Rettungslos verliebt

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Verzaubert ist die junge Tierärztin Lydia von der idyllischen Umgebung der australischen Farm, auf der sie einen Kollegen vertritt. Noch faszinierender findet sie jedoch den berühmten Künstler Joe Jordan. Ihm gehört das Anwesen zur Hälfte. Er bittet Lydia, mit ihm hier zu leben. Heiraten will er aber nicht. Deshalb reist sie traurig ab. Ein Fehler, wie sie bald weiß …
  • Erscheinungstag 28.02.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755782
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Natürlich will ich nicht mit Ihnen schlafen!“, erklärte Lydia Kelso empört.

Joe Jordan blickte sie amüsiert, aber auch überrascht an.

Sie hatte volles dunkelblondes Haar mit von der Sonne aufgehellten Strähnen, das ihr wie eine wilde Mähne über die Schultern fiel. Ihre Haut wirkte seidenweich, und ihre Augen waren tiefblau. Obwohl sie nicht so eine auffallende Erscheinung war wie ihre Schwester, war sie mit der feinen Haut, den schön geschwungenen und zugleich streng aussehenden Lippen und den wunderschönen Augen ungewöhnlich attraktiv. Außerdem kam sie ganz ohne Make-up aus.

In dem dunkelblauen Nadelstreifenhosenanzug und den eleganten schwarzen Schuhen mit den flachen Absätzen wirkte sie beinah knabenhaft schlank. Sie hatte einen schönen Hals, schmale, gepflegte Hände, und ihre Fingernägel waren nicht lackiert. Am linken kleinen Finger trug sie einen Herrensiegelring und am linken Handgelenk eine Herrenarmbanduhr.

Daisy Kelso war kleiner als ihre Schwester, und mit der üppigen Figur, den veilchenblauen Augen und der supermodischen Kleidung zog sie sogleich die Blicke aller auf sich.

Joe zuckte die Schultern. Dann zog er ironisch eine Augenbraue hoch und sagte: „Ich habe Sie nur gefragt, weil Ihre Schwester mir bei der ersten Begegnung vorgeschlagen hat, mit ihr zu schlafen. Es hätte ja sein können, dass so etwas bei Ihnen in der Familie liegt.“

„Sie sollten mit Ihrem Urteil vorsichtig sein, Mr. Jordan. Nicht alle Familienmitglieder lassen sich über einen Kamm scheren“, erwiderte Lydia kühl.

„Heißt das, Sie missbilligen das Verhalten Ihrer Schwester?“

Lydia atmete tief ein und beschloss, ehrlich zu sein. „Es gefällt mir nicht, dass Daisy sich ausgerechnet für Sie entschieden hat.“

„Aber Sie kennen mich doch noch gar nicht“, wandte er ein. Man merkte ihm deutlich an, wie belustigt er war.

„Ihr Ruf geht Ihnen voraus, doch …“

„Okay“, unterbrach er sie und nahm den Kugelschreiber in die Hand. „Sagen Sie mir doch genau, was Sie über mich wissen, Lydia Kelso. Dann können wir uns darüber unterhalten, ob es wahr oder erfunden ist.“

Will er mich austricksen? überlegte Lydia und blickte sich in dem farbenprächtigen Arbeitszimmer um. An den Wänden hingen Poster, die Regale aus honigfarbenem Kiefernholz waren voller Bücher und Zeitschriften, und auf dem polierten Holzfußboden lag ein etwas abgetretener gelber Teppich mit rubinrotem Muster. Auf dem Tisch hinter Joe standen zwei Computer und in der Ecke eine sehr gesund aussehende Kentiapalme in einem Weidenkorb.

Schließlich sah Lydia ihn über den unordentlichen Schreibtisch hinweg wieder an. Als sie bemerkte, wie herausfordernd es in seinen Augen aufblitzte, versteifte sie sich und schwieg sekundenlang, um sich ihr weiteres Vorgehen zurechtzulegen. Es war leicht gewesen, diesen Mann zu verurteilen, ohne ihn zu kennen. Doch jetzt begriff sie, weshalb Daisy so begeistert war.

Er ist ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe, überlegte Lydia, während sie sein volles hellbraunes Haar, die braunen Augen und seine Sommersprossen betrachtete. Die Ärmel des khakifarbenen Buschhemds hatte er hochgekrempelt, sodass die Härchen auf seinen Armen in der Sonne, die zaghaft durchs Fenster hereinschien, goldblond schimmerten. Zu dem Buschhemd trug er Jeans und braune Wüstenboots.

Aber wie sollte man ihn beschreiben? Auf jeden Fall ist er groß, sogar groß genug für mich, dachte Lydia. Außerdem war er breitschultrig, schlank und attraktiv.

Sie lächelte, während sie überlegte, was genau das bedeutete. Wenn es hieß, dass alle Proportionen stimmten und er natürliche Kraft und Stärke ausstrahlte, ja, dann konnte man ihn wirklich als attraktiv bezeichnen. Doch er wirkt auch sehr interessant und charismatisch, ohne dass ich momentan erklären könnte, warum, fügte sie in Gedanken hinzu. Ihn näher kennen zu lernen könnte eine aufregende und reizvolle Erfahrung sein.

Plötzlich schüttelte Lydia den Kopf. Sie erinnerte sich daran, dass er ihr vorgeschlagen hatte, mit ihr zu schlafen, obwohl sie sich gerade erst begegnet waren.

„Wir wissen doch alle, wie clever Sie sind, Mr. Jordan. Sie sind einer der bekanntesten Cartoonisten im ganzen Land, aber …“

„Werfen Sie mir das etwa vor? Und wenn ja, warum?“

„Wie wäre es damit: Weil Sie es glänzend verstehen, sich über andere lustig zu machen, sodass sie sich dumm vorkommen müssen?“, erwiderte sie betont liebenswürdig.

„Ich tue es nur, wenn es jemand verdient hat“, wandte er freundlich ein.

„Ah ja. Und Sie irren sich natürlich nie, wenn Sie entscheiden, wer es verdient und wer nicht, stimmt’s?“

Joe Jordan runzelte die Stirn und beugte sich vor. „Habe ich etwa Freunde von Ihnen beleidigt?“

„Nein. Aber es wäre immerhin möglich.“

Er fuhr sich durchs Haar. „Und deshalb haben Sie etwas dagegen, dass ich mit Ihrer Schwester befreundet bin?“, fragte er ironisch.

„Es ist der Grund dafür, weshalb ich gewisse Bedenken habe, Mr. Jordan“, erklärte Lydia. „Natürlich mache ich mir Sorgen um meine Schwester, wenn sie sich mit einem Playboy einlässt. Oder wollen Sie abstreiten, dass Sie in dem Ruf stehen, sich gern mit schönen Frauen zu umgeben?“

„Lydia, sind Sie vielleicht eifersüchtig auf Ihre schöne und sehr weiblich wirkende Schwester?“ Seine Stimme klang sanft. „Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber das, was Sie da sagen, klingt irgendwie sauertöpfisch.“

Lydia lächelte belustigt. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Meine Schwester hat jedenfalls Pläne, die Ihnen wahrscheinlich nicht bekannt sind und Ihnen auch nicht gefallen würden.“

„Beispielsweise Heiratspläne“, sagte er erschöpft. „Passen Sie auf, ich kann …“ Als er ihren verächtlichen Blick bemerkte, unterbrach er sich unvermittelt.

„Sie können gut auf sich selbst aufpassen, wollten Sie sagen? Ja, davon bin ich überzeugt.“

„Du liebe Zeit, Daisy und ich sind nur Freunde, Miss Kelso.“ Er rieb sich das Kinn. „Wenn Sie glauben, ich hätte ihr falsche Versprechungen gemacht, täuschen Sie sich.“ Plötzlich runzelte er die Stirn. „Ist sie nicht die Ältere?“

„Daisy ist neunundzwanzig, ich bin sechsundzwanzig. Aber da ist etwas, was Sie sicher nicht verstehen, Mr. Jordan, und ich werfe es Ihnen auch nicht vor, doch …“ Lydia machte eine Pause, um die richtigen Worte zu finden.

„Reden Sie weiter, ich bin schon ganz gespannt“, forderte er sie ironisch auf.

„Unser Vater ist Dichter und Schriftsteller, unsere Mutter war Pianistin. Sie ist gestorben, als wir noch klein waren. Die Schwester meines Vaters, eine Bildhauerin, hat uns großgezogen.“

„Eine Künstlerfamilie“, stellte Joe Jordan fest und fuhr ziemlich gelangweilt fort: „Daisy spielt Geige – ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, was Sie machen, Miss Lydia Kelso!“

„Oh, ich bin Tierärztin“, antwortete sie betont gleichgültig und betrachtete zufrieden seine überraschte Miene.

„So? Und was wollen Sie damit beweisen?“ Er sah sie aufmerksam an.

„Dass ich die Einzige in der Familie bin, die nicht künstlerisch begabt ist, sondern mit beiden Füßen fest auf der Erde steht.“

„Mit anderen Worten, Ihre ganze Familie ist ein bisschen verrückt?“

„Nein, überhaupt nicht, nur manchmal ziemlich exzentrisch und naiv, zuweilen auch sehr emotional und leidenschaftlich. Und dann neigt man dazu, die Dinge zu überstürzen. Andererseits sind meine Angehörigen warmherzige und wunderbare Menschen, und ich würde nie zulassen, dass jemand sie verletzt.“ Lydia blickte Joe ernst an.

Diese Frau macht mich nervös, gestand Joe Jordan sich ärgerlich ein. „Was will denn Daisy so überstürzt tun? Ich nehme an, das ist das eigentliche Problem, oder?“

Lydia lächelte ihn an. „Ich verrate es Ihnen, Mr. Jordan. Daisy ist entschlossen, ein Baby von Ihnen zu bekommen, mit oder ohne Trauschein.“

Sekundenlang war Joe Jordan verblüfft. Er nahm sich jedoch rasch wieder zusammen. Aber ehe er antworten konnte, fuhr Lydia fort: „Momentan möchte sie lieber auf den Trauschein verzichten. Ich glaube, ihre Vorbilder sind Jodie Foster, Madonna und andere bekannte und berühmte allein erziehende Mütter. Daisy liebt ihren Beruf, Kinder aber auch. Obwohl sie mit neunundzwanzig keineswegs alt ist, wird sie natürlich nicht jünger.“

„Warum hat sie sich ausgerechnet für mich entschieden?“, fragte Joe Jordan nach einer langen Pause.

„Sie sollten es als Kompliment betrachten“, erwiderte sie mitleidig lächelnd. „Daisy hat mir versichert, dass sie sich die Sache gut überlegt hat und der Meinung ist, ihr Kind könne von Ihrer Intelligenz profitieren.“

Joe Jordan stand auf und stützte sich mit den Fäusten auf den Schreibtisch. „Ich habe es schon einmal gesagt, aber … Ach verdammt! Deshalb hat sie mir vorgeschlagen, mit ihr ins Bett zu gehen, als …“ Er beendete den Satz nicht. Da er Lydia Kelsos mitleidigen Blick kaum noch ertragen konnte, fuhr er sie gereizt an: „Stimmt das auch? Oder haben Sie es sich vielleicht nur ausgedacht?“

„Es stimmt wirklich.“

„Und wenn ich Daisy heiraten möchte, was dann?“

„Dann wäre ich sehr erleichtert, Mr. Jordan“, erwiderte Lydia aufrichtig. „Vorausgesetzt natürlich, dass Sie sie lieben. Sie braucht jemanden, der sich um sie und das Kind kümmert. Ich kann nicht immer bei ihr sein. Sie wäre bestimmt eine wunderbare Ehefrau.“

„Wie können Sie so etwas behaupten?“, fragte er verbittert. „Sie haben mir doch gerade erklärt, sie sei so verrückt wie ein Hase im Frühling. Wenn ich mich nicht täusche, liegt das bei Ihnen in der Familie, obwohl Sie mich vom Gegenteil überzeugen wollen.“

„Passen Sie mal auf“, erwiderte Lydia kühl, „ich finde Daisys Idee nicht unbedingt gut. Aber heutzutage entscheiden sich viele Frauen dafür, ihr Kind allein großzuziehen. Und das nicht nur, weil sie verrückt sind, sondern weil sie es für eine akzeptable Alternative halten. Frauen, die ihre Karriere fortsetzen und nicht nur Hausfrau und Mutter spielen wollen, sobald sie verheiratet sind oder Kinder haben, werden glücklicherweise in unserer Gesellschaft akzeptiert.“ Sie zögerte kurz.

„Reden Sie weiter“, forderte Joe sie prompt auf.

Sie zuckte die Schultern. „Ich glaube, Daisy wäre damit überfordert.“

Joe Jordan setzte sich wieder hin und stützte das Kinn in die Hände. Nachdenklich betrachtete er diese sechsundzwanzigjährige Frau, die ihre Meinung sehr geschickt vertrat. Sie feuerte quasi aus der Hüfte und war vielleicht sogar ungewöhnlich reif.

„Sie haben erwähnt, Sie seien nicht unbedingt dafür, ein Kind allein großzuziehen. Warum eigentlich nicht?“

„Weil ich der Überzeugung bin, dass es beide Elternteile braucht. Natürlich wachsen Kinder manchmal auf Grund bestimmter Umstände ohne Vater oder Mutter auf, so wie beispielsweise Daisy und ich. Und es bedeutet auch nicht, dass leibliche Eltern automatisch gute Eltern sind. So genannte geordnete Familienverhältnisse sind jedoch zumindest hilfreich.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Zufällig bin ich mit Ihnen einer Meinung. Entschuldigen Sie die saloppe Ausdrucksweise, aber ich würde mich nicht dazu hergeben, den Zuchthengst zu spielen. Wissen Sie, ob Daisy geplant hat, mich zu informieren? Oder hatte sie vielleicht vor, mit dem Baby einfach aus meinem Leben zu verschwinden, ohne dass ich etwas von meiner Vaterschaft geahnt hätte?“

„Genau das macht es für Daisy so problematisch“, antwortete Lydia ernsthaft. „Zu den ganzen Sachen gehören ja zwei. Während sie glaubt, sie sei in Sie verliebt, weiß sie nicht, ob Sie ihre Gefühle erwidern. Wenn Sie sicher sein könnte, dass Sie sie lieben, würde sie bestimmt den ganzen Unsinn vergessen.“

„Ich bin sprachlos“, erklärte Joe Jordan betont gefühlvoll.

„Wären Sie bereit, mit mir über Ihre Gefühle für Daisy zu reden?“, fragte Lydia.

„Nein! Das heißt“, korrigierte er sich gereizt und ironisch, „ich denke gar nicht daran, sie zu heiraten. Ehrlich gesagt, momentan will ich überhaupt nicht heiraten“, fügte er mürrisch hinzu. „Sehen Sie, es war nur eine oberflächliche Bekanntschaft und noch nicht einmal eine Affäre. Daisy hat angefangen, von … Ach verdammt!“, unterbrach er sich und blickte Lydia durchdringend an.

„Na ja, jetzt wissen Sie wenigstens Bescheid. Aber Sie haben sie doch gern, oder gehen Sie mit jeder Frau ins Bett, die eine gewisse Bereitschaft signalisiert?“ Lydia sah ihn betont unschuldig an.

Er fluchte vor sich hin, während sie völlig unbeeindruckt auf seine Antwort wartete.

Schließlich biss er die Zähne zusammen. „Natürlich mag ich sie. Es macht Spaß, sich mit ihr zu unterhalten, außerdem wirkt sie sehr dekorativ, man kann sich mit ihr sehen lassen. Aber …“ Er seufzte. Offenbar fand er nicht die richtigen Worte.

„Vermissen Sie sie nicht, wenn Sie nicht mit ihr zusammen sind?“

Joe kniff die Augen zusammen. „Ist das ein Verhör? Sie scheinen genau zu wissen, wovon Sie reden.“

„Stimmt. Ich habe mit zwanzig geheiratet“, erwiderte Lydia ruhig. „Wir waren ein Jahr zusammen, ehe mein Mann bei einem Bootsunfall ums Leben kam. Er ist immer noch in meinen Gedanken und nie ganz weg.“

Man sah ihm sein Unbehagen an. Doch ehe er es in Worte fassen konnte, fuhr Lydia fort: „Sie brauchen sich jetzt nicht zu entschuldigen für das, was Sie vielleicht mit Ihrer Bemerkung andeuten wollten. Ich habe Ihnen meine Geschichte nicht erzählt, um Sie zu irritieren …“

„Warum denn sonst?“, unterbrach er sie. „Und weshalb haben Sie Ihren Mädchennamen wieder angenommen?“

Lydia stand auf. „Mein Mann hieß auch Kelso, obwohl wir nicht verwandt waren. Es war einer dieser seltenen Zufälle. Und weshalb ich es Ihnen erzählt habe? Wahrscheinlich wollte ich damit meine Glaubwürdigkeit unterstreichen und betonen, dass ich genug Erfahrung habe, um zu wissen, worum es geht.“

„Was soll ich jetzt Ihrer Meinung nach tun?“ Er lehnte sich zurück und kniff die Augen zusammen.

„Das überlasse ich Ihnen, Mr. Jordan. Jedenfalls möchte ich Sie bitten, Daisy nicht zu sehr zu verletzen.“

„Sie könnten Ihre Schwester doch dann trösten, oder?“

Sie zögerte kurz. „Nein, ich fliege auf eine Rinderfarm, um sechs Wochen einen Freund zu vertreten. Aber mein Vater und meine Tante sind zu Hause.“ Sie verzog die Lippen zu einem leichten Lächeln. „Wenn sie Daisy das Herz brechen, sollten Sie sich vor meinem Vater hüten.“

„Ist das eine Drohung?“ Joe Jordan stand auf und blickte sie ungläubig an.

„Oh, ich kann mir nicht vorstellen, dass er Sie körperlich angreift. Seinen Zorn würden Sie jedoch zu spüren bekommen.“

„Ich glaube es nicht!“ Er schlug mit der Faust heftig auf den Schreibtisch und zuckte sogleich vor Schmerz zusammen. Dann fuhr er sich mit der Hand über die Schulter.

Mit großen Schritten eilte Lydia um den Schreibtisch herum. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein! Ich bin ein Mensch! Was soll ich mit einer Tierärztin?“

Warum habe ich mich von dieser Frau zu so etwas hinreißen lassen? überlegte er und ließ sich wieder in den Sessel sinken. Wenige Minuten später gestand er sich ein, dass die Schmerzen nachließen, während sie mit ihren schlanken Händen sanft und geschickt seinen Nacken und die Schulter massierte. Sie schien magische Kräfte zu besitzen.

„Wie ist es passiert?“, fragte sie beiläufig.

Joe seufzte. „Ich habe mir beim Tennisspielen die Muskeln gezerrt. Es stimmt doch, dass Sie Tierärztin sind, oder?“

Lydia lachte. „Tiere haben auch Muskeln, Sehnen und Nerven. Ich habe mich auf Pferde spezialisiert, sie zerren sich oft die Muskeln. Wahrscheinlich brauchen Sie eine Physiotherapie.“ Sie ging um ihn herum, stellte sich vor ihn und reichte ihm die Hand.

Er zögerte, denn plötzlich verspürte er das starke Verlangen, diese junge Frau völlig nackt zu sehen. Am liebsten hätte er ihr die Jacke und Hose abgestreift, um ihren schlanken Körper und ihre Rundungen zu berühren. Außerdem fand er ihren Gang absolut faszinierend.

„Auf Wiedersehen, Mr. Jordan“, verabschiedete sie sich würdevoll. „Ich glaube, wir verstehen uns.“

Wenn Sie sich vorstellen können, wie geheimnisvoll Sie auf mich wirken, Lydia Kelso, und wenn Sie begreifen, dass ich mir jetzt dank Ihrer Massage wie ein Stück Pferdefleisch vorkomme, dann verstehen wir uns, schoss es ihm durch den Kopf. Er biss sich auf die Lippe und überlegte, ob er seine Gedanken aussprechen sollte.

„Kann sein“, sagte er dann jedoch nur. „Auf Wiedersehen, Miss Kelso. Übrigens, Sie haben heilende Hände.“

„Jedenfalls behauptet man es. Oh!“, rief sie plötzlich mit einem Blick auf seinen Skizzenblock aus.

„Ach, das sollten Sie nicht sehen. Es tut mir leid“, entschuldigte er sich sogleich. „Das mache ich manchmal, ohne darüber nachzudenken.“

Lydia musste lachen. Auf der Karikatur überragte eine besonders große Frau einen sehr kleinen Mann in kurzer Hose, der auf einem Stuhl saß und dessen Füße nicht bis auf den Boden reichten.

„Das sind Sie und ich, stimmt’s? Es gefällt mir, es ist wirklich gut“, sagte sie und lachte immer noch.

„Sie sollen nicht darüber lachen, so ist es nicht gemeint“, wandte er irgendwie feierlich ein.

„Dann verstehe ich unter Humor vielleicht etwas anderes als Sie. Darf ich die Zeichnung haben?“ Sie machte eine Pause und fügte belustigt hinzu: „Dann kann ich mich immer daran erinnern, dass ich zu bestimmend, rechthaberisch und dominierend bin.“

„Das glauben Sie doch selbst nicht“, antwortete er.

Wieder musste sie lachen. „Woher wollen Sie das denn wissen?“

„Es ist so ein Gefühl.“ Er zögerte und überlegte, weshalb er überhaupt über Daisy Kelsos überraschend faszinierende Schwester nachdachte. „Ach, letztlich ist es auch egal.“ Als er aufstand, stellte er verblüfft fest, dass er mindestens fünf Zentimeter größer war als Lydia.

„Ja, das meine ich auch“, stimmte sie zu und warf ihm einen rätselhaften Blick zu.

Schließlich schüttelte er ihr die Hand, ehe er das Blatt vom Block abriss und es ihr reichte.

„Ich lasse es einrahmen. Sie brauchen mich nicht zu begleiten, ich finde den Weg allein“, sagte sie leise und sah ihn auf einmal irgendwie mutwillig an. Dann ging sie um den Schreibtisch herum, nahm ihre Umhängetasche und verschwand.

Auf der Straße angelangt, lächelte Lydia immer noch vor sich hin. Es war ein wunderschöner Nachmittag, und Balmain, einer der ältesten Vororte von Sydney, war ein hübscher Ort mit einem wunderschönen Sandstrand.

Obwohl es noch viele interessante historische Gebäude aus der Gründerzeit gab, wohnten jetzt vor allem Leute hier, die man als „trendy“ bezeichnete. Ich könnte mir gut vorstellen, auch hier in so einem schönen Stadthaus zu wohnen wie Joe Jordan, dieser seltsam faszinierende Mann überlegte sie, während sie auf die Fähre zum Hafen wartete.

Als Lydia am Abend ihre Sachen zusammenpackte, kam Daisy herein und setzte sich auf die Frisierkommode.

„Ich werde dich vermissen, Lyd“, sagte sie und fing an, ihr wunderschönes langes dunkles Haar zu bürsten.

„Ja, ich dich auch“, erwiderte Lydia. „Aber du wirst mit der Musica Viva – Tournee und den Symphoniekonzerten vollauf beschäftigt sein.“

Daisy seufzte. „Irgendwie kann ich mich darauf nicht freuen“, erklärte sie. „Das liegt wahrscheinlich an meiner biologischen Uhr. Ich spüre sie ticken.“

„Wirklich?“

„Ach, du weißt schon, was ich meine.“ Daisy verzog das Gesicht. „Ich wünschte, du würdest Joe kennen lernen. Dann könntest du mir einen Rat geben. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll.“

Plötzlich hatte Lydia ein schlechtes Gewissen. „Wenn du Zweifel hast, wartest du am besten einfach ab. Um ehrlich zu sein, Daisy, du solltest dich mit deiner biologischen Uhr noch eine Zeit lang abfinden und nichts überstürzen. Vielleicht taucht doch noch der Richtige auf.“

„Ja, das hast du schon mal gesagt. Aber du bist noch nicht neunundzwanzig und in zwei Monaten dreißig!“

„Vielleicht beunruhigt dich gar nicht deine biologische Uhr, sondern nur die Tatsache, dass du dreißig wirst. Erinnerst du dich, dass wir als Kinder dachten, Menschen über dreißig seien uralt?“

Daisy lächelte flüchtig. „Ich habe irgendwie das Gefühl, die Zeit läuft mir davon. Möglicherweise gibt es für mich gar nicht den absolut Richtigen.“

„Heißt das, Joe ist nicht unbedingt der richtige Mann für dich?“, fragte Lydia vorsichtig.

„Joe ist sehr nett, er kann aber auch launisch und sarkastisch sein. Und manchmal scheint er völlig zu vergessen, dass ich überhaupt existiere.“

Lydia hätte zu gern herausgefunden, ob ihre Schwester schon mit Joe Jordan geschlafen hatte. Doch darüber schwieg Daisy sich beharrlich aus. Andererseits war sie sowieso nicht sehr mitteilsam und redete mit ihrer Familie nicht gern über ihr Liebesleben, weil alle wussten, wie oft und leicht sie sich verliebte und wie rasch dieser Zustand wieder vorbei war. Aber würde Joe Jordan mit einer schönen Frau ausgehen, ohne mit ihr zu schlafen, obwohl diese Frau schon beim ersten Treffen angedeutet hatte, sie sei dazu bereit? Lydia bezweifelte es.

„Würdest du sagen, dass du eine Affäre mit ihm hast, Daisy?“

„Nein, nicht unbedingt. Seit ich mich entschlossen habe, von ihm ein Kind zu bekommen, rufe ich ihn dauernd an. Ich habe gedacht … Ach, dieser Kerl ist etwas ganz Besonderes. Er braucht dich nur anzusehen, und schon läuft dir eine Gänsehaut über den Rücken.“ Daisys verträumte Miene sagte Lydia alles, was sie wissen wollte. „Ich würde ihn am liebsten festhalten“, fuhr Daisy fort. „Aber das ist gar nicht so leicht. Er entzieht sich mir immer wieder.“

Daisys Augen wurden ganz dunkel. Sie hatte ein ovales Gesicht, eine fantastische Figur und war sogar für das Dinner zu Hause perfekt angezogen. Sie war nicht so groß wie Lydia und wirkte mit ihren neunundzwanzig Jahren sehr weltgewandt, geistreich und kultiviert. Nur wenn man sie und Lydia gut kannte, wusste man, dass Daisy viel naiver war als ihre Schwester.

„Hat er noch andere Freundinnen?“, fragte Lydia, während sie Shorts und eine Bluse einpackte.

„Nein, ich glaube nicht. Aber in der letzten Zeit haben wir uns nicht oft gesehen. Er verliert das Interesse an mir, befürchte ich.“

Lydia war erleichtert. „Dann ist er es auch nicht wert, dass du ihm nachtrauerst, Daisy.“

„Trotzdem, er hat etwas, das …“

„Hör zu, Daisy“, unterbrach Lydia sie plötzlich ernst. „Solange sich alles nur in deiner Fantasie abgespielt hat und du es nicht in die Tat umsetzen wolltest, habe ich nichts dazu gesagt. Irgendwie bist du aber wie Dad. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann nichts und niemand ihn umstimmen.“

„Danke“, sagte Daisy würdevoll.

„Doch jetzt müssen wir endlich Klartext reden“, fuhr Lydia entschlossen fort. „Wenn du Joe Jordan liebst und er deine Liebe erwidert und wenn er dich heiraten will, hast du meinen Segen. Wenn es jedoch nicht so ist, spielst du ein gefährliches Spiel. Dabei hast du es gar nicht nötig, Männer zu verführen, nur um ein Baby zu bekommen.“

Daisy drehte die Bürste in den Händen hin und her. „Du weißt ja nicht, wie das alles ist, Lyd. Du hast dich ein einziges Mal verliebt, und es war perfekt –, bis Brad starb. Aber ich habe noch nie eine so perfekte Beziehung gehabt.“ Sie wischte sich eine Träne weg.

„Könnte es daran liegen, dass du eine Spur zu offenherzig oder nicht zurückhaltend genug bist?“, wandte Lydia behutsam ein. „Tu doch zur Abwechslung mal so, als wärst du unnahbar.“

„Eine gute Idee! Vielleicht würde Joe darauf wirklich reagieren!“, rief Daisy begeistert aus.

„Vergiss Joe Jordan …“, begann Lydia und biss sich sogleich auf die Lippe.

„Warum?“

„Na ja, du hast doch selbst gesagt, dass er launisch und sarkastisch ist. Mit einem solchen Mann gibt es immer Probleme. Du brauchst einen Musiker, der dieselben Interessen hat und so sensibel und kreativ ist wie du.“

Daisy blickte nachdenklich ins Leere. „Da ist dieser Oboist, der neu zu uns ins Orchester gekommen ist. Ich finde ihn ausgesprochen nett und weiß, dass er sich für mich interessiert. Aber nein, es würde nicht funktionieren.“

„Das kannst du sicher jetzt noch nicht beurteilen. Wie kommst du überhaupt darauf, dass es nicht funktionieren würde?“

„Weil er jünger ist als ich. Er ist in deinem Alter, glaube ich.“

Sekundenlang war Lydia sprachlos. Auf der einen Seite plante ihre Schwester, ein Kind von einem ganz bestimmten Mann zu bekommen und es allein großzuziehen, während sie sich andererseits eine ganz normale Beziehung mit einem nur wenige Jahre jüngeren Mann nicht vorstellen konnte.

„Drei Jahre sind doch kein großer Unterschied“, erwiderte sie schließlich.

„Doch. Wenn ich dreißig bin, ist er erst Ende zwanzig. Noch schlimmer ist, wenn ich fünfzig bin, ist er immer noch in den Vierzigern. Meiner Meinung nach müsste es genau umgekehrt sein, weil Frauen schneller alt werden als Männer, oder?“

Lydia hatte das Gefühl, dass ein jüngerer Mann gut zu Daisy passen würde. Sie nahm sich jedoch vor, sich vorerst nicht mehr in das Leben ihrer Schwester einzumischen.

„Warum lässt du die Dinge nicht einfach auf dich zukommen?“, fragte sie leise und nahm den silbernen Rahmen mit Brads Foto in die Hand. Sie betrachtete es sekundenlang. Dann blinzelte sie die Tränen weg und legte es obenauf in den Koffer.

Sogleich sprang Daisy auf und kniete sich vor Lydia. „Vermisst du ihn immer noch sehr, Liebes?“ Sie nahm Lydias Hände. „Ich habe gehofft, der Schmerz würde im Lauf der Zeit nachlassen.“

„Er hat auch schon nachgelassen.“ Lydias Stimme klang unsicher. „Nur manchmal ist es eben immer noch sehr schwer. Ich weiß selbst nicht, warum.“

„Weißt du, Lyd, du machst dir so viele Sorgen um mich. Jetzt muss ich dir auch mal etwas sagen. Brad wäre es bestimmt nicht recht, dass du dein Leben lang unglücklich bist. Dafür hat er dich zu sehr geliebt. Es ist schon fünf Jahre her und Zeit für dich, wieder richtig am Leben teilzunehmen. Du brauchst dich nicht schuldig zu fühlen, wenn du einen anderen Mann kennen lernst.“

Lydia lächelte gequält. „Das Problem ist, es ist mir völlig egal, ob ich einen anderen kennen lerne oder nicht. Männer interessieren mich nicht besonders, außer …“ Unvermittelt unterbrach sie sich. Der einzige interessante Mann, der mir in den letzten Jahren begegnet ist, ist Joe Jordan, gestand sie sich ein und hätte ihre Gedanken beinah laut ausgesprochen.

Autor

Lindsay Armstrong

Lindsay Armstrong wurde in Südafrika geboren, und bis heute fasziniert sie der Kontinent sehr. Schon als kleines Mädchen wusste sie, was sie später machen wollte: Sie war entschlossen, Schriftstellerin zu werden, viel zu reisen und als Wildhüterin zu arbeiten.

Letzteres ist ihr zwar nicht gelungen, aber noch immer ist sie...

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