Julia Exklusiv Band 405

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

GEWAGTES SPIEL MIT DEM PLAYBOY von THERESE BEHARRIE

Playboy Jacques Brookes muss heiraten, um seinen Ruf als ehrbarer Geschäftsmann wiederherzustellen; Lily braucht einen Mann, um ihren Ex eifersüchtig zu machen. Die schnellste Lösung? Eine Scheinverlobung! Aber warum prickelt es dann so unwiderstehlich erregend, als er sie küsst?

VERFÜHRT, VERLASSEN – VERHEIRATET? von ANGELA BISSELL

„Hallo, Annah.“ Ein eiskalter Schauer überläuft sie bei dem sexy italienischen Akzent. Denn Annah weiß, warum der mächtige Luca Cavallari nach England gekommen ist: Er will ihr das Wertvollste in ihrem Leben nehmen! Ihren gemeinsamen Sohn …

ROADTRIP INS GLÜCK von SOPHIE PEMBROKE

Um seinen Bruder zu beschützen, würde Cooper Edwards alles tun – und wenn er dafür die raffinierte Mitgiftjägerin Dawn auf einem abenteuerlichen Roadtrip quer durch die USA begleiten muss! Ein Fehler? Ohne es zu wollen, erliegt er dabei selbst ihren sinnlichen Reizen …


  • Erscheinungstag 15.08.2026
  • Bandnummer 405
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541343
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Therese Beharrie, Angela Bissell, Sophie Pembroke

JULIA EXKLUSIV BAND 405

Therese Beharrie

1. KAPITEL

„Heiraten? Das ist die Lösung, die Ihnen zu dem Problem einfällt?“

Lily wurde unwillkürlich langsamer. Sie war hier doch auf der Verlobungsparty ihrer besten Freundin Caitlyn, wieso sprach da jemand so zornig übers Heiraten?

An der Stimme kam ihr etwas bekannt vor, zumindest am Tonfall, aber es war keinesfalls Caitlyns Verlobter, da war Lily sich sicher.

Kurz sah sie sich um, ob jemand sie beim Lauschen ertappen könnte. Sie wollte es ja eigentlich gar nicht! Sie war nur deswegen hier heraufgekommen, um ein bisschen allein zu sein.

Ihr war gerade ihr Ex-Verlobter Kyle unter den Gästen aufgefallen, zusammen mit der Frau, mit der er sie betrogen hatte …

Den beiden wollte sie nicht begegnen, also hatte sie sich aus dem Getümmel der Party geflüchtet, die Caitlyns reicher Verlobter Nathan in seinem neu erworbenen Haus gab. Das konnte sie bei der Gelegenheit gleich ein bisschen besichtigen. Sie würde ja sicher oft hier sein, sobald ihre Freundin verheiratet und die Hausherrin war.

Nur war es mit der Besichtigung vorbei, als die wütende Stimme aus dem Raum drang, vor dem Lily stand.

„Mr. Brookes, wir denken …“

Brookes war doch Nathans Nachname! Wahrscheinlich klang die Stimme des Sprechers deswegen vertraut, weil es ein Verwandter von Nathan war. Vielleicht sein Bruder, mit dem er nicht viel zu tun hatte, wie Caitlyn mal erwähnt hatte?

Lily beschloss gerade, endlich weiterzugehen, da hörte sie ihn nochmals sprechen.

„Es klingt nicht wirklich so, als hätten Sie überhaupt gedacht, Jade!“

Die Stimme klang nicht lauter als eben, aber Lily zuckte zusammen, und sie bedauerte die arme Jade. Wer auch immer das war.

„Oh doch, wir haben uns tatsächlich den Kopf zerbrochen“, mischte sich nun ein Mann ein, der aber auch nicht selbstsicherer klang als Jade.

„Dann lassen Sie mich an Ihrem Gedankengang teilhaben!“

Das wollte Lily auch. Nochmals sah sie sich um. Ja, sie war noch immer allein. Sie lehnte sich an die Wand und lauschte weiter.

„Wir haben in alle möglichen Richtungen recherchiert.“ Das war wieder Jade. „Ja, alle halten Sie zurzeit für einen erfolgreichen Geschäftsmann. Jetzt aktuell, wie gesagt. Aber diesen Erfolg haben Sie sich sozusagen im Stillen erarbeitet. Die Öffentlichkeit erinnert sich an Sie als den Mann, der dem Shadows Rugby Club die Chance verdorben hat, in der ersten Liga zu spielen und an internationalen Meisterschaften teilzunehmen. An einen Mann, der als Spieler alles für einen Sieg tat – und es am Schluss zu weit getrieben hat.“

Es entstand eine Pause, dann sprach Jade zögernd weiter.

„Danach hat sich die Aufmerksamkeit auf Ihren Ausschluss aus dem Verein sowie Ihr anschließendes ausschweifendes Leben gerichtet.“

„Sie erzählen mir nichts Neues.“ Das klang ausdruckslos. „Ich habe Sie und Riley engagiert, weil mir klar ist, wie schwierig es wird, mein Image zu verbessern. Jetzt zweifle ich an meiner Entscheidung. Wieso wollen Sie mir einreden, dass nur eine Heirat meinen guten Ruf wiederherstellen kann?“

„Nein, Heirat ist nicht die einzige Option“, mischte sich der andere Mann ein, vermutlich Riley. „Aber die am schnellsten wirksame. Und wenn man bedenkt, dass der Verkauf bald stattfinden soll …“

Erneut entstand eine Pause. Ich sollte kein privates Gespräch belauschen, ermahnte Lily sich. Aber sie wollte gern mehr über Nathans geheimnisvollen Bruder erfahren – falls er der Mann war. Ja, sie war neugierig, das gab sie zu. Doch die Geschäfte von Nathans Familie gingen sie nichts an! Sie war ja nicht davon betroffen.

Also, zurück zu den Gästen! Sie musste nur so tun, als wäre sie tatsächlich so selbstbewusst, wie sie es sich wünschte, dann konnte sie auch Kyles Anwesenheit ertragen. Lily drehte sich schon um, da hörte sie erneut die Stimmen und blieb doch wieder stehen.

„Ich hätte Sie beide nicht zur Verlobungsfeier meines Bruders einladen sollen. Hier ist nicht der richtige Rahmen für unser Gespräch. Wir können morgen nach dem TV-Interview weiterreden.“

Es ist also tatsächlich Nathans Bruder, dachte Lily. Dann wurde ihr siedend heiß klar, dass er unterwegs zur Tür war – an der sie stand. Gerade noch schaffte sie es, ein paar Schritte durch den Flur bis zur Treppe zu eilen. Dort blieb sie abrupt stehen.

Denn der Mann, dem sie um jeden Preis aus dem Weg gehen wollte, kam gerade die Stufen herauf: Kyle Van der Rosse.

Mit seiner Begleitung, deren Namen Lily nie hatte wissen wollen. Sie erinnerte sich jedoch deutlich an die roten Haare und den zierlichen Körper, den sie schon nackt in Kyles Armen gesehen hatte.

Dieses Fl… diese Frau kicherte, als Kyle ihr etwas ins Ohr flüsterte.

Lily hatte plötzlich das Gefühl, ihr Kleid wäre viel zu eng, und sie wünschte, es wäre nicht leuchtend rot und würde ihre Kurven nicht so sehr betonen. Mit der Selbstsicherheit, die sie sich eingeredet hatte, war es schon nicht mehr weit her. Kein Wunder angesichts der Begegnung mit Kyle, aber sie war trotzdem von sich enttäuscht.

Kyles Begleiterin war so viel schlanker als sie. Er legte ihr den Arm um die schmale Taille und zog sie eng an sich.

Die beiden haben sich weggeschlichen, um sich miteinander zu vergnügen, erkannte Lily, und ihr wurde übel. Wie oft hatte sie ihm diesen speziellen Wunsch abgeschlagen! Und nun war ihre Nachfolgerin nicht nur zierlicher, sondern auch risikobereiter – alles das, was er sich immer gewünscht hatte und was sie, Lily Newman, niemals sein würde.

In dem Sekundenbruchteil, bevor er sie entdeckte, traf sie endlich eine riskante Entscheidung: Sie würde ihn glauben lassen, sie wäre ebenfalls für ein Stelldichein hier oben gewesen. Später würde sie die Entscheidung höchstwahrscheinlich bereuen, aber jetzt wuschelte sie sich durch ihre dichten Locken und verrieb den Lippenstift, damit es so aussah, als hätte sie jemanden wild geküsst.

Dabei hoffte sie inständig, dass Nathans Bruder Sinn für Humor besaß.

„Lily?“

Der Klang von Kyles Stimme ließ sie schaudern, und ihr Herz begann zu rasen. Wie hatte sie diese Stimme jemals attraktiv finden können? Jetzt fand sie sie nur noch ölig und anbiedernd.

„Ach, Kyle?“ Lily zog die Brauen hoch. „Du auch hier! Wie geht es dir? Ich hab dich vorhin gar nicht gesehen.“

Sein Blick verriet ihr, dass er ihr das nicht abnahm. „Mir geht es gut. Und dir? Ich habe gehört, dass du deinen Buchladen eröffnet und sogar zum Laufen gebracht hast. Nach und nach.“

„Oh ja, es läuft gut. Ich konnte ja eine ganz anständige Summe investieren, wie du weißt.“

Nun wurde sein Blick hart, sehr zu Lilys Zufriedenheit. Gleich darauf aber kam in ihr Ekel hoch, wie immer, wenn sie an das Ende ihrer Beziehung dachte. Es hatte sie letztlich einiges an Integrität und Würde gekostet.

Ihre Selbstsicherheit löste sich in Kyles Gegenwart nach und nach in Luft auf.

„Du hast Michelle noch nicht kennengelernt, oder?“, fragte er. „Zumindest nicht offiziell. Wir werden bald heiraten.“

„Herzlichen Glückwunsch“, gratulierte Lily – und spürte überraschenderweise gar nichts bei dieser Neuigkeit.

Trotzdem war sie erleichtert, als sie hinter sich Schritte hörte. Ihr kam gar nicht in den Sinn, es könnte jemand anderes sein als Nathans Bruder.

Also sagte sie: „Ich hätte nicht gedacht, dass du so lange brauchst, um dich von … eben zu erholen, Schatz.“

Dann erst drehte sie sich um, und ihr blieb die Sprache weg, als sie ihren „Liebhaber“ zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Seine Haut war gebräunt, seine Haare waren dunkel und wie vom Wind zerzaust, sodass sie am liebsten mit den Fingern durch die dichten Strähnen fahren würde. Der Blick seiner dunklen Augen war sturmumwölkt.

Ihr wurde klar, welch großes Risiko sie mit diesem Mann eingegangen war, denn er war sichtlich noch sehr aufgebracht über das eben geführte Gespräch.

Doch der wilde Ausdruck wich einem von Gelassenheit, und nun wurde es Lily noch unbehaglicher zumute. Nathans Bruder ließ den Blick über sie gleiten, sah dann zu Kyle und wieder zu ihr. Interessiert, ja, amüsiert. Und irgendwie wissend. Plötzlich war ihr ganz heiß.

Er sah seinem auf herkömmliche Weise attraktiven Bruder Nathan überhaupt nicht ähnlich. Sein Gesicht war markanter, mit ausgeprägten, schroffen Zügen, die ahnen ließen, dass er schon viel erlebt hatte. Direkt über dem Mund hatte er eine Narbe. Lily konnte sich vorstellen, dass man die beim Küssen spürte …

Um die Lippen, die sie gerade bewunderte, begann ein Lächeln zu spielen, und sie wurde rot. Er war vielleicht nicht auf herkömmliche Weise gut aussehend, aber er war verteufelt sexy.

„Schatz?“, wiederholte Kyle. „Heißt das, ihr seid ein Paar, Lily? Du und Jacques?“

Lily blieb die Zunge am Gaumen kleben, als sie begriff, dass Kyle Nathans Bruder kannte. Jacques hieß er also.

Daran hätte ich denken müssen, tadelte sie sich. Sie wusste doch, dass Nathan in der Anwaltskanzlei arbeitete, die Kyles Familie gehörte! Klar, dass er Kyle – der ja mal sein Boss werden würde – zu der Verlobungsparty eingeladen hatte.

„Ja, wir sind ein Paar“, bestätigte Jacques.

Seine angenehm tiefe Stimme ließ in Lily ein erregendes Prickeln aufsteigen.

„Und wie lange schon?“, wollte Kyle wissen.

Seine Selbstgefälligkeit schwand zusehends.

Oh, das passt ihm nicht, stellte Lily fest, und ihr Herz pochte schneller. Dann sagte sie sich, dass sie nicht zu befürchten brauchte, dass er zum Angriff überging.

Sie brauchte seinetwegen überhaupt nicht mehr besorgt zu sein.

„Fast ein halbes Jahr“, antwortete sie.

Jacques stellte sich neben sie. Er war gut einen Kopf größer als sie.

„Sechs Monate?“, vergewisserte Kyle sich, und seine Augen blitzten.

Die Beziehung mit ihm war ein Jahr zuvor in die Brüche gegangen, und ganz eindeutig fand er, dass sechs Monate zu wenig seien, um die Trennung zu betrauern und ihm nachzuweinen.

„Für mich fühlt es sich nicht wie ein halbes Jahr an“, mischte Jacques sich ein. „Mir kommt es immer noch vor, als wären wir gerade erst zusammengekommen.“

Er hat also wirklich Sinn für Humor, stellte Lily fest und lächelte ihn an. Er erwiderte das Lächeln, und plötzlich schien es zwischen ihnen zu knistern.

Jacques legte ihr den Arm um die Taille, was ihr Herz zum Rasen brachte. Lily vergaß einen Augenblick lang, dass sie nur Theater spielten, und strich ihm durchs Haar.

„Wie habt ihr zwei euch kennengelernt?“, erkundigte Kyle sich scharf.

Das gefällt ihm wirklich ganz und gar nicht, dachte Lily zugleich erfreut und beklommen. Sie erwartete, von der üblichen Panik überrollt zu werden – wie immer, wenn sie befürchtete, dass man sie unfreundlich zurechtwies.

Aber da kam nichts weiter von Kyle. Jacques Brookes erwies sich als tolle Verstärkung, und das machte Lily mutig.

„Ich würde dir ja gern alles genau erzählen, Kyle, aber Jacques und ich waren schon viel zu lange beim … also, hier oben.“

Sie warf Jacques einen verführerischen Blick zu und fragte sich, wie sehr sie sich damit in Schwierigkeiten brachte, denn in Jacques’ Augen glühte ein Funke auf.

„Wir müssen uns jetzt dem glücklichen Paar widmen“, fügte sie hinzu. „Einen schönen Abend noch!“

Sie fasste Jacques bei der Hand und eilte mit ihm nach unten, wo sie ihn gleich weiter auf den großen Balkon zog. Dort erst ließ sie seine Hand los.

„Ich muss mich für das alles entschuldigen“, begann sie.

„Würden Sie mir ‚das alles‘ auch erklären?“

Sie ging zum Geländer. Es wehte eine leichte Brise, und dankbar atmete sie die frische Luft ein. Das beruhigte sie, ebenso wie die herrliche Aussicht, die sich vor ihr ausbreitete.

Das Haus stand auf dem Tygerberg, und man konnte den Tafelberg und einen großen Teil von Kapstadt sehen, das ihnen quasi zu Füßen lag.

Vor diesem weiten Panorama kamen ihr die Probleme, die sie belasteten, plötzlich viel kleiner vor.

„Wie wäre es, wenn wir uns erst mal vorstellen?“, schlug Lily vor. „Ich bin Lily Newman, die beste Freundin der Braut.“

„Und ich bin Jacques Brookes, Bruder des Bräutigams in spe.“

Er schüttelte ihr die Hand, und eine erregende Hitze fuhr ihr durch den Arm bis in die Brust.

„Nett, Sie kennenzulernen“, sagte Lily und zog rasch die Hand aus seinem Griff. „Wahrscheinlich hätten wir unsere Bekanntschaft mit der Vorstellung einleiten sollen statt mit dem Debakel vorhin auf der Treppe.“

„Ach, ich weiß nicht. So war es interessanter. Nicht die übliche Art, wie ich Mädels treffe.“

„Sie meinen doch sicher Frauen, Jacques? Zu denen ich gehöre. Wie man sieht.“ Sie zeigte auf ihre ausgesprochen weibliche Figur.

In seinen Augen schimmerte Anerkennung, und Lily wurde rot.

„Ganz recht“, erwiderte er aber nur.

Sie fragte sich, warum sie das gesagt hatte. Um selbstbewusster zu klingen, als sie war? So, als ob sie in seine Liga gehörte beim alten Katz-und-Maus-Spiel, das Flirten letztlich bedeutete? Als ob sie ans Flirten überhaupt gewöhnt wäre …

Er war viel zu attraktiv, um an ihr interessiert zu sein. Ein Mann wie er verbrachte seine Zeit mit Models und Schauspielerinnen, nicht mit Frauen wie ihr, die mehr als fünfundzwanzig Prozent Körperfett mit sich herumtrugen.

„Um jetzt zu der Erklärung zu kommen, die ich Ihnen schulde, Jacques: Ich bin Kyles Ex-Verlobte …“, begann sie.

„Ach, diejenige, die ihn einen Monat vor der Hochzeit sitzen gelassen hat?“

„Ja.“

„Ich fand schon immer, dass dazu ganz schön Mumm gehört.“

„Oh, danke.“ Sie lächelte ihn an.

„Das erklärt aber nicht, warum Sie sich überhaupt mit ihm eingelassen haben.“

Ja, das hatte sie sich auch schon oft gefragt, seitdem ihr klar geworden war, wie schäbig Kyle sie ständig behandelte. Diese Erkenntnis war ihr allerdings erst am Ende der Beziehung gekommen, als sie gezwungen gewesen war, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Anfangs war ich von seinem guten Aussehen und seinem Charme geblendet, gestand Lily sich ein. Den hat er auch während der Beziehung ab und zu angeknipst.

Aber der wahre Grund für ihre Scheuklappen war der Umstand gewesen, dass Kyle überhaupt Interesse an ihr gezeigt hatte. Das war berauschend gewesen. Zuerst jedenfalls. Später nicht mehr. Und dann hatte sie ihn mit einer anderen Frau nackt im Bett ertappt. Da war es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen.

Ihr Blick war wieder klar geworden, vor allem nach dem Ende der Verlobung, mit jedem Anruf von Kyle, mit jeder seiner Drohungen.

Sie schämte sich jetzt, dass sie sich auf einen Macho wie ihn eingelassen hatte, nur weil sie selbst zu wenig von sich hielt. Sie hatte sich ihr ganzes Leben lang mit solchen Tyrannen abgeben müssen, also hätte sie es besser wissen sollen. Noch mehr schämte sie sich für das, was sie getan hatte, nachdem mit Kyle Schluss war.

„Manches erkennt man erst im Lauf der Zeit“, erklärte Lily nun auf Jacques’ Frage hin.

„Wem sagen Sie das?“, erwiderte er.

Steckte er etwa auch in Schwierigkeiten? Nein, stopp! Damit sollte sie sich besser nicht befassen. Sie hatte genug eigene Probleme zu bewältigen. Da war ihr Buchladen, von dem sie immer geträumt hatte und für den sie sozusagen einen Teil ihrer Seele verkauft hatte. Doch der Laden lief nicht gut, stand womöglich kurz vor dem Ruin. Darum musste sie sich zuerst kümmern, nicht um die Sorgen der anderen!

„Kyle scheint Sie nicht gerade zu mögen“, wechselte Lily das Thema, um sich abzulenken. „Wie kommt das?“

„Ein Überbleibsel unserer Vergangenheit. Unsere Familien verkehren in denselben Kreisen, daher kannte ich ihn schon flüchtig, bevor Nathan für seine Firma zu arbeiten anfing.“ Jacques grinste. „Ich wusste ja, dass Kyle kein sehr netter Mensch ist, also habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, ihm seine Freundinnen auszuspannen.“

„Aber Sie haben damit aufgehört?“

Seine Augen funkelten. „Ja, eine ganze Weile, bevor er mit Ihnen zusammenkam. Leider.“

Lilys Herz klopfte wild, und ihr wurde ganz heiß. In seiner Nähe fühlte sie sich unbehaglich. Warum blieb sie dann? Das wusste nur der Himmel.

„Warum haben Sie aufgehört?“, wollte sie wissen.

„Weil Nathan angefangen hat, für Kyle zu arbeiten. Und weil ich aufgehört habe, zu denselben Veranstaltungen wie er zu gehen“, erklärte Jacques. „Außerdem hatte ich keine Zeit mehr, ständig auf der Hut vor ihm zu sein, nur weil er sich mit mir schlagen wollte.“

„Er hat versucht, Sie zu verprügeln?“, hakte sie ungläubig nach.

Versucht ist das richtige Wort“, bestätigte er. „Für mich war es amüsant … und für ihn schmerzhaft. Denke ich.“

„Sie haben also zurückgeschlagen?“

„Tun Sie doch nicht so überrascht, Lily! Das war reine Selbstverteidigung.“

Sie lachte. „Ich hätte gutes Geld dafür gegeben, das mit anzusehen.“

„Das könnten Sie immer noch haben.“

„Nein! Ich werde Sie nicht dafür bezahlen, meinen Ex-Verlobten zu verprügeln!“

„Es würde Sie gar nicht so viel kosten, aber ich meinte keine echten Schläge. Mir ist vorhin sein Blick aufgefallen, als wir behauptet haben, wir wären ein Paar. Er hasst den Gedanken. Wenn wir also hier auf der Party ein bisschen länger so tun, als wären wir heftig verliebt ineinander, ist das für ihn mindestens so schlimm wie ein Schlag in die Magengrube.“

Sie hatte noch gar keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, da stellte er sich neben sie und legte ihr den Arm um die Taille.

Lily atmete hastig ein. Jacques richtete den Blick auf ihre Lippen, und er hätte nur den Kopf etwas weiter senken müssen, dann hätte sie feststellen können, ob man die Narbe tatsächlich beim Küssen spürte …

„Kyle beobachtet uns“, flüsterte er dicht an ihrem Ohr. „Du solltest dich also schnell entscheiden.“

2. KAPITEL

Es gefiel Jacques, diese Frau, die er gerade erst kennengelernt hatte, in seinen Armen zu halten. Ebenso gefiel ihm der wütende Blick ihres Ex-Verlobten, von dem er eine äußerst geringe Meinung hatte.

Wirklich wichtig aber war etwas anderes: die Gelegenheit, das zu tun, was seine PR-Firma ihm geraten hatte. Er musste die Chance nur richtig nutzen!

Lily rührte sich, und da wurde ihm bewusst, dass diese Chance von einem anderen Menschen abhängig war.

„Wenn ich Ja sage, lässt du mich dann los?“

Auch sie war also zum Du übergegangen. Aber ihre Stimme zitterte ein bisschen, und ihr Blick verriet Unsicherheit.

Gerade eben war Lily doch noch bewundernswert energisch gewesen! Wo war dieser Kampfgeist geblieben?

„Ich lasse dich so oder so los“, versicherte Jacques ihr sanft.

Gleichzeitig verhärtete er sein Herz. Er durfte nichts für sie empfinden, nicht einmal verständnisvolles Mitgefühl. Dann würde es ihm nämlich gleich viel schwerer fallen, sie zu benutzen.

Ja, benutzen! Das klang harsch, wie er ja selbst fand, aber was blieb ihm anderes übrig? Er wollte seine Fehler von damals wiedergutmachen, sich rehabilitieren. Inzwischen hatte er eingesehen, dass sein Verhalten nach seinem Ausschluss aus dem Club den Leuten recht gegeben hatte, die nichts von ihm hielten. Dazu gehörte auch sein Vater.

Ganz besonders sein Vater!

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss, das war doch immer mein Motto, dachte Jacques. Beim Rugby hatte es funktioniert, ebenso beim Aufbau seiner Sportartikelfirma, die inzwischen ein großer Erfolg war.

Trotzdem sahen die Leute in ihm immer noch den „Bad Boy“, den bösen Buben, der vor sieben Jahren seinen Gegner verprügelt hatte. Tatsächlich war das der Spitzname, der ihm immer noch anhing. Das sollte sich ändern.

Seit er gehört hatte, dass sein alter Club – der Shadows Rugby Club – zum Verkauf stand, wollte er diese Chance nutzen, um den von ihm angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Seinetwegen hatte das Team auf Erfolge verzichten müssen, jetzt wollte er ihm zu neuem Ruhm verhelfen.

Ironischerweise brauchte er einen besseren Ruf, um den Club zu erwerben, der ihm einen besseren Ruf einbringen sollte. Und Lily hatte in dem Plan plötzlich eine wichtige Funktion zu erfüllen.

„Ja, einverstanden. Tun wir es!“, sagte sie nun energisch.

Das überraschte ihn. Gerade eben hatte sie noch verunsichert gewirkt.

„Bist du dir sicher?“, hakte er nach.

„Ja!“ Sie hielt die Lippen nah an sein Ohr. „Wir müssen nur Caitlyn Bescheid sagen. Wenn sie uns sieht und glaubt, wir wären wirklich zusammen, flippt sie aus.“

Während er noch überlegte, wie suggestiv ihr Verhalten wirkte, trat sie ein Stück zurück und legte ihm die Hand auf die Brust, eine sehr intime Geste, die sein Herz schneller schlagen ließ. Das war ihm gar nicht lieb.

„Das wäre sicher angeraten“, stimmte er steif zu.

Dann nahm er Lily bei der Hand. So gingen sie durch die Menge der Feiernden. Ihm war überdeutlich bewusst, wie sich Lilys Finger in seinem Griff anfühlten. Aber das hatte nichts zu sagen! Es war nichts Neues für ihn, eine Frau attraktiv zu finden.

Bei Lily ist es mehr als das, raunte eine innere Stimme aufreizend.

Er versuchte, an etwas anderes zu denken. Oder an gar nichts, das war ihm lieber.

Schließlich erreichten sie Nathan und Caitlyn, die von Gästen umringt waren. Nathan wirkte wie üblich entspannt, und seine gute Stimmung übertrug sich meistens auf seine Mitmenschen. Jacques hatte seinen Bruder deswegen schon immer bewundert – und manchmal beneidet.

Dann war ihm klar geworden, dass die Meinung der anderen weit überschätzt wurde. An einem Tag verehrten sie ihn und sahen seine Aktionen als Heldentaten an, am nächsten kritisierten sie genau dieselben Handlungen und behandelten ihn wie einen Verbrecher.

Er beneidete Nathan auch dafür, dass er mit ihren ziemlich komplizierten Eltern ganz locker umging und mit ihnen immer noch in Verbindung stand. Nathan wollte immer noch Teil der Familie sein, trotz allem, was sie als Heranwachsende mitgemacht hatten. Jacques hatte sowohl seinen Vater als auch seine Mutter seit Jahren nicht mehr gesehen.

Nun wurde Nathan auf ihn und Lily aufmerksam, und er bedeutete ihnen mit einem Kopfneigen, in eine ruhigere Ecke des Raums mitzukommen.

„Freut mich, dass du tatsächlich gekommen bist“, begrüßte Nathan ihn.

„Das war doch selbstverständlich.“

Ihre Eltern waren offensichtlich nicht hier, was wenig überraschte. Nathan schien darüber enttäuscht zu sein. Verständlicherweise.

Dabei habe ich ihm doch schon tausend Mal gesagt, er soll nicht weiter auf unsere Eltern hoffen, dachte Jacques mitfühlend. Er selber hatte schon lange kapiert, dass Hoffnung ihn nicht weiterbrachte. Sein Zorn darüber hatte zu dem unbeherrschten Verhalten geführt, das seine Karriere beendete. Das hatte ihn gelehrt, es aufzugeben, bei seinen Eltern etwas bewirken zu wollen. Da er ihnen seit sieben Jahren erfolgreich aus dem Weg gegangen war, konnte man den Versuch als geglückt ansehen.

„Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung“, gratulierte Jacques nun.

Er hatte Nathan und Caitlyn seit der Bekanntgabe ihrer Verlobung noch nicht gesehen. Also küsste er Caitlyn auf die Wangen, was sie zum Strahlen brachte, und schlug seinem Bruder kumpelhaft auf die Schulter.

„Das war jetzt sowohl amüsant als auch bewegend“, meinte Lily und lächelte. „Aber ihr beiden müsst euch ja euren Gästen widmen, also wollten wir euch nur schnell informieren, dass wir so tun, als wären wir ein Paar, damit Kyle ein bisschen von dem zu spüren bekommt, was er mir angetan hat, als ich ihn ertappt habe, wie er mit der … mit dieser Frau im Bett war.“ Sie wies mit dem Kopf auf Michelle. „Beide nackt“, endete sie atemlos.

Kein Wunder, dass sie außer Atem ist, dachte Jacques mitleidig. Sie redet ja mit jedem Wort schneller. Es überraschte ihn allerdings, dass Kyle sie betrogen hatte. Bisher war er amüsiert gewesen, dass er zufällig die Rolle bekommen hatte, Lilys Partner zu spielen. Jetzt verstand er, warum sie es getan hatte, und er fand es gar nicht mehr lustig.

„Ach, Lily, alles in Ordnung mit dir?“, erkundigte Caitlyn sich.

„Ja, alles gut“, erwiderte Lily und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Wir wollten euch nur warnen, damit ihr euch nicht über uns wundert. Ach ja, und falls euch jemand fragt: Jacques und ich sind seit sechs Monaten zusammen. Du und Nathan habt uns miteinander bekannt gemacht.“

Jacques lächelte leicht darüber, wie sich diese Geschichte entwickelte, und fragte sich, wie Kyle eine Frau wie Lily hatte betrügen können.

Eine Frau wie Lily? hakte seine innere Stimme nach.

Ja, so formuliert klang es ein bisschen verrückt. Er kannte Lily doch gerade erst wenige Minuten! Vielleicht war sie ja zuerst untreu geworden? Aber so wie er Kyle kannte, war das eher unwahrscheinlich.

Kyle sank in Jacques’ Achtung noch tiefer. Am liebsten hätte er ihn verprügelt für das, was er Lily angetan hatte. Woher kam bloß diese Mischung aus Zorn und Beschützerinstinkt, die sie in ihm weckte?

Er blickte hoch und las in den Augen seines Bruders eine stumme Warnung. Nathan dachte sicher an die vielen Frauen, mit denen Jacques schon zusammen gewesen war, und wollte Lily schützen. Das war gerechtfertigt, wenn Jacques bedachte, wozu er seinerseits Lily benutzen wollte!

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Caitlyn“, fügte er schnell hinzu.

Er musste seine künftige Schwägerin für sich gewinnen, wenn sein Plan funktionieren sollte. Sie nickte ihm kurz zu.

„Ich mochte ihn ja nie, besonders nach dem, was …“ Sie verstummte kurz und blickte Lily an. „Jedenfalls habt ihr meinen Segen für eure sogenannte Beziehung – das ist eine prima Rache für dein gebrochenes Herz!“

Lily lächelte. Jacques wurde plötzlich ganz warm ums Herz.

Es ist einfach nur Anziehungskraft, sagte er sich. Und wiederholte es, als Lily seine Hand nahm und er plötzlich ein Prickeln spürte. Als Lily ihn mit ihren wunderschönen Augen ansah, um festzustellen, ob er mit allem einverstanden war, pochte sein Herz rasend schnell.

Er nickte, und sie ging bereits auf die Terrassentüren zu. Da fasste ihn jemand am Arm, und er blieb noch stehen.

„Bitte sei nett zu ihr. Geh behutsam mit ihr um“, bat Caitlyn eindringlich.

„Das werde ich“, versprach er, ohne zu überlegen.

Sie lächelte ihn dankbar an. Sein Bruder hingegen runzelte zweifelnd die Stirn, was nicht besonders erhebend war.

Jacques folgte Lily nach draußen und fragte sich, was sie an sich hatte, das in anderen Menschen den Wunsch weckte, sie zu beschützen. In ihm selbst ebenso wie in Caitlyn und Nathan.

Er räusperte sich. „Wollen wir ein bisschen schwimmen? Ich habe meine Badehose nicht mit, aber ich bin gern bereit, im Adamskostüm ins Wasser zu gehen.“

„Was?“, rief sie schockiert.

„War nur ein Scherz. Außer du möchtest es.“ Es gefiel ihm, wie sich zarte Röte auf ihrer gebräunten Haut ausbreitete.

Er kannte Frauen, die stundenlang in der Sonne lagen, um diesen Hautton zu erreichen. Lily hatte es nicht nötig, Zeit mit solchen nichtigen Dingen zu verplempern. Ihre kastanienbraunen Locken waren reine, ungebändigte Natur, und ganz bestimmt hatte sie so gut wie kein Make-up aufgetragen. Ihre haselnussbraunen Augen waren nicht mit Lidstrich oder Mascara betont, ihre vollen Lippen waren von Natur aus rot.

Und ihre Figur! Ihm gefiel, dass sie nicht mager war, sondern schöne weibliche Kurven hatte, die das eng anliegende Kleid wunderbar zur Geltung brachte.

Am besten aber gefiel ihm, was das alles ihm verriet. Wie viele Frauen kannte er denn, die zu einer Party in den sogenannten besten Kreisen ohne dickes Make-up erschienen und mit Haaren, die nicht in eine komplizierte Frisur gezwängt waren und vor Haarspray glänzten?

Bis jetzt hatte er keine Frau kennengelernt, die das gewagt hätte.

Ihm gefiel auch, wie Lily auf sein Necken reagierte. Das war erfrischend. Liebenswert. Dadurch wirkte sie authentisch … und deshalb war sie perfekt geeignet für seinen Plan.

Ja, Lily war irgendwie unverdorben, also ganz anders als die Frauen aus seiner Vergangenheit. Mit ihnen hatte er etwas erleben wollen – er hatte mit ihnen vergessen wollen, wie er sein Leben verpfuscht hatte.

Dann hatte sich die Öffentlichkeit gegen ihn gewandt, hatte ihn in den Medien förmlich zerrissen. Warum also hätte er sich länger um einen guten Ruf bemühen sollen? Wenn sie einen „Bad Boy“ wollten, konnten sie den haben.

Also hatte er sich ein Jahr lang völlig gehen lassen und seinem Spitznamen alle Ehre gemacht. Oder sollte er lieber sagen: seinem guten Namen Schande gemacht?

Jedenfalls waren es die schlimmsten zwölf Monate seines Lebens gewesen.

„Warum lasse ich mich eigentlich von dir nervös machen?“, meinte Lily, und das riss ihn aus seinen Grübeleien. „Ich weiß doch, dass du nur Spaß machst.“

„Und wenn nicht?“

Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. „Netter Versuch, aber das funktioniert nicht noch mal.“

„Es war den Versuch aber wert. Du errötest so bezaubernd, wenn du verlegen bist.“

Kopfschüttelnd blickte sie beiseite.

Jacques grinste. „Das macht wirklich Spaß.“

„Dir vielleicht. Was hat Caitlyn eben noch zu dir gesagt?“, wollte sie wissen.

„Sie hat mir aufgetragen, mit dir behutsam umzugehen.“

Lily nickte, während sie auf etwas hinter ihm blickte. Dann kam sie näher, und ein Dufthauch von Sommerblumen und Zitrone umwehte ihn. Es war eine betörende Kombination, und sein Körper reagierte entsprechend. Natürlich nur auf den Duft! Auf nichts sonst.

„Unser Plan funktioniert“, informierte sie ihn leise. „Kyle kümmert sich kaum noch um seine …“

„Begleitung“, schlug Jacques vor und strich Lily eine Locke hinters Ohr.

„Sicher, lass es uns so formulieren.“ Sie blickte durch ihre langen, dichten Wimpern zu ihm auf.

Die Reaktion seines Körpers war fast schmerzlich intensiv.

„Warum muss ich mit dir behutsam umgehen?“, fragte Jacques, weil er es plötzlich unbedingt wissen wollte.

„Das brauchst du gar nicht“, flüsterte sie.

Die Luft zwischen ihnen schien plötzlich wie elektrisch aufgeladen.

„Ganz sicher nicht, Lily?“

„Sicher. Ich bin es leid, dass alle mich behandeln, als wäre ich aus Glas. Na gut, mein Verlobter hat mich betrogen, und ich war …“ Sie sprach nicht weiter. Kurz wirkte sie verletzlich, dann blitzten ihre Augen kampfeslustig auf. „Du brauchst mich nicht so rücksichtsvoll zu behandeln, als wäre ich aus Porzellan. Behandele mich so wie jede andere Frau.“

3. KAPITEL

Als Jacques den Blick auf ihre Lippen senkte, wurde Lily bewusst, wie ihre Aufforderung geklungen hatte. Unter anderen Umständen hätte sie sich geschämt, aber jetzt wollte sie, dass er die Mehrdeutigkeit ausnutzte …

„Ich würde nicht deinen Freund spielen, wenn du eine andere Frau wärst“, erklärte er und riss sie aus ihren Gedanken.

„Warum tust du es dann für mich?“

„Abgesehen davon, dass du mich auf der Treppe dazu gezwungen hast?“, fragte er.

Sie nickte und spürte, wie sie rot wurde.

„Na ja, zuerst konnte ich mir nichts Besseres vorstellen, als Kyle Van der Rosse zu ärgern, damit diese Party für ihn richtig ungemütlich wird. Jetzt will ich ihn eifersüchtig machen.“

Ihr wurde plötzlich klar, wie nah sie beieinander standen, und sie wollte einen Schritt zurückweichen, aber Jacques legte ihr die Hand auf den Rücken.

„Warum eifersüchtig machen?“, fragte Lily stockend.

Ein Mann wie Jacques wäre niemals an ihr interessiert. Und sie sollte sich nicht mit jemandem einlassen, der eine Gefahr für ihr hart erarbeitetes Selbstwertgefühl bedeuten konnte. Für das sie immer noch kämpfte, wenn sie ehrlich war.

„Er hat dich betrogen, Lily, und nur verachtenswerte Männer tun das Frauen an, die sie zu lieben behaupten.“ Er sah finster aus. „Außerdem helfe ich dir gern, und zwar, weil ich dich mag.“

„Du kennst mich doch kaum“, erwiderte sie.

„Stimmt. Aber ich weiß, dass du den Mut hattest, einen Mann zu verlassen, der dich betrügt. Du bist so loyal, dass du zur Verlobungsfeier deiner Freundin kommst, obwohl du damit rechnen musst, dass dein Ex auch da sein wird. Du bist erfinderisch, denn ich kenne nicht viele Leute, denen es spontan einfallen würde, einen völlig Fremden als ihren Freund auszugeben. Außerdem bist du rücksichtsvoll genug, um deine Freunde über diese Komödie zu informieren, damit sie nicht in Verlegenheit geraten oder sich aufregen. Was gibt es noch über dich zu wissen?“

Er lächelte. Sie nicht. Seine Beschreibung sandte eine Hitzewelle durch ihren Körper. Sie war eher an harte Worte gewöhnt, an Leute, die ihr sagten, wie sie aussehen sollte, wie sie sein sollte. Dass sie viel besser sein könnte, als sie war.

Das hatte sie oft von ihren Eltern zu hören bekommen. Und von Kyle.

„Na gut, du weißt also einiges über mich, Jacques“, sagte Lily schließlich. „Wie wäre es, wenn du mir etwas über dich verrätst?“

„Klar.“ Er schob sie sanft ein bisschen nach links. „So kann Kyle dich besser sehen“, erklärte er.

Ihre Haut fühlte sich heiß an unter seiner Hand, und ihre Gedanken wanderten einen Augenblick lang. Plötzlich malte sie sich aus, wie es wäre, sich an Jacques zu schmiegen und ihn zu küssen, bis sie nicht mehr wusste, wer sie war.

Sie schüttelte den Kopf. Wer war sie denn jetzt? Diese Frau, die unangebrachte Gedanken über einen Mann hegte, den sie gerade erst kennengelernt hatte … Das war doch nicht sie, Lily Newman? So weit war sie mit ihren Fantasien noch nie gegangen, nicht einmal in ihren einsamsten Tagen.

Damals, als sie so übergewichtig gewesen war, hatte sie Aufmerksamkeit lieber gemieden. Nach dem Verlust etlicher Kilos hatte sie trotzdem weiterhin Situationen gescheut, in denen Männer sie hätten anflirten können.

In jener Nacht im letzten Jahr auf der Uni, als Caitlyn sie überredet hatte, mit ihr zusammen auszugehen, hatte sie Kyle getroffen. Er war der Erste gewesen, der sie wie eine Frau behandelte und nicht wie ein dickes Mädchen, das abgenommen hatte. Seine Aufmerksamkeit war schmeichelhaft gewesen und überwältigend. Sie hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt und war in seine – wesentlich glamourösere – Welt eingetaucht. Es war wie im Märchen von Aschenputtel gewesen.

Seine kritischen Bemerkungen über ihr Aussehen – mit ihrer Figur hatte er kein Problem, aber mit ihren Haaren, ihrem Gesicht, ihrer Kleidung – hatten ihr nicht viel ausgemacht, wenn er ihr mit einem einzigen Blick trotzdem das Gefühl geben konnte, dass sie die schönste Frau der Welt war.

Seine Vorschläge, wie sie sich benehmen, was sie sagen sollte, wie sie sich verbessern könnte, waren bedeutungslos geworden, wenn er sie zu exquisiten Abendessen ausführte und ihr teure Geschenke machte.

„Was willst du denn über mich wissen?“, fragte Jacques.

Das riss sie aus den düsteren Erinnerungen. „Wie bist du zu dieser Narbe gekommen?“

Er rieb mit dem Daumen darüber, und Lily hätte am liebsten dasselbe getan. Nein, ich darf mich nicht von seiner Anziehungskraft gefangen nehmen lassen! ermahnte sie sich.

„Durch eine Schlägerei.“

„Mit Kyle?“, hakte sie nach.

„Nein, der hat an dem bewussten Abend keinen Schlag bei mir landen können. Es gab auch andere Prügeleien“, erklärte Jacques, und seine Augen funkelten gefährlich.

Der Anblick war so sexy, dass Lily die Knie weich wurden. Was war denn bloß los mit ihr?

„Nächste Frage, Jacques: Was machst du beruflich?“

„Mir gehört eine Sportartikelfirma, samt einigen Läden, in denen Sportgeräte aller Art verkauft werden, zusätzlich erledigen wir Großaufträge und internationale Lieferungen. Du hast noch nie von Brookes Sporting gehört?“, erkundigte er sich.

„Kaum zu glauben, aber wahr.“

„Was für eine Bildungslücke!“ Er grinste.

„Diese Laufbahn hast du also gewählt, nachdem deine Karriere als Rugbyspieler vorbei war?“

Nach einer kurzen Pause fragte Jacques zurück: „Woher weißt du, dass ich Rugby gespielt habe?“

„Ich glaube, Nathan hat es mal erwähnt“, sagte sie ausweichend. Sie wollte nicht zugeben, dass sie es vorhin beim Lauschen erfahren hatte.

„Ach ja? Mein Bruder, der sowieso nicht davon ausgegangen ist, dass ich zu seiner Verlobungsparty komme, hat dir trotzdem von meiner Karriere erzählt?“

„Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ich die Matches mit dir früher oft im Fernsehen gesehen habe?“

„Nein.“ Kurz und bündig.

Lily seufzte. Sie musste ihm wohl oder übel die Wahrheit sagen. „Ich habe dein Gespräch vorhin belauscht. Tut mir ehrlich leid.“

Jacques überlegte. Sie hatte also den Vorschlag von Jade und Riley gehört, sein Problem mittels Heirat zu lösen. Das brachte seinen Plan, Lily dafür einzuspannen, ins Wanken.

„Ist Lauschen ein Hobby von dir?“, fragte er langsam.

„Ich wollte es doch nicht!“, verteidigte sie sich verlegen. „Ich war oben, weil ich gerade entdeckt hatte, wer auch da ist, nämlich …“

„Kyle und seine Neue?“, ergänzte Jacques.

Sie nickte. „Und als ich an dem Raum vorbeigekommen bin, in dem du warst, habe ich die Sache mit der Hochzeit gehört.“

Das weiß sie also, dachte er. Bestimmt wusste sie aber nicht, dass er sie dafür brauchte. Sonst hätte sie nicht zugestimmt, die Komödie weiterzuspielen und so zu tun, als wären sie beide ein Paar. Und ihm wäre die Gelegenheit entgangen, sich all den reichen und einflussreichen Leuten hier zu zeigen mit Lily als seiner „neuen Freundin“.

Sein Plan hatte weiter vorgesehen, mit ihr gemeinsam die Party zu verlassen und sie zu sich nach Hause einzuladen, um noch einen Kaffee zu trinken. Wirklich nur das, auch wenn die anderen Gäste anderes glauben sollten. Dann hätte er ihr vorgeschlagen, die Komödie noch eine Weile weiterzuspielen.

Da Lily aber Bescheid wusste, musste er jetzt schneller vorgehen.

„Wollen wir aufbrechen?“

Sie zog die Brauen hoch und errötete zart, was ihm so gut gefiel. „Zusammen?“

„Ja. Wir könnten noch eine Tasse Kaffee trinken.“

„Warum?“

„Ich mag dich, Lily“, sagte Jacques, und er meinte es ehrlich. „Und ich glaube, du möchtest jetzt nichts lieber, als von hier zu verschwinden.“

Ihre Miene hatte sich verändert, zeigte eine Spur von Unsicherheit. So als glaubte sie ihm nicht. Und jetzt wurde ihm bewusst, wie manipulativ sein Plan war. Natürlich würde es Lily nicht schaden, wenn sie mitmachte … Aber nutzen würde es ihr auch nicht. Es ging nur um seinen eigenen Nutzen.

Du hast ihr doch auch geholfen, erinnerte eine innere Stimme ihn.

Richtig! Er fühlte sich gleich besser.

„Du hast recht, ich will hier weg“, stimmte Lily zu. „Und als Dank für deine Hilfe spendiere ich dir gern einen Kaffee. Das ist doch das Mindeste!“

Sie zog Grenzen, ganz klar. Sie nahm sein Angebot nur an, weil sie ihm dankbar war. Das fand er nicht gut, aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken.

„Willst du denn auch schon weg?“, erkundigte sie sich nun.

„Nathan erwartet sicher nicht, dass ich mich noch länger hier herumtreibe“, meinte Jacques und achtete nicht auf sein schlechtes Gewissen, das sich meldete.

„Möchtest du dich von ihm verabschieden?“, fragte sie einfühlsam.

„Ich will ihn jetzt nicht stören.“ Er wunderte sich über ihr Mitgefühl, das er gar nicht wollte.

Sie sah ihn nur forschend an, dann nickte sie.

Jacques nahm sie bei der Hand und fragte sich, warum er bei ihr Zuneigung heucheln konnte, aber bei Frauen, die ihm wesentlich näherstanden, darum kämpfen musste, seine Gefühle auszudrücken. Da ihm jetzt allein schon vom Händchenhalten seltsam heiß war, wurde ihm bewusst, dass sein Plan Komplikationen nach sich ziehen könnte, an die er bisher nicht gedacht hatte.

Als er dann mit Lily durch die Menge ging, fand er allerdings, dass es die Komplikationen wert war, wenn ihm erst einmal der Shadows Rugby Club gehörte und er ihn in die erste Liga führen konnte. Das wäre die richtige Wiedergutmachung dafür, dass sein untragbares Verhalten das Team vor sieben Jahren seinen Platz in ebendieser Liga gekostet hatte.

Wenn er nicht zu streng mit sich war, konnte er sich damit herausreden, dass er damals in der Nacht der Meisterschaft aus Zorn gehandelte hatte. Aus Schmerz. In der Nacht hatte er auch seine Eltern zum letzten Mal gesehen … Sie waren der eigentliche Grund gewesen, warum er sich mit einem gegnerischen Spieler geprügelt hatte, der seine Beachtung gar nicht wert gewesen war.

Dieser Spieler hat nur leider genau dasselbe gesagt wie mein Vater vor dem Match, erinnerte Jacques sich widerstrebend.

„Du bist eine solche Enttäuschung.“

Das tat noch immer weh. Vielleicht würde er endlich zur Ruhe kommen, wenn der lächerliche Plan seiner PR-Leute aufging. Vielleicht konnte er dann seine Vergangenheit endgültig hinter sich lassen und sich der Zukunft widmen.

„Wohin möchtest du denn jetzt?“, erkundigte Lily sich, sobald sie aus dem Haus traten. „In ein bestimmtes Café oder Lokal?“

„Keine Angst, ich will dich nicht entführen“, versicherte Jacques ihr.

„Ich weiß. Außerdem fahre ich mit meinem eigenen Auto.“

Kluges Mädchen, lobte er sie im Stillen, obwohl er über ihre Entscheidung seltsam enttäuscht war.

„In meinem Büro ist man ziemlich ungestört“, begann er, doch sie sah ihn auf eine seltsame Art an. Also fügte er rasch hinzu: „Du bist völlig sicher bei mir, Lily. Ich verspreche, ich werde mich tadellos benehmen.“

Immerhin hängt meine Zukunft davon ab, fügte er im Stillen hinzu.

Lily schien sich das durch den Kopf gehen zu lassen. Dann schlug sie vor: „Lass uns den Kaffee lieber an einem neutralen Ort trinken. Ich wüsste da einen.“

4. KAPITEL

„Das nennst du neutral, Lily?“

Jacques stellte sich neben sie und wies auf das Schild über der gläsernen Ladentür mit dem Schriftzug „Lily’s“.

„Entspann dich“, konterte sie und versuchte, den Rat auch selbst zu beherzigen, denn ihr Herz pochte wie wild. „Wir holen uns hier nur den Kaffee und gehen dann damit an den Strand.“

„Normalerweise muss eine Frau mich zuerst zum Abendessen einladen, bevor ich mit ihr romantische Strandspaziergänge im Mondschein unternehme.“

Kurz war Lily wie gelähmt, dann gab sie rasch den Code für die Alarmanlage ein. Warum fiel ihr keine schlagfertige Erwiderung ein? Ihr kamen nur Entschuldigungen in den Sinn.

Du hättest wissen müssen, dass es mit deinem Selbstbewusstsein nicht weit her ist, spottete eine innere Stimme.

Richtig! Sie hatte den Abend bisher in einer Fantasiewelt verbracht, in der sie flirtete, als würde sie in einem schlankeren Körper stecken … Als besäße sie alle Selbstsicherheit der Welt. Als müsste sie sich nicht mit aller Kraft bemühen, sich selbst wertzuschätzen.

„Nett hier“, unterbrach Jacques ihr Grübeln. „Das ist ein Buchladen und ein Café?“

„Ja. Ich liebe Bücher, und ich liebe Kaffee, und ich kenne viele Leute, denen es genauso geht. Also dachte ich mir, es wäre schön, einen Ort zu haben, an dem man beides genießen kann. Und dann gibt es hier natürlich noch die Aussicht.“

Ihr war klar, dass sie plapperte. Aus Nervosität wegen Jacques’ Anwesenheit und weil sie immer defensiv wurde, wenn sie über ihren Laden sprach. Ihre Eltern hatten sie gedrängt, doch etwas Respektableres zu werden als bloß eine Buchhändlerin. Aber das war momentan egal, momentan hatte Lily drängendere Sorgen.

„Wie trinkst du deinen Kaffee?“, erkundigte sie sich bei Jacques.

„Schwarz ohne Zucker.“

Während sie die Getränke zubereitete, herrschte Stille.

„Du hast einen guten Geschmack“, meinte Jacques unvermittelt.

Lily verschüttete etwas Kaffee auf den Tresen. „Wie bitte?“

„Ich nehme an, du hast den Laden selbst eingerichtet?“

Sie nickte nur.

„Ja, das hier ist die perfekte Einrichtung für diesen Raum“, lobte Jacques.

Sie hatte sich für ein blau-weißes Farbschema entschieden, weil es so gut zum Meer passte, das man durch die Glastür bewundern konnte. Weiße Regale mit neuen und alten Büchern, Holztische und bequeme Stühle mit blauen Polstern – es war sehr anheimelnd. Und sehr teuer in der Anschaffung gewesen.

Das machte ihr vor allem dann Sorgen, wenn sie ihre Abrechnungen machte und unter dem Strich nur rote Zahlen standen.

„Danke für das Kompliment.“ Sie reichte Jacques den Kaffee in einem Styroporbecher zum Mitnehmen. „Wir müssen den Spaziergang nicht machen. Ich dachte nur, es wäre schön und …“

„Lily, ich hab eben doch nur Spaß gemacht“, unterbrach er sie und lächelte. Dann hob er mit dem Zeigefinger ihr Kinn an. „Weißt du, ich mache das gern, weil du dann so nett rot wirst.“

„Ach richtig, das sind genau die Momente, in denen ich mich nicht von dir aus der Ruhe bringen lassen sollte“, konterte sie und trat einen Schritt zurück.

„Wenn du meinst.“ Er zuckte die Achseln.

„Wollen wir jetzt an den Strand gehen?“, schlug sie vor, und er nickte.

Kurz darauf gingen sie barfuß durch den Sand, die Schuhe in der Hand. Wellen brandeten ans Ufer, und das Licht des Vollmonds zeichnete glitzernde Spuren aufs dunkle Wasser.

„Schön ist es hier“, meinte Jacques und blickte zum Horizont.

„Ja, das finde ich auch. Als Kind war ich mal zum Urlaub in Johannesburg. Danach habe ich mich geweigert, noch einmal dahin zu fahren, weil es keinen Strand gab. Ich brauche das Meer, wie ich gemerkt habe. Ein Strand hat etwas, das …“

„Dich beruhigt?“, warf Jacques ein.

„Richtig. Geht es dir auch so?“

Er lachte freudlos. „Da hätten unsere Eltern uns erst mal auf Reisen mitnehmen müssen. Also nein, so etwas habe ich nie erlebt.“

Das überraschte sie, und am liebsten hätte sie ihn näher dazu befragt, aber er lief ein paar Schritte weiter, warf seinen Kaffeebecher in einen Papierkorb und kletterte auf einen Felsen.

„Komm hoch“, forderte Jacques sie auf, als sie bei ihm war.

„In dem Kleid? Nein, danke“, wehrte sie ab.

Er sprang herunter, nahm ihr den Becher ab und warf ihn, noch halb voll, ebenfalls in den Papierkorb. „Das ist doch ein guter Platz, um sich zu unterhalten.“

„Und wie soll ich da raufkommen?“

„Ganz einfach: so.“ Er hob sie hoch.

„Nein, nicht, ich bin doch viel zu schwer!“, protestierte sie atemlos.

Doch da stand sie auch schon auf dem glatten kühlen Felsen.

Kurz darauf war Jacques neben ihr. „Hast du gerade behauptet, du wärst zu schwer?“

Er war nicht einmal außer Atem. Entweder hatte sie ihr Gewicht überschätzt oder seine Kraft unterschätzt. Da Ersteres nicht infrage kam, blieb nur die zweite Vermutung.

„Na ja, also …“

„Du hältst dich also für zu schwer?“ Er ließ nicht locker.

„Ich … also … Kyle ist nun mal nicht so stark wie du“, meinte sie ziemlich lahm.

Jacques sagte darauf nichts, sondern nahm sie bei der Hand und setzte sich, wobei er sie mit sich zog. Es durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag bei der flüchtigen Berührung, und sie zog rasch die Hand weg.

„Danke, dass du mit mir Kaffee getrunken hast, aber vor allem wollte ich mit dir ungestört reden, weil …“ Er atmete durch, und sie wurde ein bisschen nervös. „Weil ich gehofft habe, du würdest etwas mehr tun, als nur mit mir Kaffee zu trinken“, beendete er den Satz.

„Was willst du?“, fragte sie steif.

Dachtest du, er wäre nett zu dir, weil er dich mag? spottete eine innere Stimme.

„Was wir eigentlich schon gemacht haben“, erklärte Jacques. „Dass du so tust, als wärst du meine Freundin.“

5. KAPITEL

So gesagt klingt es albern, gestand Jacques sich ein.

Das entspannte Miteinander zwischen ihm und Lily hatte sich plötzlich verflüchtigt.

„Nur deine Freundin?“, hakte Lily nach.

„Ja! Wir haben doch Kyle schon ganz gut überzeugt, oder? Ein paar mehr Leute würden nicht schaden.“

„Ich denke, ‚ein paar mehr‘ ist nicht ganz die richtige Anzahl, oder?“, meinte sie scharfsinnig.

Woher wusste sie das?

„Na schön, es sind mehr. Aber du wirst nicht selber im Fernsehen auftreten müssen“, antwortete Jacques. „Die Leute im Studio sollen nur wissen, dass es dich gibt, damit es glaubwürdig klingt, wenn ich dich auf Sendung erwähne.“

„Wovon redest du überhaupt?“

„Von ‚Morgenkaffee‘, der Fernsehshow zur Frühstückszeit. Da habe ich morgen ein Interview.“ Plötzlich merkte er, dass sie nicht von derselben Sache sprachen. „Wovon redest du denn, Lily?“

„Ich habe doch schon gesagt, dass ich dein Gespräch mit den PR-Beratern gehört habe“, erklärte sie. „Demnach brauchst du eine Ehefrau. Eine, die dein Ansehen in der Öffentlichkeit aufpoliert, damit du ein Geschäft durchziehen kannst.“

„Moment mal! Stopp!“ Er atmete tief durch. „Du kannst doch keine Vermutungen anstellen anhand von Sachen, die du bei einem Privatgespräch belauscht hast, ohne den ganzen Zusammenhang zu kennen.“

Lily wurde rot. „Tut mir leid, dass ich gelauscht habe, aber ich kann nicht deine Frau werden.“

„Ich bitte dich doch gar nicht, mich zu heiraten!“

„Was willst du denn dann von mir, Jacques?“

„Nur, dass du so tust, als wärst du meine Freundin. Hast du beim Lauschen nicht auch gehört, dass ich nicht wirklich Lust habe zu heiraten, nur damit die Öffentlichkeit mich wieder mag? Na also! Du hast mich aber auf die Idee gebracht, dass es auch mit einer netten, respektablen Freundin klappen könnte.“

„Und deshalb wolltest du mit mir Kaffee trinken?“

„Das ist doch nicht zu viel verlangt als Gegenleistung dafür, dass ich Kyle gegenüber deinen Liebsten gemimt habe“, konterte er.

Er fühlte sich, obwohl es gar nicht nötig war, plötzlich schlecht wegen seines Vorschlags.

„Vielleicht hätte ich zugestimmt, wenn du mich direkt gefragt hättest“, meinte Lily. „Du hast aber nur vorgeschlagen, die Komödie noch ein bisschen länger zu spielen. Jetzt ist mir klar, dass du damit auf der Party testen wolltest, wie gut das funktioniert. Dir ging es nicht darum, Kyle zu ärgern. Und dann hast du mich zum Kaffeetrinken eingeladen. Du hast mich manipuliert“, schloss sie aufgebracht.

„Und du mich etwa nicht?“, gab er brüsk zurück.

Er hatte ein schlechtes Gewissen. Das Bild, das sie gerade von ihm gemalt hatte, erinnerte ihn zu sehr an seinen Vater.

„Richtig: ich dich nicht“, antwortete sie kühl. „Sobald ich die Gelegenheit hatte, habe ich dir gesagt, warum ich getan habe, was ich getan habe. Ich war ehrlich zu dir.“

Jacques zuckte die Schultern, als würden ihm ihre Worte nicht nahegehen. „Ich bin Geschäftsmann und weiß günstige Gelegenheiten zu nutzen.“

„Das ist keine günstige Gelegenheit“, erwiderte sie kalt. „Und ich bin kein Schnäppchen!“

„Natürlich nicht!“, versuchte er sie zu beschwichtigen.

„Dann behandele mich nicht wie eins!“

„Du hast recht, Lily! Entschuldige bitte. Es tut mir leid, wie ich diese Sache angegangen bin.“

Ihr Blick verriet, dass sie den Worten nicht völlig traute. Außerdem wirkte sie verletzt, versuchte aber verzweifelt, ihren Schutzwall aufrechtzuerhalten.

Jacques spürte erneut Schuldgefühle. Ja, er hatte sie manipuliert. Damit kannte er sich aus, denn er hatte schon als Kind oft genug miterlebt, wie sein Vater seine Mutter manipulierte. Wie er sie glauben machte, dass es normal wäre, den Kindern zu sagen, sie wären Enttäuschungen, Versager. Dass es akzeptabel wäre, sie ohne die Liebe und den Rückhalt aufzuziehen, die man von Eltern erwartete.

Und seine Mutter – so verzweifelt verliebt in de...

Autor

Angela Bissell
Mehr erfahren
Sophie Pembroke

Seit Sophie Pembroke während ihres Studiums der englischen Literatur an der Lancaster University ihren ersten Roman von Mills & Boon las, liebte sie Liebesromane und träumte davon, Schriftstellerin zu werden. Und ihr Traum wurde wahr! Heute schreibt sie hauptberuflich Liebesromane. Sophie, die in Abu Dhabi geboren wurde, wuchs in Wales...

Mehr erfahren

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.