Julia Exklusiv Band 258

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IM STURM DER GEFÜHLE von COX, MAGGIE
Ihre Ehe mit Ramon D’Alessandro sollte nur auf dem Papier bestehen. Aber eine heiße Nacht ändert alles. Plötzlich träumt Sabrina vom Glück mit dem attraktiven Millionär. Bis seine mondäne Exfreundin wieder Kontakt zu ihm aufnimmt …

ICH TRAU DIR NICHT von BROOKS, HELEN
Rote Rosen für jeden Tag ohne einander! Zweite Flitterwochen in Südfrankreich! So schön kann Versöhnung sein. Fast vergisst Leigh, dass sie sich von ihrem treulosen Ehemann Raoul scheiden lassen wollte. Da erwischt sie ihn wieder mit dem Trennungsgrund: mit sexy Maria …

EIN APARTMENT FÜR ZWEI von CRAVEN, SARA
Nur noch duschen und die Ruhe in seinem Apartment genießen - das will Mark. Doch kaum im Bad, traut er seinen Augen nicht: Eine fremde Schöne duscht dort - nackt! Eigentlich ein Männertraum. Aber was zum Teufel will sie hier? Auf die Erklärung ist er jetzt schon gespannt …


  • Erscheinungstag 24.04.2015
  • Bandnummer 0258
  • ISBN / Artikelnummer 9783733703639
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Maggie Cox, Helen Brooks, Sara Craven

JULIA EXKLUSIV BAND 258

MAGGIE COX

Im Sturm der Gefühle

Er rettet ihr Reisebüro – dafür heiratet sie ihn, er bekommt einen britischen Pass und adoptiert seine verwaiste Nichte. So war der Deal! Doch dann verliebt sich Ramon in Sabrina, die ganz anders ist als die Frauen, die ihn sonst umschwärmen. Aber passt Sabrina wirklich zu ihm? Als eine Exfreundin ihn zurück will, erlebt Ramon ein Wechselbad der Gefühle …

HELEN BROOKS

Ich trau dir nicht

Wann glaubt ihm Leigh, dass er nur sie und keine andere liebt? Um die bezaubernde Engländerin zu überzeugen und sich nach ihrer Trennung wieder mit ihr zu versöhnen, umwirbt Raoul sie mit Geschenken und einer Traumreise. Denn er glaubt: Mit Luxus und seinem französischen Charme kann er ihre Ehe retten. Doch da täuscht sich der attraktive Millionär sehr …

SARA CRAVEN

Ein Apartment für zwei

Einfach traumhaft fühlt sich Tallie in dem Apartment im noblen Albion House, in dem sie als Haussitterin gelandet ist. Blick über die Dächer Londons, luxuriöses Bad – und ein imposantes Arbeitszimmer, in dem sie endlich ihren Liebesroman schreiben kann! Noch ahnt die angehende, junge Schriftstellerin nicht, dass der wahre Wohnungsbesitzer nicht verreist ist …

1. KAPITEL

„Du warst mir eine schöne Hilfe!“ Geringschätzig musterte sich Sabrina Kendricks in dem maßgeschneiderten burgunderroten Kostüm, für das sie ein paar Hundert Pfund, die sie sich nicht leisten konnte, hinausgeworfen hatte. Wenn sie sich je wieder überwinden sollte, es anzuziehen, musste es schon das letzte Teil in ihrem Kleiderschrank sein. Den hochnäsigen, an Mundgeruch leidenden Filialleiter ihrer Bank, von dem sie gerade kam, hatte es jedenfalls nicht beeindruckt. Doch dieser Richard Weedy war in ihren Augen ohnehin eine Niete.

„Sie haben keine gute Bonität, Miss Kendricks“, hatte er sich beklagt. Keine gute Bonität? Seit fünfzehn Jahren leitete sie nun schon ihr Reisebüro East-West-Travels, also wovon redete er? Was wollte er – eine sichere Garantie? Ein gewisses Risiko gehörte nun einmal zum Geschäft. Nur gut, dass sie keine Katze hatte, denn die hätte jetzt bestimmt einen Tritt von ihr bekommen.

Auf Nylonstrümpfen tapste sie in die Küche und warf einen hoffnungsvollen Blick in den Kühlschrank, nur um festzustellen, dass er noch genauso leer war wie an diesem Morgen. Leer, weil sie keine Zeit zum Einkaufen gehabt hatte und weil Essen ganz unten auf ihrer Prioritätenliste stand. Schließlich ging es jetzt in erster Linie darum, die finanziellen Mittel aufzutreiben, um ihr Geschäft auf den technischen Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen. Allein der Gedanke an die Aufgabe, die vor ihr lag, verfolgte sie bis in die frühen Morgenstunden. Niemals würde sie zulassen, dass ihr mühevoll aufgebautes kleines Unternehmen von einem der großen Reiseanbieter geschluckt wurde, die inzwischen den Markt beherrschten.

Sie vergegenwärtigte sich noch einmal ihr Gespräch bei der Bank. Hatte sie zu zuversichtlich gewirkt? Oder einfach nur verzweifelt? Nach einem letzten missmutigen Blick in die gähnende Leere schlug Sabrina die Kühlschranktür zu, ging zum Spülbecken und schenkte sich ein Glas Leitungswasser ein. Ihrer Meinung nach hatte sie den richtigen Ton getroffen. Aber vielleicht war ihr Lächeln zu gezwungen gewesen? Vielleicht hatte sie sich das Haar zu streng zurückgesteckt? Vielleicht hatte ihr roter Lippenstift irgendwie einschüchternd gewirkt? Und vielleicht hatte Richard Weedy eine Abneigung gegen das, was Sabrinas Mutter immer als hartgesottene Karrierefrauen bezeichnete. Womit Mrs Kendricks allerdings jede Frau meinte, die nicht den ganzen Tag in Kittelschürze und mit einem Wischlappen in der Hand herumlief.

Beim Gedanken an ihre Mutter spürte Sabrina plötzlich ihren Magen, und ihr wurde klar, dass sie seit dem frühen Abend des Vortages keinen Bissen mehr gegessen hatte. Inzwischen war es halb zwölf mittags, und ihr war übel vor Hunger. Ich suche mir eine andere Bank, schoss es ihr durch den Kopf, aber ob das die Lösung war, wusste sie auch nicht. Eines jedenfalls war sicher, nämlich dass kein verkniffener, überheblicher, frauenfeindlicher Bankmensch sie daran hindern würde, aus ihrem Geschäft einen Erfolg zu machen. Lieber würde sie ihr letztes Paar Schuhe verkaufen und barfuß laufen, als sich geschlagen zu geben.

„Geh nicht, Onkel Ramon! Bitte, geh nicht!“ Die zierliche Elfjährige mit den glänzenden braunen Augen und den schwarzen Zöpfen hielt ihren großen, breitschultrigen Onkel fest umklammert. Ihre flehende Stimme und ihr trauriges Kindergesicht brachen Ramon fast das Herz. Über den Kopf des Mädchens hinweg suchte er den Blick des Vaters, doch in Michael Calders Gesicht lag derselbe gequälte Ausdruck.

„Schon gut, Angelina, schon gut, mein Engel“, sagte Ramon sanft. „Ich muss nur kurz telefonieren, um meinen Termin abzusagen. Ich bleibe hier, solange du willst, wenn es deinem Vater recht ist.“

Michael nickte schwach, die Erleichterung war ihm anzusehen. Vater und Tochter waren in einer Situation, die ihre kleine Familie zu zerstören drohte. Ramon nahm umso mehr Anteil daran, weil Angelinas Mutter seine geliebte Schwester Dorothea gewesen war, die vor acht Jahren gestorben war. Angelina war damals erst drei gewesen. Und nun musste das Kind befürchten, auch noch seinen Vater zu verlieren. Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein? Erst gestern war bei Michael Calder eine bösartige Form von Krebs festgestellt worden, und die Aussicht auf Heilung war gering. Schon am nächsten Tag würde er ins Krankenhaus müssen, um sich einer radikalen Therapie zu unterziehen. Niemand wusste, ob er das Krankenhaus je wieder verlassen würde.

„Nicht weinen, meine Kleine.“ Ramon verscheuchte die düsteren Gedanken und strich Angelina übers Haar. Michael sollte diese Last nicht allein tragen müssen. Ramon schwor sich, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Leid dieser beiden Menschen erträglicher zu machen. Er würde versuchen, für Angelina der Fels in der Brandung inmitten all des Treibsandes in ihrem Leben zu sein und ihrem Vater ein guter, verlässlicher Freund. Doch zunächst musste er eine Möglichkeit finden, für längere Zeit in England bleiben zu können, denn als argentinischer Staatsbürger benötigte er dafür eine Aufenthaltsgenehmigung.

„Ich werde Rosie bitten, dir ein Zimmer herzurichten.“ Weil er den Anblick seiner unglücklichen Tochter nicht länger ertragen konnte, machte sich Michael auf die Suche nach dem freundlichen walisischen Kindermädchen, dankbar für die Ablenkung.

„Lass uns zusammen ein Video ansehen, ja?“ Behutsam wischte Ramon seiner Nichte die Tränen von den Wangen und ging Hand in Hand mit ihr hinüber in das große, komfortabel eingerichtete Wohnzimmer.

Als er morgens aufwachte, regnete es. Die Tropfen prasselten so heftig gegen die Fensterscheiben, als würden Hunderte von Jungen mit ihren Gummischleudern Tonkügelchen darauf abschießen. Aber nicht der graue Himmel und der Regen machten Ramon das Herz schwer. Angelina hatte sich am Abend vorher in den Schlaf geweint. Mit ihren elf Jahren wusste sie bereits, was es hieß, ein Elternteil zu verlieren. Ihr Onkel hatte bis tief in die Nacht an ihrem Bett gesessen, ihren Atemzügen gelauscht und inständig gehofft, sie möge schöne, friedliche Träume haben, die nicht von Schmerz und Verlust handelten. Michael hatte mit einem Glas Malt Whisky im Wohnzimmer gesessen, und Ramon hatte es nicht fertiggebracht, ihm zu raten, den Whisky lieber sein zu lassen. Wie würde er selbst sich fühlen, wenn seine Zukunft so ungewiss wäre wie die seines Schwagers? Mit finsterer Miene streifte Ramon seine Sachen ab und ging unter die Dusche.

„Dann hat er dich eben abgewiesen, aber das ist doch kein Weltuntergang!“

Ein so flapsiger Kommentar zu ihrer Notlage und der Enttäuschung, die sie hatte einstecken müssen, konnte nur von ihrer Schwester stammen. Ärgerlich wandte sich Sabrina ab und ging in die Hocke, um mit dem Baby zu spielen, das strampelnd auf dem Teppich lag. Manchmal fragte sie sich ernsthaft, ob die Mutterschaft Ellies Blick für die Realität draußen in der Arbeitswelt nicht etwas getrübt hatte. Selber eine ehemalige Überfliegerin im Beruf, war ihre Schwester inzwischen Mutter von drei lebhaften Kleinkindern und schien jedes Problem nur noch durch eine rosarote Brille zu sehen, und ihr liebender Ehemann Phil tat alles, um ihre Illusionen nicht zu zerstören.

„Für dich vielleicht nicht.“ Sabrina kitzelte die kleine Tallulah am Kinn und wischte sich dann mit einem Tuch die Babyspucke von den Fingern. „Immerhin geht es hier um meine Existenz. Wenn ich das Investitionskapital nicht bekomme, kann ich das Geschäft nicht halten, und was wird dann aus Jill und Robbie? Sie würden ihre Anstellung verlieren. Ein schöner Dank nach all den Jahren, die sie für mich gearbeitet haben.“

Ellie hörte kurz auf, das im Zimmer verstreute Kinderspielzeug aufzusammeln, und sah Sabrina kopfschüttelnd an.

„Ich begreife nicht, warum du dich so an deine Arbeit klammerst. Da draußen ist eine mörderische Welt! Nach fünfzehn Jahren müsstest du eigentlich genug davon haben. Wie alt bist du jetzt, siebenunddreißig? Bald wirst du zu alt sein, um noch Kinder zu bekommen, und was dann? Schöner Trost, so ein eigenes Geschäft, wenn zu Hause nur eine leere Wohnung auf dich wartet!“

„Jetzt klingst du schon genau wie unsere Mutter.“ Sabrina nahm Tallulah auf den Arm, um mit ihr zu schmusen. Sie liebte den zarten, puderigen Babyduft.

„Mom will doch nur, dass du glücklich bist.“

„Ich bin glücklich! Warum begreift ihr nicht endlich, dass ich genau das tue, was ich tun möchte? Ich bin eben nicht wie ihr beide, die Mutterrolle liegt mir nicht.“

„Nein?“ Spöttisch lächelnd betrachtete Ellie ihre hübsche ältere Schwester, die das Baby in den Armen hielt, als wäre sie wie geschaffen für diese Rolle.

„Wie auch immer“, meinte Sabrina trotzig. „Ich habe gar nicht die Hüften dafür.“

„Da scheinen die Männer, die sich auf der Straße nach dir umdrehen, aber ganz anderer Meinung zu sein. Glaub mir, du hast die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, dass du inzwischen seit mehr als einem Jahr keine einzige Verabredung mehr hattest. Sind die Männer in deiner Umgebung alle blind?“

„Ich habe keine Zeit zum Ausgehen. Mein Geschäft nimmt mich voll und ganz in Anspruch.“

„Was für ein trauriges Armutszeugnis für eine junge Frau“, lautete Ellies Kommentar, bevor sie sich wieder daranmachte, die Kuscheltiere ihrer Kinder aufzusammeln. „Du solltest dein Geschäft mal für eine Weile vergessen, Sabrina. Such dir einen netten Partner, geh aus, und amüsier dich. Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann.“

„Ist es etwa schon so spät?“ Erschrocken blickte Sabrina auf ihre Armbanduhr, drückte das Baby seiner Mutter in die Arme, gab den beiden anderen Kindern, die vor dem Fernseher saßen, rasch einen Kuss auf die Wange und eilte zur Tür. „Ich ruf’ dich später an, ja? Ich muss Jill ablösen, die Ärmste hat seit heute Morgen um acht noch keine Pause gehabt.“

„Denk an meinen Rat, und triff dich mal wieder mit einem Mann!“, rief Ellie ihr noch von der Treppe aus nach, als Sabrina zu ihrem kleinen dunkelblau-grauen Auto lief.

„Mit einem Mann?“, murmelte Sabrina vor sich hin, als sie auf die Hauptstraße in Richtung Innenstadt abbog. „Als ob ich nicht so schon genug Probleme hätte.“

In dem verzweifelten Versuch, gleichzeitig ihren Regenschirm, das inzwischen durchgeweichte Butterbrotpaket und ihre Umhängetasche festzuhalten, hätte Sabrina den Mann, der im strömenden Regen vor dem Schaufenster ihres Reisebüros stand, glatt übersehen. Im letzten Moment fühlte sie sich von einem starken Arm aufgefangen und hatte den feinen Duft eines teuren Rasierwassers in der Nase. Der kurze, aber heftige Körperkontakt hinterließ ein warmes, prickelndes Gefühl bei ihr.

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie gar nicht gesehen! Normalerweise laufe ich nicht durch die Gegend und spieße die Leute mit meinem Regenschirm auf.“ Nachdem sie den Schirm zusammengeklappt, das Sandwichpaket in ihrer Tasche verstaut und sich das nasse hellbraune Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte, nahm sie den Mann genauer in Augenschein. Sie bekam Herzklopfen, denn er sah einfach umwerfend aus. Groß, von südländischem Typ, mit tiefschwarzem Haar und faszinierend dunklen Augen. Weil er nichts sagte, sondern sie nur schweigend ansah und sie sich plötzlich sehr albern vorkam, redete sie einfach drauflos.

„Wenn Sie um diese Jahreszeit ein sonniges Ferienziel suchen, ist Teneriffa immer ein guter Tipp. Ich kann Ihnen da ein paar hübsche, gemütliche kleine Hotels empfehlen, oder auch ausgezeichnete größere Anlagen, wenn Ihnen das mehr liegt.“

Als er nicht reagierte, wurde Sabrina nervös. Vielleicht sprach er kein Englisch und fragte sich gerade, was diese Verrückte mit den triefnassen Haaren von ihm wollte.

„Also, dann …“ Entschlossen, den Rückzug anzutreten, bevor sie sich vollends blamierte, schenkte sie dem Mann noch ein strahlendes Lächeln und machte Anstalten, in den Laden zu verschwinden.

„Warten Sie.“

In den leisen Worten lag so viel Nachdruck, dass Sabrina mitten in der Bewegung innehielt. „Wie bitte?“

„Ich würde gern mit hineinkommen und mich von Ihnen beraten lassen.“

„Natürlich, folgen Sie mir. Bringen wir uns vor diesem Regen in Sicherheit!“

Jill stand schon im Mantel neben ihrem Schreibtisch. Beim Anblick des attraktiven Mannes, der hinter ihrer Chefin den Laden betrat, hellte sich ihre Miene sofort auf. „Hallo, Sabrina! Es war ziemlich ruhig, während du weg warst. Ich habe Robbie vor einer Viertelstunde in die Mittagspause geschickt, in Ordnung?“

„Danke, Jill. Du kannst jetzt auch gehen, ich komme allein zurecht.“

„Gut, dann viel Spaß bei der Arbeit!“ Die Ladenglocke bimmelte, als die Blondine mit einem verschwörerischen Augenzwinkern in Sabrinas Richtung die Tür hinter sich zuzog.

„Bitte nehmen Sie Platz. Ich hänge nur eben meinen Mantel auf.“ Während Sabrina im Hinterzimmer verschwand, sah sich Ramon in dem kleinen, aber nett und übersichtlich eingerichteten Reisebüro um. Mit geschultem Blick registrierte er die drei Schreibtische älteren Datums und die ebenso altmodischen Computer darauf.

„Sie müssen Ihren Lunch essen, während wir uns unterhalten“, sagte er freundlich, als die junge Frau, die ihn beinahe überrannt hatte, wieder im Türrahmen erschien. Sie sah ihn erstaunt an, und ihm fiel auf, wie blau ihre Augen waren. Blau und aufrichtig, als hätte das Leben keine Spuren darin hinterlassen.

„Ich koche Kaffee, wollen Sie auch einen?“

„Schwarz, ohne Zucker. Vielen Dank.“ Ramon ließ sich auf dem Polsterstuhl nieder, der dem Hinterzimmer am nächsten stand, und beobachtete Sabrina durch die offene Tür, wie sie mit den Fingern ein paar lose Strähnen ihres aufgesteckten Haares zurückstrich und sich dann am Wasserkocher zu schaffen machte. Seinem Blick entging nicht, dass sich unter Sabrinas schlichtem blauem Kleid eine auffallend hübsche Figur verbarg, und der leichte Blumenduft ihres Parfüms stimmte ihn trotz seiner Sorge um Angelina und ihren Vater beinahe heiter. Michael hatte darauf bestanden, dass seine Tochter wie gewohnt zur Schule ging. Rosie würde sie dort abholen und zu einer Freundin begleiten. Ramon wollte auf jeden Fall zurück sein, wenn seine Nichte nach Hause kam. Vielleicht gab es dann schon erste Nachrichten aus dem Krankenhaus.

„Bitte sehr.“ Sabrinas Hand zitterte leicht, als sie die Kaffeetasse vor ihrem Besucher abstellte. Ihr Blick fiel auf seine Finger, die schlank und gebräunt waren, aber ohne Ring. Seinen Akzent konnte sie nicht recht einordnen. Südamerikanisch, vielleicht?

Sie nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz, zog ihre Kaffeetasse zu sich heran und packte leicht verlegen ihre Brote aus.

„Sie haben wirklich nichts dagegen, wenn ich esse?“, fragte sie noch einmal nach, bevor sie einen damenhaften kleinen Bissen von ihrem Sandwich nahm. „Ich komme nämlich um vor Hunger.“

„Lassen Sie es sich schmecken. Mit leerem Magen kann man keine Geschäfte machen.“ Als er lächelte, ließ er eine Reihe perfekter weißer Zähne sehen, und in seinem Kinn bildete sich ein reizvolles Grübchen. Sabrina hatte plötzlich Schwierigkeiten zu schlucken.

„Haben Sie schon eine Idee, wo es hingehen soll?“

„Wie bitte?“

„Ihre Urlaubsreise, meine ich.“

Ramon sah sie nachdenklich an. Er fragte sich, was diese junge Engländerin wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass er so ziemlich jedes Fleckchen dieser Erde bereist hatte. Als erfolgreicher Internet-Reiseanbieter bestand der Großteil seines Lebens aus Reisen. Nein, er brauchte keinen Urlaub. Was er jetzt brauchte, war ein wenig komplizierter …

„Ist es immer so ruhig hier?“ Neugierig blickte er sich um und bemerkte den ehemals dicken und nun reichlich abgenutzten Teppichboden, die farbenfrohen Poster ferner Länder an den Wänden, die Topfpalmen neben dem Eingang, die völlig veraltete Computeranlage. Wie, um alles in der Welt, konnte dieses Geschäft noch existieren?

Sabrina trank hastig einen Schluck Kaffee und verbrannte sich fast den Mund daran. „Es regnet“, sagte sie schlicht, als wäre das Erklärung genug.

„Und das hält die Kunden fern?“

„Es ist immer ruhig um diese Jahreszeit“, verteidigte sie sich.

„Ich dachte, dass gerade vor Weihnachten viele Leute ihren Urlaub buchen. Die Aussicht auf Sonne und Erholung ist doch gerade jetzt verlockend, oder?“

Er schien zu wissen, wovon er sprach, aber Sabrina konnte ihm doch nicht gut erzählen, dass die großen Reiseveranstalter mit ihren billigen Pauschalreisen ihr die Kunden abspenstig machten. Die persönliche, fachlich qualifizierte Beratung, die sie und ihr Team anzubieten hatten, bekam man allerdings dort nicht, aber leider sah es ganz so aus, als würde auch sie sich demnächst umstellen müssen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollte.

„Es ist nicht immer so wenig los wie heute.“

„Jetzt habe ich Sie beleidigt, oder?“

„Nein.“ Sabrina tupfte sich den Mund mit einer Papierserviette ab und legte den Rest ihres Brotes beiseite. Im Geiste sah sie wieder den unsympathischen Mr Weedy vor sich und hörte sein vernichtendes Urteil über ihre Kreditwürdigkeit. Wie eine Bettlerin war sie sich vorgekommen.

„Ich habe einfach einen schlechten Tag“, sagte sie. „Jemand hat mich bitter enttäuscht, und das habe ich noch nicht ganz verarbeitet.“

Ramons Blick fiel unwillkürlich auf ihre Hände, die klein und wohlgeformt waren, aber einen Ring sah er nicht. „Ein Mann, nehme ich an?“

„Nicht, was Sie denken.“ Sie lächelte, und ihm fiel auf, wie reizvoll sie war mit ihren hohen Wangenknochen, strahlenden Augen und vollen Lippen. Er ertappte sich bei dem Gedanken, wie sie wohl mit offenen Haaren aussehen mochte.

„Aber nun zurück zum Geschäft, Mr …“

„D’Alessandro. Ramon D’Alessandro.“

Der Klang seines Namens versetzte Sabrina in eine andere Welt, fernab vom kalten, verregneten London. Sie sah rotbraune Erde unter sengender Sonne, ein weites Land voll Verheißung und Abenteuer, wo sich all ihre Sorgen unter dem glutvollen Blick eines dunkeläugigen Geliebten in Luft auflösen würden …

„Also, Mr D’Alessandro, was kann ich für Sie tun?“ Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

„Ich möchte Sie zum Essen einladen“, sagte Ramon, selbst erstaunt über den Wunsch, der da plötzlich in ihm aufgetaucht war. Er studierte das Namensschild auf ihrem Schreibtisch. „Darf ich Sie in ein paar Tagen anrufen, Sabrina? Ich bin im Moment sehr beschäftigt.“

„Sie wollen mit mir ausgehen?“ Sabrina dachte, sie habe sich verhört. Für gewöhnlich kamen keine gut aussehenden Fremden von der Straße hereinspaziert, um sie zum Essen einzuladen.

„Ja. Was halten Sie davon?“

„Ich weiß nicht recht.“ Nervös blätterte sie in den Unterlagen auf ihrem Tisch. „Normalerweise verabrede ich mich nicht mit Leuten, die ich nicht kenne.“

„Nein?“ Er lächelte vielsagend. „Sie sind wohl nicht sehr risikofreudig, Sabrina?“

Das war zu viel. Erst zweifelte der Filialleiter ihrer Bank an ihren unternehmerischen Fähigkeiten, und nun musste sie sich auch noch von einem Fremden sagen lassen, sie habe keinen Mut zum Risiko. „Also gut, Mr D’Alessandro, ich nehme Ihre Einladung dankend an, wann auch immer das sein wird.“ Mit zitternder Hand kritzelte sie etwas auf einen Zettel. Hatte Ellie ihr nicht eben erst geraten, wieder mal mit einem Mann auszugehen? Einen Partner hatte sie jetzt, auch wenn das nicht unbedingt ihr Plan gewesen war.

2. KAPITEL

Er rief nicht an. Sabrina hätte weder überrascht noch enttäuscht sein sollen, aber seltsamerweise war sie beides. Seit dieser faszinierende Mann in ihr Leben getreten war, fühlte sie sich von einer merkwürdigen Unruhe getrieben. Nachdem sie im Badezimmerspiegel noch einmal ihr Make-up überprüft hatte, knipste sie das Licht aus und ging zurück ins Wohnzimmer, um Kostümjacke und Regenmantel zu holen. Der heftige Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, und eine hilflose Niedergeschlagenheit überkam sie. Gestern hatten Robbie, Jill und sie sich förmlich um die Kunden gerissen, so wenige hatten den Weg in den Laden gefunden. Hatte Ellie doch recht, und sie sollte das Geschäft lieber aufgeben und sich eine andere Aufgabe suchen? Den Mann fürs Leben finden, zum Beispiel, und Kinder in die Welt setzen, bevor es dafür zu spät war. So sehr, wie sie ihre Nichten und Neffen liebte, würde sie vielleicht gar keine so schlechte Mutter abgeben – oder?

„Sabrina Kendricks, wo bist du nur mit deinen Gedanken?“ Fast erschrocken über das, was ihr da gerade durch den Kopf gegangen war, griff sie nach dem Regenschirm, verließ die Wohnung und schlug die Tür so heftig hinter sich zu, dass die Fenster im ganzen Haus zittern mussten.

„Ein Anruf für dich, Sabrina! Und ich habe dir Kaffee gemacht, lass ihn nicht kalt werden, ja?“

Den Telefonhörer in der Hand, wartete Jill in dem engen Hinterzimmer des Ladens, in dem sich neben Aktenordnern, Büromaterial, der Portokasse und der Geldschatulle für Devisen auch ein kleiner Kühlschrank und der unverzichtbare Wasserkocher befanden.

„Danke, Jill.“ Nur wenige Personen kannten die Nummer des Zweitanschlusses, den Sabrina als ihre Privatleitung betrachtete. Ihre Eltern, ihre Schwester und eine alte Schulfreundin, mit der sich Sabrina hin und wieder traf. Nach einem Schluck aus der Tasse mit dampfendem Kaffee meldete sie sich mit ihrem Namen.

„Guten Morgen, Sabrina. Ramon D’Alessandro hier.“

Vor Schreck hätte sie beinahe ihren Kaffee verschüttet. Behutsam stellte sie die Tasse ab. Sie hatte vergessen, dass sie damals auf den Zettel nicht nur ihre Nummer von zu Hause, sondern auch die zweite Büronummer gekritzelt hatte.

„Mr D’Alessandro, was kann ich für Sie tun?“

„Ich dachte an einen Kurzurlaub auf Teneriffa, in einem der lauschigen kleinen Hotels, in denen man sich so richtig entspannen kann …“

Ach, du meine Güte. Dieser Mann konnte ein Wörterbuch vorlesen, und es würde immer noch ungeheuer sexy klingen.

„Tatsächlich? Dann haben Sie Ihre Meinung also geändert?“ Eigentlich wollte sie nicht mit ihm über Urlaub reden. Missmutig kratzte sie an einem Stückchen abblätternden Nagellacks, den sie nicht rechtzeitig erneuert hatte, was ihr normalerweise nie passierte.

„Das war ein Scherz, Sabrina. Ich wollte Sie zum Essen einladen, schon vergessen?“

„Ja, vor drei Wochen“, platzte sie heraus und bereute es im selben Moment. Jetzt musste er denken, sie habe ungeduldig die Tage gezählt.

„Es tut mir leid, dass sich mein Anruf verzögert hat, aber ich musste mich um dringende Familienangelegenheiten kümmern.“

„Ich verstehe.“ Ob er doch verheiratet war? Vielleicht lebte er getrennt oder in Scheidung. Hatte er Kinder? Sabrina wurde klar, wie wenig sie von ihm wusste. Eigentlich gar nichts, außer dass er unverschämt gut aussah und seine dunklen Augen Wünsche in ihr weckten, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Und dass er jung war, sehr jung. Vermutlich noch keine dreißig, während sie selbst zügig auf die achtunddreißig zusteuerte. Das Ganze kam ihr plötzlich lächerlich vor. Am besten, sie konzentrierte sich auf die Arbeit, dann konnte sie auch nicht enttäuscht werden.

„Ich dachte an heute Abend“, schlug Ramon vor. „Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, könnte ich Sie abholen, sagen wir, acht Uhr, wenn es Ihnen recht ist?“

Sabrina zögerte. „Mr D’Alessandro …“

„Ramon. Bitte sagen Sie Ramon zu mir.“

„Also gut, Ramon. Ich möchte nicht, dass Sie sich verpflichtet fühlen, mich einzuladen, nur weil Sie das vor drei Wochen für eine gute Idee hielten. Ich weiß, wie schnell sich die Dinge ändern können.“

„Dann sind Sie eine sehr verständnisvolle Frau, Sabrina, aber ich möchte Sie wirklich gern wiedersehen. Vielleicht haben wir mehr gemeinsam, als Sie denken.“ Er sagte es mit so viel Wärme in der Stimme, dass Sabrina schwankend wurde.

„Einverstanden, Ramon. Sie haben mich überredet.“ Allzu viel Überredungskunst war allerdings nicht nötig gewesen, wie sie zugeben musste. Nachdem sie ihm erklärt hatte, dass sie ihn lieber direkt vor dem Restaurant treffen würde, gab er ihr die Adresse und verabschiedete sich höflich. Noch während Sabrina den Hörer auflegte, ging sie im Geiste den Inhalt ihres Kleiderschranks durch und überlegte, wann sie sich – abgesehen von dem unglückseligen burgunderroten Kostüm – das letzte Mal etwas richtig Schickes zum Anziehen gekauft hatte. Schick genug, um es in einem exklusiven Restaurant in Londons feinem Stadtteil Knightsbridge zu tragen, in Begleitung eines Mannes, neben dem jeder Hollywoodstar verblasste.

„Ich wünschte, du würdest heute Abend nicht ausgehen. Ich wünschte, du würdest bei mir und Rosie bleiben, Onkel Ramon.“ Angelina sah vom Fernseher auf, als Ramon ins Zimmer kam. Anerkennend musterte sie ihren Onkel in seinem modischen dunklen Anzug mit Krawatte, und auch von der jungen Frau in Jeans und Sweatshirt, die neben dem Kind auf dem Teppich saß, erntete Ramon einen bewundernden Blick.

„Dein Onkel braucht mal einen freien Abend“, sagte das Kindermädchen zu Angelina. „Seit dein Vater im Krankenhaus ist, war er immer hier. Wenn du artig bist, darfst du heute etwas länger aufbleiben und den Film mit mir bis zu Ende ansehen.“

„Danke, Rosie.“ Ramon lächelte ihr zu, und Rosie wäre liebend gern anstelle der Frau gewesen, die er heute Abend ausführte. Sabrina hieß sie, das hatte sie mitbekommen, als Ramon Angelina davon erzählt hatte. Glückliche Sabrina, dachte sie.

„Es wird nicht sehr spät werden. Ich sehe noch einmal nach der Kleinen, bevor ich schlafen gehe. Falls sich das Krankenhaus meldet, rufen Sie mich bitte an, Sie haben ja meine Handynummer. Und du, mein Engel“, Ramon drückte seiner Nichte einen Kuss auf die Wange, „bist schön brav, ja? Morgen gehe ich mit dir in diesen Kinofilm, den du unbedingt sehen willst. Wir essen Popcorn und machen uns einen schönen Nachmittag, einverstanden?“

„Ja, Onkel Ramon.“ Angelina schmiegte sich noch einmal fest an ihn, bevor sie ihn gehen ließ. Als er an der Tür war, rief sie ihm nach: „Bestell Sabrina schöne Grüße von mir!“

Ramon lächelte. „Das mache ich“, versprach er, und das erste Mal seit Langem war ihm fast leicht ums Herz, als er an diesem Abend das Haus verließ.

„Sie haben Ihr Reisebüro also vor fünfzehn Jahren eröffnet?“ Ramons ungeteilte Aufmerksamkeit galt der Frau, die ihm gegenübersaß. So wunderschön und anziehend, wie sie aussah in ihrer roten Seidenbluse und der schmalen schwarzen Hose, war das kein Wunder. Ihr seidig schimmerndes goldbraunes Haar fiel ihr offen über die Schultern, genau, wie Ramon es sich ausgemalt hatte.

„Fünfzehn Jahre, das klingt, als wäre ich uralt, nicht wahr?“

„So sehen Sie aber nun wirklich nicht aus“, erwiderte er charmant. Reagierte sie etwa empfindlich auf ihr Alter – eine Frau wie sie, mit einem Lächeln, so strahlend wie die Sonne und Augen, so fantastisch blau wie der Himmel an einem Sommertag? Mitte dreißig, älter konnte sie nicht sein – und selbst wenn, was machte das schon? Eine Frau mit Vergangenheit war immer interessanter als eine unerfahrene Zwanzigjährige, die nicht wusste, was sie wollte.

„Manchmal komme ich mir aber so vor.“ Ein Schatten schien diesen strahlenden Blick zu trüben. Ramon schenkte ihr Wein nach und runzelte die Stirn.

„Irgendetwas bedrückt Sie, Sabrina. Möchten Sie darüber sprechen?“

Sabrina zögerte. Sollte sie diesen charmanten, gut aussehenden Mann mit ihren beruflichen Problemen belasten? Das Problem war, dass man sich so ungezwungen mit ihm unterhalten konnte. Nach einem kräftigen Schluck Wein beschloss sie, auf ihr Gefühl zu hören. Sie nickte, und Ramon beugte sich interessiert vor und vergaß für einen Moment seine eigenen Sorgen.

„Das Problem ist, dass ich mein Unternehmen dringend modernisieren muss, aber die finanziellen Mittel dafür nicht aufbringen kann“, erklärte sie. „Wir verlieren unsere Stammkundschaft, weil wir mit den verlockenden Angeboten der Konkurrenz nicht mithalten können. An dem Tag, als Sie da waren, hatte die Bank gerade meinen Kreditantrag abgelehnt. Meine langjährigen Mitarbeiter werden beide arbeitslos, wenn ich das Geschäft nicht halten kann.“

„Ich verstehe.“ Sie sah den warmen Glanz in seinen Augen und merkte, wie ihr Herz schneller schlug. Ich sollte vorsichtig sein mit dem Wein, dachte sie, sonst verliere ich noch den Kopf.

„Wenn ich ein eigenes Haus hätte, würde ich eine Hypothek aufnehmen, aber ich habe nur eine Mietwohnung“, fügte sie resigniert hinzu, beschloss aber dann, das Thema zu beenden. Schließlich war sie hier, um sich zu amüsieren, nicht um ihnen beiden den Abend mit ihrem Gerede über die Arbeit zu verderben.

„Der Wein ist köstlich“, sagte sie munter. „Vielen Dank für die Einladung, Ramon! Ich fühle mich sehr wohl hier.“

„Ihr Arbeit ist Ihre Leidenschaft, nicht wahr? Und Sie halten treu zu Ihren Angestellten. Das bewundere ich, Sabrina.“

„Und Sie, Ramon? Was sind Ihre Leidenschaften?“

„Wenn Sie jemandem aus meinem Heimatland diese Frage stellen, werden Sie immer die gleichen Antworten bekommen.“

„Und woher kommen Sie?“

„Aus Argentinien, genauer gesagt aus Buenos Aires, der Hauptstadt. Meine Leidenschaften sind Fußball, Politik und – bis vor Kurzem – ein Leben auf der Überholspur.“ Er sagte das mit einem schmerzlichen Zug um den Mund, aber Sabrina sah ihn so offen an, dass er einen Moment lang an nichts anderes mehr denken konnte als an ihre wunderschönen Augen.

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen. „Was hat Sie davon abgebracht? Von dem Leben auf der Überholspur, meine ich.“

Sofort war Ramon wieder auf dem Boden der Tatsachen. Er dachte an Michael im Krankenhaus, an Angelina, die nachts vor Kummer weinte, und an sein eigenes Leben, in dem sich innerhalb von acht Jahren zum zweiten Mal eine solche Tragödie ereignete.

„Sie haben recht, es ist etwas passiert“, gab er zu und lockerte seine Krawatte. „Aber darüber möchte ich jetzt nicht sprechen.“

„Natürlich“, sagte Sabrina sanft. „Sie sollten nur wissen, dass ich gut zuhören kann, falls Sie reden möchten.“

„Das bezweifle ich nicht.“ Er hob sein Glas und prostete ihr zu. „Ich frage mich, warum Sie noch allein sind, Sabrina. Oder ziehe ich jetzt voreilige Schlüsse? Gibt es einen Mann in Ihrem Leben?“

„Abgesehen von dem grässlichen Filialleiter, meinem Kollegen Robbie und meinem reizenden Schwager Phil, meinen Sie?“ Ihr ungezwungenes, melodisches Lachen war sehr, sehr sexy. Es war so ein Lachen, das ein Mann nicht so leicht vergaß. „Nein, Ramon, ich bin frei und ungebunden. Meine Arbeit nimmt fast meine ganze Zeit in Anspruch. Langweilig, nicht wahr? Es gibt bestimmt nicht viele Männer, die sich damit abfinden würden.“

„Männer, die keine Herausforderungen mögen, vielleicht.“

Sollte das heißen, er würde diese Herausforderung gerne annehmen? Ihr Herz klopfte plötzlich wie verrückt.

„Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?“, fragte er weiter. „Möchten Sie irgendwann heiraten und eine Familie gründen?“

Eine flapsige Bemerkung über das Ticken ihrer biologischen Uhr wollte sie ihm gegenüber nicht machen. Es reichte, wenn sie einfach Nein sagte.

„Ich glaube nicht“, erwiderte sie. „Mein Geschäft ist mein Baby. Nicht, dass ich Kinder nicht liebe, aber ich bin keine zwanzig mehr und könnte mich vielleicht nicht mehr so leicht auf jemanden einstellen. Ich bin schon zu festgefahren in meinen Gewohnheiten.“ Sie lächelte. „Und Sie, Ramon? Gibt es eine Frau in Ihrem Leben, vielleicht in Argentinien?“

Ramon musste an Christina denken, die bildschöne Brasilianerin Mitte zwanzig, Model von Beruf, die bis vor zwei Monaten seine Freundin gewesen war. Eines Nachmittags war er unerwartet nach Hause gekommen und hatte sie mit seinem verheirateten, Kette rauchenden Nachbarn Carlo im Bett vorgefunden. Er schüttelte den Kopf. „Die Frau in meinem Leben ist elf Jahre alt.“ Beim Gedanken an Angelina hellte sich seine Miene sofort auf.

„Sie haben eine elfjährige Tochter?“ Vor Überraschung lehnte sich Sabrina so weit über den Tisch, dass der Ausschnitt ihrer Bluse ihr reizvolles Dekolleté freigab, und Ramon spürte zu seiner eigenen Überraschung, dass der Anblick ihn nicht kalt ließ. Es war lange her, seit er so stark auf eine schöne Frau reagiert hatte.

„Sie ist meine Nichte“, erklärte er hastig. „Angelina, die Tochter meiner Schwester.“

„Was für ein hübscher Name!“

„Ja.“

Während der Kellner das Essen servierte und Wein nachschenkte, blickte Ramon sorgenvoll vor sich hin, und Sabrina hätte zu gern gewusst, was ihn bedrückte. Eine schwere Last schien auf seinen breiten Schultern zu ruhen, und Sabrina wünschte, ihn trösten zu können.

„Das sieht köstlich aus!“, bemerkte sie, um ihn aufzuheitern, und griff zu ihrer Gabel.

Langsam breitete sich auf Ramons Gesicht ein Lächeln aus, das sie bis ins tiefste Innere rührte und mit freudiger Erwartung erfüllte. „Essen Sie. Genießen Sie es. Dann reden wir weiter.“

Ramon brachte sie im Taxi nach Hause, kam aber nicht mit hinein, als Sabrina ihm noch einen Kaffee anbot. Vor der Tür sagte er, wie sehr ihm der Abend gefallen habe und dass Sabrina sich nicht zu viele Sorgen um ihr Geschäft machen solle, da er sicher sei, dass sich alles zum Guten wenden würde. Zum Abschied küsste er ihr die Hand, und die altmodische Geste war bei ihm so unglaublich erotisch, dass Sabrina die Knie zitterten, als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog. Sie ließ sich auf ihr kuscheliges Sofa mit dem verblichenen Blumenmuster fallen, schloss die Augen und atmete tief durch. Ramon hatte kein zweites Treffen vorgeschlagen, also hatte sie offenbar doch alles verpatzt, als sie ihn mit ihren geschäftlichen Problemen gelangweilt hatte. Ein so weltgewandter Mann wie Ramon fand eine Frau wie sie wahrscheinlich reizlos und engstirnig.

Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie hatte so hart dafür gekämpft, Erfolg zu haben, aber alles, was die anderen zu interessieren schien, war die Frage, wann sie endlich heiraten und eine Horde Kinder in die Welt setzen würde. Die Tatsache, dass sie fünfzehn Jahre lang erfolgreich ein Unternehmen geleitet hatte, schien für niemanden von Bedeutung zu sein. Plötzlich kam ihr das Leben, das sie führte, genauso langweilig vor, wie sie es selbst beschrieben hatte, und sie fühlte sich wie ein Häufchen Elend.

Michael erholte sich nach seiner letzten Behandlung, aber die Ärzte rieten Ramon und Michaels Mutter Angela, sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen. Zu viele Hoffnungen? Ramon konnte kaum an sich halten vor Wut. Sein südamerikanisches Temperament machte es ihm schwer, so gefasst zu reagieren, wie es in diesem Land von den Angehörigen erwartet wurde. Angela Calder drückte nur sanft die blasse, kraftlose Hand ihres Sohnes. Michael reagierte kaum, obwohl es ihm heute viel besser ging als an den Tagen zuvor. Auch er schien sich bereits mit dem abgefunden zu haben, was er für unabwendbar hielt. Als seine Mutter auf der Suche nach einer Tasse Tee das Zimmer verließ, winkte er Ramon zu sich heran.

„Angelina.“ Der Kranke lehnte sich in die Kissen zurück und lächelte schwach. Der Anblick seines Schwagers, der an unzählige Geräte angeschlossen war, schnürte Ramon die Kehle zu. Am liebsten hätte er all die Schläuche abgerissen und Michael mit nach Hause genommen.

„Was ist mit Angelina, Michael?“

„Ich möchte, dass du sie adoptierst. Du bist ihr engstes Bindeglied zu ihrer Mutter und mir. Ich könnte auch meine Mutter darum bitten, aber sie käme mit einer Elfjährigen nicht zurecht. Sie ist nicht sehr praktisch veranlagt und hat zu seinen Lebzeiten immer alles meinem Vater überlassen. Außerdem kennt Angelina sie nicht so gut wie dich, Ramon. Wirst du das für mich tun, mein Freund? Wirst du meiner Kleinen ein Vater sein, wenn ich nicht mehr da bin?“

Ramons Kehle brannte, die Knöchel seiner im Schoß gefalteten Hände waren weiß vor Anspannung. „Es wäre mir eine Ehre, Michael. Aber du wirst nicht sterben. Die Ärzte tun alles, damit es dir bald wieder besser geht. Du darfst jetzt nicht aufgeben!“

„Ich gebe nicht auf, aber ich weiß, was ich weiß. Bitte, kümmere dich um Angelina, und reiße sie nicht aus ihrer gewohnten Umgebung heraus, weg von ihren Freunden. Bleib mit ihr hier in England. Ich weiß, das ist viel verlangt, schließlich ist Argentinien deine Heimat, aber du hast auch immer ein Zuhause hier bei uns gehabt, nicht wahr?“ Michael hustete und wurde kreidebleich im Gesicht.

„Michael, was ist? Soll ich jemanden holen?“ Ramon war schon an der Tür, als sein Schwager ihn zurückrief.

„Versprich es mir, Ramon. Versprich mir, dass du Angelina adoptierst. Ich muss wissen, ob du es für mich tust.“

Ramon nahm die Hände des Kranken in seine und brachte mühsam ein Lächeln zustande. Es ist einfach zu viel, dachte er gequält, erst Dorothea und jetzt Michael.

„Ich verspreche es, Michael. Ich gebe dir mein Wort.“

Als eine Krankenschwester mit einem Rollwagen voller Medikamente hereinkam, ein munteres Lächeln im Gesicht, das Ramon wie blanker Hohn vorkam, verabschiedete er sich von Michael. Er brauchte dringend einen Spaziergang an der frischen Luft, um über alles nachzudenken und einen Plan zu machen.

Ramon merkte kaum, wohin ihn seine Schritte führten, bis er auf einmal vor dem Schaufenster von East-West-Travel stand. Soviel er sehen konnte, waren zwei Kunden im Laden. Einer saß bei der blonden Angestellten, die Ramon schon von seinem ersten Besuch kannte, der andere ließ sich gerade von einem Mann in den Dreißigern mit Brille und schütterem Haar beraten. Keine Spur von Sabrina, stellte Ramon enttäuscht fest. Ob sie Mittagspause hatte? Nun, er würde es nie erfahren, wenn er nicht hineinging und fragte.

Jill blickte überrascht auf, als sie den großen dunkelhaarigen Mann durch die Tür kommen sah.

„Hallo!“, begrüßte sie ihn fröhlich. „Suchen Sie Sabrina? Sie ist hinten und kümmert sich um die Buchhaltung.“

„Dann möchte ich sie lieber nicht stören.“ Resigniert wandte sich Ramon zum Gehen, aber Jill hielt ihn zurück.

„Seien Sie nicht albern, Sabrina lässt sich liebend gern von ihrem Papierkram ablenken. Gehen Sie einfach durch!“

Zunächst sah er Sabrina nur von hinten. Sie trug einen hellen Blazer und einen engen Rock, ihr Haar wurde von einer modischen Spange gehalten. Die Schuhe hatte sie abgestreift und rieb sich gerade mit dem Fußrücken die Wade. Ramon hörte sie leise schimpfen, als sie ein bestimmtes Schriftstück studierte, und musste lächeln.

„Hallo, Sabrina! Ihre Kollegin meinte, ich dürfte Sie ruhig stören.“

Ihr blieb fast das Herz stehen vor Schreck, und als sie sich umdrehte, brachte sie zunächst kein Wort heraus. Der Mann im modischen schwarzen Mantel, in schwarzen Jeans und marineblauem Kaschmirpullover sah aus, als wäre er in jedem Millionärsclub der Welt zu Hause. Seine eindrucksvolle Erscheinung und der angenehm würzige Duft seines Aftershave machten es Sabrina schwer, einen klaren Kopf zu behalten.

„Schön, Sie zu sehen, Ramon“, sagte sie mit der zurückhaltenden Freundlichkeit, die sie auch ihren Kunden gegenüber an den Tag legte, und strich ihren Rock über den Hüften glatt. Diese Frau ist das Beste, was mir heute passieren konnte, dachte Ramon und beschloss, sein Anliegen direkt zur Sprache zu bringen.

„Ich würde gerne mit Ihnen reden, Sabrina. Ganz in der Nähe habe ich einen Park gesehen. Wären Sie mit einem kleinen Spaziergang einverstanden?“

Sabrina sah ihn überrascht an. „Warum nicht? Ich ziehe nur schnell meinen Mantel über.“

Der gewundene betonierte Weg durch den Ziergarten war von buntem Herbstlaub bedeckt. Während sie nebeneinander hergingen, fröstelte Sabrina in ihrem warmen kamelhaarfarbenen Mantel und wünschte, sie hätte ihren Schal mitgenommen. Der raue Wind blies ihr um die Ohren, und sie schob die Hände tief in die Taschen ihres Mantels.

„Teneriffa klingt immer verlockender, finden Sie nicht auch?“, wandte sie sich lachend an ihren Begleiter. „Jemand wie Sie, der ein viel wärmeres Klima gewöhnt ist, muss sich doch hier vorkommen wie in der Arktis.“

„Vergessen Sie nicht, dass es in meinem Land ganz unterschiedliche Klimazonen gibt. Wir haben sowohl die schneebedeckten Anden als auch tropische Regenwälder. Aber Sie haben recht, gemessen an Buenos Aires, meiner Heimatstadt, ist es hier ganz schön kalt.“ Er plauderte scheinbar unbefangen mit ihr, aber Sabrina ahnte, dass es nicht das Wetter war, worüber er mit ihr reden wollte.

Jetzt oder nie, dachte sie. Ihr war es lieber, direkt zu klären, was er auf dem Herzen hatte. Dann konnte sie ihn vielleicht hinterher noch einladen, an einem der nächsten Tage mit ihr zu Mittag zu essen. Ellie wäre begeistert. Sabrina hatte noch nie in ihrem Leben einen Mann um eine Verabredung gebeten, aber es gab eben immer ein erstes Mal.

„Wollten Sie über etwas Bestimmtes mit mir reden, Ramon?“

Er hatte eine verwitterte Parkbank an einer Hecke entdeckt und wies mit dem Kopf in die Richtung. „Kommen Sie, setzen wir uns dorthin.“

Als sie nebeneinander auf der Bank Platz nahmen, schien sich etwas zwischen ihnen zu verändern. Waren sie vorher noch locker und freundschaftlich miteinander umgegangen, so schien jetzt eine gewisse Spannung in der Luft zu liegen. Sabrina fröstelte, diesmal aber nicht vor Kälte.

„Ich kann Ihnen bei Ihren geschäftlichen Problemen helfen“, sagte Ramon ohne jede Einleitung.

„Wie bitte?“ Womit auch immer sie gerechnet hatte, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen.

„Ich werde Ihnen das nötige Geld zur Verfügung stellen und ebenso mein Fachwissen und meine Erfahrung, um Ihr Geschäft zu modernisieren.“

Sabrina umfasste mit klammen Fingern die schmiedeeiserne Armlehne der Bank. „Was soll das heißen, Ramon? Ich verstehe Sie nicht ganz.“

3. KAPITEL

Seine Miene hätte nicht ernster sein können. Ramon schwieg einen Moment, fuhr sich dann mit den Fingern durch das dichte schwarze Haar. „Auch ich bin in der Reisebranche tätig. Ich betreibe seit sechs Jahren eine erfolgreiche Internetagentur und weiß daher ziemlich genau, wie man East-West-Travel wieder konkurrenzfähig machen könnte. Wenn Sie wollen, unterstütze ich Sie dabei.“

„Entschuldigung, aber das ist mir jetzt zu hoch.“ Sabrina sah Ramon an, als hätte er sich vor ihren Augen in ein Ungeheuer verwandelt. „Verstehe ich Sie richtig? Sie sind selbst in der Branche tätig und wollen mir helfen, mein Geschäft anzukurbeln? Und aus welchem Grund, bitte schön? Doch wohl nicht aus reiner Herzensgüte! Nein, Mr D’Alessandro, ich bin nicht so grün hinter den Ohren, wie Sie vielleicht annehmen.“

Nun war Ramon verwirrt. „Verzeihung, aber ich fürchte, ich komme nicht ganz mit!“

„Da geht es Ihnen genau wie mir.“ Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust. Mit verschränkten Armen und zornigem Blick fuhr sie fort: „Standen Sie deshalb damals vor meinem Laden? Wahrscheinlich wussten Sie längst Bescheid über meine finanzielle Lage und dachten, Sie könnten sich mein Geschäft billig unter den Nagel reißen, aber da sind Sie gewaltig auf dem Holzweg.“

Ramon, der Schwierigkeiten hatte, ihren wütenden Ausführungen zu folgen, schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Ich will Sie nicht aufkaufen, Sabrina. Es war purer Zufall, dass ich vor Ihrem Schaufenster stand. Ich wohne ganz in der Nähe Ihres Ladens im Haus meines Schwagers und wollte nur einen Spaziergang machen, um in Ruhe nachzudenken. Ich liebe meine Arbeit genauso wie Sie Ihre, deshalb zieht mich alles, was mit Reisen zu tun hat, magisch an. Das ist der einzige Grund, weshalb mich Ihr Geschäft interessierte.“

Er schwieg, sah in Sabrinas blasses, angespanntes Gesicht und hoffte inständig, sie davon überzeugt zu haben, dass er kein rücksichtsloser Hai in der Branche war, der ihr geliebtes kleines Unternehmen schlucken wollte.

Allmählich beruhigte sich ihr Puls, und Sabrina atmete geräuschvoll aus. „Also gut, fahren Sie fort. Ich schätze, da steckt noch mehr dahinter.“

Er nickte kurz. „Wenn Sie meine Hilfe annehmen, würde ich Sie bitten, auch etwas für mich zu tun. Es fällt mir allerdings nicht leicht, darüber zu reden.“

Das war ihm deutlich anzusehen. Was immer ihn beschäftigte, schien ihm die größten Sorgen zu bereiten. Was sein erstaunliches Angebot betraf, so sah Sabrina allerdings keine Veranlassung, vor Freude in die Luft zu springen, auch wenn es möglicherweise ihre Rettung war. Sie mochte gelegentlich etwas blauäugig sein, jedoch nicht, was ihr Geschäft betraf.

„Sagen Sie mir einfach, worum es geht.“ Zwei Tauben landeten ganz in der Nähe und pickten auf der Suche nach Futter im trockenen Laub herum. Als sie nichts fanden, flatterten sie gleichzeitig wieder auf und verschwanden zwischen den Bäumen. Sabrina schlug den Kragen ihres Mantels hoch und hoffte, dass sie nicht allzu enttäuscht sein würde von dem, was Ramon ihr zu sagen hatte. Schon jetzt mochte sie diesen Mann viel zu gern, um ihn nicht zu vermissen, wenn sie ihn nie wiedersah.

„Ich hatte erwähnt, dass ich eine Nichte habe, nicht wahr? Angelina.“ Gerührt und etwas wehmütig stellte Sabrina fest, wie liebevoll er von dem Kind sprach. „Sie ist mein Ein und Alles, besonders seit ihre Mutter, meine Schwester Dorothea, vor acht Jahren starb. Jetzt ist ihr Vater Michael krank, sehr krank, und seine Chancen stehen schlecht. Ich würde alles tun, um Angelina zu helfen. Michael möchte, dass ich sie adoptiere, wenn er stirbt, und da liegt das Problem.“ Ramon rieb sich die Stirn.

„Ich habe keine dauernde Aufenthaltsgenehmigung“, fuhr er fort. „Ich kann zwar mehr oder weniger kommen und gehen, wann ich will, aber das Gericht wird meinem Adoptionsantrag nicht stattgeben, wenn ich Angelina hier kein Zuhause bieten kann. In Argentinien wird sie nicht leben wollen. Sie hat zwar Großeltern und andere Verwandte dort, aber sie ist in England aufgewachsen und hat hier ihre Freunde. Um es kurz zu machen, Sabrina, ich brauche einen englischen Pass. Der schnellste Weg, einen solchen zu bekommen, ist die Heirat mit einer Engländerin.“

Sabrina stockte der Atem, als ihr die Bedeutung seiner Worte klar wurde. Mit zittrigen Fingern strich sie eine Strähne ihres windzerzausten Haares hinters Ohr zurück und atmete tief durch. „Sie wollen, dass ich Sie heirate?“

„Nun, es wäre eine … wie nennt man das doch gleich? Eine Scheinehe, die nur auf dem Papier besteht“, beeilte er sich zu erklären. „Natürlich müssten wir eine Zeit lang zusammenleben, aber danach …“ Ramon zuckte die Schultern, als wäre das Ganze die natürlichste Sache der Welt. „Danach steht einer Scheidung selbstverständlich nichts mehr im Weg, und Sie wären wieder eine freie Frau, Sabrina.“

„Und wenn ich in diese sogenannte Scheinehe einwillige, dann helfen Sie mir bei meinem Geschäft?“ Ihr war plötzlich eiskalt geworden. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so verletzt gefühlt wie in diesem Augenblick. Der erste Mann seit Langem, der sie auch nur annähernd interessierte, wollte nichts weiter als einen nüchternen Handel mit ihr abschließen. So viel zu meinen weiblichen Reizen, dachte sie bitter.

„Ja, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ Er war ein Ehrenmann, natürlich. Daran hatte sie von Anfang an nicht den geringsten Zweifel gehabt.

Langsam stand sie auf und wandte sich ihm zu. Sie versuchte zu lächeln, obwohl ihre Gesichtszüge wie festgefroren waren und ihr eher nach Weinen zumute war.

„Es tut mir leid, Ramon, aber ich kann das nicht.“

„Was muss ich tun, um Sie umzustimmen? Ich gebe Ihnen jede Summe, die Sie haben wollen. Ich bin ein sehr reicher Mann, Sabrina. Sie können gern Erkundigungen über mich einholen. Sie sagten, Sie hätten eine Mietwohnung. Ich kaufe Ihnen ein eigenes Haus, das Sie nach der Scheidung behalten können, einverstanden?“

Er machte alles nur noch schlimmer. Sabrina hatte tiefstes Mitgefühl mit der kleinen Angelina, die vermutlich bald eine Vollwaise sein würde, aber deshalb konnte sie sich doch nicht auf dieses merkwürdige Angebot einlassen – oder? Auch wenn es die Lösung all ihrer geschäftlichen Probleme bedeuten würde.

Ramon merkte, wie aufgewühlt sie war, und beschloss, sie nicht weiter zu bedrängen. Sie brauchte Zeit, das sah er. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die eine solche Gelegenheit des Geldes wegen beim Schopfe packten, ohne sich genauestens über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Nein, Sabrina Kendricks hatte eindeutig ganz andere Qualitäten vorzuweisen. Wärme, Einfühlungsvermögen, einen guten Charakter … Doch das gehörte nicht hierher. Schließlich suchte er keine Frau fürs Leben, und eine richtige Ehe kam für ihn ohnehin nicht in Betracht. Warum riskieren, dass alles irgendwann in Leid und Elend endete? Er hatte erfahren, was Liebe anrichten konnte. Er würde all seine Liebe Angelina geben, dann hatte sein Leben wenigstens einen Sinn.

„Das mit Ihrer Nichte tut mir unendlich leid, Ramon. Es muss schrecklich sein, beide Eltern zu verlieren, erst recht mit elf. Trotzdem kann ich Ihnen nicht helfen, bitte verstehen Sie das. Ich bin einfach nicht so.“

„Aber Sie sind eine erfahrene Geschäftsfrau, oder?“ Er stand auf und sah sie eindringlich an. „Wenn Sie sich diese einmalige Chance entgehen lassen, wo wollen Sie dann das Geld hernehmen?“

„Das ist mein Problem.“ Fröstelnd überlegte sie, ob es nicht wirklich eine einmalige Chance war, die sie schon Jill und Robbie zuliebe in Erwägung ziehen musste. Wenn Ramon D’Alessandro es als eine rein geschäftliche Angelegenheit betrachten konnte, warum konnte sie es dann nicht auch?

Ramon merkte, in welchem Konflikt sie sich befand, und machte noch einen letzten Versuch.

„Ich rede mit Ihnen von Geschäftsmann zu Geschäftsfrau. Sie brauchen keinerlei persönliche Gefühle einzubringen. Wir können doch beide nur gewinnen, oder?“

„Ich denke darüber nach.“

Ohne ein weiteres Wort machte sie auf dem Absatz kehrt und lief den Weg zurück, den sie gekommen waren. Das welke Laub raschelte unter ihren Füßen.

Ramon ließ sich wieder auf der Bank nieder. Er saß da, den Kopf in die Hände gestützt, tief in Gedanken versunken, bis der eisige Wind ihn zum Gehen zwang. Sie denkt darüber nach, sagte er sich, aber das heißt nicht, dass sie einwilligen wird. Schweren Herzens trat er den Rückweg an, darauf gefasst, eine Absage zu bekommen, und voller Zorn über das Schicksal, das ihn in diese Situation gebracht hatte.

„Seit zwei Tagen versuche ich nun schon, dich zu erreichen. Jill sagte mir, du seist wegen einer Erkältung zu Hause geblieben. Warum gehst du nicht ans Telefon?“ Mit der kleinen Tallulah auf dem Arm und einem zornigen Funkeln in den hellblauen Augen drängte sich Ellie McDonald an Sabrina vorbei. Erst als sie sich auf dem Sofa niedergelassen und es dem Baby mit seiner Rassel zwischen ein paar Samtkissen bequem gemacht hatte, fiel ihr auf, dass Sabrina nicht nur immer noch im Nachthemd war, sondern in der Wohnung auch eine fast unerträgliche Hitze herrschte. Die Heizung musste bis zum Anschlag aufgedreht sein.

Langsam kam Sabrina auf ihre Schwester zu. Sie hielt sich ein Taschentuch vor die gerötete Nase und lächelte schwach. „Ich bin wirklich erkältet“, verteidigte sie sich. „Ich habe im Bett gelegen, deshalb bin ich nicht ans Telefon gegangen.“

„Aber du bist nie erkältet!“ Ellie klang ärgerlich. „Normalerweise bist du geradezu unverschämt gesund. Was ist los, Sabrina? Mit dir stimmt doch etwas nicht.“

„Es ist alles in Ordnung, außer dass ich die schlimmste Erkältung meines Lebens habe.“ Sabrina ging zu einem Sessel hinüber, auf dem Bücher lagen und ein halb aufgegessener Toast, räumte die Sachen mühsam beiseite und ließ sich mit wässrigem Blick in die Polster fallen. Seit einer Woche, genauer gesagt seit dem Tag, an dem sie Ramon im Park hatte stehen lassen, grübelte sie nun schon über das Schicksal seiner geliebten Nichte Angelina nach. Von Schuldgefühlen geplagt, hatte sie drei schlaflose Nächte hinter sich gebracht, bevor sie dann eines Morgens mit dickem Kopf und strohtrockenem Mund aufgewacht war. Jede Bewegung schmerzte, ihr Schädel pochte, und alles, was sie tun konnte, war, im Bett zu liegen und ab und zu in die Küche zu wanken, um sich etwas zu trinken zu holen. Sie fühlte sich krank und elend, und wenn es stimmte, dass es immer ein Licht am Ende des Tunnels gab, so war alles, was sie im Moment sehen konnte, ein großes schwarzes Loch.

„Das klingt mir eher nach einer Grippe.“ Ellies Stimme klang schon sanfter. „Hast du ein Fiebermittel im Haus?“

„Ja, im Küchenschrank.“

„Und wann hast du es zuletzt eingenommen?“

„Heute Morgen gegen sieben.“

„Ist dir klar, dass es jetzt fast fünf Uhr ist?“ Ellie stopfte noch mehr Kissen um die zufrieden lächelnde Tallulah herum und sprang vom Sofa auf. „Wenn du gesund werden willst, solltest du wirklich besser auf dich aufpassen!“

„Benimm dich nicht, als wärst du meine Mutter.“

„Stell dir vor, wenn sie nicht da ist, bin ich deine Mutter. Sie würde mich umbringen, wenn sie wüsste, in welchem Zustand du bist, und ich dir nicht helfen würde. Keine Sorge, ich habe Zeit. Ich habe Henry und William bei ihr gelassen und versprochen, erst wiederzukommen, wenn ich sicher bin, dass es dir gut geht.“

Nachdem sie ihre Medizin geschluckt hatte, lehnte sich Sabrina, eine Tasse Tee in den Händen, im Sessel zurück und lächelte dem glucksenden Baby im Arm seiner Mutter zu.

„Danke, Ellie. Diese Sache hat mich einfach völlig aus der Bahn geworfen.“

„Das sehe ich. Gleich mache ich dir noch eine Hühnerbrühe heiß. Zum Glück hast du ja noch einige Dosen im Schrank, viel mehr aber auch nicht. Bevor ich dich allein lasse, kaufe ich noch schnell für dich ein.“

„Du musst wirklich nicht …“

„Und ob ich muss! Tu nicht so, als bräuchtest du keine Hilfe, Schwesterchen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Jeder Mensch braucht mal Hilfe.“

Ramon, dachte Sabrina zerknirscht, Ramon braucht meine Hilfe. Was wäre so schlimm daran, auf seinen Vorschlag einzugehen? Schließlich gab es niemanden in ihrem Leben, der etwas dagegen haben konnte. Keinen Freund, der auf die Barrikaden ginge. Ihre Familie würde vielleicht Einwände haben, aber letztendlich traf sie allein die Entscheidung. Sie war siebenunddreißig und selbst für sich verantwortlich. Sobald es ihr besser ging, würde sie Ramon anrufen. Aber wie, ohne seine Telefonnummer? Nun, sie konnte im Internet nachsehen, sich mit seiner Firma in Verbindung setzen und so hoffentlich seine Handynummer erfahren. Sonst hatte sie keine Chance, ihn zu erreichen, es sei denn, er setzte sich selbst mit ihr in Verbindung. Jetzt, da ihr Entschluss feststand, war ihr leichter ums Herz. Sie lachte Tallulah an und sagte ein paar Koseworte, fing dann aber so heftig an zu niesen, dass Ellie ihr befahl, sofort ins Bett zu gehen, was sie auch widerspruchslos tat.

Bei der Beerdigung hatte es geregnet, und nicht zum ersten Mal an diesem Tag hörte Ramon den Spruch, dass es „auf die Gerechten und auf die Ungerechten“ regne. Was immer das bedeuten mochte. Wenn es hieß, das Michael ein guter Mensch gewesen war, dann war das zweifellos richtig. Er war ein hingebungsvoller Vater und ein ausgezeichneter Chirurg gewesen, und Dorothea hatte ihn vom ersten Augenblick an geliebt. Nachdem sie anfangs nicht gerade begeistert davon gewesen waren, dass ihre Tochter sich weit weg auf einem anderen Kontinent niederlassen wollte, hatten Ramons Eltern schließlich einsehen müssen, dass Dorothea ihren frisch angetrauten Ehemann heiß und innig liebte, und in ihren Augen gehörte eine Frau nun einmal an die Seite ihres Mannes.

In der ersten Woche nach Michaels Begräbnis wich Ramon kaum von Angelinas Seite, während Michaels Mutter und Rosie sich um den Haushalt kümmerten. Abends, wenn Angelina vor Erschöpfung eingeschlafen war, führte Ramon am Computer seines Schwagers seine Geschäfte von England aus weiter. Obwohl selbst von Trauer und Sorgen zermürbt, empfand er die Arbeit als willkommene Ablenkung von dem nach wie vor ungelösten Problem, einen englischen Pass zu bekommen und die Adoption in die Wege zu leiten. Auch wenn sie sich offenbar dagegen entschieden hatte, bereute er nicht, Sabrina seinen Vorschlag unterbreitet zu haben. Eines Tages würde sie vielleicht verstehen, was ihn zu dieser verzweifelten Bitte veranlasst hatte. Er konnte nur hoffen, dass er sie nicht zu sehr beleidigt hatte. Sie war eine nette Frau. Die Frau, die Angelina vielleicht helfen könnte, ihr Lachen wiederzufinden.

Ramon schaltete den Computer aus, trommelte unschlüssig mit den Fingern auf die Schreibtischplatte und blickte auf den Kaffee, den Rosie ihm vor einer Stunde gebracht hatte und der längst kalt geworden war. Ohne weiter nachzudenken, nahm er den Telefonhörer ab und suchte in seiner Brieftasche nach Sabrinas Nummer.

Beim dritten Klingeln zwang sich Sabrina zum Aufstehen. Mit bleischweren Beinen ging sie ins Wohnzimmer, knipste das Licht an und schob sich das zerwühlte Haar aus dem Gesicht. Die Wanduhr zeigte kurz nach Mitternacht.

„Hallo?“

„Sabrina? Ich weiß, es ist spät …“

„Ramon!“ Ihr Herz schlug schneller. „Was ist passiert?“

„Ich muss Sie um Entschuldigung bitten.“

„Nein, das müssen Sie nicht.“ Sie war selbst überrascht, wie fest ihre Stimme klang, und nahm das als Zeichen, dass sie auf dem Weg der Besserung war.

„Ich hätte mich schon früher gemeldet, aber Michael ist vor über einer Woche gestorben, und … nun, Sie können sich vorstellen, wie schwierig das alles ist.“

„Das tut mir leid“, sagte sie betroffen. „Wie geht es Angelina?“

„Sie ist verzweifelt, voller Angst. Ich sage mir ständig, dass ein tieferer Sinn darin liegt, aber es fällt mir schwer, daran zu glauben. Und wie geht es Ihnen?“

Der Mann machte gerade Furchtbares durch, trotzdem erkundigte er sich höflich nach ihrem Wohlergehen. Sabrina umklammerte den Hörer so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Gut, danke. Ich kuriere nur gerade eine Erkältung aus, aber was ich sagen wollte …“

„Halten Sie sich auch warm, und nehmen Sie genug Vitamine zu sich?“

„Ja, mache ich, aber …“

„Ich würde Sie gern noch einmal sehen, bevor ich wieder nach Buenos Aires fliege. Darf ich Sie zum Essen einladen?“

„Sie reisen ab?“, fragte sie erschrocken. Sie brauchte dringend ein Taschentuch für ihre brennende Nase, wünschte, ihre Kehle wäre nicht wie ausgetrocknet.

„Ich habe keine Wahl. Ich kann nicht unbegrenzt hier bleiben. Angela, Michaels Mutter, wird sich um Angelina kümmern, bis ich wieder hier bin, was hoffentlich bald sein wird. So wird es erst einmal gehen müssen, bis ich eine andere Lösung gefunden habe.“

Sabrina wusste, wie sehr er litt. Sie sehnte sich danach, die Arme um ihn zu legen und ihn zu trösten, wie nur eine Frau es konnte. Aber diese Art von Trost war es nicht, die er von ihr wollte. Der Trost, den er brauchte, war ihr Einverständnis, ihn zu heiraten, damit er einen britischen Pass bekam. Das zumindest konnte sie ihm geben. Sie schluckte hart, bevor sie sprach.

„Nein, Ramon, Sie müssen nicht abreisen. Nicht, wenn ich mich bereit erkläre, Sie zu heiraten.“

Sie hörte ihn überrascht Luft holen. „Was sagen Sie da, Sabrina?“

„Ich nehme Ihr Angebot an. Das, worüber Sie im Park mit mir gesprochen haben. Ich werde Ihre Frau, wenn Ihnen das hilft.“

„Sie wissen gar nicht, was das für mich bedeutet, Sabrina. Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen!“

„Gern geschehen.“ Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wenigstens konnte sie sich damit trösten, dass sie etwas Gutes tat, etwas Anständiges, so wie ihre Eltern es ihr von klein auf beigebracht hatten.

„Ist Ihnen klar, dass ich fast achtunddreißig bin, Ramon?“, platzte sie heraus. Sie wusste selbst nicht, warum sie das gesagt hatte. Vielleicht um ihn abzuschrecken?

Zu ihrer Verblüffung fing er an zu lachen, ein warmes, tiefes Lachen, das ihre Körpertemperatur augenblicklich noch höher trieb, als sie ohnehin schon war.

„Und ich bin dreißig, na und? Das Alter ist – wie sagt man doch gleich? – nur eine Zahl. Das hat keine Bedeutung.“

Natürlich nicht, warum auch? Sie hatten nicht vor, den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen.

Sabrinas Stimme wurde fast zu einem Flüstern, als sie sagte: „Ich dachte, Sie sollten das wissen.“

Der kleine Strauß Freesien auf ihrem Schoß war schon etwas zerdrückt, doch die Blüten verströmten einen süßen Duft und ließen Sabrina das, was sie gerade getan hatte, noch unwirklicher erscheinen, als es ohnehin schon war. Durch das Taxifenster beobachtete sie die vorbeieilenden Passanten auf ihrem Weg zum Einkaufen oder in die Mittagspause. Normalerweise wäre sie jetzt eine von ihnen gewesen, doch heute war ihr Hochzeitstag.

Ungläubig betrachtete sie den schmalen Goldreif am Ringfinger ihrer linken Hand. Es fühlte sich so endgültig an, verheiratet zu sein. Was natürlich lächerlich war, da es sich nicht um eine echte Heirat handelte, sondern nur um einen Vertrag auf dem Papier, damit Ramon in England bei seiner geliebten Nichte bleiben konnte. Was ihre Eltern und Ellie dazu sagen würden, wagte sich Sabrina gar nicht auszudenken. Gratulieren würden sie ihr ganz sicher nicht.

„Dir ist doch nicht kalt?“ Besorgt wandte sich Ramon seiner frisch angetrauten Ehefrau zu und suchte in ihren blauen Augen nach der Bestätigung, dass mit ihr alles in Ordnung war. Er verdankte dieser Frau unendlich viel und hatte nicht vor, sie in irgendeiner Weise im Stich zu lassen. Als er anfing, seinen Mantel auszuziehen, um ihn ihr zu geben, wehrte sie lächelnd ab.

„Danke, es geht mir gut, wirklich.“

Trotz der ungewöhnlichen Umstände ihrer Hochzeit hatte Ramon so etwas wie Stolz verspürt, als er neben Sabrina im Standesamt stand und sie mit fester, klarer Stimme ihr Jawort geben hörte. In ihrem cremefarbenen Kleid und dem seidenen Blazer, mit dezentem Make-up und dem zu einem modischen Chignon locker aufgesteckten goldbraunen Haar sah sie sehr hübsch und elegant aus. Gleich würde er sie Angelina vorstellen. Er wusste, er würde sehr behutsam vorgehen müssen, damit Angelina gar nicht erst auf die Idee kam, diese fremde Frau könnte ihr den Platz im Herzen ihres Onkels streitig machen. Seit Michaels Tod war im Umgang mit Angelina äußerstes Fingerspitzengefühl nötig, überall lauerten Gefahren. Der Arzt und die Kinderpsychologin hatten Ramon geraten, seiner Nichte Zeit zu geben, ihre Gefühle zu verarbeiten. Er durfte nicht zu viel von ihr erwarten. Der Verlust ihres Vaters war eine furchtbare Katastrophe für sie.

Irgendwann, so hoffte Ramon, würde er wieder ein fröhliches Kind aus ihr machen. Ob Sabrina ihm dabei helfen konnte? Er sah seine Ehefrau von der Seite an und wurde ruhiger. Obwohl er sie kaum kannte, hatte er das Gefühl, dass sie sich als wertvolle Verbündete erweisen würde, wenn es darauf ankam. Im Gegenzug würde er dafür sorgen, dass sie alles bekam, was sie wollte.

„Sind wir da?“ Sabrina beugte den Kopf, um besser sehen zu können, als das Taxi vor einer repräsentativen Villa in einer vornehmen Gegend von Kensington anhielt. Dies also würde ihr neues Zuhause sein, bis Ramon ein anderes Haus gefunden hatte, wo Angelina und sie frei von den Gespenstern der Vergangenheit und allem, was passiert war, einen neuen Anfang machen konnten. Zumindest bis zur Scheidung. Der Gedanke versetzte ihr einen Stich, denn schon jetzt ertappte sie sich immer öfter bei dem Wunsch, mehr als nur eine Ehefrau auf Zeit zu sein. Eine Idee, die sie am besten schnell wieder vergaß, wenn sie nicht unnötig leiden wollte.

„Komm, Angelina wartet sicher schon auf uns“, meinte Ramon und berührte sanft ihre Hand.

Seine Vertrautheit verwirrte sie so, dass sie nur leise „Okay“ sagte, bevor sie hinter ihm aus dem Wagen stieg.

4. KAPITEL

Angela Calder hatte sie freundlich, aber zurückhaltend begrüßt und ihr eine Tasse Tee angeboten. Nun saß Sabrina neben Ramon in der hellen, geräumigen Küche, einer stilvollen Mischung aus schöner alter Architektur und moderner Technik, und nippte unsicher an dem heißen Getränk. Ihr inneres Gleichgewicht kam ihr in diesem Moment genauso zerbrechlich vor wie die Tasse aus feinstem Porzellan, die sie in der Hand hielt. Die Spannung im Raum war beinahe unerträglich, und Sabrina protestierte innerlich gegen die aufgezwungene Höflichkeit. Die Familie hatte eine Tragödie durchlitten, aber war es nicht besser, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, als sie hinter einer starren Fassade scheinbarer Normalität zu verstecken?

Ramon, der Mantel und Jackett ausgezogen und den Knoten seiner Seidenkrawatte gelockert hatte, lehnte sich mit seinem muskulösen Oberkörper im Stuhl zurück und blickte schweigend vor sich hin. Am liebsten hätte Sabrina ihm die Hand auf den Arm gelegt und ihm Mut zugesprochen, aber vor den Augen von Angelinas Großmutter war so eine Geste fehl am Platz. Die anderen waren eine Familie, sie selbst aber war in Angela Calders Augen ein Eindringling.

„Der Tee schmeckt wunderbar“, sagte Sabrina in die lastende Stille hinein. „Genau das habe ich jetzt gebraucht.“

„Vielen Dank, meine Liebe.“ Angela sah zu Ramon hinüber. „Wenn ihr ausgetrunken habt, könntest du Sabrina ihr Zimmer zeigen. Sie möchte vielleicht kurz die Füße hochlegen.“

„Ich hätte sie lieber erst mit Angelina bekannt gemacht. Sie hatte doch heute schulfrei. Warum hast du mir nicht gesagt, dass Rosie mit ihr in den Park wollte?“

Es war das erste Mal, dass Sabrina ihn ungehalten erlebte, und als sie die Entschlossenheit in den markanten Gesichtszügen ihres Ehemannes sah, bekam sie eine Ahnung davon, wie viel Temperament sich dahinter verbarg.

„Die Kleine hat den ganzen Morgen über kaum ein Wort gesagt, nur vor dem Fernseher gesessen und eine dieser albernen Musikshows angesehen. Rosie und ich waren der Meinung, dass ihr ein bisschen frische Luft nicht schaden könnte.“

„Du hast ja recht.“ Ramon stand auf und sah Sabrina besorgt an. „Ich zeige dir jetzt dein Zimmer. Du musst wirklich müde sein, wo du doch gerade erst eine Grippe hattest.“

Sabrina hätte beinahe erwidert, dass sie keine Invalide sei und auf sich selbst aufpassen könne, verkniff es sich aber mit Rücksicht auf die angespannte Situation.

In dem großen, freundlichen und sehr feminin eingerichteten Schlafzimmer mit dem breiten Bett, den duftigen Vorhängen und hübschen Möbeln aus Nussbaumholz ließ sie sich auf einem der antiken Polsterstühle nieder, während Ramon rastlos auf und ab ging wie ein Tiger im Käfig.

„Ramon?“, fragte sie schließlich leise. „Haben Sie …“ Sie stockte. Das vertraute Du kam ihr noch nicht so selbstverständlich über die Lippen wie ihm. „Hast du Zweifel, ob das alles richtig war?“

Er blieb sofort stehen. Ein Muskel zuckte unter der glatt rasierten Haut seiner gebräunten Wange.

„Nein, und du? Ich weiß, es ist keine Kleinigkeit, was du für mich getan hast. Du musst sehr viele Bedenken haben, aber ich werde sie nach und nach ausräumen, das verspreche ich. Wirst du heute deine Eltern anrufen und ihnen alles erzählen?“ Es gefiel ihm nicht, dass sie sich Hals über Kopf auf diese Ehe eingelassen hatte, ohne einer Menschenseele etwas davon zu sagen. Natürlich handelte es sich nur um eine Ehe auf Zeit, eine Scheinehe, aber es machte ihm Sorgen, dass Sabrina nicht einmal ihre nächsten Angehörigen eingeweiht hatte. Was würden sie denken, wenn sie es erfuhren? Dass er Sabrina unter Druck gesetzt, ihr womöglich falsche Versprechungen gemacht habe? Unbehaglich rieb er sich den Nacken.

„Natürlich sage ich es ihnen, und auch meiner Schwester. Ich kann es doch nicht verheimlichen, wenn ich plötzlich nicht mehr in meiner Wohnung wohne. Ich weiß, dass wir in einem gemeinsamen Haushalt leben müssen, damit das Gericht von der Echtheit unserer Ehe überzeugt ist, aber wird es funktionieren? Dies hier ist Angelinas Heim, wo sie mit ihrem Vater gelebt hat. Was hast du ihr über mich erzählt?“

„Das weißt du doch. Ich habe ihr erklärt, dass du eine sehr nette Frau bist, die eingewilligt hat, mich zu heiraten, damit ich hier in England bleiben kann. Sie weiß, dass du eine Weile bei uns wohnen wirst, damit man uns für ein richtiges Ehepaar hält.“

Sabrina senkte den Kopf. Sie blickte auf den flauschigen graublauen Teppich, der so dick war, dass ihre Füße darin versinken würden, wenn sie die Schuhe auszog. Alles in diesem Haus zeugte von Reichtum und Luxus. Michael Calder war ein renommierter Chirurg gewesen. Sabrina wusste aus dem Internet, dass auch ihr Ehemann äußerst wohlhabend war. In Presseausschnitten hatte es geheißen: „Ramon D’Alessandro, junger Internetunternehmer – Multimillionär mit achtundzwanzig Jahren“. Was musste er von ihrer kleinen, vollgestopften Wohnung mit den verblichenen Tapeten und den bunten Flickenteppichen auf dem Boden gedacht haben, als er am Morgen ihre Koffer geholt hatte? Sie hätte sich gern mehr um ihr Apartment gekümmert, aber dazu hatte die Zeit neben der Arbeit einfach nicht gereicht. Für solche Überlegungen war es jetzt ohnehin zu spät. Als sie den Kopf hob, sah sie direkt in Ramons dunkle Augen. „Gut, dass du ihr die Wahrheit gesagt hast. Dann erwartet sie nicht von mir, dass ich … ich meine …“

„Dass du dich mir gegenüber wie eine richtige Ehefrau verhältst?“ Seine Miene wurde plötzlich hart, und er wirkte eine Spur gekränkt. „Was das betrifft, kann ich dir versichern, dass ich nichts von dir erwarte, was über unsere geschäftliche Abmachung hinausgeht. Ich habe weder die Absicht noch den Wunsch, diese Vereinbarung zu verletzen, du kannst also ganz beruhigt sein. Jetzt muss ich ein paar Telefonate erledigen. Leg dich hin oder pack deine Sachen aus, ganz wie du willst. Ich bringe dir noch die Koffer hoch, dann lasse ich dich in Ruhe, bis Angelina wiederkommt.“

Mit energischen Schritten entfernte er sich, und Sabrina blieb verwirrt und verletzt von der Kälte in seiner Stimme zurück.

„Hallo! Ich bin Sabrina, und du musst Angelina sein.“

Das Mädchen, das gerade ein Glas Milch trank und einen Teller mit einem Sandwich vor sich auf dem Tisch stehen hatte, quittierte Sabrinas Erscheinen mit einem Blick aus großen rehbraunen Augen, musterte die Fremde sekundenlang und widmete sich dann wieder stumm seinem Getränk.

Zögernd näherte sich Sabrina dem Tisch. Sie hatte keine Lust gehabt, noch länger in ihr Zimmer verbannt zu sein, und da Ramon sie nicht holen kam, hatte sie sich eben allein auf den Weg nach unten gemacht. An der Spüle stand eine junge blonde Frau in Jeans und T-Shirt und wusch Obst unter dem Wasserhahn. „Guten Tag, ich bin Rosie. Setzen Sie sich doch, ich bringe Ihnen gleich eine Tasse Tee. Oder hätten Sie lieber Kaffee?“

„Kaffee wäre schön, vielen Dank.“

Sie wählte einen Stuhl zwei Plätze entfernt von Angelina. „Hat es dir im Park gefallen?“

„Es war okay.“ Das Mädchen sah nicht einmal auf.

„In der Nähe meiner Arbeitsstelle ist ein herrlicher Park, wo ich manchmal meine Mittagspause verbringe. Es gibt dort einen Pavillon, einen kleinen Spielplatz mit einer Schaukel und viele Eichhörnchen. Um diese Jahreszeit liegen die Wege voller Laub. Als Kind bin ich immer durch die Laubhaufen gerannt. Machst du das auch so gern?“

Angelina schien nachzudenken. „Du bist anders als die letzte Freundin von Onkel Ramon. Christina war viel dünner als du.“

Diese Antwort musste Sabrina erst einmal verdauen. Hieß das, Angelina wäre es lieber gewesen, Ramon hätte die dünne Christina geheiratet?

„Richtig dünn werde ich nie sein“, erwiderte sie lächelnd. „Dafür esse ich einfach zu gern.“

„Ihre Figur ist schon in Ordnung, so wie die von meiner Tanzlehrerin Holly. Sie bringt mir Ballett und Stepptanz bei.“

Das unerwartete Kompliment freute Sabrina. „Wirklich? Ich hätte selber gern tanzen gelernt, aber mein Vater behauptete, ich sei so graziös wie ein Elefant.“ Sie lachte, aber die Erinnerung versetzte ihr immer noch einen Stich. In ihrer Kindheit war Ellie die grazile Schönheit gewesen, der die Jungen auf dem Heimweg von der Schule hinterherpfiffen.

Angelina blickte versonnen. „Mein Vater hat mir immer gern beim Tanzen zugesehen.“ Rosie, die gerade Obst in eine Schale legte, sah alarmiert herüber.

„Das glaube ich dir“, sagte Sabrina ruhig. „Er muss sehr stolz auf dich gewesen sein.“

„Du hast heute meinen Onkel geheiratet.“

„Ja.“ Sabrina spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. „Hast du etwas dagegen?“

Autor

Sara Craven
Sara Craven war bis zu ihrem Tod im November 2017 als Autorin für Harlequin / Mills & Boon tätig. In über 40 Jahren hat sie knapp hundert Romane verfasst. Mit mehr als 30 Millionen verkauften Büchern rund um den Globus hinterlässt sie ein fantastisches Vermächtnis. In ihren Romanen entführt sie...
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