ich gebe Euch Eure erste Aufgabe an meinem Hof – lehrt Master Gustavson, wie man tanzt.“

Rosamund erschrak. Sie sollte ihm das Tanzen beibringen? Sie war ziemlich sicher, sich nicht auf eine komplizierte Pavane oder Volta konzentrieren zu können, wenn sie dem schönen Schweden so nahe war – seine Hände auf ihrer Taille spürte, sein Lächeln so dicht vor sich sah. Es verwirrte sie bereits völlig, ihn nur anzusehen – aber mit ihm zu sprechen? Bestimmt würde sie an der Aufgabe, die die Königin ihr gerade erteilt hatte, jämmerlich scheitern.

„Eure Majestät“, wagte sie schließlich zu sagen, „bestimmt gibt es wesentlich erfahrenere Tänzer, die …“

„Unsinn“, unterbrach die Königin sie. „Ihr werdet die Aufgabe mit Bravour meistern, Lady Rosamund. Ihr gebt die erste Stunde nach dem Gottesdienst am Weihnachtsmorgen. Ich nehme an, dass die Waterside Gallery zu dieser Zeit nur wenig belebt sein dürfte. Was meint Ihr, Master Gustavson?“

„Ich meine, dass ich Eurer Majestät in allen Angelegenheiten gern zu Diensten bin“, antwortete Anton mit einer eleganten Verbeugung.

„Und Ihr geht keiner Herausforderung aus dem Weg, habe ich recht?“, neckte die Königin ihn.

„Die Weisheit Eurer Majestät ist in der Tat sehr groß.“

„Es gelten folgende Bedingungen: Falls ich gewinne und Ihr tatsächlich das Tanzen erlernt, dann habt Ihr mir sechs Schillinge zu zahlen. Darüber hinaus erhält Lady Rosamund eine Gabe, über deren Art ich noch entscheiden werde.“

„Und falls ich gewinne, Madam?“

Die Königin lachte. „Ich bin sicher, dass wir für Euch eine angemessene Belohnung finden, Master Gustavson. Nun kommt, Botschafter von Zwetkovich, mich verlangt es nach einem weiteren Tanz.“

Elisabeth ging, und Anne folgte ihr, um mit Johan Ulfson zu tanzen. Sie sah kurz über die Schulter zurück, und Rosamund ahnte, dass sie sich später einer Fülle von Fragen würde stellen müssen.

Rosamund wandte sich zu Anton Gustavson. Es schien ihr, als wären sie beide für einen Moment völlig allein, als wäre das lebhafte Treiben der Festgesellschaft nicht länger ein Teil ihrer Welt.

„Ich fürchte, Master Gustavson“, sagte sie streng zu ihm, „dass Ihr ein Schwindler seid.“

„Mylady!“ Er presste mit gespielter Entrüstung eine Hand auf sein Herz, doch konnte er sein Lachen nicht ganz unterdrücken, als er weitersprach. „Eure Bemerkung verletzt mich sehr. Was ist der Grund für Eure Anschuldigung?“

„Ich habe gesehen, wie Ihr auf dem gefrorenen See gelaufen seid – unbeholfen habt Ihr dabei wahrhaft nicht gewirkt.“

„Eislaufen und Tanzen sind zwei verschiedene Dinge.“

„Gar nicht mal so verschieden, wie ich meine. Für beides benötigt man einen Sinn für Balance, Anmut und Körperbeherrschung.“

„Könnt Ihr selbst eislaufen?“

„Nay. Bei uns ist es nicht so kalt wie in Eurem Heimatland. Dieser Winter bildet eine Ausnahme. Nur selten habe ich bisher einen zugefrorenen See oder Fluss gesehen.“

„Dann wisst Ihr also auch nicht, ob es dasselbe ist, richtig?“ Ein Diener ging mit einem Tablett vorbei, und Anton nahm zwei Weinkelche herunter. Als er Rosamund einen davon reichte, berührten seine schlanken warmen Finger die ihren, und nur langsam zog er sie wieder zurück.

Rosamund erzitterte, als sie seine Berührung spürte, und schalt sich insgeheim für ihre mädchenhafte Reaktion. Schließlich war sie schon zuvor von einem Mann angefasst worden – sie und Richard hatten sich vergangenen Sommer im Schutze der Hecken umarmt. Gleichwohl brachte irgendetwas an der sachten Berührung Antons sie völlig durcheinander.

„Ich bin überzeugt, dass sich beides durchaus ähnelt“, widersprach sie und nahm einen Schluck Wein, um ihre Verwirrung zu überspielen. „Wenn Ihr eislaufen könnt, dann könnt Ihr auch tanzen.“

„Und wenn nicht? Lady Rosamund, ich schlage eine eigene Wette vor.“

Misstrauisch betrachtete sie ihn über den Rand ihres silbernen Kelches hinweg. „Welche Art von Wette, Master Gustavson?“

„Man sagt, die Themse sei fast zugefroren“, antwortete er. „Für jede Tanzstunde, die Ihr mir erteilt, gebe ich Euch eine im Eislaufen. Dann werden wir sehen, ob sich beides ähnelt oder nicht.“

Bestürzt dachte Rosamund dran, wie elegant er über das Eis geglitten war. Wie würde es sich wohl anfühlen, sich ebenso unbeschwert und frei zu bewegen? Sie war versucht, es herauszufinden. Dennoch … „Ich werde nie so laufen, wie Ihr es könnt. Ich würde einfach hinfallen!“

Daraufhin lachte er, und der warme Klang seiner Stimme schien ihrer Haut wie zarteste Seide zu schmeicheln. Wie gern hätte sie dieses Lachen wieder und wieder in sich aufgenommen, um das Gefühl des Glücks zu genießen, das es in ihr wachrief! „Ihr braucht Euch ja nicht gleich zu drehen, Lady Rosamund, es reicht schon, wenn Ihr auf den Beinen bleibt und Euch vorwärtsbewegt.“

Das allein klang bereits schwierig genug. „Auf zwei dünnen Kufen, die an meinen Schuhen befestigt sind?“

„Ich versichere Euch, es ist nicht so schwierig, wie Ihr annehmt.“

„Dasselbe gilt auch fürs Tanzen.“

„Wollen wir es dann nicht ausprobieren? Lediglich eine kleine, harmlose Wette, Mylady.“

Rosamund dachte nach. Sie war sicher, dass nichts an diesem ansehnlichen Mann als harmlos zu bezeichnen war. „Ich habe aber noch kein Geld zu meiner Verfügung.“

„Nun, Ihr habt etwas wesentlich Wertvolleres.“

„Und das wäre?“

„Eine Locke Eures Haares.“

Autor

Amanda Mc Cabe
Amanda McCabe schrieb ihren ersten romantischen Roman – ein gewaltiges Epos, in den Hauptrollen ihre Freunde – im Alter von sechzehn Jahren heimlich in den Mathematikstunden. Seitdem hatte sie mit Algebra nicht mehr viel am Hut, aber ihre Werke waren nominiert für zahlreiche Auszeichnungen unter anderem den RITA Award. Mit...
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Louise Allen
Louise Allen lebt mit ihrem Mann – für sie das perfekte Vorbild für einen romantischen Helden – in einem Cottage im englischen Norfolk. Sie hat Geografie und Archäologie studiert, was ihr beim Schreiben ihrer historischen Liebesromane durchaus nützlich ist.
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