In den Armen des sexy Fremden

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"Mit einem Mann, über den sie nichts weiß, eine heiße Nacht zu verbringen? So etwas macht Jaimie Wilde nicht! Bis auf ein einziges Mal. Seitdem vergeht kein Tag, an dem sie nicht voller Sehnsucht an Zach denkt. Diesen breitschultrigen, sexy Traummann, in dessen Luxus-Penthouse sie bei Stromausfall gestrandet ist, der etwas Unvergessliches mit ihrem Körper und ihrem Herzen getan hat … Und dann steht er eines Tages vor ihrer Tür! Um sie ein zweites Mal zu erobern? Doch was er wirklich im Schilde führt, erfährt sie leider viel zu spät …
  • Erscheinungstag 17.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778644
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Zach Castelianos griff nach der Ray Ban in der Brusttasche seines verwaschenen Denimshirts, setzte sich die Sonnenbrille auf, wechselte die Reisetasche von einer Hand in die andere und trat aus dem Ankunftsterminal des JFK-Flughafens hinaus in die spätsommerliche Hitze.

Himmel, es war heiß, selbst noch am Abend. Typisch New York. Aber nach zehn Stunden in der kühl klimatisierten Luft einer engen 737 war es ein gutes Gefühl, in die Wärme zu treten.

Genau wie es ein gutes Gefühl war, wieder zu Hause zu sein.

Eine erstaunliche Erkenntnis. Zach betrachtete eigentlich keinen Ort als Zuhause. Als Kind eines Marine Corps Sergeant war er überall und nirgendwo aufgewachsen, war immer dorthin mitgezogen, wo sein Vater stationiert worden war. Kaum siebzehn, hatte er sich ebenfalls eingeschrieben. Zwei Jahre später war er zu den Special Forces des Marine Corps gekommen, hatte mindestens ein halbes Dutzend Mal die halbe Welt abgeklappert, hauptsächlich Länder, die auf „stan“ endeten. Vier Jahre später hatte ihn dann die Agency rekrutiert, eine Regierungsbehörde mit Sitz in Washington, die so geheim war, dass die wenigsten den Namen kannten, und die, die ihn kannten, ihn nicht aussprachen, und das Spiel war von vorn losgegangen. Stellte ein Zivilist ihm die Frage, was er beruflich machte, so antwortete er jedes Mal: „Wenn ich Ihnen das sage, müsste ich Sie umbringen.“ Eine scherzhafte Bemerkung, die allerdings einen Kern Wahrheit enthielt.

Unterm Strich kam dabei heraus, dass er nie lange genug an einem Ort geblieben war, um diesen als „Zuhause“ anzusehen. New York kam dem noch am nächsten.

Immerhin besaß er hier eine Eigentumswohnung, so hoch über Manhattan, dass man meinen könnte, in einem Helikopter zu sitzen, wenn man vor der großen Glasfront des Wohnzimmers oder auf der Terrasse stand. Hätte ihm jemand gesagt, er würde je eine Eigentumswohnung besitzen, als er damals den Dienst für die Behörde quittierte, hätte er laut gelacht. Vor vier Jahren hatte er Washington und die Mietwohnung verlassen und einen Neuanfang gewagt.

Er war nicht der Typ, der an der Vergangenheit haftete. Erinnerungen, Seelenforschung und Selbstanalyse waren etwas für Leute, die Zeit und sonst nichts zu tun hatten. Er dagegen hatte Shadow Inc. gegründet, eine HighTech-Sicherheitsfirma, die seine gesamte Zeit aufbrauchte. Hier konnte er sein Training einsetzen, seine Erfahrung, ohne sich mit einem Schreibtischhengst im Pentagon auseinandersetzen oder auf die Genehmigung irgendeines Kongressausschusses warten zu müssen.

Shadow hatte wie eine Rakete abgehoben. Keine Werbung, nur ein Wort hier und da zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und die Schlange der Klienten war unablässig länger geworden. Ein paar Anrufe, und Leute, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hatte, Leute, denen er absolut vertrauen konnte, hatten für ihn arbeiten wollen. Shadow war keine Ein-Mann-Operation mehr, sondern eine Elite-Truppe, die sich um Elite-Klienten kümmerte.

Und noch etwas hatte er mit der Zeit festgestellt: Er war reich damit geworden. Sein Baby wuchs enorm schnell, und ihm wurde klar, dass er einen Rechtsbeistand brauchte. Jemanden, der sich auskannte und dem er vertrauen konnte. So jemanden zu finden, war nicht unbedingt einfach. Außerdem musste diesem Jemand klar sein, dass Shadow bestimmte Aufträge nicht einmal in Betracht zog. Mit untreuen Ehemännern oder verantwortungslosen Nannys gaben sie sich gar nicht erst ab.

Es gab nur einen Anwalt, der dafür in Betracht kam. Den Mann kannte er noch aus seiner Zeit bei der Agency, hatte sogar hin und wieder mit ihm gearbeitet. Sie hatten den Laden auch ungefähr zur gleichen Zeit verlassen. Zach war gen Norden gezogen, Caleb Wilde nach Westen, um dort eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Zach hatte recherchiert. Calebs Kanzlei war nicht nur Weltklasse, sondern auch diskret. Sie hatten sogar einige gemeinsame Klienten.

Konnte es eine bessere Empfehlung geben?

Also rief Zach Caleb an. Caleb kam nach New York. Sie redeten lange bei Drinks und Dinner, gingen dann zu Zachs Büro, und Caleb arbeitete die Daten durch, die er brauchte. Im Morgengrauen gingen sie auf der Tenth Avenue frühstücken und besiegelten den Deal per Handschlag. Ab sofort war Caleb Zachs Anwalt. Eine Woche später schüttelten Calebs Bruder Travis und Zach sich die Hände, und damit wurde Travis Zachs Finanzberater. Der Mann war ein Finanzgenie, machte aus dem guten Umsatz, den Shadow hatte, ein Vermögen, und Zach konnte sich die Eigentumswohnung mit vier Schlafzimmern und vier Bädern in dem Wolkenkratzer mit Blick auf den Central Park kaufen. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte er einen Packen Geldscheine auf den Tisch gelegt.

Viel hatte sich in relativ kurzer Zeit geändert. Ein neues Leben …

… außer wenn das alte sich aufdrängte. Und aus einer solchen Situation kehrte er an diesem heißen Oktoberabend zurück.

Situation … Wann würde die Agency endlich aufhören, ein komplettes Desaster mit diesem harmlosen Wort zu bezeichnen?

Der Direktor hatte ihn kontaktiert, und Zach war in ein Gebiet geflogen, aus dem jeder, der auch nur die geringste Möglichkeit sah, floh. Er hatte getan, was getan werden musste. Daran zweifelte er nicht. Es war hart gewesen, teils sogar brutal, und es hatte ihn an das erinnert, mit dem er aufgewachsen war.

Die Welt war voller Lügen und Lügner. Ein kluger Mann vertraute niemandem. Das hatte ihn sein Vater früh gelehrt – auf die harte Tour. Sollte er jemals das Pech haben und seinem alten Herrn gegenüberstehen, würde er ihm wohl dafür danken müssen.

Verdammt. Es war viel zu heiß für Bedauern und Philosophieren. Und wo, zum Teufel, blieb John? Er hatte ihn angerufen, sobald die Maschine gelandet war, und John hatte gesagt: „Bin sofort da, Sir.“

Sofort war anders.

Das Adrenalin pumpte noch durch seine Adern. Wie immer bei der Rückkehr, wenn er sich um eine „Situation“ gekümmert hatte. Und die Hitze half nicht unbedingt. Zach wischte sich den Schweiß von der Stirn, zog das Denimshirt aus und stopfte es in die Reisetasche. Es lohnte sich nicht mehr, das schwarze T-Shirt, das er darunter trug, noch zu waschen, das konnte direkt in den Müll. Wie Rosen duftete er sicherlich nicht, aber er hatte auch nicht vor, sich unter Menschen zu begeben. In dem voll besetzten Flieger war das T-Shirt sogar ein Segen gewesen, hatte es ihm doch seine Sitznachbarn von der Pelle gehalten. Nach den letzten zehn Tagen hatte er vorerst genug von Menschen. Eigentlich hätte er mit einer Frachtmaschine zurückkommen sollen, so war es zumindest geplant gewesen. Aber Pläne änderten sich schnell, und ohne Angabe von Gründen hatte ihn dann jemand von der Agency stattdessen in die Passagiermaschine verfrachtet. Zach hatte auch keine Fragen gestellt. Er war nur heilfroh gewesen, von da wegzukommen.

Eine weißhaarige ältere Dame, die offenbar ebenfalls darauf wartete, abgeholt zu werden, begutachtete ihn argwöhnisch. Er bemühte sich um ein, wie er hoffte, höfliches Lächeln. Sie wurde blass um die Nase und ging ein paar Schritte weiter auf Abstand.

Na großartig. Wenn das nicht das glorreiche Sinnbild für Ruhm und Ehre war. Kleine alte Ladies erschrecken und Drecksarbeit erledigen, zu der niemand in Washington sich je bekennen würde.

Zacharias Castelianos, der verkannte Held.

Wo blieb John, verdammt? Er sah die Straße hinunter, checkte die ankommenden Autos.

Warum hatte er damals diese erste außerplanmäßige Mission angenommen, obwohl er der Agency längst den Rücken gekehrt hatte? Er war kein Egoist, sondern Pragmatiker. Deshalb hatte er sich auch, als der Anruf kam, nicht geschmeichelt gefühlt, sondern laut gelacht und die Verbindung unterbrochen, noch während der Direktor geredet hatte. Danach war er zwei Stunden lang durch die Wohnung getigert, hatte sich selbst mit einem deftigen Schimpfwort belegt, aber dennoch nach dem Telefon gegriffen, die Nummer samt Code gewählt, die er nie vergessen hatte, und sich bereit erklärt, den Job zu übernehmen. Aber nur dieses eine Mal.

Er hätte wissen müssen, dass es so etwas wie „nur dieses eine Mal“ nicht gab.

Zwei Schlipsträger, in ihr sicherlich wichtiges Gespräch vertieft, rempelten ihn an. Einer der Typen warf ihm einen Blick zu, als wäre Zach verantwortlich für den Zusammenstoß … und änderte prompt seine Meinung, zog seinen Kumpel mit einer Entschuldigung an Zach hastig beim Ellbogen weiter.

Der sich das Grinsen verkneifen musste. Es hatte also auch seine Vorteile, wenn man roch wie jemand, der seit Tagen nicht mehr geduscht hatte, und einem die Bartstoppeln auf Kinn und Wangen standen. Wenn die Jeans voller Flecken war, das T-Shirt vor Schmutz starrte und Staub und wahrscheinlich Schlimmeres an den Boots klebte. Oder vielleicht lag es auch an seiner Größe von 1 Meter 92, dem breiten Kreuz, den Muskeln und den grünen Augen, die kalt wie Eis glitzerten. Augen, die Dinge gesehen hatten, die man besser ungesagt ließ. Dinge, von denen er selbst einige getan hatte.

Ein Muskel in seiner Wange zuckte. Also gut. Vielleicht wurde es Zeit, dieses Leben endgültig zu vergessen. Verdammt, es endlich zu begraben. Deshalb hatte er die Agency auch verlassen – weil er seine Fähigkeit schwinden gespürt hatte, emotional und mental auf Distanz zu bleiben. Abstand war nötig, sonst wuchs das Risiko für Fehler. Oder man lag nachts wach und grübelte. Noch schlimmer … man wünschte sich Dinge, die man nicht haben konnte.

Er hatte die Nase voll davon, den tapferen Recken zu mimen, der im Alleingang die Welt rettete. Zeit, erwachsen zu werden und …

… und wo, zur Hölle, blieb sein Wagen?

Er zog sein Handy heraus. Statt sich zu ärgern, würde er die Zeit nutzen und etwas Sinnvolles tun – seine Mailbox checken.

Nur eine Nachricht weckte sein Interesse – die von einer Frau, die er letzten Monat bei einer Konferenz in Washington getroffen hatte.

Hi, Sari hier. Hab mich letztens gut amüsiert. Ruf mich an, wenn du Lust hast, und wir machen was aus.

Er grinste. Oh ja, das mit ihr hatte Spaß gemacht. Besonders gefallen an ihr hatte ihm ihr Desinteresse an einer festen Beziehung. Doch, er würde sich bei ihr melden. Später.

Die nächste Nachricht war nicht einmal einer Antwort würdig. Von einem aufgeblasenen Immobilienmakler, der ihn auf derselben Konferenz in die Ecke hatte drängen wollen.

Hallo, Mr. Castelianos, Roger Bengs hier. Ich hatte das Vergnügen, Sie in Washington kennenzulernen und mit Ihnen den Verkauf Ihres Apartments zu besprechen …

Löschen.

Mr. Castelianos, Roger Bengs hier noch mal. Ich hoffe, meine Nachricht hat Sie erreicht und …

Löschen.

Hi, Mr. Castelianos, ich rufe an im Auftrag von Roger Bengs wegen des Verkaufs Ihres …

Eine weibliche Stimme mit dem Hauch eines Südstaatenakzents. Sachlich, professionell. Wahrscheinlich die Sekretärin. Zach hörte sich die Nachricht nicht bis zu Ende an, drückte „Löschen“ und schwor sich, nie etwas mit Bengs zu tun zu haben, selbst wenn der Mann der letzte Makler auf Erden sein sollte.

Der Typ war nicht nur pompös und aufdringlich, er war auch ein Lügner. Ein Verkauf war nie besprochen worden, im Gegenteil. Zach hatte dem Mann deutlich gemacht, dass er nicht verkaufen wollte.

Bei dem Ton einer Hupe hob er den Kopf. Na endlich, da war er – sein roter Porsche Carrera, der jetzt zügig in die Abholerspur zog und genau vor ihm stoppte. Zach zog die Beifahrertür auf und warf seine Tasche auf die Rückbank, während John ausstieg.

„Willkommen zu Hause, Sir.“

„Danke.“ Die Männer schüttelten sich die Hände. Zach griff in seine Jeanstasche, zog ein Bündel Geldscheine hervor. „Und danke fürs Bringen.“

John nickte und nahm das Bündel kommentarlos an. Beim ersten Mal hatte er versucht, die Bezahlung als unnötig abzuwehren, doch sein Chef hatte darauf bestanden. Der unversehrte Porsche sei das Pfand für eine unversehrte Rückkehr, und John, Ex-Militär, wusste um die Wichtigkeit eines Talismans.

„Nehmen Sie sich den restlichen Tag frei.“

John nickte. Auch das gehörte zum Ritual. Wenn der Boss von diesen Reisen zurückkam, wollte er niemanden sehen oder hören. „Danke, Mr. Castelianos, Sir.“

„Zach.“

„Yessir!“

Zach verdrehte die Augen, und John grinste schief. „Dann bis morgen früh, Sir. Ich meine, Zach. Und halten Sie sich besser an das Tempolimit, die Cops liegen auf der Lauer.“

Beide Männer grinsten, wussten, wie schlecht die Chancen standen.

Dennoch musste Zach sich gedulden, bis er aus dem regen Verkehr heraus war, bevor er endlich das Gaspedal durchtreten konnte. Ein glorreiches Gefühl, selbst wenn er den Wagen nicht ganz ausfahren konnte. Er spürte, wie die Anspannung in ihm langsam nachließ. Die letzten zehn Tage hatten ihren Tribut gefordert. Er brauchte dringend eine Pause. Zwei Wochen absolutes Nichtstun …

Er brauchte mehr als das. Er brauchte etwas, an das er wieder glauben konnte.

Früher einmal hatte er an etwas geglaubt. An sein Land hatte er geglaubt. Tief in seinem Innern tat er das wohl immer noch. Das Problem waren die Leute, die Entscheidungen in diesem Land trafen und immer öfter nur an sich selbst zu denken schienen.

Wie war das noch mit dem Philosophieren …?

Er nahm den Fuß vom Gas und fuhr vom Highway ab, raste mit quietschenden Reifen durch ein verlassenes Industriegebiet und zog auf den vermüllten Parkplatz vor einem leeren Fabrikgebäude, stellte den Motor ab und rieb sich übers Gesicht.

Etwas lief nicht rund mit seinem Leben. Geld hatte er mehr als genug. Er besaß eine Wohnung in den Wolken über Manhattan. Er hatte unzählige Orden und Ehrungen erhalten und Dinge erreicht, von denen andere behaupteten, sie seien wichtig, sogar unerlässlich, aber …

… aber da blieb immer diese Frage, die ständig an ihm nagte und der er ständig auszuweichen versuchte.

Einmal hatte er sich sogar bei einem Psychiater auf die Couch gelegt. Zweimal, um genau zu sein, nach einer extrem harten Mission, die er noch bei den Special Forces kommandiert hatte. Sein Commander hatte das für eine gute Idee gehalten.

Der Seelenklempner hatte ihm zugehört. Oder besser, hätte ihm zugehört, wenn Zach denn geredet hätte. Geredet hatte er nur über den mangelnden Wunsch zu reden.

„Ich kotze mich nicht bei anderen aus. Es sind meine Probleme, damit muss ich niemanden belasten“, hatte er gesagt.

„Sehen Sie den Kontakt mit anderen als das an? Als Auskotzen und Belasten?“, hatte der Psychiater gefragt.

Zach hatte nur mit den Schultern gezuckt. „Meine Probleme mache ich mit mir selbst aus.“

„Was ist mit den Dingen, die keine Probleme sind? Teilen Sie anderen Ihre Gefühle mit?“

„Ich bin nicht der gefühlsbetonte Typ.“

„Wie verstehen Sie sich mit Ihrer Familie? Haben Sie ein enges Verhältnis?“

„Nein.“

„Schlicht nein?“

„Meinen alten Herrn habe ich seit Jahren nicht gesehen. Meine Mutter habe ich zwischendurch immer wieder mal angerufen, aber jetzt lebt sie nicht mehr. Sonst gibt es niemanden.“

„Gibt es eine Frau in Ihrem Leben?“

„Was ist das hier? Ein Reality-Show mit versteckter Kamera?“

„Ich nehme das als ein Nein.“

„In meinem Leben gibt es viele Frauen, Doc. Ich sehe nur nicht, was das mit dem Militärdienst zu tun haben soll.“

„Mit Ihnen hat es tun, Zach. Sie distanzieren sich von sich selbst, fressen alles in sich hinein. Sie müssen begreifen, dass es keine Schwäche ist, sich anderen zu öffnen. Einsamkeit wirkt zerstörerisch auf die Psyche eines Menschen.“

An diesem Punkt war Zach dann aufgestanden. „Ich denke, das Ganze ist Zeitverschwendung, Doc.“ Er hatte die Hand ausgestreckt. „Ich gehe davon aus, Sie sagen meinem Commander, dass ich voll einsatzfähig bin?“

Der Arzt hatte Zachs Hand geschüttelt. „Ja, das werde ich ihm sagen. Aber Ihnen sage ich, dass Sie Ihre Mauern herunterfahren müssen, bevor Sie an den Punkt kommen, wo Sie es nicht mehr können …“

Und warum dachte er ausgerechnet jetzt an diese schon ewig zurückliegende Episode?

Zach startete den Motor und lenkte den Porsche zurück auf den Highway.

Zu Hause würde er als Erstes eine ausgiebige Dusche nehmen, dann mit einer Flasche exquisitem Scotch auf die Terrasse hinausgehen, sich auf der bequemen Liege ausbreiten und zusehen, wie der Himmel über Manhattan sich erst grau und dann schwarz färbte. Oder zumindest so dunkel wurde, wie es in Manhattan möglich war. Bei den Tausenden von Lichtern hatten Sterne keine Chance, noch aufzufallen.

Als Kind war er an Orten auf der Welt aufgewachsen, wo der Nachthimmel wie schwarzer Samt war, besetzt mit Milliarden von funkelnden Sternen – Kuwait, Saudi Arabien, Alaska. Seine Missionen hatten ihn in die Bergregionen von Pakistan, Irak und Afghanistan geführt, in eine Welt, in der der Nachthimmel das einzig Schöne gewesen war …

Und schon wieder Philosophie Grundkurs.

Er verlangsamte das Tempo, als er auf den Van-Wyck-Zubringer auffuhr. Es sah besser aus als noch vor einer halben Stunde, lange nicht mehr so voll. Er fädelte sich in den Verkehr ein und hielt sich mit den anderen an die Geschwindigkeitsbegrenzung.

Ein Fortschritt, immerhin.

Mit ein wenig Glück konnte er in einer halben Stunde unter der Dusche stehen und dann mit einen Glas Scotch in der Hand auf die Stadt hinuntersehen.

Der letzte Rest Anspannung fiel von ihm ab.

Es war gut, wieder zur Hause zu sein.

2. KAPITEL

Jaimie Wilde wünschte, sie wäre zu Hause statt hier in einem New Yorker Taxi im stockenden Verkehr eingeklemmt.

„Kommt schon, so fahrt doch“, murmelte sie.

Sie würde zu spät zu dem Meeting kommen. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht gab es ja gar kein Meeting. Zwei Nachrichten hatte sie Zacharias Castelianos auf die Mailbox gesprochen, auf keine hatte er reagiert. Aber da ihr Boss gesagt hatte, Castelianos wünsche schnellstmöglich ein Meeting, war es nur logisch, wenn sie davon ausging, dass dieses Treffen stattfand.

Sonst hätte Rogers Klient sich doch sicher gemeldet. Oder?

Roger behauptete, manche Kunden seien eben so – passiv-aggressiv, hatte er es genannt. Sie reagierten einfach nicht. Und wer war sie, dass sie dem Mann widersprechen würde, wenn sie erst vor wenigen Monaten zu Stafford & Bengs gestoßen war, nicht wahr? Bengs war ihr Boss und ihr Mentor, also war es auch logisch, seine Anweisungen zu befolgen.

Jaimie handelte grundsätzlich logisch.

Schon früh hatte sie begriffen, wie wichtig Logik war. Beständig sein, pragmatisch sein. Sich auf den gesunden Menschenverstand verlassen, nicht auf Emotionen. Ihre Schwestern waren immer am Boden zerstört gewesen, wenn der Vater es, obwohl er es fest versprochen hatte, wieder einmal nicht geschafft hatte, zum Geburtstag oder zu Thanksgiving oder Weihnachten nach Hause zu kommen. Sie nicht. Bereits mit sechs Jahren hatte sie es besser gewusst.

Sie hielt sich immer an die Logik.

In letzter Zeit weniger, sonst würdest du dich nicht noch immer mit Steven herumschlagen.

Jaimie verdrängte den Gedanken. Im Moment hatte sie andere Sorgen.

Sie war in New York, auf dem Weg zu dem Treffen mit einem Kunden, und sie war immer noch mehrere Straßenzüge entfernt von dem Ort, an dem sie in einer halben Stunde sein sollte.

Sie durfte nicht zu spät kommen, diese Chance durfte sie sich nicht entgehen lassen! Sie musste den Besitzer der astronomisch teuren Eigentumswohnung davon überzeugen, dass nur Stafford & Bengs in der Lage waren, sie meistbringend zu verkaufen. Wenn ihr das gelang, wäre sie nicht mehr die Neue, sondern diejenige, die den lukrativsten aller Aufträge eingefahren hatte.

Außerdem würde dabei auch ein nettes Sümmchen für sie selbst herausspringen. Roger hatte ihr 0,01 Prozent der Courtage zugesagt. Vermutlich stand ihr legal mehr zu, aber sie war bereit, darauf zu verzichten … für die Erfahrung und um sich einen guten Stand bei Roger zu sichern.

Immer davon ausgehend, dass das Ganze überhaupt stattfinden würde.

Positiv denken, ermahnte sie sich still. Über die Informationslücken, die ihr Boss gelassen hatte, wollte sie jetzt nicht nachdenken.

Ob der megareiche, megamysteriöse Zacharias Castelianos denn zugesagt hätte, Stafford & Bengs als Makler zu nutzen?

„Exzellente Frage, Jaimie“, hatte Roger gesagt und sie angelächelt wie ein Schuldirektor eine Erstklässlerin. „Die definitive Zusage gibt es erst, wenn der Klient seine Unterschrift auf die gestrichelte Linie gesetzt hat.“

Und weshalb Castelianos eine Agentur aus Washington beauftragen sollte, wenn die Firma auch eine Zweigstelle in Manhattan hatte?

„Ich habe doch schon erklärt, dass wir uns auf einer Konferenz in Washington getroffen und über den Verkauf geredet haben. Es ist nie leicht, einen passenden Immobilienmakler zu finden. Hätte ich ihn etwa an das Manhattaner Büro verweisen sollen? Sie sind noch neu in dem Geschäft, aber selbst Sie können sich denken, dass ein Kunde das Gefühl haben muss, bei einem Makler gut aufgehoben zu sein.“

Nur … wenn dieser Castelianos sich bei Roger Bengs gut aufgehoben fühlte, warum übernahm er das nicht selbst, sondern schickte sie stattdessen nach New York?

Die Frage war nicht gut aufgenommen worden.

„Die Wohnung bringt gut fünfzig, sechzig Millionen auf dem Markt. Vielleicht können reiche Mädchen es sich leisten, einer Kommission von zwanzig-, fünfundzwanzigtausend Dollar den Rücken zu kehren. Ich bin sicher, es gibt Mitarbeiter, die sich um eine solche Chance reißen.“

Deshalb war Jaimie also jetzt in New York.

Nicht sie war reich, ihre Familie war reich. Sie war gen Osten gezogen, um das Image des reichen Mädchens abzuschütteln, das ihr schon ihr ganzes Leben anhaftete. Ihre Schwestern hatten Texas aus den gleichen Gründen verlassen, sie alle wollten es aus eigener Kraft schaffen. Jaimie liebte ihre Familie, liebte El Sueño, die riesige Ranch, die seit Generationen in der Wilde-Familie weitervererbt wurde, aber sie wollte der Welt ihren eigenen Stempel aufdrücken, so wie ihre Schwestern und ihre Brüder es taten. Und ihr Boss hatte ihr die Chance dazu gegeben.

Deshalb hatte sie sich heute Morgen sorgfältig zurechtgemacht. Klassisches Seidenkostüm, elegante Stilettos. Ihr Haar war immer das Problem – es war lang und hatte einen eigenen Willen, vor allem bei feuchtwarmem Wetter. Keine echten Locken, aber auch nicht wirklich glatt, eine Mähne von blonden Wellen, die sich nicht zähmen lassen wollte. Heute Morgen hatte sie es auf dem Kopf zu einem Knoten gedreht und mit unzähligen Haarnadeln festgesteckt.

Trotzdem hatte sie ein ungutes Gefühl bei der ganzen Geschichte. Sie hätte Roger sagen sollen, was er mit seinem Auftrag tun konnte und …

… doch es wäre dumm gewesen, sich die Chance entgehen zu lassen, ihrer neuen Karriere einen kräftigen Schub nach oben zu versetzen.

Sie hatte Betriebswirtschaft studiert, hatte einen MBA in Buchführung. Zahlen hatten sie schon immer fasziniert. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen, für das sie gearbeitet hatte, führte mehrere Immobilienbüros als Klienten, deren Bücher sie zu prüfen gehabt hatte. Sie hatte sich in die Materie eingearbeitet und erkannt, dass in Immobilien eine ebenso anspruchsvolle wie lukrative Karrieremöglichkeit lag. Und so war sie bei Stafford & Bengs eingestiegen, und jetzt nach weiteren abgelegten Prüfungen eine voll qualifizierte Maklerin.

Ein Problem gab es allerdings: Als Wirtschaftsprüferin war sie brillant gewesen, was man von ihr als Maklerin nicht gerade behaupten konnte. Wie sich zeigte, arbeitete die Logik im Maklergeschäft gegen sie.

Zeigte ein Klient Interesse an einer Immobilie, listete sie alle logischen Einwände auf, weshalb er sich vielleicht doch noch intensiver umsehen sollte, ob er nicht etwas für seine Umstände Passenderes fand. Wünschte ein Klient vier Badezimmer, führte sie alle logischen Argumente an, weshalb drei völlig ausreichend waren.

„Sie gehen hier mit Menschen um, nicht mit Zahlen“, hatte Roger zu ihr gesagt. „Bei Zahlen kommt hinten ein klares Ergebnis heraus, bei Menschen nicht.“

Das könnte auch eine Erklärung sein, weshalb sie sich noch immer mit Steven herumschlug.

Steven sah gut aus, war höflich und aufmerksam. Sein Interesse hatte ihr anfangs geschmeichelt, doch das änderte sich schnell, als er bald eine gemeinsame Zukunft zu planen begann. Sie hatte es als Scherz abgetan, hatte darüber gelacht …

Was ihn nur umso entschlossener gemacht hatte. Geradezu beängstigend. Nein, nicht beängstigend. Einfach nur lästig.

Jaimie runzelte die Stirn. Musste an der Hitze liegen, dass sie jetzt daran dachte.

Sie holte ihr Smartphone hervor, rief noch einmal die Datei zu Zacharias Castelianos auf, die sie zusammengestellt hatte. Viel war es nicht, was sie bei ihrer Recherche über ihn gefunden hatte.

Castelianos war wohl ein griechischer Name. Ein ausländischer Investor, der Wert auf Privatsphäre legte. Die Megareichen konnten es sich leisten, die Welt außen vor zu halten. Jaimie hatte sich ein Bild von ihm gemacht – ein Aristoteles Onassis des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Klein, korpulent, weißes Haar, um die sechzig.

„Ziemlich gut getroffen“, hatte Roger bestätigt, als sie ihm das Bild beschrieb.

Also hatte sie Onassis gegoogelt. Yachten, Privatinseln, Privatflugzeuge … das volle Programm. Und dass er die Frauen geliebt hatte. Hatte Roger sie deshalb auf den Mann angesetzt? Die Frau in ihr rebellierte, die Logik sagte ihr, dass die Welt trotz Emanzipation und Gleichberechtigung noch immer so funktionierte. Nun, wenn Zacharias Castelianos zu dieser Art der Alten Schule gehörte, dann würde sie ihn eben mit den Waffen einer Frau als Klienten gewinnen.

Vorausgesetzt, sie kam je an.

Sie lehnte sich vor und tippte an die Trennscheibe. „Wir haben uns seit zehn Minuten nicht vom Fleck bewegt. Können Sie nicht die Seitenstraßen nehmen?“

„Wie soll ich denn hier herauskommen, Miss?“

Der Mann hatte recht. Rechts ein Bus, links ein Lieferwagen. Warum nur hatte sie den Termin ausgerechnet auf sechs Uhr abends gelegt, zur schlimmsten Rush Hour?

Weil Steven in ihrem Büro aufgetaucht war, gerade als sie den Anruf bei Castelianos gemacht hatte. Mit seinem Gerede hatte Steven sie so durcheinandergebracht, dass sie die vorgeschlagene Zeit für Stevens Dinnereinladung als Zeitpunkt für das Meeting auf Castelianos’ Mailbox gesprochen hatte. Und dann hatte sie sich vorwurfsvoll zu Steven gedreht.

„Ich spreche gerade mit einem Klienten. Ich hatte dich doch gebeten, nicht einfach in mein Büro zu platzen.“

Autor

Sandra Marton
Sandra Marton träumte schon immer davon, Autorin zu werden. Als junges Mädchen schrieb sie Gedichte, während ihres Literaturstudiums verfasste sie erste Kurzgeschichten. „Doch dann kam mir das Leben dazwischen“, erzählt sie. „Ich lernte diesen wundervollen Mann kennen. Wir heirateten, gründeten eine Familie und zogen aufs Land. Irgendwann begann ich, mich...
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