Kalter Deal um heiße Gefühle

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Die heiße Affäre mit Justin hat Sadie niemals vergessen – denn ihr gemeinsamer Sohn erinnert sie stets daran! Als Justin plötzlich Interesse an dem Kleinen zeigt, ist sie hin- und hergerissen. Will er eine Zukunft mit ihr – oder verfolgt er andere Absichten?


  • Erscheinungstag 13.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542975
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Leseprobe

Maureen Child

Kalter Deal um heiße Gefühle

1. KAPITEL

Justin Carey sah sich im Konferenzraum der Carey Corporation um und war sich wieder bewusst, warum er Familientreffen normalerweise schwänzte.

Er saß bereits seit einer halben Stunde hier, und sie waren dem Ende des Meetings nicht näher als zu Beginn des Treffens. Das Carey-Vermächtnis erforderte mindestens ein Treffen im Monat, und Justin blieb diesen Treffen so oft wie möglich fern. Natürlich wollte er auch Zeit mit seiner Familie verbringen. Aber er war definitiv nicht daran interessiert, ein Teil der Carey-Familienkette zu werden.

Das Carey Center, im Grunde ein Palast für darstellende Künste, war die Grande Dame unter ihren Besitztümern. Aber es gab auch ein Fünf-Sterne-Restaurant, ein exklusives Einkaufszentrum namens FireWood und Dutzende von Immobilien. Nichts davon interessierte Justin.

Er wollte seinen eigenen Weg gehen. Seinen eigenen Beitrag zum Vermächtnis der Careys leisten. Er hatte das Gefühl gehabt, er würde ersticken, wenn er sich hier einreihte und ein Büro auf dem „Mutterschiff“ übernahm.

Dennoch musste er zugeben, dass die letzten Monate positive Veränderungen mit sich gebracht hatten. Seine Schwestern, Amanda und Serena, sprachen von nichts anderem mehr als ihren bevorstehenden Hochzeiten. Und der Älteste der Geschwister, Bennett, schien fast entspannt zu sein. Was einfach nervte.

Bennett war immer der Ehrgeizigste von ihnen gewesen. Er führte ein Leben nach Zeitplänen und Listen – und doch umspielte ein kleines selbstzufriedenes Lächeln seinen Mund, seit er sich heute Morgen hingesetzt hatte. Zurückgelehnt saß er auf dem schwarzen Ledersessel am Kopfende des Tisches und beobachtete die Familie wie ein wohlwollender alter Onkel. Erstaunlich, was die Liebe zu Hannah Yates, einer außergewöhnlichen Bauunternehmerin, bei Bennett bewirkt hatte.

Während Justin darauf wartete, dass die Sitzung nach einer kurzen Pause wieder aufgenommen wurde, beobachtete er seine Schwestern. Amanda und Serena blätterten wie wild in einem Brautmodenmagazin, wobei sie gelegentlich seufzten oder einen leisen Schrei der Zustimmung ausstießen.

Nur die Beziehung seiner Eltern hatte sich nicht verändert. Der „Rentenkrieg“, wie seine Geschwister und er es nannten, war immer noch in vollem Gange. Sein Vater, Martin, hatte seiner Frau versprochen, in den Ruhestand zu gehen, sobald Bennett die Leitung der Carey Corporation übernommen hatte. Mittlerweile war Bennett der CEO, doch Martin konnte nicht loslassen. Deshalb war Justins Mutter, Candace, aus dem gemeinsamen Haus aus- und bei Bennett eingezogen.

Justin musste schmunzeln bei dem Gedanken daran, wie hart Bennett daran gearbeitet hatte, seine Mutter aus dem Haus zu bekommen – ohne Erfolg. Aber seit auch Hannah bei ihm eingezogen war, schien es ihm nicht mehr so viel auszumachen. Nur eine weitere verblüffende Veränderung unter vielen anderen. Verdammt, vielleicht sollte er doch häufiger an den Meetings teilnehmen. Nur so bliebe er auf dem Laufenden.

„Candy“, sagte Martin Carey, „es wird Zeit, dass dies ein Ende findet. Wir haben zwei Töchter, die heiraten werden, und Hannah ist bei Bennett eingezogen. Die beiden möchten vermutlich etwas Privatsphäre …“

„Zieh mich da nicht mit rein“, sagte Bennett.

Justin schwieg und beobachtete das Spielchen.

„Candy, komm nach Hause, und wir sprechen über den Ruhestandsplan.“

Candace tippte mit dem Finger auf die Tischplatte und schüttelte den Kopf. „Nein, Marty. Ich komme nicht nach Hause. Ich fühle mich in Bennetts Haus sehr wohl. Tatsächlich genießen Hannah und ich es, diesen beigefarbenen Palast in ein Zuhause zu verwandeln.“

„He …“, mischte Bennett sich wieder ein, und jetzt blickten sogar Justins Schwestern auf und hörten zu.

„Tut mir leid, mein Lieber“, sagte Candace. „Aber du weißt, wie begabt Hannah darin ist, Häuser wieder zum Leben zu erwecken.“

Bennett seufzte und zog ein finsteres Gesicht.

„Die Küche wird gerade renoviert, und das Wohnzimmer ist bereits in einem wundervollen dunklen Waldgrün gestrichen …“

„Mich interessiert nicht, was du mit Bennetts Haus anstellst“, grummelte Martin.

„Sollte es aber. Es wird wunderschön.“

„Candy, ich vermisse dich“, sagte Martin und biss die Zähne zusammen. „Es wird Zeit, dass du zu mir zurückkommst. Rede mit mir.“

„Es ist bereits alles gesagt“, erwiderte Candace leise. „Du weißt, was du tun musst, wenn du diesen Zustand beenden willst.“

Justin zuckte zusammen. Er wusste, wie sehr sich seine Eltern liebten, aber er wusste auch, dass seine Mutter nicht nachgeben würde, wenn sie sich im Recht fühlte.

„Du bist wirklich uneinsichtig“, klagte Martin.

„Und du hast dein Wort gebrochen.“

Er zog ein beleidigtes Gesicht. „Das habe ich nicht.“

„Entschuldige“, sagte Candace und blickte sich im Raum um. „Sind wir gerade auf einem Kreuzfahrtschiff? Ist es mir nur entgangen?“

Martin knirschte mit den Zähnen, und Justin wollte seinem Vater sagen, dass er einfach nachgeben sollte. Candace fand immer einen Weg zu gewinnen. Keines ihrer vier Kinder hatte es je geschafft, sie umzustimmen. Und ihr Mann würde es auch nicht schaffen.

Während die Familie übereinander und miteinander sprach, setzte Justin sich zurück und betrachtete alles aus der Sicht eines Außenstehenden. Denn im Grunde war er genau das.

In der Welt der Maßanzüge und hohen Erwartungen war er der Typ mit der schwarzen Armani-Lederjacke, der seinen eigenen Weg ging. Er nahm nicht gern Befehle entgegen und hatte nicht das geringste Interesse am Familienunternehmen.

Und niemand in der Familie verstand das.

Sein ganzes Leben lang war ihm das Vermächtnis der Careys wie ein Reifen vorgehalten worden, durch den er springen musste. Er vermutete, dass so mancher das als ein Versprechen auf eine Zukunft sah. Ein Weg, der sauber angelegt vor ihm lag.

Für Justin jedoch führte dieser Weg nicht dorthin, wo er sein wollte. Er liebte seine Familie, aber der Gedanke, jeden Tag seines Lebens hinter dem Schreibtisch zu verbringen, kam ihm wie eine Gefängnisstrafe vor.

Und er hatte früh gelernt, dass der Versuch, es seiner Familie recht zu machen, für ihn vergebliche Liebesmühe bedeutete. Als Jüngster unter den Geschwistern musste er feststellen, dass jeder eine Meinung dazu hatte, was er zu tun hatte. Und damit er ihnen nicht eines Tages grollte, weil sie sich zu sehr in sein Leben einmischten, musste er sich abnabeln.

Musste seinen Weg finden, einen individuellen Beitrag zur Carey Corporation zu leisten.

Und jetzt hatte er ihn. Er war fast so weit, seiner Familie zu zeigen, dass er mehr war als nur „der Jüngste“.

„Okay, lasst uns über die Sommerkonzertreihe sprechen“, sagte Bennett, und die Gespräche verebbten langsam.

Die Sonne schien in den Raum, aber dank der getönten Scheiben war das Licht gedämpft. An der Wand hingen gerahmte Familienfotos, außerdem Fotos vom Carey Center, dem Restaurant und dem Einkaufszentrum. Eines Tages, so sagte Justin sich, würde es gerahmte Fotos von seinem Beitrag zum Familienunternehmen geben. Er freute sich darauf.

„Alles läuft nach Plan, Bennett“, sagte Amanda, die immer noch in dem Brautmodenmagazin blätterte.

„Danke für deine Aufmerksamkeit, Mandy“, sagte Bennett trocken.

Sie sah ihn an. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich die Konzertreihe durchführe, Bennett. Ich habe jeden Abend einen vollen Saal. Unsere Stammdarsteller freuen sich, hier zu sein, und die neuen Künstler können es kaum erwarten, im berühmten Carey Center aufzutreten. Der Ticketverkauf geht durch die Decke, und wir haben die Pläne für den Pub und den Fußweg zwischen dem Center und dem neuen Lokal fertig, und sie sind fantastisch.“

„Wann beginnen die Arbeiten an dem neuen Projekt?“ Bennett sah sie an.

„Hannah hat, wie du weißt, den Entwurf gemacht …“

Bennett nickte.

„Da sie mit dem Bau von Allis Schloss und der Stützmauer bei Jacks Haus beschäftigt ist, haben wir einen anderen Bauunternehmer für das Projekt gefunden. Wir sollten nächsten Monat mit dem Bau beginnen können.“

„Gute Nachrichten“, sagte Bennett. „Hannah wird mit dem Schloss in ein paar Wochen fertig sein, aber sie hat jetzt schon Aufträge für die nächsten zwei Monate in der Tasche. Ganz abgesehen davon, dass einige ihrer Leute in meinem Haus sind, um einen Frühstücksraum an die Küche anzubauen und alle Wände zu streichen.“

„Hurra“, jubelte Amanda. „Kein Beige mehr.“

„Sehr lustig“, entgegnete Bennett.

„Wie auch immer“, Amanda nickte ihrer Schwester zu. „Serena hat noch ein paar neue Punkte zu dem Summer-Stars-Programm, aber was mich angeht, läuft alles wie geschmiert.“ Sie holte Luft, sah ihn durchdringend an und erinnerte ihn: „Außerdem heirate ich in ein paar Monaten, und ich brauche etwas Zeit, um die Hochzeit zu planen.“

„Ich weiß.“ Er richtete den Blick auf die andere Schwester. „Okay, Serena. Die Gewinner der Summer Stars. Sind sie fit für den Auftritt in diesem Sommer?“

Sie nickte, und ihr blondes Haar umschmeichelte ihre Schultern. „Natürlich, Bennett. Hältst du mich für inkompetent?“

„Was? Nein. Natürlich nicht.“ Bennett schaute sich am Tisch um, und Justin konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er aussah, als überlegte er, wie er sich aus der Bredouille herausreden konnte. „Ich versuche nur …“

„Zu kontrollieren?“, fragte Serena und stand langsam auf. „Warum glauben Männer, sie hätten die Antwort auf alles, und wir sind nur diejenigen, die ihnen zujubeln?“

„Ich glaube nicht …“

„Ihr seid alle gleich“, sagte Serena, und Justin bemerkte erschrocken, wie sich die Augen seiner sensiblen Schwester mit Tränen füllten.

„He“, sagte Bennett und erhob sich ebenfalls. „Ich versuche nicht, dich zu kontrollieren, Serena. Aber ich kann es, wenn du möchtest.“

„Ganz ehrlich, Bennett? Du könntest versuchen, hilfreich zu sein.“ Amanda zeigte mit dem Finger auf ihren Bruder. „Ihr haltet alle zusammen, egal was passiert.“

„Was ist denn hier los?“, fragte Martin.

„Keine Ahnung“, erwiderte Candace und sah ihre Tochter besorgt an.

„Bennett …“ Justin sah seine Schwestern an und sagte dann: „Vielleicht sollten wir uns erst einmal beruhigen und …“

„Du hältst dich da raus“, sagte Serena und wischte sich eine Träne von der Wange. „Du bist nie hier, Justin, und jetzt schlägst du dich auf Bennetts Seite gegen mich?“

„Ich ergreife für niemanden Partei“, protestierte er und blickte Hilfe suchend zu seinem Bruder. Aber Bennett war genauso verwirrt.

„Auf wessen Seite soll ich denn stehen?“, fragte Bennett. „Wovon redest du?“

„Jack“, antwortete sie kurz angebunden. „Von Jack natürlich. Er will diesen Sommer heiraten, und wir haben keine Zeit. Es ist bereits Sommer, verdammt noch mal. Ich will bis Weihnachten warten …“

„Klar, weil du um Weihnachten herum ja nichts zu tun hast“, murmelte Justin.

„Du bist auch auf Jacks Seite“, sagte Serena.

„Süße“, sagte Candace leise. „Das ist keine Tragödie. Wir werden uns schon etwas einfallen lassen.“

„Ich kann mich mit all dem heute nicht befassen.“ Serena verließ den Raum, und Amanda sah ihr nach.

„Siehst du, was du getan hast? Ich kann nicht glauben, dass du so unsensibel bist, Bennett. Hat Hannah schon diese hässliche Seite an dir kennengelernt?“ Amanda nahm ihr Brautmodenmagazin.

Sie lief Serena hinterher, und Bennett sah Justin an. „Was zum Teufel war das denn gerade? Ich habe nach den Summer Stars gefragt, und plötzlich bin ich unsensibel?“

„Keine Ahnung.“ Justin sah Candace an. „Mom, hast du eine Ahnung, was da los ist?“

Candace erhob sich langsam, sah ihre Söhne an und richtete ihren Blick dann kurz auf ihren Mann. „Was los ist? Ihr Männer weigert euch wieder einmal, uns zuzuhören. Und leider gilt das auch für Jack und vermutlich auch für Henry. Ich vermute, keiner von euch kann etwas dafür. Es liegt einfach an eurem Geschlecht.“

„Moment“, sagte Martin, der ebenfalls aufgestanden war. „Wie bin ich da nur reingeraten?“

„Du bist ein Mann, und du hörst nicht zu.“ Candace drehte sich um und folgte ihren Töchtern. Martin war nur ein oder zwei Schritte hinter ihr.

Justin sah Bennett an. „Was zum Teufel haben wir getan?“

„Wir wurden als Männer geboren. Ich bin froh, dass du hier bist und diese hitzige Auseinandersetzung miterlebt hast.“

„Ja. Wirklich schön, dass ich mir die Zeit genommen habe, zu diesem Familientreffen zu kommen.“

Bennett runzelte die Stirn. „Wenn du häufiger kämst, könntest du mir helfen, mit unseren Schwestern besser fertigzuwerden.“

„Ja, aber nein, danke.“ Justin grinste und steckte die Hände in die Taschen. „Du bist der CEO. Es ist dein Job, dich um den Scheiß zu kümmern.“

„Das steht nicht im Vertrag“, murmelte Bennett.

„Dad hat dich einen Vertrag unterschreiben lassen?“

„Egal.“ Bennett schüttelte den Kopf. „Warum bist du überhaupt zum heutigen Treffen gekommen? Das sich übrigens zum kürzesten Familientreffen der Geschichte entwickelt hat, allen kleinen Geschäftsgöttern sei Dank.“

Justin lachte kurz auf. Das war eine Seite an seinem älteren Bruder, die er nicht kannte. „Verdammt, Bennett, ich habe noch nie erlebt, dass dich diese Treffen nerven. Was ist mit dir passiert?“

Bennett zog einen Mundwinkel hoch, und sein Blick wurde weicher. „Ich habe Hannah gefunden und entdeckt, wie es ist, ein richtiges Leben zu haben.“

Hannah Yates, Bauunternehmerin und offenbar auch Bruderbändigerin. Er selbst hatte sie nur ein einziges Mal getroffen, bei einem großen pompösen Dinner im The Carey – dem Vorzeigerestaurant des Familienunternehmens, das Hannah und ihr Team nach einem Brand komplett wiederaufgebaut hatten. Aber schon bei diesem einen Treffen waren Justin die Veränderungen aufgefallen, die sie bei seinem Bruder bewirkt hatte.

Und verdammt, wenn Bennett Carey sich ändern konnte, dann war alles möglich.

Justin lächelte. „Ich bin nur gekommen, um dir persönlich dafür zu danken, dass du mir vor ein paar Wochen das Geld geliehen hast. Ich möchte es dir heute zurückgeben.“ Er reichte Bennett einen Scheck und war im Stillen dem Großvater dankbar, der jedem der Geschwister ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte. Dennoch, es gab einige Hürden zu überwinden, wenn man auf das Geld zugreifen wollte. Er aber hatte das Geld schnell gebraucht, und Bennett hatte geholfen. Justin würde es ihm nicht vergessen.

Bennett legte den Scheck auf den Tisch. „Darf ich jetzt erfahren, wofür du es gebraucht hast?“

Justin grinste. Er war seit drei Monaten an dieser Sache dran. Verdammt, länger, wenn er in Betracht zog, dass er vor anderthalb Jahren zum ersten Mal versucht hatte, das Geschäft abzuschließen.

Aber es spielte keine Rolle mehr, wie lange es gedauert hatte. Der Punkt war, dass der Deal jetzt abgeschlossen war. Er hatte die Zahlung erst vor ein paar Wochen geleistet, und es gab kein Zurück mehr. Die Weichen waren gestellt, jetzt musste er nur noch allen beweisen, dass er wusste, was er tat. Dass die Gründung eines neuen Zweigs der Carey Corporation das Richtige für ihn war.

„Erde an Justin.“

„Was?“

„Ich habe gefragt, ob ich jetzt erfahre, wofür du das Geld gebraucht hast. Warum du in den letzten Monaten so ein Geheimnis darum gemacht hast, was du tust.“

Er war immer noch nicht bereit, es seiner Familie zu sagen.

Bennett seufzte. „Also nein. Ich sehe es deinem Gesicht an.“

„Ja, es ist ein Nein. Heute. Aber bald erfährst du es“, versicherte Justin ihm.

„Klar.“ Bennett lachte. „Das habe ich schon oft von dir gehört. Doch nichts ändert sich.“

„Bald, Bennett. Du wirst es früh genug sehen.“

Das war das Problem, wenn man der Jüngste in der Familie war. Jeder hatte das Gefühl, ein Mitspracherecht in seinem Leben zu haben. Sie wollten „helfen“, aber zu oft endete es damit, dass sie versuchten, ihn auf einen ihrer Meinung nach sicheren Weg zu lenken.

Nun, Justin war an „sicher“ nicht interessiert. Er kümmerte sich nicht um die Erwartungen, die an ihn gestellt wurden. Er wollte seinen eigenen Weg gehen und seiner Familie endlich beweisen, dass er, auch wenn er nicht in das Familienunternehmen eingetreten war, ein echter Carey war.

Ein paar Stunden später war Justin genau dort, wo er sein wollte.

Er stand auf einer Schieferterrasse und schaute über den Pazifik, der sich vor ihm erstreckte. Schwere graue Wolken zogen am Horizont auf und kamen schnell näher. Und hinter ihm stand das Hotel, das sein Anteil an der Carey-Familienkette sein würde.

Alles hing von dieser Sache ab. Er hatte vor Jahren Stellung bezogen – nicht gegen seine Familie, aber dagegen, in das Familienunternehmen hineingezogen zu werden. Und dies war seine Chance zu beweisen, dass dieser Schritt der Richtige gewesen war.

Hier in La Jolla, nur wenige Meilen von San Diego entfernt, war er gut zwei Stunden von Orange County, Kalifornien, entfernt, wo der Lebensmittelpunkt seiner Familie war. Hier war er nicht der Jüngste der Carey-Geschwister. Hier war er derjenige, der er sein wollte, verdammt noch mal.

Er liebte seine Familie, aber er hatte sich immer wie der sprichwörtliche quadratische Pflock gefühlt, den man in ein rundes Loch zu drehen versucht. Irgendwann hatte er schließlich den Entschluss gefasst, seinen eigenen Weg zu gehen.

Seine Familie verstand das nicht. Für sie war er immer noch das schwarze Schaf. Der Rebell. Aber sobald er ihnen gesagt hatte, an was er arbeitete, würde sich das vielleicht ändern. Vielleicht.

Während die kalte Meeresbrise über ihn hinwegwehte, sein Haar zerzauste und an seiner schwarzen Lederjacke zerrte, hallte in seinem Kopf das letzte Gespräch mit seinem älteren Bruder an diesem Morgen wider.

„Du gehst der Familie seit Monaten aus dem Weg, Justin. Es wird Zeit, dass du uns sagst, was du vorhast.“

„Das werde ich. Bald.“

„Das hast du letzten Monat auch schon gesagt.“

Als Jüngster der vier Geschwister war Justin daran gewöhnt, dass die Familie ihn entweder an die Kandare nehmen oder ihm „Ratschläge“ geben wollte, wie er sein Leben führen sollte. Diesmal würde er seine Pläne für sich behalten, bis alles in trockenen Tüchern war.

Er liebte seine Familie. Sie alle. Aber dieses musste er für sich selbst tun.

„Ich bin fast so weit, Bennett“, sagte er. „Glaube mir, ich möchte, dass ihr alle es wisst.“

„Gut.“ Bennetts Seufzer war geduldig und genervt zugleich. Justin wusste nicht, wie er das schaffte. „Ich bin froh, dass du heute gekommen bist. Du könntest versuchen, an mehr Familientreffen teilzunehmen.“

Jetzt war es an Justin zu seufzen. „Ich bin nicht Teil der Carey Corporation, Bennett.“

„Du bist aber Teil der Carey-Familie, Justin. Es wird langsam Zeit, dass du dich auch so verhältst.“

Bei der Erinnerung an den Schlagabtausch rollte Justin die Schultern, als wollte er Bennetts letzte spitze Bemerkung abschütteln. Sie hatte wehgetan, denn es steckte viel Wahres darin. Er vermisste seine Familie wirklich. Aber solange er nicht fest in seinem eigenen Geschäft verankert war, würde er sich zurückhalten. So wie er bisher getan hatte.

Justin starrte auf das aufgewühlte Meer und beobachtete, wie die Wellen ans Ufer schlugen, sich kräuselten und ein wellenartiges Muster in den Sand malten. Strandläufer trippelten über den nassen Sand und hinterließen ihre winzigen Spuren, bis das Wasser sie wegspülte.

Warum um alles auf der Welt sollte er an einem Meeting in der Firmenzentrale teilnehmen wollen, wenn er hier stehen konnte, zwischen dem Meer und dem Hotel, das sein Beitrag zum Familienvermächtnis sein würde?

Er bewunderte, was seine Familie aufgebaut hatte – im Grunde einen Tempel der Kunst –, aber es war nicht seins. Es hatte ihn nie so in den Bann gezogen, wie das bei seinen Geschwistern der Fall war. Selbst seine Schwester Serena war Teil des Unternehmens geworden, und wie er gehört hatte, machte sie ihren Job verdammt gut. Aber Justin wollte sich selbst einen Namen machen. In dieser Hinsicht war er wie sein Vater und sein älterer Bruder.

Sie hatten dem Carey Center ihren Stempel aufgedrückt. Er würde sich abseits des Centers einen Namen machen. Jeder von ihnen tat es auf seine Weise.

Und hier war der Ort, wo er es tun würde.

„Hey“ rief eine Stimme hinter ihm. „Ich suche dich schon seit einer halben Stunde.“

Justin drehte sich um und lächelte, als Sam Jonas auf ihn zukam. Groß und schlaksig, mit langen blonden Haaren, in abgewetzten Jeans und einem verblichenen roten T-Shirt sah Sam nach dem aus, was er selbst war, ein Surfer. Zudem war er Miteigentümer von Jonas and Son Builders und kümmerte sich derzeit um die Sanierung des Hotels.

„Hey, Sam.“

„Ich hätte wissen müssen, dass ich dich hier draußen finde“, sagte Sam und hielt sein Gesicht in den Wind.

„Schwer zu widerstehen“, gab Justin zu. Auf dem Meer gab es ein paar Surfer und einige kleine Segelboote, deren bunte Segel sich im Wind aufblähten. Und die Gewitterwolken kamen gerade näher. „Eine Wahnsinnsaussicht.“

„Das ist es.“

Vor fünf Jahren hatte er Sam vor einem Pub in Irland kennengelernt, als sie beide auf einsamen Rucksacktouren durch Europa unterwegs waren. Da sie die einzigen Amerikaner waren, hatten sie sich schnell angefreundet und waren die nächsten Monate gemeinsam gereist.

Ihre Freundschaft hielt noch lange nach dem Ende der Reise an. Sam war in das Geschäft seines Vaters eingestiegen, und jetzt arbeitete seine Firma Jonas and Son Builders von San Diego aus. Auch wenn Justin selbst kein Interesse am Unternehmen seiner Familie hatte, so beneidete er Sam manchmal darum, tun zu können, was er liebte, und trotzdem seine Familie zufriedenzustellen.

„Warum hast du nach mir gesucht?“

„Was? Ach so. Ich wollte dir sagen, dass die Innenarchitekten mit der Einrichtung der Hotelzimmer begonnen haben.“

„Das sind gute Nachrichten.“ Da die vordere Seite des Hotels – die Seite mit Meerblick – fast fertig war und die Arbeiten in den anderen Zimmern zügig vorangingen, würden sie das Haus Ende des Monats wieder eröffnen können.

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