Romana Extra Band 126

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VERZAUBERT IN KARIBISCHEN NÄCHTENvon SABINE STRICK
Ein abgelegenes Feriengebiet in der Karibik dient Jenna nach einem Skandal um ihren Ex als Versteck. Das türkisblaue Meer und die zärtlichen Küsse von ihrem attraktiven neuen Boss Aurélien lassen sie bald allen Ärger vergessen. Bis die Vergangenheit sie jäh einholt …

REISE INS GLÜCK MIT DIRvon KATE HARDY
Sein Blick trifft Holly mitten ins Herz! Als sie ihre Jugendliebe David nach Jahren wiedersieht, sehnt sie sich gegen jede Vernunft sofort nach seinen Umarmungen. Doch kaum verbringen sie ein romantisches Wochenende auf dem Land, scheint ihr zurückgewonnenes Glück schon vorbei …

EIN GRIECHISCHES FEST DER LIEBEvon LYNNE GRAHAM
„Ich will keine Ehefrau. Ich brauche nur einen Erben.“ Die Arroganz des griechischen Milliardärs Apollo Metraxis schockiert Pixie zutiefst. Was für ein absurder Plan – und was hat das mit ihr zu tun? Da trifft sie die Erkenntnis wie ein Blitz: Sie soll ihm einen Erben schenken!

SINNLICHER FLIRT AUF SIZILIENvon TINA BECKETT
Als Bree vor dem Altar stehen gelassen wird, unternimmt sie die geplante Hochzeitsreise nach Sizilien spontan allein. Wie im Rausch lässt sie sich dort von einem heißblütigen Fremden zu einem sinnlichen Urlaubsflirt verführen. Mit ungeahnten Folgen …


  • Erscheinungstag 25.10.2022
  • Bandnummer 126
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508223
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sabine Strick, Kate Hardy, Lynne Graham, Tina Beckett

ROMANA EXTRA BAND 126

SABINE STRICK

Verzaubert in karibischen Nächten

Diese ausdrucksvollen dunklen Augen, dieser sinnliche Mund! Hotelbesitzer Aurélien Lavil ist sofort bezaubert von seiner neuen Mitarbeiterin Jenna. Nur ahnt er nichts von ihrem skandalösen Geheimnis …

KATE HARDY

Reise ins Glück mit dir

David stockt der Atem, als er Holly überraschend in London wiedertrifft. Auch wenn sie ihm einst den schlimmsten Liebeskummer bescherte, indem sie ihn verließ, kann er ihren Reizen nicht lange widerstehen …

LYNNE GRAHAM

Ein griechisches Fest der Liebe

Glühend vor Eifersucht beobachtet Apollo, wie Pixie mit einem anderen tanzt. Ihre Ehe war nur als Vernunftlösung gedacht. Aber schon in der Hochzeitsnacht hat sie sein stolzes Herz verzaubert …

TINA BECKETT

Sinnlicher Flirt auf Sizilien

Schockiert erkennt Diego Pintor, wer seine neue Kollegin Bree ist: Ausgerechnet die geheimnisvolle rothaarige Schönheit, die er nach einem Flirt in der Hotelbar zu einem One-Night-Stand verführt hat!

1. KAPITEL

Der Sonnenuntergang über dem Karibischen Meer war spektakulär, eine Sinfonie aus Orange, Rosa und Gold in verschiedensten Nuancen. Nachdem Jenna das Naturschauspiel ausgiebig bewundert hatte, schloss sie die Augen und genoss den tropisch warmen Fahrtwind auf ihrem Gesicht, während das Fährschiff in flottem Tempo auf die kleine Inselgruppe Les Saintes südlich von Guadeloupe zuhielt.

Sie verscheuchte das ungute Gefühl, das sie beim Besteigen des Schiffs befallen hatte. Hergekommen war sie, um in einem Luxushotel auf Guadeloupe zu arbeiten. Der dunkelhäutige Mann mit den verfilzten Dreadlocks, der sie vom Flughafen in Pointe-à-Pitre abgeholt hatte, hatte sie jedoch nicht in ein Hotel gefahren, sondern zu einer Bootsanlegestelle.

Sein Französisch war stark kreolisch gefärbt, und Jenna verstand ihn kaum. Dazu war er wortkarg, und sie hatte nur herausbekommen, dass sie zu einer Insel namens Terre-de-Haut übersetzen würden, von der sie noch nie gehört hatte. Monsieur Lavil würde sie dort erwarten.

Jenna öffnete die Augen und warf ihrem Begleiter, der neben ihr an der Reling lehnte, einen scheuen Blick zu. Nun, er würde sie schon nicht entführen. Das war sicher nur ein Missverständnis – das Luxushotel befand sich eben nicht auf der Hauptinsel, sondern auf einer anderen des Archipels.

„Ist es noch weit?“, fragte sie ihn.

Er richtete den unergründlichen Blick seiner dunklen Augen auf sie und schüttelte den Kopf. „Wir sind gleich da.“

In der Tat erschien am Horizont eine grüne bergige Silhouette, der sie sich rasch näherten. Die Sonne verschwand im Meer und hinterließ einen schwachen Schimmer auf dem Wasser, der sich schnell verdunkelte. Als das kleine Schiff im Hafen anlegte und Jenna mit ihrem Begleiter an Land ging, senkte sich bereits die Nacht über die Insel. Nur wenige Laternen beleuchteten den Hafen, der winzig zu sein schien und verlassen wirkte.

„Nun kommen Sie schon.“ Der Einheimische gab ihr einen Wink, als er ihren riesigen Koffer auf die offene Ladefläche eines klapprigen Pick-up-Trucks gehievt hatte, doch Jenna zögerte, einzusteigen.

„Bringen Sie mich wirklich zu Monsieur Lavil?“, fragte sie verunsichert.

„Natürlich.“ Er grinste. „Haben Sie Angst vor mir?“

„Ach was.“ Sie schwang sich auf den hohen Sitz und zerrte am feststeckenden Sicherheitsgurt.

„Der ist kaputt. Es ist nicht weit, keine Sorge. Kaum fünf Minuten.“

Mehr als der nicht funktionierende Sicherheitsgurt bereitete ihr die Dunkelheit Sorgen, in die sie hineinfuhren. Oder vielmehr das bisschen, was sie im Scheinwerferlicht erkannte. Nämlich nur Landschaft und einige ärmliche Hütten. Aber gut, es gab schließlich etliche an einsamen Traumstränden gelegene Luxushotels. Sicher würden jeden Moment die anheimelnden Lichter eines eleganten Resorts aufstrahlen.

Der Pick-up stoppte irgendwo im Nirgendwo vor einem schwach beleuchteten flachen Gebäude.

„Wir sind da, Mademoiselle.“

Sie spähte hinaus. „Wo ist das Hotel?“

„Ich bringe Sie zu Monsieur Lavil. Kommen Sie.“

Jenna stolperte hinter ihm her über die unebene Erde eines schmalen Wegs und betrat das spartanisch eingerichtete Haupthaus. Selbst in Frankreichs Überseeregionen dürfte dies kaum als Luxushotel gelten, dachte sie beunruhigt.

An einer Art Rezeption stand ein sportlich wirkender Mann, blätterte in einer Liste und hob den Kopf, als er die Eintretenden bemerkte. Er war etwa Mitte dreißig, trug eine dreiviertellange helle Cargohose und ein schwarzes T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper betonte. Seine Haut hatte einen hellen Braunton, und seine Haare erinnerten sie an goldbraunen Waldhonig. Sie waren in unzählige feine Zöpfchen geflochten, die ihm als dichte Masse den Rücken hinunterflossen.

Unwillkürlich strich Jenna sich glättend über ihr schulterlanges kastanienbraunes Haar, das von der Überfahrt zerzaust war, und starrte ihn hingerissen an. Attraktive Gäste gab es in dieser schäbigen Unterkunft immerhin. Was für ein schönes Gesicht er hatte, mit feinen ebenmäßigen Zügen, die wie gemeißelt wirkten, und lebhaften großen Augen. Ein Prickeln lief über ihren Nacken, als sein dunkler Blick ihren prüfend festhielt.

Er verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Bonsoir. Kann ich Ihnen helfen?“

Arbeitete er etwa hier? Kaum vorstellbar bei seinem legeren Look, auch wenn man hier natürlich nicht die akkuraten Uniformen eines Grand Hotels erwarten durfte. „Ich suche Aurélien Lavil“, erwiderte sie leicht verwirrt.

„Das bin ich.“

„Sie?“, fragte Jenna ungläubig. Der Mann sah nicht gerade aus wie der Besitzer eines Luxushotels, höchstens wie der Animateur oder der Wassersportlehrer.

„Ja, was dagegen? Sie müssen Mademoiselle Harrelson sein.“

„Bin ich, aber …“

„Raphaël, bitte bring den Koffer in Mademoiselle Harrelsons Bungalow“, sagte er zu dem Mann mit den Dreadlocks und händigte ihm einen Schlüssel aus.

„Kann es sein, dass hier ein Missverständnis vorliegt?“

„Nein, glaube ich nicht. Kommen Sie, gehen wir in mein Büro, da sind wir ungestört.“

Als Jenna ihm folgte, bemerkte sie, dass ausschließlich junge Leute in den Fluren zu sehen waren. „Ist das eine Jugendherberge?“, fragte sie, als sie sein behaglich eingerichtetes Büro erreichten.

„So etwas in der Art. Genauer gesagt ist es ein Feriencamp für Jugendliche aus sozial schwachen Familien.“

„Na so was“, murmelte sie verblüfft.

„Bitte, setzen Sie sich.“ Aurélien Lavil machte eine einladende Geste zu dem Stuhl, der vor einem papierüberhäuften Schreibtisch stand, und ließ sich dahinter nieder.

Jenna setzte sich und runzelte die Stirn. „Man hat mir gesagt, Sie besäßen ein Luxushotel auf Guadeloupe, in dem ich arbeiten würde.“

„Tue ich auch. Aber dafür suche ich zurzeit niemanden. Für dieses Feriencamp hingegen könnte ich Unterstützung gut gebrauchen.“

„Das ist ein Scherz, oder?“ Sie lachte gezwungen auf. „Ich denke, hierfür bin ich völlig überqualifiziert. Ich habe nur in den besten Pariser Hotels gearbeitet. Wollen Sie meinen Lebenslauf sehen?“ Sie öffnete ihre große Schultertasche.

Er winkte ab. „Ich kenne Ihren Lebenslauf, Monsieur Roudet hat ihn mir geschickt. Sie sind neunundzwanzig, stammen aus Manchester, waren nach der Schule ein Jahr als Au-pair in Paris, und da hat es Ihnen offenbar so gut gefallen, dass Sie sich entschlossen haben, gleich dortzubleiben. Sie haben eine Hotelfachschule besucht und Ihr Praktikum im George V gemacht, haben dann als Hausdame im Crillon gearbeitet und waren zuletzt Empfangschefin im Bristol. Richtig?“

Sie nickte. „Ja, Sie sehen, ich war nur in den besten Häusern tätig und auf wichtigen Posten.“

„Wunderbar, dann sind Sie ja vielfältig einsetzbar. Sie können hier Hausdame, Empfangsleiterin und Küchenchefin gleichzeitig sein.“

Er lächelte verschmitzt, und Jenna musste zugeben, dass sie ihn nicht nur überaus attraktiv, sondern auch sehr sympathisch fand. Dennoch fühlte sie sich hereingelegt, und ihre Sorge schlug in Ärger um.

„Man hat mir einen Posten in einem Fünf-Sterne-Hotel auf Guadeloupe zugesagt, und nun soll ich Mädchen für alles in einer Herberge auf einer gottverlassenen Insel spielen? Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein!“, fauchte sie.

Falls er über ihre abfälligen Worte verärgert war, ließ er es sich nicht anmerken. Seine Miene wurde nur ein wenig kühler, und er musterte sie kritisch.

„Wenn es unter Ihrer Würde ist, für eine Jugendherberge zu arbeiten, müssen Sie das auch nicht. Es steht Ihnen frei, zu gehen. Sie können die Nacht hier verbringen, und Raphaël fährt Sie morgen zum Flughafen zurück.“

Jenna dachte kurz nach und seufzte. Eine Rückkehr nach Paris war nicht nur beruflich aussichtslos, sondern auch riskant. Außerdem hatte sie viel Geld in das kurzfristig gekaufte One-Way-Ticket investiert und würde sicher nicht noch einmal die gleiche Summe für einen sofortigen Rückflug ausgeben. „Schon gut. Ich habe im Moment nicht die Wahl.“

„Diesbezüglich hätte ich gern mehr Erläuterungen. Monsieur Roudet sagte nur, dass Sie für einige Zeit untertauchen müssen. Sind Sie auf der Flucht vor der Justiz?“

„Nein.“

Er blickte sie schweigend und forschend an, und obwohl sich Jenna unwohl in ihrer Haut fühlte, überfiel sie der Gedanke, wie es sein mochte, seine schön geschwungenen Lippen zu küssen. Sie schluckte angespannt und strich sich über die Stirn.

„Es ist mir unangenehm, darüber zu reden. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich nichts Kriminelles getan habe.“

„Gut, belassen wir es vorerst dabei. Da dies kein Luxushotel ist, brauche ich von Ihnen sowieso kein Führungszeugnis. Sehen Sie, hat doch alles Vorteile.“

„Es tut mir leid, wenn ich überreagiert habe. Ich habe schwierige Wochen hinter mir und außerdem einen langen Flug. Ich war nur enttäuscht, weil ich etwas anderes erwartet habe. Und ich fühle mich reingelegt von Monsieur Roudet. Aber auch er wollte mir im Grunde nur helfen. Ist ja nicht seine Schuld, genauso wenig wie Ihre. Ich bekomme lediglich die Quittung für meine eigene Naivität“, sagte sie bitter.

„Ich glaube nicht, dass Roudet Sie reinlegen wollte. Er kennt mich nur als Besitzer des Jardin Créole in Saint-François. Von diesem Feriencamp weiß er nichts, das betreibe ich erst seit einem halben Jahr. Er hat mich gefragt, ob ich Sie irgendwie beschäftigen könne, und da ich für diesen Job hier jemanden suchte, habe ich zugestimmt. Ganz ehrlich – ich hatte mir für diesen Posten auch jemand anderen vorgestellt, aber ich schulde Roudet einen Gefallen.“

„So, Sie wollten mich also gar nicht“, murmelte sie.

Aurélien ließ kurz den Blick über ihre zierliche mittelgroße Gestalt schweifen. „Ich hätte einen Mann bevorzugt, der bei Bedarf körperlich zupacken kann und der im Idealfall einen pädagogischen Hintergrund besitzt. Ob Sie perfekt faltenlos ein Bett machen können oder in der Lage sind, Handtücher zu Schwänen zu falten, ist mir ziemlich gleichgültig, das werden Sie hier nicht benötigen.“

„Dann haben wir ja beide nicht bekommen, was wir gesucht haben“, erwiderte Jenna patzig. „Hat es unter diesen Umständen einen Sinn, Monsieur Lavil?“

„Ich bin bereit, es mit Ihnen zu versuchen – wenn Sie es ebenfalls sind, Mademoiselle Harrelson. Schlafen Sie eine Nacht darüber. Bei Tag sieht es meistens besser aus. Die Insel ist zwar nicht sehr mondän, dafür von großer landschaftlicher Schönheit. Und im Gegensatz zu einem Luxushotel werden Sie hier viel Spielraum haben, Ihren Arbeitsplatz selbst zu gestalten. Ich gebe zu, dass die Jugendlichen, die sich hier aufhalten, oft nicht gerade einfach sind …“

„Das sind versnobte Gäste in einem Luxushotel auch nicht“, warf sie ein.

Er lächelte. „Ich weiß. Dann zeige ich Ihnen jetzt Ihre Unterkunft.“

Jenna folgte ihm aus dem Gebäude und einen schmalen, schlecht beleuchteten Pfad entlang. Sie stolperte über etwas und geriet ins Straucheln.

„Vorsicht!“ Er machte Anstalten, sie aufzufangen, doch sie hatte ihr Gleichgewicht bereits wiedererlangt.

„Nichts passiert.“ Flüchtig ging ihr durch den Kopf, dass es nicht unangenehm gewesen wäre, in seinen starken Armen zu landen.

Aurélien öffnete die Tür eines kleinen Bungalows, knipste das Licht an und ließ sie eintreten. Das Zimmer, in dem ihr Gepäck stand, war sehr schlicht und sah bewohnt aus. Es gab zwei winzige Schränke und einen Schreibtisch mit einem Stuhl davor. Auf einem der beiden schmalen Betten lagen Kleidung und ein rasch hingeworfenes Handtuch.

Jenna runzelte die Stirn. „Muss ich mir das Zimmer etwa mit jemandem teilen?“

„Ja, mit Chrystelle, unserer Wassersportlehrerin. Sie ist sehr umgänglich, Sie werden sehen.“

Sie warf ihm einen Blick zu, und er fügte hinzu: „Es wäre nur vorübergehend. Wenn Sie sich zum Bleiben entschließen, werden Sie natürlich eine eigene Unterkunft bekommen. Momentan ist nur leider nichts frei, wir sind völlig ausgebucht – die Ferien haben gerade angefangen.“

„Was findet hier während der Schulzeiten statt?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

„Das Gleiche, nur mit jungen Erwachsenen von achtzehn bis dreißig. Das sind normal zahlende Gäste vom Mutterland.“

„Und wie finanziert sich das in den Schulferien? Ich nehme mal an, wenn die Jugendlichen aus sozial schwachen Familien stammen, haben sie kein Geld für Sporturlaub.“

„Die Reisekosten hierher werden vom Staat subventioniert. Aber die halten sich sowieso in Grenzen, da die Kids alle von den französischen Antillen kommen. Für Verpflegung und Personalkosten bekomme ich Zuschüsse von Jugend- und Sportverbänden, und ich nehme kein Geld für die Unterbringung und arbeite selbst ehrenamtlich. Es ist eine Non-Profit-Organisation.“

„Donnerwetter“, murmelte sie beeindruckt. „Sie zeigen viel soziales Engagement, Monsieur Lavil, Respekt.“

Er wirkte ein wenig verlegen und machte eine abwehrende Geste. „Ich buttere Geld dazu, doch ich kann dafür auch einiges von der Steuer absetzen, wissen Sie.“

Jenna hatte den Verdacht, dass mehr dahintersteckte als nur ein steuerliches Abschreibungsobjekt, aber sie spürte, dass es ihm unangenehm war, darüber zu sprechen.

„Abendessen gibt es zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr“, erklärte er.

Jenna warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war zehn vor sieben.

„Ich werde mich frisch machen und dann direkt essen gehen“, entschied sie. „Für meine innere Uhr ist es ja bereits nach Mitternacht, ich habe Hunger und bin müde.“

Aurélien nickte. „Der Speisesaal befindet sich gleich rechts vom Haupteingang, Sie sind vorhin daran vorbeigekommen. Immer den Essensdüften nach.“ Er zwinkerte ihr zu. „Der erste Tisch rechts ist für die Mitarbeiter reserviert. Ich werde voraussichtlich später essen. Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.“

Er streckte ihr seine gepflegte Hand entgegen, die sie nur zögernd ergriff, weil ihre Hände von der ungewohnten tropischen Wärme feucht waren. Vielleicht auch vom Stress, den die Situation bei ihr auslöste. Sein Händedruck hatte jedoch eine beruhigende Wirkung auf sie. Unwillkürlich hielt sie sich an seiner kräftigen, warmen Hand fest wie an einem Rettungsanker und blickte dabei erst auf seine vollen Lippen, dann in seine Augen, in denen sie die gleiche Verwirrung las, die sie selbst plötzlich empfand.

„Bonne nuit, Monsieur Lavil“, sagte sie mit kratziger Stimme und räusperte sich.

„Aurélien“, verbesserte er. „Ich lege keinen Wert auf Förmlichkeit. Bitte sagen Sie mir morgen nach dem Frühstück Bescheid, wie Sie sich entschieden haben.“

Darauf wandte er sich um und schien es eilig zu haben, den Raum zu verlassen.

Aurélien schlenderte nachdenklich zum Haupthaus zurück. Vielleicht hätte er Pierre Roudet gezielt darauf aufmerksam machen sollen, dass der vakante Posten nicht in seinem Fünf-Sterne-Hotel zu besetzen war. Roudet hatte allerdings betont, wie dringend seine Mitarbeiterin den Job benötigte, und da hatte er gedacht, es würde ihr schon recht sein. Er hätte Roudet den Wunsch nicht abschlagen mögen nach allem, was der einst für ihn getan hatte, und war bereit, darüber hinwegzusehen, dass Jenna ein etwas anderes Profil hatte, als er es sich gewünscht hätte.

Er hoffte, dass sie sich zum Bleiben entschließen würde. Zwar hatte er Zweifel, ob sie die Richtige für den Posten war, aber ihre ausdrucksvollen dunklen Augen in dem schmalen hellen Gesicht und ihr großer sinnlicher Mund nahmen ihn dermaßen gefangen, dass er als Mann und nicht als Arbeitgeber entschied.

Und dieser Händedruck eben …

Auch wenn ihre Handinnenfläche verschwitzt gewesen war, hatte er den Kontakt als nahezu elektrisierend empfunden. Noch dazu hatte ihre feuchte Haut die Erinnerung an eine überaus angenehme Aktivität geweckt, die zwei Menschen gewöhnlich gemeinsam ins Schwitzen brachte, und damit gewisse Wünsche …

Das passte ihm überhaupt nicht ins Konzept. Seit einer unerquicklichen Trennung vor zwei Jahren hatte er nicht mehr auf diese Weise an eine Frau gedacht. Er gönnte sich hin und wieder eine flüchtige Affäre, um sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Erotik zu stillen, doch er war entschlossen, sich nicht mehr zu binden.

Eine Affäre mit einer Angestellten kam für ihn allerdings nicht infrage – Jenna Harrelson würde tabu für ihn sein müssen, entschied er bedauernd. Dennoch wollte er sie auch künftig in seiner Nähe wissen. Er schien den süßen Schmerz zu genießen, den es verursachte, eine Frau zu begehren, die unerreichbar war oder es sein musste. Außerdem hatte er sowieso nicht die Wahl, sofern sie zusagte. Er hatte Roudet versprochen, es mit ihr zu versuchen, und er pflegte sein Wort stets zu halten.

Auf dem Rückweg in sein Büro traf er Raphaël, der gerade in den Speisesaal wollte.

„Alles klar mit der jungen Lady?“, fragte der. „Sie schien Angst zu haben, dass ich sie entführe.“

Aurélien nickte langsam. „Ich glaube nicht, dass sie speziell vor dir Angst hatte. Aber vor irgendetwas hat sie Angst, ja.“

Er hatte in den Straßen von Pointe-à-Pitre, wo er aufgewachsen war, und auch bei seiner späteren Arbeit in der Hotellerie gute Menschenkenntnis erworben und wusste, wem er vertrauen konnte und wem nicht. Und er erkannte schnell, was sich hinter den Fassaden der meisten Menschen verbarg.

Bei Jenna ahnte er, dass hinter ihrem etwas hochmütigen Auftreten eine gewisse Furcht lag. Sie wirkte jedoch nicht wie eine generell ängstliche Natur, daher vermutete er, dass dies mit ihrer überstürzten Abreise aus Paris zu tun hatte. Sie machte den Eindruck einer Frau, deren Leben von heute auf morgen aus den Fugen geraten war.

Zu gern hätte er gewusst, was ihr passiert war, aber er respektierte es, dass sie nicht darüber sprechen wollte. Er band seine Vergangenheit schließlich auch nicht gleich jedem auf die Nase.

Anhand des Geruchs nach Essen und der lebhaften Geräuschkulisse von jungen Leuten fand Jenna tatsächlich problemlos den Speisesaal – einen großen schmucklosen Raum mit rohgezimmerten Holztischen und Plastikstühlen, auf denen ein gutes Dutzend Teenager saßen, während ein weiteres Dutzend an der Essensausgabe Schlange stand.

Etwas zögernd trat sie an den Tisch, an dem bereits Raphaël und eine drahtige blonde Frau in den Dreißigern mit wettergegerbter Haut saßen.

„Hi, ich bin Jenna.“

„Ah, du bist die neue Kollegin, richtig?“, sagte die Frau, die zu Jennas Erleichterung nicht das schwer verständliche Kreol, sondern nur leicht dialektverfärbtes Standardfranzösisch sprach.

„Ja“, erwiderte sie nur, da sie nicht gleich in den ersten Sätzen das Missverständnis thematisieren wollte, dem sie aufgesessen war, und auch nicht erklären mochte, dass sie noch eine Nacht über ihre Entscheidung schlafen wollte.

„Freut mich. Ich bin Chrystelle. Deine Zimmergenossin. Herzlich willkommen.“ Chrystelle streckte ihr die Hand hin. „Wir sagen doch du?“

„Gern. Danke. Wie läuft das hier ab mit dem Essen?“

„Hol dir da vorne ein Tablett und stell dich an. Ist wie in einer Kantine, nur dass du zum Schluss nicht bezahlen musst. Wasser habe ich schon geholt.“ Sie wies auf die Karaffe, die auf dem Tisch stand.

Jenna begab sich in Richtung Essensausgabe.

Das Essen war ausgesprochen einfach, kein Vergleich zu der Kantine für die Angestellten des Bristol. Es gab nur ein Gericht, und das war an diesem Abend Thunfischauflauf in Tomatensauce. Dazu ein kleiner grüner Salat, Baguette und als Dessert ein Becher Fruchtjoghurt.

Falls sie bleiben würde, würde sie mit Aurélien als Erstes über ein Angebot von vegetarischer Kost sprechen, entschied sie, als sie den trockenen Fisch hinunterwürgte. Ein Minisalat mit Baguette konnte doch für Vegetarier nicht das einzige Essen darstellen, nicht mal im fleischliebenden Frankreich oder einem seiner Übersee-Départements.

„Irgendwie kommst du mir bekannt vor.“ Chrystelle betrachtete Jenna grüblerisch aus ihren klaren hellblauen Augen. „Wo kommst du her?“

Oh nein, bitte nicht. Sie hatte gehofft, der Skandal wäre nicht bis in die französischen Überseeregionen gedrungen. Zu Zeiten rasender Verbreitung von Nachrichten in den sozialen Netzwerken und Online-Medien war das jedoch sicher eine naive Hoffnung gewesen.

„Ich komme aus Manchester“, antwortete sie ausweichend.

„Du hast aber nicht in Manchester so fabelhaft französisch gelernt, oder?“

„Vielen Dank. Nein, ich habe in den letzten elf Jahren in …“ Jenna stockte kurz. „… in Frankreich gelebt.“

„Ach stimmt, Aurélien erwähnte ja, dass er dich aus Paris rekrutiert hat. Na, mir fällt schon noch ein, an wen du mich erinnerst.“

„Und woher kommst du, Chrystelle?“, lenkte sie schnell ab.

„Ich bin Saintoise.“ Ob Jennas verständnislosem Gesicht fügte sie hinzu: „Ich stamme von den Les Saintes-Inseln.“

„Aber du bist doch …“, begann Jenna noch verwirrter und biss sich auf die Lippen, um nichts Taktloses zu sagen.

„Weiß?“ Chrystelle lachte. „Die meisten Saintoise sind hellhäutig und haben blaue Augen. Unsere Vorfahren stammten aus der Bretagne und der Normandie.“

„Ach so. Aber wenn du hier zu Hause bist, warum hast du denn ein Zimmer in diesem Feriencamp? Die Insel ist nicht sehr groß, oder?“

„Nein, nur fünf Quadratkilometer. Ich komme allerdings von der Nachbarinsel Terre-de-Bas, und es wäre umständlich, täglich mit der Fähre überzusetzen. Zumal die letzte vor Sonnenuntergang fährt, daher mache ich das nur an meinen freien Tagen.“

Inzwischen saßen noch weitere Mitarbeiter des Ferienzentrums mit ihnen an dem langen Tisch und unterhielten sich lebhaft auf Kreol miteinander.

Aurélien war nicht darunter, und Jenna war froh, dass man ihr nicht viel Beachtung schenkte. Ihr schwirrte der Kopf von der langen Reise, den neuen Eindrücken und der Entscheidung, die sie zu treffen hatte. Gleich nach dem Essen überfiel sie bleierne Müdigkeit.

„Kommst du noch auf ein Glas Wein mit in den Gemeinschaftsraum für die Mitarbeiter?“, fragte Chrystelle. „Bei Tisch gibt es keinen Alkohol, wenn die Schüler da sind, doch für den Abend spendiert Aurélien uns immer ein Gläschen.“

„Danke, aber ich bin total müde wegen der Zeitverschiebung, ich haue mich sofort aufs Ohr.“ Sie lächelte ihr zu und erhob sich. „Bestimmt schlafe ich schon, wenn du ins Zimmer kommst. – Gute Nacht allerseits.“ Sie nickte in die Runde.

„Jetzt weiß ich, warum du mir bekannt vorkommst!“, rief Chrystelle.

Jenna seufzte innerlich und überlegte, was sie bei den nun sicher folgenden Fragen preisgeben sollte. Oder ob sie lieber schnell das Weite suchen sollte.

„Du siehst aus wie diese Schauspielerin, wie heißt die noch mal? – Anne Hathaway. Hat dir das schon mal jemand gesagt?“

Jenna lachte vor Erleichterung auf. „Ja, das habe ich schon gehört. Hätte ich mir ja denken können.“

2. KAPITEL

Jetlag-bedingt erwachte Jenna sehr früh. Durch die schmalen Öffnungen anstelle von Fenstern hoch oben in der Wand drangen Tageslicht und kühle Luft, die sie frösteln ließ, denn sie hatte sich in der lauen Nacht nur mit einem Laken zugedeckt. Nun war es auf einmal frisch.

Ihre Arme brannten und juckten und erinnerten sie daran, dass sie im Halbschlaf ständig das Zirpen von Mücken an ihren Ohren vernommen hatte. Zwar hatte sie sich vor dem Schlafengehen mit Insektenspray eingenebelt, das schien die Biester jedoch nicht beeindruckt zu haben.

Sie warf einen Blick zur Uhr. Es war erst halb sechs, doch sie wollte nicht mehr liegen bleiben. Chrystelle schnarchte leise. Jenna schlüpfte aus dem Bett und ging ins Bad, einem karg eingerichteten Raum, in dem der Spiegel über dem winzigen Waschbecken bereits wie Luxus wirkte.

Sie putzte sich die Zähne und machte Katzenwäsche. Eine ausgiebigere Toilette würde sie später erledigen, jetzt war sie neugierig, wie die Umgebung aussah. Durch die Öffnung oben in der Mauer des Badezimmers hörte sie leise Brandungsgeräusche, das Meer konnte also nicht weit sein.

Sie hüllte sich in ein leichtes Flatterkleid, schlüpfte in flache Pantoletten und verließ den Bungalow für eine erste Erkundungstour. Da die Schüler in ihren Ferien offenbar ausschlafen durften, war es mucksmäuschenstill in der Anlage. Eine Ziege streifte um die Häuser und knabberte am Gras.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und die Luft war angenehm mild, wenn auch recht schwül. Jenna lief über eine saftige Wiese, bis sie zu einem schmalen Pfad gelangte, der sie nach weniger als hundert Metern zum Meer führte. Dort blieb sie stehen und blickte sich begeistert nach allen Seiten um.

Das leuchtend türkisblaue Wasser und das zartgrüne Gras bildeten einen bestechenden Kontrast zu den weißen Häuschen der Ferienanlage mit den roten Ziegeldächern. Sie entdeckte einen winzigen Strand, nur wenige Meter heller Sand zwischen den Rasenflächen, und steuerte darauf zu. Gerade als sie sich neben einer Palme niederlassen wollte, bemerkte sie einen Schwimmer, der sich zügig näherte.

Sie erkannte Aurélien, der langsam aus dem flachen Meer stieg, die Arme hob und sich das Wasser aus dem Gesicht streifte. Sein nackter Oberkörper wirkte preisgegeben. Unwillkürlich schluckte Jenna, als ihr Blick über seine wohlgeformten Muskeln schweifte.

Als Aurélien sie erkannte, streckte er ihr lachend eine Hand entgegen. „Guten Morgen!“, rief er fröhlich. „Wollen Sie nicht reinkommen? Das Wasser ist herrlich.“

„Ich habe keine Badesachen drunter und kein Handtuch dabei“, wich sie aus. „Vielleicht morgen.“

Aurélien hatte sie erreicht und bückte sich nach seinem Handtuch, das er zusammen mit Shorts und Shirt auf einen Felsen gelegt hatte.

„Heißt das, Sie haben sich zum Bleiben entschlossen?“

Er begann sich die nasse Haut zu frottieren, und Jenna ertappte sich bei dem Wunsch, die Finger über seine schwellenden Brustmuskeln gleiten zu lassen.

Sie räusperte sich. „Ja.“

„Das freut mich.“ Er hielt inne und versenkte seinen Blick in ihren.

Am Vorabend hatten seine Augen im Kunstlicht dunkel gewirkt, und Jenna war davon ausgegangen, dass sie braun waren, doch nun bemerkte sie, dass sie von einem tiefen Blau waren, beinahe wie Saphire. Das bot einen faszinierenden Kontrast zum warmen Braunton seiner Haut.

„Ihre Augen sind ja blau!“, platzte sie heraus und starrte ihn verblüfft an.

Er lachte belustigt. „Sollten sie das nicht sein?“

Pardon, ich wollte nicht taktlos sein. Es erscheint mir nur ungewöhnlich bei … ähm … etwas dunklerer Hautfarbe.“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht auf den französischen Antillen. Wie die meisten Leute hier habe ich afrikanische Vorfahren, unter die sich im Laufe der Zeit einige Kolonialherren gemischt haben. Mein Urgroßvater stammte nach den Angaben meiner Mutter aus der Normandie.“

„Ach so. Trotzdem selten, oder?“

„Global gesehen ja. Schön, dass Ihnen meine Augen gefallen.“ Sein Lächeln wurde zu einem amüsierten Grinsen.

„Ich meine nur … es ist eine interessante Kombination.“ Er sollte sich nur nicht einbilden, dass sie auf ihn stand. Eigentlich war er nicht mal ihr Typ, und sie konnte sich nicht erklären, wieso sie sich in seiner Gegenwart wie elektrisiert fühlte. Sie fand lange Haare an Männern meistens nicht schön, auch wenn Aurélien seine an diesem Morgen zu einem festen ordentlichen Knoten am Hinterkopf geschlungen hatte.

„Wie geht es nun weiter?“, fragte sie betont sachlich und starrte an ihm vorbei über das Meer.

Aurélien schlüpfte in seine Shorts und zog das T-Shirt an. „Ab sieben Uhr gibt es Frühstück. Treffen wir uns doch um halb neun in meinem Büro und besprechen alles. Sie können sich den Arbeitsvertrag ansehen, den meine Personalabteilung aufgesetzt hat.“

„In Ordnung.“ Jenna kratzte sich heftig den Oberarm. Sein Blick fiel auf die geschwollenen roten Flecken auf ihren Armen und an ihren Waden und Fußknöcheln.

„Autsch, die haben Sie ja übel zugerichtet.“

„Und das trotz Mückenschutzspray.“

„Weißes Frischfleisch aus Europa mögen sie besonders“, scherzte er.

„Es gibt ja nicht mal ein Fliegengitter vor den Fensteröffnungen“, erwiderte sie empört. „Logisch, dass es von Mücken nur so wimmelt. Hat sich noch nie jemand darüber beschwert?“

„Einige Feriengäste vom Festland haben sich kürzlich beschwert, ja. Aber wir haben diese Gebäude hier erst vor Kurzem bezogen und sind bisher nicht zu solchen Schönheitsreparaturen gekommen. Und die Kids von den Inseln kümmern sich nicht darum, die sind das von zu Hause gewöhnt.“

„Und Sie?“ Nicht ein Mückenstich verunzierte seine makellose Haut, soweit sie das sehen konnte.

Aurélien zuckte mit den Schultern. „Mich lassen sie auch in Ruhe – mein Blut schmeckt ihnen wohl nicht. Besorgen Sie sich Cinq sur Cinq in der Apotheke im Ort – Chrystelle schwört darauf. Die herkömmlichen Mittel halten die Viecher nicht ab, habe ich mir sagen lassen.“

„Für die Touristen vom Mutterland müssen Sie aber etwas dagegen unternehmen, Aurélien. Kann man hier Malaria bekommen?“

„Nein. Guadeloupe und seine Inseln sind malariafrei. Allerdings können die Mücken das Dengue-Fieber übertragen, vor allem während der Regenzeit“, gab er zu.

„Entweder schaffen Sie Moskitonetze an oder Fliegengitter“, sagte Jenna kategorisch und ging trotz ihrer leichten Kleidung und der paradiesischen Kulisse gedanklich in den Arbeitsmodus über.

„Dann wird es Ihre erste Aufgabe sein, das Nötige zu veranlassen. Aber organisieren Sie Gitter, mit Moskitonetzen würde es nur Probleme geben, wenn die Teenies damit herumspielen.“

„Wie ist das in Ihrem Hotel?“

„Dort gibt es natürlich verglaste Fenster und außerdem Moskitonetze über den Betten. Wenn Sie einen Gecko im Zimmer sehen, verscheuchen Sie ihn nicht – die fressen Mücken.“ Er blinzelte ihr zu und wandte sich zum Gehen. „Ich sehe Sie dann nach dem Frühstück.“

„Lassen Sie uns einen kleinen Rundgang machen“, beschloss Aurélien, als Jenna nach dem Frühstück sein Büro betrat, wo er auf sie gewartet hatte. „Ich zeige Ihnen das Gelände.“

„Wo werde ich eigentlich sitzen?“, erkundigte sie sich, als sie ihm aus dem Gebäude folgte. Das flache Haupthaus sah nicht so aus, als böte es Platz für mehrere Büros. Vermutlich würde sie sich mit einer Besenkammer zufriedengeben müssen.

„Sie können mein Büro benutzen.“

„Und Sie?“

„Ich mag Büroarbeiten nicht so sehr und habe vor, einen großen Teil an Sie zu delegieren. Für das, was übrig bleibt, benötige ich kein eigenes Büro – das kann ich auch vom Laptop aus auf der Veranda meines Bungalows machen. Sehen Sie sich nicht als Mädchen für alles, wie Sie es gestern genannt haben, sondern als meine Assistentin, der ich freie Hand lasse. Ich muss natürlich oft im Jardin Créole nach dem Rechten sehen, und Sie wären in dieser Zeit hier für alles verantwortlich. Trauen Sie sich das zu?“

„Ja“, sagte Jenna, ohne zu zögern, und nickte bekräftigend.

„Gut. Ich bin selbstverständlich immer erreichbar und längstens für drei Tage weg.“

„Und was werden Sie hier so machen, wenn Sie mir den Großteil Ihrer Tätigkeiten übertragen?“

„Ich sagte, einen großen Teil der Büroarbeiten. Es bleibt noch genug übrig. Abgesehen davon beabsichtige ich, mich viel mit den jungen Leuten zu beschäftigen, sie auf Wanderungen und Ausflüge mitzunehmen. Wenn ich schon ehrenamtlich arbeite, soll es mir möglichst Spaß machen.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Haben Sie Kinder, Aurélien?“, entschlüpfte es ihr.

„Leider nein.“

„Na, das kann ja noch kommen.“

Er wandte ihr lächelnd das Gesicht zu, in seinen Augen schien es zu glimmen.

„Ich habe die Absicht. Ich liebe nämlich Kinder, doch dazu gehört auch die passende Frau … Uneheliche Kinder sind zwar in der Karibik die Norm, aber ich hätte es gern traditionell. Zuerst die Hochzeit in der Kirche mit einer Braut in Weiß, gefolgt von romantischen Flitterwochen, und dann irgendwann der Kindersegen.“

Unter seinem Blick stieg ihr die Röte in die Wangen. Wie hatte es nur zu einem so verfänglichen Thema kommen können? Dachte er nun womöglich, sie wollte auf den Busch klopfen und sehen, ob er Single und bindungswillig war? Wie unangenehm.

„Wer arbeitet sonst noch hier?“, lenkte sie hastig ab.

„Chrystelle und Raphaël kennen Sie ja schon. Rapha ist eine Art Hauswart, er kümmert sich um alles Handwerkliche, was so anfällt. Jacques unterstützt ihn und macht außerdem im Haupthaus sauber. Malika ist unsere Köchin, Louise und Babette gehen ihr zur Hand und checken auch die Zimmer bei der Abreise.“

„Kümmern sich die Gäste selbst um die Sauberkeit ihres Zimmers und ums Bettenmachen?“

„So ist es. Und dann gibt es da noch Tobie, einen angehenden Erzieher, der ein Praktikum im Feriencamp macht. Er beschäftigt sich mit den Heranwachsenden und unterstützt diejenigen, die nach seiner Einschätzung in Sucht oder Kriminalität abzugleiten drohen.“

Jenna zog besorgt die Augenbrauen zusammen. „Sind das viele?“

„Ich habe bisher keine längerfristigen Erfahrungswerte. Bei der derzeitigen Gruppe ist zumindest noch niemand auffällig geworden, soviel ich weiß. Erwische ich hier jemanden mit Drogen oder beim Versuch, ein krummes Ding zu drehen, setze ich ihn ins nächste Boot nach Hause und informiere das Jugendamt, darauf können Sie Gift nehmen!“

„Das glaube ich Ihnen auch ohne Gift“, versicherte sie.

„Ich fahre jetzt nach Le Bourg, um einige Dinge einzukaufen“, sagte Aurélien, nachdem er ihr zum Schluss den großen Schuppen in Strandnähe gezeigt hatte, in dem Kajaks, Schnorchelausrüstung und Surfbretter aufbewahrt wurden. „Wollen Sie mich begleiten? Dann zeige ich Ihnen den Ort.“

„Das wäre schön, ich habe gestern in der Dunkelheit nämlich nicht viel davon mitbekommen.“

Sie gingen zu dem Pick-up-Truck, der fünfzig Meter weiter am Straßenrand geparkt stand. Im Graben neben der schmalen Landstraße bewegte sich etwas, und Jenna sah genauer hin.

„Iiih!“, machte sie halb erschreckt, halb fasziniert, als sie erkannte, dass es dort von Würmern, Schnecken, Asseln, Krabben, Krebsen oder was auch immer das für Getier sein mochte, wimmelte.

Aurélien lachte. „Wenn unserer Köchin mal die Fleischeinlage für eine Suppe ausgeht, geht sie zum Straßengraben und greift einfach hinein.“

Jenna starrte ihn entsetzt an, und er verdrehte die Augen.

„Das war ein Scherz.“

„Ich hätte es Ihnen glatt abgekauft.“

„So abwegig wäre das auch nicht, es sind im Prinzip keine anderen Krustentiere als die, die wir über unseren Lieferanten beziehen. Keine Sorge, die Würmer würde Malika schon aussortieren.“ Er zwinkerte ihr zu.

Jenna erinnerte sich an ihre Idee vom Vorabend. „Darf ich einen Verbesserungsvorschlag machen?“

„Nur zu.“

„Es wäre gut, zusätzlich ein vegetarisches Gericht anzubieten.“

„Wozu?“, fragte er verständnislos.

„Weil es immer mehr Vegetarier und Veganer gibt. Sogar in Frankreich.“

„Aha. Gehören Sie dazu?“

„Ich bin Flexitarierin.“

„Was ist denn das schon wieder?“, brummte er misstrauisch, und sie musste über sein Gesicht lachen.

„Das heißt, ich esse zwar grundsätzlich Fisch und Fleisch, allerdings nur gelegentlich, keinesfalls täglich. Ich will Ihnen keinen Vortrag über Gesundheit oder Ökobilanz und Klimawandel und all das halten, aber ich finde, es könnte nicht schaden, die Teenies mit schmackhaften Gemüsegerichten vertraut zu machen.“

„Na schön. Reden Sie mit Malika darüber. Wenn sie meint, sie bekommt das hin, bin ich einverstanden.“

„Danke.“

„Haben Sie sonst noch was auf dem Herzen?“

„Ja. Sind alle Bungalows so eingerichtet wie meiner?“

„So ähnlich. In den meisten stehen allerdings drei Betten.“

„Sie sollten in Erwägung ziehen, den Standard der Einrichtung zu verbessern.“

„Jenna, das ist eine Jugendherberge, kein Sterne-Hotel.“

„Aber das Zimmer hat nicht mal einen Fernseher“, beschwerte sie sich.

„Das hat pädagogische Gründe. Die Jugendlichen sollen hier nicht genauso vor dem Fernseher hängen, wie die meisten es vermutlich schon zu Hause tun. Noch dazu würden sie sich bestimmt ständig um das Programm zanken. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, in dem auch ein Fernsehgerät steht. Wir bevorzugen allerdings, dass gemeinsam Gesellschaftsspiele gespielt werden. Außerdem gibt es eine kleine Bibliothek – wir wollen die Schüler zum Lesen anhalten.“

„Und was ist mit den regulären Gästen? Ein Fernseher gehört sicher auch in der Karibik zum Standard.“

„Die Gäste hier sind nicht so verwöhnt wie Sie es zu sein scheinen, meine Liebe. Viele nutzen diesen Urlaub bewusst für Digital Detox. Könnten Sie auch mal probieren. Jedenfalls in Ihrer Freizeit.“

Sie quittierte seinen indirekten Vorwurf mit einer kleinen Grimasse und steckte ihr Smartphone, das sie gerade eingeschaltet hatte, in die Tasche. „Tut mir leid, wenn ich so verwöhnt wirke. Ich komme aus einer anderen Welt.“

„Ich weiß. Ich kenne das Bristol in Paris. Grenzenloser Luxus.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Die Straßen sind angenehm leer“, bemerkte sie, um endlich mal etwas Positives zu sagen.

„Es gibt auf Terre-de-Haut nur wenige zugelassene Autos, und die meisten sind Elektroautos. Fast alle Insulaner fahren Scooter oder Fahrrad. Oder benutzen die eigenen Füße.“

„Eine sehr umweltfreundliche Insel“, lobte sie. „Das gefällt mir.“

Nach kaum fünf Minuten erreichten sie eine Ansammlung von eng aneinandergedrängten Häusern mit roten Ziegeldächern. Aurélien fuhr langsam durch die Straßen, damit Jenna sich alles ansehen konnte.

Der Hafen wirkte bei Tageslicht sehr viel freundlicher und belebter. Gerade legte eine Fähre an, und die Tagesgäste strömten auf den Kai, wo sie von einer Mariannen-Statue, der Symbolfigur der Französischen Republik, begrüßt wurden.

Einige Hundert Meter weiter flatterte die französische Trikolore über einem flachen, in Weiß, Gelb und Türkisblau gestrichenen Gebäude, das von einem gepflegten tropischen Garten umgeben war.

„Ein hübscher Ort. Das ist bestimmt das Rathaus?“, vermutete Jenna angesichts der Nationalflagge, und Aurélien nickte.

Sie hielten an der Apotheke, damit sie sich das wirksame Mittel gegen Mücken besorgen konnte. Ihr schwante, dass es eine chemische Keule war, dessen Inhaltsstoffe sie lieber nicht googeln würde, aber diese Moskitoattacken wollte sie freiwillig nicht jede Nacht aushalten. Danach zeigte er ihr eine Einkaufsstraße mit Boutiquen, Galerien, Restaurants und kleinen Supermärkten.

Nachdem er ein paar Einkäufe getätigt hatte, traten sie den Rückweg an. Kurz vor dem Feriencamp fuhr Aurélien von der Straße ab und stoppte dicht am Meer, wo sich eine beeindruckende Aussicht auf grün bewaldete Berge und die tief eingeschnittene Bucht bot.

Jenna war zum ersten Mal in der Karibik. Wäre sie im Urlaub, hätte sie es absolut traumhaft gefunden. Doch in ihrer momentanen Situation verdarb ihr das Gefühl, unfreiwillig hier zu sein und ihre Zukunft zu verschenken, die Freude daran.

Sie hatte sich auf den Sommer gefreut. Lionel hatte mit ihr zwei Wochen in Südfrankreich Urlaub machen und sie dort seiner Familie vorstellen wollen. Das konnte sie unter den gegebenen Umständen natürlich vergessen. Der Traum von den Lavendelfeldern der Provence, den Küsten der Côte d’Azur und den Wildpferden und Flamingos in der Camargue war fürs Erste dahin. Genau wie die Aussicht auf eine Beziehung mit dem gut aussehenden, wohlhabenden Mann, der ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatte.

Wie hatte sie nur so blind sein können. Sie sollte glücklich sein, dass sie glimpflich davongekommen war – das Exil auf einer tropischen Insel war ein Geschenk im Vergleich zu dem, was hätte passieren können. Noch dazu wirkte ihr neuer Chef netter und deutlich entspannter als der bisherige.

Ihr fehlten jedoch die überaus eleganten Räumlichkeiten des Bristol, die pompöse Eingangshalle mit dem spiegelnden Marmorfußboden, den cremefarbenen Sitzmöbeln, den Kronleuchtern und riesigen Gemälden, die ihr Arbeitsplatz gewesen waren. Und die bereichernden Kontakte zu beflissenen Kollegen und distinguierten Gästen.

Das anheimelnde Luxushotel, in dem sie sich zu Hause gefühlt hatte, hatte ihr eine Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, die sie auf dieser Insel vermisste. In ihrem Leben war alles so durcheinandergeraten, dass sie etwas brauchte, an dem sie sich festhalten konnte.

„Die Baie du Marigot gilt als die schönste Bucht der Kleinen Antillen“, sagte Aurélien stolz in ihre Gedanken hinein.

„Es ist wunderhübsch“, stimmte Jenna zerstreut zu.

Und Lionel würde sie hier nicht finden, das war das Wichtigste. Oder doch? Sie schauderte trotz der Wärme und starrte über das Meer, in die Richtung, in der sie Guadeloupe und den Flughafen von Pointe-à-Pitre vermutete, auf dem die Flüge aus Paris ankamen. Sie waren auf dieser Insel immer noch in Frankreich, auch wenn das bei der exotischen Kulisse schwer vorstellbar war.

Aurélien betrachtete sie aufmerksam von der Seite. „Stimmt was nicht?“

Kurz überlegte sie, ob sie sich ihm anvertrauen sollte, schüttelte dann jedoch den Kopf. „Alles in Ordnung.“

Das Berufsleben hatte sie gelehrt, dass es verpönt war, Gefühle zu zeigen – daher verbarg sie ihre Verletzlichkeit lieber hinter Distanziertheit, auf die Gefahr hin, hochmütig zu wirken.

„Gut. Dann lassen Sie uns die Ärmel hochkrempeln und uns in das Tagewerk stürzen“, sagte er fröhlich.

3. KAPITEL

Einige Tage später machte Aurélien mit einer Gruppe von Teenagern eine Wanderung zum Fort Napoléon. Er lud Jenna ein, sie zu begleiten, damit sie etwas mehr von der Insel sah. Die von Napoléon III. erbaute Festung thronte auf einer Anhöhe, und der Weg dorthin in der prallen Sonne war anstrengend.

„Es ist viel zu heiß für so einen Ausflug zur Mittagszeit – warum haben Sie mich nicht vorgewarnt?“, stöhnte sie und wischte sich feine Schweißtröpfchen von der Stirn.

Aurélien zuckte mit den Schultern. „Wenn ich gewusst hätte, wie es um Ihre Fitness bestellt ist, hätte ich einen Scooter für Sie organisiert. Die Anfahrt ist wegen der vielen engen Kurven allerdings auch kein leichtes Unterfangen für Ungeübte.“

„Ich bin sehr wohl fit“, protestierte sie. „Nur nicht bei dieser schwülen Hitze.“

Die imposante Festungsanlage beherbergte ein Museum zur Inselgeschichte. Aurélien übernahm die Führung der Gruppe und erklärte seinen jungen Gästen die historischen Gemälde der Seeschlachten vor den Îles des Saintes und die Ausstellung zur lokalen Fischerei.

„Ihr könnt euch jetzt noch zehn Minuten alleine umsehen, und dann treffen wir uns im Garten“, sagte er schließlich und strebte dem Ausgang zu.

Jenna folgte ihm. Als sie das Museum verließen, ging ein Regenschauer nieder. Es war Juli und somit Regenzeit. Allerdings dauerte der Regen nie sehr lange. Nach einem kurzen heftigen Schauer war es schon wieder erledigt, und die heiße Tropensonne trocknete alles im Nu, so viel hatte sie bereits mitbekommen.

„Mist, ich hab weder Schirm noch Regenjacke dabei“, jammerte sie. „Muss es ausgerechnet jetzt regnen?“

Wie aufs Stichwort hörte der Regen abrupt auf.

„Bitte sehr – Ihr Wunsch ist dem Himmel Befehl.“ Aurélien lachte und trat in den exotischen Garten mit den üppigen Kakteen.

Jenna folgte ihm vorsichtig über die aufgeweichte Erde. Etwas Lehm spritzte hoch.

Argwöhnisch linste sie über ihre Schulter und betrachtete verdrossen die Schlammspritzer auf ihrer hellen Hose. „Ach, verdammt, die war frisch gewaschen!“

Auréliens eben noch lächelndes Gesicht verdüsterte sich. „Sind Sie endlich fertig damit rumzunörgeln? Seit Sie hier sind, höre ich nichts anderes.“

Jenna blickte ihn betroffen an und schluckte.

Die Erlebnisse der letzten Wochen in Paris, in die sie hineingezogen worden war und die ihr Leben erschüttert und ihre Karriere gefährdet hatten, ließen sich offenbar nicht so einfach abschütteln.

All das blieb ein Stachel in ihrem Herzen, weil sie sich ihre nahe Zukunft völlig anders vorgestellt hatte. Und dieser Stachel sorgte dafür, dass sie dünnhäutig war und dass jedes Detail, das gerade nicht nach ihren Wünschen war, Unzufriedenheit bei ihr schürte. Aurélien war allerdings der Letzte, der es verdient hatte, dass sie es an ihm ausließ oder ihn auch nur damit behelligte.

„Tut mir leid, wenn ich mich aufführe wie die Prinzessin auf der Erbse“, murmelte sie. „Ich bin sonst gar nicht so. Aber … ich habe mein Leben in Paris geliebt und bin nicht wirklich freiwillig hier. Verstehen Sie das?“

„Nein, da Sie mir ja nicht sagen wollen, was passiert ist. Außerdem kenne ich Paris, und es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie man diesen lärmenden dreckigen Moloch dem hier vorziehen kann.“ Er machte eine weitausholende Armbewegung über die Bucht.

Von der Anhöhe der Festung aus bot sich ein fantastischer Rundumblick auf die grün bewaldeten Landzungen, die sanft vom türkisblauen Meer umspült wurden.

„Es ist ein wirklich paradiesischer Ort. Und ich verspreche, mich zu bessern“, sagte sie zerknirscht. Sie fürchtete, ihn verletzt zu haben, und legte ihm besänftigend eine Hand auf den Oberarm. Seine Haut war kühl, doch die leichte Berührung schien ihre Handfläche zu verbrennen.

Aurélien wandte ihr das Gesicht zu, und ein Ausdruck von Verlangen trat in seine Augen, als er sie ansah. Es wirkte, als wolle er sie küssen, und Jenna wich unwillkürlich zurück.

Er presste kurz die Lippen zusammen, seine Miene wurde distanzierter. „Wenn Sie Ihre Situation nicht ändern können, machen Sie wenigstens das Beste draus, Jenna. Sie wissen ja, wenn dir das Leben Zitronen gibt …“

„… frag nach Tequila und Salz“, ergänzte sie lachend. „Ich werde mir Mühe geben, okay?“

„D’accord.“

„Darf ich Sie etwas fragen, Aurélien?“

„Sicher.“

„Warum haben Sie ein Zentrum für Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien eingerichtet, statt eines weiteren Hotels?“

Er schwieg kurz und schien sorgfältig abzuwägen, wie viel er preisgeben wollte. „Ich war auch mal so einer wie diese kleinen Rotzlöffel da“, sagte er schließlich und sprach „Rotzlöffel“ wie einen zärtlichen Kosenamen aus. Er wies auf die beiden etwa vierzehnjährigen Jungen, die einige Meter von ihnen entfernt eine kameradschaftliche Rauferei begonnen hatten.

„Ich war das mittlere von drei Kindern, und später kamen noch zwei Halbgeschwister hinzu, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten und mein Vater eine neue Partnerin fand. Wir waren arm und konnten fast nie verreisen. Zwar ist das weniger schlimm, wenn man auf einer der schönsten Inseln der Erde lebt, aber für einen Heranwachsenden, der neugierig auf die Welt ist, ziemlich frustrierend.“

„Und wie …“, begann Jenna, doch Aurélien wandte sich hastig von ihr ab, um zu den beiden Jungen zu eilen, deren Rauferei aggressiver wurde und auszuarten drohte. Mit energischen Griffen trennte er sie.

Lächelnd beobachtete sie, wie er die zwei gleich einem strengen, aber gütigen Vater zur Ordnung rief. Ihr schoss durch den Kopf, dass er sicher mal ein sehr guter Vater sein würde. Da konnte man ihm nur wünschen, dass er bald die Richtige traf, um eine Familie zu gründen.

Es hatte romantisch geklungen, was er ihr am ersten Tag über Hochzeit und Flitterwochen gesagt hatte. Jenna ertappte sich bei dem Gedanken, dass seine Zukünftige zu beneiden war.

4. KAPITEL

„Jenna, was haben Sie mit der Tabelle für die Reservierungen angestellt?“ Aurélien starrte mit gerunzelter Stirn auf seinen aufgeklappten Laptop, den er vor sich hertrug.

Sie lächelte ihn an und stützte die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch, hinter dem sie saß. „Ich habe sie modernisiert. Mit dem primitiven Ding, das Sie da hatten, kann man doch nicht arbeiten.“

„Ich bin fabelhaft damit zurechtgekommen“, protestierte er. „Mir sind Ihre Modernisierungen viel zu kompliziert. Was sind das für merkwürdige Makros?“ Excel war nicht Auréliens Stärke. Halb genervt und halb beeindruckt lauschte er Jennas fachlichen Erklärungen über die Vorteile ihrer Änderungen.

„Sind Sie fertig?“, fragte er schließlich ein wenig belustigt.

„Nicht ganz. Ich finde, Sie sollten das Reservierungssystem generell überdenken.“

„Bitte was?“

„Vielleicht sollten Sie sich ein professionelles Buchungssystem anschaffen, statt mit dieser selbst gebastelten Excel-Tabelle zu arbeiten.“

„Wozu so ein Schnickschnack? Ich habe keine Lust, erst ein Seminar belegen zu müssen, um ein paar Zimmerbuchungen eintragen zu können.“

„Wollen Sie lieber, dass irgendwann zehn zeternde Touristen für zwei freie Zimmer vor Ihrer Tür stehen, weil Sie versehentlich überbucht haben? Und Sie sie zur Konkurrenz schicken müssen? Dafür will ich nicht verantwortlich sein“, sagte sie hitzig. „Diese Liste war unübersichtlich und dilettantisch!“

Aurélien stöhnte. „Können Sie nicht mal diese Überkorrektheit ablegen? Mag ja sein, dass das in Pariser Luxushotels eine echte Qualifikation ist, hier ist es allerdings überflüssig.“

„Schadet aber auch nicht, oder?“ Sie funkelte ihn aus ihren großen dunklen Augen kampflustig an.

„Doch. Es nervt mich.“ Gleichzeitig fand er sie wahnsinnig anziehend, wenn sie aufgebracht war. Fast entwickelte sie karibisches Temperament, ein faszinierender Kontrast zu ihrer sonst eher kühlen, beherrschten Art.

Mochten ihre Sturheit und Korrektheit ihm auch auf die Nerven gehen, so imponierte ihm jedoch, mit welchem Eifer sie sich in den Job kniete und wie zielstrebig sie dabei vorging. Es gab ihm das gute Gefühl, dass er sich jederzeit auf sie verlassen können würde, wenn er vom Feriencamp abwesend wäre.

Er hatte beobachtet, dass sie sich in den zwei Wochen, die seit ihrer Ankunft vergangen waren, gut integriert hatte. Sie erledigte nicht nur ihre Aufgaben sehr gründlich, sondern schien darüber hinaus Gefallen daran zu finden, sich mit den jungen Gästen zu unterhalten und sich mit ihnen zu beschäftigen. Ihm war nicht entgangen, dass sich einige der Teenager, besonders die Mädchen, bei kleinen Problemen lieber an Jenna wandten als an ihn oder an Tobie.

„Sie sind jetzt zwei Wochen hier, Jenna, wie haben Sie sich eingelebt?“, fragte er in milderem Ton.

„Gut, denke ich“, erwiderte sie mit leichtem Zögern.

„Kein Heimweh mehr nach Paris?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Und nach dem Bristol? Nach Protokoll und Etikette?“

Ihr schöner Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln, das ihr Gesicht strahlen ließ.

„Überhaupt nicht mehr. Mir gefällt die Vielfalt meiner Aufgaben. Ich fühle mich hier viel freier, und ich mag die Entscheidungsfreiheit, die Sie mir lassen. Meistens jedenfalls“, fügte sie ironisch hinzu.

„Na sehen Sie. Jetzt müssen Sie nur noch ein bisschen relaxter werden, um sich karibische Lebensart anzueignen. Das passende Temperament haben Sie ja bereits.“ Aurélien blinzelte ihr zu. Er würde ihr nur zu gern persönlich zu mehr Entspannung verhelfen.

Inzwischen hatte er Tagträume davon, wie sie sich unter seinen Händen entspannte und wie gut sich ihre zarte Haut anfühlte. Wie ihre Augen ihn anstrahlten und ihr Mund sich vor Lust verzog, während er ihr wieder und wieder Vergnügen schenkte.

Aurélien strich sich über die Stirn. Es behagte ihm nicht, dass er auf diese Weise an Jenna dachte, doch er kam nicht dagegen an. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, sehnte er sich immer häufiger nach ihr. Zwar verbot er sich, mit ihr zu flirten, weil sie seine Angestellte war, aber er wusste nicht, wie lange er sein Begehren noch würde zügeln können. In solchen Angelegenheiten behielt bei ihm selten die Vernunft die Oberhand.

Die laue Pariser Frühsommernacht hüllte Jenna ein, als sie von der Métro aus durch die still gewordenen Straßen ihres Wohnviertels ging.

Ein hochgewachsener dunkelblonder Mann trat aus dem Schatten ihres Hauseingangs und stellte sich ihr in den Weg. Sie erschrak. „Lionel, was machst du hier?“

„Ich muss mit dir reden.“

„Ich habe dir gesagt, dass ich dich nicht sehen will. Es ist aus, das habe ich deutlich gemacht, oder?“

Seine graugrünen Augen fixierten sie. „Das akzeptiere ich nicht. Wir hatten es doch schön miteinander, oder etwa nicht? Habe ich nicht alles für dich getan? Dich auf Händen getragen und dich verwöhnt?“

„Hast du“, gab sie gequält zu. „Aber unter falscher Identität. Wenn ich gewusst hätte, wer du wirklich bist, hätte ich nie etwas mit dir angefangen.“

„Das habe ich geahnt. Genau deshalb habe ich es dir auch verschwiegen. Ich bin trotzdem derselbe Mann, in den du dich verliebt hast. Und der dich immer noch liebt.“

Sie starrte auf seinen gut geschnittenen Mund, über dessen Lippen so viele Lügen geflossen waren. „Ein Mann, auf dem ein Mordverdacht lastet und der verdächtigt wird, einer der Köpfe der organisierten Kriminalität in Paris zu sein? Du bist wohl kaum der Mann, in den ich mich verliebt habe – du bist ein Fremder für mich. Ein Fremder, der mir Angst macht!“

„Du hast dich aber auch nicht ganz korrekt verhalten, meine Schöne. Es war niederträchtig, mich über die Medien wissen zu lassen, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, ohne es mir vorher ins Gesicht zu sagen.“

„Hätte ich dich deswegen in der U-Haft besuchen sollen?“

„Ja. Das hätte mir viel bedeutet. Doch du hast mich einfach fallen gelassen.“

„Ich war natürlich geschockt, als ich erfahren habe, wer du bist und was du getan hast.“

„Du wirst dich daran gewöhnen. Ich werde mir Mühe geben, dich aus meinen Geschäften herauszuhalten. Das hat schließlich auch geklappt, bevor die Polizei sich eingemischt hat. Es wird wieder so wie zu Anfang zwischen uns werden.“

„Nein, Lionel. Ich kann nicht mit einem Gangster zusammen sein, selbst falls es deinen Anwälten gelingt, dich da rauszuhauen.“

„Du gehörst zu mir, Jenna. Ich dulde nicht, dass du mich verlässt. Eher bringe ich dich um.“

Auf einmal umschlossen seine kräftigen Hände ihren Hals und würgten sie. In Panik versuchte sie, nach Luft zu schnappen und ihn von sich zu stoßen. Er ließ von ihrer Kehle ab und packte sie an den Schultern, um sie zu schütteln.

Jenna erwachte von ihrem eigenen Aufschrei und blinzelte verwirrt in Auréliens blaue Augen, die besorgt auf sie gerichtet waren. Er kniete vor ihr, hielt sie an den Schultern gepackt und hatte sie offenbar gerüttelt, um sie aufzuwecken.

„Es ist alles gut, Jenna. Sie haben nur schlecht geträumt“, sagte er leise und beruhigend.

„Er war wieder da … Es wirkte so echt“, flüsterte sie und blickte sich um. Sie erinnerte sich daran, dass sie sich nach Feierabend in die Hängematte gelegt hatte, die nahe dem Strand zwischen zwei Palmen aufgespannt war, um kurz auszuruhen. Sie musste eingeschlafen sein. Die Sonne, die vorhin noch heiß auf ihrer Haut gebrannt hatte, ging gerade unter und hinterließ einen orangefarbenen Schein am Himmel, der rasch von Dunkelheit verschluckt wurde.

„Wer war wieder da?“

„Lionel“, murmelte sie und fröstelte trotz der warmen Luft. „Ich habe geträumt, dass er mich erwürgen wollte.“

„Möchten Sie mir nicht etwas darüber erzählen?“

Jenna rang mit sich. „Er ist der Grund, warum ich so schnell aus Paris wegmusste.“

„Gehen wir an den Strand“, schlug Aurélien vor.

Er half ihr aus der Hängematte und behielt ihre Hand in seiner, als er sie zum Wasser hinunterführte. Im Zwielicht der kurzen Dämmerung wirkte die kleine Bucht geheimnisvoll und noch romantischer als am Tag.

Jenna atmete tief den Blütenduft ein, der sich mit dem salzigen Geruch des Meeres mischte, und merkte, wie sie sich etwas entspannte. Sie ließ sich im Schneidersitz in den Sand sinken und lehnte den Rücken an einen Felsblock. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll …“

Aurélien setzte sich dicht neben sie. „Lionel – war das Ihr Freund?“

„Ja. Wir waren seit einem halben Jahr zusammen. Er stammte aus Marseille und war Geschäftsmann in Paris. Sagte er jedenfalls. Es stimmte sogar. Nur habe ich nicht mitbekommen, dass er illegale Geschäfte im großen Stil betrieb. Oberflächlich war natürlich alles ganz seriös und ich habe keinen Grund gesehen, nachzuforschen. Er war großzügig und charmant, und ich war verliebt, und …“ Sie verstummte.

„Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Sechs Monate vergehen schnell, und wenn man verliebt ist, sieht man vieles durch die rosa Brille. Und ich vermute, er hat sehr geschickt gelogen.“

„Das stimmt. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei waren allerdings nicht so gutgläubig wie ich. Lionel wurde schon seit geraumer Zeit mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht. Er war sogar ein ziemlich großer Fisch, doch man konnte ihm nie etwas nachweisen.“ Sie blickte einen Moment nachdenklich über das Meer.

„Also haben sie ihn überwacht – und mich gleich mit“, erzählte sie weiter. „Auf einmal wurde er festgenommen, und ich fand mich ebenfalls mehrmals zum Verhör auf der Polizeiwache wieder. Sie vermuteten, dass ich eine Komplizin sei und mein Job im Hotel nur eine Tarnung. Es gingen Fotos von Lionel und mir zusammen durch die Presse. Das Bristol war not amused.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Aber zum Glück hat mir die Polizei schließlich geglaubt, dass ich von all dem nichts wusste, und man konnte mir ja auch nichts nachweisen. Nachdem ich die schmutzigen Einzelheiten erfahren hatte, habe ich mich sofort von Lionel getrennt und mich durch die Presse öffentlich von ihm distanziert. Dazu hatte das Hotel mir geraten.“

„Keine schöne Geschichte“, sagte Aurélien mitfühlend.

„Nein.“ Jenna seufzte. „Er hat natürlich die besten Strafverteidiger von Paris engagiert und ist bis zur Gerichtsverhandlung in einigen Monaten auf freiem Fuß. Dass ich mich von ihm getrennt habe, muss sehr an seinem Ego gekratzt haben, und er wollte es nicht akzeptieren. Er sagte, er liebt mich und hat mich gebeten, ihn nicht im Stich zu lassen.“

„Pah“, machte Aurélien verächtlich. „Sicher wollte er Sie nur wieder auf seine Seite ziehen, damit Sie vor Gericht nicht als Zeugin gegen ihn auftreten. Falls Sie doch etwas mitbekommen haben, das zu seinen Ungunsten spielt.“

„Ja, das kann schon sein. Deswegen hatte ich auch Angst. Man hat ihn eines Mordes beschuldigt. An jenem Abend hat er sich kurz nach der mutmaßlichen Tatzeit mit mir getroffen. Er war spät dran und wirkte aufgelöst, seine Kleidung ramponiert, was bei ihm ungewöhnlich war. Er war sonst immer gelassen und sehr gepflegt. Das habe ich der Polizei auch gesagt.“

„Haben Sie ihm einen Mord zugetraut?“

„Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Zu erfahren, dass der Mann, mit dem ich wunderschöne Monate hatte, dem ich vertraut habe, ein Krimineller war …“ Sie fröstelte trotz der Wärme.

„Hat er Sie tatsächlich gewürgt? Warum haben Sie ihn nicht angezeigt?“

„Nein, in der Realität hat er mich nicht gewürgt, nur mal etwas grob am Kinn gepackt. Der Traum hat wohl nur meine Ängste ausgedrückt. Und er hat mich auch nicht offen bedroht – alles war so subtil, dass man es womöglich als Einbildung hätte abtun können. Er hat nichts getan, was eine Anzeige gerechtfertigt hätte. An Polizeischutz war daher nicht zu denken.“

Sie überlegte einen Moment. „Aber es hat mir Angst gemacht, nachdem ich wusste, dass ihm auch einige Fälle von schwerer Körperverletzung vorgeworfen wurden. Selbst wenn er mir gegenüber vielleicht nie gewalttätig geworden wäre.“

„Darauf hätte ich mich auch nicht verlassen“, stimmte Aurélien zu.

„Deswegen wollte ich eine Weile weg aus Paris. Und so bin ich hier gelandet.“

„Nicht, dass ich mich darüber beschweren will, aber konnten Sie nicht zurück nach England?“

„Sicher hätte ich auch bei meinen Eltern unterschlüpfen können, doch ich bin nicht scharf darauf, dass sie von der Sache erfahren. In England hat die Angelegenheit zum Glück keine Schlagzeilen gemacht. Ich habe ihnen nur gesagt, dass es mit Lionel aus ist und ich einen Job auf Guadeloupe angenommen habe, weil ich einen Tapetenwechsel brauchte.“

Jenna mochte sich gar nicht vorstellen, was ihre Eltern sagen würden, wenn sie die Wahrheit wüssten. „Außerdem hatte ich Lionel leider erzählt, dass sie in Manchester leben, und sogar mal erwähnt, in welcher Gegend. Und da sie den gleichen Nachnamen haben wie ich, könnte er mich dort sicher schnell aufspüren, wenn er wollte. So kam mir das Angebot von Roudet gerade recht.“

„Das hat sich doch prima gefügt. Wirklich klasse von Roudet, Ihnen so zu helfen.“

Jenna schnaubte. „Das Bristol hatte vor allem Angst vor schlechter Publicity und hat mir daher nahegelegt, mich freistellen zu lassen und unterzutauchen. Mein Bild war in den Medien, die Sache hat in Paris für Schlagzeilen gesorgt, und das Hotel war natürlich nicht erpicht darauf, eine ihrer Angestellten in einen Kriminalfall verwickelt zu sehen. Klar war es nett von Roudet, mir zu helfen, aber uneigennützig war es nicht.“

„Trotzdem eine gute Lösung für alle Seiten“, beharrte Aurélien. „Etwas Besseres hätte Ihnen in dieser Situation gar nicht passieren können, oder?“

„Ja, schon. Aber ob ich meinen Posten zurückerhalte, wenn ich wiederkomme, ist mehr als fraglich. Sicher muss ich mich damit abfinden, dass ich auf der Karriereleiter einige Stufen hinunterpurzele.“ Sie seufzte frustriert.

Er sah sie lange an. „Ist das denn so wichtig?“, fragte er leise.

Sie spürte seine Hand sanft in ihrem Rücken, was einen wohligen Schauer bei ihr auslöste. Sein Gesicht war ihrem ganz nah, und in seinem Blick las sie Verlangen.

Und auf einmal war nichts mehr wichtig, das mit Paris oder ihrer Karriere zu tun hatte. Es gab nur noch ihn und sie an diesem dunklen Strand mit dem leisen Rauschen der Brandung. Sie schloss die Augen, als sie seine Lippen auf ihren spürte, voll und samtigweich.

Doch bevor sie dieses Gefühl auskosten konnten, hörten sie ein Kreischen und fuhren auseinander. Die letzten Schwimmer des Tages kamen aus dem Meer, lachten laut und bespritzten sich gegenseitig mit Wasser.

Aurélien brummelte etwas und ließ sie los. Ein wenig verlegen lächelten sie einander an.

„Chrystelle und ich machen morgen mit einigen Schülern aus der Segelgruppe einen Ausflug nach Dominica – möchtest du mitkommen?“

„Sehr gern – wenn ich darf?“

„Na klar, du hast schließlich dein freies Wochenende, und es ist noch ein Platz frei. Wir setzen nach dem Frühstück über, das dauert einige Stunden. Am Nachmittag machen wir eine Bootstour und eine Wanderung auf Dominica. Anschließend essen wir in einem Strandrestaurant zu Abend, das von einem Kumpel von mir betrieben wird, und segeln dann wieder zurück.“

„Vom Segeln habe ich keine Ahnung“, stellte Jenna klar.

„Kein Problem. Chrystelle macht das zusammen mit Ulysse und Élodie, die es schon recht gut können. Du kannst den Segeltörn einfach als Passagierin genießen.“

„Das wäre schön, mal etwas Abwechslung zu haben. Auch wenn Terre-de-Haut paradiesisch ist, bin ich manchmal kurz vorm Inselkoller“, bekannte sie. „Ich habe immer in der Großstadt gelebt.“

„Erwarte auf Dominica bitte kein ausschweifendes Nachtleben oder Städte, wo du ausgiebig shoppen gehen kannst – es ist zu großen Teilen ein unberührtes Naturparadies.“

Egal, Hauptsache, sie würde den ganzen Tag in Auréliens Gesellschaft verbringen können. Etwas erschreckt horchte sie in sich hinein. Hatte sie das wirklich gerade gedacht? Und was war in sie gefahren, dass sie sich von ihm küssen ließ? Sie fand ihn auf irgendeine Weise anziehend, ja – aber er war ihr Chef und sie nicht auf ein Abenteuer aus. Noch weniger auf eine feste Beziehung.

Sobald Lionel hinter Gittern saß und in der Öffentlichkeit Gras über die Sache gewachsen war, würde sie nach Paris zurückkehren. Sie wollte ihr Herz nicht an jemanden hängen, der so weit weg lebte. Sie war Aurélien dankbar, dass er so gelassen auf ihre Eröffnungen reagiert hatte, aber sie sollte da keinesfalls zu viel hineininterpretieren, weder was seine Freundlichkeit noch was ihr eigenes Interesse an ihm betraf.

Hastig erhob sie sich. „Danke für Ihr … für dein Verständnis, Aurélien. Ich wünsche dir einen schönen Abend.“ Sie eilte davon und spürte förmlich, dass sein Blick ihr folgte.

5. KAPITEL

Am nächsten Morgen gingen sie nach dem Frühstück an Bord des Segelbootes, und Ulysse und Élodie, ihre fortgeschrittenen Schüler, halfen Chrystelle, die Segel zu hissen.

Die sieben Jugendlichen lachten, lärmten und liefen vergnügt auf dem Boot hin und her. Jenna musste lächeln. Sie fand es rührend, wie aufgeregt sie wegen des bevorstehenden kleinen Abenteuers waren, ihre Vorfreude wirkte ansteckend. Sie nahmen nichts für selbstverständlich, sondern freuten sich über diese Flucht aus ihrem Alltagsleben.

Inzwischen wusste Jenna einiges über sie. Nadine kümmerte sich neben der Schule noch um ihre beiden jüngeren Geschwister, da ihre alleinerziehende Mutter alkoholkrank war. Die Mutter von Cyril verbüßte eine mehrjährige Haftstrafe wegen Hehlerei. Den Eltern von Élodie rutschte öfter mal die Hand gegen ihre Kinder aus, und der psychisch kranke Vater von Ulysse verbrachte die meiste Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung.

Den anderen Heranwachsenden, die sich zurzeit im Feriencamp aufhielten, erging es ähnlich. Und auch die Geldknappheit war in allen Familien gleich.

Aurélien stand einige Meter entfernt an einem der Segelmasten und wirkte ebenfalls berührt von der Freude, die er den jungen Leuten schenkte. Jenna fing seinen Blick auf, und auf einmal verstand sie, warum er das alles tat. Sie hatte nicht vergessen, wie er ihr am Fort Napoléon anvertraut hatte, dass auch er seine Kindheit unter schwierigen Bedingungen verbracht hatte.

Wie er es wohl geschafft hatte, trotz solch schlechter Voraussetzungen Eigentümer eines Luxushotels zu werden? Zu gern würde sie mehr darüber erfahren, wagte aber noch nicht, ihn direkt danach zu fragen.

Im Umgang mit den Jugendlichen war ihr in den letzten beiden Wochen immer wieder bewusst geworden, wie privilegiert sie als Kind eines Lehrers und einer Steuerfachangestellten aufgewachsen war. Obwohl ihre Eltern keineswegs reich oder auch nur wohlhabend waren, war genug Geld da gewesen, um ihr Bildung, Freizeitspaß und einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Sie hatten sie stets unterstützt und sich intensiv um sie gekümmert – auch mit der erforderlichen Strenge, falls nötig –, und hatten ihr Disziplin, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit eingeimpft.

Jenna dachte an einige ihrer Diskussionen mit Aurélien. Hatte sie es mit diesen Eigenschaften übertrieben? Hatte sie ihren Ehrgeiz die Oberhand gewinnen lassen und darüber Leichtigkeit und Lebensfreude verloren?

Auf keinen Fall wollte sie zu einer verbiesterten Karrierefrau werden, die nur für ihren Job lebte. Irgendwann wollte sie eine Familie gründen, und da sie auf die Dreißig zuging, konnte sie diese Pläne nicht ewig aufschieben. Mit Lionel waren sie für kurze Zeit in greifbare Nähe gerückt. Aber wie gewonnen, so zerronnen.

Wie sollte sie künftig noch darauf vertrauen, dass ein Mann, der ihr gefiel, tatsächlich der war, der er vorgab zu sein? Nun ja, bei Aurélien zum Beispiel könnte sie da relativ sicher sein.

Befremdet über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Wieso fiel ihr sofort wieder Aurélien ein?

Jenna hockte sich auf die schmale Bank an der Reling, verteilte Sonnenmilch auf ihren nackten Armen und Beinen und blinzelte in die Sonne, während das Boot die Baie du Marigot hinter sich ließ und auf das glitzernde Meer hinausfuhr.

„Schmier dir auch das Gesicht ein“, riet Aurélien.

„Meine Tagescreme hat einen Lichtschutzfilter von fünfzehn. Ich möchte ein bisschen braun werden.“

„Fünfzehn? Auf dem Karibischen Meer und bei deiner Alabasterhaut? Da ist das hier gerade gut genug.“ Er warf ihr Chrystelles Sunblocker zu, der bei deren Sachen an Deck gelegen hatte.

Ablehnend betrachtete sie die Tube. „Faktor fünfzig? Ich will nicht ewig so käsig bleiben.“

„Willst du mit Verbrennungen zweiten Grades auf Dominica ankommen? Keine Widerrede! Betrachte es als dienstliche Anweisung.“

Murrend schmierte Jenna sich das Gesicht mit Sunblocker ein, doch insgeheim tat es ihr gut, dass er sich um sie sorgte.

Es war entspannend, nur so dazusitzen, den warmen Wind zu genießen und das sanfte Schaukeln auf den kleinen Wellen. Sie hatte endlich Muße, ihre Gedanken treiben zu lassen.

Warum hatte sie sich eigentlich so dagegen gesträubt, hierherzukommen? Im Grunde war es wie ein langer Urlaub, nur mit ein bisschen Büroarbeit nebenbei. Und selbst wenn sich dieser Aufenthalt in ihrem bisher makellosen Lebenslauf eher ungünstig ausnahm, war es eine interessante Erfahrung, um die sie viele Leute beneiden würden. Aurélien hatte recht, sie musste lockerer werden.

Wie kam sie eigentlich dazu, ihm immer wieder in seine Weise, das Feriencamp zu leiten, hineinzureden? Was wollte sie ihm beweisen? Dass sie eine pingelige Besserwisserin war? Oder wollte sie sich bei ihm unentbehrlich machen?

Jenna gestand sich ein, dass sie irgendeinen Halt bei Aurélien fand. In all dem Trubel des Feriencamps wirkte er gelassen und stark wie ein Fels in der Brandung und hatte eine beruhigende Ausstrahlung auf sie. Als ginge eine geheime Kraft von ihm aus, die ihren inneren Aufruhr allmählich besänftigte.

Verstohlen beobachtete sie Aurélien. Wie schon am Abend zuvor fragte sie sich, was sein Kuss zu bedeuten gehabt hatte. War es seine Art, ihr zu zeigen, dass er zu ihr stand und nicht entsetzt über diese Affäre mit einem Kriminellen war? Suchte er ein sexuelles Abenteuer? Oder steckte mehr dahinter?

Und was wollte sie eigentlich? Falls er nochmals versuchen würde, sich ihr auf diese Weise zu nähern oder auch nur mit ihr zu flirten, müsste sie sich entscheiden. Das Klügste wäre sicher, ihn höflich in seine Schranken zu weisen und ihre Beziehung rein beruflich zu halten.

Ja, genau das würde sie tun.

Zur späten Mittagszeit legten sie auf der dicht bewaldeten Insel Dominica an und nahmen einen Imbiss in einem schlichten Lokal in Ufernähe zu sich.

Jenna merkte, dass die Haut auf ihrer Stirn brannte und spannte. Verwundert holte sie einen kleinen Spiegel aus dem Kosmetiktäschchen in ihrem Rucksack, blickte hinein und erschrak. Um keine fettigen Haare zu bekommen, hatte sie den Sunblocker nicht bis in die Haare verrieben, und nun verlief ein hummerroter Streifen dicht unter ihrem Haaransatz.

„Autsch! Ich sehe aus wie skalpiert! Schau mal“, sagte sie kläglich zu Aurélien, der ihr am Tisch gegenübersaß.

„Tut es dir immer noch leid, dass du heute nicht braun geworden bist?“, fragte er ironisch.

„Nein.“ Sie wagte sich kaum auszumalen, wie ihr Gesicht ohne sein Einschreiten ausgesehen hätte. Und ohne Chrystelles gute Ausrüstung. „Danke für deine Warnung.“

Nach dem Essen begann die Erkundung eines der Nationalparks von Dominica. Dabei wurden sie zunächst in zwei Kähnen von einheimischen Tourguides über den Indian River gerudert.

„Bis nachher“, rief Chrystelle, winkte ihnen fröhlich zu und ging in Richtung Segelboot zurück.

„Kommt Chrystelle nicht mit?“, fragte Jenna verwundert.

„Sie bringt inzwischen das Boot zu dem Strand, an dem wir zu Abend essen und von wo aus wir zurücksegeln werden. So brauchen wir nicht die gleiche Strecke wieder zurückwandern – das wäre bei Dunkelheit durch den Dschungel auch kaum möglich“, erklärte Aurélien.

„Ach so.“

„Eine Bitte, Jenna, kannst du mit Ulysse, Nadine und Cyril in das zweite Boot steigen? Ich bleibe bei den anderen. Ist mir lieber, dass einer von uns bei den Teenies bleibt, falls was ist.“

„Ja, klar.“ Sie empfand leises Bedauern darüber, nicht mit Aurélien in einem Kahn zu sitzen, womöglich so dicht neben ihm auf einer Sitzbank, dass sich ihre Schenkel berührten.

Jenna atmete tief durch. So viel zum Thema klügste Entscheidung. Ob sich die Klugheit langfristig durchsetzen würde, obwohl ihre Sehnsüchte eine so andere Sprache sprachen? Oder sollte sie im Zweifelsfall einfach mal die Sinnesfreude, Abenteuerlust und Unbekümmertheit Oberhand gewinnen lassen, statt all das weiterhin zu unterdrücken?

Im Naturschutzgebiet, durch das sie gerudert wurden, waren die Flussufer dicht mit tropischen Pflanzen überwuchert. Nachdem Aurélien seinen plappernden Schutzbefohlenen Schweigen verordnet hatte, hörte man nur das Plätschern des Wassers unter den Ruderblättern, Vogelgezwitscher und gelegentliche Schreie von Affen und anderen wilden Tieren, die aus dem Dickicht drangen.

Entzückt beobachtete Jenna einen blauen Kolibri, der in der Luft zu stehen schien, während seine Flügel so schnell schlugen, dass sie kaum wahrnehmbar waren. Langsam glitten sie an Mangroven vorbei, die überall in die Luft ragten. Hier und dort waren noch Schäden erkennbar, die der letzte Hurrikan auf der Insel verursacht hatte.

Nach einer knappen Stunde legten sie mitten im Dschungel bei einem Holzhaus an, an dem Wanderwege begannen, und in dem man Getränke kaufen, die Toilette benutzen und Informationstafeln über den Nationalpark ansehen konnte. Aurélien bezahlte den Eintritt für die Gruppe.

„Ich hoffe, du kennst dich hier aus“, sagte Jenna beunruhigt zu ihm, als sie feststellte, dass die einheimischen Guides nicht mit ihnen kamen.

„Keine Sorge, ich bin diesen Weg schon zwei- oder dreimal gegangen. Er ist gut ausgeschildert, und außerdem habe ich eine Karte dabei.“

„Na dann“, murmelte sie und folgte ihm in das dämmrige Dickicht. Kaum ein Sonnenstrahl fiel durch die dichten hohen Baumkronen in den dunstigen Tropenwald. Die Atmosphäre war geheimnisvoll wie in einem verwunschenen Feenwald, die Farben verwaschen, die Konturen verschwommen.

Es musste in den vergangenen Tagen stark geregnet haben, denn die Wanderwege waren teilweise matschig. In der schwülen Luft mischte sich der Geruch von Moder und Fäulnis mit dem von süßen Blüten.

Nachdem sie eine knappe Stunde gewandert waren, rutschte Jenna mit ihren glatten Segeltuchschuhen überraschend aus und landete seitlich mit einem lauten Platschen auf dem Boden. „Au, verdammt!“

Aurélien war sofort an ihrer Seite und half ihr hoch. „Nichts passiert?“, vergewisserte er sich besorgt.

„Schlammbäder sollen gesund sein, das wollte ich testen“, gab sie zurück und genoss es, wie er sie fürsorglich festhielt, auch als sie bereits wieder auf den Füßen stand. Seufzend betrachtete sie ihre erdbeschmierten Beine und Shorts.

„Das trocknet, dann kannst du es abklopfen“, erwiderte er gelassen.

Darauf wollte Jenna nicht warten und kramte in ihrem Rucksack nach der Packung mit den feuchten Tüchern, die sie bei Ausflügen stets bei sich trug.

„Hier geht es nicht weiter!“, rief Ulysse, der an der Spitze der Gruppe lief.

„Was soll das heißen?“, fragte Aurélien beunruhigt und ging zu ihm.

„Die Brücke ist kaputt!“

Als Jenna ihre Beine und ihre Kleidung notdürftig vom Schlamm befreit hatte, gesellte sie sich eilig zu den anderen, die vor einem tiefliegenden Flussbett standen und unschlüssig auf die abgesperrte, morsch wirkende Holzbrücke starrten. Ein Schild warnte vor dem Betreten.

„Das hätten die Guides aber auch mal sagen können“, knurrte Aurélien und konsultierte seine Karte.

„Und jetzt?“

„Wir müssen zurück zur letzten Weggabelung und dann den anderen Weg nehmen.“

„Kommen wir trotzdem dort an, wo wir essen wollten?“, fragte Jenna besorgt.

„Ja. Ist allerdings ein Umweg von rund einer halben Stunde.“ Er sah sich um. „Wir treten den Rückweg an!“, rief er der Gruppe zu.

Nachdem sie eine weitere Dreiviertelstunde gewandert waren, lichteten sich die Baumkronen ein wenig, und ein Sonnenstrahl ließ eine smaragdgrüne Wasserstelle mit einem kleinen rauschenden Wasserfall leuchten und glitzern. Am Ufer blühten gelbe und rosafarbene Orchideen zwischen bemoosten Steinen.

„Oh, das ist ja mega! Können wir hier baden?“, riefen einige junge Stimmen im Chor.

Aurélien seufzte. „Genau deswegen wollte ich eigentlich nicht diesen Weg nehmen“, sagte er leise zu Jenna. „Ich wusste, dass sie dann alle ins Wasser wollen.“

Sie lachte. „Es sieht ja auch wirklich verlockend aus. Aber ich habe mein Handtuch auf dem Segelboot gelassen, ich kann sowieso nicht baden.“

Er hob die dichten Augenbrauen. „Du glaubst doch nicht, dass die sich um Handtücher kümmern?“

Tatsächlich sprangen Ulysse und Cyril schon ins Wasser, ohne auf Auréliens Einverständnis zu warten. Er warf einen Blick auf die Uhr. „Aber nur zehn Minuten, hört ihr? Wir haben durch den Umweg bereits Zeit verloren.“ Er betrachtete kurz das idyllische Fleckchen. „Ach, pfeif drauf.“

In Windeseile schlüpfte er aus seiner Kleidung, sprang nur mit knappen Boxerbriefs bekleidet zu den Teenagern in den kleinen See und tobte ausgelassen mit ihnen herum. Sein wohlproportionierter, muskulöser Oberkörper glänzte im goldenen Sonnenlicht.

Mehr als das faszinierte Jenna allerdings die Lebensfreude, die er ausstrahlte. Während sie am See den Schlamm von ihren Beinen wusch, konnte sie kaum den Blick von ihm abwenden. Die nassen Boxershorts klebten an seinem knackigen Hinterteil und verbargen so gut wie nichts von seiner Anatomie.

„Aurélien sieht so heiß aus“, schwärmte die siebzehnjährige Élodie, die sich neben sie auf den Felsen gehockt hatte, und verschlang ihn hingerissen mit den Augen.

Jenna warf ihr verblüfft einen Seitenblick zu. „Findest du?“

„Natürlich, der ist einfach Bombe.“

„Ah ja.“ Sie schluckte. „Er ist genau doppelt so alt wie du, das weißt du, oder?“

„Und wenn schon. Ich stehe auf erfahrene Männer. Ich will aber nichts von ihm“, fügte sie eilig hinzu. „Ich habe einen Freund zu Hause.“

„Och, das wäre mir egal“, behauptete Jenna und wusste im selben Moment, dass es nicht stimmte. Auf einmal stellte sie sich Aurélien mit dieser blutjungen langbeinigen Karibikschönheit im Bett vor, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie musste sich endlich eingestehen, dass er ihr alles andere als gleichgültig war. Immer wenn sie ihn ansah oder auch nur an ihn dachte, schnellte ihr Puls in die Höhe.

Nachdem die Badenden aus dem Wasser gekommen waren, legten sie sich am Ufer in die Sonne, um zu trocknen. Dann zogen sie sich wieder an, und sie setzten ihren Weg fort.

Der Pfad führte dicht an einer Schlucht entlang, und Aurélien ermahnte die Gruppe, vorsichtig zu sein und auf den Weg zu achten, als sie langsam hintereinander hergingen. Sie stoppten kurz, weil Ulysse fotografieren wollte.

Jenna nahm ihren Rucksack ab, um ihre Wasserflasche herauszunehmen und einen Schluck zu trinken. Doch sie griff nicht richtig zu, der Riemen entglitt ihren Fingern, und der Rucksack fiel zu Boden. Bevor sie ihn festhalten konnte, kippte er um und kullerte über die gerundeten Steine nach unten in die Schlucht.

„Oh nein!“, schrie sie.

„Merde!“, rief Nadine, die hinter ihr ging.

Aurélien drehte sich um. „Was ist los?“

„Meine Tasche“, jammerte Jenna, und Nadine wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das beigefarbene Bündel rund sechs Meter weiter unten, wo der Rucksack auf einem vorspringenden Felsen liegen geblieben war.

Aurélien trat neben sie. „Ist da was Wichtiges drin?“

„Mein Reisepass, meine Kreditkarte, mein Smartphone …“ Sie starrte unglücklich in die Tiefe.

„Okay.“ Ruhig setzte er seinen Rucksack ab, hockte sich an den Abgrund und schwang die Füße nach unten.

„Bist du verrückt, Aurélien, du wirst da doch wohl nicht hinunterklettern wollen?“, fragte Jenna entsetzt.

„Hast du eine bessere Idee?“

„Man kann das notfalls alles ersetzen … Oder vielleicht können die Ranger des Nationalparks das irgendwie hochholen.“

„Wir haben keine Zeit, zurückzugehen und jemanden zu suchen. Und du brauchst deinen Pass für die Ausreise.“ Er stützte sich auf den Rand und ließ sich nach unten gleiten. „Ich versuche mein Glück. Es gibt haufenweise Felsvorsprünge, also mach dir keine Sorgen.“

Jenna presste sich erschrocken eine Hand vor den Mund und beobachtete angespannt, wie er sich tiefer und tiefer hangelte. Auch wenn es tatsächlich viele vorragende Steine gab, was, wenn einer sich löste und Aurélien mit sich in die Tiefe riss? Noch dazu waren die Steine feucht, und er könnte ausrutschen und sich verletzen.

Was, wenn er dann in der Schlucht läge und nicht aus eigener Kraft wieder aufsteigen könnte? Oder gar tödlich verletzt wäre. Sie mochte gar nicht daran denken.

Bis sie Hilfe geholt hätten, wäre es wahrscheinlich dunkel, und womöglich würden sie gar nicht zum Ausgangspunkt zurückfinden. Sie zumindest hatte sich den Weg nicht gemerkt, und sie könnte auch keinen der Jugendlichen losschicken und ihn in Gefahr bringen. Wenn doch wenigstens Chrystelle bei ihnen wäre.

Was für ein Albtraum!

Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ihr brach der Schweiß aus allen Poren, was nicht nur an der schwülen Wärme lag.

„Geh vom Rand weg, Jenna.“ Élodie zupfte sie am Shirt. „Am Ende fällst du auch noch runter.“

„Ich habe ihn!“, rief Aurélien triumphierend von unten.

Jenna atmete ein wenig auf. Aber er musste ja auch wieder zurück, und das noch dazu mit ihrem Rucksack, selbst wenn der nicht schwer war.

Sie war unsagbar erleichtert, als Aurélien sich kurz darauf unversehrt über die Felskante schwang und stolz den Rucksack wie eine Trophäe vor ihren Füßen abstellte.

„Voilà Mademoiselle.“

„Oh, Gott sei Dank. Ich danke dir vielmals!“ Sie fiel ihm spontan um den Hals.

„Freut mich, wenn ich mich endlich mal nützlich machen konnte.“ Er lachte und zog sie an sich.

Für Sekunden spürte sie ihr Herz gegen seinen Brustkorb klopfen – oder war es seins? Langsam strich er über ihren Rücken und stoppte erst kurz vor ihrem Po. Ein Kribbeln durchzog ihre Lenden.

„Hey Leute, kommt ihr nun?“, rief Ulysse.

Aurélien ließ sie sichtlich widerwillig los, hielt ihren Blick aber mit seinem. Jenna versank förmlich in diesen Augen, in denen sich das Dschungelgrün spiegelte, und vergaß für einen Moment alles um sich herum.

„Wir müssen weiter, sonst könnte es unangenehm werden“, sagte er leise. „Wir müssen unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit aus diesem Urwald heraus sein.“

Jenna warf einen besorgten Blick auf ihre Armbanduhr und ahnte, dass es knapp werden würde.

6. KAPITEL

Gerade als die schnell heraufziehende Dämmerung wie ein Vorhang über den Tropenwald fiel, lichteten sich die Bäume und gaben den Blick auf beleuchtete Häuser frei.

„Gott sei Dank“, murmelte Jenna erleichtert. Nicht auszudenken, wenn sie im schwachen Schein von zwei oder drei Taschenlampen ihren Weg durch den Dschungel hätten suchen müssen. Außerdem war sie inzwischen hungrig und spürte die ungewohnte Anstrengung in ihren zitternden Beinmuskeln.

Der Weg, der aus dem Nationalpark hinausführte, verbreiterte sich und war zuletzt sogar asphaltiert. Als Jenna das Geräusch der Brandung hörte, wusste sie, dass diese Wanderung endlich dem Ende zuging, und stieß einen Stoßseufzer aus.

Aurélien lachte. „So schlimm?“

„Ich bin ziemlich fertig“, bekannte sie.

„Soll ich dich tragen?“, bot er scherzhaft an.

„Wie weit ist es denn noch?“

„Höchstens zweihundert Meter.“

„Das schaffe ich gerade so.“ Es würde ihr gegen die Ehre gehen, getragen werden zu müssen, auch wenn die Vorstellung, dadurch in seinen starken Armen zu liegen, durchaus reizvoll war.

Sie kehrten bei Auréliens Kumpel Philippe ein, der ebenfalls aus Pointe-à-Pitre stammte, und zusammen mit seiner dominicanischen Frau ein kleines rustikales Bar-Restaurant direkt am Strand betrieb.

Es gab frisch gefangenen Kabeljau, der vor ihren Augen gegrillt wurde. Noch nie hatte Fisch ihr besser geschmeckt.

Aus den Lautsprechern drang karibische Musik, und vier der Teenies fingen nach dem Essen an, ausgelassen am Strand zu tanzen.

Aurélien leerte seine Espresso-Tasse in einem Zug und hielt ihr die Hand hin. „Darf ich bitten?“

„Um was?“, fragte Jenna verblüfft.

„Ich möchte mit dir tanzen.“

„Ich kann nicht Salsa oder Cha-Cha-Cha oder was immer das ist, tanzen“, wehrte sie ab.

„Das ist Merengue. Aber ist doch egal. Die da“, er wies mit dem Kinn auf das fröhliche kleine Grüppchen, „können die richtigen Schritte auch nicht. Hauptsache, wir haben ein bisschen Spaß. Verdauungssport, wenn du so willst. Vielleicht klingt das zweckmäßiger und somit akzeptabler für dich.“ Er blinzelte ihr zu.

„Ich bin durchaus für Spaß zu haben“, protestierte sie. „Gut, ich versuche es.“ Sie ließ sich von ihm zum Strand führen und gab ihr Bestes, um sich zu den Klängen der karibischen Melodien zu bewegen. Sie genoss es, sich von Aurélien im Rhythmus der mitreißenden Musik herumwirbeln und sich von seinen Armen wieder auffangen zu lassen.

Ein langsamerer Titel mit beinahe aufdringlicher Sinnlichkeit folgte. Die Teenager winkten gelangweilt und etwas verschämt ab und kehrten an den Tisch zurück.

Aurélien hingegen zog sie enger an sich. Sie war sofort vom gleichen süßen Prickeln erfüllt wie bei seinem unerwarteten Kuss am Vorabend. Gleichzeitig fühlte sie sich sicher, denn vor den Augen seiner jungen Gäste würde er kaum einen ernsthaften Annäherungsversuch starten.

Ihr Körper sehnte sich nach seiner Umarmung, doch ihr Verstand war noch nicht restlos überzeugt davon, dass es eine gute Idee wäre, etwas mit ihm anzufangen. Obwohl sie zugeben musste, dass diese Zweifel unter seiner Berührung ins Schwanken gerieten.

Sie vergaß die Zeit und hätte ewig so mit ihm in sanften Bewegungen zur sinnlichen Musik tanzen mögen, mit seinen leicht streichelnden Händen auf ihrem Rücken und dem Rauschen der Brandung im Hintergrund. Vom Restaurant her fiel gedämpftes Licht aus kleinen bunten Lämpchen auf den Strand und hüllte sie genauso zärtlich ein wie die angenehme Abendluft und die leichte Brise vom Meer.

„Kinder, ich will keine Spielverderberin sein, aber wir müssen dann langsam“, drang auf einmal Chrystelles Stimme an ihr Ohr.

Es kam ihr vor, als würde Aurélien sich nur widerstrebend von ihr lösen.

„Laut aktuellem Wetterbericht dürfte es heute Nacht ziemlich windig werden. Wir sollten keine Zeit verlieren, sonst könnte es passieren, dass es uns die Segel wegfetzt.“

Aurélien und Chrystelle tauschten einen etwas besorgten Blick, und er nickte. „Okay. Ich zahle, dann stechen wir in See.“

Sobald sie das Küstengebiet Dominicas verlassen hatten, wurde das Meer rauer. Waren sie am Vormittag sanft über die glatte See geglitten, klatschte das Segelboot nun hart gegen sich höher auftürmende Wellen und fiel abrupt in Wellentäler. Chrystelle kämpfte schwer mit den heftig flatternden Segeln, und längst hatte Aurélien den weniger kräftigen Ulysse am Segelmast abgelöst. Seine Armmuskeln waren durchweg angespannt, genau wie seine finster-konzentrierte Miene.

Autor

Sabine Strick
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