Julia Saison Band 27

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SINNLICHE RACHE AUS LEIDENSCHAFT von ROSS, KATHRYN
Seine Traumfrau hat ihn betrogen? Nach allem, was zwischen ihnen war? Damon Cyrenci kann es nicht fassen: Allem Anschein nach wollte die hübsche Abigail nur an sein Vermögen! Außer sich vor wütender Leidenschaft sinnt der reiche Sizilianer auf Rache …

LIEBE ODER LÜGE? von DUNLOP, BARBARA
Ein intimes Dinner, tiefe Blicke, ein heißer Kuss am Pool - Jenna ist hingerissen von dem charmanten Tyler Reeves, der ihr Herz im Sturm erobert. In dieser wunderbaren Nacht erfüllt er ihr alle sinnlichen Wünsche - doch am Morgen serviert er sie eiskalt ab …

WENN DU MICH SO BERÜHRST ... von KENNER, JULIE
Gleich ihr erster Auftrag stellt die schöne FBI-Agentin Tori vor ein aufregendes Problem: Getarnt als Ehepaar sollen sie und ihr Kollege Carter in einem Ferienresort eine Erpressung aufdecken. Aber Carter spielt seine Rolle schon in der ersten Nacht allzu überzeugend …


  • Erscheinungstag 04.09.2015
  • Bandnummer 0027
  • ISBN / Artikelnummer 9783733705572
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kathryn Ross, Barbara Dunlop, Julie Kenner

JULIA SAISON BAND 27

PROLOG

Rache war ein hässliches Wort. Damon Cyrenci zog eine sachlichere Bezeichnung vor: Er hatte ein gutes Geschäft gewittert und es abgeschlossen.

Es kam weniger darauf an, dass er schon vor längerer Zeit ein Auge auf die Firma Newland geworfen hatte und mit deren Erwerb hochzufrieden war, als darauf, dass John Newland bald keine Handhabe mehr gegen seine Gegner haben würde.

Vom Rücksitz seiner Limousine, die auf dem Strip unterwegs war, beobachtete Damon, wie der Sonnenuntergang die Skyline von Las Vegas in Rosaschattierungen tauchte. In dieser Stadt hatte sein Vater alles verloren und Damon sich Hals über Kopf verliebt. Es war also nur recht und billig, dass er sich hier auch zurückholte, was ihm zustand.

Die Fahrt führte am MGM Grand, Caesars Palace und New York, New York vorbei. Statt von der Sonne wurde die Wüste nun von grell glitzernden Lampen und Leuchtreklamen beleuchtet.

Der Chauffeur hielt vor der beeindruckenden Fassade des Newland-Firmengebäudes. Damon genoss diesen Moment. Nun war er fast am Ziel. In wenigen Minuten würde er John Newland gegenüberstehen und ihn genau dort haben, wo er ihn haben wollte.

Flüchtig dachte er an ihre letzte Begegnung, die so ganz anders gewesen war.

Vor zweieinhalb Jahren hatte John alle Trümpfe in der Hand gehalten und Damons Bitte abgelehnt, der Firma seines Vaters eine Galgenfrist einzuräumen.

Eine Woche – länger hätte Damon nicht gebraucht, die nötigen Gelder aufzubringen, um alles zu retten. Doch Newland blieb unnachgiebig. „Ich bin kein Wohltätigkeitsverein, Cyrenci, sondern Geschäftsmann. Ihr Vater muss seinen Verpflichtungen umgehend nachkommen und mir seinen Besitz überschreiben. Allerdings …“ Er dachte einen Moment lang nach. „Ihr Familiensitz in Sizilien ist ja auch Firmeneigentum. Er kann in Ihrem Besitz bleiben – unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Sie verlassen meine Tochter und sehen sie nie wieder.“

Noch heute empfand er unbändige Wut, wenn er daran dachte. Nur mit Mühe hatte er sie sich damals nicht anmerken lassen und kurz angebunden geantwortet: „Ich denke gar nicht daran.“

John Newland hatte abfällig gelacht. „Offensichtlich ist es Abbie tatsächlich gelungen, Sie an der Nase herumzuführen. Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, Cyrenci. Meine Tochter ist an ein Leben im Luxus gewöhnt. Und das können Sie ihr nach dem Verlust des Familienunternehmens nicht mehr bieten. Sie lässt Sie fallen wie eine heiße Kartoffel.“

„Das Risiko gehe ich ein.“

„Wie Sie wollen.“ Desinteressiert zuckte Newland die Schultern. „Aber Sie müssen wissen, dass Abbie nur mir zuliebe mit Ihnen angebandelt hat. Ich wollte vermeiden, dass Sie mir in die Quere kommen, und Abbie war die perfekte Ablenkung. Bilden Sie sich wirklich ein, Ihr gemeinsames Wochenende in Palm Springs sei ein spontaner Einfall gewesen? Nein, ich hatte das alles sorgfältig geplant. Abbie wusste, dass ich ungestört mit Ihrem Vater verhandeln wollte, und war nur zu gern bereit, Sie abzulenken. Für Geld tut sie so ziemlich alles. Da Sie ja nun keins mehr haben, wird sie bald das Weite suchen.“

Leider hatte John Newland zur Abwechslung mal die Wahrheit gesagt. Abbie erwies sich als genauso kaltherzig und geldgierig wie ihr Vater.

Der Chauffeur, der ihm höflich den Schlag öffnete, weckte Damon aus seinem Tagtraum. Heiße Wüstenluft drang ins Wageninnere.

Damon stieg aus. Diese Episode war ihm eine Lehre gewesen. Er hatte sich schnell gefangen und mit wilder Entschlossenheit daran gearbeitet, dass sich das Blatt wieder wendete.

Schnellen Schrittes erklomm er die Stufen zum klimatisierten Foyer. Der palastartige Eingang des Newland-Casinohotels mit goldfarbener Decke und Buntglasfenstern erinnerte an ein Kirchenschiff. Diese Illusion wurde allerdings vom Rattern der Spielautomaten zunichtegemacht.

Damon begab sich direkt zu den Fahrstühlen. Er kannte den Weg zum Sitzungssaal und steuerte selbstbewusst darauf zu. Auf diesen Moment hatte er sich lange gefreut.

John Newland saß allein am Kopf des langen, auf Hochglanz polierten Konferenztisches. In der gedämpften Beleuchtung lag sein Gesicht im Schatten. Im Hintergrund hatte man einen Panoramablick auf Vegas, das wie eine Discokugel glitzerte. Doch Damon interessierte sich nicht für die Aussicht.

„Ich nehme an, dass Sie mich schon erwartet haben.“ Leise machte er die Tür hinter sich zu.

Schweigen.

Damon kam näher, bis er den Mann deutlich vor sich sah: dichtes graues Haar, feindseliger Blick. Bei ihrer letzten Begegnung hatten die Augen noch triumphierend gefunkelt. Jetzt wirkte sein Widersacher angespannt.

Kaum zu glauben, dass dieser Mann Abigails Vater war.

Damon erinnerte sich noch genau an die erste Begegnung mit Abbie. Sie zog ihre Bahnen im Hotelpool, und er hatte beobachtet, wie sie sich schließlich aus dem Becken zog. Wassertropfen schimmerten wie Silberperlen auf ihrem sonnengebräunten Körper. Sie trug nur einen winzigen Bikini, der ihre Traumfigur besonders gut zur Geltung brachte. Er dachte an ihre großen blauen Augen, die sinnlichen Lippen …

Wie sehr er sie begehrt hatte!

Bei der Erinnerung wurde ihm heiß vor Verlangen.

„Sie kommen zu früh, Cyrenci. Die Vorstandssitzung beginnt erst in einer halben Stunde.“

John Newlands harsche Worte brachten Damon zurück in die Gegenwart. Mit Abbie würde er sich später beschäftigen.

„Wir wissen beide, dass die Sitzung lediglich eine Formsache ist, Newland.“ Damon legte seine Aktenkoffer auf den Tisch und ließ die Schlösser aufschnappen. „Sie haben verloren.“

John Newland wurde bleich. „Hören Sie, Damon, wir hatten unsere Differenzen. Aber ich hoffe, dass wir die hinter uns lassen können und zu einer Vereinbarung in beiderseitigem Interesse kommen.“ Sein Tonfall klang verzweifelt. „Ich habe mit einigen Vorstandsmitgliedern gesprochen …“

„Es ist vorbei.“ Kühl schnitt Damon ihm das Wort ab. „Es wäre besser für Sie, das zu akzeptieren.“

„Aber Sie könnten mir helfen, wenn Sie nur wollten.“

Der Mann beliebte wohl zu scherzen. Damon musterte ihn ungläubig. „Warum sollte ich? Um es mit ihren eigenen Worten auszudrücken, Newland: Ich bin Geschäftsmann, kein Wohltäter.“

„Ich habe noch das eine oder andere Ass im Ärmel.“

„Ach ja?“ Damon hörte gar nicht zu. Er überflog einige Dokumente. All diese Vermögenswerte gehörten nun ihm. John Newland konnte gar keine Asse im Ärmel haben, denn er, Damon, hielt sie alle in der Hand.

„Wenn ich mich recht entsinne, waren Sie mal hinter meiner Tochter her …“

Der Mann verstummte, als er Damons eisigen Blick auffing, fing sich jedoch gleich wieder.

„Sie haben sie so begehrt, dass Sie bereit waren, ihretwegen auf Ihren Familiensitz zu verzichten“, gab John zu bedenken.

„Wir machen alle mal einen Fehler.“

„Sie hat letzte Woche ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, und sie ist schöner denn je. Übrigens war Lady Annabel Redford ihre Mutter. Abbie hat gute Beziehungen in England, die Ihnen nützlich sein könnten.“

„Das interessiert mich nicht.“

„Sollte es aber. Ich brauche sie nur zu bitten, dann …“

„Für ihren Daddy tut sie noch immer alles, oder?“, fragte Damon in scharfem Tonfall.

„Ich übe immer noch einen gewissen Einfluss aus, ja.“

„Träumen Sie weiter.“ Damon legte ihm die Aufstellung der Vermögenswerte vor und zeigte auf eine Position. „Hier lebt sie jetzt, oder? Gestüt Redford auf St. Lucia.“

Wortlos blickte John Newland auf die Aufstellung.

„Bilden Sie sich wirklich ein, dass Abbie Ihnen noch helfen wird, wenn sie erfährt, dass sie ihr Luxusleben und ihr Zuhause aufgeben muss?“

Irritiert begann Newland mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln.

Keine Antwort ist auch eine Antwort, dachte Damon. „Das habe ich mir gedacht. Sie haben nichts mehr zu bieten. Aber ich werde mir meinen neuen Besitz genau ansehen. Bereits morgen fliege ich nach St. Lucia. Möchten Sie, dass ich Ihrer Tochter etwas von Ihnen ausrichte?“

Nach kurzer Überlegung blickte John auf. „Nein, aber bestellen Sie Ihrem Sohn bitte schöne Grüße von seinem Granddad.“

Zufrieden beobachtete John Newland, wie Damon Cyrenci schockiert zusammenzuckte.

1. KAPITEL

Ein Hurrikan der Kategorie 3 raste auf St. Lucia zu. Michael gewann auf dem Ozean an Stärke. Die Meteorologen hatten eine Warnung herausgegeben und erwarteten, dass der schwere Hurrikan innerhalb der kommenden vierundzwanzig Stunden die karibische Insel erfassen würde.

Bislang war noch alles ruhig. Über den Regenwäldern ging die Sonne unter. Nicht einmal die Spur eines Windhauchs brachte die Wedel der Palmen zum Rascheln, die vor langer Zeit rund um das Gestüt gepflanzt worden waren.

Abbie wusste allerdings aus Erfahrung, dass dies die Ruhe vor dem Sturm war. Im vergangenen Jahr hatte ein tropischer Wirbelsturm ihr Haus abgedeckt und fast das Gestüt vernichtet. Der Wiederaufbau hatte Zeit und viel Geld gekostet. Noch immer hatte sie mit den finanziellen Folgen zu kämpfen. Ein weiterer Hurrikan würde ihr das Genick brechen.

Also hatte sie den Nachmittag damit zugebracht, alles zu vernageln und zu befestigen und war noch immer damit beschäftigt, schweres Gerät in die Lagerräume zu schaffen.

„Dein Vater hat schon wieder angerufen, Abbie“, rief Jess ihr zu, als sie das Haus verließ. „Er hat auf den Anrufbeantworter gesprochen.“

„Danke, Jess.“ Geistesabwesend strich Abbie sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Sie hatte ihrem Vater nichts zu sagen, und es interessierte sie auch nicht, was er wollte. Allerdings fand sie es seltsam, dass er wieder Kontakt aufgenommen hatte.

Sie verstaute das Werkzeug und erklomm die Veranda. Jess hatte Mario auf dem Arm. Als der Kleine seine Mutter erblickte, strahlte er und streckte die Ärmchen nach ihr aus.

Lächelnd nahm sie ihn auf den Arm und küsste ihn zärtlich. Mario war jetzt einundzwanzig Monate alt und wurde immer niedlicher. Für ihn allein lohnte sich jede Anstrengung in Abbies Leben.

„Wenn du willst, kannst du jetzt gehen, Jess. Du hast doch heute Abend eine Verabredung, oder?“, fragte sie und herzte ihren Sohn.

„Ja, bist du sicher, dass du mich nicht mehr brauchst?“

„Klar. Geh nur, und amüsier dich schön.“

Abbie sah zu, wie das junge Mädchen in den Geländewagen stieg. Mit ihren achtzehn Jahren war Jess ihre jüngste Angestellte, und diejenige, die am härtesten arbeitete. Sie war ausgebildete Erzieherin, eine hervorragende Reiterin und erledigte vielfältige Aufgaben auf dem Gestüt. Ohne Jess würde ich gar nicht zurechtkommen, dachte Abbie und winkte ihr nach.

Es wurde jetzt schnell dunkel. Das Gestüt lag an einer einsamen Straße, die zur Bucht führte. Das nächste Haus war mehrere Kilometer entfernt, und nur selten verirrte sich ein Auto in diesen abgelegenen Winkel der Insel. Normalerweise machte Abbie die Einsamkeit nichts aus, doch als sie jetzt dem Geländewagen nachsah, wurde ihr bewusst, wie isoliert sie hier war.

Wahrscheinlich macht mich der herannahende Sturm nervös, dachte sie und verschwand mit Mario im Haus.

Ihr erster Blick fiel auf den Anrufbeantworter. Zehn neue Nachrichten! Die können warten, dachte sie und brachte zunächst Mario ins Bett.

Der Kleine kuschelte sich in die Kissen. Abbie setzte das Klangmobile in Bewegung, wartete, bis ihr Sohn eingeschlafen war, und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer.

Nachdem sie im Badezimmer gegenüber geduscht hatte, schlüpfte sie in einen Seidenmorgenmantel und kehrte nach unten ins Wohnzimmer zurück. Sie war gerade dabei, sich einen Drink einzuschenken, als erneut das Telefon klingelte und der Anrufbeantworter sich einschaltete.

„Wo zum Teufel steckst du, Abbie?“, fragte ihr Vater wütend. „Hast du meine Nachrichten erhalten? Melde dich! Es ist wichtig!“

Allein seine Stimme zu hören, machte sie nervös. Jahrelang war sie von ihm abhängig gewesen und hatte sich nicht getraut, sich ihm zu widersetzen.

Energisch zog Abbie den Morgenmantel enger um sich. Ihr Vater hatte ihr gar nichts mehr zu sagen und konnte ihr nicht mehr wehtun.

„Hörst du mich, Abigail?“

Wahrscheinlich wollte er, dass sie nach Vegas kam, um bei einer seiner Partys Gastgeberin zu spielen. Bei der Vorstellung lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Dieses Leben hatte sie vor zwei Jahren hinter sich gelassen. Wann kapierte er das endlich? Seine Erpressungsversuche zogen nicht mehr bei ihr.

Sie wollte gerade den Anrufbeantworter ausschalten, als ihr Vater einen Namen erwähnte, der ihr den Atem stocken ließ. Damon Cyrenci.

Verzweifelt hatte sie versucht, ihn zu vergessen. Hatte Tag und Nacht geschuftet, um nicht an ihn zu denken. Doch nachts träumte sie von ihm, spürte, wie er sie streichelte, küsste … und wachte tränenüberströmt auf.

„Ich habe alles verloren, Abigail. Alles! Nun gehören alle Vermögenswerte Damon Cyrenci. Auch das Gestüt. Es ist Teil des Firmenvermögens.“

Abigail horchte auf. Wie war das? Das Gestüt gehörte doch ihr, oder?

„Er ist auf dem Weg zu dir, um sich seinen Besitz anzusehen.“

Diese Worte trafen sie bis ins Mark. Damon kam her! Ihr Herz begann zu rasen, die Knie wurden ihr weich. Damon, die Liebe ihres Lebens, der Vater ihres Kindes, der einzige Mann, dem sie sich vollkommen hingegeben hatte. Tiefe Sehnsucht erfasste sie. Eine Sehnsucht, die sie so lange unterdrückt hatte.

Wie in Trance ging sie hinauf in ihr Schlafzimmer und setzte sich auf die Bettkante. Damon kommt her, dachte sie immer wieder.

Ob er sich verändert hatte? Was würde er zu ihr sagen? War er ihr noch immer böse? Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, dass er einen Sohn hatte?

Abbie barg den Kopf in den Händen und dachte an ihre erste Begegnung mit Damon. Beim Anblick des großen, athletischen Mannes wurde ihr heiß vor Verlangen, als sie aus dem Pool kletterte.

„Sie müssen Abbie Newland sein.“ Sein sexy Akzent hatte das Feuer erst recht entfacht.

Er war zehn Jahre älter als sie, Sizilianer, mit dichtem schwarzen Haar und dunklen Augen, mit denen er sie eindringlich anschaute. So einem blendend aussehenden Mann war sie noch nie begegnet. Er war einfach zum Anbeißen!

„Ich bin Damon Cyrenci. Ihr Vater hat mir gesagt, dass ich Sie hier finden würde.“

Enttäuschung mischte sich mit Begehren. Verflixt, das war der Mann, den sie bezirzen sollte! Der Befehl ihres Vaters hatte sie erzürnt, doch sie musste tun, was er sagte. Sie hatte sich fest vorgenommen, dem Mann die kalte Schulter zu zeigen und zu verschwinden. Ihrem Vater könnte sie dann wahrheitsgemäß berichten, dass der Mann sie nicht eingeladen hatte. Doch die Begegnung mit dem heißblütigen Sizilianer warf alle ihre schönen Pläne über den Haufen.

„Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“, fragte er und zeigte auf die im Schatten liegende Poolbar.

„Gern. Aber viel Zeit habe ich nicht.“

„Nein? Was haben Sie denn vor?“, fragte er amüsiert. Offensichtlich hielt er sie für ein Mädchen, das nur sein Vergnügen im Kopf hatte.

Eigentlich konnte sie ihm keinen Vorwurf machen. Auf Außenstehende mochte sie so wirken. Doch der Schein trog. Sie war in einem goldenen Käfig gefangen und musste tun, was ihr Vater von ihr verlangte. Aber das konnte sie diesem hinreißenden Mann wohl kaum auf die Nase binden.

Daher reagierte sie, wie es von ihr erwartet wurde. „Was soll eine verwöhnte Millionärstochter schon vorhaben?“, fragte sie ironisch. „Abgesehen von Sonnenbädern, Einkaufsbummeln und kosmetischen Behandlungen?“

Damon lächelte. „Klingt nach einem anstrengenden Leben.“

„Genau. Aber irgendjemand muss es ja führen.“ Ihr Tonfall war lässig, doch ihr Blick verriet, wie missvergnügt sie war.

Leise fragte Damon daher: „Wollen wir noch einmal von vorn anfangen?“ Er reichte ihr die Hand. „Ich bin Damon Cyrenci und führe hier Verkaufsverhandlungen. Mein Vater will seine Restaurantkette verkaufen.“

Zögernd schüttelte sie ihm die Hand. Was hat Vater vor? überlegte sie. Wieso sollte sie sich um diesen Mann kümmern?

„Abigail Newland.“ Als ihre Hände sich berührten, war es um Abbie geschehen. Schmetterlinge schienen in ihrem Bauch zu tanzen. Und dieses zärtlich-amüsierte Lächeln …

Sie aßen gemeinsam zu Abend, und Damon hatte sie heiß und leidenschaftlich geküsst.

Fünf gemeinsame Wochen waren ihnen vergönnt. Mit jedem Tag waren ihre Gefühle für ihn stärker geworden.

Als sie jetzt an die Gefühle dachte, die er in ihr entfesselte, ballte sie verzweifelt die Hände zu Fäusten. Doch es war nie zum Äußersten gekommen.

Damon war es nicht gewohnt, von einer Frau hingehalten zu werden, und bemühte sich nur noch intensiver um sie.

Abbie war ihm ins Netz gegangen, und irgendwann während der fünf kurzen Wochen hatte sie sich unsterblich in Damon Cyrenci verliebt.

Erschrocken zuckte sie zusammen, als erneut das Telefon klingelte. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein.

„Abbie, bitte nimm den Hörer ab!“

Wie benommen hörte sie zu. Seit dem Tod ihrer Mutter vor gut zwei Jahren hatte sie kein Wort mehr mit ihrem Vater gewechselt. Gleichgültig, was auf dem Spiel stand, sie konnte auch jetzt nicht mit ihm reden.

„Es geht um Rache, Abigail. Du stehst auch auf Cyrencis Liste. Er weiß, dass du am Untergang seines Vaters beteiligt warst. Aber ich weiß eine Lösung. Ich habe ihm von Mario erzählt. Natürlich war er schockiert und wütend. Aber der Junge ist unsere Trumpfkarte. Cyrenci hält also nicht alle Trümpfe in der Hand.“

Übelkeit überkam Abbie. Sie hasste ihren Vater, hasste seinen widerwärtigen Charakter.

Der Anrufbeantworter schaltete sich wieder aus. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie reglos auf der Bettkante gesessen hatte. Von weiteren Anrufen blieb sie verschont, doch die Worte ihres Vaters gingen ihr nicht aus dem Kopf.

Und dann hörte sie einen Wagen näherkommen.

Er will sich seinen Besitz ansehen.

Wer auch immer in dem Auto saß, war auf dem Weg zum Gestüt. Niemand verirrte sich grundlos hierher.

2. KAPITEL

Das durchdringende Schrillen der Türglocke ließ Abbie zusammenzucken. Einen Moment lang war sie wie erstarrt.

Stand Damon wirklich vor ihrer Tür? Wie oft hatte sie davon geträumt, dass er zu ihr käme, wenn er von seiner Vaterschaft erfahren würde. Wie sehr hoffte sie, er möge ihr verzeihen.

Doch die Realität sah wohl anders aus, wenn sie den Nachrichten ihres Vaters auf dem Anrufbeantworter Glauben schenkte.

Niemals würde Damon ihr verzeihen. Das war ihr seit ihrer letzten Begegnung mit ihm klar. Zornig hatte er ihr Vorwürfe über ihr Verhalten gemacht. Ihre verzweifelten Erklärungen hatte er geflissentlich überhört. Er war überzeugt von ihrer Mitschuld am Elend seines Vaters. Auf ihren Einwurf, sie wäre ebenso ein Opfer wie sein Vater, hatte er nur mit Verachtung reagiert.

„Du bildest dir doch wohl nicht ein, dass ich weiter auf deine Lügen hereinfalle. Für wie naiv hältst du mich eigentlich? Ich kann beweisen, was für ein verlogenes, hinterhältiges, falsches …“

„Hör mir bitte zu, Damon!“ Mit bebender Stimme flehte sie ihn an. „Du musst mir glauben. Ich wollte das alles nicht. Unsere gemeinsame Zeit war etwas Besonderes für mich, und ich …“

„Erspar uns das Schauspiel, Abbie!“ Sein Tonfall war schneidend. „Ich bin nur froh, dass ich nichts für dich empfinde. Für mich warst du lediglich ein Zeitvertreib. Es hat mir Spaß gemacht, mit dir zu schlafen. Das war alles.“

Eiskalt war sein Blick gewesen. Zum ersten Mal hatte Damon sein wahres Gesicht gezeigt. Sie war schockiert und verletzt. Und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Das schrille Läuten der Türglocke zerriss erneut die Stille der Nacht. Verzweifelt überlegte Abbie, was sie tun sollte.

Als die Tür noch immer nicht geöffnet wurde, wurde der Klingelknopf dauerhaft gedrückt. Der Lärm war ohrenbetäubend!

Das konnte nur Damon sein. Sie hatte völlig vergessen, wie entschlossen er war, seinen Willen zu bekommen.

Jetzt reißt er auch noch Mario aus dem Schlaf, dachte sie wütend, stand auf und ging die Treppe hinunter. Sie atmete tief durch und riss die Tür auf.

Obwohl sie damit gerechnet hatte, dass der nächtliche Besucher Damon Cyrenci war, stand sie wie unter Schock.

Schweigend nahm er den Finger von der Klingel und musterte Abbie – vom verwuselten blonden Lockenkopf bis zu den bloßen Füßen.

Genauso hatte er sie bei ihrer ersten Begegnung angesehen. Schon damals hatte sie ein Prickeln verspürt. An seiner blendenden Erscheinung hatte sich nichts geändert. Die silberfarbenen Fäden, die an den Schläfen das schwarze Haar durchzogen, ließen ihn noch distinguierter erscheinen.

Als sich ihre Blicke trafen, blieb Abbie fast das Herz stehen. Das Herz, das dieser unglaublich attraktive Mann ihr gestohlen hatte, dem es angeblich nur um Sex gegangen war. Ihm hatte es Spaß gemacht, sie zu verführen, und dann hatte er sie wieder verlassen.

Es war ein Fehler gewesen, sich in ihn zu verlieben. Sie hatte ihre Lektion gelernt und riss sich zusammen.

„Hallo Abigail. Lange nicht gesehen“, sagte Damon kühl mit diesem unwiderstehlichen Akzent.

„Was willst du hier, Damon?“, fragte sie – erstaunlich ruhig und gelassen.

„Was ist denn das für eine Begrüßung?“ Er lächelte spöttisch. „Willst du mich nicht hineinbitten?“

Insgeheim sehnte sie sich danach, doch da sie seinem Verhalten entnehmen konnte, dass er seine Meinung über sie noch immer nicht geändert hatte, sah sie davon ab.

„Ich habe keine Zeit für deine Spielchen, Damon“, sagte sie schroff.

„Nein? Seltsam, früher warst du immer zu Spielchen bereit.“

Die Worte ihres Vaters fielen ihr ein: Es geht um Rache, Abigail. Sie war also die Nächste auf Damons Liste. Sie schluckte und hob dann herausfordernd das Kinn. „Du bist wohl kaum zufällig in der Gegend, Damon. Sag mir einfach, was du willst, und verschwinde dann wieder. Du wirst mir wohl verzeihen, dass ich dich nicht ins Haus bitte.“

„Nein, ich glaube nicht, dass ich dir verzeihen werde, Abbie.“

Die deutlichen Worte verletzten sie, und das wiederum machte sie wütend. Wieso konnte er ihr noch immer wehtun? Mit festem Griff klammerte sie sich an die Tür. „Egal, hier kommst du jedenfalls nicht herein.“

Damon schüttelte den Kopf. „Freundlich bist du ja nicht gerade. Dabei hat dein Vater mir versichert, du würdest mich freundlich empfangen.“

Was hatte ihr Vater zu ihm gesagt? „Ich habe keine Ahnung, was zwischen dir und meinem Vater gewesen ist. Aber ich habe gehört, dass du jetzt im Besitz des Newland-Imperiums bist. Von mir aus. Ich habe damit jedenfalls nichts zu tun.“

„Du irrst dich, Abbie. Das geht dich sehr wohl etwas an.“

Der eisige Tonfall ließ sie frösteln.

„Ich möchte, dass du jetzt gehst“, sagte sie mit leicht bebender Stimme.

„Das möchte ich aber nicht.“

„Du kommst mir nicht ins Haus.“ Entschlossen versuchte sie, die Tür zu schließen, doch Damon schob den Fuß in die Lücke.

„Okay, ich werde dir die Sache erklären“, sagte Damon ernst. „Wir haben etwas zu besprechen, und ich komme jetzt herein, ob du willst oder nicht.“

„Es ist spät, und du machst mir Angst.“

„Gut“, antwortete er kühl und unnachgiebig.

„Wenn du jetzt nicht sofort verschwindest, sehe ich mich gezwungen, die Polizei zu rufen“, drohte sie nervös.

„Das kannst du gern tun. Wenigstens würde das die Sache beschleunigen.“

„Was meinst du damit?“

„Die Rechtsfrage wäre dann schnell geklärt.“ Ungerührt beobachtete er, wie sie erbleichte. „Newland gehört jetzt mir. Und für dieses Anwesen hier wurde schon lange keine Miete mehr bezahlt.“

„Natürlich nicht! Schließlich gehört mir das Gestüt“, erklärte sie wütend.

„Nein, es gehört mir. Und ich möchte mir meinen Besitz jetzt ansehen.“

„So einfach ist das nicht. Du musst dich schon an meinen Anwalt wenden.“

Damon lächelte. „Keine Sorge, das hatte ich sowieso vor. Ich will ja auch meinen Sohn sehen.“

Die Worte schlugen ein wie eine Bombe. Abbie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

„Wir können uns die Sache leicht machen. Aber ich kann auch eine härtere Gangart anschlagen“, sagte Damon in eisigem Tonfall. „Das liegt ganz bei dir.“

Schweigend ließ sie die Tür los, und Damon nutzte die Gelegenheit, ins Haus zu treten.

Dort ließ er den Blick über die braunen Ledersofas, das glänzende Parkett und den großen Kamin gleiten. Das Haus war elegant eingerichtet, entsprach jedoch nicht seinen Erwartungen. Das Mobiliar war alt und wirkte abgenutzt. Suchend sah Damon sich um, bis er entdeckt hatte, was ihn interessierte. Neben einem Sofa stand eine Spielzeugkiste, auf einem Stuhl saß ein Teddybär. Beim Anblick der Spielsachen stieg Wut in ihm auf.

„Wo ist er?“

Sein zorniger Blick machte Abbie Angst. Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

„Wo ist mein Sohn, Abbie? Sag es mir lieber gleich, ich finde ihn sowieso, und wenn ich das ganze Haus und die ganze Insel nach ihm absuchen muss.“

Diese wilde Entschlossenheit nahm ihr den Atem. Gleichzeitig erwachte ihr Mutterinstinkt. „Halt dich von ihm fern, Damon. Er gehört nicht zu deinen Vermögenswerten. Er ist ein kleiner Junge, und ich werde es nicht zulassen, dass du ihn verstörst.“

„Findest du nicht, dass er ein Recht auf seinen Vater hat?“

Diese Frage hatte sie sich selbst immer wieder gestellt, seit sie von ihrer Schwangerschaft gewusst hatte. Natürlich hatte Mario ein Recht auf einen liebevollen Vater, der sich um ihn kümmerte. Doch Damon hatte sie verlassen, bevor sie bemerkt hatte, dass sie schwanger war. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn erreichen konnte. Alle Nachforschungen nach seinem Aufenthaltsort waren ergebnislos geblieben. Sie hatte sich damit getröstet, dass er sich vermutlich sowieso nicht für sein Kind interessieren würde. Damon war ein Playboy. So hatte er sich selbst bezeichnet, als sie sich kennengelernt hatten. Und ein Playboy hat keine Zeit für Kinder.

Doch als sie in seinen Armen gelegen hatte, hatte sie sich eingebildet, sie würde ihm etwas bedeuten. Inzwischen wusste sie, dass sie sich etwas vorgemacht hatte.

Das tat noch immer weh. Am liebsten hätte sie behauptet, der Kleine wäre nicht sein Sohn, sondern hätte einen wundervollen, liebenden Vater, der auch sie liebte. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken.

Sie konnte und wollte nicht lügen.

„Natürlich ist es wichtig, einen Vater zu haben“, sagte sie daher mit bebender Stimme.

„Aha. Deswegen hast du mich natürlich auch gleich über deine Schwangerschaft informiert.“ Damon lächelte sarkastisch.

„Hättest du dich denn auf ein Familienleben eingelassen? Wohl kaum. Wir hatten einige Wochen lang heißen Sex. Es war völlig bedeutungslos. Das hast du selbst gesagt.“ Verletzt wandte sie den Blick ab. Dann schluckte sie die Tränen hinunter und erklärte: „Das ist ja jetzt auch unerheblich. Ich habe erst bemerkt, dass ich schwanger bin, als du mich schon lange verlassen hattest. Ich wusste nicht, wie ich dich erreichen soll. Du hattest mir keine Adresse oder Telefonnummer da gelassen.“

„Das sind doch alles Ausflüchte.“ Verärgert schüttelte er den Kopf. „Du hast es mir nicht gesagt, weil du finanziell von deinem Vater abhängig warst und mich für mittellos gehalten hast.“

„Das ist nicht wahr!“

„Natürlich ist es das. Du hast wohl vergessen, dass ich über dich Bescheid weiß, Abbie.“ Voller Verachtung musterte er sie. Unter dem Seidenmorgenmantel zeichnete sich ihre sensationelle Figur ab. Ihre Schönheit brachte ihn fast um den Verstand – noch immer. Er brauchte Abbie nur anzuschauen, schon erinnerte er sich genau, wie sie sich anfühlte, wie sie schmeckte, wie sie sich unter ihm bewegt hatte.

Er war verrückt nach ihr gewesen, aber damals wusste er über sie ja auch noch nicht Bescheid.

Die Entschuldigung hatte er jetzt nicht mehr. Ungehalten musste Damon feststellen, dass er Abbie noch immer begehrte.

„Wir verschwenden hier nur unsere Zeit“, stieß er hervor – wütend auf sich selbst. Dann wandte er sich ab und ging zielstrebig zur Treppe.

„Du kannst da nicht hinauf.“ Verzweifelt versuchte sie, ihn aufzuhalten, doch er schob sie einfach zur Seite und setzte seinen Weg fort.

„Du hast kein Recht dazu, Damon!“, rief sie mit tränenerstickter Stimme.

„Als der Vater des Kindes habe ich sogar einige Rechte.“

Hilflos sah sie ihm nach. Sie kam einfach nicht gegen ihn an!

Als sie ihm in die erste Etage folgte, und er begann, eine Tür nach der anderen zu öffnen, flehte sie: „Hör bitte auf.“

Damon drehte sich um und musterte sie. „Spar dir deine Krokodilstränen! Darauf falle ich nicht mehr herein. Es ist mir völlig egal, wie du dich fühlst.“

„Ich weiß“, sagte sie leise. „Ich habe es immer gewusst.“

Irgendetwas in ihrem Tonfall ließ Damon aufhorchen. Längst vergessene Emotionen wurden wieder wach, als er in ihre traurigen blauen Augen blickte. Er erinnerte sich an die erste gemeinsame Nacht. Wie verletzlich Abbie ausgesehen hatte, als er ihr das Kleid aufknöpfte. Fast hatte es den Anschein, als hätte sie Angst vor ihren Gefühlen für ihn.

Die Erinnerung machte ihn wütend. Abbie Newland war die geborene Schauspielerin. Die Verletzlichkeit war nur gespielt gewesen. Die ganze Zeit hatte sie ihrem Vater zuliebe eine Rolle gespielt – und ganz nebenbei hatte sie auch etwas Spaß gehabt.

Sein Blick wurde hart. „Dann haben wir uns ja verstanden.“

„Ja“, sagte sie leise. „Aber du musst auch verstehen, dass mein Sohn der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Wenn du ihn verstörst, kannst du was erleben.“

„Dass mir deine Gefühle egal sind, muss ja nicht heißen, dass mir der Kleine auch gleichgültig ist.“

Eigentlich hätte diese Antwort sie beruhigen müssen, doch erneut fühlte sie sich verletzt. Entschlossen hielt sie Damons Blick stand und sagte ruhig: „Er ist in dem Zimmer da hinten am Ende des Flurs. Lass mich zuerst hineingehen, damit er sich nicht erschrickt, falls er wach ist. Schließlich kennt er dich nicht.“

Nach kurzer Überlegung gab Damon den Weg frei.

Widerstrebend setzte sie sich in Bewegung. Warum wollte Damon seinen Sohn sehen? An plötzlich erwachte Vatergefühle glaubte sie nicht. Vielleicht war er einfach neugierig. Wenn sie Glück hatte, wollte er nur einen Blick auf den Jungen werfen und würde sich dann wieder verabschieden, um sich um die für ihn wichtigen Dinge des Lebens zu kümmern: Rache, Geld, Macht … und natürlich Frauen.

Leise öffnete sie die Tür zum Kinderzimmer.

Erleichtert stellte sie fest, dass Mario fest schlief. Er lag auf dem Rücken, das Köpfchen seitwärts gedreht und wirkte wie ein kleiner Unschuldsengel. Die langen schwarzen Wimpern berührten die pfirsichzarte Babyhaut.

Mit einer Geste winkte sie Damon heran. „Aber nur fünf Minuten“, flüsterte sie.

„Du hast hier gar nichts mehr zu sagen, Abbie“, entgegnete er leise und ging zum Kinderbettchen.

Sosehr seine verletzenden Worte sie aufwühlten, umso mehr setzte ihr Damons Gesichtsausdruck zu, als er sein schlafendes Kind betrachtete.

Ganz offensichtlich war Damon nicht nur aus Neugier hergekommen. Das wurde ihr schlagartig klar.

Nach einem langen Blick auf seinen Sohn wandte Damon sich ab und verließ das Zimmer.

Abbie folgte ihm eilig. Was hat er vor? überlegte sie. Warum ist er wirklich hier?

Er hatte bereits die Treppe erreicht, als Abbie ihn einholte. „Und was hast du jetzt vor – nachdem du ihn gesehen hast?“, fragte sie atemlos.

Schweigend lief er die Stufen hinunter und ging aus dem Haus.

„Ich habe dich etwas gefragt, Damon“, rief sie und folgte ihm hinaus. „Bitte, Damon.“

Endlich verlangsamte er seinen Schritt und wandte sich um. „Schon besser.“ Ein gefährliches Glitzern lag in seinen Augen, als er sie anschaute. „Vielleicht kommen wir doch noch zu einer Lösung.“

„Ich weiß, dass wir uns wie zwei vernünftige Menschen unterhalten müssen“, sagte sie.

Ohne darauf zu reagieren, setzte er seinen Weg zum Wagen fort. Jetzt fährt er gleich los, dachte sie. Doch dann musste sie erstaunt feststellen, dass er eine Tasche aus dem Kofferraum holte und den Wagen wieder verschloss, bevor er mit großen Schritten zum Haus zurückkehrte.

„Was willst du mit der Tasche?“, fragte sie nervös.

„Ich nehme sie mit in mein Haus“, erklärte er. „Und dann werde ich etwas trinken und ins Bett gehen. Es war ein sehr langer Tag für mich, und ich bin müde.“

„Du kannst nicht hierbleiben.“

„Wieso nicht?“

„Weil … weil ich es nicht will.“

Er ging an ihr vorbei ins Haus. „Dein Problem.“

Die Tür fiel hinter ihm zu.

3. KAPITEL

Eine Schrecksekunde lang befürchtete Abbie, er würde hinter sich abschließen und sie einfach draußen stehen lassen – mitten in der Nacht. Doch dann stellte sie erleichtert fest, dass die Tür aufging, als sie die Klinke hinunterdrückte.

Beklommen und wütend zugleich sah sie sich suchend um. Damons Reisetasche stand am Fuß der Treppe, aus der Küche drangen Geräusche. Offensichtlich suchte er etwas.

Neugierig betrat sie die Küche und beobachtete, wie er sich ein Glas Wodka einschenkte. „Was tust du da?“

„Das siehst du doch.“ Spöttisch prostete er ihr zu.

Sie versuchte, ruhig zu bleiben, wenn es auch schwerfiel. „Du kannst hier nicht übernachten, Damon. Das wäre ungehörig.“

Er lachte nur abfällig. „Ungehörig? Was für ein Wort! Deine englische Internatserziehung hat offensichtlich Spuren hinterlassen. Wenigstens hast du gelernt, wie man Vornehmheit vorspiegelt.“

Diese Beleidigung überhörte sie geflissentlich. „Das bringt uns jetzt auch nicht weiter. Warum übernachtest du nicht im Hotel? Morgen früh, wenn wir uns wieder beruhigt haben, besprechen wir dann, wie es weitergehen soll.“

„Ich bin ganz ruhig“, behauptete Damon, trank einen Schluck und musterte Abbie über den Glasrand hinweg. „Es ist ein Uhr früh, ein schwerer Sturm ist im Anzug, und ich denke nicht daran, mir jetzt ein Hotelzimmer zu suchen. Zumal mir dieses Haus gehört.“

„Du machst dich ja lächerlich.“

„Wieso?“ Fragend zog er eine Augenbraue hoch. „Ich sage nur, wie es ist. Tatsache ist, dass dir dieses Anwesen nicht gehört. Du bist hoch verschuldet und hast seit Ewigkeiten keine Pacht mehr bezahlt.“

„Das ist nicht wahr!“

„Außerdem hast du mir mein Kind vorenthalten. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies vor Gericht gut ankommt. An deiner Stelle würde ich mir also gut überlegen, was du sagst, Abbie.“

„Du verdrehst die Tatsachen!“, rief sie wütend. „Ich habe erst gemerkt, dass ich schwanger bin, als du bereits auf und davon warst. Ich habe dir überhaupt nichts vorenthalten. Du warst wie vom Erdboden verschluckt und nicht auffindbar. Und hör auf zu behaupten, es würde dir etwas bedeuten, Vater zu sein. Wir wissen beide, dass du dein Kind auch im Stich gelassen hättest, wenn ich dich über die Schwangerschaft informiert hätte.“

„Tatsächlich?“ Damon lächelte sarkastisch. „Du hast doch keine Ahnung, Abbie. Schließlich kennst du mich überhaupt nicht. Wie willst du da wissen, wie ich auf die Nachricht reagiert hätte?“

„Immerhin weiß ich, dass du ein Playboy bist, der nur sein Vergnügen im Kopf hat.“

„Sicher. Ich hatte auch nie vor, eigene Kinder zu haben. Aber deinetwegen habe ich es mir anders überlegt.“ Interessiert blickte er sie an. „Sag mal, wie wolltest du meinem Sohn denn die Abwesenheit seines Vaters erklären? Wolltest du behaupten, er wäre gestorben? Oder dass er sich nicht für seinen Sohn interessiert?“

Abbie zögerte einen Moment lang. „Ich hätte ihm die Wahrheit gesagt.“

„Die Wahrheit!“ Missvergnügt schüttelte er den Kopf. Er erinnerte sich nur zu gut, wie es gewesen war, nur bei einem Elternteil aufzuwachsen. Seine Mutter hatte die Familie verlassen, als er acht Jahre alt gewesen war. Es war so einfach, das Leben eines Kindes zu zerstören. Vielleicht hatte es ihm deshalb widerstrebt, selbst Kinder zu haben. Die Verantwortung war immens. Für Damon war es unerlässlich, dass ein Kind in einer intakten Familie aufwuchs.

„Du hattest kein Recht, mir Marios Existenz zu verheimlichen.“ Damon musterte sie mit hartem Blick. „Zu diesem Urteil wird jedes Gericht gelangen.“

„Ich habe dir nichts verheimlicht. Und hör bitte auf, mir mit dem Gericht zu drohen.“

„Wieso?“ Er trank noch einen Schluck. „Es ist besser, wenn du dich gleich darauf einstellst.“

„Warum bist du so gemein zu mir? Willst du mich für irgendwas bestrafen?“

„Sag du es mir.“

Wieder fielen ihr die Worte ihres Vaters ein. „Mein Vater hatte recht. Du willst dich rächen, oder?“, fragte sie mit bebender Stimme.

Er nahm noch einen Schluck und schüttete den Rest ins Spülbecken.

„Du bist wütend auf meinen Vater. Das kann ich sogar verstehen.“ Verzweifelt versuchte Abbie, Ruhe zu bewahren. „Und es tut mir leid, dass er mich in die Sache hineingezogen hat. Aber wie ich dir schon vor Ewigkeiten erklärt habe, war es nicht meine Schuld, dass …“

„Natürlich nicht! Oberflächliche, verwöhnte Schickeriamädchen übernehmen ja nie irgendeine Verantwortung für ihr Tun. Du meinst, du könntest tun und lassen, was du willst. Es tut mir leid. Dass ich nicht lache. Du hast ja keine Ahnung, wie wütend du mich machst.“

Zornig funkelte sie ihn an. „Keine deiner Beschuldigungen trifft auf mich zu!“

„Ha ha ha. Das glaubst du doch selbst nicht.“

Sein verächtlicher Tonfall machte Abbie noch wütender. Doch so gern sie ihm auch die ganze Wahrheit gesagt hätte, es ging nicht. Niemals könnte sie ihm von ihrer Mutter erzählen. Bei ihrer letzten Begegnung hatte sie verzweifelt versucht, ihm ihr Verhalten zu erklären, trotz seiner offen gezeigten Verachtung. Stockend hatte sie ihm ihr Herz ausgeschüttet. Doch Damon hatte nur abfällig gelacht und war ihr über den Mund gefahren. Diese Schmach wollte sie sich nicht noch einmal antun. Sie könnte es nicht ertragen. Wozu sollte sie überhaupt einen neuen Versuch wagen? Es war ja nur zu offensichtlich, dass Damon seine vorgefasste Meinung über sie nicht geändert hatte. Er hielt sie für eine Lügnerin und würde ihr weder glauben noch zuhören. Es war sowieso alles zu schmerzvoll.

Manche Dinge lässt man besser ruhen, dachte sie. Eigentlich ging es jetzt sowieso ausschließlich um das Wohl ihres Kindes.

Beim Gedanken an Mario riss sie sich zusammen. „Du willst mich also bestrafen“, sagte sie. „Das werde ich schon aushalten. Aber sich ans Gericht zu wenden, um das Sorgerecht für ein Kind zu erlangen, das dir nichts bedeutet, ist unrecht. Bitte lass Mario nicht unter deinem Rachefeldzug leiden.“

„Woher willst du wissen, dass er mir nichts bedeutet? Spar dir deine Unterstellungen“, forderte Damon kühl. „Was meinst du, wie ich hätte reagieren sollen, als dein Vater mir von meinem Sohn erzählt hat? Hast du erwartet, ich würde dir ein Geldbündel vor die Füße werfen und wieder verschwinden? Träum weiter, Abbie. Es geht mir um das Wohl meines Kindes, ob du es glaubst oder nicht. Dir scheint es ja egal zu sein, was das Beste für Mario ist.“

„Mein Sohn steht bei mir immer an erster Stelle“, erklärte Abbie. „Und von dir will ich gar nichts.“

Natürlich glaubte er ihr kein Wort. Verzweifelt fuhr sie sich durchs Haar. „Und was hast du jetzt vor?“, fragte sie schließlich. „Was ist deiner Meinung nach das Beste für Mario?“

Damon ließ sich Zeit mit der Antwort. Offensichtlich überlegte er, welche Möglichkeiten ihm zur Verfügung standen. Das lange Schweigen machte Abbie nervös. Spannte er sie absichtlich auf die Folter? Sollte sie klein beigeben, statt ihm Paroli zu bieten? Ihr Vater hatte es immer genossen, ihr Angst zu machen. Wenn sie sich wehrte, erinnerte er sie daran, wozu er imstande war. Das genügte, um ihren Widerstand zu brechen.

Das war jetzt vorbei. Entschlossen blickte Abbie Damon in die Augen. Nie wieder würde ein Mann so eine Macht über sie haben, das hatte sie sich geschworen. „Wenn du das Sorgerecht beantragst, kannst du dich auf einen Kampf gefasst machen“, sagte sie drohend.

„Kein Problem. Ich bewundere deinen Kampfgeist, aber ich werde dich zu zähmen wissen.“

Er bemerkte das wütende Glitzern in ihren Augen. Sie war wunderschön. Sogar noch schöner als mit achtzehn Jahren. In dem Punkt hatte ihr Vater die Wahrheit gesagt. Unwillkürlich ließ er den Blick über ihren vollkommenen Körper gleiten – die festen Brüste, die sich unter dem dünnen Seidenstoff abzeichneten, und die langen Beine, die er im Gegenlicht erkennen konnte.

Äußerlich war sie unglaublich begehrenswert. Wären da nur nicht ihr kaltes Herz und ihr berechnender Verstand gewesen.

Als Abbie seinen verlangenden Blick auffing, prickelte es an ihrem ganzen Körper. Entschlossen versuchte sie, das Gefühl zu ignorieren. Ihr war unverständlich, wieso sie diesen Mann hassen und gleichzeitig begehren konnte.

Schließlich wandte er sich ab.

„Was hast du jetzt vor, Damon?“

„Jetzt gehe ich ins Bett“, antwortete er ruhig.

„Das geht nicht.“

„Wieso nicht?“

„Weil du mir nicht einfach so eine unerhörte Bemerkung an den Kopf werfen und dich dann zurückziehen kannst. Ich muss wissen, was du mit Mario vorhast. Du willst mir doch nicht wirklich das Sorgerecht streitig machen, oder?“

Damon musterte sie wortlos. Als er von seiner Vaterschaft erfahren hatte, war er zunächst schockiert und dann wütend gewesen. Seitdem befand er sich in einem Gefühlschaos. Als er seinen schlafenden Sohn betrachtet hatte, wurde sogar sein Beschützerinstinkt geweckt.

Vor langer Zeit hatte er beschlossen, ungebunden und kinderlos zu bleiben. Doch nun hatte er ein Kind, und es kam nicht infrage, es im Stich zu lassen. Er musste Verantwortung übernehmen. Das war das einzig Richtige.

Oder etwa nicht? Unsicher streifte er Abbie mit einem Blick. Die Worte ihres Vater fielen ihm ein: Abbie könnte Ihnen nützlich sein.

Schnell schob er diesen Gedanken beiseite. „Ich würde gern eine Nacht darüber schlafen. Wir sprechen morgen früh darüber“, sagte er abweisend.

Seine Arroganz machte Abbie noch wütender. Sprachlos sah sie zu, wie er an ihr vorbei ins Wohnzimmer marschierte.

„Ich will aber jetzt darüber sprechen“, sagte sie schließlich aufgebracht. „Außerdem scheint es deiner Aufmerksamkeit entgangen zu sein, dass es hier kein Gästebett gibt. Die Zimmer oben stehen leer. Das einzige Bett außer Marios ist meins.“

Damon wandte sich langsam um und sah sie an. „Ist das eine Einladung?“ Ungerührt bemerkte er, wie sie errötete.

„Natürlich nicht.“

„Auch gut.“ Lässig zuckte er die Schultern. „Allerdings hat dein Vater mir ein bizarres Angebot gemacht.“

„Was für ein Angebot?“

„Ich sorge dafür, dass er seinen Sitz im Vorstand behält und als Gegenleistung bekomme ich dich.“

„Was soll denn das heißen?“

„Du hast mich schon richtig verstanden. Er hat gesagt, er würde dafür sorgen, dass du mir in jeglicher Weise entgegenkämst. So ungefähr hat er sich ausgedrückt. Ob du mir als Ehefrau mit einflussreichen Beziehungen oder als Bettgespielin zur Verfügung stehst, hat er für sich behalten. Natürlich fand ich die zweite Möglichkeit interessanter. Aber dann erfuhr ich von meiner Vaterschaft.“

Er bemerkte, wie sie erneut errötete. „Keine Panik, ich habe sein Angebot abgelehnt. Mir ist lieber, ohne Mittelsmann zu verhandeln. Der direkte Kontakt ist viel befriedigender. Stimmst du mir zu?“

„Du bist genauso abscheulich wie mein Vater.“ Ihre Stimme bebte verräterisch. Eigentlich hatte sie es nicht für möglich gehalten, dass ihr Vater noch tiefer sinken konnte. Das war ein Irrtum gewesen. Abbie fühlte sich erniedrigt und beschmutzt.

„Ach je, hast du dich etwa mit dem lieben Daddy überworfen?“ Damon kehrte zurück und streichelte ihr die Wange. „Was ist passiert? Bist du sauer, weil von ihm kein Geld mehr zu erwarten ist?“

Sie zuckte zurück und fragte sich, was schlimmer war: das widerwärtige Angebot ihres Vaters oder Damons vorschnelle Annahme, sie würde dem Wunsch ihres Vaters tatsächlich nachkommen?

„Ist ja auch egal. Zwar habe ich das Angebot deines Vaters ausgeschlagen, wäge aber trotzdem alle Möglichkeiten ab. Einflussreiche Ehefrau oder gefügige Geliebte, mal sehen. Vielleicht sollte ich mir auch nur das Sorgerecht für Mario zusprechen lassen und verschwinden. Es gibt so viele verschiedene Optionen.“

„Das Sorgerecht für Mario kannst du dir abschminken“, fauchte Abbie aufgebracht. „Und dich würde ich nicht einmal heiraten, wenn du der letzte Mann auf diesem Planeten wärst und in einem vergoldeten Palast lebtest.“

Damon lachte. „Natürlich würdest du mich heiraten.“

„Deine Selbstüberschätzung kennt offenbar keine Grenzen.“

„Damit hat das nichts zu tun. Ich weiß einfach nur, wie die geldgierige Abigail Newland tickt.“

„Gar nichts weißt du! Lieber sterbe ich, als dich zu heiraten.“

Damon lächelte wissend. „Nanu? Als du letztes Mal in die Machenschaften deines Vaters verstrickt warst, hast du doch auch nicht mit der Wimper gezuckt.“

Finster sah sie ihn an. „Das kann man nicht vergleichen.“

Sie spielte ihre Rolle wirklich gut, das musste man ihr lassen. „Für Geld tust du alles, das hat dein Vater mir schon vor über zwei Jahren verraten.“

Er sah zu, wie sie die schönen, schlanken Hände zu Fäusten ballte, und bewunderte ihre Weiblichkeit. Selbst ihren Zorn hielt sie zurück – ganz ladylike. Im Bett war sie allerdings weniger zurückhaltend gewesen, nachdem er ihr beigebracht hatte, was ihm gefiel.

Verflixt, musste er denn ständig daran denken? Seit sie ihm vorhin die Tür geöffnet hatte, wusste er, dass er Abby noch immer begehrte. Auch jetzt, in diesem Moment. Und das machte ihn unglaublich wütend. Wie konnte er sie begehren, obwohl er ganz genau wusste, was er von ihr zu halten hatte?

Was sollte er tun? Sein Verlangen ließ sich nicht so einfach unterdrücken.

Bewundernd ließ er den sehnsüchtigen Blick über ihren Körper gleiten. Damon war sicher, dass ihr Vater sie über sein Angebot informiert hatte und dass sie hoffte, das Bestmögliche für sich herauszuholen.

Vielleicht sollte er einfach auf ihr Spiel eingehen. Ja, diese Idee gefiel ihm immer besser.

„Also gut“, sagte er schließlich nachgiebig. „Du willst über Bedingungen sprechen. Dann tun wir das.“

Sein Blick war heiß, der Tonfall distanziert. Was, um alles in der Welt, hat er vor? überlegte Abbie nervös und zog instinktiv den Morgenmantel fester um sich. Dabei übersah sie die Tatsache, dass ihr Körper sich nun noch deutlicher unter dem dünnen Seidenstoff abzeichnete.

Am liebsten hätte sie Damon vor die Tür gesetzt. Warum sollte sie mit ihm reden, nach all den Unverschämtheiten, die er ihr an den Kopf geworfen hatte? Doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Was war das Wichtigste? Mario! „Meine Bedingung lautet, dass Mario bei mir bleibt, wo er hingehört. Sei doch vernünftig, Damon: Du als Geschäftsmann, der ständig in der Weltgeschichte umherfliegt, hast doch gar keine Zeit, dich um einen kleinen Jungen zu kümmern. Das ist ein Vollzeitjob.“

„Ich weiß, und deshalb bin ich auch bereit, dir ein gutes Geschäft vorzuschlagen.“

„Was verstehst du unter einem guten Geschäft?“, fragte sie automatisch und bereute die impulsive Frage sofort, als sie Damons kühles Lächeln bemerkte.

„Siehst du? Das ist die Abigail Newland, wie ich sie in Erinnerung habe.“ Erneut musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Okay, reden wir also Klartext. Dein Vater hat gar nicht so unrecht. Du könntest mir wirklich nützlich sein. Wir verstehen uns gut, und du bist die Mutter meines Sohnes. Ich muss zugeben, dass mir die Vorstellung gefällt, eine Lady im Wohnzimmer und eine willige Gespielin im Schlafzimmer zu haben.“

Seine anzüglichen Worte machten sie noch wütender. „Dann gib doch eine Zeitungsanzeige auf. Ich bin jedenfalls nicht interessiert.“ Zornig funkelte sie ihn an. „Mir wird übel bei der Vorstellung, du könntest mich anfassen.“

Hocherhobenen Hauptes wollte sie an ihm vorbeimarschieren, doch Damon hielt sie fest.

„Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.“

Seine Berührung versetzte ihr einen elektrischen Schlag, der ihren ganzen Körper prickeln ließ.

Damon hatte natürlich recht. Es war lange her, seit sie miteinander geschlafen hatten, aber sie wusste noch ganz genau, wie himmlisch es immer gewesen war, sich seinen sinnlichen Küssen und Liebkosungen hinzugeben.

Warum nur empfand sie so, zumal er sie gerade auf das Übelste beleidigt hatte? Hatte sie denn überhaupt keinen Stolz?

„Lass mich sofort los!“, verlangte sie mit rauer Stimme.

„Du hast dir meine Bedingungen noch nicht angehört.“

„Das werde ich auch nicht tun. Dein Angebot interessiert mich nicht.“

„Und ob es dich interessiert.“ Damons Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Dein Vater hat alles verloren. Das heißt, du hast die Gans verloren, die goldene Eier legt. Du hast auch kein Dach mehr über dem Kopf. Aber ich kann das ändern.“

„Vorausgesetzt, ich bin dir zu Willen.“

Damon nickte lächelnd. „Da du die Mutter meines Sohnes bist, mache ich dir ein großzügiges Angebot. Du kommst mit mir nach Sizilien und spielst die perfekte Ehefrau und Mutter. Natürlich wirst du auch das Bett mit mir teilen. Als Gegenleistung biete ich dir deinen gewohnten Lebensstil.“

Fassungslos sah sie ihn an. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Damon schien es ernst zu meinen. Aber musste er dabei so kühl und berechnend sein?

„Du musst natürlich einen Ehevertrag unterschreiben. Aber solange du dich an meine Bedingungen hältst und mit mir verheiratet bist, soll es dir an nichts fehlen.“

„Das soll ein großzügiges Angebot sein?“, fragte Abbie wütend, als sie sich wieder gefasst hatte. „Bildest du dir wirklich ein, ich würde dich heiraten? Du bist wirklich sehr von dir eingenommen. Ich kann dich nicht leiden.“

„Ein besseres Angebot bekommst du nicht, Abbie. Und auf den Ehevertrag bestehe ich.“

Sein harscher Tonfall machte sie noch wütender.

„Wie kann man nur so unglaublich arrogant sein? Du glaubst, ich würde mich auf eine Ehe ohne Liebe einlassen, um …“

„Um dein gewohntes Luxusleben weiterzuführen?“ Damon schnitt ihr das Wort ab. „Ja, das glaube ich in der Tat. Wir sollten aufhören, uns etwas vorzumachen.“

„Gute Idee.“ Ihre Stimme bebte. „Für kein Geld der Welt würde ich das Haus mit dir teilen, geschweige denn das Bett.“

Damon lachte nur.

„Was gibt es da zu lachen?“, fragte sie erbost.

„Du bist zu komisch, Abbie. Warum gibst du nicht zu, dass es zwischen uns noch immer knistert? Ich habe genau gemerkt, wie du auf meine Berührung reagiert hast. Wir haben uns im Bett immer gut verstanden.“

„Wie ich bereits sagte, bist du unglaublich arrogant und eingebildet. Wenn du glaubst …“ Sie verstummte, als er begann, sie an sich zu ziehen.

„Was soll das?“ Vergeblich versuchte sie, sich zu befreien.

„Ich werde dich küssen, um zu beweisen, dass ich recht habe.“

„Untersteh dich!“ Zornig funkelte sie ihn an.

„Je eher du dich an den Gedanken gewöhnst, dass ich jetzt das Sagen habe, desto besser.“

„Ich denke gar nicht daran!“ Atemlos versuchte sie erneut, sich loszureißen.

„Du machst dir nur unnötig das Leben schwer, Abbie.“

„Nein, du machst mir das Leben schwer! Aber genau das hast du ja beabsichtigt.“

„Ich beabsichtige etwas ganz anderes.“ Seine Stimme klang verführerisch. Sein Blick lag auf ihrem Mund.

Als er den Kopf neigte, gab sie ihren Widerstand auf. Sie sehnte sich nach seinen Küssen. Plötzlich gewann das Verlangen die Oberhand. Dagegen war sie machtlos.

Seine Lippen berührten ihre, zunächst nur ganz leicht und zärtlich, als Damon spürte, wie sie nachgab, wurde der Kuss leidenschaftlicher, fordernder …

Abbie erwiderte den Kuss ebenso leidenschaftlich, als könnte sie nicht genug bekommen. Seine Männlichkeit, seine Leidenschaft zogen sie magisch an.

Als sie ihn auch mit den Händen liebkosen wollte, wich er unvermittelt zurück.

Benommen sah sie ihn an. Er ließ den Blick von ihrem Mund zu ihrem Dekolleté gleiten.

Diesen Blick kannte sie. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Damon nur an dem Gürtel zu ziehen brauchte, schon würde sie nackt dastehen.

Im ersten Moment wünschte sie, er täte es. Sie sehnte sich nach seinen Liebkosungen, wollte sich so gern an ihn schmiegen, ihn wieder richtig spüren. Gegen dieses überwältigende Gefühl war sie machtlos.

Seine Augen glitzerten zufrieden, als ihre Blicke sich trafen. „Siehst du, Abbie? Du musst mich gar nicht mögen. Unser Arrangement funktioniert trotzdem, solange du so heißblütig bist.“

Beschämt senkte sie den Blick. Wie hatte sie sich nur so hinreißen lassen können?

Herausfordernd sah sie ihn nun an. „Ich habe dich geküsst. Na und? Vielleicht wollte ich dir nur zeigen, was dir entgeht, wenn ich dein … Angebot ausschlage.“

„Ach, Abbie. Du bist wirklich die Tochter deines Vaters. Offensichtlich versuchst du, mehr für dich herauszuholen. Leider hast du keinen Verhandlungsspielraum. Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder nimmst du mein Angebot an, oder du lässt es bleiben.“

„Du bist wirklich unerträglich“, stieß sie wütend hervor. „Dein Angebot interessiert mich genauso wenig wie du.“

Anzüglich lächelnd betrachtete er ihre Brustspitzen, die sich unter dem Morgenmantel abzeichneten und verrieten, wie erregt Abbie war. „Natürlich bist du an mir interessiert, Abbie. Macht und Geld haben dich schon immer erregt. Du begehrst mich mehr, als du zugibst.“

Zornig schüttelte sie den Kopf. „Ich hasse dich.“

Einen Moment lang dachte sie, er würde sie wieder an sich ziehen, um ihr das Gegenteil zu beweisen.

„Klar“, sagte er jedoch nur spöttisch. „Und mein Geld hasst du auch.“ Er wandte sich ab. „Warum gehst du nicht ins Bett? Falls du heute Nacht wirklich allein schlafen willst.“

Plötzlich hatte sie es so eilig, dass sie auf dem Weg nach oben fast stolperte. „Warum verlässt du nicht endlich mein Haus?“

Damon überging die Frage mit einem Lächeln. „Es war sehr aufschlussreich, mit dir zu verhandeln, Abbie. Überleg dir mein Angebot. Morgen erwarte ich eine Antwort von dir. Wenn du dich bis dahin nicht entschieden hast, übernimmt mein Anwalt die Verhandlungen. Und der wird dir ganz sicher nicht so viele Zugeständnisse machen wie ich.“

4. KAPITEL

Schlaflos lag Abbie auf dem Bett. Der Sturm wurde immer heftiger und fegte heulend ums Haus. Am Morgen hatte sie sich darüber noch Sorgen gemacht, jetzt fürchtete sie eher den Hurrikan, der in ihr Haus gestürmt war.

Verflixt! Warum hatte sie seinen Kuss erwidert? Wütend drehte sie sich auf den Bauch und boxte das Kopfkissen. Und dann das Angebot, mit ihm nach Sizilien zu gehen – als perfekte Ehefrau und Mutter!

Von mir aus kann er zur Hölle fahren, dachte sie aufgebracht. Es war ihr ein Rätsel, dass sie in diesen Mann verliebt gewesen war. Damals musste sie völlig den Verstand verloren haben.

Natürlich dachte Damon gar nicht daran, das Haus zu verlassen. Vor einer Weile hatte sie seine Schritte näherkommen hören und erschrak. Erleichtert stellte sie dann fest, dass er an ihrer Tür vorbei ins Badezimmer ging und duschte.

Was wohl passiert wäre, wenn er zu ihr gekommen wäre? Obwohl sie ihn hasste, wurde ihr jedes Mal heiß, wenn er sie nur berührte. Sie verlor völlig die Kontrolle über sich. Sie hatte keine Ahnung, wie er das machte, aber es jagte ihr Angst ein.

Lauschend richtete sie sich auf, als er das Badezimmer wieder verließ. Erneut ging er an ihrer Tür vorbei und öffnete anscheinend den Wäscheschrank auf dem Flur.

Offensichtlich hatte er beschlossen, die Nacht auf dem Sofa zu verbringen und holte sich Bettzeug. Wieso auch nicht? Schließlich gehörte ihm das Haus jetzt. Das machte Abbie besonders wütend.

Das Gestüt war ihr Zufluchtsort und hatte ihrer Mutter gehört. Es war beschlossene Sache gewesen, es Abbie zu vererben.

Leider war ihr Vater schneller gewesen und hatte sich das Anwesen gesichert.

Abigail ballte die Hände zu Fäusten. Und jetzt erdreistete er sich auch noch, sie Damon zum Fraße vorzuwerfen! Wie konnte er nur!

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. John Newland hatte sich andere Menschen schon immer zunutze gemacht.

Die Ehe ihrer Eltern war nur ein Beispiel. Er hatte ihre Mutter nur geheiratet, weil sie zum englischen Adel gehörte. Und ihre Mutter war völlig mittellos gewesen, als sie John Newland kennengelernt hatte. Die Erbschaftssteuer hatte sie an den Rand des Ruins getrieben, und sie stand kurz davor, den Landsitz in Surrey zu verkaufen, der sich seit Generationen im Besitz der Familie befand. Auch das Gestüt auf St. Lucia sollte veräußert werden. Doch dann erschien John Newland als Retter in der Not.

Ihre Mutter hätte seinen Heiratsantrag ablehnen sollen. Doch damals glaubte sie noch, den Mann zu lieben. Leider musste sie bald erkennen, dass ihr Retter den Namen nicht verdiente, sie in einer Ehe ohne Liebe gefangen war und der Landsitz an den Meistbietenden verkauft worden war.

John Newland wollte alles beherrschen. Er war ein Tyrann und Weiberheld. Schamlos hatte er den Namen und die Beziehungen seiner Frau für seine Geschäfte ausgenutzt und sie gleichzeitig verachtet, weil sie sein Verhalten tolerierte.

Das Verhältnis zwischen den Eheleuten war immer schlechter geworden, daran änderte auch die Geburt ihres einzigen Kindes, Abigail, nichts. John Newland wurde immer dreister, brachte seine Gespielinnen mit nach Hause und behandelte seine Frau wie Abschaum.

Als Abbie sechs Jahre alt war, lebten sie in Amerika. Hier erlebte sie zum ersten Mal einen Wutanfall ihres Vaters. Aus heiterem Himmel fing er an, das ganze Haus zusammenzubrüllen.

Anschließend wurde sie nach England ins Internat geschickt, aber diese Szene hatte sie niemals vergessen.

Es war ihr ein Rätsel, wieso ihre Mutter so lange bei diesem Tyrannen blieb. Erst an ihrem sechzehnten Geburtstag konnte Abigail sie überzeugen, ihn zu verlassen. Gemeinsam flohen sie nach St. Lucia. Von dort aus reichte ihre Mutter die Scheidung ein.

John Newland hatte getobt. Niemand durfte sich erlauben, ihn zu verlassen! Doch Abigail unterstützte ihre Mutter. Als sie dann krank wurde, verzichtete Abbie auf ein Studium und kümmerte sich stattdessen um den Ausbau des Gestüts, um finanziell unabhängig von ihrem Vater zu werden.

Fast wäre es ihnen gelungen. Das Gestüt verzeichnete die ersten Erfolge. Besonders die Ausritte für Touristen wurden gut angenommen. Ohne die schwere Erkrankung ihrer Mutter hätten sie es geschafft, sich aus John Newlands Fängen zu befreien. Leider konnten sie sich die teure Behandlung nicht leisten. Nur deshalb hatte Abigail sich gezwungen gesehen, ihren Vater um Hilfe zu bitten. Der hatte das natürlich genossen. Er war bereit, seine Exfrau zurück in die Staaten zu bringen, wo sie die bestmögliche medizinische Versorgung erhielt. Doch der Preis war hoch. John Newland beschuldigte Abigail, seine Frau ermutigt zu haben. Von allein hätte sie ihn niemals verlassen. Für diesen Verrat musste sie bezahlen. Ihr Vater hatte sogar damit gedroht, nicht mehr für die Medikamente zu bezahlen, falls Abbie nicht tat, was er verlangte.

So hatte er sie gezwungen, zu ihm nach Las Vegas zurückzukehren und ihn bei seinen Machenschaften zu unterstützen.

Am schlimmsten war das Geschäft mit Damon Cyrenci gewesen.

Als ihr Vater merkte, dass sie sich in Damon verliebt hatte, bereitete es ihm eine noch größere Freude, Damon wissen zu lassen, dass Abigail seine Komplizin gewesen war.

Blicklos sah Abbie an die Zimmerdecke.

Diesen Gewissenskonflikt würde sie niemals vergessen. Auf der einen Seite wollte sie das Richtige für ihre todkranke Mutter tun, andererseits liebte sie Damon und wollte ihm nicht schaden.

Bei den ersten Verabredungen mit ihm war sie noch keusch geblieben und hatte versucht, seinen Küssen auszuweichen. Absichtlich hielt sie ihn auf Distanz, weil sie sich vor ihren eigenen Gefühlen fürchtete.

Sie fürchtete auch die Wut ihres Vaters, falls sie seine Wünsche nicht befolgte. Tag für Tag hinterließ er Nachrichten für sie, wie: „Triff dich heute Abend mit Damon.“, „Sorg dafür, dass er erst spät zurückkommt.“

Je heftiger sie sich in Damon verliebte, desto mehr quälte sie das schlechte Gewissen. Verzweifelt wünschte sie sich, ihre Beziehung hätte nichts mit ihrem Vater und seinen Machenschaften zu tun. Sie bat ihn sogar, sich herauszuhalten. Doch sie biss auf Granit. John Newland befahl ihr sogar, das Wochenende mit Damon zu verbringen. „Fahr mit ihm nach Palm Springs auf meine Ranch und lenke ihn ab. Ich kann ihn die nächsten Tage nicht in der Stadt gebrauchen. Erst wenn ich dir grünes Licht gebe, kehrt ihr zurück. Verstanden?“

Abbie wusste, dass ihr Vater Damons Vater über den Tisch ziehen wollte. Das würde ihm aber nur gelingen, wenn Damon weit weg war. Daher weigerte sie sich, ihrem Vater zu gehorchen. Er reagierte sofort, indem er den nächsten Scheck sperrte, damit sie kein Geld für die lebenswichtigen Medikamente hatte, die ihre Mutter so dringend benötigte.

Am liebsten hätte sie sich Damon anvertraut. Natürlich wäre er entsetzt gewesen. Aber wenigstens würde er ihr nicht die Schuld geben.

Doch was wurde dann aus ihrer Mutter? Abbie konnte nicht von Damon erwarten, die Rechnungen ihrer Mutter zu bezahlen.

Also lud sie ihn schließlich doch auf die Ranch ein. Damon nahm die Einladung an, nachdem er einen Anwalt engagiert hatte, der seinem Vater bei den Verhandlungen zur Seite stehen sollte.

Als er ihr das beim Abendessen auf der Ranch erzählte, fiel ihr eine große Last von den Schultern. Vielleicht wurde doch noch alles gut, und ihr Vater würde endlich mal eine Niederlage erleben. Sie war so erleichtert, dass sie sich nur zu bereit in Damons Arme fallen ließ.

Sie erinnerte sich, wie sie sich für ihn entkleidet hatte, wie er sie gestreichelt und leidenschaftlich geliebt hatte. Damals hatte sie sich eingebildet, bis über beide Ohren in ihn verliebt zu sein.

Unglaublich, wie naiv sie gewesen war! Damon ging es nur um Sex, nicht um Liebe.

Er liebte die Eroberung und wurde immer wieder eins mit Abbie. Versprechungen machte er ihr nicht.

Während sie sich also mit Damon vergnügte, war ihr Vater damit beschäftigt, den Anwalt zu bestechen.

Offensichtlich hatte tatsächlich jeder Mensch seinen Preis. Allerdings hatte sie Damon diese Einstellung nicht zugetraut.

Wütend wischte sie die Tränen fort, die ihr über die Wangen liefen.

Es war ein Fehler gewesen, sich in Damon zu verlieben. Doch wenigstens war etwas Gutes dabei herausgekommen: Mario. Es kam nicht infrage, dass Damon ihn ihr wegnahm. Bis zum Umfallen wollte sie dagegen ankämpfen.

Sie war im dritten Monat, als ihre Mutter starb, und am Tiefpunkt ihres bisherigen Lebens. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen und suchte Zuflucht auf St. Lucia.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte ihr Vater keine Handhabe mehr gegen sie. Abbie hatte sich völlig von ihm abgewandt und den Kontakt abgebrochen. Sie widmete sich dem Ausbau des Gestüts. Kein einfaches Unterfangen als Alleinerziehende. Aber sie schaffte es.

Sollte Damon Cyrenci sie doch für ein geldgieriges Luxusweibchen halten. Sie wusste es besser. Harte Arbeit hatte sie noch nie gescheut.

Aber was half ihr das, wenn sie ihr Zuhause an den Teufel verloren hatte?

Sie kam gerade so über die Runden. Wovon sollte sie sich einen Anwalt leisten, falls Damon Schwierigkeiten machte?

Ein gewaltiger Donnerschlag ließ sie zusammenschrecken. Sie zog sich die Decke über den Kopf und versuchte zu schlafen – vergeblich.

In der ersten Morgendämmerung stand sie auf, schlüpfte in Jeans und T-Shirt und sah nach Mario.

Der Kleine war schon wach und lächelte ihr entgegen.

„Guten Morgen, mein Liebling.“ Sie beugte sich vor, um ihn auf den Arm zu nehmen. Mario gluckste vergnügt.

Alles wird gut, dachte Abbie, als sie ihren Sohn innig an sich drückte. Der Sturm hatte nachgelassen, die Sonne wagte sich hervor. Als sie Mario ankleidete, kam ihr die Nacht wie ein Albtraum vor, aus dem sie nun glücklicherweise erwacht war.

Vielleicht war Damon schon längst verschwunden.

Mit Mario auf dem Arm ging sie die Treppe hinunter. Auf dem Sofa lagen ein Kopfkissen und eine sorgfältig zusammengefaltete Decke. Von Damon keine Spur.

Er ist fort! Erleichtert machte sie sich auf den Weg in die Küche. Die Hintertür stand offen, und Damon stand da und schaute hinaus.

Als er Schritte hinter sich hörte, drehte er sich um. „Guten Morgen.“ Er ließ den Blick über sie und das Kind auf ihrem Arm gleiten. „Wie hast du geschlafen?“

Blöde Frage, dachte sie verärgert. „Danke, gut“, schwindelte sie. Schließlich ging es ihn nichts an, dass sie die ganze Nacht vor Kummer und Sorgen kein Auge zugemacht hatte. „Ich dachte, du wärst schon fort.“

„Wieso sollte ich? Habe ich mich gestern Abend nicht klar ausgedrückt?“

Sie biss sich auf die Lippe und setzte Mario in den Hochstuhl, bevor sie begann, das Frühstück für ihn zu machen und den Wasserkocher einzuschalten. Dabei tat sie so, als wäre Damon gar nicht da. Leicht fiel ihr das nicht, denn sie spürte seinen Blick im Rücken.

Auch er trug Jeans und T-Shirt und wirkte jünger als seine einunddreißig Jahre.

Leider fand sie ihn noch immer sehr anziehend und schaute ihn an, als sie an ihm vorbeiging. Ihre Blicke trafen sich. Sofort musste sie an den Kuss denken, der vor einigen Stunden heißes Begehren in ihr entfesselt hatte. Schnell wandte sie den Blick ab und konzentrierte sich darauf, Milch für Mario zu wärmen und Kaffee zu machen.

„Sieht so aus, als wäre der Sturm an uns vorbeigezogen“, sagte Damon und machte die Küchentür wieder zu. „Das Wetter scheint sich beruhigt zu haben.“

Jetzt redet er doch tatsächlich übers Wetter! Abbie konnte es kaum glauben. „Super“, sagte sie trocken.

„Ja, das ist es.“ Er setzte sich an den Küchentisch. Mario lächelte so strahlend, dass Grübchen in seinen Wangen zu sehen waren. Entzückt zerzauste Damon seinem Sohn lächelnd das dunkle Haar.

„Ich habe schon beim Flughafen angerufen. Mein Privatjet ist heute Nachmittag abflugbereit.“ Er sah auf. „Das Flugverbot ist aufgehoben.“

Abbie löffelte gerade Pulverkaffee in eine Kanne. Allerdings ging die Hälfte daneben, weil ihre Hand bebte. „Du reist ab?“

„Ja. Heute Nachmittag um vier Uhr.“

Dann hatte er sie doch nur aufgezogen! Erleichtert wandte sie sich um. „Es war sicher ein Schock für dich, Damon, plötzlich zu erfahren, dass du Vater bist. Was wir uns gestern Abend an den Kopf geworfen haben, war zum großen Teil nicht so gemeint, und …“

„Bist du sicher?“ Er schaute ihr in die Augen. „Ich sage nie etwas, was ich nicht meine.“

Sie runzelte die Stirn. Eigentlich wollte sie ihm vorschlagen, die Vergangenheit zu vergessen. Wenn er wollte, könnte er Mario so oft besuchen, wie er wollte. Schließlich war er ja sein Vater. Aber zunächst musste sie noch einmal nachfragen. „Du reist also definitiv ab?“

„Ja. Ich kehre zurück nach Sizilien – mit dir oder ohne dich.“

Das musste sie erst einmal verdauen. „Dann hast du das alles ernst gemeint? Du willst mich heiraten, und ich soll einen Ehevertrag unterschreiben und das alles?“

„Genau.“

Damons entschlossener Blick beunruhigte sie so sehr, dass ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Schnell wandte sie sich wieder ab.

„Ich hätte auch gern einen Kaffee“, sagte Damon ruhig.

Wortlos goss sie heißes Wasser in die Kanne und nahm zwei Tassen vom Regal.

„Entweder nimmst du mein Angebot an und kommst heute mit mir nach Sizilien, oder ich fliege allein und überlasse die Angelegenheit meinen Anwälten. Du hast die Wahl.“

Abbie hatte das Gefühl, ihr würde gerade der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte. Um Zeit zu gewinnen, gab sie vor, mit der Zubereitung von Marios Frühstück beschäftigt zu sein.

Damon ließ sie keine Sekunde lang aus den Augen. Er hatte sich das alles gut überlegt und fand sein Angebot äußerst fair. Er wollte seinen Sohn um sich haben. Die starke Verbundenheit zu dem Kleinen hatte ihn selbst überrascht. Doch natürlich würde er Mario niemals die Mutter vorenthalten. Das kam überhaupt nicht infrage. Ein Kind brauchte beide Eltern.

Die einfachste Lösung war, Abbie zu heiraten. Dann wären sie alle zusammen, wie es sich gehörte. Er konnte es kaum erwarten, sie wieder in seinem Bett zu haben. Allein die Vorstellung erregte ihn. „Wie hast du dich entschieden?“, fragte er rau. Er hatte sich ja bereits entschieden und wollte nun nicht länger warten.

„Ich muss darüber nachdenken“, sagte sie mit bebender Stimme, die ihren Gemütszustand verriet.

„Da gibt es nichts nachzudenken.“ Damon spielte einen weiteren Trumpf aus. „Ich habe mir deine Buchhaltung angesehen. Es sieht wirklich nicht gut aus für dich.“

„Du hast was?“ Beunruhigt stellte sie fest, dass in dem kleinen Büro neben der Küche Licht brannte und die Papiere auf dem Schreibtisch ausgebreitet waren.

„Wie kommst du dazu, in meinen Privatangelegenheiten herumzuschnüffeln?“, fragte sie wütend.

„Das Gestüt gehört jetzt mir, Abbie. Also bin ich berechtigt, mich über die finanzielle Lage zu informieren. Je eher du das akzeptierst, desto besser.“

„Gar nichts werde ich akzeptieren! Ich nehme mir jetzt einen Anwalt.“

„Und wie willst du den bezahlen?“, fragte Damon amüsiert. „Mit Dichtungsringen?“

„Ich habe noch etwas Erspartes für Notfälle.“

Damon lachte. „Das wird dir aber auch nicht weiterhelfen.“

Sie wusste natürlich, dass er recht hatte. Aber das brauchte sie ihm ja nicht auf die Nase zu binden.

„Ich habe dir einen Lösungsvorschlag gemacht. Du solltest ihn annehmen, Abbie. Falls nicht, werde ich das Sorgerecht für Mario einklagen, denn du kannst ihm ja nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf bieten. In Sizilien ist er viel besser aufgehoben. Ich kann ihm eine ausgezeichnete Erziehung und Ausbildung, ein angenehmes Zuhause und eine gute Zukunft bieten.“

„Und was ist mit Liebe?“

„Ich werde ihm ein guter Vater sein. Das verspreche ich dir.“

„Das beruhigt mich ungemein“, sagte sie ironisch.

„Wenn du mir nicht glaubst, musst du eben mitkommen, um dich persönlich zu überzeugen, wie ernst es mir ist.“

„Aber ich kann doch hier nicht alles stehen und liegen lassen!“, rief sie verzweifelt. „Was ist mit den Angestellten? Wer kümmert sich um die Pferde?“

Damon lächelte zufrieden, als ihm bewusst wurde, dass er Abbie fast so weit hatte. „Ich engagiere einen Geschäftsführer und verschaffe mir später einen genaueren Überblick. Es wird nicht lange dauern, eine Lösung für das Gestüt zu finden. Mit Geld kommt man immer ans Ziel.“

„Als ob ich das nicht wüsste.“ Abbie rang sich ein verbittertes Lächeln ab. Es widerstrebte ihr, sich von Damon kaufen zu lassen. Doch sosehr sie auch über eine Alternative nachdachte, ihr fiel keine ein. Leider hatte Damon recht: Sie konnte Mario nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf bieten, nachdem sie das Gestüt an Damon verloren hatte. Was also sollte sie tun? Wo würden sie und Mario abbleiben?

Es brach ihr fast das Herz, die geliebten Tiere und die Mitarbeiter im Stich zu lassen. Was sollte aus ihnen werden? Und was würde mit Benjo geschehen? Ihrem geliebten dreijährigen Wallach, den sie aus den Fängen von Tierquälern gerettet hatte.

„Ich kann nicht …“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

Ihre Verzweiflung rührte ihn. Die war nicht gespielt. Schon damals hatte sie immer wieder etwas Verletzliches an sich gehabt, das seinen Beschützerinstinkt weckte. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und vor der ganzen Welt in Schutz genommen. Doch dann fiel ihm ein, wie ihr Vater und sie ihn hintergangen hatten. Abbie hatte ihn zum Narren gemacht!

Also riss er sich zusammen und sagte kühl: „Hör auf mit dem Theater, Abbie. Das zieht bei mir nicht. Hast du das immer noch nicht kapiert?“

Sie schluckte die Tränen hinunter und hob herausfordernd das Kinn. Er war so kalt und rücksichtslos, und er sollte nicht wissen, wie sehr er sie damit verletzte.

„Komm mit nach Sizilien. Das ist das Beste für unseren Sohn. Dort kann er bei beiden Eltern aufwachsen und ein sorgloses Leben führen. Und du wirst einen Ring am Finger tragen. Was willst du mehr?“

„Ich soll dir wohl auch noch dankbar sein?“ Wütend funkelte sie ihn an. „Mit dem Ring bringst du doch nur zum Ausdruck, dass ich dir gehöre.“

„Na und? Er ist aber auch mit vielen Privilegien verbunden.“

„Als Gegenleistung dafür, dass ich dir meine Gunst schenke.“

„Gunst? Was für ein altmodisches Wort“, sagte er amüsiert. „Nein Abbie, so läuft das nicht.“ Er stand auf und kam auf sie zu. „Tatsache ist, dass dir gefällt, was ich für dich tun kann.“

Zärtlich streichelte er ihre Wange. Sofort prickelte es an ihrem ganzen Körper – vor Verlangen. Es war unglaublich. Verstört sah sie auf.

„Wir passen sehr gut zueinander“, sagte Damon sachlich, doch sein heißer Blick verriet, was er meinte. „Und wir werden viel Spaß miteinander haben, Abbie.“

Heiße Wogen des Verlangens durchfluteten sie, als er ihren sinnlichen Mund betrachtete.

„Komm schon, Abbie.“ Behutsam strich er mit dem Daumen über ihre Lippen. „Sag ja.“

Die Sehnsucht nach seinen Liebkosungen wurde immer größer. Warum küsste er sie nicht endlich? Dieser Mann musste sie nur ansehen, schon schmolz sie förmlich dahin.

Autor

Barbara Dunlop
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